Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       DAS 'INSTITUT FÜR SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNG', MÜNCHEN
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       Johanna Hund
       
       Das Institut  für sozialwissenschaftliche Forschung (München) ist
       zu den  bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Forschungseinrich-
       tungen der  BRD zu rechnen, die sich mit Problemen der Arbeit und
       den Bedingungen ihres Einsatzes, mit Fragen der Qualifikation und
       des Arbeitsmarktes beschäftigen.
       Das ISF in seiner jetzigen Form entstand Ende 1964 und begann mit
       seiner Arbeit  im März  1965. Die Rechtsform ist die eines einge-
       tragenen Vereins mit anerkannter Gemeinnützigkeit. "Die Finanzie-
       rung der  Forschungsarbeit des  Instituts  erfolgt  zu  annähernd
       gleichen Teilen  aus Mitteln  der allgemeinen Forschungsförderung
       (insbesondere der  Deutschen Forschungsgemeinschaft)  sowie durch
       Forschungsaufträge öffentlicher Stellen." 1) Letztere konzentrie-
       ten sich auf die Ministerien für Arbeit und Soziales, Bildung und
       Wissenschaft sowie Forschung und Technologie.
       Das Institut  beschäftigt ca. 20 Wissenschaftler es wird geleitet
       von zwei  Forschungsdirektoren: Dr. Norbert Altmann und Prof. Dr.
       Burkhart Lutz  (Geschäftsführender Direktor). Die innere Struktur
       gliedert sich in Forschungsteams, die den jeweiligen Hauptschwer-
       punkten der  Forschungsarbeit zugeordnet sind. Die Arbeit wird im
       Selbstverständnis des  Instituts wie  folgt skizziert:  "Die For-
       schungsarbeiten des  ISF München sind zentriert aufprägen der Ar-
       beitsktäfte- und Berufsforschung. In spezifischer Form nehmen sie
       auf gesellschaftliche  Probleme Bezug,  denen auch in der politi-
       schen Diskussion der letzten Jahre ein hoher Stellenwert zugemes-
       sen wurde: Einsatz von Arbeitskräften und Gestaltung von Arbeits-
       bedingungen, technisch-organisatorische  Veränderung von Arbeits-
       prozessen in Betrieben und in der öffentlichen Verwaltung, Siche-
       rung gegenüber  sozialen Risiken,  Qualifizierung und  Reform  im
       Bildungs- und Berufsbildungssystem, Mobilität, Funktionsbedingun-
       gen und  Probleme regionaler und betrieblicher Arbeitsmärkte bzw.
       Teilarbeitsmärkte. Das ISF versucht, diese Probleme nicht in aus-
       schließlich anwendungsbezogener  Orientierung als  isolierte Ein-
       zelfragen anzugeben,  sondern die  objektiven  gesellschaftlichen
       Bedingungen ihrer  Entstehung und Entwicklung und den Kontext ih-
       rer gesellschaftlichen  Thematisierung in  die Forschungsperspek-
       tive miteinzubeziehen." 2)
       Im Rahmen  dieser Vorstellung  der Arbeiten  des ISF  kann leider
       keine Diskussion über die theoretischen Konzeptionen geführt wer-
       den. Sie  wäre allerdings  sehr wünschenswert und sicherlich auch
       reizvoll: Das  betrifft besonders den sogenannten Betriebsansatz,
       dessen Kern  ein aus  marxistischer Sicht  recht  problematisches
       Konstrukt einer betrieblichen Autonomie ist. Andererseits hat ge-
       rade dieser  Betriebsansatz - abstrahiert man von einer nicht be-
       friedigenden Einbettung  der Probleme  in den  gesellschaftlichen
       Kontext - die Blickrichtung für einzelbetriebliche Strategien des
       Arbeitskräfteeinsatzes bzw.  der  konkret  betrieblichen  Verwer-
       tungsbedingungen geöffnet.  Dadurch hat man es in den Ergebnissen
       und Aussagen  in einer  wohltuenden Weise mit konkreten Problemen
       und deren wissenschaftlicher Erfassung zu tun.
