Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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       FRAUEMEMANZIPATION UND WIRTSCHAFTSKRISE IN DER BRD
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       Ingeborg Nödinger
       
       1. Frauenfrage und Feminismus - 2. Frauen unter dem Druck der ka-
       pitalistischen Krise - 3. Frauenemanzipation und Arbeiterbewegung
       
       Dieser Beitrag  will auf  einige Probleme und Fakten der Lage der
       Frauen in  der BRD aufmerksam machen, die im Zusammenhang mit der
       krisenhaften Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre stehen. Das
       Schwergewicht liegt  dabei auf jenen Fragen, die die Stellung der
       Frauen im  Prozeß der  gesellschaftlichen Arbeit betreffen. Damit
       wird nicht  nur die  Untersuchung der  Arbeitsbedingungen und der
       sozialen Lage  der Frauen  der Arbeiterklasse  in den Mittelpunkt
       gerückt, sondern  auch die Grundfrage der Emanzipationsbestrebun-
       gen der  Frauen unter den konkreten Bedingungen der BRD angespro-
       chen.
       Der letztere  Gesichtspunkt erscheint uns deshalb bedeutsam, weil
       die theoretischen  Grundpositionen und die davon beeinflußten po-
       litischen Strategien  im Rahmen der fortschrittlichen Frauenbewe-
       gungen der  BRD uneinheitlich  und zum  Teil gegensätzlich  sind.
       Eine soziologische  Ursache dafür  ist das relativ starke Gewicht
       der Frauen  aus den  Mittelschichten im aktiven Kern dieser Bewe-
       gung. Deshalb wird der faktenmäßigen Darstellung der Frauensitua-
       tion in  Abschnitt 2  die Auseinandersetzung  mit einigen  in der
       Frauenbewegung wirksamen feministischen Positionen vorangestellt.
       In Abschnitt  3 soll kurz auf den Zusammenhang von Frauenbewegung
       und Arbeiterbewegung in der BRD eingegangen werden.
       
