Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       ZUR DISKUSSION UM MARXISTISCHE KULTURTHEORIE *)
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       Kaspar Maase
       
       Kultur als Menschwerdung des Menschen? - Der Gegenstand: Gattung-
       Mensch-Individuum? - Wir erfaßt man die Kulturprozesse in der Ar-
       beiterklasse? -  Probleme: Gegenstandsabgrenzung  und  Wertung  -
       Einheit von  Vielfalt und  Bewußtheit -  Bewußtheit oder  Selbst-
       zweckhaftigkeit?
       
       Die Tagung des IMSF im Oktober 1977 zum Thema "Kulturelle Bedürf-
       nisse der  Arbeiterklasse" war ein Anlaß zur Ausarbeitung und Ge-
       genüberstellung verschiedener  Ansätze für  Methode und  Begriff-
       lichkeit marxistischer  Kulturtheorie. Die Materialien der Konfe-
       renz sind  inzwischen erschienen.  Der folgende  Beitrag kann die
       unterschiedlichen Positionen  nicht insgesamt  behandeln; er will
       auch nicht  übereinstimmende, "gesicherte" Erkenntnisse zusammen-
       stellen - es sollen vor allem einige kontroverse Anschauungen er-
       örtert werden.  Die Beiträge von Rüdiger Hillgärtner, Thomas Met-
       scher, Wolfgang Fritz Haug und Kaspar Maase, aus denen im folgen-
       den ohne  weitere Angabe  zitiert wird, sind in dem Band über die
       IMSF-Konferenz abgedruckt. 1)
       
       Kultur als Menschwerdung des Menschen?
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       Zu den  gemeinsamen Ausgangspositionen der marxistisch orientier-
       ten Forscher  zählt heute  ein breiter  Kulturbegriff. Das heißt,
       man ist  sich weitgehend  einig über  das  Untersuchungs f e l d:
       Für eine Analyse kultureller Entwicklung hat man nicht allein das
       Verhalten von  Menschen gegenüber Kunst, Wissenschaft und Wertsy-
       stemen ödet deren Entstehung, Veränderung und soziale Funktion zu
       untersuchen; Kulturentwicklung  findet in  der gesamten menschli-
       chen Lebenstätigkeit  statt. Da  der Gegenstandsbereich im Umfang
       praktisch mit "Gesellschaft" und "Geschichte" übereinstimmt, geht
       es um  die nähere  Bestimmung jenes  Aspekts in  der menschlichen
       Entwicklung, den  Kulturanalyse als  ihren Gegenstand erfaßt, und
       um die Maßstäbe der Bewertung.
       Thomas Metscher  sucht diese  Spezifik in  der "Anbindung des Be-
       griffs der  Kultur an  den der  Humanität"; mit  der Reproduktion
       seines Lebens  schaffe der Mensch "sein eigenes  m e n s c h l i-
       c h e s   W e s e n,  seine spezifische 'Natur' als Mensch:  H u-
       m a n i t ä t   als menschliche  Gattungsnatur". Genauer bestimmt
       Metscher. "Diesen  Bildungsprozeß  menschlicher  Bedürfnisse  und
       Fähigkeiten, den  Ausbildungsprozeß der menschlichen  P e r s o n
       als   g e s e l l s c h a f t l i c h e    I n d i v i d u a l i-
       t ä t   in einer  Vielzahl sozialer  Beziehungen und  Tätigkeiten
       fassen wir  unter dem  Begriff des Kulturprozesses, seinen Inhalt
       als ...   H u m a n i t ä t."  Ziele des Kulturprozesses, aus de-
       nen dann  auch Wertungsmaßstäbe  folgen,  seien:  "Selbstverwirk-
       lichung des  Menschen, die  totale Entwicklung  und  Befriedigung
       seiner Bedürfnisse",  "gesellschaftliche Genußfähigkeit",  "Genuß
       im  Tätigsein";     "h u m a n     bezeichnet...  die  Fähigkeit,
       schließlich das  Bedürfnis von  Menschen,  in  ihrem  Denken  und
       Handeln  die   Bedürfnisse  anderer   Menschen,  schließlich  der
       gesamten Menschheit  einzubeziehen; ...  also so  zu handeln, daß
       die Maxime ihres Willens in der Tat zur Grundlage einer allgemei-
       nen Gesetzgebung dienen kann".
       Hier werden aufklärerische und klassische Humanitätsideale - ver-
       mittelt über  eine unhistorische  Lesart der "Ökonomisch-philoso-
       phischen Manuskripte  von 1844"  - in  Richtung auf  marxistische
       Konzepte interpretiert.  2) Ähnlich verfährt Rüdiger Hillgärtner,
       wenn er  Kultur als "die Menschwerdung des Menschen" bestimmt und
       als "Gesetz  der Menschwerdung"  "die universale Entfaltung aller
       Eigenschaften der  Gattung und  des einzelnen" nennt. Mit unüber-
       hörbaren Anklängen  an Fausts  Wunschtraum "Zum Augenblicke dürft
       ich sagen:  / Verweile doch, du bist so schön" bestimmt Hillgärt-
       ner den "eudämonischen Zustand" der "Übereinstimmung der Menschen
       miteinander und mit der Natur": "Im Augenblick des tätigen Genus-
       ses... ist diese Übereinstimmung absolut. (...) Dieser Augenblick
       ist schön. Ihm eignet der Aspekt der Unvergänglichkeit, da Gegen-
       wart, Vergangenheit und Zukunft wie in einem Punkte zusammengezo-
       gen sind.  Alle äußeren  Zwecke ruhen.  Im einzelnen Menschen ist
       die Menschheit  sich Selbstzweck. (...) Der Augenblick der Erfül-
       lung ist zugleich wahr, da er in der Erkenntnis der Natur und der
       Selbsterkenntnis des  Menschen seinen  Grund hat. Schließlich ist
       er ethisch gut, da er die Anerkennung des Menschen durch den Men-
       schen und  die Anerkennung der Natur als des anorganischen Leibes
       des Menschen beinhaltet. Diese Einheit des Schönen, Wahren, Guten
       ist begründet  in der gesellschaftlichen Praxis und ihren Organi-
       sationsformen."
       Im Anschluß  an die  Marxsche Formulierung, daß - der Mensch nach
       dem Maß  jeder species  zu produzieren weiß und überall das inhä-
       rente Maß  dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert da-
       her auch  nach den  Gesetzen der  Schönheit" 3) macht Hillgärtner
       zum Kernstück seines kulturtheoretischen Ansatzes den Begriff der
       Schönheit: "Er  bezeichnet die  Autonomie des  Menschen, über die
       natürlichen und  die eigenen  Kräfte frei zu verfügen und sie zur
       harmonischen Übereinstimmung  nach menschlichen  Zwecken zu brin-
       gen. (...) Er läßt die Empfindung des Glücks ahnen, das in dieser
       Synthese genossen  werden kann."  Konsequent bestimmt Hillgärtner
       die Spezifik der Kultur im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß
       so: "Gestalten und Bilden nach den Gesetzen der Schönheit, Aufhe-
       bung des  Gestalteten in weiteren, komplexeren und höheren Formen
       - dies  ist die  Bewegung der  Kultur. Dies  ist  der  kulturelle
       Aspekt aller  Seiten der  menschlichen Lebenstätigkeit. Autonomie
       und Freiheit  sind in  ihn ebenso  eingegangen wie Sinn und Glück
       des Lebens."
       
       Der Gegenstand: Gattung - Mensch - Individuum?
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       Erfüllen die Ansätze von Metscher und Hillgärtner den eigenen An-
       spruch auf  präzise Abgrenzung  von Kultur und Gesellschaft? Lie-
       fern sie  praktikable Wertmaßstäbe? Welche Aussagekraft haben sie
       für Kulturpraxis  und Kulturauffassung  der Arbeiterklasse in der
       Bundesrepublik?
       Eine wesentliche  Beschränkung ergibt  sich daraus,  daß Metscher
       wie Hillgärtner  weitgehend auf der Ebene der Gattung, "des" Men-
       schen verbleiben - mit der Tendenz zur Identifikation von Indivi-
       duum und Gattung ("gesellschaftliche Individualität" ist bei Met-
       scher das  Ziel der  Gattungsentwicklung!). Wenn man individuelle
       und gattungsmäßige  Entfaltung in eins setzt, gerät man jedoch in
       Widerspruch zu  einer grundlegenden  Erkenntnis der materialisti-
       schen Persönlichkeitstheorie:  "Im Laufe  der  sozialhistorischen
       Entwicklung nimmt  das Sozialerbe...  einen Umfang an, der es un-
       möglich macht,  daß ein  einzelnes Individuum  es sich  in seiner
       Ganzheit aneignet. Es entsteht die Notwendigkeit einer begrenzten
       Aneignung, wobei  die Grenzen sich aus der gesellschaftlich-tech-
       nischen Arbeitsteilung ergeben." 4)
       Individuelle Entwicklung  kann heute nur eine beschränkte auswäh-
       lende Aneignung  von der Gattung geschaffener Potenzen sein - und
       die Auswahlprozesse  und -kriterien  sind zu diskutieren. Die be-
       sondere Leistung  marxistischer Kulturtheorie  wird gerade  durch
       den Widerspruch  gefordert, daß die Entfaltung der Arbeitsteilung
       die Dynamik gesellschaftlicher Reichtumsproduktion ermöglicht und
       zugleich die  Individuen von  der Aneignung  weiter Bereiche aus-
       schließt. Das  absolute Wachstum  individueller  Entwicklungsmög-
       lichkeiten ist  gewaltig -  aber das  Einholen des  Gattungsfort-
       schritts an  Kenntnissen und Fähigkeiten , Beziehungen und Tätig-
       keiten Bedürfnissen  und Genüssen  durch die Individuen ist keine
       sinnvolle Zielstellung für den Kulturprozeß.
       Positiv steckt  in dieser  Nicht-Identität aber gerade die Chance
       reichster   Differenzierung   der   konkreten   Individualitäten.
