Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       BEISPIEL HAMBURG: SOZIALE BEWEGUNGEN - POLITISCHE STRÖMUNGEN
       ============================================================
       UND VERALLGEMEINERUNGEN - WAHLEN
       ================================
       
       Lothar Bading
       
       1. Zur  Entwicklung der Klassen- und Sozialstruktur Hamburgs - 2.
       Die neuen sozialen Bewegungen in Hamburg und ihre soziale Basis -
       3. Neue  soziale Bewegungen  und politische Strömungen und Kräfte
       im außerparlamentarischen  Raum -  Die politischen Hauptkräfte im
       außerparlamentarischen Raum - Der Aufschwung der außerparlamenta-
       rischen Bewegungen und die wachsende Einheit der Hamburger Linken
       seit 1980 - 4. Wahldiskussion und Wahlbewegung der Linken 1981/82
       - 5.  Zur Auswertung  der Hamburger  Bürgerschaftswahl 1982  - 6.
       Marxistische Position und bündnispolitische Konsequenzen
       
       Hamburg ist  die größte  staatsmonopolistische Metropole der Bun-
       desrepublik. In  dieser Stadt  leben 1,62 Millionen Menschen, und
       rund 928 000  hatten 1979 hier ihren Arbeitsplatz. Hamburg verei-
       nigt auf  seinem Territorium ein bedeutendes Wirtschaftspotential
       und ist  trotz eines in den letzten zehn Jahren langsameren Wirt-
       schaftswachstums als  im Bundesdurchschnitt  immer noch die Stadt
       mit der  höchsten Produktivität pro Erwerbstätigen. 1) In Hamburg
       haben 52  der 500  größten Konzerne und Kapitalgesellschaften der
       Bundesrepublik ihren Hauptsitz. 2) Die bedeutende wirtschaftliche
       Position Hamburgs resultiert vor allem aus der Bedeutung der Han-
       sestadt als  größter Seehafen  und führendes  Außenhandelszentrum
       der Bundesrepublik  sowie aus  seiner  Rolle  als  größter  Indu-
       striemetropole, zweitgrößtem  Bankenzentrum nach Frankfurt, über-
       regional bedeutender  Versicherungs- und Dienstleistungsmetropole
       sowie als  westdeutscher Hauptsitz  aller großen  transnationalen
       Ölkonzerne und als größte Presse- und Medienstadt der Bundesrepu-
       blik.
       Dieser hochkomplexe und hochvergesellschaftete staatsmonopolisti-
       sche Wirtschaftsorganismus 3) befindet sich wie der der Bundesre-
       publik insgesamt  seit der  kapitalistischen Weltwirtschaftskrise
       1974/75 in  einer andauernden Krise, die mehr und mehr alle Wirt-
       schafts- und  Gesellschaftsbereiche durchdrungen hat. Hamburg be-
       findet sich  heute -  Mitte 1982  -, wie  viele andere Städte der
       Bundesrepublik auch,  in Folge der Wirtschaftskrise in einer tie-
       fen Haushalts-  und Finanzkrise, die den ökonomischen und politi-
       schen Spielraum des sozialdemokratisch geführten Hamburger Senats
       erheblich eingeengt hat. Eine Vielzahl von Konflikten und Proble-
       men ist  aufgebrochen und prägt die politische Auseinandersetzung
       in der  Hansestadt. Der ehemalige 1. Bürgermeister Hamburgs, H.U.
       Klose, charakterisierte  die Lage  der Stadt während seiner Amts-
       zeit mit der dramatischen Aussage: "Die großen Städte, die Metro-
       polen, sind die Kristallisationspunkte unserer Gesellschaft. Hier
       stellen sich  die Probleme unserer Gesellschaft scharf und umfas-
       send dar;  hier wird  sich zeigen,  ob wir  in der Lage sind, die
       Probleme zu  lösen. Schaffen  wir das  nicht, sind  nicht nur die
       Großstädte verloren...,  dann verlieren  wir  die  Zukunft,  dann
       stirbt die  Nation." 4) Hamburg ist demzufolge als Untersuchungs-
       feld für  das Entstehen  neuer gesellschaftlicher  Konfliktfelder
       und das  Wirken neuer sozialer Bewegungen prädestiniert. Aufgrund
       des überdurchschnittlichen  Vergesellschaftungsniveaus, der  Kom-
       plexität des  staatsmonopolistischen  Krisenprozesses  sowie  der
       fortgeschrittenen Klassen-  und Sozialstruktur  treten in Hamburg
       fast alle  Widersprüche und  Konfliktfelder des gegenwärtigen SMK
       der BRD  auf besonders engem Raum und in besonders komplexer, in-
       tensiver und wechselseitiger Art und Weise zutage.
       Dem entspricht  auf nahezu allen wichtigen Feldern die Entstehung
       sozialer Protestbewegungen,  die Entwicklung  eines  breiten  und
       großen Widerstandspotentials gegen die staatsmonopolistische Kri-
       senpolitik. Insbesondere  gilt dies  in Hamburg  für die  Umwelt-
       schutzbewegung, die  Anti-AKW-Bewegung, die Initiativen gegen die
       Verkehrs-, Infrastruktur- und Industrieansiedlungspolitik des Se-
       nates, für die Mieterinitiativen in den Altbau- und Sanierungsge-
       bieten, in den Neubauvierteln, für die Haus- und Instandbesetzer-
       bewegung, für  die "Aufschrei"-Initiative gegen die Rotstiftpoli-
       tik und  ihre Auswirkungen,  für die  Schul- und Hochschulstreiks
       und besonders  für die  Friedensbewegung, die mit Demonstrationen
       von 50 000-70 000 Teilnehmern in Hamburg Massencharakter angenom-
       men hat. Darüber hinaus gibt es in Hamburg eine Vielzahl weiterer
       Initiativen und  Bewegungen, so gegen die Diskriminierung und Un-
       terdrückung der  Frauen, gegen  den Abbau  demokratischer Rechte,
       gegen die  Berufsverbote, gegen  das Wiederaufleben neofaschisti-
       scher Gruppen  und Aktivitäten,  gegen die  zunehmende Ausländer-
       feindlichkeit und gegen die gesellschaftliche Diskriminierung von
       Schwulen und Lesben sowie Behinderten.
       Nachfolgend untersuchen  wir zuerst die Klassen- und Sozialstruk-
       tur der  staatsmonopolistischen Metropole Hamburg und ihre Verän-
       derung in  der jüngsten  Zeit. Damit erhalten wir einen wichtigen
       Schlüssel zum tieferen Verständnis der genannten neuen Bewegungen
       und Initiativen  und der neuen Momente in den schon älteren. Denn
       im Sinne einer materialistischen Sichtweise sind die wesentlichen
       Antriebskräfte sozialer  Bewegungen in  der Situation und den Wi-
       dersprüchen der  materiellen Existenzweise der einzelnen sozialen
       Gruppen zu  suchen. Deshalb ist die Untersuchung der sozialen Ba-
       sis und  des sozialökonomischen  Hintergrundes der sozialen Bewe-
       gungen wichtig.  Das wird  im Zusammenhang mit einer näheren Dar-
       stellung der  einzelnen Bewegungen  im dann  folgenden  Abschnitt
       versucht.
       
       1. Zur Entwicklung der Klassen- und Sozialstruktur Hamburgs
       -----------------------------------------------------------
       
       Entsprechend dem  hohen Entwicklungsniveau des staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus in Hamburg, der fortgeschrittenen Entfaltungs-
       stufe des intensiv erweiterten Reproduktionstyps des Kapitals und
       der Metropolenfunktion  Hamburgs hat  sich zwangsläufig auch eine
       fortgeschrittene Struktur  des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters
       und der  Klassen- und  Sozialstruktur  insgesamt  herausgebildet.
       Eine Untersuchung  der gegenwärtigen  Klassen- und Sozialstruktur
       Hamburgs 5)  erscheint sinnvoll, weil sie eine präzisere Kenntnis
       der Stärke  und Struktur  der verschiedenen Klassen und Schichten
       liefert, die  in den neuen sozialen Bewegungen und darüber hinaus
       aktiv geworden  sind und  aufeinander einwirken. Eine solche Ana-
       lyse ermöglicht, die Grundlagen der antimonopolistischen Bündnis-
       politik für Hamburg wesentlich genauer zu bestimmen und die wich-
       tigsten sozialen  und politischen Bündniskräfte zu charakterisie-
       ren.
       Schon im  Rahmen einer vergleichenden sozialstatistischen Analyse
       der Beschäftigungsstruktur Hamburgs lassen sich wichtige Aussagen
       über die  Gruppierung bestimmter  sozialstatistischer Gruppen  in
       den verschiedenen  Sphären der  gesellschaftlichen Produktion und
       Reproduktion und  damit über  grundlegende  Strukturveränderungen
       des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters machen.
       
       Tabelle 1:
       Verteilung der  Erwerbstätigen nach  Stellung im  Beruf und Wirt-
       schaftsbereichen in Hamburg und der BRD 1961, 1979/80, in Prozent
       
                                      1961           1979       1980
                                  HH        BRD       HH        BRD
       
       Arbeiter                   44,4      48,5      35,5      42,3
       Angestellte                37,6      24,5      46,6      37,2
       Beamte                      5,5       4,7       8,5       8,4
       Selbständige/Mithelfende   12,6      22,3       9,4      12,1
                                 100,0     100,0     100,0     100,0
       
       Erwerbstätige in Tausend  892,0    26 527     736,2    26 874
       davon (in %):
       - Sphäre der materiel-
         len Prod.                52,9      66,8      42,7      57,6
       - Sphäre der Waren- und
         Geldzirkulation          21,9      14,0      25,4      15,3
       - Sphäre der Dienstleistungen,
         Staat und Verbände       24,8      19,0      32,1      27,2
       
       Errechnet und  zusammengestellt nach:  Statist. Landesamt Hamburg
       (Hrsg.): Die  Berufszählung in  Hamburg am 6. Juni 1961, Heft 72;
       IMSF (Hrsg.),  Klassen- und Sozialstruktur d. BRD 1950-1970, Teil
       II, Frankfurt/M. 1974; Statist. Bundesamt (Hrsg.), Statist. Jahr-
       buch 1981 f. d. BRD
       Die Angaben  der Tabelle l können in ihren Kernaussagen wie folgt
       interpretiert werden:
       1. Der Arbeiteranteil  ist in  Hamburg niedriger  als im  Bundes-
       durchschnitt, das  Abnahmetempo 1961"79  ist höher als im Bundes-
       durchschnitt.
       2. Der Angestelltenanteil  Hamburgs ist höher als im Bundesdurch-
       schnitt, das  Anteilwachstum 1961-1979  war allerdings langsamer.
       Die Beamtenentwicklung entspricht dem Bundesdurchschnitt.
       3. Der Anteil  der Selbständigen und Mithelfenden war und ist ge-
       ring, das  Tempo ihrer Anteilabnahme ist allerdings langsamer als
       im Bundesdurchschnitt (Ursache: kleiner Agrarsektor).
       4. Der Anteil  der Erwerbstätigen  in der  Sphäre der materiellen
       Produktion ist  niedriger, und der Abstand zum Bundesdurchschnitt
       wird größer.  Demgegenüber sind die Anteile in den Sphären Waren-
       und Geldzirkulation  und Dienstleistungen höher, mit unterschied-
       lichem Wachstumstempo der Einzelbereiche.
       Betrachtet man  ergänzend dazu  die Verteilung der Erwerbstätigen
       nach ihrer  Stellung im Beruf auf die drei Hauptwirtschaftsberei-
       che, so  zieht die  Sphäre der  materiellen Produktion in Hamburg
       einen erheblich  niedrigeren Anteil der Arbeiter und Angestellten
       auf sich  als bundesweit;  umgekehrt ist  der Anteil der Arbeiter
       und Angestellten  der Sphäre  der Waren-  und Geldzirkulation und
       der Arbeiter  des Dienstleistungssektors  erheblich höher  als im
       Bundesdurchschnitt.
       In Tabelle 2 ist die Umgliederung der sozialstatistischen Angaben
       nach Klassenkriterien  vorgenommen. 6) Selbst unter Berücksichti-
       gung der  möglichen Ungenauigkeits-  und Fehlerquoten  können zu-
       treffende Tendenz- und Vergleichsaussagen gemacht werden.
       1. Das kapitalistische   L o h n v e r h ä l t n i s    ist  seit
       langem in  Hamburg deutlich stärker entfaltet als im Bundesdurch-
       schnitt.
       Das Wachstumstempo  war in  Hamburg trotz  ohnehin schon  höherer
       Ausgangsbasis weiterhin  höher als bundesweit. Der realen Subsum-
       tion unter das Kapital und den kapitalistischen Staat ist ein er-
       heblich größerer Teil der Mittelschichten und der Intelligenz so-
       wie der  Frauen unterworfen.  Auch diese  Schichten  und  Gruppen
       wuchsen im Untersuchungszeitraum in Hamburg schneller als im Bun-
       desdurchschnitt.
       2. Die  A r b e i t e r k l a s s e  Hamburgs ist in Relation zur
       Bundesrepublik etwas  größer. Ihre  innere Gliederung und Schich-
       tung unterscheidet  sich jedoch erheblich. Die Industriearbeiter-
       schaft, der Kern der Arbeiterklasse, hat in Hamburg ein erheblich
       geringeres Gewicht  (12,1:20,4%) als im Bundesgebiet und hat auch
       seit 1970  schneller abgenommen.  Das Verhältnis  zwischen  Indu-
       striearbeitern und Industrieangestellten unterscheidet sich eben-
       falls erheblich.  7) Waren 1970 in Hamburg 34,8 Prozent der Indu-
       striebeschäftigten     Angestellte     und     64,8%     Arbeiter
       (Bundesdurchschnitt 24,8:75,2%),  so entwickelte sich diese Rela-
       tion  1979/80  in  Hamburg  auf  42,4:57,2%  und  bundesweit  auf
       29,3:70,7%.
       
       Tabelle 2:
       Klassenstruktur der  Erwerbstätigen Hamburgs  und der  BRD  1970,
       1979/80 (Schätzwerte) 1)
       
                                   1970              1979       1980
                          Hamburg         BRD       Hamburg     BRD
                       in 1000  %   %  in 1000  in 1000  %   %  in 1000
       
       Lohnabhängige    697.5 84,3 81,5 21587.0 674.6 91,6 88,0 23635.0
       davon: Frauen    275.4 33,3 28,7  7606.4 280.9 38,1 32,8  8812.0
       Arbeiterklasse   615.3 74,3 73,3 19412.0 566.2 76,9 75,2 20217.7
       davon:
       - Industrie-
         arbeiter       137.0 16,6 24,4  6471.0  89.1 12,1 20,4  5490.0
         (incl. Hafen-
         arbeiter)    (150.3)(18,3)           (101.2)(13,8)
       - andere
         Wirtschafts-
         bereiche       143.2 17,3 21,0  5565.0 159.9 21,7 22,0  5912.0
       - Arbeiterklassengruppen
         + Angestellte  299.0 36,1 25,8  6830.0 260.7 35,4 28,6  7692.9
         + Beamte        36.1  4,4  3,2   854.0  35.5  4,8  4,5  1220.9
       - obere Randgruppen
         der Arbeiter-
         klasse          70.7  8,5  6,8  1802.0  66.0  9,0  8,0  2148.4
       
       Mittelschichten  163.6 19,8 23,2  6142.0 154.7 20,6 21,7  5818.2
       davon:
       - Lohnabhängige Mittelschichten
         u. Intelligenz  82.2 9,9   7,0  1867.0 108.4 14,7 11,6  3115.7
       -  Selbständige Mittelschichten
         u. Intelligenz  81.4 9,8  16,1  4275.0  43,3  5,9 10,1  2702.5
       + nichtagrarische 75.1 9,1   8,6  2271.0  38.0  5,2  5,4  1444.5
       + agrarische       6.3 0,8   7,5  2004.0   5.3  0,7  4,7  1258.0
       
       Kapitalistenklasse u. aggregierte
       Gruppen           24.2 2,9   2,2   579.0  18,5  2,5  2,0   537.5
       Erwerbstätige
       insg.            827.7           26494.0 736.2           26874.0
                            100,0 100,0              100,0 100,0
       Arbeitslose
       ø Jahr             2.8 0,3   0,6   149.0  24.7  3,3  2,8   766.0
       Erwerbspersonen  830.5           26643.0 760.9           27640.0
       Erwerbsquote          46,2  43,4               44,5 43,7
       _____
       1) Differenzen durch Rundungen und statistische Überschneidungen.
       
       Errechnet und geschätzt nach: Statist. Landesamt Hamburg (Hrsg.),
       Statist. Jahrbuch  1970/71, 1972/73, 1981; Die Volks- und Berufs-
       zählung i.  Hamburg am  27.5.1970, Heft  109; Hamburgs  Industrie
       1974/75, Heft  115; Gehalts-  und Lohnstrukturerhebung  1966 i.d.
       gewerbl. Wirtschaft  und i.  Dienstleistungsbereich  in  Hamburg,
       Heft 91;  Statist. Bundesamt  (Hrsg.),  Statist.  Jahrbuch  1981;
       Löhne und  Gehälter, Reihe  2.2, Angestelltenverdienste  i. Indu-
       strie u.  Handel Oktober  1979; IMSF (Hrsg.), Klassen- u. Sozial-
       struktur der  BRD 1950"1970,  Teil II,  a.a.O., entsprechende Ab-
       schnitte und  Tabellen. Andre Leisewitz, Klassen i.d. BRD, Frank-
       furt 1977, entsprechende Abschnitte und Tabellen.
       Damit  wuchs   der  Anteil  der  Industrieangestellten  erheblich
       schneller als  bundesweit und  deutet auf  einen besonders  hohen
       Entwicklungsstand der  intensiv erweiterten  Produktion hin. Denn
       die technischen  und kaufmännischen Angestellten werden vor allem
       in den für die intensiv erweiterte Produktion typischen, der Pro-
       duktion vor-  und nachgelagerten  Tätigkeitsfeldern Forschung und
       Entwicklung, Verwaltung,  Ein- und Verkauf sowie Geschäftsführung
       eingesetzt. 8)  Andererseits ist  der Teil der Industriearbeiter-
       schaft Hamburgs,  der in Betrieben mit 500 und mehr Beschäftigten
       vor allem vom Groß- und Monopolkapital ausgebeutet wird, mit 56,2
       (BRD =  53,2%) im  Jahre 1970  sowie 64,7  (BRD = 63,2%) im Jahre
       1979/80 deutlich  größer. 9)  Dagegen sind wiederum die Arbeiter-
       klassengruppen unter  der Angestelltenschaft Hamburgs 1979/80 er-
       heblich größer,  obwohl der  Abstand seit  1970 deutlich geringer
       wurde. Die  oberen Randgruppen  der Arbeiterklasse im Übergang zu
       den lohnabhängigen Mittelschichten sind in Hamburg ebenfalls grö-
       ßer als im Bundesdurchschnitt.
       3. Der Anteil  der gesamten   M i t t e l s c h i c h t e n   und
       der   I n t e l l i g e n z  ist in Hamburg nur wenig kleiner als
       bundesweit. Der  Abstand hat  sich seit 1970 deutlich verringert.
       Doch auch hier unterscheidet sich die innere Struktur ganz erheb-
       lich  voneinander.  Den  stark  überrepräsentierten  Gruppen  der
       lohnabhängigen Mittelschichten und der Intelligenz stehen im Ver-
       gleich zum Bundesdurchschnitt stark unterrepräsentierte selbstän-
       dige Mittelschichten  gegenüber, was  vor allem durch die äußerst
       geringe agrarische  Produktion bedingt  ist. Von nicht unerhebli-
       cher Bedeutung  ist darüber hinaus die Tatsache, daß die absolute
       Zahl wie  das relative Gewicht der lohnabhängigen Mittelschichten
       und Intelligenz  in Hamburg  seit 1970  derart schnell  gewachsen
       sind, daß diese Schichten 1979 aufgrund der andererseits überpro-
       portional schnellen  Abnahme der Industriearbeiterschaft Hamburgs
       größer sind  als der  Kern der  Arbeiterklasse (14,7:13,8). Diese
       Relation verschiebt  sich sogar noch deutlicher (14,7:8,2%), wenn
       man nur  die rund  60 000 Industriearbeiter, die direkt vom Groß-
       und Monopolkapital  ausgebeutet werden, in Beziehung zur Zahl der
       lohnabhängigen Mittelschichten und der Intelligenz setzt.
       Obwohl Hamburgs  spezifische Rolle  als staatsmonopolistische Me-
       tropole und  Hafen- und  Handelsstadt auch  seine  Sozialstruktur
       prägt, so antizipiert sie jedoch ebenfalls wichtige Züge und Ten-
       denzen der  BRD von morgen. Dies betrifft vor allem den Verallge-
       meinerungsgrad der  Lohnarbeit, die Proportionen der Wirtschafts-
       sphären, das  Verhältnis von manueller und nichtmanueller Arbeit,
       die Innenstruktur  der Arbeiterklasse,  das Gewicht  der  "neuen"
       Mittelschichten. 10)
       Wie nach  Marx die Natur der großen Industrie Wechsel der Arbeit,
       Fluß der  Funktion, allseitige  Beweglichkeit des  Arbeiters  be-
       dingt, so  "reproduziert sie (die große Industrie - d. V.) (ande-
       rerseits) in  ihrer kapitalistischen  Form die  alte Teilung  der
       Arbeit mit  ihren knöchernden  Partikularitäten. Man hat gesehen,
       wie dieser absolute Widerspruch alle Ruhe, Festigkeit, Sicherheit
       der Lebenslage  des Arbeiters  aufhebt, ihm mit dem Arbeitsmittel
       beständig das  Lebensmittel aus  der Hand  zu  schlagen  und  mit
       seiner Teilfunktion  ihn selbst  überflüssig zu machen droht; wie
       dieser Widerspruch  im ununterbrochenen  Opferfest der  Arbeiter-
       klasse,  maßlosester   Vergeudung  der   Arbeitskräfte  und   den
       Verheerungen gesellschaftlicher  Anarchie sich  austobt. Dies ist
       die negative  Seite." 11)  Diese Einschätzung trifft auch das We-
       sen, die  negative Seite,  die krisenhafte Durchsetzung der neuen
       Produktions- und  Reproduktionsstrukturen dieser Gesellschaft un-
       ter staatsmonopolistischen  Bewegungsgesetzen. Die  gerade gegen-
       wärtig vehement  vorangetriebene Entwicklung  der Produktivkräfte
       und die  damit einhergehende Veränderung der Klassen- und Sozial-
       struktur können  sich nicht  proportional und ausgewogen vollzie-
       hen, sondern  erfolgen krisenhaft,  disproportional,  produzieren
       Deformationen und Widersprüche größten Ausmaßes.
       
