Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       ARBEITERBEWEGUNG IN WESTEUROPA 1945-1985:
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       VON DER BEWEGUNG ZUR STAGNATION?
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       Frank Deppe
       
       1.
       
       Diskussionen über  den Zustand und die Perspektiven der Arbeiter-
       bewegung in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern gestal-
       ten sich  heutzutage oftmals zu düsteren und eher pessimistischen
       Veranstaltungen. Die  Krise der  Arbeiterbewegung (zu der wir die
       Gewerkschaften, die  verschiedenen politischen Organisationen und
       Strömungen, die ihre Politik explizit um die Interessenvertretung
       von Lohnabhängigen  zentrieren, aber auch eigenständige, spontane
       Bewegungen und  Aktionen aus  der Arbeiterklasse  selbst  zählen)
       tritt schnell in den Mittelpunkt der Diskussionen. Mitgliederver-
       luste der Gewerkschaften, der Rückgang der Streikaktivität werden
       - ebenso wie Wahlniederlagen der Linken, der Verlust hegemonialer
       Positionen auch  unter den  Bedingungen einer Linksregierung (wie
       z.B. in  Frankreich), Phänomene der politischen und ideologischen
       Ohnmacht gegenüber  der neokonservativen "Konterrevolution" - als
       Indikatoren für eine solche Krise angeführt. So ist der "Abschied
       vom Proletariat",  verbunden mit  der Suche nach neuen "Wegen ins
       Paradies" (beide  Formeln stammen  von André Gorz), gleichsam zum
       Modethema linksintellektueller Diskurse avanciert.
       Die Arbeiterklasse  - so  lautet eine der zentralen Thesen - kann
       nicht länger  als eine  historische Kraft angesprochen werden, in
       deren Lebenserfahrung  und -praxis  (produktive Arbeit)  sich die
       Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung in einer Weise kon-
       zentrieren, daß  diese Klasse  - und damit die Arbeiterbewegung -
       noch zum  politischen Potential einer sozialistischen Veränderung
       werden könnte.  Der quantitative  Rückgang der Industriearbeiter-
       schaft in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern, der sich
       in den  kommenden Jahren als Folge des neuen Produktivkraftschubs
       der Elektronik  und der Informationstechnologien noch beschleuni-
       gen wird,  erscheint so als ein säkularer Trend der Auflösung des
       Industrieproletariats. Gleichzeitig  wird  die  scheinbare  Hand-
       lungsunfähigkeit, die strukturelle Defensivposition der Arbeiter-
       bewegung in  der gegenwärtigen  Krisen- und  Übergangsperiode des
       Kapitalismus von  vielen als das notwendige Resultat eines langen
       Prozesses der "Inkorporierung" bzw. der Integration der Arbeiter-
       parteien und  namentlich der  Gewerkschaften in  das Herrschafts-
       und Regulierungssystem  der entwickelten kapitalistischen Gesell-
       schaften begriffen.
       In der  außergewöhnlich langen Periode kapitalistischer Prosperi-
       tät und  Stabilität zwischen  dem Ende der 40er und der Mitte der
       70er Jahre  habe sich  ein Korporationsverbund von Staat, Kapital
       und Arbeit  institutionalisiert, der der traditionellen Arbeiter-
       bewegung auf  der einen  Seite Vollbeschäftigung, steigende Real-
       löhne, kürzere  Arbeitszeiten, den  Ausbau von  sozialpolitischen
       Leistungen und  der gesellschaftlichen Infrastruktur, schließlich
       auch Formen  der Beteiligung an der Macht - von der Ebene der Re-
       gierungen bis  hin zum  Betrieb (dort durch erweiterte Mitbestim-
       mung und Mitverantwortung) - gebracht habe; auf der anderen Seite
       seien diese  Zugeständnisse durch  eine "Entradikalisierung"  der
       Arbeiterbewegung, durch eine breite Anerkennung des Kapitalismus,
       seiner Konsumstrukturen,  des "technischen Fortschritts" und sei-
       ner politischen  Herrschaftsformen "erkauft"  worden -  zumindest
       bei der überwiegenden Mehrheit der westeuropäischen Arbeiterbewe-
       gung. Daher  sei die Arbeiterbewegung mit dem Ende dieser "langen
       Welle" des Wachstums, der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbe-
       dingungen der  Lohnabhängigen und  der Institutionalisierung  der
       Klassenkollaboration in  eine Krise geraten. Je mehr sie sich mit
       der herrschenden  Logik verbündet  hat, um  so mehr  gerät sie in
       eine Lage,  in der  sie gezwungen  wird, "Arzt am Krankenbett des
       Kapitalismus" zu spielen, das heißt: kapitalistisches Krisenmana-
       gement mitzutragen, teilweise selbst zu organisieren.
       In dieser  Problemperzeption reduzieren  sich die  Gewerkschaften
       auf die Interessenvertretung des schrumpfenden Teils der noch be-
       schäftigten (und  relativ privilegierten) Lohnabhängigen. Gleich-
       zeitig verlieren  sie dabei die Fähigkeit, die sozialökonomischen
       und politischen  Interessen der  (hoch  segmentierten)  Arbeiter-
       klasse in  ihrer Gesamtheit zu vertreten und Konzepte wie Strate-
       gien einer  alternativen, antikapitalistischen Politik zu entwic-
       keln. Dieses  Potential einer  gesellschaftspolitischen  Alterna-
       tive, einer  neuen, emanzipatorischen Perspektive werde deshalb -
       so ergibt  sich als  Schlußfolgerung -  von den  "neuen  sozialen
       Bewegungen" (Frauen-, Friedens-, Ökologiebewegung) repräsentiert,
       die sich  von der "Borniertheit" des "Klassenstandpunktes" längst
       befreit haben.
       Das Urteil  von Ralf Dahrendorf über die heutige Gewerkschaftsbe-
       wegung wird  von vielen  Linken geteilt: Sie "sind nicht mehr die
       vorwärtstreibenden Organisationen selbstbewußter Zukunftsgruppen.
       Vielmehr ist  ihre  Thematik  defensiv  und  ihre  Anhängerschaft
       ängstlich ...  (sie) sind  zu Verteidigungsorganisationen abstei-
       gender sozialer Gruppen geworden ... Sie sind eher Zünfte als Be-
       wegungen geworden". 1) Die Zukunft der Gewerkschaften - so Walter
       Müller-Jentsch -  ist die  von  notwendigen  Interessenverbänden,
       "auf die  abhängig Beschäftigte ebensowenig verzichten können wie
       Autofahrer auf den ADAC (oder ACE)". 2)
       
       2.
       
       In diesem  Beitrag soll  nun der  Frage nachgegangen  werden, wie
       sich die  Arbeiterbewegung in  Westeuropa in  den vergangenen  40
       Jahren - also von der Befreiung vom Faschismus 1944/45 bis in die
       Gegenwart -  entwickelt hat. Dabei wird sich zunächst einmal zei-
       gen, daß  diese  Entwicklung  keineswegs  gradlinig  -  nach  dem
       schlichten Schema  eines permanenten  Abstiegs bzw.  Aufstiegs  -
       verläuft. Vielmehr sind verschiedene Etappen bzw. Phasen deutlich
       zu unterscheiden,  die sich - gemäß dem Thema unserer Betrachtung
       - nach  der Rolle und Intensität der Klassenauseinandersetzungen,
       nach dem  Gewicht der  Arbeiterbewegung in Gesellschaft und Poli-
       tik, insgesamt nach dem Kräfteverhältnis der Klassen differenzie-
       ren. Trotz  der vielfältigen  Besonderheiten und der Ungleichzei-
       tigkeit, die  die jeweils  nationalen  Prozesse  charakterisieren
       (und die  nicht im Detail dargestellt werden können), lassen sich
       vier solcher Phasen erkennen:
       1. Die Nachkriegsperiode  - vom  Sieg über den Faschismus bis zum
       Beginn des  wirtschaftlichen Aufschwungs, der Niederlage der (vor
       allem von  den Kräften  der Arbeiterbewegung vertretenen) Neuord-
       nungskonzeptionen und  der Durchsetzung der Kräftekonstellationen
       des "Kalten Krieges" auch in der Innenpolitik der jeweiligen Län-
       der (1944/45 bis 1948/49).
       2. Die lange  Phase des  "Wirtschaftswunders", der  konservativen
       Hegemonie und  der "Inkorporierung" vor allem des reformistischen
       Flügels der Arbeiterbewegung (vom Ende der 40er bis zur Mitte der
       60er Jahre).
       3. Das "Ende  der Rekonstruktionsperiode",  in dem sich die Wach-
       tumsraten abflachen,  Krisenprozesse  und  der  "Modernisierungs-
       bedarf" ins  allgemeine Bewußtsein treten. Diese Zeit (etwa Mitte
       der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre) zeichnet sich durch eine
       Intensivierung der  Klassenauseinandersetzungen sowie durch einen
       bedeutenden Machtzuwachs  der Arbeiterbewegung,  insgesamt  durch
       eine Verschiebung des politisch-ideologischen Kräfteverhältnisses
       nach  links   aus.  Dem  entspricht  der  Hegemonieverlust  jener
       konservativen Kräfte, die in der Periode des "Kalten Krieges" und
       der je nationalen "Wirtschaftswunder" dominiert hatten.
       4. Der Übergang in eine neue lange Phase der Depression mit nied-
       rigen wirtschaftlichen Wachstumsraten und krisenhaften Einbrüchen
       (1973-1975 und  1981-1983). Die  "Vollbeschäftigung" der vorange-
       henden beiden  Jahrzehnte geht nunmehr über in die Massenarbeits-
       losigkeit, die  infolge der  verringerten  Wachstumsdynamik,  der
       wissenschaftlich-technischen Revolution  und der  staatlichen Au-
       steritätspolitik kontinuierlich  - zunehmend  abgekoppelt von den
       Raten des  Wirtschaftswachstums -  ansteigt. Die Arbeiterbewegung
       gerät fast überall in die Defensive. Die neokonservative Gegenof-
       fensive, die  eine "Wende"  in allen  wichtigen  Politikbereichen
       fordert  (von   der  Wirtschafts-   und  Sozialpolitik   bis  zur
       internationalen  Politik),   vermag  in   einigen   Zentren   des
       Imperialismus (vor  allem in  den USA, in Großbritannien, der BRD
       und Japan)  politische Erfolge  zu verbuchen und damit Positionen
       der Linken weiter zu schwächen.
       Dieser erste  Zugang zur  Periodisierung der Nachkriegsgeschichte
       läßt schon erkennen, daß zwischen den ökonomischen Reproduktions-
       und Wachstumsbedingungen  des  Kapitalismus  und  den  jeweiligen
       Kräftekonstellationen von  Kapital und Arbeit ein enger Zusammen-
       hang besteht.  Im Zentrum  dieses historischen  Abschnitts  steht
       ganz zweifellos  die "lange  Welle" einer gleichsam beispiellosen
       Wachstumsdynamik und  relativen Prosperität in den hochentwickel-
       ten kapitalistischen  Ländern (Ende  der 40er bis Anfang der 70er
       Jahre). Die  Nachkriegsperiode könnte aus dieser Perspektive auch
       als der Abschluß der langen "depressiven Welle" angesehen werden,
       die kurz  vor Beginn  des ersten  Weltkrieges einsetzte. Die Ent-
       wicklung seit  der Mitte  der 70er Jahre wäre so als Beginn einer
       neuen, krisenhaften  Entwicklungsepoche  des  Kapitalismus  defi-
       niert, über  deren "Wendepunkt"  bzw. über  deren Ablösung  durch
       einen neuen "Boom" bereits heute lebhaft spekuliert wird. 3)
       
       3.
       