       Zugleich folgt  hieraus die  große praktische Bedeutung der Ideen
       und Aussagen  , Normen  und Werte  , in denen soziale Klassen und
       Gruppen ihre  Vorstellungen von erstrebenswerter Individualitäts-
       entwicklung ausdrücken:  der Kulturauffassungen  (zu denen in je-
       weils besonderer Zusammensetzung unter anderem Alltagseinstellun-
       gen ebenso  wie wissenschaftliche Theorien und künstlerische Bil-
       der gehören).
       Der Ansatz  von der  Gattungsentwicklung her ist somit ungeeignet
       für die  Grundlegung einer  historisch-materialistischen  Kultur-
       theorie, der  es auf  die Untersuchung, Bewertung und Veränderung
       konkret-historischer Entwicklungsmöglichkeiten der wirklichen In-
       dividuen ankommt. Die Ausbildung der konkreten Individuen ist nur
       zu erfassen,  wenn man  davon ausgeht, daß ihre Lebensbedingungen
       (als Entfaltungsbedingungen)  dialektisch determiniert sind durch
       die gesetzmäßige Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse;
       vor  allem   die  widersprüchlichen  Tätigkeitsanforderungen  und
       Handlungsmöglichkeiten für  die Individuen  als  Angehörige  ver-
       schiedener Klassen  bestimmen Lebensweise und Typ der Persönlich-
       keitsentwicklung.
       "Die Einsicht,  daß der produzierte gesellschaftliche Reichtum an
       'menschlichen Wesenskräften'  nur in  dem Maße von den Individuen
       für ihre Entwicklung fruchtbar gemacht werden kann , wie er ihnen
       in der  Gesamtheit ihrer  Lebensbedingungen zur Verfügung steht -
       diese Einsicht förderte die Erkenntnis, daß 'Kultur' kein Sammel-
       begriff für  alles Gute,  Schöne,  Wertvollesein  kann,  das  ge-
       schichtlich erzeugt  worden ist  und in  konkreten Zusammenhängen
       und Situationen  seine Brauchbarkeit,  seinen Wert  bewiesen hat,
       deshalb kumulativ  von einer Generation zur anderen weitergegeben
       und angeeignet werden muß. Vielmehr ist der Kulturbegriff wesent-
       lich als   a b b i l d e n d e   und   w e r t e n d e  Erfassung
       des Verhältnisses  von objektiven  Bedingungen individueller Ent-
       wicklung und  tatsächlicher Ausbildung  von  subjektiven  Verhal-
       rensqualitäten zu  verstehen." 5) Daher scheint es mir methodisch
       angemessen, vom  Konzept konkret-historischer  Vergesellschaftung
       der Individuen als Teilprozeß der gesamtgesellschaftlichen Repro-
       duktion auszugehen,  weil damit  genauer das  V e r h ä l t n i s
       von sozialen  Entwicklungsbedingungen,  Persönlichkeitsqualitäten
       der  wirklichen   Individuen  und   gesellschaftlichem   Reichtum
       (Gattungspotenzen) in  den Mittelpunkt gerückt wird. Zugleich er-
       klärt ein  solcher Ansatz, weshalb und wie Kulturrheorie als Teil
       der Kulturauffassung  der Arbeiterklasse  zu entwickeln  ist: Sie
       hat unter  anderem die  Funktion, in  der Arbeiterbewegung an der
       Untersuchung und  Diskussion der  Ziele und  Formen individueller
       Entwicklung der Lohnarbeiter mitzuwirken.
       So verstanden,  kann marxistische  Kulturtheorie heute  nicht von
       einer fixen  Vorstellung "objektiver Kultur" ausgehen, die es für
       alle Lohnarbeiter  anzueignen gelte;  vielmehr sind  Maßstäbe und
       Zielsetzungen für die Aneignung und Entwicklung von Elementen des
       gesellschaftlichen Reichtums   s o z i a l    k o n k r e t    im
       Spannungsfeld zwischen  den Tendenzen  gegenwärtiger Individuali-
       tätsentwicklung und  realhumanistischen Idealen  zu  diskutieren.
       Sie sind  historisch konkret auf Handlungsanforderungen und -mög-
       lichkeiten der  Klassenindividuen in der Etappe bis zur Eroberung
       der politischen Macht durch die Arbeiterklasse zu beziehen.
       Metscher und  Hillgärtner suchen qualitative Maßstäbe für indivi-
       duelle Entwicklung,  die deutliche Wertungen kultureller Verhält-
       nisse und Entwicklungsniveaus ermöglichen. Das Ziel "universeller
       Entfaltung" allein  ist eher  unhistorisch-quantitativ  und  wird
       auch nicht  zu den  konkreten Individuen hin vermittelt. Was über
       totale Entwicklung der Wesenskräfte, der menschlichen Bedürfnisse
       etc. gesagt wird, ist materialistisch zu interpretieren nur (über
       die 6.  Feuerbachthese) als  Qualität des  Ensembles der  gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  - nicht  als Maß und Ziel der Entwick-
       lung konkret-historisch  und sozial bestimmter Klassenindividuen.
       Metscher liefert  als nähere Bestimmung im wesentlichen ethische,
       Hillgärtner ästhetische  Kriterien aus  dem Kanon des aufkläreri-
       schen und  klassischen deutschen  Neuhumanismus. Darin  sehen sie
       philosophisch die  allgemeinen Ziele  kultureller Entwicklung zu-
       sammengefaßt.
       Undiskutiert bleibt allerdings auch auf dieser Ebene das Verhält-
       nis objektiver  und subjektiver Momente in den Wertkriterien: Wie
       weit sind  Autonomie, Selbstbestimmung,  Freiheit, Glück, Eudämo-
       nie, Genuß  im Tätigsein  subjektiv empfundene, aus der Sicht des
       einzelnen gegenüber der Gesellschaft gesetzte Maßstäbe - wie weit
       geht in  sie die  reale Vermittlung individueller Entfaltung über
       die gesellschaftliche Beherrschung der Lebensbedingungen ein? Ge-
       gen die  Gefahr einer  individualistischen Bestimmung kultureller
       Ziele bezieht  Hillgärtner sich auf eine Interpretation von Frei-
       heit als  Verwirklichung der gesellschaftlichen Notwendigkeiten -
       läßt allerdings  auch die Hoffnung auf Überwindung dieser Fesseln
       anklingen. Tätiger  Genuß wird  gerade in der kollektiven Praxis,
       Harmonie in  der menschlichen Gestaltung der Beziehungen zwischen
       den einzelnen gesehen. Metscher nennt Solidarität und bewußte Be-
       achtung der Bedürfnisse anderer als Maßstab für Humanität.
       Beiden gemeinsam  ist der  konsequent demokratische Anspruch: Maß
       kulturellen Fortschritts ist die Entfaltung aller gesellschaftli-
       chen Individuen, ist die Aufhebung des historischen Widerspruchs,
       daß kultureller Fortschritt bisher die Form der Entwicklung weni-
       ger auf Kosten ausgebeuteter und unterdrückter Massen hatte.
       Bei Hillgärtner  erklingt an, daß hier mehr als eine quantitative
       Problematik liegt, daß diese Entwicklung die Qualität kultureller
       Werte und Ideale beschädigte: "Auch die Sinne der Wenigen bleiben
       beschränkt, gebannt  in den  engen Kreis ihrer Privilegien. (...)
       Die Genußfähigkeit  und die  Kräfte bleiben  einseitig  und  ver-
       zerrt." Allerdings  wird dieser wichtige Gedanke, der gerade eine
       kritische Reflexion  der so  geprägten  klassischen  Kulturideale
       nahelegt, nicht  weiter verfolgt;  die Auswirkungen  der Trennung
       und Entgegensetzung  von Hand- und Kopfarbeit (geistig-sinnlicher
       Welt- und  Selbstgenuß stehen unter der Vorherrschaft intellektu-
       ell-reflektierender Praxisformen), die soziale und politische Be-
       schränktheit von Entfaltungsprogrammen, die Künstler und Philoso-
       phen aus ihren Lebensbedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft
       entwickelten, wären  historisch und  sozial zu  konkretisiertende
       Hinweise  -   Hillgärtner  meint   eher  eine  moralisch-ethische
       Beschädigung privilegierter  Entwicklung. In  diesen Überlegungen
       scheint der  enge  Zusammenhang  zwischen  ökonomisch-politischer
       Verfassung der  Gesellschaft und  Kulturzustand auf; es wird auch
       auf die freie Assoziation der gesellschaftlichen Produzenten, ge-
       gründet auf  gemeinsamen Besitz  der großen Produktionsmittel und
       verwirklicht  über  die  realdemokratische  Ausübung  politischer
       Herrschaft, als  Voraussetzung für  eine neue  Stufe  kulturellen
       Fortschritts verwiesen - aber daraus folgt nichts für die Bestim-
       mung der sozialen Handlungsanforderungen und Tätigkeitsformen der
       Lohnarbeiter, die sozialökonomische Befreiung der Klasse und pro-
       duktive Persönlichkeitsentfaltung der einzelnen verbinden lassen.
       
       Wie erfaßt man die Kulturprozesse in der Arbeiterklasse?
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       Was -  entwickelt  auf  der  Ebene  von  Gattungsentwicklung  und
       Menschheitsgeschichte -  mit dem  Anspruch präziser  und spezifi-
       scher Maßstäbe  auftritt, zeigt  seine Mängel  bei der  Probe, ob
       daraus praktikable  Kriterien für Entwicklungsstand und Zielstel-
       lung der  Arbeiterbewegung hier und heute folgen. Zugespitzt for-
       muliert, handelt es sich um Varianten der "Vollstrecker-Theorie",
       nach der die kulturelle Aufgabe der sozialistischen Arbeiterbewe-
       gung in  der  Verwirklichung  der  neuhumanistischen  Persönlich-
       keitsideale für  alle Gesellschaftsmitglieder  besteht.  Es  gebe
       einen Fundus kultureller Werte, Errungenschaften, Leistungen, Mo-
       delle, deren Aneignung und praktische Verwirklichung im gegenwär-
       tigen Kapitalismus auf Eliten beschränkt sei - mit Metscher (nach
       Mühlberg 6))  die "objektive Kultur"; sozialistische Verhältnisse
       werden dadurch gekennzeichnet, daß sie grundsätzlich die Möglich-
       keit zu umfassender Aneignung der objektiven Kultur durch die Ar-
       beiter, die Bauern und andere Werktätige eröffnen, sozialistische
       Kulturpolitik wird  ausgerichtet auf  die konkrete,  schrittweise
       Verwirklichung dieser Möglichkeiten.
