Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       WANDEL DES WERTSYSTEMS?
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       Johannes Henrich von Heiseler
       
       1. Eine  "stille Revolution"?  - 2.  Autonomie und Kontrolle - 3.
       Geschlecht und Gleichheit
       
       1. Eine "stille Revolution"?
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       Vom Wandel  des Wertsystems,  gar von  seiner "Revolution",  wird
       heute in  den Sozialwissenschaften viel gesprochen. Ausgangspunkt
       dieser Diskussion  war ein vor über zehn Jahren erschienener Auf-
       satz von  Ronald Inglehart. Inglehart wiederholte die Hauptgedan-
       ken in weiteren Veröffentlichungen, denen er empirisches Material
       beifügte 1),  das seine Thesen zu stützen schien. Inglehart setzt
       eine Hierarchie  der Werte  und Bedürfnisse  voraus. Eine weitge-
       hende Befriedigung  der Bedürfnisse  erster  Ordnung,  denen  die
       "materialistischen" Werte  entsprechen, führe  zur  Herausbildung
       von Bedürfnissen  höherer  Ordnung,  von  "postmaterialistischen"
       Werten. Ein  deutlicher Schub  in  der  Richtung  auf  "postmate-
       rialistische"  Werte   sei  besonders  in  den  Altersgruppen  zu
       vermuten, die  das Elend  und die  Unsicherheit  von  Krieg,  Fa-
       schismus und  Nachkriegszeit nicht mehr erlebt hätten, die in der
       Umgebung einer relativen Sicherheit und Sattheit aufwachsen konn-
       ten.
       Die wichtigsten  Einwände sind schnell formuliert. Fragwürdig ist
       schon die  Hierarchisierung von  Bedürfnissen nach dem Schema von
       Inglehart. Als  "postmaterialistisch" bezeichnet er Bestrebungen,
       die sich auf so verschiedene (und zweifellos zum Teil mit materi-
       ellen Interessen zusammenhängende) Gegenstände wie die Mitbestim-
       mung  am   Arbeitsplatz  und  die  "schöne  Natur"  richten.  Als
       "materialistisch" faßt er so verschiedene Dinge wie den Kampf ge-
       gen steigende Preise, aber auch das Interesse an "starken Vertei-
       digungskräften" und  der "öffentlichen  Ordnung" (im  Imperialis-
       mus!) zusammen.  Eine hierarchische Anordnung von Werten ist auch
       grundsätzlich deswegen  fragwürdig, weil  damit leicht eine Rang-
       ordnung, die  sich unter  besonderen gesellschaftlichen  und  ge-
       schichtlichen Bedingungen  herausgebildet hat  (und  zu  erklären
       wäre), unter  der Hand  als "natürlich", als etwas, das gar nicht
       anders sein  kann, erscheint.  Die Historisierung,  die Inglehart
       durch seine  Betonung des  Wandels von  Werten beabsichtigt, wird
       durch die  von ihm  unterstellte Hierarchie  der Werte  gleichsam
       wieder zurückgenommen.
       Dennoch muß  man sagen,  daß die von Inglehart ausgelöste Diskus-
       sion Fragen in der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaft erkenn-
       bar machte,  die zuvor außerhalb des Bereichs lagen, in dem nach-
       gedacht wurde.  Besonders der Einfluß der amerikanischen Soziolo-
       gie hatte  zu einer  Enthistorisierung soziologischen Denkens ge-
       führt. Die idealistischen Tendenzen der zugrunde liegenden Philo-
       sophie im  Verein mit der Neigung zu statischen Auffassungen hat-
       ten es  kaum erlaubt,  die Frage  nach Bedingungen und Formen des
       Wandels von gesellschaftlich verbreiteten Werten zu stellen. Auch
       die politische  Furcht der  herrschenden Klasse  vor nachhaltigen
       Veränderungen trug kaum dazu bei, daß Fragen des Wertwandels auf-
       merksam begegnet  wurde. Inglehart  kommt insofern,  trotz  aller
       grundsätzlichen Einwände gegen seine Thesen, das Verdienst zu, im
       Rahmen der  bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften  einen neuen
       Blickwinkel ermöglicht zu haben.