       Die Periodisierung  der Geschichte  der Arbeiterbewegung folgt in
       der Regel  den großen politischen Markierungen und Brüchen in der
       Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bzw. ih-
       rer Nationen. Methodisch schwieriger ist schon die Frage nach der
       Beziehung von Klassenkampfzyklen und den sogenannten "langen Wel-
       len". Es  ist nicht  schwer, die "langen Wellen" als Strukturform
       der kapitalistischen  Wirtschaftsgeschichte zu  beschreiben,  sie
       empirisch zu  konstatieren. Dieses  Modell besagt, "daß die indu-
       strielle Entwicklung  seit der  Französischen Revolution in lang-
       fristigen Perioden verläuft, die zwischen 40 und 60 Jahren dauern
       können, und  deren jede  sich als eine Folge von Aufstieg und Ab-
       stieg darstellt,  von beschleunigter  und verlangsamter  Entwick-
       lung, von  Flut und  Ebbe, so  daß in  jede Periode gewissermaßen
       eine 'gute  Zeit' und  eine 'schlechte  Zeit' fällt, ganz wie die
       fetten und die dürren Jahre in der Bibel". 4)
       Schwieriger ist  es schon,  ihre innere  Entwicklungslogik zu be-
       greifen, d.h.  auch die Frage zu beantworten, welche Gesetzmäßig-
       keiten und  Triebkräfte die Bewegung der "langen Wellen" determi-
       nieren -  und (was noch wichtiger ist) warum der Umschlag von ei-
       ner langen  expansiven in eine lange depressive Welle erfolgt und
       umgekehrt. Und  schließlich kann  die  bloße  Analogisierung  von
       ökonomischen Prozessen  mit der  Bewegung  der  Klassenkämpfe  zu
       falschen und  grob vereinfachenden  Schlußfolgerungen führen, die
       weder der  historischen Realität  noch der "historischen Tendenz"
       der kapitalistischen  Entwicklung und  ihrer Widersprüche gerecht
       zu werden vermögen.
       Offenkundig besteht  aber ein  Zusammenhang zwischen der langfri-
       stigen Bewegung  der Kapitalverwertungsbedingungen  und den poli-
       tisch-strategischen Optionen  bzw. Prioritätensetzungen der herr-
       schenden Klasse.  Dabei ist  es "notwendig,  die  Imperative  des
       Klassenkampfes als  entscheidender Vermittlungsebene zwischen den
       grundlegenden Trends  der Wirtschaftsentwicklung und den grundle-
       genden Trends der wirtschafts- und sozialpolitischen Ideologie zu
       berücksichtigen". 5)  In dem  Maße, wie  sich die  Kapitalverwer-
       tungsbedingungen langfristig  verschlechtern, die zyklischen Kri-
       sen nicht  mehr jene "Reinigungsfunktion" erfüllen, die neue pro-
       fitable Anlagesphären für das Kapital (und damit einen neuen Pro-
       duktivkraftschub) eröffnet,  verändern sich  auch Inhalte und Me-
       thoden des  Klassenkampfes. Aus  der Interessenlage  des Kapitals
       (bzw. der  mächtigsten Kapitalfraktionen) wird es jetzt zur wich-
       tigsten Aufgabe, mit allen Mitteln der ökonomischen und außeröko-
       nomischen Gewalt  jene Hindernisse zu beseitigen, die der Wieder-
       herstellung der  Profitrate (vor  allem auch durch die Steigerung
       der  Mehrwertrate)   im  Wege  stehen.  Die  Krise  wird  so  zum
       "Knotenpunkt" der  kapitalistischen  Dynamik  -  als  "Phase  des
       Bruchs mit den überkommenen Strukturen und als Phase der Restruk-
       turierung in Richtung einer neuen Entwicklung". 6)
       Diese neue  Entwicklungsrichtung konkretisiert sich einerseits im
       verschärften Konkurrenzkampf  auf dem  nationalen wie  dem  Welt-
       markt. Der Kampf um Marktanteile, Produktivitätsvorteile sowie um
       neue Anlagesphären  - also  die Ebene  der  innerkapitalistischen
       bzw. -  imperialistischen Konkurrenz  - zielt  auf die Schwächung
       bzw. Ausschaltung  konkurrierender Kapitale,  zugleich  auf  eine
       Neustrukturierung der  imperialistischen  Kräfteverhältnisse  auf
       dem Weltmarkt  und in  der Weltpolitik.  Die beiden Weltkriege im
       20. Jahrhundert bildeten jeweils den gewaltsamen Höhepunkt dieses
       Kampfes und  markieren daher  nicht zufällig  die beiden  "Grenz-
       phasen" der  langen, depressiven  Welle, die als "Zwischenkriegs-
       krise" bezeichnet wird.
       Zugleich erfaßt  diese Neustrukturierung das Verhältnis von Kapi-
       tal und  Arbeit. Die  Wiederherstellung der  Profitrate (als  des
       treibenden Motivs  der kapitalistischen  Produktion) verlangt die
       Infragestellung jener  Machtpositionen, die  die Arbeiterbewegung
       in der vorangegangenen Wachstumsphase erringen konnte: Reallöhne,
       Sozialeinkommen, Arbeitsschutzgesetze,  tarifliche Rechte, Mitbe-
       stimmungs- und  Kontrollrechte der  Lohnabhängigen -  schließlich
       auch die  "freie Luft" demokratischer Rechte, die die Arbeiterbe-
       wegung "zum  Atmen" braucht  - werden  zum Objekt einer Angriffs-
       strategie, die  einerseits die sozialen und ideologischen Wirkun-
       gen der ökonomischen Krisenprozesse (Massenarbeitslosigkeit), an-
       dererseits die  Macht des  kapitalistischen Staates nutzt, um die
       Arbeiterbewegung in  die Defensive  zu drängen, sie als autonomes
       Gegenmachtpotential substantiell  zu schwächen  oder  -  mit  dem
       "letzten Mittel" der faschistischen Gewalt - deren politische und
       physische Existenzberechtigung zu vernichten. 7)
       Solche Konstellationen eines strategischen "Bruchs", die in letz-
       ter Instanz auf die langfristige Bewegungstendenz der Kapitalver-
       wertungsbedingungen zurückzuführen  sind,  aktualisieren  jeweils
       auch für die Arbeiterbewegung (oftmals mit einer gewissen Phasen-
       verschiebung) die  Notwendigkeit, sich den neuen Kampfbedingungen
       zu stellen, die Verteidigung von zuvor errungenen Machtpositionen
       mit der Frage zu verbinden, wie die "Dialektik von Reform und Re-
       volution", das Verhältnis von Tageskampf (der vorwiegend defensi-
       ver Natur  ist) und  sozialistischer Perspektive  theoretisch und
       praktisch, d.h.  historisch konkret  bestimmt werden  kann. Dabei
       handelt es  sich keineswegs  ausschließlich um  den adäquaten Be-
       griff des  imperialistischen Strategiewechsels,  der den sozialen
       Auseinandersetzungen einen  neuen  politischen  Inhalt  verleiht.
       Vielmehr tritt  in solchen  Perioden der Neuorientierung auch die
       Auseinandersetzung zwischen  verschiedenen Strömungen und Tenden-
       zen in  der Arbeiterbewegung (bis hin zur politischen und organi-
       satorischen Spaltung) in den Vordergrund. In dem Maße, wie tradi-
       tionelle Handlungsmuster  nicht mehr greifen bzw. nur noch um den
       Preis einer  gesteigerten Anpassung  an  das  existierende  Herr-
       schaftssystem aufrechtzuerhalten sind, und: in dem Maße, wie neue
       Schichten der  Arbeiterklasse in  die Kämpfe  eintreten und dabei
       auch die  Führungsrolle problematisieren,  die bestimmte Klassen-
       fraktionen (z. B. Facharbeiter bestimmter Branchen) in der voran-
       gegangenen Periode eingenommen haben, entwickelt sich das Bewußt-
       sein, daß  die Arbeiterbewegung  sich im  Übergang zu einem neuen
       Zyklus der Klassenkämpfe befindet. 8)
       Die Auseinandersetzung  zwischen Kapital  und Arbeit  ist  jedoch
       stets eingebettet in den Gesamtzusammenhang der ideologischen Re-
       produktion der  Gesellschaft. Sie  wird gleichsam überformt durch
       jene ideologischen Prozesse, in denen auf der einen Seite die In-
       tellektuellen solche  Perioden des Umbruchs und des Übergangs re-
       flektieren und  damit deren jeweilige geistige Atmosphäre bestim-
       men; auf  der anderen  Seite sedimentieren sich diese Mechanismen
       der ideologischen  Vergesellschaftung auch  in  den  alltäglichen
       Deutungsmustern und  Wertorientierungen der  Massen. Mit  anderen
       Worten: Ob  jeweils eher  optimistische oder  eher pessimistische
       Grundstimmungen vorherrschen  und auch  in die  Politikformen der
       großen antagonistischen  "Blöcke" einfließen, hängt nicht nur von
       der unmittelbaren  sozialökonomischen Erfahrung, sondern auch von
       diesen Deutungen  des Charakters  der Epoche ab. Hegemonie ist in
       diesem Sinne  auch stets  mit "Deutungsmacht" verbunden. Der bür-
       gerliche Optimismus,  der in der Regel die langen Prosperitätszy-
       klen begleitet,  schlägt mit  dem Überschreiten  ihres Höhe-  und
       Wendepunktes immer  wieder in verschiedene Varianten eines allge-
       meinen Kulturpessimismus, eines elitären Zynismus um, der sich in
       der Abkehr  vom Rationalismus, in Endzeit- und Untergangsstimmun-
       gen, im Wiederaufleben von Romantik, Individualismus und Nihilis-
       mus artikuliert.  9) Die  Angst - vermischt mit Katastrophenstim-
       mungen -  wird zur  Triebkraft politischer  Bewegungen. Die Uner-
       träglichkeit von sozialer Erfahrung vermischt sich mit der Verun-
       sicherung von  Wertorientierungen, die  über einen längeren Zeit-
       raum zugleich Ausdruck einer relativ kohärenten, wenngleich klas-
       senspezifischen Lebensweise  gewesen sind.  Vor allem in der sog.
       "Zwischenkriegsperiode" (1914-1945)  wurden solche Brüche und ir-
       rationalen Motivationen  politisch relevant.  In den - vorwiegend
       kleinbürgerlichen -  faschistischen Massenbewegungen verschafften
       sie sich einen Ausdruck.
       Das Konzept  der "langen Wellen" und der korrespondierenden Klas-
       senkampfzyklen  wird  freilich  dort  problematisch,  wo  es  als
       gleichsam überhistorischer,  innerer Rhythmus  der Geschichte der
       bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft  mißverstanden wird. Die
       "ewige Wiederkehr  des Immergleichen",  wie sie in konservativen,
       zyklischen Geschichtsmodellen  (zumal  in  den  "pessimistischen"
       Phasen) behauptet  wird, verschleiert  nicht nur  den Tatbestand,
       daß  jede  Entwicklungsperiode  dieser  Gesellschaft  spezifische
       Merkmale aufweist, die ihrerseits die politischen Auseinanderset-
       zungen bestimmen;  sondern - was noch wichtiger ist - sie negiert
       die für  die Geschichte des Kapitalismus zentrale Erkenntnis, daß
       sich der  Rhythmus der "langen Wellen" nicht in einem strukturlo-
       sen Auf  und Ab, sondern jeweils nur in der "historischen Tendenz
       der kapitalistischen  Akkumulation" bewegt.  "Lange Wellen"-  und
       "Stufen"-Konzept der  kapitalistischen Entwicklung  können  daher
       nicht als  alternative Analyseansätze  begriffen werden.  Die Um-
       bruchs- und  Übergangsphasen, in  denen das Kapital auf die lang-
       fristige Verschlechterung  der Kapitalverwertungsbedingungen  mit
       einer strategischen  Neustrukturierung  der  zwischenkapitalisti-
       schen Konkurrenz,  der Produktivkraftentwicklung  und schließlich
       in erster  Linie des  Kräfteverhältnisses von Kapital und Arbeit,
       von Imperialismus und Sozialismus, reagiert, sind vor allem darin
       zu unterscheiden, daß der kapitalistische Vergesellschaftungspro-
       zeß, die  Produktivkraftentwicklung, die Sozial- und Konsumstruk-
       turen des  Kapitalismus und  das Kräfteverhältnis von Kapital und
       Arbeit historisch  eine neue  Stufe erreicht  haben. Es sind aber
       gerade diese  Widerspruchspotentiale des gesamtgesellschaftlichen
       Systems, zu  denen seit  1945 auch die Herausbildung des soziali-
       stischen Staatensystems  und die antiimperialistischen Bewegungen
       in der "Dritten Welt" gehören, die die Bedingungen und damit auch
       die jeweiligen  Inhalte jener  Neustrukturierungsstrategien defi-
       nieren, die  darauf abzielen, aus der Depression in eine erneute,
       expansive "Welle"  überzuleiten und dabei das politisch-ideologi-
       sche Kräfteverhältnis zugunsten des Kapitals zu verändern.
       In den  folgenden Abschnitten  soll nun  der Versuch  unternommen
       werden, die  Entwicklung  der  westeuropäischen  Arbeiterbewegung
       seit 1945  - vor  allem in  der BRD,  in Frankreich,  Italien und
       Großbritannien (GB)  - im  Kontext dieser  eher  methodologischen
       Vorüberlegungen zu skizzieren.
       
       4.
       
       Mit dem  Sieg der  Anti-Hitler-Koalition über  den deutschen  Fa-
       schismus und  seine Verbündeten  im Jahre 1945 vollzogen sich be-
       deutende weltgeschichtliche und weltpolitische Veränderungen:
       - Die brutalste,  faschistische Variante  einer  kapitalistischen
       Krisenüberwindungsstrategie, die  sich die gewaltsame Vernichtung
       des Sozialismus  (nach innen und außen) sowie die gewaltsame Kor-
       rektur der  imperialistischen Kräfteverhältnisse zum Ziel gesetzt
       hatte, war gescheitert.
       - Die Sowjetunion  war durch ihren maßgeblichen Anteil an der mi-
       litärischen Niederlage des Faschismus enorm gestärkt.
       - Die großen europäischen Hegemonial- und Kolonialmächte (vor al-
       lem GB  und Frankreich)  wurden durch  den Krieg und danach durch
       den Aufschwung der antikolonialen Befreiungsbewegungen weiter ge-
       schwächt. - Die USA waren aufgrund ihres ökonomischen und militä-
       rischen Potentials und aufgrund der substantiellen Schwächung ih-
       rer imperialistischen  Konkurrenten in  Europa zur unumschränkten
       Hegemonialmacht der kapitalistischen Welt geworden.
       In ganz  Europa verschob sich nach 1945 das politische Kräftever-
       hältnis nach  links. Es  schien, als habe der Kapitalismus ebenso
       wie die  bürgerlichkonservativen Kräfte  endgültig abgewirtschaf-
       tet. Die  Arbeiterbewegung hingegen  erlebte  einen  großen  Auf-
       schwung. In  Italien und  Frankreich war  ihr Ansehen  durch ihre
       führende Rolle  im Widerstand gegen Faschismus und Okkupation au-
       ßerordentlich gestiegen; die kommunistischen Parteien dieser Län-
       der wurden  jetzt zu Massenparteien. In England errang die Labour
       Party mit ihrem sozialistischen Programm 1945 einen überwältigen-
       den Wahlsieg  gegen die  Konservativen  von  W.S.  Churchill.  In
       Frankreich wurde  die KPF bei den Wahlen (bis 1956) zur stärksten
       Partei, die  zwischen 26  und 28 Prozent der Stimmen erhielt. 10)
       Für die  italienischen Kommunisten  und Sozialisten waren die er-
       sten Wahlergebnisse  (1946: PCI  - 19 Prozent, PSI: 20,7 Prozent;
       1948 -  gemeinsame Liste  PCI/PSI: 31 Prozent) eher enttäuschend.
       Hier etablierten  sich bei  den Wahlen  bald die Christdemokraten
       (DC) als  führende Kraft, die die Mehrheit der kleinbürgerlichen,
       bäuerlichen, katholischen  Wähler (vor allem im Süden des Landes)
       mobilisieren konnte. Im besetzten Deutschland fanden erst ab 1946
       Landtagswahlen  statt.  Auch  hier  erreichte  die  neugegründete
       CDU/CSU (vor  allem im Süden) Mehrheiten, während die SPD u.a. in
       Hessen, Bremen,  Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein in
       Führung lag.  Die KPD, die ihr bestes Ergebnis (in den Westzonen)
       1947 in  Nordrhein-Westfalen mit  14  Prozent  erreichte,  konnte
       nicht mehr an ihre z.T. starken Positionen vor 1933 anknüpfen.
       In allen  Ländern (mit  Ausnahme GBs)  wurden Einheitsregierungen
       gebildet. Diese manifestierten den gemeinsamen Willen verschiede-
       ner politischer und sozialer Kräfte zu einer antifaschistisch-de-
       mokratischen Neuordnung,  die mit der Rekonstruktion der nationa-
       len Ökonomien (Überwindung der Kriegsfolgen und -schaden) verbun-
       den sein  sollte. Überhaupt  war dieser  Wille zum  einheitlichen
       Handeln zunächst  sehr stark - vor allem in der Arbeiterbewegung,
       wo die  organisatorische und politische Spaltung früherer Jahre -
       die auch  als Bedingung ihrer Niederlagen angesehen wurde - über-
       wunden werden sollte. Die Gründung von Einheitsgewerkschaften (in
       Frankreich, Italien  und Deutschland) war ebenso wie die kurzfri-
       stige Diskussion  über die  Bildung sozialistischer  Einheitspar-
       teien (die schon in der "Resistance" begonnen hatte) ein Ergebnis
       dieses Willens. 11)
       Das Neuordnungsprogramm  dieser ersten  Nachkriegsjahre konkreti-
       sierte sich  in den  Verfassungen, die  nunmehr in  den befreiten
       Ländern ausgearbeitet wurden. Die politische Demokratie sollte um
       wirtschafts- und  sozialpolitische Reformen  ergänzt  werden,  in
       denen einerseits  die gewachsene  Macht der  Arbeiterbewegung zum
       Ausdruck kam,  andererseits aber  die zu dieser Zeit auch im bür-
       gerlichen Lager  vorherrschende Auffassung  sich durchsetzte, daß
       ökonomische Rekonstruktion  und Entwicklung nicht durch privatka-
       pitalistisch-marktwirtschaftliche, sondern  nur  durch  planwirt-
       schaftliche Methoden  sowie durch  den  Ausbau  des  "Wohlfahrts-
       staates" (wie  er vor  allem von der Labour Party als Element des
       "British Socialism"  propagiert wurde)  zu  erreichen  seien.  L.
       Niethammer  hat   diesen  Konsensus,  der  auch  in  den  gewerk-
       schaftlichen Programmvorstellungen  der  Zeit  vorherrschte,  wie
       folgt zusammengefaßt:  "Die Beteiligung an der antifaschistischen
       Säuberung, an  der Ingangsetzung,  Umstellung und  Steigerung der
       Produktion zur Überwindung der ökonomischen Nachkriegskrise durch
       schnelleres Wachstum und an der Institutionalisierung der Mitwir-
       kung der  Arbeiterbewegung  an  der  ökonomischen  Leitung  durch
       staatliche Aufbaupläne, staatliche Monopolkontrolle bzw. Nationa-
       lisierung von  Grundstoffindustrien und  durch die Errichtung von
       Betriebsräten oder anderen Formen der Mitbestimmung auf Unterneh-
       mens- oder überbetrieblicher Ebene." 12)
       Das Scheitern  dieses Neuordnungsprogramms  war bis  zum Ende der
       40er Jahre  in allen Ländern besiegelt. Die Wahlsiege der Konser-
       vativen in  Italien (1948),  der BRD (1949) und schließlich in GB
       (1951), das  Ausscheiden der  KPF aus der Regierung (schon im Ok-
       tober 1947),  die in  Frankreich fortan vor allem von Sozialdemo-
       kraten (SFIO) und (christdemokratischen) Volksrepublikanern (MRP)
       getragen wird,  markieren auf  der  wahlpolitischen  Ebene  diese
       "Wende" nach  rechts zu proamerikanischen und antikommunistischen
       Positionen. Daß  ab 1948  ein  wirtschaftlicher  Aufschwung  ein-
       setzte, vermag  diesen Prozeß nur teilweise zu erklären. Vielmehr
       war der Sieg der Restauration in erster Linie eingebettet in jene
       weltpolitischen Konfliktformationen,  die sich  -  deutlich  seit
       1947 -  mit dem  Übergang zum  "Kalten  Krieg"  und  zur  offenen
       Systemkonfrontation und  "Blockbildung" durchsetzten und auch die
       je nationalen Entwicklungen "überdeterminierten".
       Die US-amerikanische "Eindämmungspolitik" gegenüber dem Kommunis-
       mus betrachtete  die Bereinigung  der politischen  Kräfteverhält-
       nisse in  Westeuropa zugunsten  der proamerikanischen,  und damit
       prokapitalistischen, Kräfte  als  eine  wesentliche  Aufgabe.  Im
       "Marshall-Plan" bündelten sich die Interessen, die mit dieser Po-
       litik verfolgt  wurden. Die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen soll-
       ten nicht  nur dem Wiederaufbau, der Reintegration Westeuropas in
       den Weltmarkt  und seiner  Öffnung für  das amerikanische Kapital
       (Verminderung der  "Dollar-Lücke") dienen, sondern zugleich erste
       Formen der  ökonomischen und  politischen Integration  unter  der
       Führung der  USA (zunächst OEEC, dann NATO) institutionalisieren.
       Sie wurden  zugleich als Druckmittel benutzt, um - in Frankreich,
       Italien und Belgien - die Kommunisten endgültig aus den Regierun-
       gen zu  entfernen. Der  "Marshall-Plan" (und die ihn begleitenden
       nationalen wirtschaftspolitischen  Maßnahmen) war daher das wich-
       tigste Instrument  zur Wiederherstellung  kapitalistischer Eigen-
       tumsverhältnisse,  die   -  zumindest   für  eine  kurze  Periode
       (1945/46) -  in Frage  gestellt  schienen  und  durch  ein  neues
       "Modell" einer  "auf die  Arbeit begründeten demokratischen Repu-
       blik" (so  der Artikel l der italienischen Verfassung) überwunden
       werden sollten.
       Die Sprengung des antifaschistischen Bündnisses und Konsensus war
       eine der  wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg dieser Poli-
       tik. Zuerst  mußten die  bürgerlich-prokapitalistischen Kräfte in
       die Strategie des inneren und äußeren "Kalten Krieges" einbezogen
       werden. Zweitens mußte dann die Arbeiterbewegung gespalten werden
       durch die  Einbindung ihres sozialdemokratischen (politischen und
       gewerkschaftlichen) Flügels in diese Strategie, um so Kommunisten
       und Linkssozialisten  (deren Einfluß  in Italien  besonders stark
       war) zu isolieren. Bürgerliche und kleinbürgerliche Kräfte hatten
       sich nach  1945 ohnehin  oftmals nur  aus taktischen Überlegungen
       zur Neuordnungspolitik bekannt. Jetzt nutzten sie schnell die Ge-
       legenheit, um  sich unter  dem Schutzschild  der US-Politik  (und
       Ideologie: "American  Way of Life") als Kräfte der Freiheit gegen
       den "Totalitarismus",  mit dem Segen des Papstes und der Kirchen,
       aus der Umklammerung durch die Arbeiterbewegung zu lösen und jed-
       weden "sozialistischen  Experimenten" abzuschwören.  Der Antikom-
       munismus wurde  zur Staatsideologie erhoben. Die sozialdemokrati-
       schen Kräfte,  die sich  dieser  Politik  anschlössen,  vertraten
       zunächst noch  die Illusion vom "dritten Weg" zwischen Kapitalis-
       mus und Sozialismus. 13) Bald mußten sie jedoch erkennen, daß die
       Einbindung in  die US-Politik  solche  Alternativen  systematisch
       blockierte und schließlich zunichte machte.
       Die Konfrontation  zwischen Sozialdemokraten  und Kommunisten er-
       reichte jetzt  wieder jene  Schärfe, die  in den  späten 20er und
       frühen 30er  Jahren geläufig  war. Nur in Italien hielt die über-
       wiegende Mehrheit der von P. Nenni geführten Sozialistischen Par-
       tei (bis  1953: PSIUP, danach PSI) am Bündnis mit den Kommunisten
       fest. In  Deutschland dagegen wurde diese erneute Spaltung beson-
       ders hart  ausgetragen; denn  hier verfestigten sich die Frontli-
       nien des  "Kalten Krieges"  zur nationalen Spaltung (Gründung von
       BRD und  DDR 1949). Vor allem die Gewerkschaften wurden jetzt zum
       Kampffeld  der   gegensätzlichen  Strategien.   In  Italien   und
       Frankreich brachen  die Einheitsgewerkschaften wieder auseinander
       (1948-1950), wobei  die Auseinandersetzung  um den  Marshall-Plan
       schließlich zur Abspaltung sozialdemokratisch und christlich ori-
       entierter Richtungsgewerkschaften  führte, die freilich gegenüber
       der kommunistisch-sozialistischen  Richtung (CGT  und CGIL) deut-
       lich in  einer Minderheitenposition  blieben. In England wurde ab
       1947 der  Einfluß der  Kommunisten, die  im TUC starke Positionen
       errungen hatten,  zurückgedrängt. 14)  Im westdeutschen  DGB ging
       der Einfluß  der Kommunisten ebenfalls kontinuierlich zurück, wo-
       bei auch  hier kräftig  mit administrativen Methoden der Ausgren-
       zung "nachgeholfen"  wurde.  Mit  der  Spaltung  des  Weltgewerk-
       schaftsbundes (WGB,  1945) und  der Gründung des IBFG (1949), der
       ganz im  Zeichen des  Antikommunismus stand, 15) vollendeten sich
       die Spaltungsprozesse  auch auf  der internationalen Ebene. Dabei
       hatten von  Anfang an die Vertreter der US-amerikanischen Gewerk-
       schaften (AFL)  und -  in Westdeutschland - die Besatzungspolitik
       massiv (finanziell  und politisch)  darauf  hingearbeitet,  diese
       Spaltung durchzusetzen. 16)
       In dieser  Phase des  Erfolgs der  Restaurationspolitik (1947/48)
       kam es  vor allem  in Frankreich und Italien zu Massenstreikbewe-
       gungen, in  denen ökonomische  und politische Forderungen erhoben
       wurden, in  denen sich  aber auch die ganze Enttäuschung und Ver-
       bitterung des  linken Flügels  der Arbeiterbewegung  über die ge-
       scheiterte Neuordnung  entlud. In  Frankreich wurde zwischen 1947
       und 1950  die bis  dahin intensivste Streiktätigkeit registriert.
       17) In  Italien löste das Attentat auf P. Togliatti, den General-
       sekretär des PCI, im Juli 1948 eine spontane Massenstreikbewegung
       aus, auf  die PCI- und CGIL-Führung zurückhaltend reagierten, die
       jedoch blutig  niedergeschlagen wurde.  "Die unmittelbare  Bilanz
       der Streiktage  wurde vom  Innenministerium mit  16 Toten und 206
       Verletzten angegeben.  92 000 Personen, überwiegend Arbeiter, wa-
       ren festgenommen  worden, 72 000  davon wurden später vor Gericht
       gestellt". 18)
       