       Offenbar sollen  kulturpolitische Zielstellungen auch für die Ar-
       beiterbewegung in unserem Land formuliert sein mit Metschers Kon-
       zept der "Kultur eines realen Humanismus..., in der nicht nur für
       eine privilegierte,  aufgeklärte Elite  der herrschenden  Klasse,
       sondern für  alle Menschen (durch die... Reduktion der... notwen-
       digen Arbeitszeit)  'Zeit zu  menschlicher Bildung' frei geworden
       ist". Die  radikale Demokratisierung  des Modells  schöpferischer
       Existenz, das  bisher auf  intellektuell-künstlerische Eliten be-
       schränkt ist,  strebt auch  Hillgärtner an.  "Es geht...  um  die
       materialistische Aufhebung  jenes in  Kunst und  Literatur inkor-
       porierten und konzentrierten Elements, auf dem die Freiheits- und
       Verwirklichungsvorstellungen des  Neuhumanismus beruhen.  Es geht
       darum, das objektive Korrelat dessen, was sich in Kunst und Lite-
       ratur widerspiegelt,  in der  gesellschaftlichen Praxis festzuma-
       chen und...  ins kulturpolitische  Bewußtsein zu  heben. (...) es
       geht ferner  darum, den  in der  ästhetischen Produktion und auch
       der  Aneignung  prominent  ausgebildeten  Aspekt  des  Schöpferi-
       schen... zu entdecken in allen Tätigkeiten . Die Trennung von Ar-
       beit unter dem Gesetz der Notwendigkeit und Spiel, von labour und
       travail attractif, von erzwungener Mühsal und freier Selbsttätig-
       keit ist  im ästhetischen Schaffen in historisch besonderer Weise
       aufgehoben und  zugleich perpetuiert."  Die Aufhebung  der Wider-
       sprüche des  ästhetischen Modells  werde "selbst politisches Pro-
       gramm in den Kämpfen der Ausgebeuteten und Unterdrückten".
       Metscher zitiert  Marx zur  historischen Notwendigkeit des "total
       entwickelten Individuums",  um seine  Zielstellung auch  als Aus-
       druck der  im "Kapital" herausgearbeiteten sozialökonomischen Ge-
       setzmäßigkeiten zu belegen. Eine Übereinstimmung läßt sich jedoch
       allenfalls in  der Begrifflichkeit  feststellen. Methodisch  ver-
       fährt Metscher  gerade nicht  wie Marx',  der bezieht die univer-
       selle Entwicklung  historisch und sozial konkret auf Lebensbedin-
       gungen und  Handlungsanforderungen, Beziehungs-  und Qualifikati-
       onsentwicklung der  Lohnarbeiter in  den Umwälzungsprozessen, die
       durch die widersprüchliche Entwicklung der Produktivkräfte voran-
       getrieben werden. In der zitierten Passage interpretiert Marx die
       "totale Entwicklung"  in sehr  enger Bindung an die Erfordernisse
       der großen  Industrie -  es geht um den universellen Maschinenbe-
       diener, für  den "wechselnde Arbeitserfordernisse" und "verschie-
       dene gesellschaftliche Funktionen" die Persönlichkeitsentwicklung
       determinieren. 7)  Metscher liest  hier "Das  Kapital" durch  die
       Brille des  spekulativen Humanismus; dieser wurde von Marx jedoch
       - unverkennbar  beginnend mit den "Thesen über Feuerbach" und der
       -  Deutschen   Ideologie  -  inhaltlich  wie  methodisch  radikal
       überwunden und  zurückgewiesen,  zugleich  allerdings  in  seinen
       Motiven aufgehoben. Der marxistische wissenschaftliche Humanismus
       "als Theorie  der geschichtlichen  Widersprüche und  Entfaltungs-
       bedingungen  der   Individuen"  8)  entwickelt  Perspektiven  und
       Idealsetzungen konsequent  historisch aus  der  Analyse  der  wi-
       dersprüchlichen Bestimmtheit  individueller Entwicklung durch die
       objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse.
       Metscher und  Hillgärtner setzten  Ideale, die  sozial und histo-
       risch nur  außerhalb der unterdrückten Klassen, außerhalb der Ar-
       beiterklasse entstehen  konnten,  unvermittelt  als  Zielstellung
       proletarischer  Persönlichkeitsentwicklung.  Ob  und  wie  solche
       Ideale für  Lohnarbeiter und  ihre Familien heute konkrete Orien-
       tierungen abgeben  können, wie sie sich zu den wirklichen Prozes-
       sen individueller Entwicklung von Proletariern und zu den materi-
       ellen Determinanten dieser Entwicklung verhalten, wo der Klassen-
       charakter kultureller Zielstellungen und Ideale zu bedenken ist -
       solche Fragen  liegen offensichtlich außerhalb dieser Konzeption.
       9) Metscher  betont: Träger  der Kulturentwicklung  sind Klassen.
       "Der kulturelle Prozeß ... ist durchgängig geprägt durch die ant-
       agonistische Struktur der überlieferten gesellschaftlichen Forma-
       tion; er  ist Teil  der Geschichte als einer Geschichte von Klas-
       senkämpfen."
       Es läuft  jedoch auf soziale Verengung und Enthistorisierung hin-
       aus, wie er primär in der Geschichte von Kunst und Literatur "die
       Bildung der  gesellschaftlichen Subjekte in paradigmatischer Form
       - in  ästhetischen Modellen "" aufspürt. Die Verbindlichkeit die-
       ser einschichtigen  Traditionslinie für sozialistische Kulturauf-
       fassung heute  wird nicht  problematisiert;  nur  unter  dem  Ge-
       sichtspunkt des "Erbens" wird - sehr zu Recht - auf die "sozialen
       Kosten" klassischer  Entfaltungskonzepte und  auf individualisti-
       sche Begrenztheit  bürgerlicher Persönlichkeitsideale  verwiesen.
       Fruchtbar schiene  mir jedoch  die Frage nach der sozialen Diffe-
       renzierung von Persönlichkeitsidealen und nach der Art und Weise,
       wie sie  auf unterschiedliche Lebensbedingungen (der Künstler wie
       ihrer Figuren)  zu beziehen  sind, wie sich bürgerlich-humanisti-
       sche von verschiedenen proletarischen Persönlichkeitskonzeptionen
       und Wertsystemen  unterscheiden und  was sie  eint. So könnte man
       sich den Problemen nähern, was bisher an künstlerischen Beiträgen
       zur Aufhebung der klassisch-neuhumanistischen Persönlichkeitskon-
       zeption in  der marxistischen Kulturauffassung der Arbeiterklasse
       vorliegt.
       Kulturtheorie mit  diesem Anspruch  darf m.E. nicht, wie Metscher
       das tut, bei der Entwicklung ihrer Kategorien und Methoden unmit-
       telbar kulturpolitische  Leistungsansprüche zu vorrangigen Krite-
       rien machen:  "Was wir  benötigen, ist ein wissenschaftlicher Be-
       griff von  Kultur, der die Kritik kultureller Deformationen unter
       kapitalistischen Bedingungen  möglich macht, der als theoretische
       Plattform für  das Bündnis  aller demokratischen  Kräfte im  kul-
       turellen Bereich  dienen kann."  Eine gewisse Vereinseitigung und
       Vergröberung der legitimen Aufgabe wissenschaftlicher Imperialis-
       muskritik hat  in der Vergangenheit beigetragen zur pauschalisie-
       renden Betrachtung der kulturellen Verhältnisse der Lohnarbeiter,
       die man  rein negativ,  als  Nicht-Verwirklichung  humanistischer
       Ideale und  Ausschließung von kulturell wertvoller Produktion und
       Aneignung erfaßte.  Und neben  der Formulierung von Bündnisplatt-
       formen bedarf es der ständigen klaren und differenzierten Bestim-
       mung der Tendenzen und Aufgaben, die zur kulturellen Emanzipation
       der Arbeiterklasse  als Teil ihrer revolutionären Gesamtstrategie
       gehören.
       Es geht  nicht um  den totalen Bruch mit der Traditionslinie bür-
       gerlich-humanistischen Denkens, sondern darum, wie die großen hu-
       manistischen Ideale in der proletarischen Kulturauffassung aufzu-
       heben sind;  polemisch formuliert:  Es geht  um  Aufhebung  statt
       Übernahme. Gerade,  wenn ich  den in dieser Tradition enthaltenen
       Anspruch sozial  wirksam werden lassen will, muß ich zunächst die
       wirkliche Persönlichkeitsentwicklung in verschiedenen Klassen und
       Gruppen unserer  Gesellschaft untersuchen, ihre inneren Gesetzmä-
       ßigkeiten, Widersprüche  und Entwicklungstendenzen  objektiv her-
       ausarbeiten. Wenn  ich dabei  feststelle, daß in der Lebenspraxis
       der Lohnarbeiter  heutzutage "kulturelle Kernbereiche" wie Philo-
       sophie, Wissenschaft,  künstlerische  Produktion  und  Rezeption,
       aber auch  Körperkultur (Metscher)  nur am Rande eine Rolle spie-
       len, darf  die Analyse  eben nicht  mit der  radikal  imperialis-
       muskritischen Wertung beendet werden, wer als Soziologe über Kul-
       tur der  Arbeiterklasse spreche, müsse zuvörderst über "die impe-
       rialistische Massenkultur" sprechen (Haag).
