Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       DIE GROSSBETRIEBE UND IHRE BELEGSCHAFTEN
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       Angaben zum großbetrieblichen Sektor der Bundesrepublik
       -------------------------------------------------------
       
       Bernd M. Semmler
       
       1. Die  Großbetriebe und  der Kern  der Arbeiterklasse  - 2.  Der
       großbetrieblich strukturierte  Wirtschaftsbereich - 3. Die Beleg-
       schaftsstruktur der Großbetriebe - 4. Großbetriebe und Großstädte
       - 5.  Angaben zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Großbe-
       trieben
       
       1. Die Großbetriebe und der Kern der Arbeiterklasse
       ---------------------------------------------------
       
       Die Großbetriebe  der Produktion fanden bereits am Ende des vori-
       gen  Jahrhunderts   das  Interesse  der  Kathedersozialisten  wie
       Schmoller und  anderer Vertreter  des Vereins  für Socialpolitik.
       Dies betraf  in erster Linie Großbetriebe des Bergbaus, der Indu-
       strie, des  Transportwesens, aber  auch Großbauprojekte und damit
       Stätten der  Konzentration der Arbeiterbeschäftigung. Die Konzen-
       tration der  Beschäftigung war  und ist eng mit der Konzentration
       des Kapitals  und der Produktion verbunden, mit dieser aber nicht
       identisch.
       Im Prozeß  der Konstituierung  der modernen  Arbeiterklasse kommt
       den Großbetrieben als Stätten der objektiven und subjektiven For-
       mierung der  Arbeiterklasse historisch und aktuell eine herausra-
       gende Bedeutung  zu. Großbetriebe waren zwar immer nur dynamische
       Minderheiten, gleichwohl aber mehr als Seismographen des sozialen
       Prozesses. Aufgrund  ihres Charakters  als am  meisten vergesell-
       schafteter und  fortgeschrittener Sektor  der Wirtschaft  kam und
       kommt ihnen eine Lokomotivfunktion zu. Deshalb gilt ihnen und ih-
       ren Belegschaften die Aufmerksamkeit dieses Beitrages.
       Es sollen  hier einige entsprechende statistische Angaben für die
       BRD vorgestellt  und diskutiert werden. Es kann jedoch bei weitem
       nicht die soziologische und ökonomische Bedeutung der Problematik
       der Großbetriebe  ausgelotet werden.  Es geht  uns darum,  einige
       A n g a b e n      z u m      s o z i a l ö k o n o m i s c h e n
       K e r n  d e r  A r b e i t e r k l a s s e  vorzustellen.
       "Vom Standpunkt  der objektiven  sozialökonomischen Kriterien muß
       vom Kern  der Arbeiterklasse bei jenen Gruppen gesprochen werden,
       für die  der Warencharakter  ihrer Arbeitskraft  voll  entwickelt
       ist, d.h.  die dem  Kapital in  der Produktion real untergeordnet
       sind (reelle  Subsumtion), die  das materiell-personelle Substrat
       des variablen  Kapitals in  der Produktion sind. Das waren histo-
       risch die Fabrikarbeiterschaft, das Industrieproletariat, die In-
       dustriearbeiter, die auch heute noch Kerngruppen des Proletariats
       sind. Dies  galt und  gilt vom Standpunkt des Warencharakters der
       Arbeitskraft, der  Entwicklungsstufe der Kapitalverhältnisse, dem
       Vergesellschaftungsgrad der  Arbeit bzw. dem Entwicklungsgrad der
       Produktivkräfte und korrespondiert unmittelbar mit der Polarisie-
       rung der  Klassenverhältnisse im  Bereich der  Anwendung der  Ar-
       beitskraft (in  der Großindustrie  ist die  soziale Trennung  und
       Entgegensetzung am  ausgeprägtesten, die Mittelschichten als Puf-
       fer sind  für die  Arbeiterschaft bzw. das Produktionspersonal am
       schwächsten,  paternalistische   und  traditionalistische   Herr-
       schaftsformen sind  durch objektiviert-technokratische  ersetzt).
       Dieser Zusammenhang  korrespondiert weiter mit einem hohen objek-
       tiven und  auch subjektiven Organisationsgrad der 'Belegschaften'
       als Glieder der Arbeiterklasse (tiefgestaffelte betriebliche Ver-
       tretungsorganisation, hoher  Grad an  gewerkschaftlicher  Organi-
       siertheit, Präsenz  der politischen  und ideologischen Strömungen
       der Arbeiterbewegung usw.).
       Unter Beachtung  dieser Gesichtspunkte  kann heute gesagt werden,
       daß die  Arbeiterklasse in den Großbetrieben der materiellen Pro-
       duktion (Energie, Bergbau, Industrie, Bau, Verkehrs- und Kommuni-
       kationswesen), die in den sozialökonomischen Sektor des Groß- und
       Monopolkapitals und  des Staates eingebunden und dem Monopolkapi-
       tal und  seinen staatlichen  Repräsentanten unmittelbar  konfron-
       tiert ist,  den Kern  der Arbeiterklasse  der BRD  darstellt. Die
       oben umrissenen  Charakteristika sind für die Arbeiterschaft, die
       Angestellten- und Beamtengruppen (letztere etwa bei Großbetrieben
       von Bahn und Post) unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Um diesen
       Kern gruppiert sich heute die Arbeiterklasse in Großbetrieben des
       Handels, des  Bankwesens und  der Dienstleistungen,  obwohl diese
       Gruppen mehr Ähnlichkeiten mit den Angestelltengruppen in der In-
       dustrie besitzen, der Industrialisierungsgrad der Arbeitsbereiche
       noch in  der Entwicklung ist, vielfach deshalb auch noch Entwick-
       lungsphasen der  formellen Subsumtion bestehen, die Mittelschich-
       tenpuffer noch stark sind usw. Zweifellos vollziehen diese Berei-
       che eine  schnelle objektive  Entwicklung zum  Kern der Arbeiter-
       klasse, weshalb  für die  gewerkschaftliche und politische Arbei-
       terbewegung auch  gerade hier  ein wichtiges Entwicklungsfeld be-
       steht." 1)
       "G r o ß b e t r i e b"   i s t   e i n e   h i s t o r i s c h e
       K a t e g o r i e.   Ihr Inhalt  und damit  ihre statistische Ab-
       grenzung sind  Wandlungen unterworfen. In der Statistik des Deut-
       schen Reiches  werden bis 1939 Großbetriebe als Betriebe mit mehr
       als 51 Beschäftigten definiert. Mit der zunehmenden Konzentration
       bzw. der  Entstehung neuer  Größenordnungen wurde  die Grenze bei
       der Definition von Großbetrieben immer weiter hinausgeschoben. In
       den 60er  Jahren war  die Untergrenze  für Großbetriebe allgemein
       mit 1000  Beschäftigten und  mehr definiert.  Solche Definitionen
       bezogen sich  implizit immer  auf den  Industriebetrieb. Mit  dem
       Übergang zu  einem intensiven  Reproduktionstyp und dem Anwachsen
       großbetrieblicher  Strukturen  im  sogenannten  tertiären  Sektor
       stellen sich  heute neue  Definitionsanforderungen. Die Statistik
       erfaßt als  nächste Gruppe Betriebe zwischen 500 und 999 Beschäf-
       tigten. Diese  Situation zwingt uns, die Untergrenze an die Marke
       von 500  Beschäftigten zu legen, obwohl sie zwischen 500 und 1000
       liegen müßte.
       Mit den Beschäftigten der Großbetriebe werden jene Betriebsbeleg-
       schaften erfaßt,  deren Hauptteile  die sozialökonomischen  Kern-
       gruppen der Arbeiterklasse sind und die sich im realen Prozeß auf
       der objektiven  Grundlage ihrer  betrieblichen  Organisation  als
       Klassenkollektive formieren,  die jeweils "ihrem" Kapital und Un-
       ternehmer - in welcher Form auch immer - gegenüberstehen.
       Die  amtliche   Statistik  kennt  die  Begriffe    A r b e i t s-
       s t ä t t e,   B e t r i e b,  U n t e r n e h m e n?  2) Sie ha-
       ben unterschiedliche  Abgrenzungskriterien.  Sind  Arbeitsstätten
       örtliche technische  Einheiten und  Unternehmen  im  Prinzip  die
       Organisationsform  des   Einzelkapitals,  so  steht  der  Betrieb
       dazwischen. Hier  wären  auch  Einheiten  wie  z.B.  Konzerne  zu
       berücksichtigen, weil  sich auch  hier mehrere Betriebskollektive
       (Belegschaften) gegen  ein Einzel(Monopol)kapital  formieren. Wir
       werden  nachfolgend   Angaben  zu   Betrieben,  Unternehmen   und
       Konzernen zu untersuchen haben.
       Man kann  davon ausgehen,  daß der  großbetriebliche  Sektor  zur
       Hauptsache in  den sozialökonomischen  Sektor des Groß- und Mono-
       polkapitals und des Staates fällt, jedoch mit diesem nicht völlig
       identisch ist,  weil er  ebenfalls Bereiche des nichtmonopolisti-
       schen Kapitals  umfaßt. Ferner definiert sich der monopolistische
       Sektor von  einer Entwicklungsstufe des Kapitalverhältnisses her,
       ist also  von vornherein betriebs- und unternehmensübergreifender
       Natur.
       Die politökonomische Bedeutung der Großunternehmen läßt sich kei-
       nesfalls allein  am Ausmaß der Beschäftigtenkonzentration festma-
       chen. Die Umsatzkonzentration ist außer in strukturkrisengeschüt-
       telten Branchen wie der Schiffbau- und Stahlindustrie i.d.R. weit
       höher als  die Beschäftigtenkonzentration. In Tabelle 1 sind die-
       jenigen Branchen  aufgeführt, in  denen die  Diskrepanz  zwischen
       diesen beiden Konzentrationsmaßen besonders stark ausgeprägt ist.
       
