Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       DAS SOZIOLOGISCHE FORSCHUNGSINSTITUT GÖTTINGEN (SOFI)
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       Michael Neumann
       
       1. Gründung  und Ziele - 2. Organisation - 3. Arbeitsschwerpunkte
       und aktuelle Forschungsprojekte - 4. Publikationsweise
       
       1. Gründung und Ziele
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       Das Soziologische  Forschungsinsitut (SOFI)  Göttingen  *)  wurde
       1968 von  Mitarbeitern des  Soziologischen Seminars der Göttinger
       Universität gegründet. Das SOFI ist ein selbständiges Forschungs-
       institut mit  enger Verbindung zum sozialwissenschaftlichen Fach-
       bereich der  Universität. Diese  Verbindung soll eine Absicht der
       Institutsarbeit fördern: im Rahmen der Forschungsarbeit zur empi-
       rischen Ausbildung  von Studenten  und  wissenschaftlichen  Nach-
       wuchskräften beizutragen  und aktuelle  Forschungsresultate  über
       Lehraufträge in  universitären Lehrveranstaltungen zu vermitteln.
       Umgekehrt arbeiten auch Studenten in SOFI-Projekten.
       Den Institutsgründern  ging es  vor allem  darum, die in den 60er
       Jahren am Soziologischen Seminar begonnenen Untersuchungen im Be-
       reich der  Arbeits-, Industrie-  und Bildungssoziologie  auf eine
       kontinuierliche,  die  Forschungsarbeit  sichernde  Grundlage  zu
       stellen: "Der  Rahmen der  Universität wurde dabei bewußt verlas-
       sen: Dominanz  von Lehre  und zunehmende Verwaltungsanforderungen
       zwingen der  gegenwärtigen Hochschulforschung eine ausschließlich
       projektförmige, durch  finanzielle und  personelle Diskontinuität
       gekennzeichnete Organisationsstruktur  auf, die langfristig ange-
       legte, systematische Forschungsplanungen und Arbeitseinsätze kaum
       zuläßt. Die  Institutsgründung stellt den Versuch dar, durch eine
       betriebsförmige Foschungsorganisation mit einem eigenen, nur for-
       schungsbezogenen Apparat Forschungskapazitäten aufzubauen, in de-
       ren Rahmen  eingearbeitetes, forschungserfahrenes  Personal unter
       professionellen Konditionen wissenschaftliche Fragestellungen auf
       empirischer Basis perspektivisch erarbeiten kann." 1)
       Das wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Ziel der Insti-
       tutsarbeit lag und liegt hauptsächlich in einer praxis- und poli-
       tikbezogenen, stark  empirisch orientierten  Sozialforschung. Dem
       Selbstverständnis nach  geht es  darum, soziale Beziehungen - vor
       allem im  Bereich industriell-kapitalistischer Produktion und Re-
       produktion - mit Mitteln einer sich kritisch verstehenden empiri-
       schen  Sozialwissenschaft  zu  erfassen  und  sie  dadurch  einer
       "rationalen Steuerung  zu erschließen." 2) Wissenschaftspolitisch
       orientiert das  SOFI schwerpunktmäßig  auf die  Formulierung  und
       Durchsetzung langfristiger  Reformziele in  der  Berufsausbildung
       und bei den industriellen Lohnarbeitsbedingungen in der Bundesre-
       publik. Es  geht um  Beiträge zur  Durchsetzung einer beruflichen
       Bildung, wie  sie ansatzweise zu Beginn der 70er Jahre im Zeichen
       der Reform  einmal entworfen  wurde, und um praktisch verwendbare
       Erkenntnisse im  Bereich der "Humanisierung der Arbeit" (in tech-
       nischer, sozialer  und tarifpolitischer  Hinsicht); hierzu gehört
       die Erforschung  der technischen  und sozialen  Möglichkeiten zur
       Verbesserung der industriellen Arbeit, aber auch der Qualifikati-
       onsentwicklungen und  -bedingungen der  Beschäftigten (Männer und
       Frauen) und der Qualifizierungschancen für Jugendliche.