       Ausgangspunkt  einer  wissenschaftlich-humanistischen  Konzeption
       sind die  inneren Gesetzmäßigkeiten  der gegenwärtigen Kulturpro-
       zesse und  ein materialistisches "Verständnis der Lebensfunktion,
       des subjektiven  Sinns und  der objektiven Notwendigkeit, der Po-
       tenzen und  Defizite der  heutigen Kultur der Arbeiterklasse, des
       widersprüchlichen Prozesses  der Entwicklung  ihrer bewußten  und
       persönlichkeitsproduktiven Züge unter den Bedingungen der Ausbeu-
       tung und  Deformation. Erst das Aufweisen der objektiven Funktion
       und der  subjektiven Bedeutung  von Verhaltensweisen als Reaktion
       auf bestimmte  Lebensbedingungen läßt  wissenschaftliche Einsicht
       zu, wie  sie real  zum entscheidenden Prozeß der Erhöhung der Be-
       wußtheit in der Kultur der Klasse stehen" (Maase).
       Der Schlüssel  für die Entfaltung der immanenten Widersprüche und
       Tendenzen in Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung der Lohn-
       arbeiter liegt  darin, konsequent  von den  Anforderungen an ihre
       Lebenstätigkeit als  Lohnarbeit und Reproduktion der Arbeitskraft
       auszugehen. Das  bedeutet nicht,  wie Metscher mißverstanden hat,
       der "Reproduktion  der Arbeitskraft  an sich"  einen "kulturellen
       Wert" zuzusprechen.  Vielmehr soll  konkret die  Formbestimmtheit
       kultureller Entwicklung  der Lohnarbeiter im Kapitalismus entfal-
       tet werden:  "Die Fähigkeiten und Kenntnisse, Genüsse und Bedürf-
       nisse, Beziehungen und Normen, die über die Produktion und Repro-
       duktion der  Arbeitskraft erworben und betätigt werden, bilden in
       ihrer widersprüchlichen Entwicklung den wirklichen Grundstock für
       Lebensweise und  Persönlichkeitsentfaltung in der Arbeiterklasse"
       (Maase). Diese  Prozesse werden nicht wertfrei, voraussetzungslos
       beschrieben; sie  sind Gegenstand  von Klassenkämpfen, es geht um
       ihre Veränderung nach den Maßstäben kulturellen Fortschritts, mit
       dem Ziel  produktiver Persönlichkeitsentfaltung der Lohnarbeiter-
       individuen. Daher  ist erkenntnisleitend  die "Frage, wie mit Er-
       fahrung und  Bewußtwerdung  der  proletarischen  Klassensituation
       bürgerliche Dominanz  der subjektiven  Kultur zurückgedrängt  und
       über erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft erworbene Fähigkei-
       ten, Betätigungsmöglichkeiten,  Bedürfnisse  und  Kenntnisse  für
       kulturellen Fortschritt  genutzt werden  können. Nicht  die  iso-
       lierte Einschätzung  von Prozessen der Qualifikations- und Repro-
       duktionsentwicklung steht  im Zentrum  marxistischer Betrachtung.
       Die objektiven  sozialen Anforderungen  an die  Arbeitskraft  und
       ihre Wiederherstellung sind zur wirklichen Ausbildung von Lebens-
       weise und  Persönlichkeit der  Lohnarbeiter vermittelt  vor allem
       über ihren Kampf um bessere Entwicklungsbedingungen, über Organi-
       siertheit und Bewußtheit ihrer eigenen Praxis" (Maase).
       Die bisher  in dieser  Richtung vorgetragenen Überlegungen wurden
       mehrfach als  positivistisch bezeichnet.  Eine Konsequenz  dieser
       Kritik könnte  die Unterscheidung zwischen "Lebensweise" als rein
       beschreibender Kategorie  und "Kultur"  der Arbeiterklasse  sein;
       letztere bezöge  sich dann auf die Seiten der Lebenstätigkeit der
       Lohnarbeiter, in  denen sie  "sich ihre  Aktivitäten als sinnvoll
       und genießbar  einrichten" (Haug).  Eine  solche  Differenzierung
       kann im  Verlauf der Untersuchungen nützlich sein; als Vorab-Ent-
       scheidung engt sie jedoch den Blick der Kulturwissenschaftler auf
       problematische Weise  ein. Ein  konsequent historisches  Vorgehen
       verlangt die  unvoreingenommene, unbeschränkte  Aufarbeitung  und
       Untersuchung der  Prozesse, Bedingungen und Widersprüche von Per-
       sönlichkeitsentwicklung in  der Arbeiterklasse  als materiell be-
       gründet und  gesetzmäßig dialektisch  determiniert.  Nur  in  der
       Spannung zwischen der Perspektive universeller Entfaltung und den
       heutigen Entwicklungsbedingungen der Lohnarbeiter sind vom Stand-
       punkt der  Arbeiterklasse aus kulturelle Maßstäbe und Zielsetzun-
       gen zu entwickeln, die von der konkreten Funktion bestimmter Nor-
       men, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Bedürfnisse für die Lebensbe-
       wältigung der  Lohnarbeiter ausgehen  und ihren möglichen Beitrag
       zu produktive! Persönlichkeitsentwicklung untersuchen. Dabei geht
       es nicht  um positivistisches  Festschreiben dieser Verhältnisse,
       sondern um die materialisitische Bestimmung der für die Masse der
       Proletarier wirklich  begehbaren Wege  zu vielfältiger  Aneignung
       des gesellschaftlichen  Reichtums -  wirklich im Zusammenhang mit
       materiell fundierten  Tendenzen ihrer  Lebensbedingungen und  Le-
       bensanforderungen. Gegenüber  den Ansätzen eines solchen Konzepts
       - um  mehr handelt es sich bisher nicht - scheint mir Haugs Sorge
       unbegründet, man  wolle das Verhalten der Arbeiter nach intellek-
       tuelldogmatisch ausgeklügelten Kulturmodellen regeln.
       
       Probleme: Gegenstandsabgrenzung und Wertung
       -------------------------------------------
       
       Bisher vorgebrachte  Einwände zielen gleichwohl auf unverkennbare
       Probleme. Angekreidet werden Vagheit und mangelnde Abgrenzung ge-
       genüber dem Gesellschaftsbegriff. Formen, Bedingungen und Tenden-
       zen der  Persönlichkeitsentwicklung sozialer  Individuen  stellen
       einen Gegenstand kulturwissenschaftlicher Untersuchungen dar, der
       theoretisch von  "Gesellschaft" zu  unterscheiden  ist.  Der  An-
       spruch, im  Grunde alle Vermittlungen der Persönlichkeitsentwick-
       lung in  der gesamten  Lebenstätigkeit zu berücksichtigen und die
       unmittelbaren Lebensbedingungen  als spezifisch durch die Produk-
       tionsweise determiniert  zu erfassen, schafft jedoch wirklich ein
       Forschungsfeld, in dem alle gesellschaftlichen Verhältnisse unter
       dem Aspekt ihrer sozialisierenden Funktion bzw. ihrer Wirkung auf
       Lebensbedingungen zu  berücksichtigen sind.  Selbst für eine kul-
       turtheoretische Arbeit,  die Ergebnisse vieler Einzelwissenschaf-
       ten zugrunde  legt, stellt  sich damit  das Problem der Kompetenz
       und der  sinnvollen Strukturierung und Hierarchisierung ihres Ge-
       genstands.
       Allerdings haben  die Vorschläge von Metscher und Parade 10) noch
       keine praktikablen  Lösungswege gewiesen.  Schul- und Bildungswe-
       sen, Sport, Informations- und Unterhaltungsindustrie, Philosophie
       und Wissenschaft sowie künstlerische Produktion und Rezeption als
       "kulturelle Kernbereiche" (Metscher) zu verstehen, entspricht ei-
       ner  vernünftigen  kulturpolitischen  Gegenstandsbestimmung;  die
       Heraushebung ideologischer  Apparate und Prozesse übergeht jedoch
       die Einsichten in die persönlichkeitsprägende Funktion von Formen
       sozialer Praxis  wie Berufsarbeit, Familienleben, gewerkschaftli-
       chem und politischem Engagement, alltäglicher persönlicher Kommu-
       nikation usw. - Einsichten, die Metscher zumindest teilweise sel-
       ber anführt. Hier sehe ich die Tendenz zur Wiederbelebung ideolo-
       gie-theoretischer Konzepte,  die die  Arbeiterklasse im  heutigen
       Kapitalismus primär  als Objekt  ideologischer Beeinflussung ver-
       stehen (kulminierend  in der Manipulationstheorie) und die grund-
       legenden Prozesse  spontaner Ideologiebildung nicht beachten. Da-
       mit vermag  ich aber  die Prozesse  der Persönlichkeitsentfaltung
       als aktive  Leistung der Klasse in der Auseinandersetzung mit den
       Lebensbedingungen der  Lohnarbeit nicht  zu erfassen. 11) Es kann
       nicht das letzte Wort marxistischer Kulturauffassung sein, in der
       konkret-historischen produktiven  Aneignung und  Erweiterung  des
       gesellschaftlichen und  natürlichen Reichtums durch die arbeiten-
       den materiellen Produzenten wesentlich nur die "Grundlage (Basis)
       aller, auch der kulturellen Lebensprozesse" zu sehen (Metscher).