       1. Frauenfrage und Feminismus
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       Die Stellung  der Frau  in der  Gesellschaft der  BRD ist deshalb
       eine 'Frage', weil sie durch faktische Ungleichheit gegenüber der
       gesellschaftlichen Stellung  des Mannes gekennzeichnet ist. Somit
       setzt sich in der BRD die patriarchalische Prägung der Klassenge-
       sellschaft fort.  Das  Streben  nach  realer  Gleichstellung  und
       Gleichberechtigung ist deshalb der Grundantrieb der Frauenemanzi-
       pationsbewegung. Weil  jedoch patriarchalische  Strukturen unmit-
       telbar mit  dem Privateigentum  und  damit  mit  antagonistischen
       Klassenverhältnissen verbunden  sind, kann  die Frauenfrage nicht
       losgelöst von  der Eigentums- und Klassenfrage gestellt und nicht
       isoliert von  der grundlegenden  Umgestaltung und Überwindung der
       auf kapitalistischem  Privateigentum beruhenden Gesellschaftsord-
       nung gelöst werden. Nach Auffassung der modernen Arbeiterbewegung
       ist deshalb  die Frauenfrage  ein Teil  der  sozialen  Frage  und
       gleichzeitig Indiz für den Entwicklungsgrad der Gesellschaft.
       Auch heute  ist die Stellung zur Erwerbstätigkeit der Frau im Ka-
       pitalismus ein  zentrales Problem  der Frauenbewegung. Die histo-
       risch-materialistische Betrachtungsweise  sieht in  der  Art  und
       Weise der  Produktion und der dadurch bedingten Stellung der Men-
       schen in  der gesellschaftlichen  Produktion -  oder im  weiteten
       Sinne in  der gesellschaftlichen  Arbeit -  die Grundlage für die
       gesellschaftlichen Verhältnisse  und damit  die gesellschaftliche
       Stellung der  großen Menschengruppen  als Klassen oder andere so-
       ziale Gruppen.  Dieser Ausgangspunkt  gilt auch  für die Untersu-
       chung der  spezifischen Stellung  und Situation der Frauen. Frei-
       lich ergibt  sich schon  daraus, daß die Diskriminierung der Frau
       im Rahmen  ihrer Stellung  in verschiedenen  Klassen und sozialen
       Schichten, also in verschiedenen Reproduktions- und Aneignungszu-
       sammenhängen, eine  unterschiedliche Ausprägung erhält. Dies gilt
       nicht erst für die kapitalistische Gesellschaft.
       Charakteristisch für die kapitalistische Produktion - im weiteren
       Sinn für die Wirtschaft im Kapitalismus - ist, daß die Produktion
       in gesellschaftliche Produktion verwandelt, die Grundlage der in-
       dividuellen Privatwirtschaft  gesprengt und diese an den Rand ge-
       drängt wird.  Damit entsteht  aber wieder in größerem Maßstab die
       Möglichkeit - und vom Standpunkt der Entwicklung der kapitalisti-
       schen Industrie die Notwendigkeit ", die Frauen massenhaft in die
       gesellschaftliche Produktion  und den  Prozeß der gesellschaftli-
       chen Arbeit einzubeziehen. Es entstehen damit materielle Grundla-
       gen für  die  Veränderung  der  gesellschaftlichen  Stellung  der
       Frauen. Die  Frauenfrage wird  damit zu  einem Massenproblem  und
       nicht mehr  nur das Problem von Gruppen und Personen der privile-
       gierten Klassen.  Von der Sache her verknüpfen sich die Emanzipa-
       tionsbestrebungen der  Frauen mit dem Kampf der Arbeiterklasse um
       ihre Emanzipation, mit dem die Emanzipation der Menschheit zusam-
       menfällt. Auch  heute ist  diese Verknüpfung offensichtlich, denn
       der Kampf gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Ar-
       beiterklasse betrifft auch unmittelbar die Emanzipationsbedingun-
       gen der Frauen.
       Welche Lösungsansätze  werden  von  feministischen  Gruppierungen
       heute   angeboten?   Beispielhaft   können   hier   die   Parolen
       'Verweigerung der  Arbeit' und 'Lohn für Hausarbeit' genannt wer-
       den. Mit ihnen wollen wir uns beschäftigen. Wenn nach unserer An-
       sicht diese  Parolen auch  in die  Irre führen und vom Standpunkt
       der Arbeiterbewegung  nicht zu  akzeptieren sind - vor allem weil
       sie an  der Realität  der Frauen  der Arbeiterklasse  in der  BRD
       vorbeigehen -,  so ergibt  sich gerade  daraus die Notwendigkeit,
       diese Positionen im Rahmen der Frauenbewegung zu diskutieren und,
       trotz unterschiedlicher Position der verschiedenen Gruppierungen,
       um gemeinsame aktuelle Aktionsziele und Aktionen zu ringen.
       Die unzutreffende  Bestimmung der Geschlechterfrage und ihre Iso-
       lierung von der sozialen Problematik ist kein neues Phänomen. Die
       feministische Bewegung  von heute schleppt in dieser Hinsicht nur
       theoretisch längst  abgestreiften Ballast  der Vergangenheit mit.
       Als zeitgenössische  Exponentin kann Simone de Beauvoir angesehen
       werden. Nicht  einmal parallel  zum  Klassenkampf  soll  der  Ge-
       schlechtetkampf geführt  werden, wie  Simone de  Beauvoir fordrte
       1), die  den Widerspruch  Frau /  Mann als genauso wesentlich wie
       alle anderen  Widersprüche bezeichnete.  2) "Der  Feminismus geht
       grundsätzlich alle gesellschaftlichen Widersprüche tiefer und um-
       fassender an."  "Klassenfragen stellen einen Unterpunkt im umfas-
       senden feministischen  Kampf gegen  die patriarchale  Weltordnung
       dar." 3)
       Auf dem  Hintergrund des  Kampfes gegen das Patriarchat, das alle
       Gesellschaftsordnungen überdauere,  entstand die  radikale Losung
       der Verweigerung der Arbeit. "Wir wollen nicht das 'Recht auf Ar-
       beit', denn wir arbeiten schon die ganze Zeit." 4) Jede Frau - ob
       berufstätig oder  nicht -  sei in  erster Linie Hausfrau. Im Hin-
       blick auf die tatsächlich von der Mehrzahl der Frauen zu bewälti-
       gende "zweite  Schicht" der Hausarbeit nach der Berufsarbeit wird
       die These  aufgestellt, der  Kampf um die Befreiung der Frau habe
       vom Haushalt auszugehen.
       Vor der  "Zwangs-"Alternative der  Berufstätigkeit wird  gewarnt,
       erstens wegen  der in Kauf zu nehmenden Doppelbelastung 5), zwei-
       tens da  Erwerbsarbeit unter kapitalistischen Bedingungen keines-
       wegs schöpferischer Arbeit mit der Möglichkeit der Selbstverwirk-
       lichung entspricht  und "eine  derart unmittelbare Instrumentali-
       sierung... auf den ausschließlichen Zweck der Verbesserung beruf-
       licher  Leistungsorientierung"   die   "produktiven,   lebendigen
       Aspekte" der Frauenbefreiung ignoriere. 6)
       Der marxistischen  Position wird die simple Ineinssetzung von Be-
       rufstätigkeit und  Emanzipation zugeschrieben.  Die Unterstellung
       eines solchen  gedanklichen Automatismus bedeutet nichts anderes,
       als vom  Sinn des  Satzes abzusehen: Die Berufstätigkeit der Frau
       ist  V o r a u s s e t z n g  für ihre Emanzipation.
       Wir wenden  uns an  diesem Punkt nochmals der Rolle der Teilnahme
       am Prozeß  der gesellschaftlichen  Arbeit für die Entwicklung des
       Menschen zu.  Selbstverständlich ist  auch die Tätigkeit im Haus-
       halt, im  Rahmen der  Reproduktionseinheit Familie,  im  weiteren
       Sinne Arbeit.  Aber sie  ist isolierte private Tätigkeit, sie ist
       nicht unmittelbare Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß.
       Sie isoliert  das Individuum  vom gesellschaftlichen  Prozeß, an-
       statt es mit ihm zu verbinden; sie schließt es von Produktion und
       Verteilung aus und bindet es nur über die Zirkulation und Konsum-
       tion an den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß.
       Arbeit ist  "die erste  Grundbedingung allen menschlichen Lebens,
       und zwar  in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinne sagen
       müssen: Sie  hat den  Menschen selbst  geschaffen". 7) Der Mensch
       produziert nicht nur Gegenstände, er produziert zugleich die Ver-
       hältnisse, in  denen er  mit anderen Menschen zusammenlebt, wenn-
       gleich ihm  das nicht  immer bewußt ist. - Die Menschen haben Ge-
       schichte, weil sie ihr Leben produzieren müssen..." 8) Frauen da-
       von abbringen  zu wollen,  berufstätig zu  sein, bedeutet  in der
       Konsequenz, ihnen die Möglichkeit zu verwehren, Geschichte zu ma-
       chen. Ihnen  die Teilnahme  an der  gesellschaftlichen Arbeit  zu
       verweigern, heißt  letztlich Einschränkung  ihrer Entfaltung  als
       Menschen.
       Die praktische  Seite der  Erwerbstätigkeit ist die Aufhebung des
       für die  Frau entwürdigenden  Umstandes, bloßes  ökonomisches An-
       hängsel des  Mannes zu  sein. Die  Erwerbstätigkeit  befreit  die
       Frauen darüber  hinaus von  ihrer Isolierung 'am heimischen Herd'
       und bringt sie mit Frauen und Männern gleicher Lage und Situation
       in Kontakt. Sie ermöglicht den Anschluß an die Organisationen der
       Arbeiterklasse, weitet  ihren geistigen Gesichtskreis und fördert
       die aktive  Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und an den Pro-
       zessen und Bewegungen zur Veränderung der Gesellschaft. Marxisten
       haben jedoch nie geleugnet, daß Frauen den Ausbeutungs- und Herr-
       schaftsverhältnissen der  kapitalistischen Lohnarbeit  in  beson-
       derem Maße  unterworfen sind.  Selbst dann,  wenn die Arbeit sich
       nur als  äußerer Zwang  und dementsprechend  die Nichtarbeit  als
       Freiheit darstellt,  ist  die  Frauenarbeit  aber  als  wichtiger
       Schritt ihrer Emanzipation zu unterstützen.
       Die Unterbezahlung der Frau ist nach Meinung der Feministinnen in
       ihrem Status  als Geschlechtswesen  begründet.  Entscheidend  für
       niedrigere Bezahlung ist jedoch der Umstand, daß die Mehrarbeit -
       bei gleicher  Qualifikation und Leistungsfähigkeit - um so größer
       ausfällt, je niedriger der Anteil der notwendigen Arbeit ist, der
       für den  Gegenwert des Lohnes geleistet werden muß - oder: je ge-
       ringer der  Lohn ist. Das Kapital tendiert aus seinen fundamenta-
       len Interessen  heraus danach, all jene Momente zu verewigen, die
       den Lohn  herabdrücken. Es strebt hauptsächlich aus diesem Grunde
       danach, die Diskriminierung der Frau zu befestigen.
       Die Forderung  nach Lohn  für Hausarbeit verwechselt die Variante
       mit der  Alternative. Sie verewigt - konsequent zu Ende gedacht -
       die alte  Trennung der  Geschlechter in  das Privatwesen Frau und
       das öffentliche Wesen Mann. Diese Forderung kann nur als Lösungs-
       weg angesehen  werden, wenn  zwischen häuslicher Privatarbeit und
       Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß nicht unterschieden
       wird. Aus  den schon  genannten Gründen  zielen demgegenüber  die
       Forderungen und Vorstellungen der Arbeiterbewegung darauf ab, die
       Frauen von  der Bürde der Hausarbeit weitgehend zu entbinden, in-
       dem diese  in öffentliche Industrien und Dienstleistungen verwan-
       delt wird.  Dies schließt  allerdings nicht aus, unter den gegen-
       wärtigen Umständen  in der  Gleichbewertung der Hausarbeit - z.B.
       bei Scheidungs-,  Sterbe-, Rentenfällen - einen wichtigen Schritt
       der materiellen Absicherung zu sehen.
       Die genannten  Forderungen der feministischen Gruppen der Frauen-
       bewegung ignorieren die wesentlichen Gesichtspunkte der Situation
       von Lohnarbeiterfamilien. Gerade die Frauen aus diesen Familien -
       besonders jene der jüngeren und mittleren Generation - sind unter
       den heutigen Bedingungen zur Sicherung eines normalen Reprodukti-
       onsstandards auf  die Erwerbstätigkeit angewiesen. Aber sie über-
       gehen auch  die Bestrebungen  jener wachsenden  Frauengruppe, die
       als Alleinstehende  auf die Erwerbstätigkeit angewiesen sind ödet
       in eigenen  Erwerbseinkommen die Grundlage ihrer finanziellen Un-
       abhängigkeit vom Mann sehen.
       Die Ähnlichkeit dieser Forderungen mit den Scheinalternativen der
       CDU/CSU müßte  die Feministinnen  eigentlich nachdenklich machen.
       Diese Partei  verspricht den  Frauen ein Erziehungsgeld, wenn sie
       sich verpflichten,  aus der  Erwerbstätigkeit auszuscheiden.  Der
       Traditionsbereich der drei 'K' (Kinder, Küche, Kirche) soll damit
       wieder attraktiv gemacht werden. Das Erziehungsgeld ist, so heißt
       es, "für  die CDU  in erster  Linie eine  familienpolitische Maß-
       nahme. Sie  ist bereits  seit Jahren sehr dringlich. Der arbeits-
       marktpolitische Entlastungseffekt  läßt den  gegenwärtigen  Zeit-
       punkt für  die Einführung  des Erziehungsgeldes jedoch als beson-
       ders günstig  erscheinen." 9) Dabei sind die finanziellen Anreize
       zum Eintritt in die industrielle Reservearmee - abgesehen von Mo-
       dellversuchen - noch nicht einmal real, da die Forderung nach Er-
       ziehungsgeld immer  auch auf  dem Hintergrund gesehen werden muß,
       daß die  CDU/CSU seinerzeit die Einführung des Babyjahres verhin-
       dert hat.
       Es ist  in diesem  Artikel nicht der Platz, besonders darauf ein-
       zugehen, daß  die Auswirkungen  der kapitalistischen Wirtschafts-
       krise, die  1973/74 offen  ausbrach, bis in die Gegenwart die Si-
       tuation der  Arbeiterklasse insgesamt  verschlechtert haben.  Die
       Krisenerscheinungen reichen in alle Bereiche des menschlichen Le-
       bens hinein.  Zu den  verschärften Existenzbedingungen,  die sich
       ausdrücken in  sozialer Unsicherheit,  Arbeitslosigkeit,  Kurzar-
       beit, in der ständigen Verteuerung der Lebenshaltungskosten - und
       die beide  Geschlechter gleichermaßen  betreffen -  kommen die im
       kapitalistischen System begründeten Diskriminierungen und Benach-
       teiligungen, denen die Frauen ausgesetzt sind.
       Diese besondere  Diskriminierung soll  im folgenden Abschnitt be-
       trachtet werden. 10) Zeigt sich bei den verschiedenen Problemfel-
       dern eine  besondere Betroffenheit  der Frauen  , dann  ist  dies
       gleichzeitig der  Beweis für die diskriminierte Stellung der Frau
       in der Gesellschaft der BRD.
       
