Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       ANSATZPUNKTE GEWERKSCHAFTLICHER TECHNOLOGIEPOLITIK:
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       TECHNOLOGIEBERATUNGSSTELLEN UND KONVERSIONSARBEITSKREISE
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       Ursula Schumm-Garling
       
       1. Aspekte gewerkschaftlicher Technologiepolitik - 2. Die Innova-
       tions- und  Beratungsstellen der  IG Metall  - 3.  Konversionsar-
       beitskreise
       
       1. Aspekte gewerkschaftlicher Technologiepolitik
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       In dem  Maße, in dem Rationalisierung und Anwendung neuer Techno-
       logien mit  negativen Wirkungen für die Lebens- und Arbeitssitua-
       tion von  Arbeitern und  Angestellten verbunden  sind, werden sie
       von den  Belegschaften nicht  mehr nur als Fortschritt begriffen;
       für die  Gewerkschaften wächst  zugleich die  Notwendigkeit, sich
       mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
       Handlungsmöglichkeiten und Einfluß der gewerkschaftlichen und be-
       trieblichen Interessenvertretung  stoßen einerseits  an  Grenzen,
       die durch die Entscheidungsstruktur kapitalistischer Betriebe ge-
       setzt sind; andererseits sieht sie sich einem Handlungsdruck aus-
       gesetzt, der aus den negativen Folgen für die Belegschaften durch
       die permanenten technologischen und organisatorischen Veränderun-
       gen der Produktions- und Arbeitsprozesse entsteht. Technologiepo-
       litik der  Gewerkschaften umfaßt  betriebliche, tarifvertragliche
       und politische  Aktivitäten und  richtet sich  auf Form, Einsatz,
       Entwicklung und  vor allem auf die Auswirkungen von technisch-or-
       ganisatorischen Umstellungen.
       Die Arbeit der Technologieberatungsstellen, die vom DGB-Landesbe-
       zirk NRW  in Oberhausen  und von der IGM seit 1979 in West-Berlin
       und Hamburg eingerichtet worden sind, ist nur zu beurteilen, wenn
       sie im  Zusammenhang mit  der Diskussion um eine gewerkschaftlich
       orientierte Technologiepolitik gesehen wird. Ein Konflikt entzün-
       dete sich  auf dem letzten Gewerkschaftstag an der Frage, ob ins-
       besondere die  IG Metall  die Finanzierung  der  Technologiebera-
       tungsstellen in  Hamburg und  West-Berlin übernehmen soll, wenn -
       wie es  zu erwarten  ist - die finanziellen Mittel aus dem Förde-
       rungsprogramm "Humanisierung  der Arbeit"  (HdA) des  Bundesmini-
       sters für  Forschung und Technologie ab Herbst 1984 nicht weiter-
       bewilligt werden.
       Unter kapitalistischen  Eigentumsverhältnissen wird  die Entwick-
       lung der  materiellen Produktivkräfte,  der betrieblichen Technik
       und Arbeitsorganisation  von den Interessen des Kapitals bestimmt
       und insofern  den Lohnabhängigen  im Betrieb  vorgegeben. Die ge-
       werkschaftliche Technologiepolitik  bleibt daher  im  großen  und
       ganzen gezwungen,  auf Technologiepolitik  und Rationalisierungs-
       strategien der  Unternehmer zu  reagieren. Dies  bedeutet  jedoch
       nicht, daß  die gewerkschaftliche Strategie gegenüber neuen Tech-
       nologien und Rationalisierung einen rein defensiven oder gar pas-
       siven Charakter  haben muß;  ihre Orientierung  ist  vielmehr  in
       starkem Maße von der Beurteilung der gesellschaftlichen Bedeutung
       betrieblicher Rationalisierung  abhängig - und hier wurde Technik
       in den  Gewerkschaften der  Bundesrepublik lange Zeit als Instru-
       ment interpretiert,  das den  gesellschaftlichen Fortschritt  und
       vor allem  eine steigende Produktivität garantiere und damit auch
       den Interessen  der Lohnabhängigen  diene. Jedoch  wurden soziale
       Folgeprobleme schon  früh gesehen.  So wurden  z.B. 1958 in einer
       Entschließung des DGB zur Automation technologische Arbeitslosig-
       keit, Sinken der Massenkaufkraft, Entwertung von Berufserfahrung,
       wachsende Konzentration und Machtzusammenballung als Folgen tech-
       nischer Entwicklung benannt. Soziale Beherrschbarkeit der Produk-
       tivkraftentwicklung ist  die Formel, unter der negative Wirkungen
       auf die  Beschäftigten im sozialen Konsens abgewendet werden sol-
       len. Gefordert wird frühzeitige Information und Mitbestimmung bei
       organisatorischen Umstellungen und Einführung neuer Technologien.