       Parade will unter Kultur fassen die "Tätigkeiten, Beziehungen und
       Gegenstände oder  Elemente in  ihnen, die  einzig und  allein zum
       Zweck  der   Persönlichkeitsbildung   geschaffen   wurden",   die
       "primärfunktional der  Persönlichkeitsbildung dienen".  12)  Eine
       solche  Zusammenstellung  von  Elementen  des  gesellschaftlichen
       Reichtums hat  - wie  die Bestimmung  der Kernbereiche durch Met-
       scher - durchaus analytischen und kulturpolitischen Sinn, vor al-
       lem für  die Erforschung der Kulturauffassung und der Institutio-
       nen zu  ihrer Vermittlung.  Wenn dann  aber Parade  selber  fest-
       stellt, daß damit nicht erfaßte "politische, ökonomische oder so-
       ziale Erscheinungen...  ebenfalls und  oft viel  nachhaltiger auf
       Persönlichkeitsentwicklung Einfluß  nehmen" 13)  qualifiziert  er
       seinen eigenen  Vorschlag m.E.  selber als zur Grundlegung histo-
       risch-materialistischer Kulturtheorie  ungeeignet. Wie  schon ge-
       sagt: Den  Gedanken liegt  ein wirkliches  Problem  marxistischer
       Kulturtheorie zugrunde  - das  aber vor allem in der Sache selber
       begründet ist  und nur  sekundär in ungenügendem Stand bisheriger
       Theorieentwicklung.
       Mit der  Betonung der  Wertungsfragen wird  in der bisherigen De-
       batte das  zentrale Problem aufgegriffen. Wie sind hier und heute
       kulturpolitische und  -praktische Orientierungen  für die Lohnar-
       beiter zu  begründen? Welche  Bedeutung ist  darin (neben den für
       die Klasse  wichtiger und  leichter zugänglich  werdenden  Formen
       künstlerischer Rezeption  und Eigentätigkeit) fachlicher Qualifi-
       kation und  gewerkschaftlichem  Engagement,  gesellschaftspoliti-
       scher Interessenbewußtheit,  intensivem Schausportkonsum, erfolg-
       reicher Kleingärtnerei,  gekonnter praktisch-technischer  Selbst-
       hilfe, Briefmarkensammeln  und Taubenzuchten,  ausgedehnter Erho-
       lung in  der Natur,  der Kommunikation mit Kollegen und Nachbarn,
       Tanz und Feiern in der gegenwärtigen Verfassung zu geben? Wie be-
       wertet man die Ausdehnung der Genüsse und Tätigkeiten, der Erfah-
       rungen und  Beziehungen der Lohnarbeiter durch erweiterte Konsum-
       möglichkeiten, mehr  Freizeit, Urlaubsreisen  und Massenmedien  -
       über ideologiekritische Urteile hinaus? Wie stehe ich zur Bedürf-
       nisdynamik  in  diesen  Bereichen?  Wie  verhält  sich  das  Ziel
       "Selbstverwirklichung" zum Bild des qualifizierten, klassenbewuß-
       ten, aktiven,  in den  sozialen Auseinandersetzungen standhaften,
       einfallsreichen, beweglichen,  solidarisch handelnden  Arbeiters,
       der Teil einer wirklich gleichberechtigten Familie ist, in seiner
       beschränkten  Freizeit  gern  schwierige  Bergtouren  unternimmt,
       selbstsicher und  kritisch die  Massenmedien, v.a. das Fernsehen,
       nutzt, ziemlich  regelmäßig Tageszeitung  und Gewerkschaftsveröf-
       fentlichungen liest, auch bei Bier und Kegeln den Kontakt zu sei-
       nen Kollegen  hält... (auf  eine weitere Ausmalung kann hier ver-
       zichtet werden)?  Gehört solche  Idealbildung aus wirklichen Ten-
       denzen in den Bereich der Politik statt in den der Kultur?
       
       Einheit von Vielfalt und Bewußtheit
       -----------------------------------
       
       Wie in den genannten Aktivitäten und Qualitäten Elemente und Ten-
       denzen produktiver  und  bereichernder  Persönlichkeitsentfaltung
       wirken, das  ist im einzelnen differenziert, in seinen Widersprü-
       chen und  seiner kapitalistischen Formbestimmtheit herauszuarbei-
       ten. Anstelle  apodiktischer und  menschheitsgeschichtlicher Maß-
       stäbe scheinen  mir  gegenwärtig  die  Kriterien  der    V i e l-
       f a l t,   G e n u ß i n t e n s i t ä t,    P r o d u k t i v i-
       t ä t   u n d B e w u ß t h e i t   in  der Aneignung des gesell-
       schaftlichen Reichtums  an Betätigungs- und Befriedigungsmöglich-
       keiten brauchbar. Produktivität meint, ob solche Aktivitäten ins-
       gesamt einen positiven Beitrag leisten können zur Bewältigung der
       unmittelbaren Lebensaufgaben und Lebensprobleme, die letztlich in
       einen kollektiven und solidarischen Zusammenhang führen muß, oder
       ob sie  zum Bornierten,  Exzentrischen, individualistisch,  wirk-
       lichkeitsabgewandt und  aggressiv unsolidarischen  tendieren,  ob
       sie weitere  Entwicklungen anregen oder abbremsen. Solche zurück-
       haltenden und für das wirkliche Leben offenen Bestimmungen machen
       es jedoch nötig, die Förderung von Bewußtheit ins Zentrum kultur-
       politischer und  kulturpraktischer Orientierung der Arbeiterbewe-
       gung zu  stellen: "Bewußt" wird umfassend und prozeßhaft verstan-
       den - vom rationalen Verhalten gegenüber der Reproduktion der ei-
       genen Arbeitskraft  bis zum entwickelten wissenschaftlichen Klas-
       senbewußtsein. Diese  These steht  nicht im Gegensatz zur Notwen-
       digkeit, spontane Entwicklungen einzuschließen in die Betrachtung
       des Prozesses,  der mit  "Kultur der Arbeiterklasse" angesprochen
       ist; 14)  aus ihr  folgt keine  negative Bewertung  oder auch nur
       Herabstufung spontaner,  emotionaler, spielerischer,  zweckfreier
       Aktivitäten. Es  geht um  die Orientierung  für das Eingreifen in
       die Kulturprozesse  in der  Arbeiterklasse, um die Bestimmung des
       entscheidenden Kettenglieds  für die  produktive  Entfaltung  des
       gesamten Ensembles  der Tätigkeiten und Persönlichkeitsqualitäten
       der Lohnarbeiter unter unseren historischen Bedingungen.
       Zugrunde liegt  die These, daß man nicht sinnvoll isolierte Akti-
       vitäten  und  Interessen  bewerten  kann,  daß  ihre  Persönlich-
       keitsproduktivität vielmehr  nur im Zusammenhang der gesamten Le-
       benstätigkeit zu bestimmen ist; sehr stark vereinfacht: Charakter
       und Perspektive beispielsweise von Briefmarkensammeln oder Klein-
       gärtnerei sind  nicht die  gleichen bei einem klassenbewußten und
       aktiven Arbeiter und seinem Kollegen , der nicht an interessenbe-
       wußter Praxis  teilnimmt. Sinnvoll ist nicht die Abgabe kulturel-
       ler Werturteile  über Kleingärtnerei,  sondern die  Förderung der
       bewußten, selbständigen  Elemente in den Entscheidungen und Hand-
       lungen  der  Individuen.  Orientierung  auf  Bewußtheit  bedeutet
       nicht, vorhandene Vielfalt einzuengen und fest in der Lebensweise
       verankerte Neigungen  zu verdammen, sondern die real vorfindliche
       und historisch notwendige Tendenz zur Bewußtheit in der Lebenstä-
       tigkeit zu  stärken . Aus dieser Sicht einige weitere Erläuterun-
       gen.
       - Die kulturelle Befreiung der Arbeiterklasse und anderer werktä-
       tiger Klassen und Schichten ist vermittelt über die Eroberung der
       politischen Macht  und die  Schaffung eines  neuen, sozialistisch
       strukturierten Typs von Entwicklungsbedingungen.
       - Bewußtheit, Wissen  und breiter  Horizont sozialer  und politi-
       scher Interessen  und Aktivitäten  bilden  für  die  Lohnarbeiter
       einen wichtigen  Durchgangspunkt zur  Ausbildung von Motivationen
       und Qualifikationen, die auf genußreiche und angemessene Kunstre-
       zeption und schöpferische Selbsttätigkeit gerichtet sind.
       - Die Entwicklung  von Praxis  und Theorie  im  Zusammenhang  der
       Durchsetzung der  Interessen der  Lohnarbeiter und  der Arbeiter-
       klasse stellt  mit ihren  Erfahrungen und Anforderungen einen er-
       strangigen Entfaltungsraum proletarischer Persönlichkeiten dar.
       - Mit der  Stärkung der  Bewußtheit in der Lebenstätigkeit können
       die Lohnarbeiter  praktisch eingreifen  in den  widersprüchlichen
       Kulturprozeß der  Entwicklung ihrer  Fähigkeiten und  Kenntnisse,
       Bedürfnisse und Genüsse, Normen und Werte, Beziehungen und Tätig-
       keiten - widersprüchlich durch kapitalistische Formbestimmung und
       bürgerliche Ideologie.  "Im Maß  der bewußten Behandlung, Nutzung
       und Entwicklung  der eigenen  Vermögen wird alles im Produktions-
       und Reproduktionsprozeß  Erworbene auf  seine Potenz für die Ver-
       wirklichung selbstbestimmter Interessen geprüft und nach Möglich-
       keit in  die  produktive  Persönlichkeitsentwicklung  einbezogen"
       (Maase), wird  die bürgerliche  Hegemonie über die Kulturprozesse
       in der Arbeiterklasse zurückgedrängt.
