Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


       zurück

       
       BETRIEBLICHE FRIEDENSINITIATIVEN IN DER BUNDESREPUBLIK
       ======================================================
       
       Peter Müller
       
       1. Verteilung  auf Wirtschaftssektoren  - 2.  Entstehung und Ent-
       wicklung der  BFI -  3. Aktivitäten - 4. Bewußtseinsentwicklung -
       5. Wechselwirkungen zwischen Friedens- und betrieblichem Bereich
       
       Trotz breiter  Aktionen war  die Friedensbewegung letztlich nicht
       imstande, die  Stationierung neuer  Mittelstreckenraketen in  der
       Bundesrepublik zu  verhindern. Vor  allem aus  der Arbeiterklasse
       und ihren  Gewerkschaften wurde  noch zu  wenig Druck entwickelt.
       Das Engagement  von Belegschaften  in den Betrieben wird mit über
       den Erfolg der Friedensbewegung entscheiden.
       Seit 1982  ist eine  Reihe von  betrieblichen Friedensinitiativen
       (BFI) entstanden,  die den Gegenstand unseres Beitrags bilden. Im
       Mittelpunkt stehen Fragen nach den vermittelnden Kräften zwischen
       außerbetrieblicher und  betrieblicher Friedensbewegung sowie nach
       der Spezifik  betrieblicher Friedensaktivität.  Weiter ist zu un-
       tersuchen, inwieweit  die BFI zu betrieblich und gewerkschaftlich
       wirksamen Zentren politisch entwickelter Kräfte geworden sind und
       ob sie sich Rückhalt unter den Belegschaften erwerben konnten. 1)
       Da es sich bei den BFI um einen neuen, bislang nicht bearbeiteten
       Gegenstand der Forschung handelt, 2) war es notwendig, neben vor-
       liegenden allgemeinen  Informationen in Gesprächen und Diskussio-
       nen mit Mitgliedern ausgewählter Initiativen vor Ort Erkenntnisse
       über deren  Arbeit zu  gewinnen. Damit sind bestimmte Grenzen der
       Materialbasis gesetzt;  dennoch erlaubt  sie gewisse Schlußfolge-
       rungen und Verallgemeinerungen. Untersucht wurden Initiativen aus
       den Organisationsbereichen  der IG  Metall und  der ÖTV, in denen
       die meisten  BFI entstanden  sind, sowie der Chemieindustrie; die
       starke Dominanz  sozialpartnerschaftlicher Politik in der IG Che-
       mie setzt  betrieblicher Friedensarbeit  in dieser  Branche große
       Hemmnisse entgegen.
       Zunächst soll  ein knapper  Überblick über  die erfaßten Betriebe
       gegeben werden.  Der Hoesch-Konzern  mit seinen  drei  Dortmunder
       Hüttenwerken (Phönix-,  Westfalen-, Unionhütte)  ist ausschlagge-
       bend für die Beschäftigungsmöglichkeiten und die Entwicklung die-
       ser Stadt.  Bereits seit  einigen Jahren wird dort von der Beleg-
       schaft unter Einschluß großer Teile der Bevölkerung der Kampf ge-
       gen den Abbau der Arbeitsplätze, für die Erhaltung der Stahlbasis
       Dortmund geführt.  Die BFI  Hoesch-Hüttenwerke war  Haupteinlader
       für das erste bundesweite Treffen betrieblicher Friedensinitiati-
       ven am 11. September 1983 in Dortmund. Das VW-Werk in Kassel-Bau-
       natal ist mit 16 000 Beschäftigten dominierender Metallbetrieb in
       Nordhessen. In Nürnberg treffen wir auf keine derartige einzelbe-
       triebliche Dominanz. Hier ist insbesondere die AEG Kanis mit 1200
       Beschäftigten ein  Schwerpunkt betrieblicher  Friedensarbeit. Für
       dieses Werk sind die sozialistischen Länder wichtige Handelspart-
       ner. Das  Arbeitsamt in Marburg besteht aus dem Hauptamt mit etwa
       170 Beschäftigten  sowie den  Nebenämtern. Dort arbeiten überwie-
       gend Angestellte.  Schließlich wurde das Frankfurter Hoechst-Werk
       in die Untersuchung einbezogen. Der Hoechst-Konzern ist das welt-
       weit umsatzstärkste Chemie-Unternehmen. Im Werk Frankfurt/M. sind
       30 000 Personen beschäftigt.
       