       Gewerkschaftliche Technologiepolitik,  die sich  unmittelbar  auf
       betriebliche Strategien  richtet, findet ihren Ausdruck in Ratio-
       nalisierungsschutzabkommen. Seit  der  Krise  1966/67  verstärkte
       sich der  Rationalisierungsdruck, die rasche Entwicklung der Pro-
       duktionstechnik und  die Umgestaltung der Arbeitsorganisation zur
       Intensivierung der Arbeit traten in den Vordergrund betrieblicher
       Kapitalstrategien. Die  negativen Folgen  für  die  Beschäftigten
       wirkten sich  bis Mitte  der 70er  Jahre allerdings noch nicht so
       gravierend aus  wie heute: Arbeitslosigkeit konnte durch struktu-
       relle Verlagerungen  (z.B. vom  Produktions-  in  den  Dienstlei-
       stungsbereich) und  durch wirtschaftliches  Wachstum  aufgefangen
       werden. Dazu  kommt, daß nicht in allen Branchen und Betrieben im
       gleichen Umfang rationalisiert wird. Außerdem fällt in den Phasen
       der Umstellungen  im Produktions-  wie im  Dienstleistungsbereich
       vermehrt Arbeit an, bis das Rationalisierungsvorhaben abgeschlos-
       sen ist  und sich  die neuen Arbeitsstrukturen eingespielt haben.
       Schließlich ist  festzuhalten, daß  die verschiedenen Gruppen von
       Beschäftigten nicht in gleichem Umfange von den Folgen der Ratio-
       nalisierungsmaßnahmen betroffen werden.
       In den Rationalisierungsschutzabkommen, die zuerst von der IG Me-
       tall abgeschlossen  wurden (1968), ging es in erster Linie darum,
       ältere Beschäftigte mit langer Betriebszugehörigkeit abzusichern.
       Die in  der Folge auch von anderen DGB-Gewerkschaften abgeschlos-
       senen Verträge  enthalten in  der Regel folgende Punkte: eine be-
       fristete Verdienstabsicherung,  bei älteren  Beschäftigten  einen
       absoluten Kündigungsschutz,  bei Jüngeren die Umsetzung auf einen
       gleichwertigen oder  zumutbaren Arbeitsplatz  und Umschulungsmög-
       lichkeiten. Erst  wenn diese  betrieblichen Möglichkeiten  ausge-
       schöpft sind,  kann es auch zu Entlassungen kommen, bei denen je-
       doch Abfindungen gezahlt werden müssen.
       Die Rationalisierungsschutzabkommen  sind als  defensive  Politik
       kritisiert worden,  da sie  Entwicklungsrichtung und  Dynamik des
       technisch-organisatorischen Wandels  nicht thematisieren, sondern
       mit ihnen  nur versucht wird, besondere soziale Härten zu vermei-
       den. Mit  der Forderung nach Weiterbildung und Qualifizierung ist
       jedoch in  den Rationalisierungsschutzabkommen ein Moment für die
       Gestaltung von  Arbeit enthalten, dem zukünftig erhöhte Beachtung
       geschenkt werden sollte.