       Tabelle 3:
       Entwicklung ausgewählter  sozialstatistischer Gruppen  in Hamburg
       1970, 1979-1982 in Tausend
       
                                    1970   1979   1980   1981   1982 *)
       
       Schüler(innen)              222.7  227.9  218.7  209.3
       Berufsschüler(innen)         55.7   72.2   73.3   75.8
       Studierende                  28.7   44.5   44.9   48.3
       Arbeitslose                   2.8   24.7   23.1   33.9   50.0
         davon:
       - Frauen                      1.3   11.9   10.9   14.3   18.7
       - Jugendliche insgesamt              4.4    5.4    9.8
         bis unter 20                       1.6    2.0    3.7    3.8
         bis unter 25                       2.8    3.4    6.1
       - Angestellte                        9.1    8.8   12.3   16.4
       - Ausländer                          2.5    3.0    6.9    9.2
       -  Intelligenz **)                   1.5    1.8    2.5
       Kurzarbeiter(innen)                  2.7    0.5    3.7   11.4
       Sozialhilfeempfänger(innen)  59.3   92.0   95.5   96.0
       _____
       Quelle: Statist. Landesamt  Hamburg  (Hrsg.),  Statist.  Jahrbuch
       1981, a.a.O.  Statist. Taschenbuch 1981, a.a.O., Daten und Infor-
       mationen 1982; Arbeitsamt Hamburg (Hrsg.), Textliche und tabella-
       rische Informationen  zum  Arbeitsmarktgeschehen  März  u.  April
       1982; Statist.  Sonderheft, Strukturanalyse  Arbeitslose - offene
       Stellen September 1981.
       *) ø der ersten 4 Monate 1982
       **) umfaßt Fachhochschul- und Hochschulabsolventen
       
       Tabelle 3  enthält Angaben, die geeignet sind, das Ausmaß und die
       Tiefe der  gegenwärtigen Krisenprozesse  zu veranschaulichen. Sie
       verweisen ebenfalls auf wichtige Rekrutierungsbereiche der gegen-
       wärtig neuen sozialen Bewegungen.
       1. Der  in der Ausbildung befindliche Teil der Hamburger Bevölke-
       rung hat  sich infolge  des bis  1974/75 betriebenen  Ausbaus des
       Bildungssektors deutlich  vergrößert. Die  Zahl der  S t u d e n-
       t e n,   als sozial  und politisch  besonders sensible Gruppe der
       Gesellschaft, ist  um 68,3%  seit 1970 besonders stark gewachsen.
       Ein ebenfalls  deutliches Wachstum vollzog sich in der Gruppe der
       Berufsschüler/innen.
       2. Als schärfster  Ausdruck der Tiefe und des Voranschreitens der
       kapitalistischen Krise in Hamburg hat sich die Zahl der  o f f i-
       z i e l l   A r b e i t s l o s e n   von 1970  bis 1982  um  das
       13fache  erhöht,  wobei  der  große  Anteil  der  verdeckten  Ar-
       beitslosigkeit unberücksichtigt  bleibt. 12) Die Struktur der Ar-
       beitslosigkeit in  Hamburg ist  besonders dadurch gekennzeichnet,
       daß im  Unterschied zum  Bundesdurchschnitt und  zu anderen Groß-
       städten die   J u g e n d a r b e i t s l o s i g k e i t   (1981
       waren 10,9%  aller Arbeitslosen  unter 20 bzw. 28,9% bis unter 25
       Jahre alt)  schon seit mehreren Jahren überproportional hoch ist.
       13)
       3. Weiterhin fällt auf, daß der Anteil der Intelligenz an den Ar-
       beitslosen auf  über 7%  gestiegen ist,  was auf  eine zunehmende
       Proletarisierung und  D e k l a s s i e r u n g  von immer größer
       werdenden Teilen  der   l o h n a b h ä n g i g e n  M i t t e l-
       s c h i c h t e n,  insbesondere der Intelligenz hindeutet.
       4. Ausdruck für  die sozialen Auswirkungen des Krisenprozesses in
       Hamburg   ist    ebenfalls   die    Steigerung   der   Zahl   der
       S o z i a l h i l f e e m p f ä n g e r  um rund 62% von 1970 bis
       1981.
       Damit ist  ein erhebliches  potentielles Protestpotential von ar-
       beitslosen Jugendlichen,  Schülern und  Studenten sowie  sozialen
       Randgruppen entstanden,  das eine wichtige Rekrutierungsbasis der
       neuen sozialen Bewegungen in Hamburg darstellt.
       Die Analyse  der Hamburger  Sozialstruktur enthält auch deutliche
       Hinweise auf  die Veränderung  der objektiven Wirkungsbedingungen
       einer marxistischen  Klassenpartei, wie es in Hamburg und der BRD
       die DKP  ist. Dies betrifft im Rahmen der Hauptfragestellung die-
       ses Beitrages vor allem auch die Frage antimonopolistischer Bünd-
       nispolitik gegenüber den neuen Bewegungen im Zusammenhang mit der
       Orientierung auf die Aktionseinheit der Arbeiterklasse.
       1. Die   O r i e n t i e r u n g   a u f   d e n   K e r n  d e r
       A r b e i t e r k l a s s e,   die Industriearbeiterschaft in den
       Großbetrieben, die  auch in Hamburg einen hohen, durch die verge-
       sellschaftete Produktion  bedingten objektiven  Organisationsgrad
       und eine  hohe gewerkschaftliche Organisation hat, ist in Hamburg
       angesichts einer  großen Arbeiterklasse, aber relativ kleinen In-
       dustriearbeiterschaft besonders wichtig.
       2. Das weit  überdurchschnittliche Gewicht  der  Arbeiterklassen-
       gruppen aus  der Angestellten- und Beamtenschaft hat die Struktur
       und das  Antlitz der Hamburger Arbeiterklasse insgesamt gegenüber
       den 50er  und besonders  natürlich den  20er und 30er Jahren, der
       Zeit des  größten Masseneinflusses  der KPD,  tiefgreifend verän-
       dert. Die  Bedeutung der   k l a s s e n m ä ß i g e n   M o b i-
       l i s i e r u n g   u n d  A s s i m i l i e r u n g  d i e s e r
       "n e u e n"   G r u p p e n   d e r   A r b e i t e r k l a s s e
       mit  ihren   Besonderheiten  im  Rahmen  der  Klasseneinheit  hat
       erheblich zugenommen.  Aufgrund ihrer schwerpunktmäßigen Stellung
       in der  Handels- und  Dienstleistungssphäre sowie  im staatsmono-
       polistischen Verwaltungs-  und Reproduktionsapparat  wirken diese
       Arbeiterklassengruppen im  Arbeitsprozeß zum Teil aufs engste mit
       den lohnabhängigen  Mittelschichten und  der Intelligenz zusammen
       und  stehen   demzufolge  immer   noch  unter   einem  nicht   zu
       unterschätzenden  sozialen   und  ideologischen   Einfluß  dieser
       Schichten, insbesondere,  da deren  Gewicht, bedingt  durch  ihre
       besondere Arbeitstätigkeit,  über  ihr  rein  sozialstatistisches
       Gewicht  aufgrund  ihrer  oft  hohen  Multiplikatorfunktion  weit
       hinausgeht.
       3. Das besondere Gewicht der  l o h n a b h ä n g i g e n  M i t-
       t e l s c h i c h t e n   u n d  d e r  I n t e l l i g e n z  in
       Hamburg, die  im Gegensatz  zu den  "alten" selbständigen Mittel-
       schichten nicht  an Gewicht  verlieren, sondern  mit der weiteren
       Entwicklung der  Produktivkräfte im  SMK  weiter  anwachsen  bzw.
       ihren  Anteil   auf  hohem  Niveau  halten  werden,  macht  diese
       Mittelschichtengruppen zum  wohl wichtigsten antimonopolistischen
       Bündnispartner der  Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie der
       marxistischen  Arbeiterpartei   Hamburgs.  Verstärkt  werden  die
       Wechselbeziehungen durch  die sozialen Interaktionen der Nachbarn
       sowie durch  soziale Mobilität (nach "oben" und "unten") zwischen
       diesen sozialen Gruppen.
       Aufgrund des  besonders hohen  Vergesellschaftungsgrades der Pro-
       duktion und Reproduktion, der entsprechenden Klassen- und Sozial-
       struktur ist  die Wechselwirkung  zwischen allen Klassen, Gruppen
       und Schichten  der Hamburger Bevölkerung besonders eng und inten-
       siv. Demzufolge  gilt dies  auch für ein besonders enges Wechsel-
       verhältnis und  nahes Beieinanderliegen  der Schnittlinien  einer
       Politik der  Aktions- und  Klasseneinheit und einer antimonopoli-
       stischen Bündnispolitik. Jede künstliche und sektiererische Tren-
       nung oder  gar Entgegensetzung würde nicht nur das Bündnis zu den
       Mittelschichten erschweren, sondern auch die Klasseneinheit aller
       Gruppen der Hamburger Arbeiterklasse nahezu unmöglich machen.
       
       2. Die neuen sozialen Bewegungen in Hamburg
       -------------------------------------------
       und ihre soziale Basis
       ----------------------
       