       - Dieses Konzept  beinhaltet viele Widersprüche und Probleme, auf
       die hier  nicht eingegangen  werden kann; nicht das geringste ist
       die Gefahr  politischer Versimpelung, die das Kulturniveau harmo-
       nisierend mit  dem Aktivitätsgrad  in der  sozialistischen Arbei-
       terbewegung gleichsetzt:  "richtiges Bewußtsein  =  Kultur".  Das
       dürfte jedoch  kein Argument dagegen sein, in einer auf Selbstbe-
       stimmung, freie  Gestaltung  der  gesellschaftlichen  Lebensform,
       Sinn (Hillgärtner),  auf Solidarität und Einbeziehung der Bedürf-
       nisse aller  (Metscher) orientierten  kulturtheoretischen Konzep-
       tion die  Persönlichkeitsbedeutung individueller Teilnahme an der
       selbstbestimmten Gestaltung  der sozialen  Verhältnisse sehr hoch
       einzustufen. Die  Kategorie Bewußtheit bringt zugleich den unver-
       zichtbaren objektiven  Bezug in  die kulturelle Wertung. Ohne den
       positiven Zusammenhang  mit der kollektiven Beherrschung und ent-
       wicklungsfördernden Gestaltung  der sozial vermittelten Lebensbe-
       dingungen wird  jeder Genuß  und Selbstgenuß,  wird jede  selbst-
       zweckhafte Aneignung  gesellschaftlichen Reichtums borniert; ohne
       diesen Bezug  gibt es keine Annäherung an das kommunistische Kul-
       turideal, daß  "die freie  Entwicklung eines  jeden die Bedingung
       für die freie Entwicklung aller ist". 15)
       Diesen Überlegungen wird sicher entgegengehalten werden, sie lie-
       fen auf  eine dogmatische  Ideologisierung und  Politisierung von
       Kultur hinaus.  Dazu nur zwei Bemerkungen. Bewußtheit, Rationali-
       tät wird  im kulturtheoretischen  Zusammenhang sehr  viel  weiter
       verstanden als  "Kenntnis der  gesellschaftlichen Entwicklungsge-
       setze", "Wissenschaftlicher Sozialismus" oder ähnliches - es geht
       um Vernunft,  Bewußtheit in  allen  Bereichen  individueller  Le-
       benstätigkeit. Tendenzen  in dieser  Richtung sind  unter anderem
       begründet in  der Qualität  der Arbeiterklasse  als rationell die
       modernsten Produktionsmittel  anwendend, in denen immer mehr wis-
       senschaftliche Erkenntnisse  vergegenständlicht sind.  Dabei geht
       es für  den Kulturtheoretiker letztlich um die bewußte Behandlung
       der eigenen  Entwicklung durch die Individuen - allerdings im be-
       wußten Zusammenhang  mit der rationalen Gestaltung ihrer sozialen
       Bedingungen. Damit wird die wirkliche Rolle von Emotionalität für
       individuelle Entfaltung und Befriedigung nicht geschmälert.
       Wenn hier prononciert von sozialer Interessenvertretung und poli-
       tischer Aktivität  als herausragenden Feldern produktiver Entfal-
       tung der  einzelnen Lohnarbeiter  die Rede  war, so nicht aus der
       Absicht äußerlicher  Politisierung von Kultur um jeden Preis. Die
       konsequente Beziehung  individueller Entfaltung  auf die in klas-
       senspezifischen Lebensbedingungen  enthaltenen  Handlungsanforde-
       rungen und  -möglichkeiten verweist  auf diese  Praxisformen  als
       vorrangige Bereiche, in denen von den einzelnen Lohnarbeitern be-
       wußtes und  tendenziell selbstbestimmtes Verhalten verlangt wird.
       Behauptung gegen  das Kapital  bis zum organisierten, auf wissen-
       schaftlicher Grundlage  geführten Kampf für seine Überwindung ist
       ein objektives Erfordernis für die Lebensbewältigung der Proleta-
       rier. Bei  der Suche nach Möglichkeiten für proletarische Persön-
       lichkeitsentfaltung, die  unter kapitalistischen Bedingungen Ele-
       mente freier, sinnvoller, bereichernder und befriedigender Tätig-
       keit verwirklicht, muß man also auf gesellschaftsverändernde Pra-
       xis als ein erstrangiges Entwicklungsfeld stoßen. Ich glaube, der
       unvoreingenommene Blick  auf die Zusammenhänge von aktiver Inter-
       essenvertretung und  reicher Individualität  unter  Lohnarbeitern
       legt nahe, daß hier ein wirklicher Zusammenhang besteht. Daß sol-
       che Entwicklungen  nicht harmonisch,  sondern geprägt  durch ihre
       widersprüchlichen und beschränkten Voraussetzungen verlaufen, ist
       dabei mitgedacht.
       Spätestens an  dieser Stelle  ist ein  Hinweis darauf angebracht,
       daß die  hier vertretene  kulturtheoretische Position  keineswegs
       nur als Ergebnis, Zwischenstand immanenter Theorienentwicklung zu
       betrachten ist.  Sie wurde und wird herausgefordert durch kultur-
       politische und  kulturpraktische  Veränderungen  der  vergangenen
       Jahre; dazu nur einige stichwortartige Bemerkungen.
       Eine derartige  Herausforderung war die Debatte um kommunale Kul-
       turpolitik, die ausgelöst wurde in erster Linie durch sozialdemo-
       kratische Reformvorschläge  auf der  Basis eines über Kunstpflege
       hinaus bedeutend  erweiterten Kulturverständnisses.  Die Erarbei-
       tung einer  eigenständigen Konzeption  im Interesse der Arbeiter-
       klasse verlangte differenzierte Überlegungen zur Entwicklung kul-
       tureller Bedürfnisse  bei den  arbeitenden Menschen. Die Verstär-
       kung sozialer und politischer Auseinandersetzungen in der Bundes-
       republik, an  denen Teile  der Arbeiterklasse teilnahmen, war ein
       wesentlicher Anstoß  dazu, in  allen Bereichen marxistisch orien-
       tierter Wissenschaft  das Proletariat  wieder deutlicher und kon-
       kreter als   S u b j e k t   s e i n e r   e i g e n e n   E n t-
       w i c k l u n g   zu untersuchen.  Das schlug  sich unter anderem
       nieder  in   einer  Zunahme   sozial-  und  kulturgeschichtlicher
       Untersuchungen und Veröffentlichungen, die die selbständigen Lei-
       stungen der Lohnarbeiter und ihrer Organisationen bei der Gestal-
       tung einer  spezifischen Lebensweise  deutlich machten  und einen
       differenzierteren Blick  auf die  heutigen Lebensverhältnisse der
       Arbeiter und Angestellten nahelegten.
       Dem aufmerksamen  Beobachter boten  sich viele  Anzeichen für ein
       Wachstum kultureller Bedürfnisse und Ansprüche unter den abhängig
       Arbeitenden, das  im Verlangen nach höherer "Qualität des Lebens"
       recht gut zusammengefaßt ist: Eine wachsende Sensibilität für die
       Persönlichkeitsproduktivität von Lebensbedingungen (abwechslungs-
       reiche und  geistige Leistung  fordernde Arbeitsplätze,  Kommuni-
       kationsmöglichkeiten im  Wohngebiet, aktive  Erholung,  Erhaltung
       natürlicher Umwelt,  unverwechselbarer Charakter  städtebaulicher
       Ensembles) vergrößerte  die  Bereitschaft  zum  Widerstand  gegen
       Verschlechterungen und  erfaßte auch Teile der Industriearbeiter-
       schaft.
       Bei der  Suche nach  den Gründen  für solche Tendenzen wandte man
       sich veränderten  Bedingungen der Verausgabung und Wiederherstel-
       lung der  Arbeitskraft zu; Sicherung und Ausweitung der Reproduk-
       tionsmöglichkeiten nahmen  einen wachsenden  Raum in  der gewerk-
       schaftlichen Diskussion und auch ansatzweise im praktischen Enga-
       gement ein.
       In der  Kulturarbeit der Arbeiterorganisationen stehen Formen und
       Bereiche im  Vordergrund wie  Schulung und Bildung, agitatorische
       Genres und  Methoden, Aufnahme  von Elementen  der "Jugendkultur"
       (Beat, Rock,  Folklore, Lied,  Festivals, Motorradclubs),  Feste,
       Feiern und Kommunikation, Förderung aller Formen der Selbsttätig-
       keit von  den Thekenmannschaften  bis zu  den schreibenden Arbei-
       tern. Selbst  im Bereich künstlerisch-ästhetischer Produktion und
       Rezeption in der Arbeiterklasse entwickelten sich Funktionsbezüge
       und Wertungsprobleme,  die - wie alle angeführten Tendenzen - die
       Mängel unhistorischer  und noch  kulturkritisch beeinflußter Kul-
       turauffassungen deutlich  werden ließen;  angeregt wurde eine Be-
       schäftigung mit  Kulturprozessen in der Arbeiterklasse, die stär-
       ker die  konkreten Bedingungen  und Anforderungen berücksichtigt,
       um reale Zielstellungen zu gewinnen.
       
       Bewußtheit oder Selbstzweckhaftigkeit?
       --------------------------------------
       
       In der  Frage der Bewußtheit liegt der wesentliche Differenzpunkt
       zu den  Auffassungen von  Haug, der die Elemente von Spontaneität
       und  Selbstzweckhaftigkeit  im  Kulturprozeß  verabsolutiert.  Er
       greift die  Marxsche Bemerkung  zum "Reich der Freiheit" auf, das
       charakterisiert sei durch menschliche "Kraftentwicklung, die sich
       als Selbstzweck  gilt" 16):  Der Kulturaspekt in der menschlichen
       Lebenstätigkeit liege  immer dort,  wo "sich Menschen als Selbst-
       zweck setzen"  (Haug), Haug  will sich mit diesem "demokratischen
       Begriff der Kultur 'von unten'" gegen elitär-bürgerliche Konzepte
       wenden; primär  ist seine Argumentation jedoch bestimmt durch die
       Abgrenzung gegenüber  einer Kulturauffassung, die bei der Bestim-
       mung  und  Schaffung  kultureller  Entwicklungsmöglichkeiten  und
       -anforderungen für die Lohnarbeiter dem hier und heute verlangten
       Maß an  Bewußtheit, Organisiertheit  und Arbeitsteiligkeit in der
       sozialistischen Arbeiterbewegung  Rechnung trägt. Haug attackiert
       den Versuch,  "von oben  herab bestimmte Kulturstandards nach be-
       stimmten Mustern zu propagieren" und so "das Verhalten der Arbei-
       terklasse zu  regeln", er  wendet sich gegen "Administrationismus
       und Edukationismus" sowie gegen die Instrumentalisierung der Kul-
       tur durch  ihre Gleichsetzung mit Ideologie. Leider bringt er da-
       für keine  Belege aus  der Praxis; in diesem Fall könnte man kon-
       kret argumentieren - sicher gab und gibt es Tendenzen und Verfah-
       ren, denen  gegenüber Haugs Einwände und die Betonung des sponta-
       nen Elements in der Kulturentwicklung angebracht sind.
