Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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       MARXISTISCHE GEWERKSCHAFTSTHEORIE
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       Bericht über ein Seminar des IMSF
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       Witich Roßmann
       
       Die Klassiker  des Marxismus  und die  Gewerkschaften heute - Ge-
       werkschaftliche und politische Organisation der Arbeiterklasse im
       SMK -  Charakterisierung der  Strömungen - Zum Autonomiebegriff -
       Aktuelle Tendenzen  im Verhältnis von Ökonomie und Politik in der
       gewerkschaftlichen Praxis.
       
       Aktuelle Probleme der marxistischen Gewerkschaftstheorie waren am
       23. Februar 1980 in Frankfurt Gegenstand eines Seminars des IMSF,
       das der  Selbstverständigung unter  Marxisten dienen sollte. Kon-
       kreter Anlaß  war vor  allem die  Diskussion der  von F. Deppe in
       seinem Buch  "Autonomie und Integration" 1) aufgeworfenen theore-
       tischen Thesen, Fragestellungen und Probleme. Diese verweisen in-
       des über  den konkreten Ausgangspunkt hinaus auf die aktuelle Re-
       levanz der  theoretischen Analyse  der Gewerkschaften  und  ihrer
       Entwicklung. F.  Deppes Anfang 1979 publizierte Analyse der aktu-
       ellen Krisenverarbeitung  der Gewerkschaften 1974-1978, verbunden
       mit einer  historischen Analyse  und der  Diskussion historischer
       wie  aktueller  theoretischer  Ansätze  der  Gewerkschaftsanalyse
       steht im Schnittpunkt von mindestens vier wichtigen Entwicklungs-
       tendenzen:
       - die Gewerkschaften  stehen im  Übergang zu den 80erJahren, nach
       nur zum  Teil erfolgreichem  Angriff auf die Tabu-Politik der Un-
       ternehmerverbände, vor komplizierten strategischen und taktischen
       Fragen ihrer weiteren Orientierung;
       - in die DGB-Grundsatzprogrammdiskussion wird stark mit Druck von
       außen hineingearbeitet, sei es durch "gewerkschaftspluralistisch"
       begründete Spaltungsversuche,  sei es  durch Versuche staatlicher
       Instrumentalisierung der  Gewerkschaften für  globale ökonomische
       und politische Leitziele;
       - die siebziger  Jahre  brachten  für  die  Gewerkschaftsbewegung
       zahlreiche neue  Problem-und Kampffelder  wie u.a.  die Auseinan-
       dersetzung mit  institutionalisierten Formen  staatlicher Einkom-
       menspolitik (Konzertierte  Aktion), mit der Dynamik inflationärer
       Reallohnentwertungsprozesse sowie  der sich intensiv entfaltenden
       Rationalisierungsbewegung, die  bei  verringerten  Wachstumsraten
       einen überzyklisch hohen Stand von Massenarbeitslosigkeit konsti-
       tuierte. In  diesen Bereichen kam es zu sozialen Kämpfen, die auf
       eine Verallgemeinerung, eine theoretische Fixierung des gegenwär-
       tigen Standes  der Klassenbeziehungen und -kräfteverhältnisse wie
       ihrer Entwicklungsdeterminanten und -tendenzen drängen;
       - zahlreiche sozialwissenschaftliche  Untersuchungen dieser Klas-
       senauseinandersetzungen -  nicht  zuletzt  durch  die  September-
       streik-Studie des IMSF von 1969/70 angeregt
       - harren ebenso  einer gründlichen Auswertung wie die zahlreichen
       Hypothesen, Theorien  und Prognosen,  die seit  Anfang  der  70er
       Jahre über  die Rückwirkungen der Veränderungen der Klassenstruk-
       tur, des  SMK-Systems, des  Reproduktionstyps, der  Inflation und
       der Krise  auf Bewußtsein und Verhalten, auf Aktion und Organisa-
       tion der  Arbeiterklasse aufgestellt  worden sind, einer Überprü-
       fung und  möglicherweise einer Modifikation oder Korrektur bedür-
       fen.
       Die Absicht  der Veranstalter,  ein problemorientiertes  Gespräch
       unter publizistisch  und wissenschaftlich  mit diesen  Fragen be-
       schäftigten Marxisten zu organisieren, wurde durch den begrenzten
       Teilnehmerkreis, die  Konzentration auf die Erarbeitung einer ei-
       genen positiven  Konzeption und  die Feststellung  der dabei noch
       offenen Probleme  gefördert.  Einer  historischen  wie  logischen
       Sicht der  angesprochenen Probleme  diente der Aufbau der einlei-
       tenden Referate  von G.  Fülberth "Die marxistische Arbeiterbewe-
       gung zur Gewerkschaftsfrage", F. Deppe "Zur Analyse der Rolle der
       Gewerkschaften im heutigen Kapitalismus", G. Hautsch/K. Pickshaus
       "Zur gewerkschaftlichen  Klassenpolitik heute".  2) Die  sich  in
       mehreren Strängen  entwickelnde Diskussion soll im folgenden mehr
       themenorientiert denn chronologisch skizziert werden.