       Die Veränderung  des Blickwinkels erlaubte es, eine Fülle empiri-
       scher Daten  zu erheben  bzw. schon  vorher erhobene unter diesem
       Gesichtspunkt zu  betrachten. 2)  Aus den  Daten ergab  sich, daß
       sich in  der Bundesrepublik in den sechziger und siebziger Jahren
       in vielen  Bereichen tatsächlich ein deutlicher Wandel in den ge-
       sellschaftlich verbreiteten Wertvorstellungen vollzogen hatte. An
       dem Tatbestand  gibt es  keine Zweifel. Strittig sind aber sowohl
       die theoretischen Erklärungen der empirisch zu beobachtenden Ver-
       änderungen wie  die konkrete  Gestalt der  Wandlungen, um  die es
       geht. Zu den bekanntesten Theorien, die die Veränderungen im Wer-
       tesystem erklären  sollen, gehört  neben der  Post-Materialismus-
       These von  Inglehart die Proletarisierungsthese von Elisabeth No-
       elle-Neumann. 3)  Frau Noelle-Neumann  unterstellt, daß sich ten-
       denziell die  materielle Lage  aller Klassen und Schichten in der
       BRD einer  bürgerlichen Soziallage nähere. Diese Tendenz habe je-
       doch nicht  zu einer  ideellen Anpassung  an bürgerliche Wertvor-
       stellungen gefühlt.  Im Gegenteil, die vorher auch bei den Arbei-
       tern dominierenden bürgerlichen Wertvorstellungen würden nun mehr
       und mehr  dort wie auch bei bürgerlichen Gruppen von typisch pro-
       letarischen  Werten  abgelöst.  Die  materielle  Verbürgerlichung
       werde durch eine ideelle Proletarisierung ergänzt.
       Die grundlegenden  Fehler sowohl  der Inglehartschen  wie der No-
       elle-Neumannschen Erklärung  des Wertwandels lassen sich nicht in
       erster Linie durch empirische Befunde, die diesen Theorien wider-
       sprechen, aufzeigen.  Eine  Kritik  dieser  Positionen  erfordert
       vielmehr den  Bezug auf  wesentliche materielle Züge und Prozesse
       im staatsmonopolistischen Kapitalismus.
       Wir fassen  Bedürfnisse als  die historisch-konkreten  Formen des
       Bestrebens, sich  die Bedingungen  der eigenen Existenz zu unter-
       werfen und  sie sich  anzueignen. In einer antagonistischen Klas-
       sengesellschaft bilden sich kennzeichnende und zum Teil notwendi-
       gerweise nicht  nur unterschiedene,  sondern auch  gegensätzliche
       Bedürfnislagen für die großen Gruppen der Gesellschaft, insbeson-
       dere ihre Klassen und Schichten sowie deren Hauptgruppen, heraus.
       Diese kennzeichnenden Bedürfnislagen werden letzten Endes wesent-
       lich durch das Verhältnis zu den Produktionsmitteln bestimmt. Sie
       sind innerhalb einer Formation und auch innerhalb eines Abschnit-
       tes einer  Formation manchmal tiefgreifenden Wandlungen unterwor-
       fen.
       Die gesellschaftlichen  Herrschaftsverhältnisse und  die  gesell-
       schaftlichen Bedürfnislagen  prägen sich  in Verhaltensgemeinsam-
       keiten aus.  Solange solche  Gemeinsamkeiten von  einer  gewissen
       zwingenden Kraft  sind, aber nicht selbst ins Bewußtsein der Han-
       delnden treten,  gehören sie zwar zu dem für die jeweilige Gruppe
       gültigen normativen System, aber man kann noch nicht im eigentli-
       chen Sinne  von Werten sprechen. Erst die bewußte Identifizierung
       mit einigen  solcher Bedürfnisse,  ihre ideelle Verallgemeinerung
       durch die  Subjekte, führt zur Bildung von "Werten". Werte können
       selbst in  hohem Maße  handlungsleitend wirken. Wir interessieren
       uns   a u s   G r ü n d e n   d e r   T h e o r i e  u n d  d e r
       P r a x i s   gerade deshalb  für die  Veränderungen von  Werten,
       weil sich  hier etwas  verändert, was  zugleich   i n    h ö c h-
       s t e m  M a ß e  s u b j e k t i v  und  i n  h o h e m  M a ß e
       h a n d l u n g s l e i t e n d  ist.
       
       2. Autonomie und Kontrolle
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       Unter den vielen empirisch feststellbaren Veränderungen im Werte-
       system zwischen  den fünfziger  und den  achtziger Jahren  in der
       Bundesrepublik sollen einige nun betrachtet werden. Unter den Er-
       ziehungszielen, die  für besonders wichtig gehalten werden, haben
       einige in  der Zeit von 1958 bis 1979 einen starken Wandel in ih-
       rer Bewertung  erlebt. 4) Eine gegenläufige Bewegung nahmen dabei
       die Ziele  "eigene Urteilsfähigkeit" und "Ordnung und Disziplin".
