Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Thomas Waldhubel, Silke Wenk (Projektgruppe Automation und Quali-
       fikation)
       
       TECHNISCHER FORTSCHRITT, ENTWICKLUNG DER PERSÖNLICHKEIT
       =======================================================
       UND MARXISTISCHE THEORIE 1)
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       Antwort auf W. Wotschack (SOPO 37/38) *)
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       Inhalt:
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       Vorbemerkung
       I. Zum Nutzen des dialektischen Denkens
       II. Der Ertrag des Widerspruchsdenkens: Aufdeckung des Bewegungs-
       gesetzes der gesellschaftlichen Entwicklung
       III. Marxens Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten des Indivi-
       duums
       IV. Die heutige Aufgabe: Anwendung des Marxschen Verfahrens
       V. Welche Perspektive bietet der Sozialismus den Individuen?
       
       Vorbemerkung
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       Eroberung des  Weltraums, zunehmende Beseitigung schwerer körper-
       licher Arbeit auf der einen Seite, Perfektionierung automatischer
       Waffensysteme und;  der Rüstungstechnologie überhaupt, zunehmende
       Verdrängung von Arbeitern durch Automaten auf der anderen Seite -
       so gegensätzlich  erscheint die gleiche Medaille: technische Ent-
       wicklung.
       Wie sich  gegenüber dieser Doppelgesichtigkeit der Technik im Ka-
       pitalismus verhalten?  Verschiedene Vorschläge liegen vor. Um nur
       zwei Extreme  der Verhaltensangebote zu nennen: Systemverteidiger
       behaupten, mit  der technischen  Entwicklung gehörten alle Sorgen
       und Nöte  der arbeitenden Bevölkerung der Vergangenheit an, seien
       überwunden, um  so grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen
       überflüssig erscheinen  zu lassen. Auf der anderen Seite negieren
       radikale Kapitalismuskritiker  mit den  menschenfeindlichen  Ver-
       hältnissen jede Frucht, die von diesen hervorgebracht wird; wahr-
       haft humane  Verhältnisse halten sie nur auf Basis gänzlich neuer
       Technik für  möglich 1), die von dem Makel befreit sein soll, der
       jeder technischen  Entwicklung im  Kapitalismus anhaftet, nämlich
       einer menschenverachtenden  Profitgier ihre Entstehung zu verdan-
       ken.
       Die sozialistische Bewegung muß gegenüber den gegensätzlichen Er-
       scheinungen der  Technik eine  klare Haltung sich verschaffen und
       den Weg weisen, der aus dem Dilemma von systembefestigender Tech-
       nikgläubigkeit und  in die  Ferne weisender Hoffnung auf das Ganz
       Andere herausführt.  Sie braucht  Klarheit in  der Frage, welches
       die Folgen  gegenwärtiger technischer  Entwicklung Tür die Arbei-
       tenden sind,  ob an  ihnen fortschrittliche  Momente festzuhalten
       sind oder  nicht, um  die Möglichkeiten gesellschaftlicher Refor-
       men, des  Ausbaus vorgeschobener  Kampfpositionen, das  Kampffeld
       und die Erfolgsaussichten möglichst präzise abzustecken, ohne na-
       heliegenden Illusionen  aufzusitzen  oder  neue,  zu  entdeckende
       Kampfchancen zu verspielen.
       W. Wotschack  (im folgenden:  W.) hat  mit seiner  Kritik unseres
       Beitrages "Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und individu-
       elle Emanzipation" 2) erneut auf diese Aufgabe und die Schwierig-
       keiten ihrer  Lösung hingewiesen.  Unternehmen wir  dort den Ver-
       such, den  Zusammenhang zwischen Automationstätigkeit und Persön-
       lichkeitsentwicklung im  Sozialismus zu skizzieren und die so ge-
       wonnenen Einsichten für die Beurteilung der Automation im Kapita-
       lismus fruchtbar zu machen, so erhebt W. dagegen ernste Bedenken,
       die umso  schwerer wiegen,  als er wie wir die grundlegenden Ein-
       sichten des  Marxismus positiv nutzen will. Er entdeckt eine Ver-
       wandtschaft zu  "sozialreformistischen" Vorstellungen  /137/  und
       damit Ignoranz  gegenüber grundsätzlichen  gesellschaftlichen Wi-
       dersprüchen und folglich Aufgabe der Ziele ihrer radikalen Aufhe-
       bung; er  meint ferner,  herausgefunden zu haben, in unserer Ana-
       lyse würde  die Automation "zu der Triebkraft der gesellschaftli-
       chen Entwicklung" stilisiert /120/. Angesichts der Menschenfeind-
       lichkeit perfektester  Kriegstechnologie, der  Risiken noch unbe-
       herrschter Atomtechnik  muß es die Kritiker und nach Alternativen
       suchenden Kämpfer  zweifellos schwächen,  wenn ausgehend  von der
       marxistischen Gesellschaftstheorie eben diese Technik als "Motor"
       der gesellschaftlichen  Entwicklung überhaupt  vorgestellt  wird;
       wenn damit  - wie  es in  einer anderen  erst kürzlich erschienen
       Kritik im  den vorliegenden Veröffentlichungen des Projekts Auto-
       mation und Qualifikation heißt - "nicht mehr der Kampf der Arbei-
       terklasse und  ihrer Verbündeten ... dann zum Motor gesellschaft-
       licher Prozesse  (wird), sondern  die Entwicklung  der Produktiv-
       kräfte..." 3).  Es wäre zweifellos verhängnisvoll, angesichts der
       kapitalistischen Durchsetzungsweise der Automation, die mit einer
       Vernichtung von  Arbeitsplätzen, mit zunehmender Arbeitslosigkeit
       einhergeht, auf eine technikimmanente Entwicklung zum Wohle Aller
       zu hoffen und auf den Kampf gegen diese Erscheinungen zu verzich-
       ten.
       
       Worum geht der Streit?
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       Es ist  das Verdienst von W., daß er es nicht einfach bei der Ab-
       lehnung unserer  vorliegenden Resultate  beläßt,  sondern  danach
       fragt, wie  sie ermittelt  wurden, und  damit den  Streit auf die
       Ebene der  Überprüfung und Diskussion der Angemessenheit der For-
       schungsinstrumente hebt.  Er nimmt  die Thesen  zur individuellen
       Entfaltung zum  Anlaß, das  "theoretische Rüstzeug  der  Projekt-
       gruppe" zu hinterfragen, um "Aufschlüsse... insbesondere über die
       Gesellschaftsbezogenheit ihres theoretischen Ansatzes zur Analyse
       von Automationsprozessen in der bürgerlichen Gesellschaft" zu er-
       langen /118/  4). Der  zu führende  Streit ist  somit kein Streit
       verschiedener Gesellschaftstheorien,  kein  Streit  verschiedener
       durch diese Theorien begründeter Forschungsansätze: es geht viel-
       mehr um das adäquate Verfahren materialistischer Forschung.
       W. kritisiert  zunächst, daß  von uns  (sowohl in Sozialismus wie
       Kapitalismus) die  volle Durchsetzung  der Automation unterstellt
       würde, "statt  ihren Durchsetzungsprozeß  zu untersuchen"  /127/.
       "Statt den  widersprüchlichen Prozeß  der Entwicklung  zu verfol-
       gen", bestehe unsere Methode darin, "daß ein zukünftiger Entwick-
       lungsgrad der  sich sträubenden Realität gegenüber gestellt wird"
       /134/; dieses  Verfahren führe "zu einem Gegeneinander von Reali-
       tät und utopischem Ideal" /ebd./ 5). In Zweifel gezogen wird also
       die Möglichkeit,  "Fluchtpunkte" der  Entwicklung gesellschaftli-
       cher und  menschlicher Tatbestände  zu erarbeiten und als Maßstab
       an diese  Entwicklung heranzutragen.  Somit steht das methodische
       Problem zur  Diskussion, wie Erscheinungen der Realität eingeord-
       net und  bewertet werden können: bedarf man nicht einer - wissen-
       schaftlich zu  begründenden -  Vorstellung über  die Richtung der
       Bewegung, um  vorwärtstreibende von  retardierenden Faktoren  und
       Kräften unterscheiden zu können?
       W. schlägt vor, die Durchsetzungsform der Technik zu untersuchen,
       da von ihr "auch erst die gesellschaftlichen Grenzen, Möglichkei-
       ten und Notwendigkeiten unterscheidbar würden" /122/. Im Klartext
       heißt dies: nur aus der Betrachtung der kapitalistischen oder so-
       zialistischen  Formbestimmtheit  technischer  Entwicklung  lassen
       sich Bewertungsmaßstäbe  gewinnen, werden  positive und  negative
       Entwicklungstendenzen präzise bestimmbar. Sonst gerate die beson-
       dere Form  ... zum  Inhalt des technisch-wissenschaftlichen Fort-
       schritts" /127/, die "technischen Errungenschaften der entwickel-
       ten kapitalistischen  Gesellschaft erscheinen  als technische Er-
       rungenschaften überhaupt" /ebd./. Die praktische Konsequenz einer
       solchermaßen vermuteten  unzulässigen Vernachlässigung der ökono-
       mischen Formbestimmtheit, der Produktionsverhältnisse scheint of-
       fensichtlich:  Unterschätzung   oder  gar  Negation  des  aktiven
       Kampfes der  Arbeiterklasse  gegen  diese  Verhältnisse.  An  die
       Stelle der  Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, der ihren Kampf
       organisierenden Verbände,  trete in unserer Theorie - so wird ge-
       folgert -  die Automation  als die Geschichte bewegendes Subjekt,
       ein "Mechanismus  der  gesellschaftsverändernden  Einwirkung  der
       Produktivkraftentwicklung" /120/.