       Entsprechend werden als Adressaten neben Universitäten bzw. Sozi-
       alwissenschaftlern Gewerkschaften  und staatliche  Stellen  ange-
       sprochen. Dabei  sind die Projekte meistens so angelegt, daß über
       die praktische  politikbezogene Absicht hinaus zugleich auch all-
       gemeinere Entwicklungstendenzen  erfaßt werden (Tendenzen der Ra-
       tionalisierung und  Automation, Veränderungen  der  industriellen
       Qualifikationsstruktur, neuere  Prozesse bei qualifizierten Ange-
       stelltentätigkeiten, Wandlungen der Sozialstruktur, Tendenzen der
       Frauenerwerbstätigkeit, allgemeine  Probleme des Arbeiterbewußts-
       eins u.a.).
       
       2. Organisation
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       Das  SOFI   hat  den  Status  eines  gemeinnützigen  Vereins  zur
       "Förderung und Durchführung von Forschungsaufgaben im Bereich der
       theoretischen und  empirischen Sozialforschung" (Satzung). In der
       Satzung werden  Mitbestimmungsmöglichkeiten und  Entscheidungsbe-
       fugnisse der  Mitglieder festgelegt.  Zentrales Entscheidungsgre-
       mium ist  die  Institutsversammlung  der  wissenschaftlichen  und
       nichtwissenschaftlichen Mitglieder.  Diese   M i t g l i e d e r-
       v e r s a m m l u n g   (MV) wählt  die verschiedenen  Organe des
       Vereins und bestimmt die Linien des Forschungsprogramms sowie die
       Verteilung der  Mittel. Die  Leitung  des  Instituts  liegt  beim
       D i r e k t o r i u m   (z. Zt.: Prof. M. Baethge, Dr. O.M. Mick-
       ler  (geschäftsführend),  Prof.  M.  Schumann).  Direktorium  und
       P r ä s i d i u m   (z. Zt.:  Prof. H.P.  Bahrdt, Prof.  H. Kern)
       können gegen  Beschlüsse der  MV Einspruch  erheben; hierüber hat
       dann die  MV erneut  zu beraten.  Sie kann  einen  Einspruch  mit
       Zweidrittel-Mehrheit zurückweisen. Das Direktorium leitet die MV,
       das  Präsidium  unterstützt  dessen  Tätigkeit  insbesondere  bei
       Repräsentativfunktionen.  In  seiner  Arbeit  wird  das  Institut
       weiter durch  einen   w i s s e n s c h a f t l i c h e n  B e i-
       r a t   unterstützt, dem Wissenschaftler und Politiker angehören.
       3)
       Die Aufgabe  des  P e r s o n a l a u s s c h u s s e s  liegt in
       der personellen  Besetzung der Projekte. Diesem wichtigen Gremium
       gehören jeweils  ein Direktor  sowie mindestens zwei weitere Ver-
       einsmitglieder an (sie werden mit Zweidrittel-Mehrheit der MV ge-
       wählt). Die Beschlüsse des Ausschusses können während einer drei-
       monatigen Probezeit eines neuen Mitarbeiters von zwei Vereinsmit-
       gliedern, dem Präsidium oder einem Mitglied des Ausschusses ange-
       fochten werden.  Über die endgültige Einstellung entscheidet dann
       die MV. Zur Zeit sind am SOFI etwa 25 wissenschaftliche Mitarbei-
       ter beschäftigt  (Sozialwirte, Soziologen, Psychologen, Ökonomen,
       Ingenieurwissenschaftler). Arbeitskontakte  bestehen mit  dem In-
       stitut für  Sozialwissenschaftliche Forschung  (München) und  dem
       Institut für Sozialforschung (Frankfurt/Main).
