Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       DIE ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTEN IN DER RESTAURATIONSPERIODE
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       1945-1951 IM SPIEGEL NEUERER FORSCHUNGEN
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       Ein Literaturbericht
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       Josef Ehmer/Rupert Herzog
       
       Die Rolle  der österreichischen  Gewerkschaftsbewegung im Wieder-
       aufbau der kapitalistischen Gesellschaft nach 1945 wurde schon zu
       Anfang der  1950er Jahre  von der gewerkschaftsoffiziellen Histo-
       riographie ausführlich  dargestellt 1) und zog in den 1960er Jah-
       ren vor  allem die  Aufmerksamkeit amerikanischer  Politikwissen-
       schaftler auf  sich. 2)  An  den  österreichischen  Universitäten
       stieß diese  Thematik von  der ersten  Hälfte der 1970er Jahre an
       auf zunehmendes  Interesse, als  in der  Folge von Studentenbewe-
       gung, Universitätsreform und Wissenschaftspolitik der sozialdemo-
       kratischen  Alleinregierung  eine  Neuakzentuierung  der  zeitge-
       schichtlichen Forschung erfolgte. 3) Es entstanden eine Reihe von
       Dissertationen, die  sich entweder direkt mit der Entwicklung der
       Gewerkschaften nach 1945 beschäftigten 4) oder wesentliche ökono-
       mische und  politische Rahmenbedingungen der Gewerkschaftspolitik
       untersuchten. 5)  Wenn auch  die Lücken  der  zeitgeschichtlichen
       Forschung noch  immer überwiegen und vor allem die Grundlagen ei-
       ner Gesamtdarstellung  der österreichischen Arbeiterbewegung nach
       1945 noch  nicht erarbeitet  sind, so  ermöglichen es die vorhan-
       denen Ergebnisse  doch, zumindest die Grundlinien gewerkschaftli-
       chen Handelns  in der  Nachkriegsperiode zu  bestimmen. Dies wird
       dadurch erleichtert, daß die genannten Dissertationen - bei allen
       Unterschieden der politischen Positionen und der Forschungsinter-
       essen der Autoren sowie der Ergebnisse im Detail - eine wesentli-
       che methodische Gemeinsamkeit aufweisen: Sie sehen in der Restau-
       ration kapitalistischer  Produktions- und Herrschaftsverhältnisse
       das grundlegende  sozial-ökonomische Merkmal  der Jahre 1945-1951
       und legen bei der Beurteilung gewerkschaftlichen Handelns in die-
       sem Prozeß Maßstäbe klassenorientierter Gewerkschaftspolitik an.
       Im folgenden  versuchen wir, die österreichische Gewerkschaftsbe-
       wegung in  der Nachkriegsperiode  in den Hauptzügen darzustellen,
       wobei unser  Interesse weniger  darin besteht, den herangezogenen
       Untersuchungen im  einzelnen gerecht zu werden, sondern - auf ih-
       nen aufbauend  - Gemeinsamkeiten  und  Unterschiede  der  Gewerk-
       schaftsentwicklung in  Österreich und  in den deutschen Westzonen
       bzw. der  BRD sichtbar zu machen. Auch bei noch sehr fragmentari-
       schen Kenntnissen der historischen Entwicklung könnte eine derart
       vergleichende Perspektive u. E. anregend sein. Dabei scheint uns,
       daß Gemeinsamkeiten  vor allem im ökonomischen Bereich bestanden,
       sowohl hinsichtlich  der Ausgangsbedingungen  bei Kriegsende  als
       auch der  Grundelemente rascher  Kapitalakkumulation, und  ebenso
       natürlich im  Bereich der  globalen politischen und ideologischen
       Auseinandersetzungen; während  Unterschiede vor  allem im Kräfte-
       verhältnis der Klassen und im politisch-institutionellen System -
       auf der  Ebene des Staates und der Gewerkschaften selbst -festzu-
       machen sind.