       Mit der  Tarifpolitik in den 50er und 60er Jahren wurde versucht,
       durch Lohnsteigerungen  und Arbeitszeitverkürzung die Beteiligung
       der Beschäftigten  am Produktivitätsfortschritt  sicherzustellen.
       Ein Durchbruch  bei den Arbeitsbedingungen gelang 1973 der IG Me-
       tall, als  durch einen 14tägigen Streik in den Manteltarif Ratio-
       nalisierungsschutzbestimmungen aufgenommen  wurden, die  sich vor
       allem auf die Begrenzung von Taktzeiten (1,5 Min.) und auf Erhol-
       zeiten von 5 Minuten pro Stunde richten.
       Besonders stark  von den  Folgen des Einsatzes neuer Technologien
       ist die IG Druck und Papier betroffen. 1978 wurde um einen Tarif-
       vertrag gestreikt, mit dessen Hilfe Arbeitsplatzabbau, Dequalifi-
       kation, Arbeitsintensivierung  und Lohnreduktion infolge der Ein-
       führung des  elektronischen Lichtsatzes  abgemildert werden soll-
       ten. Durch  die bundesweite  Aussperrung der  Unternehmer konnten
       wesentliche Forderungen  der IG Druck und Papier nicht realisiert
       werden. Der  im selben Jahr stattfindende Arbeitskampf in der Me-
       tallindustrie Nordwürttembergs/Nordbadens hatte einen individuel-
       len Abgruppierungsschutz  und kollektive  Absicherung des  durch-
       schnittlichen betrieblichen Lohn- und Gehaltsniveaus zum Ziel.
       Politische Einflußnahme über die Gesetzgebung richtete sich eben-
       falls verstärkt auf die betriebliche Gestaltung von Arbeitsplatz-
       bedingungen. Dazu  zählten die  Novellierung des BetrVG von 1972,
       das Arbeitssicherheitsgesetz  von 1973, die Arbeitsstättenverord-
       nung von  1975 und die Arbeitsstoffverordnung von 1980. Diese Ge-
       setze intensivieren  die Auseinandersetzungen um die betriebliche
       Anwendung neuer  Technologien. In den Gewerkschaften werden heute
       verstärkt Bildungsmaßnahmen durchgeführt. Durch Beratungsangebote
       sollen die  Betriebsräte unterstützt  werden. Daß es sich hierbei
       um ein ganz zentrales Problem der gewerkschaftlichen Politik han-
       delt, machte  nicht zuletzt  die Erhebung  der IG Metall über den
       Stand der  Anwendung neuer  Technologien in den Betrieben der Me-
       tallwirtschaft der  Bundesrepublik von 1982/83 deutlich, zu deren
       wichtigsten Ergebnissen  auch die  Erkenntnis zu  zählen ist, daß
       die Betriebsräte in der Regel völlig ungenügend über die Rationa-
       lisierungsstrategien der  Betriebe informiert  sind und kaum über
       ausreichende gewerkschaftliche  Handlungsorientierungen für  eine
       aktive Gegenwehr verfügen.
       Im Rahmen  staatlicher Technologie-  und Forschungsförderung  er-
       hielten die Gewerkschaften Einfluß auf die Gestaltung des Humani-
       sierungsprogramms. Ziel  dieses Programms ist es im Kern, die auf
       Arbeitsintensivierung und  Steigerung  der  Produktivität  orien-
       tierte betriebliche Rationalisierungsstrategie mit den Interessen
       der Belegschaften  an verbesserten Arbeitsbedingungen, einer qua-
       lifizierteren Arbeit, Belastungsabbau, Erweiterung des Handlungs-
       spielraumes sowie Beschäftigungs- und Einkommenssicherung zu ver-
       binden. Dabei liegt es auf der Hand, daß der Interessenantagonis-
       mus von  Lohnarbeit und Kapital einer "Harmonisierung" von Unter-
       nehmer- und  Belegschaftsinteressen entgegensteht. Die Frage nach
       der Realisierung  von Humanisierungszielen  stellt sich  insofern
       als eine  Frage nach Kräfteverhältnissen und sich daraus ergeben-
       den begrenzten Durchsetzungschancen.
