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       Radio Lora und GegenStandpunkt - Analyse vom 14. Dezember 1998
       
       DEBATTE UM DIE WALSER-REDE
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       Der bekannte  Schriftsteller Martin  Walser hat  eine Rede getan,
       die für  einiges Aufsehen  gesorgt hat. Das heißt: Genau genommen
       ist es  zu dem  Aufsehen erst gekommen, nachdem sich der Sprecher
       der deutschen  Juden, Ignaz Bubis, gegen diese Rede verwahrte und
       von "geistiger Brandstiftung" sprach. Vorher ist nämlich das, was
       Bubis so erregte, ziemlich unbeanstandet durchgegangen. Der Dich-
       ter hatte  in seiner  verschwiemelten  Dichtersprache,  mit  viel
       Andeutungen und  Drumherumreden eine  eindeutige Botschaft losge-
       lassen: Er sei es leid, immer wieder mit der "deutschen Schuld" -
       Stichwort "Auschwitz"  - behelligt  zu werden,  Deutschland  habe
       jetzt ein  Recht auf  "Normalität"; mit  der ewigen, demonstrativ
       vorgeführten Schämerei  müsse mal  Schluß sein. Umgekehrt brauche
       sich Deutschland auch keine Vorhaltungen wegen seiner "Vergangen-
       heit" mehr machen lassen.
       
       Für einen  Marxisten ist  die Sache eigentlich einfach. In seinem
       bekannten Dogmatismus  hat er  nicht das  Problem, sich  für eine
       "dunkle Seite  in der  deutsche Geschichte" rechtfertigen zu müs-
       sen. Er  gibt sich  nämlich nicht  mit der  dummen Behauptung zu-
       frieden, beim  Faschismus handele  es sich  um ein  entsetzliches
       Verbrechen, das letztlich unerklärlich bleiben muß. Vielmehr kann
       er sich  das politische Programm des Faschismus sehr genau erklä-
       ren. Er  weiß, daß es sich um nichts anderes als um eine Spielart
       des bürgerlichen  Staates handelt.  Er weiß,  daß der bürgerliche
       Staat zu  einer solchen  - nennen wir es mal so - Radikalisierung
       neigt, wenn er mit seiner Stellung in der Welt zutiefst unzufrie-
       den ist,  wenn er  meint, sich in der Konkurrenz der Nationen mit
       einer  besonderen  Anstrengung  durchsetzen  zu  müssen  -  unter
       Aufbietung all  seiner ökonomischen und militärischen Kräfte. Und
       eben auch  seiner völkischen:  Das Volk  hat  sich  bedingungslos
       hinter seinen  Führer zu  scharen, umgekehrt werden eben deswegen
       auch regelmäßig  volksfremde  "Elemente"  ausfindig  gemacht  und
       radikal bekämpft.  Das war  in diesem  Sender schon öfters Thema.
       Und wer  sich über  die Untaten  des Faschismus aufregt, der soll
       doch bittesehr  auch mal  betrachten, was der moderne, demokrati-
       sche deutsche  Staat seinen Leuten als die sogenannten Sachzwänge
       aufherrscht und  wie er  mit seiner  Macht in  aller Welt und auf
       Kosten anderer herumfuhrwerkt. Und der soll über die ganz normale
       neudeutsche Ausländerfeindlichkeit samt Antisemitismus nicht bloß
       erschrecken, sondern  sich auch  mal fragen,  ob das  nicht  ganz
       notwendig mit  dazugehört. Der  sollte sich  lieber den Marxisten
       anschließen und  zu einer  gründlichen Kritik  der  Staatsgewalt,
       damals wie heute, schreiten.
       