       Während die  Gruppe, die  die eigene Urteilsfähigkeit für ein be-
       sonders vorrangiges  Ziel der Erziehung hielt, vom Ende der fünf-
       ziger bis zum Ende der siebziger Jahre deutlich zunahm (von etwas
       über dreißig  auf etwas  über vierzig  Prozent), nahm die Gruppe,
       die Ordnung  und Disziplin für vorrangig zu vermittelnd hielt, im
       gleichen Zeitraum  von etwa  sechzig auf etwa dreißig Prozent ab.
       Diese Veränderungen  betreffen auch  die Arbeiterklasse.  Man muß
       allerdings feststellen, daß sie bei den Obergruppen der Arbeiter-
       klasse, bei  den Arbeiterklassegruppen der Angestellten und Beam-
       ten, deutlich  rascher und  früher vor sich gegangen sind als bei
       den ungelernten  Arbeitern. Die Facharbeiter liegen zwischen die-
       sen beiden Gruppen.
       Die Daten  weisen darauf  hin, daß  diese Veränderung in der Ein-
       schätzung von  Erziehungszielen von  Gruppen der  Intelligenz und
       der lohnabhängigen  Mittelschichten ausgegangen  ist und zunächst
       benachbarte und dann im weiteren Verlauf die entfernteren Gruppen
       der Arbeiterklasse erfaßt hat.
       Auch wenn  sich diese Werte zunächst in Gruppen sozialer Nachbarn
       der Arbeiterklasse  verändert haben,  so muß  doch eine objektive
       Ursache für  diese Wandlungen in den Arbeits- und Lebensbedingun-
       gen der  Arbeiterklasse selbst  auffindbar sein.  Denn  daß  sich
       diese Bewegungen  (mit einer  gewissen zeitlichen  Verspätung und
       Verschiebung) auf die Arbeiterklasse ausdehnen, in ihr keineswegs
       nur Randgruppen ergreifen, steht außer Zweifel.
       Die starke Zunahme der positiven Bewertung der eigenen Urteilsfä-
       higkeit und  die starke  Abnahme der positiven Bewertung von Ord-
       nung und  Disziplin als  vorrangiges Erziehungsziel  widerspricht
       den früher  geäußerten Vorstellungen  über den angeblich dominant
       werdenden Typ  des "außengeleiteten  Menschen". 5)  Von  größeren
       Gruppen als vor zwanzig Jahren werden heute in der Bundesrepublik
       und auch  in ihrer Arbeiterklasse die Fähigkeiten zur relativ au-
       tonomen Verarbeitung von Problemen höher bewertet.
       Die Grundlagen dieser Veränderungen liegen in der Entwicklung der
       modernen Produktivkräfte.  Einfache Kooperation, Manufaktur, aber
       auch die  ersten Phasen  der Anwendung von großer Maschinerie ha-
       ben, bei  allen Unterschieden,  gewisse gemeinsame  Züge, was die
       Form der  Leitung des  Arbeitsprozesses angeht.  Der  despotische
       Charakter der  Leitung  des  gesellschaftlichen  Arbeitsprozesses
       wird wesentlich dadurch bestimmt, daß gesellschaftlicher Arbeits-
       prozeß im Kapitalismus immer zugleich Verwertungsprozeß des Kapi-
       tals ist,  Organisation der Kooperation der Arbeitenden daher un-
       ter diesen  Verhältnissen zugleich  Unterwerfung der  Arbeitenden
       unter die  Bedürfnisse des  Profitsystems. Aber  der  despotische
       Charakter der  Leitung des Arbeitsprozesses findet in diesen Pha-
       sen auch  eine Stütze  an der technischen Gestalt des Arbeitspro-
       zesses. Zunächst  ist die Teilung der Arbeit noch subjektiv, erst
       im Laufe  der weiteren  technischen Entwicklung wird der Arbeits-
       prozeß in  seine objektiven  Teilprozesse zerlegt,  erst im  Zuge
       weiterer Entwicklungen  bilden sich  neue Formen von kooperativen
       Zusammenhängen zwischen  dem gleichen Kapital unterworfenen Lohn-
       arbeitern heraus.