       5.
       
       Nach 1948 erreichten die jährlichen Wachstumsraten der Industrie-
       produktion und  des Sozialprodukts  bisher nicht  gekannte Höhen.
       19) Die je nationalen "Wirtschaftswunder" beflügelten die bürger-
       liche Politik und Ideologie, obwohl - wie Tabelle 1 zeigt - im 5-
       Jahres-Rhythmus eine tendenzielle Abschwächung der Wachstumsdyna-
       mik sich  andeutete und  zwischen den  Staaten bedeutende  Unter-
       schiede bestanden.
       Die Wachstumsimpulse  resultierten vor  allem aus der Beseitigung
       der Kriegsschäden,  der zunehmenden weltwirtschaftlichen Integra-
       tion der  kapitalistischen Ökonomien sowie aus einem Strukturwan-
       del, der die Investitionsgüterindustrien sowie hochveredelte Kon-
       sumgüter begünstigte.  Im Zuge  dieses Aufschwungs stieg die Zahl
       der Beschäftigten und der Anteil der Lohnabhängigen (vor allem in
       der Industrie),  die Arbeitslosenquoten  wurden auf Werte unter l
       Prozent vermindert (Italien mit 4,6 Prozent 1960 bildet hier eine
       Ausnahme). Zugleich erhöhte sich das Lohnniveau beträchtlich, ob-
       wohl es  mit der  Steigerung der  Produktivität und  der  Gewinne
       nicht Schritt halten konnte.
       
       Tabelle 1:
       Durchschnittliche jährliche Veränderung der Industrieproduktion.
       
                    USA  Japan Deutschland Frank- Großbri- Italien
                               bzw. BRD    reich  tannien
       
       1870-1890   +5,4           +4,2     +2,2     +2,0     +4,4
       1890-1900   +3,6           +5,0     +2,7     +1,5     +3,4
       1900-1913   +5,2   +6,4 *) +3,9     +3,5     +2,1     +4,6
       1913-1929   +3,8   +7,6    +1,0     +2,2      0,0     +3,8
       1929-1937   +0,3   +6,9    +2,1     -1,8     +3,1     +0,9
       1937-1948   +4,9   -8,3    -5,3     -0,5     +0,2     +0,3
       1948-1955   +5,0  +17,7   +18,5     +6,3     +4,2     +9,7
       1955-1960   +2,4  +16,6    +6,8     +5,9     +2,5     +8,7
       1960-1965   +6,3  +11,8    +6,5     +6,3     +3,2     +7,0
       1965-1970   +3,5  +15,3    +5,1     +5,6     +2,4     +7,4
       1970-1976   +3,1   +3,8    +2,1     +3,5     +0,8     +3,2
       _____
       * 1905-1913.
       Quelle: Die Wirtschaft  der kapitalistischen  Länder  in  Zahlen,
       IPW-Forschungshefte, 4/1977 (Berlin/DDR), S. 27.
       
       Bis etwa  zur Mitte  der sechziger  Jahre waren  wirtschaftlicher
       Aufschwung, Strukturwandel und konservative Hegemonie eng mitein-
       ander verbunden. In GB regierten zwischen 1951 und 1964 konserva-
       tive Kabinette. In Frankreich wurde 1958 die gaullistische V. Re-
       publik etabliert.  Die italienischen  Christdemokraten sahen sich
       erst 1963  - nach Wahlverlusten und einer großen Streikbewegung -
       gezwungen, das Modell einer "Mitte-Links-Regierung" (mit Beteili-
       gung des  PSI) zu  erproben. In der BRD war die führende Position
       der CDU/CSU  bis Mitte  der sechziger  Jahre unumstritten. Nur in
       den skandinavischen  Ländern festigte  sich in dieser Periode die
       Hegemonie der  Sozialdemokratie. Die  faschistischen  Systeme  in
       Spanien und  Portugal erfreuten  sich noch  - u.a. auch durch den
       Schutz der NATO und der USA - einer gewissen repressiven Stabili-
       tät.
       Diese außergewöhnliche  konservative Stabilität in den imperiali-
       stischen Zentren war eingebettet in eine Struktur internationaler
       Kräfteverhältnisse und  Konfliktpotentiale, die einerseits direkt
       auf die  innenpolitische Entwicklung  zurückwirkten, andererseits
       aber auch die geschichtlichen Grenzen dieser Konstellation andeu-
       teten:
       - Die absolute  Vormachtstellung der  USA kommt  nicht nur in den
       ökonomischen Kennziffern zum Ausdruck, sondern auch in ihrer füh-
       renden militärischen  und politischen  Rolle in den Bündnissyste-
       men. Der wachsende Anteil der EWG-Länder und Japans an den Waren-
       exporten signalisiert  jedoch schon jetzt neue Formen der Rivali-
       tät und  Konkurrenz auf  dem Weltmarkt,  in denen sich Schritt um
       Schritt der Abbau dieser Vormachtstellung vollzieht.
       - Die Ziele der "Eindämmungs-" bzw. der "Rollback"-Politik werden
       nur partiell erreicht. Die chinesische Revolution siegt 1949, und
       in den  "Volksdemokratien" Mittel-  und Südosteuropas beginnt der
       Aufbau des  Sozialismus, der freilich von schweren inneren Krisen
       begleitet wird  (DDR 1953, Ungarn und Polen 1956), deren Lösungs-
       formen ihrerseits die antikommunistischen Massenstimmungen in den
       westlichen Ländern  anheizen.  Die  kubanische  Revolution  (seit
       1958) kann  von den  USA nicht  verhindert werden (obwohl bis zum
       Mittel einer  militärischen Intervention gegriffen wird). Gleich-
       zeitig beginnt  Anfang der  sechziger Jahre  jenes politische und
       militärische Engagement  der USA in Vietnam, das mit einer schwe-
       ren Niederlage  für die  Führungsmacht  des  Imperialismus  enden
       wird. Angesichts der Tatsache, daß der Sozialismus weder aufgrund
       seiner inneren Widersprüche noch aufgrund äußeren - politisch-mi-
       litärischen -  Drucks (Politik der Stärke) zusammenbricht, werden
       die USA,  dann auch ihre Verbündeten, mehr und mehr gezwungen, zu
       einer Politik  der "friedlichen  Koexistenz", wie sie von der So-
       wjetunion vor  allem seit dem XX. Parteitag der KPdSU (1956) ver-
       treten wird, überzugehen. - Der Zusammenbruch des alten Kolonial-
       systems tritt  in den  fünfziger Jahren  in  seine  entscheidende
       Phase.  Obwohl  mit  der  formalen,  politischen  Selbständigkeit
       vieler Länder  der "Dritten  Welt" deren Unterentwicklung und Ab-
       hängigkeit nicht überwunden ist, schließen sich viele dieser Län-
       der der  "Bewegung der Blockfreien" an. Zahlreiche Kolonialkriege
       (Afrika, Südostasien)  schwächen die  alten Metropolen  (England,
       Frankreich, Belgien,  später Portugal)  und führen  - wie 1958 in
       Frankreich (Algerienkrieg) - zu schweren innenpolitischen Krisen.
       Die westeuropäische  Arbeiterbewegung ist in dieser Periode keine
       hegemoniale Kraft.  Teils ist  sie mit  der Bearbeitung der Nach-
       kriegsniederlage und  mit der  strategischen Neuorientierung  auf
       die veränderten  Handlungsbedingungen beschäftigt,  teilweise ist
       sie -  wie die  KPD in  der BRD - mit dem repressiven Druck einer
       erneuten Illegalisierung  konfrontiert. Dennoch  erleidet die Ar-
       beiterbewegung keine  so schwere  Niederlage wie in den 30er Jah-
       ren. Das  Modell der kapitalistischen Reproduktion, das sich nun-
       mehr etabliert, trägt vielmehr den nationalen wie den internatio-
       nalen Kräfteverhältnissen  von Kapital und Arbeit Rechnung. Voll-
       beschäftigung, steigende  Reallöhne, Ausbau sozialpolitischer Si-
       cherungen werden  weithin als Elemente des "Wohlfahrts-Kapitalis-
       mus" anerkannt,  dessen Funktionieren freilich den sozialpartner-
       schaftlichen Konsensus von Kapital und Arbeit, damit auch die In-
       tegration von  Teilen der Arbeiterbewegung in das staatsmonopoli-
       stische Herrschaftssystem  zur Voraussetzung  hat. Dabei  spielen
       die Gewerkschaften, deren Mitgliederzahlen in den 50er und in den
       frühen 60er  Jahren durchweg  stagnieren bzw. zurückgehen 20) und
       deren Streikaktivität  ebenfalls im  Durchschnitt sinkt, eine be-
       sonders wichtige Rolle.
       Ein kurzer  Blick auf die je nationalen Entwicklungen läßt jedoch
       erkennen, daß  sich diese Gesamttendenz außerordentlich differen-
       ziert gestaltet.  In  Frankreich  entwickelt  sich  eine  schwere
       Krise, die  1958 durch den gaullistischen Staatsstreich vorläufig
       "gelöst" wird.  Die KPF  bleibt bis  1958  stärkste  Partei;  die
       Kampffähigkeit der  Gewerkschaften zeigt sich in der außerordent-
       lich hohen  Streikaktivität. 21)  Gleichzeitig vollzieht sich der
       Niedergang der  sozialdemokratischen SFIO, der die spätere Auflö-
       sung vorbereitet.  Die Handlungsfähigkeit der bürgerlichen Kräfte
       wird politisch durch den Druck der kommunistisch orientierten Ar-
       beiterbewegung, aber  auch eines  radikalisierten Kleinbürgertums
       (Poujadismus), vor  allem aber  durch die  politischen und finan-
       ziellen Folgen  der Kolonialkriege  in Indochina  und  Nordafrika
       stark eingeschränkt.  Die  notorischen  Kabinettskrisen  zwischen
       1947 und  1957 (21  Regierungen) reflektieren diese Instabilität.
       Erst mit  der V.  Republik De Gaulles gelang es der französischen
       Industrie- und  Finanzoligarchie, ihre  Politik der  "Modernisie-
       rung" des  - im  Vergleich zu  seinen  Hauptkonkurrenten  relativ
       rückständigen -  französischen Kapitalismus  durchzusetzen,  sich
       vom Ballast  spätkolonialer Abenteuer  zu  befreien,  die  Arbei-
       terbewegung (jetzt  auch die KPF) zu schwächen, gleichzeitig aber
       über die  Außen- und  Militärpolitik De  Gaulles die Abhängigkeit
       der französischen  Politik von der US-amerikanischen Hegemonie zu
       vermindern.
       In Italien  hat das  beschleunigte Wirtschaftswachstum  der  50er
       Jahre keineswegs  jene Disproportionen  und Rückstände beseitigen
       können, die den italienischen Kapitalismus traditionell auszeich-
       neten. Der Nord-Süd-Gegensatz sowie der Dualismus zwischen moder-
       nen (exportorientierten) Industrien im Norden und - extrem aufge-
       splitterten - rückständigen Sektoren wurde nicht überwunden. Dazu
       kam die wachsende Importabhängigkeit (bei Energien und Rohstoffen
       ebenso wie  bei Nahrungsmitteln). Immer noch mußten Millionen von
       Italienern emigrieren,  um im  Ausland Arbeit  zu finden. Die Ar-
       beits- und  Lebensbedingungen der italienischen Arbeiter waren im
       Vergleich der  hier behandelten  Länder weitaus am schlechtesten.
       Die KPI festigte in dieser Periode ihre Position als die stärkste
       politische Kraft der Arbeiterbewegung; noch unter der Führung von
       P. Togliatti  begann sie  nach dem  XX. Parteitag der KPdSU, ihre
       nationale Autonomie  in der kommunistischen Weltbewegung zu beto-
       nen und  für die  Innenpolitik ein  Programm  der  demokratischen
       Strukturreformen zu  entwickeln. Nach einer Phase gewerkschaftli-
       cher Stagnation (die auch von harter politischer Repression gegen
       streikende Arbeiter  begleitet war),  begann  1959/60  eine  neue
       Welle von Streikkämpfen, die 1963 ihren Höhepunkt erreichten. Un-
       ter diesem  Druck wurde  die Mitte-Links-Regierung  gebildet, die
       eine Reihe von ökonomischen und infrastrukturellen Strukturrefor-
       men versprach. 22)
       Trotz des  Wirtschaftswachstums der  50er und der 60er Jahre ver-
       schärfte sich  in der Periode konservativer Herrschaft die Struk-
       turkrise des  britischen Imperialismus.  Hohe Kapitalexporte  und
       Rüstungsausgaben senkten  die Investitionsquoten  und waren  auch
       für die  chronischen Zahlungsbilanzschwierigkeiten seit dem Zwei-
       ten Weltkrieg  (die die  Abhängigkeit GBs  von den  USA noch ver-
       stärkten) verantwortlich.  Schon seit  Mitte der 50er Jahre hatte
       die Streiktätigkeit  zugenommen, 1962  erreichte sie einen ersten
       Höhepunkt. 23)  In diesen  Kämpfen zeichnete sich auch der begin-
       nende Widerstand  der Gewerkschaften  gegen eine  Politik ab, die
       versuchte, die  wachsenden Lasten  des parasitären  imperialisti-
       schen Systems  auf die  Arbeiterklasse abzuwälzen. Die politische
       Führung der  Labour-Party bemühte  sich seit  dem Ende  der  50er
       Jahre (Hugh  Gaitskell), die  Partei nach dem Vorbild der bundes-
       deutschen  SPD   in  eine  "Volkspartei"  zu  transformieren  und
       zugleich in  der Außen-  und Militärpolitik eine proamerikanische
       Haltung durchzusetzen.  Dabei scheiterte  sie am  Widerstand  des
       linken Parteiflügels,  vor allem aber an der Mehrheit der Gewerk-
       schaften, die die Anti-Atom-Bewegung seit dem Ende der 50er Jahre
       unterstützten. 24)
       Die BRD wurde in dieser Zeit zur ökonomischen "Führungsmacht" der
       1958 gegründeten EWG. 25) Das Modell einer sozialpartnerschaftli-
       chen Regulierung  der Klassenbeziehungen  wurde hier  zum Maßstab
       einer Politik,  die auf der einen Seite mit äußerster Härte gegen
       alle Formen der Fundamentalopposition, des Klassenbewußtseins und
       des Klassenkampfes  (bis zum  KPD-Verbot 1956) vorging, 26) ande-
       rerseits flexibel auf die gewerkschaftlichen Forderungen nach ei-
       ner Verbesserung  der Arbeits-  und Lebensbedingungen der Lohnab-
       hängigen reagierte.  Zunächst hatte  in den fünfziger Jahren eine
       machtvolle Friedensbewegung (Kampf gegen Remilitarisierung, Spal-
       tung Deutschlands,  Kampf dem  Atomtod) die  - vorwiegend von der
       Arbeiterklasse  getragene   -  Fundamentalopposition   gegen  die
       Adenauers ehe Politik (die die Spaltung Deutschlands zementierte)
       artikuliert. 27)  Ab 1959  ging die  SPD offen auf einen Kurs der
       Anerkennung eines  (sozial  reformierten)  Kapitalismus  ("Godes-
       berger Programm")  und der  außenpolitischen Optionen der CDU/CSU
       über. Auch  die Gewerkschaften  fügten sich  weitgehend in dieses
       Modell einer  sozialpartnerschaftlichen Integrationspolitik  ein.
       Neben (vorwiegend intellektuellen) sozialistischen Zirkeln, Rest-
       gruppen der  illegalen KPD und der Friedensbewegung (Ostermarsch)
       war es  der linke Flügel der DGB-Gewerkschaften (vor allem in der
       IG Metall),  der eine  grundsätzliche  Kritik  an  den  kapitali-
       stischen Wirtschafts-  und  Herrschaftsverhältnissen  formulierte
       und auch  in Streiks  (Schleswig-Holstein 1956/57, Baden-Württem-
       berg 1963)  die Kampfbereitschaft  des gewerkschaftlich  bewußten
       Teils der Arbeiterklasse unter Beweis stellte.
       Gleichwohl  konnte  die  allgemeine  "Wirtschaftswunder"-Euphorie
       auch in der BRD nicht darüber hinwegtäuschen, daß seit Beginn der
       60er Jahre  das Ende  der Ära Adenauer und eben des "Wirtschafts-
       wunders" selbst  sich ankündigte.  Der "Problemdruck", der in der
       folgenden Periode  als "Reformstau"  interpretiert wurde, 28) war
       für bewußte  Beobachter schon  zu dieser Zeit klar erkennbar. Daß
       nunmehr in  der BRD - wie in Italien, GB und Frankreich - von der
       Notwendigkeit einer staatlichen Lohnpolitik und einer "Lohnpause"
       gesprochen wurde,  anitizipierte schon  den Inhalt  sozialer  und
       politischer Auseinandersetzungen,  die in den folgenden Jahren in
       den Vordergrund treten sollten.
       