       
       Die Klassiker des Marxismus und die Gewerkschaften heute
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       Zu dem  von Georg Fülberth aufgeworfenen Problem der Verallgemei-
       nerungsfähigkeit  von  Klassikeraussagen  zur  Gewerkschaftsfrage
       wies J.  Schleifstein zustimmend  darauf hin,  daß man methodisch
       das Problem des Verhältnisses von Partei und Gewerkschaften nicht
       zutreffend lösen  könne, wenn  man Marx,  Engels, Lenin  und Rosa
       Luxemburg die  Konstruktion von  Idealmodellen  unterstelle.  Sie
       analysierten jeweilig besondere nationale Typen. Ihre ersten Ver-
       allgemeinerungen wurden  durch die  Frage nach  der bestmöglichen
       Entwicklungsform dieses  Verhältnisses für  die  Arbeiterbewegung
       bestimmt. Das  konkret-historische Herangehen sei typisch für sie
       gewesen. In  der weiteren Diskussion wurde von F. Deppe und ande-
       ren, in  allgemeiner Übereinstimmung  mit Fülberth  und  Schleif-
       stein, zugleich  gegen eine  zu  stark  historisch-relativierende
       Analyse darauf  hingewiesen, daß  Marx und  Lenin ihre Bestimmung
       der Funktionen  von Partei  und Gewerkschaft  nicht nur  konkret-
       historisch, sondern  auch als verallgemeinerte Ergebnisse aus der
       Klassen- und Klassenkampftheorie abgeleitet hatten. Die Frage der
       Verallgemeinerungsfähigkeit wurde  in der  weiteren Diskussion in
       mehreren Bereichen weiter verfolgt.
       Zur Frage der Unterschätzung der Stabilität der reformistisch-in-
       tegrationistischen Strömung in der Arbeiterbewegung durch die KPD
       erinnerte J.  Schleifstein an eine Wende in der Einschätzung, die
       sich bei  Lenin im  Brief an die KPD und im "Linken Radikalismus"
       angedeutet habe,  die aber  nicht weiter  fortgeführt worden sei.
       Der  Fülberthschen   Kritik  an   der  Leninschen   Kennzeichnung
       "reaktionäre Gewerkschaften"  für  reformistische  Gewerkschaften
       stimmte er  generell unter  dem Vorbehalt zu, daß auch heute Kon-
       stellationen in einzelnen Ländern möglich sind, die diese Klassi-
       fizierung notwendig machen. Sie sollte aber nicht auf reformisti-
       sche Gewerkschaften angewendet werden.
       Die Kennzeichnung "umgekehrte Spontaneität" als falsche Verallge-
       meinerung von  Teilerfahrungen für  die Ursachenerklärung der ul-
       tralinken Politik  der KPD  am Ende  der  Weimarer  Republik  sei
       "wissenschaftlich verharmlosend".  Das Sektierertum sei aus einer
       falschen Strategie und daraus abgeleiteten Zielsetzungen entstan-
       den.
       Günter Judick  forderte eine sorgfältige Unterscheidung des drei-
       maligen Positionswechsels  der Kommunisten  in der Gewerkschafts-
       frage von 1919-1933. Dem ultralinken Kurs lagen jeweils verschie-
       dene Motivationen  zugrunde. Er war 1918/19 stark syndikalistisch
       und durch  die Räteproblematik  geprägt, 1924/25 durch eine gene-
       relle sektiererische  Linie, die das Problem der relativen Stabi-
       lisierung verkannt  hatte, und 1928/29 durch die Ausschlußpolitik
       des ADGB  gegenüber den  Kommunisten. Bei der Analyse des Positi-
       onswechsels der  KPD sei darüber hinaus auch die Frage der verän-
       derten Haltung  zur   F o r m   der Arbeit  in den Gewerkschaften
       (Fraktionsbildung) zu  berücksichtigen. Er  verwies dabei auf die
       Aufnahmebedingungen der  kommunistischen Internationale (Leitsatz
       9). Heinz  Seeger kritisierte  eine oftmals zu defensiv angelegte
       RGO-Diskussion. Aus eigenem Erleben wies er unter anderem auf die
       starke Vernachlässigung  des Problems  der  Arbeitslosen  in  der
       Weltwirtschaftskrise 1929-32  durch den ADGB hin, was von der RGO
       aufgegriffen wurde. Aus der direkten Sicht des früheren leitenden
       Funktionärs der  Holzgewerkschaft schilderte  er die Auseinander-
       setzungen im  DGB in den fünfziger Jahren über die Aktionen gegen
       das Betriebsverfassungsgesetz  von 1952  und gegen  die Wiederbe-
       waffnung. Er  kritisierte die in der abwartenden Haltung zum Aus-
       druck kommende  positive Identifikation  wichtiger Gewerkschafts-
       führer mit dem Staat und forderte die Ausarbeitung von Alternati-
       ven in so reifer Qualität, daß sie auch für Sozialdemokraten ver-
       steh- und akzeptierbar seien.
