Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


       zurück.....
       
       Wolfgang Müller, Christel Neusüß
       
       DIE SOZIALSTAATSILLUSION UND DER WIDERSPRUCH
       ============================================
       VON LOHNARBEIT UND KAPITAL
       ==========================
       
       Die folgenden Überlegungen sind aus Diskussionen zur Vorbereitung
       einiger Aufsätze  entstanden, in denen konkret sogenannte sozial-
       staatliche Eingriffe  des bürgerlichen  Staates in der BRD unter-
       sucht werden  und die in loser Folge in der SOZIALISTISCHEN POLI-
       TIK erscheinen  sollen. Bei  der Arbeit am empirischen Material -
       Wohnungspolitik, Sozialgesetzgebung, Bildungspolitik -, aber auch
       bei der  Untersuchung konjunktur- und wirtschaftspolitischer Ein-
       griffe des  Staates, ergab sich die Notwendigkeit, die Kategorien
       zur Bestimmung des Verhältnisses von Kapitalverwertungsprozeß und
       bürgerlichem Staat zu klären, wobei sich vor allem eine Auseinan-
       dersetzung mit den revisionistischen Theorien zu dieser Frage als
       notwendig erwies.  Es handelt  sich im folgenden also zunächst um
       eine Zusammenfassung  verschiedener Spielarten  der revisionisti-
       schen Staatsauffassung,  sodann um  ihre Charakterisierung und um
       die Entwicklung  ihrer inneren  Tendenzen. Weiter  werden Ansätze
       der Kritik  entwickelt, vor  allem an  der Verselbständigung  der
       Sphäre der  Einkommensdistribution von  der Produktionssphäre und
       an der  Darstellung der  Durchsetzung einer  spezifischen sozial-
       staatlichen Funktion,  wie sie Marx am Beispiel der Fabrikgesetz-
       gebung gegeben  hat. Erst  auf der  Basis dieser  Vorüberlegungen
       kann der  Versuch unternommen werden, die konkreten Erscheinungs-
       formen der  sozial- und wirtschaftspolitischen Staatstätigkeit in
       empirischen Untersuchungen  auf den  Kapitalverwertungsprozeß und
       seine widersprüchliche Entwicklung zu beziehen. An den Diskussio-
       nen waren  außer den  Verfassern u.a.  Elmar  Altvater,  Bernhard
       Blanke, Kristina  Blunck, Ulrich  Huttenlocher und  Alex Schubert
       beteiligt, ohne  daß in  allen  Fragen  Übereinstimmung  erreicht
       wurde. In  den Zusammenhang dieser Diskussion gehört auch die von
       Elmar Altvater  verfaßte Konjunkturanalyse  in SOPO  5/70; er war
       zudem an der Ausarbeitung des IM. Teils direkt beteiligt.
       Um Mißverständnissen  vorzubeugen, bemerken  wir noch  folgendes:
       der vorliegende  Aufsatz befaßt  sich mit  den  revisionistischen
       T h e o r i e n   vom  Sozialstaat,  gibt  also  keineswegs  eine
       R e a l a n a l y s e  des heutigen Sozialstaats - dies wird erst
       in der Untersuchung einzelner Bereiche geschehen. Daher wird auch
       nur am  Rande behandelt,   w i e   sich  die Sozialstaatsillusion
       entwickelt, wie  sie notwendig  in den  materiellen Verhältnissen
       und ihrer  historischen Entwicklung  begründet ist; im ganzen er-
       scheint die  Geschichte der  Theorie also  abgelöst von  der  Ge-
       schichte des Kapitals. Als erster Schritt der Kritik und Vorstufe
       zur Untersuchung  erschien uns  jedoch die Auseinandersetzung mit
       der Verselbständigung  des Staates  bzw. der Einkommensverteilung
       in der revisionistischen Theorie unerläßlich.
       
       I. Zur politischen Relevanz revisionistischer Staatstheorien
       ------------------------------------------------------------
       
       Die theoretische Einschätzung des Verhältnisses von Staat und ka-
       pitalistischer Gesellschaft war in der Geschichte der Arbeiterbe-
       wegung eines  der wesentlichen  Momente in der Auseinandersetzung
       um die  richtige politische  Strategie und  Organisationsform der
       Arbeiterklasse.  Revolutionäre  und  revisionistische  Positionen
       lassen sich  in diesen  Auseinandersetzungen nach ihrer Einschät-
       zung der  Rolle des  Staates in der kapitalistischen Gesellschaft
       unterscheiden.
       Die Auffassung  des Staates als einer gegenüber den Widersprüchen
       in der  Gesellschaft mehr oder weniger  s e l b s t ä n d i g e n
       Institution war  und ist die Voraussetzung für alle revisionisti-
       sche Strategie  und Praxis.  Die revisionistische  Strategie  be-
       hauptet zunächst,  daß sie den Kapitalismus durch den Sozialismus
       ersetzen wolle,  aber eben auf dem Wege gesetzlicher Reformen auf
       der Basis  der bestehenden Gesellschaft, durch schrittweise Über-
       nahme der  Staatsmacht durch  die Arbeiterklasse  (auf diese  Be-
       griffe aus  der Klassenbewegung der Arbeiter verzichten die revi-
       sionistischen Theoretiker erst allmählich; sie sprechen dann z.B.
       nicht  mehr  von  der  Arbeiterklasse,  sondern  von  den  "demo-
       kratischen Kräften").  Aber  diese  Entscheidung  für  eine  kon-
       tinuierliche "Revolution von oben" (1) (auch hier ist die revolu-
       tionäre Sprache als Phrase beibehalten) hat in der bisherigen Ge-
       schichte der  Arbeiterbewegung noch  immer damit geendet, den So-
       zialismus als politisches Ziel ganz ausdrücklich aufzugeben. "Wer
       sich daher  für den  gesetzlichen Reformweg anstatt und im Gegen-
       satz zur  Eroberung der  politischen Macht  und zur Umwälzung der
       Gesellschaft ausspricht, wählt tatsächlich nicht einen ruhigeren,
       sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein an-
       deres Ziel,  nämlich statt  der Herbeiführung einer neuen Gesell-
       schaftsordnung bloß unwesentliche Veränderungen in der alten." 2)
       Eine Strategie,  die den  bürgerlichen Staat  zum Subjekt gesell-
       schaftlicher Änderung  erhebt, kann  nur dann  als erfolgverspre-
       chend eingeschätzt  werden, wenn  der Staat  als ein "geheiligtes
       Gefäß" verstanden  wird, in  das man je nach der historischen Si-
       tuation einen  kapitalistischen oder  sozialistischen Inhalt ein-
       füllen kann, und wenn der Staat die Formen produziert, in der die
       Gesellschaft die  Reproduktion ihres  Lebens vollzieht. Demgegen-
       über sagt Marx, daß die "Zusammenfassung der bürgerlichen Gesell-
       schaft in  der Form  des Staates" 3) erfolge, daß die "bestehende
       Gesellschaft ... als Grundlage des bestehenden Staates" 4) aufzu-
       fassen sei,  daß also der bürgerliche Staat das Resultat der ent-
       wickelten warenproduzierenden,  also der kapitalistischen Gesell-
       schaft und ihrer auf dieser Form der Produktion beruhenden Wider-
       sprüche sei,  und daher  auch eine  durch diese  Widersprüche ge-
       prägte Institution  5). Die  Revision dieser  Staatsauffassung in
       den revisionistischen  Theorien implizierte folgerichtig auch die
       Ablehnung der  Auffassung, daß die Aufhebung der kapitalistischen
       Produktionsweise nicht  durch den  Staatsapparat, sondern  allein
       von der  revolutionären Arbeiterklasse  selbst  vollzogen  werden
       könne 6).
       Die Bestimmung  des bürgerlichen  Staates als Produkt der entwic-
       kelten warenproduzierenden, der kapitalistischen Gesellschaft und
       die daraus folgende Bestimmung der Strategie der Arbeiterbewegung
       macht es  notwendig, die  Kritik des Revisionismus nicht als iso-
       lierte Kritik der Auffassung von den politischen Institutionen zu
       betreiben. Auf  dieser Ebene jedoch bewegte sich mit Vorliebe die
       bisher politisch  relevant gewordene Auseinandersetzung mit revi-
       sionistischen Staatstheorien  seitens der  Linken in  der BRD und
       West-Berlin, die  Parlamentarismuskritik. In  der Diskussion über
       die Beteiligung  an den Bundestagswahlen, in der sich der SDS vor
       allem mit  der politischen  Funktion einer sozialistischen Partei
       im bürgerlichen Parlament unter monopolkapitalistischen Bedingun-
       gen auseinanderzusetzen  hatte, wurde die Kritik des bürgerlichen
       Parlamentarismus von  Marx, Engels,  Pannekoek und  anderen rezi-
       piert;  zusammen   mit  Agnolis   TRANSFORMATION  DER  DEMOKRATIE
       (Berlin-West 1967)  diente die  so entwickelte Auffassung als Be-
       gründung dafür,  daß das Parlament nicht zur Tribüne des Klassen-
       kampfes' tauge, und schon gar nicht ein Instrument zur Einführung
       des Sozialismus  sei, wie  in der  DKP noch angenommen 7). In der
       gegenwärtigen Unsicherheit  der Einschätzung  des Handlungsspiel-
       raumes   der    SPD-Regierung   und    ihrer   Möglichkeit    zur
       'Krisenmanipulation' innerhalb  der Linken zeigt sich jedoch, daß
       die Parlamentarismuskritik,  also die politische Kritik einer po-
       litischen, Institution,  nur  e i n  Moment der Revisionismuskri-
       tik sein  kann und daß diese Kritik, nimmt sie sich selber ernst,
       zur Kritik  der Entwicklung der verschiedenen Funktion des heuti-
       gen  Staates   -  seines  'Instrumentariums'  zur  Steuerung  der
       'Wirtschaft' und zur 'Befriedigung' der Gesellschaft - und seiner
       konkreten Schranken und Widersprüche übergehen muß. Denn Darstel-
       lung und  Kritik der staatlichen Institutionen als Manipulations-
       instrumente der herrschenden Klasse lassen die Grenzen dieser Ma-
       nipulation nicht  sichtbar werden.  Diese können  erst durch eine
       Analyse aufgezeigt  werden, die die Notwendigkeiten und Schranken
       staatlicher Eingriffe  aus den Widersprüchen des kapitalistischen
       Produktionsprozesses, als  Arbeits- und  Verwertungsprozesses, im
       einzelnen aufweist.  (Dafür ist dieser Aufsatz eine Vorbereitung;
       vgl. auch Elmar Altvaters Konjunkturanalyse in SOPO 5/70.)
       In diesem  Sinn ist  z.B. Lenins  Imperialismustheorie relevanter
       für die Einschätzung des bürgerlichen Staates und seiner Funktio-
       nen für den Prozeß der Kapitalverwertung als Lenins Darlegung der
       marxistischen Staatstheorie  in STAAT  UND REVOLUTION. Hier neigt
       Lenin nämlich  dazu, vom Staat im allgemeinen, unabhängig von der
       besonderen Form,  die er  in verschiedenen  historischen Entwick-
       lungsphasen der Organisation der materiellen Reproduktion der Ge-
       sellschaft annimmt,  zu sprechen. So verblassen in dieser aktuel-
       len polemischen  Auseinandersetzung mit  den Menschewiki  und der
       revisionistischen deutschen  Sozialdemokratie kurz  vor  der  Ok-
       toberrevolution die  Unterschiede zwischen feudalem und bürgerli-
       chem Staat.  Dies entspringt  folgerichtig der von Lenin in STAAT
       UND REVOLUTION  verfolgten  Absicht,  eine    p o l i t i s c h e
       Kritik der   p o l i t i s c h e n   Institutionen  mit dem  Ziel
       durchzuführen, die Notwendigkeit des Sturzes und der Zerschlagung
       des Staatsapparates durch die revolutionäre Arbeiterklasse aufzu-
       zeigen. Die  Frage ist in STAAT UND REVOLUTION: Welche politische
       Strategie soll  die Arbeiterklasse in einer revolutionären Situa-
       tion gegenüber  der politischen  Institution  Staatsapparat  ein-
       schlagen? Geht  es allerdings  darum, den  Handlungsspielraum und
       die Perspektive für Aktionsstrategien einer sich erst neu konsti-
       tuierenden sozialistischen  Bewegung zu  bestimmen, so hilft eine
       marxistische Staatstheorie  im Sinne von Lenins STAAT UND REVOLU-
       TION wenig  weiter, die  ganz allgemein von der Notwendigkeit der
       Zerschlagung des  Staatsapparates spricht,  aber keine  Handhaben
       zur Einschätzung der Effektivität und Reichweite staatlicher Ein-
       griffe in  den  Kapitalverwertungsprozeß  gibt.  (Daher  ist  die
       Schrift auch  nicht als  Einführungsschrift in 'die' marxistische
       Staatstheorie geeignet,  wozu sie  vielfach bei der Schulung her-
       halten muß.) Zur Entwicklung von Strategien ist es heute aber vor
       allem notwendig, Kriterien zu erhalten, wieweit die manipulativen
       Möglichkeiten des  Staatsapparates reichen,  wo sie  aufhören, wo
       sie neue  Widersprüche hervorbringen,  wo sie in kapitalistischer
       Form Elemente  einer wirklichen Vergesellschaftung der Produktion
       enthalten (z.B. bei der Standardisierung der Produktionselemente)
       usw. Es  geht also  nicht um eine allgemeine marxistische Staats-
       theorie, sondern  um die  Frage nach  den spezifischen Funktionen
       des Staates  für die Sicherung des Kapitalverwertungsprozesses im
       entwickelten Kapitalismus und um die Schranken dieser staatlichen
       Funktionen.
       Der Revisionismus ist die Form, in der der Klassengegner sich in-
       nerhalb der Arbeiterbewegung selbst festsetzt, in der die Ideolo-
       gie der  herrschenden Klasse  sich als herrschende Ideologie auch
       in der  Arbeiterklasse verbreitet.  Diese Verbreitung erfolgt na-
       türlich nicht  'auf dem  Rücken der bloßen Idee', sondern auf der
       Grundlage tatsächlicher  Erfahrungen, die  beidem: der revisioni-
       stischen Theorie  und dem  falschen Bewußtsein  der Arbeiter, ge-
       meinsamer Hintergrund  ist. Wesentlich  für die Herausbildung des
       Revisionismus in  der Geschichte der Arbeiterbewegung ist die Er-
       fahrung von  'sozialpolitischen' Gesetzen  des bürgerlichen Staa-
       tes, die  bestimmte Formen der Ausbeutung der Arbeiter im kapita-
       listischen Betrieb  einschränken und  die materielle Existenz der
       Lohnabhängigen für  Zeiten, in denen sie» ihre Arbeitskraft nicht
       als Ware  auf dem  Markt verkaufen  können (Krankheit, Alter, Ar-
       beitslosigkeit), auf  der Basis  eines  Existenzminimums  sichern
       (Arbeiterschutzgesetzgebung   und    Sozialversicherungssysteme).
       Diese Gesetze konnten leicht als Einschränkung der Herrschaft des
       Kapitals über  die lebendige Arbeit erscheinen, zumal ihre Durch-
       setzung immer  auch vermitteltes  Ergebnis der Klassenkämpfe war.
       Der Staat konnte so in den Augen der Arbeiterklasse, insbesondere
       aber ihrer  Organisation 8)  als ein  Instrument erscheinen,  mit
       dessen Hilfe  man sich auf dem Wege der 'Salamitaktik' stückweise
       die politische  und gesellschaftliche  Herrschaft aneignen könne.
       So schreibt  Sering richtig: "Dem Entwicklungsgrad dieser Staats-
       funktion (Verkehr, Bildung, Sozialpolitik) pflegt übrigens bis zu
       einem gewissen  Grad die  Stärke des  Reformismus parallel zu ge-
       hen." )  Zunehmende wirtschafts-  und sozialpolitische  Eingriffe
       des Staates, Konzentration des Kapitals und längere Prosperitäts-
       phasen, vor  allem vor dem 1. Weltkrieg und nach dem 2. Weltkrieg
       10), bilden  die hauptsächliche  Erfahrungsbasis für  die von der
       Möglichkeit  der   schrittweisen  Überführung   des  Kapitalismus
       m i t t e l s  des staatlichen Apparates. Sie erscheint im Gewän-
       de der  Bernsteinschen Theorie  vor dem 1. Weltkrieg, der Theorie
       vom organisierten  Kapitalismus und  der Wirtschaftsdemokratie in
       der Weimarer  Republik (Hilferding,  Naphtali usw.) und am Anfang
       der BRD  (Münchner Programm  des DGB 1949); auch in den Theorien,
       die die  gegenwärtige Phase  der kapitalistischen Entwicklung als
       staatsmonopolistischen Kapitalismus  bestimmen (z.B. "Imperialis-
       mus heute");  und schließlich  in der Theorie vom Wohlfahrts- und
       Interventionsstaat im  Sinne der  Frankfurter  Schule  (Habermas,
       Offe u.a.).
       Der Zusammenhang zwischen dem empirischen Bewußtsein der Arbeiter
       (und auch  der Studenten)  und der  revisionistischen Theorie be-
       steht darin,  daß die  Theorie die  Erfahrungen  noch  begründet,
       rechtfertigt und  ihnen damit  noch den  Schein der Notwendigkeit
       anheftet. 11)  Das bedeutet zweierlei:  E r s t e n s  kann poli-
       tische Agitation  in der  Arbeiterklasse nicht ohne Berücksichti-
       gung einer  langen reformistischen Tradition stattfinden. Für die
       Agitation der Studenten an der Universität ist die Kritik der re-
       formistischen Vorstellungen womöglich noch wichtiger, da ihre Si-
       tuation enger  als die  der Lohnabhängigen  an den Staat gebunden
       ist. Diese  Auseinandersetzung kann  nur geführt werden, wenn die
       Zusammenhänge zwischen den ökonomischen Verhältnissen und den po-
       litischen Formen, zwischen ökonomischem und politischem Kampf je-
       weils im  einzelnen aufgezeigt werden.  Z w e i t e n s  muß dar-
       aus die  Schlußfolgerung gezogen  werden, daß  Revisionismus  und
       falsches Bewußtsein  endgültig nicht  bloß theoretisch destruiert
       werden können,  sondern hierzu  soziale Kämpfe  und Klassenkämpfe
       notwendig sind.
       
       II. Zur Theorie vom Sozialstaat
       -------------------------------
       
       1. Die Souveränität des Staates bei
       -----------------------------------
       der Verteilung des Sozialprodukts
       ---------------------------------
       
       Eines ist  den meisten  revisionistischen mit den politologischen
       sowie vielen  nationalökonomischen Theorien  gemeinsam: sie gehen
       davon aus,  daß der  Staat im Kapitalismus die Möglichkeit zu um-
       fassender und  bewußter Regulierung ökonomischer, gesellschaftli-
       cher und politischer Prozesse hat. Dabei ist das eigentliche Ter-
       rain, auf  dem der  Staat als  'Sozialstaat' sich als selbständig
       gegenüber der  kapitalistischen  Produktion  erweisen  soll,  die
       Sphäre der  'Verteilung des  Sozialprodukts'. Hier  soll er seine
       Hebel zur Verbesserung oder gar schrittweisen Überführung der ka-
       pitalistischen Gesellschaft  in Richtung  auf den Sozialismus an-
       setzen können.  Eine solche Vorstellung schließt also die Annahme
       ein, "daß  die Distribution  als selbständige, unabhängige Sphäre
       neben der  Produktion haust"  12). Die Produktion und die sie be-
       herrschenden Gesetze  sollen  also  der  'Verteilung'  13)  keine
       grundsätzlich nicht manipulierbaren Schranken setzen. Eine derar-
       tige Auffassung  läßt sich in den revisionistischen ebenso wie in
       zahlreichen bürgerlichen  (vor  allem  politologischen)  Theorien
       ausmachen, wie an einigen Beispielen gezeigt werden soll.
       So unterscheidet  z.B. der von der Linken in der BRD in den letz-
       ten Jahren  gern zitierte  Otto Kirchheimer  (1930) zwischen  der
       "Direktionssphäre" und  der "Verteilungssphäre", wobei die Direk-
       tionssphäre "der  Eigengesetzlichkeit der  kapitalistischen Wirt-
       schaftsordnung" unterliegt,  während die  Verteilungssphäre  "dem
       freien Spiel der politischen Kräfte vorbehalten ist" 14). Der au-
       tonom durch  staatliche Manipulationen regulierbaren Verteilungs-
       sphäre wird  eine "Direktionssphäre"  gegenübergestellt, die  für
       Kirchheimer identisch  ist mit  der kapitalistischen  Produktion.
       Bei Paul  Sering, an  dessen Schrift  JENSEITS  DES  KAPITALISMUS
       (1946) sich  eine ganze  Generation von Linksgewerkschaftlern und
       Linkssozialdemokraten in  der BRD  geschult hat, tritt die Loslö-
       sung der  Distribution von  der Produktion  deutlich  zutage:  es
       werde "immer  sichtbarer, daß  die tatsächliche Einkommensvertei-
       lung nicht  durch unveränderliche ökonomische Gesetze entschieden
       wird, sondern  durch den politischen Kampf um den Einfluß auf die
       Wirtschaftspolitik der  Regierung geändert  werden kann" 15). Wie
       es für  den von Lenin gegeißelten  Ö k o n o m i s m u s  typisch
       ist, ökonomische Prozesse als letztlich die politische Sphäre de-
       terminierend anzusehen,  so erscheint  die konträre  Spielart des
       Revisionismus als   "P o l i t i z i s m u s",   der  die politi-
       schen Möglichkeiten des Staates gegenüber den ökonomischen Geset-
       zen  v e r a b s o l u t i e r t,  indem er die Totalität der ka-
       pitalistischen Gesellschaft  säuberlich in  Sphären trennt, unter
       denen die politische hervorragt als diejenige, in der wesentliche
       gesellschaftliche Veränderungen  möglich seien,  ohne daß an 'der
       ökonomischen Sphäre  etwas Wesentliches geändert würde. Dies ver-
       sucht man  gerade am Beispiel sozialpolitischer Maßnahmen des ka-
       pitalistischen Staates  zu zeigen; so etwa Bernstein, nach dessen
       Auffassung sich  "der klassische Begriff des Kapitalismus gewöhn-
       lich auf  drei  g e t r e n n t e  Gebiete (bezieht): die Produk-
       tionsform, die  Verteilungsform und die gesetzlichen Beziehungen.
       Nur die  erste sei  in der  vorangegangenen Zeit nicht wesentlich
       verändert worden;  die beiden  anderen seien großen Veränderungen
       unterworfen gewesen" 16).
       Diese absolute  Trennung der  beiden Sphären, in der die Verselb-
       ständigung des  Staatsapparates unvermittelt  zur  Autonomie  des
       Staats  gegenüber  der  kapitalistischen  Produktionsform  führt,
       kommt auch  in der  Theorie vom  'politischen Lohn' zum Ausdruck,
       wie sie  von Rudolf  Hilferding (1927) formuliert worden ist. Da-
       nach wird  der Lohn nicht mehr durch ökonomische Gesetze, sondern
       durch die  Stärke der  parlamentarischen Vertretung der Arbeiter-
       klasse, von der Stärke ihrer Organisation und den sozialen Macht-
       verhältnissen außerhalb  des Parlaments  bestimmt 17).  Die Regu-
       lierbarkeit des  ökonomischen  Antagonismus  im  'Generalkartell'
       findet ihre  Entsprechung in der politischen Regulierung der Mas-
       seneinkommen, nun  aber unabhängig von den ökonomischen Gesetzen.
       Ganz in diese Tradition revisionistischer Verklärungsversuche ge-
       hört denn  auch die  These von  Claus Offe  (1969),  das  Indivi-
       dualeinkommen unterliege  heutzutage  "politischen  Regulationen"
       und lasse  sich nicht  mehr aus der kapitalistischen Produktions-
       weise, sondern  aus den  soziologisch-politischen Konstellationen
       der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erklären 18).
       Die Verteilung  erscheint also  nicht mehr als notwendiges Moment
       des Produktions-  und Zirkulationsprozesses des Kapitals, sondern
       als Feld  für politisch bestimmte Staatsakte. In welche Portionen
       die  produzierte  Warenfülle,  der  "Kuchen  des  Sozialprodukts"
       (Erhard) vom Staat verteilt wird, das ist abhängig von der Inten-
       sität und  Vehemenz, in  der die  verschiedenen sozialen  Gruppen
       ihre 'Interessen'  gegenüber dem  Staat vertreten, von der Kampf-
       stärke der  Arbeiterklasse, vom Stand des politischen Bewußtseins
       der 'Bürger',  von  der  Sorge  des  Staates  ums  'Systemgleich-
       gewicht', davon,  ob der  politische Willensbildungsprozeß  demo-
       kratisch oder  autoritär erfolgt,  von der  Effizienz der Verwal-
       tung, vom  Sieg der einen oder anderen Partei bei den Wahlen, vom
       Grad der  politischen Beteiligung  usw. 19),  also von politisch-
       gesellschaftlichen  Verhältnissen,   die,  da   von  ökonomischen
       Gesetzmäßigkeiten  unabhängig,  dem  "gesellschaftlichen  Zufall"
       unterworfen sind  20). Wenn  auch die  "ökonomische  Tendenz  zur
       Ungleichheit" nicht  einfach geleugnet  wird, so wird doch gerade
       aufgrund der "Verselbständigung" der politischen Sphäre dem Staat
       die Möglichkeit  zur "politischen  Kompensation" der naturwüchsig
       dem Produktionsprozeß entspringenden Ungleichheit eingeräumt. Dem
       Staat stehen  aufgrund  dieser  behaupteten  Selbständigkeit  der
       "politischen gegenüber  der ökonomischen Macht" die Schlüssel zur
       Verteilung des 'Sozialprodukts' zur Disposition 21).
       Kapitalistische Produktion und Verteilung, sowohl der für die Er-
       weiterung der  Produktion als auch der für den individuellen Kon-
       sum bestimmten  Waren, haben  sich durch das Dazwischentreten der
       Staatsgewalt voneinander  gelöst. Der  Staat erscheint als gegen-
       über den Produktionsverhältnissen autonomes Subjekt. So erhält er
       in der  bürgerlichen Theorie  konsequent die  Bezeichnungen "Ver-
       teilerstaat", "Wohlfahrtsstaat",  "Interventionsstaat",  "Dienst-
       leistungsstaat", "Gefälligkeitsstaat",  kurzum "Sozialstaat" 22).
       Denn der  Sozialstaat zeichnet  sich ja  nach  dieser  Auffassung
       dadurch aus, daß er über einen wachsenden Anteil am Sozialprodukt
       verfügt und  diesen nach politischen und sozialen Gesichtspunkten
       in  Form  von  Sozialleistungen,  Subventionen  und  öffentlichen
       Aufträgen zur  Produktion von  Schulen,  Krankenhäusern,  Straßen
       oder von  Raketen, Bomben  und Granaten  verwenden und  verteilen
       kann. Die  Entstehung des  zu Verteilenden, des "Sozialprodukts",
       also der  Produktionsprozeß,  existiert  nicht  als  Problem  der
       Verteilung. Daher  können  die  staatlichen  Maßnahmen  als  bloß
       politische, als  von den politischen Machtverhältnissen und nicht
       von  den  ökonomischen  Gesetzmäßigkeiten  der  Reproduktion  der
       kapitalistischen Gesellschaft abhängig aufgefaßt werden.
       Die nationalökonomischen  Theorien haben  demgegenüber im  ganzen
       eine realistischere Vorstellung von diesen ökonomischen Gesetzmä-
       ßigkeiten und  daher den Schranken der Staatstätigkeit. Das kommt
       schon in  der  terminologischen  Unterscheidung  der  "primären",
       "spontanen" von  der "sekundären",  "politischen" Verteilung  zum
       Ausdruck. Vielfach  (und das gilt besonders für die konservativen
       Varianten) werden daher die in den "Erfordernissen eines gesunden
       Wirtschaftsablaufs" liegenden Schranken der staatlichen Redistri-
       bution deutlicher  gesehen (regelmäßig z.B. in den sachverständi-
       gen Warnungen  vor einer  "überschäumenden Sozialpolitik" und der
       Empfehlung, die  beste Sozialpolitik  liege in  einer guten Wirt-
       schaftspolitik). Doch  ist auch  hier der  wirkliche Zusammenhang
       von Produktion  und Distribution  nicht erfaßt,  und es kann auch
       nicht anders  sein. Vom bürgerlichen Standpunkt aus kann die Dis-
       tribution der Produkte bzw. der Einkommen nicht als bloßes Moment
       des Kapitalkreislaufs und der in ihm enthaltenen Distribution der
       Produktionsagentien begriffen  werden, weil  mit dem  Begriff des
       kreislaufenden und  sich verwertenden  Kapitals zugleich die Pro-
       duktionssphäre als Ort der Produktion von Mehrwert begriffen wär.
       Auf die  Differenzen in  der  Einschätzung  der  staatlichen  Um-
       verteilung, wie  sie z.B.  im Rahmen der Distributionstheorie zum
       Ausdruck kommen,  werden wir  noch genauer  eingehen (vgl.  unten
       Teil III).
       Auch wenn  in den  revisionistischen Theorien im Anschluß an Marx
       noch von  'kapitalistischer' Organisation  der Produktion gespro-
       chen wird,  wie bei Habermas und Offe zum Beispiel - von den vor-
       faschistischen Vertretern  des Revisionismus  ganz zu  schweigen;
       sie konnten  noch unschuldig  mit dem Begriff 'Kapitalismus' ope-
       rieren -  entgeht ihnen  gerade das  Spezifikum  kapitalistischer
       Produktionsweise: daß die Basis der ökonomischen Reproduktion der
       Gesellschaft der  Kreislauf des  Kapitals ist  und die Sphäre der
       Verteilung der Einkommen lediglich ein Moment im Kapitalkreislauf
       darstellt. So  ist der 'politische Lohn' vom Standpunkt des Kapi-
       tals aus  betrachtet eben  variables Kapital,  das  vorgeschossen
       werden muß  und mit seiner Größe die Profitrate beeinflußt. Schon
       von diesem  - noch  genauer auszuführenden  - Aspekt  her erweist
       sich die Betrachtung der kapitalistischen Form der Produktion und
       der verteilenden  Tätigkeit des  Staates als voneinander gelöster
       Momente der kapitalistischen Gesellschaft als unrichtig.
       
       2. Unfähigkeit, den Produktionsprozeß
       -------------------------------------
       in seinem Doppelcharakter zu begreifen
       --------------------------------------
       
       Selbstverständlich tritt die Überschätzung staatlicher Eingriffs-
       möglichkeiten in den Verteilungsmechanismus, wie bereits angedeu-
       tet, in  jeweils modifizierten  Formen in den verschiedenen Theo-
       rien auf.  Sie reichen  von der völligen Aussparung der Produkti-
       onssphäre bis  zu ihrer beschränkten Berücksichtigung, nämlich im
       Rahmen der innerhalb der bürgerlichen Wissenschaften vorgegebenen
       Arbeitsteilung. Die  neueren Sozialstaatstheorien, die nicht mehr
       an einer  politischen Praxis der Arbeiterbewegung orientiert (und
       insofern nicht  mehr im  eigentlichen Sinn revisionistisch) sind,
       begreifen sich  vorwiegend als  politisch-soziologische  Theorien
       und überlassen  die Analyse  der  'Wirtschaft'  der  ökonomischen
       Theorie, aus  der sie dann auch die Sätze übernehmen, die am ehe-
       sten in  ihr Konzept  hineinpassen: Habermas stützt sich auf Joan
       Robinson zur  'Widerlegung' der  Marxschen Werttheorie  23), Offe
       auf Shonfield  24) und  alle insgesamt  auf  die  Keynesianischen
       Spielarten innerhalb der bürgerlichen Ökonomie. Sie begreifen da-
       her nicht  mehr, daß bereits in der Arbeitsteilung der einzelwis-
       senschaftlichen  Theoriebildung  die  Verabsolutierung  einzelner
       Segmente der  Totalität kapitalistischer  Produktionsweise impli-
       ziert ist  und daß auch die Zusammenfassung von Aussagen über die
       einzelnen Segmente  keinen Begriff des Ganzen ergeben kann. Eines
       ist jedoch  dem Revisionismus  seit Bernstein  gemeinsam, daß der
       Produktionsprozeß selbst  dort, wo  er explizit  Berücksichtigung
       findet, nicht  als widersprüchliche Einheit von Arbeits- und Ver-
       wertungsprozeß begriffen werden kann, sondern als bloßer Arbeits-
       prozeß erscheint, der sich allein durch seine besonderen juristi-
       schen und organisatorischen Formen noch als kapitalistischer aus-
       weist.
       Rosa Luxemburg  kritisiert schon  an Bernstein  zu Recht, er ver-
       stehe "unter Kapitalist nicht eine Kategorie der Produktion, son-
       dern des  Eigentumsrechts, nicht  eine  wirtschaftliche,  sondern
       eine steuerpolitische  Einheit. ...  Indem Bernstein  den Begriff
       Kapitalist aus  den Produktionsverhältnissen in die Eigentumsver-
       hältnisse überträgt ... überträgt er auch die Frage des Sozialis-
       mus aus  dem Gebiet  der Produktion auf das Gebiet der Vermögens-
       verhältnisse, aus  dem Verhältnis  von Kapital  und Arbeit in das
       Verhältnis von  reich und  arm." 25)  Hier wird deutlich, wie die
       Reduktion der  Kapitalismuskritik auf  die Frage  der  'gerechten
       Verteilung' bei Bernstein, die wiederum die Basis seiner reformi-
       stischen Strategie  ist - der Staat als Subjekt der gesellschaft-
       lichen Umwandlung - seiner bloß soziologisch-juristischen Bestim-
       mung des Kapitalverhältnisses entspringt. Diese aber ist nur mög-
       lich, wenn  der Produktionsprozeß nicht in seinem Doppelcharakter
       begriffen wird, sondern als bloßer Arbeitsprozeß, dem die kapita-
       listischen Bestimmungen nur als zufällige anhaften, die daher bei
       gutem Willen  des Kapitalisten und unter entsprechendem Druck der
       Arbeiterklasse innerhalb  des Kapitalismus  beseitigt werden kön-
       nen.
       Jeder Begriff  davon geht verloren, daß der Produktionsprozeß als
       Verwertungsprozeß des  Kapitals bestimmten  Gesetzmäßigkeiten un-
       terliegt, die  sich hinter  dem Rücken der Individuen durchsetzen
       und den  einzelnen Kapitalisten  zu ihrem  Vollzugsorgan  machen.
       Zwar wird das Wort 'kapitalistische Produktion' im Munde geführt,
       wobei man  im  Sinne  von  Marx  zu  sprechen  glaubt,  doch  der
       s p e z i f i s c h e   Charakter des  kapitalistischen Produkti-
       onsprozesses wird  dabei unterschlagen.  Jeder  Produktionsprozeß
       ist Arbeitsprozeß,  unabhängig von  den Produktionsverhältnissen;
       es wird  in ihm  nützliche Arbeit geleistet, deren Zweck die Her-
       stellung von  Gebrauchsgütern ist. "Im  A r b e i t s p r o z e ß
       bewirkt also  die Tätigkeit  des Menschen durch das Arbeitsmittel
       eine von  vornherein bezweckte  Veränderung des Arbeitsgegenstan-
       des. Der Prozeß erlischt im  P r o d u k t.  Sein Produkt ist ein
       G e b r a u c h s w e r t,  ein durch Formveränderungen menschli-
       chen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff." 26a) Demgegenüber ist
       der Verwertungsprozeß  dadurch gekennzeichnet,  daß er  nicht die
       Gebrauchswerte um  ihrer selbst  willen, sondern  als Träger  von
       Tauschwert  herstellt.  Der  Kapitalist  "will  nicht  nur  einen
       G e b r a u c h s w e r t   produzieren, sondern eine Ware, nicht
       nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur  W e r t,  sondern
       M e h r w e r t."   26b)  Der  kapitalistische  Produktionsprozeß
       findet nur  statt, wenn  zum einen in ihm mehr Wert erzeugt wird,
       als der  Kapitalist beim  Ankauf von  Produktionsmitteln und  Ar-
       beitskraft in  ihn hineingesteckt  hat, und  wenn zum anderen die
       erzeugten Produkte  als Waren  auf dem Markt verkauft werden kön-
       nen, ihre Umwandlung in Geldform zu gelingen verspricht.
       
       Sämtliche Methoden und Organisationsformen der Ausbeutung, die in
       der Geschichte des Kapitalismus praktiziert worden sind, zusammen
       mit den  Krisen und dem mit ihnen verbundenen Elend der Gesamtbe-
       völkerung, entspringen  dem Zwang, unter dem jeder einzelne Kapi-
       tal ist  steht, sein  Kapital verwerten  zu müssen  als Bedingung
       seiner Existenz.  Der gesamte  Produktionsprozeß ist  vom Verwer-
       tungszwang des Einzelkapitals geprägt, von der hierarchischen Or-
       ganisation des  Betriebes über  die technische Gestaltung der Ma-
       schinen und die Gestaltung der Fabrikräume bis hin zu den Antrei-
       bermethoden aller Art, die die für den Kapitalisten allergünstig-
       ste, d.h.  bestmögliche Ausnutzung und Auffüllung aller Poren des
       Arbeitstages, der gekauften Arbeitszeit des Arbeiters ermöglichen
       sollen. Die Arbeitskraft muß, darüberwacht der Kapitalist, in dem
       gewöhnlichen Durchschnittsmaß  der Anstrengung,  mit dem  gesell-
       schaftlich üblichen   G r a d   a n  I n t e n s i t ä t  veraus-
       gabt werden." 26c)
       Die besonderen  juristischen und organisatorischen Formen des ka-
       pitalistischen Produktionsprozesses  sind nichts  anderes als der
       n o t w e n d i g e  Ausdruck für den Doppelcharakter des Produk-
       tionsprozesses im  Kapitalismus als  Arbeits- und Verwertungspro-
       zeß. Von  den Revisionisten dagegen werden sie nahezu durchgehend
       als bloß   z u f ä l l i g e   Akzidenzien  angesehen. Dies zeigt
       sich vor  allem an  der Bestimmung der Rolle des Kapitalisten ge-
       genüber dem Arbeiter. Dieses Verhältnis wird in der revisionisti-
       schen Theorie  nicht aus dem ökonomischen Verhältnis zwischen Ka-
       pital und  Arbeit, also aus ihrer Beziehung innerhalb des Verwer-
       tungsprozesses des  Kapitals, im unmittelbaren Produktionsprozeß,
       erklärt. Es  wird nicht mehr gesehen, daß der einzelne Kapitalist
       und der einzelne Lohnarbeiter ökonomische Charaktermasken des Ka-
       pitalverhältnisses sind. In dieser Blindheit haben auch die Ideo-
       logien von  Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung ihre Wurzeln.
       So heißt  es bei  Fritz Naphtali  (1929) 26d): "Im Betrieb stehen
       Unternehmer oder überhaupt Leiter des Betriebes und Arbeiter ein-
       ander gegenüber;  hier bedeutet die Überwindung der unternehmeri-
       schen Despotie  das Mitbestimmungsrecht  für  die  Arbeiter,  die
       nicht mehr  als rechtlose  Objekte behandelt  werden sollen." Die
       Despotie des  Kapitalisten entspringt demnach bloß seiner Willkür
       und ist  auf der  organisatorischen Ebene  - Schaffung von Mitbe-
       stimmungsgremien innerhalb  des kapitalistischen  Betriebes -  zu
       beseitigen. Der Sozialismus wird zur ethischen Forderung, der Ka-
       pitalismus zu  einer Frage  der Unternehmermoral.  (Zur genaueren
       Kritik dieser  Auffassung vgl.  den Abschnitt  über die Fabrikge-
       setzgebung in diesem Aufsatz.)
       Eine andere  Variante der Negation des Doppelcharakters des kapi-
       talistischen Produktionsprozesses  finden  wir  in  Paul  Serings
       Theorie von  der Produktionshierarchie.  Der kapitalistische  Be-
       trieb erscheint  ihm  als  rationale  Organisation,  in  der  die
       "P r o d u k t i o n s i n t e l l i g e n z"  (Techniker, Markt-
       experten)     "u n e r m ü d l i c h     f ü r    w e i t e r e n
       F o r t s c h r i t t   u n d   f ü r   d i e   S c h a f f u n g
       k o o p e r a t i v e r     F o r m e n     t e c h n i s c h e r
       u n d   w i r t s c h a f t l i c h e r  O r g a n i s a t i o n"
       arbeitet und  in der die Manager "in erster Linie Menschen" sind,
       "die die  Fähigkeit erworben  und erwiesen  haben, Entscheidungen
       über das Inganghalten einer komplizierten Organisation zu treffen
       und durchzusetzen."  "...  d e r  e i n z i g e  P u n k t ,  w o
       d i e   a l t e   E i n h e i t   d e r    U n t e r n e h m e r-
       f u n k t i o n   e r h a l t e n    b l e i b t,    w o    d i e
       L e i t u n g   d e r  P r o d u k t i o n  t a t s ä c h l i c h
       v o m    p e r s ö n l i c h e n    P r o f i t i n t e r e s s e
       d e s   E i g e n t ü m e r s    a b h ä n g t,    i s t    d i e
       S p i t z e   d e r   P y r a m i d e   - die monopolistische und
       finanzielle Oligarchie.  Und diese  Oligarchie verwächst, wie wir
       gesehen  haben,   zunehmend  mit   den  Organen  der  staatlichen
       Wirtschaftspolitik." 27)
       Es wird hier also vom Doppelcharakter des (kapitalistischen) Pro-
       duktionsprozesses als  Arbeits-  u n d  Verwertungsprozeß abgese-
       hen. Im  kapitalistischen Betrieb ist aber der Leiter der Produk-
       tion immer auch Mehrwerterpresser. 28) Damit ist die Unterwerfung
       der lebendigenunter  die tote Arbeit, die Mehrwertauspressung und
       die Ökonomie  (d.h. Sparsamkeit) des Kapitals, die darin besteht,
       daß sie  "bei aller  Knauserei durchaus  verschwenderisch mit dem
       Menschenmaterial umgeht", 29) aus der Organisation der Produktion
       im kapitalistischen  Betrieb verschwunden.  Dieser wird  als eine
       technisch-rationale Anstalt  aufgefaßt;  kapitalistisch  ist  nur
       noch die  oberste organisatorische Spitze. Zur Einführung des So-
       zialismus bedarf  es dann nur noch der Auswechslung des Personals
       an der Spitze, der Zurückdrängung des Einflusses der kapitalisti-
       schen Oligarchie auf die Wirtschaftspolitik durch eine starke so-
       zial-demokratische Regierung  und die  allmähliche Absetzung  der
       Spitzen und  ihr Ersatz  durch Planungsfachleute. Die gegenwärtig
       von der DKP im Anschluß an die Theorie vom staatsmonopolistischen
       Kapitalismus vertretene Strategie zur friedlichen Überführung des
       Kapitalismus in  den Sozialismus  beruht auf ebensolchen Vorstel-
       lungen. Von zwei Seiten soll die Macht des Monopolkapitals einge-
       schränkt werden:  durch Mitbestimmung  im Betrieb  und durch  die
       Entfaltung eines  demokratischen Programms der Wirtschaftspolitik
       im Kampf gegen die Monopole. Es geht um die allmähliche Übernahme
       des "Apparates  zur Lenkung und Leitung der Wirtschaft" und seine
       "Unterordnung unter die Interessen des Volkes".
       "Zwischen der  Herrschaft des staatsmonopolistischen Kapitalismus
       und der Errichtung der Diktatur des Proletariats für den Übergang
       zum Sozialismus  liegt die  Etappe der Erkämpfung, Errichtung und
       Entfaltung der  gegen den staatsmonopolistischen Kapitalismus ge-
       richteten Demokratie..." 30)
       
       3. Erfolgreiche Konjunkturpolitik
       ---------------------------------
       als Voraussetzung der Sozialpolitik
       -----------------------------------
       