       Im folgenden sollen dem Leser aus den vier Arbeitsgebieten
       1. Betrieb und technischer Fortschritt,
       2. Betrieb, Arbeitskraft und öffentliche Interventionen,
       3. Bildung und Arbeit,
       4. Arbeitsmarkt und  betriebliche Beschäftigungspolitik  3) exem-
       plarisch einzelne neuere Arbeiten vorgestellt werden.
       1. Schultz-Wild, R., Weltz, F., Technischer Wandel und Industrie-
       betrieb. Die  Einführung numerisch  gesteuerter Werkzeugmaschinen
       in der Bundesrepublik, Athenäum-Verlag, Frankfurt 1973.
       In dieser  Untersuchung geht es um den Einsatz von NC-gesteuerten
       Werkzeugmaschinen in  der Einzel-  und Kleinserienfertigung.  Die
       Arbeit konzentriert sich auf die sozialen Bedingungen und Auswir-
       kungen der  Einführung dieser  NC-Werkzeugmaschinen in die beste-
       henden Fertigungssysteme.  Zwei  Untersuchungsergebnisse  sollten
       hervorgehoben werden: Erstens zeigt sich, daß eine Aufteilung von
       vorher eine Einheit bildenden Arbeitsaufgaben an diesen neuen Ma-
       schinen möglich  ist und vorgenommen wird. Die Informationseinga-
       ben zur Steuerung der Maschinenfunktionen können in einem von der
       Maschinenbedienung abgetrennten Arbeitsprozeß (programmieren) er-
       ledigt werden.  Andere Arbeiten, vor allem das Auf- und Abspannen
       der Werkzeuge,  bleiben Teil  der (reduzierten) Arbeit an der Ma-
       schine. Zweitens gibt es eine "große Variationsbreite in den Aus-
       wirkungen'", d.  h. es  existieren offensichtlich  Spielräume bei
       der durch  den Einsatz neuer Techniken notwendig werdenden Neuor-
       ganisation des  Arbeitsprozesses und somit auch der Arbeitsbedin-
       gungen.
       2. Weltz, F., Schmidt, G., Saff, J., Facharbeiter im Industriebe-
       trieb -  Eine  Untersuchung  in  metallverarbeitenden  Betrieben,
       Athenäum-Verlag, Frankfurt 1974.
       Auch in dieser Untersuchung bestätigt sich ebenso wie in der vor-
       her skizzierten,  daß die  Bedeutung der Facharbeiter für die Be-
       triebe nicht  so sehr  in deren handwerklichtraditionellen Fähig-
       keiten liegt,  sondern eher  in dem mit Facharbeiterqualifikation
       verbundenen sogenannten  Flexibilitätspotential. Denn  unter  der
       Voraussetzung, daß  einerseits innerbetrieblich nur geringe Lohn-
       differenzen zwischen Facharbeitern und qualifizierten Angelernten
       besteht, andererseits aber angesichts sehr teurer Produktionsmit-
       tel und  entsprechend hoher  Maschinenstundensätze die Lohnkosten
       kaum mehr  ins Gewicht fallen, wird gerade das von den Facharbei-
       tern gewährleistete  hohe Maß  an Zuverlässigkeit  und Verantwor-
       tungsbewußtsein im  Umgang mit komplizierten und teuren Produkti-
       onsmitteln zur Voraussetzung für einen reibungslosen Produktions-
       ablauf. Je  qualifizierter und damit vielseitiger einsetzbar eine
       Arbeitskraft ist, um so größer ist das Interesse des Kapitals für
       sie.
       In dieser  Untersuchung wird festgestellt: Der Facharbeitermangel
       hat dazu  geführt, die Arbeitsorganisationen so zu strukturieren,
       daß der  Anteil der  Arbeitsplätze für Un- und Angelernte wächst.