       6.
       
       Tabelle 1  zeigt zunächst,  daß sich  zwischen 1965  und 1976 das
       Wachstum der Industrieproduktion vermindert. Das "Ende der Rekon-
       struktionsperiode" tritt  ins allgemeine  Bewußtsein. In  der BRD
       löst die  Krise von  1966/67 einen Schock aus; denn in ihr deutet
       sich zum  ersten Mal seit fast 20 Jahren der Übergang in die Nor-
       malität des  kapitalistischen Krisenzyklus  an. 29) Beim nachfol-
       genden zyklischen  Tiefpunkt (1975) ging in den EG-Ländern und in
       den USA  das Wachstum  des Sozialprodukts,  noch schärfer das der
       Industrieproduktion, zurück.  30) Die  kapitalistische  Weltwirt-
       schaft war  in eine Phase zunehmender Labilität übergegangen. Die
       Wirtschaftspolitik der  einzelnen Länder  war nun  mit steigenden
       Arbeitslosen-  und  Inflationsraten,  aber  auch  mit  wachsenden
       Staatshaushalts- und  Leistungsbilanzdefiziten konfrontiert,  die
       sich für  einige Länder  mit der Erhöhung der Rohstoffpreise (vor
       allem Erdöl)  seit Anfang  der 70er  Jahre dramatisch zuspitzten.
       Die enge  Verflechtung zwischen weltwirtschaftlichen und nationa-
       len Krisenprozessen, dabei die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen
       und politischen  Potenz der  Staaten und die verschärften Konkur-
       renzbeziehungen zwischen  den imperialistischen Zentren, bestimm-
       ten fortan  alle Strategien,  die auf diese gesteigerte Labilität
       reagieren mußten.  Im Zusammenbruch des Währungssystems von Bret-
       ton Woods,  der mit  dem  "Offenbarungseid  des  US-Dollars"  (ab
       1971), dem  Kursverfall und  den Turbulenzen  der internationalen
       Währungskrisen (bis  1973) besiegelt  wurde, 31) kam zugleich der
       Niedergang der hegemonialen Position der USA im System des inter-
       nationalen Handels  und in den internationalen Kapitalbeziehungen
       zum Ausdruck.  32) Die  Dollarkrise und die Niederlage in Vietnam
       (schließlich -  im Innern  - die  "Watergate-Krise" und der Rück-
       tritt von  Präsident R.  Nixon 1974)  waren insofern verschiedene
       Erscheinungsformen ein und desselben Tatbestandes: der Schwächung
       des US-Imperialismus im Weltmaßstab.
       Diese Krisenprozesse können hier nicht im Detail dargestellt wer-
       den. Uns  interessiert vorab die Entwicklung der Arbeiterbewegung
       und der  Klassenkämpfe. Wesentlich  ist dabei  zunächst,  daß  es
       schon vor  der Weltwirtschaftskrise 1973-1975, also in den Jahren
       1968-1970, in Westeuropa nachgerade zu einer explosiven Entladung
       aufgestauter und  neuer Widerspruchserfahrungen kommt, die in den
       großen sozialen  und politischen  Bewegungen  des  "Mai  '68"  in
       Frankreich, des  "heißen Herbstes" in Italien (1969) und der bri-
       tischen Streikwelle  (1968-1971), aber  auch in der Rebellion der
       Jugendlichen und  Studenten in dieser Periode ihren Höhepunkt er-
       reicht. Die in den Jahren der konservativen Hegemonie längst tot-
       gesagte Arbeiterbewegung  und -klasse  33) tritt  erneut als han-
       delndes Subjekt im historisch-politischen Prozeß auf den Plan.
       Bei den  nationalen Wahlen  spiegelt sich  diese Veränderung  der
       Kräfteverhältnisse zunächst unvollständig und widersprüchlich. In
       GB baut  die seit  1964 regierende  Labour-Party 1966  ihren Vor-
       sprung gegenüber  den Konservativen  aus. 1970  verlor Labour die
       Mehrheit, um  bei den  zweiten Wahlen des Jahres 1974 - jetzt vor
       dem Hintergrund  des großen Bergarbeiterstreiks - die Regierungs-
       mehrheit zurückzugewinnen.  34) In  Frankreich erlitt  die Linke,
       die noch  bei den Wahlen von 1967 Gewinne erzielt hatte, nach dem
       Mai '68  eine schwere  Niederlage gegen  die Gaullisten  und ihre
       Verbündeten. Die  Angst vor  der Revolution  hatte die Rechte zur
       äußersten Mobilisierung  getrieben. Erst  bei den  Wahlen ab 1973
       kündigte sich  jene Wende nach links an, die 1981 zum Sieg von F.
       Mitterrand (als Präsident) und der Linksparteien führte. Die ita-
       lienischen Christdemokraten  hielten sich  bis 1976 bei knapp 40%
       der Stimmen.  Vor allem  der PCI  vermochte in dieser Periode Ge-
       winne zu  verbuchen (von 26,9% 1968, auf 34,4% 1976), während der
       PSI von  13,8% auf  9,6% (1976)  zurückging.  In  der  BRD  wurde
       schließlich 1969  mit der  Bildung der  sozialliberalen Regierung
       die CDU/CSU  nach 20 Jahren in die Opposition verwiesen. Die SPD,
       die 1967 in die Regierung der "Großen Koalition" eingetreten war,
       erzielte 1972 ihr bestes Wahlergebnis (45,8%).
       Deutlicher noch lassen die statistischen Angaben über die Streik-
       tätigkeit (vgl.  Tabelle 2,  vgl. auch  weiter unten  Tab. 4) die
       Verschärfung der Klassenauseinandersetzungen erkennen - vor allem
       in Italien,  Großbritannien und in Frankreich. Die BRD bleibt ein
       "streikschwaches Land"  (wie die  Niederlande, die Schweiz); den-
       noch erhöht sich auch hier - im Vergleich zu den frühen 60er Jah-
       ren - in den 70er Jahren die Zahl der Streiks und der Ausfalltage
       beträchtlich. 35)
       
       Tabelle 2:
       Streikausfalltage
       (auf 1000 abhängig Beschäftigte; Jahresdurchschnitte)
       
                         Frankreich   BRD   GB   Italien
       
       1962-1967             212       15   128    1048
       1968-1972             190 *)    28   528    1495
       _____
       *) ohne 1968; für 1968 werden 1,5 Mio. Ausfalltage geschätzt.
       Quelle: J.D. Reynaud,  Les syndicats  en France,  Tome  1,  Paris
       1975, S. 161; Tome 2, S. 221.
       