       2. Frauen unter dem Druck der kapitalistischen Krise
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       Die Frauenarbeitslosigkeit
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       Frauen sind  überproportional von  der   A r b e i t s l o s i g-
       k e i t   als einer  der einschneidendsten Auswirkungen der kapi-
       talistischen Krise  betroffen. Obgleich Frauen nur etwas mehr als
       ein Drittel  der Erwerbstätigen  stellen, erreichte ihr Anteil an
       den Arbeitslosen  im Jahresdurchschnitt  1977   50%,  d.h.  jeder
       zweite Arbeitslose  in der BRD ist eine Frau. Auch der Anteil der
       arbeitslosen Frauen  an den  Erwerbstätigen, die  spezifische Ar-
       beitslosenquote, stieg seit Jahresende 1974 kontinuierlich an: Im
       Oktober 1977  übertraf sie die der Männer um 94%. Die offiziellen
       Zahlen vermitteln  jedoch nur ein höchst unvollständiges Bild von
       der Betroffenheit  der weiblichen Erwerbspersonen, da sie darüber
       hinaus noch  den größten  Teil der  sogenannten "stillen Reserve"
       stellen. So veranschlagt H. Däubler-Gmelin den Anteil der arbeit-
       losen Frauen  an allen  Arbeitslosen unter  Berücksichtigung  der
       "stillen Reserve" auf 60%.
       Die nachstehend geschilderten Ursachen der überproportional hohen
       Frauenarbeitslosigkeit unterscheiden  sich prinzipiell  nicht vom
       allgemeinen Mechanismus der Freisetzung von Lohnarbeitern aus dem
       kapitalistischen Produktionsprozeß.  Sie werfen  jedoch ein Licht
       auf die  Tatsache, daß Frauen infolge ihrer diskriminierten Stel-
       lung in Wirtschaft und Gesellschaft in erhöhtem Maße anfällig für
       die Folgen  der Krise  und überproportional  ihre Opfer sind. Und
       nur so  kann ihnen  im Profitkalkül der Unternehmer in besonderem
       Maße die Funktion einer flexiblen und beliebig einzusetzenden Ar-
       beitsmarktreserve zukommen.  Zu  den  spezifischen  Ursachen  der
       Frauenarbeitslosigkeit gehören:
       - Die hohe Konzentration der erwerbstätigen Frauen auf nur wenige
       Berufe (75%  aller Mädchen,  die eine  Lehre absolvieren,  lassen
       sich in  nur 16  von insgesamt  500 Berufen ausbilden) und wenige
       Wirtschaftszweige und  der damit  verbundene mitunter  bis zu 90%
       reichende Frauenanteil an den Beschäftigten begünstigen eine ver-
       stärkte Frauenarbeitslosigkeit.
       - Die typischen  Frauenberufe gehören  größtenteils Branchen  an,
       die sich in Strukturkrisen befinden: Textil- und Bekleidungsindu-
       strie, Leder-  und Schuhindustrie,  Einzelhandel, und in jüngster
       Zeit verschiedene  Bereiche des  Dienstleistungssektors. Die seit
       Anfang der siebziger Jahre verstärkt einsetzende Rationalisierung
       sowie der  verstärkte Kapitalexport haben - unabhängig vom jetzi-
       gen Krisenzyklus - Zigtausende von Arbeitsplätzen beseitigt.
       - In den von Krisen betroffenen Branchen finden umfangreiche Kon-
       zentrationsprozesse statt,  die verstärkt  mittlere und  kleinere
       Unternehmen beseitigen. Da sich die erwerbstätigen Frauen vor al-
       lem auf  diese Betriebsgrößen verteilen, verstärkt dies die Frau-
       enarbeitslosigkeit.
       - Industrien mit hohem Frauenanteil sind häufig in ländlichen Ge-
       bieten angesiedelt,  die eine einseitige Wirtschaftsstruktur vor-
       weisen. Arbeitslose  Frauen finden  hier keine  alternativen  Be-
       schäftigungsmöglichkeiten, ihre Mobilität ist jedoch aufgrund der
       familiären Verantwortlichkeiten stark eingeschränkt.
       - Frauen können  vielfach nur eine kurzzeitige Betriebszugehörig-
       keit vorweisen. Im Unterschied zur Stammbelegschaft, der notfalls
       Kurzarbeit aufgezwungen wird, werden Frauen zuerst entlassen. Die
       Stammbelegschaft wird  möglichst erhalten  und für  die niedriger
       qualifizierte Tätigkeit  der verbliebene männliche Kollege einge-
       setzt.
       - Die Konjunkturabhängigkeit  von Teilzeitarbeit  erhöht das  Ar-
       beitsplatzrisiko. Sie  fällt als  erste den Rationalisierungsmaß-
       nahmen und konjunkturellen Sparmaßnahmen zum Opfer.
       - Nicht zuletzt  spielt der geringere gewerkschaftliche Organisa-
       tionsgrad von  Frauen eine Rolle in den Entscheidungen der Unter-
       nehmer.  Frauen   verfügen  über   weniger   Kampferfahrung   und
       -bereitschaft in  sozial- und tarifpolitischen Auseinandersetzun-
       gen, sie  sind weniger über ihre Rechte informiert. Aufgrund tra-
       dierten Rollenverhaltens  tendieren arbeitslos  gewordene  Frauen
       weniger dazu,  sich gegen ihre Einbeziehung in die "stille Reser-
       vearmee" zur Wehr zu setzen. Oftmals melden sie sich nicht einmal
       arbeitslos.
       Auch für  die kommenden Jahre sind Veränderungen nicht abzusehen.
       Berechnungen des Ifo-Institutes ergaben, daß mit jährlichen wirt-
       schaftlichen Wachstumsraten  von 6%  die Arbeitslosenquote auf 2%
       reduziert werden  könnte. Aber für die BRD sind solche Wachstums-
       raten unrealistisch.
       Die Kette  'Minderqualifikation -  unterprivilegierte Stellung  -
       besondere Arbeitsplatzgefährdung und Krisenanfälligkeit' wird zum
       fatalen Kreislauf  und baut  für all diejenigen Frauen nahezu un-
       überwindliche Barrieren auf, die durch ihre Erwerbstätigkeit ihre
       wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung verbessern wollen.
       Die besondere Betroffenheit der Frauen durch die krisenhafte Ent-
       wicklung ist keineswegs eine Besonderheit der BRD, obgleich diese
       auch hier  zur "Spitzengruppe"  gehört. OECD-Prognosen  gehen für
       die nächsten Jahre von einer weiteren Verschärfung der Beschäfti-
       gungsprobleme der Frauen aus.
       