       Tabelle 1:  Umsatz- und Beschäftigtenkonzentration der drei größ-
       ten Unternehmen ausgewählter Branchen 1979
       
       Wirtschaftszweig                   Umsatzanteil   Beschäftigten-
                                                         anteil
                                             der jeweils drei größten
                                                  Unternehmen (%)
       Herstellung von Büromaschinen,
       Datenverarbeitungsgeräten und
       -einrichtungen                        73,8           63,0
       Tabakverarbeitung                     64,9           50,6
       Reparatur von Gebrauchsgütern         63,7           51,8
       Mineralölverarbeitung                 60,4           36,7
       Straßenfahrzeugbau, Reparatur von
       Kraftfahrzeugen usw.                  47,5           39,7
       _____
       Quelle: Monopolkommission,  Hauptgutachten 1980/81,  Fortschritte
       bei der Konzentrationserfassung, Baden-Baden 1982, S. 64.
       
       In der Ära der freien Konkurrenz wurde die Konzentration der Pro-
       duktion die Grundlage für das Entstehen der Monopole. Im Übergang
       zum Imperialismus bzw. SMK, mit einer zunehmenden Arbeitsteilung,
       einem höheren  Vergesellschaftungsgrad und  damit der Aufspaltung
       in zahlreiche  Fertigungsstadien hat sich der Inhalt des Begriffs
       Produktionseinheit gewandelt.  Lenin hob  hervor, daß die Konzen-
       tration bzw.  Zusammenballung von Arbeitskräften und Produktions-
       mitteln in  Großbetrieben nur  eine Vorform  der monopolistischen
       Kombination darstellt.  3) Konzentration  und Zentralisation  des
       Kapitals äußern sich heute als monopolistische Kontrolle über die
       wichtigsten  Stadien  des  Produktionsprozesses  unter  Einschluß
       nichtmonopolistischen und  staatlichen Eigentums. Im Zusammenhang
       mit der hier zur Debatte stehenden Fragestellung ist zusammenfas-
       send zu  sagen, daß  die Konzentration  der Arbeitskräfte und der
       Produktion nur  eine Form  der Monopolisierung  darstellt, so daß
       der Einfluß der Monopole und des Finanzkapitals hiermit nicht um-
       rissen werden kann.
       Die dynamischste Entwicklung hin zu Großbetrieben im Zusammenhang
       mit Konzentrationsprozessen hat in jüngerer Zeit besonders in Be-
       reichen stattgefunden, die über die Sphäre der unmittelbaren Pro-
       duktion hinausreichen.  Begriffe wie  das "Ende  der Industriege-
       sellschaft" geben  zwar bestimmte Seiten dieser Entwicklung poin-
       tiert wieder,  führen jedoch  inhaltlich gesehen  in die Irre. In
       der Gruppe  der Dienstleistungen von Unternehmen und freien Beru-
       fen finden wir heute z.B. große Ingenieurbüros, Unternehmensbera-
       tungen oder  auch Reinigungsfirmen, die durch das Herauslösen be-
       stimmter Funktionen aus der Industrie und deren Konzentration auf
       spezialisierte Unternehmen  entstanden. Sie leisten direkte Zuar-
       beit für  die produktive  Sphäre.  Großbetrieblich  strukturierte
       Hauptverwaltungen von  Industriekonzernen erscheinen demgegenüber
       in der  Statistik der  Industrie bzw.  als Bestandteil  der Indu-
       striebetriebe, obwohl  sie sich  in der Tendenz mehr und mehr von
       den Stätten  der unmittelbaren Produktion lösen und sich in Rich-
       tung großbetrieblich organisierter Bürokratien entwickeln.
       Die Theoreme  vom "Ende  der Industriegesellschaft"  reflektieren
       nur höchst  einseitig den absoluten und prozentualen Rückgang der
       Industriebeschäftigten, ignorieren  aber, daß das kapitalistische
       Ausbeutungs-, Herrschafts- und Kontrollverhältnis bzw. die reelle
       Subsumtion auf neue Bereiche übergreift. Wenn heute die Rolle des
       Großbetriebs analysiert  werden soll,  kann dies nur unter Einbe-
       ziehung dieser neuen Bereiche geschehen.
       
       Tabelle 2:
       Beschäftigte in  Arbeitsstätten mit  500 und  mehr  Beschäftigten
       nach Wirtschaftsbereichen und Sphären 1970
       
       Wirtschaftsabteilung Beschäftigte Anteil der Wirt-  Anteil der in
                            in Großar-   schaftsabteilung  Großarbeits-
                            beits-       an der Gesamt-    stätten Be-
                            stätten      zahl der Beschäf- schäftigten
                                         tigten            an der Ge-
                                                           samtzahl der
                                                           Beschäftigten
                                                           der Abteilung
       Land- u. Forstwirt-
       schaft                  3 880         0,1%               4%
       Energiewirtschaft, Wasser-
       versorgung, Bergbau   307 215         5,2%              62%
       Verarbeitendes
       Gewerbe             4 215 289        71,5%              41%
       Baugewerbe            135 731         2,3                6%
       Verkehr, Nachrichten-
       übermittlung          302 760         5,1%              21%
       
       Sphäre der materiellen
       Produktion;         4 964 875        84,2%               -
       
       Handel                220 776         -                  6%
       Kreditinstitute, Versi-
       cherungsgewerbe       126 704         3,7%              19%
       
       Sphäre der Waren-
       und- Geldzirkulation  347 480         5,8%               -
       
       Dienstleistungen von Unternehmen
       und freien Berufen     90 660         1,5%               4%
       
       Sphäre private
       Dienstleistungen       90 660         1,5%               -
       
       Organisationen ohne
       Erwerbscharakter       35 707         0,6%               6%
       Gebietskörperschaften,
       Sozialversicherung    456 339         7,7%              18%
       
       Sphäre Verbände, Kirchen,
       Sozialversicherung,
       Staat                 492 046         8,3%               -
       
       Insgesamt           5 895 061       100,0%               -
       _____
       Quelle: Statistisches Jahrbuch 1972; eigene Berechnungen nach den
       Sonderveröffentlichungen des Stat. BA.
       
       2. Der großbetrieblich strukturierte Wirtschaftsbereich Überblick
       -----------------------------------------------------------------
       
       Die letzte verfügbare Gesamterhebung über Großbetriebe bzw. Groß-
       arbeitsstätten stellt  die Arbeitsstättenzählung  des Jahres 1970
       dar, deren  für unseren Zusammenhang wichtigste Ergebnisse in Ta-
       belle 2 enthalten sind. Aus Tabelle 2 ist die Dominanz der Sphäre
       der materiellen Produktion und ihres Kernbereiches, des verarbei-
       tenden Gewerbes,  ablesbar. Die Sphären der Waren- und Geldzirku-
       lation und  der privaten  Dienstleistungen sind  demgegenüber  in
       weit geringerem Maße großbetrieblich strukturiert. In den folgen-
       den Ausführungen  wird jedoch deutlich werden, daß die Sphäre der
       materiellen Produktion  absolut und relativ gegenüber den anderen
       Sphären, insbesondere  dem Staat,  an Bedeutung  (gemessen am Be-
       schäftigtenanteil am großbetrieblichen Segment) verliert. Hierbei
       ist zu  beachten, daß  der sog.  Dienstleistungsbereich durch die
       Art der  Definition der  Arbeitsstätte bei  der Erfassung großbe-
       trieblicher Strukturen  systematisch unterbewertet  wird. Es exi-
       stiert keine  geschlossene Betriebsstatistik  für diesen Bereich,
       wie dies beim verarbeitenden Gewerbe gegeben ist. Großbürokratien
       wie z.B.  Stadtverwaltungen sind  oftmals nicht an einem Ort kon-
       zentriert, sondern  verteilen sich  über mehrere Straßenzüge. Sie
       werden bei  der Erfassung auseinandergerissen - im Unterschied zu
       industriellen Großbetrieben  wie z. B. den Farbwerken Hoechst AG,
       deren einzelne  Arbeitsstätten wesentlich  weiter auseinanderlie-
       gen, dennoch als Einheit erfaßt werden, weil sich das gesamte Ge-
       lände im Eigentum des Konzerns befindet.
       