       Die Annahme  von der Autonomie staatlicher Verteilungspolitik ge-
       genüber den  Verwertungsgesetzen kapitalistischer Produktion kann
       auf eine  Voraussetzung nicht  verzichten: die  'Wirtschaft'  muß
       weitgehend   k r i s e n f r e i   funktionieren, die ökonomische
       Reproduktion der Gesellschaft muß in kontinuierlichem  W a c h s-
       t u m  ablaufen. Ohne diese Voraussetzung ist die Annahme von der
       Autonomie der  Verteilungspolitik unhaltbar. Denn alle Kategorien
       der 'Verteilung'  (immer: der  Einkommen) und  damit auch  der an
       ihnen ansetzenden  Politik sind  - wie für den 'politischen Lohn'
       schon angedeutet  wurde -  zugleich und  vor allem Kategorien des
       Kapitalkreislaufs und  werden folglich  auch durch  jede Stockung
       des  Kapitalkreislaufs   beeinflußt.  Arbeitslosigkeit   und  ein
       stagnierendes oder gar sinkendes Sozialprodukt machen schließlich
       jede Verteilungspolitik  unter sozialstaatlichen  Gesichtspunkten
       illusorisch. Folgerichtig gehen auch alle sozialpolitischen Pläne
       und Prognosen  der Bundesregierungen  von einem mehr oder weniger
       kontinuierlichen  Zuwachs   des  Sozialproduktes   aus.  31)  Die
       Voraussetzung der Krisenfreiheit muß allerdings begründet werden;
       und in  den Begründungen  unterscheiden  sich  die  Sozialstaats-
       theorien.
       Für Bernstein  ebenso wie für die Theorien des 'organisierten Ka-
       pitalismus' in  den 20er Jahren 32) waren es Kapitalkonzentration
       und Ausbildung  des Finanzkapitals, die die Krisen zum Verschwin-
       den  bringen   sollten;  sie   sollten   -   im   Gegensatz   zum
       'Konkurrenzkapitalismus' und der 'Anarchie des Marktes' - dem Ka-
       pital unter Hilfestellung des demokratischen Staates, die Planung
       der Produktion  ermöglichen. Die  revisionistischen Theorien nach
       der Weltwirtschaftskrise  mußten andere Erklärungsmodelle entwic-
       keln. Denn  durch die  Weltwirtschaftskrise war  die Annahme  der
       Krisenfreiheit als  Folge einer  ungesteuerten Entfaltung der Ge-
       setze kapitalistischer  Akkumulation selbst  ad absurbum  geführt
       worden. Seit  dieser Zeit gehen beinahe alle bürgerlichen und re-
       visionistischen Theoretiker  - von  den  Wohlfahrtsstaatstheorien
       über den  Neoliberalismus bis zu den rechts- und linkskeynesiani-
       schen Ablegern  in der  heutigen Sozialdemokratie  und in den Ge-
       werkschaften - davon aus, daß durch staatliche Eingriffe die öko-
       nomische Basis gefestigt werden kann, über die der Staat sich als
       Sozialstaat dann  frei zu erheben vermag. Es ist heute nicht mehr
       möglich, in ökonomischer Unschuld das Verschwinden der Krisen den
       naturwüchsigen Mechanismen  kapitalistischer Akkumulation  selbst
       anzurechnen. Vielmehr soll heute versucht werden, die Krisenfrei-
       heit der  gesamten Produktion durch bewußte Eingriffe des Staates
       herzustellen, und das heißt: durch ein Subjekt, das in die zu re-
       gulierenden Abläufe  nicht verwickelt ist. So bedingen sich Poli-
       tik des  Krisenmanagements  und  Verteilungspolitik  des  Staates
       wechselseitig: die krisenverhindernden Interventionen des Staates
       sind Voraussetzung für seine sozialpolitischen Maßnahmen; die Au-
       tonomie des  Staates in der Sphäre der Einkommens-Verteilung wie-
       derum ist Voraussetzung für seine 'Krisenvermeidungsstrategien'.
       Das läßt  sich an  folgendem Beispiel  sehr leicht zeigen: Die in
       der Vorstellung  vom 'politischen  Lohn' implizierte Annahme, der
       Lohn könne politisch geregelt werden, wird den bürgerlich-techno-
       kratischen Vorstellungen  von der Möglichkeit der Regulierung der
       Volkswirtschaft mittels  'Einkommenspolitik', 'konzertierter  Ak-
       tion' bzw. 'Lohnleitlinien' zugrundegelegt. Der 'politische Lohn'
       als Ausdruck staatlicher Autonomie in der  V e r t e i l u n g s-
       s p h ä r e   soll nun  unvermittelt als  ökonomisches Manipulie-
       rungsinstrument dienen, um die  P r o d u k t i o n  antizyklisch
       zu  stabilisieren.  Der  Staat  setzt  also  in  der  Sphäre  der
       Verteilung an,  um hier  in der  Weise  in  den  Kapitalkreislauf
       einzugreifen, daß  ökonomische Krisen  'entschärft'  werden.  Die
       Voraussetzung für  die Regulierungstätigkeit  des Staates von der
       Verteilungssphäre aus  ist demnach, daß die angenommene Autonomie
       in dieser  Sphäre doch  nicht so  weit geht,  daß sich  die  hier
       vorgenommenen   Eingriffe   nicht   auf   den   Produktionsprozeß
       auswirkten 33).  Somit erweist  sich die  Trennung von Produktion
       und Verteilung  unter diesem Gesichtspunkt nicht mehr als totale,
       sondern als   e i n s e i t i g e:   Es wird zwar angenommen, daß
       die   Verteilungs p o l i t i k   von den  Gesetzmäßigkeiten  und
       Grenzen des  Kapitalverwertungsprozesses unabhängig  sei. Aber es
       wird zugleich  angenommen, daß  der Akkumulationsprozeß  -  jetzt
       neutral mit  der Phrase vom 'stetigen Wirtschaftswachstum' belegt
       - sehr wohl durch Verteilungspolitik als Krisenvermeidungspolitik
       beeinflußt werden  könne. Damit  werden gleichzeitig die relative
       Autonomie des  Staates in  der Verteilungssphäre und damit in der
       Verteilungspolitik   und    zugleich   seine    Möglichkeit   zur
       "Krisenvermeidungsstrategie" 34)  begründet; das  eine  wird  zur
       Voraussetzung des  anderen und beides läßt sich durch das gleiche
       Subjekt  gewährleisten.   Der   Akkumulationsprozeß   und   seine
       Eigengesetzlichkeit ist  somit erst  recht als  Problem beseitigt
       bzw. obsolet, insbesondere da in den vergangenen 20 Jahren in der
       BRD  scheinbar   die  Wirksamkeit  staatlicher  Politik  und  die
       Richtigkeit der  auf diesen Annahmen beruhenden Theorien erwiesen
       worden ist.
       Auf diese Weise werden die Widersprüche zwischen kapitalistischer
       Produktion und  Sozialpolitik weitgehend eliminiert. Am deutlich-
       sten wird  dies in  den linkskeynesianischen bzw. gewerkschaftli-
       chen  Vorstellungen   von  der   Möglichkeit  des   erfolgreichen
       'Krisenmanagements' durch Lohnsteigerungen, da diese ja als Kauf-
       kraftsteigerungen die  effektive Nachfrage  ankurbeln sollen.  So
       sagte schon 1928 Fritz Tarnow: "In diesem Zusammenhang handelt es
       sich nicht  um das  Soziale, sondern  um die volkswirtschaftliche
       Notwendigkeit, einen  stärkeren Gebrauch  an Konsumgütern  zu er-
       zwingen, um  den Weg  zu vergrößertem  Verbrauch und vergrößerter
       Produktion freizulegen."  35) Und im Gefolge dieser bequemen Tra-
       dition des  bloßen Appells an den Staat und an die 'Vernunft' der
       Kapitalistenklasse anstatt  der Vorbereitung  der  Arbeiterklasse
       auf revolutionäre  Praxis empfiehlt  z.B. die  IG Metall 1967 dem
       Staat, den  Arbeitern mit  "Investitionskrediten die  Anschaffung
       eines PKW  zu erleichtern  und so gleichzeitig die Automobilindu-
       strie anzukurbeln"; zugleich beklagte sie die mangelnde Moral der
       Unternehmer, die  aus lauter Böswilligkeit und gegen ihre bessere
       Einsicht, daß  doch erst  der Massenkonsum den Absatz ihrer Waren
       gewährleiste. Sozialausgaben  und Löhne  in der Krise kürzen 36).
       Tarnow sah  immerhin noch  das hier  bestehende Problem,  wenn er
       schreibt: "Der   e i n z e l n e   Unternehmer kann zwar nach wie
       vor so  rechnen, daß  er von  einer Herabsetzung der Löhne nichts
       anderes als  Vorteil hat.  Für die  Unternehmer im    g a n z e n
       aber könnte  diese Manipulation  nicht mehr  vorgenommen  werden,
       ohne  die  Kapitals-  und  Profitinteressen  des  Unternehmertums
       selbst schwer  zu verletzen."  37) Daher plädiert er für die Ver-
       teilung der  Gesamtkaufkraft in  einem richtigen  Verhältnis zwi-
       schen Konsumtion und Akkumulation, die die Basis eines prosperie-
       renden Kapitalismus darstellen solle, in dem die Gesamtinteressen
       des Kapitals  und der  Arbeiterklasse harmonisch  zusammenfallen.
       Als Garant  solcher Harmonie kann natürlich nur der Staat fungie-
       ren. Aber  zu solchen  Vorstellungen schreibt  bereits Marx: "Mit
       Ausnahme seiner  eigenen Arbeiter,  erscheint jedem  Kapitalisten
       gegenüber die  Gesamtmasse aller andren Arbeiter nicht als Arbei-
       ter, sondern  als Konsumenten.  ... Er wünscht sich natürlich die
       Arbeiter der   a n d r e n  Kapitalisten als möglichst große Kon-
       sumenten   s e i n e r  Ware. Aber das Verhältnis jedes Kapitali-
       sten zu   s e i n e n   Arbeitern  ist das    V e r h ä l t n i s
       ü b e r h a u p t  v o n  K a p i t a l  u n d  A r b e i t,  das
       wesentliche Verhältnis." 38) Die Praxis der staatlichen Krisenma-
       nipulation  im   Jahre  1967   hat  gezeigt,   daß  es  auch  dem
       'Sozialstaat' geboten ist, dieses "wesentliche Verhältnis" zu be-
       rücksichtigen: er kürzte die Sozialleistungen und mußte es zulas-
       sen, daß die Löhne stagnierten und zum Teil sogar gesenkt wurden.
       Daß das  Kapital nur   a l s   e i n z e l n e s   existiert, der
       Staat als  Vertretung der gesamten Kapitalistenklasse demnach ein
       Interesse des   G e s a m t k a p i t a l s  nur insoweit vertre-
       ten kann,  als es auch das Interesse der Kapitale als Einzelkapi-
       tale -  zumindest aber  ihrer mächtigeren  Fraktion -  ist,  wird
       dabei   unterschlagen.    Das   im   Kapitalverhältnis   gesetzte
       widersprüchliche Interesse  jedes Einzelkapitalisten  an  größter
       Konsumtionskraft  aller   Arbeiter  mit   Ausnahme  der  von  ihm
       angewendeten und  an  möglichst  niedrigem  Lohn  seiner  eigenen
       Arbeiter, kann  auch der Staat nicht überspringen. Das kommt auch
       darin zum  Ausdruck, daß  die 'spontane' Verteilung zwischen Lohn
       und  Profit  gar  nicht  vom  Staat  geregelt  wird,  sondern  in
       d i r e k t e r     Konfrontation  der   'Tarifpartner'.   (Seine
       Tätigkeit  beschränkt   sich,  knapp   zusammengefaßt,  auf   die
       Umverteilung  innerhalb  der  Lohneinkommen  ('Sozialleistungen',
       Ausbildungskosten  der   Arbeitskraft)  und   auf  eine   gewisse
       Umverteilung des  Profits zwischen  verschiedenen  Kapitalgruppen
       (Subventionen, Investitionsanreize usw.) Vgl. auch oben Anm. 13.)
       Die Annahme  von der  gegenseitigen Ergänzung  der  krisenmanipu-
       lierenden und  der sozialpolitischen  Funktion des  Staates  läßt
       sich also  nicht halten.  Es bleibt  eine Unmöglichkeit  für  den
       Staat im  Kapitalismus, die  krisenfreie ökonomische Reproduktion
       der Herrschaftsverhältnisse,  d.h. des Kapitalverhältnisses, auch
       nur zu  versuchen und   g l e i c h z e i t i g   die  politische
       Aufhebung  dieses  Verhältnisses  zu  betreiben.  Eine  Milderung
       dieses allgemeinen  Widerspruchs wird  nur insofern versucht, als
       zur Reproduktion  des Kapitalverhältnisses  auch  ein  bestimmtes
       Minimum an  sozialer "Stabilität"  als Voraussetzung für den rei-
       bungslosen Ablauf  des Kapitalverwertungsprozesses  jeweils gesi-
       chert sein muß. Diesem Zweck dient die  S o z i a l p o l i t i k
       a l s   B e f r i e d u n g s p o l i t i k;  sie bleibt auch da-
       bei Moment  der Sicherung  der stetigen Reproduktion des Kapital-
       verhältnisses, stellt  also das  gerade Gegenteil von politischer
       Autonomie des  Staates dar, wie noch ausführlicher zu zeigen sein
       wird.
       Die bürgerliche Wissenschaft ist auch in dieser, aber auch nur in
       dieser Hinsicht  weniger illusionär als die revisionistischen Ge-
       werkschaftstheoretiker seit  der Weimarer  Republik, Die  sozial-
       staatlichen Aufgaben sind demnach der primären Aufgabe der Wachs-
       tums- und  Wohlstandssicherung  unterzuordnen.  Dabei  wird  auch
       durchaus der Konflikt zwischen diesen beiden Staatsfunktionen ge-
       sehen, aber die Übereinstimmung wird dann doch wieder mit der Be-
       hauptung hergestellt, daß die beste Sozialpolitik eine gute Wirt-
       schaftspolitik sei,  die durch  Sicherung des  Wachstums erst dem
       Staat die  Mittel zur  sozialen Verteilertätigkeit  zur Verfügung
       stelle und  zudem 'Erwerbslosigkeit'  verhindere. In diesem Sinne
       geht z.B. die im Auftrag der Bundesregierung (von zumeist den da-
       maligen Regierungsparteien nahestehenden Professoren) ausgearbei-
       tete SOZIALENQUETE (1966) davon aus, daß im Hinblick auf die Auf-
       gabe der  Sozialpolitik, nämlich  die Erfüllung des Sicherungsund
       Versorgungsbedürfnisses der Bevölkerung, im ganzen eine Identität
       mit den  Zielen der  Wirtschaftspolitik bestehe.  39) Eine  Wirt-
       schaftspolitik, welcher die Sozialpolitik nicht durch Ausgabener-
       höhungen zur  unrechten Zeit  (und die Zeit ist schließlich immer
       unrecht 40))  in die  Quere kommt,  soll danach in der Lage sein,
       wirtschaftliches Wachstum  und 'Vollbeschäftigung'  41) zu garan-
       tieren. "Sozialpolitik  im Ganzen ist ihrer Natur nach längerfri-
       stig orientiert  und ist  rational nur  durchführbar, wenn es der
       Wirtschaftspolitik gelingt,  übermäßige Konjunkturschwankungen zu
       verhindern". 42)  Daraus ergibt  sich dann  die Notwendigkeit der
       Ausrichtung und  Unterordnung der  Sozialpolitik unter  die wirt-
       schaftspolitischen Maßnahmen,  soweit dies  ohne  Gefährdung  des
       "sozialen Friedens"  möglich sei.  Die  Erhaltung  des  "sozialen
       Friedens" ist  somit ein  Bestimmungsfaktor für  die  u n t e r e
       G r e n z e    der  Sozialleistungen  (neben  der  Erhaltung  der
       "Arbeits-  und   Leistungsfähigkeit,  Berufserziehung  und  Mobi-
       lität").  "Preisstabilität"   und  "Investitionsbereitschaft  der
       Unternehmer" definieren  die   o b e r e   G r e n z e  43). Dies
       ist  der  Spielraum,  in  dem  sich  nach  der  Einschätzung  der
       Verfasser der SOZIALENQUETE die redistributiven sozialpolitischen
       Maßnahmen des Staates bewegen dürfen.
       
       4. Sozialstaat und pluralistische Demokratie
       --------------------------------------------
       
       Die theoretische  Trennung der  ökonomischen Bedingungen von Pro-
       duktion und  Distribution hat politische Konsequenzen. Historisch
       ist natürlich  die Theorie  Konsequenz revisionistischer  Praxis,
       nicht ohne  diese weiter zu bestätigen: der Versuch der Sozialde-
       mokratie zur wissenschaftlichen Begründung ihrer nicht-revolutio-
       nären Politik,  ihrer Zusammenarbeit mit Kapital und bürgerlichem
       Staat, führte  zu immer  erneuten Anläufen, einen gegenüber Marx'
       Zeiten grundsätzlich  veränderten Kapitalismus  und vor allem ein
       qualitativ verändertes  Verhältnis zwischen kapitalistischem Pro-
       duktionsprozeß und  Staat nachzuweisen.  Dieser  Nachweis  sollte
       dazu dienen,  die tatsächlich  verfolgte politische Strategie der
       Zusammenarbeit der Klassen im bürgerlichen Staat zu legitimieren.
       Dabei bilden  die Souveränität des Staates bei der Verteilung des
       Sozialprodukts und  das Verschwinden der kapitalistischen Krisen,
       sei es  als Ergebnis naturwüchsiger Prozesse der kapitalistischen
       Entwicklung, sei  es als Folge staatlichen Krisenmanagements, für
       die revisionistischen  Staatstheorien  wesentliche  Voraussetzung
       einer allmählichen  Überführung des Kapitalismus in den Sozialis-
       mus, des  bürgerlichen Staates  in einen  sozialen und demokrati-
       schen Rechtsstaat.  Nachdem die  sozialdemokratischen Theoretiker
       von Bernstein  bis Habermas  den Sozialstaat auf den festen Grund
       einer dauerhaft  wachsenden 'Güterfülle'  gestellt haben,  stehen
       der Verwirklichung  einer demokratischen  Gesellschaft auch keine
       unüberwindlichen Hindernisse  mehr entgegen:  "Der  Konflikt  der
       Klassen verliert  in dieser  Perspektive seine  revolutionäre Ge-
       stalt; eine   f o r t s c h r e i t e n d e    D e m o k r a t i-
       s i e r u n g   d e r   G e s e l l s c h a f t   ist auch   i n-
       n e r h a l b    d e r    k a p i t a l i s t i s c h e n    G e-
       s e l l s c h a f t s o r d n u n g   nicht von vornherein ausge-
       schlossen." 44)
       Bernstein wollte  eine nicht-revolutionäre  Strategie für die Ar-
       beiterklasse fomulieren: Sozialreformen statt Revolution. Die Be-
       hauptung, ein  revolutionärer Kampf  der Arbeiterklasse habe sich
       historisch erübrigt,  über den  Staat lasse  sich der Sozialismus
       schon durch  die Arbeiterparteien  und unter kräftiger Mitwirkung
       der Gewerkschaften  einführen ,  führte zur  Herausarbeitung  der
       Vorstellung, der Staat stehe den Bedingungen der kapitalistischen
       Produktion unabhängig gegenüber. Da der Staat im weiteren Verlauf
       der Entwicklung  (Weimarer Republik)  seine Eingriffe  in die Ge-
       sellschaft  vor   allem  auf   dem  Verteilungssektor  entwickelt
       (wachsender Anteil  des Sozialprodukts,  der vom  Staat  verteilt
       wird) 45), und zwar vermittelt über die parlamentarischen Ausein-
       andersetzungen, kommt  es dazu, daß die staatliche Verteilungstä-
       tigkeit als die Sphäre der Unabhängigkeit der Staatsgewalt gegen-
       über der Kapitalakkumulation aufgefaßt wird. Das ist der Ursprung
       der Theorie  vom politischen Lohn bei Hilferding und der entspre-
       chenden Auffassungen  bei Kirchheimer, Sering und anderen sozial-
       demokratischen Theoretikern.
       Nach Hilferding  werden die  politischen  Stärkeverhältnisse  der
       Klassen im  demokratischen Staat  durch die Wahlen dauernd gemes-
       sen. Diese  Kräfte werden  unmittelbar über  das Parlament in die
       Bildung des Staatswillens umgesetzt, der in der Demokratie Resul-
       tat des  Willens  der  Staatsbürger  sei.  So  ergebe  sich  eine
       "Anschmiegsamkeit der  Staatsmacht an  die wechselnden Stärkever-
       hältnisse", aus  der sich folgerichtig ein Steigen des bestimmen-
       den Einflusses  der Arbeiterpartei ergeben müsse - der Anteil der
       Arbeiterschaft an der Gesamtbevölkerung wächst 46). Dem müsse ein
       Ansteigen des  Lohnes nachfolgen, da der Lohn politisch und nicht
       ökonomisch bestimmt  sei. "Die  Arbeiterschaft betrachtet nunmehr
       den Staat  als das politische Instrument zum Aufbau des Sozialis-
       mus." 47) Wahlen und Parlament sollen als Mittel für die friedli-
       che Austragung der Kämpfe von Lohnarbeit und Kapital dienen.
       Als die  SPD im  Jahre 1949 dem Grundgesetz für die BRD im Parla-
       mentarischen Rat zustimmte, war sie von der Vorstellung bestimmt,
       der provisorische Charakter des neuen Staatswesens, die Offenheit
       der Verfassung  in Richtung  auf Sozialisierung  der großen Indu-
       strie (Art. 15), die starke Stellung der Regierungspartei und des
       Kanzlers nach  dem Grundgesetz, die Kompetenzen des Bundesgesetz-
       gebers und die grundgesetzlich fixierte Sozialstaatsklausel (Art.
       20) - also sämtlich Sicherungen im Bereich  s t a a t l i c h e r
       Machtausübung -  genügten, um  die Umwandlung  der zu dieser Zeit
       bereits restaurierten  kapitalistischen Gesellschaft  in eine so-
       zialistische zu ermöglichen.
       Mit parlamentarischer Mehrheit - die SPD rechnete damals fest mit
       einem Wahlsieg  - gedachte  sie, durch  die Übernahme der Staats-
       macht ihre  gesellschaftlichen und  politischen Vorstellungen  zu
       realisieren. Revolutionäre  Massenaktionen und  Kämpfe der Arbei-
       terschaft waren in diesem Konzept nicht vorgesehen, wie die ambi-
       valente bis ablehnende Haltung der SPD in den Verfassungsverhand-
       lungen zum politischen Streikrecht, wie auch das Fehlen jeglicher
       Absicherung  plebiszitärer  Aktionen  in  der  Verfassung  selbst
       deutlich machen.
       Aber auch die Inhalte ihrer politischen Vorstellungen handeln we-
       niger von  der Arbeiterklasse  als historischem  Subjekt  gesell-
       schaftlicher Prozesse  als vielmehr vom Staat. Der Gegensatz zwi-
       schen CDU/CSU  und SPD  hinsichtlich des  Verhältnisses von Staat
       und Gesellschaft kulminierte darin, daß die CDU/CSU dem Staat nur
       eine subsidiäre,  nachträglich korrigierende  Rolle gegenüber der
       gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung zusprach, Sozial-
       politik also  als problemlos  sich ergebendes Abfallprodukt eines
       auf kapitalistischer  Basis sich  ungehemmt entfaltenden ökonomi-
       schen Wachstums  sah, während demgegenüber die SPD die staatliche
       Verantwortlichkeit gegenüber  den gesellschaftlichen und ökonomi-
       schen Prozessen,  die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit durch
       Eingriffe des Staates in die Ökonomie, durch Planung und Soziali-
       sierung auf  dem Gesetzeswege  hervorhob. Angelpunkt  der politi-
       schen Konzeption  der SPD für das Deutschland nach dem Faschismus
       war der  S o z i a l e  S t a a t;  gesellschaftliches Ziel, "daß
       man den  Menschen herausnimmt  aus  der  großen  Objektsituation"
       (Carlo Schmid)  historischer Akteur  die SPD als Partei im Parla-
       ment und  Schumacher als  Bundeskanzler mit Richtlinienkompetenz,
       Einführung des  Sozialismus also  durch eine  "gewisse Revolution
       von oben" 48).
       Die Aufgabe  des Sozialismus als Ziel im Godesberger Programm und
       das praktische Einschwenken auf die sozialpolitischen Vorstellun-
       gen der CDU seit der Großen Koalition ist also nichts anderes als
       die Entfaltung  dessen, was in der politischen Konzeption der SPD
       unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Faschismus schon enthalten
       war: diese Konzeption wiederum ist wesentlich eine Erneuerung des
       revisionistischen Traditionsbestandes der Weimarer Republik.
       Immerhin wird  in der  revisionistischen Theorie  nach dem Kriege
       noch ein  weiterer Schritt vollzogen, der die immanente Logik ih-
       rer Ansätze  vor dem  Faschismus voll entwickelt - dies aber eben
       aufgrund besonderer  historischer Entwicklungen: dem Zurücktreten
       der SPD  als erklärter Vertretung der Arbeiterklasse, ihre Neuge-
       burt als  Volkspartei. Im  Zuge dieser Entwicklung wird nun nicht
       mehr allein der Staat als unabhängig vom Kapitalverwertungsprozeß
       aufgefaßt, sondern die Gesellschaft selbst als eine in eine Viel-
       zahl von Interessengegensätzen sich auseinandersetzende, als plu-
       ralistische Gesellschaft verstanden.
       Der Logik einer Theorie folgend, der der antagonistische Konflikt
       zwischen Kapital und Arbeit lediglich als Konflikt um die Vertei-
       lung knapper  Mittel erscheint, verschwindet für den modernen Re-
       visionismus  der   Klassengegensatz  überhaupt:  mit  abnehmender
       Knappheit aufgrund eines wachsenden Sozialprodukts wird der Klas-
       sengegensatz zur  pluralistischen Auseinandersetzung um einen im-
       mer größer  werdenden Kuchen:  "Die industriell-fortgeschrittenen
       Gesellschaften haben,  auf einem  hohen und  immer erhöhten Stand
       der Produktivkräfte, eine Expansion des gesellschaftlichen Reich-
       tums erreicht,  angesichts derer die Erwägung nicht unrealistisch
       ist, daß  ein fortbestehender, wenn nicht vervielfältigter Plura-
       lismus der Interessen die antagonistische Schärfe konkurrierender
       Bedürfnisse im Maße der absehbaren Möglichkeit ihrer Befriedigung
       verlieren kann."  Eine 'Gesellschaft im Überfluß' erübrigt "einen
       von knappen Mitteln diktierten Ausgleich." 49) Die Klassentheorie
       hat sich  damit zur  Pluralismustheorie gewandelt.  Der vom Revi-
       sionismus in  der Weimarer Republik verbal noch aufrechterhaltene
       'Kampf der  Klassen' ist zum Ausgleich der pluralistischen Inter-
       essen über  konkurrierende Verbände  und Volksparteien  geworden.
       50) Ging  die Sozialdemokratie  der Weimarer  Republik noch davon
       aus, daß die für die politische Willensbildung relevanten gesell-
       schaftlichen Interessen nach wie vor durch den Gegensatz zwischen
       Kapital und  Arbeit sich konstituieren, dieser Gegensatz aufgrund
       von Entwicklungen der Ökonomie im Abnehmen begriffen sei und dem-
       zufolge auch  der Staatsapparat,  insbesondere das Parlament, zum
       Instrument einer  allmählichen Einführung  des Sozialismus tauge,
       so vollzieht der Revisionismus nach dem 2. Weltkrieg einen weite-
       ren Schritt  fort von  der Marxschen Theorie. Der politische Wil-
       lensbildungsund Entscheidungsprozeß  ist danach  das Ergebnis von
       Interessenauseinandersetzungen pluralistischer gesellschaftlicher
       Gruppen. Wenn  die Sozialstaatstheorie  die Souveränität des kri-
       senregulierenden   und   verteilenden   Staates   gegenüber   der
       (kapitalistischen) Produktionssphäre behauptet, so kennt sie eine
       entsprechende Souveränität nicht gegenüber den gesellschaftlichen
       Gruppen. Im  Gegenteil: der Staat wird in dieser Theorie als aus-
       führendes oder  bloß vermittelndes  Instrument gesellschaftlicher
       Interessen und  Interessengruppen begriffen,  die demzufolge auch
       die Inhalte  staatlicher Politik  bestimmen können.  Eine  solche
       Auffassung, die  den Staat  einerseits als   a b h ä n g i g  von
       den gesellschaftlichen  Interessengruppen (zunächst  mit  Vorrang
       von Lohnarbeit  und  Kapital),  andererseits  aber  als    s o u-
       v e r ä n   gegenüber  dem  'wirtschaftlichen  Prozeß'  begreift,
       führt  notwendig   auch  zu   einer  Auseinanderreißung  des  Zu-
       sammenhangs zwischen dem Produktionsprozeß und der Konstituierung
       gesellschaftlicher Interessengegensätze.  Wo der  Staat real oder
       zumindest der  Möglichkeit nach  als Subjekt  der Verteilung  des
       'Sozialprodukts' und der Regulierung des Wirtschaftsprozesses be-
       griffen wird,  wo ihm  die Gesetze der Verteilung und Regulierung
       nicht als  Gesetze  des  Kapitalverwertungsprozesses  prinzipiell
       vorgegeben sind, muß auch der Zusammenhang zwischen den bloß noch
       als 'gesellschaftlich'  erscheinenden  Interessengegensätzen  und
       der kapitalistischen  Produktionsweise abgestritten  werden. Kann
       nämlich der  Staat die  Verteilung des 'gesellschaftlichen Reich-
       tums' ändern,  ohne das  Kapitalverhältnis aufzuheben,  so können
       auch gesellschaftliche  Interessenwidersprüche beim  Kampf um die
       Verteilung nicht  mehr als bloße Resultate des Kapitalverhältnis-
       ses begriffen werden. Die Sphäre der Gesellschaft verselbständigt
       sich zum  Kampfplatz von  Interessen, dessen  Börse der Staat ist
       51).
       Bedarf der  Staat lediglich "positiv einer Anweisung, wie Gerech-
       tigkeit im  sozialstaatlichen Eingriff  zu verwirklichen ist", so
       können es  nicht prinzipiell  die Gesetze  der  Kapitalverwertung
       sein, die  diese positive  Anweisung im gegenwärtigen Zustand der
       kapitalistischen Gesellschaften  und Staaten  verhindern, sondern
       hier müssen  Hindernisse am Werk sein, die sich auf einer von der
       materiellen  Reproduktion  losgelösten  gesellschaftlichen  Ebene
       konstituieren. So wird für den zeitgenössischen Revisionismus die
       Frage nach  dem demokratischen und sozialen Rechtsstaat zur Frage
       nach  seinem   demokratischen  Potential,   zur  Frage  nach  der
       "politischen Mündigkeit des Volkes" 52), zur Frage nach den demo-
       kratischen und  friedliebenden Kräften, deren Stellung im Produk-
       tionsprozeß man  nur  noch  durch  das  Beiwörtchen  "antimonopo-
       litisch"  zu   definieren  versucht.   Mit  der  Erweiterung  des
       demokratischen Potentials,  mit  dem  Entstehen  politischen  Be-
       wußtseins müssen  sich automatisch  auch die  Handlungsspielräume
       der Staatsgewalt  in Richtung  auf die  Realisierung sozialer Ge-
       rechtigkeit erweitern.  Ein kontinuierlicher Übergang in eine Ge-
       sellschaft, die  die Regulierung  ihres Lebens selbst in die Hand
       nimmt, ist  also in dem Maße möglich, in dem ein wachsendes demo-
       kratisches Potential  auf den Staatsapparat eindringt und ihn als
       Instrument der  Herstellung einer  gerechten und vernünftigen So-
       zialordnung benutzt. Denn da der Staat zum "Träger der Sozialord-
       nung avanciert"  53) ist,  hängt es vom Bewußtsein derer, die ihn
       benutzen ab,  welche Sozialordnung  er realisiert. Mit dieser Be-
       gründung untersuchten  Soziologen des  Frankfurter Instituts  für
       Sozialforschung gegen Ende der 50er Jahre die Studenten: sie sind
       für diese Theorie als  d e m o k r a t i s c h e s  (!) Potential
       deshalb besonders  relevant, weil  sie später die leitenden Posi-
       tionen in  "den großen  Apparaten der  Industrie" und die höheren
       Beamten stellen 54). Das politische und gesellschaftliche Bewußt-
       sein der Manager und hohen Staatsbeamten ist danach ein wesentli-
       cher  Bestimmungsgrund   für   Vernunft   oder   Unvernunft   des
       'ökonomischen und  politischen Prozesses'  und der Formen und In-
       halte der  Bedürfnisbefriedigung. Die  gesellschaftlichen  Wider-
       sprüche reduzieren  sich letztlich auf das Bewußtsein der Indivi-
       duen, auf den guten oder bösen Willen der Kapitalisten bzw. ihrer
       Manager, auf das reaktionäre oder fortschrittliche Bewußtsein der
       Staatsbeamten, auf  die Frage  zum Beispiel,  aus welchen gesell-
       schaftlichen Schichten  sich die Elite regeneriert, womit man be-
       reits bei Dahrendorf angelangt ist 55).
       Die Frage nach Vernunft oder Unvernunft der Organisation der Pro-
       duktion und  der gesellschaftlichen  Bedürfnisbefriedigung  wird,
       ebenso wie  die Frage  nach der Vernunft politischer Entscheidun-
       gen, zur  Frage des  Inhalts in  den Köpfen  (und vor  allem  den
       Köpfen  der   Eliten).  Demokratie   wird  zur   Frage  nach  der
       ideologischen  und   politischen  Orientierung  der  herrschenden
       Eliten: Demokratietheorie  verkümmert zur  Elitetheorie. Mag auch
       die  historische   Herleitung  des  gegenwärtigen  Gesellschafts-
       zustandes  und   der   gegenwärtigen   Formen   der   politischen
       Willensbildung  in  differenzierteren  soziologischen  Kategorien
       erfolgen, so  endet  die  Analyse  doch  dabei,  sich  von  einer
       personellen Neubesetzung  des  Herrschaftsapparates  durch  Indi-
       viduen  kritischen   Bewußtseins  den   Beginn  des  'Abbaus  von
       Herrschaft' zu versprechen.
       Eine illusionslose,  nicht  mehr  am  Begriff  gesellschaftlicher
       Emanzipation orientierte  Konsequenz  der  Habermasschen  Sozial-
       staatstheorie ist  Offes Konstruktion  des Wohlfahrts- und Inter-
       ventionsstaates, die den Klassengegensatz als bewegende Kraft der
       gesellschaftlichen Entwicklung ausschaltet und die Kritik der po-
       litischen Ökonomie ausdrücklich als theoretischen Ansatz zur Auf-
       schlüsselung der Bewegungsformen und Gesetze der monopolkapitali-
       stischen Gesellschaft  ablehnt. "Unter  den Bedingungen des wohl-
       fahrtsstaatlich regulierten Kapitalismus (ist) die Herrschaft von
       Menschen über Menschen weithin abgelöst worden durch die Dominanz
       weniger  gesellschaftlicher     F u n k t i o n s b e r e i c h e
       gegenüber den  anderen. Der Bruch, der in den früheren Phasen der
       kapitalistischen Entwicklung  z w i s c h e n  den großen Positi-
       onsgruppen"  (gemeint  sind  Klassen)  "verlief,  verlagert  sich
       gleichsam in die Individuen hinein" 56).
       Gleichsam illusionsloser ist Offes Konstruktion deshalb, weil für
       sie die  Barrieren, die den "Aktionsspielraum des politisch-admi-
       nistrativen Zentrums" 57) umgrenzen, und die die Staatsgewalt auf
       gesellschaftlich-irrationales Handeln  festlegen, nahezu  unüber-
       windbar erscheinen.  Der in sich festgefahrene und erstarrte Pro-
       zeß, die  Formen, in denen politische Willensbildung stattfindet,
       die gesellschaftlichen  Mechanismen der Bedürfnisartikulation und
       die Selbstdefinition  der Staatsgewalt  als  Garant  des  System-
       gleichgewichts hindern  ein praktisches, d.h. vernünftiges Tätig-
       werden der  Staatsgewalt. Die  Barrieren, die zu überwinden sind,
       liegen in  den erstarrten  Formen, in denen die Gesellschaft ihre
       Bedürfnisse formuliert.
       Ändern sich  diese Formen,  so allerdings auch die Handlungen der
       Staatsgewalt. Der  Weg zur Änderung ist eine Revolution der indi-
       viduellen Bedürfnisse, denn nur eine solche ermöglicht eine Ände-
       rung der Gestalten und Organisationsformen, die bisher den Prozeß
       politischer Willensbildung  bestimmen. Dies  wenigstens wäre  die
       Konsequenz aus  Offes Ansatz.  Sie wird allerdings zu Recht nicht
       formuliert. Denn  woher sollte auch den Individuen ein Anlaß dazu
       gegeben sein,  ihr Bewußtsein  und ihre Bedürfnisse zu revolutio-
       nieren, wenn  der Staat  bei seiner  "Krisenvermeidungsstrategie"
       Erfolg hat  und scharfe  gesellschaftliche Widersprüche von vorn-
       herein mit der Aussicht auf 'Erfolg' ausgeschaltet werden können?
       (Offes Terminologie bringt seine theoretischen Ausgangspunkte auf
       den Begriff).
       Auch für Offe gilt ebenso wie für Habermas: Zu einer grundsätzli-
       chen Änderung der Inhalte und Formen der Verteilungstätigkeit der
       Staatsgewalt -  die einem  Vernünftigwerden der gesamten Prozesse
       der gesellschaftlichen  Reproduktion  gleichgesetzt  wird  -  ist
       keine grundlegende  Umwälzung der  Produktionsverhältnisse nötig,
       sondern allein  Änderungen im  Prozeß politischer Willensbildung,
       Abbau der  'Herrschaftsmechanismen', die ihn gegenwärtig determi-
       nieren. Dazu  gehören nach Offe vor allem die Prozesse, die poli-
       tische Willensbildung innerhalb der Parteien bestimmen (Zwang zum
       Ausgleich  von   partialen  Gruppeninteressen)   58)  sowie   das
       "pluralistische" Verbandssystem.  Denn dieses  bewirkt,  daß  nur
       Partialinteressen an den Staat herangetragen werden, da nur diese
       organisierbar und  konfliktfähig seien. Nur sie können den Staat,
       dessen Funktion  die Erhaltung  des  Systemsgleichgewichts  durch
       Konfliktvermeidungsstrategie ist,  zum Handeln  bewegen. Sie  be-
       stimmen, in  welcher Form  und zu welchem Zweck das Sozialprodukt
       vom Staat  verteilt wird.  Aufträge zum Bau von Schulen und Kran-
       kenhäusern und  zur Entwicklung  des öffentlichen Verkehrssystems
       werden danach  also deshalb  vom Staat  nicht in  genügendem Maße
       vergeben, weil  sie nur allgemein-gesellschaftlichen Bedürfnissen
       entsprechen, die durch organisierbare und konfliktfähige Partial-
       interessen nicht  formuliert werden.  59) Es ist die Organisation
       der Gesellschaft in einem pluralistischen Verbandssystem und des-
       sen spezifische Einwirkung auf die staatliche Willensbildung, die
       ein rationales  Handeln der Staatsgewalt mit dem Ziel der Befrie-
       digung allgemeiner Bedürfnisse verhindern.
       Was die  Analyse der  Situation  angeht,  so  treffen  sich  hier
       schließlich, trotz  aller Vorbehalte gegen den autoritären Staat,
       die 'linken'  mit den  rechten Sozialstaatstheoretikern. Der kon-
       servative Sozialstaatstheoretiker  - als Beispiel sei hier Hennis
       genommen 60), der sich heutzutage zur SPD hingezogen fühlt - geht
       davon aus, daß der Staat, gerade weil er heute wesentlich verwal-
       tet, versorgt  und verteilt,  sich von den 'Zufälligkeiten' demo-
       kratischer  Willensbildung   befreien  müsse,  um  sein  Geschäft
       e f f i z i e n t  und im Sinne einer  a l l s e i t i g  befrie-
       digenden Versorgung  der Staatsbürger  wahrnehmen zu  können.  In
       seinem Staatszweck, der Wohlstandssicherung und Versorgung, liege
       seine demokratische Legitimation; dazu sei eine Organisation sei-
       nes institutionellen  Apparates auf 'sachgesetzliche Forderungen'
       hin erforderlich.  Um also demokratisch im Sinne seiner Legitima-
       tion sein  zu können,  müsse er sich von allen Formen vorstaatli-
       cher Willensbildung emanzipieren, um bei der Erfüllung seiner de-
       mokratischen   Aufgaben   nicht   durch   gesellschaftliche   In-
       teressenauseinandersetzungen gestört zu werden. Dabei spielen die
       von  Erhard   empfohlenen  'Spezialisten  fürs  Gemeinwohl'  eine
       zunehmende Rolle,  wenn auch unter wechselnden Namen: Hennis z.B.
       spricht von  "institutionalisierten Augen  und  Ohren",  die  den
       Staat gegenüber  dem Druck  der Gruppeninteressen an seine allge-
       meinen Aufgaben  zu erinnern  haben. Politologen sollen hier end-
       lich eine  würdige Aufgabe finden. Der Umgestaltung des Staatsap-
       parates in Richtung auf autoritäre Formen politischer Willensbil-
       dung entspreche  die Notwendigkeit,  das  Volk  "regierungsfähig"
       (Hennis) zu  machen, deutlicher ausgedrückt: "Die Reife einer Ge-
       sellschaft entspricht  heute dem  Grad ihrer  Manipulierbarkeit".
       "Und von  der wissenschaftlichen  Forschung her, die hier bestens
       im Fortschritt  ist, gibt  es für  diese Manipulierbarkeit  weder
       faktische noch normative Grenzen." (Rüdiger Altmann, Ideologe der
       sog. Formierten  Gesellschaft) 61)  Formierte und informierte Ge-
       sellschaft gehören  nach der  Regierungserklärung von  Erhard  im
       Jahre 1965 zusammen. Autoritärer Sozialstaat und Manipulation der
       versorgten 'Bürger' sind die beiden Seiten der gleichen Medaille.
       Die Argumentation kann also folgendermaßen zusammengefaßt werden:
       Will der  Staat demokratisch  sein, d.h. will er den Wünschen der
       'Staatsbürger' entgegenkommen,  für ihr  Wohl sorgen,  so muß  er
       seine  Arbeit   möglichst   auf   der   organisatorischen   Ebene
       'effektivieren', er  muß sich  zum autoritären Staat transformie-
       ren. Da  der gesellschaftliche  Interessenpluralismus,  also  die
       Ebene 'gesellschaftlicher  Interessenformulierung', den Staat bei
       einer effektiven  Organisation der Verteilung behindert (z.B. bei
       der Schwergewichtsverlagerung  von 'Sozialkonsum  auf Sozialinve-
       stitionen', 62) also Bildung, Straßen usw. notwendig zur weiteren
       Sicherung des  'wirtschaftlichen Wachstums'),  ist er  zu  besei-
       tigen, einzuschränken  oder  korporativistisch  zu  organisieren.
       Eine Folgerung,  die auch  aus Offes  Analyse der Hindernisse für
       eine rational  handelnde Staatsgewalt gezogen werden könnte. Denn
       warum sollten  nach dieser Analyse nicht auch aufgeklärte Staats-
       männer, denen  es gelingt,  ihren Handlungsspielraum durch Liqui-
       dierung des  den Staat  bestimmenden und  beschränkenden Interes-
       senpluralismus zu  erweitern und  die ihr  aufgeklärtes Ohr einer
       die Politik beratenden Wissenschaft leihen, zur Einrichtung einer
       besseren Gesellschaft  beitragen, also zur Berücksichtigung jener
       Bedürfnisse nach  "Wohnung, Gesundheit, Verkehr, Bildung, bürger-
       licher Rechtsordnung,  Freizeit", die  durch die gegenwärtige Or-
       ganisation der  Bedürfnisformulierung in  Verbänden  und  in  den
       durch Wahlen immer wieder auf die Vertretung von Parteiinteressen
       festgelegten Parteien unberücksichtigt bleiben müssen.
       Demgemäß sieht auch Habermas in den Wissenschaftlern, die als Po-
       litikberater auftreten  und die sich durch Veröffentlichung ihrer
       Ergebnisse aufgeklärte  Massen verschaffen, um so ihrer aufgegär-
       ten Beratung  einen entsprechenden  politischen Druck  verliehen,
       eine Möglichkeit zur 'Rationalisierung' der politischen Entschei-
       dungen 63). Die 'Staatsbürger' bilden dabei Objekte 'massenhafter
       Aufklärung' durch die wissenschaftlichen Eliten. Der technokrati-
       sche Bildungsökonom und -planer Widmayer stützt sich folgerichtig
       auf Habermas und Offe, wenn er wissenschaftliche Beratung der Po-
       litik und  Zurückdrängung des  Einflusses der  Verbände  und  der
       durch Wahlen  korrumpierten Parteien auf den Staat als Heilmittel
       aller Schäden dieser Gesellschaft anempfiehlt 64).
       Für die  rechten Sozialstaatstheoretiker  liegt das  Problem klar
       auf der  Hand. Sozialstaat  heißt Vorsorge  im Doppelsinn der Si-
       cherung des  Lebens und der Entmündigung der Versorgten. Wachsen-
       der Wohlstand läßt sich nur auf der Basis einer zunehmenden Mani-
       pulation der  Versorgten sichern.  So ist  es konsequent, daß die
       konservative Sozialstaatsauffassung  ihr  Modell  des  Verteiler-
       staats an  die Organisationsprinzipien des kapitalistischen Indu-
       striebetriebs anlehnt. Als 'Gesamtunternehmer' im hochorganisier-
       ten kapitalistischen  'Gesamtbetrieb' ist er auf Effektivität hin
       orientiert, wobei  sich das  Ausmaß seiner  Wirksamkeit "nach dem
       Grade seiner  organisatorisch-instrumentalen Adaption an die neue
       Lage" bestimmt  65). Für den Industriebetrieb gilt in der bürger-
       lichen Wissenschaft  und natürlich  bei den Kapitalisten, daß das
       Bedürfnis der  Bürger als  Konsumenten nach wachsender Warenmasse
       bei freier  Konsumwahl die  Diktatur des  Kapitalisten  über  die
       Lohnabhängigen im  Betrieb zur Voraussetzung hat. Die Bedürfnisse
       der Produzenten  nach verbesserten Arbeitsbedingungen lassen sich
       nur insoweit  berücksichtigen, als sie der Wirtschaftlichkeit des
       Betriebes keinen  Abbruch tun:  "Wenn der Mensch sich in die Pro-
       duktionsstätten eingliedert, unterstellt er sich damit zwangsläu-
       fig den  dort herrschenden Gesetzen der Wirtschaftlichkeit. Wirt-
       schaft ist nicht Selbstzweck und der Mensch ist nicht etwa Mittel
       zum Zweck. Sinn der Wirtschaft ist die Befriedigung der materiel-
       len Bedürfnisse  des Menschen, damit er auf diese Weise frei wird
       für seine  höheren geistigen  und sittlichen  Ziele. Das ist aber
       nur möglich,  wenn der  Mensch sich in den Produktionsprozeß ein-
       gliedert, wobei  er sich  den Betriebszielen  unterordnen muß und
       insofern Mittel  zum Zweck wird. Das ist gewiß ein innerer Wider-
       spruch, der aber in der Natur der Sache liegt." 66) Im Jargon der
       wissenschaftlichen Apologeten  des Kapitals besteht ein unauflös-
       licher Widerspruch  zwischen den  Bedürfnissen des  Lohnarbeiters
       als konsumierendem  und geistig-sittlichem  Wesen und  seinem Be-
       dürfnis nach  Aufhebung seiner  Existenz im  Betrieb  als  bloßes
       'Mittel zum  Zweck'. Grundsätzlich  stehen sich diese Bedürfnisse
       entgegen, was  Mitbestimmung im  Industriebetrieb auch nur soweit
       zuläßt, als  sie "die  Beziehungen zwischen dem menschlichen Lei-
       stungsfaktor und der Unternehmung so gestaltet, daß die Ziele der
       Unternehmung in möglichst vollkommener Weise erreicht werden. ...
       Der einzelne Arbeiter und Angestellte soll den Eindruck gewinnen,
       daß er  nicht bloßes  Objekt, sondern daß er irgendwie an der Ge-
       staltung seines eigenen betrieblichen Schicksals mitwirken kann."
       67) Allerdings setzen die Kapitalisten diesen forschen Empfehlun-
       gen ihrer  wissenschaftlichen Apologeten, Mitbestimmung als Mani-
       pulationsinstrument zur  Effektivitätssteigerung zu benutzen (von
       denen sich  die Versuche der Gewerkschaften, dem Kapital die Mit-
       bestimmung schmackhaft zu machen, heute kaum noch unterscheiden),
       nach wie vor ihr Argument von der effektivitätsmindernden Wirkung
       der Mitbestimmung  entgegen.  Die  Diktatur  im  Industriebetrieb
       scheint ihnen  ein zuverlässigeres  Mittel  zur  Auspressung  des
       Mehrwerts als die Manipulation 68).
       Um was  es hier  aber geht: der entscheidende Widerspruch besteht
       danach nicht  zwischen Kapital  und Lohnarbeit,  sondern zwischen
       dem Bürger  als Konsumenten  und als Arbeitnehmer. Seine Freiheit
       und gute Versorgung als Konsument erfordert seine Versklavung als
       Produzent. Produktion  und Konsumtion  stehen sich  danach in der
       Person  j e d e s  e i n z e l n e n  Arbeiters - für den Kapita-
       listen besteht  das Problem  natürlich nicht - als unversöhnliche
       Widersprüche gegenüber. Auch die Sozialstaatstheorie, sei sie nun
       revisionistisch oder  konservativ, kommt am Ende dazu, die Wider-
       sprüche, an  denen die  rationale Organisation  der  Gesellschaft
       scheitert, 'gewissermaßen'  in die Individuen selbst hineinzuver-
       lagern. 'Linke'  Sozialstaatstheoretiker beschreiben den Interes-
       senwiderspruch im  Individuum als  Ergebnis historischer Prozesse
       und als  vermittelt über die Ebene gesellschaftlicher Interessen-
       formulierung. Rechte  Sozialstaatstheoretiker begreifen  ihn  als
       Naturkonstante. Daraus ergibt sich der Unterschied in der politi-
       schen Strategie.  Massenhafte Aufklärung,  verabfolgt  von  einer
       aufgeklärten Elite,  oder Manipulation. In beiden Fällen sind die
       Massen Objekte der Behandlung durch die Eliten.
       Daraus ergibt  sich dann auch die Verschiedenheit des politischen
       Ziels. Ist  für den Konservativen der autoritäre Staat eine unum-
       gängliche Notwendigkeit,  so für den Revisionisten 69) ein histo-
       risch entstandenes  und damit  auch veränderbares  Institut.  Daß
       aber auch  für die  Revisionisten gesellschaftliche Veränderungen
       nur als  'Revolution von oben' infrage kommen, wobei ihr Postulat
       - Abschaffung von Herrschaft - leere Formel bleibt, das läßt sich
       daraus herleiten,  w i e  sie die historischen Bedingungen, unter
       denen   sich   das   gegenwärtige   politische   Bewußtsein   der
       'Staatsbürger' gebildet  hat, darstellen,  und wie sie den Prozeß
       der ökonomischen Reproduktion der Gesellschaft fassen. Da der ka-
       pitalistische Wohlfahrtsstaat in Zukunft keine Krisen mehr zulas-
       sen wird, da er ökonomische Krisen manipulieren kann, wird es für
       die Lohnabhängigen  in Zukunft  nicht mehr möglich sein, aufgrund
       ihrer eigenen Erfahrungen zum Bewußtsein der Widersprüche der Ge-
       sellschaft zu  kommen. "Das Verhältnis der Leistungsempfänger zum
       Staat ist...  nicht politische  Beteiligung, sondern  eine allge-
       meine Forderungshaltung,  die Versorgung erwartet, aber nicht ei-
       gentlich Entscheidungen  durchsetzen will."  70) Wie  sollen also
       die Individuen  von selbst  zu einer  Änderung ihres  Bewußtseins
       kommen, wenn  der Staat  ihnen die  Versorgung gewährt, wenn sich
       also am  gegebenen Zustand  nichts ändert,  bzw. der gegebene Zu-
       stand sich  sogar noch  verbessert, indem quantitative Steigerung
       der staatlichen Versorgungsleistungen in Aussicht steht, wenn der
       Kapitalismus seine  Krisen durch  seinen Staat  regulieren  kann,
       wenn sich also die kapitalistischen Widersprüche abstumpfen? "Was
       wir auf diesem Wege erhalten, ist eine Begründung des sozialisti-
       schen Programms  durch 'reine Erkenntnis', das heißt, einfach ge-
       sagt, eine  idealistische Begründung,  während die objektive Not-
       wendigkeit durch den Gang der materiellen Entwicklung dahinfällt"
       71). Die  Einführung des  Sozialismus aber  durch "reine Erkennt-
       nis", durch  Aufklärung der  Massen ist bei Habermas folgerichtig
       eine Sache der aufgeklärten Eliten 72).
       Da zudem  bei den zeitgenössischen Revisionisten der Produktions-
       prozeß aus  der gesellschaftlichen Analyse entweder vollends her-
       ausfällt, oder  aber als  Ort der  Ausbeutung, der Produktion von
       Mehrwert (z.B.  durch  die  'wertschaffende  Potenz  der  Wissen-
       schaft') in  Fortfall gekommen  ist, kann sich das Bewußtsein der
       Individuen nur  an der Verteilungssphäre orientieren. Politisches
       Bewußtsein bezieht  sich in  dieser Begrifflichkeit vor allem auf
       den Staat,  auf die Politik; seine Kritik als 'kritisches Bewußt-
       sein'  beschränkt   sich  auf   die  Normen  der  Verteilung  von
       'Einkommen' und  'Lebenschancen': gerecht oder ungerecht, ausrei-
       chend oder unzureichend.
       Eine wissenschaftliche Methode, die beim Staat als Untersuchungs-
       objekt ansetzt,  aus seinen Erscheinungsformen seine Souveränität
       gegenüber dem  Produktionsprozeß ableitet, ihn zum Träger der So-
       zialordnung werden  läßt, und  dann auch  die  gesellschaftlichen
       Konflikte nicht  mehr durch die besondere Weise der gesellschaft-
       lichen Produktion  konstituiert sieht,  löst schließlich  den ge-
       samten gesellschaftlichen  Prozeß in verschiedene Sphären auf und
       kommt dabei  zu dem  Ergebnis, auch das Individuum selbst in ver-
       schiedene Sphären  aufzuteilen. Dies zeigt sich in der zeitgenös-
       sischen revisionistischen  Theorie am Begriff des politischen Be-
       wußtseins, der  allein auf das Verhältnis des 'Staatsbürgers' zum
       Staat bezogen  wird. Auf  dieser Basis kann dann auch schnell vom
       unpolitischen Bewußtsein  des deutschen  Proletariats  gesprochen
       werden, nachdem dieses sich nicht wie ein Mann in den Kampf gegen
       die Notstandsgesetze - eine hochpolitische Angelegenheit - führen
       ließ, um  den 'demokratischen  Staat' zu verteidigen. Kämpfe zwi-
       schen Lohnarbeit  und Kapital  im Betrieb  werden dann  als 'bloß
       ökonomisch' und  an falschen  Konsumbedürfnissen orientiert abge-
       tan. Das  Verhältnis von  Lohnarbeit und Kapital kommt dann über-
       haupt nicht  mehr als  Erfahrungsbasis für die Ausbildung politi-
       schen Bewußtseins in Frage. Die Klagen über das mangelnde politi-
       sche Bewußtsein  des Proletariats  machen es den Klagenden leicht
       zu vergessen,  daß sie selbst es sind, die an der Legitimierungs-
       ideologie des kapitalistischen Staates eifrig mitarbeiten.
       Die Geschichte  der 'Industriegesellschaft'  erscheint ihnen  vor
       allem als  Geschichte des Kapitals und seines Staates, nicht aber
       als Geschichte  der Arbeiterklasse,  ihrer Kämpfe und Niederlagen
       73). Sie  zeigen diese Geschichte in der bürgerlichen Verkehrung,
       wo die  tote über  die lebendige  Arbeit herrscht,  und in dieser
       Verkehrung ist  ihr Bewußtsein  befangen. Die  Arbeiterklasse er-
       scheint schon  immer als  bloßes Objekt  der Entwicklung. Mit der
       praktischen und  theoretischen  Liquidierung  des  revolutionären
       Kampfes des Proletariats durch die sozialdemokratischen Organisa-
       tionen werden  die tatsächlichen  Kämpfe des Proletariats aus dem
       Geschichtsbewußtsein verdrängt  74). Wenn  diese  intellektuellen
       Kritiker  heute   beklagen,  daß  der  Sozialstaat  aufgrund  der
       'Passivität des  Proletariats' sich zum autoritären Staat zu ent-
       wickeln drohe,  so sollten sie nicht vergessen, daß die Arbeiter-
       schaft spätestens  seit der  Novemberrevolution von  der SPD (und
       seit ihrer  Legalisierung zunehmend  auch von  einer Partei,  die
       sich selbst  als kommunistische  versteht) auf  den  bürgerlichen
       Staat als  den Hauptadressaten  ihrer Forderungen  gelenkt worden
       ist, daß  ihre Selbsttätigkeit von der SPD und der Gewerkschafts-
       bürokratie, oft in Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie, immer wie-
       der unterdrückt  worden ist,  und nicht  zuletzt: daß solches Be-
       wußtsein der  Arbeiterschaft (träfe die Beschreibung wirklich zu)
       auch das Resultat dieser historischen Erfahrung und ihrer theore-
       tischen Bestätigung  durch die  Arbeit  der  sozialdemokratischen
       Theoretiker seit Bernstein ist. Sie fühlen sich von der Arbeiter-
       klasse verlassen  und weben  doch eifrig an der Legitimierung und
       Ideologie des bürgerlichen Staates. Die Ideologie vom Sozialstaat
       und die  Unterdrückung der  Arbeiterklasse als handelndes Subjekt
       der Geschichte durch ihre Organisationen hängen in der Geschichte
       der Arbeiterbewegung eng miteinander zusammen.
       Indem der 'Wohlstand für alle' zur Legitimationsbasis der Staats-
       gewalt und ihrer Institutionen wird, erscheint er als etwas, über
       das die  Staatsgewalt im  Verein mit  der ökonomisch herrschenden
       Klasse, der 'Wirtschaft', verfügen kann, das den Massen zu gewäh-
       ren ist  und das umgekehrt die Massen von der Staatsgewalt erwar-
       ten und  fordern. Die  Massen erscheinen  hier als fordernde, mit
       Rechtsansprüchen ausgestattete  Objekte  staatlicher  Daseinsvor-
       sorge, der Staat als gewährendes Subjekt - die 'Güter' fallen so-
       zusagen vom  Himmel. Doch  eine Gesellschaftstheorie, die wissen-
       schaftlich vorgeht,  muß davon  ausgehen, daß  die Masse der Pro-
       dukte, bevor sie verteilt werden kann, von denen, an die sie (und
       zwar nur zum Teil) verteilt wird, von den Massen insgesamt produ-
       ziert worden  sind. Die  Massen sind  also nicht  erst als Behan-
       delte, allenfalls  Fordernde in  die Theorie einzuführen, sondern
       bereits als  unter bestimmter  Form der Produktion arbeitende und
       produzierende, und  das heißt,  konkret: vom  Kapital angewendete
       Subjekte, also,  oder vielmehr, Objekte des Subjekts Kapital. Und
       der Staat  kann nicht  erst als  'Verteiler'-, 'Wohlfahrts'-  und
       'Sozialstaat' untersucht  werden, sondern seine Funktionen müssen
       unter dem  Gesichtspunkt betrachtet  werden, daß die Waren, bevor
       sie verteilt  werden, zunächst  einmal produziert  werden müssen,
       daß also  der Staat  gerade auch als 'Sozialstaat' für den Repro-
       duktionsprozeß des Kapitals aufgrund seiner widersprüchlichen ge-
       schichtlichen Entwicklung  in  bestimmten  historischen  Entwick-
       lungsstufen jeweils  besondere Funktionen  übernimmt. Eine marxi-
       stische Analyse  muß daher  die 'Verteilung  des Volkseinkommens'
       als in  den Produktions- und Zirkulationsprozeß des Kapitals ein-
       geschlossenes Moment  betrachten und  die Funktionen  des Staates
       von da aus zu begreifen suchen.
       