       Diese neuen Formen kooperativer Zusammenhänge sind aber nun nicht
       mehr einfach subjektiv, durch den Plan des Kapitals bedingt. Ihre
       Struktur gerät  immer wieder  in Widerspruch mit der Struktur des
       Verwertungsprozesses. Die  neuen Produktivkräfte,  das technische
       System der  Arbeitsmittel und  Maschinen, aber  auch die optimale
       Anwendung der  vielseitigen Kenntnisse  der modernen Lohnarbeiter
       verlangen häufig,  daß dem  Lohnarbeiter die  konkrete Art seiner
       Arbeitsleistung nicht  bis ins Detail der Ausführung vorgeschrie-
       ben wird.  Der moderne  Produktionsprozeß   a l s  A r b e i t s-
       p r o z e ß  v e r l a n g t  eine relativ selbständige Umsetzung
       der Arbeitserfordernisse.  Die gegenläufige  Tendenz ergibt  sich
       daraus, daß  das Kapital  den  gleichen  Produktionsprozeß  immer
       wieder in die  a l s  V e r w e r t u n g s p r o z e ß  günstig-
       ste Gestalt zu zwängen sucht.
       Die Tendenzen  zur lückenlosen  Erfassung der Arbeitstätigkeiten,
       um sie  besser zu überwachen und im kapitalistischen Sinne zu ra-
       tionalisieren, sprechen eine deutliche Sprache.
       Die Anforderungen, die sich aus dem Arbeitsprozeß ergeben, weisen
       darauf hin,  daß die  Produktivkräfte hier  in einzelnen  Punkten
       schon sehr  viel weiter fortgeschritten sind als die Produktions-
       verhältnisse, in denen sie sich bewegen. Es sind dann unter unse-
       ren Verhältnissen die Lohnarbeiter, die diesem gesellschaftlichen
       Widerspruch dadurch  in ihrer  Tätigkeit entsprechen  müssen, daß
       sie gegensätzlichen Arten von Anforderungen zu genügen haben. Vom
       Kapital ausgebeutet  und zugleich als Lückenbüßer der diesem Sta-
       dium der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus ent-
       springenden Widersprüche  benutzt, werden  von ihnen "soziale Tu-
       genden" unterschiedlicher Art verlangt. Die Tendenz einer niedri-
       geren Bewertung  einer Erziehung zu Ordnung und Disziplin und hö-
       herer  Bewertung  einer  Erziehung  zu  eigener  Urteilsfähigkeit
       zeigt, daß  es hier  die veränderten  Anforderungen der  modernen
       Produktivkräfte sind, die zunehmend stärker verinnerlicht werden,
       während die Anforderungen des Verwertungsprozesses an die Objekte
       der Ausbeutung  im Wertesystem an Gewicht verloren haben. Wirkun-
       gen dieses  Umwertungsprozesses reichen unter Umständen weit über
       den Produktionsbereich  selbst hinaus.  Es läßt  sich hier an die
       unterschiedlichen Vorstellungen  von persönlicher  Autonomie den-
       ken, die  insbesondere im  Potential der  Protestbewegungen  eine
       Rolle spielen  und in unterschiedliche ideologische Zusammenhänge
       gestellt werden.
       Als Anspruch auf Einfluß bei wichtigen politischen Entscheidungen
       werden solche  Tendenzen weit  über den Produktionsbereich hinaus
       bedeutsam. Als "Mitsprache"-Ansprüche formuliert sind sie in ver-
       gleichbaren Umfragen  erhoben worden.  6) Die Zunahme der Befrag-
       ten, die  solche Ansprüche  auf "Mitsprache  bei wichtigen Regie-
       rungsentscheidungen'' für ein wichtiges politisches Ziel hielten,
       von 1970  bis 1980  um fünf  Prozent auf etwa ein Drittel der Be-
       fragten ist  zwar nicht  sehr stark,  aber eindeutig. Dabei zeigt
       sich, daß  die Jüngeren  diese Forderung sehr viel stärker unter-
       stützen als  die Alteren.  Vergleicht man  die vor dem Beginn des
       Zweiten Weltkriegs  Geborenen mit  den nach Kriegsende Geborenen,
       so halten  letztere diese  Forderung um zehn Prozent häufiger für
       ein wichtiges  politisches Ziel  als erstere. Die Angehörigen der
       Intelligenz und  der lohnabhängigen  Mittelschichten haben  diese
       Bewegung schon  tiefer und schneller vollzogen als Arbeiter; aber
       bei den  Arbeitern und  (etwas stärker) den Arbeiterklassegruppen
       der Angestellten  und Beamten läßt sich die gleiche Tendenz fest-
       stellen.