       Auf der  Grundlage eigener  Beobachtung, von  Schätzungen und von
       Aussagen befragter  Leiter und  Aktiver in  Bürgerinitiativen und
       anderen Bewegungen  sollen hier  einige Tendenzaussagen  über die
       soziale Zusammensetzung der Protestbewegungen gemacht werden, wie
       sie heute,  also für  die Entwicklung  bis Mitte des Jahres 1982,
       möglich sind. Freilich muß man sich gerade dabei vor generalisie-
       renden Verallgemeinerungen  hüten, die die Spezifik der einzelnen
       Bewegungen und  ihre Unterschiede  nur unzureichend berücksichti-
       gen.
       Für den  Bereich der  U m w e l t s c h u t z-  u n d  Ö k o l o-
       g i e b e w e g u n g   kann gesagt werden, daß die verschiedenen
       Gruppen  der   Mittelschichten  überproportional   vertreten  und
       Gruppen der  Arbeiterklasse unterrepräsentiert  sind.  In  diesem
       Konfliktbereich trifft  man auf  mehr  Angehörige  selbständiger,
       nichtagrarischer und, soweit sie in Hamburg vorhanden sind, agra-
       rischer Mittelschichten. So spielen die Fischer, die in ihrer un-
       mittelbaren Existenzgrundlage  betroffen sind,  in der Initiative
       "Rettet die  Elbe" eine  äußerst wichtige Rolle. Das gleiche gilt
       für Bauern  und Gärtner  in Initiativen, die sich gegen die Luft-
       und Bodenvergiftung  z.B.  durch  Boehringer,  Reynolds  und  die
       Norddeutsche Affinerie  wenden. Diese selbständigen Mittelschich-
       ten sind  immer dort stärker vertreten, wo ihre sozialökonomische
       Existenzgrundlage unmittelbar  bedroht ist.  Dennoch spielen  sie
       aufgrund ihres  unterdurchschnittlichen Gewichts  in der  Gesamt-
       klassen- und  Sozialstruktur Hamburgs  eine geringere  Rolle  als
       bundesweit in der Umweltschutzbewegung.
       Über 20  BIs entstanden  gegen den  geplanten Bau einer Kette von
       Kernkraftwerken an  der Unterelbe.  Diese  A n t i - K K W - B e-
       w e g u n g   forderte die  Stillegung  der  sicherheitstechnisch
       unzureichenden Kernkraftwerke  Brunsbüttel und  Stade, die  durch
       eine Vielzahl  von Störfällen  schon mehrmals  stillgelegt werden
       mußten. Darüber  hinaus kämpfte  die   A n t i - K K W - B e w e-
       g u n g   vor allem  gegen den  Bau  des  KKW  Brokdorf  und  die
       Inbetriebnahme des  KKW Krümmel.  In den Bis gegen Atomkraftwerke
       dominieren in  Hamburg eindeutig  Gruppen der Intelligenz und der
       lohnabhängigen Mittelschichten  sowie Jugendliche  und  Studenten
       und zu  einem gewissen  Teil  freiberufliche  Intelligenzgruppen,
       wobei nicht  unerhebliche Teile der Arbeiterjugend, auch wenn sie
       selbst kaum  in den Bis aktiv werden, mit den Aktionen und Zielen
       sowie Wertvorstellungen  dieser Bewegung  sympathisieren und sich
       punktuell  aktiv   beteiligen.  Aktiv   werden  Kerngruppen   der
       Arbeiterklasse im  Umweltschutzbereich,  ähnlich  wie  die  selb-
       ständigen Mittelschichten,  bisher nur,  insoweit es  ihre unmit-
       telbaren Interessen  betrifft. So entstand z.B. für die Erhaltung
       der  Kleingartenkolonie  Billerhuder  Insel  als  Erholungs-  und
       Grünzone eine  Bürgerinitiative, die  mehrheitlich von  den  dort
       wohnenden Arbeitern  und kleinen  Angestellten getragen wird. Für
       den gesamten  Bereich der  Umweltschutzbewegung Hamburgs kann man
       insgesamt eine deutliche Dominanz der Intelligenz und der lohnab-
       hängigen Mittelschichten, das verstärkte Auftreten von Frauen so-
       wie der  Jugend, insbesondere  der Schüler-  und Studentenschaft,
       feststellen.
       Anders ist die soziale Basis der  F r i e d e n s b e w e g u n g
       strukturiert. Die rund 100 Friedensinitiativen verteilen sich auf
       fast alle gesellschaftlichen Bereiche. Der harte Kern der Initia-
       tiven liegt  zwischen 15-20  Mitgliedern; bei  Aktionshöhepunkten
       arbeiten zwischen  40 und  50 aktiv  mit. Es  existieren rund  60
       Stadtteilinitiativen, die  sich in  einigen Bezirken  (Eimsbüttel
       20, Altona  18) schon  bis hin zu Straßenzügen organisiert haben.
       In Schulen,  Hochschulen und  Kirchengemeinden haben  sich ca. 30
       Friedensinitiativen gebildet.  Rund zehn Betriebsinitiativen (die
       größte mit  ca. 200 Arbeitern und Angestellten im Hafen, eine In-
       itiative Alternative  Produktion im  Rüstungsbereich, weitere bei
       Bahn und  Post, im Chemiebetrieb Beiersdorf und bei der Volksfür-
       sorge-Versicherung) arbeiten  in der  Produktions- und Zirkulati-
       onssphäre. Darüber  hinaus existiert  noch eine  Reihe  einzelner
       Friedensinitiativen in  bestimmten Bereichen  der  Reproduktions-
       sphäre wie  dem Gesundheitswesen,  in Bibliotheken und Kindergär-
       ten, aber  auch eine größere, 50-60 Mitglieder umfassende Initia-
       tive von Handwerkern für den Frieden. Die Friedensinitiativen er-
       fassen somit  alle Klassen  und Schichten  der Hamburger Bevölke-
       rung. 60 bis 70% der rund 5000 bis 6000 mehr oder weniger Aktiven
       der Hamburger  Friedensbewegung gehören  zu Gruppen  der Intelli-
       genz, der lohnabhängigen Mittelschichten sowie von Schülern, Stu-
       denten und Lehrlingen. 25 bis 30% rekrutieren sich aus der Arbei-
       terklasse, wobei  rund 10%  Teil der Industriearbeiterschaft sind
       und 15 bis 20% der Arbeiterjugend, den "neuen" Gruppen der Arbei-
       terklasse bzw.  den oberen  Randgruppen der  Arbeiterklasse zuzu-
       rechnen sind.  Ca. 5% der Aktiven sind Angehörige der selbständi-
       gen nichtagrarischen  Mittelschichten, vor  allem  freiberufliche
       Intelligenz (Ärzte,  Juristen usw.)  und Handwerker. Auch wenn in
       der Friedensbewegung  Gruppen der  Intelligenz und  lohnabhängige
       Mittelschichten sowie Schüler und Studenten eine überproportional
       große Rolle  spielen, so  ist die Bedeutung verschiedener Gruppen
       der Arbeiterklasse  trotz weiter  bestehender Unterrepräsentation
       schon deutlich größer als in der Umweltschutzbewegung.
       Die   B e w e g u n g e n  u n d  A k t i o n e n  g e g e n  die
       kapitalistische Krise  auf dem  Wohnungsmarkt,  gegen    W o h n-
       r a u m s p e k u l a n t e n,   große  Wohnungsbaugesellschaften
       und die  unsoziale und  profitorientierte Sanierungs-  und Stadt-
       planungspolitik des  Hamburger Senats  werden ebenfalls  von fast
       allen  sozialen  Klassen,  Gruppen  und  Schichten  getragen.  In
       Hamburg sind  z.Z. 55 000  Wohnungssuchende  registriert,  90 000
       Wohnungen sind  überbelegt. Auf der anderen Seite stehen 100 Häu-
       ser mit 2000 Wohnungen aus Spekulationsgründen leer. Aufgrund vor
       allem der' direkten Betroffenheit ist auf diesem Konfliktfeld das
       Engagement von Gruppen der Arbeiterklasse und einzelnen Arbeitern
       besonders stark  entwickelt. Vor  allem die  sieben  M i e t e r-
       i n i t i a t i v e n   von den  insgesamt 30  in Hamburg, die in
       Arbeiterneubaugebieten wie  Osdorf,  Steilshoop,  Mümmelmannsberg
       usw. gegen  die großen  Wohnungsbaugesellschaften aktiv  geworden
       sind, werden  in ihrer  überwiegenden Mehrheit  von Arbeitern und
       unteren   Angestelltengruppen   geführt   und   getragen.   Diese
       Initiativen sind  nicht  nur  Instrument  des  direkten  Interes-
       senkampfes, sondern  gleichzeitig auch Kristallisationspunkte für
       Arbeiterkultur im  weitesten Sinne. Besonders in den oft öden und
       kalten Neubaugebieten veranstalten diese Initiativen Feste, Frei-
       zeitaktivitäten, initiieren  Sozialarbeit, geben eigene Zeitungen
       heraus und  sind damit  wichtige Keimformen  und Ansätze auch für
       neue soziale  Kommunikationsstrukturen und  ein eigenes  soziales
       Milieu. Dennoch kann man ihre politische Begrenztheit nicht über-
       sehen, da sie sich im wesentlichen nur auf die Auswüchse verfehl-
       ter kapitalistischer Wohnungsbaupolitik beziehen.
       Anders ist  die soziale  Zusammensetzung in  den 23  A l t b a u-
       m i e t e r i n i t i a t i v e n    in  den  großen  Sanierungs-
       gebieten Hamburgs  wie z.  B.- Altona, Ottensen, Schanzenviertel,
       St. Georg,  Neustadt und  St. Pauli.  Obwohl auch hier überdurch-
       schnittlich viele  Arbeiter und kleine Angestellte wohnen, werden
       diese Initiativen in ihrer überwiegenden Mehrheit von Gruppen der
       unteren lohnabhängigen  Mittelschichten,  von  arbeitslosen  bzw.
       schlechter verdienenden Intelligenzgruppen (vor allem Lehrern und
       Studenten) geführt,  die aufgrund  ihrer ebenfalls  oft schwachen
       sozialen Lage in diesen meist noch billigeren Wohngebieten leben.
       Den aktiven  Kern dieser  Initiativen bilden  in  ihrer  Mehrheit
       Intellektuelle und  einige wenige  Arbeiter  sowie  kleinere  und
       mittlere Angestellte.  Doch sind  diese Initiativen  deshalb auch
       nicht weniger unter den dort wohnenden Gruppen der Arbeiterklasse
       verankert. Sie  werden von  Arbeitern unterstützt und mitgetragen
       und finden zum Teil erhebliche Sympathie unter den dort wohnenden
       Arbeiterjugendlichen.
       So war  es kein  Zufall, daß gerade in diesen Sanierungsgebieten,
       so z.B.  im Schanzenviertel,  eine Reihe  von  H a u s b e s e t-
       z u n g e n   stattfand, die  auf breite  Sympathie der dort woh-
       nenden Arbeiterbevölkerung  aufbauen konnten  und teilweise  auch
       von Schülern  und Arbeiterjugendlichen  mitgetragen und aktiv un-
       terstützt wurden.  Auch wenn  in Hamburg eine so starke Haus- und
       Instandbesetzungsbewegung wie  in West-Berlin  und anderswo  sich
       bisher noch  nicht entwickeln  und halten  konnte, war  es  kenn-
       zeichnend für Hamburg, daß bestehende Mieterinitiativen vor allem
       in den  Sanierungsgebieten und  jugendliche Instandbesetzer meist
       von Beginn  an mehr  oder weniger  eng zusammenwirkten  und  auch
       gemeinsame Aktionen  starteten  und  am  Ende  einer  Mieterakti-
       onswoche aller  Hamburger Mieterinitiativen  über 10000  Menschen
       gemeinsam gegen  die Wohnungsspekulanten und die Wohnungsbau- und
       Sanierungspolitik des Senats demonstrierten.
       Gerade in  diesen Sanierungsgebieten,  in denen  zudem auch viele
       Ausländer wohnen,  bildete sich  im Laufe der Jahre eine Vielzahl
       w e i t e r e r      I n i t i a t i v e n      vor   allem   der
       S e l b s t h i l f e    heraus,  die  zu  einem    r e l a t i v
       f e s t e n   G e f l e c h t  v o n  s o z i a l e n  K o m m u-
       n i k a t i o n s n e t z e n   u n d   e i n e m  a l t e r n a-
       t i v e n   G e g e n m i l i e u   sich  weiterentwickelten  und
       einen überaus  wichtigen sozio-kulturellen  Resonanzboden für die
       neuen sozialen  Bewegungen in  Hamburg darstellen. So ist es kein
       Zufall, daß  gerade auch  diese Sanierungsgebiete  Hochburgen der
       Umweltschutzbewegung und der Friedensbewegung sind. Hier kommt es
       zu einem  überdurchschnittlich starken Kontakt und engen sozialen
       und politischen  Wechselbeziehungen zwischen  vor allem  jüngeren
       Arbeiter-  und   Angestelltengruppen,  Arbeiterjugend,  Schülern,
       Arbeitslosen  und  deklassierten  bzw.  von  der  Krise  schärfer
       betroffenen Teilen  der unteren  lohnabhängigen Gruppen vor allem
       der Intelligenz und Studenten.
       Hierbei vollziehen  sich ideologische,  politische und kulturelle
       Prozesse, die in ihrem Kern auf eine ideologische Hegemonialisie-
       rung von  einzelnen Arbeiterindividuen  und Arbeitergruppen durch
       die oben  genannten sozialen Gruppen hinauslaufen. Dies gilt ins-
       besondere für die Arbeiter, die nicht selbst organisiert bzw. als
       eigenständige politische  und kulturelle Klassenkraft, als Partei
       auftreten. So  positiv diese  in ersten  Ansätzen zutage tretende
       Entwicklung für  Teile der  Arbeiter und  unteren Angestellten in
       den genannten  Sanierungsgebieten einerseits  zu bewerten ist, so
       wirft sie andererseits doch eine Reihe von Problemen für die Ent-
       wicklung der politischen und ideologischen Selbständigkeit dieser
       Arbeitergruppen auf,  die vor allem auch für die marxistische Ar-
       beiterpartei von Bedeutung sind.
       Der   K a m p f   g e g e n  d i e  R o t s t i f t p o l i t i k
       und ihre Folgen hat sowohl bei den dort betroffenen Beschäftigten
       als auch  bei den  durch Leistungs- und Mittelkürzung Beeinträch-
       tigten zu  Reaktionen geführt. So entstand in diesem Bereich eine
       Initiative, getragen  von Repräsentanten von über 150 Jugend- und
       Sozialarbeitsprojekten in  Hamburg und rund 1000 betroffenen Ein-
       zelpersonen, die  eine  "A u f s c h r e i" - I n i t i a t i v e
       gegen die  geplanten Kürzungen  gründete und eine große Diskussi-
       onsveranstaltung und eine Demonstration mit 12000 Teilnehmern or-
       ganisierte. Die  im Schulentwicklungsplan  des Senats formulierte
       Absicht, anstatt  die Klassenfrequenzen  zu senken  bis 1990 mehr
       als  100  Schulen  wegen  angeblich  sinkender  Schülerzahlen  zu
       schließen bzw.  zusammenzulegen, führte zu großen Protestaktionen
       von Lehrern,  Eltern und  vor allem  Schülern. Zwei    S c h u l-
       s t r e i k s   von 50 000 bzw. 45 000 Schülern fanden im Februar
       und Mai  1981 statt,  und über  25 000 Schüler demonstrierten auf
       der Straße.  Ebenso kam  es im  Hochschulbereich zu  Streiks  und
       Demonstrationen  gegen  die  katastrophale  Überfüllung  und  die
       Kürzung von weiteren Personal- und Sachmitteln.
       Betrachtet man die Bewegungen gegen die Rotstiftpolitik hinsicht-
       lich ihrer sozialen Zusammensetzung, so trifft man hier vor allem
       Schüler und Studenten in klassen- und schichtenübergreifender Zu-
       sammensetzung, junge  Wissenschaftler, Frauen vor allem aus Sozi-
       alberufen, untere Gruppen der lohnabhängigen Intelligenz, vor al-
       lem   Lehrer(innen),    Sozialarbeiter(innen)   bzw.   Sozialpäd-
       agog(inn)en, und  in ersten Ansätzen Hausfrauen aus der Arbeiter-
       klasse, die  durch die drastische Sparpolitik im Sozial-, Jugend-
       und Kindererziehungsbereich in ihren Entfaltungsmöglichkeiten als
       Frau betroffen  sind. Die  Gewerkschaften und relevante Teile der
       Arbeiterklasse spielen in diesen Auseinandersetzungen bisher kaum
       eine Rolle.
       Z u s a m m e n f a s s e n d   läßt sich  feststellen: Allgemein
       gilt auch  für Hamburg,  daß die  neuen sozialen Bewegungen immer
       noch mehrheitlich  von Mittelschichtengruppen  sowie Schülern und
       Studenten geführt  und getragen  werden. Dies  gilt im besonderen
       für die Bewegung gegen das Bonner Atomprogramm und die Kernkraft-
       werke an der Unterelbe.
       Dennoch reicht  diese grobe Einordnung bei weitem nicht mehr aus.
       Zuerst  muß  man  für  Hamburg  feststellen,  daß  besonders  die
       G r u p p e n   d e r  u n t e r e n  l o h n a b h ä n g i g e n
       M i t t e l s c h i c h t e n    u n d    d e r    I n t e l l i-
       g e n z   (z.B. Lehrer, Studenten, Sozialarbeiter und -pädagogen,
       Verwaltungsangestellte und  junge Wissenschaftler)  in den  neuen
       sozialen Bewegungen  dominieren. Sie sind dadurch gekennzeichnet,
       daß sie relativ jung - in ihrer großen Mehrheit unter 35 Jahren -
       und damit  in den  letzten zehn  Jahren mehr  und  mehr  von  der
       Verschärfung des gesamtgesellschaftlichen Krisenprozesses betrof-
       fen sind.  Besonders durch  die staatsmonopolistische Sparpolitik
       in der  Reproduktions- und  gesellschaftlichen  Konsumtionssphäre
       sind diese  sozialen Gruppen  von Arbeitslosigkeit  und  Dequali-
       fizierung  betroffen,   so  daß  die  Differenzierungs-,  Deklas-
       sierungs- und  Proletarisierungsprozesse sich  in diesen  unteren
       Mittelschichten- und  Intelligenzgruppen deutlich verstärkt haben
       und somit  auch sozial  eine   w e i t e r e  A n n ä h e r u n g
       größerer Teile  dieser Gruppen   a n  d i e  L a g e  d e r  A r-
       b e i t e r k l a s s e    stattfand  und  weiterhin  stattfinden
       wird. Um die neuen Möglichkeiten und Ansatzpunkte für antimonopo-
       listische Bündnispolitik  präziser zu bestimmen und das Einwirken
       gerade dieser  genannten Gruppen  auf Teile der Arbeiterklasse zu
       erfassen, deren nächster "sozialer Nachbar" diese unteren lohnab-
       hängigen Mittelschichten-  und  Intelligenzgruppen  besonders  in
       Großstädten sind,  wird es  notwendig sein, diese Probleme weiter
       zu untersuchen.
       Dieser Prozeß  spiegelt sich  in besonders deutlicher Form in den
       großen Sanierungsgebieten  Hamburgs wider, wo diese neuen unteren
       Gruppen der  lohnabhängigen Mittelschichten  und der  Intelligenz
       gemeinsam mit  Gruppen der Arbeiterklasse, Rentnern und Jugendli-
       chen wohnen  und leben. Deshalb ist es kein Zufall, daß diese un-
       teren  lohnabhängigen   Mittelschichten-  und  Intelligenzgruppen
       nicht nur  Träger der Umweltschutzbewegung sind, sondern auch zu-
       nehmend gegen  den Sozialabbau  des Senats  aktiv werden  und die
       "Aufschrei"-Initiative starteten.  Dennoch gilt  auch  für  diese
       Gruppen der  Mittelschichten, daß sie vor allem wegen ihrer über-
       durchschnittlichen Bildung und Qualifikation sowie ihrer Stellung
       im Reproduktions-  und Arbeitsprozeß weiterhin einige Privilegien
       besitzen und  bessere Chancen haben, ihre Arbeitskraft zu verkau-
       fen. Daraus resultiert objektiv eine Reihe von ideologischen Dif-
       ferenzen und  Problemen in  den neuen  sozialen Bewegungen.  Auch
       wenn diese  genannten sozialen  Gruppen immer noch dominieren, so
       läßt sich  für Hamburg  doch eindeutig feststellen, daß vor allem
       in den  Bewegungen für Frieden, gegen die Wohnungsnot und den So-
       zialabbau zunehmend Gruppen der Arbeiterklasse, meist jedoch noch
       in Form  passiver Sympathie,  aber z.T.  auch  aktiv,  einbezogen
       sind.
       Dabei handelt  es sich  vor allem  um Arbeiterjugend, obere Rand-
       gruppen der  Arbeiterklasse aus  der Angestellten-  und  Beamten-
       schaft und  "neue" jüngere  Arbeiterklassengruppen aus dem großen
       Verwaltungs- und  Dienstleistungssektor Hamburgs sowie Hausfrauen
       und Rentner(innen)  außerhalb des  Produktionsprozesses.  Dagegen
       gilt auch  für Hamburg  weiterhin, daß die  K e r n g r u p p e n
       d e r   I n d u s t r i e a r b e i t e r s c h a f t    i n  den
       neuen und  erweiterten sozialen Bewegungen noch deutlich unterre-
       präsentiert sind,  auch wenn  es in der Friedensbewegung einzelne
       positive Ansätze  gibt. Diese Situation spiegelt sich auch in den
       Stadtteilen und  Wohngebieten mit  einem hohen  Anteil von  Indu-
       striearbeitern wider. Aktionen und Initiativen neuer sozialer Be-
       wegungen existieren hier bisher kaum. Positive erste Ansätze sind
       jedoch einige Friedensinitiativen, die auch in Industriearbeiter-
       stadtteilen Hamburgs  mit Beteiligung  von  Arbeitern  entstanden
       sind.
       Neben den  bisher genannten Klassen, Gruppen und Schichten wirken
       in der Umweltschutz- wie auch in der Friedensbewegung und in Mie-
       terinitiativen Teile  der für  eine Metropole wie Hamburg relativ
       stark vertretenen   f r e i b e r u f l i c h e n  I n t e l l i-
       g e n z g r u p p e n.   Auch für  sie gilt,  daß sie überwiegend
       unter 40 Jahre alt sind und sich der alternativen kulturellen und
       politischen Szene  Hamburgs zugehörig fühlen. Dagegen spielen die
       o b e r e n   e t a b l i e r t e n   l o h n a b h ä n g i g e n
       M i t t e l s c h i c h t e n,     vor  allem  Angestellten-  und
       Beamtengruppen   aus    dem   staatlichen   und   administrativen
       Verwaltungs- und  Führungsbereich, aus  den  Verwaltungszentralen
       der großen  Konzerne, Banken und Versicherungen und aus den meist
       zum  Leitungsapparat   zählenden   Angestelltengruppen   in   der
       Industrie und  im Handel  in den  neuen sozialen Bewegungen keine
       Rolle.
       Die  traditionellen     s e l b s t ä n d i g e n    s t ä d t i-
       s c h e n   M i t t e l s c h i c h t e n   (Handwerker,  Händler
       und andere  Gewerbetreibende) spielen,  entsprechend ihrer unter-
       durchschnittlichen  Bedeutung   in  der  Hamburger  Klassen-  und
       Sozialstruktur, in  den neuen  sozialen Bewegungen  eine unerheb-
       liche Rolle,  außer der  schon erwähnten  Friedensinitiative  von
       Handwerkern. Andererseits  spielen die  selbständigen  Elbfischer
       und einige  wenige Bauern  als Vertreter  der  in  der  Großstadt
       Hamburg besonders schwach vertretenen agrarischen Mittelschichten
       im Kampf  gegen die  Elbverschmutzung und  gegen  die  Vergiftung
       landwirtschaftlicher Nutzflächen  eine wichtige  Rolle  als  Kri-
       stallisationsgruppen in der Umweltschutzbewegung.
       
       3. Neue soziale Bewegungen und politische Strömungen
       ----------------------------------------------------
       und Kräfte im außerparlamentarischen Raum
       -----------------------------------------
       
       Das politische  Entwicklungsniveau der  übergroßen  Mehrheit  der
       Hamburger Bürgerinitiativen und Bewegungen wird schon seit langem
       nicht mehr durch Ein-Punkt-Forderungen bestimmt, sondern ist seit
       Mitte der  70er Jahre  durch eine  deutlich zunehmende Politisie-
       rung, Verallgemeinerung  und Einordnung der Zielsetzungen, Forde-
       rungen und  Aktionen in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge ge-
       kennzeichnet. Die Verallgemeinerung der Erfahrungen und die Poli-
       tisierung der  neuen sozialen  Bewegungen entwickelte  sich nicht
       nur spontan aus den Bewegungen selbst heraus. Vielmehr war dieser
       Politisierungsprozeß ebenfalls  Ergebnis des  Hineinwirkens  ver-
       schiedener sozialer und politischer Kräfte, die in den Bewegungen
       zusammenkamen bzw. sich mit ihnen solidarisierten und sich zu ge-
       meinsamen Aktionen  vereinten. In  diesem Prozeß  wechselseitiger
       Beeinflussung wurden bereits existierende gesellschaftspolitische
       Vorstellungen, Ideologien  und Wertvorstellungen  in diese  neuen
       sozialen Bewegungen  hineingetragen, verarbeitet, in neuen Formen
       reproduziert und  so zur  Grundlage zukünftiger  politischer  und
       ideologischer Arbeit  sowie der  Lebensweise. Dabei  setzten sich
       politische Strategien,  Ideologien und  Werte durch,  die den  im
       Entstehungsprozeß befindlichen Bewegungen mit ihrer starken Beto-
       nung der  direkten subjektiven Betroffenheit und Spontaneität und
       ihrer sozialen Basis entgegenkamen.
       Bevor man  sich dem  Wechselverhältnis zwischen den neuen und er-
       weiterten sozialen  Bewegungen und den politischen Strömungen und
       Kräften im  außerparlamentarischen Sektor  Hamburgs zuwendet, ist
       es notwendig, in der hier gebotenen Kürze die Ausgangsbedingungen
       und die  verschiedenen politischen  Kräfte in  diesem politischen
       Bereich zu  charakterisieren und ihre Stärke und ihren Einfluß zu
       skizzieren.
       