       H. Jung  forderte, die  Interpretation der  Klassiker neu auf die
       gegenwärtige Situation  zu beziehen, denn die historisch-logische
       Methode erfordere  nicht allein die Reinterpretation, sondern vor
       allem auch  die Untersuchung  der gegenwärtigen Prozesse. Er warf
       dabei die Frage nach der traditionellen Arbeitsteilung von Partei
       und Gewerkschaften  auf, die  sich in  Richtung "Funktionszuwachs
       der Gewerkschaften"  verändert habe.  Steffen Lehndorff  wies  in
       Weiterführung der  Ausführungen von  G. Fülberth  daraufhin,  daß
       sich der  heutige Charakter der gewerkschaftlichen Begrenzung von
       der zu  Zeiten Lenins in Rußland deutlich unterscheide. Die dama-
       lige Dominanz der nur betrieblichen Perspektive und von spontanen
       Kampferfahrungen würde heute hauptsächlich nur noch für Betriebs-
       räte gelten.  Der umfassende  organisatorische Charakter der bun-
       desdeutschen Einheitsund Industriegewerkschaften zwinge diese, in
       größeren Dimensionen zu denken. Die Reproduktionsprobleme forder-
       ten heute häufig die Ausarbeitung komplexer gesamtgesellschaftli-
       cher Alternativprogramme.  Damit bleibe  indes der  klassenmäßige
       Inhalt solcher  Programme noch unbestimmt. G. Hautsch schloß dar-
       aus auf  die Notwendigkeit,  die Inhalte  der Leninschen Begriffe
       "Tradeunionismus" und  "Ökonomismus" unter den heutigen Bedingun-
       gen zu konkretisieren.
       
       Gewerkschaftliche und politische Organisation
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       der Arbeiterklasse im SMK
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       Die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Konstitution von Gewerk-
       schaften (Vertretung  der unmittelbaren  sozialen Interessen) und
       politischen Parteien der Arbeiterbewegung (Erkämpfung der politi-
       schen Staatsmacht,  d. h.  Kampf um die politisch verallgemeiner-
       ten, grundlegenden Interessen der Arbeiterklasse) reproduzieren -
       so allgemeine  Übereinstimmung in  der Diskussion  - die grundle-
       gende Teil-Ganze-Dialektik  des Verhältnisses von politischen und
       gewerkschaftlichen Organisationen  der Arbeiterbewegung.  Die ge-
       werkschaftliche Organisation  - will  sie ihre erste Funktion re-
       alisieren -  wird, so F. Deppe, immer weitaus stärker als politi-
       sche Parteien  der Spannung ausgesetzt seien, die aus der Vertre-
       tung   von   partikularen   Sonderinteressen   resultieren.   Die
       "Wiedervereinigung von Ökonomie/Politik" qua Funktionszuwachs der
       Gewerkschaften -  wie zum Teil historisch-traditionell von links-
       sozialistisch-syndikalistischer Seite oder aktuell in der italie-
       nischen Diskussion  gefordert - könne deshalb auch nicht als Auf-
       hebung des  Verhältnisses von  Partei und  Gewerkschaften gedacht
       werden. Die  Einschätzung eines  "Funktionszuwachses der  Gewerk-
       schaften", darüber bestand Übereinstimmung in der Diskussion, ba-
       siert neben  der umfassenderen organisatorischen Dimension gegen-
       wärtiger Gewerkschaften  auf den dahinterstehenden sozialökonomi-
       schen Entwicklungsprozessen.  Sie  wurden  vor  allem  unter  dem
       Aspekt ihrer  Relevanz für  die Bestimmung der gewerkschaftlichen
       Handlungsmacht gegenüber  und im Rahmen der Gesetze des kapitali-
       stischen Reproduktionsprozesses diskutiert. Ausgangspunkt war der
       von F. Deppe als Einheit von objektiven und subjektiven, ökonomi-
       schen und  politischen Momenten bestimmte Vergesellschaftungspro-
       zeß, der Gewerkschaften nicht allein konstituiere, sondern in dem
       diese zugleich als "bewußte Form der Vergesellschaftung" agieren.