       Walser und  alle, die über seine Rede debattieren, haben ein völ-
       lig anderes  Problem. Die  wollen sich  den Faschismus  nicht er-
       klären, sondern  immer nur  eine Frage  stellen: Was bedeuten die
       sogenannten  "Verbrechen"   für  ihre  Nation  und  für  sie  als
       Mitglieder dieser  Nation? Der  Gegenstand ihrer  Sorge ist  also
       diese Nation, mit der sie sich ganz grundsätzlich identifizieren.
       Sie gehen  mit der  größten Selbstverständlichkeit davon aus, daß
       man an  den Faschismus, an diese "deutsche Vergangenheit" nur von
       einem  Standpunkt   aus  herangehen   kann:  als  Deutscher.  Bei
       vernünftiger Betrachtung  ist das  ein Hirnriß:  Wie kann man für
       etwas veranwortlich  gemacht werden,  wofür oder wogegen man sich
       gar nicht  entscheiden konnte?  Bei nationalistischer Betrachtung
       ist das  aber zwingend:  In dieser  Betrachtung ist die erste und
       wesentliche Bestimmung  eines Menschen,  Angehöriger einer Nation
       zu sein; der Zufall, in einen Staat hineingeboren worden zu sein,
       ist die  zentrale  Menschennatur.  Wenn  man  sich  diesen  Schuh
       anzieht, in  erster Linie  als Deutscher  herumzulaufen, dann muß
       man sich  der "deutschen  Geschichte" stellen, dann ist man darin
       "eingebunden". Dieser  ganz gewöhnliche  Nationalismus will  sich
       für seinen  Verein und dessen "Geschichte" haftbar machen lassen.
       Ein guter  Staatsbürger, also der Normal-Nationalist, kriegt dann
       freilich ein  eigenes Problem:  Wie er  nämlich vor  den  anderen
       Nationalisten in aller Welt dasteht. Und sein Handicap ist jetzt,
       daß sein höchster Wert, die Nation, Schande auf sich geladen hat.
       Ein solcher Nationalist steckt also in dem Widerspruch drin, sich
       zu seiner  Nation samt  ihrer Geschichte  bekennen zu  wollen und
       sich zugleich dafür schämen zu müssen.
       
       Dieses "müssen"  - das  war ja die deutsche Nachkriegsgeschichte.
       Um wieder  in den  Kreis der respektablen Nationen aufgenommen zu
       werden, machte  sich Deutschland ans weltöffentliche Schämen. Das
       war immer  schon eine  bodenlose Heuchelei,  denn was Deutschland
       wirklich betroffen gemacht hat, war nur eins: Den Krieg und damit
       die DDR  und sonstige  Ostgebiete verloren  zu haben.  Diese Heu-
       chelei war  aber für  die Verlierernation  der unerläßliche  Ein-
       trittspreis, um  in der  westlichen "Wertegemeinschaft" mitmachen
       zu dürfen.  Darin geschlossen die Erlaubnis zum Revanchismus: Der
       Verlust der  Ostgebiete, die  Spaltung der Nation mußte unbedingt
       rückgängig gemacht  werden. Und diese Heuchelei hatte schließlich
       noch einen  Sondervorteil: Das  Nachkriegsdeutschland konnte sich
       als besonders  geläuterte, friedfertige  Nation darstellen - zwar
       mit einem  schweren  Schatten  belastet,  dafür  aber  jetzt  von
       höchster moralischer  Güte. Es gibt nicht wenige, die meinen, das
       solle man  so lassen: Deutschland ist damit nicht schlecht gefah-
       ren und  steht -  Vergangenheit hin  oder her - klotzig da in der
       Welt. Da  schadet es  doch nichts,  routinemäßig die Gedenkfeiern
       und das "Erinnern" weiter durchzuziehen.
       
       Ein Martin  Walser und  seine vielen  Befürworter sehen  das aber
       endgültig anders.  Deutschland zur  Weltmacht aufgerückt, die DDR
       "zurückgeholt" -  da wird  ihnen  der  Widerspruch  zwischen  Be-
       kenntnis zur  Nation und  dem Sich-Schämen  immer unerträglicher.
       Sie klagen ihr höheres moralisches Recht ein, das Recht auf einen
       unbelästigten  Nationalismus,   ohne  den  lästigen  Umweg  übers
       Schämen. Sie  gehen schließlich  in die Offensive und sagen: Die,
       die uns  auf das Schuldbekenntnis verpflichten wollen, wollen die
       Nation klein  halten -  sie nennen das: "die Schande instrumenta-
       lisieren". Wen sie dabei im Auge haben, ist unübersehbar: Es sind
       so Leute  wie Ignaz  Bubis. So  geht übrigens  moderner Antisemi-
       tismus. Was  man also  schlußendlich  von  Walser  und  Konsorten
       lernen kann:  Der Stolz  auf die  Nation, dieses  anscheinend  so
       unverzichtbare  Grundbedürfnis,  verträgt  keine  Scham,  er  ist
       scham-los.
       
       P.S. Walser  und Bubis  haben sich  getroffen und  Bubis hat  den
       Ausdruck "geistige  Brandstiftung" zurückgenommen. Offensichtlich
       ist ihm  - sehr berechtigt - mulmig geworden: Er hat nämlich eine
       ganze Nation gegen sich.
       
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