Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       REPLIK ZU M. JÄGER
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       Ulrich Kypke
       
       Jäger wendet  sich mit  seiner Kritik  gegen die Skepsis, die von
       Autoren des  IMSF dem Korporatismusbegriff entgegengebracht wird.
       Hinter der  Auseinandersetzung um die Begrifflichkeit steht seine
       weitergehende Behauptung,  "...daß Kypke  und andere, die vor dem
       Hintergrund der  SMK-Theorie argumentieren,  selbst dem Pluralis-
       musmodell viel näher stehen als die Protagonisten der Korporatis-
       mus-Debatte...".
       In der  nachfolgenden kurzen  Replik soll auf die Stichhaltigkeit
       dieser zwei  zentralen Aussagen  von Jäger  anhand seiner eigenen
       Ausführungen eingegangen werden.
       Jäger beklagt die "Begriffsvielfalt" des Korporatismus ebenso wie
       die "Unklarheit  vieler Ansätze" bei zahlreichen Autoren. Was Jä-
       ger an der Debatte dennoch theoretisch und politisch "gravierend"
       findet, ist  die von ihm selbst zitierte Definition des kleinsten
       gemeinsamen Nenners  der unterschiedlichen  Konzepte und  Ansätze
       von Korporatismus.  1) Darin  kann man ihm nur zustimmen. Die De-
       batte um die Bestimmung neuer Momente von Strukturen und Entwick-
       lungstendenzen in den Klassenauseinandersetzungen und deren Rück-
       beziehung auf  die Weiterentwicklung der Gesellschaftsanalyse ist
       dringend nötig. Nur sollte der Inhalt einer Debatte nicht mit dem
       Etikett verwechselt werden.
       Es ist  allgemein -  um auch  hier einem möglichen Mißverständnis
       vorzubeugen -  natürlich nichts dagegen einzuwenden, für ein spe-
       zifisches Phänomen einen spezifischen Begriff zu benutzen. Gerade
       der Begriff  des Korporatismus  ist, wie  ich ausführlich gezeigt
       habe 2),  von seiner  eigenen Karriere  her so  diffus und wider-
       sprüchlich besetzt, daß er von den Inhalten der aktuellen Staats-
       diskussion eher  ablenkt, als  daß  er  bestimmte  Ergebnisse  zu
       strukturieren und zu klären hilft. Wie bei allen neuen oder reno-
       vierten Begriffen muß sich auch der Korporatismus die Frage stel-
       len lassen, ob er als analytischer Begriff tauglich ist, die Ana-
       lyse des  Staates und  seiner Apparate präziser zu leisten. Diese
       inhaltliche Leistung des Begriffes vermisse ich bisher.
       Jäger erhebt  den Korporatismusbegriff,  wenn ich es richtig ver-
       standen habe,  zu einem  "marxistischen politikwissenschaftlichen
       Paradigma". Nach Kuhn 3), auf dessen Paradigmabegrifflichkeit ich
       mich beziehe,  werden vereinfacht diese zwei Anforderungen an ein
       Paradigma gestellt: Es muß als Leistung einer "wissenschaftlichen
       Gemeinschaft" etwas Neuartiges bieten, um Anhänger zu motivieren,
       sich an  den Fragestellungen zu beteiligen, und die Fragestellung
       muß offen genug sein, um einen produktiven weiterführenden Streit
       zu ermöglichen.  Beide Anforderungen je für sich und noch mehr in
       der Kombination  sind typisch für bürgerliche Theoriebildung, für
       die die  "Karriere von  Konzepten" (Fach), die Innovationskonkur-
       renz um  "neue" Definitionen  für den wissenschaftlichen Daseins-
       kampf lebenswichtig  sind.  Der  Marxismus  als  materialistische
       Wissenschaft dagegen  zielt auf  Erkenntnis im  Kontext von poli-
       tischem Handeln. Materialistische Wissenschaft hat keine Paradig-
       men zu bieten.