       Die politischen Hauptkräfte im außerparlamentarischen Raum
       ----------------------------------------------------------
       
       Schon seit  Ende der 60er Jahre hatte sich hier eine im Vergleich
       zum  gesamten  Bundesgebiet  und  anderen  Großstädten  besonders
       starke außerparlamentarische  Bewegung herausgebildet, die im we-
       sentlichen durch  drei politische  Hauptkräfte geprägt wurde: die
       DKP, linke  Sozialdemokraten und  Jusos sowie den Kommunistischen
       Bund (KB).
       Die Deutsche  Kommunistische Partei  (DKP) hatte  sich nach ihrer
       bundesweiten Konstituierung  im Jahre 1968 in Hamburg, das früher
       eine der großen Hochburgen der KPD war, relativ schnell, mit meh-
       reren tausend  Mitgliedern, zur  stärksten organisatorischen  und
       politischen Kraft  der Hamburger  Linken vor allem im außerparla-
       mentarischen Kampf  entwickelt. Der  wachsende Masseneinfluß  der
       DKP spiegelte  sich auch  in den Wahlergebnissen zur Bürgerschaft
       1970 und 1974 wider, wo ihr Stimmenanteil von 1,7 auf 2,2 Prozent
       stieg und sie rund 22000 Stimmen auf sich vereinigen konnte.
       Die zweite  wichtige linke  Kraft im außerparlamentarischen Kampf
       waren die  linken Sozialdemokraten,  vor allem  die Jusos. In der
       Hamburger SPD  bildete sich  zum Ende der siebziger Jahre ein zu-
       nehmend stärker  werdender linker  Flügel innerhalb  des  vormals
       bundesweit am  weitesten rechts stehenden Hamburger Landesverban-
       des der SPD heraus. Innerhalb der Jusos wurde der Stamokap-Flügel
       in  Auseinandersetzung  mit  der  sog.  "Anti-Revi-Strömung"  zur
       stärksten Gruppierung  und stellte bundesweit einen der am weite-
       sten links stehenden Juso-Landesverbände.
       Als dritte Kraft im außerparlamentarischen Kampf muß der Kommuni-
       stische Bund  (KB) genannt werden. Dieser im wesentlichen in Ham-
       burg konzentrierten  linksradikalen und maoistischen Organisation
       war es  gelungen, unter Studenten, Jugendlichen und Intellektuel-
       len einen zum Teil beachtlichen Einfluß zu gewinnen.
       Trotz seiner  linksradikalen und maoistischen Grundlinie gehörten
       der KB  und seine  Führungsgruppe im Unterschied zu anderen maoi-
       stischen Gruppen  zu den  realistischsten linksradikalen  Gruppen
       der Reformphase. Die KB-Führung besaß seit jeher eine hohe Sensi-
       bilität für  Massenstimmungen und  Spürsinn für  neue  politische
       Entwicklungen, oder anders ausgedrückt: ihre linkssektiererischen
       Grundpositionen paarten  sich mit politischem Opportunismus, wenn
       es um  die Erhaltung  von Einfluß und Positionen ging. Der KB ist
       im Rahmen  der Entwicklung und Zersetzung des Maoismus in der BRD
       eine Besonderheit und damit auch eine Besonderheit in der politi-
       schen Landschaft Hamburgs.
       Diese drei beschriebenen Kräfte bestimmten in der Reformphase so-
       zialliberaler Politik, also bis etwa 1974/75, im wesentlichen das
       Geschehen im  außerparlamentarischen Raum Hamburgs und führten in
       dieser Phase die verschiedenen außerparlamentarischen Massenbewe-
       gungen. Danach  entstanden neue  Kampfbedingungen für die gesamte
       Linke und  die außerparlamentarische Bewegung. Die Reaktionen der
       skizzierten Kräfte darauf und ihre Entwicklung in der Periode von
       1974/75 bis  etwa 1980 sollen nachfolgend geschildert werden. Wir
       widmen  den  drei  Hauptkräften  jeweils  gesonderte  knappe  Ab-
       schnitte.
       
       Die Herausbildung einer neuen politischen Strömung
       --------------------------------------------------
       und die Metamorphose des KB
       ---------------------------
       
       Als erstes  soll die  Entwicklung des KB im Wechselverhältnis mit
       den außerparlamentarischen  Bewegungen und Initiativen betrachtet
       werden, in  denen er sich engagierte, weil sich vor allem aus dem
       politischen und ideologischen Einwirken neuer sozialer Kräfte auf
       den KB die Umwandlung, Neuformierung und Entstehung der gegenwär-
       tig einflußreichsten  politischen Strömung  in den neuen sozialen
       Bewegungen Hamburgs, der ehemals bunten und heute grün-alternati-
       ven Wahlbewegung (GAL), erklären läßt. Die linksradikale und sek-
       tiererische Politik  des KB  stand vor dem völligen Bankrott. Die
       Unfähigkeit des KB wie der anderen maoistischen Gruppen, eine po-
       litische Strategie und Taktik zur Verteidigung sozialer und demo-
       kratischer Errungenschaften  aller Teile der arbeitenden Bevölke-
       rung gegen die Angriffe der herrschenden Klasse und der bürgerli-
       chen Parteien  zu entwickeln,  führte zu einem rapiden Verlust an
       Einfluß, besonders  an den  für ihre  Basis  wichtigen  Hamburger
       Hochschulen.
       Zerfielen der  Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) und die
       Fälscher-KPD im  Laufe der  folgenden Jahre  völlig, so gelang es
       der weitaus  geschickteren und  klügeren Führungsgruppe  des  KB,
       neue Politikfelder,  vor allem in den schon bestehenden Anti-KKW-
       Initiativen und  in der  Frauen- und  Minderheitenarbeit, zu  er-
       schließen und die teilweise Metamorphose ihrer linksradikalen Ba-
       sis mitzuvollziehen.  Der ehemals  hochgehaltene Dogmatismus  und
       die unbedingte  Unterordnung der Masse der Mitglieder in das rein
       zentralistische Organisationsgefüge linksradikaler Gruppen schlu-
       gen bei  den Anhängern  und Mitgliedern  in das völlige Gegenteil
       um. Nach  Einschätzung der ehemaligen Mitglieder der KB-Führungs-
       gruppe Thomas  Ebermann (Langer) und Rainer Link war die Zeit der
       "Entdeckung" subjektiver  Bedürfnisse und  des "Bock-Prinzips" in
       der politischen Arbeit angebrochen. 14) Spontaneistische Positio-
       nen und  Strömungen aus  den neuen  sozialen Bewegungen  gewannen
       schnell an  Einfluß und  begannen, von  innen die politischen und
       organisatorischen Grundlagen des KB zu zersetzen.
       Dennoch gelang  dem KB  durch den  politischen Schwenk  zunächst,
       seinen Einfluß in den schon genannten Bereichen zu stabilisieren.
       Er dominierte  z. B.  über längere  Zeit die  rund 20 Bis und Ar-
       beitsgruppen, die  sich im  Kampf gegen die Kernkraftwerke an der
       Unterelbe in  der Bürgerinitiative  Umweltschutz Unterelbe  (BUU)
       zusammengeschlossen hatten,  z. B. in den Auseinandersetzungen um
       den Bau des KKW Brokdorf. Die von ihm mitentwickelte und verfoch-
       tene Konfrontationsstrategie  führte in  der Konsequenz  zu einem
       stärkeren Zusammengehen des KB auch mit anarchistischen Gruppen.
       Die Aktionsform  der Bauplatzbesetzung und die damit zwangsläufig
       verbundene Gewaltfrage war die Ursache für die Spaltung der Bewe-
       gung gegen  den Bau  des KKW Brokdorf und für zwei getrennte Mas-
       sendemonstrationen mit jeweils 30 000 Teilnehmern im Februar 1977
       in Itzehoe  und in  der Umgebung des Bauplatzes. Diese Demonstra-
       tionen und  weitere Aktionen  zeigten mit aller Deutlichkeit, daß
       es dem KB trotz größerer Probleme gelungen war, einen großen Teil
       der spontan wachsenden Umweltschutzbewegung besonders gegen Kern-
       kraftwerke, aber  auch andere Initiativen im Bereich der Frauen-,
       Minderheiten- und  Randgruppenarbeit an  sich zu  binden.  Dieses
       Protestpotential mit  einer Vielzahl  von Gruppen und Initiativen
       bildete dann  die Grundlage  für  die  "Bunte  Liste/Wehrt-Euch",
       einen Zusammenschluß von weit über 50 "Bürger- und Basisinitiati-
       ven", die unter der politischen Führung des KB zur Bürgerschafts-
       wahl 1978 kandidierte.
       Obwohl die in diesem Wahlbündnis vereinigten Kräfte aus neuen so-
       zialen Bewegungen,  Initiativen und  Basisgruppen  sowie  dem  KB
       nicht unerhebliche  Meinungsverschiedenheiten untereinander  über
       die Ziele,  Forderungen und  Methoden ihrer  zukünftigen  Politik
       hatten, gelang  es dem  KB 1978 noch einmal relativ leicht, diese
       unterschiedlichen Kräfte in der Bunten Liste zusammenzuschließen.
       Hinter maoistischen  und linksradikalen  Phrasen hatte sich im KB
       selbst sukzessive eine grundlegende politische Umorientierung und
       auch eine kräftemäßige Umgruppierung hin zu spontaneistischen und
       in ersten  Ansätzen reformistischen Positionen vollzogen. Der Op-
       portunismus des  KB hatte  sich weitgehend  den neuen politischen
       Strömungen und  sozialen Bewegungen  angepaßt, ohne jedoch völlig
       die sektiererischen  und linksradikalen  Grundpositionen aufzuge-
       ben. Die  dabei aufbrechenden  Gegensätze konnten 1978 noch über-
       brückt werden.
       Die Bunte Liste erhielt bei der Bürgerschaftswahl 1978 auf Anhieb
       rund 33 000  Stimmen und damit 3,5% aller Stimmen, darüber hinaus
       konnte sie  in die Bezirksversammlung Eimsbüttel mit genau 5% der
       Stimmen einziehen.  Damit war  es ihr  gelungen, ein  erhebliches
       Protestpotential bei der Stimmabgabe an sich zu binden.
       Trotz des  Wahlerfolges, nicht  zuletzt wegen des unrealistischen
       Erwartungshorizontes, traten nach den Wahlen die Widersprüche und
       prinzipiellen Meinungsunterschiede  an der  Frage des zukünftigen
       Verhältnisses zu der sich bundesweit konstituierenden und schnell
       an Einfluß  gewinnenden Partei der GRÜNEN und dem Streit über das
       Verhältnis zum  bürgerlichen Parlamentarismus  insbesondere  über
       Art und  Umfang der  Parlamentsarbeit in  der  Bezirksversammlung
       Eimsbüttel offen  zutage. Die Mehrheit im KB hielt an sektiereri-
       schen Positionen  in der  Parlamentsarbeit fest. Dies zeigte sich
       besonders in  der Weigerung,  demokratische Reformforderungen  zu
       entwickeln bzw. schön bestehende auch parlamentarisch zur Geltung
       zu bringen. Ebenso lehnte es die Mehrheit des KB ab, die Entwick-
       lung der  GRÜNEN zu  fördern. Man  sah in dieser Partei vor allem
       eine Gefahr  für den  eigenen Masseneinfluß  und betonte  in  der
       ideologischen Auseinandersetzung  von linkssektiererischen Grund-
       positionen aus  vor allem  die nicht zu übersehenden rechten Ten-
       denzen innerhalb der GRÜNEN.
       Die Minderheitsfraktion, die sogenannte  Z e n t r u m s f r a k-
       t i o n   im KB  und in der Bunte-Liste-Fraktion der Eimsbütteler
       Bezirksversammlung, stand  in der  Frage der Parlamentsarbeit auf
       reformistischen Positionen  und sah  in  der  Mitarbeit  und  der
       Mitgliedschaft bei  den sich  auch in  Hamburg gründenden  GRÜNEN
       eine große  Chance, mit  den sektiererischen Positionen innerhalb
       des KB  und der  Bunten Liste  vollständig zu brechen und auf der
       Grundlage eines  ökologisch geprägten linken Reformismus zu einer
       Neugruppierung relevanter Teile der außerparlamentarischen Linken
       zu kommen.  Das zentrale  Ziel dieser  "Z" - G r u p p e  war und
       ist, die  wachsende politische  Ausstrahlungskraft der GRÜNEN als
       Durchgangsstadium und  Sammelbecken für  eine später zu gründende
       bzw. umzuwandelnde  ökologisch-sozialistische Partei  zu  nutzen,
       die von Beginn an über parlamentarische Positionen verfügt. Diese
       tiefgreifenden Gegensätze führten innerhalb des KB und der Bunten
       Liste zwangsläufig zur Spaltung und zum Zerfall der Bunten Liste.
       Damit hatte der Wechselprozeß zwischen politischer Verallgemeine-
       rung und  Formierung relevanter Teile der neuen sozialen Bewegun-
       gen auf  der einen  und der opportunistischen Anpassung des KB an
       diese Strömungen  auf der anderen Seite einen ersten Abschluß ge-
       funden. Die Spaltung des KB und der Zerfall der Bunten Liste hat-
       ten im wesentlichen zwei sich politisch bekämpfende Grundströmun-
       gen ausdifferenziert und hervorgebracht: zum einen eine schwächer
       werdende, aber  dennoch  fortbestehende  linkssektiererische  und
       tendenziell anarchistische  Strömung mit dem Kern des Rest-KB und
       zum anderen eine stärker werdende ökologisch-reformistische Strö-
       mung mit einer starken parlamentarischen Orientierung um die "Z"-
       Gruppe und  die Mehrheit der Bunte-Liste-Bezirksversammlungsfrak-
       tion sowie  der Hamburger  GRÜNEN. Damit hatten sich neue politi-
       sche Kristallisationskerne  herausgebildet, um die sich zunehmend
       größere Teile der neuen sozialen Bewegungen politisch gruppierten
       und mit  denen sich  viele politisch-ideologisch und weltanschau-
       lich identifizierten.
       Der rund  150 Mitglieder starken "Z"-Gruppe gelang es im neu ent-
       standenen Landesverband  der GRÜNEN aufgrund ihrer großen politi-
       schen und organisatorischen Erfahrungen und der politischen Uner-
       fahrenheit großer  Teile der  sich bei  den GRÜNEN neu sammelnden
       Kräfte sehr  schnell, Schlüsselpositionen  im  Landesvorstand  zu
       erringen. Der  Landesverband der  GRÜNEN hat  gegenwärtig  (Mitte
       1982) ca. 950 Mitglieder. Er setzt sich neben den Mitgliedern der
       "Z"-Gruppe zusammen  aus ehemaligen Mitgliedern und Anhängern der
       Bunten Liste,  ehemaligen SPD- und FDP-Mitgliedern, bis dahin Un-
       organisierten und  einer Gruppe von sogenannten wertkonservativen
       rechten, rein  ökologisch orientierten  Vertretern der ehemaligen
       Grünen Liste  Umweltschutz (GLU),  die als  rechte Gegenliste zur
       Bunten Liste  bei der  Bürgerschaftswahl 1978  nur 1% der Stimmen
       erhielt und sich nach der Wahl wieder auflöste. In diesem hetero-
       genen politischen  Zusammenschluß wurde  die "Z"-Gruppe  faktisch
       das politisch-organisatorische Rückgrat der Hamburger GRÜNEN. Sie
       konnte sich  in  Hamburg  gegen  die  rechts-ökologischen  Kräfte
       durchsetzen und  sich auch mit taktischem Geschick gegen die mas-
       siven Angriffe des bundesweit erheblich stärkeren rechten Flügels
       innerhalb der  GRÜNEN halten,  der auf  einen Ausschluß  der "Z"-
       Gruppe orientierte.
       
       Realisierungsprobleme antimonopolistischer Bündnispolitik:
       ----------------------------------------------------------
       die DKP
       -------
       
       Auch die  DKP mußte  sich auf die neuen Kampfbedingungen einstel-
       len. In  der durch  die Krise und die Rechtsentwicklung geprägten
       Situation ging  es im Unterschied zur "Reformphase" darum, selbst
       die zum  Teil bescheidenen und unzureichenden Reformansätze sozi-
       aldemokratischer Politik  gegen die Angriffe der Rechtskräfte und
       selbst gegen  die Demontage  der sozialliberalen Bundes- und Lan-
       desregierungen zu  verteidigen. Die DKP hatte theoretisch und po-
       litisch als  erste politische Kraft der Linken diese neuen Kampf-
       bedingungen analysiert und strategisch-taktische Konsequenzen ge-
       zogen.
       Aus ihrer  Sicht ergaben  sich im Verteidigungskampf die Möglich-
       keiten, neue und breitere soziale und politische Kräfte in Aktio-
       nen und Kämpfe einzubeziehen und umfassendere antimonopolistische
       Bündnisse zustande  zu bringen.  Dennoch vollzog  sich der Prozeß
       der Umsetzung  dieser richtigen Grundeinsicht in praktische Poli-
       tik, vor  allem in  eine flexible, die Möglichkeiten optimal nut-
       zende Bündnispolitik,  in Hamburg nicht ohne Widersprüche, Verzö-
       gerungen und  Fehler. Noch  bis 1980  gab es  so erhebliche unge-
       nutzte Möglichkeiten in der konkreten Weiterentwicklung der Bünd-
       nispolitik und  der Bündnisbeziehungen  gegenüber anderen politi-
       schen Strömungen,  die sich parallel in den neuen und erweiterten
       sozialen Bewegungen herausgebildet bzw. um- und neugruppiert hat-
       ten. Dies galt einerseits gegenüber dem innerhalb der SPD stärker
       werdenden linken  Flügel. Zum  anderen wurden die, wenn auch noch
       schwachen, Ansätze,  mit den noch vom KB stark beeinflußten neuen
       sozialen Bewegungen  vor allem  im Umweltschutz- und Anti-KKW-Be-
       reich und  mit der  autonomen Strömung  in der Frauenbewegung ins
       Gespräch und,  wenn schon möglich, zu punktuellen Aktionsbündnis-
       sen zu  kommen, bis dahin kaum genutzt. Die noch bestehenden Vor-
       behalte und  Hemmnisse gerade gegenüber diesem Teil der neuen so-
       zialen und  politischen Bewegungen,  der sich hinter der maoisti-
       schen und sektiererischen Fassade des KB immer deutlicher heraus-
       bildete, verhinderten bis dahin eine offensive Bündnispolitik der
       DKP, um  zwischen den  linken Sozialdemokraten,  die diesen neuen
       sozialen Bewegungen  oft noch zurückhaltender und ablehnender ge-
       genüberstanden, und diesen neuen, oft noch spontanen, aber zuneh-
       mend reformistischen  sozialen und  politischen  Bewegungen  kon-
       struktiv vermittelnd  und einigend  aufzutreten und die ideologi-
       sche Auseinandersetzung  um die Grundlagen einer antimonopolisti-
       schen Bündnispolitik  zu führen.  Diese Probleme und Schwächen in
       der Bündnispolitik  verhinderten auch,  daß die DKP all ihre Mög-
       lichkeiten nutzte,  das Zusammengehen  von Arbeiter-  und Gewerk-
       schaftsbewegung und  neuen sozialen  Bewegungen von  Beginn an zu
       fördern und Vorbehalte und Mißtrauen abzubauen.
       Angesichts der  Entwicklung war es abzusehen, daß bei einer erst-
       maligen Bürgerschaftskandidatur  dieser neuen sozialen Bewegungen
       und Initiativen  in Form  der Bunten Liste und der Umorientierung
       des KB  ein erheblicher Teil des weiter gewachsenen Protestpoten-
       tials, das  in den  Wahlen 1970  und 1974 noch DKP gewählt hatte,
       nun die Bunte Liste wählen würde. Hier fehlte vor allem eine kon-
       krete bündnispolitische  Konzeption, die  trotz erheblicher  Mei-
       nungsverschiedenheiten zumindest  in einen ersten Diskussionspro-
       zeß über  Gemeinsamkeiten und  Trennendes zu kommen suchte und in
       der politischen  Praxis auf  punktuell gemeinsame  bzw. parallele
       Aktionen orientierte.  Daß diese Initiativen nicht gestartet wur-
       den, lag  sicherlich mit  an der  damals noch  häufig vertretenen
       Einschätzung, daß der Schmetterling, das Symbol der Bunten Liste,
       nur einen  Sommer fliegen  und überleben  könne. Zwar zerfiel die
       Bunte Liste - wie vorausgesagt - nach der Wahl. Doch die sie tra-
       genden Teile der neuen sozialen Bewegungen erwiesen sich als sta-
       bil und erweiterten ihren Einfluß und ihre Ausstrahlungskraft.
       