       Der objektive Prozeß der Vergesellschaftung führt unter kapitali-
       stischen Verhältnissen zur Ausdehnung und Entwicklung des Systems
       bürokratisch-kapitalistischer Kontrolle.  Dieser Prozeß  ist  ein
       Aspekt des Übergangs vom Kapitalismus der Konkurrenz zum Monopol-
       kapitalismus und  zum staatsmonopolistischen Kapitalismus. Er hat
       seine Ursachen  letzten Endes im Produktionsbereich; aber er geht
       weit über den Bereich der Produktion hinaus. Die Ausdehnung büro-
       kratisch-kapitalistischer Kontrolle ist die Bewegungsform des Wi-
       derspruchs zwischen  einer Produktion,  die nicht  mehr allein im
       allgemeinen Zusammenhang,  sondern in  fast jedem Detail nur noch
       als gesellschaftliche möglich ist, und der privaten Aneignung.
       Die Gegenströmung, die dadurch produziert wird, ist die Forderung
       nach Einfluß, Kontrolle, Mitsprache, Mitbestimmung, schillernd in
       ihrer ideologischen  und politischen Bedeutung, aber in ihrer ob-
       jektiven Tendenz  auf die Überwindung der Herrschaft des Kapitals
       gerichtet. 7)  Dem Verständnis  der meisten  Akteure nach richten
       sich solche  Forderungen freilich nicht gegen die Macht des Kapi-
       tals; sie  benutzen die  historische Verkleidung  der Forderungen
       der Französischen  Revolution. Wenn  man nachfragt,  wird das Ko-
       stümhafte meist  schnell deutlich.  Freiheit meint heute im Munde
       der Akteure  ebenso wie im Kopfe derer, die man zum Potential der
       neuen Protestbewegungen  zählen kann, nicht die Freiheit unabhän-
       gig von der Geburt, sondern eine erträumte oder erhoffte Freiheit
       von den  Zwängen einer ihnen fremden und mit der modernsten Tech-
       nik verbündeten, als unmenschlich empfundenen Verwaltung. Gleich-
       heit zielt  heute nicht  auf die Beseitigung von Privilegien, die
       durch Tradition,  sondern auf die Beseitigung von Vorrechten, die
       durch das  Bündnis mit den modernsten Entwicklungen des staatsmo-
       nopolistischen Kapitalismus geheiligt scheinen.
       Ausdehnung bürokratisch-kapitalistischer Kontrolle als Vergesell-
       schaftungsprozeß unter  kapitalistischen Bedingungen  heißt heute
       zweierlei: Schon  seit jeher vom Kapital und seinem Staat erfaßte
       Bereiche werden  sorgfältiger und  vollständiger erfaßt; zugleich
       dehnt sich  die Kontrolle  auf Bereiche aus, die traditionell zur
       Kompensation als private Sphäre ausgespart blieben. Die objektive
       Tendenz im  staatsmonoplistischen Kapitalismus gerät damit selbst
       in Konflikt  mit der  traditionellen Gliederung in einen fremdbe-
       stimmten Bereich  von Arbeit und Öffentlichkeit und einen für die
       Reproduktion "freien"  Bereich der  Privatheit. Das ist ein Grund
       dafür, warum der objektiv gegen das Herrschaftssystem des staats-
       monopolistischen Kapitalismus  gerichtete Charakter  der als Mit-
       sprache- oder Autonomie-Forderungen formulierten Ansprüche bisher
       nur wenigen, die diese Ansprüche erheben, deutlich ist.
       Eine Kraftquelle dieser Ansprüche liegt in den oben geschilderten
       veränderten Anforderungen  des Arbeitsprozesses. Dabei darf nicht
       verkannt werden,  daß von  der Seite des Kapitals auch neue Stile
       betrieblicher und  gesellschaftlicher Herrschaft  entwickelt wer-
       den. Im  integrativen Herrschaftsstil werden die aus dem Arbeits-
       prozeß sich  entwickelnden neuen Werte der Produzenten soweit be-
       rücksichtigt, wie  es der Rationalisierung des Verwertungsprozes-
       ses dient.