       III. Einkommensverteilung und Kapitalkreislauf
       ----------------------------------------------
       
       Wir haben  gesehen, daß  die Verselbständigung der Verteilung der
       Einkommen als eigenständige Sphäre neben der Produktion, d.h. ne-
       ben der  in dieser vorausgesetzten Verteilung der Produktionsmit-
       tel, eine  entscheidende theoretische Annahme ist, die in den re-
       visionistischen Staatsauffassungen  gemacht werden muß, um grund-
       legende Eingriffsmöglichkeiten  des Staates in die Verteilung der
       Einkommen begründen  zu können.  Die Vorstellung  vom 'Kuchen des
       Sozialprodukts' 75),  der nach dem Ergebnis der Kämpfe der Inter-
       essenten stückweise  und losgelöst von den Produktionsbedingungen
       verteilt wird,  setzt voraus, daß das Kapital, nachdem es die Wa-
       ren produziert hat, diese der Gesellschaft 'zur freien Verfügung'
       überläßt, daß es in interesselosem Wohlgefallen dem Kampf der In-
       teressenten um die Kuchenstücke zuschaut und sich damit zufrieden
       gibt, was ihm seine eigenen Interessenvertreter, also die Kapita-
       listenverbände (BDI,  BdA, DIHT  usw.) erkämpfen.  Danach besteht
       keine ökonomische,  sondern nur  eine politische  Verbindung zwi-
       schen der  kapitalistischen Produktion  als Produktion  von Waren
       und  Kapital   einerseits   und   der   Verteilung   der   daraus
       'entspringenden' Einkommen andererseits.
       
       1. Primärverteilung und staatliche Umverteilung
       -----------------------------------------------
       
       So einfach  allerdings machen  es sich  die bürgerlichen ökonomi-
       schen Verteilungstheorien  doch nicht.  Nach ihnen ist der Zusam-
       menhang zwischen  Verteilung und Umverteilung durchaus ökonomisch
       bestimmt und  nicht nur  durch politische Gesetzmäßigkeiten gere-
       gelt. Die  staatliche Umverteilungspolitik  erscheint  dabei  als
       s e k u n d ä r e   Korrektur der   p r i m ä r   sich ergebenden
       Verteilung aufgrund  von 'Faktorentlohnungen'.  Die nachträgliche
       Korrektur der  primären Verteilung  kann nicht  mehr  willkürlich
       oder nach  den politischen  Gesetzen des Machtausgleichs, sondern
       nur auf  der Basis  der primär  erfolgten Verteilung durchgeführt
       werden. Die  Macht könne, wie Preiser schreibt 76), innerhalb der
       Primärverteilung nur  noch als Bestandteil des 'Datenkranzes' des
       ökonomischen Systems  einwirken, da in den die Verteilung bestim-
       menden ökonomischen Gesetzen der Einfluß der Macht enthalten sei.
       Diese Bedeutung  der ökonomischen  Gesetze bei der Verteilung der
       Einkommen erscheint  in dezidierter Form in den Kreislauftheorien
       der Verteilung,  in denen  "die Lohnzahlungen  und die Gewinne...
       die einkommensmäßige Grundlage der Konsum- und Investitionsausga-
       ben (bilden),  die wiederum  die Erlöse  darstellen, aus denen in
       der nächsten  Runde die Löhne gezahlt werden und die Gewinne ent-
       stehen." 77) Damit wird die Verteilung tatsächlich als ein Moment
       in den  allgemeinen Kreislaufzusammenhang  der  Reproduktion  ge-
       stellt; sie  verliert also  ihren Charakter als selbständiger und
       politisch zu manipulierender Vorgang. 78)
       Oder anders  ausgedrückt: Politische Umverteilungsmaßnahmen haben
       mit bestimmten  angebbaren Gegenwirkungen zu rechnen. Dies drückt
       sich wiederum politisch als Zielkonflikt aus, da nun die ökonomi-
       schen Gegenwirkungen die Verwirklichung anderer politischer Ziele
       gefährden.
       Ein  solcher  'Zielkonflikt'  zwischen  Wachstum  und  Verteilung
       stellt sich  folgendermaßen dar:  Man kann "von einer Untergrenze
       der Kapitalverzinsung  (ausgehen), bis zu der Investition und Be-
       schäftigung gerade noch erhalten bleiben, bei deren Überschreiten
       jedoch der  marktwirtschaftliche Wachstumsprozeß nicht mehr funk-
       tioniert. Diese  Untergrenze der Kapitalverzinsung ist gleichzei-
       tig die  Obergrenze für den Reallohn. Wird die Obergrenze der Ka-
       pitalverzinsung, die  mit der Untergrenze des Reallohns identisch
       ist, überschritten,  so wird eine 'soziale Revolution' ausgelöst,
       und das  marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem bricht zusammen."
       79) In  solchen politischen  Zielkonflikten drücken  sich an  der
       Oberfläche die  zugrundeliegenden ökonomischen  Widersprüche zwi-
       schen Lohnarbeit  und Kapital aus, die nun allerdings als die be-
       wegenden Momente  dieser Konflikte  von der bürgerlichen Ökonomie
       nicht begriffen werden. So zeigt sich auf der einen Seite ein ty-
       pischer Unterschied  zwischen ökonomischer  und politischer  Ein-
       schätzung staatlicher  Einkommensumverteilung. Während  die revi-
       sionistischen und  politologischen Theoretiker  eine  sehr  große
       staatliche Manipulationsfähigkeit annehmen, sind die nationalöko-
       nomischen Theorien  grundsätzlich sehr  viel skeptischer. Auf der
       anderen Seite bleiben aber auch die ökonomischen Verteilungstheo-
       rien im Anschein staatlicher Manipulierungsfähigkeiten verhaftet.
       Sie sind  deshalb auch  lediglich in  der Lage, mögliche Zielkon-
       flikte zu  beschreiben und  Methoden anzugeben,  wie  bei  wider-
       sprüchlichen  Zielen   optimale  Verwirklichungskomplexe  in  der
       'rationalen' Wirtschaftspolitik  zu gestalten  seien. Information
       über solche  Konflikte und  Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen
       widersprüchlichen Zielen erscheinen der bürgerlichen Ökonomie als
       Methoden, mit  Konflikten fertigzuwerden.  Voraussetzung für eine
       solche idealistische  Annahme bleibt  natürlich, genau wie in den
       revisionistischen und  politologischen Theorien,  ein Staat,  der
       sich als übergreifendes Subjekt ökonomischen Bezugssystem konsti-
       tuiert und wirklich nur der immer weiter verbesserten Informatio-
       nen (gerade  über Konfliktsituationen)  und  Manipulationsinstru-
       mente bedarf, um der Anforderung an eine rationale Wirtschaftspo-
       litik gerecht werden zu können: "Rationale Politik muß zielbewußt
       und sachgerecht sein." 80)
       Aus der  Beobachtung ökonomischer  Gesetzmäßigkeiten ergibt  sich
       folglich der  Realismus ökonomischer Verteilungstheorien in bezug
       auf politische Umverteilungsmöglichkeiten. Krelle kommt in seiner
       "Verteilungstheorie" zu  dem  desillusionierenden  Ergebnis,  daß
       kurzfristige Umverteilungsmaßnahmen  innerhalb einer  "Marktwirt-
       schaft" aufgrund langfristiger Gegenwirkungen "korrigiert" werden
       81). Auch  im Gegensatz zu gewerkschaftlichen Gesundpredigern der
       kapitalistischen  Vermögensverteilung   mit  Placebos   wie   der
       'Vermögensbildung  in  Arbeitnehmerhand'  kommt  sie  bürgerliche
       Ökonomie zu  dem konkreten  Ergebnis, daß eine Umverteilung durch
       Vermögensbildung gar  nicht möglich ist. Wie Föhl und Hennies das
       Blatt auch  drehen und  wenden:  als  Ergebnis  ihrer  Abhandlung
       finden sie  wieder das, was bisher durch alle Gutachten bestätigt
       worden ist:  daß eine "echte Umverteilung" des Vermögens nicht zu
       erreichen  ist.   82)  Entweder   sinken  als  Folge  von  Umver-
       teilungsmaßnahmen  Einkommen,  Beschäftigung  und  Wachstumsrate,
       oder es  findet Kapitalflucht statt, oder es erfolgt nur eine Um-
       verteilung zwischen  "staatlichem Sektor" und "Privatwirtschaft",
       nicht aber  zwischen Kapital  und Arbeit, wenn versucht wird, die
       Vermögens- und  Einkommensverteilung zugunsten  der Lohnarbeit zu
       verändern. Kurz gesagt: "Wer hat, dem wird gegeben!" 83) Im Akku-
       mulationsprozeß des Kapitals, und daran kann die bürgerliche Öko-
       nomie nicht  vorbei, polarisiert sich auf der einen Seite der ge-
       sellschaftlich produzierte  Reichtum als  privater in Kapitalform
       und auf  der anderen  Seite die Armut des Lohnarbeiters, der auch
       in der 'modernen Industriegesellschaft' immer noch nicht mehr auf
       den Markt zu tragen hat als seine Arbeitskraft. Wer hat, dem wird
       gegeben und  wer nichts  hat, der  muß arbeiten, um zu leben, mit
       der Folge, daß denen, die haben, noch mehr gegeben wird.
       Der Realismus  allerdings, der  in einem  solchen Ergebnis liegt,
       ist nichts  anderes als  der Realismus des 'gesunden Menschenver-
       standes', der  auch ohne  Rückgriff auf ökonomische Zusammenhänge
       einfach festzustellen  in der Lage ist, daß denen, die haben, und
       nicht denen,  die nicht  haben, gegeben  wird. Daher hört der Re-
       alismus der ökonomischen Theorien sofort auf, wenn sie in Empfeh-
       lungen für  die staatliche Politik ausmünden. Denn wird nicht ge-
       rade Vermögensbildung  von dem  ökonomischen 'Sachverstand'  seit
       Jahren empfohlen  84)? Dies  kann man  doch schließlich nur, wenn
       man mit  der Möglichkeit  einer solchen Umverteilung rechnet. Die
       Konsequenz aus  den ökonomischen  Kreislaufbetrachtungen, daß Um-
       verteilung im  Kapitalismus längerfristig oder gar dauerhaft eine
       pure Illusion  ist, und  die Erkenntnis,  daß der im Kapitalismus
       auf immer  erweiterter Stufenleiter wiederhergestellte Klassenge-
       gensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital den für die störungsfreie
       Erneuerung des  Kapitals absolut  notwendigen Klassenfrieden  ge-
       fährdet, geraten  in Widerspruch zueinander. Auf zwei Weisen kann
       sich der  bürgerliche Wissenschaftler  nun aus der Affäre ziehen:
       Erstens kann  er sich aus dem Entscheidungsprozeß auf staatlicher
       Ebene zurückziehen  und dem  politischen Dezisionismus  das  Feld
       überlassen, und  zweitens kann  er Umverteilung von Einkommen und
       Vermögen vorschlagen, wenn sie "behutsam" (das heißt im Klartext:
       im Ganzen  wirkungslos) vorgehe, und zwar mit dem Ziel, die Lohn-
       arbeiter über ihre wirkliche Lage hinwegzutäuschen. 85)
       Der Zielkonflikt enthüllt sich auf diese Weise als innerer Wider-
       spruch der  Gesellschaft, der sich im Realismus ökonomischer Ver-
       teilungstheorien   u n d  in der Erkenntnis von der Notwendigkeit
       der Umverteilung  gleichermaßen darstellt.  Dieser auf  theoreti-
       scher Ebene  reproduzierte gesellschaftliche Widerspruch zwischen
       Lohnarbeit und  Kapital wird  allerdings als bloße Folge von Ver-
       hüllungsabsichten nicht  auf den  Begriff gebracht, sondern seine
       Verhüllung ist  in der Realität kapitalistischer Warenzirkulation
       selbst verankert.  Der kapitalistische  Produktionsprozeß ist Wa-
       renproduktion, d.  h. es  werden Waren für die Zirkulation produ-
       ziert. In  der Zirkulation  kann man  es der einzelnen Ware nicht
       ansehen, aus  welchen Wertbestandteilen  sie sich  zusammensetzt;
       und das  heißt: welchen  Verteilungsnotwendigkeiten der durch den
       Verkauf der  Waren realisierte Wert unterliegt. Woher stammt aber
       das Geld,  gegen das  die Ware ausgetauscht und in dem der Waren-
       preis realisiert wird? Ein Teil dieses Geldes stammt aus den Hän-
       den der Arbeiter, die ihren Lohn im Austausch gegen Waren veraus-
       gaben. Hier,  in der  Zirkulation sind die Arbeiter nur Konsumen-
       ten, die  mit Geld  ausgestattet sind, um deren Kaufkraft die Wa-
       renverkäufer, die  Unternehmer, konkurrieren.  Der Lohn erscheint
       bloß als  nachfragewirksames Einkommen,  das gegen  Waren  ausge-
       tauscht wird,  denen man  ihre Herkunft aus kapitalistischer Pro-
       duktion und damit ihre Wertzusammensetzung, nämlich, daß in ihnen
       variables Kapital  (für den  Arbeiter sich darstellend als Lohn),
       Mehrwert und  konstantes Kapital enthalten ist, nicht ansieht. In
       dieser Sphäre  sind die Illusionen von den Verteilungsmöglichkei-
       ten begründet;  im Rahmen solcher Illusionen gibt es die Möglich-
       keit, der  als Folge  von Umverteilungsmaßnahmen  sich ergebenden
       Kaufkraftumverteilung und  deren negativen  Auswirkungen staatli-
       chen gegenzusteuern.
       Diesen aus  dem Zirkulationszusammenhang  begründeten    I l l u-
       s i o n e n   steht auf  der anderen  Seite durch die Hereinnahme
       der Produktionssphäre  in die  ökonomische  Analyse  von  Vertei-
       lungsvorgängen die   r e a l i s t i s c h e  E i n s i c h t  in
       die engen Grenzen staatlicher Umverteilungsmaßnahmen entgegen. So
       kommt aufgrund  dieses ökonomischen  Zusammenhangs von Produktion
       und Zirkulation  der oben bezeichnete Widerspruch zustande. Seine
       Lösung kann  nur in  der genauen  Analyse der  doppelten Funktion
       jenes  Wertteils  liegen,  der  für  den  Kapitalisten  variables
       K a p i t a l,   für den Arbeiter  E i n k o m m e n  (Lohn) ist.
       86) Wenn  wir dies  vereinfacht als  'Doppelcharakter des  Lohns'
       ausdrücken,  so   können  wir  sagen:  Der  Widerspruch  zwischen
       Lohnarbeit und  Kapital ist  schon in  der  Kategorie  des  Lohns
       enthalten und  daher schon  in der Verteilungstheorie impliziert,
       wenn sie die einzelnen Einkommenskategorien (Lohn, Gewinn, Rente)
       diskutiert, also  schon bevor  sie sich  dem  V e r h ä l t n i s
       von  Löhnen   und  Gewinnen   zuwendet.   In   den   ökonomischen
       Verteilungstheorien kehren  also die  beiden Seiten  bürgerlicher
       Kapitalismusanalyse wieder:  einerseits wird  die kapitalistische
       Produktion  von   Waren  als   einfache  Produktion   von  Gütern
       aufgefaßt,  die   wesentlich  den   natürlichen  Bedingungen  des
       industriellen Arbeitsprozesses unterliegt und keine gesellschaft-
       lichen  Widersprüche   einschließt   ('moderne   Industriegesell-
       schaft'); andrerseits beruht ihre Theorie wesentlich auf der Zir-
       kulation der  Waren und  Geldeinkommen ('Güter- und Geldströme');
       dadurch erhält  sie einen  Eindruck von den Rückwirkungen der Wi-
       dersprüche innerhalb  der Produktionssphäre,  wie sie sich in den
       Zirkulationsbewegungen manifestieren.  Nur in  dieser  verkehrten
       Form ist  sie fähig,  richtige Voraussagen über die Schranken von
       Umverteilungsmaßnahmen auf  der Ebene  von Einkommen  zu  machen.
       Soll die bürgerliche Wissenschaft aber sachverständige Empfehlun-
       gen erteilen,  so wird sie sich auf Behutsamkeit oder auf politi-
       sche Dezisionismus  zurückziehen müssen.  Der Widerspruch  in den
       ökonomischen  Verteilungstheorien  ist  in  der  kapitalistischen
       Wirklichkeit selbst verankert.
       Der Schlüssel  zur Aufdeckung der Verteilungsverhältnisse auf der
       Ebene der 'Einkommen' liegt in der Analyse der historisch gesell-
       schaftlichen Bestimmtheit  der  Verteilungsverhältnisse  auf  der
       Ebene der  Produktion, also in der Analyse des Kapitalverhältnis-
       ses, 87)  wo die Produktionsmittel als Kapital der 'freien', näm-
       lich von  Produktionsmitteln freien  Lohnarbeit  gegenübertreten.
       Wir müssen  also der  Frage nachgehen: Wie sieht der Zusammenhang
       beider Verteilungsverhältnisse  aus? Inwiefern  ist das eine bloß
       ein Moment des anderen? Hier kann diese Frage nur in Umrissen be-
       antwortet werden;  in ihrer  ausführlichen Gestalt  wäre sie Kern
       der Analyse  des Kapitals  und der  von ihm produzierten Fetische
       sowie der  ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen in der ökonomi-
       schen Theorie.
       
       2. Netto- und Bruttosozialprodukt:
       ----------------------------------
       Volkseinkommen und Kapitalerhaltung
       -----------------------------------
       
       In der   b ü r g e r l i c h e n  T h e o r i e  stellt die Summe
       der verschiedenen Einkommensarten ('Einkommen aus unselbständiger
       Arbeit'; 'Einkommen  aus Unternehmertätigkeit  und Vermögen') das
       'Volkseinkommen' dar.  88) Danach  entspricht das  Volkseinkommen
       der Gesamtheit  der Kosten  für die  drei Produktionsfaktoren Ar-
       beit, Boden  und Kapital, die im Verlauf eines Jahres von den Un-
       ternehmen aufgewendet  worden sind. Daher wird auch das Volksein-
       kommen dem  Nettosozialprodukt zu Faktorkosten gleichgesetzt. Was
       für die  Unternehmer Kosten sind, stellt sich demnach in gleicher
       Höhe für  die 'Besitzer  der Produktionsfaktoren' als Einkommens-
       strom dar. 89) Der geleisteten Arbeit entspringt der Arbeitslohn,
       dem zur Verfügung gestellten Boden die Grundrente (Pacht und z.T.
       Mieten) und  dem Kapital der Profit. Gegenstand der funktionellen
       Verteilungstheorie ist demzufolge auch "die Verteilung des Volks-
       einkommens auf  die volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren Ar-
       beit, Boden,  Kapital, denen die Einkommensarten Lohn, Grundrente
       und Profit entsprechend ihrem produktiven Beitrag und ihrer wirt-
       schaftlichen Macht zufließen." 90) Monsieur le Capital und Madame
       la Terre 91) treten also in den bürgerlichen Theorien immer noch,
       ungeachtet aller  Modernisierungsversuche, in  schöner  Eintracht
       mit 'der' Arbeit als die Schöpfer des 'Reichtums der Nation' auf.
       Was als Volkseinkommen in der Hand der Besitzer dieser 'Faktoren'
       gezählt wird, erscheint in den Unternehmen als volkswirtschaftli-
       che Wertschöpfung.  Dem Volkseinkommen  als der Summe aller Wert-
       schöpfung entspricht das Nettosozialprodukt (zu Faktorkosten) als
       der Summe von Konsumtion und Nettoinvestitionen.
       Bis hierher  haben wir  es nur mit den Definitionen der bürgerli-
       chen Ökonomie zu tun. In ihnen werden die Einkommen, da sie alle-
       samt 'Leistungen'  der  drei  'Produktionsfaktoren'  entspringen,
       gleichgesetzt. Bei  näherem Hinsehen  entdecken wir allerdings in
       dieser Gleichsetzung  einen Zirkelschluß. Dieser Zirkelschluß re-
       sultiert aus  der doppelten  Betrachtung der  Einkommen,  nämlich
       einmal von  ihrem 'Bezieher'  her,  und  zum  zweiten  von  ihrem
       'Schöpfungsprozeß' her. Alle Einkommen werden ja in den Produkti-
       onsstätten der Volkswirtschaft geschöpft. Sie sind demnach in er-
       ster Instanz  bloße Einkommen.  Erst danach  werden sie  auf ver-
       schiedene 'Beziehergruppen'  verteilt: Arbeiter - Lohn; Kapitali-
       sten -  Gewinn. Dies ist zunächst die offensichtliche Tatsache in
       der kapitalistischen  Wirtschaft (von  der Bodenrente  wollen wir
       hier absehen).  Was wird  aber daraus  gefolgert? Das Kapital ist
       produktiv, weil es ein Einkommen erhält und es erhält ein Einkom-
       men, weil  es produktiv  ist. Alle weitere Begründung wird ledig-
       lich zur  Vervollkommnung dieser Tautologie, sei es mit Hilfe der
       Grenzproduktivitätstheorie der  Verteilung oder irgendeiner ande-
       ren theoretischen  Variante. 92)  Es bietet sich daher als Vorge-
       hensweise die  Betrachtung dieses Zirkels nach seinen beiden Sei-
       ten hin an; nach der Seite der 'Wertschöpfung' und nach der Seite
       "es 'Bezugs von Einkommen'.
       Wenden wir  uns zunächst der Seite der Wertschöpfung zu, d.h. der
       Frage, in  welchen Formen die Begründung der Annahme von der Pro-
       duktivität des  Kapitals liegt.  Das Grundproblem  besteht darin,
       daß die zu verteilenden Werte produziert werden müssen, bevor sie
       überhaupt irgendwelchen 'Faktoren' als Einkommen zugerechnet wer-
       den können;  daher muß  auch die Analyse der Verteilung beim Pro-
       duktionsprozeß beginnen.  Dieser Produktionsprozeß  ist in seiner
       kapitalistischen Form  von doppeltem Charakter, d.h. zugleich Ar-
       beits- und Verwertungsprozeß. Die erzeugten Produkte sind für den
       kapitalistischen Leiter des Produktionsprozesses nur insoweit al-
       lerdings von  Bedeutung, als  sie als  Gebrauchswerte auch Träger
       von Wert  sind, d.h. auf dem Markt gegen Geld ausgetauscht werden
       können. Als zusätzliche Bestimmung muß nun aber noch hinzutreten,
       daß der  Kapitalist das  von ihm für den Produktionsprozeß vorge-
       schossene Kapital  und einen  Überschuß darüber  hinaus zurücker-
       hält. Da  dieser Überschuß  nicht aus  dem Warenaustausch stammen
       kann -  der Überschuß,  den der  Verkäufer erhält,  ist ein Abzug
       beim Käufer;  und da jeder sowohl als Käufer als auch als Verkäu-
       fer auftritt,  saldieren sich  Überschüsse und  Abzüge zu null -,
       muß er  im Produktionsprozeß  selbst produziert  worden sein. Die
       Frage ist  nun, auf  welche Weise.  Die Antwort  der bürgerlichen
       Ökonomie ist  eindeutig: durch  die produktiven Beiträge der Pro-
       duktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden. Sie stützt sich dabei
       auf die Tatsache, die bei oberflächlichster Betrachtung irgendei-
       nes Betriebes zutagetritt: daß Grund und Boden, Maschinen, Arbei-
       ter zur  Produktion von  Waren kombiniert  sind. Die  natürlichen
       Notwendigkeiten des  Arbeitsprozesses, daß Arbeit nur in Kombina-
       tion mit Produktionsmitteln, bei historisch gegebenem technischem
       Entwicklungsstand, produzieren  kann, werden in die Theorie umge-
       münzt, daß infolgedessen den beteiligten Faktoren 'Einkommen' zu-
       fließen muß.  Dabei wird  von der bürgerlichen Ökonomie nicht be-
       achtet, daß durch diese Art der Faktorenkombination zwar Produkte
       entstehen, aber  noch lange  nicht ein kapitalistischer Produkti-
       onsprozeß, dessen  Ergebnis in  Waren, und - wenn der Verkauf der
       Waren gelingt - in Geld besteht. Zum zweiten fällt bei dieser Be-
       trachtungsweise unter den Tisch, daß Maschinen und Rohstoffe sich
       nicht von  selbst in  neue Produkte  verwandeln - und dies ist ja
       der Sinn  des Produktionsprozesses  -, sondern  als unnütze Dinge
       liegenbleiben, werden  sie nicht von der lebendigen Arbeit in Be-
       wegung gesetzt und verwandelt. Demgegenüber hat die Betriebswirt-
       schaftslehre, die  sich intensiv mit dem Produktionsprozeß selbst
       befaßt, immerhin  einen wenn auch verschwommenen Begriff vom Dop-
       pelcharakter des  Produktionsprozesses, wenn sie zwischen Betrieb
       und Unternehmung,  zwischen Produktivität  (im technischen Sinne)
       und Rentabilität  (im Sinne der Verwertung des eingesetzten Kapi-
       tals) unterscheidet.  Dies alles  fällt aber aus der Produktions-
       faktorentheorie heraus (oder wird noch um einige Grade unschärfer
       reflektiert, wenn nämlich bei der Untersuchung 'optimaler Faktor-
       kombinationen' deren technisches Verhältnis wie auch deren Preis-
       relation auf der gleichen Ebene behandelt werden). Betrachten wir
       zuerst den  vom Kapitalisten vorgeschossenen Kapitalteil. Er wird
       verausgabt zum  Kauf von Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe
       usw.) und  zum Kauf  der Ware  Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt.
       Wie alle  Waren wird  auch der  Wert der  Ware  Arbeitskraft  (im
       Durchschnitt, über  einen Zyklus hinweg, jedenfalls) vom Arbeiter
       realisiert, also  vom Kapitalisten bezahlt werden müssen. Der Ar-
       beiter   "r e a l i s i e r t    i h r e n    T a u s c h w e r t
       u n d   v e r ä u ß e r t  i h r e n  G e b r a u c h s w e r t".
       93) Dieser  Gebrauchswert der  Arbeitskraft, die  Arbeit  selbst,
       aber gehört  nun nicht  mehr dem  Arbeiter, sondern dem Kapitali-
       sten, der  ihn gekauft hat; folglich gehört dem Kapitalisten auch
       das Ergebnis  der Anwendung  des Gebrauchswerts  der Arbeitskraft
       des Arbeiters.  Aufgrund der  Tatsache, daß  z.B. "ein halber Ar-
       beitstag nötig,  um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten",
       ist die  Bedingung erfüllt, die Mehrwertproduktion überhaupt erst
       möglich   macht:    "Der   Wert   der   Arbeitskraft   und   ihre
       V e r w e r t u n g   im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne
       Größen. Diese  W e r t d i f f e r e n z  hatte der Kapitalist im
       Auge, als er die Arbeitskraft kaufte. Ihre nützliche Eigenschaft,
       Garn oder  Stiefel zu machen, war nur eine conditio sine qua non,
       weil Arbeit  in nützlicher Form verausgabt werden muß, um Wert zu
       bilden.  Was  aber  entschied,  war  der    s p e z i f i s c h e
       G e b r a u c h s w e r t  d i e s e r  W a r e,  Quelle von Wert
       zu sein  und von mehr Wert als sie selbst hat..." 94) Nun erfolgt
       zwar die  Wertbildung bei  der Kombination von Produktionsmitteln
       mit der  Arbeit, aber  die "verschiednen Faktoren des Arbeitspro-
       zesses  nehmen   verschiednen   Anteil   an   der   Bildung   des
       P r o d u k t e n w e r t s."  95) Während der Wert der Produkti-
       onsmittel im  Arbeitsprozeß lediglich  erhalten  wird  durch  die
       bloße Übertragung  des Werts auf den Wert des gerade produzierten
       Produkts, "bildet  jedes Moment  ihrer (der Arbeitskraft - Verf.)
       Bewegung  z u s ä t z l i c h e n  W e r t,  N e u w e r t."  96)
       Es ist  also nicht so, daß in der Arbeit zuerst der Wert der Pro-
       duktionsmittel übertragen,  und dann  erst der  Neuwert  gebildet
       wird, sondern  dies geschieht zugleich, vermöge des Doppelcharak-
       ters der  Arbeit als  konkreter, nützlicher und abstrakter, wert-
       bildender. Denn  soll die Arbeit ihre wertbildende Kraft wirklich
       entfalten können, dann muß sie zugleich konkret, als Verausgabung
       konkreter Qualifikationen  des Arbeiters und unter konkreter Ver-
       wendung der  Produktionsmittel verrichtet werden. So wird notwen-
       dig im  Wertbildungsprozeß durch  den dabei  erfolgenden Gebrauch
       der Produktionsmittel deren Wert auf das Produkt übertragen. "Der
       Arbeiter   k a n n    n e u e    A r b e i t    n i c h t    z u-
       s e t z e n,   also nicht  neuen Wert schaffen,  o h n e  a l t e
       W e r t e  z u  e r h a l t e n,  denn er muß die Arbeit immer in
       bestimmter nützlicher  Form zusetzen,  und er  kann sie  nicht in
       nützlicher Form  zusetzen, ohne  Produkte  zu  Produktionsmitteln
       eines neuen  Produkts zu  machen, und  dadurch ihren Wert auf das
       neue Produkt  zu übertragen.  Es ist also eine  N a t u r g a b e
       der  sich   betätigenden  Arbeitskraft,  der  lebendigen  Arbeit,
       W e r t   z u   e r h a l t e n,    i n d e m    s i e    W e r t
       z u s e t z t..."  97)
       Der Kapitalist muß Kapital sowohl für den Ankauf der Arbeitskraft
       als auch  der Produktionsmittel  vorschießen. Der Teil des vorge-
       schossenen Kapitals, dessen Wert lediglich übertragen, nicht aber
       größenmäßig verändert  wird, wird  von Marx   k o n s t a n t e s
       K a p i t a l   (c) genannt; im Gegensatz zu dem für Arbeitskraft
       verauslagten Kapital,  das seinen  Wert im Produktionsprozeß sehr
       wohl verändert und  v a r i a b l e s  K a p i t a l  (v) genannt
       wird. Während  der Kapitalist  also c+v für den Produktionsprozeß
       vorschießt, kommt  am Ende  Ware heraus,  deren Gesamtwert größer
       als c+v  ist, nämlich c+v+m, wobei m den im Verwertungsprozeß vom
       Arbeiter produzierten  Mehrwert vorstellt. Die im Produktionspro-
       zeß geschaffenen  Werte, und  von dieser Problemstellung sind wir
       ausgegangen, sind  Produkt der lebendigen Arbeit. Die 'produktive
       Funktion' des  Kapitals besteht lediglich darin, Arbeitskraft und
       Produktionsmittel anzukaufen, um beide im Arbeitsprozeß zu kombi-
       nieren, damit  Werte und  vor allem  Mehrwert, also ein Überschuß
       über den Kapitalvorschuß, produziert werde.
       Wenn in  der Produktionsfaktorentheorie dem toten Kapital und der
       lebendigen Arbeit  gleichermaßen  produktive  Kraft  zugesprochen
       wird, so eben auch deshalb, weil in der Tat der von allen Produk-
       tionsmitteln entblößte  Arbeiter darauf  angewiesen ist,  daß der
       Kapitalist seine  Ware Arbeitskraft  kauft und  sie mit dem toten
       Kapital, den  Produktionsmitteln kombiniert,  will  er  überhaupt
       produktiv tätig  werden. Auf  Grund der  antagonistischen Vertei-
       lungsverhältnisse -  dem Kapitalisten gehören die Produktionsmit-
       tel, dem  Arbeiter seine  Arbeitskraft - 98) entsteht der Schein,
       als sei die Arbeit eine produktive Kraft neben anderen: neben Bo-
       den und Kapital. Zwar kann der Kapitalist keine Waren produzieren
       ohne den  Arbeiter, aber auch der Arbeiter ist zu produktiver Tä-
       tigkeit unfähig, stellt ihn der Kapitalist nicht an seine Produk-
       tionsmittel. Und  es ist  auch deutlich geworden, daß der in Pro-
       duktionsmitteln angelegte  Kapitalwert durchaus nicht wertbildend
       ist, sondern  nur im Arbeitsprozeß als Wert auf das Produkt über-
       tragen wird.  "Eine Maschine,  die nicht  im Arbeitsprozeß dient,
       ist nutzlos.  Außerdem verfällt  sie der  zerstörenden Gewalt des
       natürlichen Stoffwechsels.  Das Eisen  verrostet, das  Holz  ver-
       fault. ...  Die lebendige  Arbeit muß  diese Dinge ergreifen, sie
       von den  Toten erwecken,  sie aus  nur möglichen in wirkliche und
       wirkende Gebrauchswerte verwandeln. Vom Feuer der Arbeit beleckt,
       als Leiber derselben angeeignet, zu ihren begriffs- und berufsmä-
       ßigen Funktionen  im Prozeß begeistert, werden sie zwar auch ver-
       zehrt, aber zweckvoll, als Bildungselemente neuer Gebrauchswerte,
       neuer Produkte..." 99) "Diese Naturkraft der Arbeit erscheint als
       S e l b s t e r h a l t u n g s k r a f t     d e s      K a p i-
       t a l s,   dem sie  einverleibt ist,  ganz wie    i h r e    g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e n   Produktivkräfte als   s e i n e
       Eigenschaften, und  wie die  beständige Aneignung  der Mehrarbeit
       durch  den   Kapitalisten  als   beständige    S e l b s t v e r-
       w e r t u n g   d e s   K a p i t a l s.   Alle Kräfte der Arbeit
       projektieren sich als Kräfte des Kapitals..." 100)
       Indem das  Geheimnis der  Wert-  und  Mehrwertbildung  aufgedeckt
       wird, wird  zugleich auch gezeigt, warum sich dies notwendig ver-
       kehrt darstellt, nämlich als 'produktiver Beitrag des Faktors Ka-
       pital' zum  Wertschöpfungsprozeß. Die Bestandteile des jeweiligen
       Neuwerts -  d.h. des  Produktenwerts (c+v+m)  abzüglich des  bloß
       übertragenen Wertteils c - erscheinen demnach im bürgerlichen Be-
       wußtsein als  Beiträge der  'Faktoren' und  werden in  unbewußter
       Verhüllung als  'Volkseinkommen 101)  bezeichnet. Daß  die  Wert-
       schöpfung alleiniges  Resultat der  Arbeit  ist,  entgeht  diesem
       Klassenbewußtsein, das  eben nicht  allein aufgrund 'ökonomischer
       Interessen' sich  konstituiert, sondern  durch die besondere Form
       der Produktion selbst.
       Nachdem wir  also den  oben  bezeichneten  Zirkelschluß  von  der
       'Wertschöpfungsseite' her  betrachtet haben, wollen wir ihn jetzt
       von der 'Einkommenseite' her untersuchen. Wenn nämlich die Natur-
       kraft der  Arbeit im  Produktionsprozeß als Selbsterhaltungskraft
       des Kapitals  erscheint  (und  diesem  zudem  die  Fähigkeit  zur
       'Einkommensschöpfung' zugesprochen  wird), so wird zu analysieren
       sein, wie  die Gratisgabe der lebendigen Arbeit auf der Ebene der
       Einkommen erscheint  und wie  die Erfahrung solcher Erscheinungen
       von der  bürgerlichen Ökonomie verallgemeinert und 'wissenschaft-
       lich' systematisiert wird.
       Der Kapitalist  zeichnet sich gegenüber dem Arbeiter dadurch aus,
       daß er  über die  Produktionsmittel verfügt, mit denen allein der
       Arbeiter unter  den gegenwärtigen  technologischen Bedingungen zu
       produzieren vermag.  Sie sind  innerhalb des  Gesamtkapitals 102)
       also ein  wichtiger Aktivposten, dessen kontinuierliche Erhaltung
       und Ausdehnung  für den  Kapitalisten lebenswichtig  ist. Für die
       Produktionsmittel gilt  genau wie  für die anderen Teile des kon-
       stanten Kapitals  (Rohstoffe, Hilfsstoffe  usw.), daß ihr Wert im
       Arbeitsprozeß lediglich übertragen wird, daß sie zwar ganz in den
       Arbeitsprozeß eingehen  (der Arbeiter arbeitet immer mit der gan-
       zen Maschine),  aber nur zum Teil in den Verwertungsprozeß einge-
       hen, nämlich nur mit dem Teil, der anteilig im Arbeitsprozeß ver-
       schlissen wird  durch den Gebrauch des Produktionsmittels. Dieser
       Teil wird nun aus Gründen der Kapitalerhaltung in Gestalt der Ab-
       schreibungen zuerst einmal in Abzug gebracht.
       Vom Nettosozialprodukt  bzw. dem größengleich gesetzten Volksein-
       kommen unterscheidet  sich - innerhalb der bürgerlichen Kategori-
       enbildung -  das  Bruttosozialprodukt  in  diesem  entscheidenden
       Punkt. Es schließt auch die Summe der Abschreibungen ein, die den
       Wert des  Verschleißes der dauerhaften (länger als eine Produkti-
       onsperiode, d.h. ein Jahr, gebrauchten) Produktionsmittel während
       eines Jahres  ausdrücken.  Die  Abschreibungen  sind  daher  auch
       gleich der  Summe aller  Ersatzinvestitionen in  einem Jahr,  die
       dazu dienen,  das fixe  Kapital, die  kapitalistische Gestalt der
       dauerhaften Produktionsmittel, zu erhalten. Während also das Net-
       tosozialprodukt nur  den während  eines Jahres  neu  geschaffenen
       Wert  umschreibt,   schließt  das  Bruttosozialprodukt  auch  die
       'Kosten' ein,  die im  Verlauf des  Jahres zur  Erneuerung des im
       Produktionsprozeß verbrauchten  Anlagekapitals entstehen.  Anders
       ausgedrückt: Das  Nettosozialprodukt, das  schließlich als Volks-
       einkommen verteilt  wird, enthält  nicht die Aufwendungen zur Er-
       neuerung des verbrauchten fixen Kapitalteils. Im bürgerlichen Be-
       griff der jährlichen Wertschöpfung als Resultat der 'Leistung der
       drei Faktoren' ist der Wert der abgenutzten und ersetzten Produk-
       tionsmittel nicht  enthalten, obwohl doch auch dieser Wert produ-
       ziert werden  muß. Und  jeder Kapitalist,  der  Produktionsmittel
       produziert, weiß  erstens gar  nicht, ob diese für den Kapitaler-
       satz oder für die Kapitalakkumulation verwendet werden, und zwei-
       tens würde  er die  Produktion sehr  bald einstellen,  wenn dabei
       nicht auch  Werte 'geschaffen'  würden. Während  als Schöpfer des
       Nettosozialprodukts und des Volkseinkommens die drei Produktions-
       faktoren erscheinen,  wird die  Erzeugung des  Ersatzes der  ver-
       brauchten Produktionsmittel aber als quasi-naturbedingte Begleit-
       erscheinung des  Produktionsprozesses vorausgesetzt.  Die Gratis-
       gabe der Arbeit, 'Wert zu erhalten, indem sie Wert zusetzt', wird
       in der  bürgerlichen Theorie  reflektiert, indem diese Gratisgabe
       tatsächlich nicht im Volkseinkommen, im Nettosozialprodukt aufge-
       führt wird.
       Seinen Ausdruck findet dies in den Definitionen des Kapitals, der
       Investitionen und  des Einkommens innerhalb der bürgerlichen Öko-
       nomie. Von  A.C. Pigou,  dessen Bedeutung als einer der Väter der
       Wohlfahrtsökonomie auch heute noch unbestritten ist, wird das Ka-
       pital einem  See verglichen,  "in den eine mannigfaltige Vielzahl
       von Dingen,  die die  Früchte von  Ersparnis sind, kontinuierlich
       hineingeworfen werden. Wenn diese Dinge einmal in den See gelangt
       sind, überleben sie dort für verschiedene Perioden, ganz entspre-
       chend  ihrer  jeweils  verschiedenen  Natur  und  dem  jeweiliger
       Schicksal, das  sie erleiden."  103) Aber  alles, was  in den See
       hineinfließt, verläßt ihn auch wieder. Um nun den 'Wasserspiegel'
       zu halten,  müssen folglich  die Zuflüsse zum Kapitalsee eine be-
       stimmte Größe  haben. Sie müssen mindestens so groß sein, wie die
       Abflüsse, wie  der Verbrauch von Kapital Was aber ist Kapitalver-
       brauch? Pigou  rechnet dazu  nur "die  gewöhnliche Abnutzung, der
       Maschinen und Fabrikgebäude im Prozeß ihres Funktionierens unter-
       liegen." 104)  Die Notwendigkeit  der Erhaltung des Kapitals wird
       mit der  Überlegung begründet,  daß im  Falle der Nicht-Ersetzung
       des 'abfließenden'  Kapitals nicht  nur der  Kapitalstrom  selbst
       nach und nach versickern und der See austrocknen würde. "Vielmehr
       wird an  diesem Ereignis  die Menschheit kein Interesse mehr neh-
       men, da dem Abgang der letzten Kapitaleinheit ganz sicherlich der
       Abtritt des  'letzten Menschen'  vorhergegangen sein  wird." 105)
       Daher, so  schlußfolgert Pigou,  muß erst einmal der Wert zum Er-
       satz des 'abgeflossenen' Kapitals in Abzug gebracht werden, bevor
       die "national  dividend" an die Produktionsfaktoren verteilt wer-
       den kann. Zur Verteilung steht also nur das Volkseinkommen, nicht
       aber das  Bruttosozialprodukt. Das  Bruttosozialprodukt wird ver-
       wendet, aber nicht verteilt. So kann es kommen, daß im Jahre 1968
       in der  BRD zwar 404,91 Mrd. DM  v e r t e i l t  werden konnten,
       aber 530,80 Mrd. DM  v e r w e n d e t  worden sind.
       Vor  jeder   Verteilung  von  'Einkommen'  aufgrund  spezifischer
       'Leistungen' der  einzelnen Faktoren 106) findet die Reproduktion
       des  verbrauchten,  in  Produktionsmitteln  ausgelegten  Kapitals
       statt. Das  Kapital hat  also das Recht, zumindest mit ungeschmä-
       lerter Substanz  aus jeder  Produktionsrunde hervorzugehen.  107)
       Nur das  was darüber  hinausgeht,  kann  daher  als  "Wohlfahrts-
       steigerung" bestimmt  werden. "Das  Sozialeinkommen (oder Sozial-
       produkt) ist  definitionsgemäß der Nettoausstoß einer Wirtschaft.
       Aber 'netto'  hat zwei unvermeidliche Implikationen. Die eine ist
       die, daß  das Kapital  funktionsfähig bleibt. Die zweite ist die,
       daß 'Kapital'  klar von Endprodukten unterschieden werden kann/so
       daß die  Konsumtion von  Produkten im  Verlauf  eines  Jahres  in
       letzter Verwendung  nicht mit  Konsumtion innerhalb  des  Produk-
       tionsprozesses verwechselt werden kann. Definitionsgemäß ist dann
       das  Sozialeinkommen   ein  Maß   des  Ausstoßes   des   gesamten
       Nettoausstoßes und  nicht der letzten Verwendung oder irgendeiner
       anderen größeren  oder kleineren Summe. ... Wir müssen in Begrif-
       fen der  gegenwärtigen Wohlfahrt  auch solche Teile bewerten, die
       einen Nettozuwachs zum Kapital des Landes repräsentieren..." 108)
       Nur das  Nettoergebnis der  Jahresarbeit dient  der Wohlfahrt. Da
       jedoch auch  die verbrauchten Produktionsmittel produziert werden
       müssen, wird  auf diese  Weise eine  Zweiteilung der Jahresarbeit
       einer konkreten  Gesellschaft vorgenommen.  Der Teil  der Arbeit,
       der dazu  verwendet wird,  das verbrauchte  Kapital zu  ersetzen,
       steigert die  Wohlfahrt nicht.  Der andere  Teil der Jahresarbeit
       jedoch, der  Konsumtionsmittel und  Nettoinvestitionsmittel  her-
       stellt, dient  gerade diesem  Zweck. Das Kapital kann nach dieser
       Kategorienbildung also verlangen, erst einmal seinen Anspruch auf
       Ewigkeit befriedigt  zu bekommen,  seinen Anspruch,  ewig wie die
       Natur (aus der daher Pigou und Samuelson ihre Analogien beziehen)
       nicht nur  zu gelten,  sondern auch  zu sein.  Die Erhaltung  der
       A r b e i t  jedoch figuriert bereits unter der Konsumtion in der
       Kategorie des 'Sozialeinkommens'.
       So erweist  sich die Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettoso-
       zialprodukt nicht  nur als  eine statistisch-technische,  sondern
       als die Form, in der die Gratisproduktivkraft der Arbeit, im Pro-
       zeß der Neuwertbildung den Wert der Produktionsmittel durch Über-
       tragung auf das Produkt zu erhalten, als Natureigenschaft des Ka-
       pitals zurückgespiegelt  wird. Gleichzeitig  bedingt diese Unter-
       scheidung, daß der Verteilung des Nettosozialprodukts zuerst ein-
       mal die  Kapitalerhaltung vorausgesetzt  wird. So  wird in  jedem
       Produktionsprozeß zunächst  einmal die  einfache Reproduktion si-
       chergestellt, die daher auch logisch der erweiterten Reproduktion
       vorangeht (weshalb  von Marx  am Ende des 2. Bandes des 'Kapital'
       auch die einfache und die erweiterte Reproduktion getrennt darge-
       stellt werden).  Erstes Resultat des Produktionsprozesses, wie es
       sich in dieser Unterscheidung herstellt, ist die Reproduktion des
       Kapitals; zweites Resultat ist das Nebeneinander von Lohn und Ka-
       pitaleinkommen; das  eine dient  der Reproduktion  der lebendigen
       Arbeitskraft - womit die Reproduktion der beiden Seiten des Kapi-
       talverhältnisses, des  Kapitals und  der Lohnarbeit vollendet ist
       ", das  andere dient der ständigen Erweiterung der Kapitalproduk-
       tion,  der  Akkumulation.  Dies  alles  erscheint  nun  aber  als
       'Selbstverständlichkeit', die  nur noch  technische Probleme  der
       Abgrenzung zwischen  'brutto' und  'netto' aufwirft  - womit denn
       auch die  nationalökonomischen  Lehrbücher  vollgestopft  werden.
       109)
       Die Gratisgabe  der Arbeit,  im Prozeß  der Wertbildung  auch den
       Wert des  konstanten Kapitals  zu erhalten, was auf der Ebene der
       Wertbildung als  Selbsterhaltungskraft  des  Kapitals  erscheint,
       drückt sich also auf der Ebene des Bezugs der Einkommen als aller
       Einkommensverteilung vorausgehender Ersatz des verbrauchten Kapi-
       tals aus.
       Daß die  Unterscheidung von  Brutto- und Nettosozialprodukt nicht
       eine bloß  technische, sondern  von fundamentaler  Bedeutung ist,
       wenn es  um den Konjunkturzyklus geht, wird nun allerdings wieder
       in die  bürgerliche Ökonomie  hereingenommen. In der Keynes'schen
       Theorie spielt bekanntlich die Konsumneigung ("propensity to con-
       sume") eine  entscheidende Rolle  für die  kurzfristige Höhe  von
       Einkommen und  Beschäftigung. Je  mehr die  Konsumenten aus ihrem
       Einkommen konsumieren,  desto größer die effektive Nachfrage, de-
       sto besser  die Auftragslage, desto größer auch die Beschäftigung
       und folglich  das Gesamteinkommen  - so lautet verkürzt die Argu-
       mentationskette. Wenn  nun aber  nur aus  dem   N e t t o sozial-
       produkt,   dem 'Volks'einkommen  konsumiert werden kann, dann ge-
       winnt   plötzlich   die   Größe   der   Ersatzinvestitionen   zur
       Wiederherstellung der  verbrauchten dauerhaften Produktionsmittel
       höchste Bedeutung.  Denn nun  hängt der  tatsächliche Konsum  bei
       gegebener Konsumneigung auch von der Größe der Abschreibungen ab.
       "...Es ist  wichtig, die  Größe des  Abzugs zu  betonen, der  vom
       Einkommen einer  Gesellschaft gemacht  werden  muß,  die  bereits
       einen großen  Kapitalstock besitzt,  bevor wir das Nettoeinkommen
       erhalten, das  gewöhnlich für  die Konsumtion verfügbar ist. Denn
       wenn wir  dies übersehen,  könnten wir den schweren Druck auf die
       Konsumneigung unterschätzen, der auch unter Bedingungen vorhanden
       ist, unter  denen das Publikum einen sehr großen Teil seines Net-
       toeinkommens zu  konsumieren bereit ist." 110) Und Keynes beklagt
       daher (ebenda,  S. 100) die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise,
       in der sich die Tendenz jedes Einzelkapitalisten zum Aufschub von
       Erneuerungsinvestitionen als  krisenverschärfendes Moment für das
       Gesamtkapital auswirken  mußte. Nicht  nur, daß der Investitions-
       multiplikator mangels  Masse geringer  wurde, auch  die Tatsache,
       daß die  Abschreibungsbeträge vom fungierenden Kapital in Gestalt
       von Geldkapital  bis zur Erneuerung der Produktionsmittel zurück-
       gehalten werden,  wirkte als  krisenverschärfendes  Moment.  "Sie
       verringern die  laufende Effektivnachfrage  und heben sie erst in
       dem Jahr  an, in  dem der  Kapitalersatz tatsächlich  vorgenommen
       wird. Wenn  der diesbezügliche  Effekt  noch  durch  'finanzielle
       Klugheit' verschlimmert  wird, d.h.  dadurch, daß  es ratsam  er-
       scheint, die Anfangskosten schneller 'abzuschreiben' als die Aus-
       rüstungen tatsächlich  abgenutzt werden, dann wird das kumulierte
       Ergebnis wahrhaft sehr ernst sein." 111) So führt nach Keynes die
       "finanzielle Klugheit"  der   E i n z e l kapitalisten, indem sie
       höhere, vorsichtige  Abschreibungsbeträge ansetzen, zur Krise der
       kapitalistischen Ökonomie insgesamt. Denn Abschreibungen ohne Er-
       satzinvestitionen verringern  die Gesamtnachfrage, indem die Pro-
       duktionskosten steigen  (Abschreibungen sind  schließlich Kosten,
       die der  Kapitalist im Preis erstattet haben will), ohne daß neue
       Einkommen infolge der Investitionstätigkeit geschaffen würden. Je
       höher nun  diese Abschreibungen, desto niedriger auch die für die
       Konsumtion 'zur  Verfügung stehenden'  Einkommen.  So  führt  der
       Zwang zur  Erhaltung jedes  E i n z e l kapitals zur Verschärfung
       der Krise des  G e s a m t kapitals.
       Was der Verteilungstheoretiker nicht begreifen kann, wenn er sich
       auf die  Nettogrößen bezieht,  wird nun voll sichtbar. Seine Ver-
       teilungstheorie hängt  in der  Luft und  wird durch das Abschrei-
       bungs- und  Investitionsverhalten der  Kapitalisten immer  wieder
       auf den  'Boden der  Tatsachen' gezogen. Die Verteilung wird tan-
       giert, wenn  die Kapitalverwertung  es erfordert.  Die Größe  des
       'zur Verfügung  gestellten Kuchens' hängt davon ab, inwieweit die
       Voraussetzungen der  Kapitalverwertung gewährleistet  sind. Inso-
       fern übersehen  alle Verteilungstheorien, die davon ausgehen, daß
       durch eine gleichmäßigere Verteilung der Einkommen die Konsumnei-
       gung steige  (aus größeren  Einkommen wird ja prozentual mehr ge-
       spart als  aus kleineren  Einkommen) und daher auch die effektive
       Nachfrage zunehme, gerade das Moment der Kapitalverwertung. Nicht
       die effektive Nachfrage ist entscheidend, sondern die Kapitalver-
       wertung ausgedrückt  in der  Größe der  Profitrate auf das vorge-
       schossene Kapital.  Und daher konstatiert Keynes zu Recht das Ab-
       sinken der  effektiven Nachfrage als Konsequenz der "finanziellen
       Klugheit" der  Kapitalisten; sie  müssen sich eben klug, d.h. als
       Charaktermasken des Kapitals verhalten, gleichgültig, was aus der
       effektiven Nachfrage und der Verteilung wird.
       Dies geht auch aus den betriebswirtschaftlichen, also den einzel-
       kapitalistischen Abschreibungsregeln  hervor, die  vom  'ehrbaren
       Kaufmann' gerade die sich gesamtkapitalistisch so verheerend aus-
       wirkende "finanzielle  Klugheit" verlangen. "Oberstes Prinzip bei
       der Bewertung in der Bilanz ist der Grundsatz kaufmännischer Vor-
       sicht. Er soll verhindern, daß der Gewinn zu hoch ausgewiesen und
       durch Ausschüttung  des Gewinns die betriebliche Substanz vermin-
       dert wird..."  112) Daher  wird  das  Niederstwertprinzip  aufge-
       stellt, das besagt, daß von zwei möglichen Wertansätzen - dem Ta-
       geswert und dem Anschaffungswert - stets der niedrigere verwendet
       werden muß.  Vor allem  gilt es  also, die betriebliche Substanz,
       das Kapital,  zu erhalten.  Solange keine  tatsächlichen Verluste
       gemacht werden  und ein  Mindestkonsumtionsstandard der Kapitali-
       stenklasse gehalten werden kann, sind vorsichtige, d.h. überhöhte
       Aufwendungen zur Kapitalerhaltung und als 'Residuum' ausgewiesene
       Gewinne zwar  nicht in der Statistik, wohl aber für den Einzelka-
       pitalisten verschiedene  Summanden einer  gleichbleibenden Summe.
       Ob die  Gewinne ausgewiesen  oder gleich als Rücklagen oder Rück-
       stellungen verbucht  werden, ist  wirklich nur eine Frage der je-
       weiligen "finanziellen  Klugheit".  Abschreibungen  richten  sich
       auch nach der Preisentwicklung der Produktionsmittel. Steigen die
       Wiederbeschaffungskosten, so  müssen  die  Abschreibungen  höher,
       sinken sie,  so können  sie niedriger  als die Anschaffungskosten
       sein, wenn  eine tatsächliche  Wiederbeschaffung  mit  Hilfe  der
       durch Abschreibungen  amortisierten Geldbeträge möglich sein soll
       112). Und in der amtlichen Statistik wird diesem Prinzip Rechnung
       getragen, indem bei der Berechnung des Nettosozialprodukts die zu
       Wiederbeschaffungspreisen bewerteten  Abschreibungen" vom Brutto-
       sozialprodukt abgezogen  werden 113). So wird vom Einzelkapitali-
       sten in  seiner Kalkulation  bereits die  Unterscheidung zwischen
       Kapitalerhaltung und  Wertschöpfung, zwischen  Kapitalersatz  und
       Verteilung vollzogen, ohne daß damit irgendeine Bosheit beabsich-
       tigt wäre.  Er verhält sich lediglich als Kapitalist, "finanziell
       klug". Und  als Kapitalist kümmert ihn die Verteilung der Einkom-
       men   a l s   E r g e b n i s   seines Handelns  nicht, wohl aber
       a l s   V o r a u s s e t z u n g  seiner Dispositionen zur Kapi-
       talverwertung.
       Kapitalverwertung drückt sich nun aus in quantitativer Steigerung
       des vorgeschossenen  Kapitals. Der  Kapitalist will den Wert, den
       er in Geldform verauslagt hat, vergrößert zurückerhalten, und nur
       wenn dies der Fall ist, wird er den Produktionsprozeß aufrechter-
       halten. Die  Höhe des  Lohnes ist  für den Kapitalisten entschei-
       dend. Denn davon wird die Höhe des von ihm für den Ankauf der Ar-
       beitskraft vorzuschießenden  variablen Kapitalteils bestimmt. Die
       'Produktionskosten' steigen  mit steigenden Lohnkosten, und folg-
       lich sinkt  bei sonst  gleichbleibenden Umständen die Profitrate.
       Weil also die Verteilung der Einkommen für den Einzelkapitalisten
       als Voraussetzung  seiner Kapitalverwertung  höchst relevant ist,
       kann überhaupt  erst der schon diskutierte Widerspruch von Umver-
       teilung und Wirtschaftswachstum auftauchen. In diesem Schluß, der
       sich in  der bürgerlichen  Ökonomie zum  Zielkonflikt  kristalli-
       siert, ist  allerdings als vermittelndes Glied die Annahme impli-
       ziert, daß der Profit dazu da sei, um akkumuliert zu werden. Denn
       wie könnte  ein Widerspruch  zwischen Umverteilung  der Einkommen
       und Wirtschaftswachstum  formuliert werden,  wenn nicht unter der
       Bedingung, daß  das Wachstum  gerade aus  den  Profiten  getragen
       würde? Diese Annahme begründet sich aus dem kapitalistischen Pro-
       duktionsverhältnis selbst. Das Kapital als ununterscheidbare Qua-
       lität kann  sich nur  in quantitativer  Hinsicht verändern, durch
       Wachstum. Alle Zwänge der Konkurrenz drängen dem Kapitalisten als
       Charaktermaske des Kapitals die Notwendigkeit auf, diesem Impera-
       tiv gerecht  zu werden:  "Akkumuliere! Das ist Moses und die Pro-
       pheten." Akkumulation  aber geht  über die bloße Kapitalerhaltung
       hinaus; sie  wird aus  dem Wertprodukt, das wir zur Vereinfachung
       dem Nettosozialprodukt  bzw.  Volkseinkommen  gleichsetzen  (vgl.
       Anm. 101),  getätigt, also  aus dem  Nettosozialprodukt, das  als
       'Volkseinkommen' angeblich  der Verteilung offensteht. Der in der
       bürgerlichen Ökonomie  als Zielkonflikt  zwischen Verteilung  und
       Wachstum formulierte  Widerspruch ist also nichts anderes als un-
       begriffener Reflex  der Widersprüche  des  Akkumulationsprozesses
       selbst. Für die sogenannte Verteilung ergibt sich allerdings dar-
       aus die Konsequenz, daß nicht nur der Zwang zur Kapitalerhaltung,
       der sich  als jeder Verteilung schon immer vorausgegangener Abzug
       der Abschreibungen  vom zu verteilenden Kuchen darstellt, sondern
       auch der  Akkumulationszwang des Kapitals die Vorstellung von der
       Verteilung als  einer Sphäre, in der ein Kuchen zu verteilen ist,
       geradezu lächerlich macht. Wenn also der Abzug der Abschreibungen
       überhaupt schon  jeder Verteilung vorausgeht, wenn die Verteilung
       des Übriggebliebenen,  nämlich des  Lohns und  des Profits, nicht
       nach Gesetzen  der verselbständigten  Verteilungssphäre,  sondern
       nach den  Gesetzen der Akkumulation des Kapitals vollzogen wird -
       was bleibt dann von Vorstellungen über eine mögliche Umverteilung
       überhaupt noch übrig?
       Der sogenannte Sozialstaat hat demnach gar nicht 'zur Verfügung',
       was er zwischen den Klassen umverteilen könnte. Seine Möglichkei-
       ten und Maßnahmen bewegen sich - dies ist bereits ausgeführt wor-
       den, bedürfte  aber sehr  konkreter Analysen  - in der Sphäre der
       Umverteilung innerhalb der Klassen. Nur in den Fällen, wo die Re-
       produktion der  Arbeitskraft wirklich  nicht mehr  gesichert ist,
       wenn das  Maß des Lohns den Akkumulationsgesetzen allein überlas-
       sen bleibt,  wird der  Staat, aus  Gründen der  Erhaltung der Ar-
       beitskraft als  Basis kapitalistischer  Ausbeutung, auch eine Um-
       verteilung zwischen  Lohnarbeit  und  Kapital  erzwingen  können.
       (Vgl. dazu  Teil IV). Das Prinzip, daß die Gesetze der Verteilung
       die Gesetze  der Akkumulation  und Zirkulation des Kapitals sind,
       wird dadurch nicht berührt. Wir sind damit aus der Konsequenz der
       Sache an  dem Punkt angelangt, wo die Untersuchung der verteilen-
       den Macht  des Sozialstaats in die Analyse der erweiterten Repro-
       duktion des  Kapitals mündet.  Im vorliegenden  Zusammenhang, der
       Kritik der  Illusionen der Sozialstaats- und Verteilungstheorien,
       müssen wir an diesem Punkt abbrechen.
       Der illusorische  Charakter der  revisionistischen  Sozialstaats-
       theorien wird  also erst durch die Zurückführung der Verteilungs-
       verhältnisse in der Einkommensebene auf die Verteilung in der ka-
       pitalistischen Produktion wirklich klar. Es wird damit auch klar,
       daß die  revisionistische Staatstheorie direkt aus jenen verkehr-
       ten Formen  abgeleitet ist,  die der kapitalistische Produktions-
       prozeß selbst im Bewußtsein der Kapitalagenten und der darauf be-
       ruhenden ökonomischen  Wissenschaft erzeugt. Sowohl die bürgerli-
       chen wie  die revisionistischen  Auffassungen sind  nicht einfach
       Verhüllungen oder  Ideologien im  landläufigen Sinn, sondern not-
       wendige Produkte der Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses.
       Dieses   w e s e n t l i c h e   Grundverhältnis, das die gesell-
       schaftliche   P r o d u k t i o n    (in  ihrer  kapitalistischen
       Form) bestimmt,   e r s c h e i n t  eben nicht als solches, son-
       dern ganz verkehrt in der Sphäre der  Z i r k u l a t i o n,  von
       der die Verteilung der Einkommen ein Moment ist. Hier ist der Ur-
       sprung der  bürgerlichen Freiheitsillusionen,  angefangen von der
       Freiheit des  Individuums als 'Einkommenbezieher' und 'Konsument'
       bis  hin   zur  Fähigkeit   der  'neuen  Wirtschaftspolitik'  zur
       'Globalsteuerung der  Wirtschaft' oder  zur  'Umverteilung  durch
       Vermögenspolitik'.
       Das Ziel  der Veränderung  der bestehenden  (wie verbal zugegeben
       wird, immer  noch kapitalistischen  Gesellschaft ist  auch  heute
       noch für  die revisionistischen Organisationen eine 'humane' oder
       'humanere' Gesellschaft, und mit diesem Ziel wird die Beteiligung
       am bestehenden  bürgerlichen Staat  begründet.  Wie  sehr  dieser
       Staat überhaupt  erst auf  der Grundlage kapitalistische! Produk-
       tion entsteht und neue Funktionen übernimmt, wie sehr andrerseits
       diese Grundlage  die Eingriffe dieses Staates in 'die Wirtschaft'
       bis ins einzelne bestimmt und begrenzt, wird in der revisionisti-
       schen Theorie  aus den  ausgeführten Gründen nicht begriffen. Die
       Beteiligung am  bürgerlichen Staat,  der mehr oder weniger starke
       Anschluß der  historischen Organisationen  der Arbeiterschaft be-
       deutet zunächst eine enorme Stärkung der Autorität dieses Staates
       (vgl. zuletzt  die Illusionen  vieler Linken über die SDP-FDP-Re-
       gierung). Andererseits  ist der   v o l l e  Anschluß an die bür-
       gerlichen Illusionen  zugleich der  erste Schritt  zur Zerstörung
       dieser Illusionen.  Ein wichtiger  Schritt bei dieser Desillusio-
       nierung ist  die theoretische  Kritik dieser Illusionen, der Auf-
       weis des inneren Zusammenhangs mit der Grundlage, auf der sie be-
       ruhen, mit der kapitalistischen Form der Produktion.
       Diese  Kritik  kann  dazu  beitragen,  die  Beschränktheit  jenes
       'staatlichen Handelns',  das auf  der Grundlage jener notwendigen
       Illusionen einzig möglich ist und das die revisionistischen Hoff-
       nungen und Versprechungen nicht erfüllen kann, nicht einfach bloß
       zu konstatieren,  sondern zu begreifen und daraus praktische Fol-
       gerungen zu ziehen, die auf eine wirkliche, nicht scheinbare Ver-
       änderung hinzielen.
       