       Nun lag  es uns  fern, die  historische Rolle  der Arbeiterklasse
       theoretisch zu negieren; im Gegenteil war und ist es unser Inter-
       esse, einen  Beitrag zur aktuellen Analyse und Begründung der ge-
       genwärtigen Kampfbedingungen, -möglichkeiten und -notwendigkeiten
       zu leisten,  von deren Kenntnis ein erfolgreiches Handeln mit ab-
       hängig ist  6). Ausgangspunkt  unserer Untersuchung  war der  An-
       spruch, eine offensichtlich bislang in der marxistisch orientier-
       ten Sozialwissenschaft  vernachlässigte Seite  der widersprüchli-
       chen gesellschaftlichen  Entwicklung, die  Produktivkräfte, empi-
       risch zu  erforschen, um den jedem mit marxistischer Theorie Ver-
       trauten bekannten  Satz von  dem Widerspruch  zwischen Produktiv-
       kräften und  Produktionsverhältnissen zu  konkretisieren mit  dem
       Ziel konkreter Handlungsvorschläge.
       Nun hält  W. uns  entgegen, der kapitalistische Produktionsprozeß
       sei als  "Einheit von  Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß" /136/
       zu betrachten.  (Sicherlich ist  von dem  Verfasser eine  "wider-
       sprüchliche  Einheit"  gemeint.  Oder  verbirgt  sich  vielleicht
       hinter dem  Versäumnis, das  kleine Wort "widersprüchlich" hinzu-
       setzen, ein  nicht zufälliger  methodischer Fehler mit weiterrei-
       chenden Konsequenzen?) Andere Autoren verweisen auf die Dialektik
       zwischen Produktivkräften  und Produktionsverhältnissen  7),  die
       von uns  vernachlässigt würde.  Nun scheint  eine bloße Kenntnis-
       nahme des Satzes von der "Dialektik von Produktivkräften und Pro-
       duktionsverhältnissen" nicht hinreichend Handhabe zu bieten, sich
       in diesem  Widerspruch zurechtzufinden.  Wo ein  Widerspruch exi-
       stiert, streiten  Kräfte miteinander,  bewirken Veränderungen und
       führen zu neuen Bewegungsformen. Die Marxsche Erkenntnis muß kon-
       kretisiert werden: Was bedeutet die oft hervorgehobene Zuspitzung
       der Widersprüche?
       Diesem Unterfangen  sich stellend  taucht eine weitere Schwierig-
       keit auf; Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte bilden eine
       wirkliche Einheit.  Beide Faktoren  können in ihrem Widerspruchs-
       verhältnis nur erfaßt werden, wenn sie gedanklich und begrifflich
       voneinander getrennt werden, «ich wenn sie in der Realität unmit-
       telbar zusammen  auftreten. Diese  gedankliche,  sprachliche  und
       dann auch  darstellungsmäßige Trennung aber verlangt "Geduld beim
       Durchlaufen der  gegensätzlichen Momente" 8), denn: "Die Wahrheit
       scheint im  einzelnen Moment  verloren zu  gehen." 9) Um also die
       marxistische Einsicht  in das  Widerspruchsverhältnis der gesell-
       schaftlichen Produktion  konkretisieren zu  können, erscheint  es
       nicht nur  erforderlich, das methodische Verfahren nachzuvollzie-
       hen, welches zu dieser Einsicht führte, sondern sich auch das er-
       forderliche Denken  in Widersprüchen anzueignen. Zu diesem Zwecke
       erfolgt zunächst  (Abschnitt I)  eine Skizze  zur  menschheitsge-
       schichtlich umwälzenden Herausbildung des Widerspruchsdenkens.
       Aus der ersten Sichtung der Streitpunkte wurde erkennbar, daß me-
       thodische Fragen materialistischer Sozialforschung geklärt werden
       müssen. Die  aufgeworfenen Fragen  werden anhand  der Darstellung
       des Marxschen  Verfahrens beantwortet werden müssen, um dies Ver-
       fahren für  die Erforschung  heutiger gesellschaftlicher Erschei-
       nungen nutzbar  machen zu  können. Methodische  Fragen mögen  den
       praktisch und  politisch orientierten  Leser eher langweilen bzw.
       wenig nutzbringend  für die eigene Praxis erscheinen. Jede Praxis
       stellt einen  Eingriff in  die gesellschaftliche Entwicklung dar.
       Ist dieser  Eingriff nicht  effektiver, je  genauer durchdacht er
       den Entwicklungsgesetzmäßigkeiten  der  gesellschaftlichen  Wirk-
       lichkeit entspricht und die vorwärtsdrängenden Kräfte dieser Ent-
       wicklung nutzt  und verstärkt?  Nicht nur  die Effektivität  wird
       durch dieses Wissen gesteigert, Leben oder Tod kann von der Rich-
       tigkeit der  Bestimmung der Eingriffsmöglichkeiten und -bedingun-
       gen abhängen - dies lehrt die Geschichte menschlicher Befreiungs-
       bewegungen. Fragen  des methodischen Herangehens an die Wirklich-
       keit werden  somit letztlich  zu Fragen  der adäquaten Bestimmung
       politischen Handelns. Klarheit in ersteren kann Vereinheitlichung
       in  gemeinsamer   gesellschaftsverändernder  Praxis  fördern.  So
       scheint es  uns sinnvoll,  zur Verständigung  über  das  offenbar
       entscheidende  methodische  Vorgehen  zunächst  noch  einmal  die
       Anwendung des  dialektischen Denkens  durch Marx nachzuvollziehen
       (Abschnitt II  und III),  um schließlich  das Marx'sche Verfahren
       für  die   Analyse  heutiger  Wirklichkeit  fruchtbar  zu  machen
       (Abschnitt IV).
       
       I. Zum Nutzen des dialektischen Denkens
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       "Daß das  weiche Wasser  in Bewegung  mit der  Zeit den mächtigen
       Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt." 10)
       Das war  die Lehre  des Laotse, die für den Zöllner in Flickjoppe
       und ohne  Schuhe, dessen  "Stirn eine  einzige Falte",  der  also
       "kein Sieger" war, von Belang war: "Wer wen besiegt, das interes-
       siert auch  mich" 11). In der "Legende von der Entstehung des Bu-
       ches Taoteking  auf dem  Wege des Laotse in die Emigration" umriß
       Brecht in  solcher Weise  knapp und  unzweideutig den  Nutzen der
       Dialektik.
       Die Dialektik  als grundlegende  Denkweise des  Marxismus ist be-
       kanntlich keineswegs  sein spezifisches  neuartiges Resultat, ist
       historisches Produkt  der Auseinandersetzung des Menschen mit der
       Natur 12)  und ihrer  theoretischen philosophischen Verarbeitung,
       ist "ein historisches Produkt der Entwicklung des philosophischen
       Denkens und  als solches  eine theoretische Verallgemeinerung we-
       sentlicher Errungenschaften  der Natur-  und Gesellschaftswissen-
       schaften sowie  grundlegender historischer  Erfahrungen der  men-
       schlichen Gesellschaft." 13)
       Der Nutzen  der dialektischen Denkweise für die gesellschaftliche
       Lebenspraxis war von vornherein ausmachbar - auch in der Entwick-
       lung des  philosophischen Denkens:  bereits bei  Hegel, durch den
       "die bisher  herausgearbeiteten Elemente  der dialektischen Denk-
       weise und Methode eine systematische Zusammenfassung" fanden 14),
       lassen sich  die Fortschritte  - trotz der idealistischen Verkeh-
       rung der  Dialektik -  gegenüber anderen gedanklichen Zugängen zu
       Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen verfolgen. Ein wesentlicher
       Vorzug des objektiven Idealismus gegenüber jeder Form des subjek-
       tiven Idealismus  bestand darin, daß er die Dinge dieser Welt und
       die Erscheinungen der Wirklichkeit nicht als aus subjektivem Füh-
       len und  Wollen geborene, sondern als objektiv gegebene, unabhän-
       gig vom  Individuum gesetzte  begriff. Die Dialektik als objektiv
       bestimmte war  für Hegel - 'Bewegung des Begriffs selbst' und da-
       her die  allgemeine, schlechthin  unendliche Kraft,  welcher kein
       Objekt Widerstand leisten kann". 15)
       Wurde von  Hegel als Erfordernis des wissenschaftlichen Erkennens
       "sich dem  Leben des  Gegenstands zu übergeben oder, was dasselbe
       ist, die  innere Notwendigkeit  desselben vor  sich zu  haben und
       auszusprechen" 16)  formuliert, wurde  so die  objektive Realität
       als außerhalb  subjektiver Bestimmung  gegebene, sich  unabhängig
       vom individuellen  Wollen sich  ereignende gefaßt,  so  bedeutete
       dies keineswegs  eine Einschränkung menschlicher Größe: indem He-
       gel auch  die Entwicklung  der objektiven  Realität zu verfolgen,
       ihre Gesetzmäßigkeiten  aufzuspüren beanspruchte,  suchte er nach
       der Entwicklungslogik  (von den idealistischen Beschränkungen und
       ihren Folgen sei hier abgesehen) 17): so erschien "die Geschichte
       der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalt-
       tätigkeiten... ,  sondern als  der Entwicklungsprozeß der Mensch-
       heit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu
       verfolgen, und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinba-
       ren Zufälligkeiten  hindurch nachzuweisen,  jetzt die Aufgabe des
       Denkens wurde." 18)
       Mit der  Analyse des  inneren Zusammenhangs  in der  Bewegung und
       Entwicklung mußten  auch die wirkenden Triebkräfte zu Tage geför-
       dert werden  - zu ihrer Erfassung rückte die Kategorie des Wider-
       spruchs in  den Mittelpunkt,  laut Marx  "die Springquelle  aller
       Dialektik" 19). Die Realität wurde von Hegel als in Widersprüchen
       ablaufende gefaßt,  der Widerspruch war für ihn "die Wurzel aller
       Bewegung und  Lebendigkeit, nur  insofern etwas  in  sich  selbst
       einen Widerspruch  hat, bewegt  es sich, hat Trieb und Tätigkeit"
       20). Damit wurde die Geschichte als Weiter-, Höherentwicklung be-
       greifbar; konnten  Auffassungen, die die Entwicklung nur als rein
       quantitative Veränderungen bereits fertiger Qualitäten betrachte-
       ten, dabei  eine Richtung  der Bewegung  nicht ausmachen konnten,
       hilflos waren  gegenüber in  der Natur und in der gesellschaftli-
       chen  Wirklichkeit  konstatierbaren  sprunghaften  Veränderungen,
       überwunden werden.  Hegel selbst  setzte sich  in klärender Weise
       mit solchen Auffassungen auseinander: "So fest in der Meinung der
       Gegensatz des Wahren und Falschen wird, so pflegt sie auch entwe-
       der Beistimmung  oder Widerspruch  gegen ein vorhandenes philoso-
       phisches System  zu erwarten und in einer Erklärung über ein sol-
       ches nun entweder das eine oder das andere zu sehen. Sie begreift
       die Verschiedenheit  philosophischer Systeme  nicht so  sehr  als
       fortschreitende Entwicklung  der Wahrheit,  als sie  in der  Ver-
       schiedenheit nur  den Widerspruch  sieht. Die Knospe verschwindet
       in dem  Hervorbrechen der  Blüte, und  man könnte sagen, daß jene
       von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte
       für ein  falsches Dasein  der Pflanze erklärt, und als ihre Wahr-
       heit tritt  jene an  die Stelle  von dieser.  Diese Formen unter-
       scheiden sich  nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unver-
       träglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich
       zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur wi-
       derstreiten, sondern eins so notwendig wie das andere ist..." 21)
       Hegel benennt  damit das  Erfordernis an das Denken, Widersprüche
       aushalten zu können - auszuhalten, daß eine Sache in der Bewegung
       nicht entweder  das eine  oder das  andere ist, sondern sehr wohl
       widersprüchliche,  gegensätzliche  Bestimmungen  in  sich  tragen
       kann; ein solches Denken erlaubt es, Entwicklung unter dem Aspekt
       des Eingreifens  zu betrachten, insofern als es ermöglicht, Altes
       und Neues im Widerstreit zu unterscheiden.
