Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       DER BETRIEB ALS FORMIERUNGSBASIS DER ARBEITERKLASSE
       ===================================================
       IN DER BRD HEUTE
       ================
       
       Thesen zum Schwerpunktthema
       ---------------------------
       
       I. Theoretische Prämissen - II. Momente der objektiven betriebli-
       chen Klassenstruktur  und Klassenorganisation  - III. Der Betrieb
       als hegemonialer Raum
       
       Der vorliegende  Text wurde  im November  1983 von einer Arbeits-
       gruppe des  IMSF ausgearbeitet, im Dezember 1983 mit einer größe-
       ren Interessentengruppe diskutiert und wird nun in überarbeiteter
       Fassung veröffentlicht. Diese Thesen dienten der Vorbereitung des
       Schwerpunktthemas dieses Jahrbuches. Ihre Aussagen haben vielfach
       provisorischen oder hypothetischen Charakter oder sind als Fragen
       formuliert. Sie  reflektieren also  eher einen Arbeitsprozeß, als
       daß sie abgesicherte Ergebnisse ausdrücken. Es wird hier zweifel-
       los auch  ein umfassenderes Arbeitsprogramm formuliert, als es in
       diesem Jahrbuch bewältigt werden konnte. Gerade die uneingelösten
       Anforderungen könnten als Aufgabenstellungen für die Zukunft ver-
       standen werden.
       Der praktische  Zweck ist durch die Betriebsorientierung der mar-
       xistischen Kräfte gesetzt. Ihre Handlungs- und Einflußmöglichkei-
       ten im  Prozeß der Bildung von Klassenbewußtsein auf der betrieb-
       lichen Ebene zu erkennen, macht die Untersuchung der heutigen be-
       trieblichen Verhältnisse erforderlich. Es geht darum, auf welcher
       Grundlage die Arbeiterklasse in ihrer objektiven Seite (Klasse an
       sich) entsteht,  wo die  Übergangswege und  -momente von dem sich
       spontan reproduzierenden  ökonomischen Klassendenken  zu  politi-
       schem Klassenbewußtsein  zu erkennen sind und welche entsprechen-
       den Kräftegruppierungen heute wirksam sind.
       Inzwischen gibt  es die  Erfahrungen der Streikkämpfe von Mai bis
       Juli 1984  um die 35-Stunden-Woche. Sie haben sich unmittelbar in
       diesen Thesen  noch nicht - wohl aber in einer Reihe der Beiträge
       dieses Bandes  - niedergeschlagen.  Sie verweisen  jedoch auf die
       Relevanz der  hier aufgeworfenen Fragen und Problemstellungen und
       bestätigen sie.  Sie haben  einmal mehr  gezeigt, wie haltlos die
       Thesen vom angeblichen Abgang der Arbeiterklasse als geschichtli-
       ches Subjekt  sind. Bei den von Modetrends hin- und hergeworfenen
       Sozialwissenschaften haben diese Ereignisse wieder Konjunktur für
       das Thema Arbeiterklasse gebracht.
       Wir stellen  die Thesen den Beiträgen zum Schwerpunktthema dieses
       Bandes voran, weil wir der Ansicht sind, daß mit ihnen die Kontu-
       ren, Probleme  und  Forschungsaufgaben  zusammengefaßt  skizziert
       werden.
       
       I. Theoretische Prämissen
       -------------------------
       
       1. Die Rolle  des Betriebes  ergibt sich daraus, daß hier gesell-
       schaftliche Produktion  und Arbeit  realisiert werden. Die Arbei-
       terklasse tritt  im Betrieb  als Träger der lebendigen Arbeit und
       damit als   S u b j e k t   d e s    P r o d u k t i o n s p r o-
       z e s s e s   auf. Sie  formiert sich auf Basis der gesellschaft-
       lichen Produktion als Subjekt der Geschichte.
       Vom Standpunkt  des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses ist
       die Phase  der  P r o d u k t i o n  m a t e r i e l l e n  - und
       im weiteren  Sinne auch  des geistigen  -  R e i c h t u m s  der
       Gesellschaft die  entscheidende Phase.  Alle anderen  Sphären und
       Bereiche bestimmen  sich auf  die Produktion  hin. Dem entspricht
       auch die  Beziehung von  Arbeits- und sonstigen Lebenstätigkeiten
       der Produzenten.
       2. In der kapitalistischen Produktion fungiert der Arbeiter - als
       Glied des  Gesamtarbeiters -  nicht nur  als  Produzent  von  Ge-
       brauchswerten und von Wert (Einheit des Produktions- als Arbeits-
       und Wertbildungsprozeß),  sondern auch als Produzent von Mehrwert
       - dem Ziel der kapitalistischen Produktion.
       Als   L i e f e r a n t  v o n  M e h r a r b e i t u n d  P r o-
       d u z e n t   v o n   M e h r w e r t   ist der Lohnarbeiter Aus-
       beutungsobjekt der  kapitalistischen Produktion.  Die  Phase  der
       Produktion ist somit auch die  P h a s e  d e r  M e h r w e r t-
       p r o d u k t i o n   u n d   d e r    A u s b e u t u n g    des
       Proletariats. Das  Verhältnis von  Lohnarbeit und  Kapital in der
       Produktion ist  das Verhältnis  von Eigentümern  der Produktions-
       bedingungen und  eigentumslosen Produzenten,  woraus -  nach Karl
       Marx -  die Struktur  und Form  der Klassenherrschaft als Ganzes,
       also  einschließlich  der  Überbauverhältnisse,  entspringt.  Die
       Produktion als Sphäre der Ausbeutung ist deshalb auch der Ort, wo
       der sozialökonomische Antagonismus elementar zum Ausdruck kommt.
       3. Der Betrieb  als umgangssprachlicher  Begriff erfaßt  Arbeits-
       stätte und  kapitalistisches Unternehmen  als Einheit.  Sein Ver-
       ständnis geht heute über die materielle Produktion hinaus und um-
       faßt auch  die eigenständigen  Einheiten des Handels, der Verwal-
       tung, Forschung, anderer Dienstleistungen, ebenso die staatlichen
       Einrichtungen. Er bezieht sich also auf alle Einheiten und Berei-
       che der (kollektiven) Anwendung von Erwerbstätigen und Lohnabhän-
       gigen. Damit entsteht ein breiter Fächer von Betriebstypen, deren
       Spezifik auch im Belegschaftstyp zum Ausdruck kommt.
       Die Grundstruktur  des kapitalistischen Betriebes ist damit gege-
       ben und  dadurch geprägt, daß hier die Verwertung eines Einzelka-
       pitals organisiert ist, daß die durch diesen Zweck und den beson-
       deren Tätigkeitsbereich geprägte Kooperation die Arbeiter und An-
       gestellten   z u   e i n e r   B e l e g s c h a f t    zusammen-
       schließt und  daß deren  Funktion als Verwertungsmaterial gemein-
       same Interessen  gegen "ihr" Kapital, "ihren" Unternehmer, "Chef,
       ihre Gesellschaft  usw. begründet. Diese Interessen beziehen sich
       auf die  Bedingungen ihrer  Verwertung als Lohnarbeiter (Arbeits-
       zeit, Arbeitsintensität,  Arbeitsbedingungen,  Arbeitsbefugnisse,
       Kommunikationsräume u.a.)  und auf  die Bezahlung  ihrer Arbeits-
       kraft (Eingruppierung, Lohnhöhe usw.).
       Der  arbeitsteiligen  Gliederung  des  Produktionsprozesses  ent-
       spricht eine   f u n k t i o n e l l e  u n d  h i e r a r c h i-
       s c h e  G l i e d e r u n g  des Arbeitskörpers, in der sich die
       innerbetriebliche Herrschaft  des Kapitals  realisiert  und  ver-
       gegenständlicht. Dieses  betriebliche Herrschaftssystem  hat sich
       unter dem  Druck der  Produktivkräfte und  des  sozialen  Kampfes
       fortlaufend verändert  und stellt sich in immer neuen Organisati-
       onsformen dar  (heute etwa durch die neuen Informations- und Kon-
       trollsysteme). Die  Entwicklung des  Arbeiters  (hier  immer  ge-
       braucht als soziale und ökonomische Kategorie, nicht als arbeits-
       rechtliche -  weshalb der Begriff Arbeiter hier immer auch Beamte
       und Angestellte  einschließt) als  wichtigster Produktivkraft und
       seine sozialen Bedürfnisse sind vorwärtstreibendes Moment der Be-
       triebs- und Ausbeutungsorganisation.
       Der   B e t r i e b  a l s  P r o d u k t i o n s-  u n d  A u s-
       b e u t u n g s e i n h e i t   ist immer  wieder auch  der mate-
       rielle Anhaltspunkt  für  sozialpartnerschaftliche  Vorstellungen
       (Vorstellungen der  illusorischen  Gemeinsamkeit),  für  eng  be-
       zogenen Arbeiterökonomismus und für Betriebssyndikalismus.