       SPD-Linke in der neuen Situation
       --------------------------------
       
       Die SPD-Linke  Hamburgs ist  nicht einheitlich,  sondern hat ver-
       schiedene Schattierungen.  Zu den  SPD-Linken im  weitesten Sinne
       zählten in der Bürgerschaft bis 1982 ca. 28 Bürgerschaftsabgeord-
       nete und mehrere Kreise und Kreisvorstände, die meist sozial- und
       linksreformistische Positionen einnehmen. Am konsequentesten wer-
       den linke  und marxistische Positionen innerhalb der Jungsoziali-
       sten  (Juso)  und  der  Arbeitsgemeinschaft  sozialdemokratischer
       Frauen (AsF)  vertreten. Vor  allem die  letztgenannten sind eine
       wichtige Kraft  und politische Strömung in den außerparlamentari-
       schen Bewegungen. Gestützt auf ihre aktive Mitarbeit in außerpar-
       lamentarischen Bewegungen, konnte die SPD-Linke bis zum Sturz von
       H.U. Klose Erfolge und erhebliche Verbesserungen ihrer Positionen
       innerhalb der  Partei erreichen  und auf Landesparteitagen bis zu
       40% der  Stimmen auf  sich vereinigen.  Ihre wohl größten politi-
       schen Erfolge  in der  SPD waren die Beschlüsse der Landespartei-
       tage für  die teilweise Zurücknahme der Berufsverbote und für den
       Ausstieg der  Hamburger Elektrizitätswerke  aus dem  Bau des  KKW
       Brokdorf. Erhebliche  Teile der  SPD-Linken standen, besonders in
       der ersten Entwicklungsphase, aber auch teilweise noch heute, ei-
       ner Reihe der neuen sozialen Bewegungen zurückhaltend und zögernd
       gegenüber. Erst durch den zunehmenden politischen Druck der Bewe-
       gungen gegen  den Bau  von Kernkraftwerken  an der Unterelbe, vor
       allem in der Auseinandersetzung um den Bau des KKW Brokdorf, wur-
       den die  SPD-Linken gefordert  und beteiligten  sich aktiv an der
       Demonstration gegen  das KKW Brokdorf im Februar 1977 in Itzehoe.
       Dennoch war  in der  Folge ihr  Verhältnis vor  allem zu den sich
       herausbildenden politischen  Strömungen  der  bunten  und  grünen
       Wahlbewegung, als  dem politischen  Arm eines Teils der neuen so-
       zialen Bewegungen  nicht frei von Sektierertum und Arroganz. Auch
       wenn vor  allem die  Jusos völlig richtig von meist marxistischen
       Positionen aus  zentrale theoretische und politische Widersprüche
       und Schwächen  dieser politischen Strömungen kritisierten, gingen
       sie von der Illusion aus, daß die ihnen zugrunde liegenden sozia-
       len Bewegungen,  trotz der  auch von  ihnen immer schärfer kriti-
       sierten rechtssozialdemokratischen  Senatspolitik, von  der  SPD-
       Linken und damit von der SPD insgesamt noch integrierbar seien.
       In der vorschnellen und falschen Hoffnung, die GRÜNEN und die ge-
       samte alternative  Wahlbewegung politisch beerben zu können, hat-
       ten Teile  der SPD-Linken  übersehen, daß  der Zerfall der Bunten
       und die  "vielen Querelen" bei den GRÜNEN aufgrund einerseits der
       dabei sich  vollziehenden Schwächung  des KB und der trotz vieler
       Widersprüche und  Inkonsequenzen  anderseits  sich  vollziehenden
       Stärkung eines  linksökologischen Reformismus insgesamt nicht zur
       Schwächung dieser  neuen politischen  Strömungen führten, sondern
       im Gegenteil  das Wachstum ihres Masseneinflusses eher förderten,
       insbesondere, da  gleichzeitig die  SPD als  Gesamtpartei in Bonn
       und Hamburg durch ihre rechte Politik weiter an Integrationskraft
       verlor.
       Die Jusos  selbst mußten  so trotz  ihrer linken  Politik für die
       rechte Politik  der Gesamtpartei  mit einem  zunehmenden  Verlust
       ihres Masseneinflusses  unter der  Jugend und  ihrer eigenen Mit-
       gliedschaft bezahlen.  Die SPD-Linke  war zu einer positiven Rol-
       lenbestimmung in dieser Situation nur ungenügend in der Lage, bei
       der eine  Art Scharnier-  und Klammerfunktion  vor allem zwischen
       der gewerkschaftlich  organisierten sozialdemokratisch orientier-
       ten Arbeiterschaft  und Jugend  und den neuen sozialen Bewegungen
       und ihren  grün-alternativen Strömungen und Gruppierungen im Vor-
       dergrund gestanden hätte.
       Zusammenfassend läßt  sich feststellen,  daß in  der Entstehungs-
       phase der  neuen sozialen  Bewegungen und ihrer politischen Strö-
       mungen noch  nicht alle  Bündnismöglichkeiten von  den demokrati-
       schen und linken Kräften genutzt wurden, um die verschiedenen so-
       zialen und  politischen Bewegungen  zu möglichst breiten Aktions-
       bündnissen und, wo dies noch nicht möglich war, zumindest zu par-
       allelen Aktionen  zusammenzuführen. Der  Wille zur  Einheit trotz
       erheblicher Meinungsunterschiede  vor allem  in strategischen und
       gesellschaftspolitischen Fragen  war noch  nicht stark genug ent-
       wickelt, um die Vorbehalte, Fehleinschätzungen, das Trennende und
       die Überheblichkeit  zwischen den verschiedenen politischen Kräf-
       ten zumindest in ersten Ansätzen zu überwinden und die wachsenden
       Gemeinsamkeiten angesichts  der Offensive der Rechtskräfte zu be-
       tonen.
       
       Der Aufschwung der außerparlamentarischen Bewegungen
       ----------------------------------------------------
       und die wachsende Einheit der Hamburger Linken seit 1980
       --------------------------------------------------------
       
       Mit der Kandidatur von F.J. Strauß hatte die Rechtsentwicklung im
       Vorfeld der  Bundestagswahl 1980  einen neuen Höhepunkt erreicht.
       Für die  außerparlamentarischen Bewegungen und die Linkskräfte in
       Hamburg war damit eine neue Situation entstanden. Erstmals fanden
       sich fast  alle relevanten  politischen Strömungen  und Kräfte zu
       Bündnisgesprächen über gemeinsame Aktionen gegen den bevorstehen-
       den Wahlkampfauftritt  von Strauß in Hamburg zusammen. Die GRÜNEN
       unterschrieben zwar  nicht den  Aufruf  "Gegen  Rechts  -  Stoppt
       Strauß!", weil  die Kritik  an der  rechten SPD-Politik  nicht im
       Mittelpunkt des  Aufrufs stand,  riefen jedoch zu der gemeinsamen
       Demonstration mit  auf. Nur der Rest-KB versuchte, das Bündnis zu
       spalten. Weit  über 30 000  Hamburger beteiligten sich an der De-
       monstration, die mit zu den größten der Nachkriegszeit in Hamburg
       zählte.
       Die objektive  Notwendigkeit, auch  weiterhin die  neuen sozialen
       Bewegungen und die gesamten außerparlamentarischen Bewegungen und
       Kräfte zu gemeinsamen Aktionen zusammenzuführen, wuchs angesichts
       der Tatsache,  daß trotz der Bundestagswahlniederlage der CDU/CSU
       und ihres Kanzlerkandidaten Strauß im Herbst 1980, die in Hamburg
       besonders hoch  ausfiel, die sozialliberale Koalition in Bonn vor
       allem in  der Friedens-,  Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie in
       der Energiepolitik  noch rigider als vor der Bundestagswahl gegen
       die Interessen des Volkes vorging. So kam es sofort nach der Wahl
       zu einer  Vielzahl von  Protestaktionen in  verschiedenen gesell-
       schaftlichen Bereichen,  vor allem im Hochschul- und Schulsektor,
       gegen die  rigide Sparpolitik  und den  massiven Sozialabbau  der
       Bundesregierung und des Hamburger Senats. Es folgte eine Vielzahl
       von Aktionen  gegen die sich zuspitzende Wohnungsnot und die Woh-
       nungsspekulanten in Hamburg.
       Im Dezember  1980 ging  die sozialliberale Koalition durch grünes
       Licht für den weiteren Ausbau des KKW Brokdorf auch wieder in der
       Energiepolitik in  die Offensive. Erstmals gelang es in der Bewe-
       gung gegen  das Bonner  Atomprogramm, eine Spaltung der Hamburger
       Anti-KKW-Initiativen und der verschiedenen politischen Strömungen
       und Kräfte  wie 1977 zu verhindern und die soziale und politische
       Basis, vor allem in den Gewerkschaften, zu erweitern.
       Die Reaktion  der Herrschenden  war ein  Verbot der Demonstration
       durch den  CDU-Innenminister von  Schleswig-Holstein wegen angeb-
       lich zu  erwartender schwerer Ausschreitungen. Doch trotz des vom
       Bundesverfassungsgericht bestätigten Demonstrationsverbots demon-
       strierten am 28. Februar 1981 über 100 000 Menschen, insbesondere
       aus Hamburg,  in der  Wüster Marsch  gegen die Baugenehmigung für
       Brokdorf, für  die Stillegung  aller Atomanlagen sowie - und dies
       war eine  neue Dimension in der Bewegung gegen das Atomprogramm -
       für die Vernichtung aller Atomwaffen.
       Von noch  größerer Bedeutung  für das Zusammengehen der verschie-
       denen sozialen  Bewegungen und  politischen Strömungen und Kräfte
       war jedoch  die sich  auch in  Hamburg schnell entwickelnde Frie-
       densbewegung vor allem gegen die Stationierung der neuen amerika-
       nischen Mittelstreckenraketen und den Nato-Doppelbeschluß. In der
       Friedensbewegung vereinigten sich fast alle neuen und erweiterten
       sozialen Bewegungen.  Die Friedensbewegung wurde zu einer Klammer
       zwischen den verschiedenen Bewegungen.
       Es gelang  nicht nur,  neben den traditionell starken Kräften der
       Friedensbewegung fast  das gesamte  bunte und  grüne Spektrum zur
       politischen Mitarbeit  zu gewinnen, sondern darüber hinaus 22 so-
       zialdemokratische Bürgerschaftsabgeordnete  und eine  große  Zahl
       von Gewerkschaftsfunktionären, Betriebsräten und Vertrauensleuten
       aus  fast   allen  Einzelgewerkschaften,   die  den   Aufruf  des
       "Hamburger Friedensforums"  unterschrieben und  zur Mitarbeit be-
       reit waren.
       In der  Folgezeit reihte sich im Abstand von wenigen Monaten eine
       große Massendemonstration  an die  andere. Eine  besonders starke
       Signalwirkung für den weiteren Aufschwung der Friedensbewegung in
       der gesamten  Bundesrepublik hatten  die großen öffentlichen Aus-
       einandersetzungen mit  den führenden  bürgerlichen Politikern auf
       dem Evangelischen  Kirchentag in Hamburg im Juni 1981 und vor al-
       lem die  Demonstration von über 70 000 Kirchentagsteilnehmern und
       Hamburgern gegen  den Nato-Doppelbeschluß und die Bedrohung durch
       den Atomtod.
       Das starke  Anwachsen der außerparlamentarischen Bewegung in Ham-
       burg belegen auch die Angaben des Hamburger Innensenators für die
       Presse. Danach  stieg die Anzahl der amtlich registrierten Demon-
       strationen von 266 im Jahre 1980 auf 428 im Jahre 1981. 15)
       Diese zugespitze  Situation mußte zwangsläufig auch die Differen-
       zierungs- und  Polarisierungsprozesse innerhalb  der bürgerlichen
       Parteien -  wenn auch  unterschiedlich stark  - beeinflussen  und
       auch das  parlamentarische politische System Hamburgs bei kommen-
       den Wahlen stark verändern.
       