       Mit anderen  Worten: Es  wird die  interessante These entwickelt,
       daß die  Qualität des Arbeitskräfreangebotes die Investitionsent-
       scheidungen mit  beeinflußt und  sich dadurch gleichzeitig sowohl
       die spezifische  Ausprägung der  Arbeitsorganisation als auch die
       Bündelung der  Arbeitsaufgaben zu  Tätigkeiten verschieden  hoher
       Qualifikation herauskristallisiert.
       Gegenwärtig wird  an einer  umfangreichen Untersuchung im Auftrag
       des BMFT  im Rahmen  von Humanisierungsmaßnahmen  gearbeitet, und
       zwar im wesentlichen zu zwei Fragenkomplexen:
       E r s t e n s:   In Produktionsbereichen, wo traditionell körper-
       liche Schwerarbeit  vorherrscht (Bergbau  und Gießerei), soll an-
       hand der  Entwicklung öffentlicher  Interventionen (z. B. in Form
       von Normvorschrifren  oder tariflichen  Übereinkünften) ermittelt
       werden, wie betriebliche Maßnahmen zur "Humanisierung der Arbeit"
       zustande kommen und durch welche innerbetrieblichen oder arbeits-
       marktpolitischen Probleme  des Arbeitskräfteeinsatzes  diese Maß-
       nahmen veranlaßt  werden. Die  staatlichen Interventionen  (nicht
       ganz klar  ist, ob  staatlich geförderte  Humanisierungsmaßnahmen
       auch als solche gefaßt werden) werden als Maßnahmen, die eine Ge-
       fährdung der Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft präventiv
       vermeiden sollen,  charakterisiert. Dabei  geht es  immer um  die
       Grenzen des  Spielraums der  Nutzung von Arbeitskraft bzw. darum,
       wie weit  die Schranken  der betrieblichen  Verwertung ausgedehnt
       werden können.  Das "erkenntnispolitische"  Interesse bei  dieser
       Untersuchung wird als die Frage nach den staatlichen und/oder ge-
       sellschaftlichen Eingriffsmöglichkeiten in die individuellen Pro-
       duktionsbedingungen formuliert.  Im theoretischen  Ansatz vermißt
       man allerdings  eine tiefergreifende  Erfassung des  Staates, und
       somit bleibt  auch die Funktion staatlicher Interventionen in die
       Reproduktionsbedingungen der Arbeitskräfte unklar.
       Aus dem  z w e i t e n  Untersuchungsschwerpunkt liegen schon ei-
       nige Ergebnisse vor. Hier geht es um betriebsspezifische Qualifi-
       zierungsprozesse zum  Zweck des  Erwerbs notwendiger zusätzlicher
       oder andersartiger Qualifikationen für Anforderungen, die aus den
       Veränderungen durch  sogenannte Humanisierungsmaßnahmen resultie-
       ren. Es  wird festgestellt, daß diese betriebsspezifischen Quali-
       fizierungsprozesse -  bei den Humanisierungsmaßnahmen finden aus-
       schließlich betriebsspezifische  Qualifizierungsprozesse statt  -
       genauso ablaufen wie bisher bei traditionellen qualifizierten An-
       gelernten. (Diese  befinden sich insbesondere in den Produktions-
       bereichen, wo  traditionell wenig Facharbeiter tätig sind und die
       Arbeitsvorgänge wenig  zerlegt werden  können und wo gleichzeitig
       kaum traditionelle Ausbildungsberufe existieren.)
       Die Qualifizierungsmaßnahmen  sind auf  die betriebsspezifischen,
       oft sogar  lediglich arbeitsplatzspezifischen Erfordernisse zuge-
       schnitten. Im  wesentlichen werden die ohnehin vorhandenen Quali-
       fikationspotentiale ausgeschöpft,  indem lediglich  die Anpassung
       an neue Anforderungen erleichtert wird. In der Regel verfügen die
       über diese  Maßnahmen qualifizierten Arbeitskräfte kaum über Qua-
       lifikationsgrundlagen, die  über  die  unmittelbar  abgeforderten
       Kenntnisse und  Fertigkeiten hinausgehen,  d.h. ihre  Fähigkeiten
       bleiben ausschließlich  auf den praktischen Umgang mit den jewei-
       ligen Produktionsanlagen  begrenzt. Theoretische  Kenntnisse  als
       Voraussetzung für die Einsicht in größere technologische und öko-
       nomische Wirkungszusammenhänge bleiben ausgespart. Diese Qualifi-
       zierungsprozesse finden  meistens nach  dem Prinzip  "learning by
       doing" statt,  also während  der faktischen Arbeitstätigkeit. Da-
       durch kann der Aufwand für den Einsatz von qualifizierten Ausbil-
       dern entfallen.