       Kommen wir  zum zweiten gewichtigen Einwand von Jäger, der Plura-
       lismusvermutung im "SMK-Modell". Zunächst zeigt er an der bürger-
       lichen Korporatismusdebatte zutreffend auf: "Das Pluralismuspara-
       digma ist jedenfalls in der westdeutschen Diskussion von der Kor-
       poratismus-Debatte nicht  so sehr  abgelöst worden  als  vielmehr
       bruchlos in  sie übergegangen."  Die  bürgerliche  Politikwissen-
       schaft vollzieht damit - mit zeitlicher Verzögerung -, worum sich
       die SMK-Theorie schon seit langer Zeit Gedanken gemacht hat. Jung
       4) stellt deshalb zurecht fest: "Insofern liegt über der gesamten
       Korporatismus-Debatte ein Hauch der ungenannten Kenntnisnahme von
       Realitäten des SMK, die nun als Ausgangspunkt neuer strategischer
       Überlegungen genommen werden sollen."
       Wie Jäger  nun dazu  kommt, in die Schublade Pluralismus im Sinne
       des von ihm zitierten B. Zeuner auch die SMK-Theorie reinzuschie-
       ben, ist  unerfindlich und wird von ihm auch nicht inhaltlich be-
       gründet. Arrangements  der Herrschenden, die darauf hinauslaufen,
       die Arbeiterklasse und ihre Organisationen durch eine spezifische
       Verknüpfung von teils repressiven und teils integrativen Methoden
       strategisch in das eigene Herrschaftskonzept einzubinden, sind so
       alt wie der entfaltete Kapitalismus. Die Formen dieser Einbindung
       mit ihrer  spezifischen historischen Ausprägung und Entwicklungs-
       tendenz müssen jeweils genau untersucht werden. Die IMSF-Beiträge
       6/I und  6/II sowie  das vorliegende Jahrbuch (Bd. 4/1981) reprä-
       sentieren diese  Bemühungen. Dieser  analytischen Sichtweise  die
       Etikette von  "Einflußtheorien" anzuhängen und dann zu behaupten,
       man habe  damit die  "gemeinsamen Fehler des Pluralismus- und des
       SMK-Modells" erfaßt,  hilft der Diskussion nicht weiter. Ich habe
       im  Gegenteil  eine  Absage  an  vorschnelle  "Schuldzuweisungen"
       (Jäger) vorgenommen, wenn ich mich dagegen verwahrt habe, den Ge-
       werkschaften  entsprechend   einer  simplen  Theorie  staatlicher
       Machtteilhabe die Verantwortung für einkommens- und ordnungspoli-
       tische Fragen  zuzuschieben, die  eben nicht durch Mitbeteiligung
       der Gewerkschaften,  sondern im  staatsmonopolistischen "Kartell"
       gegen sie entschieden worden sind. Dies ist keine "Frage nach dem
       Täter", wie  Jäger unterstellt, sondern die Frage der materiellen
       Machtverteilung zu  den heutigen Bedingungen im Herrschaftssystem
       der BRD.
       Unter diesem  Aspekt noch  eine Bemerkung zur Theorie der Gesell-
       schaftsspaltung  im   Konzept  des   "selektiven   Korporatismus"
       (Esser/Fach) 5).  Konstitutionsbedingung dieser  Theorie ist  die
       Annahme, daß  die Gewerkschaftsführung  autonom und  souverän  im
       Sinne der Herrschenden handeln kann (und handelt!) und sich dabei
       fest auf  ihre, diese  Strategie mittragenden Klientele innerhalb
       der Gewerkschaften  - auf  "die da  drinnen" -  stützen kann. Das
       "Drinnen/Draußen-"Modell wird  bei Esser/Fach  in der  Konsequenz
       auf die  ganze  Gesellschaft  übertragen;  diese  "neue"  Gesell-
       schaftsspaltung ersetzt die "alte" Klassenspaltung.