       Die Möglichkeit,  die Ansprüche auf Autonomie oder Mitsprache in-
       tegrativ zu  nutzen, ergibt sich daraus, daß diese Forderungen in
       der Gestalt,  in der  sie heute  spontan formuliert werden, nicht
       bewußt auf den Sturz des Systems des staatsmonopolistischen Kapi-
       talismus gerichtet  sind, sondern  auf die Eindämmung der Auswir-
       kungen seiner  Tendenz zu  umfassender  bürokratisch-kapitalisti-
       scher Kontrolle. Dies haben sie mit vielen anderen objektiv anti-
       kapitalistischen Forderungen  gemein. Für  die sozialistische Ar-
       beiterbewegung in  der Bundesrepublik ergibt sich daraus die Auf-
       gabe, den  Kern dieser Forderungen zu erfassen und mit den histo-
       rischen Interessen  der Arbeiterklasse  zu vermitteln. Vorausset-
       zung für  eine solche  Vermittlung heute auch bei Gruppen der Ar-
       beiterklasse spontan  empfundener Forderungen ist, ihre Zielrich-
       tung gegen  die Machtzentren des heutigen Kapitalismus zu entwic-
       keln.
       
       3. Geschlecht und Gleichheit
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       Eine der  wichtigsten Veränderungen  von Wertvorstellungen in den
       letzten Jahrzehnten  betrifft die  traditionellen Rollen  der Ge-
       schlechter. 8)  Augenfällig sind  die Veränderungen in den Bezie-
       hungen zwischen  Geschlechtspartnern. Das  sinkende  Heiratsalter
       und die  ansteigende Quote von Verheirateten werden gerne als Be-
       leg dafür  herangezogen, daß im Grunde alles beim alten geblieben
       ist. Tatsächlich  aber ist es wissenschaftlich unvorsichtig, hier
       von der Identität der Institution Ehe überhaupt auszugehen.
       Zur inneren  Struktur der Beziehung zum Geschlechtspartner meinte
       1954 etwa  die Hälfte der Befragten, daß Mann und Frau in der Ehe
       die gleichen  Rechte haben sollten; 1973 waren es etwa drei Vier-
       tel. Am  höchsten ist der Anteil jeweils bei den Angestellten und
       Beamten, bei  den  Jüngeren  und,  nach  Geschlechtern,  bei  den
       Frauen. Der  Anstieg vollzieht  sich jedoch in dieser Periode bei
       allen Gruppen.  Man könnte  gegenüber diesen  Umfragen einwenden,
       daß hier  zum Teil Lippenbekenntnisse erfaßt werden. Aber wenn es
       so ist,  daß ein Teil der Befragten hier nur mit den Lippen einen
       Tribut zollt,  dann würde eben gerade das deutlich machen, daß es
       sich hier  um Werte  handelt, die sich gesellschaftlich durchset-
       zen. Eine Diskrepanz zwischen verbaler Anerkennung von Werten und
       tatsächlichem Verhalten ist nicht spezifisch für dieses Problem.
       Es gibt  noch andere  Tatsachen, die  uns veranlassen anzunehmen,
       daß sich  die Institution  der Ehe  tatsächlich in weitem Umfange
       verändert hat.  Die Ehe war für viele, trotz der gesetzlich gege-
       benen Scheidungsmöglichkeit,  eine im Prinzip mit dem Verständnis
       der Unlösbarkeit eingegangene Verbindung. Es ist nicht allein der
       Anstieg der  Scheidungsraten, in  dem sich  hier eine Veränderung
       zeigt. Umfragen belegen, daß von einer zwischen 1953 und 1979 auf
       etwa die  Hälfte der Bevölkerung angewachsenen Gruppe die Lösbar-
       keit der Ehe ausdrücklich bejaht wird, während 1953 noch über die
       Hälfte umgekehrt  die Unlösbarkeit oder möglichst schwere Lösbar-
       keit der  Ehe als bejahens-wert ansahen und die dazwischenliegen-
       den Gruppen ihren Umfang etwa beibehielten. Die Ehescheidung wird
       nicht mehr als Sünde angesehen, die Lösbarkeit der Ehe wird posi-
       tiv mit  in den  Begriff dieser Institution aufgenommen. Dem ent-
       spricht, daß  die Beziehung  zwischen den Geschlechtspartnern of-
       fensichtlich an  persönlicher Intensität  gewonnen  hat.  9)  Die
       Ehefrauen sind  heute für ihre Männer häufiger der wichtigste Ge-
       sprächspartner als vor dreißig Jahren.