       IV. Die Notwendigkeit von Staatseingriffen zur Erhaltung
       --------------------------------------------------------
       der kapitalistischen Gesellschaft
       ---------------------------------
       
       1. Die Durchsetzung der Arbeiterschutzgesetzgebung nach Marx
       ------------------------------------------------------------
       
       Wir haben  gesehen, daß  die revisionistischen Theorien eines ge-
       meinsam haben:  sie begreifen  den Staat  in seinen verschiedenen
       Funktionen,  insbesondere  aber  der  Sozialpolitik,  als  "selb-
       ständiges  Wesen",  losgelöst  vom  Produktionsprozeß  als  kapi-
       talistischem Verwertungsprozeß.  Dagegen ist  nach der  marxisti-
       schen  Auffassung   die    "G r u n d l a g e    des  bestehenden
       S t a a t s"   "die bestehende Gesellschaft", 114) ist aus dieser
       und ihrem  widersprüchlichem Grundverhältnis  ihre  "Zusammenfas-
       sung... in  der Form  des Staates"  115) zu  entwickeln, und zwar
       jeweils in  ihren konkreten  historischen Erscheinungsformen. Nur
       in  einem   solchen  Sinn  könnte  man  von  einer  marxistischen
       Staatslehre sprechen;  im Sinne  eines feststehenden Lehrgebäudes
       ist sie also nicht möglich. Es ist daher nicht zufällig, daß Marx
       in sämtlichen  Planskizzen seiner  Untersuchung der  kapitalisti-
       schen Gesellschaft insgesamt vom Grundverhältnis ausgeht, das die
       Sphäre der  Produktion kennzeichnet,  also vom Kapitalverhältnis,
       und daß  erst für eine etwaige Fortsetzung der Analyse dieser Ba-
       sis unter  anderen auch  ein Buch  über den  Staat vorgesehen war
       (das er  allerdings für  so wichtig hielt, daß er sich seine Aus-
       führung im Unterschied zu anderen Büchern selbst vorbehielt). Je-
       doch überschreitet  er schon  im ersten  Band des KAPITAL an ver-
       schiedenen Stellen  die hier wie im zweiten Band beibehaltene Ab-
       straktionsebene des  'Kapitals im allgemeinen' und entwickelt aus
       grundlegenden Widersprüchen des Arbeits- und Verwertungsprozesses
       bestimmte Formen,  in denen der bürgerliche Staat tätig wird. Als
       eine solche  Entwicklung einer  bestimmten  staatlichen  Funktion
       soll Marx'  Darstellung der  Entstehung und  Durchsetzung der Fa-
       brikgesetzgebung im  ersten Band  des KAPITAL  im folgenden resü-
       miert und  charakterisiert werden. Es soll also die Ableitung des
       "bestehenden Staats"  aus der "bestehenden Gesellschaft" an einem
       konkreten Beispiel  vorgeführt werden, um zu zeigen, was Marx un-
       ter "Zusammenfassung  der bürgerlichen  Gesellschaft"  verstanden
       hat.
       Es kann  sich allerdings  nicht darum handeln, die von Marx gege-
       bene (teilweise  sehr detaillierte)  "historische Skizze" einfach
       als solche aus der Darstellung des KAPITAL herauszulösen und ohne
       Bezeichnung ihres  systematischen Ortes  zu referieren. Die bloße
       Übernahme der  isolierten historischen  Tatsachen und die brutale
       Desinteressiertheit für  ihren Stellenwert  (d.h. ihren Zusammen-
       hang mit  der Darstellung der Bewegung des 'Kapitals im allgemei-
       nen') ist  nämlich gerade  charakteristisch für die revisionisti-
       sche Marx-Rezeption - nicht zuletzt auch bei der Einschätzung der
       Fabrikgesetzgebung und  des staatlich  begrenzten  Normalarbeits-
       tags. Wenn  Marx bei der Einführung des Zehnstundentags von einem
       "Sieg des Prinzips" sprach, so wurde dieser Satz in der Sozialde-
       mokratie immer  wieder so verstanden, daß damit eine schrittweise
       Durchsetzung sozialistischer  Prinzipien innerhalb  der kapitali-
       stischen Gesellschaft  eingeleitet  worden  sei.  Nach  Bernstein
       stellten die  Fabrikgesetze ein  Stück  "gesellschaftlicher  Kon-
       trolle" und damit ein Stück Sozialismus dar 116), für Sering eine
       "Regulierung der  Gesellschaft nach  menschlichen Notwendigkeiten
       statt nach  automatischen Marktgesetzen."  117) Zunächst muß also
       wenigstens angedeutet  werden, an  welcher Stelle  der systemati-
       schen Entwicklung  des Kapitalbegriffs  Marx auf  die gesetzliche
       Beschränkung des Arbeitstages zu sprechen kommt.
       Marx beginnt  die dialektische Darstellung des Kapitals von jener
       Grundkategorie aus, von der sich alle übrigen Kategorien (und da-
       mit alle Erscheinungen der kapitalistischen Gesellschaftsform ab-
       leiten lassen,  nämlich von  der widersprüchlichen  Form, die das
       Arbeitsprodukt beim  Austausch erhält:  der Ware.  Er entwickelt,
       wie sich  der in  der Ware gesetzte Widerspruch von Gebrauchswert
       und Wert,  und damit  der Doppelcharakter der warenproduzierenden
       Arbeit, in  der Form  des Geldes  darstellt. Noch im I. Abschnitt
       des I. Bandes entwickelt er auch die verschiedenen Funktionen des
       Geldes. Erst  im II. Abschnitt wird der Übergang vom Geld zum Ka-
       pital vollzogen;  es wird  herausgearbeitet, daß  die Zirkulation
       des Geldes  a l s  K a p i t a l  sich von der  e i n f a c h e n
       Zirkulation (Abschnitt  I) grundsätzlich  unterscheidet.  Während
       die einfache  Zirkulation in  der Konsumtion  der Waren endet, im
       Gebrauchswert der Waren also ihr Ziel findet, liegt der Zweck der
       Kapitalzirkulation in  ihr selbst; ihr Zweck liegt in der Vermeh-
       rung des  Kapitals, der  Selbstverwertung des Werts, der Auspres-
       sung von mehr Wert aus der Arbeitskraft. Die Quelle des Mehrwerts
       kann nicht  in der  Zirkulation selbst  liegen, wenn man den Aus-
       tausch von  ungleichen Werten  ausschließt und  sich jede Ware zu
       ihrem Wert ausgetauscht vorstellt. Sie kann nur in der Produktion
       selbst stattfinden.  Dazu muß  allerdings eine  Voraussetzung er-
       füllt sein:  der Geldbesitzer muß auf dem Markt die Ware Arbeits-
       kraft und  die übrigen Produktionsbedingungen kaufen können; vor-
       ausgesetzt ist  also der  von den  Produktionsmitteln 'befreite',
       der freie  Lohnarbeiter. (Dieses Verhältnis unterscheidet die ka-
       pitalistische von  allen  anderen  Gesellschaftsformen;  entweder
       sind die sachlichen Produktionsbedingungen in der Hand der Produ-
       zenten, oder diese Produzenten sind bloßes Zubehör zu diesen Pro-
       duktionsbedingungen -  'an die  Scholle  gebundener  Leibeigener'
       z.B. -  und zusammen  mit diesen in der Hand einer Herrenklasse.)
       Der Wert der Ware Arbeitskraft ist gleich dem aller andren Waren,
       nämlich gleich  der Summe der in seine Produktion eingehenden Ar-
       beitszeit (was  die Erhaltung der "Arbeiterrasse" 118) insgesamt,
       ihre Ausbildung und für die Kulturstufe eines Landes normale Exi-
       stenz einschließt).  Ihr  G e b r a u c h s w e r t,  ihre Anwen-
       dung im  Produktionsprozeß selbst (dies der Gegenstand des ersten
       Bandes) gehört  rechtmäßig dem Käufer, der als Werkzeug des Kapi-
       tals aus der Arbeitskraft möglichst viel Mehrwert herauszupressen
       versucht. Für  den Kapitalisten  ist der Sinn des Produktionspro-
       zesses die  Produktion von  Mehrwert, nicht  die Befriedigung von
       Bedürfnissen (obwohl  die Ware  nicht nur  Wert, sondern auch Ge-
       brauchswert im  Hinblick auf bestimmte Bedürfnisse hat - ohne Ge-
       brauchswert taugt  sie nicht  zum Träger von Wert).  F ü r  i h n
       ist  der  Gebrauchswert  der  Ware  Arbeitskraft,  mehr  Wert  zu
       schaffen als in sie bei ihrer Produktion an Wert eingegangen ist.
       Dazu stehen dem Kapitalisten zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Er
       kann die Arbeitskraft möglichst lange über die Zeit hinaus in der
       Produktion anwenden,  die zur  Ersetzung  ihres  von  ihm  vorge-
       schossenen  Wertes   notwendig  ist.   Diese   Verlängerung   des
       Arbeitstages  über   das  notwendige   Maß  hinaus   schafft  den
       a b s o l u t e n   M e h r w e r t;   er wird  im III. Abschnitt
       des ersten  Bands  des  KAPITAL  behandelt.  Die  Produktion  des
       r e l a t i v e n     M e h r w e r t s     andrerseits  ist  das
       Resultat der  Verkürzung der  notwendigen Arbeitszeit  durch  die
       Steigerung  der   Produktivkraft  der   Arbeit,  d.h.  durch  die
       Revolutionierung der  technischen Prozesse  der Arbeit  und ihrer
       Organisation  im   Betrieb,  außerdem  auch  das  Resultat  einer
       Steigerung  der   Intensität  der   Arbeit  (z.B.   Erhöhung  der
       Bandgeschwindigkeit; MTM-System). Die relative Mehrwertproduktion
       wird im  IV. Abschnitt  des ersten  Bandes des KAPITAL behandelt.
       Absolute und  relative  Mehrwertproduktion  bilden  natürlich  im
       Verwertungsprozeß immer  schon eine  Einheit; sie werden getrennt
       behandelt, um  ihre Besonderheit  rein herausarbeiten  zu können.
       Die Reihenfolge  der Behandlung  ist aber  nicht willkürlich; bis
       zur gesetzlichen  Beschränkung des  Arbeitstages ist die absolute
       Mehrwertproduktion die  Hauptform. Sie  wird vom  Kapital  derart
       extrem betrieben,  daß das  Eingreifen des  Staates unvermeidlich
       wird, worauf  sich dann  das Kapital mit umso größerem Heißhunger
       auf die  relative Mehrwertproduktion  wirft, die  nun  zu  seiner
       eigentlichen, aber  nicht einzigen  Form wird.  (Immer wieder und
       vor allem  in den Phasen der Hochkonjunktur sucht das Kapital den
       Arbeitstag nach seinem Bedürfnis zu verlängern.)
       Die maximale  Verlängerung des Arbeitstages ist natürlicher Trieb
       des Kapitals  und daher  auch des Kapitalisten als des personifi-
       zierten Kapitals;  sie ist  sein natürliches  Recht, da er ja die
       Arbeitskraft für den Gebrauch während eines Tages nach den Geset-
       zen des  Äquivalententauschs zu  ihrem Wert gekauft hat und daher
       über ihren  Gebrauchswert wie über den jeder andren Ware verfügen
       darf. Die  Verkürzung des  Arbeitstags, z.B.  durch Ausruhen, ist
       Diebstahl am  Eigentum des Kapitalisten. Der Arbeiter als Verkäu-
       fer seiner  Ware, der Arbeitskraft, erkennt das Gesetz des Waren-
       austauschs an,  jedoch hat  es für  ihn einen  andren Inhalt: die
       übermäßige Verlängerung  des Arbeitstages  über ihr  normales Maß
       hinaus verhindert  die normale  Regeneration seiner Arbeitskraft,
       hat also  die  v o r z e i t i g e  Abnutzung des einzigen Vermö-
       gens des Arbeiters zur Folge. Für den Arbeiter ist daher die über
       den Normalarbeitstag  hinaus verlängerte  Arbeitszeit  Diebstahl.
       Das Recht  des Verkäufers steht gegen das Recht des Käufers. "...
       von ganz  elastischen Schranken abgesehn, ergibt sich aus der Na-
       tur des  Warenaustausches selbst  keine Grenze  des  Arbeitstags,
       also keine  Grenze der  Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein
       Recht als  Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und
       womöglich aus   e i n e m    Arbeitstag  zwei  zu  machen  sucht.
       Andrerseits schließt  die spezifische  Natur der  verkauften Ware
       eine Schranke  ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbei-
       ter behauptet  sein Recht  als Verkäufer,  wenn er den Arbeitstag
       auf eine  bestimmte Normalgröße  beschränken will. Es findet hier
       also eine   A n t i n o m i e   statt,  Recht wider  Recht, beide
       gleichmäßig durch das Gesetz des Warenaustausches besiegelt. Zwi-
       schen gleichen  Rechten entscheidet  die   G e w a l t.   Und  so
       stellt sich  in der  Geschichte der  kapitalistischen  Produktion
       d i e   N o r m i e r u n g   d e s  A r b e i t s t a g s  a l s
       K a m p f   u m   d i e  S c h r a n k e n  d e s  A r b e i t s-
       t a g s  d a r  - ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h.
       der   K l a s s e   d e r    K a p i t a l i s t e n,    und  dem
       Gesamtarbeiter, oder der  A r b e i t e r k l a s s e."  119)
       Der Kampf  zwischen den  beiden Klassen ist in der Natur des Ver-
       hältnisses  selbst   angelegt,  das  diese  Klassen  konstituiert
       (einerseits die  Eigentümer des  bloßen Arbeitsvermögens, andrer-
       seits die  Eigentümer der  gegenständlichen  Produktionsbedingun-
       gen). In diesem Verhältnis gibt es keine "rationale Lösung", son-
       dern nur  vorläufige Entscheidungen nach gewaltsamer Auseinander-
       setzung. Dieser Widerspruch erzwingt den Klassenkampf (unabhängig
       von den  politischen Formen, in denen er etwa ausgetragen oder in
       denen seine  Formierung versucht  wird; Marx  charakterisiert  an
       keiner Stelle  diesen Klassenkampf  als bloß  "ökonomisch";  vgl.
       dazu den letzten Abschnitt dieses Aufsatzes). Das Verhältnis zwi-
       schen Lohnarbeit und Kapital erweist sich also als ein Verhältnis
       innerhalb der  warenaustauschenden Gesellschaft, das der normalen
       Form der  Regulierung in  dieser Gesellschaft  nicht  unterliegt,
       nämlich der  den Austausch der Waren, des Privateigentums regeln-
       den allgemeinen Gesetze. Die Arbeiterklasse, gerade indem sie auf
       dem Gesetz  des Warenaustauschs  besteht, fällt aus dem durch Ge-
       setze regulierbaren gesellschaftlichen Zusammenhang heraus.
       Wie diese  Antinomie sich historisch geltend macht, wird von Marx
       dann ausführlich  an der  Geschichte des  Kapitals in England be-
       legt.  Z w e i  B e w e g u n g e n  sind dabei zu unterscheiden.
       120) Der maßlose Trieb des Kapitals zur Verlängerung des Arbeits-
       tags setzt  sich gegen  vielfache hergebrachte  Schranken und vor
       allem gegen  den Widerstand  der Arbeiter  selbst durch. Eine we-
       sentliche Unterstützung  sind dem  Kapital dabei von ihm durchge-
       setzte   Z w a n g s g e s e t z e   d e s   S t a a t e s  z u r
       V e r l ä n g e r u n g  d e s  A r b e i t s t a g e s,  wie sie
       die Epoche  seiner Entstehung  und Durchsetzung  seit dem  späten
       Mittelalter begleiten (ursprüngliche Akkumulation); hier wird der
       Staat von  der Kapitalistenklasse  unmittelbar als Instrument ge-
       braucht. "Aber  in seinem  maßlos blinden Trieb, seinem Werwolfs-
       Heißhunger nach  Mehrarbeit, überrennt  das  Kapital    n i c h t
       n u r   d i e   m o r a l i s c h e n,   s o n d e r n    a u c h
       d i e   r e i n   p h y s i s c h e n  M a x i m a l s c h r a n-
       k e n   d e s   A r b e i t s t a g s."  121) Die kapitalistische
       Produktion produziert  also   "d i e   v o r z e i t i g e   E r-
       s c h ö p f u n g   u n d  A b t ö t u n g  d e r  A r b e i t s-
       k r a f t   s e l b s t"   122), und  damit  beseitigt  sie  auch
       tendenziell die  Quelle der  Verwertung. Sie  gerät also  zu sich
       selbst in  Widerspruch. Das  Kapital und der Kapitalist verhalten
       sich nach  dem Prinzip  'Nach mir die Sintflut'. Aber andrerseits
       ruft diese  Bewegung der  Selbstzerstörung eine Gegenbewegung zur
       Erhaltung der  Bedingungen weiterer Kapitalverwertung hervor, und
       zwar wesentlich  durch den  Widerstand der  in ihrer Existenz als
       besondre  Sorte   von  Warenbesitzern  bedrohten  Arbeiter.  Über
       komplizierte  Vermittlungen   allmählich  und  immer  wieder  von
       Rückschlägen bedroht,  setzt sich  eine "bewußte  und  planmäßige
       Rückwirkung der  Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres
       Produktionsprozesses"  123)   durch.   Als      n e g a t i v e r
       Ausdruck des Heißhungers nach Mehrarbeit werden die Fabrikgesetze
       eingeführt; sie  "zügeln den  Drang des  Kapitals  nach  maßloser
       Aussaugung der  Arbeitskraft durch    g e w a l t s a m e    B e-
       s c h r ä n k u n g     d e s     A r b e i t s t a g s     v o n
       S t a a t s   w e g e n,   und zwar  von selten eines Staats, den
       Kapitalist und Landlord beherrschen." 124)
       Marx vergleicht  diese Gegenbewegung  mit der  Notwendigkeit, die
       die englischen  kapitalistischen Pächter zwang, die durch blinden
       Raubbau erschöpfte  natürliche Produktivkraft  des  Bodens  durch
       künstliche Düngung  zu erneuern.  Die Fabrikgesetzgebung ist nach
       ihm "ebensosehr ein notwendiges Produkt der großen Industrie, als
       Baumwollgarn, Selfactors  und der  elektrische  Telegraph."  125)
       Aber diese  Notwendigkeit setzt  sich deshalb  keineswegs automa-
       tisch durch,  sondern die Fabrikgesetze sind das  R e s u l t a t
       e i n e s   l a n g w i e r i g e n,   m e h r    o d e r    w e-
       n i g e r   o f f e n e n   K l a s s e n k a m p f e s    z w i-
       s c h e n    K a p i t a l i s t e n k l a s s e    u n d    A r-
       b e i t e r k l a s s e,   vermittelt  durch  eine  Vielzahl  von
       politischen Auseinandersetzungen  auch unter einzelnen Fraktionen
       der herrschenden  Klassen selbst  und unter  Beteiligung  relativ
       entfernter Gruppen.  Erst die  gewissermaßen politologische  Dar-
       stellung 126), wie sich diese vom Interesse der Erhaltung der Ka-
       pitalverwertung selbst  diktierte Notwendigkeit im einzelnen mehr
       oder weniger unbewußt auf der Ebene der Interessenkämpfe schließ-
       lich, und  niemals  wirklich  endgültig  durchsetzt,  kann  diese
       zunächst bloß abstrakt entwickelte Notwendigkeit konkret belegen.
       Andrerseits ist  die dazu notwendige empirische Analyse erst dann
       marxistisch zu  nennen, wenn  sie sich bewußt und methodisch klar
       auf die  widersprüchliche Bewegung  des Kapitals  selbst bezieht;
       andernfalls wäre  sie eine politologische, soziologische usw. Un-
       tersuchung, wie sie gang und gäbe sind. 127) Im folgenden ist da-
       her die  auf diesem  Hintergrund von Marx entworfene "historische
       Skizze" nachzuzeichnen.  (Dem Leser  wird die  Lektüre im KAPITAL
       selbst empfohlen.)  Sodann ist der Prozeß dieser Durchsetzung ei-
       ner staatlichen Funktion aus dem Kapitalprozeß zusammenfassend zu
       charakterisieren.
       Seit der  Entstehung der  großen Industrie war der Arbeitstag mit
       größter Gewaltsamkeit  immer weiter verlängert worden, nachdem er
       in den  Jahrhunderten bis  zur Mitte des 18. Jahrhunderts bereits
       auf 12  Stunden und mehr ausgedehnt worden war. "Das Kapital fei-
       erte seine  Orgien. - Sobald die vom Produktionslärm übertölpelte
       Arbeiterklasse wieder  einigermaßen zur Besinnung kam, begann ihr
       Widerstand, zunächst im Geburtsland der großen Industrie, in Eng-
       land. Während  drei Dezennien jedoch blieben die von ihr ertrotz-
       ten Konzessionen  rein nominell.  Das Parlament  erließ fünf  Ar-
       beits-Akte von  1802 bis 1833, war aber so schlau, keinen Pfennig
       für ihre zwangsmäßige Ausführung, das nötige Beamtenpersonal usw.
       zu votieren.  Sie blieben  ein toter  Buchstabe." 128)  Erst  das
       F a b r i k g e s e t z   v o n   1 8 3 3   setzt einen Normalar-
       beitstag von  12 Stunden  fest, freilich nur für Jugendliche. Für
       Kinder von 9 bis 13 Jahren wurde er auf 8 Stunden beschränkt; ge-
       gen die  tatsächliche Durchsetzung  dieser Bestimmung  "eröffnete
       das Kapital  ... eine  mehrjährige und  geräuschvolle  Agitation"
       129), mit  dem Ziel, die Grenze zwischen Jugendlichen und Kindern
       zu seinen  Gunsten zu verschieben. Jedoch unter dem drohenden au-
       ßerparlamentarischen Druck verweigerte das Unterhaus eine Abände-
       rung des Gesetzes. Das Kapital fand zahlreiche andere Möglichkei-
       ten zu seiner Umgehung; "... die offiziellen Berichte der Fabrik-
       inspektoren strotzten  von Klagen  über die  Unmöglichkeit seiner
       Ausführung." 130)  "Unterdes hatten  sich aber  die Umstände sehr
       geändert. Die  Fabrikarbeiter, namentlich  seit 1838,  hatten die
       Z e h n s t u n d e n b i l l   zu ihrem  ökonomischen,  wie  die
       C h a r t e r   zu ihrem politischen Wahlaufruf gemacht. Ein Teil
       der Fabrikanten  selbst, der  den Fabrikbetrieb  dem Akt von 1833
       gemäß geregelt  hatte, überwarf  das Parlament  mit Denkschriften
       über die  unsittliche "Konkurrenz"  der "falschen  Brüder"  131),
       denen größere  Frechheit oder  glücklichere Lokalumstände den Ge-
       setzesbruch erlaubten.  Zudem, wie sehr immerhin der einzelne Fa-
       brikant der alten Raubgier den Zügel frei schießen lassen mochte,
       die Wortführer und politischen Leiter der Fabrikantenklasse gebo-
       ten eine  veränderte Haltung und veränderte Sprache gegenüber den
       Arbeitern. Sie  hatten den  Feldzug  zur    A b s c h a f f u n g
       d e r   K o r n g e s e t z e   eröffnet und  bedurften der Hilfe
       der Arbeiter  zum Siege! Sie versprachen daher nicht nur Verdopp-
       lung des Laibes Brot" (d.h. Verbilligung des Brots durch Abschaf-
       fung der  Getreideeinfuhrzölle, die  den Großgrundbesitz  schütz-
       ten), "sondern  Annahme der Zehnstundenbill unter dem tausendjäh-
       rigen Reich  des Free  Trade. Sie durften also um so weniger eine
       Maßregel bekämpfen,  die nur den Akt von 1833 zur Wahrheit machen
       sollte. In  ihrem heiligsten Interesse, der  G r u n d r e n t e,
       bedroht, donnerten  endlich die Torries entrüstet philanthropisch
       über die "infamen Praktiken" ihrer Feinde." 132)
       Aufgrund von  Klassenkämpfen, die  in  ihrer  Wirkung  durch  die
       Kämpfe der Fraktionen der herrschenden Klassen untereinander ver-
       stärkt wurden,  kam   1 8 4 4   d e r   Z u s a t z   z u m  F a-
       b r i k g e s e t z   zustande, durch  den Frauen in der gleichen
       Weise wie  bisher Jugendliche  geschützt wurden.  "Zum ersten Mal
       sah  sich  die  Gesetzgebung  also  gezwungen,  auch  die  Arbeit
       Volljähriger direkt  und offiziell  zu kontrollieren."  133)  Zur
       Verhinderung zukünftiger  Umgehung traf das Gesetz zahlreiche De-
       tailbestimmungen, die Marx teilweise genau referiert; darauf faßt
       er zusammen: "Man hat gesehn: diese minutiösen Bestimmungen, wel-
       che die  Periode, Grenzen,  Pausen der Arbeit so militärisch uni-
       form nach  dem Glockenschlag  regeln, waren  keineswegs  Produkte
       parlamentarischer Hirnweberei.  Sie entwickelten  sich allmählich
       aus den  Verhältnissen heraus,  als  N a t u r g e s e t z e  der
       modernen Produktionsweise. Ihre Formulierung, offizielle Anerken-
       nung und  staatliche  Proklamation  waren  Ergebnis  langwieriger
       Klassenkämpfe." 134)
       Die Jahre   1 8 4 6 / 1 8 4 7   bringen einerseits die Einführung
       des  Freihandels,  zum  anderen  ein    n e u e s    F a b r i k-
       g e s e t z,   das wesentlich  ein Ausdruck  des  Höhepunkts  der
       Chartistenbewegung und der Zehnstundenagitation war, im Parlament
       auch die Unterstützung der über den Sieg der Freihändler erbosten
       Konservativen  fand.   Das  Kapital   versucht  die  tatsächliche
       Einführung des  Zehnstundentags für Jugendliche und Arbeiterinnen
       durch einen  Klassenfeldzug zu verhindern. Nach den Lohnausfällen
       als  Folge  der  Krise  von  1846/47  wurde  zur  Einleitung  und
       Begleitung der  allmählichen Arbeitszeitverkürzung  der  Lohn  um
       insgesamt etwa  25%  gekürzt.  "Unter  so  günstig  vorbereiteten
       Chancen begann man die Agitation unter den Arbeitern für Widerruf
       des Akts  von 1847.  Kein Mittel  des Betrugs, der Verführung und
       der Drohung  wurde dabei  verschmäht, aber  alles umsonst."  135)
       Dieser erste Feldzug mißglückte also, und am 1. Mai 1848 trat der
       Zehnstundentag in Kraft (nicht für männliche Arbeiter). "Unterdes
       hatte jedoch das Fiasko der Chartistenpartei, deren Führer einge-
       kerkert und deren Organisation zersprengt, bereits das Selbstver-
       trauen der  englischen Arbeiterklasse  erschüttert.  Bald  darauf
       vereinigte die Pariser Juni-Insurrektion und ihre blutige Erstic-
       kung, wie  im kontinentalen Europa so in England, alle Fraktionen
       der herrschenden  Klassen, Grundeigentümer und Kapitalisten, Bör-
       senwölfe und  Krämer, Protektionisten  und Freihändler, Regierung
       und Opposition,  Pfaffen und Freigeisterjunge Huren und alte Non-
       nen, unter  dem gemeinschaftlichen Ruf zur Rettung des Eigentums,
       der Religion,  der Familie,  der Gesellschaft! Die Arbeiterklasse
       wurde überall  verfemt, in  den Bann  getan, unter  das   'l o i'
       d e s s u s p e c t s'   "(Notstandsgesetz)" gestellt. Die Herren
       Fabrikanten brauchten sich also nicht zu genieren. Sie brachen in
       o f f n e   R e v o l t e  aus nicht nur wider das Zehnstundenge-
       setz, sondern  wider die ganze Gesetzgebung, welche seit 1833 die
       'f r e i e'   Aussaugung der  Arbeitskraft einigermaßen zu zügeln
       suchte." 136) Marx schildert ausführlich 137), wie das Kapital im
       offenen Klassenkampf  terroristisch und zynisch alle Mittel gegen
       die früheren  Kompromisse mit  der Arbeiterklasse  anwendet, etwa
       die Entlassung großer Teile der unter das Gesetz fallenden Arbei-
       ter, die  Kürzung der  gesetzlichen Essenspausen, die Aufsplitte-
       rung der  täglichen Arbeitszeit der Kinder, ausdrücklich angekün-
       digte Nichtbeachtung  bestimmter Gesetzesklauseln.  Unterstützung
       fanden die  Fabrikanten bei den vielfach von ihnen selbst besetz-
       ten Gerichten.  Dazu wies der Innenminister die Fabrikinspektoren
       an, bei  Gesetzesübertretungen in  bestimmten Fällen nicht einzu-
       schreiten. Schließlich  kam noch  das Urteil  eines Gerichts  der
       höchsten Instanz,  nach dem die Gesetzbrüche der Fabrikanten zwar
       gegen den Sinn des Fabrikgesetzes von 1844 verstießen, dieses Ge-
       setz jedoch  gewisse Worte  enthalte, die es selbst sinnlos mach-
       ten.
       "Mit diesem scheinbar definitiven Sieg des Kapitals trat aber so-
       fort ein  Umschlag ein.  Die Arbeiter hatten bisher passiven, ob-
       gleich unbeugsamen und täglich erneuten Widerstand geleistet. Sie
       protestierten in laut drohenden Meetings in Lancashire und Yorks-
       hire... Die Fabrikinspektoren warnten dringend die Regierung, der
       Klassenantagonismus sei  zu einer  unglaublichen Höhe  gespannt."
       138) (Staatliche  Überwachungsbeamte erfüllen also hier direkt am
       Ort des  Klassenkampfes die Funktion, die heute vielfach Funktio-
       näre von  Gewerkschaften  ausführen  -  oder  ausführen  sollen).
       Selbst ein Teil der Fabrikanten beschwerte sich über die willkür-
       liche Anwendung  der Fabrikgesetzgebung,  die die  Gleichheit der
       Konkurrenzbedingungen aufhebe.  "Unter diesen Umständen kam es zu
       einem   K o m p r o m i ß  z w i s c h e n  F a b r i k a n t e n
       u n d   A r b e i t e r n,  der in dem neuen zusätzlichen Fabrik-
       akt vom  5. August 1850 parlamentarisch besiegelt ist." 139) Die-
       ses Gesetz  hatte zum Inhalt einerseits eine gewisse Verlängerung
       des Zehnstundentags, andrerseits beseitigte es die besonders ver-
       breitete Umgehung des Gesetzes durch das Relaissystem. 140)
       Mit der  Durchsetzung in  den großen  Industriezweigen hatte nach
       Marx "das  Prinzip gesiegt" 141), nämlich die Gegenbewegung gegen
       die Zerstörung  der "Arbeiterrasse"  (und damit  der  Quelle  des
       Mehrwerts, der Kapitalverwertung) durch die maßlose und zerstöre-
       rische Verlängerung  des Arbeitstags.  Das Ergebnis  war im  Auf-
       schwung von 1853-1860 und in der "physischen und moralischen Wie-
       dergeburt der  Fabrikarbeiter" 142) offensichtlich, und zwar auch
       den Fabrikanten  selbst samt ihren wissenschaftlichen Apologeten,
       die sich nunmehr mit der Unvermeidlichkeit einer gesetzlichen Be-
       schränkung des  Arbeitstages abfanden.  Zum Sieg des Prinzips ge-
       hört auch  die allmähliche  Ausdehnung der Fabrikgesetzgebung auf
       alle Industriezweige,  nämlich in  dem Maß, in dem diese sich von
       den Vorformen  Handwerk, Manufaktur,  Hausarbeit zur großen Indu-
       strie entwickeln. Zwei Umstände vermitteln die Notwendigkeit die-
       ser Verallgemeinerung  von einem Ausnahmegesetz für einzelne, in-
       dustriell besonders  entwickelte Branchen  zu einem "Gesetz aller
       gesellschaftlichen Produktion":  "erstens die  stets neu  wieder-
       holte Erfahrung,  daß das  Kapital, sobald es der Staatskontrolle
       nur auf  einzelnen Punkten  der gesellschaftlichen Peripherie an-
       heimfällt, sich  um so  maßloser auf  den andern Punkten entschä-
       digt,  zweitens   der  Schrei   der  Kapitalisten   selbst   nach
       G l e i c h h e i t   d e r  K o n k u r r e n z b e d i n g u n-
       g e n,   d. h.   g l e i c h e n   S c h r a n k e n  d e r  A r-
       b e i t s e x p l o i t a t i o n."  143) Diese Verallgemeinerung
       des  Schutzes   der  Arbeiterklasse   beschleunigt  zugleich  die
       Vernichtung der Vorformen der großen Industrie und die Konzentra-
       tion des  Kapitals bzw.  die Alleinherrschaft  des Fabrikregimes,
       damit aber auch die damit verbundene Herausbildung des Klassenan-
       tagonismus. 144)
       Durch die maßlose Verlängerung des Arbeitstags produziert das Ka-
       pital die vorzeitige Erschöpfung der Arbeitskraft, die Zerstörung
       der Gesundheit der lebenden und der kommenden Arbeitergeneration;
       es ist  die Ursache  seelischer Verkrüppelung und Brutalisierung,
       verkürzter Lebensdauer,  ja von Epidemien, die die gesamte Bevöl-
       kerung einschließlich  der herrschenden Klassen bedrohen. Das Ka-
       pital droht  seine eigene Existenzgrundlage zu vernichten; zumin-
       dest aber  erhöht es  den Wert der Arbeitskraft und damit die Ko-
       sten des  variablen Kapitalteils  durch zu  schnellen Verschleiß.
       "D e r  W e r t  d e r  A r b e i t s k r a f t  schließt ... den
       Wert der  Waren ein,  welche zur  Reproduktion des Arbeiters oder
       zur Fortpflanzung  der Arbeiterklasse  erheischt sind.  Wenn also
       die naturwidrige  Verlängrung des Arbeitstags, die das Kapital in
       seinem maßlosen  Trieb nach  Selbstverwertung notwendig anstrebt,
       die Lebensperiode  der einzelnen Arbeiter und damit die Dauer ih-
       rer Arbeitskraft verkürzt, wird rascherer Ersatz der verschlisse-
       nen nötig, also das Eingehen größerer Verschleißkosten in die Re-
       produktion der  Arbeitskraft, ganz wie der täglich zu reproduzie-
       rende Wertteil  einer Maschine  um so  größer ist, je rascher sie
       verschleißt. Das  Kapital scheint  daher durch sein eignes Inter-
       esse auf  einen   N o r m a l a r b e i t s t a g   hingewiesen."
       145) (Zum  Wert der Ware Arbeitskraft gehören natürlich nicht nur
       die Lebensmittel  im eigentlichen Sinn, die der Arbeiter mit sei-
       ner  Familie  von  seinem  Nettolohn  kauft,  sondern  auch  jene
       "Bildungskosten" 146),  die der  Qualifikation  der  Arbeitskraft
       dienen, weiter  die Kosten  für die Reparatur erkrankter Arbeits-
       kraft und  schließlich die  Aufwendungen für  die (meist sehr er-
       bärmliche) Lebendigerhaltung der nicht mehr verwertbaren Arbeits-
       kraft bis  zu deren  natürlichem Tod.  Dieser Teil des Wertes der
       Arbeitskraft wird  von öffentlichen Institutionen wie staatlichem
       Volks- und Berufsschulsystem, Kranken- und Rentenversicherung um-
       verteilt; es  ist dies wesentlicher Bestandteil der sozialpoliti-
       schen Umverteilungstätigkeit  des Staates  -  einer  Umverteilung
       i n n e r h a l b  der Lohneinkommen.)
       Das Kapital   s c h e i n t  also durch sein eignes Interesse auf
       einen Normalarbeitstag  hingewiesen. Diesem Schein entspricht der
       f i k t i v e,   nämlich nicht  wirkliche Gesamtkapitalist.  Denn
       "in seiner   p r a k t i s c h e n   Bewegung"  wird das  Kapital
       "durch die  Aussicht auf zukünftige Verfaulung der Menschheit und
       schließlich doch  unaufhaltsame Entvölkerung so wenig und so viel
       bestimmt als  durch den  möglichen Fall  der Erde  in die Sonne."
       147) Der  einzelne Kapitalist,  als Kapitalist bloß Personifizie-
       rung des  Kapitals, kann sich den immanenten Gesetzen der kapita-
       listischen Produktion  nicht entziehen; in der Konkurrenz zwingen
       sie sich ihm von außen als Zwangsgesetze auf. "Im großen und gan-
       zen" hängen  "physische und  geistige  Verkümmerung,  vorzeitiger
       Tod, Tortur  der Überarbeit"  "nicht vom  guten oder bösen Willen
       des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die im-
       manenten Gesetze  der kapitalistischen  Produktion dem  einzelnen
       Kapitalisten gegenüber  als  äußerliches  Zwangsgesetz  geltend."
       148) Es hängt also nicht vom Kapitalisten als moralischem Indivi-
       duum ab,  in welchem  Grad er die Arbeiter ausbeutet, wie sehr er
       an der  Zerstörung der  Gesellschaft und seiner eigenen Existenz-
       grundlage mitarbeitet bzw. die Mitarbeit verweigert. Daher ergibt
       sich aus  dem Kapitalverwertungsprozeß  selbst auch keine morali-
       sche Schranke.  Als Kapitalist,  als personifiziertes Kapital ist
       er zur maßlosen Ausbeutung gezwungen. Ein Handeln als moralisches
       Individuum ist  für ihn  nur möglich,  wenn er seine Existenz als
       Kapitalist aufgibt.  Wenn ein  Kapitalist bei  gesellschaftlicher
       Durchschnittsarbeitszeit von  12 Stunden  nur 6  Stunden arbeiten
       läßt, macht er pleite, d.h. er hört auf Kapitalist zu sein. 149)
       Wie kommt es trotzdem zum allgemeinen Zwangseingriff "der Gesell-
       schaft", der allein dieser Tendenz einen Riegel vorschieben kann?
       Wie kommt  es zur gewaltsamen und mehr oder weniger wirksamen Be-
       schränkung des Arbeitstages durch den von Kapitalist und Grundei-
       gentümer beherrschten  Staat, wenn  der vernünftige Gesamtkapita-
       list, wie Marx gründlich darstellt, eine Fiktion ist? "Die Schöp-
       fung eines  Normalarbeitstags ist... das Produkt eines langwieri-
       gen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapi-
       talistenklasse und  der Arbeiterklasse" 150) (also nicht dem ver-
       einzelten Arbeiter,  dem Arbeiter  als Verkäufer  seiner Arbeits-
       kraft -  wieweit auch  das Ausbleiben  solchen kollektiven Wider-
       stands als  historische Möglichkeit im Einzelfall zu erwägen ist,
       welche Folgen  dies für  die Fortexistenz bzw. die Verfaulung der
       kapitalistischen  Produktion   hat,  wäre   noch  zu   erörtern).
       Zunächst:   d e r   W i d e r s t a n d   d e r   A r b e i t e r
       a l s   K l a s s e  gegen ihre eigene Zerrüttung und Vernichtung
       e n t s t e h t   a u s  d e r  "m a ß l o s e n  B e w e g u n g
       d e s   K a p i t a l s   s e l b s t.   Die Arbeiterbewegung ist
       nach Marx  "instinktiv aus  den Produktionsverhältnissen  selbst"
       151) erwachsen; der Arbeiter muß in dieser Form um seine Existenz
       als Arbeiter  kämpfen. In  diesem Sinn, und nicht als moralischer
       Aufruf, ist  der berühmte  Satz am Ende des Kapitals über den Ar-
       beitstag zu  verstehen: "Zum  'Schutz' gegen  die Schlange  ihrer
       Qualen müssen  die Arbeiter  ihre Köpfe zusammenrotten und  a l s
       K l a s s e   ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges  g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e s    H i n d e r n i s,    das  sie
       selbst verhindert,   d u r c h   f r e i w i l l i g e n   K o n-
       t r a k t   m i t   d e m  K a p i t a l  sich und ihr Geschlecht
       in Tod  und Sklaverei  zu  verkaufen."  152)  Die  Erhaltung  der
       kapitalistischen  Produktionsweise  selbst  erfordert  die  Orga-
       nisation der  Arbeiter als Klasse, denn als vereinzelte Verkäufer
       der Ware Arbeitskraft könnten sie ihre Existenz nicht sicherstel-
       len. Von diesem Punkt aus ist sowohl die
       Entstehung sozialpolitischer  Funktionen des Staates wie die Aus-
       bildung und  die Anerkennung von Gewerkschaften wie auch die Ent-
       stehung des  Reformismus in  der Arbeiterbewegung  zu begreifen."
       153)
       Das Kapital  "in seiner  praktischen Bewegung", bei der Mehrwert-
       produktion, ist jedoch weit entfernt, diese Notwendigkeit der Or-
       ganisation der Arbeiter als Klasse einzusehen; sie wird ihm viel-
       mehr in  langwierigen Kämpfen  aufgezwungen.  Die  maßlosen  Aus-
       schreitungen des  Kapitals gegen  Gesundheit und  Lebenskraft der
       Arbeiter rufen die gesetzliche Kontrolle in Gestalt der Fabrikge-
       setze zunächst  jahrzehntelang bloß als Ausnahmegesetzgebung her-
       vor, die  bloß für  die voll ins Fabriksystem eingetretenen Indu-
       striezweige gilt.  Sie wird  zunächst so  ungenau formuliert, daß
       ihre Umgehung  durch die  Fabrikanten bereits vorgesehen scheint.
       154) Erst nach und nach werden in die Fabrikgesetzgebung Klauseln
       eingefügt, die  die amtliche Kontrolle über ihre Einhaltung durch
       bezahlte staatliche Inspektoren vorsieht; zunächst jedoch ist de-
       ren Zahl  ganz ungenügend.  Die wirkliche Überwachung der Einhal-
       tung der gesetzlichen Vorschriften wird ebenfalls erst allmählich
       durchgesetzt;  jedoch   erweisen  sich   z.B.  die   vorgesehenen
       Strafandrohungen als unwirksam, weil die Gerichte von den Vertre-
       tern der angeklagten Klasse besetzt sind; auch sind die angedroh-
       ten Sanktionen vergleichsweise schwach. Aber auch die bereits be-
       stehenden Gesetze  sind vor  dem Gegenangriff  der  Kapitalisten-
       klasse nicht sicher, besonders in Zeiten politischer Schwäche der
       Arbeiter als  Klasse. Und  umgekehrt ist  die relative Stärke der
       Arbeiterklasse zu  bestimmten Zeiten Grund für Zugeständnisse des
       Kapitals.
       Die praktische  Durchsetzung der Fabrikgesetzgebung, die Anerken-
       nung des Arbeiterschutzes als Funktion des Staates ist in der hi-
       storischen Wirklichkeit also nicht das Resultat eines ununterbro-
       chenen, kontinuierlichen Prozesses, in dem die Arbeiterklasse der
       Kapitalistenklasse ihren  Willen einfach  aufzwingt (noch weniger
       natürlich das  Ergebnis 'sozialpolitischer Eingriffe' 'des' Staa-
       tes). Vielmehr  ist dieser  Prozeß durch vielfältige Auseinander-
       setzungen vermittelt,  durch Fortschritte  und Rückschläge, durch
       Koalitionen und  Kompromisse usw.  Die ökonomische und politische
       Kampfkraft der  Arbeiterklasse gegen  die Kapitalistenklasse  ist
       dabei von  verschiedenen Momenten  bestimmt. Eine  wichtige Rolle
       spielen die  Konflikte mit den Resten vorkapitalistischer Herren-
       klassen, die  nicht unbedingt  schon ganz  ins  Kapitalverhältnis
       einbezogen und  damit zu  einer bloßen Fraktion der Kapitalisten-
       klasse  geworden  sein  müssen:  vor  allem  die  Grundeigentümer
       ("Landlords"). Bekanntlich  macht sich  ihr Gewicht  besonders im
       Staatsapparat geltend  (vgl. den  Doppelcharakter  des  Bismarck-
       Staates). Bedeutender  sind die  Auseinandersetzungen unter  ver-
       schiedenen Fraktionen innerhalb des Kapitals, z.B. über die Frage
       der Abschaffung  von Zöllen  auf bestimmte Waren. Privilegien für
       bestimmte Gruppen,  etwa zur  Nichtbeachtung gesetzlicher Bestim-
       mungen, werden  von den andren Gruppen abgelehnt, die die Einhal-
       tung im  Interesse gleicher Konkurrenzbedingungen verlangen. Sol-
       che Konflikte  innerhalb der  herrschenden Klassen können das Ge-
       wicht der  Arbeiterklasse zeitweise  erheblich verstärken.  Abge-
       schwächt  gilt  entsprechendes  für  das  Kleinbürgertum  (Klein-
       warenproduzenten,  Händler,   auch  Ärzte   usw.);   sofern   die
       Ideologieproduzenten  ("Pfaffen,  Professoren",  Lehrer,  Wissen-
       schaftler, Journalisten  usw.) nicht  direkt von den herrschenden
       Klassen in Dienst genommen sind, folgert sie meist kleinbürgerli-
       cher Bewußtseinsausrichtung.  Im Zusammenhang  mit der  Fabrikge-
       setzgebung spielen  diese Gruppen  eine nicht unbedeutende Rolle,
       etwa durch  Stellungnahmen in  der Presse  oder Ausarbeitung  von
       Gutachten und  Untersuchungsberichten im  Rahmen von 'Königlichen
       Kommissionen' 155). Sie haben diese 'Unabhängigkeit' freilich nur
       soweit die Auseinandersetzungen zwischen den entscheidenden Klas-
       sen ihnen  einen Spielraum  gewähren - damit ist zugleich die von
       Liberalen regelmäßig  überschätzte 156) und zum bewegenden Moment
       der Geschichte  des bürgerlichen  Staates erhobene  Bedeutung der
       bürgerlichen Öffentlichkeit  anerkannt    u n d    eingeschränkt.
       Zahllose der von Marx herangezogenen Berichte der Fabrikinspekto-
       ren sind  jahrzehntelang ohne  Wirkung in den Archiven verschwun-
       den; die  Aufklärung hatte  keine Konsequenz in der Wirklichkeit.
       Diese Öffentlichkeit  hat eine wichtige Funktion: es kann sich in
       ihr ein  bürgerlich-kritisches Bewußtsein entwickeln, das auf die
       Probleme aufmerksam  macht, die dem Kapital in seiner praktischen
       Geschäftigkeit notwendig  entgehen müssen. Dieser über den direk-
       ten Interessen stehenden öffentlichen Meinung tritt auf dem glei-
       chen Terrain  aber auch  die Tätigkeit der einfach gekauften Auf-
       tragsforscher und  Meinungsmacher einzelner  Fraktionen des Kapi-
       tals gegenüber,  die deren Interessen durch Pressekampagnen, Gut-
       achten für Parlamentsausschüsse usw. vertreten. Die Wirkung aller
       der hier  aufgezählten Momente  auf die  Kampfkraft der Arbeiter-
       klasse ist  immer vor dem Hintergrund zu sehen, daß die Fabrikge-
       setzgebung im  damaligen England einerseits notwendig war, um die
       Arbeiterrasse als  Quelle der  Kapitalverwertung zu erhalten, und
       daß sie  andrerseits dem  Kapital auf  seinem damaligen  Entwick-
       lungsstand erträglich  war, also  seine Existenz  nicht ernsthaft
       gefährdete. 157)
       Eine besonders  wichtige Funktion der unabhängigen Öffentlichkeit
       ist es,  auf die  Bedrohung der  Existenzgrundlagen  der  Gesell-
       schaft, d.h. ihrer kapitalistischen Form, und auf drohenden offe-
       nen Klassenkampf aufmerksam zu machen. Marx erwähnt die Warnungen
       über den  "unglaublich gespannten  Klassenantagonismus", die  die
       Fabrikinspektoren an  die Regierung  übermitteln; sie haben damit
       eine ähnliche Aufgabe wie heute die Gewerkschaftsfunktionäre, die
       die Stimmung  unten nach  oben weitergeben sollen, um etwa erfor-
       derliche Zugeständnisse einzuleiten. Die Befriedung durch Sozial-
       politik ist  eine wichtige  Seite bei  der Erhaltung der Arbeits-
       kraft als  Wertquelle; bekanntlich hat Bismarck ganz bewußt neben
       der Peitsche der Sozialistengesetze das Zuckerbrot der Sozialver-
       sicherung verordnet  und damit,  gegen den Willen der politischen
       Vertreter des  Kapitals, wesentlich  zu der folgenschweren Orien-
       tierung der  deutschen Arbeiterklasse  auf den Staat beigetragen.
       158) Jedoch  ist hier  vor der verbreiteten Auffassung zu warnen,
       der Staat greife als weiser Vertreter der Interessen des Kapitals
       in seine  unerschöpfliche Zaubertasche, um nach Belieben das Pro-
       letariat durch  Sozialpolitik zu  manipulieren. Die Schranken der
       sozialpolitischen Eingriffe  des Staates  sind eng  gezogen,  und
       selbst die  auf einer  bestimmten historischen  Entwicklungsstufe
       möglichen Eingriffe (so weise sie an sich wären) werden im allge-
       meinen erst nach langwierigen Auseinandersetzungen und angesichts
       tatsächlicher oder drohender Klassenkämpfe durchgeführt.
       Die oben  erwähnte Antinomie  zwischen dem Recht des Kapitalisten
       als dem  Käufer und dem Recht des Arbeiters als dem Verkäufer der
       Ware Arbeitskraft  wird nach  Marx durch  Gewalt entschieden; sie
       konstituiert zugleich den Staat in einem doppelten Charakter. Ei-
       nerseits werden  die  sozialpolitischen  Funktionen  des  Staates
       überhaupt erst durch die wirklichen oder drohenden Kämpfe der Ar-
       beiter als Klasse durchgesetzt 159); ohne sie wäre seine Existenz
       als ideeller  Gesamtkapitalist und scheinbar selbständige Instanz
       nicht möglich.  Andrerseits konstituieren diese Klassenkämpfe im-
       mer auch  die Arbeiter  als Klasse im Sinne eines handelnden Sub-
       jekts, damit  aber auch die Tendenz zur Aufhebung des Kapitalver-
       hältnisses und seines Staates; dieser Tendenz entspricht wiederum
       die militärische  Unterdrückungsaufgabe des  Staates. Wäre  nicht
       die Arbeiterklasse  von Zeit zu Zeit gezwungen, für ihr Recht als
       Warenverkäufer zu  kämpfen oder  damit zu drohen, so wäre Polizei
       usw. überflüssig.  Andererseits würde  die 'sozialpolitische Auf-
       gabe'  des   Staates  (nämlich   die  Aufgabe   der   Befriedung)
       'unglaubwürdig', wenn dieser immer vorhandene Zwangscharakter des
       Klassenstaates zur  Unzeit offenbar  würde. Das  Janusgesicht des
       Staatsapparates, 'Fürsorge'  und Unterdrückung,  ist  notwendiger
       Ausdruck der  Antinomie des kapitalistischen Verwertungsprozesses
       selbst, wie  sie als  Recht gegen  Recht beim Tausch der Ware Ar-
       beitskraft auftritt. 160)
       