       Der kapitalistische  Betrieb als   r e l a t i v e  E i n h e i t
       auf antagonistischer Grundlage ist stets auch ein  M a c h t s y-
       s t e m,  weil gegensätzliche Interessen aufeinanderprallen, die-
       se sich  organisieren,  um  sich  durchzusetzen,  und  somit  ein
       ständiger Kampf um Einfluß und Macht stattfindet. Das Verständnis
       des Betriebes  als Machtsystem  muß jedoch davon ausgehen, daß es
       sich  um    B e z i e h u n g e n    i n    e i n e m    H e r r-
       s c h a f t s s y s t e m   handelt, um  die  Beziehung  zwischen
       Eigentümern und  Nichteigentümern, Ausbeutern  und Ausgebeuteten,
       Unterdrückern und Unterdrückten. Es geht also im normalen Gang um
       den Modus  der  Austragung,  um  die  konkrete  Form  dieser  Be-
       ziehungen. Offene  Situationen sind dies nur insofern, als es vom
       Kräfteverhältnis abhängig  ist, welche mögliche Variante verwirk-
       licht wird. Als Machtsystem ist der Betrieb gleichfalls  h e g e-
       m o n i a l e r   R a u m,   d.h. Ort  des Kampfes um die ideolo-
       ische und  politische Führung  der Belegschaften - ein Kampf, der
       zwischen Kapital  und Arbeit  und  zwischen  den  Strömungen  der
       Arbeiterklasse bzw. der Belegschaft geführt wird.
       4. Mit dem  Wirksamwerden eines  von der wissenschaftlich-techni-
       schen Revolution geprägten Typs der intensiven Reproduktion voll-
       ziehen sich  wichtige  V e r ä n d e r u n g e n  d e r  i n n e-
       r e n   S t r u k t u r   u n d   O r g a n i s a t i o n   d e r
       B e t r i e b e.   Dies gilt  auch für  die Struktur des betrieb-
       lichen Gesamtarbeiters.  Sie verändert sich mit dem zahlenmäßigen
       Wachstum und  zunehmenden Gewicht  von Gruppen  der  Intelligenz,
       technischer Angestellter  und  im  Umgang  mit  modernen  Produk-
       tionsmitteln und  -anlagen qualifizierter  Arbeiter. Z.T.  werden
       traditionelle, vom  Taylorismus und Fordismus geprägte Formen der
       Arbeitsteilung und -organisation aufgelöst bzw. umgestaltet. Dies
       betrifft auch  innerbetriebliche Hierarchie-  und Kontrollformen.
       Die Anwendung  neuer Technik  und Organisationsformen  unterwirft
       zugleich bisher der reellen Subsumtion weniger zugängliche Abtei-
       lungen des  Gesamtarbeiters  (besonders  im  Angestelltenbereich)
       stärker der kapitalistischen Arbeitsorganisation.
       Offensichtlich findet  gegenwärtig eine Art Doppelbewegung statt:
       das Vordringen der fordistisch-tayloristischen Systeme und Metho-
       den der  Leistungsund Arbeitsbewertung und der entsprechenden in-
       nerbetrieblichen Organisations-  und Kontrollformen in die Nicht-
       produktionsbereiche (Büro,  Verwaltung, Verkauf, Arbeitsvorberei-
       tung, Lager usw.) auf der einen Seite und die stärkere Bürokrati-
       sierung und  Hierarchisierung der Produktionsbereiche mit der An-
       wendung der  neuen Technik  und der  Automation auf  der  anderen
       Seite. Dies  führt zu einer stärkeren Annäherung beider Bereiche.
       Gegenüber dem  Schlagwort von  der Krise  der Arbeitsorganisation
       und des "Fordismus" muß die nach wie vor bestehende Vielfalt ent-
       sprechender Typen und Formen beachtet werden.
       Der Übergang  zur intensiv  erweiterten Reproduktion  setzt  sich
       auch  über   die  Veränderung  gesamtwirtschaftlicher  Strukturen
       ("Strukturwandel", Wachstum  neuer Branchen etc.) und das Entste-
       hen "neuer"  Betriebe durch, die gegenüber traditionellen "alten"
       Betrieben in  starkem Maße  durch Anwendung  neuer  Technologien,
       einen hohen  Anteil technischer Intelligenz, neue Abteilungen der
       Arbeiterklasse etc.  geprägt sind (z.B. Betriebe der Elektro- und
       Elektronikindustrie, Luft- und Raumfahrt etc.).
       Produktions- und  Arbeitsintensivierung lassen mit neuen Arbeits-
       und Qualifikationsanforderungen,  Veränderungen der Arbeitsbedin-
       gungen etc.  neue Felder  der Auseinandersetzung zwischen Lohnar-
       beit und  Kapital entstehen.  Zugleich entsteht eine breitere Pa-
       lette technisch-organisatorischer  Möglichkeiten für  die Gestal-
       tung der konkreten Arbeitstätigkeiten, wobei die jeweilige Option
       auch eine  Kampfaufgabe und  Frage des  Kräfteverhältnisses  ist,
       weil hierüber  die Bedürfnisse der lebendigen Arbeit wirksam wer-
       den.
       Die aktuelle  Wissenschafts- und  Technikentwicklung hat zu einem
       größer werdenden  Informations- und  Handlungsvorsprung des Kapi-
       tals geführt.  Dies betrifft auch unmittelbar die elementaren be-
       trieblichen und  Arbeitsplatzverhältnisse. Die  neuen technischen
       Systeme engen  den Manövrier- und Kontrollbereich der Beschäftig-
       ten fortlaufend  drastisch ein  und ermöglichen eine immense Ver-
       dichtung der Poren des Arbeitstages bzw. eine beträchtliche Stei-
       gerung der  Arbeitsleistung. Dies  gilt auch dort, wo die Systeme
       bürokratischhierarchischer Kontrolle  Einzug halten. Man muß hier
       vor allem  auch beachten,  daß mit diesen Änderungen vielfach die
       Gruppenstruktur der Beschäftigten, ihre naturwüchsige und elemen-
       tare Formierungsbasis hinfällig wird.
       Unter den  Bedingungen der schnellen Einführung der neuen Technik
       und der Automation erhält das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und
       wissenschaftlich-technischer Intelligenz  (bzw. der betrieblichen
       Intelligenz schlechthin)  und lohnabhängigen  Mittelschichten be-
       trieblich und überbetrieblich einen zentralen aktuellen und stra-
       tegischen Stellenwert.
       5. Das   V e r h ä l t n i s   v o n   B e t r i e b  u n d  G e-
       s e l l s c h a f t  schließt auch die Beziehung der Glieder oder
       Grundeinheiten der  Klasse  zur  gesamten  Klasse  ein.  Klassen-
       verhältnisse realisieren sich im Betrieb und haben in der Produk-
       tion ihre  Wurzeln, sie sind aber gesamtgesellschaftlicher Natur.
       Der Kapitalist kann sein Eigentum nur als Glied seiner Klasse re-
       alisieren, der  Lohnarbeiter reproduziert sich als solcher außer-
       halb des Betriebes. Seine Existenz ist die historische Vorausset-
       zung der kapitalistischen Produktion. Das Kapital kauft seine Ar-
       beitskraft auf dem Markt.
       Der Betrieb  ist weder ökonomisch, politisch, sozial noch ideolo-
       gisch ein  geschlossener Raum.  Der Lohnarbeiter tritt in den Be-
       trieb nicht  nur als  Träger einer  spezifisch qualifizierten Ar-
       beitskraft und bestimmter, auf den Betrieb, die Arbeit, den Lohn,
       die Selbstverwirklichung  usw. gerichteter  Bedürfnisse,  sondern
       auch als  T r ä g e r  p o l i t i s c h e r  u n d  i d e o l o-
       g i s c h e r    V o r s t e l l u n g e n,    H a l t u n g e n.
       Diese werden  Faktor der  betrieblichen Verhältnisse. Gleichfalls
       wirken  betriebliche   Erfahrungen  auf   die  gesellschaftlichen
       Vorstellungen, auf  das außerbetriebliche  Verhalten, die politi-
       schen Optionen  usw. Für  die Gesamtentwicklung sind die betrieb-
       lichen Verhältnisse  ein dynamischer  Faktor, aber sie sind nicht
       der allein  bestimmende Faktor  und sie sind auch nicht immer der
       konkret  ausschlaggebende  Faktor.  Die  gesamtgesellschaftlichen
       politischen  und  ideologischen  Konstellationen  wirken  in  den
       Betrieb hinein und erhalten dort eine spezifische Verdichtung.