       Innergewerkschaftlich bewirkte das Programm eine Sensibilisierung
       einer steigenden Anzahl gewerkschaftlicher Funktionsträger gegen-
       über technischen  Neuerungen. Die Kritik, die von gewerkschaftli-
       cher Seite an dem Programm geübt wird, bezieht sich auf die darin
       angelegte Ambivalenz:  Belastungsabbau mit Hilfe neuartiger tech-
       nischer Systeme  geht einher mit massivem Arbeitsplatzabbau, ein-
       dimensionale technische  Lösungen führen häufig zu Belastungsver-
       schiebungen, zu Leistungsverdichtung und Dequalifikationserschei-
       nungen. Humanisierungsprojekte  scheitern, wenn  eine verbesserte
       Qualifikationsstruktur oder  erweiterte  Handlungsspielräume  für
       die Beschäftigten  erreicht werden sollen. 1) Die Akzeptanz durch
       die Beschäftigten soll nach den Vorstellungen der Unternehmer und
       der staatlichen  Bürokratie von  den Gewerkschaften gewährleistet
       werden. Diese Zielsetzung steht im Widerspruch zu gewerkschaftli-
       chen Orientierungen und Aufgaben.
       
       2. Die Innovations- und Beratungsstellen der IG Metall
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       Die IG Metall vertritt in der Technologiepolitik weitgehend einen
       Kurs, der  auf Erhaltung  und Ausbau  der internationalen Wettbe-
       werbsfähigkeit durch innovationsfördernde Strukturpolitik gerich-
       tet ist.  Dazu gehören die Spezialisierung auf wachstumsintensive
       Industriezweige und  die Erhöhung  des Qualifikationsniveaus  der
       Beschäftigten. Dabei  bemüht sich die IG Metall in ihrer Program-
       matik und auch weitgehend in ihrer Praxis um eine Verbindung die-
       ser Modernisierungskonzeption  mit Maßnahmen zur sozialen Abfede-
       rung negativer  Folgen der  Einführung neuer Technologien für die
       Belegschaften.
       Im Rahmen  dieser Strategie wurden in Hamburg und West-Berlin In-
       novationsberatungsstellen und  beim Vorstand  ein HdA-Beraterstab
       mit 10  Mitarbeitern eingerichtet.  Finanziert werden  diese Ein-
       richtungen als Projekte des Projektträgers "Humanisierung der Ar-
       beit". Es  gehört zu  den erklärten  Zielen der  Innovations- und
       Technologieberatungsstellen (IBS/IGM),  das Problembewußtsein und
       die Handlungsbereitschaft  der Betroffenen zu fördern, um die be-
       trieblichen Interessen  der Belegschaften sowie die gesamtgesell-
       schaftlichen Folgen  deutlicher zu erkennen. "Darüber hinaus sol-
       len mit  Hilfe der Innovationsberatungsstellen Kontrollkriterien,
       Handlungsalternativen und  Orientierungshilfen gegenüber  der un-
       ternehmerischen  und  staatlichen  Innovationspolitik  erarbeitet
       werden." 2)
       Um dies  zu erreichen, wurden für die Technologieberatungsstellen
       folgende Aufgaben formuliert:
       - Informationen über  technische Entwürfe  und deren Auswirkungen
       sollen ausgewertet und ausgetauscht werden;
       - branchenbezogene und  betriebliche Probleme werden regional er-
       mittelt;
       - Informationsdefizite sollen abgebaut und dadurch Problembewußt-
       sein und  Handlungsbereitschaft bei den Belegschaften erhöht wer-
       den;
       - betriebliche Konzeptionen  sollen  erarbeitet  werden,  um  bei
       technisch-organisatorischen Umstellungen Alternativen zur Weiter-
       und Neuentwicklung von Produkten und Produktionsverfahren zu ent-
       wickeln;
       - Kontakte zwischen  Gewerkschaften und  wissenschaftlichen  Ein-
       richtungen werden hergestellt und ausgebaut, um zusätzliche Bera-
       tungskapazitäten bereitzustellen.