       Hauptfinanzierungsquellen des  SOFI sind  Forschungsaufträge  öf-
       fentlicher Institutionen (u.a.: Bundesministerium für Bildung und
       Wissenschaft, -  für Arbeit,  - für  Forschung und Technologie, -
       für Wirtschaft;  Rationalisierungskuratorium der  deutschen Wirt-
       schaft, Deutsche  Forschungsgemeinschaft). Seit  1972 erhält  das
       Institut einen  Zuschuß aus  Landesmitteln, der seit 1978 im nie-
       dersächsischen Haushalt  ausgewiesen wird.  Er beträgt  etwa  ein
       Fünftel des  Gesamtetats und dient - wie es in der Selbstdarstel-
       lung des  SOFI heißt - der "Sicherung der betrieblichen Kontinui-
       tät und  (der) Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit." 4)
       Jüngst hat  der Wissenschaftsrat  die dauerhafte Finanzierung der
       Grundausstattung des SOFI (und anderer Institute) empfohlen. 5)
       Das Institut ist nicht nach spezifischen Arbeitsschwerpunkten ge-
       gliedert. Die  Forschung wird  jeweils durch  Projektteams  unter
       Mitarbeit der  Direktoren geleistet.  Die durchschnittliche  Pro-
       jektdauer liegt  zwischen 3 und 6 Jahren. In speziellen Diskussi-
       onsveranstaltungen wird versucht, zu einer übergreifenden Koordi-
       nation der  Forschungsarbeit zu  gelangen  und  wissenschaftliche
       Fragen allgemeineren Interesses zu erörtern.
       
       3. Arbeitsschwerpunkte und aktuelle Forschungsprojekte
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       Die Hauptarbeitsgebiete  des  Instituts  liegen  im  Bereich  der
       (beruflichen) Bildungs-,  der Industrie-  und Betriebs-  bzw. Ar-
       beitssoziologie im  weiteren Sinne. Spezielle thematische Schwer-
       punkte in diesen Bereichen sind:
       - "der ökonomisch-technische  Wandel in  seinen betrieblichen und
       außerbetrieblichen  Verlaufsformen,  seine  Steuerungsmechanismen
       sowie seine  Wirkungen auf  Formen und Bedingungen der Arbeit und
       der Reproduktion;
       - das Verhältnis von Ausbildung, Arbeitsmarkt und Beschäftigung;
       - wirtschaftliche Strukturprobleme und betriebliche Reaktionsfor-
       men;
       - ökonomisch-technischer Wandel,  Arbeitsveränderung und Interes-
       senvertretung;
       - politische und  tarifvertragliche Normierung  und Regelung  der
       Arbeitsbedingungen;
       - Formen und Konstitutionsbedingungen des beruflichen und gesell-
       schaftlichen Bewußtseins  von Arbeitern,  Angestellten und  Beam-
       ten." 6)
       Diesen in sich vielseitigen Schwerpunkten entspricht auf methodi-
       scher Ebene  das Bemühen, einen Untersuchungsansatz zu erarbeiten
       und zu  praktizieren, in  dem soziologische, ökonomische, techni-
       sche und  bewußtseinsanalytische Fragestellungen  integriert wer-
       den, sowie  darüber hinaus  auch bestimmte  Techniken der empiri-
       schen Sozialforschung  zu verbessern.  In diesem Zusammenhang ist
       der (u.a.  in einer  Freizeit-Studie unternommene)  7) Versuch zu
       erwähnen, die  soziobiographische Methode  (Erhebung individuell-
       lebensgeschichtlich wichtiger  Daten) zu reaktivieren und für die
       Analyse  von   Bewußtseinsentwicklungen  bei   Industriearbeitern
       fruchtbar zu  machen, wie  auch das Programm der Verfeinerung ar-
       beitsplatzanalytischer  Verfahrensweisen  unter  dem  Aspekt  von
       "Arbeitsaufgaben" und "Arbeitsverhalten". Hier geht es darum, die
       Wahrnehmung der Arbeitssituation durch die Betroffenen genauer zu
       eruieren und mit Formen des Verwertungsprozesses der Arbeitskraft
       (Qualifikationserfordernisse, Aufgabenzuteilungen) zu vermitteln.