       4. Wahldiskussion und Wahlbewegung der Linken 1981/82
       -----------------------------------------------------
       
       Ohne hier differenzierter auf die Entwicklung im einzelnen einge-
       hen zu  können, läßt sich für das gesamte bürgerliche Parteiensy-
       stem Hamburgs feststellen: Alle bürgerlichen Parteien einschließ-
       lich der  Parteimehrheit der  SPD  haben  eine  Rechtsentwicklung
       durchgemacht, in  deren Verlauf  vor allem in der SPD und der FDP
       scharfe Auseinandersetzungen  mit den  linken Flügen  dieser Par-
       teien stattfanden  und deren  Einfluß erst  einmal zurückgedrängt
       wurde. Damit  hatte sich  das gesamte  bürgerliche Parteiensystem
       gegen die neuen sozialen und politischen Bewegungen und ihre For-
       derungen zunächst einmal weitgehend abgeschottet.
       Obwohl die inhaltliche Übereinstimmung zwischen den verschiedenen
       politischen Kräften  und Strömungen  in den neuen und erweiterten
       sozialen Bewegungen im außerparlamentarischen Kampf insgesamt ge-
       wachsen war und auch die Bereitschaft zu weiteren gemeinsamen Ak-
       tionsbündnissen existierte, war die Reaktion auf den Diskussions-
       vorschlag der  DKP für ein linkes, demokratisches Wahlbündnis vom
       Sommer 1981, das die gesamte Breite der linken und demokratischen
       Opposition Hamburgs  umfassen sollte,  sehr differenziert und wi-
       dersprüchlich.
       Die   S P D - L i n k e n   orientierten darauf,  "eine  absolute
       Mehrheit für die Hamburger SPD zu erkämpfen", "die traditionellen
       Wählerschichten der  SPD, die  Arbeitnehmer, erneut zu mobilisie-
       ren"; damit es wieder zur absoluten Mehrheit reiche, müßten "auch
       jene wiedergewonnen  werden, die  sich in den letzten vier Jahren
       enttäuscht von  der SPD  abgewandt haben  und grün, bunt oder gar
       nicht gewählt haben." 16)
       So grenzte sich die SPD-Linke gegenüber der grünen und alternati-
       ven Wahlbewegung  deutlich ab in der Hoffnung, sie möglichst kle-
       inhalten zu  können und  Teile der neuen sozialen und politischen
       Bewegung wieder  zu binden,  in der Illusion, durch einen solchen
       parlamentarischen Integrationserfolg  ihre politischen Positionen
       gegenüber der Parteirechten besser durchsetzen zu können.
       Das Herangehen der GRÜNEN an die Wahldiskussion enthielt den mehr
       oder weniger  offen formulierten  Führungs- und Hegemonieanspruch
       gegenüber anderen  politischen Strömungen  und Kräften,  richtete
       sich zunächst  gegen die  DKP und die mit ihr zusammenarbeitenden
       Bündniskräfte, forderte  jedoch später  auch von der sich heraus-
       bildenden Gruppierung  um die  Alternative Liste die Unterordnung
       und Akzeptierung  grüner Bündnisbedingungen.  Diesen  Führungsan-
       spruch leiteten  die Grünen  vor allem  aus ihren unbestreitbaren
       Wahlerfolgen und  ihrer politischen  Ausstrahlungskraft  ab.  Sie
       verstanden sich mehr als "alternative Wahlbewegung in Gestalt der
       Grünen" denn als Kraft, die im außerparlamentarischen Massenkampf
       die entscheidende  Basis ihrer Arbeit und Erfolge sieht. Dem ent-
       spricht auch  ihr bescheidenes  Auftreten und  Mitarbeiten in den
       außerparlamentarischen  Bewegungen.  Ihr  Hauptinteresse  richtet
       sich vielmehr  "auf jenen  politischen Sektor  in der Hansestadt,
       der voraussichtlich  die Politik  einer alternativen  Parlaments-
       fraktion herausbildet  und bestimmt,  die dort als Sperrminorität
       oder 'Zünglein  an der Waage' erheblichen parlamentarischen Druck
       und Einfluß  ausüben könnte",  17) wie dies das führende Mitglied
       der Z-Gruppe,  W.K. Goltermann, formulierte. Die Überbetonung und
       Illusionen über  die Möglichkeiten  des parlamentarischen Kampfes
       treten hierbei sehr deutlich zutage.
       Neben den  GRÜNEN, der  Bunte-Liste-Fraktion und der Z-Gruppe be-
       teiligten sich  aktiv an der Wahlbündnisdiskussion das "Bunte-Li-
       ste-Initiativtreffen", das  im wesentlichen vom Rest-KB dominiert
       wurde, der  "Initiativkreis für  eine alternative  Wahlbewegung",
       ein Zusammenschluß  von Unorganisierten  (der sogenannte U-Block)
       aus einer Reihe von Initiativen, die Sozialistischen Studiengrup-
       pen (SOST)  und eine  Gruppe um  die ehemaligen SPD-Vorstandsmit-
       glieder Christian  Schmidt und  Regula Schmidt-Bott. Ihre gemein-
       same Zielsetzung  war die  Gründung einer Alternativen Liste nach
       Westberliner Vorbild.  Angesichts seiner  zunehmenden  Isolierung
       aufgrund sektiererischer  und zum Teil anarchistischer Strategien
       und der Gefahr, völlig zu zerfallen und außerhalb der Wahldiskus-
       sion zu  stehen, hatte  es im Rest-KB eine Besinnung und Umorien-
       tierung auf  mehr linksreformistische Positionen gegeben, um wie-
       der bündnisfähig zu werden. In einem "vorläufigen Positionspapier
       der Bunten Liste (Initiativtreffen)" hatte er mit den ihm verbun-
       denen Kräften  das Ziel  formuliert, "den bestehenden außerparla-
       mentarischen Widerstand der 'sozialen Bewegungen' durch eine par-
       lamentarische Opposition zu ergänzen; dem mit der offiziellen Po-
       litik unzufriedenen  'Protestpotential' auch parlamentarisch Aus-
       druck zu  verleihen; programmatische  Forderungen zu formulieren,
       die die  konkreten Interessen  derer erfassen, die sich durch die
       etablierten Parteien  nicht mehr  vertreten sehen".  Und  weiter:
       "Die Listenbildung  dürfte mit  dazu beitragen, das Zusammengehen
       und die  Kooperation der immer noch zersplitterten Linken bei ge-
       meinsamen Aktionen  zu fördern",  und "Abgrenzungen und Unverein-
       barkeiten darf  es nur  nach rechts, insbesondere gegenüber reak-
       tionären oder neofaschistischen Gruppen geben". 18) Auch die Ver-
       treter des  sogenannten U-Blocks  betonten in einer Erklärung die
       Notwendigkeit, eine  Liste zu schaffen, "die tatsächlich  a l l e
       relevanten linken  Bewegungen in  Hamburg repräsentiert".  Aller-
       dings verbanden  sie dieses  richtige Ziel mit dem Anspruch: "Die
       Hauptträger der  zukünftigen 'AL  Hamburg' werden  Unorganisierte
       sein. Unorganisiert  in dem Sinne, daß sie die 'AL' als parlamen-
       tarischen Ausdruck der Basisbewegungen ansehen, nicht als Instru-
       ment zur  Durchsetzung der  Politik einer  Organisation." 19) Die
       bei beiden  letztgenannten Gruppierungen  deutlich  zum  Ausdruck
       kommende Hauptorientierung  am außerparlamentarischen  Kampf  ist
       gepaart mit der Bereitschaft, zu Parlamentswahlen zu kandidieren.
       Doch bestehen  gegenüber den Möglichkeiten und Grenzen des parla-
       mentarischen Kampfes unklare, abstrakte und teilweise sektiereri-
       sche Vorstellungen hinsichtlich eines "institutionalisierten par-
       lamentarischen Apparat(es),  der nach der Logik der systembeding-
       ten 'Sachzwänge'  handelt, (der)  bei der Durchsetzung vieler al-
       ternativer Forderungen  eindeutige Grenzen  setzt". 20) Daß diese
       systembedingten Grenzen  und "Sachzwänge"  jedoch keine absoluten
       sind, sondern  vom gesamtgesellschaftlichen Kräfteverhältnis, der
       Stärke des  außerparlamentarischen Kampfes und des Klassenkampfes
       allgemein abhängig sind, wird nicht erkannt.
       Die DKP versuchte, die Wahldiskussion in breitere Teile der demo-
       kratischen Bewegungen  und Organisationen  zu tragen und die Dis-
       kussion in weitere Stadtteile, in Betriebe, Schulen und Hochschu-
       len auszudehnen und dadurch zu verhindern, daß unabhängig von den
       realen Bewegungen  eine abgehobene  Liste entsteht,  die sich auf
       einen zu  kleinen Ausschnitt der demokratischen Kräfte stützt und
       damit ihre  Wirksamkeit beschneiden  würde.  Unter  dem  massiven
       Druck der  GRÜNEN und  ihrer immer  wieder im Raum stehenden Dro-
       hung, gegebenenfalls auch alleine zu kandidieren, folgten die an-
       deren Gruppen  ihrer Ausgrenzungspolitik  und gaben  wenige  Tage
       nach dem  Hamburger kommunalpolitischen Kongreß der GRÜNEN Anfang
       Oktober 1981  eine in den Grundaussagen weitgehend mit grünen Po-
       sitionen identische  Abgrenzungserklärung gegenüber  der DKP  ab.
       Trotz der von allen politischen Kräften in der Wahlbündnisdiskus-
       sion betonten  Bereitschaft, auch weiterhin in den außerparlamen-
       tarischen Bewegungen  zusammenzuarbeiten, war  nach  diesen  Ent-
       scheidungen der GRÜNEN und Alternativen ein Wahlbündnis kaum mehr
       möglich.
       Die bisher  noch locker verbundenen Gruppierungen für eine Alter-
       native Liste  schlössen sich  Ende November 1981 zur AL zusammen.
       Trotz gegenseitiger Vorwürfe und Auseinandersetzungen um den Füh-
       rungsanspruch in  dem Wahlbündnis einigte man sich unter dem Dik-
       tat der  GRÜNEN auf eine Grün-Alternative Wahlliste (GAL), die im
       Verhältnis 50 zu 50 die parlamentarische Vertretung der außerpar-
       lamentarischen Bewegungen unter sich aufteilte.
       Untersucht man das Wahlprogramm der GAL, so kann man feststellen:
       Es ist  ein überwiegend fortschrittliches Programm. Es erfaßt die
       wesentlichen Forderungen,  die auch in den außerparlamentarischen
       Bewegungen entwickelt  worden sind.  Von besonderer Bedeutung ist
       die Tatsache,  daß in dieses Programm auch Forderungen der Arbei-
       terbewegung, z.B.  die Forderung  nach der  35-Stunden-Woche  bei
       vollem Lohnausgleich  und weitere  Forderungen zur  Sicherung der
       Arbeitsplätze, Eingang  gefunden haben. 21) Hier spiegelt sich am
       deutlichsten der  Einfluß der  DKP auf  die GAL-Programmatik  und
       -Diskussionen wider.  Das GAL-Programm  geht somit  deutlich über
       das Bundesprogramm  der GRÜNEN hinaus und ist in seinem Grundcha-
       rakter ein  linksreformistisches Programm, das für viele demokra-
       tische und linke Kräfte bündnisfähig ist.
       Zugleich sind  zentrale Schwächen des Programms unübersehbar. Das
       GAL-Programm enthält  nur Teil-Erkenntnisse  über die bestehenden
       gesellschaftlichen Verhältnisse. So wird an verschiedenen Stellen
       das kapitalistische Profitprinzip scharf angegriffen, das Großka-
       pital und  der kapitalistische  Staat werden  als zentrale Gegner
       aller demokratischen  und sozialen  Bewegungen jedoch  nicht  be-
       nannt. Ebenso  fehlt jegliche  Strategie  der  gesellschaftlichen
       Veränderung.
       Das Programm  kommt über  den Tageskampf  nicht hinaus. Weiterhin
       findet man  auch Forderungen  nach "selbstverwalteten  und ökolo-
       gisch orientierten  Klein- und  Mittelbetrieben" sowie  die  Ein-
       schätzung, daß  die Sowjetunion keine grundsätzlich friedliebende
       Macht sei. 22)
       Als weiterer Mangel ist die enorme Fülle an Einzelforderungen für
       verschiedene Bereiche  zu nennen, die relativ zusammenhanglos und
       ohne Schwerpunktsetzung  nebeneinander stehen.  Es  entsteht  der
       Eindruck, daß dieses Programm jedem Wähler etwas anbietet, um ihn
       zur Stimmabgabe  zu bewegen,  ihm aber nicht sagt, wo die Schwer-
       punkte des außerparlamentarischen Kampfes liegen müssen.
       Trotz des Scheiterns des DKP-Versuches, ein optimal breites Wahl-
       bündnis zustande  zu bringen, war die zugrunde liegende offensive
       Bündnisstrategie richtig,  weil sie mit der Orientierung auf Ein-
       heit der  Linkskräfte nicht  nur für  eine zukünftige Perspektive
       gewirkt hat,  sondern auch aktuell an Vertrauen gewonnen hat. Die
       Wahlbündnisdiskussion hat erstmals viele Kommunisten, Sozialdemo-
       kraten, Christen,  Grüne, Alternative  und Parteilose  in die ge-
       meinsame Diskussion  über Grundfragen der gegenwärtigen Strategie
       der linken  und demokratischen Kräfte gebracht und, was entschei-
       dend ist, zu politisch breiteren außerparlamentarischen Massenak-
       tionen beigetragen.  Dabei wurden  Vorbehalte und Mißtrauen abge-
       baut.
       Neben diesen  positiven Ergebnissen  der Wahldiskussion  hat  sie
       (wie der gesamte Annäherungsprozeß der außerparlamentarischen Be-
       wegungen und  politischen Kräfte in Hamburg) eine Reihe von ideo-
       logischen, politischen und strategischen Fragen und Problemen der
       Arbeiterbewegung und  der neuen  sozialen Bewegungen  sowie ihres
       Zusammengehens mit  aller Deutlichkeit  aufgeworfen. Zunächst  zu
       einigen Gründen,  die ein  Wahlbündnis verhindert  haben: 1.  Der
       Vorschlag eines  Wahlbündnisses war  noch nicht in der Breite der
       außerparlamentarischen Bewegungen herangewachsen. Er mußte in die
       verschiedenen Bewegungen,  Initiativen und Organisationen hinein-
       getragen werden.
       Dies erforderte  viel Zeit,  die durch den nahen Wahltermin nicht
       in ausreichendem  Maße vorhanden war. Demzufolge nahmen noch viel
       zu wenig  Kräfte an  der Wahldiskussion  teil. 2.  Der politische
       Druck der  außerparlamentarischen Bewegungen  war  demzufolge  zu
       schwach, um  der relativ  früh einsetzenden  Spaltungspolitik der
       GRÜNEN und  Alternativen erfolgreich  entgegenzuwirken. Vor allem
       gelang es  noch nicht,  fortschrittliche und  aktive Arbeiter und
       Gewerkschafter - organisierte wie unorganisierte - in diese Bünd-
       nisdiskussion und Auseinandersetzung einzubeziehen.
       Aus der  Sicht der GRÜNEN schrieb das Mitglied des Bundesvorstan-
       des der  GRÜNEN, Gustine  Johansen, in  einem GRÜNEN-Info:  "Hier
       könnten wir Wähler verlieren bei einer Listenverbindung mit (der)
       DKP" Ein  Bündnis mit  der DKP... wird der Haken sein, an dem sie
       (die Medien,  d.V.) uns  aufhängen." 23)  Und  Z-Führungsmitglied
       Goltermann schrieb:  "Die GRÜNEN  (haben) genügend Möglichkeiten,
       Kraft und  öffentliches Ansehen, um einen erfolgreichen Wahlkampf
       hinzukriegen, und Bündnisse irgendwelcher Art würden sich auf das
       erwartete Wahlergebnis  ohnehin kaum durchschlagen, allenfalls in
       negativer Richtung...". 24)
       Führt man die dargestellten Diskussionen und Auseinandersetzungen
       auf ihre  klassenmäßigen Grundlagen sowie strategischen Grundfra-
       gen zurück,  dann lassen  sich folgende Probleme feststellen: Die
       Ausgrenzungspolitik der GRÜNEN und Alternativen gegenüber der DKP
       diente der   p o l i t i s c h e n  Abgrenzung nach links und ge-
       genüber den  konsequenten Teilen der Arbeiterbewegung. Sie drückt
       insgesamt auch  den Verzicht  auf die Gewinnung und Mobilisierung
       der Arbeiterklasse  als Hauptkraft zur Durchsetzung grundlegender
       gesellschaftlicher Veränderungen aus. Diese Haltung ist letztlich
       Konsequenz der Meinung, die Arbeiterklasse sei nicht mehr revolu-
       tionär, auch als Potenz nicht, sondern, vermittelt über die rech-
       ten Gewerkschaftsführungen  und die  rechte Sozialdemokratie,  in
       das bestehende kapitalistische System integriert.
       Die Ausgrenzung  der DKP  spiegelt nicht nur die noch zu schwache
       Verankerung der  DKP in  der Arbeiterklasse wider, sie zeigt auch
       die Schwäche  und Passivität der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewe-
       gung in der gegenwärtigen Situation. Der politische Führungs- und
       ideologische Hegemonieanspruch der GRÜNEN und Alternativen gegen-
       über anderen linken Kräften bringt nicht nur die Arroganz und den
       Organisationsegoismus dieser  Gruppierungen zum Ausdruck, sondern
       impliziert und  widerspiegelt -  wenn auch  gebrochen - letztlich
       den Führungs-  und Hegemonieanspruch  der in  Bewegung  geratenen
       lohnabhängigen Mittelschichten  und Intelligenzgruppen  gegenüber
       der relativ schwachen politischen Arbeiterbewegung wie der Arbei-
       terklasse überhaupt.  Ihr Ziel ist nicht gleichberechtigte Zusam-
       menarbeit und  gegenseitige Stärkung der politischen und sozialen
       Bündnis- und  Klassenkräfte. Grüne und Alternative als politische
       Strömungen und  politische Repräsentanten  der genannten sozialen
       Schichten sind  zwar an  der Einbeziehung von Angehörigen der Ar-
       beiterklasse, vor  allem jüngeren,  interessiert, jedoch  nur als
       Einzelindividuen, -gruppen  und Wählerstimmen.  Ihr Ziel  ist es,
       auch ideologisch in die Arbeiterklasse hineinzuwirken und hegemo-
       niale Bindungen aufzubauen.
       
       Tabelle 4:
       Stimmabgabe und  Wählerschaft der  SPD, CDU, GAL und FDP nach dem
       Alter bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 1982  1)
       
       Altersgruppen von...                                   Gesamt-
       bis unter... Jahren                                    stimmen-
                                                              zahl
                                                              (Brief-
         18-25      25-35      35-45      45-60     über 60   wahl) 2)
       in         in         in         in         in         in
       1000 in %  1000 in %  1000 in %  1000 in %  1000 in % 1000  in %
       
       SPD Urnenstimmen
       33.4  9,8  39.5 11,6  57.2 16,8  87.5 25,7 122,9 36,1 407.3 42,8
           Differenz zu 1978
            +1,2       -2,4       -2,7       +2,1       +1,8
           Anteil a.d. Altersgruppe
            38,7       40,1       39,7       44,2       48,9
           Differenz zu 1978
            -9,9      -14,2      -10,9       -4,4       -3,7       -8,7
       CDU Urnenstimmen
       25.1  7,8  28.7  8,9  67.1 20,8  89.3 27,7 112.2 34,8 411.7 43,2
           Differenz zu 1978
            +2,7       +0,3       +0,3       +1,1       -2,1
           Anteil a.d. Altersgruppe
            29,8       29,5       47,3       45,8       45,3
           Differenz zu 1978
            +8,2       +4,6       +7,6       +1,9       +3,3       +5,6
       GAL Urnenstimmen
       20.6 34,8  22.7 38,5   7.5 12,7   5.8  9,8   2.4  4,1  72.9  7,7
           Differenz zu 1978
           -10,1       +4,1       +3,6       +1,8       +0,5
           Anteil a.d. Altersgruppe
            26,0       25,1        5,7        3,2        1,1
           Differenz zu 1978
            +7,7      +15,5       +4,0       +2,0       +0,7       +4,2
       FDP Urnenstimmen
        3.1  8,5   4.4 11,9  10.0 27,2  10.0 27,2   9.3 25,2  46.2  4,8
           Differenz zu 1978
            -4,5       -8,8       +3,1       +5,6       +4,5
           Anteil a.d. Altersgruppe
             3,3        4,0        6,3        4,6        3,3
           Differenz zu 1978
            -3,5       -3,4       +0,5       +0,5       +0,4       ±0,0
       Urnenstimmen u. Altersgruppen
       82.2 97,8  95.3 98,7 141.8 99,0 192.7 97,8 246.9 98,6 938.1 98,5
       Wahlbeteiligung
            64,6       66,6       72,4       80,3       83,8
       Differenz zu 1978
            -1,9       -2,7       -2,9       -1,2       +0,4       +1,0
       _____
       Quelle: Entnommen  und  errechnet  aus  Stat.  Landesamt  Hamburg
       (Hrsg.), Wahlen  zur hamburgischen  Bürgerschaft und zu allen Be-
       zirksversammlungen am  6. Juni  1982 - Vorläufige Ergebnisse; die
       Werte sind vorläufig und basieren auf einer repräsentativen Wahl-
       statistik aus 16 Wahlbezirken.
       1) Differenzen zu  den Gesamtsummen  und zu 100% ergeben sich aus
       den Stimmergebnissen der anderen, hier nicht ausgewiesenen kandi-
       dierenden Parteien.
       2) Die absoluten Stimmenzahlen beziehen sich nur auf die vier ge-
       nannten Parteien,  die Prozentangaben auf alle abgegebenen gülti-
       gen Stimmen.
       
       Betrachtet man die von GRÜNEN und Alternativen formulierten Bünd-
       niskriterien als ideologisch-gesellschaftspolitische Trennungsli-
       nien gegenüber  der marxistischen  Arbeiterpartei und  dem realen
       Sozialismus, so  fällt auf,  daß neben  der  Ablehnung  jeglicher
       Kernkraftwerke und  Vorbehalten gegenüber der Friedenspolitik der
       Sowjetunion vor  allem Punkte formuliert wurden, die Probleme der
       Autonomie des  Individuums betreffen: Meinungs- und Informations-
       freiheit, Selbstbestimmungsrecht und freie Entfaltungsmöglichkeit
       des einzelnen; Selbstverwaltung von Betrieben und des Arbeitspro-
       zesses; Ablehnung aller regierenden Parteien, die über staatliche
       Gewalt verfügen.  Diese Essentials machen den grünen und alterna-
       tiven Antikommunismus  aus; sie  sind jedoch  primär Ausdruck der
       Erfahrung und des Protestes gegenüber den bestehenden staatsmono-
       polistischen Gesellschaftsverhältnissen. Ihre Stellung im gesell-
       schaftlichen Reproduktionsprozeß  und  ihre  gesamte  Lebensweise
       bringen sie  zuerst in  Widerspruch zum  Staatsapparat,  erst  in
       zweiter Linie  und indirekt  zum Monopolkapital. Sie bringen sub-
       jektiv und  ideologisch die besondere Betroffenheit vor allem der
       lohnabhängigen Mittelschichten und der Intelligenz, ihren Autono-
       mie- und Selbstverwirklichungsverlust unter dem Druck der kapita-
       listischen Vergesellschaftung und der Krise zum Ausdruck.
       Diese spezielle  Erfahrung und  Betroffenheit  gilt  ähnlich  für
       Teile der  "neuen" Arbeiterklassengruppe und der oberen Randgrup-
       pen, die  in der gesellschaftlichen Reproduktions- und Dienstlei-
       stungssphäre beschäftigt  sind, sowie für große Teile der Jugend,
       auch der  Arbeiterjugend, die noch in der Ausbildung stehen. Hier
       liegen objektive Grundlagen für die starke ideologische und poli-
       tische Ausstrahlungskraft  grüner und alternativer Bewegungen un-
       ter den  genannten Bevölkerungsgruppen und somit auch Möglichkei-
       ten, Teile  der Arbeiterklasse  der ideologischen  Hegemonie  der
       lohnabhängigen Mittelschichten und der Intelligenz unterzuordnen.
       Die ideologische und politische Anziehungskraft der grün-alterna-
       tiven Strömungen hat die früher in gewissem Umfange wirksame Aus-
       strahlung der  DKP auf  das jugendliche  Protestpotential und vor
       allem auf  die unteren lohnabhängigen Mittelschichten- und Intel-
       ligenzgruppen Hamburgs  stark reduziert, damit auch das Wählerpo-
       tential der  DKP erheblich eingeschränkt und vor allem die Schwä-
       chen ihrer Verankerung in der Arbeiterklasse Hamburgs aufgedeckt.
       Die wohl  wichtigste Konsequenz  der Hamburger  DKP ist - wie aus
       ihren Erklärungen hervorgeht -, daß die Partei darauf orientiert,
       sich in  der Hamburger Arbeiterklasse zu verankern und ihren Ein-
       fluß und  ihre Kraft  vor allem  unter den Industriearbeitern des
       Hafens und  in den  Arbeiterstadtteilen zu  entwickeln und auszu-
       bauen.
       