       In dem Leistungsangebot der IBS werden nachfrageorientierte Akti-
       vitäten, die  auf einen  aktuellen  Beratungsbedarf  ausgerichtet
       sind, von Informationsangeboten unterschieden, die auf zukünftige
       Entwicklungen hinweisen  und den Informationsvorsprung der Unter-
       nehmerseite vermindern sollen.
       "Nachfrageorientierte" Kurzberatung bezieht sich auf fast täglich
       vorkommende Probleme,  für die zum großen Teil schon Lösungen be-
       kannt sind und die in Gesprächen und durch Unterlagen gelöst wer-
       den können. Wenn sich die Nachfragen auf komplexe technisch-orga-
       nisatorische Innovationen beziehen und noch keine Problemlösungen
       bekannt sind, müssen spezielle Lösungskonzepte entwickelt werden.
       Dies erfolgt, nachdem die Aussichten, das Projekt zu realisieren,
       geklärt worden  sind. Als Kriterium müssen folgende Fragen beant-
       wortet sein:  Inwieweit sind  technisch-organisatorische Verände-
       rungen noch beeinflußbar? In welchem Stadium der Realisierung be-
       finden sie  sich? Welche Gestaltungs- und Handlungsspielräume so-
       wie Mitwirkungsmöglichkeiten bestehen für die betriebliche Inter-
       essenvertretung? Außerdem  soll berücksichtigt  werden, inwiefern
       der Fall  Modellcharakter hat,  um bei  zukünftigen Anfragen, die
       ähnlich gelagert sind, übertragen werden zu können.
       Wenn die  betrieblichen Voraussetzungen  erfolgreich eingeschätzt
       werden, wird  eine Bestandsanalyse und ein umfangreicher Informa-
       tionsaustausch eingeleitet,  und es werden gegebenenfalls wissen-
       schaftliche Beratung,  organisationsinterne  Sachverständige  und
       die jeweiligen Geschäftsleitungen hinzugezogen. Sachlich beziehen
       sich die betriebsbezogenen Beratungen überwiegend auf technische,
       organisatorische und  soziale Probleme beim Einsatz informations-
       verarbeitender Techniken  in mittleren  und  kleinen  Unternehmen
       (d.h. bei  Einführung von  Arbeitsplätzen mit  Datensichtgeräten,
       beim Einsatz  von CNC-Maschinen  und personenbezogener  Kontrolle
       durch computergestützte  Informationssysteme). Die  Wünsche  nach
       Beratung beziehen  sich bei  Bildschirmarbeitsplätzen überwiegend
       auf Fragen der ergonomischen Gestaltung.
       Gegenüber ausschließlich  arbeitsmedizinischen bzw. ergonomischen
       Nachfragen in  der Beratung versuchen die Mitarbeiter der IBS auf
       langfristige Auswirkungen  der Arbeitsintensivierung, Arbeitstei-
       lung, Monotonie und damit zusammenhängende soziale und psychische
       Probleme hinzuweisen. Alternativen werden umfassender entwickelt,
       z.B. Konzepte von Mischarbeitsplätzen bzw. computergestützten Ar-
       beitssystemen mit  kompetenz- und  qualifikationserhaltenden  Ar-
       beitsvollzügen und der Erhaltung von Kommunikations- und Disposi-
       tionsmöglichkeiten.