       Gegenüber einzelbetrieblichen  Verhältnissen ist    d a s    g e-
       s a m t g e s e l l s c h a f t l i c h e      K r ä f t e v e r-
       h ä l t n i s  d e r  s t ä r k e r e  F a k t o r.  Die betrieb-
       lichen Verhältnisse  insgesamt sind  jedoch  eine  wichtige  Kom-
       ponente der  Gesamtentwicklung.  Dies  gilt  vor  allem  für  die
       Durchsetzung und  das Wirksamwerden  von Arbeiterinteressen. Dies
       belegen Geschichte und Gegenwart. Für eine konkretere Beurteilung
       dieser Wechselwirkung  müssen die  jeweiligen    B e s o n d e r-
       h e i t e n   d e r   n a t i o n a l e n   E n t w i c k l u n g
       beachtet  werden,   die  konkreten   Ausprägungen,   welche   die
       Betriebsverfassungen erhalten, der Grad realisierter Autonomie in
       gewerkschaftlichen  Kämpfen,   die  Kampftraditionen   usw.  Dazu
       gehören immer  auch  die  Arbeitsmarktsituation,  der  Stand  des
       Zuflusses an  Arbeitskräften u.  a. (Dieser  Sachverhalt wird bei
       nationalen Vergleichen  deutlich: In  England lag  die Stärke der
       Gewerkschaften  und   der  Arbeiterklasse   unmittelbar  in   der
       Basismilitanz im  Betrieb;  in  der  BRD  beruhte  in  der  Nach-
       kriegszeit der gewerkschaftliche Einfluß mehr auf dem Gewicht der
       großen Organisation;  auch in  Japan liegt  der gewerkschaftliche
       Einfluß weniger  in der betrieblichen Aktion, sondern mehr in der
       gesellschaftlich-politischen Aktivität).
       
       6. Geklärt  werden müssen  der   C h a r a k t e r   u n d  d i e
       R e i c h w e i t e          b e t r i e b l i c h - g e w e r k-
       s c h a f t l i c h e r  K ä m p f e.  Der Kampf gegen den Unter-
       nehmer, das Einzelkapital, ist die  ö k o n o m i s c h e  E b e-
       n e   des Klassenkampfes.  Die   p o l i t i s c h e    E b e n e
       bezieht sich  auf die  gesamtgesellschaftlichen und  -staatlichen
       Verhältnisse  und  deren  (Um-)Gestaltung  im  Arbeiterinteresse.
       Ideologische Ebene  des Klassenkampfes bezieht sich auf die theo-
       retische  und   propagandistische   Artikulation   der   Klassen-
       verhältnisse, des  Klassenkampfes und seiner Ziele und die darauf
       beruhende Weltsicht (Weltanschauung).
       Die ökonomische Ebene des Klassenkampfes ist zwar eine naturwüch-
       sig und  spontan entstehende Ebene des Kampfes - wobei auch dabei
       durchaus unterschiedliche  Stufen zu  beachten sind -, gleichwohl
       werden diese Kämpfe nicht ohne Bewußtsein ausgefochten.
       Entsprechend der Struktur des staatsmonopolistischen Kapitalismus
       gilt sogar, daß sich notwendigerweise die ökonomische und die po-
       litische Ebene  eng verflechten (z. B. beim Kampf gegen Betriebs-
       stillegungen mit  der staatsmonopolistischen Strukturpolitik oder
       mit  Verstaatlichungsforderungen).   Dementsprechend    h a b e n
       ö k o n o m i s c h e   F o r d e r u n g e n   u n d   Z i e l e
       "i d e o l o g i s c h e"   A b b i l d e r,   B e g r ü n d u n-
       g e n   u s w.   Wir sprechen  hier von    ö k o n o m is c h e m
       K l a s s e n b e w u ß t s e i n,   das mit  bestimmten Klassen-
       haltungen verbunden  ist und  wiederum in einer jeweils gegebenen
       sozialpsychologischen Klassendisposition wurzelt.
       D i e   e n t s c h e i d e n d e  F r a g e  i s t,  w e l c h e
       A u s p r ä g u n g   d a s   ö k o n o m i s c h e  B e w u ß t-
       s e i n   e r h ä l t   -   o b   e s   v e r b u n d e n   i s t
       m i t   e i n e r  O r i e n t i e r u n g  d e r  K l a s s e n-
       a u t o n o m i e   o d e r   o b  e s  i n  s o z i a l p a r t-
       n e r s c h a f t l i c h e     u n d    i n t e g r a t i o n i-
       s t i s c h e     S t e r e o t y p e n    z u r ü c k f ä l l t.
       Übergänge zu politischem Klassenbewußtsein und zu (ideologischem)
       sozialistischem Bewußtsein  erfolgen i.d.R.  nur von der Position
       der Klassenautonomie.  Diese Bewußtseinsformen  sind auch mit der
       Option für  die gewerkschaftliche  und  politische  Organisierung
       verbunden.  G e w e r k s c h a f t l i c h e  O r g a n i s i e-
       r u n g   ist Ausdruck eigener, gegen die Unternehmer gerichteter
       ökonomischer Interessen. Dies ist die unterste Stufe ökonomischen
       Klassenbewußtseins. Bei  ihr ist  es noch  offen, welche  weitere
       Wende genommen  wird. Für  die Bestimmung konkreter Kampfaufgaben
       ist es  wichtig, die  Bewußtseinsabstufungen zur Kenntnis zu neh-
       men.
       Ökonomisches und  politisches Bewußtsein  von Arbeitern ist nicht
       identisch  mit  Klassenbewußtsein.  Klassenbewußtsein  verlängert
       sich also nicht in einen "freien Raum", sondern es muß andere Be-
       wußtseinsformen auflösen, umändern, verdrängen. Obwohl eine Ände-
       rung entsprechender  Formen nie  ohne den  alten Ideologiemustern
       entgegenstehende Massenerfahrungen  möglich ist,  vollzieht  sich
       eine derartige  Änderung nicht  im Selbstlauf.  Oder genauer: Die
       positive   R i c h t u n g    d e r    Ä n d e r u n g    w i r d
       d u r c h   d i e   W i r k s a m k e i t   d e s    s u b j e k-
       t i v e n  F a k t o r s,  der marxistischen Parteien und anderer
       Kräfte, entschieden.  Hierzu gehören  heute  auch  internationale
       Komponenten.
       7. Für die Formung der Arbeiterklasse besaß die  k a p i t a l i-
       s t i s c h e   F a b r i k   die entscheidende  Rolle, weil sich
       erst  hier  das  Kapital  die  seinem  Verwertungstrieb  adäquate
       Struktur mit  dem  Maschinensystem  geschaffen  hatte.  Erst  auf
       dieser  Grundlage   konnte  sich   ein  gegenüber   dem   Kapital
       kompromißloser proletarischer Standpunkt herausbilden und ideolo-
       gisch formuliert werden - mit dem Marxismus. Gleichwohl gilt, daß
       sich proletarische  Interessen auch  im Zusammenhang der Manufak-
       tur, der  bei Großbauten  (Eisenbahnbau, Straßen-  und Städtebau,
       Hafenbau, Kanalbau usw.) zusammengeballten Arbeitermassen und bei
       Arbeitern des  Handwerks und des Verlagssystems herausbilden kön-
       nen und  auch herausgebildet haben. Für die Fabrik der ersten Pe-
       riode gilt  bekanntlich eine hohe Quote von Frauen- und Kinderar-
       beit; diese  Fabrikarbeiter wurden  nicht zum Kern der proletari-
       schen Bewegung. Erst mit der Herausbildung männlicher Stammbeleg-
       schaften und  von Facharbeitergruppen  ist dies der Fall. Von Be-
       deutung ist  dann wiederum  die Entstehung der Fließbandfabrik in
       den 20er  Jahren und  der Typ des modernen Fließband- und Maschi-
       nenarbeiters unter   t a y l o r i s t i s c h e n  u n d  f o r-
       d i s t i s c h e n     A r b e i t s-     u n d     A u s b e u-
       t u n g s s y s t e m e n.
       Mit Blick auf heutige Betriebsformen wäre genauer zu untersuchen,
       wie  sich   die  Umstrukturierung   von      A r b e i t s t e i-
       l u n g s-,   K o o p e r a t i o n s-   u n d   O r g a n i s a-
       t i o n s f o r m e n   auf die  betrieblichen  Formierungsbedin-
       gungen auswirkt.  Dies gilt  auch für  das Anwachsen von nicht in
       der unmittelbaren  Produktion tätigen  Abteilungen der  Arbeiter-
       klasse und  der lohnabhängigen  Mittelschichten -  gegenüber  den
       Formierungsbedingungen  der  Arbeiterklasse  auf  der  Ebene  der
       "klassischen" kapitalistischen  Fabrik ein  neues Element.  Damit
       müssen die   W e c h s e l b e z i e h u n g e n  z w i s c h e n
       d e n   v e r s c h i e d e n e n   A b t e i l u n g e n   d e s
       G e s a m t a r b e i t e r s  stärker Berücksichtigung finden.
       Diese Strukturverschiebungen  korrespondieren auch mit regionalen
       Verlagerungen. Die  erbliche städtische  Arbeiterschaft ist nicht
       überall typisch. Vielfach sind die sogenannten Arbeitergemeinden,
       die Gürtel im Umland der Großstädte, wichtiger. Dies ist auch ge-
       genwärtig der  Fall. Die damit gegebenen Wohnmilieus spielten für
       die Homogenität  der Belegschaften eine wichtige Rolle. Ihre Auf-
       lösung hatte weitreichende Folgen.