       2. Das Kapital als Bedingung der Besonderung des Staates 161)
       -------------------------------------------------------------
       
       Es ist  die besondere Eigenart der auf dem Verhältnis von Kapital
       und Lohnarbeit beruhenden Form der gesellschaftlichen Produktion,
       daß hier  die Menschen ihren eigenen Lebenserhaltungsprozeß nicht
       v o n   v o r n h e r e i n   überschauen und planmäßig gestalten
       können, sondern  daß die  im Kapitalverhältnis  angelegte  wider-
       sprüchliche innere  Tendenz, und zwar durch das Handeln der Kapi-
       talagenten vermittelt,  zu Folgen  führt, die die einzelnen Funk-
       tionäre des Kapitals selbst nicht bewußt wollen und gegen die sie
       als Einzelkapitalisten  nichts unternehmen  können. Zwar  ist der
       Staat um des Privateigentums, um des Kapitals willen da, zwar ist
       er "weiter  Nichts als die Form der Organisation, welche sich die
       Bourgeois sowohl  nach Außen als nach innen hin zur gegenseitigen
       Garantie ihres  Eigentums und  ihrer Interessen notwendig geben."
       162) Aber damit ist der Staat eben nicht einfach mit dem Kapital,
       mit dieser  besonderen  Form  der  gesellschaftlichen  Produktion
       i d e n t i s c h.   Vielmehr  charakterisiert  den  bürgerlichen
       Staat gerade die Tatsache, daß er auf der Loslösung des Eigentums
       als Privateigentum  aus der  ursprünglichen Einheit des Gemeinwe-
       sens   beruht   163)   und   daß   er      a u f      d i e s e r
       G r u n d l a g e   zu "einer besonderen Existenz neben und außer
       der bürgerlichen Gesellschaft geworden" ist 164).
       Es ist  wichtig hervorzuheben, daß diese Besonderung zur Existenz
       "n e b e n   u n d  a u ß e r"  der bürgerlichen Gesellschaft auf
       deren  Grundlage   stattfindet,  also  auf  der    i n    s i c h
       w i d e r s p r ü c h l i c h e n    Basis  der  kapitalistischen
       Produktion. Die wirkliche Besonderung auf dem Grund dieses Wider-
       spruchs führt dann zu der "verkehrten", "mystifizierten", ideali-
       stischen 165)  Auffassung, nach  der der Staat 'der' Gesellschaft
       s e l b s t ä n d i g   gegenübersteht,  das    w i r k l i c h e
       S u b j e k t   ist, dessen  Objekt 'die  Gesellschaft' ist; Marx
       kritisiert diese  Auffassung  in  seiner  Kritik  des  Hegelschen
       Staatsrechts. (Letzten  Endes ist darin bereits, wenn auch in ab-
       strakter Weise, die Kritik an der revisionistischen Staatstheorie
       enthalten, die  zwar  verbal  am  Primat  der  Gesellschaft,  des
       Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital festhält, aber die Fähig-
       keit des  Staates zur  Regulierung des  gesellschaftlichen Wider-
       spruchs behauptet,  den Staat zum Subjekt erhebt.) Den Lesern des
       KAPITAL ist diese Entwicklung des Staates als "besondere Existenz
       neben und  außer der  bürgerlichen Gesellschaft" leicht verständ-
       lich, wenn sie sich an die dialektische Entwicklung der Wertform,
       weiter der Geldform aus dem in der Ware gesetzten Widerspruch von
       Wert und  Gebrauchswert erinnern  166). Dieser im Doppelcharakter
       des Arbeitsprodukts  als Ware enthaltene Widerspruch kann nur da-
       durch erscheinen, daß er sich in einer besonderen Ware, der Geld-
       ware, darstellt;  daß sich die Wertform der Ware, die sich in ih-
       rer eigenen  Gebrauchsform nicht  ausdrücken  kann,  in  der  Ge-
       brauchsform einer besonderen Ware ausdrückt und diese dadurch zum
       Geld macht.  Das Geld   e r s c h e i n t   nun als selbständiges
       Ding, dem die besondere, historisch-gesellschaftliche Eigenschaft
       des Wertes  als   n a t ü r l i c h e  oder auch als von Menschen
       durch bewußte   Ü b e r e i n k u n f t   definierte  Eigenschaft
       anhaftet. Der  gleiche 'Fetischismus' ist beider Form des Staates
       festzustellen. Nach  der bürgerlichen  Auffassung hat es entweder
       den Staat  immer schon gegeben, ist der Mensch  'v o n  N a t u r
       auf den  Staat hin  geschaffen', bzw.  ist der Staat für ein men-
       schliches (d.h.  bürgerliches) Leben  unentbehrlich, oder aber er
       wird durch   V e r t r a g s s c h l u ß   bewußt begründet 167).
       Daß er bloß Besonderung dieser spezifischen, der kapitalistischen
       Produktionsweise ist,  ist in  dieser Verkehrung auf den Kopf ge-
       stellt. Diese  Verdinglichung und  Verselbständigung des  Staates
       ist auf  der Basis  der bürgerlichen Produktionsweise eine ebenso
       notwendige Illusion,  wie es die Formen des Geldes, des Kapitals,
       des Arbeitslohns,  des Profits,  der Produktionsfaktoren bzw. der
       Einkommen usw.  sind, die  sich durch  den besonderen Mechanismus
       dieser Produktionsform ihren Agenten aufdrängen und deren Handeln
       wirklich bestimmen.
       Daher ist  der bürgerliche  Staat eben  auch nicht  "w i r k l i-
       c h e r  Gesamtkapitalist", sondern "ideeller", "fiktiver Gesamt-
       kapitalist" 168).   E r s t   n a c h t r ä g l i c h   und ange-
       sichts drohenden Untergangs der Grundlage dieser Produktionsweise
       kann sich  das Interesse  des Kapitals  auf Erhaltung seiner Exi-
       stenzbasis durchsetzen.  Das wesentliche,  für das wirkliche Ver-
       halten des Kapitals bestimmende Verhältnis ist das Verhältnis des
       Einzelkapitals zu  seiner individuellen  Mehrwertquelle, den  von
       ihm angewendeten  Arbeitern. 169)   "W a s   k ö n n t e    d i e
       k a p i t a l i s t i s c h e     P r o d u k t i o n s w e i s e
       b e s s e r     c h a r a k t e r i s i e r e n    a l s    d i e
       N o t w e n d i g k e i t,   i h r   d u r c h   Z w a n g s g e-
       s e t z   v o n   S t a a t s   w e g e n   d i e  e i n f a c h-
       s t e n     R e i n l i c h k e i t s-     u n d     G e s u n d-
       h e i t s v o r r i c h t u n g e n            a u f z u h e r r-
       s c h e n?"  170) Der Prozeß dieser allmählichen, durch Katastro-
       phen und Auseinandersetzungen, Siege und Niederlagen vermittelten
       'Aufherrschung' konstituiert  jeweils erst den 'Sozialstaat', den
       'Interventionsstaat' usw.  als besondere,  dem  Kapital  an  sich
       äußerlich gegenübertretende  Zwangsgewalt. Dieser  Prozeß erzeugt
       auch erst  jene Kämpfe der verschiedenen Gruppen von 'Interessen'
       und ihre verfestigten Institutionen im Staat selbst wie in seinem
       Vorfeld, der  'politischen Willensbildung'  (als welche sie dann,
       aus ihrem  Entstehungszusammenhang losgelöste  Erscheinungen, das
       Objekt  der  politischen  Wissenschaft'  bilden).  Und  weil  die
       Eingriffe in  den  immanenten  Zwang  zur  Kapitalverwertung  dem
       Kapital als  Zwangsgesetze, von einer ihm äußerlichen Institution
       aufgedrängt   werden    müssen,   muß   diese   Institution   mit
       Kontrollbefugnissen und  einer wirksamen  Sanktionsgewalt,  kurz:
       mit einem  ungeheuren und wachsenden bürokratischen Zwangsapparat
       ausgerüstet sein.  Die  bloße  Tatsache  dieses  'Staatsapparats'
       befestigt wiederum  die Illusion der Selbständigkeit des Staates,
       seiner Fähigkeit  zur 'Intervention'  in 'die  Wirtschaft'. Dabei
       besagt  die   Tatsache  der  Existenz  dieses  Apparats  ja  noch
       keineswegs,  daß   er  wirklich  wirksam  eingreifen  kann  (ganz
       abgesehen von  der systematischen  Errichtung von  Gegenapparaten
       zur Umgehung  oder zum  Widerstand  gegen  diese  Zwangsgewalt  -
       Unternehmerverbände und -lobbies, Steuer'beratungs'büros usw.).
       Diese besondere  Existenz des  Staates ist  also nicht selbstver-
       ständlich - nicht einmal für Klassengesellschaften. Erst die Pri-
       vatisierung der  in vorkapitalistischen  Gesellschaftsformationen
       von vornherein  umfassend-gesellschaftlichen Sphäre der Lebenser-
       haltung, erst  die Herausbildung  des privaten im Unterschied zum
       kommunalen Eigentum  macht überhaupt diese besondere Existenz ei-
       ner ausschließlich  politischen Zwangsinstitution,  des  Staates,
       möglich und  notwendig. Bereits  in seiner  Kritik des Hegelschen
       Staatsrechts   (1843)    beschrieb    Marx    den    bürgerlichen
       "Mystizismus", der  "das  w i r k l i c h e  Verhältnis von Fami-
       lie und  bürgerlicher Gesellschaft", also der "eigentlich Tätigen
       zum Staat  auf den  Kopf stellt,  die Voraussetzung zum Bedingten
       macht, das  "Produzierende... als  das Produkt  seines  Produkts"
       setzt. 171) "Es versteht sich, daß da erst die politische Verfas-
       sung als  solche  ausgebildet  ist,  wo  die  Privatsphäre",  das
       "Eigentum, der  Vertrag, die  Ehe, die bürgerliche Gesellschaft",
       eine selbständige  Existenz erlangt haben. Wo Handel und Grundei-
       gentum unfrei,  noch nicht verselbständigt sind, ist es auch noch
       nicht  die   politische  Verfassung.   ...  Die  Abstraktion  des
       S t a a t s  a l s  s o l c h e n  gehört erst der modernen Zeit,
       weil die  Abstraktion des Privatlebens erst der modernen Zeit ge-
       hört. ...  Im Mittelalter  gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbe-
       korporation, Gelehrtenkorporation  etc., d.h., im Mittelalter ist
       Eigentum, Handel, Sozietät, Mensch  p o l i t i s c h;  der mate-
       rielle Inhalt des Staates ist durch seine Form gesetzt; jede Pri-
       vatsphäre hat  einen politischen  Charakter oder ist eine politi-
       sche Sphäre,  oder die Politik ist auch der Charakter der Privat-
       sphären. ...  Im Mittelalter ist Volksleben und Staatsleben iden-
       tisch." 172)  Was Marx  hier vom  Mittelalter sagt, gilt für jede
       vorbürgerliche Gesellschaftsformation,  wie er danach für die an-
       tiken Stadtstaaten  andeutet und  später in  den Vorarbeiten  zum
       'Kapital' wiederholt  ausführt. 173)  In den alten 'Gemeinwesen',
       dem 'Stamm',  der 'Gemeinde'  oder 'commune', existiert der Staat
       nicht als  "eine  besondere  Wirklichkeit  neben  dem  wirklichen
       Volksleben", sondern  die 'politische' Organisation, die Stammes-
       zugehörigkeit z.B., ist Voraussetzung und Garantie für die Aneig-
       nung der objektiven Lebensbedingungen in der Arbeit. Diese Arbeit
       ist auf  die Herstellung  der Gebrauchswerte gerichtet, deren die
       Mitglieder  der   Gemeinschaft  bedürfen   (wobei  Sklaven   oder
       Leibeigne als  eine besondere Art von Arbeitstieren nicht Gemein-
       demitglieder sind,  jedoch als Arbeitsinstrumente mehr oder weni-
       ger viel  vom Arbeitsertrag erhalten - werden sie von ihrem Herrn
       zugrundegerichtet, so  weiß dieser,  was er  tut: er schadet sich
       selbst, nicht  anders als wenn er sich in den Fuß hackt oder sei-
       nen Tragesel verhungern läßt (so begründet Aristoteles die Unmög-
       lichkeit einer ethischen Beziehung zwischen Herr und Knecht). Das
       Verhalten der  arbeitenden Individuen zum Boden, also ihrer Werk-
       statt und  ihrem Rohstoffvorrat, den objektiven Bedingungen ihrer
       Arbeit, "ist sofort vermittelt durch das naturwüchsige, mehr oder
       minder historisch  entwickelte, und modifizierte Dasein des Indi-
       viduums als  M i t g l i e d s  e i n e r  G e m e i n d e"  174)
       (ganz elementar  zunächst in der friedlichen oder gewaltsamen In-
       besitznahme dieses  Bodens, die  nur im  Gemeindeverband  möglich
       ist). 'Eigentum'  an den  objektiven Bedingungen  der Arbeit exi-
       stiert nicht  als Privateigentum,  sondern von vornherein nur als
       gesellschaftlich vermitteltes  Eigentum. Die 'politische' Gemein-
       samkeit der  Mitglieder solcher  vorkapitalistischer  Gemeinwesen
       äußert sich besonders in der gemeinsamen Organisierung der Aufga-
       ben, die für die weitere Existenz im Verband der Gemeinde notwen-
       dig schienen:  Flußregulierung, Wegebau,  Anlegung von  Vorräten,
       auch die  Aneignung neuen  Bodens durch die gemeinschaftliche Ar-
       beit des Krieges, Kult der die Einheit der Gemeinde darstellenden
       Götter usw. Diese Gemeinschaftsaufgaben sind hier nicht eine sich
       n a c h t r ä g l i c h  als notwendig erweisende, von besonderen
       politischen Institutionen  und erst  nach komplizierten Auseinan-
       dersetzungen in  den von  der Kapitalverwertung gesetzten Grenzen
       allmählich  übernommene   Aufgabe,  sondern   sie  sind     v o n
       v o r n h e r e i n   Teil der gesellschaftlichen Lebenserhaltung
       durch Arbeit (zu dieser gehört hier auch die Produktion der näch-
       sten Generation). 175)
       Wie sehr  in vorkapitalistischen  Gemeinwesen der   g e s a m t e
       Lebenserhaltungsprozeß einschließlich  der Produktion der materi-
       ellen Gebrauchsgüter  eine Einheit ist, läßt sich am anschaulich-
       sten am  selbstwirtschaftenden Bauernhof  oder  am  adeligen  Gut
       klarmachen. Die Grundstruktur solcher Einheiten der gesellschaft-
       lichen Lebensproduktion  vom Großen  Haus des Pharao bis zum Zelt
       des Erzvaters  Abraham oder  dem Hof  des freien  Bauern, ist die
       gleiche; unterschiedlich  ist nur, ob das Gemeinwesen sich in ei-
       ner einzigen  Person oder in der Gemeinschaft einer mehr oder we-
       niger großen  Zahl  Freier  und  Gleicher  darstellt  (Monarchie,
       Oligarchie oder  Demokratie). Unterhalb des jeweiligen Herrn ste-
       hen  die  Mitglieder  der  'Familie',  darunter  auch  leibeigene
       Knechte usw.  Unabhängig von  den besonderen  Formen beruhen alle
       diese Einheiten auf dem 'Grundeigentum', d.h. hier auf der Aneig-
       nung der  Früchte der  Erde durch  gesellschaftliche Arbeit. 176)
       Die alten Handbücher der Hauswirtschaftslehre (= 'Ökonomie') las-
       sen erkennen,  was alles  zu einem solchen 'Haushalt'oder'Hof ge-
       hörte.Ein solches  Handbuch aus  dem 17.  Jahrhundert 177) leitet
       den Hausherrn u.a. zu folgenden Aufgaben an (die er natürlich de-
       legieren kann,  für die  er jedoch die letzte Verantwortung trägt
       und die er also auch im voraus planen muß): zunächst das Verhält-
       nis zu Gott (diese Aufgabe kann er einem Priester übertragen), zu
       Frau und  Kindern, zum  Gesinde und den Leibeigenen - dieses Ver-
       hältnis der-Herrschaft  schließt  die  Anleitung,  Erziehung  und
       Züchtigung ein;  das Verhalten bei Seuchengefahr, die Beobachtung
       des Kalenders  mit den  Terminen für  die verschiedenen  Arbeiten
       ('Martini man  die Gänse schlachtet'), die Wetterkunde; unter den
       besonderen Aufgaben  der Hausherrin werden erwähnt: Erziehung vor
       allem der  Töchter, Kochen, Backen, Herstellung von Lebensmittel-
       vorräten durch  Einmachen, Trocknen, Pökeln usw., Herstellung und
       Reparatur von  Kleidung, die  Apotheke und die Krankenversorgung,
       Küchen-, Arznei-  und Blumengarten.  Weiter werden genannt: Wein-
       bau- und  Kellerwirtschaft, Obstzucht,  Ackerbau  samt  Brauerei,
       Müllerei usw.,  Pferde-, Rinder-  und Schafhaltung;  Bienen-  und
       Seidenraupenzucht; Wasserversorgung, Bachregulierung (zum Antrei-
       ben der  Mühlen), Fischzucht;  Forstwirtschaft und  Jagd; Mühlen,
       Ziegeleien, Steinbrüche  und Minen.  So disparat diese Aufzählung
       für die  bürgerliche Wissenschaftsaufteilung erscheinen muß, nach
       der dieser  Zusammenhang in  die Einzeldisziplinen der Theologie,
       Ethik, Pädagogik,  Medizin, Meteorologie,  Soziologie,  Betriebs-
       wirtschaftslehre usw.  usw. aufgesplittert  wird,  so  sehr  kann
       diese Aufzählung  einen  Begriff  von  jener    T o t a l i t ä t
       d e r     g e s e l l s c h a f t l i c h e n    L e b e n s e r-
       h a l t u n g   geben, die erst nach der Abschaffung des Kapital-
       verhältnisses wieder  als solche  gestaltet  und  geplant  werden
       kann. Eine  Trennung von Gesellschaft und Staat, von Ökonomie und
       Politik gibt  es hier  nicht; der  Hausherr übt  die,  allerdings
       durch Tradition  genau festgelegte,  totale Herrschaftsgewalt  in
       abgestufter Rangfolge  über Frau, Kinder und Knechte aus, bis zum
       Recht   der   körperlichen   Bestrafung,   ja   der   Todesstrafe
       (selbstverständlich hat  sich diese  Tradition allmählich aus den
       besonderen Bedingungen  der Produktion  des Lebens heraus entwic-
       kelt, nicht ohne ein gewisses Beharrungsvermögen). Wenn der Haus-
       herr nicht  der einzige  Herr, der Herrscher ist (wie der Inka in
       Peru), so  kann er einen Teil seiner Rechte und Pflichten an nie-
       derigere Herren,  verleihen (Feudalsystem).  Oder er  übt  einige
       dieser Rechte  und Pflichten gemeinsam mit anderen, gleichberech-
       tigten Herren  aus, z.B.  im Senat oder auch der Volksversammlung
       (zum Volk gehören grundsätzlich nur die freien Hausherren auf ei-
       genem Grund);  wichtigste dieser  Aufgaben ist  die  Kriegführung
       (vgl. das germanische Thing, wo zu diesem Zweck der 'Herzog', der
       Heerführer, gewählt wurde).
       Katastrophen treten  für solche  vorkapitalistischen  Gemeinwesen
       entweder als  wirkliche Naturkatastrophen  oder beim Zusammenstoß
       mit anderen  Gemeinwesen auf,  nicht jedoch als gesellschaftliche
       Naturkatastrophen wie in der verkehrten Welt des Kapitals. Und es
       ist notwendiger  Ausdruck der  im Kapital enthaltenen Konsequenz,
       wenn Marx im KAPITAL nach der Entwicklung der Kategorie des abso-
       luten Mehrwerts  sogleich zur Darstellung der Katastrophen kommt,
       die die  Mehrwertproduktion für  die lebendige  Arbeitskraft  zur
       Folge hat,  und von  daher die Besonderung des Staates in der Fa-
       brikgesetzgebung ableitet.  Solange die Arbeit auf die Produktion
       von Gebrauchswerten,  auf die Lebenserhaltung der gesellschaftli-
       chen Individuen  gerichtet ist,  wird keine  gesonderte Kontroll-
       und Zwangsorganisation  nötig, die  zu verhindern  sucht, daß die
       Individuen und  die Gesellschaft sich durch ein Übermaß an Arbeit
       selbst zugrunderichten.  Erst die kapitalistische Warenproduktion
       zerreißt diesen  Zusammenhang und erzeugt das Problem der Selbst-
       zerstörung der Gesellschaft. Die Zusammenfassung der bürgerlichen
       Gesellschaft in  der Form  des Staates, ihre Zusammenfassung also
       in einer Institution, die ihr selbst als äußerlich erscheint, die
       über ihr  als 'besondere  Existenz' zu schweben scheint, ist des-
       halb  notwendig,   weil  nur  so-die  Existenz  der  Gesellschaft
       (nämlich als  kapitalistischer)  überhaupt  gewährleistet  werden
       kann. Weil  der direkte  Zweck der  Produktion nicht  die gesell-
       schaftliche Lebenserhaltung,  sondern der Mehrwert ist, weil des-
       halb der  Produktionsprozeß von Gesetzmäßigkeiten vorwärtsgetrie-
       ben wird,  die dem  bewußten Willen der Individuen verborgen sind
       und sich  hinter ihrem  Rücken, aber  durch ihr  eigenes  Handeln
       durchsetzen, ist  eine solche gesonderte gesellschaftliche Insti-
       tution notwendig,  die der Gesellschaft als produzierender gegen-
       übertritt. Diese  nachträgliche  und  notdürftige  Kontrolle  des
       Staates über  die naturwüchsige  Gestalt  des  gesellschaftlichen
       Produktionsprozesses ist  notwendig zur  Erhaltung der Produktion
       von Mehrwert, dieser besonderen Form der Aneignung der Mehrarbeit
       einer Klasse  durch eine andere Klasse. Diese Kontrolle soll also
       den Klassencharakter  dieser Gesellschaft  erhalten; sie ist eine
       der Funktionen, die der Staat in dieser Klassengesellschaft über-
       nehmen muß (die Funktion der  d i r e k t e n  Unterdrückung wird
       in unserem  Zusammenhang nicht behandelt, da sie für diese beson-
       dere Gesellschaftsform  gerade nicht  in   e r s t e r  Linie ty-
       pisch ist - die Verkennung dieser grundlegenden Tatsache verführt
       vielfach zu  falschen Folgerungen  im Hinblick auf die revolutio-
       näre Umwälzung  und ihre  Organisation; vgl.  Teil V). Bis in die
       alltäglichen Einzelheiten  hinein hat  daher die  'Sozialpolitik'
       (also eine  Staatstätigkeit, die in die Gesellschaft nachträglich
       eingreift und  deren 'soziale  Frage' zu lösen versucht) den Cha-
       rakter einer  die Produzenten  entmündigenden  Überwachung,  Kon-
       trolle bzw. 'Fürsorge' (das spürt jeder Arbeiter, wenn er vor dem
       'Vertrauensarzt', dem  Sozialbürokraten hinter  dem Schalter  der
       AOK in  der Schlange der Wartenden antritt, um seine Arbeitskraft
       möglichst schnell  reparieren zu lassen). So sehr also einerseits
       die staatliche  Sozialpolitik dem  einzelnen Produzenten eine ge-
       wisse Sicherheit  bei teilweisem oder völligem Verlust seiner Ar-
       beitsfähigkeit bietet, so wenig hat die Sozialpolitik andrerseits
       mit einer bewußten und planvollen Vorsorge für die Erhaltung, Er-
       neuerung und  Erweiterung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens
       durch den  Gesamtarbeiter, die assoziierten Produzenten selbst zu
       tun. Eine  solche   b e w u ß t e   V o r s o r g e   wird in der
       kommunistischen Gesellschaft von vornherein bloß ein Teil des ge-
       samtgesellschaftlichen Produktionsprozesses  sein; sie  wird eine
       ö f f e n t l i c h e  Aufgabe wie die übrige Lebenserhaltung der
       Gesellschaft und ihrer Glieder, nicht aber der Gegenstand der ab-
       strakten bürokratischen  Tätigkeit einer besonderen  p o l i t i-
       s c h e n  Organisation sein. 178)
       Elemente einer  Zurücknahme der staatlichen Funktionen in die Ge-
       sellschaft sind z.B. in der DDR bereits deutlich zu erkennen, ob-
       wohl dies dort vielfach durch den überlieferten Namen des Staates
       ('Staatliche Plankommission') verdeckt ist. Denn dieser Staat be-
       ansprucht die  Entscheidung über alle wesentlichen Fragen des ge-
       samtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Für unseren Zusam-
       menhang besonders  interessant sind  jene Bereiche dieses Prozes-
       ses, die  im bürgerlichen  Staat notdürftig und unvollständig als
       Sozialpolitik am Rande der 'eigentlichen' Produktion besorgt wer-
       den. Dazu  gehört etwa  die planmäßige Qualifikation der Arbeits-
       kraft in Übereinstimmung mit der Entwicklung der gegenständlichen
       Produktionsbedingungen (die  Erfolge der  DDR auf  diesem Gebiet,
       die keineswegs  bloß Vorsprung,  sondern qualitativ  anders sind,
       brauchen nicht erläutert zu werden). Dazu gehört auch die planmä-
       ßige Vorsorge  für die  Gesundheit des  Gesamtarbeiters durch ein
       umfassendes Netz  von Polikliniken  und Ambulatorien, Beratungen,
       Vorbeugeuntersuchungen und Impfungen, aber auch durch die strenge
       Einhaltung der Unfallverhütungsvorschriften im Betrieb oder durch
       die Ermöglichung  von Urlaubsreisen für alle Arbeiter (in der BRD
       kann bekanntlich  nur ein  Bruchteil der  Arbeiter im Urlaub auch
       wirklich verreisen);  daß auch  auf diesem Gebiet die DDR der BRD
       mit ihrem 'hohen Lebensstandard' überlegen ist, dafür lassen sich
       zahlreiche statistische  Angaben beibringen 179). Der Staat bean-
       sprucht hier,  in dieser  umfassenden Weise zu planen, und er hat
       auch die Macht dazu; insofern unterscheidet er sich grundsätzlich
       vom bürgerlichen  Staat. Andrerseits  ist er  immer  noch  Staat,
       insofern nämlich,  als diese  gesamtgesellschaftliche Planung des
       Produktions- und  Lebenserhaltungsprozesses den vereinzelten Pro-
       duzenten  noch  weitgehend  verselbständigt  gegenübertritt.  Das
       zeigt sich  auch daran, daß die noch nicht wirklich assoziierten,
       sondern noch  weitgehend einzelnen  Produzenten mit individuellen
       materiellen Anreizen,  wie bewußtlose Maschinenelemente durch He-
       bel, zu  höherer Arbeitsleistung angetrieben werden. (Wenn im Zu-
       sammenhang damit  die Verfügung  der Einzelbetriebe und VVBs über
       das Produkt  der eigenen  Mehrarbeit sogar soweit erweitert wird,
       daß sie  damit auch  ihren Produktionsmittelbestand ausbauen kön-
       nen, so liegt hier eine Möglichkeit zur Verselbständigung der Be-
       triebe und  damit der Schwächung der gesellschaftlichen Planung).
       Der Weg  zum Aufbau  des Kommunismus schließt aber die Revolutio-
       nierung des  Bewußtseins der  Produzenten, das  Begreifen, aktive
       Beherrschen und  Planen des gesellschaftlichen Produktionsprozes-
       ses durch  die assoziierten  Individuen ein.  Erst dann  kann der
       Staat seinen  politischen Charakter  verlieren und  wirklich  zur
       'öffentlichen Gewalt'  werden. Die Verwirklichung der kommunisti-
       schen Gesellschaft  setzt die volle Entwicklung der gegenständli-
       chen  u n d  d e r  m e n s c h l i c h e n  Produktivkräfte vor-
       aus, also  die Steigerung  der materiellen  Produktivkraft ebenso
       wie die  allseitige Entwicklung  der Produktivkraft  der  gesell-
       schaftlichen Individuen. Ja, die umfassende Weiterentwicklung der
       gegenständlichen Produktivkräfte erfordert gerade immer mehr ihre
       umfassende Beherrschung  durch die  assoziierten, selbstbewußten,
       voll entwickelten  gesellschaftlichen Individuen; die größte Pro-
       duktivkraft ist  der Mensch selbst. Zu dieser umfassenden Beherr-
       schung gehört  auch die Seite des gesellschaftlichen Lebenserhal-
       tungsprozesses, die  das Kapital  bei der Produktion von Mehrwert
       nicht interessiert  und die  von seiner  Besonderung im Staat nur
       notdürftig und in den vom Kapital gesetzten Grenzen besorgt wird.
       
       V. Zum Verhältnis von ökonomischem und politischem Kampf
       --------------------------------------------------------
       der Arbeiterklasse
       ------------------
       
       im folgenden wollen wir einige Folgerungen darlegen, die sich für
       uns aufgrund  der in  I-IV entwickelten Überlegungen ergaben, und
       die vor  allem der Problematisierung einiger besonders verbreite-
       ter Auffassungen über das Verhältnis von ökonomischem und politi-
       schem Kampf  dienen sollen.  Wenn dabei eine Seite besonders her-
       vorgehoben wird,  so liegt dies gerade an dieser Absicht der Pro-
       blematisierung. Die  Überlegungen haben insofern vorläufigen Cha-
       rakter, als  sie allein  auf der  Kritik der Sozialstaatsillusion
       basieren, während  die Funktion  des Staates für die Durchsetzung
       der expansiven  Interessen des Kapitals, die imperialistische Po-
       litik des  kapitalistischen Staates also, unberücksichtigt blieb.
       Da diese  Staatsfunktion "wie  sich in der Imperialismusauseinan-
       dersetzung in  der deutschen  Arbeiterbewegung vor,  während  und
       nach dem ersten Weltkrieg deutlich zeigt - eine wesentliche Rolle
       für das  Verhältnis der  Arbeiterklasse  zum  bürgerlichen  Staat
       spielt, bleibt  die Frage  offen, inwieweit die ausschließlich an
       der Sozialstaatsproblematik  entwickelte Bestimmung  des Verhält-
       nisses Staat-Arbeiterklasse  nicht wesentlich neue Gesichtspunkte
       durch die Hineinnahme der imperialistischen Staatsaufgaben erhal-
       ten würde. 180)
       
       1. Materialistische Begründung der Staatsillusion
       -------------------------------------------------
       
       Die Tendenz  des Kapitals in seiner praktischen Bewegung zur Zer-
       störung der  lebendigen Arbeitskraft,  d.h. zur Zerstörung seiner
       selbst als Kapital durch die Zerstörung seiner Existenzgrundlage,
       wirkt der  Kampf der  Arbeiter um den Preis für den Verkauf ihrer
       Arbeitskraft und,  dementsprechend, um  den Normalarbeitstag, der
       die normale  Erhaltung ihrer  Arbeitskraft ermöglicht,  entgegen.
       Die Klassenkämpfe  der Arbeiter  sind zunächst einmal Momente der
       Bewegung des Kapitals selbst und insofern auch seiner Existenzsi-
       cherung.
       Klassenkämpfe können also dem Dilemma nicht entgehen, daß sie als
       Kämpfe der Arbeiterklasse um Erhaltung ihrer Arbeitskraft gleich-
       zeitig "systemerhaltende  Funktion" haben  können. Dieses  Moment
       der Klassenkämpfe können die Arbeiterklasse und ihre Organisatio-
       nen nicht  einfach voluntaristisch  überspringen. Die Unterschei-
       dung zwischen  systemweitertreibenden und systemsprengenden Kämp-
       fen der  Arbeiterklasse ist  auf dieser  Ebene  zunächst  ideali-
       stisch. Ob ökonomische Auseinandersetzungen auf der Ebene subjek-
       tiver Forderungen  systemerhaltenden oder  systemsprengenden Cha-
       rakter haben, das kann nur in dem Fall eindeutig entschieden wer-
       den, wenn wie bei der Konzertierten Aktion Gewerkschaften und Un-
       ternehmer sich  von vornherein  darüber einigen, auf welche Weise
       am besten der Profit zu sichern sei, wenn also die Organisationen
       der Arbeiterschaft  nichts weiter anstreben, als die Verwertungs-
       bedingungen des  Kapitals zu  sichern, das bedeutet, daß auch sie
       die Arbeitenden  bloß als  durch das  Kapital angewendete Objekte
       behandeln. Doch  selbst die  Konzertierte Aktion ist Rest von in-
       stitutionalisiertem  Klassenkampf,   dahinter  droht  der  offene
       Kampf. Demgegenüber bewegen sich auch sogenannte 'ökonomistische'
       Forderungen, wie  etwa: '15%  und kein  Prozent weniger', auf der
       Ebene der  von Marx bezeichneten Antinomie von Recht wider Recht,
       Recht der  Lohnarbeit gegen  Recht des Kapitals, die beide gleich
       durch die Gesetze des Warenaustauschs besiegelt sind. Diese Anti-
       nomie kann durch Gesetze nicht entschieden werden, sie bildet den
       Kern der Klassenkämpfe.
       Der  widersprüchliche   Charakter   der   Klassenkämpfe   -   sie
       s t a b i l i s i e r e n   möglicherweise vorübergehend die Ver-
       wertung des Kapitals - bringt in der Geschichte der Klassenkämpfe
       Veränderungen der  Organisation der Arbeiterschaft selbst hervor.
       Da die  Arbeiterklasse in  ihren Kämpfen die Erfahrung macht, daß
       im Gefolge  dieser Kämpfe   d e r   S t a a t    sozialpolitische
       Funktionen übernimmt  indem er  dem  Kapital  Zwangsgesetze  auf-
       herrscht, also  als 'besonderes  Wesen' gegenüber  dem Kapital in
       Erscheinung  tritt,   entsteht  die     I l l u s i o n     d e r
       K l a s s e n n e u t r a l i t ä t   der Staatsgewalt  und damit
       der bürgerliche  Reformismus in  der Arbeiterklasse und die revi-
       sionistische Theorie. Das nachträgliche Zusammenfallen von Inter-
       essen des Kapitals und Interessen der Lohnarbeit (siehe Fabrikge-
       setzgebung), hergestellt durch staatliche Zwangsgesetze, und zwar
       entgegen der 'praktischen Bewegung des Kapitals', aber doch seine
       Existenz sichernd,  bildet die  Basis der Illusion von der mögli-
       chen  Versöhnung  der  Klassengegensätze,  von  der  allmählichen
       Transformation der Gesellschaft durch das Subjekt Staat.
       Andererseits haben  sich die  Kapitalisten  und  der  bürgerliche
       Staat, eben  aufgrund ihrer in sich widersprüchlichen Interessen,
       auch dazu  bereitgefunden, die  Organisationen der Arbeiterklasse
       anzuerkennen und  die Schlichtung  der Antinomie zwischen Lohnar-
       beit und  Kapital auf der Verhandlungsebene zu versuchen. Die Be-
       reitschaft dazu ist vor allem aufgrund der Erfahrung des Kapitals
       und seines  Staats entstanden, daß die Bewegungsgesetze des Kapi-
       tals die Arbeiterklasse als Widerspruch im Schöße der eigenen Ge-
       sellschaft erzeugen,  und daß  dieser Widerspruch,  eben weil  er
       durch die  kapitalistische Produktion  entsteht, nicht politisch,
       nicht terroristisch,  auf die  Dauer aufgehoben, sondern eben nur
       durch Institutionalisierung  kontrolliert werden kann - in gewis-
       sen Grenzen,  was sich  besonders deutlich an der Entwicklung der
       Organisationen der Arbeiterklasse in der BRD zeigt.
       Indem aber  die Kapitalisten  und der bürgerliche Staat zur Aner-
       kennung der  Organisation der  Lohnarbeit als Verhandlungspartner
       neigen - für sie der einfachste Weg der politischen Konfliktregu-
       lierung -  sind die  Organisationen der  Arbeiterklasse  wiederum
       dazu veranlaßt,  im Staat ein neutrales, ihnen nicht feindliches,
       sondern am  Allgemeinwohl interessiertes Subjekt und zugleich In-
       strument zur  weitgehenden Durchsetzung  der Tagesforderungen der
       Arbeiterklasse zu  sehen. Das  revolutionäre Ziel muß dann aller-
       dings zunächst  zurückgestellt werden,  was nur  die  Vorwegnahme
       seiner endgültigen  Aufgabe ist 181). Sobald die Sozialdemokratie
       Sozialreform als  Ziel ihrer  Politik begreift,  fixiert sie sich
       und die  Arbeiterschaft notwendigerweise  auch an  das bestehende
       Staatswesen und  an den  Kapitalismus, da ja wie gesagt Sozialre-
       formen nur  durch den  kapitalistischen Staat durchgeführt werden
       können. Damit ist auch das in den 'Versorgungsstaatstheorien' auf
       den Begriff  gebrachte passive  Verhältnis  zwischen  Bürger  und
       Staat, die 'Konsumentenhaltung' im Kern schon in der frühen revi-
       sionistischen Theorie  angelegt. Mit  der revolutionären Zielset-
       zung, dem  Ziel des Sturzes der alten Ordnung und der politischen
       Machtergreifung des  Proletariats, wird auch der selbsttätige po-
       litische Kampf  als Voraussetzung der Änderung der Lebensverhält-
       nisse aufgegeben.  Ist das  Ziel soziale  Besserstellung, größere
       Gerechtigkeit in  der Verteilung, Sozialreform, so kann dies auch
       stellvertretend von  den Organisationen  der Arbeiterschaft,  von
       Gewerkschaften und  politischer Partei  wahrgenommen werden.  Der
       Weg ist vorgeschrieben als der Weg der Zusammenarbeit der Klassen
       durch Zusammenarbeit ihrer gesellschaftlichen und politischen Or-
       ganisationen. Ja,  es gibt  gar keinen anderen Weg, da man ja die
       Hoffnung hat, den Kapitalisten und dem bürgerlichen Staat mit ih-
       rem eigenen Einverständnis etwas von ihrer Macht und ihrem Reich-
       tum abzuzwacken und an die arbeitende Klasse zu verteilen.
       