       Neben solchen Beratungen wird eine überbetriebliche Informations-
       vermittlung in  Form von  Fachgesprächen durchgeführt.  Neben der
       Vermittlung von  Kenntnissen über  technische Entwicklung und so-
       ziale Folgen  werden dabei  auch die  Erfahrungen der  Teilnehmer
       aufgearbeitet und damit nutzbar gemacht. Gezielte Weiterbildungs-
       angebote richten sich im wesentlichen auf die Vermittlung techni-
       scher Kenntnisse,  also z.  B. Grundkenntnisse der Mikrocomputer-
       technik oder  auf Kenntnisse im Bereich der Installation, Wartung
       und Instandhaltung  von Techniken  der rationellen Energieverwen-
       dung. Zusammen  mit Universitäten  und anderen wissenschaftlichen
       Einrichtungen werden Weiterbildungsangebote entwickelt, die außer
       technologischen Entwicklungstendenzen (z. B. Veränderung der Fer-
       tigungstechnik, Hochgeschwindigkeitsbearbeitung,  Steuerungs- und
       Handhabungstechnik) auch Veranstaltungen über neue Organisations-
       konzepte, über  Probleme der Schichtarbeit oder Streß am Arbeits-
       platz anbieten.
       Beratungsnachfragen, die  sich auf  Produktionsinnovationen rich-
       ten, machen  nur etwa  ein Zehntel  aller Fälle aus. Die Mehrzahl
       derartiger Anfragen  werden von Betriebsräten dann gestellt, wenn
       in den  Betrieben Aufträge  ausbleiben und  kurzgearbeitet werden
       muß. Nach  der Darstellung  im Erfahrungsbericht  (1979  -  1982)
       IBS/IGM verhalten  sich die Unternehmensleitungen sehr zurückhal-
       tend gegenüber  Vorschlägen, die  von gewerkschaftlicher Seite zu
       Produktinnovationen vorgelegt werden, obwohl damit in vielen Fäl-
       len eine  Verbesserung der  ökonomischen Situation  der  Betriebe
       verbunden gewesen  wäre, ohne daß die Beschäftigten weitreichende
       Rechte im  Betrieb errungen  hätten. Mit solchen Vorschlägen wird
       von den  Beschäftigten vielfach  die Hoffnung verbunden, daß ihre
       Arbeitsplätze gesichert würden.
       Die im BetrVG enthaltenen abgestuften Mitwirkungs- und Informati-
       onsrechte der  Betriebsräte lassen dem Management große Entschei-
       dungs- und Handlungsspielräume bei der Einführung neuer Technolo-
       gien oder von effizienteren Organisationsformen. Gerade in Klein-
       und Mittelbetrieben  werden mit  Hinweis auf die Konkurrenzfähig-
       keit bzw. die Erhaltung des Betriebs betriebswirtschaftlich moti-
       vierte  Rationalisierungsmaßnahmen  oft  widerstandslos  durchge-
       setzt. Die  gewerkschaftliche Beratung kann die betriebliche Aus-
       einandersetzung nur  durch Informationen  beeinflussen. Es  kommt
       dann auf die Entwicklung der realen Kräfteverhältnisse im Betrieb
       an, um  eine ausschließlich auf verbesserte Kapitalverwertung ge-
       richtete Technologie politisch zu verhindern.
       
       3. Konversionsarbeitskreise
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       Mit der  Konzeption der  "sozial nützlichen Produktion" wird ver-
       sucht, bei  der Gestaltung  der Produkte  den Einfluß  der Beleg-
       schaften geltend  zu machen.  Seit einigen Jahren hat sich im be-
       trieblich-gewerkschaftlichen Bereich eine intensive Diskussion um
       die Rüstungsproduktion  entwickelt. In der schwierigen Situation,
       einerseits Rüstungsproduktion  abzulehnen  und  andererseits  Ar-
       beitsplätze sichern  zu müssen,  kann der  Nachweis der Erhaltung
       von Arbeitsplätzen durch Umstellung auf sozial nützliche Produkte
       einen Weg  weisen; zumal die Rüstungsproduktion, wie die Werften-
       krise zeigt,  in hohem  Maße krisenanfällig  ist und  sie darüber
       hinaus im  Vergleich zu  den Sektoren der zivilen Produktion auch
       weniger beschäftigungsintensiv ist. 3)
       In  Konversionsarbeitskreisen  entwickeln  Belegschaftsmitglieder
       Vorstellungen über  neue Produkte  bis hin  zur Planung und sogar
       Organisierung des Herstellungsprozesses. Solche betrieblichen Ar-
       beitskreise werden von den Innovations- und Technologieberatungs-
       stellen der IG Metall unterstützt. Bekannt sind vor allem die Ar-
       beitskreise in  der Flugzeugindustrie (VFW-Fokker, heute MBB), in
       der Werftindustrie  (Blohm &  Voss), in der Maschinenbauindustrie
       (MAK, Kiel) u. a. Außerdem existieren Arbeitskreise in Betrieben,
       in denen nur ein Produkt hergestellt wird oder in denen Luxuskon-
       sumgüter produziert werden.