       5. Zur Auswertung der Hamburger Bürgerschaftswahl 1982
       ------------------------------------------------------
       
       Im Mittelpunkt  der nachfolgenden  Auswertung stehen  die  Fragen
       nach der  Zusammensetzung der  Wählerschaft der Grün-Alternativen
       Liste (GAL) und nach dem Wahlverhalten der von der SPD enttäusch-
       ten sozialdemokratischen Arbeiter. 25)
       Wie die  Angaben der  Tabelle 4 zeigen, hat die Bürgerschaftswahl
       vom 6.  Juni 1982  in Hamburg  eine tiefgreifende Veränderung des
       politischen und  parlamentarischen Kräfteverhältnisses  gebracht.
       Die SPD  verlor gegenüber  1978 86 000 Stimmen, ihr Stimmenanteil
       sank um 8,7 von 51,5 auf 42,8%. Noch gravierender sind die Verlu-
       ste der  SPD bei den Wahlen zu den 7 Hamburger Bezirksversammlun-
       gen. Hier erhielt sie sogar nur 40,9% der Stimmen und verlor rund
       106 000 Stimmen. Dagegen gelang es der CDU, rund 51 300 Wähler zu
       gewinnen, so  daß ihr  Stimmenanteil um  5,6 auf 43,2% stieg. Sie
       wurde damit zur stärksten Partei in der Bürgerschaft. Die FDP ge-
       wann nur  278 Stimmen hinzu und blieb mit 4,8% wie 1978 unter der
       5-%-Hürde. Bei  den  Bezirksversammlungswahlen  erhielt  die  CDU
       10 000 Stimmen  weniger, 42,4%. Die FDP erhielt hier 6000 Stimmen
       mehr und erzielte im Durchschnitt insgesamt 5,5%, so daß sie in 5
       von 7 Bezirksversammlungen vertreten ist.
       Die GAL  gewann im  Vergleich zur  Bunten Liste  1978 rund 39 600
       Stimmen hinzu  und konnte  72900 Stimmen (7,7%) auf sich vereini-
       gen, was  einem Zuwachs  gegenüber der Bunten Liste von 4,2% ent-
       spricht. Die  Gewinne waren bei den Wahlen zu den Bezirksversamm-
       lungen noch um 12 000 Stimmen höher. Hier errang die GAL 9%.
       Die DKP  verlor rund 3800 Stimmen, ihr Stimmenanteil sank von 1,0
       auf 0,6%.  Bei den  Wahlen zu den Bezirksversammlungen verlor sie
       ebenfalls und erzielte 1% der Stimmen. Ihr Ziel - deutliche Stim-
       mengewinne in  ausgewählten  Arbeiterwohngebieten  -  konnte  sie
       nicht realisieren.  Auch in  diesen  Schwerpunktgebieten  konnten
       Stimmenverluste -  wenn auch abgeschwächt - nicht verhindert wer-
       den.
       Betrachtet man zunächst die Stimmabgabe nach dem Alter und beach-
       tet dabei,  daß die Tabelle nur die Urnenstimmen nach Altersgrup-
       pen differenziert  und deshalb  aufgrund des  wesentlich besseren
       Abschneidens der  CDU bei  den Briefwählern der Stimmenanteil der
       SPD zu  hoch und der der CDU zu niedrig erscheint, läßt sich fol-
       gendes feststellen:  Die SPD  hat in allen Altersgruppen deutlich
       verloren. Sie  hat überdurchschnittliche  Verluste bei allen drei
       Wählergruppen unter  45 Jahren,  bleibt aber  dennoch mit Abstand
       stärkste Partei  bei  den  unter  35jährigen.  Bei  den  35-  bis
       45jährigen Wählern verliert sie jedoch ihre ehemals klar führende
       Position an  die CDU;  in dieser Altersgruppe werden die Verhält-
       nisse zwischen  CDU und SPD nahezu umgedreht. Aufgrund der unter-
       durchschnittlichen Verluste  der SPD bei den über 45jährigen ver-
       schiebt sich  die Altersstruktur  der SPD-Wählerschaft weiter zu-
       gunsten der älteren Gruppen.
       Die CDU dagegen konnte deutlich überdurchschnittliche Gewinne un-
       ter den Jungwählern und bei den 35- bis 45jährigen Wählern errin-
       gen. Auffällig  sind jedoch  ihre unterdurchschnittlichen Gewinne
       bei den  Wählern von 25 bis 35 und über 45 Jahren. Insgesamt ver-
       schob sich  die Altersstruktur der CDU-Wählerschaft leicht zugun-
       sten der  jüngeren Wählergruppen.  Bei SPD  und CDU ist insgesamt
       eine relativ  ausgeglichene Wählerverteilung auf alle Altersgrup-
       pen kennzeichnend, die in etwa der Altersgliederung der Gesamtbe-
       völkerung entspricht.
       Dies sieht  bei der  GAL ganz anders aus, denn 73,3% ihrer Wähler
       sind unter  35 Jahre alt. In diesen Altersgruppen konnte sie über
       25% aller  Wähler auf  sich vereinigen  und überdurchschnittliche
       Zuwachsraten vor  allem bei  den 25- bis 35jährigen erzielen. In-
       teressant ist  jedoch, daß  der Anteil der Jungwähler an der Wäh-
       lerschaft der GAL um 10,4% abgenommen hat und die Zuwachsrate der
       GAL-Wähler in  dieser Altersgruppe  unter der der CDU liegt. Dies
       zeigt auf,  daß die Jugend nicht ungebrochen linken, alternativen
       Positionen zuneigt,  sondern in  erheblichem Maße  auch gegenüber
       reaktionären politischen Vorstellungen und sozialer Demagogie of-
       fen ist.
       
       Tabelle 5:
       Gewogene arithmetische Mittel der Anteile und der Ab- bzw. Zunah-
       meraten der  SPD, CDU,  GAL und  FDP bei  der  Hamburger  Bürger-
       schaftswahl 1982,  gruppiert nach  der Sozialstruktur  der Stadt-
       teile (ohne Briefwahl).
       
       Spalte
          1  2 1)  3 2)  4    5    6   7 3)  8 4)  9   10 5)  11 6)  12
       Arbeiteranteil in %
       >=50 <50    >=50 <50  <40  <30  <20  >=50  <50  <35;   >=25)  HH
            >=40       >=40 >=30 >=20            >=40
       Anzahl d. Stadtteile
         11  13    16    20   30   22   11    5     7    7    12     99
       ø Arbeiteranteil in %
       57,2 44,5  56,7 44,3  34,9 25,2 14,8  55,7 44,0  28,1 (38,8) ins-
                                                                  gesamt
       SPD Ab- bzw. Zunahme *)
       -9,9 -9,6 -10,0 -9,6  -8,2 -7,1 -4,8 -10,2 -9,4  -6,5  -6,1  -8,7
           Anteil
       54,0 49,3  53,1 48,4  45,6 38,9 26,7  50,9 46,5  39,3  35,1  42,8
       CDU Ab- bzw. Zunahme
       +6,5 +6,9  +6,2 +5,5  +5,4 +4,3 +3,4  +5,3 +4,1  +2,8  +4,0  +5,6
           Anteil
       35,1 39,1  34,3 37,5  41,3 45,7 57,4  32,5 34,0  40,6  55,0  43,2
       GAL Ab- bzw. Zunahme
       +3,3 +3,8  +4,0 +4,8  +3,9 +4,4 +3,4  +5,8 +6,8  +6,2  +3,1  +4,2
           Anteil
        5,4  6,2   7,4  8,4   6,8  8,5  7,9  11,8 13,1  12,9   5,1   7,7
       FDP Ab- bzw. Zunahme
       +0,6 +0,02 +0,5 -0,1  +0,1 -0,1 +1,4  +0,3 -0,3  -0,9  -0,3  ±0,0
           Anteil
        3,5  3,9   3,4  3,9   4,8  5,5  6,7   3,1  3,8   5,2   4,3   4,8
       Wahlbeteiligung
           Ab- bzw. Zunahme
       -0,6 +0,3  -0,6 +0,4  +1,0 +2,2 +3,5  -1,4 +0,6  +2,1  +0,7  +1,0
           Anteil
       73,9 75,5  71,5 74,7  79,5 82,0 85,8  68,5 73,1  78,9  82,6  77,6
       Urnenwähler i. Tsd.
       40.0 126.9 58.2 187.3 311.1 158.4 63.5 18.2 60.5 58.2  15.8 779.3
       _____
       Quelle: Siehe Tabelle  4 und  Statist. Landesamt Hamburg (Hrsg.):
       Die Volks-  und Berufszählung in Hamburg am 27. Mai 1970 - Regio-
       nalstatistische Ergebnisse -, Heft 101
       *) Bezogen auf  die Bürgerschaftswahl  1978. GAL-Ergebnis bezieht
       sich auf das der Bunten Liste.
       1) Spalte 1+2:  Industriearbeiterstadtteile ohne Sanierungs-, Ha-
       fenerweiterungsstadtteile und  ohne hohe  Studenten- und Intelli-
       genzanteile.
       2) Spalte 3-7:  Durchschnitt aller  Stadtteile, geordnet nach Ar-
       beiteranteil.
       3) Spalte 7: Bourgeoisiestadtteile mit einem Anteil Selbständiger
       >20%, oberer Angestellter >50%, Beamter >8%.
       4) Spalte 8+9:  Nur Sanierungs-, Hafenerweiterungs-Stadtteile mit
       einem hohen  Studenten- und Intelligenzanteil und einem Arbeiter-
       anteil von >50 bzw <50>=40%.
       5) Stadtteile mit  hohem Studenten-  u. Intelligenzanteil in Uni-
       versitätsnähe mit  niedrigem Arbeiteranteil <35% und hohem Anteil
       von Selbständigen, Angestellten und Beamten.
       6) Vorrangig landwirtschaftlich  genutzte  Stadtteile  mit  einem
       Selbständigenanteil >25%.
       
       Weiterhin zeigt  sich, daß  die GAL auch bei den über 35jährigen,
       wenn auch  in deutlich abnehmendem Maße, gewonnen hat. Diese Ent-
       wicklung verweist  in Ansätzen zum einen auf die Möglichkeit, mit
       linker, alternativer Politik auch unter älteren Bevölkerungsgrup-
       pen an  politischem Einfluß  zu gewinnen, und zum anderen darauf,
       daß die  Anziehungskraft alternativer Politik nicht mit einem hö-
       heren Alter  unbedingt an  Wirkung verliert,  es vielmehr möglich
       erscheint, daß erhebliche Teile der heute 25- bis 35jährigen Wäh-
       lergruppen auch  bei zukünftigen Wahlen demokratischen und linken
       Kräften ihre Stimme geben werden. So zeigt der Zuwachs von 4 bzw.
       2% GAL-Wählern  bei den  Altersgruppen zwischen 35 und 60 Jahren,
       daß kein  Bruch im Wahlverhalten gegenüber 1978 festzustellen ist
       und ein altersmäßiges Durchwachsen von Wählergruppen mit bestimm-
       ten demokratischen  und  linken  Grundhaltungen  in  der  Zukunft
       durchaus möglich erscheint.
       Im Unterschied  zur CDU  und zur  GAL hat  die FDP, wie schon die
       SPD, deutliche  Stimmenverluste bei  den unter 35jährigen Wählern
       zu verzeichnen.  Ihr Anteil bei diesen Altersgruppen hat sich mit
       rund 3,5%  nahezu halbiert, und dadurch hat sich auch die Alters-
       struktur der FDP-Wählerschaft deutlich zu den älteren Wählergrup-
       pen hin  verschoben. Die  Verluste bei den jüngeren Wählergruppen
       konnte die  FDP zwar bei den über 35jährigen kompensieren. Trotz-
       dem reichte  der Zuwachs dort nicht aus, um wieder in die Hambur-
       ger Bürgerschaft  einzuziehen. Diese widersprüchliche Entwicklung
       der Wählerbasis der FDP läßt schon auf der Ebene der Altersstruk-
       tur die  zwiespältige soziale  Basis der  FDP erkennen  und macht
       ihre begrenzten  Möglichkeiten deutlich,  in  Hamburg  mit  einer
       rechten mittelständischen  Politik sich  eine stabile Wählerbasis
       über 5% zu schaffen.
       Betrachtet man  abschließend die Wahlbeteiligung nach Altersgrup-
       pen, so  fällt auf,  daß in allen Altersgruppen, mit Ausnahme der
       über 60jährigen,  die Wahlbeteiligung  zurückgegangen ist, insbe-
       sondere bei den 25- bis 45jährigen.
       Wie haben  nun die verschiedenen politischen Kräfte auf das Wahl-
       verhalten der wichtigsten sozialen Gruppen, Schichten und Klassen
       Hamburgs eingewirkt?  Darauf geben die Angaben von Tabelle 5 Ant-
       wort.
       Die Wahlbeteiligung  ist in  den 11  Stadtteilen mit  einem Indu-
       striearbeiteranteil von  über 50%  und in  den 5  Stadtteilen der
       Hamburger Innenstadt,  in denen große Sanierungsgebiete mit einem
       Arbeiteranteil von über 50% liegen (Spalte 1 u. 8), mit -0,6 bzw.
       -1,4% weiter  zurückgegangen; damit hält der Rückgang der Wahlbe-
       teiligung der  Industriearbeiter, aber auch anderer Arbeiterklas-
       sengruppen seit  der Bürgerschaftswahl  1974 ungebrochen  an  und
       dies, obwohl  ihre Wahlbeteiligung  seit jeher 3 bis 4% unter dem
       Hamburger Durchschnitt  und sogar  mehr als  10%  unter  dem  der
       Stadtteile mit  einem großen  Anteil von Selbständigen und oberen
       Angestellten- und  Beamtengruppen lag.  Diese Entwicklung spricht
       für zunehmende  Resignation und Enttäuschung über die sozialdemo-
       kratische Senatspolitik. Es ist kennzeichnend für diese Wahl, daß
       es vor  allem der  CDU gelungen  ist, bei  der schon  immer hohen
       Wahlbeteiligung in  bürgerlichen Stadtteilen  und  Villenvororten
       (vgl. Spalte  7) gerade  dort die  Wahlbeteiligung noch einmal um
       durchschnittlich 2,2 bis 3,5 Prozent zu steigern.
       Betrachtet man  nun das  Wahlverhalten der verschiedenen sozialen
       Klassen und Schichten, soweit sich dies anhand des Datenmaterials
       erfassen ließ,  so fallen  als erstes  die überdurchschnittlichen
       Verluste der SPD von durchschnittlich rund 10% in den Stadtteilen
       mit über  50, aber auch über 40% Industriearbeiterschaft bzw. an-
       deren Arbeiterklassengruppen  (Sp. 1  u. 2,  3 u.  4, 8 u. 9) ins
       Auge. Je  höher der Arbeiteranteil, um so höher sind die Verluste
       der SPD. Sie verringern sich bis auf durchschnittlich 4,8% konti-
       nuierlich, je mehr man sich den bürgerlichen Stadtteilen zuwendet
       (Sp. 5-7), die seit jeher keine Hochburgen der SPD waren.
       Genau entgegengesetzt  ist die Wählerentwicklung der CDU. Sie hat
       ihre größten  Gewinne mit  durchschnittlich 6,5  bzw. 6,9% in den
       Hamburger Industriearbeiterstadtteilen wie Wilhelmsburg, Harburg,
       Billbrook, Rothenburgsort,  Veddel, Billstedt u.v.a. Darüber hin-
       aus kann  sie ihre  Positionen in  den mehrheitlich von mittleren
       und oberen Angestellten- und Beamtengruppen bewohnten Stadtteilen
       deutlich weiter  ausbauen und in den bourgeoisen Stadtteilen wei-
       tere Reserven  ihres dort  ohnehin  großen  Wählerreservoirs  er-
       schließen. Der CDU ist es damit gelungen, in erheblichem und ern-
       stem Ausmaß  enttäuschte Arbeiterwähler  von der  SPD auf sich zu
       ziehen.
       Bringt man  die starken Gewinne der CDU unter Arbeitern und unte-
       ren Angestellten  mit den  Gewinnen der CDU nach Altersgruppen in
       Beziehung, so fällt auf, daß die CDU besonders stark bei den über
       35jährigen Arbeitern und Angestellten, aber auch stark unter jün-
       geren Arbeitern  und Angestellten  hinzugewonnen haben  muß. Doch
       zeigen die  Ergebnisse auch, daß dieser Prozeß der stärkeren Hin-
       wendung enttäuschter  Arbeiterwähler zur  CDU nicht  unaufhaltsam
       ist, sondern daß er verlangsamt und auf linke, alternative Kräfte
       gelenkt werden kann. Dies wird deutlich am Ergebnis der GAL.
       Zunächst fällt  auf, daß  die GAL  mit 3,3  bzw. 3,8% unterdurch-
       schnittlich in  den sozial  homogenen, intakten und von ihrer Al-
       tersstruktur her älteren Industriearbeitervierteln Hamburgs dazu-
       gewonnen hat und ihr Wähleranteil mit 5,4 bzw. 6,2% hier deutlich
       unterdurchschnittlich ist (Sp. 1 u. 2). Allerdings ist es der GAL
       auch in  diesen Industriearbeiterstadtteilen  gelungen,  deutlich
       mehr als  5% der Stimmen zu gewinnen, also auch auf Teile der In-
       dustriearbeiterschaft (vor  allem der Arbeiterjugend und jüngerer
       Gruppen) politisch auszustrahlen.
       Doch die  Hochburgen der GAL liegen in den Sanierungs- und Arbei-
       terwohngebieten mit  einem Arbeiteranteil  von über 40, teilweise
       sogar 50% (Sp. 8 u. 9), mit relativ vielen dort wohnenden Studen-
       ten, Arbeitslosen und unteren lohnabhängigen Mittelschichten- und
       Intelligenzgruppen, wie z. B. in St. Pauli, Neustadt, Altona, Ot-
       tensen, St. Georg und Eimsbüttel. Sie sind aber überdurchschnitt-
       lich auch  in den  gutbürgerlichen Stadtgebieten  im Umkreis  der
       Universität mit  hohen Anteilen  von Studenten und lohnabhängigen
       wie  freiberuflichen  Intelligenzgruppen  (Rotherbaum,  Hoheluft,
       Harvestehude, Eppendorf  und Winterhude - Sp. 10). In diesen bei-
       den unterschiedlichen  Typen von  Stadtteilen erhielt  die GAL im
       Durchschnitt zwischen  11,8 und 13,1% der Stimmen und gewann auch
       überdurchschnittlich hinzu.  In den Sanierungs- und Arbeiterwohn-
       gebieten der Innenstadt gelang es der GAL, unter den dort wohnen-
       den vor  allem jüngeren  Gruppen der Arbeiterklasse, meist Arbei-
       ter- und Angestelltengruppen aus dem in Hamburg überdurchschnitt-
       lich großen  Handels-, Verkehrs- und Dienstleistungssektor, deut-
       lich an  Stimmen zu  gewinnen. Hier  hat sich die politische Aus-
       strahlung der  im wahrsten  Sinne des Wortes "sozialen Nachbarn",
       der Studenten und unteren lohnabhängigen Mittelschichten- und In-
       telligenzgruppen, auf  das politische Bewußtsein und das Wahlver-
       halten von  Teilen der  Arbeiterklasse zugunsten  der GAL  ausge-
       wirkt.
       Diese Vermutung  wird durch  die im  Unterschied zu den homogenen
       Industriearbeiterstadtteilen  unterdurchschnittlichen   Zugewinne
       der CDU  in diesen Stadtteilen bestärkt - obwohl die Tendenz, daß
       mit steigendem  Arbeiteranteil die  CDU um  so höher dazugewinnt,
       auch für diese Stadtteiltypen (wenn auch in deutlich abgeschwäch-
       ter Form)  zutrifft (Sp.  8-10). Die  Zugewinne der CDU liegen in
       den bürgerlichen  universitätsnahen Stadtteilen  mit einem beson-
       ders hohen Anteil von Studenten und Intelligenz mit durchschnitt-
       lich 2,8%  am niedrigsten, die der GAL mit am höchsten. Insgesamt
       läßt sich  feststellen, daß dort, wo die GAL überdurchschnittlich
       stark und  ihre originäre soziale Basis ebenfalls stark vertreten
       ist, auch eine erheblich stärkere Ausstrahlung auf Arbeiterwähler
       möglich ist, um sie dem Einfluß der CDU zu entziehen.
       Wie der  aktive Schwerpunktwahlkampf der DKP, trotz ihrer eigenen
       Verluste, auf  das Wahlverhalten der Arbeiterwähler in den ausge-
       wählten Arbeiterwohngebieten  tendenziell gewirkt  hat,  soll  am
       Beispiel der  26 Wahlbezirke (30101-30407) in Eimsbüttel-Nord mit
       11530 abgegebenen  Stimmen 26)  und einem Arbeiteranteil zwischen
       40 und  50% aufgezeigt  werden. In  diesen 26 Wahlbezirken verlor
       die SPD mit "10,5% überdurchschnittlich stark. Der Anteil der DKP
       sank von  2,4 auf  1,7%. Dennoch gelang es hier der CDU bei einem
       Stimmenanteil von 28,7% nur, 3,9% hinzuzugewinnen. Dagegen gewann
       die GAL  mit 7,7%  für  ein  Arbeiterwohngebiet  weit  überdurch-
       schnittlich hinzu  und erreichte  einen Stimmenanteil  von 13,9%.
       Eine Wirkung  des Schwerpunktwahlkampfes der DKP ist hier unzwei-
       felhaft festzustellen: Viele, vor allem jüngere, Arbeiter und un-
       tere Angestellte  hofften, hier mit einer Stimme für die GAL mehr
       zu bewirken als durch eine konsequent linke Proteststimme für die
       DKP.
       Neben der Ausstrahlung auf jüngere Arbeiter- und Angestelltenwäh-
       ler gelang  es der  GAL auch,  in den  jüngeren Altersgruppen der
       oberen lohnabhängigen Mittelschichten- und Intelligenzgruppen und
       des traditionellen Bürgertums einen leicht überdurchschnittlichen
       Stimmenanteil zu erzielen, auch wenn die Zuwachsraten unterdurch-
       schnittlich waren,  da sich  schon bei der Bürgerschaftswahl 1978
       größere Teile  für die  Bunte Liste entschieden hatten. Hier sind
       die Hauptansprechgruppen Studenten, Gymnasiasten und ebenso nicht
       unerhebliche Teile jüngerer etablierter oberer lohnabhängiger wie
       freiberuflicher Mittelschichten-  und Intelligenzgruppen wie Leh-
       rer, Wissenschaftler,  Journalisten, Ärzte,  Ingenieure, Juristen
       etc.
       Insgesamt läßt  sich feststellen, daß aufgrund der in sich wider-
       sprüchlichen Mittelschichtenlage der Kerngruppen der sozialen Ba-
       sis grün-alternativer  Strömungen und der dort sich vollziehenden
       starken Differenzierungs-  und Polarisierungsprozesse  politische
       Kräfte wie die GAL vor allem gegenüber jüngeren Wählergruppen der
       unteren wie  der oberen  Klassen und  Schichten offen sind, poli-
       tisch nach  allen Seiten ausstrahlen und klassenübergreifend bis-
       her vor  allem größere Teile jüngerer Altersgruppen politisch in-
       tegrieren, die mit der sich verschärfenden kapitalistischen Krise
       aufgewachsen sind  und ihre  Auswirkungen vor  allem schon in der
       Schule, der Universität und beim Berufseintritt erlebt haben.
       Da in  Hamburg die  von Deklassierungs- und Proletarisierungspro-
       zessen stärker betroffenen  u n t e r e n  lohnabhängigen Mittel-
       schichten und Intelligenzgruppen sowie Studenten, arbeitslose Ju-
       gendliche und Akademiker besonders stark vertreten sind, dominie-
       ren sie  quantitativ, aber  auch politisch-ideologisch in der GAL
       und geben letztlich den Ausschlag für die Dominanz links-reformi-
       stischer, ökologischer Positionen, aber auch linkssektiererischer
       Tendenzen.  Sogenannte  wertkonservative  und  rechte  Positionen
       konnten sich  - mit bedingt durch diese soziale Basis - bisher in
       Hamburg auch bei den GRÜNEN nicht durchsetzen. Dies zeigt das ma-
       gere Abschneiden  der rechten Grünen Liste Umweltschutz (GLU) bei
       der Bürgerschaftswahl  1978 sowie  das noch  schlechtere Ergebnis
       der rechten  Ökologisch-Demokratischen Partei  (ÖDP) mit 0,2% der
       Wählerstimmen bei der Bürgerschaftswahl 1982.
       Die Hamburger  Bürgerschaftswahl 1982  hat zwei  widersprüchliche
       Haupttendenzen zum  Vorschein gebracht.  Einerseits einen deutli-
       chen Trend nach rechts, der neben einer verstärkten Mobilisierung
       der bürgerlichen  Wählerbasis der  CDU mehr denn je Teile der Ar-
       beiterklasse (auch  aus ihrem  Kern, der Industriearbeiterschaft)
       erfaßt hat.  Auch wenn die Motive für die verstärkte Wahl der CDU
       durch Arbeiter zunächst einmal in Enttäuschung und Protest gegen-
       über der  unsozialen SPD-Politik  zu suchen sind, so zeigt dieses
       Wahlverhalten doch  die Anfälligkeit erheblicher Teile der Arbei-
       terklasse für  soziale Demagogie  und die  reaktionären Krisenlö-
       sungsvorschläge der  CDU. Hierfür sind vor allem solche Arbeiter-
       klassengruppen anfällig,  die aufgrund ihres höheren Alters (über
       35) durch  den militanten Antikommunismus aus der Zeit des Kalten
       Krieges, die  Zeit des sogenannten "Wirtschaftswunders", zeitwei-
       lige Erfolge  sozialpartnerschaftlicher Gewerkschaftspolitik  und
       durch eine  starke, meist an der SPD orientierte parlamentarische
       Fixiertheit bei  weitgehender Aufgabe  aktiver eigenständiger In-
       teressenvertretung bewußtseinsmäßig  geprägt wurden. Obwohl diese
       Bewußtseinssituation äußerst widersprüchlich ist und auch Ansätze
       für eine  Hinwendung  zu  fortschrittlichen  Positionen  in  sich
       birgt, kommt dies bei der auch in Hamburg noch zu schwachen poli-
       tischen Verankerung  und Ausstrahlung  marxistischer und soziali-
       stischer Kräfte  in der Arbeiterklasse bisher noch weitgehend der
       CDU zugute. Hier hätte sicherlich ein linkes demokratisches Wahl-
       bündnis unter Einschluß aller außerparlamentarischen sozialen und
       politischen Kräfte,  auch der  marxistischen Arbeiterpartei, eine
       stärkere Wirkung  und Ausstrahlung auch auf diese Gruppen der Ar-
       beiterklasse gehabt.
       Andererseits zeigt  das Wahlergebnis für die GAL auch einen deut-
       lichen Trend  nach links, hin zur Stärkung demokratischer und al-
       ternativer Kräfte  in Hamburg.  Damit wurde  im parlamentarischen
       Raum das  bisher unangefochten dominierende bürgerliche Parteien-
       gefüge aufgebrochen und die Parteienlandschaft Hamburgs durch das
       erneute Scheitern der FDP erheblich verändert. Die GAL konnte ein
       erhebliches Protestpotential  vor allem  aus der  Jugend auf sich
       vereinigen.
       Das Wahlergebnis der GAL spiegelt vor allem die wachsende politi-
       sche Ausstrahlungskraft  der neuen  sozialen Bewegungen und ihrer
       politischen Hauptströmungen  wider. Die Bürgerschaftswahl als po-
       litischer Entscheidungsakt für jeden einzelnen und Teil eines so-
       zialpsychologischen Prozesses  hat sicherlich  zu einer  weiteren
       politischen Öffnung und wachsenden Sympathie von vor allem jungen
       Arbeiterklassengruppen gegenüber  den neuen  sozialen  Bewegungen
       und ihren  politischen Gruppen  geführt. So  ist es  nicht ausge-
       schlossen, daß  auch im  betrieblichen und gewerkschaftlichen Be-
       reich der  Einfluß grün-alternativer  Strömungen stärker zunehmen
       wird. Andererseits sind diesen Einwirkungsmöglichkeiten der neuen
       sozialen und politischen Bewegungen aufgrund des Generationswech-
       sels und der damit verbundenen Bruchlinien in Kultur, Lebensweise
       und sozialem Milieu der verschiedenen Altersgruppen der Arbeiter-
       klasse bisher  noch deutliche  Grenzen gesetzt. Auch diese wurden
       durch das Hamburger Wahlergebnis bestätigt.
       