       Die Großindustrie
       -----------------
       
       Die ausführlichsten  statistischen Erhebungen liegen für das ver-
       arbeitende Gewerbe  und den Bereich Bergbau vor. 1981 existierten
       im Bergbau  und verarbeitenden Gewerbe 2486 Großbetriebe mit mehr
       als 500  Beschäftigten. In  diesen 5,2  Prozent aller bestehenden
       48 240 Betriebe  arbeiteten  3 933 630  Beschäftigte.  Dies  ent-
       spricht einem Prozentanteil von 52,3 Prozent. 4)
       In den  50er Jahren nahm die Beschäftigtenkonzentration stark zu.
       Sie hält  sich in  den 60er  und 70er  Jahren auf einem annähernd
       gleichen Niveau.  Tabelle 3  zeigt den  sprunghaften Anteilgewinn
       der Betriebe  mit über  1000 Beschäftigten in den 50er Jahren. In
       den 70er  Jahren ist  der Anteil dieser Betriebe leicht zurückge-
       gangen. Die  durchschnittliche Betriebsgröße der Großbetriebe mit
       über 500  Beschäftigten variiert über die einzelnen Branchen sehr
       stark. Hierbei  ist oft  der Grad  der Homogenität  einer Branche
       entscheidend, ob der Durchschnittswert Aussagekraft besitzt. Wenn
       z.B. wie  im Straßenfahrzeugbau  die Zuliefererbetriebe  mit  den
       großen Automobilwerken  zusammen erfaßt werden, dann ist der Aus-
       sagewert der  durchschnittlichen Betriebsgröße  nur in  bezug auf
       die Entwicklung im Zeitverlauf interessant.
       
       Tabelle 3:
       Die Verteilung der Beschäftigten in der Industrie auf Größenklas-
       sen in %
       
       Beschäftigtengrößenklasse    1952     1960     1970     1981 1)
       
          1-9                        2,9      1,9      1,8
                                                                9,0
         10-49                      12,5      8,8     8,6
         50-99                      10,0      8,3      8,1      9,3
        100-199                     11,5     10,7     10,8     11,5
        200-499                     17,4     17,3     17,3     17,8
        500-999                     11,7     12,9     13,2     13,3
       1000 und mehr                34,1     40,1     40,2     39,0
       Insgesamt in %              100,0    100,0    100,0    100,0
       (in 1000)                 (5847,9) (8046,3) (8881,7) (7514,7)
       _____
       1) Die Angaben  für das  Jahr 1981  gelten für das "Produzierende
       Gewerbe". Durch  die Einbeziehung von Handwerksbetrieben hat sich
       der Anteilswert  der Größenklassen  bis 99 Beschäftigte etwas er-
       höht.
       Quelle: Stat. Jahrbuch 1954, 1962, 1972, 1983.
       
       Insgesamt ist festzustellen, daß die durchschnittlichen Betriebs-
       größen in  den 60er Jahren anstiegen und in den 70er Jahren unter
       das Niveau  von 1960  gefallen sind.  Die einzige Ausnahme bildet
       hierbei der  Straßenfahrzeugbau. Die Bandbreite der durchschnitt-
       lichen Betriebsgröße  reicht vom  Straßenfahrzeugbau mit 3900 Be-
       schäftigten, der  Stahlindustrie (3662),  dem Bergbau (2383), der
       chemischen Industrie  (2309),  der  elektrotechnischen  Industrie
       (1491) über  den Maschinenbau (1275) bis zur Verbrauchsgüterindu-
       strie (905). 5)
       Die Verteilung  der Industriebeschäftigten  in Großbetrieben über
       500 Beschäftigte  auf die  einzelnen Branchen  zeigt die Dominanz
       der Investitionsgüterindustrie,  allen voran  der  elektrotechni-
       schen Industrie,  des Straßenfahrzeugbaus  und des Maschinenbaus.
       Im Grundstoff-  und Produktionsgütergewerbe entfallen die größten
       Anteile auf die Chemieindustrie und die Stahlindustrie.
       Die Entwicklung  in den Perioden 1961-1970 und 1970-1981 nach der
       Zahl der  Großbetriebe mit  über 1000  Beschäftigten in  den ver-
       schiedenen Branchen vermittelt folgendes Bild: 6)
       In der  Periode 1961-1970  nimmt die Zahl der Großbetriebe allge-
       mein zu.  Ausnahmen sind der Bergbau (+16,5%), die Stahlindustrie
       (-9,7%), die  NE-Metallindustrie (-11,1%) und die Textilindustrie
       (-23,0%).  Starke  Zunahmen  verzeichneten  die  Elektroindustrie
       (+39,8%), die Straßenfahrzeugbauindustrie (+23,9%), die Chemiein-
       dustrie (+16,7%) und der Maschinenbau (+9,7%). In den 70er Jahren
       nahm die Zahl der Großbetriebe einzig in der Chemischen Industrie
       (+6,1%) und im Straßenfahrzeugbau (+13,6%) zu. Alle anderen Bran-
       chen hatten  drastische  Schrumpfungen  zu  verzeichnen.  In  der
       Stahlindustrie ging  die Zahl  der Großbetriebe  um 12,5%, in der
       Elektroindustrie um  18,2%, im  Maschinenbau um 18,6%, im Bergbau
       um 34,5% und in der Textilindustrie um 56,1% zurück.
       In den Betrieben mit über 500 Beschäftigten wurden in der Periode
       1970/1981, wenn  die Verluste  der schrumpfenden  Branchen aufad-
       diert werden, etwa 730000 Arbeitsplätze vernichtet. Außerdem sind
       noch die Umschichtungen innerhalb der Branchen (z.B. von den Her-
       stellern elektrischer  Haushaltsgeräte zur  Elektronikindustrie),
       die sich  innerhalb der Branche gegenseitig ausgleichen und damit
       nicht in  der Statistik erscheinen, zu berücksichtigen. Im Ergeb-
       nis dürften  etwa 1 000 000  Arbeitsplätze  im  großbetrieblichen
       Segment von  1970 bis 1981 vernichtet worden sein. Dies macht das
       Ausmaß des Umstrukturierungsprozesses sichtbar.
       Die folgende Auflistung zeigt die Branchen mit den größten Verlu-
       sten: 7)
       Elektroindustrie minus 176 261 Arbeitsplätze
       Textilindustrie  minus 115 029 Arbeitsplätze
       Maschinenbau     minus 109 669 Arbeitsplätze
       Bergbau          minus  63 375 Arbeitsplätze
       Stahlindustrie   minus  56 992 Arbeitsplätze.
       Es ist  klar, daß  diese Arbeitsplatzverluste  in  traditionellen
       Großbetrieben zunächst  Schwächungen der gewerkschaftlichen Orga-
       nisationskraft hervorrufen,  die in  neuen Bereichen  nur langsam
       wieder aufgeholt werden können.
       
       Schwerpunkte der Großindustrie nach Bundesländern
       -------------------------------------------------
       
       Die Entwicklung  der regionalen  Verteilung der Beschäftigten der
       industriellen Großbetriebe zeigt die dynamischen neuen Industrie-
       zentren im Verhältnis zu den "alten Zentren" (Tab. 4).
       
       Tabelle 4:
       Verteilung der  Beschäftigten in Großbetrieben der Industrie nach
       Bundesländern in %
                              1960   1969   1981    1969    1981
                             >1000  >1000  >1000   500-999 500-999
       
       Schleswig-Holstein      1,7    1,7    1,6     2,1     2,5
       Hamburg                 2,7    2,6    2,5     2,8     3,1
       Niedersachsen           9,3   10,5    9,6     8,8     8,5
       Bremen                  1,9    1,5    1,6     1,3     1,4
       NRW                    39,5   34,1   31,2    29,6    29,0
       Hessen                  7,9    9,1    9,5     8,1     8,4
       Rheinland-Pfalz         3,7    3,8    4,7     4,7     4,7
       Baden-Württemberg      13,7   16,1   17,1    22,0    20,6
       Bayern                 12,4   14,7   16,7    16,1    18,7
       Saarland                3,4    2,8    3,1     1,7     2,0
       Westberlin              4,0    3,2    2,4     2,8     1,8
       _____
       Quelle: Statistisches Jahrbuch, versch. Jahre; Sonderveröffentli-
       chungen des Stat. BA.
       