       Schließlich kann  auch für diese Periode von einer "Welle der ge-
       werkschaftlichen Organisation" gesprochen werden. 36) Die italie-
       nischen Gewerkschaften  gewinnen in den 8 Jahren nach 1968 fast 4
       Mio. neue Mitglieder. Der britische TUC steigerte die Zahl seiner
       Mitglieder von 8,3 Mio. (1962) auf 21,1 Mio. (1979). 37) Auch die
       DGB-Gewerkschaften in  der BRD  organisierten zwischen  1967  und
       1976 3 Mio. neue Mitglieder. 38)
       Der spezifische Charakter dieser Periode erschließt sich freilich
       nicht nur  über die  Analyse der  Klassenkämpfe im engeren Sinne;
       denn in allen Ländern ist jetzt eine Parallelität, partielle Ver-
       flechtung, aber auch die punktuelle Konfrontation von Intellektu-
       ellen- und  Arbeiterbewegung festzustellen. Die Studentenbewegung
       hat dabei  oftmals eine  Initiativfunktion für Interventionen der
       Arbeiterklasse (so z.B. die Generalstreikbewegung vom Mai/Juni in
       Frankreich 1968). Der Bruch der konservativen Hegemonie vollzieht
       sich am  deutlichsten bei  der Intelligenz.  Die Abkehr  von  den
       Ideologien der  Kalte-Krieg-Periode spitzt sich zu massiven Gene-
       rationskonflikten zu. In verschiedenen Überbaubereichen (Schulen,
       Universitäten,  Medien,   Lebensstile,  Familie  etc.)  wird  ein
       "kulturrevolutionärer Bruch" gefordert und praktiziert; traditio-
       nelle Autoritätsstrukturen  und Abhängigkeitsverhältnisse  werden
       radikal in Frage gestellt. Dabei korrespondiert die kritische Di-
       stanz zur Arbeiterbewegung (auch zu ihrem kommunistischen Flügel)
       und zum  real existierenden Sozialismus, die durch die Ereignisse
       in der  CSSR (1968) noch vertieft wird (und auch bei einem großen
       Teil der  kommunistischen Bewegung in Westeuropa die Autonomisie-
       rungstendenzen vorantreibt),  meist mit  einer Identifikation mit
       antiimperialistischen Befreiungsbewegungen  in der "Dritten Welt"
       (Ho Chi  Minh- und  Che Guevara-Mythos) oder mit dem chinesischen
       bzw. kubanischen  Sozialismus/Kommunismus. Die Übertragung dieser
       "Modelle" auf  die hochentwickelten kapitalistischen Länder mußte
       - bei  gleichzeitiger Distanz zur Arbeiterbewegung - zu Niederla-
       gen führen und massive Enttäuschungen bei einem Teil der sich re-
       volutionierenden jungen Intellektuellen hervorbringen.
       Die Arbeiterbewegung war gewiß realistischer; aber sie mußte sich
       zugleich "öffnen",  um sich von den neuen Bewegungen (auch in der
       Arbeiterklasse selbst) nicht zu isolieren. Neue Schichten der Ar-
       beiterklasse traten  nunmehr in  die Kämpfe  (und in  die Gewerk-
       schaften) ein: vorwiegend junge, angelernte "Massenarbeiter" (vor
       allem in  der metallverarbeitenden und Automobilindustrie), Ange-
       stellte und  Beamte aus  dem privaten  und staatlichen Dienstlei-
       stungssektor. In den Auseinandersetzungen wurden einerseits klas-
       sische, gewerkschaftliche  Forderungen (Lohnerhöhungen,  Arbeits-
       zeitverkürzung, soziale  Sicherungen usw.)  erhoben. Dabei provo-
       zierte der jetzt zunehmende Druck inflationärer Preissteigerungen
       zahlreiche spontane  Streikaktionen, mit  denen außerhalb der In-
       stitutionen des  Tarifsystems  Reallohnsteigerungen  durchgesetzt
       wurden.  Auf   der  anderen   Seite  traten  nunmehr  neue,  eher
       "qualitative" Forderungen in den Vordergrund: Abschaffung der un-
       teren Lohngruppen,  einheitliche Lohnforderungen,  Ausweitung der
       Arbeiterrechte im  Betrieb, Kontrolle über die Arbeitsbedingungen
       bis hin zu gesellschaftspolitischen Reformen wie Demokratisierung
       des Bildungswesens, Ausbau sozialpolitischer Leistungen des Staa-
       tes, verbesserter  Arbeitsschutz, Ausbau und Demokratisierung der
       gesellschaftlichen Infrastruktur.  Auch die  Demokratisierung von
       Machtstrukturen in  den  Apparaten  der  Arbeiterbewegung  selbst
       ("Öffnung zur  Basis") wurde  jetzt zum  Gegenstand von lebhaften
       Auseinandersetzungen.
       Allerdings unterscheiden  sich die Strukturen der Konfliktaustra-
       gung und  -regulierung in den einzelnen Ländern beträchtlich von-
       einander. In  der BRD sind die Arbeitsbeziehungen traditionell in
       hohem Maße  verrechtlicht und institutionalisiert. Durch die zen-
       tralisierte Einheitsgewerkschaft  wird diese  Tendenz  noch  ver-
       stärkt. Trotz  des Widerstandes  des linken  Gewerkschaftsflügels
       setzt sich  jetzt, als die SPD führende Regierungspartei geworden
       war, eine Politik durch, die vor allem über die "Konzertierte Ak-
       tion" auf  eine weitere Institutionalisierung korporativer Bezie-
       hungen zielte.  In GB gelingt es dagegen den Gewerkschaften, auch
       aufgrund der  stark dezentralisierten Organisations- und Verhand-
       lungsstrukturen (Shop  Stewards), Versuche  zur staatlichen Regu-
       lierung der Arbeitsbeziehungen (Lohnpolitik, Gewerkschaftsgesetze
       usw.) zu blockieren bzw. zum Scheitern zu bringen. Für Frankreich
       ist eine extreme Dezentralisierung der vertikalen gewerkschaftli-
       chen Organisationsstrukturen und der Betriebsorientierung charak-
       teristisch (dazu kommt die Konkurrenz der Richtungsgewerkschaften
       im Betrieb).  Die Politisierung der Kämpfe, die durch das politi-
       sche Selbstverständnis der Richtungsgewerkschaften (vor allem der
       CFDT und der CGT, die beide explizit sozialistische Ziele vertre-
       ten) gefördert  wird, wirkt aber auch auf zentrale Vereinbarungen
       sowie auf die staatliche Gesetzgebung ein (z. B. Mindestlohn, Ge-
       werkschaftsrechte im  Betrieb, interprofessionelle  Tarifverträge
       über qualitative  Verhandlungsgegenstände wie Arbeitszeit und Ar-
       beitsbedingungen oder  das Gesetz zur Verbesserung der Arbeitsbe-
       dingungen vom 27.12.1973). 39) In Italien kam es gerade in dieser
       Periode -  nach W.  Lecher -  zu wesentlichen  Veränderungen: "In
       keinem anderen westeuropäischen Land erfolgte der Wechsel von ei-
       ner zentral  orientierten Gewerkschaftsstruktur  und der Betonung
       der zentralen  Ebene in der Tarifpolitik und in den gewerkschaft-
       lichen Außenbeziehungen  hin zu  dezentralisierten Organisations-
       formen und  der  Stärkung  der  betrieblichen  Verhandlungs-  und
       Durchsetzungsebene so  radikal wie  in Italien Ende der sechziger
       Jahre." 40) Dieser Prozeß war freilich von einer intensiven Poli-
       tisierung der betrieblichen wie der überbetrieblichen Initiativen
       und Kämpfe der Gewerkschaften begleitet. 41)
       Gleichwohl entwickelte  sich in  dieser  Periode  nirgendwo  eine
       wirklich revolutionäre Situation. Die strategische Gesamtkonstel-
       lation war  auf der  einen Seite  durch die Unfähigkeit der herr-
       schenden Klasse  und der  konservativen Kräfte bestimmt, offensiv
       auf den Machtzuwachs der Arbeiterbewegung, die "Fahnenflucht" der
       Intellektuellen und  die Zuspitzung  der Klassenkämpfe zu reagie-
       ren. Auf  der anderen Seite vertraten Arbeiter- und Intellektuel-
       lenbewegung (in  ihrer überwiegenden Mehrheit) ein Programm demo-
       kratischer Strukturreformen, das zwar die Einschränkung kapitali-
       stischer Machtpositionen  in Betrieb,  Gesellschaft und Staat zum
       Ziel hatte, letztlich aber - insbesondere im Blick auf die staat-
       lichen Gestaltungsfunktionen  - vom Modell einer nach wie vor un-
       gebrochenen, kapitalistischen  Akkumulationsdynamik  ausging.  Da
       auch im  Lager der Unternehmer und Konservativen ein Reformbedarf
       zum Zweck  der "Modernisierung" (um in der Weltmarktkonkurrenz zu
       bestehen -  vgl. z.  B. die Zwecke der Bildungs- und Hochschulre-
       form) realistisch  zur Kenntnis genommen wurde, trafen sich diese
       verschiedenen Interessen  objektiv auf  der Linie der keynesiani-
       schen Politik,  die über  die Ausweitung  der  Staatsintervention
       diese Modernisierung (auch über Reformen) steuern, einen korpora-
       tivistischen Verbund  der verschiedenen  Kräfte  und  schließlich
       auch eine  Politik des  sozialen Kompromisses  etablieren sollte.
       Die Linke  hat diese innere Logik des keynesianischen Korporatis-
       mus, der  von konservativen  wie von sozialdemokratisch geführten
       Regierungen vertreten  wurde, in dieser Periode oftmals nicht be-
       griffen. Teilweise  war sie  in reformistischen Illusionen befan-
       gen, teilweise überschätzte sie dabei die Belastungsfähigkeit der
       kapitalistischen Ökonomie durch die Reformpolitik.
       Diese Unterschätzung  ökonomischer  Krisenpotentiale  wurde  noch
       durch Erfahrungen und Hoffnungen gefördert, die in dieser Periode
       die Linke  beflügelten: Die  Entspannungs- und  Koexistenzpolitik
       schien ein Ende der Ära des Kalten Krieges anzudeuten. Das chile-
       nische Modell eines demokratischen Sozialismus weckte bis zum fa-
       schistischen Putsch (1973) ebenso große Hoffnungen wie die portu-
       giesische "Revolution  der Nelken"  (1974), der Zusammenbruch der
       faschistischen Obristendiktatur  in Griechenland  (1974) und  der
       immer offenkundiger  werdende Zerfall der Franco-Diktatur in Spa-
       nien (1974/75). In all diesen Prozessen spielte die Arbeiterbewe-
       gung eine  entscheidende Rolle.  Allerdings hat  auch -  nach dem
       Sieg über  die Diktatur  - die Spaltung zwischen Sozialdemokraten
       und Kommunisten  (die in Portugal und Spanien von außen - vor al-
       lem von  SPD und  DGB - massiv gefördert wurde) das Scheitern und
       die Enttäuschung  revolutionärer Hoffnungen begünstigt. In diesem
       Klima, das  national wie international neue Erfolge der Arbeiter-
       bewegung und  der Linkskräfte  zu  artikulieren  schien,  kam  es
       schließlich auch  zu neuen  Formen der  Zusammenarbeit der Links-
       kräfte, die  ihrerseits eine  internationale Ausstrahlung entwic-
       kelten: So  vor allem  die "Linksunion"  in Frankreich  mit ihrem
       "gemeinsamen Programm"  (1972) 42)  und die  neuen Formen der ge-
       werkschaftlichen Autonomie  und Einheit in Italien. 43) In diesen
       neuen Bündnisformen  wurden von  den kommunistischen  Parteien in
       Italien, Frankreich,  dann auch in Spanien Elemente des Programms
       der demokratischen  Strukturreformen der sechziger Jahre, des Be-
       kenntnisses zum Pluralismus und zur parlamentarischen Demokratie,
       schließlich auch zu besonderen nationalen Wegen zum Sozialismus -
       daraus folgend:  eine auch  öffentlich immer  schärfere Kritik am
       realen Sozialismus  sowie der  Außen- und  Innenpolitik  der  So-
       wjetunion -  zu jener programmatischen Konzeption kombiniert, die
       dann als "Eurokommunismus" bezeichnet worden ist. 44) Der Wahler-
       folg des PCI im Jahre 1976 schien den Erfolg dieser Strategie ei-
       nes radikalen Reformismus, die in ihrem Kern auf eine Regierungs-
       beteiligung der KP zielte ("Historischer Kompromiß"), zu bestäti-
       gen. Die  Differenzierung der internationalen kommunistischen Be-
       wegung, die schon durch den sowjetisch-chinesischen Konflikt seit
       den späten  fünfziger Jahren  erste große Spaltungserfahrungen zu
       verarbeiten hatte, schritt jetzt weiter voran. 45)
       
       7.
       
       G. Therborn  hat diese Zeit (1965-1975) als eine Periode des qua-
       litativen und  quantitativen Wachstums  der Arbeiterbewegung cha-
       rakterisiert, die  einige Parallelen zum Wachstum der Arbeiterbe-
       wegung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg er-
       kennen läßt.  46) Tatsächlich  ist jetzt  besonders deutlich  die
       "Tendenz der  Arbeiterparteien" zu  registrieren,  zum  "Gravita-
       tionszentrum  westeuropäischen   Regierens  zu  werden".  47)  Im
       Vergleich zur  Zwischenkriegsperiode zeichnet sich aber auch eine
       relative Entpolitisierung  (besser: ein  neuer  Typus  der  Poli-
       tisierung) des  Kampfes zwischen Kapital und Arbeit ab. Mit ande-
       ren Worten: Der revolutionäre Kampf um die Staatsmacht stand nach
       1948 nirgendwo  in Westeuropa  auf der Tagesordnung. Die Dominanz
       keynesianischer Politikformen signalisiert vielmehr eine Art Kom-
       promiß zwischen  Monopolkapitalismus und  "Wohlfahrtsstaat",  der
       durch die  Klassenkämpfe erzwungen  war und  in dem sich zugleich
       ein Kräftegleichgewicht  der gesellschaftlichen Hauptklassen, das
       über  den  "Staatsinterventionismus"  vermittelt  und  balanciert
       wird, reflektierte.
       Seit der  Mitte der  70er Jahre  hat sich in einigen Ländern jene
       "Wende" zur  konservativen "Gegenrevolution" vollzogen, die eini-
       gen Beobachtern  als ein Beweis für die tiefe Krise der Arbeiter-
       bewegung und des Marxismus gilt. Nach einer kurzen Phase ökonomi-
       scher Erholung  folgt der  Übergang in  die  Weltwirtschaftskrise
       1980/83, die  nach der Krise 1974/75 der zweite Kulminationspunkt
       in der  seit Anfang der 70er Jahre anhaltenden Umbruchperiode der
       kapitalistischen Weltwirtschaft  war. 48) Die Daten aus Tabelle 3
       illustrieren - trotz der Ungleichmäßigkeit der je nationalen Ent-
       wicklung (hier  vor allem  der Aufschwung in den USA und in Japan
       seit 1983)  - den  krisenhaften Verlauf  der Kapitalakkumulation.
       Sinkende Wachstumsraten  führen zum Anstieg der Arbeitslosigkeit.
       Die Zahl  der beschäftigten  Arbeitnehmer geht  in Westeuropa zu-
       rück, während  sie in den USA und in Japan noch ansteigt. Der An-
       stieg der  Verbraucherpreise beschleunigt sich noch einmal zu Be-
       ginn der  80er Jahre;  gleichzeitig verschlechtert  sich in allen
       Ländern seit dem Ende der 70er Jahre die Reallohnposition der ab-
       hängig Beschäftigten.  49) Die  Verbesserung der Leistungsbilanz,
       die Senkung  der Staatsquote und der Inflationsrate sowie der Ab-
       bau des  Staatsdefizits sind  zu zentralen  Imperativen der Wirt-
       schaftsund Außenwirtschaftspolitik geworden.
       
       Tabelle 3:
       Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder 1973-1984
       
       Land                Bruttosozialprodukt 1)
                  1973-79 2)   1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD         +2,5        +1,8     -0,2     -1,1     +1,3     +2,5
       Frankreich  +3,1        +1,1     +0,3     +2,0     +0,7     +1,5
       GB          +1,3        -2,0     -2,2     +2,2     +3,2     +2,0
       Italien     +2,6        +3,9     -0,2     -0,4     -1,2     +2,5
       USA         +2,8        -0,4     +1,9     -2,1     +3,7     +7,0
       Japan       +3,1        +4,2     +3,0     +3,3     +3,0     +5,5
       
                           Arbeitslosigkeit 3)
                  1973-79      1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD          3,3         3,4      4,8      6,9      8,4      8,5
       Frankreich   4,0         6,4      7,8      8,8      8,9      9,5
       GB           4,4         6,9     10,5     10,6     11,5     12,0
       Italien      6,0         8,0      8,8     10,5     11,9     12,5
       USA          6,5         7,1      7,6      9,7      9,6      7,5
       Japan        1,8         2,0      2,2      2,4      2,6      2,5
       
       Land                Beschäftigte Arbeitnehmer 4)
                  1973-79 2)   1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD         -0,4        +1,5     -0,4     -1,8     -1,7     -0,5
       Frankreich  +0,6        +0,3     -1,2     +0,2     -0,9     -1,0
       GB          +0,1        -2,3     -4,0     -1,5     -0,6     -0,5
       Italien     +1,0        +0,9     +0,5     -0,4     -0,4      ±0
       USA         +2,4        +0,6     +1,2     -0,9     +1,4     +3,5
       Japan       +1,2        +2,5     +1,7     +1,0     +1,7     +1,0
       
       Land                Verbraucherpreise 5)
                  1973-79 2)   1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD         +4,6        +5,5     +5,9     +5,3     +3,3     +2,5
       Frankreich +10,7       +13,6    +13,4    -11,8     +9,6     +7,5
       GB         +15,6       +18,0    +11,9     +8,6     +4,6     +5,0
       Italien    +16,3       +21,2    +19,5    +16,6    +14,6    +11,0
       USA .       +8,5       +13,5    +10,2     +6,1     +3,2     +3,5
       Japan       +9,9        +8,0     +4,9     +2,7     +1,9     +2,0
       
       Land                Staatsdefizit 6)
                  1973-79 7)   1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD         -2,5        -3,1     -4,0     -3,4     -2,7     -1,5
       Frankreich  -0,6        +0,3     -1,6     -2,5     -3,2     -3,5
       GB          -3,7        -3,2     -2,1     -2,4     -3,3     -2,5
       Italien     -9,2        -8,3    -11,9    -12,7    -11,8    -13,5
       USA         -1,0        -1,3     -1,0     -3,8     -4,1     -3,0
       Japan       -2,8        -4,2     -3,9     -3,4     -3,3     -2,0
       
       Land               Leistungsbilanz 8)
                  1973-79 7)   1980     1981     1982     1983     1984
       
       BRD         +1,0        -2,0     -1,1     +0,5     +0,6     +0,5
       Frankreich  -0,3        -0,6     -0,8     -2,2     -0,8     -0,5
       GB          -1,1        +1,3     +2,4     +2,0     +0,7     +0,5
       Italien     -0,4        -2,4     -2,3     -1,6     +0,1     ±0
       USA         +0,1        +0,1     +0,2     -0,4     -1,2     -2,5
       Japan       +0,3        -1,0     +0,4     +0,6     +1,8     +2,5
       
       Land               Staatsquote 9)
                  1973-82 10)  1982     1983     1984
       
       BRD         47,3        49,9     48,9     48
       Frankreich  44,7        50,5     51,5     53
       GB          44,9        45       45,0     44,5
       Italien     44,6        55       57,5     58
       USA         34,1        35,5     35       34
       Japan       29,5        34,5     35       35
       _____
       1) In konstanten  Preisen; Veränderung  gegenüber dem  Vorjahr in
       v.H.
       2) Durchschnittliche jährliche Veränderung (geometrisches Mittel)
       in v.H.
       3) Anteil der  Arbeitslosen an den registrierten Erwerbspersonen,
       4) ab 1982: Zivile Erwerbstätige.
       5) Veränderung gegenüber dem Vorjahr.
       6) Finanzierungssaldo (Überschuß: +, Defizit: -) der öffentlichen
       Haushalte (Gebietskörperschaften  und Sozialversicherung) im Ver-
       hältnis zum Bruttosozialprodukt bzw. Bruttoinlandsprodukt.
       7) Durchschnittlich jährliches  Verhältnis  (arithmetisches  Mit-
       tel).
       8) Leistungbilanzsaldo im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt bzw.
       Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen.
       9) Staatsausgaben  im  Verhältnis  zum  Bruttosozialprodukt  bzw.
       Bruttoinlandsprodukt.
       10) Durchschnittliche jährliche Quote (arithmetisches Mittel).
       Quellen: Sachverständigengutachten 1982/83, S. 18; Sachverständi-
       gengutachten 1984/85, S. 24.
       