       1. Verteilung auf Wirtschaftssektoren
       -------------------------------------
       
       Die Schwerpunkte  betrieblicher Friedensarbeit und der betriebli-
       chen Friedensinitiativen  liegen im  Organisationsbereich der  IG
       Metall sowie  im öffentlichen  Dienst, darunter in bekannten Kon-
       zernen wie  Hoesch Dortmund,  Thyssen-Stahl-AG, Feine Salzgitter,
       Mannesmann, MAN,  Siemens, Hanomag  und anderen. Insbesondere die
       Stahl- und  Automobilindustrie weist  eine hohe Anzahl betriebli-
       cher Friedensinitiativen  auf. In  nahezu allen großen Automobil-
       konzernen wurden  BFI gegründet,  so bei Ford, Opel, Daimler-Benz
       und in allen sechs Werken des VW-Konzerns.
       Im öffentlichen  Dienst schlössen  sich Kollegen  insbesondere in
       Stadtverwaltungen (z.B.  in Dortmund und Nürnberg) und im Sozial-
       bereich zu Initiativen zusammen, weiter bei Post und Bahn, in Ar-
       beits- und  Jugendämtern sowie  Gerichten. Darüber  hinaus finden
       wir  eine   größere  Anzahl   von  BFI  im  Sektor  Hafen/Werften
       (Hamburger Hafen, HDW, Hapag-Lloyd) sowie im Organisationsbereich
       der IG  Druck und  Papier (z.  B. Axel-Springer-Verlag, Hamburg).
       Die HBV  koordiniert die  betriebliche Friedensarbeit  zum großen
       Teil auf  Ortsebene, da Betriebsgrößenstruktur und relativ gerin-
       ger Organisationsgrad  eine einzelbetriebliche Tätigkeit erschwe-
       ren.
       Daneben arbeiten  auch in  den Einzugsbereichen anderer Einzelge-
       werkschaften BFI, so in der Chemieindustrie (in den drei Monopol-
       konzernen Hoechst, BASF, Bayer) und im Bergbau. Das erste bundes-
       weite Treffen  betrieblicher Friedensinitiativen  spiegelte diese
       Verteilung wider. Zur Erklärung sind im wesentlichen drei Aspekte
       zu nennen:
       a) Die Metall-/Stahlindustrie und der öffentliche Dienst sind die
       weitaus größten  Sektoren der bundesdeutschen Wirtschaft (IGM und
       ÖTV sind die größten Einzelgewerkschaften).
       b) Die Stärke  der IGM, der überdurchschnittlich hohe Organisati-
       onsgrad in  den meisten  Großbetrieben, die  bereits eine gewisse
       Kampferfahrung haben,  und die  stärker an den Interessen der ab-
       hängig Beschäftigten orientierte Gewerkschaftspolitik bieten gün-
       stigere Bedingungen  und einen relativen Schutz für Friedensakti-
       vitäten im Betrieb.
       c) Im Öffentlichen Dienst ist bei betrieblichen Friedensaktivitä-
       ten  die  Disziplinierungsgefahr  durch  Arbeitsplatzverlust  und
       ähnliches relativ geringer als in der Privatwirtschaft, auch wenn
       die Drohung  mit Berufsverboten  nicht unterschätzt  werden darf.
       Weiter finden  wir insbesondere  in Angestellten-  und Dienstlei-
       stungssektoren jene  Teile der  Arbeiterklasse und ihrer sozialen
       Nachbarn, die  häufig als  "Scharniergruppen" zwischen  Friedens-
       und Arbeiterbewegung  wirken 3)  und die  Verankerung  der  Frie-
       densthematik in  Betrieb und Verwaltung erleichtern. Darüber hin-
       aus wurde der Aufbau von BFI in einigen Bereichen seitens der ÖTV
       aktiv gefördert. Damit deutet sich bereits an, daß die praktische
       Haltung der  Einzelgewerkschaften zum Friedensengagement oft aus-
       schlaggebend für den Erfolg von BFI ist.
       
       2. Entstehung und Entwicklung der BFI
       -------------------------------------
       
       Anstöße zur Bildung von BFI kamen zumeist aus dem außerbetriebli-
       chen Bereich;  vielfach waren die Initiatoren schon länger in der
       Friedensbewegung aktiv.  Am Anfang  betrieblicher  Friedensarbeit
       standen meist  sogenannte Erstunterzeichneraufrufe zu Aktivitäten
       der Friedensbewegung,  bis dann mit zeitlichem Abstand in den je-
       weiligen Betrieben  BFI gegründet  wurden. Der  Aufschwung in der
       Bildung von  BFI begann Ende 1982 und im ersten Halbjahr 1983 und
       verstärkte sich dann weiter.
       
       2.1 Kaderstruktur und Initiativen zur Konstituierung
       ----------------------------------------------------
       
       Die Bildung von BFI oder ähnlicher Arbeitskreise ist kein sponta-
       ner Prozeß, sondern setzt die politische Initiative aktiver Kerne
       voraus. Dahingehende  Bemühungen erforderten stets bewußte Vorbe-
       reitung und  Planung. Solche  Anstöße kamen i.d.R. von linken Ge-
       werkschaftern und Betriebsfunktionären, fortschrittlichen Sozial-
       demokraten und  Parteilosen und Kommunisten, in Einzelfällen auch
       von stark engagierten Christen. Dies gilt z. B. modellhaft für VW
       Wolfsburg, wo sich zu Anfang ein Sozialdemokrat, eine Kommunistin
       und ein Parteiloser zusammengefunden hatten.
       Solche Kollegen  sind i.  d. R. gewerkschaftspolitisch, insbeson-
       dere im  Hinblick auf die Mobilisierung für die 35-Stunden-Woche,
       engagiert und vertreten in hohem Maße klassenorientierte Positio-
       nen. Teilweise  lag der Grund für die Initiativen in Unzufrieden-
       heit mit dem praktischen Gewerkschaftsengagement in der Friedens-
       politik.
       Die weitaus  häufigste Vorgehensweise  war die  der individuellen
       Ansprache von Kollegen für Erstunterzeichnerbriefe, die zur Grün-
       dung einer  BFI aufriefen,  darunter meist Betriebsräte, Vertrau-
       ensleute, Jugendvertreter, Ortsverwaltungen. Bei VW Kassel-Bauna-
       tal unterstützten  der gesamte Betriebsrat, der Vertrauenskörper,
       die Jugendvertretung  und die IGM-Ortsverwaltung einen Aufruf ge-
       gen die  Raketenstationierung und für die 35-Stunden-Woche. Damit
       wurde eine  breite Ausgangsplattform geschaffen, die die betrieb-
       liche Öffentlichkeit beeinflußte.
       