       Resümieren wir: Das Gefangensein, das Eingeschlossensein zwischen
       Mauern, deren  Überwindung scheinbar  weder möglich noch denkbar,
       kann beendet  werden, wenn  die Risse, auch die feinsten, erkannt
       werden, an denen angesetzt werden kann. Risse an der äußeren Fas-
       sade verweisen  auf widerstreitende  Kräfte und  eine sich anbah-
       nende Aufhebung  des Kräftegleichgewichts;  mit dem richtig ange-
       setzten Hebel  kann der  schon vorhandene, zunächst noch statisch
       erscheinende Gegensatz  zum Ausbrechen  gebracht werden. So ließe
       sich die Widerspruchslehre schreiben: als Kunde, Haarrisse an der
       Oberfläche als Ausdruck eines mächtigen, die Entwicklung potenti-
       ell  beschleunigenden   Gegensatzes  im  Kern  zu  erkennen,  und
       schließlich -  praktisch gewendet  - als Kunde, den Hebel richtig
       anzusetzen.
       Um diese  Kunde zu  nutzen, galt es allerdings, die Dialektik vom
       Kopf auf  die Füße  zu stellen,  um sie "zu einem brauchbaren In-
       strument der  wissenschaftlichen Forschung  und  des  praktischen
       Kampfes" 22) zu machen. Nahm Hegel den Ausgangspunkt von der Dia-
       lektik der  Begriffe, "geriet (er)... auf die Illusion, das Reale
       als Resultat  des in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden
       und aus  sich bewegenden  Denkens zu  fassen" 23), so ging es für
       Marx darum, die wirkliche Bewegung selbst zu untersuchen. Die ma-
       terialistische Dialektik als Entwicklungslehre stellt "keineswegs
       Prinzipien dar,  die unabhängig  vom historischen  Prozeß in sich
       selbst gegründet  sind und  die man dann auf diesen Prozeß äußer-
       lich anwendet;... die damit eine Art von metaphysischen Universa-
       lia  des   Weltgeschehens  wären."   24)  -  "...  die  Dialektik
       (formuliert) weder  selbständige 'Erkenntnisse', deren Geltung zu
       begründen wäre,  noch (stellt  sie) ein  Beweisverfahren dar... ,
       durch welches  der Erkenntnischarakter von Aussagen belegt werden
       könnte. Materialistische  Dialektik ist...  allgemeinste Entwick-
       lungslehre', sowohl Resultat wie umfassendstes methodisches Regu-
       lativ des Sich-Anmessens menschlichen Denkens an die wesentlichen
       Züge des wirklichen Gangs historischer Progression..." 25).
       Mit diesem  Erkenntnisverfahren konnte  die Realisierungsmöglich-
       keit eines  alten Traums  der Menschheit  nach einer Gesellschaft
       aufgewiesen werden,  in welcher  die Entfaltung  des  Individuums
       nicht mehr  auf Kosten  anderer Gesellschaftsmitglieder verlaufen
       muß. Um die weiterentwickelte Wirklichkeit, die neu entstandenen,
       scheinbar undurchschaubaren,  unüberwindbaren "Fassaden"  zu  be-
       greifen, wird  es weiterhin  notwendig sein, die Marxsche Nutzung
       der Dialektik nachzuvollziehen, um für die Bewältigung der gegen-
       wärtigen Wirklichkeit zu lernen.
       
       II. Der Ertrag des Widerspruchsdenkens: Aufdeckung des
       ------------------------------------------------------
       Bewegungsgesetzes der gesellschaftlichen Entwicklung
       ----------------------------------------------------
       
       Vergegenwärtigen wir uns die Zeiten, in denen Marx die Grundlagen
       der materialistischen  Geschichtsauffassung legte,  so sehen  wir
       auf Seiten  der Bevölkerung massenhaftes Elend, Hunger und Not in
       unwürdigen Behausungen,  Verschleiß ganzer  Generationen von Kin-
       dern in  Tag- und  Nachtarbeit, von  ihren Kindern  fortgerissene
       Mütter und  mit Berufskrankheiten  geschlagene Männer.  Armut und
       Not herrschten  auch in früheren Zeiten, aber: "Nicht so sehr die
       altgewohnte Armut  war es,  die beunruhigte, als vielmehr die neu
       entstehende, nicht  das Elend des flachen Landes, sondern das der
       wachsenden Industriezentren,  nicht die begreifliche Not der her-
       kömmlichen unergiebigen  Wirtschaftsweise, sondern die unbegreif-
       liche einer  Wirtschaft mit  wachsender Produktionskraft!" 26) In
       diesen blutigen  und elendigen Erscheinungen der kapitalistischen
       Überwindung feudaler Zustände sollten sich Elemente einer zukünf-
       tigen, von  Not und  Unterdrückung befreiten  Gesellschaft finden
       lassen? Lag es nicht näher, die Verurteilung der "wachsenden Pro-
       duktionskraft" in  Gestalt der Maschinen und die Rückkehr zu ver-
       gangenen goldenen  Zeiten handwerklicher  Arbeit zu predigen, wie
       dies die Romantiker taten? Lag es nicht näher, die Errungenschaf-
       ten der  Aufklärung, die  menschliche Vernunft,  einzusetzen  und
       eine vernünftige  Gesellschaft zu  konstruieren, die  alle Fehler
       der gegenwärtigen vermeidet und ausmerzt? Bekanntlich beansprucht
       der Materialismus  alles andere  als eine bloß moralische Kapita-
       lismuskritik zu  führen, die  sich eine ersehnte Welt konstruiert
       und im  Namen dieser  Vorstellung die  Gegenwärtige verwirft. Wie
       also ist  die wissenschaftliche Kritik zu wenden, die den Weg zur
       Erfüllung der alten Menschheitsträume und -sehnsüchte aufweist?
       Nach der  zentralen Einsicht  materialistischer Geschichtsauffas-
       sung befragt  wird jeder, der als politisch Handelnder in den ge-
       sellschaftlichen Entwicklungsprozeß  eingreifen will,  -  sei  er
       auch nur mit oberflächlicher Kenntnis dieser Geschichtsauffassung
       ausgestattet -  das Gesetz  der notwendigen  Übereinstimmung zwi-
       schen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften anführen. Be-
       deutet aber "Übereinstimmung" nicht das genaue Gegenteil von Ent-
       wicklungskräften, nämlich  spannungslose Stagnation? Wie erinner-
       lich formulierte  Marx in  dem berühmten Vorwort der Schrift "Zur
       Kritik der  politischen Ökonomie" dies allgemeine Gesetz: "In der
       gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen be-
       stimmte, von ihren Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produkti-
       onsverhältnisse, die  einer bestimmten Stufe der materiellen Pro-
       duktivkräfte entsprechen  ... Auf einer gewissen Stufe ihrer Ent-
       wicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft
       in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder,
       was nur  ein juristischer  Ausdruck dafür ist, mit den Eigentums-
       verhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus
       Entwicklungsformen der  Produktivkräfte schlagen  diese  Verhält-
       nisse in  Fesseln derselben um. Es tritt eine Epoche sozialer Re-
       volution ein."  27) Es  ist also gerade die Nicht-Übereinstimmung
       der beiden  Seiten der  gesellschaftlichen Produktion, welche die
       Weiterentwicklung und  Überwindung überholter Produktionsverhält-
       nisse möglich  und notwendig  macht. Das Verhältnis von Produkti-
       onsverhältnissen und  Produktivkräften ist ein widersprüchliches,
       aber kein  Verhältnis äußerlicher,  direkt sichtbarer  und unter-
       schiedener Gegensätze; gerade ihr einheitliches Zusammenwirken in
       der gesellschaftlichen  Produktion treibt die innere Widersprüch-
       lichkeit in  der Einheit hervor. Daraus entspringt die Schwierig-
       keit, die Entwicklungskräfte des Zukünftigen in dem Gegenwärtigen
       aufzuspüren und die wirkliche Entwicklung der Gesellschaftsforma-
       tionen als  Entwicklung und  Zuspitzung des  Widerspruchs, der zu
       einer Lösung drängt, aufzuschlüsseln.