       Die konservative  Offensive -  als der  politische  Ausdruck  des
       Strategiewechsels der  herrschenden Klasse - ist vorab ein Resul-
       tat der  langfristigen Verschlechterung der Kapitalverwertungsbe-
       dingungen. Ihr  vorrangiges Ziel ist es, diesen Trend umzukehren,
       investitions- und  wachstumshemmende Hindernisse  zu  beseitigen,
       die Position  der nationalen  Kapitale in der Weltmarktkonkurrenz
       zu verbessern,  den Weg  freizumachen für  einen neuen  Schub der
       Produktivkraftentwicklung (neue Technologien, Zukunftsindustrien)
       und des Wachstums. Die politische Spezifik dieser Offensive - die
       sich seit der Mitte der 70er Jahre auf dem Felde der Wirtschafts-
       politik    im     Übergang    zum     Monetarismus    und     zur
       "angebotsorientierten"  Politik  andeutet  -  besteht  vor  allem
       darin, daß  der Boden  des Klassenkompromisses, der sich über die
       keynesianischen Politikformen organisierte, verlassen worden ist.
       Vollbeschäftigung, kontinuierlich steigende Reallöhne, Ausbau der
       sozialen Sicherungen  usw. sind als gleichwertige Ziele der Wirt-
       schafts- und  Gesellschaftspolitik aufgekündigt.  Mehr noch:  Die
       Machtpositionen, die  die Arbeiterbewegung  (und dabei  vor allem
       die Gewerkschaften)  bis zum  Beginn der 70er Jahre aufgebaut ha-
       ben, werden  nunmehr als  Profit- und  Investitionsschranke,  als
       Hindernisse einer notwendigen "Modernisierung", definiert und an-
       gegriffen. Darüber hinaus ist diese konservative Offensive darauf
       angelegt, alle sozialökonomischen und ideologischen Prozesse, die
       die Arbeiterklasse  spalten und  schwächen, auszunutzen,  um eine
       möglichst breite Massen- und Legitimationsbasis zu gewinnen.
       Die Wahlergebnisse können zunächst als Indikatoren für den Erfolg
       dieser Politik gelten. In GB wiederholten die Konservativen unter
       M. Thatcher  1983 ihren Wahlerfolg von 1979 (ca. 43%). Hier fällt
       vor allem der Abstieg der Labour-Party (1974: 39,3%; 1979: 36,9%;
       1983: 27,6%) auf, die zusätzlich durch die Konkurrenz der sozial-
       liberalen SDP (25,3%, 1983) geschwächt wurde. In der BRD erzielte
       die neue  konservativ-liberale Regierungskoalition nach dem Sturz
       der sozialliberalen  Regierung (Herbst 1982) bei den vorgezogenen
       Wahlen vom  März 1983 mit mehr als 55% ein ausgezeichnetes Ergeb-
       nis. Die  SPD fiel mit 38,2% (1980: 42,9%) auf den Stand der frü-
       hen 60er  Jahre zurück.  Erstmals gelang  den "Grünen" (5,6%) der
       Sprung in  den Bundestag.  In Frankreich  errang die  Linke  1981
       einen nachgerade  triumphalen Wahlsieg (PS und Verbündete: 49,5%,
       PCF: 18,6%).  Die Kommunisten mußten dieses Ergebnis freilich als
       eine Niederlage  empfinden; denn sie waren bis 1974 stärkste Par-
       tei der Linken gewesen. Bei den Europa-Wahlen vom Juni 1984 doku-
       mentierte sich  der Popularitätsschwund der französischen Linken:
       Bei sinkender  Wahlbeteiligung erzielten Sozialisten und Kommuni-
       sten zusammen  nur knapp  32%; die  Kommunisten waren  auf  einen
       neuen Tiefstand  abgesunken (11,2%). Vor allem die extreme Rechte
       verbuchte hier  alarmierende Gewinne.  In Italien  mußten bei den
       nationalen Wahlen  1983 die  beiden größten Parteien, DC und PCI,
       Verluste hinnehmen,  die der PCI bei den Europawahlen 1984 wieder
       ausgleichen konnte. Die Politik des PSI (der drittgrößten Partei)
       hat sich  unter der  Führung von  B. Craxi stark nach rechts ver-
       schoben; als Regierungspartei konnte er seinen Stimmanteil leicht
       - auf etwa 12% - verbessern.
       Die Position  der Gewerkschaften  ist in  allen Ländern schwächer
       geworden. Mitgliederverluste und rückläufige Streiktätigkeit sind
       Symptome des  Verlustes  gewerkschaftlicher  Mobilisierungs-  und
       Orientierungskraft, die bei den Mitgliedern oftmals als Demorali-
       sierung und Resignation erscheint. In Frankreich hat die Zahl der
       CGT-Mitglieder von  1975 bis  1980 um über 20 Prozent abgenommen;
       die CFDT  soll in  dieser Zeit  ca. zehn Prozent ihrer Mitglieder
       verloren haben.  Schwere Verluste hat die CGT auch bei den Wahlen
       zu den  Betriebsausschüssen hinnehmen müssen. 50) Die Mitglieder-
       zahl der  britischen TUC-Gewerkschaften  fiel von 1979 (13,5 Mil-
       lionen) bis 1982 um fast zwei Millionen. 51) Die DGB-Gewerkschaf-
       ten in  der BRD hatten bislang geringere Einbußen zu verzeichnen:
       1982/83 verloren  sie mehr  als 200000 Mitglieder (von knapp acht
       Millionen). Auch  die italienischen  Gewerkschaften sind  in  der
       Krise des vergangenen Jahrzehnts geschwächt worden. 52) Tabelle 4
       zeigt, daß  die Streikaktivität  gegenüber der  Periode 1968-1977
       rückläufig ist,  sich gleichwohl  - im langfristigen historischen
       Vergleich - nach wie vor auf einem relativ hohen Niveau bewegt.
       
       Tabelle 4:
       Streiktrends (1919-1982)
       (relative Beteiligung:  Zahl der  an Streiks beteiligten Personen
       pro 1000  der nichtlandwirtschaftlichen  Erwerbstätigen;  Jahres-
       durchschnitte)
       
       Land         1918-38  1946-52  1960-67  1968-73  1974-77  1978-82
       
       BRD            25        5        2        4        4        5
       Frankreich     22       94      127      135      110       27
       GB             24       39       39       69       41       70
       Italien         6      199      135      248      371      272
       _____
       Quelle: M.  Shalev, Strikes  and the  Crisis: Industrial Conflict
       and Unemployment  in the  Western Nations, in: Economic and Indu-
       strial Democracy, Vol. 4, December 1983; zit. n. G. Therborn, The
       Prospects of Labour, a.a.O., S. 61.
       