       Die Ausgangsfrage ist zunächst, welche industriellen Regionen die
       großbetrieblich strukturierten  Zentren bilden.  Das industrielle
       Zentrum der  BRD ist nach wie vor Nordrhein-Westfalen, obwohl NRW
       in den vergangenen 20 Jahren einem rapiden Bedeutungsverlust aus-
       gesetzt war  und noch ist. Die Umverteilung der großbetrieblichen
       Standorte verlief  vor allem  zugunsten von Baden-Württemberg und
       Bayern. Baden-Württemberg  hat in der Größenklasse 500-999 in den
       70er Jahren  allerdings Anteilverluste  hinnehmen müssen, während
       Bayern Anteile  gewann. Hessen  konnte seine  Position in  beiden
       Größenklassen über alle Perioden hinweg verbessern. Die norddeut-
       schen Stadtstaaten  haben ihre  Position relativ  gehalten, wobei
       sich eine  Verschiebung zur  Betriebsgrößenklasse mit 500-999 Be-
       schäftigten ergeben  hat. Der Anteilgewinn von Rheinland-Pfalz in
       den 70er  Jahren in der Größenklasse größer als 1000 Beschäftigte
       ist erheblich.
       Der Anteil  der Forschungs-  und Entwicklungsaufwendungen ist ein
       Indikator für die sogenannten Zukunftsindustrien. Die Kombination
       der Branchen  mit hohen  FuE-Aufwendungen  mit  deren  regionalen
       Schwerpunkten liefert hierfür einige wertvolle Informationen. Von
       den Gesamtaufwendungen  hat die  Chemische Industrie einen Anteil
       von 26,6%,  die Elektrotechnische  Industrie von 26,6%, die Stra-
       ßenfahrzeugbauindustrie von  12,3%, die Maschinenbauindustrie von
       10,3% und  die Luftfahrzeugbauindustrie  von 7,6%. Bayern und Ba-
       den-Württemberg vereinigen 50% der FuE-Aufwendungen im Maschinen-
       und Straßenfahrzeugbau und 71% in den Branchen Elektrotechnik und
       Feinmechanik auf  sich. 8) Sie stellen für diesen Bereich eindeu-
       tig die  Zentren der großbetrieblich strukturierten high-tech-In-
       dustrien dar.
       
       3. Die Belegschaftsstruktur der Großbetriebe
       --------------------------------------------
       
       Die Produktionsarbeiter
       -----------------------
       
       Wie oben bereits verdeutlicht wurde, vereinigen die Branchen Che-
       mie-, Maschinenbau-,  Straßenfahrzeugbau-  und  Elektrotechnische
       Industrie Hauptgruppen,  d.h. 57% des Kerns der Arbeiterklasse in
       industriellen Großbetrieben auf sich. Insofern bietet sich es an,
       die Untersuchungen von Kern/Schumann zu den wichtigsten Arbeiter-
       bzw. Arbeitstypen  in diesen Bereichen mit den bisherigen Ausfüh-
       rungen in  Beziehung zu  setzen, um das Bild dieses Kerns der Ar-
       beiterklasse nachzuzeichnen.  Kern/Schumann schätzen, daß sie mit
       ihrer folgenden  Typisierung etwa 80% der Arbeiter in der großbe-
       trieblich strukturierten Produktion erfassen (vgl. Tab. 5).
       In den Hintergrund sind aufgrund des Rückgangs der entsprechenden
       Bereiche  die  qualifiziert-angelernten/gelernten  Schwerarbeiter
       (qualifizierte  Bergleute,   Erstleute  in  der  Hüttenindustrie,
       Schiffbauer) und die manuellen Schwerstarbeiter getreten. Die Ra-
       tionalisierungswelle bzw.  die Krise hat die Massenarbeiter, ins-
       besondere die  ausländischen Arbeiter unter ihnen, überproportio-
       nal stark getroffen. Für die Massenarbeiter mit BRD-Staatsangehö-
       rigkeit ist  seit Mitte  der 60er Jahre ein Aufstieg zum qualifi-
       zierten Angelernten  oder Vorarbeiter  kaum mehr möglich. Die Ar-
       beitsplätze  der   Massenarbeiter  konzentrierten   sich  in  der
       A u t o m o b i l i n d u s t r i e    auf  die  Betriebsbereiche
       Rohbau und Montage. Nach einer Prognose des Verbandes der Automo-
       bilindustrie werden bis 1990 in diesen Bereichen 20 bzw. 32% oder
       100 000 Arbeitsplätze vernichtet werden. 9)
       
       Tabelle 5: Arbeitstypen in industriellen Großbetrieben der BRD
       
       Sektoren          Rationalisierungsformen   Arbeitscharaktere 10)
       
       stoffverformend-  industrielle Massenferti- Massenarbeiter (60%),
       montierende Mas-  gung                      Instandhaltungs-Fach-
       senfertigung (Bei-                          arbeiter (15%), qua-
       spiel: Automobil-                           lifiziert angelernte
       industrie)                                  Produktionsarbeiter
                                                   (10%)
       stoffumwandelnde  automatisierte Produk-    qualifiziert-ange-
       Massenproduktion  tion                      lernte Produktions-
       (Beispiel: Groß-                            arbeiter (60%), In-
       chemie)                                     standhaltungsfach-
                                                   arbeiter (25%)
       stoffverformend-  Rationalisierung bei
       montierende Klein- kleinen Serien
       serienfertigung
       (Beispiel: Werk-
       zeugmaschinenbau)
       _____
       Quelle: Kern/Schumann, Rationalisierung und Albeiterverhalten in:
       Techniksoziologie, hgg.  von Rodrigo  Jokisch, Frankfurt/M. 1982,
       S. 368 ff.
       
       Der hohe  Anteil der  Massenarbeiter in  der  Automobilindustrie,
       aber auch  in der  Elektrotechnischen Industrie, ist das Ergebnis
       der Dominanz  des fordistischen  Prinzips in der Arbeitsorganisa-
       tion, d.h.  der Abspaltung  und Verselbständigung von Detailfunk-
       tionen. Die  sich für die 80er Jahre abzeichnende neue Rationali-
       sierungswelle beinhaltet, daß die vorgelagerten (Entwicklung/Kon-
       struktion, Arbeitsvorbereitung)  und die  nachgelagerten  (Quali-
       tätskontrolle) Bereiche  mit der unmittelbaren Produktion auf der
       Basis moderner  Informationstechnologien zu  einem  neu  struktu-
       rierten Ganzen integriert werden. Die weitgehende Automatisierung
       der  Bereiche  Rohbau  und  Montage  wird  zu  einem  drastischen
       Bedeutungsverlust  des   Massenarbeiters  führen.  Ein  Teil  der
       Massenarbeiter  wird   eine  Zusatzqualifikation   erhalten.  Die
       Instandhaltungsarbeiter erfahren  mit den  verschiedenen  Gruppen
       der technischen  Intelligenz einen  Bedeutungsgewinn, so  daß die
       mittleren und  wissenschaftlichen Qualifikationen  an Gewicht zu-
       nehmen.
       In der   G r o ß c h e m i e  ist die manuelle Schwerstarbeit auf
       wenige Bereiche zurückgegangen. Die Belegschaft ist in der Sphäre
       der unmittelbaren  Produktion in großtechnische Systeme eingefügt
       und räumlich aufgesplittert. Die Rationalisierung beschränkt sich
       auf die Mechanisierung der Restbestände unqualifizierter Arbeit.
       Sowohl in  der   A u t o m o b i l i n d u s t r i e  als auch in
       der  C h e m i e i n d u s t r i e  zielen die Rationalisierungs-
       konzepte auf  eine Flexibilisierung  des Instandhaltungsbereichs,
       indem die  Aufhebung der  Grenzen zwischen  Produktions- und  In-
       standhaltungsbereich angestrebt wird. Vor allem in der Automobil-
       industrie werden  die integrierten Lösungsansätze Arbeitsaufgaben
       mit   weniger    arbeitsteiligem   Zuschnitt    erfordern.   Eine
       "Reprofessionalisierung der  Arbeit in der Produktion" auf schma-
       ler Basis  ist möglich. Dies gilt, um falschen Vorstellungen ent-
       gegenzutreten, nur  für eine  Minderheit der Belegschaft, die al-
       lerdings traditionsgemäß  großen Einfluß in der betrieblichen und
       gewerkschaftlichen Interessenvertretung ausübt.
       Im  W e r k z e u g m a s c h i n e n b a u  ist das Gros der Ar-
       beiter Facharbeiter.  Die Anteile  schwanken zwischen 100% in der
       Montage bis 50% in der mechanischen Fertigung. Es ist dem Kapital
       bisher nicht  gelungen, die  Abhängigkeit vom Facharbeiter einzu-
       schränken. Angesichts  der Krise  der  Investitionsgüterindustrie
       ist die  Gefahr von  Freisetzung,  Abgruppierung,  erhöhtem  Lei-
       stungsdruck usw. gegeben. Mehrmaschinenbedienung an teilautomati-
       sierten Fertigungsinseln  u.ä. führt  zur Entwertung  eines Teils
       der Facharbeiterqualifikationen.  Für einen kleinen Kreis besteht
       die Möglichkeit  der Komplettierung der Qualifikation in Richtung
       Elektronik.
       Für die 80er Jahre können damit folgende Auswirkungen des wissen-
       schaftlich-technischen Fortschritts  und der Rationalisierung auf
       einzelne   Arbeitergruppen    erwartet   werden:   Aussicht   auf
       "Aufstiegsprozesse" haben  in der  Automobilindustrie die  jungen
       Massenarbeiter mit  BRD-Staatsangehörigkeit und Berufshintergrund
       und  die   Instandhaltungsspezialisten.  Im  Werkzeugmaschinenbau
       trifft dies auf die jungen, lernfähigen Maschinenfacharbeiter zu,
       die zu Experten der neuen Technologien werden können. In der che-
       mischen Industrie  wird ein  Teil der  Chemiefacharbeiter und der
       Meß- und  Regelmechaniker aufsteigen.  Der größte  Teil der  hier
       aufgeführten "Arbeitscharaktere",  die Massenarbeiter, die tradi-
       tionell qualifiziert-angelernten  Produktionsfacharbeiter und die
       konventionellen Gruppen  der Instandhalter (Schlosser) werden De-
       qualifizierungs- und "Freisetzungs"-prozessen unterworfen werden.
       