       2.2 Verhältnis zur Gewerkschaft und den betrieblichen
       -----------------------------------------------------
       Interessenvertretungsorganen; Formen betrieblicher Friedensarbeit
       -----------------------------------------------------------------
       
       Die meisten  BFI haben  Gewerkschaftsbeschlüsse gegen die Statio-
       nierung neuer Mittelstreckenraketen zu ihrer Arbeitsgrundlage ge-
       macht. Die  Hoesch-Friedensinitiative betonte  bereits zu Anfang:
       Wir sind  Gewerkschafter und  arbeiten auf  der Basis der Gewerk-
       schaftsbeschlüsse, um  diese in  Betrieb und  Gewerkschaft in die
       Praxis umzusetzen. In der Friedensinitiative des Arbeitsamts Mar-
       burg war diese Zielstellung von allen Beteiligten, einschließlich
       der gewerkschaftlich  nicht Organisierten,  von Beginn  an akzep-
       tiert.
       In Struktur und Arbeit lassen sich im wesentlichen vier Typen von
       Initiativen ausmachen:
       A) Die Initiativen  werden von  den Einzelgewerkschaften explizit
       als Gewerkschaftsinitiativen  gegründet (z.B. verschiedentlich im
       Organisationsbereich der  ÖTV), oder die gewerkschaftliche Inter-
       essenvertretung im  Betrieb erklärt sich quasi zum Träger der be-
       trieblichen Friedensarbeit bzw. zur betrieblichen Friedensinitia-
       tive.
       B) Die BFI arbeitet sehr eng mit Vertrauenskörper und Betriebsrat
       sowie mit der Gewerkschaft zusammen.
       C) Die BFI  arbeitet, unabhängig  von der örtlichen Gewerkschaft,
       nur mit  Betriebsrat und  Vertrauenskörper zusammen. Dies ist zum
       Teil in kleineren Betrieben der Fall.
       D) In manchen Betrieben müssen BFI gegen den Widerstand von loka-
       len oder  betrieblichen Gewerkschaftsorganen und des Betriebsrats
       agieren.
       In den beiden letztgenannten Fällen stellen diese Initiativen be-
       sonders ausgeprägt  Sammelpunkte von Kräften dar, die mit sozial-
       parnerschaftlichen und  passiven Zügen  der  Gewerkschaftspolitik
       nicht einverstanden  sind und  für eine  Veränderung der  gewerk-
       schaftlichen Praxis, insbesondere im Hinblick auf die Friedenssi-
       cherung, eintreten.
       Besonders deutlich  ist Typ A in Nürnberg ausgeprägt. Dort ist in
       der IG  Metall ein  hauptamtlicher Funktionär  für Friedensarbeit
       zuständig. In der AEG-Kanis versteht der Vertrauenskörper die be-
       trieblichen Friedensaktivitäten als integralen Bestandteil seiner
       Tätigkeit, was  eine sehr  starke Verankerung dieser Thematik und
       der damit  verbundenen Aufgaben  gewährleistet.  Diese  besondere
       Form entspricht  einer längeren  Tradition der Auseinandersetzung
       mit dem  Zusammenhang von Frieden und betrieblicher Arbeit. Schon
       Aktivitäten gegen Bau und Stationierung der Neutronenbombe hatten
       hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre  eingeschlossen. Seit 1981
       betätigen sich die IG Metall, aber auch ÖTV, HBV, GHK kontinuier-
       lich in Fragen der Friedenssicherung. Der ÖTV-Kreisvorstand Nürn-
       berg stellte  sich von Anfang an in seiner Mehrheit auf die Seite
       der Friedensbewegung  und veranlaßte  die Einrichtung  eines  Ar-
       beitskreises Frieden  und Arbeit beim Kreisvorstand, der z.B. die
       betriebliche Friedensarbeit  in Klinikum und Stadtverwaltung för-
       dert.
       Im VW-Werk  Kassel-Baunatal hat  sich die BFI von einer allgemein
       betrieblichen, stark aus dem Jugendbereich getragenen, hin zu ei-
       ner  IG-Metall-Friedensinitiative  mit  gewerkschaftsoffiziellem,
       aber dennoch  offenem Charakter  als freier  Arbeitskreis entwic-
       kelt. Sämtliche  Aktivitäten wurden  vom gewerkschaftlichen  Ver-
       trauenskörper mitgetragen.  Die Gründungsversammlung  der BFI sah
       35 Kollegen,  in der  Mehrzahl Betriebsräte, Vertrauensleute, Ju-
       gendvertreter sowie den Zweiten Bevollmächtigten der IGM-Ortsver-
       waltung und  eine Delegation  der relativ  starken  SPD-Betriebs-
       gruppe, die sich im wesentlichen auf die Beobachtung des Treffens