       Die Ergebnisse  der vorliegenden  Forschungen lassen  sich in der
       These komprimieren,  daß in Österreich die Gewerkschaften wesent-
       lich stärker  als in anderen westeuropäischen Ländern in den Pro-
       zeß  der  Restauration  kapitalistischer  Wirtschaftsverhältnisse
       nach 1945  eingebunden waren  und zu  wesentlichen Trägern dieses
       Prozesses wurden. Diese Aussage enthält zwei unterschiedliche hi-
       storische Reichweiten: Sie bezieht sich zum ersten auf die unmit-
       telbare Nachkriegssituation  selbst, in der die Bedingungen einer
       raschen und  möglichst reibungslosen  Kapitalakkumulation von den
       Gewerkschaften mitgestaltet  wurden; und sie beinhaltet zum zwei-
       ten eine  langfristige, bis in die Gegenwart reichende Bedeutung,
       da sich  in jener Periode die Mechanismen, Institutionen, Verhal-
       tensweisen und  Ideologien herausbildeten, die die Sozialpartner-
       schaft zu  einem wesentlichen und - zumindest bis heute - relativ
       stabilen Element  in den Klassenbeziehungen der zweiten österrei-
       chischen Republik  machten. Wir  versuchen  im  folgenden,  beide
       Aspekte zu  berücksichtigen, und  beschäftigen uns  dazu mit  den
       Rahmenbedingungen gewerkschaftlichen Handelns auf der staatlichen
       Ebene (I),  mit den  Kräfteverhältnissen der Klassen (II) und der
       organisatorischen Struktur  der Gewerkschaften (III); weiters mit
       den wichtigsten Formen der Einbindung der Gewerkschaften in wirt-
       schaftliche und  politische Entscheidungen  (IV), ihrer Teilnahme
       an der  Gestaltung des Akkumulationsprozesses (V) und schließlich
       mit den  innergewerkschaftlichen Widersprüchen  in diesem Kontext
       und der Art ihrer Unterdrückung (VI).
       I. Die Durchsetzung einer kooperativen Gewerkschaftspolitik wurde
       wesentlich dadurch  gefördert, daß  der Wiederaufbau der ökonomi-
       schen und  sozialen Strukturen  bei Kriegsende  in Österreich von
       den eigenen  gesellschaftlichen und  staatlichen Organen durchge-
       führt wurde.  Dies war möglich auf der Grundlage der Moskauer De-
       klaration der  Außenminister der  SU, Großbritanniens und der USA
       vom Oktober  1943, die Österreich als erstes Opfer der "typischen
       Angriffspolitik Hitlers" betrachtete und den Wunsch auf Wiederer-
       richtung eines  "freien, unabhängigen  Österreich" festlegte. Dem
       schlössen sich,  noch bevor das ganze Staatsgebiet befreit worden
       war, die  führenden Vertreter  der Sozialistischen  Partei Öster-
       reichs (in  der sich die 1934 gespaltenen Teile der alten Sozial-
       demokratie, "Sozialdemokraten"  und "Revolutionäre  Sozialisten",
       zusammengeschlossen  hatten),  der  Österreichischen  Volkspartei
       (die an den nichtfaschistischen Flügel der alten Christlichsozia-
       len anknüpfte) und der Kommunistischen Partei Österreichs an, die
       als  Geburtsurkunde   der  Zweiten   Republik  am  27.4.1945  die
       "Unabhängigkeitserklärung" erließen und unter dem Vorsitz des So-
       zialdemokraten Karl  Renner eine  Provisorische Regierung in Form
       einer Dreiparteienkoalition  bildeten. Die  politischen  Parteien
       und die  Regierung Renner wurden zunächst nur von der Sowjetunion
       anerkannt. Nachdem im Sommer 1945 der "Alliierte Rat" als gemein-
       sames, an  einstimmige Beschlüsse gebundenes oberstes Kontrollor-
       gan geschaffen  worden war,  sprachen auch  die westlichen Besat-
       zungsmächte am  11.9. 1945  den drei demokratischen Parteien SPÖ,
       ÖVP und  KPÖ die legale Tätigkeit im gesamten Bundesgebiet zu und
       erkannten am  20.10.1945 die Regierung Renner - vorbehaltlich der
       Kontrollrechte des Alliierten Rates - an.