       Somit sind  A u ß e n-  u n d  B i n n e n s t r u k t u r  d e r
       B e t r i e b e   einem Wandel  unterworfen, der  beachtet werden
       muß. Unabhängig davon ist allerdings die  L e i t f u n k t i o n
       d e r   G r o ß b e t r i e b e.  Sie ist vor allem in der Tatsa-
       che begründet,  daß im  Rahmen der  Großbetriebe die Formulierung
       und Organisierung  kollektiver  Lohnarbeiterinteressen  aus  ver-
       schiedenen soziologischen  Gründen leichter  möglich ist,  daß es
       hier eine umfassendere gewerkschaftliche und betriebliche Vertre-
       tungsstruktur gibt,  daß die Strömungen der Arbeiterbewegung auch
       organisatorisch vertreten  sind usw.  All dies  begründet  jedoch
       keinen automatischen  Trend zu einer klassenorientierten Politik.
       Gerade Konzernunternehmen  haben es  in der Vergangenheit oft auf
       der Grundlage  einer relativen  Privilegierung verstanden, ausge-
       sprochen sozialpartnerschaftliche  Haltungen zu verstärken und zu
       festigen; dies  spielt für  innergewerkschaftliche Kräfteverhält-
       nisse eine  große Rolle.  Großbetriebe haben von ihrer objektiven
       Stellung her eine ausschlaggebende Rolle für die Orientierung der
       Klasse, obwohl  in ihnen  nur Minderheiten  der Klasse  arbeiten.
       Wichtig ist  es, die  Veränderung in den Großbetrieben selbst zur
       Kenntnis zu nehmen (z. B. Typ IBM). Ferner kann Großbetrieb nicht
       nur auf  die materielle  Produktion bezogen  werden. Man muß also
       die heute  bestehende Vielfalt  in ihrer systematischen Abstufung
       beachten.
       Insofern wäre es wichtig, die Entwicklung  u n t e r s c h i e d-
       l i c h e r   B e t r i e b s-   u n d   B e l e g s c h a f t s-
       t y p e n   unter dem  Gesichtspunkt objektiver  Strukturmerkmale
       mit ihren jeweiligen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten empirisch
       zu erfassen (Gesichtspunkte wären u.a.: Größenklassen, "alte" und
       "neue" Betriebe,  Traditionen,  Branchenbezug,  Wirtschaftsabtei-
       lungen, sozialökonomische Sektoren - großkapitalistischer Sektor,
       Staatssektor etc.  -) und  zu untersuchen,  inwieweit  sich  hier
       übergreifende kollektive  Interessenstrukturen und Formierungsbe-
       dingungen  herausbilden  (nach  der  Ertragskraft  der  Betriebe,
       sozialen Bedingungen, Weltmarktorientierung usf.).
       Soweit die  Veränderungen  des  kapitalistischen  Betriebes,  der
       Struktur der  Arbeiterklasse und  des Gesamtarbeiters sowie ihrer
       Formierungsbedingungen in  theoretische Konzeptionen von der Auf-
       lösung der  Arbeiterklasse, der  Technostruktur,  des  Industrie-
       systemblocks usf.  umgesetzt werden,  sollten solche Auffassungen
       kritisiert werden.
       
       2. Momente der objektiven betrieblichen
       ---------------------------------------
       Klassenstruktur und Klassenorganisation
       ---------------------------------------
       
       8. Ein   wichtiger    Ansatz    ist    die    Untersuchung    der
       B e l e g s c h a f t e n,   vor allem  von Großbetrieben,  a l s
       G e s a m t a r b e i t e r.   Das betrifft allgemein die Analyse
       der betrieblichen Sozialstruktur, besonders der  g e g e n w ä r-
       t i g e n    F o r m e n    d e r    B e t r i e b s h i e r a r-
       c h i e    u n d   d e r   a n   d i e  v e r s c h i e d e n e n
       R ä n g e  g e b u n d e n e n  G r u p p e n,  weil sich hieraus
       ein unterschiedliches  Gewicht der lohnabhängigen Mittelschichten
       und der  lohnabhängigen Intelligenz  ergibt, sich  vor allem aber
       Übergangs- und  Annäherungsprozesse an  die Arbeiterklasse besser
       erfassen lassen. Wahrscheinlich erbringt dies auch bestimmte Hin-
       weise für  gewerkschaftliches und  politisches Vorgehen. Dies be-
       trifft z.B.  aktuell die  Mobilisierung von  Gruppen der  wissen-
       schaftlich-technischen Intelligenz  gegen die  neuen EDV-Über-wa-
       chungssysteme und für Produktionsalternativen oder die Schlüssel-
       stellung der  betrieblichen EDV-Abteilungen  für  die  Einführung
       neuer Technik.
       9. Auch in zyklischen Konjunkturphasen wird die  K r i s e n s i-
       t u a t i o n   vieler Bereiche bestehen bleiben; somit kann eine
       Art  P o l a r i s i e r u n g  unter diesen Gesichtspunkten auf-
       treten. Dies  ist eine objektive Basis für Spaltungstendenzen und
       einen auch  in der  Konjunktur kaum  nachlassenden Druck  auf die
       Reallöhne. Unter  diesem Gesichtspunkt  sind auch  die Thesen von
       Krisenkartellen, Weltmarktkorporatismus usw. zu prüfen.
       Die anhaltende  Millionenarbeitslosigkeit hat  bisher überwiegend
       gegen die  Kampfbereitschaft der Belegschaften gewirkt, die indi-
       viduelle Suche  nach Überlebensstrategien  gefördert. Die Tendenz
       zur   sogenannten      A r b e i t s m a r k t s e g m e n t i e-
       r u n g  wird andauern. Nach wie vor besteht erst geringe Bereit-
       schaft,  gegenüber   den  Arbeitslosen   solidarisches  Verhalten
       (Unterstützung der Arbeitslosenbewegung) zu praktizieren - offen-
       sichtlich auch  infolge der  spontan entstehenden Furcht, dadurch
       Verschlechterungen in  Kauf nehmen zu müssen. Mit anhaltender Ar-
       beitslosigkeit hat  sich der  Druck auf  bestimmte Beschäftigten-
       gruppen (Auszubildende  wegen der  Übernahme, Alte wegen Frühver-
       rentung, Ausländer wegen Abschiebungsgefahr u.a.) verstärkt.
       Unterbelichtet blieb  bisher in  diesem Zusammenhang die exaktere
       Erfassung der   B e t r i e b s p o l i t i k   d e r  U n t e r-
       n e h m e r,   ihrer entsprechenden  Apparate und  der Verbindung
       mit außerbetrieblichen  und staatlichen  Einrichtungen, d.h.  die
       Einwirkung der  staatsmonopolistischen   Ü b e r w a c h u n g s-
       u n d   S i c h e r h e i t s a p p a r a t e;  ä h n l i c h  in
       der  Sozialpolitik   (gerade  bei   bestimmten   Monopolen:   die
       Privilegierung durch  Beteiligung  am  Monopolprofit  -  Degussa,
       Hoechst usw.; gezielte Arbeitsmarktpolitik innerhalb der Konzerne
       usw.).
       Eine besondere  Gruppe sind die ausländischen Arbeiter, auch des-
       halb, weil  ihr Gewicht  in bestimmten Branchen (Fließband-, Mas-
       senproduktionsbetriebe, Grundstoffe u. ä.) groß ist und schon von
       daher ihre Spezifik gesamtbetriebliche Bedeutung hat. Man muß vor
       allem ihre Haltung in den betrieblichen Konflikten beachten. All-
       gemein haben  sie eine  solidarische Orientierung in den Kämpfen.
       Aber es ist unvermeidlich, daß ihr bedrängter Status dort, wo sie
       politisch nicht  oder nur  schwach organisiert oder rechts orien-
       tiert sind z.B. Gruppen von Türken), negative Rückwirkungen haben
       kann.
       10. Daran schließt  sich die  Frage nach der  S t a b i l i t ä t
       d e r   L o h n a r b e i t   an. Orientieren sich die zweite und
       dritte Ausländergeneration  noch auf den Aufbau einer selbständi-
       gen Existenz  in ihren Heimatländern oder auf ein Lohnarbeiterle-
       ben hier?  Für welche  Gruppen der Arbeiterklasse bestimmen Früh-
       verrentung, Sozialpläne,  kurzfristiges Jobben  ihre Perspektive?
       Was bedeutet  die Attraktivität  der von  den Unternehmern propa-
       gierten flexiblen  betrieblichen Arbeitszeitregelungen? Vor allem
       für  Frauen   verstärkt  sich  die  Tendenz  zur  Ausweitung  der
       u n g e s c h ü t z t e n   L o h n a r b e i t  unter zeitgenös-
       sischen Verlagssystemen - ermöglicht durch Miniaturisierung neuer
       Technik und neue Kontrollsysteme
       11. Eine wichtige Änderung in der Reproduktion der Arbeiterklasse
       ist die  Ausweitung des  B i l d u n g s s y s t e m s,  die Ver-
       längerung der  zeitlichen Dauer  und die tendenzielle Verlagerung
       der Ausbildung zur Allgemein- und Berufsbildung außerhalb des Be-
       triebes. Damit  verlagert sich  auch die  soziale Kontrolle,  die
       früher z.  T. durch entsprechende Arbeitergruppen ausgeübt wurde,
       aus dem  Betrieb.   D a s   M i l i e u   d e s  B i l d u n g s-
       w e s e n s   e r l a n g t   f ü r   d i e    S o z i a l i s a-
       t i o n   e i n e   g r o ß e   B e d e u t u n g.  Dies betrifft
       ohnehin in  hohem Maße  die Intelligenz,  zunehmend aber auch die
       Nachwuchsgruppen der Arbeiterklasse.