       Erst in und vermittels der Organisation und des Kampfes konstitu-
       ieren sich  die Lohnarbeitsindividuen  zur bewußten  Klasse,  die
       eine der kapitalistischen Logik entgegengesetzte Logik der Verge-
       sellschaftung entwickele,  die dem  Kapital  Verwertungsschranken
       setzt und  die Naturwüchsigkeit  seiner Gesetze zu einem gewissen
       Grade bricht.  Dies reflektiere sich ideologisch im konservativen
       Vorwurf des "Kollektivismus", der "schleichenden Sozialisierung",
       mittels derer  die Gewerkschaften  und die  Arbeiterbewegung  das
       Wirken der klassischen Marktgesetze zerstöre.
       Hautsch/Pickshaus monierten  den  Begriff  "alternative  Entwick-
       lungslogik", den  Deppe in seinem Buch - auf Z. Basso begrifflich
       rekurrierend -  verwendet, und plädierten dafür, von "Gegenmacht-
       positionen gegen  die Macht  des  Monopolkapitals"  zu  sprechen,
       "wenn sie  - auf  der Fähigkeit  der Arbeiterklasse zur Machtent-
       faltung beruhen  und  die  kapitalistische  Entwicklungslogik  in
       Frage stellen".
       H. Jung  forderte zur  theoretischen Analyse  dieses Problems die
       Berücksichtigung der  strukturellen Veränderungen im ökonomischen
       und politischen System des SMK, die insgesamt auf eine wesentlich
       erhöhte Bedeutung  der Klasseninteressen des Lohnabhängigenblocks
       hin tendieren.  Trotzdem dürfe  nicht die  dominierende Rolle der
       Kapitalgesetze durch  die Konstatierung einer Wechselwirkung zwi-
       schen Kapitalgesetzen  und der Rückwirkung der subjektiven Verge-
       sellschaftungsprozesse unterschätzt  werden. W.  Roßmann  meinte,
       daß der Marxschen Kategorie der - Politischen Ökonomie der Arbei-
       terklasse", die  Marx noch  eher beiläufig erwähnte, aufgrund der
       objektiven wie  subjektiven Entwicklung der Arbeiterklasse, ihrer
       Organisationen wie  institutionellen Verankerung  im SMK eine er-
       weiterte Bedeutung  zukomme, da durch den Kampf der Arbeiterbewe-
       gung heute  dauerhafter "wesentliche  Modifikationen" (Tjulpanow)
       kapitalistischer Gesetze durchgesetzt würden. Dies hätte auch das
       Potential reformistischer  Politik erweitert,  das über zyklische
       Perioden hinweg  wirksam werde.  Verzerrt reflektiere sich das in
       der stärkeren  Diskussion über  das  Verhältnis  von  Markt-  und
       Machteinflüssen in  den bürgerlichen Einkommens- und Verteilungs-
       theorien. Gegen eine solche Erweiterung der Kategorie der Politi-
       schen Ökonomie der Arbeiterklasse wandte J. Schleifstein ein, daß
       ihre Genese  in Marx'  Kampf gegen die Lassalleanische Konzeption
       eherner gesellschaftlicher  Gesetze zu  sehen sei  und daß es bei
       ihr  größtenteils   um  die   Durchsetzung   objektiver   Gesetze
       (Lohngesetz) sowie  die Anerkennung  von Kampfergebnissen der Ar-
       beiterbewegung in  staatlich-juristischer  Gesetzesform  gegangen
       sei. Zudem  sei der  funktionale Stellenwert dieser Kategorie für
       die linear-mechanische  Begründung  permanenter  Reformierbarkeit
       des Kapitalismus  in den  Debatten um  das Godesberger  Programm,
       z.B. in W. Eichlers Rede zur Hundert-Jahr-Feier des Lassalleschen
       Arbeitervereins, zu berücksichtigen.
       Übereinstimmung herrschte  darüber, daß von einer erweiterten Ge-
       genmachtposition der  heutigen Arbeiterbewegung  und dadurch  be-
       dingter Modifikationen gesellschaftlicher Gesetze auszugehen sei.