       Sein Anspruch  ist allerdings,  nicht  nur  Korrekturen,  sondern
       einen eigenständigen  Beitrag zur  marxistischen Kulturtheorie zu
       liefern. Was  bringt sein  Ansatz für die kulturwissenschaftliche
       Forschung und für die kulturpolitische Orientierung der Arbeiter-
       bewegung in  ihrem Kampf  gegen die staatsmonopolistische Kultur-
       herrschaft? Haug  erinnert uns  an "die Marxsche Regel, nicht von
       theoretischen Setzungen,  sondern von  der wirklichen  Praxis der
       Menschen auszugehen". In der Dialektik objektiver Handlungsanfor-
       derungen und  subjektiver Zielstellungen  ist die Lebenstätigkeit
       der Lohnarbeiter  primär bestimmt  durch die  Notwendigkeiten des
       Verkaufs, der  Anwendung und Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft
       für das Kapital - also nicht durch die Sinnvorstellungen und Per-
       sönlichkeitsbedürfnisse der  Individuen; auch  die  Anforderungen
       der Interessenvertretung  und des Kampfes zur Überwindung des Ka-
       pitalverhältnisses folgen  zunächst objektiven sozialen Gesetzmä-
       ßigkeiten. Kann man da ausklammern, was in der so bestimmten Pra-
       xis, bei  der individuellen Bewältigung objektiver Anforderungen,
       an Persönlichkeitsentwicklung stattfindet? Wie soll die Praxis im
       Rahmen des Notwendigen gestaltet werden , um den Individuen opti-
       male Entfaltung  zu ermöglichen  und abzuverlangen?  Ist jenseits
       subjektiver  Zwecksetzung   kulturelle   Entwicklung   unmöglich?
       Schule, Ausbildung, Arbeitspraxis, Arbeitskämpfe können doch pro-
       duktive Persönlichkeitsqualitäten  vermitteln - auch wenn die In-
       dividuen darin subjektiv zunächst keinen Sinn für sich selber se-
       hen.
       Haug zerreißt die reale Dialektik. Er greift einen Gedanken Marx'
       zur kommunistischen  Gesellschaft auf  und entwickelt  daraus als
       Kriterium für  wissenschaftliche Erfassung wie politische Behand-
       lung aktueller  Kulturprozesse - ihre Selbstzweckhaftigkeit. Ohne
       Zweifel ist  damit ein  richtiger und  wichtiger Aspekt  der Kul-
       turentwicklung aufgegriffen, für den unter der von Marx genannten
       Voraussetzung "assoziierter  Produzenten, ...  (die) ihren Stoff-
       wechsel mit  der Natur  rationell  regeln"  17)  -  im  Sozialis-
       mus/Kommunismus also - zunehmend reale Voraussetzungen geschaffen
       werden und der unter diesen Bedingungen an Bedeutung gewinnt.
       An einer  Stelle formuliert Haug die Dialektik von objektiven und
       subjektiven Zwecksetzungen  so, daß  darin Platz  ist für die Er-
       kenntnis und  Entwicklung der  kulturellen Potenz in den sozialen
       und  politischen  Aktivitäten  engagierter  Arbeiter:  kulturelle
       Zielstellung sei,  dem Tun des Notwendigen Genuß und Befriedigung
       für die Individuen abzugewinnen . Hier steht er ganz nahe bei Sè-
       ves Konzept  des -  kämpferischen Lebens".  18) Der Bezug auf das
       Notwendige als  objektives Element kultureller Bewertung wird je-
       doch  verdrängt  durch  eine  völlig  subjektive  Bestimmung  des
       Selbstzwecks: "Wir  sollten den kulturellen Aspekt...  u n m i t-
       t e l b a r   von den  Lebenszwecken her bestimmen, wie die wirk-
       lichen Menschen  sie setzen"  (Haug;  Hervorhebung  K.M.).  Unter
       denen, die  Zwecke setzen,  tauchen zwar  auch die Organisationen
       der Klassen  und ihre Aktionen auf" aber ohne weitere Konsequenz.
       Kultur beruhe  "nicht... auf  Einsicht in die Notwendigkeit", sie
       sei erkennbar  an der Abwehr äußerer Beeinflussungsversuche: "Das
       Kulturelle  ist   das,  was  sich  als  das  Nicht-Instrumentelle
       auffaßt, was sogar als anti-instrumentell auftritt."
       Die fatale  Nähe zu  bürgerlichen Konzeptionen von Kultur als dem
       Zweckfreien, Spielerischen  folgt aus der Mißachtung der materia-
       listischen Grundeinsicht, daß Entfaltung, Genuß, Befriedigung der
       Individuen stets  vermittelt sind über die kooperative Sicherung,
       Erweiterung und bewußte Regulierung des gesellschaftlichen Repro-
       duktionsprozesses. Wie  ist Haug  anders zu verstehen, als daß er
       Kultur allein aus der Entgegensetzung gegen solche äußeren Zweck-
       setzungen, Notwendigkeiten und Instrumentalisierungen bestimmt?
       Allerdings wird man Haug nicht ganz gerecht, wenn man nur auf der
       Ebene kulturtheoretischer  Fragestellungen argumentiert.  Um  die
       geht es  hier nicht; er nimmt polemisch Stellung zu kulturpoliti-
       schen Kontroversen. Der rationale Kern seiner Thesen wird nämlich
       deutlich, wenn  man statt  "Kultur" "Kunst"  sagt (offensichtlich
       sind Einwände gegen die Kunstpolitik kommunistischer Parteien der
       reale Bezugspunkt). Die Wendung gegen Instrumentalisierung, Admi-
       nistrationismus und Reduktion auf Ideologie bleibt allerdings ab-
       strakt -  und zur  Begründung einer  praktisch orientierten  Kul-
       turauffassung der  Arbeiterklasse ist dieser Ansatz denkbar unge-
       eignet.
       Durchgängig polemisiert Haug auch gegen eine Analyse des Verhält-
       nisses von Partei und Klasse, wie sie etwa in Lenins Feststellung
       sich ausdrückt, es könne "von einer selbständigen, von den Arbei-
       termassen im  Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideo-
       logie keine  Rede sein"  19); vielmehr kann ihnen wissenschaftli-
       ches Klassenbewußtsein  "nur von  außen gebracht werden" - im Zu-
       sammenwirken revolutionärer  Kreise der Intelligenz mit Arbeiter-
       Theoretikern und  organisiert in die spontanen Entwicklungen hin-
       eingetragen durch  die wissenschaftlich geleitete Partei. 20) Für
       die Kulturpolitik  zumindest setzt  Haug dem  ein anderes Prinzip
       entgegen: "Die  kulturellen 'Wertungen' sind ein Vorgang im Leben
       selbst, der  Theoretiker kann nur analysieren, wie diese Prozesse
       ablaufen oder  warum sie  in bestimmter Weise ablaufen oder bloc-
       kiert sind;  er kann dann... die Erkenntnis über den Zusammenhang
       fördern und  dadurch die Selbsttätigkeit unterstützen." Kulturpo-
       litik der  Arbeiterorganisationen heißt allein: "Pflegen und ent-
       wickeln, was es an kulturellen Regungen der Massen gibt, den vor-
       handenen Versuchen  Echo geben,  sie verallgemeinern  und dadurch
       anderes ermutigen" (Haug).
       Richtig ist dieses Prinzip doch nur, insoweit man wissenschaftli-
       che Maßstäbe für Auswahl und Förderung, für die Entwicklung ange-
       messenen Bewußtseins  der Selbsttätigen hat. Haug stellt fest, in
       der Arbeiterklasse gebe es "ein Übergewicht von Verhaltensweisen,
       die Resultat  der Einwirkung der ideologischen Apparate des Impe-
       rialismus sind";  sogar hier  findet er Elemente von Selbstzweck-
       haftigkeit: damit  dieses Angebot wirksam wird, müsse es "von den
       Adressaten ergriffen  und 'selbst' angenommen werden". Können un-
       ter diesen Voraussetzungen Selbsttätigkeit und Selbstzweckhaftig-
       keit ohne  Bezug auf die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse
       Maßstab für Förderung sein?