       Die Erhöhung des Bildungsniveaus prägt heute schon die betriebli-
       chen Kader.  Damit ist  auch ein  bestimmter Unterschied zwischen
       den Generationen  entstanden. Diese Umstände schaffen in bestimm-
       ter Hinsicht  neue Möglichkeiten  für  "theoretisch-ideologische"
       Zugänge bei  entwickelten betrieblichen  Kadern. Was sind das für
       Zugänge? Gehen  sie von  der individuellen Lebensweise und verän-
       dertem Kulturverhalten  aus? Sind  sie v.a.  sensibel für globale
       Probleme und  die Notwendigkeit  gesellschaftlicher Alternativen?
       Ist es  die Sinnfrage  der Lohnarbeiterexistenz?  Hieraus  ergibt
       sich die  Schlüsselrolle, die Bildungsarbeit für die betriebliche
       Kaderbildung spielt.  Wie weit  werden gewerkschaftliche Angebote
       den wachsenden weltanschaulich-politischen Anforderungen gerecht,
       wie weit  können sich marxistisch und/oder alternativ orientierte
       Kräfte hier für betriebliche Kader profilieren?
       12. Die z.T.  sprunghaften Veränderungen der betrieblichen Struk-
       turen mit dein Einsatz der neuen Technik-mehr noch die Perspekti-
       ven dieses  Einsatzes -  haben die Formierungsbedingungen der Ar-
       beiterklasse nachhaltig  verändert. Was  bedeutet das für die in-
       nere Struktur  der Arbeiter- und Angestelltenschaft, was für ihre
       Tätigkeiten, Belastungen,  Kommunikationsmöglichkeiten usw. - un-
       terschieden nach  Branchen und betrieblichen Abteilungen? Zum er-
       sten Mal deutet sich die Möglichkeit an, daß Angestelltenbereiche
       massenhaft organisiert  werden können,  da die Industrialisierung
       ihrer Arbeitsfunktionen nun die Notwendigkeit zu kollektivem Ver-
       halten stärker hervorbringt.
       Im Formierungsprozeß  der Arbeiterklasse  haben historisch  immer
       bestimmte Gruppen innerhalb der Klasse politisch-ideologisch eine
       führende Rolle  eingenommen. Die  gewerkschaftliche Organisierung
       neuer Gruppen gab der Arbeiterbewegung in vielen Fällen eine neue
       Schubkraft. Entwickeln  sich angesichts  der klassenstrukturellen
       Veränderungen durch  die  wissenschaftlich-technische  Revolution
       solche neuen Gruppen?
       Aus verschiedenen  Gründen ist  die  Umschichtung  in    A n g e-
       s t e l l t e n t ä t i g k e i t e n   noch nicht abgeschlossen.
       Diese  Verlagerung  hat  die  Struktur  der  Arbeiterklasse  sehr
       nachhaltig  beeinflußt,   weil  aus   ihren  betrieblichen   Exi-
       stenzbedingungen heraus  die Angestellten entschieden weniger als
       Arbeiter zur  Kollektivität und  kollektiven Interessenvertretung
       neigen. Entsprechend  ihren Existenzbedingungen - und nicht wegen
       eines nachhinkenden  Bewußtseins - bilden sie eher ein funktiona-
       listisches Gesellschaftsbild denn eine antagonistische Anschauung
       aus. Sie  haben somit   a n d e r e  Z u g ä n g e  z u  K l a s-
       s e n b e w u ß t s e i n  als Arbeiter.
       Welche Probleme  und Möglichkeiten  bieten sich hier? Offensicht-
       lich stehen  für einfache Angestelltengruppen Fragen von Lohn und
       Arbeitsplatzsicherheit im  Vordergrund; in qualifizierten Gruppen
       spielen Fragen von Befriedigung und Sinn der Arbeit eine wichtige
       Rolle -  wie vieles andere, das gegenwärtig v. a. von Grün-Alter-
       nativen aufgegriffen  wird. Sind  sie  leichter  auf  politischer
       Ebene anzusprechen, durch Fragen gesellschaftlicher Dysfunktiona-
       lität des  SMK, globale Probleme o.ä.? Wie laufen hier die Inter-
       essen- und Einflußlinien?
       Für die  Angestellten spielt  die  Orientierung  an  hierarchisch
       "Höhergestellten" eine  wichtige Rolle.  Hier können  die Gruppen
       der fortschrittlichen  jüngeren Intelligenz, die sich an den stu-
       dentischen Kämpfen  und Bewegungen beteiligt haben, eine wichtige
       Rolle bei der Organisierung größerer Angestelltengruppen spielen.
       Gilt das auch für Angestelltenbelegschaften industrieller Großbe-
       triebe, oder können hier kämpferische Einflüsse aus der Arbeiter-
       schaft eher wirksam werden?
       In diesem Sinne sind heute diese "höheren" Gruppen der betriebli-
       chen Sozialstruktur  nicht mehr  eine unbedingte Stütze der Herr-
       schaft des Kapitals. Jedoch darf in der praktischen Politik nicht
       die funktionell bedingte  L o y a l i t ä t s b i n d u n g  die-
       ser Gruppen übersehen werden, die ihrem Auftreten bestimmte Gren-
       zen setzt,  abgesehen von bestimmten Privilegieninteressen dieser
       Gruppen.
       Die Beachtung  dieser Strukturen  ist vor  allem in den neuen Be-
       trieben wichtig.  Über derartige  Zugänge liegen gerade in diesen
       Bereichen gegenwärtig große Chancen für die gewerkschaftliche und
       politische Organisierung.
       13. Kursorisch ist  hier auf  einige    V e r ä n d e r u n g e n
       aufmerksam  zu   machen,  die  für  die    E x i s t e n z    des
       h e u t i g e n   A r b e i t e r s   wichtig sind  und vor allem
       seine     a u ß e r b e t r i e b l i c h e    S o z i a l i s a-
       t i o n  u n d  R e p r o d u k t i o n  betreffen:
       * Gegenüber früher  hat die  F r e i z e i t  zugenommen bzw. die
       Zeit abgenommen,  die der  Arbeiter im  Betrieb  verbringt.  Dies
       führt zu  einer relativen Minderung der Prägekraft des betriebli-
       chen Lebens.
       * In die  gleiche Richtung  zielt die  Verlängerung des    J a h-
       r e s u r l a u b e s,   der heute vor allem für die jüngeren und
       mittleren Generationen ein wichtiges sozialpsychologisches Ventil
       ist. Er  hat auch  wichtige integrative  Wirkungen - wie übrigens
       auch die Sogwirkung der BRD für ausländische Arbeiter.
       * Eine grundlegende  Umorientierung der    G e n e r a t i o n s-
       p e r s p e k t i v e   war mit  der    R e n t e n p o l i t i k
       bis dato  verbunden. Anpassung  zahlt sich  individuell mehr  als
       Kampf aus (über Anrechnungsjahre, Betriebsrente).
       * Die partielle Demokratisierung des  B i l d u n g s w e s e n s
       hat über den 2. Bildungsweg den agilsten Vertretern der Arbeiter-
       klasse einen Aufstieg in die Intelligenz oder ähnliche Positionen
       erlaubt. Obwohl die ökonomischen und sozialpsychologischen Mecha-
       nismen nach  wie vor  den massenhaften Zugang von Arbeiterkindern
       zur höheren  Bildung blockiert haben, ist ein massenhafter Zugang
       aus den  Arbeiterklassegruppen der  Angestellten und  Beamten er-
       folgt. Dies beeinflußt notwendigerweise die Gesellschaftsperspek-
       tive dieser Gruppen.
       * Für  die mittleren  und älteren  Jahrgänge ist  bis  heute  die
       E r h ö h u n g   d e s   K o n s u m n i v e a u s  bzw. Lebens-
       und Zivilisationsstandards  der prägende  Vorgang geblieben.  Sie
       reagieren auf die Möglichkeit des Verlustes wie Privilegienbesit-
       zer. Beachtet  werden muß,  daß sich dies auch in  K l e i n e i-
       g e n t u m   (Haus, Eigentumswohnung) und  l a n g l e b i g e n
       K o n s u m g ü t e r n   (PKW) ausdrückt  und hierüber  die  An-
       bindung an  konservative Hegemonievarianten möglich ist. Erst mit
       dem Selbstverständlichkeitseffekt  für die  nachfolgenden Genera-
       tionen und  ihren Krisenerfahrungen  ändert bzw. relativiert sich
       die Beurteilung dieser Sachverhalte.