       Mit der  bürgerlichen Gesellschaft entstanden die ersten Vorstel-
       lungen aus  dem Vernunft-Anspruch  der Aufklärung heraus, wie der
       "aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen her-
       vorwachsende Antagonismus"  28) zu überwinden sei. Engels charak-
       terisiert diese  Vorstellungen als  soziale Utopien: "Die Gesell-
       schaft bot  nur Mißstände; sie zu beseitigen war Aufgabe der den-
       kenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues vollkommeneres
       System der  gesellschaftlichen Ordnung  zu erfinden  und dies der
       Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch das
       Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen so-
       zialen Systeme  waren von  vornherein zur  Utopie verdammt".  29)
       Trotz aufhebenswerter  Zielvorstellungen konnte der utopische So-
       zialismus den  Weg der Verwirklichung dieser Ziele nicht angeben,
       er blieb der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber in seiner Kritik
       äußerlich; er  "kritisierte zwar"  - wie Engels hervorhebt - "die
       bestehende  kapitalistische  Produktionsweise  und  ihre  Folgen,
       konnte sie  aber nicht  erklären, also  auch nicht mit ihr fertig
       werden; er  konnte sie  einfach nur  als schlecht verwerfen". 30)
       Die Art, in der Engels die Kritik gegenüber dem utopischen Sozia-
       lismus führt,  zeigt seine Überwindbarkeit: die kritikwürdige Ge-
       sellschaft ist in ihren Wirkungszusammenhängen, die das zu Kriti-
       sierende hervorbringen,  zu erklären. Die Tatsache, daß zunehmend
       Einsicht in  die Kritikwürdigkeit  der bürgerlichen  Gesellschaft
       entstehe, weise  darauf hin,  daß Veränderungen  in  der  gesell-
       schaftlichen Produktion  stattfänden, die  eine Kritik  überhaupt
       ermöglichen. "Damit  ist zugleich  gesagt, daß die Mittel zur Be-
       seitigung der  entdeckten Mißstände  ebenfalls in den veränderten
       Produktionsverhältnissen selbst  - mehr  oder minder entwickelt -
       vorhanden sein  müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf
       zu   e r f i n d e n,  sondern vermittelst des Kopfes in den vor-
       liegenden  materiellen   Tatsachen  der  Produktion  zu    e n t-
       d e c k e n".   31) Indem der Sozialismus derart auf einen realen
       Böden gestellt  werde, könne  aus ihm  eine Wissenschaft  gemacht
       werden.  32)   Diese  Programmatik   des  wissenschaftlichen  So-
       zialismus, der  Übergang von  einer utopischen  Gesellschaftskon-
       struktion zur  materialistischen Wissenschaft, erfordert die Auf-
       deckung der  Umwälzungsfermente in der bürgerlichen Gesellschaft.
       Die Marxsche  Analyse der  Bewegungsgesetze der  kapitalistischen
       Produktion muß  daher den Schlüssel liefern, um das konkrete Wir-
       ken des allgemeinen Gesetzes der notwendigen Übereinstimmung zwi-
       schen Produktionsverhältnissen  und Produktivkräften  in der bür-
       gerlichen Gesellschaft aufspüren zu können. 33) Zu fragen ist da-
       her nicht nur nach den Resultaten der empirischen Forschung, son-
       dern vor allem nach dem  W i e  des Forschungsprozesses, nach dem
       wissenschaftlichen Verfahren,  um es für die politisch notwendige
       Erforschung der  sich entwickelnden  gesellschaftlichen Wirklich-
       keit nutzbar machen zu können. Welche Art des Entwicklungsdenkens
       wird erforderlich?  Das Gesetz der Entstehung des Mehrwerts wurde
       von Marx als  d a s  ökonomische Grundgesetz der kapitalistischen
       Produktion enthüllt:  der dem  Kapital innewohnende Zwang zur be-
       ständigen Verwertung  des Werts.  Ist mit  diesem Bewegungsgesetz
       nun die  Ursache der realen gesellschaftlichen Entwicklung in der
       bürgerlichen  Gesellschaft  bekannt,  die  zu  einer  notwendigen
       Nichtübereinstimmung von  Produktionsverhältnissen und Produktiv-
       kräften führt?  An anderer  Stelle spricht  Marx von dem histori-
       schen Beruf  der Bourgeoisie,  die  Produktivkräfte  als  gesell-
       schaftliche zu  entwickeln und stetig zu revolutionieren. Wie ge-
       langt Marx  zu einer solchen Wertung der kapitalistischen Produk-
       tionsweise? Offensichtlich wird an dem Gegenstand materielle Pro-
       duktion eine abstrahierende Trennung vollzogen. Diese gedankliche
       Trennung erweist  sich als  notwendig, um das treibende Motiv der
       gesellschaftlichen Produktion,  das ökonomische  Bewegungsgesetz,
       und die  dadurch vorangetriebenen materiellen Produktivkräfte un-
       terscheiden zu  können als  zwei Seiten  einer sich entwickelnden
       w i d e r s p r ü c h l i c h e n  Einheit. 34)
       Ein zweiter  Anlauf belehrt,  daß die alleinige gedankliche Tren-
       nung beider  Seiten der gesellschaftlichen Produktion zur Begrün-
       dung der  Marxschen Wertung der kapitalistischen Produktionsweise
       nicht ausreichend  sein kann.  Die historische  Rolle  der  Bour-
       geoisie in  der von ihr zwanghaft betriebenen unerbittlichen Vor-
       anpeitschung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zu sehen, be-
       deutet, das  Fortschrittliche, die  neuartige Art  und Weise  der
       Auseinandersetzung von Mensch und Natur in der Arbeit und mittels
       ihrer, als  Überwindung unzureichender und beschränkter Produkti-
       onsweisen der  Feudalgesellschaft zu  sehen und festzuhalten. 35)
       Die besondere  gesellschaftliche Form,  kapitalistische Produkti-
       onsverhältnisse, werden von dem Standpunkt aus betrachtet, inwie-
       weit sie  bessere und effektivere Mittel zur Leistung des Lebens-
       notwendigen  bereitstellen   und  entwickeln.  Dieser  Standpunkt
       schließt eine historische bzw. historisierende Sichtweise der be-
       sonderen Form der gesellschaftlichen Produktion ein bzw. führt zu
       ihr wie  auch umgekehrt;  von  einem "historischen Existenzrecht"
       36) zu  sprechen, bedeutet,  andere gesellschaftliche  Formen der
       menschlichen Arbeit  mit der  besonderen Form des Kapitalismus in
       den Vergleich  zu bringen,  das ihnen  alle gemeinsame,  die men-
       schliche Arbeit,  festzuhalten und  von diesem Standpunkt aus den
       Fortschritt in  der Art  der Bewältigung des Lebensnotwendigen zu
       bestimmen. Im  Spiegel dieses Allgemeinen erscheint die bürgerli-
       che Gesellschaft  als eine  besondere, historisch entstandene ge-
       sellschaftliche Form  der Bewältigung des Allgemeinen. Wird durch
       diese "transsoziale  Relativierung" 37)  allein eine  historische
       Bewertung ermöglicht?
       Der Übergang  vom utopischen  zum wissenschaftlichen  Sozialismus
       wird vollzogen,  wie Engels eindrücklich bemerkte, wenn "die Mit-
       tel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände... in den vorliegen-
       den materiellen  Tatsachen der  Produktion" 38)  entdeckt werden.
       Als bisherige  methodische Analyseinstrumente wurden die Einnahme
       des Standpunktes des Allgemeinen, sowie die von diesem Standpunkt
       aus erfolgende  bestimmte Negation  des Besonderen  gegenüber dem
       Allgemeinen aufgewiesen und zur Anwendung empfohlen. Die Rede von
       dem historischen  Existenzrecht weist darauf hin, daß die Methode
       der bestimmten Negation eingesetzt wird, um mit Blick auf das Zu-
       künftige die  Elemente dieser Zukunft in dem Gegenwärtigen aufzu-
       decken 39). Vom Standpunkt des Allgemeinen, der lebensnotwendigen
       Arbeit, werden die besonderen Formen dieses Allgemeinen identifi-
       zierbar, der  überhistorische Vergleich läßt den Gedanken plausi-
       bel erscheinen,  die gesellschaftliche Arbeit auf vernünftige Art
       zu bewerkstelligen;  der Sozialismus als Form der gesellschaftli-
       chen Arbeit,  die mit  ihrem Inhalt,  dem  Allgemeinen,  überein-
       stimmt, erscheint  als  lohnende  und  naheliegende  Perspektive:
       "Warum das  Bewußtgemachte nicht  bewußt machen"? 40) Diese denk-
       bare Perspektive  wird zur  realen Perspektive,  wenn sie  in der
       Entwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit aufgespürt werden
       kann. Besteht  die  historische  Existenzberechtigung  der  Bour-
       geoisie in der Vorantreibung der Produktivkräfte, so ist nach dem
       Charakter dieser  materiellen Mittel  der Bewältigung des Lebens-
       notwendigen, der  gesellschaftlichen Arbeit, zu fragen. Das Kapi-
       tal treibt  in privater Form die Entwicklung von Produktivkräften
       voran, die  ihrem Umfang  und ihrer  Qualität nach nur in gesell-
       schaftlicher Arbeit zu beherrschen sind, also unmittelbar gesell-
       schaftlichen Charakter  besitzen, und entwickelt mit innerer Not-
       wendigkeit die  Mittel seiner  eigenen Überwindung,  indem es die
       materiellen Grundlagen  einer unmittelbar gesellschaftlichen Pro-
       duktion schafft  41). Die  Umwälzungsfermente und Keime des Neuen
       werden also  durch das  Kapital selbst  hervorgebracht in Gestalt
       der materiellen  Produktivkräfte: "Die  Produktivkräfte, in ihrem
       dialektischen Verhältnis  der Wechselwirkung mit den Produktions-
       verhältnissen, bilden das beweglichere, raschen Veränderungen un-
       terworfene, revolutionierende  und letztlich entscheidende Moment
       in der geschichtlichen Entwicklung". 42)
       Für die  Arbeiterbewegung, dem  Subjekt der  praktischen Negation
       der privaten  Interessen des  Kapitals, bedeutet der Übergang von
       dem utopischen  zum wissenschaftlichen  Sozialismus nicht nur der
       wissenschaftliche Aufweis  der eigenen Zukunft, sondern ist unbe-
       dingt erforderlich  zur  Vermeidung  lebensbedrohender  Irrtümer.