       Die Betroffenheit der Arbeiterinnen
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       Arbeiterinnen sind in besonderem Maße von zyklischen und struktu-
       rellen Krisen der kapitalistischen Wirtschaft betroffen. Die mas-
       sive Freisetzung von Arbeiterinnen durch Kapitalkonzentration und
       -export sowie  intensivierte Rationalisierung  und Stillegung von
       Produktionsbereichen entspricht  einer Gesetzmäßigkeit  kapitali-
       stischer Krisenentwicklung:  Bei Ausbruch der Krise werden zuerst
       die "unqualifizierten"  und "weniger  leistungsfähigen"  Arbeits-
       kräfte entlassen. In Zeiten der Hochkonjunktur, in denen der Pro-
       duktionsapparat vor  allem durch  Arbeitskräfte  erweitert  wird,
       werden Arbeiterinnen  als billige  Lückenfüller  angeworben;  sie
       werden  dann   in  der   Krise  als   erste,  insbesondere  wegen
       "zusätzlicher geschlechtsspezifischer Kosten", wieder entlassen.
       Ein wichtiger Effekt gerade der Freisetzung der Arbeiterinnen be-
       steht in der Dequalifikationstendenz für männliche Arbeitskräfte.
       So werden in der Krise Facharbeiter zwar im Betrieb behalten, sie
       müssen dann  jedoch die  un- oder  angelernten Tätigkeiten  ihrer
       ehemaligen Kolleginnen übernehmen.
       1976 betrug  der Anteil  der Arbeiterinnen  an den  abhängig  Er-
       werbstätigen  13,2%,  bezogen  auf  die  abhängig  erwerbstätigen
       Frauen 33,9%.  1977 stellten sie 47,1% aller arbeitslosen Frauen,
       die Arbeitslosenquote  für Arbeiterinnen  lag mit  6,9% noch über
       der Arbeitslosenquote aller Frauen mit 6,2%.
       I n d u s t r i e a r b e i t e r i n n e n  sind in der Mehrzahl
       in Branchen  beschäftigt, in  denen das  Beschäftigungs- und  Ar-
       beitsplatzrisiko aufgrund  fortschreitender Rationalisierung  und
       (Teil-) Automatisierung vergleichsweise hoch ist.
       Industriearbeiterinnen  sind   in  der  Mehrzahl  in  sogenannten
       Schrumpfbranchen wie  Leder-, Schuh-,  Textil-,  Bekleidungsindu-
       strie sowie  Feinkeramik  beschäftigt.  Betriebsverlagerungen  in
       Niedrig-Lohn-Länder und  erweiterte  Rationalisierung  (z.T.  mit
       Hilfe staatlicher Subventionen) hatten zur Folge, daß z.B. in der
       Textilindustrie von 1970 bis 1975 jeder vierte Arbeitsplatz abge-
       baut wurde.  Dabei handelte  es sich  gerade um Arbeitsplätze von
       Frauen, und  zwar in  der gleichen  Industriebranche, in der 1976
       91,4% aller  Arbeitslosen ohne Berufsausbildung Frauen waren. Für
       die Zukunft  wird gerade  in der Textil- und Bekleidungsindustrie
       mit einem Verlust von 1,5 Millionen Arbeitsplätzen gerechnet.
       Arbeiterinnen -  wie alle  erwerbstätigen Frauen  - konzentrieren
       sich auf  wenige  Wirtschaftszweige.  Im  produzierenden  Gewerbe
       stellen weibliche  Arbeiter 29,5%  aller dort beschäftigen Arbei-
       ter. Erheblich höher aber als die Beschäftigungsquote ist die Ar-
       beitslosenquote der Frauen in diesem Wirtschaftszweig. Sie betrug
       im Mai 1977  50,3%, bezogen auf alle arbeitslosen Arbeiter dieses
       Bereiches.
       Über drei Viertel (76,7%) aller Arbeiterinnen in der verarbeiten-
       den Industrie verteilen sich auf 10 von 38 Industriebranchen. Na-
       hezu die Hälfte konzentriert sich auf drei Branchen: elektrotech-
       nische Industrie 20%, Textilindustrie 13,3%, Bekleidungsindustrie
       10,5%. Aber  auch nahezu die Hälfte der arbeitslosen Frauen kommt
       aus den  drei  genannten  Branchen:  elektrotechnische  Industrie
       17,3%, Bekleidungsindustrie 13,3% und Textilindustrie 13,3%.
       Die Arbeitslosigkeit  von Frauen  ist gerade  in solchen  Gruppen
       überproportional hoch,  die die höchsten Frauenanteile aufweisen.
       So stellten  im Mai  1976 Frauen  78% aller Erwerbstätigen in der
       Bekleidungs- und Textilindustrie, im Januar 1977 stellten sie 90%
       aller Arbeitslosen in diesem Sektor.
       Überrepräsentiert sind  arbeitslose Frauen ebenfalls in sogenann-
       ten "Männerberufen".  So betrug  beispielsweise in der Gruppe der
       Metallerzeuger und  -bearbeiter mit einem Arbeiterinnenanteil von
       11% der Anteil der weiblichen Arbeitslosen 20%.
       Eine Ausnahme  bildete die  Gruppe "Hilfsarbeiter ohne nähere Tä-
       tigkeitsangabe". Hier  war der Anteil der arbeitslosen Frauen mit
       33% niedriger  als der Frauenanteil an den Beschäftigten mit 39%.
       Der Vergleich  von Frauenanteilen in bestimmten Berufsgruppen mit
       den statistisch  ausgewiesenen offenen  Stellen  ergibt  ähnliche
       Verhältnisse.
       Frauen mit  und ohne  Hauptschulabschluß stellten  mit 78% im Mai
       1977 den größten Anteil der arbeitslosen Frauen. 62% der arbeits-
       losen Frauen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Der An-
       teil der Frauen an den Facharbeitern entwickelte sich rückläufig:
       1970  9,5% und 1974  9,3%.
       Die durchschnittliche  Dauer der  Arbeitslosigkeit betrug  im Mai
       1977   1 bis 3 Monate, bei Arbeiterinnen betrug sie dagegen 6 bis
       12 Monate. Im Vergleich zum Vorjahr hatte die Gruppe der Arbeite-
       rinnen, die  zwei Jahre und länger arbeitslos sind, um 114% zuge-
       nommen. In  der Betroffenheit  nach dem  Alter ragen zwei Gruppen
       von Frauen  besonders hervor: In der Altersgruppe unter 20 Jahren
       hat die  Zahl der arbeitslosen Arbeiterinnen vom Mai 1970 bis Mai
       1977 am  stärksten zugenommen;  die Gruppe der 55- bis 60jährigen
       Arbeiterinnen verzeichnete  von 1976  bis 1977  eine Zunahme  von
       19%.
       
       Die Arbeitslosigkeit weiblicher Angestellter
       --------------------------------------------
       
       Die   w e i b l i c h e n  A n g e s t e l l t e n  sind mit etwa
       4 Millionen  die größte  Gruppe der weiblichen Beschäftigten. Sie
       machen etwa  die Hälfte  aller Angestellten aus. Der Frauenanteil
       ist dort  besonders hoch, wo die Angestellten die Basisfunktionen
       wahrnehmen, z.B. im Handel, bei den Banken, generell in den Büros
       und Verwaltungen.  Die Situation der mit einfachen und ausführen-
       den Arbeiten  beschäftigten weiblichen Angestellten ist also ver-
       gleichbar mit der der Arbeiterinnen.
       Zentrale Bedeutung  für Arbeitsbedingungen und Beschäftigungslage
       der weiblichen Angestellten besitzt gegenwärtig die Rationalisie-
       rungswelle im  Büro- und Dienstleistungsbereich. Davon sind nicht
       nur untere Qualifikationsgruppen betroffen, sondern auch in hohem
       Maße mittlere  Funktions- und  Qualifikationsgruppen. Gerade hier
       konzentrieren sich die zahlenmäßig bedeutsameren Gruppen qualifi-
       zierter weiblicher Beschäftigter.
       Mit der  Textverarbeitung beispielsweise,  die  das  Konzipieren,
       Formulieren, Diktieren,  Schreiben, Kopieren  und  Befördern  von
       Texten umfaßt, sind rund 10 Millionen Beschäftigte in der BRD be-
       faßt. Davon  sind ca.  2 Millionen  Schreibkräfte -  in der Regel
       Frauen -  und 3  Millionen Korrespondenten  bzw. Diktierende. Der
       Prozeß der  Rationalisierung der  Textverarbeitung, der vor allem
       die Tätigkeiten  weiblicher Angestellter betrifft, umfaßt die Re-
       duktion des Schriftgutes, die Arbeitsintensivierung und die Auto-
       matisierung. Der  Einsatz von  Computern steht in der Bundesrepu-
       blik erst  am Anfang.  Das akten-  oder papierlose Büro ist heute
       keine utopische Vorstellung mehr.
       Im Bereich des Handels werden durch integrierte Datensysteme eine
       Reihe von  Tätigkeiten in der Verwaltung, im Verkauf und im Lager
       überflüssig, auch hier wiederum in erster Linie die Arbeitsplätze
       von weiblichen Angestellten betreffend. Im Bereich der Banken und
       Versicherungen wird eine Sachbearbeiterin, die in früheren Jahren
       noch vollständige Vorgänge bearbeitete, bei Anwendung von EDV-Sy-
       stemen heute weitgehend zu deren Zulieferer "degradiert".
       In erster Linie bedingt durch verstärkte Rationalisierungsmaßnah-
       men im  Angestelltenbereich ist ein "neues" Merkmal in der Struk-
       tur der  Arbeitslosigkeit die wachsende Angestelltenarbeitslosig-
       keit. De Anteil der arbeitslosen Angestellten an allen Arbeitslo-
       sen stieg  von 23%  (1960) über 30% (1975) auf 42,7% (1976). Ende
       September 1977 ging er leicht zurück (41,9%). Bei den Männern be-
       trug der  Anteil der arbeitslosen Angestellten 1976  28%, bei den
       Frauen 51%.  Der Anteil  der arbeitslosen weiblichen Angestellten
       an allen arbeitslosen Angestellten nahm von 55 auf 63% zu.
       Schwerpunkte der  Frauenarbeitslosigkeit bei den Angestellten la-
       gen im  Mai 1976 bei Verwaltung/kaufm. Berufe mit 51% und im Ver-
       kauf mit 26%, bezogen auf alle arbeitslosen weiblichen Angestell-
       ten. Insgesamt  liegt die Frauenquote an der Angestelltenarbeits-
       losigkeit (63%)  beträchtlich über  ihrer Beschäftigtenquote (ca.
       50%). Seitdem  auch die  mittleren Funktions- und Qualifikations-
       gruppen hiervon  betroffen sind,  muß damit gerechnet werden, daß
       in vielen Bereichen der Beschäftigung der weiblichen Angestellten
       berufliche Aufstiegsmöglichkeiten  noch mehr als bisher eingeengt
       werden.
       