       beschränkte.
       Es ist  zu betonen, daß in Nürnberg und bei VW zu keiner Zeit von
       Gewerkschaftsseite die  Forderung erhoben  worden war,  Abstriche
       bei zentralen  Inhalten und  Aktivitäten zu machen. Derartige Er-
       fahrungen können  indessen nicht  unbegrenzt verallgemeinert wer-
       den. Dies  zeigt sich beispielsweise an Aktivitäten von Initiati-
       ven der  Deutschen Postgewerkschaft in Düsseldorf, die den Aufruf
       zum ersten bundesweiten Treffen betrieblicher Friedensinitiativen
       mitunterzeichnet hatten;  deswegen kam  es zu Differenzen mit der
       DPG.
       In Nürnberg  wurden auch  Diskussionen über  mögliche  veränderte
       Herangehensweisen für den Fall geführt, daß die enge Verflechtung
       mit den  Gewerkschaften zum  Hindernis für  die Einbeziehung  von
       Kollegen, beispielsweise von Unorganisierten, werden könnte; dies
       bedeutete jedoch keinesfalls ein Abrücken von den gewerkschaftli-
       chen Beschlüssen gegen die Raketenstationierung bzw. von der mög-
       lichst engen  Zusammenarbeit mit  den betrieblichen  und  gewerk-
       schaftlichen Organen der Interessenvertretung.
       Ein größerer  Teil der  BFI ist dem zweiten Typ zuzurechnen (z.B.
       Hamburger Hafen und Hoesch Dortmund). Sie entwickelten sich unter
       starker Beteiligung  der örtlichen Gewerkschaftsorgane und der VK
       und konnten  die betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessen-
       vertretungen in  hohem Maße  in die  Arbeit einbeziehen. Exempla-
       risch kann  dies an der BFI Hoesch nachvollzogen werden. Die Ver-
       trauenskörperleitungen der Hoesch-Hüttenwerke verstehen sich ein-
       deutig als Teil der BFI. In der Initiative arbeiten ständige Ver-
       treter der  Vertrauenskörperleitungen aller drei Werke mit. Damit
       wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die VKL der Hüt-
       tenwerke, trotz starker Reserviertheit der IG Metall Dortmund und
       des Hauptvorstands,  als Einlader für das Dortmunder Treffen fun-
       gieren konnten.  Sämtliche wesentlichen  Aktivitäten, sei  es ein
       Friedensaufruf oder  der Aufruf  und die Mobilisierung zum Oster-
       marsch, wurden von seiten der Vertrauenskörperleitung jeweils ge-
       stützt und  abgesichert. Dabei  bestätigt sich im Grunde, daß die
       BFI alleine nicht zur Mobilisierung der betrieblichen Kampfkraft,
       zur Durchführung  von Aktionen imstande ist. Dies ist Aufgabe der
       Gewerkschaft im Betrieb.
       Ein Repräsentant des dritten Typs ist die BFI Arbeitsamt Marburg.
       Die Initiative  erhielt kaum  Unterstützung seitens der örtlichen
       ÖTV - insbesondere, weil der Krefelder Appell von den Mitgliedern
       der BFI  als unabdingbare Basis für ihre Arbeit verstanden wurde.
       Andererseits bestehen enge Kontakte zwischen BFI und Personalrat.
       Diese Konstellation  war nicht unproblematisch für die praktische
       Arbeit. Beispielsweise  war es  am 19.  Oktober 1983, dem Tag der
       Betriebe, der  ÖTV-Friedensinitiative in  der Marburger Stadtver-
       waltung mit  Unterstützung der  örtlichen ÖTV  gelungen, in ihrem
       Bereich neunzehn  Büros symbolisch  zu atomwaffenfreien  Zonen zu
       erklären. Eine  vergleichbare Aktion  wurde  für  das  Arbeitsamt
       nicht durchgeführt,  weil man ohne Absicherung durch die örtliche
       ÖTV das Risiko von Disziplinierungsmaßnahmen zu hoch einschätzte.
       Als Beispiel  für den  letzten Typ  kann die  BFI Hoechst  AG  in
       Frankfurt/M. genannt  werden. Diese  Initiative besitzt keinerlei
       Kontakte zur  IG Chemie  und wird  sowohl von  Gewerkschaft,  Be-
       triebsrat, Vertrauenskörper,  Jugendvertretung wie von der Unter-
       nehmensleitung als  Gegner  behandelt.  Zur  oppositionellen  Be-
       triebsratsliste "Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsar-
       beit" 4)  bestanden keine  Kontakte - damit waren die Chancen für
       eine Sammlung  des antisozialpartnerschaftlichen  Potentials sehr
       eingeschränkt.
       