       * Einen starken  integrativen Effekt  hatte und  hat  das    S y-
       s t e m   d e r   S o z i a l l e i s t u n g e n    (Kindergeld.
       Wohngeld, BAFöG)  und sein  im internationalen Vergleich nach wie
       vor hohes  Niveau. Auch  dies hat  zur  starken  Verbreitung  des
       s o z i a l ö k o n o m i s c h e n   C h a u v i n i s m u s   -
       vor allem  gegenüber sozialistischen  Ländern, den "armen Brüdern
       und Schwestern",  den Polen  usw. - beigetragen, den Schmidt sei-
       nerzeit als  Modell Deutschland zu propagieren und zu nutzen ver-
       suchte.
       * Ein besonderes  Problem ist  der   E i n f l u ß  d e r  M a s-
       s e n m e d i e n,   vor allem  des  F e r n s e h e n s  und der
       B o u l e v a r d p r e s s e   (BILD-Zeitung). Dies hat bei fast
       allen  fortschrittlichen  Arbeitern  einen  mitunter  überzogenen
       symbolischen Haß auf die BILD-Zeitung hervorgebracht, symbolisch,
       weil er  sich gegen  die Herrschaft bürgerlicher Klischees in der
       Arbeiterklasse als Schranke progressiver Möglichkeiten der Arbei-
       terklasse richtet.  So verhindern diese Medien, daß sich spontane
       Erfahrungen des  ökonomischen Antagonismus  im Betrieb in politi-
       schem Klassenbewußtsein  verallgemeinern. Ihre  Stärke liegt  auf
       all jenen Gebieten, die nicht der eigenen unmittelbaren Erfahrung
       und Überprüfung  unterliegen. Damit  bilden sie  eine wesentliche
       Hürde für die Ausbildung sozialistischen Bewußtseins. Doch ist es
       auch hier  langfristig möglich,  daß sich die eigenen Erfahrungen
       der Wirklichkeit  gegen  ihre  Entstellung  in  den  Massenmedien
       durchsetzen. Es  ist eine  außerordentlich wichtige und weiter zu
       analysierende Erscheinung,  daß das Anliegen der Friedensbewegung
       gegen die  Massenmedien verbreitet  und v.a.  in den  öffentlich-
       rechtlichen Medien  nicht hinwegmanipuliert  werden konnte, da es
       von Teilen  der (betrieblich  und gewerkschaftlich organisierten)
       Beschäftigten unterstützt  wurde. In  diesem Zusammenhang  ist es
       auch von  erstrangiger Bedeutung, daß in den Mai/Juli-Streiks der
       Kern der  Arbeiterklasse gegen  eine beispiellose  und nahezu ge-
       schlossene antigewerkschaftliche  Hetze der Massenmedien Kampfbe-
       reitschaft und  Aktionsfähigkeit demonstrierte. Soweit die Medien
       entfremdete und kompensatorische Bedürfnisse befriedigen, ist die
       Eindämmung ihres  Einflusses zweifellos schwieriger als bei offen
       politischen Themen.
       * Geschlossene   A r b e i t e r m i l i e u s   sind  heute  nur
       noch eine  Seltenheit. Die  Bindungen an  das    s u b k u l t u-
       r e l l e  Milieu der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung haben
       sich  sehr   stark  gelockert.   Gleichzeitig  sind   große  neue
       Wohnviertel  entstanden,   deren  Charakter  durch  einfache  und
       mittlere Gruppen  der Arbeiterklasse geprägt ist. Wie bilden sich
       hier Öffentlichkeiten  und  oppositionelle  Kristallisationskerne
       heraus (Vereine, Bürgerinitiativen, Jugendzentren o. ä.)?
       All dies  hat auch  dazu geführt,  daß die ideologische Kontrolle
       der Arbeiterbewegung,  die sich  früher betrieblich  und außerbe-
       trieblich mit  der sozialen  Kontrolle ergeben  hatte,  gelockert
       oder aufgelöst ist. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die be-
       triebliche Klassenorganisation.
       14. Alle bisher  genannten Faktoren  sind heranzuziehen,  wenn es
       darum geht  zu bestimmen,  wie die  Krisenerfahrungen die  Beleg-
       schaften in  der Grundfrage  der Haltung  zur Sozialpartnerschaft
       polarisieren. Ein  entscheidender Aspekt der Betriebsstruktur ist
       der   s o z i a l p a r t n e r s c h a f t l i c h    o r i e n-
       t i e r t e   B e l e g s c h a f t s t e i l.   Diese Gruppen  -
       ebenfalls die  Übergänge zur  "Mitte" und  nach  links  -  müssen
       genauer betrachtet  werden. Man muß fragen: Wer sind die sozialen
       Stützen entsprechender  Betriebsratsgruppen und  wie, mit welchen
       Praktiken behalten sie Position und Einfluß?
       Man muß  davon ausgehen, daß Krisenerscheinungen zu  P o l a r i-
       s i e r u n g e n   in den Belegschaften führen - was keinesfalls
       einheitliches  Handeln   in  ökonomischen   Fragen  und   gewerk-
       schaftlichen  Kämpfen  ausschließt  und  zur  Umorientierung  be-
       stimmter Gruppen  führen  kann.  Hier  muß  vor  allem  nach  den
       O b e r g r u p p e n   d e r  A r b e i t e r k l a s s e,  nach
       den jüngeren  und mittleren Facharbeitergenerationen gefragt wer-
       den. Hat  sich deren  Bindung an die Sozialdemokratie tatsächlich
       gelockert?  Was   machte  sie   (zumindest  propagandistisch)  zu
       Schmidt-Anhängern (die berüchtigte These vom Block des Industrie-
       systems)? Welche  Teile votierten im März 1983 für die CDU? Unter
       welchen Bedingungen  setzen sich  in diesen Obergruppen Verzicht-
       haltungen durch?  Entlang welcher  Linien kommt es zur Polarisie-
       rung gegen  gewerkschaftlich engagierte  Facharbeitergruppen, die
       gegen die  Erpressung zum offenen Lohnverzicht Widerstand leisten
       wollen? Inzwischen  sind offene  und zum  Teil auch  vertragliche
       Lohnverzichte (vor allem in Mittelbetrieben, aber auch bei ARBED)
       zu konstatieren.  Welche Erfahrungen haben kämpferische Betriebs-
       ratsmitglieder gesammelt,  wenn unter  dem Krisendruck  die Hand-
       lungsbereitschaft der betrieblichen Basis schwindet?
       Frauen sind  in den vergangenen Jahren mit kämpferischen Aktionen
       und durch gewerkschaftliche Impulse hervorgetreten. Gilt dies nur
       für reine Frauen-Belegschaften und gleichermaßen in der Industrie
       wie in  den Dienstleistungen? Konnten aktive weibliche Teilbeleg-
       schaften die  Interessengemeinsamkeit mit  den männlichen  Beleg-
       schaftsteilen und -vertretern stärken und über welche Fragen?
       Bei der  Beurteilung der  Polarisierung darf  ebenfalls nicht die
       H a l t u n g   d e r  "U n t e r s c h i c h t e n"  aus der Be-
       trachtung bleiben, obwohl sich diese weniger im betrieblichen Mi-
       lieu artikulieren.  Man muß  davon ausgehen, daß beim bestehenden
       ideologischen Klima  Radikalisierungen in  diesen Schichten  eher
       rechte Strömungen  bis hin  zum Neofaschismus  begünstigen (siehe
       die Haltung  dieser Schichten  bei der  Jugend, wobei  hier  auch
       schon die Deklassierten eine Rolle spielen).
       15. Die   o b j e k t i v e   b e t r i e b l i c h e    K l a s-
       s e n o r g a n i s a t i o n   ist   G e g e n m a c h t-  u n d
       S c h u t z o r g a n i s a t i o n  im Rahmen eines Herrschafts-
       und Ausbeutungsverhältnisses.  Sie umfaßt  die gewerkschaftlichen
       Strukturen im  Betrieb (Vertrauensleute  u.a.  Gremien)  und  die
       institutionalisierten Vertretungsgremien  nach  dem  BetrVG  (Be-
       triebsräte,   Ausschüsse,   Betriebsversammlungen,   AR-Vertreter
       u.a.). Sie  ist ein aus der Betriebsstruktur hervorwachsender Or-
       ganisationsaspekt der Belegschaft. Als Unterbau müssen die infor-
       melle Gruppenstruktur  der Arbeiter und Angestellten und die for-
       melle Gewerkschaftsgruppenstruktur  (nach Abteilungen usw.) ange-
       sehen werden.  Dies ist  der organisatorische  Rahmen, in dem die
       betrieblichen (Klassen-)  Interessen artikuliert,  formuliert und
       durchgesetzt werden können.