       Jugendarbeitslosigkeit
       ----------------------
       
       Im Unterschied  zu früher  ist heute  die  Jugendarbeitslosigkeit
       größer als  die älterer  Jahrgänge. Sie  weist für   w e i b l i-
       c h e   J u g e n d l i c h e   überproportionale Quoten  auf. In
       der Gruppe  der unter  20jährigen muß  die tatsächliche  Arbeits-
       losigkeit doppelt  so hoch  veranschlagt werden,  wie  offizielle
       Daten ausweisen.
       Der Anteil  der weiblichen Arbeitslosen unter 25 Jahren stieg von
       20,6% (1964) über 24,9% (1971) auf 32,7% (1977) an, der der männ-
       lichen Arbeitslosen  dieser Altersgruppe  von  5,4%  (1964)  über
       14,3%  (1971)  auf  25,5%  (1977).  Während  1976  insgesamt  ein
       gewisser Rückgang  der Jugendarbeitslosigkeit zu verzeichnen war,
       erhöhte sich  der Anteil  der Mädchen jedoch weiter. Im September
       1977 lag  die Zahl der männlichen Arbeitslosen unter 20jahren nur
       0,5% über  dem Vorjahresstand,  die Zahl  der weiblichen Arbeits-
       losen jedoch  um 5,3%. Die Zunahme der Arbeitslosen gegenüber der
       Vorjahresfrist in  den  Altersgruppen  unter  30jahren  wurde  im
       September 1977 fast ausschließlich durch den Anstieg der arbeits-
       losen Frauen bestimmt.
       Weibliche arbeitslose  Jugendliche sind  durchschnittlich  länger
       arbeitslos als männliche. Den höchsten Anteil der dauerarbeitslo-
       sen weiblichen  Jugendlichen hat die Altersgruppe unter 20 Jahre.
       Fast die  Hälfte (45,9%) der arbeitslosen weiblichen Jugendlichen
       fallen unter die Angestelltenberufe (Jungen: 12%).
       Mädchen sind  durch Bildungsabschlüsse  weniger vor Arbeitslosig-
       keit geschützt  als  Jungen.  Einen  Hauptschulabschluß  besitzen
       56,4% der  Jungen und  60,6% der  Mädchen; 8,6% der Mädchen, 5,8%
       der Jungen  haben die  mittlere Reife  oder die  Hoch-/Fachschul-
       reife. 67,6%  der arbeitslosen  Jungen und 68,4% der arbeitslosen
       Mädchen sind ohne Berufsbildungsabschluß.
       Neben den allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ur-
       sachen der  Arbeitslosigkeit können als spezifisch für die beson-
       ders hohe  Mädchenarbeitslosigkeit genannt  werden:  überkommenes
       Rollenverhalten, geringer veranschlagtes "Schutzbedürfnis" - Mäd-
       chen werden  als erste  entlassen und finden am schwersten wieder
       Arbeit -,  verstärkte Rationalisierung und Krisen in frauenspezi-
       fischen Wirtschaftszweigen.
       In einer  betrieblichen Berufsausbildung befand sich 1975 nur je-
       des fünfte  Mädchen (20,6%),  jedoch jeder  dritte Junge (35,4%).
       Bei den erwerbstätigen Jungen der Altersgruppe zwischen 15 und 20
       Jahren befanden  sich 82,7%  in einer Ausbildung, bei den Mädchen
       nur 55,2%.  Die Mehrheit  der weiblichen  Auszubildenden  konzen-
       triert sich auf wenige Ausbildungsberufe, von denen die am stärk-
       sten besetzten  den sogenannten "Frauenberufen" zuzurechnen sind.
       Diese Berufe sind meist durch kürzere Ausbildungsdauer, geringere
       Aufstiegsmöglichkeiten, größere  Krisenanfälligkeit sowie  leich-
       tere Ersetzbarkeit  gekennzeichnet. Die  Ausbildungsplätze im ge-
       werblich-technischen Bereich  sind nur  zu knapp  10 Prozent  mit
       Mädchen besetzt.  Bereits 68,5%  aller weiblichen  Auszubildenden
       haben Ausbildungsziele,  die sich  im wesentlichen auf kaufmänni-
       sche, pflegerische und Büroberufe beschränken. Über 90% liegt der
       Anteil der Mädchen in Berufen wie Florist, Näher, Schneider, Dro-
       gist und Friseur. Entsprechend wurden 1975 in Berufen wie Dreher,
       Feinmechaniker, Mechaniker,  Büromaschinenmechaniker, Werkzeugma-
       cher, Fernmeldetechniker,  Elektrogerätemechaniker  sowie  Radio-
       und Fernsehtechniker  im ganzen Bundesgebiet nur 295 Mädchen aus-
       gebildet.
       Der seit  Beginn der siebziger Jahre zu beobachtende Lehrstellen-
       abbau und  die anhaltende  Lehrstellenknappheit wirken  sich  für
       Mädchen noch  stärker aus  als für  Jungen, auch  wenn sie durch-
       schnittlich bessere  schulische Abschlüsse  haben. Sie  werden in
       besonderem Maße gerade in einer Altersperiode, in der die Lernfä-
       higkeit höher  ist, an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten gehindert
       und um  ihre Zukunftserwartungen  betrogen. Nach  dem vorläufigen
       Bericht der Bundesanstalt für Arbeit über den Ausbildungsstellen-
       markt 1976  / 77  waren Ende September 1977  10 060 männliche und
       16 973 weibliche Bewerber noch nicht untergebracht.
       
       Hochschulabsolventinnen und Studentinnen
       ----------------------------------------
       
       Auch für   H o c h s c h u l a b s o l v e n t i n n e n    tritt
       heute Arbeitslosigkeit  auf: Im  September 1977  waren über  8000
       weibliche Hochschulabsolventen  mit abgeschlossenem  Studium  als
       arbeitslos registriert.  Ihr Anteil an den arbeitslosen Absolven-
       ten liegt  über ihrem Anteil an allen Absolventen. Zur generellen
       Akademikerarbeitslosigkeit - vorwiegend durch die Restriktionspo-
       litik des  Staates hervorgerufen  - kommt für die Frauen der Ver-
       weis auf  "frauenspezifische" Studienrichtungen  sowie  Erschwer-
       nisse in  der Wissensaneignung  im nach  wie vor  von männlichen,
       meist konservativen Kollegen bestimmten Wissenschaftsbetrieb. Das
       Hauptkontingent der  arbeitslosen Akademiker stellen die arbeits-
       losen  Lehrerinnen  .  Das  klassische  Frauenstudium  weist  den
       höchsten weiblichen Arbeitslosenanteil auf.
       Mädchen sind  im höheren allgemeinbildenden und im Hochschulwesen
       nach wie vor unterrepräsentiert. Im WS 1972 betrug der Anteil der
       weiblichen Studierenden  in der BRD 30,4%, im SS 1977 33,9%. Seit
       dem SS  1975 (33,5%)  ist der Anteil der Studentinnen nahezu kon-
       stant geblieben.  Der Frauenanteil  an den  bundesdeutschen Hoch-
       schulen tangiert im Vergleich der EG an fünfter Stelle.
       Über 70%  aller Studentinnen  verteilen sich  auf drei  von  acht
       Fachrichtungen  (einschließlich  Erziehungswissenschaften).  Über
       50%  aller  Studentinnen  wählen  einen  lehrerbildenden  "Kurz"-
       studiengang. Auch  hier werden  sie trotz  ihres hohen Anteils in
       die niedriger qualifizierten und bezahlten Lehrämter abgedrängt.
       Schon gegenwärtig ist eine Herabminderung der Studienbereitschaft
       von Abiturientinnen  sichtbar. Die Situation im Zweiten Bildungs-
       weg, der  gerade für  Frauen eine  Möglichkeit des Nachholens von
       Voraussetzungen zum  Zugang zu  Hochschulen darstellt, ist erheb-
       lich erschwert  worden. (1977 waren rd. 70% aller Absolventen des
       Zweiten Bildungsweges Frauen.)
       
       Restriktionen im Weiterbildungsbereich
       --------------------------------------
       
       W e i t e r b i l d e n d e   M a ß n a h m e n   sollen die vor-
       handene Qualifikation  an neue erhöhte Anforderungen anpassen so-
       wie durch die Benachteiligung in der beruflichen Bildung entstan-
       dene Defizite  aufholen. Diesem Anspruch wird die derzeitige Pra-
       xis der Weiterbildung in keiner Weise gerecht.
       Die Volkshochschulen  sind der bedeutendste Träger in der Erwach-
       senenbildung, in  dem Frauen  seit Jahren erheblich überrepräsen-
       tiert sind.  Dort besuchen  die meisten  der sich weiterbildenden
       Frauen Veranstaltungen.  Die Volkshochschulen sprechen jedoch mit
       ihrem dem  traditionellen Rollenklischee  verhafteten Angebot  in
       erster Linie  Frauen der  sogenannten Mittelschichten  an. Nur in
       geringerem Umfang  werden Frauen "unterer sozialer Schichten" bei
       Angeboten beruflicher Weiterbildung erreicht.
       Im Bildungsurlaub  und in  der gewerkschaftlichen  Bildungsarbeit
       sind Frauen  nach wie  vor stark unterrepräsentiert. Hier sind in
       der letzten  Zeit verstärkte  Anstrengungen zu beobachten, Frauen
       mehr als bisher einzubeziehen.
       Der größte  und finanzkräftigste Träger von Weiterbildung ist die
       Privatwirtschaft.  Betriebliche   Weiterbildung  steht  aber  den
       Frauen in der Krise weniger denn je zur Verfügung. Privilegierte,
       bereits qualifizierte  Arbeitskräfte, meist  männliche  Kollegen,
       werden bevorzugt.  Die fast  immer kürzere  Betriebszugehörigkeit
       wird als  Anlaß genommen,  Frauen von  der betrieblichen  Bildung
       auszuschließen.
       Die staatliche  Förderung der  beruflichen Weiterbildung über das
       Arbeitsförderungsgesetz (AFG)  ist sowohl  in bezug auf ihren fi-
       nanziellen Hintergrund  als auch in bezug auf die Beteiligung der
       Frauen rückläufig.  Aufgrund des  1976 verabschiedeten  Haushalt-
       strukturgesetzes werden  Frauen heute kaum mehr nennenswert durch
       das AFG gefördert. Die staatlichen Maßnahmen zur beruflichen Wei-
       terbildung dienen  letztlich nur der Manipulation der sogenannten
       "stillen" Arbeitsmarktreserve.
       