       Konzernbelegschaften
       --------------------
       
       Für die folgenden Ausführungen soll kein Anspruch auf Repräsenta-
       tivität erhoben werden. Es werden hier einzelne Konzerndaten aus-
       gebreitet. Da keine amtliche Statistik der Großbetriebe nach Qua-
       lifikationsmerkmalen  und  Funktionsbereichen  der  Beschäftigten
       existiert, wird  hier der  Versuch unternommen,  mit den entspre-
       chenden Daten  einiger Konzerne  die Hauptkonturen der Beschäfti-
       gungsstruktur der modernen Großbetriebe herauszuarbeiten.
       Durchschnittszahlen für  den Gesamtkonzern  können zu unrealisti-
       schen Einschätzungen  führen, da die Realität von Stammwerken der
       Großkonzerne, die oft einen prägenden Einfluß in den betreffenden
       Ballungsräumen haben,  in Durchschnittswerten  verdampft. In  den
       Haupt- und Stammwerken ist i.d.R. ein Großteil der Fu/E-Abteilun-
       gen, der Controlling-Abteilungen usw. konzentriert, die heute die
       Beschäftigtenstruktur der großstädtischen Großbetriebe stark prä-
       gen.
       Tabelle 6,  die  die  Beschäftigten  nach  Funktionsbereichen  im
       Stammwerk in  Beziehung  zum  Hoechst-Konzern  bundesweit  setzt,
       zeigt die  Differenzen im  Profil des Kerns der Arbeiterklasse in
       Großstädten zu den Durchschnittswerten auf.
       
       Tabelle 6:
       Hoechst-Konzern -  Beschäftigtenstruktur nach  Funktionsbereichen
       1981
       Funktionsbereiche             Stammwerk   Hoechst  Hoechst
                                                 Inland   Welt
       
       1. Verwaltung                    21         20       17
       2. Produktion                    28         41       40
       3. Ingenieurwesen                17         16       11
       4. Forschung u. Entwicklung      14          9        7
       5. Verkauf                       20         14       25
       insgesamt in %                  100        100      100
                 absolut            31 000     84 511  184 722
       _____
       Quelle: nach Lothar Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit, die Wis-
       sen schafft,  Manuskript, Frankfurt/M. 1984, hier: Einleitungska-
       pitel: Industrialisierung  immaterieller Produktionsprozesse,  S.
       50.
       Während im  Hoechst-Konzern bundesweit  41% der  Beschäftigten in
       der unmittelbaren  Produktion tätig  sind, beträgt  der  entspre-
       chende Anteil  im Stammwerk  Frankfurt-Hoechst 28%. In den beiden
       der Produktion  vorgelagerten Bereichen  FuE  und  Ingenieurwesen
       sind mit 31% mehr Beschäftigte tätig als in der Produktion im en-
       geren Sinne.  40% der Beschäftigten verteilen sich auf die Berei-
       che Verwaltung und Vertrieb.
       Ein ähnliches Bild ergibt sich nach Tabelle 7 für den Siemenskon-
       zern, das  dominierende Monopol  in der  Elektrotechnischen Indu-
       strie. Die  Zahlen beziehen  sich hier  auf die Betriebe des Sie-
       menskonzerns in  der BRD  ohne Auszubildende  und Beteiligungsge-
       sellschaften.
       
       Tabelle 7:
       Personalstrukturveränderungen nach Funktionsbereichen in der Sie-
       mens AG
                                           1962 1)   1973      1982
       Funktionsbereiche                   in %      in %      in %
       1. "Leitung"
          (kaufmännische Personal-
          und Dienstleistungsfunktionen)   15        14        15,5
       2. Forschung + Entwicklung           6        11        13
       3. Fertigung                        67        58        55,5
          (inkl. Prüfberichte, Lager etc.)
         Vertrieb/Zentralniederlassungen   12        17        15,5
       Erwerbstätige insgesamt in %       100       100       100
                              absolut 165 000   187 700   169 200
       _____
       1) Schätzwerte
       Quelle: nach Lothar  Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit... a.a.a
       O., S. 52.
       
       Der Beschäftigtenanteil  des Funktionsbereichs Fertigung ist seit
       Anfang der  sechziger Jahre  von etwa  zwei Dritteln  auf nunmehr
       55,5% zurückgegangen.  In diesem  Funktionsbereich sind ebenfalls
       die in  der Nachrichten- und Datentechnik quantitativ bedeutenden
       Prüfbereiche und  die Lager/Transportbereiche  enthalten.  Schät-
       zungsweise beträgt  der Beschäftigtenanteil in der Produktion ma-
       ximal 40%.
       Die Zahlen  für den IBM-Konzern spiegeln ein ähnliches Profil wi-
       der, wobei  der geringe  Beschäftigtenanteil des Bereichs FuE der
       Tatsache geschuldet ist, daß die FuE-Kapazitäten des Weltkonzerns
       in den  USA konzentriert  sind. Von  den 27359  Beschäftigten von
       IBM-BRD arbeiten  32,2% in  der Produktion, 5,9% in FuE, 16,6% in
       der Verwaltung,  16,1% im  technischen Außendienst  und 22,1%  im
       Vertrieb. 11) Der Beschäftigtenschwerpunkt liegt damit weniger im
       Produktionsbereich. IBM könnte treffender als Vertriebskonzem mit
       Service-Funktionen denn  als  Industriekonzern  im  herkömmlichen
       Sinn charakterisiert werden.
       Die Entwicklung  der Qualifikationsstruktur  bei Siemens (Tab. 8)
       macht deutlich,  daß der Anteil der Gruppe der Arbeiter vor allem
       durch die  Reduzierung der  an- und ungelernten Arbeiter von zwei
       Dritteln im  Jahr 1962  auf knapp  unter die Hälfte 1982 gesunken
       ist. Die  Gruppe der  Facharbeiter ist absolut um 12,8% zurückge-
       gangen. Demgegenüber  stieg die  Zahl der  "technisch Tätigen" um
       64,4%. Darunter  ist die Zahl der Hochschul- und Fachhochschulab-
       solventen von  14900 auf 23400 um 57,0% angestiegen. Die Zahl der
       Techniker weist  die höchste  Steigerungsrate mit 105,3% auf. Die
       Gruppe der wissenschaftlichen Intelligenz ist besonders spektaku-
       lär im kaufmännischen Bereich von 900 auf 5300 Beschäftigte ange-
       stiegen, d.h. ihr Anteil erhöhte sich von 3,6% 1962 auf 15,7% der
       kaufmännischen Angestellten  im Jahre  1982. Gleichzeitig sank in
       den siebziger  Jahren durch die Einführung neuer Technologien der
       Textverarbeitung etc.  die Zahl  der Sekretärinnen  und  Schreib-
       kräfte um 30%.
       
       Tabelle 8:
       Veränderungen der Belegschaftsstruktur im Bereich der Siemens AG
       
                                 1962           1973           1982
       Beschäftigtengruppen   absolut in %   absolut in %   absolut in %
       
       Kaufm. Tätige          25 100  14,5   32 500  16,2   33 700  19,6
       Davon:
       Hochschul- u. Fach-
       hochschulabsolventen
       Sekretärinnen,            900      ca. 1 950          5 300
       Schreibkräfte           6 900      ca. 7 500          5 300
       Technisch Tätige       31 500  18,2   50 100  25,0   51 800  30,8
       Davon:
       Hochschulabsolventen                                  8 100
       Fachhochschulabsolv.   14 900     ca. 21 000         15 300
       Techniker               3 800      ca. 6 500          7 800
       Techn. Assistenten                                    1 400
       Sonst.                 10 900     ca. 19 500         17 200
       Meister                 1 900      ca. 2 800          2 000
       Gewerblich Tätige     116 600  67,3  118 100  58,8   84 700  49,9
       Davon:
       Facharbeiter           39 800         37 900         34 700
       An- u. ungelernte
       Arbeiter               76 900         80 200         50 000
       
       Insgesamt             173 200 100    200 700 100    169 800 100
       _____
       Quelle: Lothar Hack/Irmgard Hack, Die Wirklichkeit..., a.a.O., S.
       54.
       