       2. Politischer und ökonomischer Kampf
       -------------------------------------
       
       Die Fabrikgesetzgebung  war Ergebnis  langwieriger Klassenkämpfe.
       Bei der  Darstellung der Fabrikgesetzgebung trifft Marx keine Un-
       terscheidung in  der Weise, daß er nur solche Kämpfe als Klassen-
       <ämpfe bezeichnet,  die unmittelbar die Staatsgewalt zum Adressa-
       ten der  Forderungen des Proletariats haben. Als Klassenkampf er-
       scheint hier  vielmehr zunächst  der   g e m e i n s a m e  Kampf
       der Arbeiter  gegen die  Gewalttätigkeiten des  Kapitals, in  der
       sich die  Forderung nach  staatlicher, d.h. allgemeiner und durch
       Sanktionen verbindlich  gemachter  Beschränkung  des  Arbeitstags
       durch den Staat im Verlauf der Kämpfe selbst entwickelt.
       Die Allgemeinheit der Forderung entspringt wiederum der Erfahrung
       des Proletariats,  daß, wenn  das Kapital nur an einer Stelle be-
       schränkt wird,  es sich  an einer  anderen doch  wieder  schadlos
       hält. Auch  kann nicht  behauptet werden,  daß Marx  hier nur als
       Klassenkampf bezeichnet, was von einer bewußten politischen Orga-
       nisation des  Proletariats getragen  ist. Die  Fabrikgesetzgebung
       (Zehnstundentag) kam  zu einer Zeit zustande, als die Chartisten-
       bewegung zerschlagen und dennoch nach den Berichten der Fabrikin-
       spektoren der  "Klassenantagonismus zu  einer unglaublichen  Höhe
       gespannt" war.  Es ist demnach ganz klar: Marx geht hier auf kei-
       nen Fall so weit zu behaupten, Klassenkampf finde nur dort statt,
       wo das  Proletariat unter  der Führung einer bewußten politischen
       Organisation  steht.   Vielmehr  sind   die  Organisationen   des
       Proletariats selbst  wesentlich Ergebnis der Kämpfe, die sich aus
       dem antagonistischen Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital im Ka-
       pitalverwertungsprozeß entwickeln.
       In einem  Brief an Bolte 1871 schreibt Marx noch einmal zusammen-
       fassend zu  dieser Frage: "Das political movement (die politische
       Bewegung) der  Arbeiterklasse hat  natürlich zum Endzweck die Er-
       oberung der political power (politischen Macht) für sie, und dazu
       ist natürlich  eine bis  zu einem gewissen Punkt entwickelte pre-
       vious Organisation der working class (vorher vorhandene Organisa-
       tion der  Arbeiterklasse) nötig, die aus ihren ökonomischen Kämp-
       fen selbst erwächst.
       Andererseits ist aber jede Bewegung worin, die Arbeiterklasse als
       Klasse den  herrschenden Klassen  gegenübertritt  und  sie  durch
       pressure from  without (Druck  von außen)  zu zwingen  sucht, ein
       political movement.  Z.B. der  Versuch, in einer einzelnen Fabrik
       oder auch  in einem  einzelnen Gewerk  durch strikes etc. von den
       einzelnen Kapitalisten  eine Beschränkung  der Arbeitszeit zu er-
       zwingen,  ist   eine  rein   ökonomische  Bewegung;  dagegen  die
       Bewegung, ein  Achtstunden- etc.   G e s e t z  zu erzwingen, ist
       eine   p o l i t i s c h e   Bewegung. Und in dieser Weise wächst
       überall aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter
       eine   p o l i t i s c h e   Bewegung hervor,  d.h. eine Bewegung
       der     K l a s s e,     um  ihre   Interessen  durchzusetzen  in
       allgemeiner Form,  in einer Form, 2ie allgemeine gesellschaftlich
       zwingende Kraft  besitzt.  Wenn  diese  Bewegungen  eine  gewisse
       previous Organisation  unterstellen, sind  sie ihrerseits  ebenso
       sehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation...
       Wo die Arbeiterklasse noch nicht weit genug in ihrer Organisation
       fortgeschritten ist,  um gegen  die Kollektivgewalt, i.e. die po-
       litische Gewalt,  der herrschenden  Klassen einen  entscheidenden
       Feldzug (zu) unternehmen, muß sie jedenfalls dazu geschult werden
       durch fortwährende  Agitation gegen  die (und feindselige Haltung
       zur) Politik  der herrschenden Klassen. ..." 182) Um die Marxsche
       Auffassung noch  einmal zusammenzufassen: Die politische Bewegung
       der Arbeiterklasse  wächst aus ihren ökonomischen Bewegungen her-
       vor: ihre  politische Organisation als Klasse, die nicht mehr nur
       gegen den  einzelnen Unternehmer, sondern gegen die Kapitalisten-
       klasse gerichtet  ist, wird nicht einfach von außen an sie heran-
       getragen, sondern  entsteht im  Zusammenhang der ökonomischen und
       politischen Kämpfe. Die politischen Organisationen der Klasse ha-
       ben dann  allerdings die Aufgabe, die Kämpfe der Arbeiter weiter-
       zutreiben, indem sie das Proletariat dahingehend schulen, daß der
       Gegner nicht  allein der einzelne Unternehmer, sondern die Klasse
       der Kapitänen  und der  Klassenstaat sind, damit gleichzeitig das
       Bewußtsein der  Zusammengehörigkeit des  Proletariats als  Klasse
       über den einzelnen Betrieb hinaus erzeugen.
       Verfolgt man nun in der Geschichte der Arbeiterbewegung die Funk-
       tionen, die der von Marx hier als politisch bezeichnete Kampf hat
       - Kämpfe  um die  Erzwingung allgemeiner Gesetze durch den Staat,
       wobei der  Staat Adressat  der Forderungen des Proletariats ist -
       so ist  es nicht  mehr möglich, eine einfache Unterscheidung zwi-
       schen ökonomischem und politischem Kampf in der Weise zu treffen,
       daß ökonomischer  Kampf ausschließlich ökonomischer Kampf ist und
       immer in  der Gefahr  schwebt, den Opportunismus aus sich zu ent-
       lassen, während  politischer Kampf als Auseinandersetzung mit dem
       Staat als  auf den Staat gerichtet begriffen wird und als revolu-
       tionärer Kampf bestimmt werden kann. Es zeigen sich vielmehr auch
       gegenteilige Tendenzen:   d a ß   n ä m l i c h   d i e    A u s-
       r i c h t u n g   d e r   K ä m p f e   a u f   d e n   S t a a t
       a u c h   d i e   B a s i s   d e r   S t a a t s i l l u s i o n
       i n     d e r    G e s c h i c h t e    d e r    A r b e i t e r-
       b e w e g u n g   s e i n   k a n n,   d i e   B a s i s    d e r
       I l l u s i o n,     d e r     p o l i t i s c h e      S t a a t
       k ö n n e  d u r c h  Z w a n g s g e s e t z e  d i e  M a c h t
       d e s    K a p i t a l s    b r e c h e n.    Die  Eroberung  der
       politischen Macht  als Endzweck  der Bewegung  ergibt sich  nicht
       kontinuierlich und  ungebrochen aus dem politischen Kampf der Ar-
       beiterklasse um  die Durchsetzung  allgemeiner Gesetze  zu  ihrem
       Schutz vor  den Gewalttätigkeiten des Kapitals. Dieser Kampf kann
       vielmehr, wie  die ganze  Geschichte des Revisionismus zeigt, die
       Diktatur des  Proletariats und  die Zerschlagung des bürgerlichen
       Staates als Ziel aus dem Auge geraten lassen.
       Nun ist  wohl auch  der oben  zitierte Brief an Bolte nicht so zu
       verstehen, daß  nur der Kampf, der den Staat unmittelbar ins Auge
       faßt, als politischer Kampf zu werten sei. Die Fabrikgesetzgebung
       wird hier  nur als Beispiel genannt für eine Form des Kampfes, in
       der das  Proletariat als  Klasse den  herrschenden Klassen gegen-
       übertritt. Dagegen  ist in der gegenwärtigen Diskussion innerhalb
       der Linken  die Vorstellung  typisch: "Klassenkampf war nach Marx
       und Lenin politischer Kampf gegen das als Klasse organisierte und
       vom Staat  unterstützte Kapital,  Kampf gegen  die  Staatsmacht."
       183) Dabei ist die in diesem Zusammenhang erfolgende Berufung auf
       die Marxsche Unterscheidung zwischen politischem und ökonomischem
       Kampf irreführend.  Und auf  die Darstellung im Kapital kann sich
       eine solche  These erst  recht nicht  stützen. Dort  wird nämlich
       (was durchaus  zu kritisieren ist) ein gewissermaßen naturwüchsi-
       ger Prozeß der Konstituierung des Proletariats als Klasse aus den
       Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise behauptet: "Mit
       der beständig  abnehmenden Zahl  der Kapitalmagnaten, welche alle
       Vorteile dieses  Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisie-
       ren, wächst  die Masse  des Elends, des Drucks, der Knechtschaft,
       der Entartung,  der Ausbeutung, aber auch Empörung, der stets an-
       schwellenden   u n d   d u r c h   d e n    M e c h a n i s m u s
       d e s   k a p i t a l i s t i s c h e n    P r o d u k t i o n s-
       p r o z e s s e s     s e l b s t    g e s c h u l t e n    u n d
       o r g a n i s i e r t e n  A r b e i t e r k l a s s e."  184)
       Sieht Marx  also auf  der einen Seite nicht, und konnte es damals
       wohl nicht  sehen, daß der Kampf der Arbeiterklasse um rein nega-
       tive Schutzeingriffe  des Staates  wesentliche Quelle der bürger-
       lich-reformistischen Strategien  und theoretischer  Vorstellungen
       für die Organisation der Arbeiterklasse ist, so erscheint auf der
       anderen Seite die Vorstellung von der quasi automatischen Konsti-
       tuierung der Arbeiterklasse als historisch handelndem Subjekt als
       mechanistisch. Dies wird gegenwärtig vor allem an der Entwicklung
       in den USA deutlich. Möglicherweise hängen beide Fehleinschätzun-
       gen in  der Weise miteinander zusammen, daß Marx durchaus richtig
       die Notwendigkeit der Entstehung einer Organisation der Arbeiter-
       klasse aus  ihren ökonomischen  Kämpfen einschätzte, andererseits
       aber die Gefahr der reformistischen Versumpfung solcher Organisa-
       tionen damals  nicht vorauszusehen  vermochte. Daß  die Arbeiter-
       klasse als  Bedingung ihrer  Existenz notwendigerweise sich gegen
       die allgemeinen und tagtäglichen Übergriffe des Kapitals zur Wehr
       setzen muß, und daß dieser Kampf Organisationen hervorbringt, ist
       eine historische  Tatsache. Daß  in diesen  Kämpfen die Arbeiter-
       klasse aber  den Kapitalismus immer wieder in seiner Existenz si-
       chert, wenn  auch langfristig  in seiner Widersprüchlichkeit wei-
       tertreibt, trägt  zur Deformation der Organisationen des Proleta-
       riats bei,  die sich nicht ohne weiteres einfach (wie Rosa Luxem-
       burg noch  annahm) durch  neue spontane  Kämpfe des Proletariats,
       die es entgegen den Absichten seiner Organisationen führt, umlen-
       ken lassen.  Dies gilt  sowohl für die auf den ökonomischen Kampf
       sich beschränkenden, als auch für die politischen Organisationen.
       Sie bilden  eine  r e a l e  F e s s e l  für das Proletariat und
       können auch zeitweise, indem sie einzelne Forderungen der Lohnab-
       hängigen noch  zur Geltung bringen, deren selbsttätigen und soli-
       darischen Kampf gegen das Kapital niederhalten. Andererseits kön-
       nen sie eine solche Fessel nur dadurch sein, daß sie diese Forde-
       rungen teilweise  durchsetzen und vertreten - das gilt selbst für
       die faschistische  Deutsche Arbeitsfront  (DAF).  185)  Und  ohne
       teilweise Zugeständnisse  der Kapitalisten  können sie diese Auf-
       gabe der  Befriedung nicht  erfüllen; solche  Zugeständnisse sind
       aber keineswegs vom guten Willen der Kapitalagenten abhängig.
       Demgegenüber ist  die Forderung, einer heruntergekommenen politi-
       schen Organisation  eine neue  revolutionäre Organisation einfach
       entgegenzusetzen, ohne daß diese selbst wieder ihre Begründung in
       den notwendigen Kämpfen des Proletariats findet, voluntaristisch.
       Die Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit und Kapital sind die
       Basis für die Begründung wirksamer, d.h. im Proletariat veranker-
       ter politischer Organisationen.
       
       3. Abnehmende Rolle des Staates beim Kampf zwischen Arbeit
       ----------------------------------------------------------
       und Kapital
       -----------
       
       Marx ging davon aus, daß die staatlichen Eingriffe zum Schutz der
       Ware Arbeitskraft wesentlichen Anteil an der Ausbildung des Kapi-
       tals zur   v o l l e n  Reife haben. Die Fabrikgesetzgebung wirkt
       in der  Richtung der  Konzentration des Kapitals und zerstört die
       altertümlichen sowie die kleinbürgerlichen Formen der Produktion.
       "Sie verallgemeinert  damit auch  den direkten  Kampf gegen diese
       Herrschaft. Während  sie in den individuellen Werkstätten Gleich-
       förmigkeit,  Regelmäßigkeit,   Ordnung  der   Ökonomie  erzwingt,
       v e r m e h r t   s i e  durch den ungeheuren Sporn, den Schranke
       und  Regel   des  Arbeitstags   der   Technik   aufdrücken,   die
       A n a r c h i e   u n d   K a t a s t r o p h e n   d e r    k a-
       p i t a l i s t i s c h e n   P r o d u k t i o n   i m    g r o-
       ß e n   u n d   g a n z e n,   d i e   I n t e n s i t ä t  d e r
       A r b e i t     u n d     d i e     K o n k u r r e n z     d e r
       M a s c h i n e r i e  m i t  d e m  A r b e i t e r."  186)
       Das bedeutet  zum einen,  daß im  entwickelten  Kapitalismus  der
       Kampf der Lohnarbeit gegen das einzelne Kapital, das jetzt in der
       Tat große  Teile der nationalen oder auch internationalen Produk-
       tion in  der Hand hat, nicht einfach bloß mehr ökonomischer Kampf
       im alten Sinn ist, sondern hier treten sich in der Tat die Arbei-
       terklasse als  Klasse und  das Kapital als herrschende Klasse ge-
       genüber. Die  Verallgemeinerung des  Kampfes, seine  Qualität als
       p o l i t i s c h e r  Klassenkampf, ist ·nicht mehr daran gebun-
       den, daß  diese Allgemeinheit über den Staat als Gegner oder auch
       Adressat ermittelt  werden muß.  Ein Streik  in einem Großkonzern
       oder einer  Branche setzt heutzutage in der Tat das Kapital poli-
       tisch unter Druck, schon allein durch seine Bedeutung für die Re-
       produktion des  Gesamtkapitals. Bei  der Verflechtung der Produk-
       tion und  ihrer Zentralisation  betrifft er große Teile des Kapi-
       tals überhaupt.
       Aber noch ein anderes Moment ist hier von Bedeutung. Die generel-
       len Regelungen  der Arbeitszeit,  so sehr sie auch heute noch vom
       Kapital immer  wieder durchbrochen  werden. 187) Vor allem in der
       Hochkonjunktur, boten  sich ihrer  inhaltlichen  Natur  nach  als
       a l l g e m e i n e   Forderung der  Arbeiterklasse an,  und zwar
       als Forderung,  die der bürgerliche Staat in der Form allgemeiner
       Gesetze erfüllen  konnte. Der  Achtstundentag hat  nichts mit der
       besonderen Natur  der Produktionsmittel  und der Organisation des
       Produktionsprozesses im  einzelnen Unternehmen zu tun. Er ist als
       allgemeines Gesetz  durchsetzbar. Diese  allgemeine  Beschränkung
       der absoluten Mehrwerterzeugung durch den Staat lenkt nun den Ap-
       petit des  Kapitals auf  die Produktion  des relativen Mehrwerts,
       die Steigerung  der Arbeitsproduktivität  durch Veränderungen  in
       der technischen  Struktur der Produktionsmittel und der organisa-
       torischen Struktur des Betriebes, sowie der "Ausfüllung aller Po-
       ren des  Arbeitstages" durch  Intensivierung der  Arbeit. "Sobald
       die Verkürzung  des Arbeitstages,  welche zunächst die subjektive
       Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähig-
       keit des  Arbeiters, mehr  Kraft in gegebener Zeit flüssig zu ma-
       chen, zwangsgesetzlich  wird, wird  die Maschine  in der Hand des
       Kapitals zum objektiven und systematisch angewandten Mittel, mehr
       Arbeit in  derselben Zeit zu erpressen. Es geschieht dies in dop-
       pelter Weise: durch  e r h ö h t e  G e s c h w i n d i g k e i t
       d e r   M a s c h i n e n   u n d   e r w e i t e r t e n    U m-
       f a n g   der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie
       oder  seines  Arbeitsfeldes.  Verbesserte  Konstruktion  der  Ma-
       schinerie ist  teils notwendig  zur Ausübung  des größeren Drucks
       auf den Arbeiter, teils begleitet sie von selbst die Intensifika-
       tion der Arbeit, weil die Schranke des Arbeitstages den Kapitali-
       sten zu strengstem Haushalt der Produktionskosten zwingt." 188)
       Mit der  Verlagerung von  der Form der absoluten auf die Form der
       relativen Auspressung des Mehrwerts verändern sich auch notwendi-
       gerweise die  Formen, in denen sich der Konflikt zwischen Lohnar-
       beit und Kapital primär abspielt, in denen das Kapital die leben-
       dige Arbeit  als bloßes Objekt anwendet und die normale Erhaltung
       der Arbeitskraft  in Frage stellt. Intensifikation der Arbeit und
       absolute Unterordnung  des Arbeiters unter die Maschinerie, seine
       Degradierung zum  bloßen Anhängsel der Maschine, sind die Formen,
       in denen unter den Bedingungen des entwickelten Kapitalismus pri-
       mär die  Übergriffe des  Kapitals erfolgen.  Schutz  gegen  diese
       Übergriffe können die Lohnarbeiter nicht mehr von einem allgemei-
       nen Gesetz,  das dem Kapital vom Staat aufgeherrscht wird, erwar-
       ten. Macht die Arbeiterklasse doch schon auf dem Gebiet der Rege-
       lung der  Arbeitszeit die Erfahrung, daß die von den Gewerkschaf-
       ten erkämpften Einschränkungen in allgemeiner Form (40-Stundenwo-
       che) vom  Einzelkapital je nach den schwankenden Bedürfnissen des
       Kapitalverwertungsprozesses immer  wieder umgangen oder durchbro-
       chen werden,  was in  ähnlicher Weise  auch für andere allgemeine
       Staatsgesetze,  wie  Achtstundentat,  Mutterschutz,  Jugendschutz
       usw. gilt.  189) Aufgrund  solcher Erfahrungen  muß den Arbeitern
       auch die  Beschränkung der  gewerkschaftlichen  Schutzforderungen
       auf Arbeitszeitverkürzung  und Urlaubserhöhung,  so wichtig diese
       nach wie  vor sind, als ungenügend erscheinen, da sie die für die
       Lohnarbeiter um  schärfsten spürbaren   u n m i t t e l b a r e n
       Übergriffe des Kapitals nicht verhindern können, ja z.T. direkter
       Anlaß zu weiteren Verschärfungen des Arbeitstempos sind. 190)
       Den sachlichen  und organisatorischen  Veränderungen der  Gestalt
       des Produktionsprozesses  und der  Intensivierung der  Arbeit als
       wichtigste primäre  Formen, in  denen sich das Kapital die Arbeit
       unterwirft, läßt sich nicht durch generelle Bestimmungen begegnen
       - es  sei denn,  man stelle sich ein ganz ungeheures Gesetzeswerk
       vor, das  solche Einschränkungen in lausenden von Paragraphen und
       Bestimmungen beschreiben müßte, das aber trotzdem schon im Augen-
       blick seiner  Fertigstellung überholt  sein würde und neue Lücken
       hätte, die  sogleich vom Kapital ausgenützt werden könnten. Hinzu
       käme die  Notwendigkeit einer  ebenso ungeheuren  Bürokratie, die
       die Einhaltung  der Bestimmungen an jedem Arbeitsplatz überwachen
       müßte. (Abgesehen  von der Form der Ausbeutung, die eine absolute
       Grenze gegen  allgemeine regulierende  Staatseingriffe setzt, ist
       diese Grenze  auch inhaltlich  gegeben. Denn  wohin soll sich der
       Appetit des  Kapitals noch  wenden, wenn  ihm nach der Begrenzung
       des Arbeitstags  auch noch die Produktion des relativen Mehrwerts
       begrenzt würde?)  Die Form  der Kontrolle,  die dieser  Form  der
       Ausbeutung entgegenzusetzen  wäre, läßt  sich auf  jeden Fall nur
       noch vorstellen  als direkte  Kontrolle der  Produzenten über den
       Produktionsprozeß, womit  sie sich  als Kontrolle  einer dem  ge-
       sellschaftlichen Produktionsprozeß äußerlichen Gewalt selbst auf-
       heben würde.
       Wir können, was mit diesem veränderten Verhältnis der Produzenten
       zu den  Produktionsmitteln gemeint  ist,  vermutlich  am  ehesten
       klarmachen, wenn  wir das  Verhältnis der  Gebrauchswertstruktur,
       der technischen  Seite des  Arbeitsprozesses, zur  Gebrauchswert-
       struktur, zur  besonderen Qualifikation der Arbeitskraft betrach-
       ten. Ein  rationelles Verhältnis  zu den vergegenständlichten Ar-
       beitsmitteln könnten  die Produzenten  in der kommunistischen Ge-
       sellschaft nur  in der  Weise herstellen,  daß sie  selbst  v o n
       v o r n h e r e i n  die technische Struktur des Arbeitsprozesses
       unter dem  Blickwinkel   i h r e r  Fähigkeiten und Möglichkeiten
       und deren  Entwicklung sowie  ihrer konkreten Bedürfnisse gestal-
       ten. Beispielsweise  würden die  Produzenten im  Rahmen eines Be-
       triebes oder  eines ganzen  Produktionszweiges zusammen  mit  den
       Spezialisten die Verbesserung eines bestimmten Produktionsprozes-
       ses oder  überhaupt eine  Neufassung in gemeinsamer Arbeit planen
       ·und zuwegebringen.  (191)  V o n  v o r n h e r e i n  wird dann
       das Maschinensystem eben nicht die lebendige Arbeit bloß noch als
       Lückenbüßer anwenden,  sondern die Produzenten organisieren plan-
       mäßig die  Kooperation, das  Zusammenwirken der  gegenständlichen
       und der lebendigen Seite des Arbeitsprozesses.
       Das Zurücknehmen  der Funktionen  des Staates in die Gesellschaft
       wird offenbar  vom Produktionsprozeß her notwendig. Der Staat als
       abgehobene Institution, die durch allgemeine Gesetze einen gewis-
       sen Schutz der Arbeitskraft herbeiführen kann, wird zunehmend un-
       tauglich, da der Arbeitsprozeß selbst sich allgemeinen Regelungen
       immer mehr  entzieht. Durch  diese Entwicklung der Produktion und
       des stofflichen Charakters der Produktionsmittel und der Arbeits-
       kraft, durch die Methoden, die von da her dem Kapital zur übermä-
       ßigen Aussaugung von Mehrarbeit einfallen und an die Hand gegeben
       sind, fällt  also wenigstens in dieser Hinsicht zunehmend die Ba-
       sis hinweg,  auf der der Staat sich als illusorische Gemeinschaft
       der Gesamtgesellschaft  konstituieren konnte und damit zur Fessel
       des Klassenbewußtseins wurde.
       Dabei ist  natürlich die  Frage zu  stellen, ob es gerechtfertigt
       ist, hier  von einer  besonderen Form der Ausbeutung zu sprechen,
       die erst  für die gegenwärtigen und zukünftigen Klassenkämpfe von
       Relevanz sein  wird. Schließlich begleitet die Produktion des re-
       lativen Mehrwerts  die ganze Geschichte des Kapitalismus; sie ist
       als Entwicklung  der Produktivkräfte  sein wesentliches  Merkmal,
       unvergleichlich wichtiger  wenigstens, als die Produktion des ab-
       soluten Mehrwerts.  Dazu ist  zu sagen, daß es sich in diesem Zu-
       sammenhang nur  um den Versuch der Darstellung einer historischen
       Tendenz handeln  kann, und als solche verweist sie in der Tat die
       Lohnarbeiter in  zunehmendem Maße  auf die Notwendigkeit der Kon-
       trolle der  Produktion durch die Produzenten. Zum zweiten wäre zu
       untersuchen, inwieweit nicht in der Tat von Phasen in der konkre-
       ten historischen  Entwicklung des  Kapitalismus gesprochen werden
       kann, in  denen es unter dem Druck sich verschärfender Konkurrenz
       (heute auf  dem Weltmarkt), der nichts als der Ausdruck sich ver-
       schärfender Verwertungsschwierigkeiten  des Kapitals  ist, in be-
       sonderem Maße  auf die Erhöhung des relativen Mehrwerts verwiesen
       wird.  So   erfolgt  das  vehemente  Vorantreiben  der  'Rationa-
       lisierung' der  Produktion der  BRD ganz  deutlich seit der Krise
       1967,  einer   Rationalisierung,  die   neben   der   technischen
       Entwicklung der  Produktionsmittel vor  allem in die Richtung der
       Intensivierung der Arbeit geht. (Entlassungen von 'überflüssigen'
       Arbeitskräften; strenges Durchkalkulieren der Organisationsstruk-
       tur des  Betriebes und  der Struktur  der Arbeitsplätze nach Mög-
       lichkeiten der  Arbeitsersparnis, was  noch verbliebene Freiräume
       der Arbeitsgestaltung  und der  Arbeitszeitgestaltung  durch  den
       einzelnen Lohnabhängigen  einschränkt -  dies gilt  besonders für
       die Angestellten;  die Büroarbeit, aber auch für die Facharbeiter
       -, Akkorderhöhungen;  Arbeitsplatzbewertungsverfahren; MTM-System
       usw.).  Der   umfassende  und   tiefgreifende  Charakter   dieser
       'Rationalisierungskampagne' läßt  sich  eigentlich  nur  mit  der
       Phase zwischen 1924 und 1929 vergleichen, in der die Gewerkschaf-
       ten ebenso  euphorisch vom technischen Fortschritt des Kapitalis-
       mus als  gleichzeitigem Fortschritt  für die Möglichkeit der Ver-
       besserung der  Lage der Arbeiterklasse schwärmten, wie dies heute
       Prager und Brenner tun. 192)
       Jedenfalls ist  festzuhalten, daß  die Produktion  des  relativen
       Mehrwerts nicht  kontinuierlich gesteigert  wird und  auch  nicht
       einen kontinuierlich  steigenden Druck auf die Lohnarbeit ausübt,
       sondern daß hier Phasen verstärkten Drucks auf die Arbeiterklasse
       zu beobachten  sind, die  nicht zufällig  mit wachsenden  Verwer-
       tungsschwierigkeiten des Kapitals zusammenfallen, und daß das Ka-
       pital sich gegenwärtig in einer solchen Phase befindet. Zum drit-
       ten ist  hier wichtig, daß anhand dieser Entwicklungen die Arbei-
       ter auf  die selbsttätige  Wahrnehmung ihrer Interessen verwiesen
       werden, und  daß hier  ein wesentlicher Grund für den Verlust des
       Einflusses der bürokratisch organisierten und auf Integration ins
       kapitalistische System  bedachten Gewerkschaften liegt. Dies zei-
       gen sowohl  die Anlässe  zu wilden Streiks in den USA, die primär
       sich gegen Intensifikation der Arbeit und totale Unterordnung un-
       ter die  Maschinerie richten 193), als auch die wilden Streiks in
       Schweden, deren  Kernpunkt neue  Akkordfestsetzungen zusammen mit
       schikanierenden Antreibermethoden  waren, das  zeigten die großen
       Streikbewegungen bei  Fiat und  Pirelli in Italien (bei Fiat z.B.
       war die  Auspowerung der Arbeiter durch Bandgeschwindigkeiten und
       Antreiberei soweit  fortgeschritten, daß  viele  Arbeiter  einige
       Tage im  Monat krankfeiern mußten, um überhaupt weiterarbeiten zu
       können und  sich nicht total zugrunde zu richten), das zeigt aber
       auch die  Streikbewegung im September in der BRD, wo die Empörung
       der Arbeiter  über stagnierende  Löhne und  flotte Gewinnmacherei
       ihre Vehemenz  aus der  gleichzeitigen Verschärfung  des Arbeits-
       drucks in den Betrieben erhielt.
       Indem der  Staat jedenfalls  für Forderungen der Arbeiter wie die
       Verringerung des  Arbeitstempos, Gegenwehr gegen die Erhöhung der
       Akkordsätze, Kampf  gegen weitere  Intensivierung der Arbeit, gar
       nicht mehr  als Adressat in Frage kommt, sondern die Auseinander-
       setzungen hier  ausschließlich auf  der Ebene zwischen Lohnarbeit
       und Kapital  erfolgt, fällt auch immer mehr die Basis jener Illu-
       sion des Bewußtseins fort, daß der Staat es sei der die Verbesse-
       rung der  Situation der Arbeiter innerhalb des Verhältnisses zwi-
       schen Lohnarbeit und Kapital zu betreiben habe. 194)
       Unter diesem  Aspekt müßten  die Kämpfe der norditalienischen Ar-
       beiter seit dem letzten Sommer genau untersucht werden, bei denen
       der Staat  im wesentlichen  als hilflose  Gestalt im  Hintergrund
       blieb. Im  Angesicht dieser  Kämpfe schwindet  der Schein, als ob
       der Staat  aus einer  Zaubertüte immer  neue sozialpolitische Be-
       friedungsmittel zur  Manipulation der Massen hervorziehen könnte.
       Als Mittel  der Herrschaftssicherung des Kapitals bleibt ihm dann
       in der  Tat nichts  als die   Staats g e w a l t:  Polizei, Heer,
       Strafjustiz. Dagegen  ist eine  materielle Grundlage  für Sozial-
       staatsillusionen in  den zunehmenden  'Aufgaben' des  Staates auf
       dem Gebiet  der 'Bildungspolitik' zu sehen. Bei der Anwendung der
       bereits qualifizierten  Arbeitskraft in der Produktion findet der
       Kampf immer  direkter zwischen  Arbeitgeber und  Arbeitsanwender,
       zwischen Lohnarbeit  und Kapital statt; sei der Qualifikation der
       Arbeitskraft dagegen nimmt die Rolle des Staates immer weiter zu.
       In den  im Ausbildungsbereich  aufbrechenden Konflikten erscheint
       der Staat, der 'Staatsapparat', als wesentlicher, ja einziger und
       einheitlicher Gegner.  Hier liegt die materielle Basis für enorme
       Überschätzung der  Rolle des  Staates im  'Spätkapitalismus', die
       für einen  großen Teil  der Studenten-  und Schülerbewegung kenn-
       zeichnend ist.  Und zwar ist die Erfahrungsgrundlage dieser Illu-
       sion nicht  nur das Erlebnis von Polizeischlachten und Justizver-
       folgungen, sondern  zugleich die  Tatsache der  errungenen  Zuge-
       ständnisse und  der gewährten  Reformen, der  'Modernisierung des
       Bildungswesens'. Wie  sehr diese  Reformen aus  den Widersprüchen
       der Kapitalverwertung selbst heraus notwendig werden, wie sie nur
       in langwierigen  Auseinandersetzungen  und  meist  in  Halbheiten
       durchgesetzt werden,  und vor  allem wie  es für alle staatlichen
       Bildungsreformpläne äußerst  reale Schranken,  die Antastung  des
       Mehrwerts gibt,  das bleibt denen leicht verborgen, die immer nur
       den 'Staatsapparat'  als Gegner  erleben. Ein neuer Revisionismus
       könnte so  bei denen  entstehen, die aufgrund der schroffen Tren-
       nung des Bildungs- vom Produktionsbereich in der kapitalistischen
       Gesellschaft vergessen,  daß sie  nur ausgebildet  werden, um den
       Appetit des  Kapitals adäquat  zu befriedigen.  Diese Einsicht zu
       verhindern sind die gegenwärtigen politischen Maßnahmen der SPD -
       Amnestie, Herabsetzung  des Wahlalters  und der  Wehrdienstzeit -
       besonders geeignet.  Kann dagegen  diese Einsicht schon den Schü-
       lern und  Studenten (natürlich  nicht denen,  die sich bewußt auf
       den Dienst  sei den  Unterdrückungsapparaten vorbereiten) vermit-
       telt werden,  indem sie  ihre Auseinandersetzungen  mit dem Staat
       nicht als  Kampf um  ständige Privilegierungen, sondern im Zusam-
       menhang des  Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital begrei-
       fen und  daraus Konsequenzen für die politische Praxis ziehen, so
       kann der  Kampf gegen  die staatliche Produktion der Arbeitskraft
       im Dienst  des Kapitals  zu einer  Nebenfront des  Klassenkampfes
       zwischen Lohnarbeit und Kapital werden.
       