       Fragen haben  sich auf  Funktionieren und Zusammenwirken der Ein-
       zelelemente der  betrieblichen Klassenorganisation  in  verschie-
       denen Betrieben,  Belegschaften, Situationen zu richten. Wie wir-
       ken sie  mit- oder  gegeneinander, wer  führt nach innen und nach
       außen, wie  verschieben sich Funktion und Gewicht, wie wirken sie
       mit der  lokalen oder  auch übergeordneten Gewerkschaftsebene zu-
       sammen?
       Die objektive Klassenorganisation ist auch der Rahmen, in dem die
       politischen Strömungen der Arbeiterbewegung wirksam werden.
       
       3. Der Betrieb als hegemonialer Raum
       ------------------------------------
       
       16. Diese Auffassung basiert auf der Bestimmung des Betriebes als
       Machtsystem. Vor  allem im Rahmen sozialpartnerschaftlicher Stra-
       tegien und  Systeme strebt  das Kapital  danach, Klassendenken in
       der Arbeiterschaft  auszulöschen und  für seine Maßnahmen die Zu-
       stimmung der  Belegschaften zu  erhalten. Allerdings  bestimmt in
       der   H a u p t s a c h e   d i e  r e p r e s s i v e  S e i t e
       das betriebliche  Herrschaftssystem. Je stärker jedoch schöpferi-
       sche und  intellektuelle Potenzen der Produzenten gefordert sind,
       desto mehr  ist der  Geist der  "illusorischen Gemeinschaft"  zur
       Steuerung und  Kontrolle nötig.  Die Expansion  der  bürgerlichen
       Ideologie hat somit unmittelbare ökonomische Effekte. Auf der an-
       deren Seite ist der Kampf um die Klassenorganisation eine Ausein-
       andersetzung der  Strömungen der  Arbeiterbewegung   u m    d i e
       g e g e n ü b e r   d e m   K a p i t a l    e i n z u s c h l a-
       g e n d e   H a l t u n g   und umgekehrt.  D e r  K a m p f  u m
       d i e   H e g e m o n i e   b e z i e h t  s i c h  a l s o  z u-
       e r s t   a u f   d i e   ö k o n o m i s c h e  E b e n e  d e s
       K l a s s e n k a m p f e s   u n d  d i e  d a r i n  i n v o l-
       v i e r t e n  I d e o l o g i e n.
       K l a s s e n a u t o n o m i e   und  S o z i a l p a r t n e r-
       s c h a f t   sind die  Kennzeichen  der  beiden  gegensätzlichen
       H a u p t s t r ö m u n g e n.   In diesen  Gegensatz sind andere
       politische und  ideologische Gruppierungen eingegliedert. Es wäre
       eine wichtige  Aufgabe, die  unter den  gegenwärtigen Bedingungen
       wichtigsten Gegenstände  und Formen  dieser Auseinandersetzung zu
       analysieren.
       17. Der  Klassenkampf auf ökonomischer Ebene umfaßt nicht nur den
       Lohnkonflikt, sondern  ebenso Auseinandersetzungen  um Arbeitsbe-
       dingungen und  Arbeitsplätze. Die Konfliktschwerpunkte haben sich
       mit dem  Wechsel von  der Konjunktur  zur Krise  verschoben: Zwar
       verbreitern sich  Streikformen in  den Tarifkonflikten  in vielen
       neuen Sektoren der Arbeiterklasse, der Lohnkampf selbst gerät je-
       doch in eine starke Defensive.  W e l c h e  K o n f l i k t g e-
       g e n s t ä n d e  w e r d e n  i n  d e n  V o r d e r g r u n d
       t r e t e n?  zeigt sich, daß gegenwärtig vor allem die Forderung
       nach Arbeitszeitverkürzung  verschiedene Bereiche  der  Reproduk-
       tionsinteressen bündeln  und zu  einem offensiveren Konzept gegen
       die Krisenstrategie  des Kapitals  werden kann.  Dies  haben  die
       Mai/Juli-Kämpfe 1984  inzwischen deutlich  bestätigt.  Unter  dem
       Krisendruck gewinnt  die Verteidigung  von demokratischen Rechten
       im Betrieb an Bedeutung.
       Wie setzt sich die Erfahrung um, daß der Spielraum für erfolgrei-
       che  Interessenvertretung   auf  betrieblicher  Ebene  schrumpft?
       P o l i t i s i e r u n g s s c h ü b e   kamen in der zurücklie-
       genden Zeit  eher aus  den Krisenbranchen  (Stahl, Werft) als aus
       den  tarifpolitischen  Schwerpunktbereichen  (Baden-Württemberg),
       wie Diskussionen  um Verstaatlichung und alternative Wirtschafts-
       politik belegen.  In den Betriebsbesetzungen und anderen betrieb-
       lichen Kämpfen  um Arbeitsplätze  werden die derzeitigen Kampfbe-
       dingungen sehr plastisch sichtbar. Dies gilt für die Reaktion der
       Gewerkschaften ebenso  wie für die sichtbar werdende Schwäche der
       linken Betriebskerne.
       18. Mit der Krise hat sich der materielle Manövrierraum einer so-
       zialpartnerschaftlichen Politik  vermindert. Sie  kann jedoch nur
       Masseneinfluß behalten,  wenn materielle  und soziale  Zugeständ-
       nisse des Kapitals gemacht werden. Deshalb wird auch die Position
       s o z i a l p a r t n e r s c h a f t l i c h e r
       F ü h r u n g s g r u p p e n   in den  Betriebsräten  labil  und
       e i n   W e c h s e l   ü b e r  die Betriebsrats wahlen, Listen-
       aufstellung usw.  wird möglich.  Dies kann  zu einem massenhaften
       Prozeß werden, der sich auch über den Generationswechsel vollzie-
       hen kann.  In diesem  Zusammenhang ist es außerordentlich bedeut-
       sam,  das    P r o f i l    d e r    b e t r i e b l i c h - g e-
       w e r k s c h a f t l i c h e n   K a d e r,   die einen  solchen
       Wechsel tragen, näher zu bestimmen.
       Soweit in  einigen Großbetrieben   l i n k e  M i l i e u s  ent-
       standen sind,  sind Informationen  dazu vorhanden  und analysiert
       worden.  Q u a n t i t a t i v  w i c h t i g e r  ist jedoch der
       Wechsel, der  sich ohne  äußeren Bruch  - über neue Mehrheiten in
       den Vertrauensleutekörpern, über andere Orientierungen des außer-
       betrieblichen Gewerkschaftsapparates  usw. - vollzieht. Ihre Vor-
       stellungen über  eine autonome  Politik sind zwar nicht identisch
       mit dem Massenbewußtsein, aber dessen nicht allzu weit abgehobene
       Spitze.
       J e d o c h   b e t r i f f t   d i e s e   V e r ä n d e r u n g
       w e i t h i n   d e n   M o d u s  d e r  D u r c h s e t z u n g
       d e r  ö k o n o m i s c h e n  I n t e r e s s e n.
       19. Unter Bedingungen  entwickelteren Klassenbewußtseins  von Ar-
       beitermassen   w a r   in Deutschland  der ständige    G e g e n-
       s a t z   v o n   B a s i s   d e r   A r b e i t e r k l a s s e
       u n d      G e w e r k s c h a f t s a p p a r a t e n      u n d
       -f ü h r u n g e n   e i n e   w i c h t i g e   K o n f l i k t-
       a c h s e   im Kampf  der Arbeiterklasse. Unter den gegenwärtigen
       Bedingungen trifft  dieser Gegensatz  längst nicht  mehr für alle
       Gewerkschaftssektoren zu.  In den weniger sozialpartnerschaftlich
       ausgerichteten   Sektoren   reflektiert   der   gewerkschaftliche
       Funktionärskörper, einschließlich  eines Teils des hauptamtlichen
       Apparates,  die   Notwendigkeit  des   Kampfes  und   die   neuen
       Bedingungen in  weit höherem  Maße als  die Basis.  Heute muß mit
       Blick auf  die  Gesamtverhältnisse  (noch)  eher  gesagt  werden,
       d i e   B a s i s   b r e m s t   u n d    d e r    A p p a r a t
       s c h i e b t  als umgekehrt.
       Dieses Verhältnis  Basis/Apparat kann sich schnell verändern, so-
       bald größere  Teile der  Arbeiterklasse in  Bewegung geraten. Zur
       Zeit zeigt  sich jedoch,  daß politisch-ideologische Erkenntnisse
       im Apparat  und Funktionärskörper  stärker gewonnen und praktisch
       umgesetzt werden  können. Es  wäre wichtig,  die Bindung  der be-
       trieblich-gewerkschaftlichen Strukturen  und Kader an die Gewerk-
       schaftsapparate und  die Rückwirkung  der Strömungen  bzw.  deren
       Wechselwirkung genauer zu untersuchen.
       Die Situation in allen  e n t w i c k e l t e n  kapitalistischen
       Ländern scheint  zur Zeit durch folgende Verhältnisse bestimmt zu
       sein: Die  Linkstendenzen, die  sich in  sozialdemokratisch domi-
       nierten Organisationen  durchsetzen können, verlängern sich nicht
       spontan und  kurzfristig auf  die Massenstimmungen  der Arbeiter-
       klassen und  der Bevölkerung.  In diesen Ländern findet auch kein
       Aufschwung der  kommunistischen Strömung statt. Dies hängt offen-
       sichtlich damit zusammen, daß es in keinem dieser Länder gelungen
       ist, vorwärtsweisende  Alternativen der  Gesellschaftsänderung im
       Massendenken zu  verankern. Diese  Situation schlägt notwendiger-
       weise auch  auf die betrieblichen Verhältnisse zurück (siehe Eng-
       land, Frankreich).