       
       Charakterisierung der Strömungen
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       In diesem  weiteren Begründungszusammenhang  wies F.  Deppe,  der
       schon in seinem Einleitungsbeitrag - ebenso wie Hautsch/Pickshaus
       - das  Problem einer  Neubewertung  des  Reformismus  aufgeworfen
       hatte, daraufhin,  daß der  veränderte Stellenwert des Kampfes um
       Reformen und  der reformistischen  Strömung nicht nur als politi-
       sche Frage analysiert werden kann. Zugleich stelle sich die Frage
       nach der  inneren Logik  kapitalistischer Entwicklung, die diesen
       anderen Stellenwert mit sich bringe. Er verwies dabei auf die Er-
       gebnisse der  SMK-Theorie bezüglich der neuen Aufgaben der Arbei-
       terbewegung und  der Neubestimmung des Verhältnisses von Demokra-
       tie und  Sozialismus. In  diesem Zusammenhang  wäre auch die neue
       Rolle der  Gewerkschaften und  reformistischer Politik zu bestim-
       men.
       G. Judick  und J.  Schleifstein erinnerten  daran, daß  schon zur
       Zeit der  DGB-Debatte um  das Programm  von 1963 (Düsseldorf) und
       gegen Ende der 60er Jahre eine sehr weitgehende begriffliche Dif-
       ferenzierung der Flügel in den Gewerkschaften praktisch und theo-
       retisch durch die Marxisten herausgearbeitet worden sei.
       Vom theoretisch-methodischen  Aspekt her hatten Hautsch/Pickshaus
       in ihrem Einleitungsbeitrag darauf verwiesen, daß die spezifische
       Gewerkschaftssituation (Dauerkonflikt  mit dem Kapital als Struk-
       turmoment) eine reine Übertragung von parteipolitischen Klassifi-
       zierungskriterien nicht  sinnvoll erscheinen  lasse.  Die  Unter-
       scheidung nach gewerkschaftspolitischen Funktionsbestimmungen sei
       grundlegender.
       Die begriffliche  Ausdifferenzierung mittels der Begriffe Sozial-
       reformismus, Opportunismus,  Revisionismus wurde  von einer Mehr-
       zahl der  Diskussionsteilnehmer für  ungenügend erachtet,  um die
       einzelnen Strömungen  in ihren widersprüchlichen Wechselbeziehun-
       gen und Entwicklungstendenzen adäquat zu erfassen.
       Eine intensive Weiterarbeit an diesem Problem wurde allgemein für
       überaus wichtig erachtet. Dabei seien auch die neuen Ansätze, den
       Inhalt solcher Kategorien wie Monopolprofit, Arbeiteraristokratie
       etc. für die gegenwärtige Situation neu zu bestimmen, die die Au-
       toren des  Bandes "Staatsmonopolistischer Kapitalismus und Oppor-
       tunismus" 3) unternommen haben, zu berücksichtigen.
       
       Zum Autonomiebegriff
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       In diesem  Kontext kommt  der inhaltlichen Bestimmung des Autono-
       miebegriffs eine  gewichtige Rolle zu. F. Deppe war in seinem Re-
       ferat davon ausgegangen, daß die Gewerkschaften nicht spontan au-
       tonom werden, da ihre Reproduktionskämpfe an die Akkumulationsbe-
       wegung des  Kapitals gebunden  sind. Gewerkschaften würden in dem
       Maße autonom,  wie sie  ihre Doppelfunktion - Schutz- und Gestal-
       tungsfunktion, wie  es im DGB-Programmentwurf heißt - wahrnehmen,
       in dem  der Kampf um die grundlegenden Interessen verallgemeinert
       wird und  sich zum  politischen Kampf  hin entwickelt. Dem kommen
       die objektiven  und subjektiven Entwicklungsresultate des kapita-
       listischen Vergesellschaftungsprozesses,  die  zu  einer  engeren
       Wechselbeziehung von Ökonomie und Politik führen, entgegen.
       Diese allerdings  fordern -  so Hautsch/Pickshaus - eine genauere
       analytische Differenzierung zwischen ökonomischem und politischem
       Kampf, denn  unter diesen  Bedingungen ist nicht mehr jede Forde-
       rung an  den Staat  per se  politisch. St. Lehndorff unterstützte
       die Relevanz  dieser Unterscheidung.  Zwar erzwinge  der  gesell-
       schaftliche Charakter  vieler Reproduktionsbedürfnisse der Arbei-
       terklasse gesamtgesellschaftliche  Alternativprogramme und  führe
       daher zu  verallgemeinerten politischen  Forderungen.  Damit  sei
       aber die  inhaltliche Bestimmung  dieser Programme  im Sinne  der
       Klassenautonomie noch nicht zwingend verbunden.