       Die Folge  ist eine verstärkte Abhängigkeit vom Betrieb insbeson-
       dere aus zwei Gründen : Einmal bekommt der Arbeitende kein Zerti-
       fikat. Verläßt er den Betrieb, ist er wieder "Hilfsarbeiter". Zum
       anderen ist die Rekrutierung der für die Qualifizierungsmaßnahmen
       "geeigneten" Arbeitskräfte eine Selektion nach ausschließlich be-
       triebsspezifischen Interessen  und doch  zugleich eine  scheinbar
       vorhandene individuelle  Aufstiegsmöglichkeit.  Erwartungen,  daß
       sich über  die Qualifizierung  der Arbeitenden  - im Zusammenhang
       mit Humanisierungsmaßnahmen  allgemein postuliert - auch die sub-
       jektive Situation  sowohl hinsichtlich  der Arbeit  als auch  bis
       hinein in  den privaten  Bereich wesentlich  ändert,  müssen  mit
       Skepsis betrachtet werden.
       3. Altmann, N., Bohle, F., Betriebsspezifische Qualifizierung und
       Humanisierung der  Arbeit; in: Institut für sozialwissenschaftli-
       che Forschung, München (Hrsg.): Betrieb - Arbeitsmarkt - Qualifi-
       kation, Band  1 -  Beiträge aus  der laufenden  Forschungsarbeit,
       Aspekte-Verlag, Frankfurt 1976.
       In diesem Zusammenhang auch:
       4. Maase, M.,  Sengenberger, W., Weltz, F., Weiterbildung - Akti-
       onsfeld für  den Betriebsrat?  - Eine Studie über Arbeitnehmerin-
       teressen und  betriebliche Sozialpolitik,  Europäische Verlagsan-
       stalt, Köln 1975.
       Hier wurde  am Beispiel  der betrieblichen  Weiterbildung  unter-
       sucht, ob  die mit dem novellierten Betriebsverfassungsgesetz von
       1972 "formal-gesetzlich  erweiterten Einfluß-Spielräume  auch für
       eine wirksame  Durchsetzung  von  Arbeitnehmerinteressen  genutzt
       werden". Ähnlich  wie in der Studie über betriebsspezifische Qua-
       lifizierung wird  - über einen anderen Zugang zum Problem - fest-
       gestellt, daß die innerbetrieblichen Qualifizierungsprozesse fast
       ausschließlich in  der Hand des jeweiligen Managements liegen und
       somit vorrangig  auch die  Interessen des Betriebes an Qualifika-
       tion oder  weiter gefaßt  an Personalplanung  realisiert  werden.
       Trotz der  Mitwirkungsrechte des  Betriebsrats nach  dem BVG kann
       gegenwärtig nicht  von einer  wirksamen Einflußnahme im Interesse
       der abhängig Beschäftigten die Rede sein. Die Studie arbeitet die
       spezifischen Handlungsbedingungen  der Betriebsräte  heraus, also
       die verschiedenen  Schwierigkeiten und  Hemmnisse bei Wahrung des
       Mitwirkungsrechts für Weiterqualifizierung.
       Eine umfangreiche  Studie ist  dem Problem der Qualifizierung und
       des betrieblichen  Einsatzes von sogenannten Jungarbeitern gewid-
       met. Jungarbeiter  sind Jugendliche,  die ohne Ausbildung ein Ar-
       beitsverhältnis eingegangen  sind. In  ihrer übergroßen  Mehrzahl
       sind sie  ohne Hauptschulabschluß,  kommen sie  von Sonderschulen
       und werden  sie als  sogenannte (Lern-)Behinderte bezeichnet. Die
       empirischen Untersuchungen  zum Problem  der beruflichen Perspek-
       tive von  Jungarbeitern wurden  1974 durchgeführt,  also zu einer
       Zeit, als sich die Krise 1973/74 noch nicht in vollem Ausmaße be-
       merkbar machte.