       Rationalisierung in Bereichen der Frauenbeschäftigung
       -----------------------------------------------------
       
       Lag in  den letzten Jahrzehnten die Quote der Frauenarbeitslosig-
       keit stets  unter der  der Männer,  so zeichnete sich seit Beginn
       der siebziger  Jahre ein grundlegender Wandel ab, der - neben den
       gesellschaftlichen -  seine Ursachen vor allem im beginnenden Au-
       tomationsschub und  in der massenhaften Anwendung von neuen Tech-
       nologien hat. Während die konjunkturelle (zyklische) Wirtschafts-
       krise ab  1976 -  was Produktion und Umsatz betrifft - zeitweilig
       überwunden werden  konnte, nimmt  die durch  die  kapitalistische
       Einführung neuer  Technologien bedingte  Strukturkrise an  Umfang
       und Tiefe  zu.  Durch  die    n e u e    R a t i o n a l i s i e-
       r u n g s w e l l e   sind ganz besonders stark die Arbeitsplätze
       der an-und  ungelernten Arbeitskräfte  betroffen, also  in erster
       Linie Arbeitsplätze von Frauen.
       Einige sog. "typische Frauenarbeitsplätze" werden sogar vollstän-
       dig beseitigt. So hat die Aufnahme der Produktion eines auf Elek-
       tronik  umgestellten  Fernschreibers  bei  SEL  (ITT-Konzern)  in
       Pforzheim auf  einen Schlag  Hunderte von Arbeitsplätzen (50-60%)
       vernichtet. Ein  einziger integrierter  Schaltkreis  ersetzte  im
       Speichersender 936  mechanische Bauteile.  Anstelle der  früheren
       Herstellung, Montage  und Justage komplizierter Dreh-, Stanz- und
       Biegeteile steht  heute nur noch die Montage von wenigen elektro-
       nischen Bauelementen.  Angelernte treten  an die  Stelle von Frä-
       sern, Feinmechanikern  und Elektrikern.  Ein Großteil der Fachar-
       beiter wurde entlassen, die verbleibenden um 4, einige sogar um 5
       Lohngruppen abgruppiert. Die Fertigungszeit schrumpfte beim Fern-
       schreiber von 75,3 auf 17,7 Stunden.
       Die mechanische Uhr, bisher ein Kunststück mechanischer Präzision
       von etwa  100 Einzelteilen,  deren Herstellung rund 1000 qualifi-
       zierte Arbeitsgänge  benötigte, wird jetzt von der elektronischen
       Uhr verdrängt.  Ihr Werk besteht nur noch aus vier Teilen. Quali-
       fizierte Facharbeiter,  darunter viele  Frauen, sind zur Herstel-
       lung nicht  mehr nötig.  Die wenigen  Handgriffe können von ange-
       lernten Kräften ausgeführt werden. Jeder Zweite in der Uhrenindu-
       strie verlor bereits seinen Arbeitsplatz.
       Die Auswirkungen  des technischen Wandels auf die  Q u a l i f i-
       k a t i o n s s t r u k t u r   wird von Fachleuten verschiedener
       Richtung einhellig  dahingehend charakterisiert,  daß  einerseits
       eine Reihe  hochqualifizierter  Tätigkeiten  entsteht,  daß  aber
       andererseits das Gros der neuen Einsatzbereiche durch ein relativ
       niedrigeres Qualifikationsniveau gekennzeichnet ist. Frauen haben
       zwar theoretisch die Chance, auch höher qualifizierte Tätigkeiten
       auszuführen, aber  überall zeigt  die bisherige  Praxis, daß  den
       Frauen  in   der  Regel  die  neu  entstandenen  unqualifizierten
       Einsatzbereiche   vorbehalten    bleiben,   während    alle   neu
       entstehenden Arbeitsplätze  mit höheren Qualifikationsanforderun-
       gen ausschließlich  mit Männern besetzt werden. Typisch ist also,
       daß die Erhöhung des Mechanisierungsniveaus und die Schaffung hö-
       her qualifizierter Vorrichtungen unter kapitalistischen Bedingun-
       gen die geschlechtsspezifische Differenzierung im Produktionspro-
       zeß vorantreibt.
       Zur arbeitsorganisatorischen  Strategie  des  Managements  gehört
       auch der  flexiblere Einsatz  des Personals. Kurzarbeit, freiwil-
       lige unbezahlte Überstunden, Verzicht auf Ersatzkräfte bei Fehlen
       oder Ausscheiden  von Arbeitskräften,  Abbau von  Pausen sind  in
       vielen Unternehmen  gegenwärtig zu  finden. Die extremste Methode
       erleben wir  zur Zeit  im Handel,  in Ansätzen auch im Banken-und
       Versicherungsbereich, unter  dem  Begriff  "kapazitätsorientierte
       Arbeitszeit". Gearbeitet wird in "variablen Arbeitsstunden". Eine
       geregelte Arbeitszeit gibt es nicht mehr. Vertraglich werden bei-
       spielsweise 100  Stunden pro  Monat gegen ein festes Monatsgehalt
       vereinbart. Wann diese zu leisten sind, wird von den Unternehmern
       je nach  dem Bedarf des Geschäftsablaufes vorgeschrieben. Zumeist
       wird gleichzeitig  ein neues Zeiterfassungssystem eingeführt, das
       nur die  direkt am  Arbeitsplatz verrichtete  Arbeit wertet. Wege
       von einem  Stockwerk zum  anderen oder  gar der Gang zur Toilette
       werden nicht  als Arbeitszeit  gewertet. Die Folgen dieses ausge-
       klügelten Rationalisierungssystems  sind weiterer  Personalabbau,
       weiterer Verlust  von  Ganztagsarbeitsplätzen,  Leistungsverdich-
       tung, gesteigerter Streß und letztlich Einkommensminderung.
       
       Die Lohndiskriminierung
       -----------------------
       
       Augenscheinlich wird  die Diskriminierung  der Frauen auch in der
       L o h n s i t u a t i o n.  Frauen verdienen im Durchschnitt nach
       wie vor  30 Prozent  weniger als  ihre männlichen  Kollegen . Die
       Leichtlohngruppen, formaler Ersatz für die nicht aufrechtzuerhal-
       tenden Frauenlohngruppen,  sind Lohngruppen,  die an das unterste
       Ende der Lohnskala - unter die Lohngruppen für (männliche) Hilfs-
       arbeitertätigkeiten -  angehängt  wurden.  Ihre  Haupteingruppie-
       rungsmerkmale sind  vage Begriffe  wie  "leichte  Arbeiten"  oder
       "einfache Arbeiten".  Darüber hinaus werden physische Anstrengun-
       gen höher  bewertet als psychische und nervliche Belastungen oder
       Konzentration. Folglich  überrascht nicht, daß 90% der in Leicht-
       lohngruppen eingestuften Arbeiter Frauen sind.
       Je mehr  Frauen in einer Branche oder einem Beruf vertreten sind,
       desto niedriger  ist der  Durchschnittsverdienst. Z.B.  verdiente
       eine drei  Jahre ausgebildete kaufmännische Kraft 1976 im Einzel-
       handel 1385 DM, während eine gleichwertige Tätigkeit im Bankenbe-
       reich mit  1803 Mark  abgegolten wurde.  Hier bestätigt sich, daß
       ein Beruf dann zum "Frauenberuf" wird, wenn sich Aufstiegschancen
       und soziale  Anerkennung verringern.  Umgekehrt  sinken  soziales
       Prestige und Anziehungskraft eines Berufes auf Männer, sobald der
       Frauenanteil steigt.
       Die Unterschiede  zwischen Männern und Frauen bei den Bruttostun-
       denverdiensten der  Arbeiter in  der Lohngruppe 1 (also bei glei-
       chen Tätigkeitsanforderungen)  bewegen sich zwischen 2,- bis über
       3,- Mark pro Stunde. Im Metallbereich waren z.B. 1972 in der Lei-
       stungsgruppe 1  (Facharbeiter) 3% aller Frauen eingestuft und 58%
       aller Männer,  während sich das Verhältnis fast umkehrt, betrach-
       tet man  die Leistungsgruppe  3 (Hilfsarbeiter): 59% aller Frauen
       und 12% aller Männer.
       Vergleichbar ist  die Situation  bei den Angestellten: Die Unter-
       schiede zwischen  männlichen und  weiblichen kaufmännischen Ange-
       stellten betrugen  im April  1976 z.B.  in der Leistungsgruppe II
       von DM  400,- bis  zu DM 750,- brutto pro Monatsverdienst. In der
       Leistungsgruppe II  für Angestellte  (Tätigkeiten mit  besonderen
       Fachkenntnissen) war  1974 der  relative Anteil  der  Männer  mit
       36,4% sechsmal höher als bei den Frauen mit 6,2%.
       Die  betrachteten  Einzelergebnisse  zur  Lohnsituation  der  er-
       werbstätigen Frauen spiegeln sich auf gesellschaftlicher Ebene in
       der Einkommensverteilung  wieder. Obwohl  rund ein  Drittel aller
       abhängig Beschäftigten  Frauen sind,  erhalten sie  nur knapp ein
       Viertel der gesamten Bruttolohn- und Gehaltssumme.
       Die für  die Werktätigen  krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung
       in der  BRD bringt  - weit  über die  im Arbeitsleben anstehenden
       Probleme hinaus  - in  allen  gesellschaftlichen  Bereichen  ein-
       schneidende Folgen  mit sich.  Sie macht  keineswegs halt vor den
       Standards der  Infrastruktur und  erstreckt sich bis in angeblich
       "persönliche Sphären",  bis in den sogenannten Privatbereich hin-
       ein. Auf  die Auswirkungen  der Arbeitslosigkeit  von Frauen  auf
       ihre finanzielle, familiäre und psychische Situation sei hier nur
       am Rande  verwiesen. Persönliche  Ausgaben und Anschaffungen, die
       unter Einbeziehung  des Einkommens der Frau geplant waren, müssen
       z.B. zurückgestellt  werden. Der  Kontakt zu den Kollegen wird in
       der Isoliertheit zu Hause von Frauen besonders vermißt.
       