       Aus den  ersten Wahlen am 25. 11. 1945 ging die ÖVP mit 85 Parla-
       mentssitzen als  stärkste Partei  hervor, gefolgt von der SPÖ mit
       76 Mandaten.  Die Kommunisten,  die die Hauptlast des antifaschi-
       stischen Widerstands  getragen hatten, lagen mit fünf Prozent der
       Stimmen und  4 Mandaten  weit über  ihrer Stärke  vor 1934, waren
       aber sehr weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Die auf-
       grund der  Wahlen umgebildete  Regierung bestand nun im wesentli-
       chen aus  einer Großen  Koalition zwischen  ÖVP und  SPÖ,  worauf
       schon vorher  die Präferenz  der beiden  Parteiführungen und  der
       Westmächte hinausgelaufen  war; die KPÖ gehörte noch bis 1947 mit
       einem Minister der Regierung an.
       Damit hatte sich innerhalb weniger Monate nach der Befreiung eine
       zwar nicht  unabhängig von den Siegermächten operierende, aber im
       wesentlichen selbständige,  staatliche Autorität über das gesamte
       Bundesgebiet herausgebildet. Sie wurde politisch getragen von ei-
       ner Großen  Koalition, deren führende Exponenten zum einen in der
       Tradition des  christlich-konservativen Kleinbürger-  und Bauern-
       tums und  zum anderen  in der  Tradition des rechten, reformisti-
       schen Parteiflügels  der alten  Sozialdemokratie  standen.  Beide
       Gruppierungen sprachen  vor allem in den ersten Tagen der Befrei-
       ung die  "Zukunft des  Landes dem Sozialismus" 6) zu, ließen aber
       in den  konkreten Regierungsmaßnahmen - etwa in der Übernahme der
       autoritären Verfassung  von 1929 schon am 1. Mai 1945 - erkennen,
       daß ihre  Zielvorstellungen nicht  über die  Wiedererrichtung der
       vorfaschistischen politischen  und  sozioökonomischen  Strukturen
       hinausgingen, die  allerdings modifiziert  und auf  Klassenzusam-
       menarbeit gestützt werden sollten. Damit war eine zunehmende Öff-
       nung gegenüber  dem politischen und ökonomischen System der west-
       lichen Siegermächte, vor allem der USA, verbunden. Da die SU auch
       dann am  Ziel der  staatlichen Einheit Österreichs festhielt, als
       sich die  Westintegrationstendenzen  verstärkten,  vermochte  sie
       diese Entwicklungen  nicht wesentlich  zu  beeinflussen,  konzen-
       trierte sich  aber darauf, zumindest die militärische Integration
       Österreichs in  das westliche Bündnis zu verhindern. Außerdem war
       sie bestrebt,  ihre ökonomischen Interessen in Österreich zu wah-
       ren.
       II. Eine zweite Besonderheit Österreichs war die außerordentliche
       Schwäche der  nationalen Bourgeoisie, vor allem des Großkapitals.