       5. Drexel, I.,  Nuber, Ch.,  Behr, M.  v., Zwischen Anlernung und
       Ausbildung, Qualifizierung  von Jungarbeitern. Zwischen Betriebs-
       und Arbeitnehmerinteressen, Frankfurt 1976.
       Die Autoren  tragen folgende Thesen vor: Der Mangel an Facharbei-
       tern und  Auszubildenden läßt die Rekrutierung und Qualifizierung
       von Jungarbeitern  geboten erscheinen;  demzufolge werden  geson-
       derte Qualifizierungsmaßnahmen  durchgeführt, um sich den notwen-
       digen Bedarf  an Arbeitskräften  zu sichern.  Jungarbeiter werden
       entweder zu  Produktionsarbeitern oder zu sogenannten Teilfachar-
       beitern herangebildet.  Der Produktionsarbeiter  ist ein Arbeits-
       kräftetyp für weite Teile der Industrie, die nicht auf Facharbei-
       terproduktion beruhen: Für diesen Arbeitskräftetyp ist zwar keine
       anerkannte Ausbildung  erforderlich, er  repräsentiert aber  auch
       keine Hilfsarbeit. Die Arbeitsplätze der Produktionsarbeiter sind
       gekennzeichnet durch  generell besonders belastende Arbeitsbedin-
       gungen wie Akkordarbeit, Schicht- oder Kontischichtarbeit, Hitze,
       Lärm und Schmutz, Gefährlichkeit, Repetitivität und Monotonie der
       Arbeit, hohen  körperlichen Kraftaufwand, Anspannung, unerfreuli-
       che Arbeitsumgebung  und Situierung  in den unteren Bereichen der
       betrieblichen Hierarchie.  (Vgl. S.  138) Diese Arbeitsplätze un-
       terliegen fast  ausschließlich dem  Jugendarbeitsschutzgesetz, so
       daß die betreffenden Jugendlichen hier erst ab dem 18. Lebensjahr
       eingesetzt werden  können. In  der Studie wird zu Recht vermutet,
       daß der  Einsatz von  Facharbeitern an  derartigen Arbeitsplätzen
       mit größeren  Schwierigkeiten verbunden  sein dürfte  als bei den
       hierfür gesondert qualifizierten Jungarbeitern.
       Bei dem  anderen Arbeitskräftetyp,  dem Teilfacharbeiter, handelt
       es sich  um Arbeitsplätze in eher typischen Facharbeiterbereichen
       (facharbeiterintensive Fertigung, Reparatur- und Instandhaltungs-
       werkstätten etc.), nur mit deutlich geringeren Anforderungen. Die
       Teilfacharbeiter sind  quasi Facharbeiterhelfer unterschiedlichen
       Qualifikationsniveaus und  Spezialisierungsgrades, sie verrichten
       Zuarbeiten für einzelne Facharbeiter, Gruppen oder auch Abteilun-
       gen von Facharbeitern (vgl. S. 217).
       Die Qualifizierungsmaßnahmen  von Jungarbeitern  obliegen  keiner
       öffentlichen Normierung  und Kontrolle;  die Betroffenen erhalten
       auch keine  arbeitsmarktgängigen Zeugnisse.  Die Maßnahmen  haben
       den Charakter  zusätzlicher freiwilliger  Leistungen, nicht  aber
       den einer  vom Betrieb  zu erbringenden  Qualifizierungsleistung,
       die ein  Jugendlicher einfordern kann, wenn er einen Ausbildungs-
       vertrag hat (vgl. S. 211).