       Die Tatsache, daß Frauen in der Bundesrepublik nicht die gleichen
       gesellschaftlichen Rechte  haben wie  Männer, wird inzwischen von
       einer Zweidrittelmehrheit  der Bevölkerung  wahrgenommen. Der Um-
       schwung fand  offensichtlich gegen  Ende der sechziger und Anfang
       der siebziger Jahre statt. Eine Befragung von 1969 zeigt, daß die
       Wahrnehmung der ungleichberechtigten Stellung der Frauen in unse-
       rem gesellschaftlichen  System bei  verschiedenen Gruppen  unter-
       schiedlich stark  verbreitet ist. Daß Frauen dies eher wahrnehmen
       als Männer,  ist nicht  überraschend; ebensowenig, daß Jüngere es
       eher erkennen  als Ältere.  Gegenüber der  allgemein verbreiteten
       These von  der größeren  Sensibilität der Intellektuellen und der
       sozialen Oberschichten aber verdient es ausdrücklich festgehalten
       zu werden,  daß es  nach Berufsgruppen  gerade die Arbeiter, nach
       Schulbildung die  Volksschüler, nach  der vorgenommenen  Schicht-
       gruppierung die  untersten Schichten  sind, die  in eher größerem
       Maße die ungleichberechtigte Stellung der Frauen wahrnehmen. Dies
       heißt nicht,  daß unter  Arbeitern am  ehesten Bewegung  für  die
       Gleichberechtigung der Frau in Gang kommt; die hier häufiger ver-
       breitete realistische Wahrnehmung ist zweifellos häufiger von ei-
       ner Hinnahme  dieser Situation  begleitet. Immerhin  weist dieser
       Sachverhalt auf Mobilisierungsmöglichkeiten hin.
       Die Veränderung  der  Geschlechterrollen  bei  Partnerbeziehungen
       drückt Werteveränderungen  aus, die  noch in starkem Maße auf die
       private Existenz bezogen sind. Die veränderte Wahrnehmung der ge-
       sellschaftlichen Ungleichheit  von Männern  und Frauen in der BRD
       könnte wiederum  Ausdruck einer  schlicht  realistischeren  Sicht
       sein. Eine  besondere Bedeutung  gewinnen diese Wandlungen im Zu-
       sammenhang mit Veränderungen der gesellschaftlichen Aktivität der
       Frauen und dem Wandel in ihrer Bewertung.
       Hier ist  vor allem  auf  den  starken  Anstieg  der  Vereinsmit-
       gliedschaften bei  Frauen hinzuweisen;  er ergab sich zum größten
       Teil aus  der gestiegenen Beteiligung in Sportvereinen. In vielen
       Formen stiegen  diejenigen Aktivitäten bei den Frauen an, die auf
       gesellschaftliche Tätigkeit  über den  Kreis der  Familie  hinaus
       hinweisen. Schließlich bestätigt der Zeitvergleich die Vermutung,
       daß auch  das politische  Interesse, die  politische Handlungsbe-
       reitschaft und die politische Organisationsbereitschaft gewachsen
       sind. Hier  hat sich ein entscheidender Wertwandel vollzogen, für
       den die  Frauenbewegung im  engeren Sinne  nur eine Ausdrucksform
       unter vielen,  und keineswegs  die breiteste, ist. Die politische
       Tätigkeit von  Frauen wurde 1965 nur von etwa einem Drittel aller
       Befragten ausdrücklich  als positiv akzeptiert; in nur sechs Jah-
       ren, bis 1971, stieg der Anteil auf etwa zwei Drittel an.
       Grundlage für  die Veränderungen im Wertesystem bezüglich der Ge-
       schlechterrollen ist  die ansteigende Zahl von Frauen "in gesell-
       schaftlich organisierten  Prozessen jenseits der Sphäre des Haus-
       wesens." 10)  Marx weist  ausdrücklich darauf  hin, daß die indu-
       strielle Beschäftigung  weiblicher Lohnarbeiter  im  Kapitalismus
       zwar eine  naturwüchsig brutale Form annimmt, daß sie aber zu ei-
       ner "Quelle  humaner Entwicklung" umschlagen und "die neue ökono-
       mische Grundlage  für eine  höhere Form  der Familie und des Ver-
       hältnisses beider  Geschlechter" werden  kann. Selbstverständlich
       sind hier  von Marx  neue, sozialistische  Verhältnisse vorausge-
       setzt, unter denen sich die Keime des Neuen erst wirklich entwic-
       keln können.  Aber man  mag folgenden  Vergleich ziehen:  In  der
       praktischen Arbeiterbewegung,  und zwar  nicht nur in der politi-
       schen Partei  der Arbeiterklasse,  scheint bereits  elementar der
       Gedanke einer  neuen Stellung  des Produzenten  auf, aus der sich
       neue Wertvorstellungen, die wiederum mit der praktischen Bewegung
       verbunden sind,  entwickeln. In  diesem Sinne  darf man auch hier
       die "humane  Entwicklung" nicht  einfach in die revolutionäre Zu-
       kunft verweisen. Sie hat ihre Gegenwart im Kampf gegen die heuti-
       gen Inhumanitäten.