       8)
       Wenngleich es  zum programmatischen  Selbstverständnis des Insti-
       tuts gehört,  die  empirischen  Forschungen  mit  einer  "gesell-
       schaftstheoretischen Fundierung"  9) zu  verknüpfen, so  gibt) es
       doch eine  Reihe ungelöster  Probleme  der  theoretischen  Durch-
       arbeitung und  Verallgemeinerung des  empirischen  Materials.  Es
       kann im  Rahmen dieses  Kurzporträts nicht  darum gehen,  theore-
       tische und  methodische Verfahren  und Grundlagen der zahlreichen
       Studien zu diskutieren, sondern nur darum, einige Anmerkungen zum
       Forschungsansatz -  soweit er  zu verallgemeinern ist - zu notie-
       ren. Hier läßt sich feststellen: In vielen Arbeiten des Instituts
       (also überwiegend)  zeigen sich  starke Tendenzen  einer  empiri-
       stisch-deskriptiv orientierten  Betrachtungsweise und  damit ver-
       bunden ein  deutlich sozial-technisch  ausgerichteter  Zug  empi-
       risch-äußerlicher Korrelation  und Verknüpfung sozialer Beziehun-
       gen, Ausdrucksformen  und Sachverhalte. Dies kommt beispielsweise
       in den  industriesoziologischen Untersuchungen  zum Ausdruck,  in
       denen unvermittelt  sehr enge  Verknüpfungen zwischen technologi-
       schen Veränderungen  und daraus  resultierenden unmittelbar wahr-
       nehmbaren (oder per Fragebogen "erfragbaren") sozialen Konsequen-
       zen hergeleitet werden (vor allem innerbetriebliche); dabei spie-
       len die konkreten ökonomischen Bedingungen (vor allem die Politik
       und die  profitorientierten Interessen  der "Kapitalseite",  d.h.
       der Unternehmer) eine eher untergeordnete Rolle.
       Hierin spiegelt sich gewiß das objektive Problem, eine konsequent
       theorievermittelte und  -bezogene empirische  Sozialforschung  zu
       praktizieren mit  empirisch-methodischen  Untersuchungsverfahren,
       die -  ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Herkunft nach - aus dem
       Verzicht auf gesellschaftstheoretische Transzendierungen entstan-
       den sind. Ein zweites Problem mag darin zum Ausdruck kommen: Bis-
       her  hat  das  Institut  noch  keine  genauere  Konzeption  einer
       "gesellschaftstheoretischen Fundierung"  seiner  Forschungspraxis
       vorgelegt. Eine  solche Fundierung hätte auch zu berücksichtigen,
       daß die  Entwicklungsprozesse  kapitalistischer  Industriearbeit,
       vor allem, daß die komplizierten Praxisformen der Entwicklung von
       Arbeiter- und  Klassenbewußtsein (ein  zentraler Untersuchungsbe-
       reich des  Instituts) sich realistischerweise nicht verstehen und
       einschätzen lassen, wenn nicht zugleich die Geschichte der Arbei-
       terbewegung, ihrer Traditionen, vor allem ihrer Kämpfe (und nicht
       nur ihrer Leiden), angemessen berücksichtigt wird; dies war einer
       der wesentlichen  Kritikpunkte -  mangelnde Berücksichtigung  der
       Geschichte der Arbeiterbewegung und der Klassenauseinandersetzun-
       gen - an der bekannten Studie zum Arbeiterbewußtsein von Kern und
       Schumann.
       Um die genannten Prozesse, die eine gesellschaftstheoretisch ori-
       entierte Industriesoziologie  wohl zur  Kenntnis zu nehmen hätte,
       in die  weitere Untersuchungsarbeit einbeziehen zu können, bedarf
       es stärker  der Berücksichtigung historischen und vor allem zeit-
       geschichtlichen Materials,  aber auch methodischer Verfahren, die
       allzu  formalisierte   Erhebungsmethoden  der  Materialgewinnnung
       überwinden. Insofern stellt die vom SOFI reaktivierte Methode der
       Soziobiographie den  wichtigen Versuch dar, die Dimension lebens-
       geschichtlicher Erfahrungen  und Bewußtseinsentwicklungen stärker
       als bisher  in der  Arbeit zu  berücksichtigen. Eine  qualitative
       Weiterentwicklung und  eine stärkere  Berücksichtigung  kapitali-
       stisch-ökonomischer Bedingungen  im Zusammenhang  mit technologi-
       schen Veränderungen  und deren  Konsequenzen für  die beteiligten
       Arbeiter zeichnet sich in einem geplanten Folgeprojekt der Studie
       "Industriearbeit und  Arbeiterbewußtsein" (1970)  ab  (vgl.  dazu
       weiter unten).