       Diese Art der Qualifizierung führt objektiv zu einer spezifischen
       Abhängigkeit vom Betrieb; subjektiv erzeugt sie nach den erlebten
       vorberuflichen Mißerfolgen  ein Gefühl  der "Dankbarkeit"  dafür,
       daß man  doch noch  eine - wie auch immer reduzierte - Ausbildung
       erhalten hat.  Dies beides hat eine ausgeprägte Betriebsloyalität
       zur Folge.
       Es ist bedauerlich, daß diese außerordentlich sorgfältige und ins
       Detail gehende  Studie sich nur auf Phänomene wie z.B. Facharbei-
       terknappheit  und  Notwendigkeit  der  Besetzung  besonderer  Ar-
       beitsplätze beschränkt.  Dadurch  bleiben  die  Gesetzmäßigkeiten
       spezifischer Arbeitskräftepolitik  (auch hinsichtlich  der Rekru-
       tierung von Facharbeitern) ausgeklammert, und der Leser empfindet
       angesichts der gegenwärtigen Situation des Lehrstellenmangels und
       jugendlicher Arbeitslosigkeit eine ärgerliche Unzufriedenheit.
       Die Arbeiten zu Arbeitsmarktproblemen sind insbesondere hinsicht-
       lich der Erarbeitung eines analytischen Kategoriensystems von Be-
       deutung. Bahnbrechend für diese Arbeiten war die sogenannte Augs-
       burg-Studie:
       6. Lutz, B.,  unter Mitwirkung von Nase, H., Sengenberger, W. und
       Weltz, F.,  Arbeitswissenschaftliche  Modelluntersuchungen  eines
       Arbeitsmarktes, Zusammenfassung,  RKW-Projekt A  44, RKW  (Hrsg.)
       Frankfurt/Main 1973.
       Es handelt  sich  um  eine  empirische  Modelluntersuchung  eines
       (geschlossenen) regionalen  Arbeitsmarktes. Dabei  wurde  festge-
       stellt, daß  nicht der  vermeintliche Lohnanreiz der dominierende
       Faktor für  allgemeine zwischenbetriebliche  Fluktuationsprozesse
       ist. Dagegen lassen sich drei Typen in sich relativ geschlossener
       betrieblicher Teilarbeitsmärkte beobachten:
       1. Teilarbeitsmärkte für  fachliche Nachwuchskräfte, 2. fachliche
       Arbeitsmärkte für  betriebsunspezifische Fachqualifikationen  und
       schließlich 3. fachliche Teilarbeitsmärkte für "Jedermanns-Quali-
       fikationen". Zwischen  diesen drei  Typen von  Teilarbeitsmärkten
       und den  ihnen entsprechenden Arbeitskräftetypen bestehen nur be-
       grenzte und  zumeist einseitige Übergangs- und Übertrittsmöglich-
       keiten. Eine neuere Arbeit in diesem Problemfeld ist:
       7. Schultz-Wild, R.,  Betriebliche Beschäftigungspolitik  in  der
       Krise, Campus-Verlag, Frankfurt 1978.