       Es zeigt  sich, daß  die wissenschaftlich-technische  Intelligenz
       bereits bedeutende Beschäftigtenteile im kaufmännischen (16%) und
       im technischen  Bereich (45%)  einnimmt. Die mittleren Qualifika-
       tionen wie Techniker haben ebenfalls relevante Anteile.
       Bemerkenswert ist,  daß die Hochschul- und Fachhochschulabsolven-
       ten (28 700)  mittlerweile zur Gruppe der Facharbeiter (34700) in
       einem Verhältnis  von 1:1,2  stehen. Dies macht ansatzweise deut-
       lich, welcher  grundlegende Wandel  in der Qualifikationsstruktur
       in großbetrieblich  strukturierten  Zukunftsindustrien  vollzogen
       worden ist.
       Die Gruppen  aus der  Produktion i.e.S.  nehmen quantitativ stark
       ab. Gleichzeitig  expandieren die  der  unmittelbaren  Produktion
       vorgelagerten Beschäftigtengruppen, die die Umsetzung des wissen-
       schaftlich-technischen Fortschritts  forcieren. Bemerkenswert ist
       hierbei, daß  die Gruppen mit mittleren Qualifikationen, die sich
       aus dem  Facharbeiterbereich rekrutierenden  Techniker, stark zu-
       nehmen. Im  Ergebnis dieses  Prozesses hebt sich das Qualifikati-
       onsniveau des  fungierenden Gesamtarbeiters  beträchtlich. Gegen-
       läufig ist  die Entwertung der betriebsspezifischen Qualifikatio-
       nen der  an- und ungelernten Arbeiter via Entlassung und von Tei-
       len der  Facharbeiterqualifikationen. Dem steht die Expansion der
       technisch-wissenschaftlichen Intelligenz  sowie der  Aufstieg von
       Teilen der  Facharbeiter über das Schulsystem in den Technikerbe-
       reich gegenüber.
       Die Verlagerung  zuungunsten der  traditionellen  Kategorien  der
       Facharbeiter hat  selbstverständlich Auswirkungen  auf die bisher
       vorherrschende Souveränität dieser Gruppe. Die traditionelle Ver-
       tretungsstärke bleibt  hiervon sicherlich nicht unberührt, so daß
       sich die Frage stellt: Welche neuen Gruppen werden in dieses ent-
       stehende Vakuum  in den  betrieblichen und gewerkschaftlichen In-
       teressenvertretungen vorstoßen  - oder  bleiben diese Felder wei-
       terhin von einer quantitativ schrumpfenden Facharbeiterschaft be-
       setzt?
       Aus der  "Ingenieur-Erhebung" 12) des Verbandes des Deutschen Ma-
       schinen-und Anlagenbaus  (VDMA) geht  hervor, daß  in den Großbe-
       trieben ein  überproportional hoher  Anteil der wissenschaftlich-
       technischen Intelligenz konzentriert ist. Dies bestätigt die Aus-
       führungen zum Siemenskonzern und zur Hoechst-AG. Die Betriebsgrö-
       ßenklasse mit  über 1000  Beschäftigten hat bei einem Beschäftig-
       tenanteil von  37,5% der Branche den überproportional hohen Inge-
       nieuranteil von  57,8%. Dies kommt in modifizierter Form im Inge-
       nieuranteil der  einzelnen  Beschäftigtengrößenklassen  zum  Aus-
       druck, wie Tabelle 9 zeigt.
       
       Tabelle 9:
       Ingenieuranteile nach Beschäftigtengrößenklassen im Maschinen-
       und Anlagenbau
       
       Betriebsgröße             %-Anteil der Ingenieure an den
                                         Beschäftigten
                                    1961     1968     1982
         50-99                       4,0      4,4      5,4
        199-499                      4,2      4,5      5,6
        500-999                      4,0      4,6      5,6
       1000 u. mehr                  4,5      5,4      8,6
       Gesamt                        4,4      5,0      7,0
       _____
       Quelle: Verband  Deutscher Maschinen-  und Anlagenbau, Ingenieur-
       Erhebung im Maschinen- und Anlagenbau 1983, Frankfurt/M., S. 2.
       
       Die  Haupttätigkeitsbereiche  der  Ingenieure  sind  Konstruktion
       (29,1%), Forschung  und Entwicklung (14,3%), Vertrieb (16,6%) und
       Unternehmensleitung (7,4%).  Im Funktionsbereich  Produktion  und
       Hilfsbetriebe sind  10,4% der  Ingenieure tätig.  1968 vereinigte
       dieser Funktionsbereich  noch 19,4% der Ingenieure auf sich. Par-
       allel zur  quantitativen Schrumpfung  der Arbeiter in der Produk-
       tion hat sich auch die Zahl der Ingenieure hier absolut und rela-
       tiv verringert. Die Zahl der Ingenieure mit Hochschulabschluß hat
       gegenüber denen  mit Fachhochschulabschluß überproportional zuge-
       nommen.  Die  VDMA-Studie  spricht  von  einer  "Verwissenschaft-
       lichung". Von  1968 bis  1982 ist  die Zahl  der  Ingenieure  mit
       Hochschulabschluß um  126% und  die der  Fachhochschulabsolventen
       nur  um   28,1%  gestiegen,   d.h.  Werktätige,   die  nach   der
       Facharbeiterausbildung eine  Fachhochschule besuchten, werden re-
       lativ gesehen  von jenen  verdrängt, die keine Arbeitersozialisa-
       tion aufweisen.
       Die  Untersuchung   zeigt  ferner,   daß  die  Arbeitskräfte  mit
       "mittlerer Qualifikation", das sind die technischen Zeichner, die
       Techniker usw., noch stärker expandiert haben als die Ingenieure.
       In den der Produktion vorgelagerten Bereichen stellen beide Grup-
       pen den  Kern der  Beschäftigten dar.  Sie bestimmen  das soziale
       Klima in  den betreffenden Abteilungen, in denen die Facharbeiter
       eine Minderheitenposition einnehmen.
       
       4. Großbetriebe und Großstädte
       ------------------------------
       
       Aus den  bisherigen Ausführungen ist hervorgegangen, daß die ein-
       zelnen großbetrieblich  strukturierten Branchen ganz unterschied-
       liche Angestelltenquoten aufweisen. Wie Tabelle 10 zeigt, hat die
       jeweilige Branchenstruktur der Großindustrie einzelner Großstädte
       einen unmittelbaren Einfluß auf deren Beschäftigungsstruktur. Als
       Indikator bietet  sich hier  ebenfalls die  Angestelltenquote  im
       Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe an.
       An der  Spitze steht Erlangen, wo sich u. a. wichtige Forschungs-
       und Entwicklungskapazitäten von Siemens konzentrieren. Die Städte
       mit überdurchschnittlich  hohen Angestelltenquoten werden von der
       Chemieindustrie und  Zweigen der  Metallindustrie wie Elektronik,
       Meß- und Regeltechnik, Luft-und Raumfahrt, Automobilbau (dies be-
       schränkt sich  jedoch mehr  oder weniger  auf  das  FuE-intensive
       Daimler-Benz-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim) und Maschinen-
       bau dominiert.
       Die Beschäftigungsstruktur  von Leverkusen  und Ludwigshafen wird
       stark von  der Chemieindustrie  geprägt. In München und Stuttgart
       sind die  FuE-intensiven  Bereiche  der  Metallindustrie  konzen-
       triert. Dies  gilt auch für die Großbetriebe im Metallbereich von
       Frankfurt, wo  allerdings eine Kombination mit der Großchemie er-
       folgt.
       Mit weitem  Abstand folgen  die von  der Stahlindustrie geprägten
       Städte Duisburg  und Dortmund,  wo  allerdings  auch  beachtliche
       Zweige der Investitionsgüterindustrie beheimatet sind. Die Städte
       mit erheblichem  Anteil der  Automobilindustrie weisen (noch) ge-
       ringe Angestelltenquoten  auf. Hier  bestimmt der hohe Anteil der
       Massenarbeiter nach wie vor das Bild. Die vom Bergbau dominierten
       Städte Gelsenkirchen  und Bottrop haben die absolut geringste An-
       gestelltenquote.
       Aus all  dem geht  hervor, wie  sehr die einzelnen Industrien mit
       ihren unterschiedlichen  Beschäftigtenstrukturen  bestimmend  auf
       die Sozialstruktur  der Großstädte  einwirken. Allerdings muß be-
       achtet werden, daß hier nur die Angestelltenquote von Bergbau und
       Industrie erfaßt  ist, es  sich also nicht um Angestelltenanteile
       an allen Erwerbstätigen handelt.
       