       _____
       1) Vgl. P. Lapinski: "Der Sozialstaat. Etappen und Tendenzen sei-
       ner Entwicklung",  UNTER DEM  BANNER DES MARXISMUS, 1928, 2. Jg.,
       S. 383,  wieder abgedruckt  in: GEGEN  DEN STROM, I. Jg. - Nr. 1,
       Aug. 1969, S. 39.
       2) Rosa Luxemburg: SOZIALREFORM ODER REVOLUTION, in: dies.: POLI-
       TISCHE SCHRIFTEN, Frankfurt 1966, Bd. I, S. 114. Vgl. dort insge-
       samt II. 3: Die Eroberung der politischen Macht.
       3) : GRUNDRISSE,  Berlin (DDR)  1953, S.  29. Vgl. auch: DEUTSCHE
       IDEOLOGIE, in: Marx-Engels: WERKE (MEW) Berlin-DDR, Bd. 3, S. 62:
       "Da der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herr-
       schenden Klasse  ihre gemeinsamen  Interessen geltend  machen und
       die ganze  bürgerliche Gesellschaft eine Epoche in sich zusammen-
       faßt, so folgt, daß alle gemeinsamen Institutionen, die durch den
       Staat vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die
       Illusion, als  ob das Gesetz auf dem Willen, und zwar auf dem von
       seiner realen  Basis losgerissenen, dem freien Willen, beruhe." -
       Alle Zitate  aus den Arbeiten von Marx und Engels werden nach der
       Ausgabe der  MEW zitiert,  soweit sie  darin erschienen sind. Bei
       Zitaten aus  dem KAPITAL  wird vor  dem Schrägstrich  jeweils die
       Seitenzahl der  braunen Volksausgabe  (Berlin 1947, u.ö.) angege-
       ben; Stellen  aus dem ersten Band des KAPITAL werden mit den bloß
       in der  Volksausgabe aufgenommenen  Hervorhebungen von Marx' Hand
       zitiert, die den Sinn oft deutlicher werden lassen,
       4) Marx: "Kritik  des Gothaer Programms", MEW Bd. 19, S. 28. Vgl.
       auch: Marx:  "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Kritik
       des Hegelschen  Staatsrechts", MEW Bd. 1, S. 304 f, 306: "... was
       ist der  I n h a l t ...  des politischen  Zweckes, was  ist  der
       Zweck dieses  Zweckes? ...  Welche Macht übt der politische Staat
       über das  Privateigentum ...  aus? Daß  er es i s o l i e r t von
       der  Familie   und  der   Sozietät,   daß   er   es   zu   seiner
       a b s t r a k t e n   V e r s e l b s t ä n d i g u n g   bringt.
       Welches ist  also die Macht des politischen Staates über das Pri-
       vateigentum? Die  eigne Macht  des Privateigentums, sein zur Exi-
       stenz gebrachtes  Wesen. Was  bleibt dem politischen Staat im Ge-
       gensatz zu  diesem Wesen  übrig? Die  I l l u s i o n, daß er be-
       stimmt,  wo   er  bestimmt   wird."  "Die   'U n v e r ä u ß e r-
       l i c h k e i t' d e s P r i v a t e i g e n t u m s ist in einem
       die 'V e r ä u ß e r l i c h k e i t' d e r a l l g e m e i n e n
       W i l l e n s f r e i h e i t u n d  S i t t l i c h k e i t. Das
       Eigentum ist  hier nicht  mehr, insofern 'ich meinen Willen darin
       lege', sondern  mein Wille  ist, 'insofern er im Eigentum liegt'.
       Mein Wille  besitzt hier nicht, sondern ist besessen." Vgl. ebda.
       S. 231 ff, 303 ff.
       Marx zeigt  also in  seinen frühen Schriften, daß gerade der bür-
       gerliche Staat  den S c h e i n  seiner Selbständigkeit in beson-
       derem Maße  erzeugt, und daß die kapitalistische Produktionsweise
       die Grundlage  der Staatsillusion ist. Er zeigt gleichzeitig, daß
       diese Illusion  von der  uneingeschränkten Handlungsfähigkeit des
       Staates schon  bei der  Fiktion von  der Willensfreiheit des Pri-
       vateigentümers, des Kapitalisten, beginnt.
       5) Daß die  Widersprüche der  Gesellschaft als  Widersprüche  des
       Staates selbst  sich niederschlagen,  stellt Marx schon sehr früh
       am Beispiel  der Administration,  der staatlichen Bürokratie dar,
       in: "Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen", MEW Bd.
       1, S.  401 f.  "Den W i d e r s p r u c h zwischen der Bestimmung
       und dem  guten Willen  der Administration  einerseits, und  ihren
       Mitteln wie ihrem Vermögen andrerseits, kann der Staat nicht auf-
       heben, ohne  sich selbst aufzuheben, denn er b e r u h t auf die-
       sem Widerspruch.  Er beruht  auf  dem  Widerspruch  zwischen  dem
       ö f f e n t l i c h e n und  dem P r i v a t l e b e n,  auf  dem
       Widerspruch   zwischen    den   a l l g e m e i n e n    I n t e-
       r e s s e n   und    den   S o n d e r i n t e r e s s e n.   Die
       A d m i n i s t r a t i o n   muß    sich    daher    auf    eine
       f o r m e l l e und  n e g a t i v e Tätigkeit  beschränken, denn
       wo das  bürgerliche Leben  und seine  Arbeit beginnt, eben da hat
       ihre Macht  aufgehört. Ja, gegenüber den Konsequenzen, welche aus
       der unsozialen Natur dieses bürgerlichen Lebens, dieses Privatei-
       gentums, dieses Handels, dieser Industrie, dieser wechselseitigen
       Plünderung der  verschiedenen  bürgerlichen  Kreise  entspringen,
       diesen  Konsequenzen   gegenüber  ist   die  O h n m a c h t  das
       N a t u r g e s e t z der  Administration. Denn  diese Zerrissen-
       heit ...  d e r b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l s c h a f t,
       ist das  Naturfundament, worauf  der m o d e r n e Staat ruht ...
       Wollte der  moderne Staat  die O h n m a c h t seiner Administra-
       tion aufheben, so müßte er das jetzige P r i v a t l e b e n auf-
       heben. Wollte  er das  Privatleben aufheben,  so  müßte  er  sich
       selbst aufheben,  denn er existiert n u r im Gegensatz zu demsel-
       ben." Dagegen  heute z.B.  in der  Theorie des staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus:  "Es wurde  darauf hingewiesen,  daß sich die
       Monopole vermittels  des Staates eines Instrumentes bedienen müs-
       sen, das  unter Umständen  gegen sie ausgenutzt werden kann." In:
       BÜRGERLICHE ÖKONOMIE  IM  MODERNEN  KAPITALISMUS,  hrsg.  Herbert
       Meißner, Berlin (DDR) 1967, S. 422. Die Theorie des staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  vergißt, auch wenn sie an den Widersprü-
       chen der  kapitalistischen Gesellschaft  verbal weiter  festhält,
       daß sich  diese Widersprüche auch im Staatsapparat und seinen po-
       litischen Aktionsmöglichkeiten  niederschlagen und  dieser  daher
       auch kein einheitliches Instrument sein kann, das an sich neutral
       und deshalb von jeder Klasse in ihrem Interesse benutzbar ist.
       6) Lenin: STAAT UND REVOLUTION. Die Lehre des Marxismus vom Staat
       und die  Aufgabe des Proletariats in der Revolution. (Geschrieben
       Aug./Sept. 1917) In: ders.: AUSGEWÄHLTE WERKE, Berlin (DDR) 1961,
       Bd. 2,  S. 315-420.  (Vgl. aber die unten gemachten Einschränkun-
       gen.) Marx  selbst hat zum erstenmal in der Kritik der Hegelschen
       Rechtsphilosophie, in  der Kritik also am Hegelschen Staatsmysti-
       zismus, in  welchem der  Staat als  Inkarnation der  Vernunft er-
       schien, herausgestellt,  daß nur  das Proletariat als Widerspruch
       zur bürgerlichen  Gesellschaft Subjekt der Aufhebung ihrer Wider-
       sprüche sein  könne. Dazu  Karl Polak: "Karl Marx über Staat, Ei-
       gentum und  Recht", in:  KARL MARX,  BEGRÜNDER  DER  STAATS-  UND
       RECHTSTHEORIE DER ARBEITERKLASSE, Berlin (DDR) 1968, S. 35 ff. In
       der Kritik  der Hegelschen  Rechtsphilosophie hat  Marx  erkannt,
       "daß der  Widerspruch, der Klassenkampf das beherrschende Prinzip
       der Wirklichkeit  ist, daß  die politische Macht, also der Staat,
       Ausdruck dieses  Widerspruchs und Kampfes ist." (S. 51) Und: "Die
       Jakobinerdiktatur war der Versuch, durch politische Macht die Wi-
       dersprüche der  bürgerlichen Gesellschaft zu meistern; er mißlang
       und mußte  mißlingen." (S. 42) Vgl. ausführlich: A. Gurland: PRO-
       DUKTIONSWEISE - STAAT - KLASSENDIKTATUR, Diss. Leipzig 1928.
       7) Vgl. dazu die Aufsätze von F. Deppe und J. Agnoli in der Neuen
       Kritik, VIII (1967) Nr. 44, S. 48-66, IX (1968) Nr. 47, S. 24-33,
       sowie   Pannekoek/Lukacs/Friedländer/Rudas,   PARLAMENTARISMUSDE-
       BATTE, Berlin-West 1968.
       Die FU-Projektgruppe  DKP und  Bernd Rabehl  haben sich  in ihrer
       Veröffentlichung: DKP  -  EINE  NEUE  SOZIALDEMOKRATISCHE  PARTEI
       (Parlamentarismusdebatte 2,  Berlin 1969)  mit dieser  Diskussion
       auseinandergesetzt und  in diesem Zusammenhang auch die Tradition
       der revisionistischen  Staatstheorie und  ihre heutigen  Erschei-
       nungsformen, sowie deren politisch-strategische Konsequenzen dar-
       gelegt und  kritisiert. Sie  zeigen dabei  Analogien auf zwischen
       dem Revisionismus  der Sozialdemokratie in Deutschland und Öster-
       reich während  der zwanziger  Jahre (Otto Bauer, Karl Renner, Ru-
       dolf Hilferding,  Eduard Bernstein,  Karl Kautsky u.a.; These vom
       'organisierten Kapitalismus'  als neuer  und  potentiell  krisen-
       freier Gestalt der kapitalistischen Produktionsweise), der heuti-
       gen DKP-Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus sowie der
       politischen Soziologie von Habermas und Offe, die sowohl die Tra-
       dition der  sozialdemokratischen Staatstheorie der Weimarer Repu-
       blik als auch der bürgerlichen Soziologie seit Max Weber fortfüh-
       ren. Auf  Seite 65 bis 119 des Buches sind die verschiedenen For-
       men und  Inhalte der  hier zunächst  nur in  großen Zügen gekenn-
       zeichneten revisionistischen  Staatstheorie genauer  nachzulesen.
       Vgl. ebenso:  den Einleitungsaufsatz  zur Neuausgabe  von P.  La-
       pinski u.a.  in: GEGEN  DEN STROM,  vgl. oben  Anm. 1.  Die  dort
       ebenso wie  im DKP-Buch  immer  wieder  erhobene  Forderung  nach
       "historisch-genetischer"  Analyse  des  kapitalistischen  Staates
       wird in  diesen Veröffentlichungen  selbst noch  nicht  eingelöst
       (was wohl  auch noch nicht beabsichtigt war). Beim Versuch, einen
       Gesamtüberblick der  revisionistischen politischen  Vorstellungen
       zu geben, setzt die Kritik immer wieder im einzelnen an, ist dort
       auch durchaus  zutreffend, indem  sie sich  auf die Tradition der
       Revisionismuskritik in  der Arbeiterbewegung  stützt; dabei  geht
       aber immer  wieder der  systematische Zusammenhang der revisioni-
       stischen Theorien  verloren, ebenso wie der Zusammenhang der Kri-
       tik an  ihnen. So kommt es auch, daß es schwer ist, aufgrund die-
       ser Ausführungen  theoretische Ansätze für eine wirklich materia-
       listische Kapitalismus- und Klassenanalyse zu finden.
       8) Entspricht nicht  die revisionistische  Theorie vor  allem dem
       Bewußtsein jener  Funktionäre der bereits bürokratisierten Arbei-
       terorganisationen, die nicht mehr den Konflikt mit dem Kapital am
       eigenen Leibe  erfahren, sondern  wesentlich durch ihre teilweise
       erfolgreiche  Vermittlungstätigkeit   zu  "Spitzenverbänden"  und
       staatlicher Verwaltung  geprägt sind?  Hat dagegen  die Masse der
       Arbeiter nicht vielmehr jenes 'dichotomische Bewußtsein' ('die da
       oben'),  das  nach  zahlreichen  Untersuchungen  bis  heute  vor-
       herrscht? Ist im vorliegenden Text nicht das Bewußtsein der Orga-
       nisierten und  das des organisierenden Apparats allzu umstandslos
       gleichgesetzt? Kann man überhaupt die Ausbildung eines revisioni-
       stischen Bewußtseins  erklären, ohne  darzustellen, durch  welche
       Organisationsform vermittelt  der  Klassenkampf  tatsächlich  ab-
       läuft? Kann  man von 'tatsächlichen Erfahrungen' ohne Berücksich-
       tigung der  organisatorischen Ebene und des genauen gesellschaft-
       lichen Ortes, wo solche Erfahrungen gemacht werden, sprechen? Wir
       formulieren diese  Fragen, um anzudeuten, was wir hier offen las-
       sen. Vgl. dazu auch unten II. 4.
       9) P. Sering:  "Wandlungen des Kapitalismus", in: ZEITSCHRIFT FÜR
       SOZIALISMUS, Prag 1935, Nr. 22/23, S. 717.
       10) Für den  gewerkschaftlichen Apparat  war sicher  das Erlebnis
       der Unentbehrlichkeit, der 'erfolgreichen' Zusammenarbeit mit dem
       Staatsapparat im  1. Weltkrieg (bis zur Denunziation unbotmäßiger
       Arbeiter) und  danach von  entscheidender Bedeutung.  Wichtig für
       die Illusionen  vom "organisierten  Kapitalismus" war die Erinne-
       rung an  den sogenannten  Kriegssozialismus, der  staatlich (d.h.
       wesentlich von  den Interessevertretern  der großen  Rüstungskon-
       zerne) organisierten  Kriegswirtschaft; das  gilt z.B. für Wissel
       und Hilferding.  Vgl. dazu  den schon angeführten Aufsatz von La-
       pinski, der  sich ausführlich  mit der Entstehung institutionali-
       sierter Zusammenarbeit  der Klassen während des 1. Weltkriegs be-
       schäftigt und  ihre Fortführung  in der  Weimarer Republik zeigt.
       Die Bildung  der Zentralen  Arbeitsgemeinschaft zwischen  Gewerk-
       schaften und  Unternehmern im  November 1918  zum Zweck  der (aus
       verschiedenen Motiven) gemeinsamen Abwiegelung der Revolution ist
       hier nur  ein Höhepunkt.  Vgl.  auch  Dep-pe/Freyberg/Kievenheim/
       Meyer/Werkmeister: KRITIK DER MITBESTIMMUNG, Frankfurt/Main 1969,
       sowie FU-Projektgruppe DKP/Rabehl, a.a.O. S. 74.
       11) Vgl. aber das oben (Anm. 8) bezeichnete Problem.
       12) Marx: GRUNDRISSE, S. 11.
       13) Bereits der  Begriff der 'Verteilung' bzw. 'Distribution' ist
       in der bürgerlichen Wissenschaft von vornherein auf die Ebene des
       Nettosozialprodukts bzw.  des 'Volkseinkommens'  beschränkt;  die
       Möglichkeit der  Verteilung auf  anderer Ebene,  z.B. auf der der
       Produktionsagenzien -  Arbeitskraft/Produktionsmittel -,  ist  so
       bereits erledigt. Vgl. dazu Teil III. - Es fällt in diesem Zusam-
       menhang regelmäßig  der Hinweis, daß der vom Staat verteilte Teil
       des Sozialprodukts  immer weiter  anwachse. Dazu  zunächst einige
       Angaben: der  vom Staat  in Gestalt von Steuern und Beiträgen zur
       Sozialversicherung beanspruchte Teil des Bruttosozialprodukts be-
       trug 1913  11,8% (8,9+2,9%),  1929 23,1%  (16,7+5,6%), 1963 34,4%
       (25,1+9,3%), Deutsches  Reich bzw. Bundesrepublik und West-Berlin
       (nach: K.  Eisholz: "Strukturänderung  der Sozialpolitik", KLEINE
       SCHRIFTEN ZUR  SOZIALPOLITIK UND ZUM ARBEITSRECHT, 4. Folge, Heft
       10, München o.J. (1963), S. 36. Abgesehen davon, daß in den letz-
       ten Jahrzehnten  eine deutliche  Verlangsamung des  Wachstums des
       Staatshaushalts in seinem Anteil am BSP zu beobachten ist, ändert
       auch der  gestiegene Anteil  nichts an  der Tatsache, daß vor dem
       staatlichen Steuer-  und Sozialabgabeneinzug die 'Verteilung' des
       Sozialprodukts im  direkten Gegenüber der beiden Klassen erfolgt,
       konkret in Tarifverhandlungen, bzw. den dahinter stehenden laten-
       ten oder offenen Klassenkämpfen. Bei den Abgaben zur Sozialversi-
       cherung (1963  9,3%) kann  schon auf  den ersten  Blick von einer
       staatlichen Umverteilung  kaum gesprochen werden, da es sich hier
       um nichts anderes, als um eine staatlich garantierte Versicherung
       handelt, und niemand auf die Idee käme, etwa eine Privatversiche-
       rung als  Eingriff in  die kapitalistische Verteilung zu betrach-
       ten. Es  handelt sich bei der Sozialversicherung bloß um eine Um-
       verteilung innerhalb  der Lohnquote, und im ganzen gesehen, gehö-
       ren sowohl  die sofort ausgezahlten wie die erst nach der Verwer-
       tung der  Arbeitskraft als Rente ausgezahlten Summen zum Wert der
       Arbeitskraft. Da  zu diesem Wert auch ihre 'Bildungskosten' gehö-
       ren (z.B.  die Kosten für Volksschulen), so ist auch der entspre-
       chende Teil  der staatlichen  Ausgaben letzten Endes ein Teil des
       vom Gesamtkapital  vorgeschossenen variablen  Kapitals, der frei-
       lich nicht  als individueller Lohn zirkuliert. Ein sehr beträcht-
       licher Teil  der Staatsausgaben  fällt so unter die Kategorie des
       variablen Kapitals  bzw.,  ungefähr  gesprochen,  der  Lohnquote.
       Ebenso müßte  man einen  Teil des  gesamtgesellschaftlichen Mehr-
       werts einzelnen  Sparten des  Staatshaushalts zuordnen können, wo
       er  teils   bloß  auf  bestimmte  Kapitalzweige  umverteilt  wird
       (Subventionen, Steuervergünstigungen),  teils zur  ideologischen,
       militärischen usw.  Sicherung des Kapitalverhältnisses ausgegeben
       wird. Die  Vorstellung von der Umverteilung würde sich sehr redu-
       zieren. Dies  als Hinweis  auf eine  der Aufgaben der Realanalyse
       des Sozial- und Interventionsstaates.
       14) O. Kirchheimer: "Weimar und was dann? " (1930) In: ders.: PO-
       LITIK UND  VERFASSUNG, Frankfurt 1964, S. 42 f. Schon Tugan-Bara-
       nowski erschien  die Verteilung  als reines Machtproblem, während
       er die  Produktion durch  ökonomische und  technische Gesetze be-
       stimmt sah  (vgl. E. Preiser in: HANDWÖRTERBUCH DER SOZIALWISSEN-
       SCHAFTEN, Stichwort: Distributionstheorie, (Band VIII), S. 623.
       15) Sering: JENSEITS  DES KAPITALISMUS.  Ein Beitrag zur soziali-
       stischen Neuorientierung.  Nürnberg 1946  1, 1948  3, S. 59. Eine
       Auflage von  mehreren tausend  Exemplaren wurde von der IG-Metall
       aufgekauft; Fritz  Vilmar (RÜSTUNG  UND ABRÜSTUNG, Frankfurt/Main
       1965) z.B.  stützt sich  stark auf Sering. Rudi Dutschke zitierte
       gern aus  Sering, vorzugsweise  allerdings aus  den Aufsätzen der
       dreißiger Jahre.
       16) Peter Gay:  DAS DILEMMA DES DEMOKRATISCHEN SOZIALISMUS, Nürn-
       berg 1954,  referiert hier  das Konzept einer Rede Bernsteins aus
       dem Jahre  1925, S.  270 (keine  Hervorhebung im  Original)  Vgl.
       schon Marx'  Kritik an John Stuart Mill, KAPITAL Bd. 3, S. 884 f.
       Demgemäß  schon   Rosa  Luxemburgs   Kritik   an   Bernstein   in
       "Sozialreform oder  Revolution" a.a.O.  S. 105: "Bernstein formu-
       liert auch  wiederholt seinen  Sozialismus als das Bestreben nach
       einer 'gerechten',  'gerechteren', ja  einer  'noch  gerechteren'
       Verteilung... Die  Sozialdemokratie will  die sozialistische Ver-
       teilung durch  die Beseitigung  der kapitalistischen Produktions-
       weise herbeiführen,  während das  Bernsteinsche Verfahren ein di-
       rekt umgekehrtes  ist; er will die kapitalistische Verteilung be-
       kämpfen und  hofft auf  diesem Wege allmählich die sozialistische
       Produktionsweise herbeizuführen."
       17) PROTOKOLL DES  SPD-PARTEITAGES IN  KIEL 1927, S. 170. Hilfer-
       ding,der in der Weimarer Republik zum Revisionismus überwechselt,
       ging schon  im Finanzkapital,  wo er  unter weitgehender Absehung
       vom Produktionsprozeß  primär die  Zirkulationssphäre  behandelt,
       davon aus,  daß der  Entwicklungsprozeß der kapitalistischen Pro-
       duktion auf  die Bildung  eines Generalkartells  hinauslaufe, und
       damit auf  die Beseitigung  der Anarchie  der Produktion. Für die
       sozialistische Revolution  galt es  dann vor  allem noch, die Un-
       gleichheiten in der Verteilung zu beseitigen. Er schränkte damals
       ein, eine  solche Entwicklung sei zwar ökonomisch möglich, jedoch
       nicht politisch  und sozial.  (Vgl. FINANZKAPITAL, 1910, Neudruck
       Frankfurt/Main 1968,  S. 322  und 403). Auf der Basis dieser Vor-
       stellungen entwickelte  er in der Weimarer Republik seine Theorie
       vom 'organisierten  Kapitalismus' und im Zusammenhang damit seine
       Vorstellung vom 'politischen Lohn'. Zur Kritik dieser Theorie: M.
       Kriwizki: "Die  Lohntheorie der  deutschen Sozialdemokratie", in:
       UNTER DEM BANNER DES MARXISMUS, III (1928/29, S. 381 ff), neu ab-
       gedruckt in: GEGEN DEN STROM, a.a.O. S. 75 ff; vgl. auch W. Gott-
       schalch: STRUKTURVERÄNDERUNGEN  DER GESELLSCHAFT  UND POLITISCHES
       HANDELN IN DER LEHRE VON RUDOLF HILFERDING, Berlin-West 1962.
       18) Vgl. Claus  Offe: "Politische  Herrschaft und Klassenstruktu-
       ren. Zur  Analyse spätkapitalistischer Gesellschaftssysteme", in:
       Kress/Senghaas: POLITIKWISSENSCHAFT,  Frankfurt/Main 1969, S. 176
       f. Habermas  spricht (in:  Habermas/Friedeburg/Oehler/Weltz: STU-
       DENT UND POLITIK, Neuwied 1961) von tiefen Eingriffen des Staates
       ins "System  der Güterherstellung  und -verteilung"  (S. 22), muß
       dann aber  doch zugestehen,  daß "weiterhin die private Verfügung
       über Produktionsmittel Grundlage... des Wirtschaftsprozesses sei"
       (S. 23),  und hält  sich bei seiner Sozialstaatstheorie vor allem
       an die  Explikation der Souveränität der Staatsgewalt als vertei-
       lender gegenüber  dem kapitalistischen Produktionsprozeß, was vor
       allem bei  seinen Thesen  über die Determinanten politischen Han-
       delns der Staatsgewalt sichtbar wird. (Vgl. unten II, 4.: Sozial-
       staat und pluralistische Demokratie.)
       19) Dies ist  ein kurzer  Überblick über  die Momente, die in den
       Sozialstaatstheorien von Hilferding, Sering, Offe, Habermas, Hen-
       nis u.a. entscheidend sind für den Verteilungsschlüssel, nach dem
       das Sozialprodukt auf die verschiedenen 'sozialen Gruppen' aufge-
       teilt wird,  und für  die Inhalte  der  Verteilungstätigkeit  des
       Staates (Sozialkonsum/Sozialinvestitionen/Rüstung).  Was den  Be-
       griff des  Sozialstaats angeht,  so sei hier noch folgendes ange-
       merkt: Der  Unterschied zwischen  solchen Staatstheorien, die den
       gegenwärtigen kapitalistischen  Staat schon  als Sozialstaat  be-
       zeichnen (Habermas,  Offe), und  solchen, die davon ausgehen, daß
       durch langsame  Zurückdrängung der Macht der Monopole, durch Mit-
       bestimmung und demokratische Kräfte im Parlament, der Sozialstaat
       allmählich Boden  gewinnen könne,  liegt vor allem darin, daß die
       letzteren von  einem unmittelbaren  Einfluß der  Monopole auf den
       Staat ausgehen,  ihn als Instrument der Monopole betrachten, wäh-
       rend   die   ersteren   davon   ausgehen,   daß   es   heutzutage
       "problematisch" sei,  "die Abhängigkeit  der politischen Aktionen
       von den  ökonomischen  Interessen"  zu  unterstellen.  (Habermas:
       THEORIE UND  PRAXIS, Neuwied/Berlin  1963, S.  200. Ebenda S. 163
       ausdrücklich vom "Stadium des organisierten Kapitalismus", wo der
       "Bereich des Warenverkehrs" bereits weitgehend "politisch vermit-
       telt" werde.) Da aber auch die Theorie vom staatsmonopolistischen
       Kapitalismus vor  allem hierin auf der Ebene politischer Einfluß-
       nahmen argumentiert,  wird kein  deutlicher Zusammenhang zwischen
       Staat und  Kapitalverwertungsprozeß sichtbar (eben im Unterschied
       zur bloßen 'Abhängigkeit' von 'ökonomischen Interessen').
       20) Marx: GRUNDRISSE,  S. 8:  "Die Produktion  soll... im  Unter-
       schied von  der Distribution etc. eingefaßt in von der Geschichte
       unabhängige ewige  Naturgesetze dargestellt  werden, bei  welcher
       Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als
       unumstößliche Naturgesetze  der Gesellschaft  in abstracto unter-
       schoben werden...  Bei der  Distribution dagegen  sollen die Men-
       schen in  der Tat allerlei Willkür sich erlaubt haben." Marx deu-
       tet hier und im folgenden an, wie durch die "rohe Auseinanderrei-
       ßung" von  Produktion und  Distribution der Produktionsprozeß als
       Naturprozeß erscheint, und der Distributionsprozeß damit zu einem
       Vorgang wird,  der allein  durch "gesellschaftliche  Gesetze" (S.
       10)   (was    in   diesem    Zusammenhang   synonym    ist    mit
       "gesellschaftlichem Zufall",  S. 11)  bestimmt wird. Die Unfähig-
       keit, die  kapitalistische Produktion als Kreislaufprozeß des Ka-
       pitals zu begreifen, resultiert in der Loslösung der Distribution
       aus diesem Zusammenhang; daher dann die Illusion von der staatli-
       chen Umverteilung  auf der Ebene der 'Einkommen'. Der Revisionis-
       mus knüpft von Anfang an an grundsätzliche Denkmuster der bürger-
       lichen Ökonomie  an (was  nicht verhindert,  daß er weit größeren
       Illusionen verfällt).  Dies kritisiert Marx hier. Vgl. dazu auch:
       Marx: "Kritik  des Gothaer  Programms", MEW Bd. 19, S. 25 f: "Der
       Vulgärsozialismus hat  es von  den bürgerlichen Ökonomen übernom-
       men, die  Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu
       betrachten und  zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich
       als um die Distribution sich drehend darzustellen." Die eigentli-
       che Entwicklung  dieser Kritik ist natürlich im 'Kapital' enthal-
       ten.
       21) Vgl. dazu Habermas: STUDENT..., a.a.O. S. 42 und 50, desglei-
       chen schon  Bernstein, Kautsky,  Cunow, Renner  u.a., nachzulesen
       bei: I. Fetscher, Hrsg.: DER MARXISMUS, SEINE GESCHICHTE IN DOKU-
       MENTEN, Bd. III, München 1965, S. 41-56.
       Im GODESBERGER PROGRAMM der SPD, Bonn 1959, ist nachzulesen: "Die
       Marktwirtschaft gewährleistet von sich aus keine gerechte Einkom-
       mens- und  Vermögensverteilung: dazu bedarf es einer zielbewußten
       Einkommens- und  Vermögenspolitik." (S.  16) Vgl. auch Otto Bren-
       ner: "Technischer Fortschritt und Gewerkschaften", in: AUTOMATION
       UND TECHNISCHER  FORTSCHRITT IN  DEUTSCHLAND UND  DEN USA, Frank-
       furt/Main 1963,  S. 308  ff: "Automation  und  technischer  Fort-
       schritt ermöglichen  mehr Wohlstand  für alle.  Inwieweit die Ar-
       beitnehmer jedoch  an diesem Wohlstand teilhaben, hängt davon ab,
       wie das erhöhte Volkseinkommen verteilt wird... Das erklärte Ziel
       der Gewerkschaften  war es und wird es bleiben, den Arbeitnehmer-
       anteil am Volkseinkommen zu erhöhen." (S. 312)
       22) Ebenso wie der eigentliche Revisionismus sehen heutzutage po-
       litologische, staatsrechtliche  usw. Apologeten  des Kapitals  in
       den verteilenden  Tätigkeiten der  Staatsgewalt ihre neue und sie
       bestimmende Qualität,  nur mit  dem Unterschied,  daß  sie  diese
       Funktionen der  Staatsgewalt, weil gegen das Leistungsprinzip und
       Markteinkommen  verstoßend,  mit  Begriffen  wie  "Gefälligkeits-
       staat", Staat  als "ungeheure  Ausgleichskasse" etc. denunzieren.
       Vgl. dazu:  Ernst Forsthoff:  "Begriff  und  Wesen  des  sozialen
       Rechtsstaats", Veröffentlichungen  der  Vereinigung  der  Staats-
       rechtslehrer, Heft  12, Berlin-West  1954, S. 8 ff; Werner Weber:
       SPANNUNGEN  UND   KRÄFTE  IM   WESTDEUTSCHEN   VERFASSUNGSSYSTEM,
       Stuttgart 1951. Wenn im folgenden wiederholt auf die Analogien in
       der Analyse  der entwickelten  kapitalistischen Gesellschaft zwi-
       schen Revisionisten  und bürgerlich-reaktionären Wissenschaftlern
       hingewiesen wird, so deshalb, um zu zeigen, daß eben kein dritter
       Weg zwischen  marxistischer und bürgerlicher Gesellschaftsanalyse
       möglich ist,  sondern daß revisionistische Theorien notwendig auf
       bürgerliche hinauslaufen.  Man kann  nicht einfach,  wie Habermas
       z.B. dies  immer wieder  tut, auf  der Basis  der  'wissenschaft-
       lichen' Ergebnisse  von Forsthoff  bis Hennis  eine völlig andere
       gesellschaftskritische Konsequenz  herleiten. Dies bleibt dann in
       der Tat (moralisierende) Kritik.
       23) Vgl. hierzu  W. Müller:  "Habermas und  die Anwendbarkeit der
       Arbeitswerttheorie", SOPO  1/69, S.  40-44. Die beliebige Verwen-
       dung der Begriffe 'Sozialprodukt', 'gesellschaftlicher Reichtum',
       auch einmal 'Warenfülle', dann wieder 'Produkte' bei den Revisio-
       nisten zeigt schon, daß hier das Problem nicht mehr gesehen wird,
       das Marx  gleich zu Anfang des 'Kapitals' ausspricht, daß nämlich
       der gesellschaftliche  Reichtum im Kapitalismus als ungeheure Wa-
       renfülle erscheint.  Schon durch die beliebige Verwendung der Be-
       grifflichkeit gibt  man zu erkennen, daß man die spezifische Pro-
       blematik der  Form der  gesellschaftlichen Produktion  übersieht,
       wie sie sich darstellt im Doppelcharakter der Ware als Tauschwert
       und Gebrauchswert,  und dementsprechend  der Doppelcharakter  der
       Arbeit und des Produktionsprozesses.
       24) A. Shonfield:  MODERN CAPITALISM. The Changing Balance of Pu-
       blic and Private Power. Royal Institute of International Affairs.
       London 1965.  Deutsche Ausgabe:  GEPLANTER KAPITALISMUS  -  WIRT-
       SCHAFTSPOLITIK IN  WESTEUROPA UND USA. Mit einem Vorwort von Karl
       Schiller. Köln usw. 1968.
       25) R. Luxemburg: SOZIALREFORM..., a.a.O. S. 93 f.
       26a) Marx: KAPITAL Bd. l, S. 189-195.
       26b) Marx: KAPITAL Bd. l, S. 194-201.
       26c) Marx: KAPITAL Bd. 1, S. 204-210.
       26d) Fritz Naphtali:  WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, 1928,  Neudruck  mit
       einem Vorwort  von Ludwig Rosenberg und einer Einführung von Otto
       Brenner, Frankfurt/Main 1966, S. 23.
       27) Vgl. Sering: JENSEITS..., a.a.O. S. 47-49.
       28) Vgl. dazu besonders Marx: KAPITAL Bd. l, S. 346-48/350-52.
       29) KAPITAL, Bd. III, S. 107-197.
       30) IMPERIALISMUS HEUTE,  Berlin 1968 5, S. 239 und 727, hier be-
       sonders wichtig  das Kapitel "Die demokratische Alternative gegen
       den staatsmonopolistischen  Kapitalismus", S.  724-751; vgl. auch
       Kritik dazu:  Projektgruppe DKP-Rabehl:  DIE DKP..., a.a.O. S. 67
       ff.
       31) So ist  für den Staatssekretär Auerbach beim Bundesarbeitsmi-
       nisterium die wirtschaftliche Deckungsmöglichkeit der Renten- und
       Krankenversicherung nur  dann gewährleistet,  wenn bis  1985 eine
       jährliche Steigerung der Bruttolohn- und Gehaltssumme um 5,8% er-
       folgt. Nach DER TAGESSPIEGEL, 23.12.69. Vgl. auch: SOZIALENQUETE,
       Soziale Sicherung  in der  BRD, Stuttgart,  Berlin, Köln,  Mainz,
       o.J. (1966),  S. 143  ff; besonders  S. 153, wo gezeigt wird, daß
       jedes Sozialversicherungssystem, vor allem aber die Arbeitslosen-
       versicherung angesichts einer Massenarbeitslosigkeit total versa-
       gen würde.
       32) Vgl. dazu  die Kritik  im Aufsatzs von Eugen Varga: "Probleme
       der Monopolbildung  und die Theorie vom 'organisierten Kapitalis-
       mus', in:  ders.: DIE KRISE DES KAPITALISMUS UND IHRE POLITISCHEN
       FOLGEN, Frankfurt/Main  1969,- S. 11-41. Vgl. auch: Projektgruppe
       DKP/Rabehl: DIE DKP..., a.a.O. S. 97 ff.
       33) Hier liegt eines der Probleme, über die wir in den Diskussio-
       nen keine volle Übereinstimmung erreichen konnten. Welche prakti-
       sche Bedeutung hat die Illusion von der Autonomie der Distributi-
       onssphäre bzw. vom politischen Lohn heute, z.B. in der antizykli-
       schen Konjunkturpolitik?  Inwieweit wird hier nicht die Abhängig-
       keit der  Verteilung von  der Produktion und der in ihr gesetzten
       Verteilung de  facto anerkannt? Haben etwa die Ökonomen (auch in-
       nerhalb der SPD oder der gewerkschaftlichen Wirtschaftsinstitute)
       hier einen  größeren Realismus  als die Politologen revisionisti-
       schen Erbes? Wie weit geht dieser Realismus? Vgl. dazu auch unten
       Teil III.
       34) J.M. Gillman  (PROSPERITÄT IN  DER  KRISE,  dt.  Frankfurt/M.
       1968) zeigt,  wie in den Welfare-State Theorien der New-Deal Epo-
       che Sozialversicherung  als Krisenregulierungsmechanismus angese-
       hen wurde  (S. 132).  Im folgenden unterzieht Gillman diese These
       einer Überprüfung  anhand der  zyklischen Bewegungen des Kapitals
       in den  USA und  zeigt, daß  es sich hierbei nur um zweitrangige,
       nicht entscheidende Faktoren wirtschaftlicher Stabilisierung han-
       deln kann.
       35) Fritz Tarnow: WARUM ARM SEIN? Berlin 1928, S. 71 und 49. Vgl.
       zur Kritik  auch neben  Kriwizki ("Die Lohntheorie...", UNTER DEM
       BANNER...,  a.a.O.):   Erika   König:   VOM   REVISIONISMUS   ZUM
       "DEMOKRATISCHEN SOZIALISMUS, Berlin-DDR 1964, S. 158 ff.
       36) METALL, Nr.  16, 1967, und: WEISSBUCH DER IG METALL, 1968. In
       der Zeitschrift METALL ist auch nachzulesen, wie Brenner 1967 und
       1968 die Theorie von der Regulierung der Krise durch Erhöhung der
       Masseneinkommen vertritt.
       37) Tarnow: WARUM ARM SEIN ? A.a.O. S. 53.
       38) Marx: GRUNDRISSE,  S. 322.  Vgl. S.  323:  "...  Das  Kapital
       selbst betrachtet  dann die   N a c h f r a g e  d u r c h  d e n
       A r b e i t e r  - i.e. das Zahlen des Salärs, worauf diese Nach-
       frage beruht  - nicht  als Gewinn,  sondern als Verlust. D.h. das
       i m m a n e n t e       V e r h ä l t n i s       z w i s c h e n
       K a p i t a l   u n d   A r b e i t   macht sich  geltend.    E s
       i s t   h i e r   w i e d e r   d i e  K o n k u r r e n z  d e r
       K a p i t a l i e n,   ihre  Gleichgültigkeit  gegeneinander  und
       Selbständigkeit voneinander, die dazu führt, daß das einzelne Ka-
       pital  sich   zu  den  Arbeitern  des  totalen  übrigen  Kapitals
       n i c h t  a l s  A r b e i t e r n  verhält: Hinc über die rich-
       tige Proportion hinausgetrieben wird." Und im 2. Band des KAPITAL
       (S. 414/409 f): "Will man aber dieser Tautologie" (Krisen entste-
       hen aus  Mangel an  zahlungskräftiger  Nachfrage)  "einen  Schein
       tiefrer Begründung  dadurch geben,  daß man  sagt, die  Arbeiter-
       klasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eigenen Produkts, und
       dem Übelstand  werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil
       davon empfängt,  so ist  nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal
       gerade vorbereitet  werden durch eine Periode, worin der Arbeits-
       lohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern An-
       teil an  dem für  Konsumtion bestimmten  Teil des jährlichen Pro-
       dukts erhält.  Jene Periode  müßte -  von dem Gesichtspunkt jener
       Ritter vom  gesunden und 'einfachen' (!) Menschenverstand - umge-
       kehrt die  Krise entfernen. Es scheint also, daß die kapitalisti-
       sche Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingun-
       gen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse
       nur momentan  zulassen, und  zwar immer  nur als Sturmvogel einer
       Krise." Vgl.  auch  M.  Kriwizki  (LOHNTHEORIE...,  a.a.O.),  der
       zeigt, daß  die Theorie  vom politischen Lohn auf der Annahme be-
       ruht, der  Kapitalist könne  beim konstanten Kapital Einsparungen
       vornehmen, und  diese dem  Arbeiter zuschanzen. "Während wir also
       bei Marx  auf die  Gegenüberstellung des  variablen Kapitals oder
       des Arbeitslohns  mit dem  Mehrwert stoßen, wird in allen von uns
       angeführten Fällen  der Arbeitslohn dem konstanten Kapital gegen-
       übergestellt und seine Änderungen mit den Änderungen des konstan-
       ten Kapitals verbunden. Es folgt also eine Aufhebung der Spaltung
       des neugeschaffenen  Werts in Wert der Arbeitskraft und Mehrwert.
       Dadurch wird  jenes Kampffeld beseitigt, auf dem der Zusammenstoß
       der zwei  Klassen stattfindet... Es ist die gleiche Verlegung der
       Analyse von  den grundlegenden  Produktionsverhältnissen weg  zur
       Technik, die als außerhalb des sozialen Verhältnisses stehend be-
       trachtet wird." (S. 97 f.)
       39) Vgl. SOZIALENQUETE, a.a.O. S. 140 f.
       40) Vgl. ebda., S. 153 f, wonach in der Hochkonjunktur Erhöhungen
       der Sozialleistungen  inflationär wirken,  in der  Krise  dagegen
       zwar ökonomisch  möglich und vielleicht auch sinnvoll seien (hier
       die gleiche  Illusion wie  bei den Gewerkschaften), aber aufgrund
       politischer Tatbestände  nicht zu  empfehlen, da solche Maßnahmen
       später schwer  rückgängig zu machen seien, ohne die Gefahr sozia-
       len Unfriedens" heraufzubeschwören.
       41) Immer wieder wäre es notwendig, die die Wirklichkeit oft ganz
       offensichtlich verhüllenden  Begriffe  der  bürgerlichen  Wissen-
       schaft zu  umgehen oder  wenigstens  durch  Anführungszeichen  zu
       kennzeichnen. So  ist nach  der herrschenden  Auffassung  in  der
       'V o l l b e s c h ä f t i g u n g'   eine amtliche Arbeitslosen-
       quote von  'bloß' 3  bis 5% eingeschlossen. Die Zahlen der amtli-
       chen Statistik  zur   'E r w e r b s l o s i g k e i t'  sind ih-
       rerseits  verhüllend   (besonders   in   der   'Rezession'   oder
       'Talsohle'), denn sie erfassen nicht die infolge Arbeitslosigkeit
       vorzeitig Verrenteten"  Arbeiter (besonders Arbeiterinnen), heim-
       gereiste 'Gastarbeiter' usw.; hinter diesen Zahlen versteckt sich
       also eine  viel  größere    i n d u s t r i e l l e    R e s e r-
       v e a r m e e,   wie der  kapitalistischen Wirklichkeit  adäquate
       Begriff  lautet.   Mit  dieser   Bemerkung  soll   erneut  darauf
       hingewiesen werden,  daß man sich innerhalb der bürgerlichen Wis-
       senschaft ständig  zwischen Attrappen bewegt, die aber vom Stand-
       punkt der  kapitalistischen Gesellschaft  und ihrer  Wissenschaft
       notwendig die einzige Wirklichkeit sind und das Handeln der Kapi-
       talagenten und  der Staatsfunktionäre tatsächlich bestimmen. Vgl.
       dazu auch Teil III.
       42) SOZIALENQUETE, a.a.O. S. 153.
       43) Ebda., S.  144. Auf  die hier  im ganzen richtig angedeuteten
       Grenzen der  Sozialpolitik wird weiter unten noch näher eingegan-
       gen. Allerdings  kann der  Staat, siehe  gegenwärtig USA, auf die
       untere Grenze  weitaus weniger Rücksicht nehmen. Sie gilt nur für
       Prosperitätsphasen des  Kapitals. Vgl. auch S. 145. Es heißt dort
       weiter: "...  die Investitionsbereitschaft  der  Unternehmer  ist
       sowohl im  Interesse des  Wachstums der Gesamtversorgung als auch
       im Interesse der Vollbeschäftigung erforderlich" ... "Das Export-
       volumen kann  im Interesse  der  dauernden  internationalen  Lei-
       stungsfähigkeit  der   Wirtschaft  nicht   gekürzt  werden"   ...
       "E i n e   A u s w e i t u n g   d e s  S o z i a l b u d g e t s
       k o n k u r r i e r t   a l s o   i n    e r s t e r    L i n i e
       m i t    e i n e r    S t e i g e r u n g    d e r    r e a l e n
       L o h n e i n k o m m e n."  (Hervorhebung : M./N.)
       44) J. Habermas:  THEORIE UND PRAXIS, Neuwied-Berlin 1963, S. 196
       f. (Hervorhebungen v. Verfasser).
       45) Vgl. oben Anm. 13.
       46) Vgl. R.  Hilferding: "Probleme  der Zeit",  in:  DIE  GESELL-
       SCHAFT, 1. Jg. 1924, Bd. 1, S. 13.
       47) Ders.: "Realistischer  Pazifismus", in:  DIE GESELLSCHAFT, 1.
       Jg. 1924,  Bd. 2,  S. 111. Vgl. dazu auch: W. Gottschalch: STRUK-
       TURVERÄNDERUNGEN DER  GESELLSCHAFT UND POLITISCHES HANDELN IN DER
       LEHRE VON RUDOLF HILFERDING, Berlin-West 1962, S. 198-218.
       48) Vgl. zu  diesem ganzen Komplex: H.-H. Hartwich: SOZIALSTAATS-
       POSTULAT UND  GESELLSCHAFTLICHER STATUS QUO, Berlin 1969, (bisher
       als Manuskript vorliegend) S. 1-66.
       49) J. Habermas: STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT, Neuwied 1962,
       S. 254  f. Parallelen ergeben sich hier zu folgendem Erhard-Wort:
       "Es ist sehr viel leichter, jedem einzelnen aus einem größer wer-
       denden Kuchen  ein größeres  Stück zu  gewähren, als einen Gewinn
       aus der  Auseinandersetzung um  die Verteilung  eines kleinen Ku-
       chens ziehen  zu wollen." in: Erhard: WOHLSTAND FÜR ALLE, Düssel-
       dorf 1957,  S. 10.  Rabehl hat  darauf hingewiesen,  daß  in  der
       "Soziologie des  Staates" "nicht Klassenkämpfe diese monopolisti-
       sche Gesellschaft  bestimmen, sondern daß der demokratische Kampf
       der 'Unterprivilegierten'  um staatliche  Anerkennung und  Unter-
       stützung  diese   Epoche  trägt."  (FU-Projektgruppe-Rabehl:  DIE
       DKP..., a.a.O.  S. 93).  Diese politische Vorstellung beruht eben
       auf der  Reduktion der kapitalistischen Widersprüche aufs Vertei-
       lungsproblem. Unterprivilegierte sind die sozialen Gruppen, denen
       vom Staat kein genügend großer Happen in den Mund geschoben wird.
       Ihre Unterprivilegierung  endet mit der Vergrößerung des Happens.
       Folgerichtig  Offe:  "Generell  bemißt  sich  der    r e p r e s-
       s i v e,   d.h.  Herrschaftsverhältnisse  befestigende  Charakter
       eines politisches  Systems daran,  ob ...  a)  ...  b)  die  ver-
       schiedenen Kategorien der miteineinander in Widerspruch stehenden
       gesellschaftlichen   I n t e r e s s e n,   Bedürfnisse  und  An-
       sprüche in  gleicher oder  nur in  verzerrter, spezifisch gewich-
       tiger  Weise  die    C h a n c e    p o l i t i s c h e r    B e-
       r ü c k s i c h t i g u n g   g e n i e ß e n."  (A.a.O. S. 162).
       Hier haben  sich die  unterprivilegierten  Gruppen  zu  unterpri-
       vilegierten Bedürfnissen verfeinert.
       50) E. Fraenkel:  "Strukturanalyse der  modernen Demokratie", in:
       AUS POLITIK  UND ZEITGESCHICHTE,  Beilage zur  Wochenzeitung: DAS
       PARLAMENT, 6.12.69, S. 23: "Der Pluralismus ist die Staatstheorie
       des Reformismus. Er lehnt implicite die These ab, daß der Antago-
       nismus zwischen  Kapital und  Arbeit, dessen Existenz er nicht in
       Zweifel zieht, mit geschichtlicher Notwendigkeit dazu führen muß,
       daß er  in der klassenlosen Gesellschaft 'aufgehoben' wird." Vgl.
       auch: ders.:  DEUTSCHLAND UND  DIE WESTLICHEN DEMOKRATIEN, Stutt-
       gart 1964, sowie unten Teil IV.
       51) P. Sering: "Der Faschismus", in: ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALISMUS,
       Nr. 24/25, 26/27 (1935) S. 775.
       52) Habermas...: STUDENT..., a.a.O. S. 35 und 45.
       53) Ebda., S. 35.
       54) Ebda., S. 52 f.
       55) In dieser  Richtung läuft  auch die kritische Eliteforschung,
       wie sie  z.B. in den Analysen von Helge Pross (MANAGER UND AKTIO-
       NÄRE IN  DEUTSCHLAND, Frankfurt/M.  1965) und W. Zapf (WANDLUNGEN
       DER DEUTSCHEN  ELITE, München  1965) vorliegt. Vgl. dazu auch die
       Theorie vom  staatsmonopolistischen Kapitalismus  (sowie die ent-
       sprechenden zahlreichen zeitgeschichtlichen Untersuchungen in der
       DDR-Geschichtswissenschaft),  die   aus     p e r s o n e l l e n
       Identitäten zwischen  der faschistischen und der bundesrepublika-
       nischen Oberschicht  den besonders  reaktionären und  aggressiven
       Charakter der  Monopole und  des Staates  in der BRD nachzuweisen
       versucht. Das  wichtigste Argument  für die These, daß der Bonner
       Staat ein  Staat der Monopole sei, ist nach dieser Auffassung die
       personelle Identität  in der  ökonomischen und  politischen  Füh-
       rungsschicht.
       56) Claus Offe: "POLITISCHE HERRSCHAFT...", a.a.O. S. 178.
       57) Ebda., S. 186.
       58) Ebda., S. 165 f.
       59) Ebda., S. 168.
       60) Vgl. zum  folgenden: W.  Hennis: "Aufgaben einer modernen Re-
       gierungslehre",  in:  POLITISCHE  VIERTELJAHRESSCHRIFT,  VI.  Jg.
       (1965) S. 422-441.
       61) R. Altmann:  SPÄTE NACHRICHT VOM STAAT, Stuttgart o.J. (1969)
       S. 51.
       62) Der Ausdruck  wurde zuerst in Unternehmerpublikationen und in
       der Regierungserklärung Erhards 1965 verwendet.
       63) Vgl. J.  Habermas: "Wissenschaft  und  Politik",  in:  OFFENE
       WELT, Nr. 86, 1964, S. 413-423.
       64) H.P. Widmayer:  "Aspekte einer aktiven Sozialpolitik. Zur po-
       litischen Ökonomie  der Sozialinvestitionen", Vortrag vor der Ge-
       sellschaft für  Wirtschafts- und Socialwissenschaften, Verein für
       Socialpolitik (Manuskript 1969).
       65) Hennis: a.a.O.  S. 429; vgl. S. 427: "Wenn es erlaubt ist, in
       der Regierungslehre  so etwas  wie eine  Betriebswirtschaftslehre
       des modernen Staates zu sehen, so erweckt unser Fach (die politi-
       sche Wissenschaft)  den Eindruck  einer Betriebswirtschaftslehre,
       deren einziges  Thema die Mitbestimmung ist." Das Ganze wurde zum
       erstenmal werbewirksam  in der  Ideologie von  der formierten Ge-
       sellschaft (Voegelin  usw.) formuliert, worauf auch einige kriti-
       sche Linke hereingefallen sind.
       66) Karl Hax:  PERSONALPOLITIK  UND  MITBESTIMMUNG,  Köln-Opladen
       1969, S.  16. Vgl. dazu Marx: KAPITAL I, S. 374/377: "Es ist sehr
       charakteristisch, daß  die begeisterten  Apologeten des Fabriksy-
       stems nichts  Ärgres gegen  jede allgemeine  Organisation der ge-
       sellschaftlichen Arbeit  zu sagen  wissen, als  daß sie die ganze
       Gesellschaft in  eine Fabrik verwandeln würde." Die frühbürgerli-
       chen Ökonomen waren nicht so kühn, vom Lohnarbeiter totale Unter-
       werfung in  der Arbeitszeit zu fordern, damit er für "seine höhe-
       ren geistigen  und sittlichen  Ziele" frei  werde; sie verteilten
       vielmehr diesen  "inneren  Widerspruch"  weise  auf  verschiedene
       Klassen. So  pries H.F. von Storch (1815) die Vorzüge der kapita-
       listischen Gesellschaft:  "Der Fortschritt des gesellschaftlichen
       Reichtums erzeugt jene nützliche Klasse der Gesellschaft ... wel-
       che die  langweiligsten, gemeinsten  und ekelhaftesten Beschäfti-
       gungen ausübt,  in einem  Wort alles,  was das Leben Unangenehmes
       und Knechtendes hat, auf ihre Schultern nimmt und ebendadurch den
       andren Klassen  die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und die kon-
       ventionelle Charakterwürde  verschafft ..."  (Zitiert nach  Marx:
       KAPITAL Bd I S 682 f./677.)
       67) Dazu als  Beleg das  allbekannte und  nach wie vor schlagende
       Zitat "Demokratisierung  der Wirtschaft  ist so  unsinnig wie die
       Demokratisierung von  Schulen, Kasernen und Zuchthäusern" aus dem
       INDUSTRIEKURIER im Jahre 1965.
       68) Hax, a.a.O. S. 24 und S. 16.
       69) Wenn wir  in diesem  Aufsatz auch  neuere Autoren aus der BRD
       unter dem Begriff des Revisionismus zusammenfassen, so liegt hier
       ein Problem,  das hier wenigstens angedeutet werden soll, nämlich
       die Frage nach dem Zusammenhang einer von ihren eigenen Organisa-
       tionen auf  den Staat  orientierten Arbeiterbewegung mit den dazu
       gehörigen Theoretikern. Während dieser Zusammenhang z.B. bei Hil-
       ferding und  Tarnow auf  der Hand  liegt, ist er bei Habermas und
       Offe nicht ohne weiteres ersichtlich; bei anderen Frankfurter So-
       ziologen im  Umkreis einiger Gewerkschaftszentralen ist er aller-
       dings unbestreitbar.  Andrerseits ist  zu  klären,  inwieweit  es
       richtig ist,  bei der  gegenwärtigen Rolle der Gewerkschaften und
       der SPD  noch von  Reformismus zu sprechen, auf den sich eine ge-
       genüber dem revolutionären Marxismus revisionistische Theorie be-
       ziehen würde.
       70) Habermas: STUDENT..., a.a.O. S. 32.
       71) Luxemburg: SOZIALREFORM..., a.a.O.
       72) Hier ist wieder auf die schon von Rosa Luxemburg gekennzeich-
       nete Folgerichtigkeit  von nichtrevolutionären Rezepten gegen den
       Kapitalismus hinzuweisen;  sie zeigt,  wie schon  gesagt, am Bei-
       spiel Bernsteins,  daß der  nichtrevolutionäre Weg  auch zu einem
       anderen Ziel,  nämlich der  Beibehaltung der alten Gesellschafts-
       ordnung mit  einigen Verbesserungen  führt, wobei  man sagen muß,
       daß diese  innere Logik von Habermas sehr flott in die äußere Er-
       scheinung umgesetzt worden ist.
       73) Vgl. dagegen  z.B. die  ILLUSTRIERTE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN
       REVOLUTION (Berlin  1929, Nachdruck  Frankfurt/Main 1968), in der
       häufig die eigene Erinnerung der Kämpfenden zu Wort kommt.
       74) FU-Projektgruppe DKP/Rabehl:  DIE DKP...,  a.a.O. S. 154: "Da
       er (der Reformismus) den monopolkapitalistischen Staat als Garan-
       tie der  Einführung des Sozialismus in die Gesellschaft verstand,
       fixierte er die Arbeiter an die demokratische Verfassung, d.h. er
       erzog sie  in der Phase der Krise zur Passivität." In dieser gan-
       zen Schrift  wird allerdings  nicht recht  deutlich, warum der an
       ihren Folgen  richtig kritisierten  positiven Fixierung  auf  den
       Staat in der Geschichte der Sozialdemokratie eine negative Fixie-
       rung auf denselben Staat als einziges politisches Heilmittel ent-
       gegenzusetzen sei. So schreibt Rabehl auf Seite 106: "Die revolu-
       tionäre Theorie  wird zur  Aktionsstrategie, die  zwar der Wider-
       spruchsebene  der  kapitalistischen  und  monopolkapitalistischen
       Produktion folgt,  der Disproportionalität zwischen den industri-
       ellen Abteilungen,  den Stagnations-  und Teilkrisen,  dem Prozeß
       der Auflösung  und Bildung der Klassen ...diese latenten oder of-
       fenen Gegensätze  und Widersprüche  aber durch  die Aktionen  der
       Klasse zum  Ausbruch  bringt  oder  verstärkt.    D a s    v e r-
       l a n g t   d e n   a n d a u e r n d e n   A n g r i f f   a u f
       d i e   e i n z e l n e n   s t a a t l i c h e n    O r g a n e,
       d i e   d i e    A u f g a b e    d e r    L e n k u n g    v o n
       g e s e l l s c h a f t l i c h e n     T e i l b e r e i c h e n
       h a b e n    (Ausbildung,  Erziehung,  Gesundheitswesen,  Justiz,
       Polizei, Armee  etc.), um  die Funktion  des Staates zu entlarven
       und  zu   verhindern,  daß   er  sich   als  konterrevolutionäres
       Machtmittel konsolidiert."  (S. 106;  Hervorhebung: M/N) Wenn die
       Widerspruchsebene auf  der Ebene  der kapitalistischen Produktion
       zu orten  ist, d.h.  in bezug  auf die Beteiligten: auf der Ebene
       des Widerspruchs  zwischen Lohnarbeit  und  Kapital,  wird  nicht