       2.3 Zusammensetzung der BFI
       ---------------------------
       
       Den Träger  betrieblicher Friedensarbeit bildet in vielen Großbe-
       trieben ein  linker Kern  von Aktiven,  zusammengesetzt aus fort-
       schrittlichen Sozialdemokraten,  Kommunisten und gewerkschaftlich
       organisierten Parteilosen.  Im Arbeitsamt Marburg gehören zu die-
       sem Kern  auch gewerkschaftlich  unorganisierte Parteilose, deren
       Beweggründe zunächst ausschließlich friedenspolitischer Natur wa-
       ren. Im  VW-Werk konnten  Mitglieder der  DAG ansatzweise für die
       BFI interessiert  und selbst  dem Christlichen Metallarbeiterver-
       band (CMV)  zugehörige Beschäftigte  in  Unterschriftensammlungen
       erreicht werden;  insgesamt sind  jedoch konservativ  orientierte
       Kreise in BFI praktisch nicht vertreten.
       In der  BFI Hoechst  waren zunächst  auch einige dem Spektrum der
       Grünen zuzurechnende  Beschäftigte vertreten,  die indessen  nach
       kurzer Zeit - aus Gründen angeblicher politischer "Einseitigkeit"
       - die  BFI wieder  verließen. Die  Verfestigung  der  politischen
       Strukturen bei  Daimler-Benz in  Stuttgart-Untertürkheim  -  u.a.
       durch die  Konfrontation zwischen IGM-Mehrheit und der oppositio-
       nellen plakat-Gruppe  im BR - führte dazu, daß die Initiative zur
       Bildung und  Aktivität der  BFI aus  dem Jugendbereich  kam, dann
       eine gewisse  Ausstrahlung auf andere Kräfte im Betrieb hatte und
       so ein breiteres Spektrum zusammenführen konnte.
       In den  Großbetrieben zeigte  sich insgesamt  eine recht niedrige
       Bereitschaft zum Engagement in BFI bei jenen Gruppen, die eher an
       den neuen  sozialen Bewegungen  orientiert sind - ebenso bei eher
       konservativen Kreisen. Ein Grund dürfte sein, daß für diese Grup-
       pen der  Zugang eher über Fragen der Bedrohung und des Überlebens
       führt, während in den meisten BFI eine enge Verknüpfung von frie-
       dens- und  wirtschafts-/sozialpolitischen Themen  das Profil  be-
       stimmt.
       Auf dem  Dortmunder Treffen rekrutierten sich die im Durchschnitt
       zwischen 25  und 35  Jahre alten  Teilnehmer mehrheitlich aus den
       Bereichen der  gutqualifizierten Fachkräfte sowie technischer und
       kaufmännischer Angestellter. Diese Zusammensetzung findet sich in
       den meisten BFI.
       
       3. Aktivitäten
       --------------
       
       3.1 Betriebliche und sozialökonomische Ansatzpunkte
       ---------------------------------------------------
       
       In manchen  Rüstungsbetrieben (z.B. MBB, Blohm & Voß, VFW Speyer)
       sind bereits vor längerer Zeit Arbeitskreise zu Fragen alternati-
       ver Produktion 5) entstanden; für sie waren Überlegungen zur Pro-
       duktion nützlicher Gebrauchswerte sowie die vergleichsweise nied-
       rige Arbeitsplatzsicherheit  der Anlaß  gewesen, um  betriebliche
       Vorschläge zur  Rüstungskonversion und  Produktionsumstellung  zu
       entwickeln. Das  Selbstverständnis dieser  Initiativen war aller-
       dings nicht  das von BFI; erst mit dem Aufschwung der Friedensbe-
       wegung wurden  auch solche Aspekte mitdiskutiert. Mit dieser Aus-
       nahme stehen  in den BFI meist Fragen der politischen Friedenssi-
       cherung im  Vordergrund. Dabei werden die Zusammenhänge von Hoch-
       rüstung -  Arbeitslosigkeit -  Sozialabbau in den Mittelpunkt der
       Aufklärungstätigkeit gerückt.
       In der  Gruppe der  wissenschaftlich-technischen, der  kaufmänni-
       schen und  Verwaltungsangestellten hat  sich gezeigt,  daß Motive
       wie Bedrohung und Kriegsangst weitgehend im Vordergrund der eige-
       nen Betroffenheit sowie der Beweggründe zum Kampf gegen die Hoch-
       rüstung stehen.  Darin spiegelt sich wider, daß kritische Tenden-
       zen in diesen Gruppen sich eher auf die neuen sozialen Bewegungen
       orientieren und  von hier  politisch-ideologische Impulse aufneh-
       men. Im Unterschied hierzu erweisen sich Sozialabbau und Arbeits-
       losigkeit, wenn  deren Zusammenhang  mit der  Rüstungsproblematik
       nachgewiesen wird,  als wesentliche  Ansatzpunkte im  Arbeiterbe-
       reich. Gerade im Gefolge der intensiveren öffentlichen Diskussion
       zeigten sich  jedoch Ansätze  für eine Erweiterung des Problembe-
       wußtseins in  Richtung der  Bedrohung durch Wettrüsten. In beiden
       Gruppen spielen Generationsunterschiede eine Rolle. 6) So ist un-
       ter Jugendlichen  die Sensibilität  für Gefahren  der Hochrüstung
       erheblich stärker ausgeprägt als im Erwachsenenbereich.
       Zwar basieren  verbreitete Interpretationsmuster  wie "Eine  Mark
       kann nur  einmal ausgegeben  werden: für Kanonen oder für Butter"
       zunächst auf  relativ unpolitischem  Alltagsverständnis;  dennoch
       bieten sich  hier Anknüpfungspunkte  für  weitergehende  Erkennt-
       nisse. Bemühungen  in dieser Richtung treffen indessen häufig auf
       bewußtseinsmäßige Sperren; eingewendet wird, daß betriebliche Ge-
       werkschaftsarbeit "unpolitisch"  sein solle, und Systemfragen und
       antikapitalistische Forderungen werden in der Regel abgeblockt.
       Nicht immer ist auch die Bereitschaft vorhanden, über die soziale
       Komponente der  Friedensthematik zu  diskutieren. Dies  trifft in
       ganz besonderem  Maße auf  Unternehmen wie  die Hoechst AG zu, wo
       aufgrund der  stetigen ökonomischen  Entwicklung und  der bislang
       relativ sicheren sozialen Lage der abhängig Beschäftigten stärker
       die Komponente  der Bedrohungsangst  als Politisierungsmoment  im
       Vordergrund stand.
       Ein spezifischer  Ansatz findet sich im Sozialbereich. In Verbin-
       dung mit den Inhalten der Arbeit rückte hier ein Aspekt verstärkt
       in den  Vordergrund: Das Interesse der Kollegen, die sich mit der
       in ihrer  Tätigkeit liegenden sozialen Verantwortung identifizie-
       ren (z.B.  möglichst erfolgreich  Arbeitslose vermitteln wollen),
       kollidierte zunehmend  mit dem Sozialabbau, der Möglichkeiten und
       Erfolg ihrer  Arbeit direkt  einschränkt. Ein  derartiger morali-
       scher und sozialer Anspruch eröffnete neue Diskussionsmöglichkei-
       ten über Ursachen und Zusammenhänge von Rotstift- und Rüstungspo-
       litik.
       Die hohe  Bedeutung eines  möglichst konkret  faßbaren Bezugs für
       die betriebliche Mobilisierung bestätigen Erfahrungen der BFI bei
       den Hoesch-Hüttenwerken,  wo ein  Großauftrag mit der Sowjetunion
       abgeschlossen  worden   war.  Ebenso   bot   die   Thematik   des
       "Osthandels" bei  AEG-Kanis Ansatzpunkte  für betriebliches Frie-
       densengagement.
       Integraler Bestandteil  der meisten  Friedensaufrufe von  BFI ist
       die Verknüpfung  mit der Forderung nach der 35-Stunden-Woche. Mit
       dieser Herangehensweise  konnten betrieblich unterschiedliche Er-
       fahrungen gesammelt  werden. Für die Hoesch-Werke ergab sich dar-
       aus kein nennenswertes Hindernis. Dagegen brachte diese enge Ver-
       knüpfung z.  B. bei  AEG-Kanis Probleme mit sich, wo spontan eine
       erheblich höhere  Zustimmung zum  Thema Friedenssicherung als zur
       35-Stunden-Woche-Forderung festgestellt wurde.
       