       Gleichwohl stellen die meisten Studien des SOFI empirisch gehalt-
       volle Untersuchungen  dar, in  denen wesentliches Material zu den
       Themen der  Arbeitsschwerpunkte erhoben worden ist und denen sich
       eine Reihe  neuer Einsichten in die untersuchten Prozesse entneh-
       men lassen.  Im Bereich  der bildungs-  und  berufssoziologischen
       Forschungen standen zunächst Probleme der Umschulung von Arbeits-
       kräften und  die Wirksamkeit  staatlicher Ausbildungsförderung im
       Mittelpunkt des Interesses. 10) Im gleichen Zusammenhang sind um-
       fangreiche Untersuchungen  über industrielle Qualifikationsanfor-
       derungen zu  sehen 11), die wichtige Erkenntnisse über die Quali-
       fikationsentwicklung unter  Bedingungen fortschreitender Mechani-
       sierung und  Automation liefern.  Ein  Resultat  dieser  Arbeiten
       liegt in der Feststellung, daß die Erhöhung des technischen Nive-
       aus industrieller  Produktion nicht  notwendig zu  einer Erhöhung
       der Qualifikationsanforderungen,  sondern  überwiegend  zu  einer
       "Polarisierung der  Anforderungsstruktur" 12) führt. Unter diesen
       Entwicklungsaspekten sind vor allem die bisherigen Ausbildunsför-
       derungsmaßnahmen zu überprüfen. Als besonders gravierend erweisen
       sich hier  die Berufsstartprobleme von Jugendlichen 13) unter zu-
       nehmend  sich  verschärfenden  Arbeits-  und  Ausbildungsrestrik-
       tionen.
       Die Resultate  aus den  Untersuchungen zur  Berufsbildungspolitik
       führen M.  Baethge zu dem Ergebnis: Die Berufsbildungspolitik der
       sozialliberalen Regierungskoalition  kommt -  gemessen an den ur-
       sprünglichen Reformvorstellungen  (auch auf  Landesebene) - einer
       Bankrotterklärung gleich.  "Am Ende  dieses Jahrzehnts haben sich
       gerade in der Berufsbildung die Ungleichheitsstrukturen eher wie-
       der verschärft, hat in vielen Bereichen eine Refeudalisierung der
       Ausbildung Platz  gegriffen..." 14).  Als wesentlichen  Hebel zur
       Verbesserung der  Ausbildungs- und Arbeitssituation für Jugendli-
       che empfiehlt  M. Baethge,  die Berufsbildungsreform  auch "gegen
       die privatwirtschaftliche  Steuerung der ökonomischen und techni-
       schen Entwicklung" durchzusetzen. 15) Zu erwähnen ist im themati-
       schen Zusammenhang  ein neues Projekt (Beginn April 1981), in dem
       die betrieblichen Einsatzbedingungen Jugendlicher (in ca. 100 Be-
       trieben) untersucht  werden sollen. Vor allem geht es hier um die
       Erforschung der  Krisenauswirkungen auf die beschäftigten Jugend-
       lichen (Entlohnung,  Belastung, Anforderungen,  Aufstiegsmöglich-
       keiten, Arbeitsplatzsicherheit).
       In einer  Reihe von Untersuchungen hat das Institut die Beziehun-
       gen zwischen technischem Wandel und seinen Folgen für die betrof-
       fenen Belegschaften  (Facharbeiter,  angelernte  Arbeiter,  Ange-
       stellte) untersucht;  hierbei wurden  auch die Probleme von soge-
       nannten Randbelegschaften  unter verschärften  Arbeitsmarktbedin-
       gungen und  die Arbeitssituationen berufstätiger Frauen, speziell
       die spezifischen  Einsatzstrategien weiblicher  Arbeitskräfte un-
       tersucht. 16)  Angesichts  wachsender  Rationalisierungstendenzen
       auch im Bereich qualifizierter Angestelltentätigkeiten (Sachbear-
       beiter)  konzentriert  sich  ein  Teil  der  Forschungsarbeit  in
       letzter Zeit auch auf diesen Bereich. 17) Insgesamt betonen diese
       Untersuchungen  den  Aspekt  der  Auswirkungen  technischer  Ver-
       änderungen und Rationalisierungsprozesse auf die Arbeitssituation
       der Betroffenen;  zugleich versuchen  sie Möglichkeiten aufzuspü-
       ren, diesen Folgen - sei's tarifpolitisch, sei's ausbildungs- und
       arbeitsmarktpolitisch - zu begegnen.