       Dies zeigt  sich beispielsweise  an dem historischen Phänomen des
       'Maschinenstürmens': "Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Ar-
       beiter die  Maschinerie von  ihrer kapitalistischen Anwendung un-
       terscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktions-
       mittel  selbst  auf  dessen  gesellschaftliche  Exploitationsform
       übertragen lernt"  45). Die mit dieser Erfahrung vollzogene Über-
       windung der  abstrakten Negation  orientiert die Arbeiterbewegung
       auf  ihren   "geschichtlichen  Beruf",  die  "weltbefreiende  Tat
       (der)... Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesell-
       schaft" 46).  Liefert die wissenschaftliche Analyse des Zukünfti-
       gen in dem Gegenwärtigen die zukunftweisende Orientierung für die
       praktisch werdende  Negierung des  Alten durch  die Arbeiterbewe-
       gung, so stellt sich für den "theoretischen Ausdruck der proleta-
       rischen Bewegung,  den wissenschaftlichen  Sozialismus" die  Auf-
       gabe, "ihre  (der weltbefreienden  Tat, d.V.) geschichtlichen Be-
       dingungen und  damit ihre  Natur selbst  zu ergründen, und so der
       zur Aktion  berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen
       und die Natur ihrer eigenen Aktion zu Bewußtsein zu bringen" 47).
       
       III. Marxens Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten
       -----------------------------------------------------
       des Individuums
       ---------------
       
       Besteht einerseits  ein breites  Einverständnis darüber,  daß der
       Kapitalismus die  materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus
       schafft, so gibt es andererseits große Zweifel darüber, ob und in
       welcher Weise  mit den  objektiven Produktivkräften auch die sub-
       jektiven Voraussetzungen  innerhalb des Kapitalismus sich bereits
       keimhaft entwickeln können. Bestenfalls kann man sich darüber ei-
       nigen, daß  der Kapitalismus mit der Arbeiterklasse selbst, ihrer
       fabrikmäßigen Organisierung, das Subjekt der Überwindung geschaf-
       fen hat. Aber warum soll es notwendig sein, auf der Ebene des ar-
       beitenden Individuums  als eines Teils der Klasse weitere Bestim-
       mungen aufzuspüren  und entsprechende Untersuchungen anzustellen;
       wie soll  es mit  der Marxschen Methode vereinbar sein, innerhalb
       des kapitalistischen  Produktionsprozesses bereits keimhafte Ele-
       mente einer  Persönlichkeit, die  nur  im  Sozialismus  in  Gänze
       durchsetzbar sein  wird, zu  suchen? 48)  Prüfen  wir,  wie  Marx
       selbst sich zu dieser Frage verhalten hat.
       Die Auseinandersetzungen  um das Verhältnis von einem Humanismus,
       dessen Hauptaugenmerk  der Würde  und Entfaltung der menschlichen
       Persönlichkeit gilt,  einerseits und  dem Marxismus andererseits,
       sind so alt wie der Marxismus selbst. Immer wieder wurde dem Mar-
       xismus als  der Theorie, die ihr Hauptaugenmerk auf die materiel-
       len Bedingungen  menschlichen  Lebens  richtete,  das  Individuum
       streitig gemacht:  nicht zuletzt deshalb, weil sie sich gegen das
       Postulat einer  allgemein, gleichsam überhistorisch gültigen men-
       schlichen Individualität  wandte; weil sie gegenüber Auffassungen
       menschlicher Geschichte  als von  "großen  Individuen"  gemachter
       herausarbeitete, daß  die  Geschichte  in  Wirklichkeit  als  Ge-
       schichte von Klassenkämpfen zu begreifen sei u.ä. mehr.
       Wenn nun  von Marxisten  in Abwehr  solcher  Vorstellungen  eines
       "abstrakten Menschen", einer abstrakten Individualität immer wie-
       der hervorgehoben  wurde, daß  der Mensch  von gesellschaftlichen
       Verhältnissen bestimmt  ist, daß sein Handeln und Denken von sei-
       ner Klassenzugehörigkeit  abhängig ist,  so bedeutete dies nicht,
       daß das  Individuum dem  Marxismus gleichgültig  war oder ist. Im
       Gegenteil ging  es ihm  um die gesellschaftliche Begründung einer
       Theorie des Individuums, um die wissenschaftliche Erforschung der
       materiellen Bestimmtheit  der Handlungs-  und Entfaltungsmöglich-
       keiten des Einzelnen in der Gesellschaft.
       Im Mittelpunkt  der Untersuchungen  Marxens stand stets die Frage
       nach der  Entwicklung und  Entwicklungsmöglichkeit der Menschen -
       von seinen  ersten Studien, den "ökonomisch-philosophischen Manu-
       skripten" bis hin zum "Kapital" 49); präziser: die jeweiligen ma-
       teriellen Bedingungen  wurden jeweils daran gemessen, welche Mög-
       lichkeiten der  Entfaltung aller  menschlichen Anlagen und Fähig-
       keiten, der  Aneignung des  von der Gattung Mensch jeweils histo-
       risch Errungenen durch das Individuum gegeben waren.
       Der französische  Philosoph Lucien  Sève hält  - in  Widerrede zu
       "spekulativ-humanistischer" Deutung  einerseits und  der "theore-
       tisch-antihumanistischen" Deutung  des Marxismus 50) andererseits
       eine Qualifizierung  des Marxismus  als "wissenschaftlichen Huma-
       nismus" für gerechtfertigt: "Er ist es als Theorie der geschicht-
       lichen Widersprüche  und Entfaltungsbedingungen  der  Individuen,
       der notwendigen Entstehung des, wie Marx sagt, total entwickelten
       Individuums der  kommunistischen  Gesellschaft."  51)  Die  ganze
       Geschichte  könne   "sehr  zu   Recht  auch  als  Geschichte  der
       progressiven Entfaltung  der menschlichen  Individuen  betrachtet
       werden. Dies sagte Marx in seinem Brief an Annenkow: 'Die soziale
       Geschichte der  Menschen  ist  stets  nur  die  Geschichte  ihrer
       individuellen Entwicklungen,  ob sie sich dessen bewußt sind oder
       nicht.' In  diesem Punkt  hat Marx  nie geschwankt;  er  wird  in
       seinem späteren  ganzen Werk  und besonders im Kapital ausgebaut,
       wo die ganze Entwicklungskurve des gesellschaftlichen Individuums
       skizziert wird  - von  den ursprünglichen  Gesellschaften mit der
       für sie  charakteristischen 'Unreife  des individuellen Menschen'
       bis hin  zum Kommunismus,  in dem  sich  das  'total  entwickelte
       Individuum' entfalten  wird." 52)  So läßt  sich folgern, daß die
       Emanzipation der  Klasse der  Arbeiter und  Emanzipation des  In-
       dividuums -  und folglich der Menschheit überhaupt - in der Marx-
       schen Theorie  in keiner Weise in einem gegensätzlichen, oder gar
       sich ausschließenden Verhältnis stehen, sondern sich vielmehr ge-
       genseitig bedingen;  dies fand seinen prägnantesten Ausdruck wohl
       in dem  Postulat einer  Gesellschaft, in  der die Entwicklung des
       einzelnen Individuums  Voraussetzung für  die Entwicklung der Ge-
       sellschaft sein müsse. 53)
       Geht es also um die Perspektive des "total entwickelten Individu-
       ums", so ist genauer danach zu fragen, wie dieses beschaffen sein
       soll: Wir  finden  bei  Marx  Bestimmungen  wie  "Allseitigkeit",
       "Vielseitigkeit", Entfaltung  aller  körperlichen  und  geistigen
       Kräfte ("einer  Welt von  produktiven Trieben  und Anlagen") 54),
       Einheit von  körperlicher und geistiger Arbeit, Aneignung des von
       der menschlichen  Gattung insgesamt  erarbeiteten Erbes an Wissen
       und Fähigkeiten  durch das Individuum: Unschwer lassen sich darin
       Vorstellungen wiederfinden,  die spätestens seit der griechischen
       Antike die  Ideale entwickelter  Persönlichkeiten bestimmten. War
       aber das  Ideal der  allseitigen Bildung des Menschen - wie es in
       der griechischen  Antike ausgeprägt oder im Humanismus weiterent-
       wickelt wurde  - zunächst  nur als Gegenbild zur materiellen Pro-
       duktion formuliert  worden, war  also seine  Realisierung nur für
       die Nicht-Materiell-Arbeitenden  denkbar 55), so klagte im Gegen-
       satz hierzu  Marx -  und mit ihm die gesamte sozialistische Bewe-
       gung des  19. Jahrhunderts - die Verwirklichung dieses Ideals der
       Allseitigkeit für  alle ein,  gerade für  die in  der materiellen
       Produktion Tätigen.  Ziel war  eine Aufhebung des Gegensatzes von
       lebensnotwendiger Arbeit und allseitiger Entfaltung.
       An solchen  Zielbestimmungen maß Marx schließlich die Bedingungen
       in der  Manufaktur und in der Großen Industrie, d. h. auch in der
       Analyse der Entwicklungsbedingungen des Individuums in der Arbeit
       setzte Marx  das bereits oben (in Kapitel II) dargelegte methodi-
       sche Verfahren  ein, die empirisch vorfindbare Wirklichkeit unter
       der Perspektive des in den Sozialismus hinein Verallgemeinerbaren
       zu sichten und aufzuschlüsseln 56).
       Wird hier  nun  aber  nicht  einfach  ein  utopisches  Ideal  der
       schlechten Wirklichkeit  gegenübergestellt,  oder  anders  formu-
       liert: ist die postulierte Entwicklung eines allseitig gebildeten
       Menschen -  als Teilbestimmung  der  sozialistischen  Perspektive
       nicht einfach  mehr nur utopische Wunschvorstellung, so müssen in
       der empirischen  Wirklichkeit von  Marx bereits  Entwicklungsfer-
       mente aufgespürt  und freigelegt  worden sein  57), die in Wider-
       spruch geraten zur Form der kapitalistischen Produktion.