       Einschnürung der sozialen Leistungen
       ------------------------------------
       
       Neben den  bereits genannten Aspekten im Zusammenhang mit der Si-
       tuation weiblicher  Jugendlicher, der  Studentinnen und sich wei-
       terbildender Frauen  werden hier  weitere  ausgewählte  Beispiele
       aufgezeigt, wie  durch restriktive Maßnahmen im  R e p r o d u k-
       t i o n s b e r e i c h   während der  Krise die  Lage der Frauen
       verschlechtert wurde.  Das Zurückbleiben des Ausbaus der sozialen
       Infrastruktur hat  für Frauen  besonders einschränkende Wirkung -
       gerade in  bezug auf  die  Integration  von  Berufstätigkeit  und
       Mutterschaft. Dies  betrifft besonders  alleinstehende Frauen mit
       Kindern.
       Nach wie  vor sind  Einrichtungen für  Kinder  wie  Kindergärten,
       Krippen und  Horte nur  in unzureichendem Maße vorhanden. Der An-
       teil der  Freizeit am  Tagesablauf wird  für  viele  berufstätige
       Frauen mit  Kindern durch  lange Wege  von und zur Arbeit und die
       Aufgaben in  der Familie  fast unter das lebensnotwendige Minimum
       reduziert. Die Verteuerung der Sozialtarife und der Mieten trifft
       gerade die  Frauen, sie  haben alle Anstrengungen zu unternehmen,
       mit dem  Haushaltsgeld bei ständig wachsenden Ausgaben zurechtzu-
       kommen.
       Die ärztliche  Versorgung hinkt  hinter den  Anforderungen  durch
       veränderte Krankheitsbedingungen  und eine veränderte Krankheits-
       struktur her. Die Säuglingssterblichkeit - als Indiz für die Qua-
       lität ärztlicher  Betreuung - liegt in der BRD im internationalen
       Vergleich mit an der Spitze.
       Noch immer nehmen über die Hälfte der weiblichen Versicherten die
       Möglichkeiten von  Vorsorgeuntersuchungen nicht wahr. Die Chancen
       der Früherkennung sind dadurch und durch die Beschränkung der Un-
       tersuchungen auf  wenige traditionelle  Krankheiten  stark  redu-
       ziert. Eine in Baden-Württemberg durchgeführte Modelluntersuchung
       hatte zum  Ergebnis, daß bei 71,1 Prozent der untersuchten arbei-
       tenden Frauen  medizinische Maßnahmen  für erforderlich  gehalten
       wurden. Jede achte Frau litt an einer bisher nicht wahrgenommenen
       Krankheit.
       Zu Belastungen und Überforderungen führen Arbeitsplatzbedingungen
       wie zu  schnelles Arbeitstempo,  Lärm, Licht,  Schmutz. Durch die
       zunehmenden Rationalisierungsmaßnahmen  steigen  die  psychischen
       Belastungen rapide  an. Der  Krankenstand gerade  der Frauen ent-
       spricht in  Krisenzeiten noch weniger als in den Jahren der Hoch-
       konjunktur dem  tatsächlich vorfindlichen  Gesundheitsstand.  Die
       Angst vor  dem Verlust des Arbeitsplatzes führt dazu, daß Vorsor-
       geuntersuchungen nicht  wahrgenommen, daß gesundheitliche Schäden
       bewußt oder  unbewußt übergangen  und in  Kauf  genommen  werden.
       Diese Tendenz drückt sich in den sinkenden Arbeitsunfallmeldungen
       und zurückgehenden Kuranträgen seit 1974/75 aus.
       Kaum eine sozialpolitische Maßnahme der letzten Jahre stand so im
       Vordergrund der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wie die Re-
       form des sogenannten "Abtreibungsparagraphen" 218 StGB. Die durch
       die Entscheidung  des Bundesverfassungsgerichtes geschaffene Lage
       entspricht keineswegs  den Forderungen  der breiten Bewegung, die
       für die  Reform dieser  Gesetzgebung eingetreten  ist. Frauen aus
       Arbeiterfamilien sind  auch heute benachteiligt. Aufgrund der oft
       bürokratischen  Anwendung   oder  gar  strikten  Ablehnung  eines
       Schwangerschaftsabbruchs durch die "Indikationsregelung" wird die
       Alternative der  "Reise nach  Holland" nach  wie vor ins Auge ge-
       faßt. Sie  muß jedoch  für Arbeiterfrauen häufig an der Begrenzt-
       heit der  finanziellen Mittel  und der Furcht, ins Ausland reisen
       zu müssen,  scheitern. Vielen bleibt deshalb auch gegenwärtig nur
       der Weg  zum illegalen Abbruch offen, obgleich Untersuchungen des
       Familienministeriums ergaben, daß in bundesdeutschen Kliniken Ka-
       pazitäten für 100 000 bis 250 000 Abbruche pro Jahr vorhanden wä-
       ren.
       Die Arbeitslosigkeit vieler Frauen bewirkt nicht etwa die Zunahme
       von Entscheidungen  zugunsten eines  Kindes, wie  von  bestimmten
       Kreisen erwünscht.  So hat die Statistik der PRO FAMILIA von 1976
       bereits ergeben, daß die Anzahl von arbeitslosen Ratsuchenden bei
       Frauen von  304 (1975)  auf 1260  (1976) und  bei Männern  von 68
       (1975) auf  378  (1976)  bei  einer  gleichzeitigen  Zunahme  der
       Schwangerschaftskonfliktberatung von  2845 (1975) auf 7545 (1976)
       gestiegen ist.
       
       Die Rentendiskriminierung
       -------------------------
       
       Ein Ergebnis der Diskriminierung der Frauen im Berufsleben stellt
       die Form ihrer Versorgung im  R e n t e n a l t e r  dar. Niedri-
       gere Löhne  und Gehälter  sowie nicht  angerechnete Ausfallzeiten
       durch die Familienbetreuung haben zur Folge, daß die Mehrzahl der
       Frauen nach  dem Ausscheiden  aus dem  Erwerbsleben oder nach dem
       Tod des  Ehepartners mit  einem völlig unzureichenden monatlichen
       Einkommen existieren müssen, das oftmals gar die Armutsgrenze un-
       terschreitet.
       Das vor  kurzem erfolgte  Urteil des  Bundesverfassungsgerichtes,
       wonach eine Witwe auch weiterhin nur 60% der Rente ihres verstor-
       benen Ehemannes  erhalten soll,  ist der  jüngste Beweis  für die
       Mißachtung des  im Grundgesetz  verankerten  Gleichberechtigungs-
       grundsatzes.
       45,8% (=  rund 1,6 Millionen) vormals erwerbstätiger Frauen bezo-
       gen im  Juli 1976  eine Rente  unter 300  DM, 31,2%  (= rund 1,09
       Mill.) zwischen  DM 300,-  und 600,-.  Die Witwenrenten lagen für
       etwas mehr  als 1,5  Millionen Frauen zwischen 300 und 600 DM und
       für 521 900  Frauen unter 300,- DM. Von der Erhöhung der Mindest-
       beiträge für  die freiwillige  Rentenversicherung durch  das  20.
       Rentenanpassungsgesetz (bis  1980 um das Dreieinhalbfache) werden
       gerade Frauen  aus Arbeiter-  und Angestelltenfamilien betroffen.
       Oftmals bedeutet  dies,  daß  ihr  eigenständiger  Rentenanspruch
       fraglich bleibt  oder - aufgrund der Bestimmungen des 21. Renten-
       anpassungsgesetzes -  die Wartezeit  für das Altersruhegeld nicht
       erfüllt werden  kann. In  gleicher Weise  wurden die  Renten  der
       landwirtschaftlichen Alterskassen  und die der Kriegsopferversor-
       gung beeinträchtigt.
       Weitere Verschlechterungen  für  die  von  ihrer  Rente  lebenden
       Frauen sind  in der Rücknahme der Befreiung von der Arzneimittel-
       gebühr zu  sehen, in  der Kürzung  des bei geringem Einkommen ge-
       zahlten Wohngeldes,  in der Rücknahme der Ermäßigung von Telefon-
       und Rundfunkgebühren  sowie auch in der Verringerung zusätzlicher
       Sozialhilfe bei unzureichender Rentenhöhe.
       