       Ausführlicher sei hier ein anlaufendes Projekt skizziert: die be-
       reits kurz erwähnte Folgestudie von Kern/Schumann zu ihrer Unter-
       suchung "Industriearbeit  und Arbeiterbewußtsein": "Rationalisie-
       rung und Arbeiterverhalten". Nach dem vorliegenden Projektentwurf
       bemühen sich  die Autoren,  verschiedene kritische Stellungnahmen
       zur ersten  Untersuchung aufzugreifen und mit einem modifizierten
       Ansatz die  gleiche Problematik  -  technische  Veränderungen  in
       zentralen Bereichen  industrieller Fertigung  und deren Folgen in
       qualifikatorischer und  bewußtseinsmäßiger Hinsicht  - erneut  zu
       untersuchen. Sie  gehen dabei  davon aus,  daß "die  Aussagen der
       damaligen Untersuchung  ... heute  nur noch  in einem  begrenzten
       Umfang  brauchbar   (sind)."  18)   Vor  allem   geht  es  darum,
       konzeptionelle Schwächen der ersten Studie zu korrigieren und die
       inzwischen erfolgten  ökonomischen und  politischen Veränderungen
       hinreichend zu berücksichtigen. Dabei sollen die konkreten Formen
       kapitalistischer  Rationalisierung  (anstelle  eines  eher  unge-
       schichtlichen Modells  sozialen bzw. technischen Wandels) genauer
       untersucht werden; andere Korrekturen sehen die Verfasser im Ver-
       such, die  Arbeitsplatz-Analysen im  Zusammenhang von  Lohnarbeit
       und zugleich  "produktiver Persönlichkeit"  umfassender als zuvor
       durchzuführen; schließlich sollen auch der eindimensionale Zusam-
       menhang (der  ersten Studie)  zwischen Arbeiterbewußtsein und Ar-
       beitserfahrung aufgegeben  und die  subjektiven Verarbeitungspro-
       zesse von Rationalisierungen stärker beachtet werden.
       Methodisch handelt  es sich  bei dem geplanten Projekt um den in-
       teressanten Versuch, eine übermäßige Quantifizierung und Formali-
       sierung zu  vermeiden, um  der Vielfalt der auftauchenden Befunde
       gerechter zu werden. Als Schwerpunkte der Untersuchung nennen die
       Autoren: Formen  und Abläufe  wichtiger Rationalisierungsprozesse
       seit Mitte  der 60er Jahre (im Bereich Autoindustrie, Werkzeugma-
       schinenbau, großchemische Industrie, Nahrungs- und Genußmittelin-
       dustrie); Untersuchungen  der Arbeitsfolgen der technisch-organi-
       satorischen Veränderungen  und der Reaktionen der betroffenen Ar-
       beiter.