       Die Konversionsarbeitskreise  stützen sich z. T. auf Erfahrungen,
       wie sie  auch in  anderen westeuropäischen Ländern gemacht wurden
       (z.B. Lucas Aerospace). 4) Mit dem Konzept sozial nützlicher Pro-
       duktion ist  letztlich die Frage nach der Beeinflussung zentraler
       Unternehmensentscheidungen über  Produkte und  Investitionen  ge-
       stellt. Legitimiert  wird dieser Anspruch nicht nur mit dem Recht
       auf Mitbestimmung  über den  Arbeitsprozeß, sondern  auch mit der
       Frage, welche  Produkte der  arbeitenden Bevölkerung  nützen. Mit
       Vorschlägen zur  Produktinnovation wird  der Beweis erbracht, daß
       die Lohnabhängigen selbst in der Lage sind, in grundsätzliche be-
       triebliche Entscheidungsbereiche  einzugreifen und technische und
       organisatorische Kompetenzen  einzubringen. Die  Ziele  der  ver-
       schiedenen Arbeitskreise beziehen sich auf Produkte in Problembe-
       reichen wie  Umweltschutz, Energieeinsparung, Medien, Rohstoffge-
       winnung.
       Durch eine  Reihe von  Faktoren wird  die Entstehung  solcher be-
       trieblichen Arbeitskreise gefördert:
       - In Großbetrieben können leichter Arbeitskreise entstehen als in
       Klein- oder  Mittelbetrieben, zumal der gewerkschaftliche Organi-
       sationsgrad hier  meist höher  liegt  und  durch  Vertrauensleute
       solche Diskussionen  angeregt worden  sind. In Großbetrieben sind
       Forschungs- und  Entwicklungsabteilungen vorhanden, mit denen die
       Voraussetzung für eine Umorientierung der Produktpalette eher ge-
       schaffen werden  kann. Insofern bestehen hier auch günstigere Be-
       dingungen, bei  entsprechendem Druck der Belegschaften staatliche
       Mittel für Konversionsprojekte zu erlangen.
       - Eine flexible  Fertigungsstruktur mit Universalmaschinen ermög-
       licht die  Herstellung verschiedenartiger Produkte. Im Maschinen-
       und Anlagenbau finden sich deswegen auch am ehesten Arbeitskreise
       zur alternativen Produktion.
       - Eine qualifizierte  Belegschaft mit hoher technischer und sozi-
       aler Kompetenz  ist eine  weitere wichtige  Voraussetzung für die
       Entstehung und die Arbeit solcher Arbeitskreise.