       3. Frauenemanzipation und Arbeiterbewegung
       ------------------------------------------
       
       Die angeführten  Fakten zur Situation der Frauen in der BRD unter
       den Bedingungen  krisenhafter Entwicklung verweisen eindeutig auf
       den Sachverhalt  der Diskriminierung. Dieser ohnehin auch in Zei-
       ten der Hochkonjunktur bestehende Zustand verschärft sich mit der
       anhaltenden Dauer  der sozialen  und ökonomischen Krisenprozesse.
       Materielle und  soziale Voraussetzungen und Bedingungen der Frau-
       enemanzipation werden wesentlich eingeschränkt.
       Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen verweisen aber auch
       darauf, daß  es unabdingbar ist, sowohl im Rahmen der Frauenbewe-
       gung als  auch der Organisationen der Arbeiterklasse zur Überwin-
       dung dieser  Situation im Interesse der Frauen spezifische Forde-
       rungen zu erheben und um ihre Durchsetzung zu kämpfen. Mit diesen
       Besonderheiten begründen  heute feministische  Gruppierungen  die
       Notwendigkeit Autonomer'  Organisationsformen, also einer von der
       Arbeiterbewegung getrennter  Organisierung der Frauen. Unbestrit-
       ten ist  dabei, daß  es gerade in Anfangsstufen der Bewegung not-
       wendig sein  kann, sich  kurzzeitig in Frauengruppen zurückzuzie-
       hen, um  Rollendefizite und  Benachteiligungen aufzuarbeiten  und
       Gemeinsamkeiten in  der Betroffenheit zu erfahren. Wird diese Or-
       ganisationsform jedoch  zum absoluten  Postulat erhoben,  negiert
       man die grundlegenden Interessengemeinsamkeiten aller Gruppen der
       Arbeiterklasse und der Lohnabhängigen und ihrer Angehörigen.
       Es ist  eine Binsenweisheit,  daß das Bewußtsein von Diskriminie-
       rung und  Unterdrückung diese  selbst noch nicht aufhebt. Kaum zu
       bestreiten ist  auch, daß die potentielle gesellschaftliche Macht
       der Arbeiterklasse  gegenüber der Klasse der Produktionsmittelbe-
       sitzer und  der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in ihrem
       Zusammenschluß in gewerkschaftlichen und politischen Organisatio-
       nen und  deren kämpferischer  Orientierung  und  Praxis  besteht.
       Selbst die  berechtigte Kritik  an Politik und Praxis der Gewerk-
       schaften, an  der unzureichenden Repräsentanz der Frauen in ihren
       Vertretungs- und  Leitungsgremien, an der vielfach noch bestehen-
       den Alibifunktion ihrer Frauenausschüsse usw., schafft die Tatsa-
       che nicht aus der Welt, daß in der BRD die Gewerkschaften des DGB
       die  umfassendsten  Organisationen  der  Arbeiterklasse  und  der
       Lohnabhängigen sind.  Die wachsende Beteiligung von Frauen an der
       Gewerkschaftsarbeit entspricht deshalb der Notwendigkeit, in die-
       sen Organisationen  mitzuarbeiten und  in ihnen  die spezifischen
       Interessen der  Frauen zur Geltung zu bringen und für ihre Durch-
       setzung im Kampf der gesamten Arbeiterklasse zu wirken.
       Daß  diese   Orientierung  nicht  frommem  'traditionalistischem'
       Wunschdenken entspringt,  sondern unter  den Bedingungen  unseres
       Landes realisierbar  ist, zeigten  die Streikkämpfe  im  Frühjahr
       1978. Im Bereich der IG Metall z.B. konnte die untere Leichtlohn-
       gruppe abgeschafft  und konnten Schutzmaßnahmen gegen Abstufungen
       und Dequalifizierungen durchgesetzt werden.
       Allerdings ist  es auch  erforderlich,  daß  marxistische  Kräfte
       stärker als  bisher dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der Frau-
       enbewegung und  ihren Organisationsformen  Rechnung tragen.  Dies
       bedeutet vor allem, einen Beitrag in der Formulierung gemeinsamer
       antimonopolistischer Interessen  und Forderungen  zu leisten, auf
       deren Grundlage  punktuelle Bündnisse zwischen der Frauenbewegung
       und Organisationen  der Arbeiterbewegung  möglich und  erfolgver-
       sprechend sind.  Unterschiedliche Positionen  in  Grundsatzfragen
       sind dabei keine unüberwindbaren Hürden.
       Zeigt schon  das Problem der ökonomischen und sozialen Krisenaus-
       wirkungen, daß  der Kampf  gegen die kapitalistische Wirtschafts-
       krise und  ihre Auswirkungen  unmittelbar auch  ein Kampf für die
       Chancengleichheit und Emanzipation der Frauen ist, so trifft dies
       auch für  die Bewegungen  zur Verteidigung  demokratischer Rechte
       zu. Einschüchterungsversuche,  Disziplinierungsmaßnahmen und  Be-
       rufsverbote, die zu 60% bislang Frauen betrafen, sollen dazu bei-
       tragen, ein  Klima der  Angst und  der sozialen  Unsicherheit  zu
       schaffen und gesellschaftliches und politisches Engagement zu un-
       terbinden. Die  politische Rechtsentwicklung wirkt sich nicht zu-
       letzt in  der Propagierung konservativer bis reaktionärer Frauen-
       leitbilder aus,  die das  Recht der  Frau auf Arbeit als absurd -
       weil ihrer  Bestimmung widersprechend - abtun oder gar arbeitslo-
       sen Frauen  mangelnde Motivation  und Bereitschaft zur Arbeit un-
       terstellen.
       Dies zeigt, daß heute der Fortschritt der Emanzipationsbestrebun-
       gen der  Frauen an  eine Veränderung der politischen Verhältnisse
       gebunden ist,  und zwar  an Veränderungen  demokratischen Charak-
       ters, die  gesamtgesellschaftliche Kräfteverhältnisse  herbeifüh-
       ren, die  auch progressive  soziale und ökonomische Entwicklungen
       einzuleiten in der Lage sind.
       Umgekehrt kommt  auch der  Frauenbewegung in  diesem Prozeß  eine
       hervorragende Rolle  zu. Es  ist z.B. eine alte Erfahrung des ge-
       werkschaftlichen Kampfes  der Arbeiter, deren Gültigkeit heute in
       keiner Hinsicht  gemindert ist,  daß die  Einbeziehung der Frauen
       ein wichtiges Moment ist, um die durch die Unternehmer geförderte
       Konkurrenz auf  den Arbeitsmärkten einzuschränken und zu kontrol-
       lieren. Dies  gilt aber mehr oder weniger auch für andere soziale
       und politische Bewegungen.
       Der Kampf um die Emanzipation der Frau ist nicht nur ein Kampf um
       die Gleichberechtigung der Geschlechter. Würde er sich darauf be-
       schränken, würde  er den Rahmen der Ausbeutung, Unterdrückung und
       Ungleichheit der  kapitalistischen Klassengesellschaft  akzeptie-
       ren. Die realen Verhältnisse in der BRD zeigen jedoch, daß selbst
       von einer  Gleichheit der  Ausbeutungsbedingungen nicht  die Rede
       sein kann.
       
       _____
       1) Vergl. Simone  de Beauvoir,  Alles in  allem, Reinbek 1974, S.
       450 f.
       2) Vergl. Simone  de Beauvoir  über  sich  selbst,  Interview  in
       "Emma", Köln, Nr. 2" vom Februar 1978, S. 19/20.
       3) Frauenjahrbuch '76, München 1976, S. 69 und 68.
       4) Selma James,  Frauen, Gewerkschaft  und Arbeit  oder Was nicht
       tun? In: Lohn für die Hausarbeit, München 1974, S. 62.
       5) Vergl. Frauenjahrbuch '76, S. 81.
       6) Ulrike Prokop,  Weiblicher  Lebenszusammenhang.  Von  der  Be-
       schränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche,
       Frankfurt/M. 1976, S. 10.
       7) Marx/Engels, Werke, Bd. 20, Berlin 1971, S. 444.
       8) Dies., Bd. 3, Berlin 1969, S. 30.
       9) Frauenvereinigung der  CDU,  Vorschläge  zur  Überwindung  der
       Frauenarbeitslosigkeit, hektograf. Manuskript, Bonn 1978, S. 6.
       10) Abschnitt 2  stützt sich  auf Ergebnisse  einer umfassendeten
       Untersuchung des  IMSF. Auf  die Angabe  der Originalquellen wird
       hier verzichtet. Der interessierte Leser sei verwiesen auf: IMSF-
       Informationsbericht Nr.  31, Wirtschaftskrise und Frauenemanzipa-
       tion, erarbeitet  von einer Autorengruppe, abgeschlossen im April
       1978, Frankfurt am Main 1978.
       

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