       Einig war man sich in der Diskussion, daß der Autonomiebegriff im
       Sinne von Klassenautonomie zu unterscheiden sei von einem Autono-
       mieverständnis, das  nur auf  die formale  Unabhängigkeit der Ge-
       werkschaften von  den politischen Parteien, von Kapital und Staat
       abstelle. Allerdings  müsse auch dieses Moment von Autonomie, das
       sich in der Eigenständigkeit der Organisation und ihrer Beschluß-
       fassung äußere,  - darauf  wies G. Judick nachdrücklich hin - als
       notwendiger Bestandteil  der Klassenautonomie  begriffen  werden,
       der den Gewerkschaften helfe, ihre Funktionen wirksam realisieren
       zu können.
       F. Deppe zog das Fazit, daß sich die Frage nach einer exakten in-
       haltlichen Fassung des Autonomiebegriffs nicht allgemein definie-
       ren lasse.  Sein Inhalt  werde konkret-historisch  bestimmt.  Die
       Rolle des politischen Teils der Arbeiterbewegung, darin schloß er
       sich Pickshaus/Hautsch  an, müsse  bei der Definition des Autono-
       miebegriffs berücksichtigt werden.
       Die Diskussion  über die  Beziehungen zwischen gewerkschaftlicher
       und politischer  Klassenorganisation und  -bewegung bewegte  sich
       auf mehreren  Ebenen. Neben der allgemeinen Anerkennung der Rele-
       vanz der  gewerkschaftlichen Autonomie wurde auch daraufhingewie-
       sen, daß  angesichts des konstatierten Funktionszuwachses der Ge-
       werkschaften das  alte mechanische  Verhälmismodell Partei  / Ge-
       werkschaften mit  relativ starr abgegrenzten Handlungsfeldern und
       z. T.  starker innerer organisatorischer Verflechtung obsolet ge-
       worden sei.  G. Judick  verwies auf  die komplizierter  gewordene
       Teil-Ganze-Dialektik der Beziehungen, wenn sie unter solchen ver-
       schiedenen Dimensionen  wie den  Kampffeldern, der  quantitativen
       (Zahl) und der qualitativen (Zusammensetzung, Homogenität/Hetero-
       genität)  Organisationsbreite  betrachtet  werde.  B.  v.  Mutius
       schätzte  für   die  inhaltliche  Bestimmung  der  Autonomie  die
       Äußerungen R.  Luxemburgs zur sogenannten Neutralitätsdebatte als
       sehr fruchtbar  für die  gegenwärtigen Diskussionen  ein. Wichtig
       sei es  zudem, in  der historischen  Analyse der Wechselbeziehung
       zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie zwischen der formel-
       len und  reellen Bindung  zu unterscheiden. Heute sei eine dritte
       Etappe dieses  Verhältnisses zu  konstatieren, in der es bei for-
       meller Unabhängigkeit  der Gewerkschaften eine starke reelle Bin-
       dung an die SPD gebe.
       G. Hautsch  forderte, genauer  die für die Gewerkschaften wie die
       SPD gleichermaßen  wirkenden Quellen für eine integrationistische
       Politik zu  bestimmen, die das inhaltliche Fundament der heutigen
       Bindung zwischen  SPD und  Gewerkschaften mit prägen. G. Blum hob
       die Bedeutung  der theoretischen  Arbeit zur konsistenten Begrün-
       dung der  Gewerkschaftspolitik der DKP hervor. Sie könne verdeut-
       lichen helfen, daß die Position der DKP Ergebnis einer grundsätz-
       lichen Herangehensweise  und einer  Verarbeitung der historischen
       Erfahrung sei  und nicht eine taktische Anpassung an gegenwärtige
       Verhältnisse. Er  hob sieben  wichtige Gesichtspunkte hervor, die
       das Verhältnis  der DKP  zu den  bundesrepublikanischen  DGB-Ein-
       heitsgewerkschaften bestimmen. Die DKP
       - verteidige die Einheit der Gewerkschaften, der ein großer eige-
       ner Stellenwert  bei der  Vertretung der  sozialen Interessen der
       Lohnabhängigen zukommt, auch unabhängig vom erreichten Niveau der
       Klassenautonomie;
       - setzt sich  für eine Klassenorientierung der gewerkschaftlichen
       Politik ein;
       - tritt für  ein partnerschaftliches  Zusammenwirken zwischen den
       Gewerkschaften und  den politischen Parteien der Arbeiterbewegung
       ein;
       - hält die Universalität der Einheitsgewerkschaften und damit die
       Einheit und Gleichberechtigung aller Strömungen und Kräfte im DGB
       für unabdingbar;
       - setzt sich  gleichermaßen für  die Entfaltung einer breiten in-
       nergewerkschaftlichen Demokratie  u n d  den Erhalt einer funkti-
       onsfähigen Einheit  (gegen gewerkschaftspluralistische und syndi-
       kalistische Tendenzen) ein;
       - tritt für die Veränderung des bisherigen Einbahnstraßenverhält-
       nisses von DKP und DGB ein;
       - engagiert sich  für eine  weltoffene Internationalisierung  der
       Gewerkschaftsbeziehungen des DGB.