       Tabelle 10:  Angestelltenquote in  Bergbau und verarbeitendem Ge-
       werbe ausgewählter Städte 1982
       
       Städte       Bergbau und   Grundstoff-   Investitionsgüter
                    verarbeit.    und Prod.-    gewerbe in %
                    Gewerbe       gütergewer-
                    insgesamt     be in %
       
       Erlangen       65,2         -            66,3
       Frankfurt      49,6        52,7 (Chemie) 51,5 (Maschinenbau
                                                Meß- u. Regeltechnik
                                                etc.)
       München        49,4         -            50,6 (Rüstungsindustrie,
                                                v.a. Elektronik und
                                                Luft- u. Raumfahrt)
       Leverkusen     48,2        52,6 (Chemie)  -
       Stuttgart      46,3         -            46,8 (Elektronik, Ma-
                                                schinenbau, Daimler-
                                                Benz u.a.)
       Ludwigshafen   45,2        45,6 (Chemie)  -
       Duisburg       29,0        24,8 (Stahl)  42,3
       Dortmund       29,0        26,0 (Stahl)  36,2
       Bochum         21,0         -            17,8 (Opel u.a.)
       Ingolstadt     21,9         -            21,7 (Audi u.a.)
       Gelsen-
       kirchen 1)     21,7         -             -
       Bottrop 2)     18,0         -             -
       _____
       1) Davon Bergbau = 13%
       2) Davon Bergbau = 11,5%
       Quelle: Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden, Köln 1983, S.
       330 ff.
       
       Um diese Dimension mit einzubeziehen, soll nun der Beschäftigten-
       anteil der  Nichtproduktionssphären der Wirtschaft, (Handel, Kre-
       ditinstitute und  Versicherungsgewerbe, Dienstleistungen  von Un-
       ternehmen und freien Berufen, Verbände, Staat und Sozialversiche-
       rungen)in die  Betrachtung mit einbezogen werden. Hier sind über-
       wiegend Angestellte und Beamte beschäftigt.
       Frankfurt bietet  sich hier  insofern als  Beispiel an, weil 1977
       eine Arbeitsstättenzählung  stattgefunden hat. Frankfurt ist kei-
       neswegs repräsentativ  für das  Bundesgebiet. Allerdings  ist die
       Wirtschaftsstruktur Frankfurts  durchaus mit  der  anderer  Groß-
       städte vergleichbar. 13)
       Da in der Periode 1970/77 die Beschäftigtenzahl in Frankfurt ins-
       gesamt um  6,1%, in den Großbetrieben (500 Beschäftigte und mehr)
       aber "nur"  um 2,9%  zurückgegangen ist, hat sich der Beschäftig-
       tenanteil des  großbetrieblichen Segments von 35,5% im Jahre 1970
       auf 36,6% im Jahre 1977 erhöht.
       
       Tabelle 11:
       Beschäftigte in  Arbeitsstätten mit  500 und  mehr  Beschäftigten
       nach Wirtschaftsbereichen und Sphären in Frankfurt
       
       Wirtschaftsabteilung     Beschäftigte in  Anteil der Wirtschafts-
                                Großarbeits-     abteilung an der
                                stätten          Gesamtzahl der in
                                                 Großarbeitsstätten
                                                 Beschäftigten in %
                                1970   1977      1970   1977
       Land- u. Fortwirtschaft
       Energiewirtschaft,       2455   2728       1,3    1,4
       Wasserversorgung, Bergbau
       Verarbeitendes Gewerbe  94577  79435      49,5   42,8
       Baugewerbe               9000   5861       4,7    8,2
       Verkehr, Nachrichten-
       übermittlung            29820  37387      15,6   20,1
       
       Sphäre der materiellen
       Produktion             135852 125411      71,1   67,6
       
       Handel                  13838  12310       7,2    6,6
       Kreditinstitute,
       Versicherungsgewerbe    19807  16481      10,4    8,9
       
       Sphäre der Waren-
       und Geldzirkulation     33645  28791      17,6   15,5
       
       Dienstleistungen von
       Unternehmen und freien
       Berufen                 10175  14044       5,3    7,6
       
       Sphäre private Dienst-
       leistungen              10175  14044       5,3    7,6
       
       Organisationen ohne
       Erwerbscharakter         2923   2754       1,5    1,5
       Gebietskörperschaften,
       Sozialversicherung       8601  14597       4,5    7,9
       
       Sphäre Verbände,
       Kirchen, Sozial-
       versicherung, Staat     11524  17351       6,0    9,3
       
       Insgesamt              191196 185597     100    100
       _____
       Quelle: K.  Asemann, Die  Frankfurter Wirtschaft  am  Beginn  der
       siebziger Jahre, Frankfurt 1972, S. 33 ff.; Eigene Auswertung des
       Basismaterials der  Arbeitsstättenzählung 1970;  K. Asemann,  Ar-
       beitsstätten und  Beschäftigte in  Frankfurt am Main 1977, Frank-
       furt 1979, S. 58.
       
       Tabelle 11  weist aus,  daß der  Beschäftigtenanteil der  großbe-
       trieblich  strukturierten  Produktionssphäre  in  Frankfurt  1970
       nicht spektakulär  unter dem  des Bundesgebietes (71,1% zu 84,2%)
       liegt (vgl.  Tab. 2).  Die Besonderheit  liegt  vielmehr  in  der
       Struktur  dieser   Sphäre.  Der   Anteil   der   Abteilung   Ver-
       kehr/Nachrichten ist  dreimal so  hoch wie im Bundesdurchschnitt.
       Ein weiterer  gravierender Strukturunterschied besteht darin, daß
       in Frankfurt  in der  Statistik des  Verarbeitenden Gewerbes  die
       Großbürokratien und  Forschungsstätten der Großkonzerne enthalten
       sind.
       Ebenfalls dreimal  so hohe  Anteilweite wie im Bundesgebiet haben
       die Sphären  der Waren-  und  Geldzirkulation  und  der  privaten
       Dienstleistungen. Die  Sphäre  Verbände,  Sozialversicherung  und
       Staat lag 1970 noch unter dem Bundesdurchschnitt.
       Die Entwicklung in der Periode von 1970 bis 1977 zeigt, daß diese
       Tendenzen der  Schrumpfung der  Sphäre der materiellen Produktion
       verstärkt fortwirkten.  Sie vereinigt  1977 nur noch zwei Drittel
       der im  großbetrieblich strukturierten  Segment Beschäftigten auf
       sich (dabei das Verarbeitende Gewerbe plus Baugewerbe als Kernbe-
       reiche der Produktion - 46,0%).
       Bei einer  Einteilung des  sogenannten Tertiärbereichs  in  einen
       staatlichen und einen nichtstaatlichen Bereich wird sichtbar, daß
       die Mehrheit  der Beschäftigten  in Großbetrieben des sogenannten
       Dienstleistungssektors beim  Staat tätig  ist. Hierzu  zählen  in
       Frankfurt der  Flughafen (FAG und Lufthansa), die Bundespost, die
       Bundesbahn, die  Bundesbank/Landesbank/Kreditanstalt für  Wieder-
       aufbau, die  Universität, die  Städtischen Bühnen,  die Rundfunk-
       bzw. Fernsehanstalten,  die Krankenhäuser, die Energieversorgung,
       die Sozial- und Krankenversicherungen, das Arbeitsamt, die Stadt-
       verwaltung, die Landes- und Bundesämter, die Gerichte und das Po-
       lizeipräsidium. Privatkapitalistisch  dominiert sind die Bereiche
       Kreditinstitute/Versicherungen, Handel und private Dienstleistun-
       gen. Die  Beschäftigtenzahl der  beiden ersten  Bereiche  in  den
       Großbetrieben ist zwischen 1970 und 1977 um 11 bzw. 16,8% zurück-
       gegangen. Im  privatkapitalistischen Bereich  ist einzig  die Be-
       schäftigtenzahl in der Abteilung Dienstleistungen von Unternehmen
       und freien  Berufen angestiegen. Es handelt sich hierbei um Steu-
       erberatungs- bzw. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Architektur-
       und Ingenieurbüros,  Unternehmensberatungsgesellschaften,  Markt-
       forschungsinstitute u.a.  In diesen  Großbetrieben dominieren die
       Gruppen der  Intelligenz. An  den Veränderungen in Frankfurt wird
       deutlich, welches Ausmaß und welche Richtungen der Strukturwandel
       hat, was sich bekanntlich auch im sozio-kulturellen Klima nieder-
       schlägt.
       