       Über die  Erfolge der  betrieblichen Arbeitskreise  kann aufgrund
       der kurzen  Zeit ihres  Bestehens noch  wenig gesagt  werden. Der
       Einfluß auf  die gewerkschaftliche  Technologiepolitik ist bisher
       gering einzuschätzen.  Die technologiepolitische Konzeption müßte
       nach Meinung  der Aktiven  erweitert werden.  Dabei spielen neben
       der  Forderung   nach  staatlichen  Beschäftigungsprogrammen  und
       staatlich kontrolliertem Strukturwandel tarifpolitische Ziele wie
       Arbeitszeitverkürzung, Rationalisierungsschutz, Mindestnormen für
       Arbeitsinhalte und  bei Belastungen  und Schutz  vor weiterer Ar-
       beitsintensivierung in der Diskussion eine Rolle. Der Interessen-
       gegensatz zwischen Kapital und Arbeit auf dem Feld der Rationali-
       sierung ist  heute deutlicher denn je geworden. Die Position "Ja,
       aber" oder  "Wir sind keine Maschinenstürmer" wird von vielen Ge-
       werkschaftern nicht  mehr geteilt. 5) Sie verlangen von ihrer Ge-
       werkschaft als  ihrer Interessenvertretung  eindeutige  Aussagen,
       welche Rationalisierungsmaßnahmen  akzeptiert werden  können  und
       welche nicht. 6)
       Die Ansiedlung  des Konzepts Innovations- und Technologieberatung
       auf der  örtlichen Ebene könnte langfristig die Verbindungen zwi-
       schen generellen Orientierungen gewerkschaftlicher Technologiepo-
       litik und  den betrieblichen  Umsetzungsproblemen verbessern. Die
       Technologieberatungsstellen würden eine wichtige Funktion der Be-
       ratung und  der Umsetzung für betriebliche Funktionsträger erhal-
       ten. Aufgrund  dieser Erfahrungen  haben sich Delegierte aus Ham-
       burg und  West-Berlin auf  dem 14.  ordentlichen Gewerkschaftstag
       der IG  Metall für  die zukünftige Finanzierung der IBS durch die
       IG Metall ausgesprochen. Die Gegenargumentation bezieht sich dar-
       auf, daß  aufgrund der  finanziellen Belastungen durch den Streik
       keine neuen  Aufgaben, die mit Kosten verbunden sind, von der Ge-
       werkschaft übernommen werden könnten. Es bleibt aber das Problem,
       ob nicht  gerade durch  den Tarifabschluß  in der Metallindustrie
       vom Sommer 1984, der die Regelung flexibler Arbeitszeiten auf die
       betriebliche Ebene  verlagert, der  Informations-, Beratungs- und
       Schulungsbedarf im  Zusammenhang mit  Rationalisierung,  Arbeits-
       zeitregelung und  Entlohnung so  gewachsen ist, daß die Technolo-
       gieberatung einen  größeren Stellenwert  als in  der  vergangenen
       Zeit für die betriebliche Praxis erhalten wird.
       
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       1) WSI, Gewerkschaften  und Humanisierung  der Arbeit. Zur Bewer-
       tung des  HdA-Programms. Schriftenreihe  "Humanisierung  des  Ar-
       beitslebens" Bd.  15 (Hrg.  BMFT), Frankfurt/New  York 1980. Vgl.
       auch: K.  Priester, Humanisierung oder Rationalisierung? Zum For-
       schungsprogramm "Humanisierung der Arbeit" in der BRD, in: Marxi-
       stische Studien.  Jahrbuch des  IMSF 3,  Frankfurt/M. 1980, S. 66
       ff.
       2) Innovations-  und  Technologieberatungsstelle  der  IG  Metall
       (IBS/IGM), Zusammenfassender  Erfahrungsbericht  1979-1982,  März
       1982, S. 2 (Arbeitspapier).
       3) Vgl. J.  Huffschmid (Hrsg.),  Für den Frieden produzieren. Al-
       ternativen zur  Kriegsproduktion, Köln  1981; ders., Rüstungskon-
       version als  Verbindung friedenspolitischer  und  sozial-ökonomi-
       scher Interessen, in: WSI-Mitteilungen 6/1983, S. 371 ff.
       4) Vgl. P.  Löw-Beer, Industrie und Glück. Der Alternativplan von
       Lucas Aerospace, West-Berlin 1981.
       5) Vgl. z.B.  F. Steinkühler, Einbahnstraße Technik? Das Verhält-
       nis der  Gewerkschaften zu  den "neuen Technologien", in: Blätter
       für deutsche und internationale Politik 2/1984, S. 188 ff.
       6) Vgl. Geschäftsbericht  der IG  Metall 1980  bis  1982,  Frank-
       furt/M. 1983, S. 420.
       

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