       
       Aktuelle Tendenzen im Verhältnis von Ökonomie und Politik
       ---------------------------------------------------------
       in der gewerkschaftlichen Praxis
       --------------------------------
       
       In der  Diskussion um aktuelle Entwicklungstendenzen und ihre De-
       terminanten wurde  die Frage der gewerkschaftspolitischen Auswir-
       kungen des  neuen Verhältnisses  von Ökonomie/Politik  sowie  die
       Frage nach  den Grundlagen  der relativen Stabilität der integra-
       tionistischen Strömungen  aufgeworfen. St. Lehndorff  fragte nach
       den Chancen für eine gewerkschaftliche Linksentwicklung, die sich
       aus dem  Zwang zu  gesamtgesellschaftlichen Alternativen  ergebe.
       Seines Erachtens  könne sich  Autonomie hier  auf einem neuen Ni-
       veauentwickeln. Dies  bestätige sich  in  der  Tarifpolitik  seit
       1977/78. Die  positive Entwicklung, über die Forderungen nach der
       35-Stunden-Woche gewerkschaftliche  Antworten  auf  gesamtgesell-
       schaftliche Probleme  zu weisen,  sei auf  Granit gestoßen. Dabei
       sei eine Lücke entstanden. Auf der einen Seite habe sich die Not-
       wendigkeit ergeben, die gesellschaftsverändernden Dimensionen ge-
       werkschaftlicher Politik praktisch werden zu lassen. Andererseits
       sei vielfach der Auseinandersetzung auf der staatlich-politischen
       Ebene ausgewichen  worden. W. Roßmann verwies auf einige aktuelle
       Tendenzen in  Gewerkschaftskreisen, den  ökonomischen und politi-
       schen Sektor  voneinander abzuschotten.  St. Lehndorff  sah darin
       Tendenzen einer  gewerkschaftlichen Kopie  der "Politik auf Zeit"
       und des  gewerkschaftlichen Krisenmanagements,  die zum  Teil mit
       Abwehrreaktionen und  Antikommunismus auf linke Alternativen rea-
       giere.
       Die Entfaltung einer autonomen Politik 1977/78 in einigen Gewerk-
       schaftssektoren wurde  in engem Zusammenhang mit der Konfrontati-
       onspolitik des Kapitals gesehen, die die Gewerkschaften - genannt
       wurden insbesondere die IGM, IG Druck und Papier, die HBV und die
       IGBSE -  zur Entwicklung  von Mobilisierungsstrategien  veranlaßt
       habe. Sie habe zur Zurückdrängung von Auswirkungen der Segmentie-
       rungs- und Fraktionierungsprozesse geführt und eine übergreifende
       Vereinheitlichung und  Mobilisierung der  betroffenen  Teile  der
       Arbeiterklasse ermöglicht.  Die  Modifizierung  der  Politik  des
       Kapitals, das  seit Anfang  1979  wieder  stärker  sozialpartner-
       schaftliche Integrationsmomente  akzentuiere, lasse diesen Prozeß
       der Vereinheitlichung  zum Teil wieder versanden. Partikularisti-
       sche Tendenzen  würden dadurch gefördert. Die in den Arbeitskämp-
       fen 1976bis  1978/79 entwickelten autonomen Positionen seien auch
       dadurch begrenzt  geblieben, daß ihnen eine Entsprechung im poli-
       tischen Sektor fehlte.