       Diese Studie  untersucht das  widersprüchliche Interesse  der Be-
       triebe an  der von überbetrieblichen Arbeitsmarktschwankungen re-
       lativ unabhängigen  Verfügung von  Arbeitskräften (d. h. der Her-
       ausbildung stabiler betrieblicher Arbeitsmärkte) sowie einer mög-
       lichst kostengünstigen  Nutzung dieser  Arbeitskräfte (was Anpas-
       sungsmöglichkeiten an  den überbetrieblichen Arbeitsmarkt voraus-
       setzt). Ausgehend von der These "realativer betrieblicher Autono-
       mie", die "zwar einerseits die Bedeutung externer nicht unmittel-
       bar durch den Betrieb beeinfluß- und kontrollierbarer Bedingungen
       des betrieblichen  Produktionsprozesses zu  erfassen sucht, ande-
       rerseits jedoch  betriebliche Aktionen  und Reaktionen nicht ein-
       deutig durch die äußeren (Markt-, Konkurrenz-) Bedingungen deter-
       miniert sieht"  (wobei ersterer Aspekt de facto in der Studie zur
       Bedeutungslosigkeit gerät), wird ein Katalog möglicher betriebli-
       cher Strategien  sowohl zur  Personalstabilisierung als  auch zur
       Personalanpassung bei  Nachfrageschwankungen entwickelt. Es zeigt
       sich, daß  Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie  z.B. Produktspezifi-
       zierung, -differenzierung  und -diversifikation  oder auch erwei-
       terte Lagerhaltung  oder Einführung von Lieferfristen als Maßnah-
       men in der Regel ausscheiden, im Gegenteil eher auf der Basis ge-
       ringeren Personaleinsatzes  mit Hilfe  neuer technischer  Verfah-
       rensweisen, also  über Rationalisierungsmaßnahmen  versucht wird,
       sich den  Absatzschwankungen anzupassen.  Mit anderen  Worten er-
       folgt nach  anfänglicher Drosselung der Ausbau der Produktion mit
       weniger Personal.  Somit sind  auch die  betrieblichen  Maßnahmen
       vorrangig an  der Reduzierung  des Arbeitskräfteeinsatzes  orien-
       tiert (Abbau  von Überstunden,  Entlassungen, Einstellungssperre,
       Kurzarbeit). Lediglich bei Großunternehmen ist eine relative Ten-
       denz zur  Personalstabilisierung zu beobachten, wobei gerade hier
       die Inanspruchnahme von staatlichen Mitteln, z. B. bei Kurzarbeit
       u.ä., am ehesten möglich ist und auch am häufigsten erfolgt.
       In einer weiteren neueren Arbeit:
       8. Sengenberger, W., Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit - auch ein
       Strukturproblem  des   Arbeitsmarktes,  Campus-Verlag,  Frankfurt
       1918,
       wird die  Bedeutung von  Arbeitsmarktstrukturen für Arbeitslosig-
       keit untersucht  und eine zunehmende Segmentierung (Spaltung) des
       Arbeitsmarktes in  einen  stabilen-primären  Sektor  (Stammbeleg-
       schaften  in  den  Hauptbetrieben  der  Großkonzerne)  und  einen
       instabilen-sekundären Sektor  (Randbelegschaften  in  Zweit-  und
       Zulieferbetrieben) festgestellt.  Sengenbergers  Hauptthese  ist,
       daß dieser  Segmentierung  eine  Strategie  zugrunde  liegt,  bei
       Aufschwung die  sich wieder  ausweitende Produktion möglichst mit
       der Stammbelegschaft  z.B. über  Überstunden  zu  bewältigen,  um
       teure Nachfolgekosten bei Ein- und Ausgliederung von Arbeitskräf-
       ten zu vermeiden. Gleichzeitig besteht aber auch ein Interesse am
       instabilen Sektor  des Arbeitsmarktes, weil hiermit die Abwälzung
       der Kosten  auf die  betrieblichen Randbelegschaften möglich ist.
       Die besondere  Betroffenheit der Randbelegschaften von Arbeitslo-
       sigkeit ist  insbesondere hierauf zurückzuführen. Es muß aufgrund
       dieser Arbeitsmarktstrukturen  mit einem  anhaltenden Sockel  von
       Erwerbslosen gerechnet  werden, der  zahlenmäßig nicht  sehr viel
       geringer sein wird als die jetzt offiziell registrierte eine Mil-
       lion.
       Das ISF  leistet - das zeigen die hier ausgewählten Publikationen
       - einen  wichtigen Beitrag  zur Erforschung  der Bedingungen  des
       Einsatzes von  Arbeitskraft und deren Reproduktion. In den Arbei-
       ten wird der Versuch deutlich, sich an den Interessen der Lohnab-
       hängigen zu  orientieren. Sie  sind insofern  auch ein wertvolles
       Material für den gewerkschaftlichen Kampf.
       
       _____
       1) ISF -  Institut für sozialwissenschaftliche Forschung München,
       Arbeiten 1975-1978, München 1978. S. 5.
       2) Ebenda, S. 7.
       3) Ebenda, S. 8.
       

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