       3.2 Praktische Umsetzung
       ------------------------
       
       Schon in  der Gründungsphase  bestimmte  die  betriebsspezifische
       Vorbereitung und  Mobilisierung  zu  den  Aktionshöhepunkten  der
       Friedensbewegung die Arbeit der BFI. Als eine wichtige Form wurde
       die Sammlung  von Unterschriften übernommen, um Teile von Betrie-
       ben (oft  Lehrwerkstätten) zu atomwaffenfreien Zonen zu erklären;
       aber auch  der Krefeider Appell und der DGB-Aufruf "Frieden durch
       Abrüstung" waren  Mittel, um die Diskussion in der Belegschaft zu
       entwickeln. Diskussionen  friedenspolitischer Fragen  in Vertrau-
       enskörpern und  Betriebsräten, selten  auf Betriebsversammlungen,
       betriebliche Ausstellungen und überbetriebliche Kundgebungen ver-
       breiterten - in Wechselwirkung mit der Ausstrahlung der Friedens-
       bewegung - das Friedensengagement.
       Mit diesen  Aktivitäten wuchs  das Bedürfnis  nach überregionaler
       Auswertung und  Verallgemeinerung von  Erfahrungen  und  weiteren
       Orientierungen.
       In dieser Situation konnte das erste bundesweite Treffen betrieb-
       licher Friedensinitiativen  am 11.  September  1983  in  Dortmund
       einen fühlbaren  Aufschwung der BFI bewirken. Auf dem Treffen wa-
       ren etwa  130 BFI  vertreten, die Teilnehmerzahl betrug 1500. Mit
       der Koordinierung  war, neben  weiteren  Einladern,  7)  die  BFI
       Hoesch beauftragt worden.
       Bereits in  der Vorbereitungsphase hatten politische Auseinander-
       setzungen stattgefunden,  insbesondere, als  die  Jungsozialisten
       den Vorwurf  erhoben, die  Veranstaltung sei  DKP-gesteuert. Dies
       führte schließlich  zum Austritt der Jusos aus dem Vorbereitungs-
       kreis, als  sie ihre Vorstellungen nicht völlig durchsetzen konn-
       ten. Als  Träger verblieben die Falken, SDAJ, sozialdemokratische
       und parteipolitisch unorganisierte Gewerkschafter. Darüber hinaus
       versuchten Gruppen wie GIM und MLPD, letztere durch konzentrierte
       Mobilisierung eines Mitgliederblocks, Einfluß zu gewinnen.
       Ziel des Treffens war es, einen Anfang zu machen, um die betrieb-
       liche Friedensarbeit  bundesweit zu  koordinieren. Dabei  standen
       Fragen des  konkreten Vorgehens sowie die Vorbereitung des "Tages
       der Betriebe" im Vordergrund.
       Der Beschluß  des DGB  zu kurzen  Streiks um "5 vor 12" am 5. Ok-
       tober 1983  erleichterte die  Arbeit der  BFI außerordentlich, so
       daß in Großbetrieben wie Opel Rüsselsheim oder den Bremer Werften
       die Arbeit  fast hundertprozentig ruhte. Im Rahmen der Aktionswo-
       che der  Friedensbewegung war der 19. Oktober als "Tag des Wider-
       stands in  Betrieben, Verwaltungen  und  sozialen  Einrichtungen"
       stärker durch  begrenzte Aktivitäten,  meist  außerhalb  der  Be-
       triebe, gekennzeichnet. Nur in einigen Betrieben reichte die Ver-
       ankerung der  BFI aus,  um  Betriebs-  und  Personalversammlungen
       durchzusetzen, die  dem Zusammenhang von Hochrüstung und sozialen
       Fragen gewidmet  waren. Insgesamt  wurde der  Aufruf zum "Tag der
       Betriebe" von  Gewerkschaftsseite kaum  unterstützt.  "Die  Sache
       würde einfacher,  wenn die  Ortsverwaltung dazu  aufrufen würde",
       mußten Kollegen bei Daimler-Benz feststellen. 8)
       Der Bundestagsbeschluß  zur Stationierung löste nach diesen Akti-
       onshöhepunkten in  vielen Betrieben  Ratlosigkeit und Resignation
       aus. Mehr  und mehr  wurde das  Bedürfnis geäußert,  der jüngsten
       Phase von im wesentlichen organisatorischen Vorbereitungen zu den
       Aktionshöhepunkten nun eine intensivere Diskussion über inhaltli-
       che Fragen  folgen zu  lassen; dies  wurde zum  Teil  bewußt  als
       "Einkehr nach  innen" verstanden,  sollte aber keinen Rückzug von
       weiteren Aktivitäten einleiten. Hier spiegelt sich sicherlich die
       Situation der  Friedensbewegung in den BFI wider. So konzentrier-
       ten sich  neugegründete BFI von vornherein in hohem Maße auf sol-
       che Fragen. Der Kampf gegen die Stationierung von Pershing II und
       Cruise Missiles  blieb jedoch  im Mittelpunkt  der Aufmerksamkeit
       der BFI.
       Nach den Herbstaktionen und dem Bundestagsbeschluß rückte die Mo-
       bilisierung für  die 35-Stunden-Woche in den Vordergrund betrieb-
       licher und  gewerkschaftlicher Aktivitäten,  v. a. im Metall- und
       Druckbereich. Das  trug zum Abflauen betrieblicher Friedensaktio-
       nen bei.  Doch scheint  der enge  Zusammenhang zwischen Friedens-
       kampf und  sozialem Kampf  für die  Zukunft unter aktiven Gewerk-
       schaftern durchaus  fest verankert; das belegt etwa die Tatsache,
       daß auf  einer Solidaritätskundgebung  des Nürnberger DGB zum 35-
       Stunden-Streik Ende  Mai 1984 vor 15000 Teilnehmern neben Gewerk-
       schaftern  auch   ein  Vertreter  des  Nürnberger  Friedensforums
       sprach.
       