       einsichtig,  warum   die  Betroffenen   vor   allem   gegen   den
       kapitalistischen Staat  und nicht  gegen das  Kapital selbst ihre
       Aktionsstrategie entfalten  sollen. Diese  negative Fixierung auf
       den Staat  (statt auf das Kapital und erst dadurch vermittelt auf
       den Staat,  der ihm zu helfen  v e r s u c h t)  trägt die Gefahr
       in sich,  den richtigen  Gegner aus  dem Auge  zu verlieren.  Das
       zeigt sich  z.B. daran,  daß die  Illusion einer  grundsätzlichen
       Veränderung entsteht,  sobald die staatliche Gewaltausübung ober-
       flächlich gemildert wird (Amnestie, Verminderung von Polizei- und
       Justizterror; überhaupt  die Illusionen  über die SPD-Regierung).
       Das zeigt sich auch in den rein politischen Organisationsvorstel-
       lungen, die  von dieser  Staatsvorstellung bestimmt  sind und die
       Notwendigkeit einer  Fundierung in  'ökonomischen' Klassenkämpfen
       höchstens verbal zugestehen. Vgl. dazu auch Teil V.
       75) Es handelt sich bei der Kuchenvorstellung um eine äußerst be-
       liebte und populäre Betrachtungsweise, der sich auch die 'Großen'
       der bürgerlichen  Ökonomie gern  hingaben. So  z.B.  Keynes:  DIE
       WIRTSCHAFTLICHEN FOLGEN  DES FRIEDENSVERTRAGES, München und Leip-
       zig 1921,  S. 14:  "... Einerseits begnügten sich die arbeitenden
       Klassen aus  Ungewißheit oder  Machtlosigkeit mit  einer Lage, in
       der sie  nur ein  ganz kleines Stück des Kuchens ihr eigen nennen
       konnten, den  sie, die  Natur und  die Kapitalisten zusammen her-
       stellten (!)  ...Auf der  anderen Seite  durfte die Kapitalisten-
       klasse den  besten Teil des Kuchens ihr eigen nennen..." Und auch
       heute, in  der "modernen Industriegesellschaft", werden von einem
       Volk von  Konditoren Kuchen  gebacken: "Dieses Volkseinkommen ist
       die tatsächliche Wertschöpfung der westdeutschen Volkswirtschaft.
       Das ist der 'große Kuchen', die Summe, die für Arbeits- und Kapi-
       taleinkommen, für  Grundrenten und  Staatsausgaben zur  Verfügung
       steht. -  Jeder versucht  von diesem  Kuchen ein möglichst großes
       Stück zu ergattern..." (Kurt Walter und Arnold Leistico: ANATOMIE
       DER WIRTSCHAFT  - EINE  EINFÜHRUNG IN  DIE VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE,
       Reinbeck bei  Hamburg 1969,  S. 42. An diesem Buch ist bemerkens-
       wert, daß es (1) im dritten Fernsehprogramm gesendet worden, also
       doch   immerhin   breitgetreten   worden   ist,   (2)   von   dem
       'fortschrittlichen' Dr.  Gerhard Szcesny herausgegeben wurde, (3)
       von dem  Leiter der  Kammergemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit der
       nordrhein-westfälischen Industrie-  und  Handelskammern  und  dem
       wissenschaftlichen Berater  des Generals  für das Erziehungs- und
       Bildungswesen im  Heer geschrieben worden ist und (4) im 'linken'
       Rowohlt-Verlag   seinen    Verbreiter   fand).   Um   diese   Ku-
       chenv'orstellung auf  die dritte Welt zu übertragen, müßte man zu
       Grimms Märchen  greifen: "Knusper  knusperknäuschen, wer knuspert
       an meim  Häuschen? " - "Der Wind, der Wind - das Imperialistenge-
       sind'!"
       76) Erich Preiser:  "Distribution: (I)  Theorie", in: HANDWÖRTER-
       BUCH DER  SOZIALWISSENSCHAFTEN, Band  2, S.  624. Damit  wird von
       Preiser die  Auffassung zu  bezeichnen versucht, daß 'Macht' zwar
       eine politische  und soziale Kategorie aber auch ökonomisch rele-
       vant sei,  da ja die ökonomischen Kategorien und 'reinen' Gesetze
       die politische  und soziale  Macht notwendig  auch reflektierten.
       Auf diese  formale Weise  wird auszudrücken  versucht, daß  Macht
       eine 'ökonomische  Potenz' ist.  Vgl. Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd.
       I, S. 791/799.
       77) Wilhelm Krelle: VERTEILUNGSTHEORIE, Tübingen 1962, S. 110.
       78) Es wird  hier darauf  verzichtet, die  verschiedenen  Vertei-
       lungstypen (personelle,  funktionelle, sektorale  Verteilung)  zu
       diskutieren (wenn  einfach von  'Verteilung' die  Rede  ist,  ist
       stets 'Verteilung  von Einkommen'  zu verstehen). Vgl. dazu Erich
       Preiser, a.a.O.,  und Leo Kowalski: EINKOMMENSVERWENDUNG, EINKOM-
       MENSVERTEILUNG UND  VERMÖGENS-.... VERTEILUNG,  Tübingen 1967, wo
       die neueren Ansätze der bürgerlichen Ökonomie referiert . ,· wer-
       den. Im vorliegenden Aufsatz geht es nicht um Verteilung an sich,
       sondern um  den Zusammenhang  von Verteilung  und  Kapitalverwer-
       tungsprozeß.
       79) Georg H.  Küster: UNTERSUCHUNGEN  ZUR EINKOMMENSVERTEILUNG IM
       WIRTSCHAFTSWACHSTUM, Berlin  1969, S. 15. Hierbei beruft sich Kü-
       ster auf Wilhelm Krelle: "Bestimmungsgründe der Einkommensvertei-
       lung in der modernen Wirtschaft", in: W.G. Hoffmann (Hrsg.): EIN-
       KOMMENSBILDUNG UND EINKOMMENSVERTEILUNG, Berlin 1957 .
       80) H. Giersch:  ALLGEMEINE WIRTSCHAFTSPOLITIK, Grundlagen, Wies-
       baden 1960, S. 23.
       81) "Überblicken  wir  das  Ergebnis  (der  Verteilungstheorie  -
       Verf.) als Ganzes, so zeigt sich eine ganz unerwartete Stabilität
       eines marktwirtschaftlichen  Systems. Fast  alle Änderungen kurz-
       fristiger Art  rufen langfristige  Gegenwirkungen hervor, die sie
       wieder rückgängig  machen..." (Wilhelm  Krelle:  VERTEILUNGSTHEO-
       RIE... a.a.O., S. 257).
       82) Carl Föhl und Manfred Hennies: VERMÖGENSBILDUNG IN ARBEITNEH-
       MERHAND , Pfullingen 1966.
       83) Carl Föhl: KREISLAUFANALYTISCHE UNTERSUCHUNGEN DER VERMÖGENS-
       BILDUNG IN  DER BUNDESREPUBLIK  UND DER  BEEINFLUSSBARKEIT  IHRER
       VERTEILUNG, Tübingen 1964, S. 40. Es handelt sich bei dieser Aus-
       sage um nichts anderes als eine Verballhornung des Akkumulations-
       gesetzes. Karl  Marx: DAS  KAPITAL, Band  I, S.  680 f./  674 f.:
       "Aber alle  Methoden zur  Produktion des  Mehrwerts sind zugleich
       Methoden der  Akkumulation und  jede Ausdehnung  der Akkumulation
       wird umgekehrt  Mittel zur Entwicklung 7 jener Methoden. Es folgt
       daher,  daß  im  Maße  wie  Kapital  akkumuliert,  die  Lage  des
       Arbeiters,   w e l c h e s   i m m e r  s e i n e  Z a h l u n g,
       hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß... Es bedingt eine der
       A k k u m u l a t i o n   v o n    K a p i t a l    entsprechende
       A k k u m u l a t i o n   v o n  E l e n d.  Die Akkumulation von
       Reichtum auf  dem einen  Pol ist  also zugleich  Akkumulation von
       Elend, Arbeitsqual,  Sklaverei, Unwissenheit,  Brutalisierung und
       moralischer Degradation  auf dem  Gegenpol, d.h.  auf  Seite  der
       Klasse,  die     i h r    e i g e n e s    P r o d u k t    a l s
       K a p i t a l  p r o d u z i e r t."
       84) Vgl. dazu als Beispiel für viele die gesammelten Stellungnah-
       men der  bürgerlichen Wissenschaft in: Georg Leber: VERMÖGENSBIL-
       DUNG IN  ARBEITNEHMERHAND, Wissenschaftliche Beiträge, Dokumenta-
       tion, Frankfurt/Main 1965, die alle auf das hinauslaufen, was Ge-
       org Leber  im Vorwort  von ihnen erwartet: "Schritte zur Verände-
       rung einer ungerechten und überholten Einkommensstruktur auch auf
       dem sicheren  Boden wissenschaftlicher  Erkenntnisse (unternehmen
       zu können)".
       85) Die beiden  Autoren, die im HANDWÖRTERBUCH SOZIALWISSENSCHAF-
       TEN die  beiden Teile  des Artikels  zur Distribution geschrieben
       haben, nämlich  Erich Preiser  und Gerhard  Weisser, polarisieren
       sich auf  den beiden Vorgehensweisen, nach denen sich bürgerliche
       Wissenschaftler aus  der Affäre  ziehen: Erich Preiser stellt die
       Konsequenz in  einem Aufsatz  gleich dreimal  klar: "Wenn wir das
       Problem (der Vermögensbildung - Verf.) überhaupt diskutieren wol-
       len,  so   müssen  wir   also  annehmen,   beide  Parteien   (die
       'Tarifpartner' -  Verf. seien guten Willens, wobei für die Unter-
       nehmer zwar  eine Gewinneinbuße,  nicht aber eine Existenzgefähr-
       dung herauskommen  dürfte..." Und:  "Die Aussichten der Investiv-
       lohnpolitik (bzw.  der Vermögenspolitik) sind umso besser (!), je
       behutsamer sie  vorgeht." Erich Preiser: "Theoretische Grundlagen
       der Vermögenspolitik",  abgedruckt in Georg Leber, a.a.O , S. 34,
       38, 41.  Wie sieht  aber 'Behutsamkeit'  praktisch  aus?  Gerhard
       Weisser: "Distribution:  (II) Politik"  (in: HdSW, Bd. 2, S. 645)
       hat eine Antwort: "...Aber die verteilungspolitischen Korrekturen
       stehen zum Teil in Spannung mit der Kompatibilitätsregel. Extreme
       Maße dürften  zu groß  sein, als  daß dabei  die  Marktwirtschaft
       funktionsfähig bliebe.  Wer sich  um der  optimalen Autonomie der
       Wirtschaftsteilnehmer willen  für eine  grundsätzlich  marktwirt-
       schaftliche Ordnung  entscheidet, muß  also irgendwelche  Grenzen
       für  die  Verteilungskorrekturen  anerkennen.  Selbstverständlich
       kann an  dieser Stelle  nicht versucht werden, diese Grenze gene-
       rell oder  für die  gegenwärtige Situation  in der Bundesrepublik
       Deutschland zu  bestimmen. Die Wissenschaft dürfte auch in diesem
       Bereich nicht dahin kommen können, daß der politischen Praxis das
       Wagnis abgenommen wird..." (Ähnliche Äußerungen finden sich übri-
       gens auch  in der  SOZIALENQUETE, a.a.O.)  Wie  gehabt:  Behutsam
       überläßt der  bürgerliche Wissenschaftler das Feld dem Politiker,
       wohl wissend,  daß nun  die  Funktionsfähigkeit  der  'Marktwirt-
       schaft' sicherlich erhalten bleibt.
       Daß das  eigentliche Ziel der Vermögenspolitik die Befriedung der
       Lohnarbeiter ist, wird von zahllosen Vertretern "unserer demokra-
       tischen Ordnung" unverhüllt ausgesprochen, vgl. z.B. Georg Leber,
       nach dem sie die Aufgabe hat, "Freiheit und Eigentum als tragende
       Elemente unserer  demokratischen Ordnung  zu sichern..."  (Leber,
       "Die Gretchenfrage  ist gestellt", in: DIE ZEIT, 2.10.1964, abge-
       druckt in ders., VERMÖGENSBILDUNG IN ARBEITNEHMERHAND, Dokumenta-
       tion Bd.  2, Frankfurt/Main 1965, S. 63). Weitere Äußerungen die-
       ser Art  bei E.  Altvater: "Gewerkschaften und Vermögenspolitik",
       in: HEIDELBERGER BLÄTTER Nr. 12/13, April-Oktober 1968, S. 61 ff,
       und bei  W. Müller:  "Grenzen der Sozialpolitik in der Marktwirt-
       schaft", in:  DER CDU-STAAT,  hrsg. Nedelmann/Schäfer,  Frankfurt
       1969 2.
       86) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, S. 940/890: "Die sogenannten
       Verteilungsverhältnisse entsprechen also" und entspringen aus hi-
       storisch bestimmten,  spezifisch  gesellschaftlichen  Formen  des
       Produktionsprozesses und der Verhältnisse, welche die Menschen im
       Reproduktionsprozeß ihres  menschlichen Lebens untereinander ein-
       gehn. Der  historische Charakter  dieser  Verteilungsverhältnisse
       ist der  historische Charakter der Produktionsverhältnisse, wovon
       sie nur eine Seite ausdrücken. Die kapitalistische Verteilung ist
       verschieden von  den Verteilungsformen,  die aus andren Produkti-
       onsweisen entspringen,  und jede Verteilungsform verschwindet mit
       der bestimmten  Form der  Produktion, der  sie entstammt und ent-
       spricht."
       87) Vgl. im II. Band des KAPITAL insbes. S. 443 ff./437 ff.
       88) Von der  durch die spezifischen Formen staatlicher Verteiler-
       tätigkeit infolge der Erhebung indirekter Steuern und der Zahlung
       von Subventionen  bedingten statistischen Unterscheidung von Net-
       tosozialprodukt zu  Marktpreisen und Volkseinkommen wird hier ab-
       gesehen, da  dies für den Gang der Argumentation nicht von Bedeu-
       tung ist.
       89) "Das Entgelt  für die in Unternehmungen erbrachten Faktorlei-
       stungen stellt  für die  Empfänger ('Faktorhaushalte')  Einkommen
       dar." A. Paulsen: VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, Bd. III, Berlin 1965, S.
       9.
       90) Dr. Gablers  WIRTSCHAFTSLEXIKON, Taschenbuchausgabe,  Band 6,
       Frankfurt/Main 1969 Spalte 2955.
       91) "Im Kapital - Profit oder noch besser Kapital - Zins, Boden -
       Grundrente, Arbeit - Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität
       als dem Zusammenhang der Bestandteile des Wert; und des Reichtums
       überhaupt mit  seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitali-
       stischer Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftli-
       chen Verhältnisse,  das unmittelbar; Zusammenwachsen der stoffli-
       chen Produktionsverhältnisse  mit ihrer geschichtlich-soziale-Be-
       stimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf
       gestellte Welt,  wo Monsieur  le Capital  und Madame la Terre als
       soziale Charaktere,  und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ih-
       ren Spuk treiben." Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, S. 884/838.
       92) Vgl.  zur   Darstellung  dieser   Theorien   Erich   Preiser:
       "Distribution: (I) Theorie", a.a.O.
       93) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1. S. 202/208.
       94) Ebenda.
       95) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 207/214.
       96) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 216/223.
       97) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 215/221.
       98) "Allerdings kann  gesagt werden,  daß das  Kapital...  selbst
       schon eine Verteilung voraussetzt: die Expropriation der Arbeiter
       von den  Arbeitsbedingungen, die Konzentration dieser Bedingungen
       in den  Händen einer  Minorität von  Individuen..." Diese Vertei-
       lungsverhältnisse "bestimmen  den ganzen  Charakter und die ganze
       Bewegung der  Produktion." Karl  Marx: DAS  KAPITAL, Bd.  III, S.
       935/886.
       99) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 191/198.
       100) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 637 f./633 f.
       101) Um der  Illusion vorzubeugen,  v+m sei  der marxistische Au-
       druck für  die bürgerliche Kategorie 'Volkseinkommen', sei darauf
       hingewiesen, daß  die bürgerliche Statistik und Theorie alles als
       Einkommen zählt,  was irgendeiner  natürlichen oder  juristischen
       Person zufließt.  In v+m  ist jedoch nur der neu geschaffene Jah-
       reswert bezeichnet, der statistisch schon dadurch aufgebläht wer-
       den kann,  daß die  Lohn- und  Gewinneinkommen gezählt werden und
       diesen die Beamteneinkommen hinzugefügt werden, obwohl der Anteil
       des Staates  aus v+m  stammt.  Zu  diesem  Problemkreis,  der  so
       schwierige Komplexe wie das Verhältnis von produktiver und unpro-
       duktiver Arbeit  enthält, wäre  eine eigenständige Arbeit notwen-
       dig. An  dieser Stelle  sei daher lediglich darauf verwiesen, daß
       es nicht möglich ist, einfach für 'Volkseinkommen' v+m zu setzen.
       102) Das Gesamtkapital des Kapitalisten schließt auch den für den
       Ankauf der Arbeitskraft verausgabten Teil ein. Auch die Käufe von
       Rohstoffen, Hilfsstoffen  usw. stellen Verausgabung von Geldkapi-
       tal und  seinen Formwechsel  in Produktivkapital  dar. Der Unter-
       schied zwischen dem länger als eine Produktionsperiode fungieren-
       den Produktivkapital und dem anderen, nur kurzfristig vorzuschie-
       ßenden Kapitalteil  ist für  den  fungierenden  Kapitalisten  von
       großer praktischer  Bedeutung und  drängt daher zur begrifflichen
       Fixierung in  den Kategorien des fixen und des zirkulierenden Ka-
       pitals. Diese  Unterscheidung entspricht ungefähr der Unterschei-
       dung von  Anlage- und  Umlaufvermögen in der Betriebswirtschafts-
       lehre. Dagegen  spielen die  Kategorien des  konstanten und vari-
       ablen Kapitals keine solche praktische Rolle und tauchen folglich
       auch in  der bürgerlichen  Ökonomie nicht auf. Sie können es auch
       nicht, da  si; den  Klassencharakter der kapitalistischen Produk-
       tion aussprechen, nämlich die Produktion des Mehrwerts.
       103) A.C. Pigou:  THE ECONOMICS  OF WELFARE,  London 1932,  repr.
       1960, S. 43 (Übersetzung d. Verf.).
       104) A.C. Pigou,  a.a.O.; vgl. S. 46: "Maintenance of capital in-
       tact in  our sense  is thus equivalent to maintenance in an abso-
       lute sense  save only that provision must not be made against de-
       struction by 'act of God or the King's enemies." So etwas schrieb
       Pigou im  Jahre 1932,  als Kapitaldestruktion größten Ausmaßes im
       Verlauf der  Weltwirtschaftskrise stattfand.  Aber wahrscheinlich
       war die  Wirtschaftskrise ein vom lieben Gott und dem Proletariat
       in unheilige: Allianz angezettelter 'Notstand'.
       105) A.C. Pigou, a.a.O., S. 49.
       106) "Die Unternehmerleistung  besteht in der faktischen Leistung
       des Unternehmens  (!) und  - jedenfalls  in einem Familienbetrieb
       (!) -  in der Bereitstellung von Kapital, Grundstücken und Gebäu-
       den..." Aus Walter und Leisticos Schatzkästlein, S. 44, vgl. oben
       Anm. 75.
       107) Daß die gesellschaftliche und historische Bedingtheit dieser
       Prozesse absolut  nicht in den mit bürgerlichen Vorstellungen ge-
       füllten Kopf  gehen kann  und folglich als Naturnotwendigkeit ihm
       erscheinen  muß,   macht  auch   der  große   Paul  A.  Samuelson
       (VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, Bd.  I, Köln 1967, S. 242) deutlich: "Was
       würde man  von einem  Statistiker halten,  der das  Bevölkerungs-
       wachstum schätzt,  ohne dabei die Todesfälle in Rechnung zu stel-
       len ?  Sicherlich nicht allzu viel. Denn zählte er nur die Gebur-
       ten zusammen,  ohne die  Sterbefälle abzuziehen, käme er zu über-
       triebenen Vorstellungen, was die Nettozunahme der Bevölkerung be-
       trifft. Dasselbe  gilt aber auch von Ausrüstungs- und Bauinvesti-
       tionen. Auch  ihre Nettoveränderung ergibt sich aus Kapitalgeburt
       (!) und -tod (!) (in diesem Falle Abschreibung)...".
       108) Simon Kuznets:  "On the Valuation of Social Income - Reflec-
       tions on  Professor Hicks  Article", Part I, in: ECONOMICA, N.S.,
       Vol. XV,  1948, S.  13. Kuznets gilt als einer der führenden Ein-
       kommenstheoretiker in  der bürgerlichen Ökonomie. (Übersetzung d.
       Verf.)
       109) Vgl. dazu  auch Erich  Schneider: EINFÜHRUNG  IN  DIE  WIRT-
       SCHAFTSTHEORIE, Tübingen  1958, vor  allem. Band  I: THEORIE  DES
       WIRTSCHAFTSKREISLAUFS.
       110) John Maynard  Keynes: THE  GENERAL THEORY OF EMPLOYMENT' IN-
       TEREST AND MONEY, London (repr.) 1964, S. 104.
       111) John Maynard Keynes, a.a.O., S. 100.
       112) Günter Wöhe: ALLGEMEINE BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE, Berlin und
       Frankfurt 1962, S. 389
       112) Günter Wöhe, a.a.O., S. 403.
       113) STATISTISCHES JAHRESBUCH  für die Bundesrepublik Deutschland
       1969, Vorbemerkung  zu den  Statistiken der volkswirtschaftlichen
       Gesamtrechnung, S. 485.
       114) Marx, "Kritik des Gothaer Programms"', MEW Bd. 19, S. 28.
       115) GRUNDRISSE, a.a.O. S. 29.
       116) Vgl. R. Luxemburg, "Sozialreform oder Revolution?" A.a.O. S.
       72.
       117) P. Sering,  JENSEITS DES  KAPITALISMUS, a.a.O. S. 50 f. Vgl.
       KAPITAL Bd.  I, S.  309/312, sowie  weiter unten  in  diesem  Ab-
       schnitt. Vgl.  auch F. Naphtali, WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, a.a.O. S.
       19, wo  von einer  bedeutenden Einschränkung der kapitalistischen
       Willkür (!) die Rede ist.
       118) Dieser von  Marx häufig  gebrauchte Begriff  meint im Unter-
       schied zu  'Arbeiterklasse' die  Gesamtheit der Arbeiter als ein-
       zelner Verkauf er der Ware Arbeitskraft.
       119) KAPITAL Bd. 1, S. 243/249.
       120) KAPITAL Bd. 1, S. 282 ff./286 ff.
       121) KAPITAL Bd. 1, S. 276/280.
       122) KAPITAL Bd. 1, S. 277/281.
       123) KAPITAL Bd. 1, S. 505/504. Selbstverständlich ist hier nicht
       dem  d i e  kapitalistische gemeint, Vgl. das folgende Zitat.
       124) KAPITAL Bd. 1, S. 247/253.
       125) KAPITAL Bd.  1, S. 505 f/504 f. Vgl. S. 247/253, 295 f./299.
       Ist der  Vergleich der  Arbeiter mit  dem Boden  nicht eigentlich
       falsch, da Erschöpfung seines Bodens jedenfalls den langfristiger
       kalkulierenden kapitalistischen  Pächter zur Einsicht zwingt (wie
       die Zugrunderichtung  seiner Sklaven  den  Sklavenhalter,  sofern
       nicht billiger  Nachschub auf dem Sklavenmarkt dies erlaubte oder
       gebot)? Der  Boden kann  nicht selbst als handelndes Subjekt auf-
       treten, auch  gibt es keinen Bodennachschub wie bei der Arbeiter-
       bevölkerung. Steht  Marx hier nicht in Widerspruch zu seiner son-
       stigen Darstellung, in der er zeigt, wie diese Notwendigkeit sich
       eben gerade durch Klassenkämpfe vermittelt durchsetzt?
       126) Marx selbst  bezeichnet seine  Darstellung als  "historische
       Skizze" (KAPITAL Bd. 1, S. 312/315).
       127) Vgl.  Abschnitt III.4,  sowie E.  Altvater über die Probleme
       einer marxistischen Konjunkturanalyse, in: SOZIALISTISCHE POLITIK
       5/70. Die politologische Lehre vom Pluralismus ist in Deutschland
       nicht zufällig  von einigen  jener revisionistischen  Theoretiker
       begründet und  formuliert worden, die solche Interessenkämpfe in-
       nerhalb von  Gewerkschaft und  Partei miterlebt  und mitvollzogen
       hatten. Von ihnen wurde zuerst die mehr oder weniger verselbstän-
       digte Untersuchung solcher 'Konflikte' zu einer Disziplin erhoben
       und theoretisch  begründet. Sie zogen damit die ideologische Kon-
       sequenz aus  dem praktischen  Selbstverständnis ihrer Tnteressen-
       verbände' spätestens seit dem ersten Weltkrieg, freilich oft noch
       in marxistischer Terminologie. Sehr deutlich sagt Ernst Fraenkel:
       "Der  Pluralismus   ist  die   Staatstheorie  des   Reformismus,"
       (Fraenkel, "Strukturanalyse der modernen Demokratie", in: AUS PO-
       LITIK UND  ZEITGESCHICHTE, a.a.O.  S. 23)  Fraenkel hatte bereits
       1928 die wesentlichen Elemente der pluralistischen Auffassung un-
       ter dem Titel "Kollektive Demokratie" dargestellt (abgedruckt in:
       ARBEITSRECHT UND  POLITIK, Quellentexte  1918-1933, hg. Th. Ramm.
       Neuwied u.  Berlin 1966,  S. 79-95). Vgl. auch etwa F.L. Neumann:
       BEHEMOTH. The  Structure and Practice of National Socialism 1933-
       1944, Oxford  19442, g.  8 ff, 13 ff., 403 ff; sowie auch den be-
       reits erwähnten  Otto Kirchheimer,  und insgesamt oben Teil I und
       II.
       128) KAPITAL Bd. 1, S. 291/294.
       129) KAPITAL Bd. 1, S. 293/296.
       130) KAPITAL Bd. 1, S. 293/297.
       131) Vgl. auch die unten zitierten Stellen.
       132) KAPITAL Bd. 1, S. 294/297 f.
       133) KAPITAL Bd. 1, S. 295/298.
       134) KAPITAL Bd. 1, S. 295 f./299.
       135) KAPITAL Bd. 1, S. 297/300 f.
       136) KAPITAL Bd. 1, S. 298/302.
       137) Vgl. KAPITAL Bd. 1, S. 298/302 bis 305/308.
       138) KAPITAL Bd. 1, S. 305/309.
       139) KAPITAL Bd. 1, S. 306/309.
       140) Das Gesetz  galt nur  für Frauen und Jugendliche, und nur im
       Bereich der  kapitalistisch voll entwickelten "großen Industrie".
       Das Relaissystem: die Verteilung des gesetzlichen Arbeitstags von
       z.B. 10  Stunden auf  eine viel längere Zeit durch Zwischenschie-
       bung zahlreicher  Pausen, die  für den Arbeiter ganz willkürlich,
       für seinen  Anwender aber  durchaus sinnvoll  waren. Vgl. KAPITAL
       Bd. l, S. 292/296, 293 f./297, 300 ff./303 ff.
       141) KAPITAL Bd. 1, S. 309/312. Marx versteht also diese Gegenbe-
       wegung keineswegs im Sinne der späteren revisionistischen Deutung
       (vgl. den  Anfang dieses  Abschnitts mit Anmerkungen 3 und 4) als
       'Regulierung der Gesellschaft nach menschlichen Notwendigkeiten''
       (P. Sering,  JENSEITS DES KAPITALISMUS, a.a.O. S. 50 f; Hervorhe-
       bung durch  W.M./Ch.N.). Er  spricht in  diesem Zusammenhang auch
       von der  "politischen Ökonomie der Arbeiterklasse" (im Rahmen ei-
       ner politischen  Debatte in  der Internationalen Arbeiterassozia-
       tion, vgl. F. Naphtali, WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, a.a.O. S. 19). Was
       damit gemeint  ist, wird  im Zusammenhang der Darstellung der Fa-
       brikgesetzgebung erst wirklich deutlich: daß nämlich auch das Ka-
       pital als  Herrschaft der  toten Arbeit  über die lebendige nicht
       umhin kann auf die Tatsache praktisch Rücksicht zu nehmen, daß es
       aus der  lebendigen Arbeit  Wert schöpft.  Schließlich ist  diese
       "der allgemeine  Reichtum gegenüber  dem Kapital" (GRUNDRISSE, S.
       302). Gewisse  Rücksichtnahme auf  den 'Leistungsfaktor  Mensch',
       eine Beschränkung  des verschwenderischen  Umgehens mit  der  Ar-
       beitskraft wird  dem Kapital,  vermittelt über die Klassenkampfe,
       als Bedingung seiner eigenen Weiterexistenz aufgezwungen.
       142) KAPITAL Bd. 1, S. 309/312.
       143) KAPITAL Bd. 1, S. 516/514 f.
       144) "Wenn die  Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung als phy-
       sisches und  geistiges Schutzmittel der Arbeiterklasse unvermeid-
       lich geworden  ist, verallgemeinert  und beschleunigt sie andrer-
       seits, wie  bereits angedeutet,  die Verwandlung  zerstreuter Ar-
       beitsprozesse auf Zwergmaßstab in kombinierte Arbeitsprozesse auf
       großer, gesellschaftlicher  Stufenleiter, also  die Konzentration
       des Kapitals und die Alleinherrschaft des Fabrikregimes. Sie zer-
       stört alle  altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die
       Herrschaft des Kapitals noch teilweise versteckt, und ersetzt sie
       durch seine  direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert
       damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Während sie
       in den  individuellen Werkstätten  Gleichförmigkeit,  Regelmäßig-
       keit, Ordnung und Ökonomie erzwingt, vermehrt sie durch den unge-
       heuren Sporn,  den Schranke und Regel des Arbeitstags der Technik
       aufdrücken, die  Anarchie und  Katastrophen der  kapitalistischen
       Produktion im  großen und  ganzen, die  Intensität der Arbeit und
       die Konkurrenz der Maschinerie mit dem Arbeiter KAPITAL Bd. l, S.
       528/525 f.
       145) KAPITAL Bd. 1, S. 277/281.
       146) Vgl. etwa  KAPITAL Bd. 1, S. 206/212, oder schon "Lohnarbeit
       und Kapital", MEW Bd 6 S. 406 f.
       147) KAPITAL Bd. 1, S. 281/285 (keine Hervorhebung im Original).
       148) KAPITAL Bd.  1, S.  282/286, vgl.  dort Anmerkung 114, sowie
       "Brief an Kugelmann" vom 17.3.1868, MEW Bd. 32, S. 541.
       149) Auch    die     bisher    von     'Wirtschaftswunder'    und
       'Sozialpartnerschaft' verbrämte Ausbeutung in der BRD wird zuneh-
       mend an  die 'internationalen  Maßstäbe' erinnert. Das innere Ge-
       setz des  Kapitals, das  erst in  seiner Aktion auf dem Weltmarkt
       ganz hervortritt,  macht sich in der BRD immer mehr geltend, ver-
       mittelt z.B.  durch die Agenten des eindringenden US-Kapitals. In
       einer vom  US-Kapital übernommenen  großen westdeutschen Elektro-
       firma schlug  der amerikanische Direktor in der letzten Krise der
       deutschen Geschäftsleitung  zu deren  Entsetzen vor,  ein Drittel
       der Belegschaft zu entlassen. Damit würde ein Drittel der Lohnho-
       sten eingespart  und durch  gesteigerte Arbeitsmoral  (d.h. Angst
       vor weiteren  Entlassungen) die  gleiche Leistung  wie bisher er-
       bracht. In  der nächsten  Krise (bzw. 'Talsohle' in Schillers Be-
       schwörungsdeutsch) wird  das Überleben  für viele  Einzelkapitale
       davon abhängen,  ob sie  auf solche Weise 'energisch eine Kosten-
       senkung durchführen'.  Die Konkurrenz  diktiert so  das Verhalten
       der Kapitalagenten.
       150) KAPITAL Bd. 1, S. 313/316.
       151) KAPITAL Bd. 1, S. 315/319.
       152) KAPITAL Bd. 1, S. 316/320.
       153) Vgl. dazu Teil V.
       154) Entsprechendes gilt  heute für  die gesetzlichen  Unfallvor-
       schriften in  den Betrieben,  für das  Jugendarbeitsschutzgesetz,
       das Mutterschutzgesetz  und  andere  Schutzbestimmungen  für  die
       Lohnarbeiter gegenüber dem Kapital.
       155) Vgl. z.B.  KAPITAL Bd. 1, S. 520 f./519: "Die Untersuchungs-
       kommission von  1840 hatte so schauderhafte und empörende Enthül-
       lungen gemacht, und einen solchen Skandal vor ganz Europa hervor-
       gerufen, daß  das Parlament  sein Gewissen  salvieren mußte durch
       den Mining  Act von  1842, worin  es sich darauf beschränkte, die
       Arbeit unter  Tag von Weibern und Kindern unter 10 Jahren zu ver-
       bieten."
       156) Vgl. J.  Habermas. STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT. Unter-
       suchungen zu  einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neu-
       wied u. Berlin-West 1962.
       157) Vgl. dazu auch den Anfang des letzten Teils.
       158) So war  die  Begründung  zum  Unfallversicherungsgesetz,  es
       sollten "die bedenklichen Erscheinungen, welche den Erlaß des Ge-
       setzes gegen  die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemo-
       kratie" notwendig  gemacht hätten,  auch "durch positive, auf die
       Verbesserung der Lage der Arbeiter abzielende Maßnahmen" bekämpft
       werden. Vgl. O. Vossler: BISMARCKS SOZIALPOLITIK, Darmstadt 1961,
       S. 17.  Sozialpolitik "drainiert  die Ziele der Arbeiterbewegung,
       indem sie eine Alternative zu radikalen Lösungen entwickelt hat",
       ist nach  wie vor  die Auffassung  der bürgerlichen Wissenschaft.
       Vgl. Ch.  Ferber: SOZIALPOLITIK  IN  DER  WOHLSTANDSGESELLSCHAFT,
       Hamburg 1967,  S. 46. Gegenüber den bürgerlichen Parteien stellte
       Bismarck im Reichstag (26.11.1884) fest: "Wenn es keine Sozialde-
       mokratie gäbe und wenn nicht eine Menge von Leuten sich vor ihnen
       fürchtete, wurden  die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in
       der Sozialreform  bisher gemacht  haben, auch noch nicht existie-
       ren." (Diese und andere Äußerungen bei P. Peschke: GESCHICHTE DER
       DEUTSCHEN SOZIALVERSICHERUNG. Der Kampf der unterdrückten Klassen
       um soziale Sicherung. Berlin (DDR) 1962; hier S. 278.).
       159) Vgl. die  in der  vorigen Anmerkung  zitierte Äußerung  Bis-
       marcks. An historischen Beispielen fehlt es nicht: der größte so-
       zialpolitische Schub fand in Deutschland 1918/1919 angesichts der
       drohenden Revolution  statt; in Italien wurden 1969 nach zwei Ge-
       neralstreiks usw.  die Renten  von 65  auf 74% des Endverdienstes
       erhöht, bis  1976 sollen  sie auf 80% steigen (BRD: ca. 45%). Die
       Frage ist  aber, wie  weit Zugeständnisse  auf dem  einen  Gebiet
       durch Sozial-  und Lohnabbau  auf anderen  Gebieten notwendig ihr
       Gegengewicht finden - notwendig infolge des Mechanismus der kapi-
       talistischen Akkumulation, wie er über den Weltmarkt auf die ein-
       zelnen Kapitale  wirkt. Es ist bekannt, wie die Zugeständnisse an
       die französische Arbeiterklasse im Sommer 1968 über Preiserhöhun-
       gen usw. teilweise wieder abgebaut wurden.
       160) Vgl. auch  P. Lapinski: "Der 'Sozialstaat'. Etappen und Ten-
       denzen seiner  Entwicklung." In:  UNTER DEM BANNER DES MARXISMUS,
       II (1928)  S. 380;  vgl. Nachdruck in: GEGEN DEN STROM, Nr. 1, S.
       36
       161) Wir wählen  diesen zunächst  schwer verständlichen Titel, da
       sich in  der Diskussion  gezeigt hat,  daß die scheinbar leichter
       verständliche Fassung   "b e s o n d e r e   E x i s t e n z  des
       Staates" die  Vorstellung der  S e l b s t ä n d i g k e i t  des
       Staates hervorrufen  kann. Was gemeint ist, wird sich in der Dar-
       stellung klären.
       162) Marx, DEUTSCHE IDEOLOGIE, MEW Bd. 3, S. 62. Die Formulierung
       in dieser frühen Schrift schließt das Mißverständnis nicht völlig
       aus, daß die Bourgeois als Bourgeois etwas anderes als bloße Cha-
       raktermasken des Kapitals seien (daß sie also sich diese Form der
       staatlichen Organisation bewußt gäben).
       163) Dies wird weiter unten noch ausgeführt.
       164) Marx, DEUTSCHE IDEOLOGIE, a.a.O. S. 62.
       165) Diese Ausdrücke werden von Marx immer wieder gebraucht, vgl.
       weiter unten.
       166) Vgl. KAPITAL Bd. 1, I. Abschnitt, besonders 1. Kapitel.
       167) Das ist  bis heute  die Fiktion  bei jeder  Verfassung, auch
       z.B. beim Grundgesetz, wo freilich diese Fiktion besonders durch-
       sichtig ist, da alle die Gesellschaft betreffenden Grundentschei-
       dungen dem  Grundgesetz vorausgegangen waren, nämlich die Restau-
       ration der kapitalistischen Verhältnisse; vgl. oben II.4.
       168) Vgl. z.B.  Engels, ANTI-DÜHRING,  MEW Bd.  20, S. 260: "Aber
       weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staats-
       eigentum, hebt  die Kapitaleigenschaft  der Produktivkräfte  auf.
       Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der mo-
       derne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bür-
       gerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen
       der kapitalistischen  Produktionsweise  aufrechtzuerhalten  gegen
       Übergriffe, sowohl  der Arbeiter  wie der einzelnen Kapitalisten.
       Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapi-
       talistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamt-
       kapitalist. Je  mehr Produktivkräfte  er in  sein Eigentum  über-
       nimmt, desto  mehr wird  er -  wirklicher Gesamtkapitalist, desto
       mehr Staatsbürger  beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbei-
       ter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es
       wird vielmehr  auf die  Spitze getrieben.  Aber  auf  der  Spitze
       schlägt es  um. Das  Staatseigentum an  den Produktivkräften  ist
       nicht die  Lösung des  Konflikts, aber  es birgt in sich das for-
       melle Mittel, die Handhabe der Lösung."
       169) GRUNDRISSE, S. 322 f; vgl. oben Teil II, Anm. 24.
       170) Marx, KAPITAL  Bd. l, S. 506 f./505 (keine Hervorhebungen im
       Original). Wie  unverändert aktuell  im wörtlichsten  Sinn  diese
       Charakterisierung ist,  zeigen  die  umständlichen  Versuche  zur
       Durchsetzung von  Gesetzen zur 'Reinerhaltung von Luft und Gewäs-
       sern', die  schwachen Regungen  gegen die  weitere Steigerung des
       Dauerlärms durch  Autos, Flugzeuge  usw. Kürzlich wurde von einem
       Gutachten berichtet,  nach dem  allein die bisher bereits projek-
       tierter Kernkraftwerke  am Rhein dessen Temperatur bei vollem Be-
       trieb auf  50 Grad  Celsius steigern werden, nebst Zerstörung von
       Klima und Uferlandschaften, Vernichtung der Fische Luftverpestung
       usw. Sind derartige 'Projekte' z.B. in der DDR vorstellbar?
       171) Marx: "Kritik  des Hegelschen  Staatsrechts", MEW  Bd. 1, S.
       206 f.  Vgl. auch  die im  I. Teil, oben Anm. 5 zitierten Stellen
       aus Marx' Randglossen zum Artikel eines Preußen.
       172) Ebenda S.  233, 232.  Vgl. insgesamt die Dissertation von A.
       Gurland: PRODUKTIONSWEISE - STAAT - KLASSENDIKTATUR, a.a.O.
       173) Vgl ausführlich  Marx: GRUNDRISSE,  a.a.O. S.  375 ff;  hier
       wird die ursprüngliche, durch das Gemeinwesen vermittelte Einheit
       der   Arbeit   mit   ihren   sachlichen   Voraussetzungen   ihrer
       T r e n n u n g   im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital gegen-
       übergestellt.
       174) GRUNDRISSE, a.a.O. S. 385.
       175) Begriffe wie  Gemeinschaft, Gemeinschaftswerk dienen ideolo-
       gischen Zwecken,  wenn sie aus ihrem vorbürgerlichen Zusammenhang
       umstandslos auf  die vom  Kapitalverhältnis  beherrschte  Gesell-
       schaft übertragen werden ('Volksgemeinschaft', 'Deutsches Gemein-
       schaftswerk' und  dgl). Dagegen können sie in gewisser Weise beim
       Aufbau des Kommunismus ihren ursprünglichen Sinn wiedergewinnen.
       176) Vgl. GRUNDRISSE, S. 375 ff über die verschiedenen Formen, in
       denen sich dieses Grundverhältnis realisiert.
       177) Hohberg: "Georgica  curiosa", 1682; zitiert nach O. Brunner,
       Das "ganze  Haus" und  die alt-europäische "Ökonomik", in: ders.,
       NEUE WEGE  DER SOZIALGESCHICHTE Göttingen 1956, S. 33-61, bes. S.
       35.
       178) Vgl. Marx/Engels:  KOMMUMSTISCHES MANIFEST, Ende des II. Ab-
       schnitts, MEW  Bd. 4,  S. 482 ("Sind im Laufe der Entwicklung die
       Klassenunterschiede verschwunden  und ist  alle Produktion in den
       Händen der  assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die
       öffentliche Gewalt  den politischen Charakter. Die politische Ge-
       walt im  eigentlichen Sinn  ist  die  organisierte  Gewalt  einer
       Klasse zur Unterdrückung einer ändern.").
       179) Nur einige  Beispiele: 1968  gab es in der DDR auf je 10.000
       Einwohner 6,9  Neuerkrankungen an  Tbc (1950:  50,4), in  der BRD
       36,8. Im gleichen Jahr, also nur sieben Jahre nach der Schließung
       der Grenze  nach Westdeutschland  bzw. West-Berlin  und damit dem
       Ende des  Abwanderung von Ärzten, lag die Zahl von Einwohnern pro
       Arzt in  der DDR  kaum noch  unter der  in der BRD (751 gegenüber
       677); dabei  ist zu  berücksichtigen, daß  in der  BRD-Zahl  eine
       große Zahl  von Ärzten  enthalten ist,  die sich als kosmetische,
       Kur-Modeärzte usw.  vor allem  mit der  bequemen  Versorgung  der
       Bourgeoisie bzw.  mit dem Ergattern eines Teils des Mehrwerts be-
       fassen. In  den industriell teilweise 'unterentwickelten' Ländern
       des sozialistischen  Lagers ist  die ärztliche Versorgung wesent-
       lich besser  als in  Westeuropa. Daß  die Zahl der Unfälle am Ar-
       beitsplatz in der DDR wesentlich geringer ist als in der BRD (40%
       der Fälle  in der BRD), sagt einiges über die wirkliche Situation
       der Produzenten  gegenüber den  Produktionsmitteln aus:  die dau-
       ernde  Umgehung   oder  Nichtbeachtung   der   Vorschriften   des
       'Arbeiterschutzes' in  westdeutschen  Betrieben  bestätigt  immer
       noch die  Marxschen Feststellungen  im KAPITAL.  Vgl. WO LEBT MAN
       BESSER? Lebensstandard  in der  DDR. Hrsg.  Staatssekretariat für
       westdeutsche Fragen,  Berlin-DDR 1970   7,  bes. S. 57; STATISTI-
       SCHES JAHRBUCH DER BRD 1969, S. 35; G. Titel: DIE LEGENDE VON DER
       BONNER SOZIALSTAATLICHKEIT, Berlin-DDR 1967, S. 72 ff.
       180) Abgesehen von  der Frage, wie sich der Imperialismus auf die
       Arbeiterklasse der  kapitalistischen Länder  auswirkt, ist im Zu-
       sammenhang der  Frage nach  dem Verhältnis  zwischen ökonomischem
       und politischem  Kampf für die Auswirkungen des Imperialismus auf
       die Völker der unterentwickelt gehaltenen Länder folgendes zu sa-
       gen: Auch  die politischen  Bewegungen in  diesen Ländern beruhen
       auf den  Bewegungen des Kapitals. Doch ergibt sich hier von vorn-
       herein ein  anderes Verhältnis  zwischen ökonomischem und politi-
       schem Kampf, als für die Arbeiterklasse der kapitalistischen Län-
       der. Dies  gilt vor  allem für die Länder, die erst relativ kürz-
       lich in  den direkten  Einflußbereich des  Kapitals geraten sind,
       die also eine kaum gebrochene vorkapitalistische Tradition haben.
       Denn hier  wird das  Eindringen des Kapitals (wozu immer auch das
       Eindringen entsprechender  Formen des  Überbaus gehört,  z.B. die
       Erzeugung bürgerlicher  Individuen in  den  Missionsschulen,  die
       dann als  'zuverlässige', kalkulierfähige Agenten des Kapitals in
       der eigenen Umgebung wirken können) aufgefaßt als Angriff auf die
       alte Einheit dessen, was in der kapitalistischen Gesellschaft als
       Staat und  Gesellschaft auseinandergerissen  ist, als Angriff auf
       die nationale  Würde, die eigene Kultur, auf die Formen kollekti-
       ver Lebenserhaltung  usw. Daher  beruht der  antiimperialistische
       Kampf (der  eben mehr  ist als ein Kampf einer vom Kapital selbst
       erzeugten Klasse  gegen die Klasse des Kapitals) auf der Aufnahme
       von Elementen  dieser eigenen Geschichte, auf der 'nationalen Be-
       freiung '  des 'Volkes'.  Diese Kämpfe  sind daher von vornherein
       'politischer', nämlich  in dem  Sinn, daß  sie gar  nicht auf der
       Trennung von  Ökonomie und  Politik, kapitalistischer  Produktion
       und besonderer  Existenz des  Staates beruhen.  Dieser  besondere
       Charakter politischer  Kämpfe erlaubt  es aber auch nicht, die in
       diesen Kämpfen  gewonnenen Erfahrungen  und die aus ihnen entwic-
       kelten Formen  u n v e r m i t t e l t  auf die Gesellschaften zu
       übertragen, in denen das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeiter-
       klasse voll entwickelt ist.
       181) R. Luxemburg; "Sozialreform...", a.a.O., S. 114 f; vgl. oben
       Anfang von Teil I.
       182) "Brief an Bolte", 23.11.1871, MEW 33, S. 332 f.
       183) ROTE PRESSE  KORRESPONDENZ, Nr.  48 1970, S. 2. Der Brief an
       Bolte, der  hier als  Beweismittel für  diese These  herangezogen
       wird, wird dabei in bezeichnender Verkürzung zitiert.
       184) KAPITAL, Bd. I, S. 803/790 f.
       185) Tim Mason,  "Der Primat der Politik", in: ARGUMENT, Heft 41,
       S. 485  f. "Es  war für das nationalsozialistische System, minde-
       stens bis  weit in  den Krieg hinein, eine unabdigbare Notwendig-
       keit, der positiven Anteilnahme der Masse der Bevölkerung an sei-
       ner Weltanschauung  und an allen seinen Maßnahmen sicher zu sein;
       der Versuch,  die Arbeiterschaft  durch Propaganda,  Verbesserung
       der betrieblichen  Sozialeinrichtungen, KdF  usw. soweit zu brin-
       gen, war  nachweislich gescheitert  - also  mußte ihre Zustimmung
       zum System durch hohe Löhne, bezahlte Feiertage usw. erkauft wer-
       den... Der  Deutschen Arbeitsfront  war die Aufgabe gestellt wor-
       den, die Arbeiterschaft für den Nationalsozialismus zu gewinnen -
       nichts, selbst  nicht das  ungestörte Funktionieren der Rüstungs-
       wirtschaft, durfte  der Erfüllung  dieser Aufgabe  zuwiderlaufen,
       auch wenn  sich die DAF in verkappter Form, aber nach 1936 in zu-
       nehmendem Maße  als wirtschaftliche  Interessenvertretung der Ar-
       beiterklasse betätigte."
       186) KAPITAL, Bd. I, S. 528/526. Keine Hervorhebung im Original.
       187) Schon die  zyklischen Schwankungen in der Bewegung des Kapi-
       tals verhindern  die Durchsetzung  eines generell  und genau  be-
       grenzten Arbeitstags.  Wochenarbeitszeiten bis  zu 60  Stunden in
       der Hochkonjunktur  und von  30 Stunden in der Krise (infolge von
       Kurzarbeit) sind  auch heute keine Ausnahme. Hier zeigt sich wie-
       der, daß  auch generelle  staatliche Gesetze,  'Eingriffe in  die
       Produktion' nicht soweit gehen dürfen, daß sie die naturwüchsigen
       Bewegungen des  Kapitals und die damit verbundene spezifische An-
       wendung der  Arbeitskraft stören.  Da der  Kapitalist  außer  den
       Lohnzuschlägen für Überstunden Zwangsmittel aller Art in der Hand
       hat, um  Verlängerung  des  Arbeitstags  durchzusetzen,  bedeuten
       'Errungenschaften' wie  die 4Ö-Stundenwoche in der Hochkonjunktur
       für die Lohnabhängigen nicht viel mehr als eine Lohnerhöhung.
       188) KAPITAL, Bd. I, S. 432/434.
       189) Das System von Sanktionen und Belohnungen, das dem Kapitali-
       sten gegenüber  dem Arbeiter  zur Verfügung  steht, um  diese zur
       Leistung von  Überstunden zu bringen, führt zusammen mit der Tat-
       sache, daß auch heute der tarifliche Lohn zusammen mit der tarif-
       lichen Arbeitszeit  nur einen  sehr knappen Unterhalt ermöglicht,
       dazu, daß  die Kapitalisten immer wieder auf die Bereitwilligkeit
       der Arbeiter zu Überstunden hinweisen können.
       190) Die richtige  Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit wird
       heute von den Gewerkschaften völlig affirmativ begründet. Auf den
       IG-Metalltagungen wird sie dem Kapital schmackhaft zu machen ver-
       sucht, indem  die Gewerkschaften  einen idealen Zusammenhang zwi-
       schen Arbeitszeitverkürzung,  hohen Löhnen  und technischem Fort-
       schritt herstellen. So etwa Otto Brenner in: AUTOMATION UND TECH-
       NISCHER FORTSCHRITT  IX DEUTSCHLAND  UND DEN  USA, Frankfurt/Main
       1963, S.  313:  "Die  Unternehmer  und  auch  Wirtschaftsminister
       Schiller sollten  uns dankbar  sein,  daß  die  gewerkschaftliche
       Lohn- und  Arbeitszeitpolitik ihnen  steigende Umsätze  und  eine
       wachsende Wirtschaft sichert."
       Desgleichen  der   Gewerkschaftsideologe  Theodor  Prager:  WIRT-
       SCHAFTSWUNDER ODER  KEINES, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich  1963,  S.
       100. "Also  je höher  das Lohnniveau, umso höher der Grad der Me-
       chanisierung und der Produktivität... Vollbeschäftigung, Erhöhung
       der Produktivität  und Steigerung  der Löhne sind untrennbar mit-
       einander verbunden! Eine Steigerung der Produktivität ist auf die
       Dauer nur  dort durchzuführen,  wo der  Arbeiter als  ihr  Träger
       durch Lohnerhöhungen an ihr interessiert wird. Gleichzeitig wirkt
       die Lohnerhöhung als der Stachel, der die Unternehmer zum techni-
       schen und  organisatorischen Fortschritt  zwingt. Niedrige  Löhne
       sind gleichbedeutend  mit einem  Stocken  des  technischen  Fort-
       schritts. S.  101 "Gleichzeitig  gilt aber  nach wie vor, daß die
       Produktivität ihren  Vorsprung gegenüber  den Löhnen  beibehalten
       und sich  rascher entfalten  konnte, als  diese." Hier wird weder
       gesehen, daß  Verkürzung der Arbeitszeit die Unterwerfung des Ar-
       beiters unter die Maschinerie verschärft, den Kapitalisten zu Er-
       höhung der  Intensität der  Arbeit des  Arbeiters zwingt, wie sie
       andererseits selbst  schon als  Notwendigkeit aus der Intensivie-
       rung der  Arbeit entspringt  (vgl. dazu KAPITAL I, 438/440). Noch
       ist auch  nur die Spur einer Vorstellung davon vorhanden, daß die
       mit der  Erhöhung der  Produktivität der Arbeit steigende organi-
       sche Zusammensetzung des Kapitals den tendenziellen Fall der Pro-
       fitrate bedeutet und damit eine Basis der Krisen und Katastrophen
       der kapitalistischen  Gesellschaft ist.  So  erscheint  dann  ein
       ideales Zusammenfallen  von Interessen der Lohnarbeit und des Ka-
       pitals gegeben.  Forderungen gegen  die Intensivierung der Arbeit
       und ihre Unterwerfung unter die Maschinerie werden nicht mehr er-
       hoben. Zu  fragen ist,  ob dieses  Terrain der Ausbeutung von den
       Gewerkschaften dem  Kapital deshalb  nicht bestritten  wird, weil
       die Gewerkschaften  als zentralisierte  und bürokratisch  organi-
       sierte Institutionen unfähig sind, an spezifische Arbeitsprozesse
       im Betrieb  gebundene Ausbeutungsformen überhaupt noch wahrzuneh-
       men.
       191) Aufgabe eines dieser Spezialisten wäre z.B., die langfristi-
       gen Auswirkungen  bestimmter Arbeitsvorgänge  auf die  Gesundheit
       und das  Wohlbefinden der  Arbeiter zu  erforschen, bzw. entspre-
       chende Änderungen  schon bei der Konstruktion des technischen Ap-
       parates vorzuschlagen. Eben diese Tätigkeit wurde von einem Medi-
       ziner, der  Teilnehmer am  Professorenkolleg im  DDR-Fernsehen im
       März 1970 (1. Programm) war, im einzelnen vorgetragen. Selbstver-
       ständlich erfordert eine derartige Entwicklung der Produktivkraft
       der menschlichen  Arbeit, daß  die Produktion im Rahmen eines ge-
       sellschaftlichen Gesamtplans  weiterentwickelt wird,  und  nicht,
       wie im  Kapitalismus aufgrund der zyklischen Bewegungen des Kapi-
       tals und der zufälligen Bewegungen der Konkurrenz.
       192) Vgl. Anm.  190. Zur  Rationalisierung nach  1924, vgl.: Otto
       Bauer: KAPITALISMUS  UND SOZIALISMUS  NACH DEM  WELTKRIEG, 1. Bd.
       Rationalisierung und  Fehlrationalisierung SOZIALISMUS  NACH  DEM
       WELTKRIEG, 1. Bd. Rationalisierung und Fehlrationalisierung, Ber-
       lin 1931.  Was die  technische Seite der Rationalisierung angeht,
       so ist  hier festzuhalten, daß seit der Krise 1967 die Einführung
       von elektronischer  Datenverarbeitung in den Betrieben einen qua-
       litativen Sprung vorwärts gemacht hat.
       193) Vgl. dazu  LEVIATHAN, Nr.  1, 1969 (eine Zeitschrift der US-
       amerikanischen Linken).
       194) Zu fragen ist dabei, ob die Gewerkschaften in der Lage sind,
       dieser Entwicklung  durch  Herausstellung  von  Forderungen,  die
       durch     g e n e r e l l e     Regelungen  zu  befriedigen  sind
       (Krankengeld, Rentenerhöhung  und Lohnforderungen)  auf die Dauer
       entgegenzuwirken. Wenigstens läßt sich zeigen, daß scheinbare Er-
       folge in dieser Richtung, wie die Verabschiedung des Gesetzes zur
       'Lohnfortzahlung für  Arbeiter im Krankheitsfall' im Sommer 1969,
       keine wirkliche  Besserung der Situation der kranken Arbeiter be-
       wirkt hat,  da Kautelen  in den  Gesetzestext eingebaut sind, die
       eine Umgehung der Zahlungen ermöglicht, so daß z.T. die Unsicher-
       heit der  Arbeiter für  den Krankheitsfall  sogar gestiegen  ist.
       (vgl. dazu: ROTE KOMMENTARE, Hrsg.: SDS Heidelberg, 20.3.70).
       
       zurück