       Esser/Fachs Ansatz  ist das  theoretische Substrat  einer empiri-
       schen Untersuchung (Stahlkrise an der Saar), in der das Zusammen-
       spiel und  auch die  Machenschaften verschiedener  Fraktionen der
       Bourgeoisie unter  Beteiligung einiger Gewerkschaftsführer aufge-
       zeigt wurden. Solche Untersuchungen sind wichtig, zumal staatsmo-
       nopolistische Verflechtungen auch in der Form realer Verschwörun-
       gen aktuelle Herrschaftsmethoden sein können. Das Problem bei Es-
       ser/Fach liegt darin, daß sie ihre empirischen Ergebnisse weniger
       in eine Gesellschaftsanlayse eingebracht haben, als vielmehr vor-
       gefundene Phänomene  verallgemeinert und  dies als  neue "Theorie
       des selektiven Korporatismus" etikettiert haben.
       Meine Einwände gingen in eine zweifache Richtung: Zum einen gegen
       die zentrale Aussage dieser Theorie 6), zum anderen - und das ist
       das hier  wichtigere -  gegen die  theoretische Beliebigkeit, mit
       der der  Korporatismusbegriff für  diese und  jene Inhalte  bean-
       sprucht wird.  Für Jäger  selbst wird die Aussage von Esser/Fach,
       nämlich die  neue Spaltung  der Gesellschaft  in zwei Abteilungen
       (s.o.), zu  der "wichtigste(n) Behauptung im Kontext der Korpora-
       tismus-Debatte". Die  Inhalte mal  beiseite gelassen, stellt sich
       doch die  Frage, wieso diese - materiell gewiß diskussionswürdige
       - Problematik  gerade das zentrale Problem des Korporatismus sein
       soll? Andere  Promotoren dieses  Begriffes, etwa  Schmitter  oder
       Alemann oder  Lehmbruch oder Winkler oder Panich, haben je eigene
       und andere Vorstellungen von dem, was den Korporatismus ausmacht.
       Hier zeigt  sich das  ganze Argumentationsdilemma, dem Jäger auf-
       sitzt, indem  er keine  Trennung zwischen der materiellen Diskus-
       sion und seiner eigenen Etikettierung zu machen bereit ist.
       So tragfähig Jäger der Korporatismus-Begriff in seinen vorstehen-
       den Ausführungen zu sein scheint - an anderer Stelle 7) äußert er
       selbst gewichtige  Zweifel: Die  Frage, ob in Westdeutschland ein
       System des  Korporatismus ("Sozialliberaler  Korporatismus") exi-
       stiere, beantwortet  er selbst  mit einem glatten Nein. Warum ist
       der Korporatismus denn so wichtig, wenn es ihn gar nicht gibt?
       Der bisherige Verlauf der sogenannten Korporatismus-Debatte nährt
       weiterhin Zweifel an der Eignung dieser Etikette. Die inhaltliche
       Diskussion kann auf diesen Begriff getrost verzichten.
       
       _____
       1) U. Kypke, Kritische Übersicht zur aktuellen Korporatismus-Dis-
       kussion in der BRD, in: Der Staat im staatsmonopolistischen Kapi-
       talismus der  Bundesrepublik. Staatsdiskussion  und Staatstheorie
       (Beiträge des IMSF 6/1), Frankfurt am Main 1981, S. 189.
       2) Ebd.
       3) Th. S.  Kühn, Die  Struktur  wissenschaftlicher  Revolutionen,
       Frankfurt am Main 1978, S. 25 ff.
       4) H. Jung, "Korporatismus" statt "Etatismus"? Staatsmonopolisti-
       sche Vergesellschaftung  und politischstaatlicher  Überbau heute,
       in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 4/1981, S. 28.
       5) J. Esser,  W. Fach,  Internationale Konkurrenz  und selektiver
       Korporatismus. Beitrag  für die  Tagung des AK "Parteien - Parla-
       mente - Wahlen" der DVPW am 23./24.2.1979, MS.
       6) U. Kypke, a.a.O., S. 192 ff.
       7) M. Jäger, Ökonomie und Politik des sozialliberalen Korporatis-
       mus, in: Das Argument, AS 51, West-Berlin 1980, S. 132.
       

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