       Unter unmittelbarer  Praxisorientierung sind die Projekte des In-
       stituts zu  sehen, die  im Zusammenhang  mit "Humanisierungs"pro-
       grammen stehen.  Zu erwähnen  ist hier  die 1979  beendete Studie
       über "Tarifvertragliche  Regelungen zu Verbesserung industrieller
       Arbeitsbedingungen"  am  Beispiel  des  Lohnrahmen-  und  Mantel-
       tarifvertrages II,  der 1973 in Nordwürttemberg-Nordbaden für die
       Metallindustrie abgeschlossen  wurde; Probleme  und Möglichkeiten
       der praktischen  Umsetzung tarifvertraglich  vereinbarter Verbes-
       serungen von Arbeitsbedingungen stehen dabei im Mittelpunkt. 19)
       Im Rahmen der "Humanisierungsforschung" ist schließlich ein - ge-
       meinsam mit  Wissenschaftlern der  Bremer Universität  - durchge-
       führtes Begleitprojekt zum Einsatz von Industrierobotern (IR) bei
       VW Wolfsburg  von starkem  Interesse, zumal der Einsatz von IR in
       der Autoindustrie  in letzter  Zeit erheblich  gestiegen ist. Die
       Ergebnisse zeigen,  daß die  offiziell an  den Einsatz von IR ge-
       knüpften Erwartungen - Ersatz von Arbeitsplätzen mit starken phy-
       sischen und psychischen Belastungen und geringen Anforderungen an
       die Qualifikation - im untersuchten Einsatzbereich sich nicht er-
       füllten, ebenso die Vorstellung, daß "sowohl in der Fertigung als
       auch bei  der Wartung  und Instandhaltung  der Geräte  neue,  an-
       spruchsvollere Arbeitsplätze  entstehen." 20)  Dagegen kommt  die
       Studie zu dem Ergebnis: Der Einsatz von IR führte zwar zum Ersatz
       schwerer körperlicher Arbeit, gleichwohl ("nicht selten") gibt es
       auch gegenläufige  Prozesse - durch IR "ersetzte" Arbeiter wurden
       an  vergleichbar   schwere  oder   sogar  noch  belastendere  Ar-
       beitsplätze "umgesetzt".  Auch kam  es zu  - teils  erheblichen -
       Verschlechterungen der Arbeitssituation, u.a. durch Leistungsver-
       dichtung aufgrund der Stückzahlerhöhung durch den IR-Einsatz; zum
       Teil gab es Verschlechterungen dadurch, daß die IR nur die mecha-
       nisierbaren Hauptfunktionen eines Arbeitsbereiches übernommen ha-
       ben, die  übrigen Funktionen  (etwa Reinigen  und  Kontrollieren)
       aber auf die restlichen Arbeitsplätze verteilt wurden.
       In psychischer Hinsicht haben die IR - dies ein weiteres Ergebnis
       - nur  ausnahmsweise zu Erleichterungen geführt. Überwiegend ver-
       schärften sie  monotoniefördernde Arbeiten,  und neue  wurden ge-
       schaffen. Entgegen  den offiziellen Erwartungen, durch IR gebe es
       zusätzliche qualifizierte  Arbeitsplätze, zeigte  sich, daß durch
       IR-Einsatz zwei  Arbeitskräfte pro Schicht eingespart wurden, für
       Wartung  und  Instandhaltung  lediglich  l  Elektriker  und  zwei
       Schlosser benötigt  wurden (für  20 Roboter) und Herstellung, In-
       stallierung und  Programmierung von den bestehenden Fertigungsab-
       teilungen übernommen werden konnten. Bemerkenswert ist ein weite-
       rer Aspekt dieses Begleitprojekts. In Verbindung mit IGM-Vertrau-
       ensleuten wurden die Resultate der Studie diskutiert; hier zeigte
       sich ein  lebhaftes kritisches  Interesse an  Folgeproblemen  des
       Technologieeinsatzes, zumal  die Sicherung  der Lohngruppen durch
       die dequalifizierenden Folgen des IR-Einsatzes ein zentrales Pro-
       blem für die Betroffenen darstellt.
       Im Zentrum  der anlaufenden  Projekte stehen weiterhin Fragen der
       Humanisierung der  Arbeit (Humanisierungsprobleme  in Klein-  und
       Mittelbetrieben; die  Möglichkeit "menschengerechter"  Arbeitsge-
       staltung beim  "Einsatz rechnerunterstützter  Systeme der Fertig-
       steuerung in der Kleinserienfertigung").
       Abschließend ist  ein Projekt zu erwähnen (Beginn Frühjahr 1981),
       das insofern  einen neuen  Akzent im  Bereich industriesoziologi-
       scher Forschung  des Instituts  setzt, als es sich - eher theore-
       tisch orientiert - mit dem Verhältnis von Industriesoziologie und
       Gewerkschaft (IG  Metall) in  den fünfziger  und sechziger Jahren
       beschäftigt. Untersucht werden sollen die gegenseitigen Verflech-
       tungen und Einwirkungen zwischen Gewerkschaft und Industriesozio-
       logie; zugleich handelt es sich um den Versuch, einen Beitrag zur
       Sozialgeschichte der Soziologie in der Bundesrepublik zu liefern.