       Marx selbst stellt die These auf, daß die Entwicklung der Produk-
       tionskräfte die Entfaltung von Konsumtion und Produktion fördere:
       Das Kapital schaffe "die materiellen Elemente für die Entwicklung
       der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produk-
       tion als  Konsumtion ist" 58). Marx hat einerseits keinen Zweifel
       gelassen an  der Kritikwürdigkeit  solcher Verhältnisse, in denen
       die Entwicklung des menschlichen Gattungsvermögens, der gesamtge-
       sellschaftlichen Potenzen, auf dem Rücken des arbeitenden Indivi-
       duums sich vollzieht - und dies ist für die Vorgeschichte des und
       für den Kapitalismus selbst gleichermaßen charakteristisch -, ge-
       lassen, dennoch  hat er  andererseits aufgewiesen, daß diese Ent-
       wicklung historisch  notwendig war - gerade unter der Perspektive
       des "total entwickelten Individuums". So heißt es an einer Stelle
       in zugespitzter  Formulierung: "Daß  diese Entwicklung der Fähig-
       keiten der  Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten
       der Mehrzahl  der Menschenindividuen  und ganzer  Menschenklassen
       macht, schließlich  diesen Antagonismus durchbricht und zusammen-
       fällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, daß also die
       höhere Entwicklung  der Individualität  nur durch  einen histori-
       schen Prozeß erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden."
       60)
       Auch bei  der Kritik  des  kapitalistischen  Produktionsprozesses
       stellte Marx  die transitorische  Notwendigkeit der  kapitalisti-
       schen Industrie  in Rechnung: er kritisierte den Scheidungsprozeß
       der geistigen  Potenzen des  materiellen Produktionsprozesses von
       den unmittelbar  materiell Arbeitenden  und betonte  gleichzeitig
       die dadurch  ermöglichte ungeheure Steigerung der gesellschaftli-
       chen Produktivkräfte  (der wissenschaftlichen  Durchdringung  des
       Produktionsprozesses) 61):  "Was die Teilarbeiter verlieren, kon-
       zentriert sich ihnen gegenüber im Kapital. Es ist ein Produkt der
       manufakturmäßigen Teilung  der Arbeit, ihnen die geistigen Poten-
       zen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und
       sie beherrschende  Macht gegenüberzustellen."  62) Dieser  Prozeß
       vollende sich  in der  großen Industrie, "welche die Wissenschaft
       als selbständige  Produktionspotenz von  der Arbeit trennt und in
       den Dienst des Kapitals preßt." 63)
       Marx arbeitete  heraus, worin  der  historische  Fortschritt  der
       Großen Industrie  gegenüber Manufaktur, und vor allem auch gegen-
       über handwerklicher  Produktion lag; er tat dies, indem er das in
       der Großen Industrie sich an die Stelle des Alten der vorangehen-
       den Produktionsweisen  setzende Neue unter der Perspektive des in
       sozialistische Verhältnisse  hinein Verallgemeinerbaren  und Auf-
       hebbaren bestimmt  negierte. Dabei beschränkte er sich keineswegs
       auf die  materiellen Produktivkräfte,  auch der  Entwicklung  der
       subjektiven Produktivkräfte, der arbeitenden Individuen wurde auf
       diese Weise nachgegangen.
       So wies  Marx z.B.  auf die Folgen der Vergesellschaftung der Ar-
       beit, der Notwendigkeit der Kooperation auf die arbeitenden Indi-
       viduen hin  (64), ferner  arbeitete er heraus, wie durch die Ent-
       wicklung der Großen Industrie die Aufhebung der Fesselung der In-
       dividuen an  Teilaufgaben möglich  wurde, und damit eine Entwick-
       lung zur  Vielseitigkeit vorbereitet  wurde. Somit können wir zur
       Eingangsfrage zurückkehren,  wie Marx die Perspektive der allsei-
       tigen Entwicklung  des Individuums  in der wirklichen Entwicklung
       begründete und  welche Präzisierungen wiederum er schließlich um-
       gekehrt aus dieser Begründung gewann.
       Zur Präzisierung der Perspektive der Entwicklung des Individuums,
       wie sie  in der von Marx vorgefundenen Empirie angelegt war, lie-
       gen folgende Aussagen vor: es werde durch die revolutionäre tech-
       nische Basis  der Großen  Industrie notwendig  und  möglich,  das
       "Teilindividuum, den  bloßen Träger  einer gesellschaftlichen De-
       tailfunktion, durch das total entwickelte Individuum, für welches
       gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen
       sind" zu  ersetzen; notwendig  werde der Wechsel der Arbeiten und
       daher "möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines ge-
       sellschaftliches Produktionsgesetz" 65).
       Allseitigkeit scheint also möglich durch Wechsel der Tätigkeiten,
       dieser wiederum möglich durch die Aufhebung der Notwendigkeit des
       Detailgeschicks. Was  als weitere Bestimmung des entwickelten In-
       dividuums von  Marx selbst  genannt wurde  - wie  Vereinigung von
       Hand- und  Kopfarbeit, Aneignung  des Gattungsvermögens durch das
       Individuum -  war offenbar  in der materiellen Tätigkeit zunächst
       nicht auffindbar.  So wird es erklärbar, daß die von Marx angege-
       bene präzisierte  Perpektivbestimmung  nach  wie  vor  unpräzise,
       insofern als  unentschieden und unklar bleibt, wie die Verwirkli-
       chung der Allseitigkeit konkret denkbar ist. Ein Anspruch auf in-
       dividuelle Selbstverwirklichung  in der  Arbeit war  offenbar auf
       dem Stand  der Entwicklung  der technischen  Basis, wie  Marx sie
       vorfand, noch  nicht als  empirisch begründbarer  einholbar,  das
       heißt noch  nicht als Entwicklungstendenz (die auf Verallgemeine-
       rung drängte  - im  Widerspruch zur kapitalistischen Form der Ar-
       beit) freizulegen.
       Seit Marxens Analyse wurden nun aber vom Kapital aus dem fortwir-
       kenden Zwang  zur Verwertung des Werts die materiellen Produktiv-
       kräfte in  einem ungeheuren  Ausmaße weiterentwickelt, so daß die
       Frage naheliegt,  ob nicht  durch neuere  Entwicklungen neue Mög-
       lichkeiten geschaffen  wurden zur  Einsicht in die konkreten Per-
       spektiven individueller  Entwicklung, ob nicht in der weiter ent-
       wickelten Empirie reale Perspektiven der umfassenderen Verwirkli-
       chung allseitiger Entwicklung der Individuen - konkreter als dies
       zu Marxens Zeiten möglich war - ausmachbar sind. Diese Fragen be-
       dürfen der  empirischen Überprüfung - mit den von Marx entwickel-
       ten methodischen Instrumentarien -, werfen doch, wie bereits Sève
       formulierte, "die  politischen Kampfaktionen selbst die Grundpro-
       bleme der Psychologie der Persönlichkeit, die Theorie des Indivi-
       duums (auf).  Die Rückkehr  der Theorie zum Problem der menschli-
       chen Individuen gehört also zu den Kernfragen des Marxismus." 66)
       So soll  es im  folgenden darum  gehen, den Weg zur Lösung dieser
       Aufgabe zu diskutieren.
       
       (Teil IV und V folgen in SOPO 41)
       
       _____
       *) W. Wotschack:Automation,  Gesellschaftliche  Verhältnisse  und
       Persönlichkeit. Zur  Kritik eines  Beitrages von T. Waldhubel und
       S. Wenk  (Projektgruppe Automation  und Qualifikation),  in: SOPO
       37/38 (Dezember  1976), S.  117-137. Seitenangaben in Schrägstri-
       chen beziehen sich auf diesen Beitrag.
       1) Vgl. dazu den Beitrag von R. Nemitz, in: Das Argument 103.
       2) Th. Waldhubel,  S. Wenk (Projektgruppe Automation und Qualifi-
       kation), Wissenschaftlich-technischer  Fortschritt und  individu-
       elle Emanzipation. Zur Diskussion um die "Sozialistischer Persön-
       lichkeit" und  ihre Entwicklung  in der  DDR, in: SOPO 36 (August
       1976), S. 63-85.
       3) M. Bach, H. Krugs, W. Mühler, Kapitalistische Rationalisierung
       und die  Auswirkungen auf die Lage der Arbeiterklasse, in: Konse-
       quent 27 (April 77), S. 70.
       4) Wenn es  also als  Verdienst des Verfassers festzuhalten gilt,
       daß er  in seiner Kritik die einzig angemessene Ebene der Ausein-
       andersetzung betritt, so muß es umso unverständlicher erscheinen,
       daß er, um den Vorwurf der einseitigen Selektion hinsichtlich der
       DDR-Literatur zu untermauern /121/, selbst wiederum selektiv ver-
       fährt: zur Stützung seiner Gegenthesen trifft er nicht nur selbst
       eine bestimmte Auswahl an Zitaten von Autoren aus sozialistischen
       Ländern, sondern d über hinaus versäumt er es auch, von uns ange-
       führte Aussagen von Wissenschaftlern aus sozialistischen Ländern,
       die seiner  Auffassung des  Sachverhalts widerstreben, als solche
       zu kennzeichnen. Er kritisiert z. B. die These, die wissenschaft-
       lich-technische Entwicklung  sei die materielle Grundlage für die
       Annäherung der  Klassen und  Schichten, von Stadt und Land /119/,
       ohne darauf zu verweisen, daß diese Thesen von dem DDR-Soziologen
       Weidig übernommen  wurde (SOPO  36, S.  77); oder  -  an  anderer
       Stelle werde von uns zur Charakterisierung des Prozesses der Ver-
       änderung der  konkreten Arbeit der polnische Soziologe Widerszpil
       zitiert, der von dem "Prozeß der Intellektualisierung der produk-
       tiven Arbeit" sprach (SOPO 36, S. 78). W. kritisiert diese Formu-
       lierung, ohne  sie als  Zitat kenntlich zu machen /125/. - Solche
       Kritik scheint  uns jedoch  wenig weitertreibend. Richten wir die
       Frage an  den Verfasser:  Ist es in der wissenschaftlichen Arbeit
       völlig unüblich,  oder unnütz, diejenigen Positionen aufzunehmen,
       die vom  eigenen Forschungsstand  aus als die fortgeschrittensten
       erscheinen, oder  ist jedesmal  das Zurückfallen  anderer  hinter
       schon erreichte Positionen mit anzugeben?