       Die Linke  befindet sich  demnach in  einer Position der Schwäche
       und der  Defensive - und es scheint zunächst, als ob sie der kon-
       servativen Gegenoffensive  auf dem  Feld der Wirtschafts- und Ge-
       sellschaftspolitik relativ  ohnmächtig ausgeliefert  sei. Daß bei
       den nationalen Wahlen auch der Anteil der Arbeiter (vor allem der
       Facharbeiter)  gestiegen  ist,  die  konservativ  wählen,  unter-
       streicht noch  die These,  daß die Krisenerfahrung, aber auch das
       Festhalten an korporativistischen Politikmustern konservative Be-
       wußtseins- und  Verhaltensformen in  der Arbeiterklasse  aktuali-
       siert hat.  Solche Widerspruchskomplexe sind mit sozialen Prozes-
       sen verbunden,  die -  als Wirkung  der ökonomischen  Krise,  der
       technologischen Umwälzung  und des konservativen Angriffs auf we-
       sentliche Elemente  des "Sozialstaates" - die Struktur der Arbei-
       terklasse und der Klassenerfahrung selbst durchdringen und verän-
       dern:
       - Massenarbeitslosigkeit und  Angst vor  dem Verlust des Arbeits-
       platzes fördern  Entsolidarisierungs- und Individualisierungspro-
       zesse in der Arbeiterklasse - bis hin zu jenen Formen apathischer
       Resignation,  die   für  Teile   der  sogenannten  "Dauer-"  bzw.
       "Langzeitarbeitslosen" typisch sind.
       - Seit der Mitte der siebziger Jahre haben die Umstrukturierungs-
       prozesse und  die Anpassungsstrategien  des Kapitals an die neuen
       Bedingungen der  Akkumulation wie der Konkurrenz die Produktions-
       und   Beschäftigungsstrukturen    tiefgreifend   verändert.   Die
       "Dekomposition" der  alten Struktur  der Arbeiterklasse,  53) die
       sich in  der langen  Aufschwungsphase der fünfziger und sechziger
       Jahre herausgebildet hatte, konfrontiert die Arbeiterbewegung mit
       neuen politischen  und organisatorischen Aufgaben. Der Anteil der
       Industriearbeiter geht  zurück.  Strukturkrisen  (z.  B.  in  der
       Schwerindustrie und im Schiffbau) sowie Rationalisierungsprozesse
       führen zu  Freisetzungen, die nicht mehr durch die Wachstumsindu-
       strien (z.  B. Elektronik und Elektrotechnik) kompensiert werden.
       Auch der  Dienstleistungssektor, in dem die technische Revolution
       (EDV, neue  Kommunikationstechnologien) traditionelle  Formen der
       Arbeit und  der Beschäftigung  umwälzt, absorbiert nur noch einen
       geringen Teil  der in  der industriellen Produktion freigesetzten
       Arbeit. 54)  Die Folge  dieser Entwicklung ist nicht nur die Mas-
       senarbeitslosigkeit, die  die erste  große Spaltungslinie  in der
       Arbeiterklasse, die  von  Beschäftigten  und  Arbeitslosen,  eta-
       bliert. Zugleich  verstärken sich Segmentierungsprozesse beim be-
       schäftigten   Teil    der   Arbeiterklasse    -   z.B.   zwischen
       "Rationalisierungsgewinnern" und  "-verlierern" 55) oder zwischen
       den Arbeitern  der Großbetriebe  und der  wachsenden Zahl der Be-
       schäftigten in  Klein- und  Mittelbetrieben,  die  vor  allem  im
       Dienstleistungssektor -  oftmals im  Grenzbereich der sogenannten
       "Schattenwirtschaft" -  expandieren. Dazu  kommen noch jene Spal-
       tungsprozesse zwischen den relativ privilegierten und den am mei-
       sten diskriminierten  Gruppen des  Arbeitsmarktes (Ausländer, Ju-
       gendliche, Frauen, Behinderte, Alte usw.).
       - Schließlich fördern  die neuen Technologien Dezentralisierungs-
       tendenzen, die den Angriff des Kapitals auf die Lohn- und Sozial-
       kosten mit  einer Strategie der Flexibilisierung und Individuali-
       sierung der  Arbeitsangebote flankieren. Alle diese Prozesse wir-
       ken letztlich in Richtung einer Schwächung der Gewerkschaftsmacht
       - im  Betrieb, im  Bereich der Tarifpolitik und auf der zentralen
       Ebene der  staatlichen Gesetzgebung.  Sie setzen einer Strategie,
       die eine  einheitliche, solidarische  Klassenpolitik in der Krise
       verfolgen will,  objektiv und subjektiv enge Grenzen. Daß im kon-
       servativen Lager  - vor  allem in den USA - schon heute von einem
       verzweifelten Überlebenskampf der Gewerkschaften gesprochen wird,
       56) illustriert die Gefahren, aber auch die großen, neuen Heraus-
       forderungen, denen sich die Arbeiterbewegung in der gegenwärtigen
       Krise stellen muß.
       Aufgrund der  zunehmenden Synchronisation der konjunkturellen Zy-
       klen seit  den frühen  70er Jahren und auch der tendenziellen An-
       gleichung der  Kapitalstrategien und  ihrer politisch-staatlichen
       "Übersetzung" (Austeritätspolitik) haben sich ganz zweifellos die
       zentralen Probleme  und Widersprüche  angeglichen  und  verallge-
       meinert, mit denen die politische und gewerkschaftliche Arbeiter-
       bewegung in  Westeuropa konfrontiert ist (Massenarbeitslosigkeit,
       Sozialabbau, Reallohnsenkung,  neue  Technologien,  Rationalisie-
       rung, Jugendarbeitslosigkeit  usw.) Gleichwohl  erfolgt die Bear-
       beitung dieser  Widerspruchskonstellationen vorwiegend auf natio-
       naler Ebene.  Internationale Organisationen  der Arbeiterbewegung
       (z.B. der Europäische Gewerkschaftsbund, EGB) sind zu schwach, um
       einheitliche, transnationale Strategien durchzusetzen. Daher sind
       auch die je nationalen Besonderheiten der Konfliktverarbeitung zu
       beachten, in  denen zugleich spezifische Traditionen, Kampferfah-
       rungen, Kräfteverhältnisse zur Geltung kommen. 57)
       In der  BRD hatten sich schon vor der "Wende" vom Herbst 1982 Be-
       wegungen gegen  die Politik  der sozialliberalen  Regierung  for-
       miert. Vor  allem die  Ökologie- und  die Friedensbewegung  haben
       sich zu  Massenbewegungen entwickelt.  Seit Anfang  der achtziger
       Jahre hat  die Partei  der "Grünen", die diese neuen sozialen und
       politischen Bewegungen  partiell repräsentiert, den Sprung in na-
       hezu alle Parlamente geschafft und damit (bei gleichzeitigem Ver-
       fall der  FDP) einen Wandel der politischen Kräftekonstellationen
       herbeigeführt (wie  er z. B. in den Diskussionen über Koalitionen
       zwischen SPD und Grünen deutlich wird). Als Oppositionspartei hat
       sich die  SPD wieder eindeutiger zu Forderungen der Friedensbewe-
       gung, aber  auch der  Gewerkschaften bekannt.  In den DGB-Gewerk-
       schaften war  schon vor  der "Wende"  die Bereitschaft zum Wider-
       stand gegen  die Politik des Sozialabbaus zu erkennen. Gleichzei-
       tig mußte  Abschied von der Illusion genommen werden, daß gewerk-
       schaftliche Forderungen  (z. B.  Beschäftigungsprogramm) auf  dem
       Wege der  institutionalisierten Kooperation  "von oben" (über den
       Staat) zu  realisieren sind. Die Formel "Auf die eigene Kraft be-
       sinnen" wurde daher im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung, der in
       den Streiks  des Jahres  1984 (IG Metall und IG Druck und Papier)
       einen ersten Höhepunkt erreichte, 58) praktisch umgesetzt, um die
       Mitglieder für  eine alternative  Politik  der  Beschäftigungssi-
       cherung zu  mobilisieren. Zugleich  hat sich zwischen den DGB-Ge-
       werkschaften die  politische Differenzierung  verstärkt.  Während
       die klassenautonomen  Kräfte, die  auch die  Öffnung der  Gewerk-
       schafts- zur Friedensbewegung vorantreiben, auf eine Stärkung ge-
       werkschaftlicher Kampfpositionen  im Betrieb  und in  den gesell-
       schaftspolitischen  Auseinandersetzungen   (um  die  Grundfragen:
       Frieden, Arbeit,  humane Gestaltung der Technik, Ökologie) hinar-
       beiten, verfolgen die integrationistischen Kräfte eher eine Stra-
       tegie der korporatistischen Annäherung an Kapital und Regierung.
       In GB  hat die  konservative Regierung seit 1980 verschiedene Ge-
       setze verabschiedet,  durch die  die  Gewerkschaften  weiter  ge-
       schwächt wurden  (vor allem die betriebliche Organisationspraxis,
       closed shop, und die Streikpraxis, Streikposten, wurden angegrif-
       fen). 59) Das Ziel dieser Politik, die in den sechziger und sieb-
       ziger Jahren  stets am  Widerstand der Gewerkschaften scheiterte,
       ist eine  "'Entgewerkschaftlichung' der  industriellen  Beziehun-
       gen... nach  dem amerikanischen  Modell". 60) Der Abstieg der La-
       bour-Party und  die Ausbreitung von Massenelend in traditionellen
       Industriezentren (vor allem im Norden Englands und in Schottland)
       haben die  Gewerkschaften noch  weiter in die Defensive gedrängt.
       Dabei haben  sich -  auch nach  schweren Streikniederlagen  (z.B.
       1979 in  der Stahlindustrie)  - politische Differenzierungen zwi-
       schen den  TUC-Gewerkschaften intensiviert.  Am Ende  1983 sprach
       sich eine Mehrheit im TUC für einen "Dialog" mit der Thatcher-Re-
       gierung aus.  Gegen diese Politik mobilisierten vor allem die Ge-
       werkschaften der  Drucker,  von  Beschäftigten  des  öffentlichen
       Dienstes (z.B. Gesundheitswesen) und der Bergarbeiter zu Kampfak-
       tionen. Im  Bergarbeiterstreik, der  nunmehr fast ein Jahr andau-
       ert, verdichten  sich gleichsam jene Konstellationen, die für den
       britischen Kapitalismus  wie für  die Arbeiterbewegung in der ge-
       genwärtigen Krise  charakteristisch sind:  der verzweifelte Kampf
       um die  Sicherung von Arbeitsplätzen und Lebenschancen, der durch
       die repressive Entschlossenheit der Regierung, dem radikalen Flü-
       gel der  britischen Gewerkschaftsbewegung  das "Rückgrat  zu bre-
       chen", politisiert und radikalisiert worden ist.
       In Frankreich  wurden die Wahlerfolge von Präsident F. Mitterrand
       und der Linksparteien (1981) zunächst von einer breiten Welle der
       Enttäuschung über das Scheitern konservativer Politik in den 70er
       Jahren begünstigt. Die Hoffnungen, die durch die ersten Maßnahmen
       der Linksregierung (u. a. Erhöhung der Mindestlöhne, Arbeitszeit-
       verkürzung, Nationalisierungen  etc.) noch  geweckt worden waren,
       verwandelten sich  jedoch bald in massive Enttäuschung (vor allem
       bei der  Arbeiterschaft). Mit  der Berufung  der Regierung Fabius
       und dem  Ausscheiden des  PCF aus der Regierung (1984) wurde dann
       auch offen der Übergang zu einer "Modernisierungspolitik" vollzo-
       gen, die  sich -  innen- wie außenpolitisch - eher am Vorbild der
       konservativ-liberalen Regierung der BRD als an den alten Program-
       men der  "Linksunion" bzw. der Sozialistischen Partei selbst ori-
       entiert.
       Daß die  Kampfkraft der  französischen Arbeiterklasse  geschwächt
       ist, kommt nicht nur im Rückgang der Streiktätigkeit, 61) sondern
       auch im  Machtverlust des  PCF wie  der Gewerkschaft CGT zum Aus-
       druck. Vor  allem die  gespannten Beziehungen zwischen den beiden
       größten Gewerkschaften, CFDT und CGT, 62) lassen ein hohes Maß an
       Differenzierung, Spaltung  und Desorientierung erkennen, das auch
       auf der  betrieblichen Ebene oftmals in der militanten Konfronta-
       tion von  Belegschaftsgruppen und von Richtungsgewerkschaften er-
       scheint. Dennoch wäre es verfehlt, die Schwäche der französischen
       Gewerkschaftsbewegung ausschließlich  auf ihre  Beziehung zur Re-
       gierungspolitik zurückzuführen, die natürlich auch autonome Hand-
       lungsmöglichkeiten der Arbeiterklasse eingeschränkt hat. Vielmehr
       scheint diese  Schwäche auch  ein Ergebnis der ökonomischen Krise
       sowie der Strukturveränderungen in der Arbeiterklasse wie der ge-
       samten Lebensweise  zu sein,  die sich im Zuge der Modernisierung
       des französischen  Kapitalismus vollzogen  hat. 63)  Die Krise in
       der Beziehung  zwischen Organisationen  der Arbeiterbewegung  und
       der Arbeiterklasse  hat sich mit dem Scheitern vieler Erwartungen
       an die Linksregierung eher noch verstärkt. Es muß zum gegenwärti-
       gen Zeitpunkt  (Anfang 1985) allerdings offen bleiben, ob PCF und
       CGT mit einer radikaleren Oppositionspolitik neue Mobilisierungs-
       perspektiven erschließen,  ob sich ein neuer "Reformblock aus So-
       zialistischer Partei, Linksgewerkschaften (CFDT) und neuen sozia-
       len Bewegungen" etabliert 64) oder ob der Einfluß der politischen
       Rechten weiter zunimmt.
       In Italien  stand die politische Entwicklung nach 1976 im Zeichen
       der Politik  des PCI,  die nach dem Wahlerfolg dieses Jahres eine
       Beteiligung an  der Regierungsmacht  (mit DC  und PSI) anstrebte.
       Nach einer  zweijährigen Periode  der Annäherung  der drei großen
       Parteien verschärften  sich die Gegensätze zwischen ihnen erneut.
       Anfang der  80er Jahre  mußte dann auch die PCI-Führung eingeste-
       hen, daß  das kommunistische  Projekt eines "historischen Kompro-
       misses" vorerst  gescheitert war. Die italienische Gewerkschafts-
       bewegung, die  in den vorangegangenen Jahren einen Prozeß der Po-
       litisierung und  Autonomisierung auf der Basis starker betriebli-
       cher Positionen  (Delegiertenräte) vollzogen  hatte, wurde sowohl
       durch die  wirtschaftlichen Krisenprozesse  als auch  durch diese
       politische Entwicklung  nachhaltig beeinflußt. Zunächst unternahm
       sie 1978  den Anlauf zu einer globalen Strategie, die "die Berei-
       che der  Beschäftigung, der  programmierten Wirtschaftspraxis und
       des Zusammenschlusses  des Arbeitsmarktes durch regionale und Be-
       zirkskörperschaften umfaßt,  wobei sie  zu beträchtlichen  Opfern
       und materiellen Zugeständnissen bereit war". 65)
       In der Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung des PCI wurde also
       hier das  Modell einer "linken Austeritätspolitik" vertreten, das
       einerseits auf  die gewerkschaftliche  und politische  Stärke der
       Arbeiterbewegung  vertraute,  andererseits  jedoch  über  gesell-
       schaftspolitische Strukturreformen (und nicht durch traditionelle
       gewerkschaftliche Kampfforderungen) einen progressiven Ausweg aus
       der Krise suchte. In dem Maße freilich, wie die Strategie des PCI
       scheiterte und zugleich Anzeichen einer Krise der gewerkschaftli-
       chen Macht  an der  Basis sich  bemerkbar machten, 66) wurde auch
       die gewerkschaftliche  Kampf- und  Orientierungsfähigkeit  massiv
       geschwächt. Der "Sozialvertrag", der 1983 zwischen Regierung, Un-
       ternehmern und Gewerkschaften abgeschlossen wurde, ist daher auch
       Ausdruck  der  veränderten  Kräftekonstellationen;  denn  nunmehr
       stimmten die  Gewerkschaften Lohnsenkungen und einer Infragestel-
       lung der  Scala Mobile  zu, ohne überhaupt über qualitative Ziele
       verhandeln zu  können. Die Streiks des Jahres 1983 gegen die wei-
       tere Herabsetzung  des Inflationsausgleiches  durch die Regierung
       haben noch  nicht aus  der Defensive  herausgeführt. Die  schwere
       Niederlage, die  die italienische  Gewerkschaftsbewegung  1979/80
       bei Fiat/Turin  hinnehmen mußte,  67) ist daher noch längst nicht
       überwunden.
       Der schwedische  Marxist G. Therborn, der in den vergangenen Jah-
       ren durch  seine Arbeiten  zu einer materialistischen politischen
       Soziologie hervorgetreten ist, stellt den verschiedenen Varianten
       jenes modischen, linksintellektuellen Katastrophismus 68) das Mo-
       dell einer  empirischen, wissenschaftlichen Analyse der Existenz-
       und Handlungsbedingungen  der Arbeiterbewegung zu Beginn der 80er
       Jahre entgegen.  69) Die  Analyse der  Wahlergebnisse, der Regie-
       rungsbildungen, des  gewerkschaftlichen Organisationsgrades,  der
       Streiktrends, der  betrieblichen und gesamtgesellschaftlich-poli-
       tischen Machtpositionen  der Arbeiterbewegung (für die er als we-
       sentlichen Indikator  den Entwicklungsgrad des "Wohlfahrtsstaats-
       Kapitalismus" nimmt)  führt ihn  zu der Schlußfolgerung, daß - im
       historischen Vergleich  - die  Situation zu Beginn der 80er Jahre
       als ein relativ geringfügiger Rückschlag ("a minor setback") nach
       einer Phase  des außergewöhnlichen  Vorwärtsschreitens der Arbei-
       terbewegung (1965-1975)  begriffen werden muß. Die Zukunftsaufga-
       ben der Arbeiterbewegung sind daher von diesen Positionen der re-
       lativen Stärke, über die sie auch heute noch verfügt, abzuleiten:
       "Eine Linke,  die sich  der Zukunft zuwendet, müßte sich auf ihre
       jüngste Vergangenheit  beziehen, um  den modischen Trends der Ge-
       genwart  zu  widerstehen.  Antiwohlfahrtsstaatliche,  antigewerk-
       schaftliche und  parteifeindliche Ideologien  müssen  heftig  be-
       kämpft werden, selbst wenn sie im 'linken' Gewände erscheinen und
       sich der Argumente wie der Sprache der Emanzipation bedienen. Was
       immer die  Intentionen ihrer Autoren sein mögen, sie sind - heute
       wie in der Vergangenheit - Stimmen der Reaktion und eines rechten
       Revanchismus'." 70)
       P. Anderson  hat mit  Recht darauf  aufmerksam gemacht,  daß  die
       bloße statistische Analyse von Wahlergebnissen und Gewerkschafts-
       aktivitäten noch keinen hinreichenden Aufschluß über die qualita-
       tive Veränderung  des Kräfteverhältnisses der Klassen, damit auch
       über das Ausmaß der Schwächung der Arbeiterbewegung seit dem Ende
       der 70er  Jahre sowie  über die wachsende Kriegsgefahr, die einer
       aggressiven Aufrüstungspolitik  entspringt, vermitteln  kann. 71)
       Gleichwohl bestätigt  auch unsere Analyse der Entwicklung der Ar-
       beiterbewegung seit 1945, daß deren gegenwärtige Kampfbedingungen
       und -perspektiven  kaum nach Maßstäben einer katastrophischen Un-
       tergangsstimmung zu  erfassen sind.  Wir können vielmehr deutlich
       vier Entwicklungsphasen unterscheiden, in denen sich jeweils auch
       ein bestimmter  Zusammenhang  zwischen  Wirtschaftswachstum,  Ar-
       beits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und den Verlaufs-
       formen wie  den Inhalten  der Klassenkämpfe  herstellt. Die lange
       Welle des  Wachstums von 1950 bis etwa 1972 hat mit der relativen
       Stabilisierung des  Kapitalismus zugleich Elementen eines politi-
       schen und  gewerkschaftlichen Reformismus  zum Durchbruch verhel-
       fen, der  wesentlich auf zwei Säulen ruht: einmal auf einer star-
       ken betrieblichen Verhandlungsmacht der Gewerkschaften, zum ande-
       ren auf dem System der staatsmonopolistischen Regulierung. In der
       letzten Phase  der langen Nachkriegskonjunktur, in der sich schon
       die Widersprüche  der Kapitalakkumulation  und des  Übergangs  in
       eine neue,  depressive Phase ankündigten, haben die Klassenkämpfe
       in Westeuropa  (wenn auch mit unterschiedlicher Intensität in den
       einzelnen Ländern)  zu einer  Politisierung dieses reformistisch-
       keynesianischen Regulierungsmodells  und zugleich  zu einer  Ver-
       schiebung des Kräfteverhältnisses der Klassen nach links geführt.
       Mit dem  Übergang der  späten 70er Jahre haben sich aber auch die
       Bedingungen des Klassenkampfes grundlegend verändert. Die Strate-
       gie des Kapitals zielt nunmehr in erster Linie darauf, sowohl die
       sozialökonomische Macht  der Krisenprozesse  und  der  Produktiv-
       kraftentwicklung als auch die politische Macht des Staates zu ei-
       nem konzentrierten  Angriff auf die betrieblichen und politischen
       Machtpositionen der Arbeiterbewegung zu nutzen. Für die Arbeiter-
       bewegung wird  angesichts der  Erfahrungen der  vergangenen Jahre
       immer deutlicher, daß die bloße Verteidigung dieser Machtpositio-
       nen sowie  das Festhalten  am reformistisch-keynesianischen Poli-
       tikmodell entweder  ihre relative  Ohnmacht verstärkt oder sie zu
       weiteren korporatistischen  Anpassungsleistungen zwingt,  die ih-
       rerseits den Verzicht auf wesentliche Forderungen der Arbeiterbe-
       wegung beinhalten  und damit deren Defensivposition noch verstär-
       ken. Dennoch: Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat die Arbeiterbe-
       wegung in  Westeuropa noch  keine Niederlage hinnehmen müssen wie
       etwa in den 20er oder 30er Jahren dieses Jahrhunderts. 72)
       Unsere Analyse  hat weiterhin  gezeigt, daß  die Kampfbedingungen
       der Arbeiterbewegung  in jeder historischen Phase nicht nur durch
       die politischen  Kräfteverhältnisse, sondern auch durch jene Ver-
       gesellschaftungsprozesse bestimmt  werden, die dem jeweiligen hi-
       storischen Typus der Kapitalakkumulation entsprechen. Solche Pro-
       zesse wirken  gerade im  hier betrachteten Zeitraum als Auflösung
       traditioneller proletarischer  Milieus  und  konstituieren  daher
       auch neue  Formen der  Klassenerfahrung wie  ihrer  ideologischen
       Verschleierung :
       - Der Anteil  der Lohnabhängigen an der Gesamtzahl der Erwerbstä-
       tigen hat sich in allen Ländern auf Werte über 80 Prozent erhöht.
       Im Verlauf  dieses objektiven  "Proletarisierungsprozesses" haben
       sich -  gleichsam in  Schüben -sektorale und soziale Differenzie-
       rungen vollzogen:  zunächst vom  agrarischen in den industriellen
       Sektor, dort  von den Grundstoff- und Schwerindustrien in die In-
       vestitionsgüterindustrien und  schließlich in den Sektor der pri-
       vaten und öffentlichen Dienstleistungen. Während aber seit Anfang
       der 70er  Jahre die Industriearbeiterschaft "schrumpfte", erhöhte
       sich der  Anteil der  Angestellten und  Beamten. Gerade in diesen
       Bereichen (bei  den unteren und mittleren Funktionsgruppen) haben
       die Gewerkschaften  im vergangenen  Jahrzehnt ihre  bedeutendsten
       Organisationserfolge erzielt.  73) Zugleich hat bei allen politi-
       schen Auseinandersetzungen  seit den späten 60er Jahren die Poli-
       tisierung und Radikalisierung eines Teils der sogenannten "neuen,
       lohnabhängigen Mittelschichten" und der Intelligenz eine wichtige
       Rolle bei der Linksverschiebung des politischen Kräfteverhältnis-
       ses zu spielen vermocht.
       - Der neue  Typus der Konsumtion und der Lebensweise, der sich in
       dieser Periode  etabliert hat,  unterscheidet sich wesentlich von
       Mustern einer traditionellen, proletarischen Lebensweise. Urbani-
       sierung, Wohnverhältnisse  (in den neuen "Vorstädten"), das ganze
       System des  Individualverkehrs, das  sich um  das Automobil  zen-
       triert, ein Konsumverhalten, das durch Einkaufszentren und Super-
       märkte bestimmt  ist, sowie  die Telekommunikation  konstituieren
       eine neue Lebensweise, in der sich auch das Verhältnis von Arbeit
       und Freizeit gewandelt hat. Diese Lebensweise ist hoch vergesell-
       schaftet und mannigfaltig ideologischen, politischen und ökonomi-
       schen Herrschaftsmechanismen  unterworfen.  Sie  realisiert  sich
       freilich in der Form einer extremen Individualisierung und Anony-
       misierung sozialer Beziehungen und Erfahrungen.
       - Schließlich  hat sich  in allen Ländern der Anteil der staatli-
       chen Ausgaben  am Sozialprodukt  kontinuierlich erhöht. 74) Krise
       und konservative Gegenoffensive haben den Anstieg der Staatsquote
       zwar gebremst  und insbesondere die Proportionen zwischen Sozial-
       ausgaben und  parasitären Ausgaben (für Rüstung und die Repressi-
       onsapparate) zugunsten  der letzteren  verschoben. Gleichwohl  es
       ist bislang  in keinem  Land zu einer drastischen Reduzierung der
       Staatsquote und  der Sozialausgaben (etwa auf das Niveau des Jah-
       res 1970) gekommen.
       In der  gegenwärtigen Krisensituation  werden jedoch diese Verge-
       sellschaftungsprozesse, die  wesentlich die  sozialen  und  poli-
       tisch-ideologischen Integrationsmechanismen im staatsmonopolisti-
       schen Kapitalismus unterstützt haben, durch neue Widerspruchskom-
       plexe und  -erfahrungen überlagert  bzw. negiert,  in denen  sich
       zugleich die "historischen Grenzen des Kapitals" ankündigen:
       - der Widerspruch  zwischen Wachstum  und  Beschäftigungsentwick-
       lung, der  die Perspektive des Ansteigens der Massenarbeitslosig-
       keit (und  des damit  verbundenen Massenelends)  bis zum Ende der
       80er Jahre als grausamen Realismus erscheinen läßt;
       - die  fortschreitende Zerstörung der stofflichen und natürlichen
       Voraussetzungen der  Produktion wie des menschlichen Lebens über-
       haupt (Umwelt-und Ökologieprobleme);
       - die  zunehmende Konzentration  von Hunger und Elend, Analphabe-
       tismus und  ökologischen Schädigungen in den Ländern der "Dritten
       Welt", die sich aus dem Teufelskreis von Unterentwicklung und im-
       perialistischer Abhängigkeit nicht befreien können; 75)
       - die zunehmende  Blockierung einer  Lösung  dieser  Widersprüche
       durch die  Politik der  Hochrüstung und  der Militarisierung, die
       einerseits die  Gefahren einer menschheitsvernichtenden Katastro-
       phe (durch einen Atomkrieg) erhöht, andererseits einen wachsenden
       Teil des  gesellschaftlichen Reichtums und der schöpferischen Po-
       tenzen der  Menschen parasitär bindet, die für eine Erleichterung
       und Verbesserung  der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen
       sinnvoll genutzt werden könnten.
       Die Arbeiterbewegung  kann den  relativen Rückschlag, den sie mit
       dem Übergang der kapitalistischen Entwicklung in eine Periode der
       Stagnation und  Depression hinnehmen  mußte, nur überwinden, wenn
       sie sich  in der  Verteidigung ihrer  Machtpositionen  und  damit
       zugleich des erkämpften Lebensniveaus der Lohnabhängigen zugleich
       von der  Illusion befreit, als ginge es in dieser Auseinanderset-
       zung um  die bloße Rückkehr zu den reformistisch-key-nesianischen
       Politikformen früherer Jahre. Solche Formen können nicht mehr als
       Zwischenschritte auf dem Weg sein, auf dem sich die Arbeiterbewe-
       gung zu  einer Kraft  entwickelt, die zugleich die rationale, hu-
       mane und demokratische Alternative für die Zukunft der Menschheit
       vertritt. Im Zentrum ihrer Politik wird daher die programmatische
       Neuformulierung eines  Konzepts der Neuverteilung der Arbeit ste-
       hen, das  die heute  bestehenden Eigentums- und Machtverhältnisse
       transzendiert.
       Dieser Weg  kann gewiß nicht im einzelnen vorausgesagt werden. Er
       ist aber  notwendig, um schon jetzt die Weichen der gesellschaft-
       lichen und  politischen Entwicklung so zu stellen, daß der "harte
       Anpassungskurs", den  die Kräfte  des Kapitals in diesem Jahrhun-
       dert mit dem Übergang zur offenen Gewalt des Krieges und der Zer-
       störung der  Demokratie (Faschismus)  verfolgt haben, in den 80er
       Jahren nicht wiederholt werden kann. Gleichwohl sollte diese not-
       wendige  strategische  Neuorientierung  der  Arbeiterbewegung  in
       Westeuropa in dem Bewußtsein erfolgen, daß Formen und Inhalte der
       bevorstehenden Klassenkämpfe  nicht allein  vom  Kräfteverhältnis
       von Kapital  und Arbeit in den "Metropolen" des Kapitals bestimmt
       werden. Die  Konkurrenz zwischen  den führenden imperialistischen
       Zentren, die  antiimperialistischen Bewegungen  in  der  "Dritten
       Welt" und  schließlich auch die Entwicklung des Kräfteverhältnis-
       ses von Kapitalismus und Sozialismus im Weltmaßstab werden - ohne
       daß wir  die konkreten  Formen künftiger Kämpfe genau voraussagen
       können - die Klassenkämpfe in Westeuropa ebenso wie die strategi-
       schen Optionen  des Monopolkapitals  nachhaltig beeinflussen. Das
       Wissen um  die globale  Interdependenz dieser  Kräfteverhältnisse
       und Kämpfe  sollte daher  auch in  die strategischen Debatten der
       westeuropäischen Arbeiterbewegung Eingang finden.
       