       So richtig  es ist,  daß "die Kulturauffassung der Arbeiterklasse
       aus der  ständigen Auseinandersetzung  der Arbeiter mit ihren Le-
       bensbedingungen hervor(geht)" 21), so unverzichtbar ist auch, daß
       sie als wissenschaftliche von Intellektuellen wie Marx und vielen
       anderen, "also außerhalb der Lebensbedingungen der Klassenindivi-
       duen" und in Weiterführung bisheriger Überbauentwicklungen ausge-
       arbeitet wird.  Eine präzise  Untersuchung der Lebensbedingungen,
       die die kulturelle Unterdrückung der Arbeiterklasse determinieren
       und auch  den Charakter  spontan entstehender  Zwecksetzungen  im
       Sinn der  Herrschaft bürgerlicher  Ideologie bestimmen, begründet
       die Notwendigkeit  einer Arbeitsteilung  in der  Entwicklung  der
       Kulturkonzeption  der  Arbeitetbewegung  und  die  unverzichtbare
       Rolle von  Wissenschaftlern, die  Lebensbedingungen und  spontane
       Selbstverständigung der  Massen mit der Erkenntnis der objektiven
       gesellschaftlichen Bewegungsgesetze vermitteln - um die Selbsttä-
       tigkeit bewußter  zu gestalten.  Haug versteht derartige Aussagen
       offensichtlich nicht  als das, was sie sind, als historische Ana-
       lysen, sondern als technokratische Zielstellung einer intellektu-
       ellen Schicht.  Wenn er  dagegen heute  eine  Qualität  spontaner
       Selbsttätigkeit voraussetzt,  die erst über die von ihm angegrif-
       fene Praxis herzustellen ist, verkennt er die wirkliche Dialektik
       kultureller Befreiung  der Arbeiterklasse: es setzen nämlich "die
       gegenwärtig herrschenden  Formen der  Volkskultur,  die  zugleich
       Auswirkung der Klassenherrschaft und der Reaktion auf diese Herr-
       schaft sind,  für die  Klassen des Volkes die gegenwärtig unüber-
       windbaren kulturellen  Grenzen der revolutionären Veränderung der
       Praktiken, die  morgen die Überwindung dieser Grenzen ermöglichen
       wird". 22)
       Ist es  denn  gefährliche  Instrumentalisierung  von  kultureller
       Selbsttätigkeit, wenn  die  brennendsten  sozialen  Probleme  der
       Lohnarbeiter  (Arbeitslosigkeit,   Krise,  Rationalisierung)  zum
       Grundthema der  Ruhrfestspiele 1978 und zum Inhalt für künstleri-
       sche Produktionsaufträge  gemacht werden? Und ist es wirklich im-
       mer "praktisch  eine Tat  gegen die  Konzerne", "wenn irgendeiner
       eine Gitarre  in die  Hand nimmt  und Lieder dazu macht" (Haug) -
       auch wenn er das Drogenparadies besingt oder der in der Arbeiter-
       klasse noch  vorherrschenden "Orientierung  aufs Private"  (Haug)
       folgt? Ist nicht die genauere Bestimmung der inneren Widersprüch-
       lichkeit solcher Selbsttätigkeit ertragreicher als ihre Fetischi-
       sierung?
       Das Konzept der Kultur als des Selbstzweckhaften erweist sich als
       äußerst mißverständlich;  es tendiert  dazu, Kultur aus den Klas-
       senkämpfen unserer  Tage herauszulösen,  Bewußtheit  und  Organi-
       siertheit als  grundlegende Tendenzen  der Kultur  der  Arbeiter-
       klasse "in  sozialistischer Perspektive" (Haug) auszuklammern und
       die Untersuchung  der realen Entwicklungsbedingungen der Proleta-
       rier durch  die Beschwörung  der abstrakten Wahrheit zu ersetzen,
       daß die Massen das historische Subjekt seien (Haug).
       Ich habe  aus Haugs Überlegungen das Problematische herausgegrif-
       fen. Bei  allen Einwänden bleibt konstruktiv die Aufforderung, in
       der weiteren  Diskussion der  Kulturauffassung der Arbeiterklasse
       die Dialektik von Notwendigem und Selbstzweckhaftem, Bewußtem und
       Spontanem genauer zu bestimmen. Das erfordert, die Kategorien und
       Methoden so auf die wirklichen Prozesse bei den Menschen, vor al-
       lem in  der Arbeiterklasse, zu beziehen, daß sie uns helfen, hier
       alle Tendenzen individueller produktiver Entfaltung und kollekti-
       ver Befreiung zu erkennen und zu fördern.
       
       _____
       *) Dieser Aufsatz  bezieht sich  auf den  Stand der Diskussion im
       Oktober 1977.  Die seither  geführten Diskussionen haben zu einer
       Weiterentwicklung der jeweiligen Position geführt; daher muß noch
       stärker als bei der Abfassung des Artikels betont werden, daß ich
       hier einzig  und allein einige mir problematisch erscheinende Im-
       plikationen in  Thesen von Haug, Hillgärtner und Metscher zuspit-
       zend herausgearbeitet  habe. Im  Bewußtsein der Vorläufigkeit des
       eigenen Ansatzes  verspreche ich mir von dieser Betonung von Dif-
       ferenzen Anstöße für eine produktive Debatte.
       1) Rüdiger Hillgärtner, Anmerkungen zum materialistischen Kultur-
       begriff; Thomas  Metscher, Kultur  und Humanität;  Wolfgang Fritz
       Haug, Zu einigen Problemen der Diskussion über die Kultur der Ar-
       beiterklasse; Kaspar Maase, Arbeiterklasse, Reproduktion und Kul-
       tur im  heutigen Kapitalismus.  Allein: Institut für Marxistische
       Studien und Forschungen (Hrg.), Kulturelle Bedürfnisse der Arbei-
       terklasse, München 1978, Damnitz-Verlag.
       2) Zum Status der "Manuskripte" im Begründungszusammenhang histo-
       risch-materialistischer Persönlichkeitstheorie  vgl. Lucien Sève,
       Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt am Main 1972,
       S. 61 ff.
       3) Karl Marx,  Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr
       1844, in: Marx/Engels, Werke, Ergänzungsband l, S. 517.
       4) Karl-Heinz Braun,  Kritische Psychologie  als materialistische
       Persönlichkeitstheorie, in: Marxistische Blätter, 15, 1976, 2, S.
       77.
       5) Irene Dölling,  Kulturtheorie als angewandter historischer Ma-
       terialismus, in:  Deutsche Zeitschrift  für Philosophie 23, 1975,
       3, S. 448.
       6) Dietrich Mühlberg,  Zur marxistischen Auffassung der Kulturge-
       schichte, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12, 1964, 12.
       7) Karl Marx,  Das Kapital.  1. Band,  in: Marx/Engels, Werke Bd.
       23, S. 512. Auf die Differenzen zwischen verschiedenen Überlegun-
       gen Marx',  gegründet in  unterschiedlichen Perspektiven der Ent-
       wicklung der  Arbeit, weist Agnes Heller, Theorie der Bedürfnisse
       bei Marx, Westberlin 1976, v.a. S. 121 ff. hin.
       8) Lucien Sève, a.a.O., S. 141.
       9) Diskutiert wird  hier nicht  die aktuelle Bedeutung humanisti-
       scher Ideale  in der  Entwicklung von Kunst und Philosophie, ihre
       Rolle als Ansatzpunkt für die Stärkung antiimperialistischer Ten-
       denzen der künstlerisch-ideologischen Entwicklung im breitestmög-
       lichen Bündnis  mit demokratisch  und  humanistisch  orientierten
       geistigen Produzenten.  Keinesfalls geht  es darum,  Elemente der
       Lebensweise der Arbeiterklasse hier und heute als Ziel jeder wei-
       teten Entwicklung  der Kultur  des Proletatiats zu fetischisieren
       und gar noch der Praxis in anderen sozialen Schichten und auf an-
       deren Feldern  geistiger Produktion  als Norm  aufzuzwingen - die
       Rezeption von  Kunstwerken bei  "den  Arbeitern"  zum  alleinigen
       Wertmaßstab zu ernennen oder ähnlichen Schwachsinn zu fordern. Es
       geht um die historisch-materialistische Analyse des sozialen Cha-
       rakters von  Kulturauffassungen, ihrer Entstehungs- und Wirkungs-
       bedingungen. Dabei stehen die Fragen im Vordergrund, die sich für
       die Entwicklung der Kulturauffassung der Arbeiterklasse stellen -
       nicht als  Proletkult-Nostalgie und  nicht, "weil  die  Arbeiter-
       klasse halt  die Mehrheit  der Bevölkerung ausmacht", sondern als
       methodische Konsequenz  aus der  marxistischen Erkenntnis, daß in
       der Arbeits-  und Lebensweise  des Proletariats, das die hochent-
       wickelte kapitalistische  Großproduktion  meistert,  grundlegende
       Entwicklungslinien, Voraussetzungen und Prinzipien der neuen, von
       diesen Produzenten in ihrem Interesse bestimmten sozialen Ordnung
       sich herausbilden. Wie Marx zugespitzt formuliert hat: Die Arbei-
       terklasse "weiß,  daß, um  ihre eigne  Befreiung und mit ihr jene
       höhre Lebensform  hervorzuarbeiten, der  die gegenwärtige Gesell-
       schaft durch  ihre eigne  ökonomische Entwicklung unwiderstehlich
       entgegenstrebt, daß  sie, die Arbeiterklasse , lange Kämpfe, eine
       ganze Reihe  geschichtlicher Prozesse  durchzumachen  hat,  durch
       welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden.
       Sie hat  keine Ideale  zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente
       der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im
       Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt ha-
       ben". (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Marx/Engels,
       Werke Bd. 17, S. 434.)
       10) Lothar Parade, Die historische Mission der Arbeiterklasse und
       die marxistisch-leninistische Kulturauffassung, in: Weimarer Bei-
       träge 22, 1976, 4.
       11) Vgl. Michel  Verret, Über  die Arbeiterkultur,  in: Marxismus
       Digest 31,  1977, "Kultur der Arbeiterklasse"; Renate Karolewski,
       Gesellschaftlicher Reproduktionsprozeß und Kultur, in: ebenda.
       12) Lothar Parade, a. a. O., S. 11, 112.
       13) Ebenda.
       14) Vgl. dazu Kaspar Maase, a.a.O.
       15) Karl Marx,  Friedrich Engels,  Manifest  der  Kommunistischen
       Partei, in: Marx/Engels, Werke Bd. 4, S. 482.
       16) Karl Marx,  Das Kapital.  3. Bd.,  in: Marx/Engels, Werke Bd.
       25, S. 828.
       17) Ebenda.
       18) Lucien Sève, a.a.O., S. 384 f.
       19) W.I. Lenin, Was tun? In: W.I. Lenin, Werke Bd. 5, S. 395.
       20) Vgl. ebenda, S. 385 f., 395.
       21) Dietrich Mühlberg,  Zur weiteren Ausarbeitung unserer wissen-
       schaftlichen Kulturauffassung, in: Weimarer Beiträge 23, 1977, 7,
       S. 153.
       22) Michel Verret, a.a.O., S. 88.
       

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