       5) Es sei  hier angemerkt,  daß der  Verfasser diese Kritikpunkte
       als Resultat einer neuartigen Kapitalismustheorie betrachtet. Der
       Leser mag  anhand des  inkriminierten  Aufsatzes  von  Nemitz/May
       (Marxistische Blätter  3/1976) überprüfen,  ob diesen Mitgliedern
       der Projektgruppe  das auswegslose  Abenteuer gelungen  ist,  der
       Marxschen "Kritik  der politischen  Ökonomie", wie  sie  auf  ca.
       2 500  Seiten   -  die  "Theorien  über  den  Mehrwert"  und  die
       "Grundrisse" ausgenommen  - ausgearbeitet  vorliegt, auf  einigen
       Seiten der  "Marxistischen Blätter" eine neuartige Theorie entge-
       genzustellen.
       6) entfällt.
       7) M. Bach u.a., a.a.O., S. 75.
       8) W.F. Haug,  Vorlesungen zur Einführung ins 'Kapital', Nachwort
       zur zweiten Auflage, Köln 1976, S. 10.
       9) ebenda - Die Autoren M. Bach u.a. scheinen besonders wenig Ge-
       duld aufbringen zu wollen. Zitieren sie bspw. "die neue Produkti-
       onsweise verlangt gebieterisch nach Änderungen im Bildungssystem"
       (s. S.  73), so mag dieser Halbsatz aus dem Zusammenhang gerissen
       durchaus den  Vorwurf der  Vernachlässigung der  kapitalistischen
       Verhältnisse stützen.  Aber auf den Zusammenhang kommt es an: die
       betreffenden Gedanken  beleuchten gerade die Widersprüchlichkeit:
       z.B. "In  einer auf  Privatbesitz gegründeten  Gesellschaft voll-
       zieht sich  Bildungsplanung in einer durch und durch widersprüch-
       lichen Bewegung."  (Projektgruppe Automation  und  Qualifikation,
       Automation in  der BRD  (Argument-Sonderbände AS 7) Berlin (West)
       1976, S.  23) - Weiter wurde von uns dort ausgeführt: "Die beiden
       Hauptaufgaben von  Ausbildung im Kapitalismus, Qualifizierung der
       Arbeitskraft und  Integration in das System, geraten aufgrund der
       Anforderungen von  Automation in  zunehmenden Konflikt.  Die  ge-
       nauere Analyse der damit ins Werk gesetzten Dialektik soll in ei-
       ner späteren  Untersuchung vorgenommen  werden. Es ist jedoch von
       vornherein klar,  daß die  hier entfesselte Dialektik nicht schon
       von sich  aus zur  Befreiung der Gesellschaft aus den Fesseln des
       Privatbesitzes führen wird. ..." (ebd., S. 24).
       10) B. Brecht, Gesammelte Werke Bd. 9, Frankfurt 1967, S. 661.
       11) Ebd., S. 662.
       12) Vgl. dazu F. Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, S. 320 u.a.
       13) Philosophisches Wörterbuch,  hrsg. von  G. Klaus und M. Buhr,
       Reinbek 1972, S. 239.
       14) Phil. Wörterbuch, a.a.O., S. 242.
       15) Phil. Wörterbuch, ebd.
       16) Hegel, Phänomenologie  des Geistes,  Leipzig 1921,  S. 36/37.
       Zit. nach J. Zeleny, Die Wissenschaftslogik bei Marx und 'Das Ka-
       pital', Frankfurt 1970, S. 99.
       17) Vgl. dazu  Zeleny, a.a.O.,  S. 101: "...daß also Hegel einer-
       seits durch seinen Idealismus die Rolle des Denkens (eines objek-
       tivierten und hypostasierten) übertreibt und vergrößert, aber an-
       dererseits nicht  ausreichend dessen  Rolle, Aktivität, Selbstän-
       digkeit, die  Spezifik der  Bewegungsformen des menschlichen wis-
       senschaftlichen Denkens  sieht, das  vor der  Aufgabe steht,  die
       Wirklichkeit mit ihrer dialektischen ontologischen Struktur rich-
       tig zu erkennen und es herabsetzt"
       18) J. Schleifstein,  Einführung in  das Studium von Marx, Engels
       und Lenin, München 1973, S. 48.
       19) MEW 23, S. 623.
       20) Hegel, Logik II, 1, 2; zitiert nach Phil. Wörterbuch, a.a.O.,
       S. 243.
       21) Hegel, Phänomenologie  des Geistes,  Leipzig 1921, S. 4. Zit.
       nach Zeleny, a.a.O., S. 97.
       22) Phil. Wörterbuch, a.a.O., S. 243.
       23) K. Marx,  Einleitung  zur  Kritik  der  politischen  Ökonomie
       (Grundrisse der  Kritik  der  politischen  Ökonomie),  Berlin/DDR
       1953, S. 22.
       24) K. Holzkamp,  Die historische  Methode des wissenschaftlichen
       Sozialismus und  ihre Verkennung durch J. Bischoff, in: Das Argu-
       ment 84, S. 59.
       25) Ebd., S. 61.
       26) W. Hofmann, Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und
       20. Jahrhunderts, Berlin 1970, S. 10.
       27) MEW 13, S. 9.
       28) MEW 13, S. 9.
       29) MEW 20, S. 241.
       30) MEW 20, S. 19.
       31) MEW 20, S. 249.
       32) MEW 20, S. 19.
       33) Marx selbst  bemerkt in dem bereits erwähnten Vorwort, daß es
       sich bei diesem Gesetz um ein "allgemeines Resultat" handle, wel-
       ches seinen  "Studien zum  Leitfaden" gedient  habe. Die Kenntnis
       des Gesetzes kann die Kenntnisnahme und Erforschung der sich ent-
       wickelnden Wirklichkeit  nicht ersetzen. Das Gesetz ließ sich als
       "allgemeinstes Resultat...  aus der  Betrachtung der historischen
       Entwicklung der Menschen abstrahieren" (MEW 3, S. 27). Wurde dies
       Gesetz aus  der Untersuchung  des empirischen Materials gewonnen,
       so handelt  es sich  bei der abstrahierenden Formulierung um eine
       "verständige Abstraktion"  (Grundrisse, S.  7); allein "diese Ab-
       straktionen haben  für sich,  getrennt  von  der  wirklichen  Ge-
       schichte, durchaus  keinen Wert"  (MEW 3, S. 27). Sie könnten nur
       dazu dienen,  die Ordnung  des geschichtlichen  Materials zu  er-
       leichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten,
       schränken Marx  und Engels  ein. (Zur Bedeutung der dialektischen
       Grundgesetzmäßigkeiten  bei   der  wissenschaftlichen  Erkenntnis
       siehe auch K. Holzkamp, in: Das Argument 84, S. 57 ff.).
       34) Bei der  Analyse der  ökonomischen  Formen  des  Kapitalismus
       spielt die  gedankliche Trennung der gebrauchswertschaffenden Ar-
       beit von  der gesellschaftlichen Form dieser Arbeit eine zentrale
       Rolle: "Vor allem in der Analyse der Doppelbestimmung des kapita-
       listischen Produktionsprozesses ... als Arbeitsprozeß und Verwer-
       tungsprozeß wird  entscheidend auf die Einsicht in den Doppelcha-
       rakter der  Arbeit aufgebaut. Und was hängt hier davon ab? Nichts
       weniger als  der neue,  für die Analyse des Kapitalismus zentrale
       Formbegriff des Mehrwerts..." (F.W. Haug, Vorlesungen zur Einfüh-
       rung ins  'Kapital', Köln  1976, S.  188). Innerhalb  der Gesell-
       schaftswissenschaften stellt die gedankliche Abstraktion das zen-
       trale Mittel dar, um die unbegriffenen Erscheinungen eines Gegen-
       standes in  der Analyse  seiner Eigengesetzlichkeiten  in die Be-
       stimmungen des konkreten, begriffenen Gegenstandes zu überführen.
       Exemplarisch siehe  dazu U.  Holzkamp-Osterkamp,  Grundlagen  der
       psychologischen Motivationsforschung,  Bd. 1,  Frankfurt/M.,  New
       York 1976, S. 45 ff.
       35) Vgl. MEW 23, S. 198.
       36) Ebd., S. 618.
       37) W.F. Haug,  Die Bedeutung  von Standpunkt und sozialistischer
       Perspektive für  die Kritik der politischen Ökonomie, in: Das Ar-
       gument 74, S. 565: Die "transsoziale Relativierung... erlaubt es,
       die  zunächst  dunkle  Funktionsweise  einer  bestimmten  Gesell-
       schaftsform dadurch  aufzuhellen, daß sie als besondere Organisa-
       tionsform einer  allen Gesellschaften gemeinsamen Funktion darge-
       stellt wird.  Als allgemeine Gesellschaftsform fungiert dabei die
       sozialistische, indem ihr das allen Gesellschaften inhaltlich Ge-
       meine unmittelbar  die Form  bestimmt. Sie hat heuristische Funk-
       tion für die Gesellschaftswissenschaft, insbesondere für die Ana-
       lyse der kapitalistischen Produktionsweise."
       38) MEW 20, S. 249.
       39) Vgl. W.F. Haug, Die Bedeutung..., a.a.O., S. 581.
       40) W.F. Haug, Vorlesungen..., a.a.O., S. 140.
       41) Siehe auch z.B. Grundrisse, S. 314/15 oder S. 231.