       Der Gegensatz von Autonomie und Sozialpartnerschaft hat gegenwär-
       tig eine  wichtige Erscheinungsform in einer entsprechenden, aus-
       geprägten Blockbildung innerhalb des DGB.
       20. Die   a u ß e r b e t r i e b l i c h e n    politischen  und
       ideologischen   S t r ö m u n g e n   haben in den entsprechenden
       betrieblichen Strukturen   k e i n e    p r o p o r t i o n a l e
       F o r t s e t z u n g.   Hieran scheitern  immer wieder  die Pro-
       porzbemühungen der  CDU, die quantitativen Verhältnisse allgemei-
       ner Parlamentswahlen  auf die  Repräsentanz dieser  Strömungen in
       den Gewerkschaften  zu übertragen, aber auch die Versuche, Kommu-
       nisten unter Proporzparolen "abzuschießen". Hieraus erklären sich
       aber auch  die zeitweiligen  Erfolge von kleinen - z.T. sektiere-
       risch orientierten - militanten Gruppen bei Betriebsratswahlen.
       Die Bedürfnisse nach militanter Vertretung der ökonomischen Klas-
       seninteressen reproduzieren nicht nur das Bedürfnis nach einheit-
       lichem Handeln,  weil ohne  dies nichts durchgesetzt werden kann,
       sondern sie  schaffen auch den Handlungsspielraum für klassenori-
       entierte Kräfte.
       Der politisch-ideologischen Verallgemeinerung dieser Tendenz sind
       gegenwärtig jedoch  relativ enge  Grenzen gesetzt.  Dies betrifft
       auch die Verbindlichkeit der Autorität betrieblicher Funktionäre.
       Sie wird i.d.R. nur für den Betrieb und die ökonomische Ebene an-
       erkannt. Dies  zeigt sich  etwa daran, daß linke Betriebsfunktio-
       näre als Kandidaten oder Befürworter bei Parlamentswahlen nur we-
       nig "mitziehen".
       Die Politisierungsprozesse  außerhalb des  Betriebes (z.B.  Frie-
       densbewegung) sind  heute ein  wichtiger  Orientierungspunkt  für
       viele betriebliche Kader, insbesondere da die Grenzen für die ei-
       genen erfolgreichen  Aktivitäten im  Betrieb  sehr  eng  gesteckt
       sind. Welche neuen Formen kollektiven Handelns im außerbetriebli-
       chen Bereich  erfassen Gruppen  der Arbeiterklasse und wirken auf
       die politischen Strukturen im betrieblichen Bereich zurück?
       21. Wichtig ist  es zu  prüfen, welche    A u s w i r k u n g e n
       d i e   b u n d e s p o l i t i s c h e    O p p o s i t i o n s-
       r o l l e  d e r  S P D  auf die betrieblichen Gruppierungen hat.
       Kommt es zur Vereinheitlichung sozialdemokratischer Kräfte in den
       Betrieben, werden  dabei sozialpartnerschaftliche oder autonomie-
       orientierte Positionen  gestärkt? Werden linkssozialdemokratische
       Betriebsfunktionäre wieder stärker an ihre Parteiführung gebunden
       und über  welche Themen?  Es wäre  auch  zu  untersuchen,  welche
       Rückwirkungen dies  auf  den  Autonomieflügel  in  Betrieben  und
       Gewerkschaften hat.  Schließlich  geht  es  auch  darum,  ob  die
       G r ü n - A l t e r n a t i v e n   über die  Zustimmung  in  der
       jüngeren Generation  und hier  besonders bei den höher Gebildeten
       eine betriebliche  Verankerung erreichen  oder ob  die SPD  diese
       Versuche aufgefangen  hat. Zu  fragen  ist  auch,  inwieweit  die
       n e u e n  s o z i a l e n  B e w e g u n g e n,  die ja auch von
       Arbeitern und  Angestellten getragen  werden,  Rückwirkungen  auf
       betriebliche Verhältnisse haben und welcher Natur diese sind.
       Die politischen  Betriebsstrukturen sollten  detaillierter  anvi-
       siert werden: Dies gilt für die betriebliche Präsenz der SPD, der
       CDU sowie  linker Gruppen - bzw. die Einwirkung der betriebsnahen
       oder auf  den Betrieb ausgerichteten Strukturen (CDA, AfA). Wich-
       tig bleibt auch, die Vernetzung zwischen den verschiedenen linken
       Betriebskernen weiterhin zu beobachten.
       
       22. Eine weitere  Untersuchungsebene sind  die   B e t r i e b s-
       ö f f e n t l i c h k e i t   u n d   d i e    b e t r i e b l i-
       c h e n   K o m m u n i k a t i o n s m i t t e l.   Konkret geht
       es um die Bestimmung des Einflusses von linken Betriebszeitungen,
       ob sie  über die  Informationsfunktion in  "Spannungszeiten" eine
       bewußtseinsbildende Rolle  ausüben können  und  ob  sie  bei  der
       Interessen- und Strategieformulierung Resonanz haben.
       23. Eine wichtige  Aufgabe der  Forschung ist  die Beachtung vor-
       wärtsweisender Ansatzpunkte.  Dies betrifft  z.B.  Untersuchungen
       darüber,   w o   e t w a   B e t r i e b s g r u p p e n    d e r
       D K P   ihre konkreten  Wirkungs- und Erfolgsmöglichkeiten haben.
       Zweifellos ist  gegenwärtig ihre  Hauptfunktion  die  konsequente
       Verstärkung des  Autonomietrends auf  der ökonomischen  Ebene und
       die Befestigung dieses Trends in den Vertretungskörperschaften.
       Wo liegen  jedoch darüber  hinaus heute  für sie  die politischen
       Durchbruchsmöglichkeiten? Es  liegt auf der Hand, daß die fortge-
       schrittensten sozialökonomischen  Forderungen  (z.B.  Verstaatli-
       chung) oder  auch die nach Osthandel Ansatzpunkte darstellen. Da-
       bei haben DKP-Gruppen auch Chancen, sich gegenüber sozialdemokra-
       tischen und  alternativen Kernen  weltanschaulich und theoretisch
       als marxistische Kraft mit sozialistischem Ziel zu profilieren.
       Ein  Grundproblem   der  betrieblichen   Orientierung   ist   die
       V e r a n k e r u n g   in der  Belegschaft durch  M i t g l i e-
       d e r g e w i n n u n g   und den    A u f b a u    b r e i t e r
       K o n t a k t-   u n d   E i n f l u ß z o n e n.  Dazu  ist  die
       Schaffung   l e g i t i m e r  S a m m e l p u n k t e  der oppo-
       sitionellen und  politisch entwickelten  Kräfte wichtig.  Legitim
       meint  hier:   Von  einer   klassenautonomen   Orientierung   her
       Forderungen und  Anliegen aufgreifen, die derart breiten Rückhalt
       in den  Belegschaften bzw.  in Bevölkerungsstimmungen  haben, daß
       solche  Sammelpunkte   nicht  mit   formellen  oder   politischen
       Vorwänden beseitigt  werden können.  Jüngstes positives  Beispiel
       sind die  b e t r i e b l i c h e n  F r i e d e n s i n i t i a-
       t i v e n,   und zwar  auch  deshalb,  weil  sie  sich  außerhalb
       bestimmenden Einflusses  etwa  der  sozialdemokratischen  Partei-
       führung oder anderer systemintegrativer Kräfte formieren konnten.
       Zu untersuchen  ist auch die Arbeit von Arbeitslosen-Initiativen,
       die mit  noch beschäftigten Belegschaften kooperieren, so etwa im
       Hamburger Großbetrieb HDW.
       Als wichtig haben sich auch  A r b e i t s k r e i s e  erwiesen,
       die bei  den Gewerkschaften und ihrem Umfeld angesiedelt sind und
       sich vom Standpunkt der Belegschaften mit legitimen Fragen befas-
       sen, so  der Konversionsforschung,  den Informationssystemen, den
       technischen Alternativen usw.
       Beachtet werden  muß, ob  in der   B e w e g u n g   f ü r  d i e
       A r b e i t s z e i t v e r k ü r z u n g   ähnliche Sammelpunkte
       von Aktivisten,  möglicherweise als zwischengewerkschaftliche Ko-
       operationsgruppen auf lokaler o. ä. Ebene, entstehen werden.
       Generell muß die Rückwirkung der Verbindung von Friedens- und Ar-
       beiterbewegung auf  die betrieblichen Verhältnisse sehr genau be-
       obachtet werden, weil hier die große Möglichkeit besteht, daß die
       Grenzen des Ökonomismus durchstoßen werden können.
       

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