       _____
       1) R. Dahrendorf,  Verhindern statt  vorantreiben? in:  Die Zeit,
       28.5.1984. S. 3.
       2) W. Müller-Jentsch,  Klassen-Auseinandersetzungen,  in:  Prokla
       54/1984, S. 10 ff., hier S. 28.
       3) Vgl. z.B. H. Kahn, Der kommende Boom, Bern und München 1982.
       4) J. Huber,  Die verlorene  Unschuld der  Ökologie, Frankfurt/M.
       1982, S. 16.
       5) E. Mandel,  Die langen  Wellen im  Kapitalismus,  Frankfurt/M.
       1983, S. 92.
       6) E. Altvater,  Der Kapitalismus  in einer Formkrise, in: D. Al-
       bers u.a.,  Aktualisierung Marx',  AS 100, Berlin (W) 1983, S. 80
       ff., hier S. 85
       7) Zur Analyse  dieser Krisenprozesse in der deutschen Geschichte
       des 20. Jhdts. vgl. F. Deppe, Ende oder Zukunft der Arbeiterbewe-
       gung? Gewerkschaftspolitik nach der Wende, Köln 1984,
       S. 105 ff.
       8) Zur Problematik  der Kampfzyklen  vgl. F.  Deppe, Einheit  und
       Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg 1981, bes. S. 54ff.; E. Man-
       del, Die langen Wellen..., a.a.O., S. 39ff.
       9) Vgl. die  Darstellung dieses  Zusammenhangs bei  J. Huber, Die
       verlorene Unschuld der Ökologie, a.a.O., S. 16 ff.
       10) Zu den  Wahlergebnissen vgl.  W. Wagner, Europa zwischen Auf-
       bruch und Restauration, München 1968; J. Raschke (Hrsg.), Die po-
       litischen Parteien  in Westeuropa,  Reinbek bei  Hamburg 1978; F.
       Wende (Hrsg.),  Lexikon zur  Geschichte der  Parteien in  Europa,
       Stuttgart 1981.
       11) In GB  unterstützte die  sehr kleine KP die Labour Party nach
       ihrem Wahlsieg;  vgl. P.W.  Hermann, Die Communist Party of Great
       Britain, Meisenheim 1976, S. 39 ff.
       12) L. Niethammer, Strukturreform und Wachstumspakt. Westeuropäi-
       sche Bedingungen der einheitsgewerkschaftlichen Bewegung nach dem
       Zusammenbruch des  Faschismus, in:  H. O. Vetter (Hrsg.). Vom So-
       zialistengesetz zur Mitbestimmung, Köln 1975, S. 303 ff., hier S.
       314.
       13) Vgl. dazu  u.a. W. Loth, Die Teilung der Welt 1941-1955, Mün-
       chen 1980, bes. S. 194 ff.
       14) Vgl. A. Hutt, British Trade Unionism. A Short History, London
       1975, bes. S. 170 ff.
       15) Vgl. H.  Lademacher, Der  Weltgewerkschaftsbund im Spannungs-
       feld des  Ost-West-Konfliktes, in:  Archiv für  Sozialgeschichte,
       (14) 1978, S. 119 ff.
       16) Vgl. detailliert für Westdeutschland, Italien, Frankreich und
       Griechenland H.  Lademacher (Hrsg.),  Gewerkschaften im Ost-West-
       Konflikt, Melsungen 1982.
       17) Vgl. die  statistischen Angaben bei J. D. Reynaud, Les Syndi-
       cats en  France, Tome  2, Paris  1975, S. 221; sowie die - extrem
       antikommunistisch gefärbte  - Darstellung bei G. Lefranc, Le Mou-
       vement Syndical.  De la  Libération aux  Évènements  de  Mai-Juin
       1968, Paris 1971, S. 41 ff.
       18) S. G. Alf, Leitfaden Italien, Berlin (W) 1977, S. 102.
       19) Vgl. H.  van der  Wee, Der gebremste Wohlstand, Wiederaufbau,
       Wachstum, Strukturwandel,  1945-1980,  Geschichte  der  Weltwirt-
       schaft im 20. Jhdt, Band 6, München 1984, S. 42 ff.
       20) Für Frankreich  vgl. G.  Caire, Les Syndicats Ouvriers, Paris
       1971, S. 334; für Großbritannien K. Coates, T. Topham, Trade Uni-
       ons in Britain, Nottingham 1980, S. 111; für Italien: R. Steiert,
       Gewerkschaften in  Italien, in:  H. Rühle/H. J. Veen (Hrsg.), Ge-
       werkschaften in  den Demokratien  Westeuropas, Band  l, Paderborn
       1983, S.  115 ff.,  hier S.  124; für  die BRD vgl. F. Deppe u.a.
       (Hrsg.), Geschichte  der  deutschen  Gewerkschaftsbewegung,  Köln
       1981 (3. Aufl.), S. 384 ff.
       21) Vgl. J.  D. Reynaud, Les Syndicats en France, Tome 2, a.a.O.,
       S. 220/221.
       22) Vgl. S.G.  Alf, Leitfaden  ..., a.a.O., S. 183 ff.; D. Albers
       u.a., Klassenkämpfe  in Westeuropa,  Reinbek bei Hamburg 1971, S.
       109 ff.
       23) Vgl. D. Albers u. a., Klassenkämpfe ..., a.a.O., S. 216.
       24) Vgl. A. Hutt, British Trade Unionism, a.a.O., S. 210 ff.
       25) Vgl. F.  Deppe (Hrsg.),  Europäische  Wirtschaftsgemeinschaft
       (EWG), Reinbek bei Hamburg 1975, bes. S. 213 ff.
       26) Vgl. dazu u. a. A. von Brünneck, Politische Justiz gegen Kom-
       munisten in der BRD, 1949-1968, Frankfurt/M., 1978.
       27) Vgl. H.  K. Rupp, Außerparlamentarische Opposition in der Ära
       Adenauer, Köln  1980 (2.  Aufl.); für die 60er Jahre: K. A. Otto,
       Vom Ostermarsch zur APO, Frankfurt New York 1977.
       28) Vgl. als  Überblick G.  Fülberth,  Leitfaden  durch  die  Ge-
       schichte der Bundesrepublik, Köln 1983, bes. S. 51 ff.
       29) Vgl. u.  a. J. Huffschmid, Marktwirtschaft in der Bundesrepu-
       blik. Geschichte,  Probleme und  Perspektiven,  in:  U.  Albrecht
       u.a., Beiträge zur Geschichte der BRD, Köln 1979, S. 40 ff.
       30) Vgl. Die Weltwirtschaft (Kiel), Heft 2/1975, pass.
       31) Vgl. dazu U. Anderson, Das internationale Währungssystem zwi-
       schen nationaler  Souveränität und  supranationaler  Integration,
       Berlin (W.) 1977, S. 371 ff; H. Berg, Internationale Wirtschafts-
       politik, Göttingen 1976, bes. S. 84 ff.
       32) Vgl. u. a. K. Busch, Die Krise der Europäischen Gemeinschaft,
       Frankfurt/M. 1978,  bes. S.  210 ff.;  F. Deppe, Weltwirtschafts-
       krise und  westeuropäische Integration,  in: H.  J. Axt/F. Deppe:
       Europaparlament und EG-Erweiterung, Köln 1979, S. 10-61.
       33) Vgl. als  Überblick über die in den 60er Jahren vorherrschen-
       den sozialwissenschaftlichen  Ideologien über  den "Abschied  vom
       Proletariat": F.  Deppe, Das  Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971,
       bes. S. 11 ff.
       34) Zur Bedeutung dieser Streiks und zur Niederlage der Heath-Re-
       gierung vgl.  V. L.  Allen,  The  Militancy  of  British  Miners,
       Baildon Gren, Yorkshire, 1981, bes. S. 256 ff
       35) Vgl. u. a. K. Steinhaus, Streiks in der Bundesrepublik, 1966-
       1974, Frankfurt/M. 1975.
       36) Für Frankreich  G. Caire,  Les Syndicats Ouvriers, a.a.O., S.
       335.
       37) K. Coates/T. Topham, Trade Unions in Britain, a.a.O., S. 43.
       38) F. Deppe u. a., Geschichte ..., a.a.O., S. 458.
       39) Vgl. u.a. W. Lecher, Gewerkschaften im Europa der Krise, Köln
       1981, bes. S. 87ff.; L. Kißler/ U. Sattel, Die Arbeitsbedingungen
       als Handlungsfelder  staatlicher Politik  und  gewerkschaftlicher
       Praxis. Ein deutsch-französischer Vergleich, in WSI-Mitteilungen.
       1/1985, S. 40 ff.
       40) W. Lecher, Gewerkschaften..., a.a.O., S. 131.
       41) Vgl. u.a.  D. Albers,  Demokratie und Sozialismus in Italien,
       Frankfurt/New York 1978, bes. S. 70 ff.
       42) Vgl. Gemeinsames Regierungsprogramm. FKP und SP, Frankfurt/M.
       1972.
       43) Vgl. u.a.  B. Trentin, Arbeiterdemokratie, Hamburg 1978, bes.
       S. 107  ff., wo  der Gedanke  der neuen Einheit und Autonomie aus
       der "Kritik von Leninismus und Sozialdemokratismus", damit in der
       Perspektive einer neuen pluralistischen Basisorientierung entwic-
       kelt wird.
       44) Aus der  reichhaltigen Literatur sei erwähnt K. Priester, Hat
       der Eurokommunismus eine Zukunft? München 1982.
       45) Vgl. F. Deppe. Proletarischer Internationalismus und nationa-
       ler Klassenkampf. Zur Europapolitik der kommunistischen Parteien,
       in: ders.  (Hrsg.), Arbeiterbewegung und westeuropäische Integra-
       tion, Köln 1976, S. 317 ff.
       46) Vgl. G. Therborn, The Prospects of Labour and the Transforma-
       tion  of   Developed  Capitalism,  in:  Socialism  in  the  World
       (Beograd/Yug.), 44/1984, S. 50ff.
       47) G. Arrighi,  Der Klassenkampf  im Westeuropa des 20. Jahrhun-
       derts, in: F. Fröbel u.a. (Hrsg.), Krisen in der kapitalistischen
       Weltökonomie, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 53 ff., hier S. 57.
       48) Vgl. H.J. Höhme, Zu den Merkmalen und zur Rolle der kapitali-
       stischen Weltwirtschaftskrise  1980/83, in:  IPW-Berichte 2/1984,
       S. 1 ff.
       49) Vgl. die  Angaben in:  Sachverständigengutachten 1984/85,  S.
       25.
       50) Vgl. G.  Groux/C. Levy, Gewerkschaftskrise und Unternehmerof-
       fensive in  Frankreich, in: Prokla 54/1984, S. 106 ff.; C. Legge-
       wie, Zur  Entwicklung der  französischen  Gewerkschaften  in  den
       siebziger Jahren,  in: D. Albers (Hrsg.), Westeuropäische Gewerk-
       schaften, Berlin (W) 1982, AS 85, S. 31 ff.
       51) R. Hyman, Die Krankheit der britischen Gewerkschaftsbewegung:
       Gibt es ein Heilmittel? in: Prokla 54/1984, S. 40ff., hier S. 43.
       52) Vgl. M.  Boni: Von den Gewerkschaften der Herbstes zum Herbst
       der Gewerkschaften.  Italien am  Anfang der achtziger Jahre, Mar-
       burg 1983.
       53) Vgl. L.  Raphael, Partei und Gewerkschaft. Die Gewerkschafts-
       strategien der  kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs
       seit 1970, Münster 1984, S. 71 ff.; vgl. ebenfalls F. Deppe, Ende
       oder Zukunft der Arbeiterbewegung..., a.a.O., S. 170 ff.
       54) Vgl. u.a.  B. Lutz,  Der kurze Traum immerwährender Prosperi-
       tät, Frankfurt/New York 1984, bes. S. 236 ff.
       55) Vgl. H. Kern/M. Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung? Ratio-
       nalisierung in der industriellen Produktion, München 1984.
       56) Vgl. auch  F. Deppe, Zukunftsfelder der Gewerkschaftspolitik,
       in: Nachrichten 12/1984.
       57) Als vergleichenden  Überblick zur  Gewerkschaftsbewegung vgl.
       D. Albers. Neuere Tendenzen der Krisenverarbeitung in der westeu-
       ropäischen Gewerkschaftsbewegung, in: ders. (Hrsg.), Westeuropäi-
       sche Gewerkschaften, a.a.O., S. 6 ff.
       58) Vgl. G.  Kautsch u.a., Der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Wo-
       che, Frankfurt/M.  1984; U. Achten u.a., Arbeitskampf um Arbeits-
       zeit. Perspektiven  gewerkschaftlicher Zukunft  in flexibler  Ar-
       beitszeit, Marburg 1985.
       59) Vgl. B.C.  Roberts, Die Arbeitsbeziehungen in Großbritannien:
       neue Trends und Themen, in: P. Windorf (Hrsg.), Gewerkschaften in
       Großbritannien, Frankfurt/New York 1983, S. 305 ff.
       60) R. Hyman, Die Krankheit der britischen Gewerkschaftsbewegung,
       a.a.O., S. 46.
       61) Vgl. die Zahlen bis 1983 in: IPW-Berichte 8/1984, S. 48.
       62) Vgl. L. Peter, Probleme der gewerkschaftlichen Aktionseinheit
       in Frankreich,  in: lendemains  30/1983, S.  62 ff.; C. Leggewie,
       Zur  Entwicklung   der  französischen   Gewerkschaftsbewegung...,
       a.a.O.
       63) Vgl. auch  R. Martelli,  Die französische Arbeiterklasse: Ge-
       genwart  und  Zukunft  ihres  revolutionären  Kampfes,  in:  IMSF
       (Hrsg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/M. 1983, S. 97 ff.
       64) C. Leggewie, Der französische Reformblock aus Sozialistischer
       Partei, Linksgewerkschaften  und neuen  sozialen Bewegungen,  in:
       Prokla 54/1984, S. 131 ff.
       65) R. Steiert,  Gewerkschaften in  Italien, a. a. O., S. 175; M.
       Boni: Von  den Gewerkschaften..., a. a. O., S. 55 ff.; M. Regini,
       Der italienische  Weg zum  Sozialvertrag während  der 80er Jahre,
       in: Prokla 54/1984, S. 97 ff.
       66) Vgl. B. Trentin, II Sindicato dei Consigli, Roma 1980.
       67) Vgl. ausführlich  M. Boni, Von den Gewerkschaften..., a.a.O.,
       S. 77 ff.
       68) Brillante Kritiken  dieser Haltung  bei M. Schneider, Die In-
       tellektuellen und der Katastrophismus, in: ders., Nur tote Fische
       schwimmen mit dem Strom, Köln 1984, S. 76 ff.
       69) Vgl. G. Therborn, Prospects..., a. a. O., S. 50 ff.
       70 Ebd., S. 87.
       71) Perry Anderson,  Diskussionsbeitrag,  in:  Socialism  in  the
       World 44/1984, S. 221 ff.
       72) Zur Geschichte der Krisen im Kapitalismus vgl. als einen aus-
       gezeichneten Überblick E. J. Hobsbawm, Die Krise des Kapitalismus
       in historischer  Perspektive, in:  F. Fröbel u.a. (Hrsg.), Krisen
       in der kapitalistischen Weltökonomie, a.a.O., S. 35 ff.
       73) Vgl. "Gewerkschaften  haben Einfluß wie noch nie", in: Frank-
       furter Rundschau  vom 29. 1. 1984, S. l; hier wird über den neue-
       sten "Weltarbeitsbericht" des ILO (Genf) berichtet, der entschie-
       den der These vom "Niedergang der Gewerkschaften" widerspricht.
       74) Vgl. die statistischen Angaben bei G. Therborn, Prospects ...
       a.a.O., S. 74 ff.
       75) Vgl. F.  Castro, ...  wenn wir überleben wollen. Die ökonomi-
       sche und  soziale Krise  der Welt,  Dortmund 1983;  H. Bömer, Die
       drohende Katastrophe.  Globale Probleme  der  Menschheit,  Frank-
       furt/M. 1984.
       

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