       Hier habe  sich erneut  gezeigt, daß  der gewerkschaftliche Zwang
       zur Vertretung auch partikularer Sonderinteressen ein strukturel-
       les Moment  bilde, das  dem Prozeß der gewerkschaftlichen Verein-
       heitlichung und  Politisierung Grenzen  setze. Deshalb  wurde von
       Pickshaus und  Deppe eine  intensivere Analyse der inneren Diffe-
       renzierung der  Arbeiterklasse und ihrer politischen Wirkungen im
       gewerkschaftlichen  und  politischen  Sektor  der  Arbeiterklasse
       gefordert. F.  Deppe sah hier zudem wichtige Ansatzpunkte zur Er-
       klärung der  integrationistischen Strömung in den Gewerkschaften,
       die sich  auf solche Fragmentierungen und relative Privilegierun-
       gen stützen  könne. Er  nannte u.  a. die Differenz der Situation
       von Arbeitslosen  und gewerkschaftlich  organisierten Stammbeleg-
       schaften bzw.  der relativen  Arbeitsplatzsicherheit von Beschäf-
       tigten im  öffentlichen Dienst sowie tarifpolitisch erkämpfte re-
       lative Privilegierungen  in hochmonopolisierten Branchen oder Be-
       trieben. Solche  Prozesse könnten  unter  Umständen  auch  unter-
       schiedliche Entwicklungen der Einzelgewerkschaften in der Krisen-
       periode erklären helfen.
       K. Maase  warf die  Frage auf,  inwieweit es  tatsächlich legitim
       sei, aus  der Entwicklung neuer Bedürfnisse und neuer Kampffelder
       auf eine größere Bereitschaft zu schließen, die politische Macht-
       frage aufzuwerfen.  Er erinnerte an die Bedeutung des Kampfes der
       Arbeiterbewegung um politische Freiheitsrechte (z.B. Notstandsge-
       setze) und fragte nach der Entwicklungstendenz unter der SPD/FDP-
       Koalition. G.  Fülberth ging in seinen abschließenden Bemerkungen
       auf das Verhältnis von durch die Entwicklungsprozesse ausgehendem
       objektivem Zwang  zum politischen  Engagement der  Gewerkschaften
       und ihren realen Verhaltensmöglichkeiten ein. Er erinnerte an den
       politischen Orientierungsprozeß  in  der  Arbeiter-  und  Gewerk-
       schaftsbewegung vor  1914, dem ebenfalls neue Existenzbedingungen
       und -fragen  zugrunde lagen  (Zollfrage,  Wahlrecht,  Aufrüstung,
       Krieg und  Frieden). Die Gewerkschaften seien objektiv in die Po-
       litik gezwungen  worden, dabei jedoch in eine stärkere Professio-
       nalisierung ihrer Gewerkschaftspolitik ausgewichen.
       Das offene Ende der Diskussion hinterließ neben interessanten Er-
       gebnissen eine  Reihe relevanter Probleme, die weiterer theoreti-
       scher und empirischer Untersuchung bedürfen, wie z.B.
       - die Untersuchung des veränderten Handlungspotentials der Arbei-
       terbewegung im  ökonomischen und  politischen System  des SMK und
       den damit verbundenen Chancen und Grenzen eines kämpferischen ge-
       werkschaftlichen und politischen Reformismus;
       - die Wirkung der ökonomischen und politischen Krisenprozesse auf
       das Bewußtsein  und das  Verhalten der  Arbeiterklasse und  ihrer
       verschiedenen Gruppen;
       - die Analyse der Bedingungen und Formen solidarischen, kollekti-
       ven Wirkens  der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung in
       den Gewerkschaften  und den  Beziehungen zwischen  Gewerkschaften
       und politischen  Parteien der  Arbeiterbewegung. Dazu gehört auch
       die Untersuchung der gewerkschaftlichen Autonomieentwicklung;
       - die Entwicklung der verschiedenen gewerkschaftlichen Strömungen
       in dieser  neuen Situation  und die  Wirkung ihrer Strategien auf
       das Bewußtsein und die Aktionen der Arbeiterklasse.
       
       _____
       1) Frank Deppe,  Autonomie und  Integration. Materialien  zur Ge-
       werkschaftsanalyse, Schriftenreihe  für Sozialgeschichte  und Ar-
       beiterbewegung, Bd. 9, Marburg/Lahn 1979, bes. Kapitel 3: Autono-
       mie und Einheitsgewerkschaft.
       2) Die überarbeiteten  Referate von  G. Fülberth und von G. Haut-
       sch/K. Pickshaus  sind in diesem Band abgedruckt. Es wird in die-
       sem Bericht  deshalb auf  eine ausführlichere  Darstellung dieser
       Referate verzichtet. Das Referat von F. Deppe stellte eine knappe
       Wiedergabe von Grundgedanken seines Buches dar. Der interessierte
       Leser sei darauf verwiesen. (Vgl. FN 1)
       3) Akademie  für  Gesellschaftswissenschaften  beim  ZK  der  SED
       (Hrg.), Autorenkollektiv  u. L. v. H. Petrak und W. Paff: Staats-
       monopolistischer Kapitalismus  und Opportunismus.  Ursachen. Wir-
       kungen. Gegenkräfte, Berlin/DDR 1979.
       

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