       
       _____
       1) Ronald Inglehart:  The Silent Revolution in Europe: Intergene-
       rational Change  in Post-Industrial Society. In: American Politi-
       cal Science  Review LXV  (1971), S. 991 ff. Ronald Inglehart: The
       Silent Revolution. Changing Values and Political Styles Among We-
       stern Publics.  Princeton 1977.  Ronald Inglehart: Socio-economic
       Change and  Human Value  Priorities. In:  Samuel H.  Barnes,  Max
       Kaase and  Assoc.: Political  Action - Mass Participation in Five
       Western Democracies. Beverley Hills 1979. Ronald Inglehart: Wert-
       wandel in  den westlichen Gesellschaften: Politische Konsequenzen
       von materialistischen  und postmaterialistischen Prioritäten. In:
       Helmut Klages,  Peter Kmieciak  (Hrsg.): Wertwandel  und  gesell-
       schaftlicher Wandel. Frankfurt, New York 1979.
       2) Vor allem: Elisabeth Noelle-Neumann u.a.: Eine Generation spä-
       ter.  Bundesrepublik  Deutschland  1952-1979.  Eine  Allensbacher
       Langzeit-Studie. Allensbach  1981. Peter Kmieciak: Wertstrukturen
       und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1976.
       Der oben  erwähnte Sammelband  von Klages  und  Kmieciak  enthält
       viele weitere Literaturhinweise.
       3) Elisabeth Noelle-Neumann:  Werden wir alle Proletarier? Werte-
       wandel in unserer Gesellschaft. Zürich und Osnabrück 1978/1979.
       4) Studie "Bildungserwartungen  und  Wissensinteresse"  (Soziolo-
       gisches  Seminar  der  Universität  Göttingen  1958),  z.T.  ver-
       öffentlicht in: Willy Strzelewicz, Hans-Dietrich Raapke, Wolfgang
       Schulenberg:  Bildung  und  gesellschaftliches  Bewußtsein.  Eine
       mehrstufige soziologische Untersuchung in Westdeutschland. Stutt-
       gart 1966. Studie "Bildungsbewußtsein und Lebensplanung" von Hei-
       ner Meulemann  (Zentralarchiv für  empirische Sozialforschung der
       Universität zu  Köln 1979).  Die Studien  liegen im Zentralarchiv
       vor.
       5) David Riesmann, Reuel Denney, Nathan Glazer: The Lonely Crowd.
       New York  1950. Deutsch: Die einsame Masse. Reinbek 1958. Vor al-
       lem konservative  Soziologen rezipierten die hier geäußerten The-
       sen auch für die Bundesrepublik.
       6) Studie von Jacques Rene Rabier und Ronald Inglehart "Europeans
       and European  Unification" (Kommission  der Europäischen  Gemein-
       schaften 1970).  Teilweise veröffentlicht  in: Ronald  Inglehart:
       The Silent  Revolution, 1977  (vgl. Fußnote  1). Eurobarometer 13
       (Kommission der  Europäischen Gemeinschaften  1980). Die  Studien
       liegen ebenfalls im Zentralarchiv vor.
       7) Vgl. vor allem die von Heinz Jung entwickelten Gedanken im er-
       sten Abschnitt  von: Johannes  Henrich von  Heiseler, Heinz Jung,
       Josef Schleifstein,  Kurt Steinhaus:  Mitbestimmung als Kampfauf-
       gabe. Beiträge  des IMSF 2. Köln 1971, S. 17-48. (Ebendort in der
       Studienausgabe Köln 1972)
       8) Hier sei allgemein verwiesen auf die von Elisabeth Noelle-Neu-
       mann und von Peter Kmieciak veröffentlichten Materialien (Fußnote
       2), insbesondere: Noelle-Neumann Tabellen T 26, T 29, T 43, T 48,
       T 53, T 55-T 61, 1-10; Kmieciak, S. 403-423, S. 450-453, Tabellen
       IX 1, X 13 a und b, X 14, X 16 a und b, X 17.
       9) Dies prognostiziert bereits Friedrich Engels in seiner Arbeit:
       Der Ursprung  der Familie,  des Privateigentums  und des  Staates
       (1884), MEW Band 21, S. 82
       10) Karl Marx: Das Kapital, Bd. I (1867), MEW Band 23, S. 514
       

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