       4. Bewußtseinsentwicklung
       -------------------------
       
       Mit Ausnahme  von Hoechst,  wo aufgrund  relativer Passivität der
       Belegschaft bislang  das Stimmungsbild  unklar blieb, war bei der
       Mehrzahl der  Belegschaften eine positive Haltung zu den betrieb-
       lichen Friedensaktivitäten bzw. zur BFI erkennbar. Dies kam u. a.
       in der  Beteiligung an betrieblichen Friedensaktivitäten zum Aus-
       druck. Ein relativ hohes Ansehen im Arbeiter-wie im Angestellten-
       bereich schlägt sich allerdings kaum in entsprechendem Eigenenga-
       gement wie Mitarbeit in der BFI nieder. Bei den letzten Betriebs-
       ratswahlen konnten  friedenspolitisch aktive Betriebsratskandida-
       ten gute Ergebnisse erzielen. Im VW-Werk Kassel wurden ihre Posi-
       tionen, insbesondere  fortschrittlicher Sozialdemokraten und auch
       Kommunisten, wesentlich gestärkt. Dies zeigt, daß ein solches En-
       gagement zumindest  kein Hindernis war, für einige möglicherweise
       zu ihrer  Profilierung beitrug.  Allerdings zeichneten  sich  die
       meisten Kandidaten  zugleich durch einen hohen gewerkschaftlichen
       Aktivitätsgrad bzw.  stark klassenorientierte Positionen aus; aus
       diesem Grunde  können unmittelbare  Schlußfolgerungen  nur  unter
       Vorbehalt gezogen werden.
       Mit dem  Echo und den Erfolgen für die engagierten Aktivisten ge-
       gen die Aufrüstung wuchs ihr Gewicht in den Gewerkschaften. Umge-
       kehrt konnten  im Arbeitsamt Marburg sämtliche Mitglieder der BFI
       in der  ÖTV organisiert  werden. In den Betrieben mit gutfunktio-
       nierenden BFI  ist in  der Belegschaft durchgängig eine erheblich
       gestiegene Diskussionsbereitschaft  über die  Hoch-rüstungs-  und
       Friedensproblematik, insbesondere  die  Stationierung  der  neuen
       Mittelstreckenraketen, aber auch über die Rolle der NATO, erkenn-
       bar. Bereits  dies stellt  ein tiefverwurzeltes  Tabu  in  Frage,
       zumal es  bei einem  großen Teil  der Beschäftigten gelungen ist,
       die Zusammengehörigkeit  von Rüstung,  Sozialabbau und Arbeitslo-
       sigkeit ansatzweise zu verdeutlichen. Praktisch sichtbar wird die
       zunehmende bewußte  Verbindung beider  Themenkomplexe in der oft-
       mals gestiegenen  Beteiligung derselben  Kollegen am  Ostermarsch
       wie an den 1.-Mai-Veranstaltungen.
       