       
       4. Publikationsweise
       --------------------
       
       Seit  1979   erscheinen  im   Eigenverlag   des   Instituts   die
       "Mitteilungen", in  denen über  geplante und  abgeschlossene For-
       schungsberichte, über laufende Publikationen und die Institutsar-
       beit betreffende  Fragen berichtet  wird. Bisher sind 4 Hefte er-
       schienen, außerdem eine Broschüre - "SOFI Forschungsarbeiten 1969
       - 1979" - mit allgemeinen Informationen über das Institut und die
       in  diesem  Zeitraum  bearbeiteten  Projekte.  Forschungsberichte
       (End- und  Zwischenberichte) können  direkt am  Institut  bezogen
       werden, Buchausgaben  erscheinen im  Campus Verlag,  Frankfurt  /
       Main. Das  SOFI verfügt über eine kleine nichtöffentliche Handbi-
       bliothek; die  erforderlichen maschinellen  Rechenarbeiten werden
       auf der Rechenanlage der Universität Göttingen durchgeführt.
       
       _____
       *) Anschrift: Friedländer Weg 31, 34 Göttingen
       1) SOFI - Forschungsarbeiten 1969 - 1979, Göttingen 1979, S. 5.
       2) Ebda., S. 5 f.
       3) Z. Zt.  Mitglieder: Prof. S. Braun, Prof. W. Euchner, Prof. K.
       Gerlach, Prof.  T.W. Mohl, Prof. I. Nahnsen, Prof. O. Negt, Prof.
       W. Pöhler, Prof. H. Roth, Prof. W. Schulenburg, Prof. J. Seifert,
       Prof. Graf  zu Solms-Roedelheim,  Prof. F.  Spengelin,  Prof.  D.
       Sterzel, Prof.  W. Strzelewkz,  Prof. R.  v. Thadden, W. Vitt, K.
       Wettig, I. Wettig-Danielmeier, Dr. G. Wichert
       4) SOFI, a.a.O., S. 11
       5) SOFI-Mitteilungen, Heft 4, 1981, S. 51
       6) SOFI, a.a.O., S. 6
       7) Projekt: Der Einfluß von Arbeitssphäre und Freizeitbereich auf
       die Verhaltensweisen und Bewußtseinsformen von Industriearbeitern
       (DFG); bisher liegen Zwischenberichte vor
       8) S. SOFI-Mitteilung, Heft 4, 1981, S. 16 ff.
       9) SOFI, a.a.O., S. 5
       10) Probleme der Umschulung von Arbeitskräften, 3 Bde., Göttingen
       1974
       11) Produktion und Qualifikation, Teil I und II, Göttingen 1977
       12) SOFI, a.a.O., S. 29
       13) Ausbildungs- und  Berufsstartprobleme von  Jugendlichen unter
       den Bedingungen  verschärfter Situationen  auf dem  Arbeits-  und
       Ausbildungsstellenmarkt, Göttingen 1979
       14) In: SOFI-Mitteilungen, Heft 3, 1980, S. 14
       15) Ebda.
       16) Vgl. die verschiedenen Projektbeschreibungen in: SOFI, a.a.O.
       17) Entwicklungstendenzen von  Ausbildungs-  und  Beschäftigungs-
       strukturen im  Angestelltenbereich (vgl. Mitteilungen, Heft l, S.
       10 ff.), Zwischenbericht erschienen; Die Entwicklung routinisier-
       ter Angestelltentätigkeiten  in den  Verwaltungen der Privatwirt-
       schaft, vgl. Mitteilungen, Heft 2, 1980, S. 39 ff.
       18) Mitteilungen, Heft 3, 1980, S. 39
       19) Zwischenberichte liegen vor, der Abschlußbericht wird für die
       Veröffentlichung vorbereitet
       20) Vgl. Mitteilungen,  Heft 1,  1979, S. 1 ff., Heft 2, 1980, S.
       28 ff.
       

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