       6. Marxistische Positionen und bündnispolitische Konsequenzen
       -------------------------------------------------------------
       
       Für Hamburg  gilt die  Einschätzung, daß die neuen sozialen Bewe-
       gungen und die sie gegenwärtig mehrheitlich repräsentierenden po-
       litischen Gruppierungen  der grünalternativen Wahlbewegung in ih-
       rer Programmatik  und ihrem  Anspruch ökologisch und mehrheitlich
       links-reformistisch orientierte Kräfte sind, mit denen vom Stand-
       punkt einer  marxistischen Arbeiterpartei  Bündnisse  prinzipiell
       möglich und notwendig sind.
       Diese Bewegungen  sind zuallererst  Ausdrucksformen des Protestes
       gegen die Auswirkungen der tiefgreifenden Krise des staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  und in ersten Ansätzen gegen das kapita-
       listische System  als Ganzes.  Sie spiegeln  in ihrer Politik und
       Weltanschauung die  Widersprüchlichkeit ihrer  sozialen Basis wi-
       der, vor  allem die  Differenzierungs- und  Proletarisierungspro-
       zesse in  den lohnabhängigen Mittelschichten und der Intelligenz.
       Für Hamburg ist ein deutliches Übergewicht der unteren lohnabhän-
       gigen Mittelschichten-  und Intelligenzgruppen,  aber auch  schon
       eine Beteiligung  von bestimmten Gruppen der Arbeiterklasse kenn-
       zeichnend, die  diesen Bewegungen hier eine stärker demokratisch-
       linke Orientierung verleihen als anderswo.
       Auch wenn die Bewegungs- und Verbreitungsformen von antimonopoli-
       stischem, demokratischem Bewußtsein nicht so verlaufen, wie viele
       Marxisten sich  dies angesichts der Offensive des Monopolkapitals
       und der  weiter voranschreitenden  Rechtsentwicklung wünschen und
       vorstellen, gibt  es keinen Grund, den neuen sozialen und politi-
       schen Bewegungen zurückhaltend oder gar ängstlich gegenüberzuste-
       hen. Nur  die konsequente  Orientierung auf die Unterstützung und
       Zusammenarbeit mit diesen Bewegungen bei gleichzeitig verstärkter
       ideologischer  Auseinandersetzung  kann  die  Ausstrahlungs-  und
       Überzeugungskraft marxistischer Politik, Ideologie und Theorie in
       den gemeinsamen  Aktionen und  Lernprozessen erhöhen.  Denn nicht
       dem gehört  letztlich die  Hegemonie, der bornierte Führungs- und
       Hegemonieansprüche vereinbaren  und zu  Papier bringen will, son-
       dern "vom  proletarischen Standpunkt  aus gehört die Hegemonie...
       demjenigen, der am energischsten von allen kämpft, der jede Gele-
       genheit benutzt, um dem Feind einen Schlag zur versetzen, bei dem
       Worte und  Taten übereinstimmen und der deshalb der jede Halbheit
       kritisierende ideologische Führer der Demokratie ist." 27)
       Gleichzeitig erfordert eine konstruktive und wirksame antimonopo-
       listische Bündnispolitik  gegenüber den neuen sozialen Bewegungen
       und den sie tragenden sozialen Gruppen und Schichten Kompromißbe-
       reitschaft der politischen Arbeiterbewegung, vor allem der marxi-
       stischen Arbeiterpartei,  um "sich  im Bündnis jeweils auf solche
       Forderungen zu einigen, die von allen Bündnispartnern unterstützt
       werden können." 28) Es ist insgesamt eine offensive und nicht zö-
       gernde Bündnispolitik  notwendig, die nach dem zentralen bündnis-
       politischen Prinzip Lenins "jede, selbst die kleinste Möglichkeit
       ausnutzt, um  einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag
       das auch  ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverläs-
       siger, bedingter  Verbündeter sein."  29) Entsprechend einer sol-
       chen offensiven  antimonopolistischen Bündnispolitik sind in Ham-
       burg wichtige  Erfahrungen gesammelt  worden, die das Ansehen der
       marxistischen Arbeiterpartei gestärkt haben.
       Die Fortschritte  dieser offensiven  Bündnisstrategie, die  neben
       der Zusammenarbeit mit den genannten sozialen Schichten und Grup-
       pen gleichzeitig  ein unverzichtbares  Mittel ist, um auf die Ar-
       beiterklassengruppen in der Angestellten- und Beamtenschaft ideo-
       logisch und  politisch einzuwirken, muß jedoch mehr denn je durch
       eine deutliche Verstärkung des Masseneinflusses der marxistischen
       Partei in  der Hamburger Industriearbeiterschaft - im Betrieb wie
       im Wohngebiet  - ergänzt  werden. Das  entscheidende Grundproblem
       des antimonopolistischen  Kampfes in  Hamburg ist  und bleibt die
       Frage, inwieweit  es gelingt,  die Ungleichmäßigkeit, das Zurück-
       bleiben der Arbeiterklasse gegenüber den neuen sozialen und poli-
       tischen Bewegungen  abzubauen und die Arbeiterklasse an den eige-
       nen Interessenkampf  heranzuführen. Nur  wenn dies in der Zukunft
       noch besser gelingt, wird das strategische Ziel der marxistischen
       Arbeiterpartei, die  Arbeiter- und  Gewerkschaftsbewegung und die
       neuen sozialen und politischen Bewegungen im antimonopolistischen
       Kampf zusammenzuführen, Erfolg haben.
       
       _____
       1) Vgl. dazu: Hamburgische Landesbank (Hrg.), Die Hamburger Indu-
       strie im  Anpassungsprozeß, Wirtschaftsanalysen  3/1980,  Hamburg
       1980, S. 13.
       2) Angaben nach:  Hamburg-Information (Hrg.), Der Hamburger Spie-
       gel, Hamburg 1977, S. 67.
       3) Vgl. ausführlicher zur Hamburger Wirtschaftsstruktur: F. Fieh-
       ler, Arbeitsplatz  Hamburg. Regionalökonomie und -politik in Ham-
       burg in  den 70er  Jahren, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des
       IMSF 4 (1981), S. 276 ff.
       4) H.U. Klose,  Rede am  22. 4. 1977 vor dem Universitätsclub von
       New York,  abgedruckt in: R. Lange (Landeszentrale für politische
       Bildung, Hamburg),  Großstadtpolitik, Analysen  - Ziele - Maßnah-
       men, Hamburg 1980, S. 65.
       5) Unsere Untersuchung orientiert sich am Modell der Klassen- und
       Sozialstruktur des  SMK bzw.  der BRD,  wie es  auf Grundlage der
       Klassendefinition von  W. I.  Lenin  durch  das  IMSF  entwickelt
       wurde. Die  dort entwickelten Kategorien, Kriterien und Operatio-
       nalisierungen werden  verwendet. Wir können hier allerdings nicht
       auf die  Erfassungskategorien und  -methoden der amtlichen Stati-
       stik in der BRD eingehen.
       6) Die Daten  bzw. Angaben  der Tabelle  2 ergeben sich durch Um-
       gruppierung bzw.  Neugliederung des  statistischen Datenmaterials
       nach dem  IMSF-Konzept. Trotz der Fehlerquellen bei Schätzziffern
       sind hinreichend gesicherte Angaben möglich.
       7) Zahlenangaben nach:  IMSF (Hrg.),  Klassen- und Sozialstruktur
       der BRD  1950-1970. Teil II: Sozialstatistische Analyse, 1. Halb-
       band, Frankfurt/Main 1974, S. 289; für Hamburg 1970 und 1979 ber.
       u. gesch. nach: Statistisches Landesamt Hamburg (Hrg.), Hamburger
       Industrie 1974/75, H. 115, S. 35, S. 126; für 1979 außerdem: Sta-
       tistisches Jahrbuch  Hamburg 1981, S. 125; für die BRD: Statisti-
       sches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 1981 für die BRD, S. 104.
       8) Vgl. Behörde  für Wirtschaft,  Verkehr und  Landwirtschaft der
       Freien Hansestadt  Hamburg (Hrg.), Beschäftigungsstruktur im ver-
       arbeitenden Gewerbe Hamburgs 1978, Hamburg 1981, S. 9 ff.
       9) Geschätzt nach  den Angaben  von: Behörde  für  Wirtschaft...,
       a.a.O., S.  34 ff.;  Stat. LA Hamburg (Hrg.), Hamburgs Industrie,
       a.a.O., S.  126; IMSF (Hrg.), Klassen- und Sozialstruktur a.a.O.,
       Teil II,  1. Hbd.,  S. 228.  Statist. Bundesamt  (Hrg.), Bevölke-
       rungsstruktur und Wirtschaftskraft der Bundesländer 1979, S. 82.
       10) Verwiesen werden  kann auf  die Zahlen  für USA und Schweden,
       die schon  1967/68 einen Lohnabhängigenanteil von 89 bzw. 85 Pro-
       zent aufwiesen, und wo 1975 65 bzw. 58 Prozent der Erwerbstätigen
       im Handel  und den  Dienstleistungen (im weiteren Sinne) beschäf-
       tigt waren  (BRD 47,  Hamburg 69  Prozent) (IMSF [Hrg.], Klassen-
       und Sozialstruktur,  a.a.O., II. Teil, 2. Hbd., S. 382; Hamburgi-
       sche Landesbank  [Hrg.], Dienstleistungsmetropole  Hamburg, Wirt-
       schaftsanalysen 1/1980, Hamburg 1980, S. 10 u. 14).
       11) K. Marx, Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 511.
       12) Vgl. dazu:  Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit,
       Jugend und  Soziales (Hrg.),  Gutachten: Untersuchung  der Gründe
       für die  überdurchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit in Hamburg,
       Hamburg 1980, S. 10 ff.
       13) Ebenda, S. 28 ff.
       14) Vgl. T. Langer, R. Linke, Ein Ausgangspunkt - zwei Wege. Über
       den Umgang  mit Defiziten linker Politik m Hamburg, in: R. Schil-
       ler-Dickhut u.  a., Alternative  Stadtpolitik.  Grüne,  rote  und
       bunte Arbeit in den Rathäusern, Hamburg 1981, S. 134.
       15) Nach: Die  Welt, vom 10.2.1982, und Hamburger Abendblatt, vom
       15.1 1982.
       16) Jungsozialisten in  der SPD Hamburg, Rote Bausteine, Program-
       matische Aussagen  der Hamburger  Jungsozialisten zu  den Bürger-
       schaftswahlen 1982, vorgelegt vom Landesvorstand, S. 2 ff.
       17) W.K. Goltermann,  Grün-Alternative Bündnisliste?  Neun Monate
       vor der  Hamburger Bürgerschaftswahl, in: Moderne Zeiten, Monats-
       zeitschrift, 1. Jg., Hannover, H. 10/1981, S. 49.
       18) Positionspapier  der   Bunten  Liste  (Initiativtreffen)  vom
       24.6.1981, abgedruckt in: DKP-Bezirksvorstand Hamburg (Hrg.), Ar-
       gumente zur  Diskussion über ein Wahlbündnis in Hamburg l (August
       1981), S. 27.
       19) Ebenda, S. 29.
       20) Ebenda, S. 27.
       21) Vgl. dazu: GAL-Programm für Hamburg, o.J., S. 9.
       22) Ebenda, S. 6 u. 10.
       23) Zit. nach:  Info der Grünen, Bündnisse ja - aber nicht um je-
       den Preis, abgedruckt in: DKP-Bezirksvorstand Hamburg (Hrg.), Ar-
       gumente, a.a.O., S. 17.
       24) W.K. Goltermann,  Grün-Alternative Bündnisliste?  a.a.O.,  S.
       49.
       25) Alle nachfolgenden  Zahlen, soweit  sie das  Wahlergebnis be-
       treffen, sind  der Wahlanalyse des Statistischen Landesamtes Ham-
       burg entnommen.  Alle Berechnungen beruhen darauf. Die Gliederung
       der Stadtteile nach ihrer Sozialstruktur erfolgte nach den Ergeb-
       nissen der  Volks- und  Berufszählung von  1970. Dies ist tragbar
       wegen der  relativen Stabilität  der Struktur der Wohnbevölkerung
       in den Stadtteilen (über den Zeitraum von 12 Jahren bis 1982).
       26) Angaben entnommen:  Stat. LA  Hamburg (Wahlamt), Computeraus-
       drucke der  vorläufigen Ergebnisse  der Wahl  zur Bürgerschaft am
       6.6.1982, S.  35 ff.;  Stat. LA  Hamburg (Hrg.), Wahl zur Bürger-
       schaft und  zu den  Bezirksversammlungen am 4. Juni 1978, H. 124,
       S. 201 f.
       27) W.I. Lenin,  Arbeiterdemokratie  und  bürgerliche  Demokratie
       (1905) in: LW Bd. 8, S. 66.
       28) W. Gerns,  R. Steigerwald, Probleme der Strategie des antimo-
       nopolistischen Bündnisses, Frankfurt/Main 1977, S. 93.
       29) W.I. Lenin,  Der "linke" Radikalismus, die Kinderkrankheit im
       Kommunismus (1920), LW Bd. 31, S. 56 f.
       

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