       5. Wechselwirkungen zwischen Friedens- und betrieblichem Bereich
       ----------------------------------------------------------------
       
       Beim exemplarischen  Vergleich von  Hoechst AG und Hoesch erweist
       sich als eines der zentralen Momente für den Erfolg betrieblicher
       Friedensarbeit der  Umfang gewerkschaftlicher  und  betrieblicher
       Kampferfahrung. Bei  Hoesch hatte die Tradition der betrieblichen
       Kämpfe für  ein neues  Stahlwerk, für  den Erhalt  der Stahlbasis
       Dortmund und  der Arbeitsplätze  einen  hohen  Politisierungsgrad
       großer Teile  der Belegschaft zur Folge. Andererseits zeigte sich
       insbesondere im Hoesch-Werk Union, wo die stärksten Arbeitsplatz-
       verluste hingenommen  werden mußten  und noch weitere drohen, daß
       hier kein  Automatismus wirkt. Gerade in diesem Betrieb gestaltet
       sich die  Friedensarbeit schwieriger als in Phönix und Westfalen-
       hütte.
       Die bundesweiten  Erfahrungen aus der Arbeit von BFI machen deut-
       lich, daß  es sich  dabei um  ein wechselseitiges Verhältnis han-
       delt. Im betrieblichen Geschehen verankerte BFI haben dazu beige-
       tragen, daß  Gewerkschafter und Vertrauensleute gewerkschaftliche
       und betriebliche  Probleme offensiver  anzugehen bereit  sind. In
       den BFI  rückten zunehmend Diskussionen auch über diese Fragen in
       den Vordergrund,  die oftmals eine neue Qualität annahmen. Offen-
       sichtlich entwickelten sich damit informelle Kreise gewerkschaft-
       lich Aktiver,  die als Kristallisationspunkte klassenorientierter
       Gewerkschaftsarbeit zugleich  fortschrittliche  Impulse  für  be-
       triebliche Auseinandersetzungen  zu geben  imstande  sind.  Nicht
       selten werden in BFI auch konkrete Probleme betrieblicher und ge-
       werkschaftlicher Arbeit mitdiskutiert.
       Mit der  Bildung und Entwicklung von BFI kristallisieren sich of-
       fensichtlich   "l e g i t i m e  S a m m e l p u n k t e  der op-
       positionellen und politisch entwickelten Kräfte" 9) in diesen Be-
       trieben heraus.  Wie in  vielen  anderen  Betrieben  war  in  der
       Hoesch-Westfalenhütte mit  der BFI  "ein    p o l i t i s c h e r
       A u s s c h u ß   entstanden (...), in dem Sozialdemokraten, Par-
       teilose und  Kommunisten gemeinsame Interessen,  F o r d e r u n-
       g e n   u n d   A k t i o n e n    f o r m u l i e r e n    u n d
       v o r a n t r e i b e n.   Es ist, wenn man so will, ein Ausschuß
       der Aktionseinheit,  eine politische  Aktionseinheit im  Betrieb,
       zwar begrenzt  auf ein Thema, aber auf ein Thema,  d a s  s e h r
       u m f a s s e n d   i s t   u n d   s i c h  v o n  a n d e r e n
       p o l i t i s c h e n     F r a g e n    k a u m    t r e n n e n
       l ä ß t."  10) In gleicher Weise zeigte sich mit dem bundesweiten
       Treffen in  Dortmund ein  sich  formierender  klassenorientierter
       Kern der  Belegschaften, demgegenüber  zwar Vorbehalte  von offi-
       zieller sozialdemokratischer,  z.T. auch  von  gewerkschaftlicher
       Seite bestehen,  der aber  in Großbetrieben durch Vertrauensleute
       und Betriebsräte verankert ist.
       Mit dem  Eintritt in  die Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-
       Woche stellten sich für die betriebliche Friedensarbeit neue Pro-
       bleme. Die gewerkschaftliche Schwerpunktsetzung auf die Vorberei-
       tung und  Durchführung dieses Arbeitskampfes hatte einen erhebli-
       chen Rückgang  im Interesse  und an praktischer Unterstützung von
       Gewerkschaftsseite zur Folge. Andererseits bietet der aus dem ge-
       werkschaftlichen Kampf  resultierende erhöhte  Politisierungsgrad
       der Belegschaften  perspektivisch neue  Möglichkeiten verstärkter
       Diskussionsbereitschaft und  einer weiteren  Öffnung  der  Beleg-
       schaften für Argumente und Forderungen der Friedensbewegung.
       
       _____
       1) Vgl. Der  Betrieb als  Formierungsbasis der  Arbeiterklasse in
       der BRD heute, These 23, in diesem Band.
       2) Eine Ausnahme  bildet Ute  Tschischke, Betriebliche Friedensi-
       nitiativen in der BRD, in: IPW-Berichte 5/1984, S. 41 ff.
       3) Vgl. Klaus  Pickshaus, Zur  Bedeutung  der  "Scharniergruppen"
       zwischen neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbewegung, in: IMSF
       (Hg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/M. 1983, S. 265 ff.
       4) Vgl. Klaus  Pickshaus, Politische  Differenzierung im  Großbe-
       trieb: Zur Herausbildung linksoppositioneller Betriebsratslisten,
       in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 199 ff.
       5) Vgl. Jörg  Huffschmid, Rüstungskonversion als Verbindung frie-
       denspolitischer und  sozialökonomischer Interessen,  in: WSI-Mit-
       teilungen 6/1983,  S. 371 ff.; Schwerpunkt Alternative Produktion
       und Beschäftigung, in: Die Mitbestimmung 4-5/1984.
       6) Vgl. Heinz Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre, in: Marxi-
       stische Studien Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 63.
       7) Vgl. die Einladerliste in: Nachrichten 8/1983, S. 24.
       8) Vgl. Jugendpolitische Blätter 10/1983, S. 5.
       9) Der Betrieb als Formierungsbasis..., a.a.O.
       10) UZ, 6.1.1984; Hervorhebung P.M.
       

       zurück