       42) J. Schleifstein,  Einführung in  das Studium von Marx, Engels
       und Lenin, München 1973, S. 70.
       43) entfällt.
       44) entfällt.
       45) MEW 23, S. 452.
       46) MEW 20, S. 136.
       47) Ebd. - Indem Engels die Aufgabe des wissenschaftlichen Sozia-
       lismus   bestimmt,   unterscheidet   er   erneut   zwischen   den
       "geschichtlichen Bedingungen"  der Umwälzung und dem Subjekt die-
       ser Umwälzung.  - "Die entscheidende Bedeutung des Klassenkampfes
       für die  weitere Entwicklung gerät hier zu einem Randproblem" (M.
       Bach u.a., a.a.)., S. 67) - so lautet eine Kritik an dem Vorgehen
       der Projektgruppe Automation und Qualifikation. Verlangt wird of-
       fenbar, von  den materiellen Voraussetzungen und dem historischen
       Subjekt zugleich zu sprechen. Statt mit der Untersuchung der Aus-
       wirkungen der  Automation die neu heranwachsenden Voraussetzungen
       der politischen Befreiung zu bestimmen, empfiehlt das Autorenkol-
       lektiv, die  Frage zu  stellen: "Für  wen, im  Interesse  welcher
       Klasse wird  die neue Technik entwickelt; wozu, im Interesse wel-
       cher Klasse  werden neue Technologien angewendet?" (ebd., S. 71).
       Mit der Frage ist die Antwort bekannt: im Interesse des Kapitals.
       Nur: was  ist mit  dieser Feststellung gewonnen? Als wesentlicher
       Bestandteil der  wissenschaftlichen  Fundierung  des  Sozialismus
       konnte die gedankliche Trennung der beiden Seiten der realen Ein-
       heit materielle  Produktion aufgewiesen  werden. Mit dieser Tren-
       nung wird  erst entscheidbar,  in welcher  Weise  welche  wissen-
       schaftlich-technische Entwicklungen - obwohl sie im Interesse des
       Kapitals hervorgebracht  und angewandt - der Vorbereitung des So-
       zialismus dienen,  die Widersprüche  zur privaten Form ihrer Nut-
       zung zuspitzen.
       48) entfällt.
       49) Darauf hat  auch erneut  F. Tomberg in seiner Auseinanderset-
       zung mit  Althusser, dessen  Charakterisierung des Marxschen Ver-
       fahrens im  Kapital als "theoretischen Antihumanismus", hingewie-
       sen: Es  gebe "tatsächlich  so etwas  wie einen Einschnitt in der
       Marxschen Methode  ... Er besteht darin, daß Marx vom unmittelba-
       ren Gegenstand  der empirischen  Forschung, den konkreten Indivi-
       duen, abstrahiert, um die von diesen Individuen eingegangenen und
       permanent aufrechterhaltenen  Produktionsverhältnisse, die selbst
       nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind, in einer spezifischen Form,
       nämlich der kapitalistischen, zum Ausgangspunkt einer detaillier-
       ten theoretischen  Rekonstruktion ihres geschichtlichen Prozesses
       zu machen.  Nach wie  vor bleiben aber die Individuen, so wie sie
       in bestimmten  und sie bestimmenden Verhältnissen miteinander le-
       ben, Gegenstand  der Forschung.  Die  Abstraktion,  wie  sie  das
       'Kapital' vornimmt,  geschieht nur um dessentwillen." F. Tomberg,
       Louis Althussers antihumanistische Kapital-Lektüre,
       in: SOPO 39, S. 140.
       50) L. Sève,  Marxismus und  Theorie der  Persönlichkeit,  Frank-
       furt/M. 1972, S. 136. - Der "theoretisch-antihumanistischen" Deu-
       tung zufolge  sei der Marxismus das Gegenteil des Humanismus, "da
       er behaupte,  daß der  existierende Mensch ... keine reale, selb-
       ständige Substanz  sei und  auch keine  wirklich unabhängige  Ge-
       schichte habe ..."
       51) Ebd., S. 141.
       52) Ebd., S. 142.
       53) Marx/Engels: Manifest der Kommunist. Partei, Berlin/DDR 1945,
       S. 68.  Ferner: MEW  23, S.  618. - Vgl. hierzu auch U. Holzkamp-
       Osterkamp, Motivationsforschung I, a.a.O., S. 304 ff.
       54) MEW 23, S. 381.
       55) Dies wurde  von uns  bereits umrissen  in  "Wissenschaftlich-
       technischer Fortschritt  und Sozialist. Persönlichkeit", in: SOPO
       36, S. 64 f.
       56) Die oben angeführten Zielbestimmungen entwickelter Individuen
       lassen sich  so auch entnehmen aus der Kritik der Verhältnisse in
       den kapitalistischen  Betrieben der  Manufakturperiode  oder  der
       Großen Industrie;  Marxens Erfassungskategorien  lassen sich  als
       Negativ- oder  Gegenbegriffe charakterisieren:  so z.B.  "Einsei-
       tigkeit",  "Teilarbeiter",  "Detailgeschick",  "inhaltsleere  Ar-
       beit". Vgl.  MEW 23,  S. 381  f., 370, 359, 672 u.a. - Zur grund-
       sätzlichen Bedeutung der sozialistischen Perspektive in der Marx-
       schen Analyse  vgl. W.F.  Haug, Die  Bedeutung von Standpunkt...,
       a.a.O.
       57) Offensichtlich stellt  auch Marx  hier  einen  "zukünftige(n)
       Entwicklungsgrad der sich sträubenden Realität" gegenüber, wie W.
       unsere Methode kennzeichnen zu müssen glaubt und als kritikwürdig
       darstellt. U.E. reicht eine solche Feststellung zur Kritik - oder
       gar zum Aufweis eines utopischen, unwissenschaftlichen Verfahrens
       - keineswegs aus; müßte es doch vielmehr darum gehen, zu überprü-
       fen, inwieweit  in dem empirischen, dem "widersprüchlichen Prozeß
       der  Entwicklung"   /134/   die   Begründungselemente   für   den
       "zukünftigen Entwicklungsgrad aufgedeckt werden können.
       58) K. Marx, Grundrisse ..., a.a.O., S. 231.
       59) entfällt.
       60) MEW 26, S. 111.
       61) MEW 23, S. 386.
       62) MEW 23, S. 382.
       63) Ebd.
       64) (So z.  B. MEW  23, S.  354.) -  Bei Marx finden sich mehrere
       derartige Hinweise, verstreut im "Kapital" und "Grundrissen", die
       zur systematischen  Erforschung  herausfordern  (so  z.B.  Grund-
       risse..., a.a.O.,  S. 231).  Allerdings haben weder Marx noch die
       marxistische Wissenschaft nach ihm die Konsequenzen dieser Umwäl-
       zungsfaktoren für  die Entwicklung  der  arbeitenden  Individuen,
       ihre Haltungen  und Fähigkeiten  systematisch untersucht.  Dieses
       folgenreiche Desiderat  zu beheben,  hat sich das Projekt Automa-
       tion und  Qualifikation u.a.  zur Aufgabe  gemacht, - lassen sich
       doch auch  erst auf der Grundlage einer Geschichte der Arbeit die
       Konsequenzen gegenwärtiger technischer Entwicklungen auf die Ent-
       faltung der  Individuen umfassend bestimmen. - Vgl. dazu: Automa-
       tionsarbeit I (Methode), erscheint demnächst als Argument Sonder-
       band AS 19.
       65) MEW 23, S. 512.
       66) L. Sève  a.a.O., S. 140. - Bereits Lenin hat mehrfach auf die
       Schwierigkeiten hingewiesen,  die sich  für den Aufbau des Sozia-
       lismus in der SU aus der Rückständigkeit der Produktivkräfte, der
       materiellen und  subjektiven, ergaben:  "Barbarei", Analphabeten-
       tum, wie sie in dem industriell unterentwickelten Rußland von der
       herrschenden Klasse selbst nicht hatten überwunden werden müssen,
       hatten sich nach der Oktoberrevolution immer wieder als beschleu-
       nigt zu überwindendes Hemmnis für den sozialistischen Aufbau her-
       ausgestellt. Konfrontiert  mit den konkreten Aufgaben beim Aufbau
       des Sozialismus einerseits und den kulturellen Hinterlassenschaf-
       ten des  russischen Kapitalismus  andererseits, hat Lenin wieder-
       holt auf die Notwendigkeit der Bildung der Menschen, die die neue
       Gesellschaft gestalten  sollten, hingewiesen:  Bekannt sind seine
       Ausführungen  über   die  Unabdingbarkeit  der  Propaganda  gegen
       "Barbarei" und  "solche Geschwüre wie die Bestechlichkeit", gegen
       die "drei  Hauptfeinde", den "kommunistischen Hochmut", das Anal-
       phabetentum und  die Bestechlichkeit.  ("Die NÖP und die Aufgaben
       der Ausschüsse  für Politisch-Kulturelle  Aufklärung", in: Lenin-
       Werke, Bd.  33, S.  57 ff.).  So liegt auf der Hand, daß es Lenin
       hier um die Ausstattung der die Durchsetzung des Sozialismus vor-
       antreibenden Individuen  ging. - Vergegenwärtigt man sich, daß in
       den kapitalistischen Industrieländern z. B. der Kampf gegen Anal-
       phabetismus von  der herrschenden  Klasse selbst  geführt wurde -
       indem sie den Anforderungen der industriellen Produktion Rechnung
       tragen mußte  - sie  insofern ein  anderes Erbe hinterlassen hat,
       bzw. hinterlassen  wird, als  die russische  Bourgeoisie, stellen
       sich gerade  unter der  Perspektive grundlegender gesellschaftli-
       cher Veränderungen neue Aufgaben für die sozialistische Bewegung,
       die zugleich  auch Aufgaben  für die  marxistische Forschung dar-
       stellen, nämlich  die Untersuchung  der konkreten  Beschaffenheit
       der Individuen,  die zum  Kampf um  die Veränderung  der sozialen
       Verhältnisse gewonnen werden sollen.
       

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