       5. Angaben zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad
       ---------------------------------------------------
       in Großbetrieben
       ----------------
       
       Der Organisationsgrad  variiert regelmäßig mit der Betriebsgröße.
       Großbetrieblich strukturierte Branchen wie die Stahlindustrie und
       der Bergbau  weisen sehr  hohe Organisationsgrade auf. Tabelle 12
       weist die  unterschiedlichen Organisationsgrade  in  Abhängigkeit
       von der Betriebsgröße im Organisationsbereich der IG Metall aus.
       
       Tabelle 12:
       Gewerkschaftlicher Organisationsgrad nach Betriebsgrößenklasse
       
       Betriebsgröße                Organisationsgrad in %
                                 Arbeiter  Angestellte  Gesamt
       
        100 -  499                  54        19,2       42,9
        500 -  999                  62,3      23,4       49,5
       1000 - 4999                  68,2      23,8       53,1
       5000 und mehr                75,6      31,4       66,8
       _____
       Quelle: IG Metall, Ergebnisse der Betriebsratswahlen 1981
       
       Dieser Zusammenhang existiert auch für in geringerem Maße großbe-
       trieblich strukturierte  Wirtschaftsbereiche wie  das Organisati-
       onsgebiet der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Der
       Organisationsgrad betrug durchschnittlich 7,3% (1977), 14) in Be-
       trieben mit über 300 Beschäftigten 14,3%. 15)
       Ein weiterer  wichtiger Zusammenhang  besteht zwischen dem Anteil
       der Angestellten  an den Beschäftigten und dem Organisationsgrad.
       Daraus ergeben sich spezifische Probleme für die Gewerkschaftsbe-
       wegung. Bei  der Gegenüberstellung  von sogenannten Zukunftsindu-
       strien wie  der Büromaschinen bzw. Datenverarbeitungsanlagen pro-
       duzierenden Industrie,  der Chemie- und der Stahlindustrie in Ta-
       belle 13  wird deutlich,  daß der hohe Anteil der Angestellten in
       direktem Verhältnis zum niedrigen Organisationsgrad steht.
       
       Tabelle 13: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad
       in einzelnen Branchen
       
       Branche             Angestellten-  Organisationsgrad 1981 in %
                           quote in %    insges.  Arbeiter  Angestellte
       Herstellung von Büro-
       maschinen und
       EDV-Anlagen            57,2        29,0      51,3       12,4
       Chemie:
       Hoechst-Stammwerk      54,0        34,4      49,8       14,9
       Stahlindustrie         24,6        80,0      88,6       53,5
       _____
       Quelle: IGM,  Ergebnisse d.  Betriebsratswahlen 1981,  und eigene
       Erhebung.
       
       Durch die Bürorationalisierung tritt insbesondere bei den weibli-
       chen Angestellten  die Zahl der traditionellen kaufmännischen An-
       gestellten  zurück.  Gleichzeitig  steigt  ihr  Organisationsgrad
       leicht an. Bei den männlichen Angestelltengruppen findet eine Um-
       schichtung statt.  Die hinzukommenden  neuen  Angestelltengruppen
       bewirken einerseits, daß die Zahl der männlichen Angestellten we-
       sentlich langsamer schrumpft. Das wichtigste Ergebnis dieses Aus-
       tauschprozesses ist jedoch der bei den männlichen Angestellten um
       21,7% zurückgegangene  Organisationsgrad. Dies zeigt klar Tabelle
       14.
       
       Tabelle 14:#
       Gewerkschaftlicher Organisationsgrad  von Angestellten in Metall-
       betrieben mit 1000 bis 4999 Beschäftigten 1), 2)
       Jahr Angestellte Gewerkschaftl. Organisationsgrad der Angest.
            absol. in % aller Org. Grad  männl. Angest. weibl. Angest.
                   Beschäf-   aller      absol. Org.-   absol. Org.-
                   tigten     Angest.           Quote          Quote
                              in %              in %           in %
       
       1975 428105  32        28,4       307096  30,8   121009  22,4
       1981 404607  34        23,8       295353  24,1   109254  22,9
       
       Veränd.
       in %   5,5   +5,9     -16          -3,8  -21,7     -9,7  +2,2
       _____
       1) Diese Angaben  und Quoten beziehen sich auf die in der IGM or-
       ganisierten Angestellten.
       2) Organisationsgrad oder  -quote =  Anteil der Gewerkschaftsmit-
       glieder an  allen Angestellten  bzw. der jeweiligen Angestellten-
       gruppe in %.
       Quelle: IGM, Ergebnisse der BR-Wahlen 1981, 1975.
       
       Damit stellt sich das für die Gewerkschaften bekannte Problem der
       Organisierung der Angestellten auf einem neuen Niveau und in sich
       zuspitzender Schärfe.
       
       _____
       1) Heinz Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre. Struktur - Kern
       - betriebliche Basis, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       6, 1983, S. 44 ff., hier S. 68/69.
       2) In der  amtlichen Statistik  sind Arbeitsstätten  als örtliche
       Einheiten definiert,  in denen unter Einschluß des Leiters minde-
       stens eine  Person haupt-  oder nebenberuflich ständig tätig ist.
       Arbeitsstätten sind  die kleinsten  statistischen Einheiten.  Be-
       triebe bestehen  aus einer  oder mehreren Arbeitsstätten, prakti-
       zieren eine  minimale Rechnungslegung und fassen z.T. örtlich ge-
       trennte Arbeitsstätten  zusammen. Als Unternehmen gilt die klein-
       ste rechtliche  Einheit, die aus handels- und/oder steuerrechtli-
       chen Gründen  Bücher führen  und einen  Jahresabschluß aufstellen
       muß, ohne  Zweigniederlassungen im  Ausland  und  ohne  rechtlich
       selbständige Tochtergesellschaften.
       Durch die  unterschiedliche Definition  von Arbeitsstätte und Be-
       trieb wurden  bei der  letzten Arbeitsstättenzählung 1970 für das
       verarbeitende Gewerbe  3 078  193  Beschäftigte  in  Großarbeits-
       stätten und  in der  Großbetriebsstatistik 4 345 926 Beschäftigte
       erfaßt. Die  engere Definition  von  Arbeitsstätten  ist  hierfür
       ausschlaggebend (Statistisches  Jahrbuch  1972,  S.  163/164,  S.
       204/205).
       3) W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita-
       lismus, in: Lenin, Werke, Bd. 22, S. 200 ff.
       4) Stat. Jahrbuch der BRD 1983, S. 176/177.
       5) Statistisches Jahrbuch 1963, 1972 und 1983.
       6) Statistisches Jahrbuch 1963, 1972, 1983; eigene Berechnungen.
       7) Statistisches Jahrbuch, 1972, 1981; eigene Berechnungen.
       8) Vgl. Stifterverband  für die  Deutsche Wissenschaft, Forschung
       und Entwicklung in der Wirtschaft 1977, Essen 1980, S. 8.
       9) Vgl. Düstere  Prognose für Autoindustrie, in: Der Gewerkschaf-
       ter 4/84, S. 3.
       10) Kern/Schumann verstehen unter den Massenarbeitern un- und an-
       gelernte  Arbeiter,   die   repetitive   Teilarbeiten   ausführen
       ("austauschbare Lückenbüßer"); (Beispiele: Fließbandarbeiter, Ma-
       schinenbediener). Der qualifiziert-angelernte Produktionsarbeiter
       stellt den  einseitig  spezialisierten  Prozeßfachmann  bzw.  den
       "Spezialisten ohne Fundus" dar (Beispiele: Meßwartenarbeiter, An-
       lagenkontrolleure). Als Beispiele für den Produktionsfacharbeiter
       werden Schlosser  in der  Produktion, Dreher,  Werkzeugmacher ge-
       nannt. Der  Instandhaltungsfacharbeiter ist  als Experte  der ei-
       gentliche Kenner  der  Produktionstechnik  (Beispiele:  Betriebs-
       schlosser, Betriebselektriker, Hydrauliker, Meß- und Regeltechni-
       ker). Die  letzten beiden  Facharbeitergruppen zeichnen sich nach
       Kern/Schumann durch eine individuelle wie kollektive Vertretungs-
       stärke aus.
       11) FAZ vom 7.7.1984.
       12) VDMA, Ingenieur-Erhebung  im Maschinen-  und Anlagenbau 1983,
       Frankfurt am Main 1983.
       13) 1970 hatte  der sog. Tertiärsektor folgende Beschäftigungsan-
       teile: Hamburg  64,2%, Frankfurt  61,7%, Düsseldorf 58,9%, Stutt-
       gart 50,1%,  Essen 50,4%,  Dortmund 49,2%, Bochum 42,7%. Im Jahre
       1980 hatte  er in  Frankfurt einen  Anteil von 68% und in Hamburg
       von 68%.
       14) Thomas Hagelstange,  Die Entwicklung der Mitgliederzahlen der
       DGB-Gewerkschaften 1950-1978,  in: Gewerkschaftliche  Monatshefte
       11/1979, S. 734.
       15) Angaben des Hauptvorstandes der HBV; eigene Berechnungen.
       

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