       Schon vor  1938 war die österreichische Industrie stark von deut-
       schem Kapital  beeinflußt gewesen, und nach dem "Anschluß" wurden
       die wichtigsten  Betriebe der  Metallverarbeitung und des Maschi-
       nenbaus, der  chemischen und  Elektroindustrie sowie des Bergbaus
       dem Großkapital des "Altreichs" eingegliedert. Während der natio-
       nalsozialistischen Herrschaft wurde die Grundstoff- und Produkti-
       onsmittelindustrie weiter  ausgebaut. Zu  Kriegsende war  demnach
       der wichtigste  Teil der  österreichischen Groß-  und Schwerindu-
       strie in  deutschem Besitz.  Eigentümer und  Direktoren waren ge-
       flüchtet oder verjagt worden, und nach ersten spontanen Inbesitz-
       nahmen durch  die Belegschaften  setzte die  Regierung mit Gesetz
       vom 10.5.1945 rund 6000 öffentliche Verwalter für nunmehr herren-
       lose Betriebe  ein. In den Potsdamer Beschlüssen wurde nun aller-
       dings festgelegt, daß deutscher Auslandsbesitz auf die Alliierten
       überzugehen hätte,  und im  Unterschied zu  den Westmächten erhob
       die SU  auch tatsächlich  Ansprüche auf  "Deutsches  Eigentum  in
       Österreich".
       Für die führenden politischen Kräfte Österreichs ergaben sich da-
       her von  zwei Seiten her Interessen an Verstaatlichungsmaßnahmen.
       7) Einmal  hätte  die  österreichische  Privatindustrie  aufgrund
       ihres Kapitalmangels  keine Möglichkeit gehabt, die Großindustrie
       wieder in  Gang zu  bringen, und  auch konservativen Wirtschafts-
       kreisen der  ÖVP schien  eine quantitativ  und zeitlich begrenzte
       Verstaatlichung nützlich  für den  Wiederaufbau der  kapitalisti-
       schen Wirtschaft zu sein. Zum anderen richtete sich die Verstaat-
       lichung gegen  sowjetische Ansprüche  auf das  deutsche Eigentum,
       was neben  dem Kampf  um den ökonomischen Einfluß auch eine poli-
       tisch benutzbare  Front aufzubauen  versprach. In den Verstaatli-
       chungsgesetzen vom Juli 1946 und März 1947 wurden knapp 90 Unter-
       nehmen verstaatlicht.  Rund die  Hälfte davon lag in der sowjeti-
       schen Besatzungszone  und wurde von der SU nicht abgetreten, son-
       dern selbst  verwaltet. Der unter österreichische staatliche Kon-
       trolle gestellte  Teil umfaßte  nahezu vollständig die Produktion
       von Eisenerz,  Roheisen und  -stahl, Kohle  und Strom, 94 Prozent
       des Aktienbesitzes  der Banken  und etwa die Hälfte des Aktienbe-
       sitzes der Maschinenbau- und Metallindustrie sowie der chemischen
       und Elektroindustrie.
       Formal erfolgte  die Verstaatlichung  unter Beibehaltung  privat-
       rechtlicher Gesellschaftsformen, deren Anteile an den Staat über-
       gingen. Ihre  Zielstellung und  Wirkung war nicht auf eine Trans-
       formation der  Ökonomie gerichtet,  vielmehr versorgte  der  ver-
       staatlichte Grundstoffsektor  die  nachgelagerte  Privatindustrie
       mit billigen,  weit unter  Weltmarktpreisen liegenden Vormateria-
       lien. Zugleich  erhielt der  Staat ein  wirkungsvolles Instrument
       für allgemein wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Regulie-
       rungsmaßnahmen.
       III. Als dritter Faktor, der Österreich von allen anderen westeu-
       ropäischen Ländern unterscheidet, ist schließlich der organisato-
       rische Aufbau  der Gewerkschaften selbst anzuführen. Noch während
       in Wien  gekämpft wurde,  beschloß im  bereits befreiten Teil der
       Stadt eine  von ehemaligen  sozialdemokratischen  Gewerkschaftern
       einberufene und auf christliche und kommunistische Gewerkschafter
       ausgedehnte Versammlung  die Gründung  einer zentralisierten Ein-
       heitsgewerkschaft. Der  "Österreichische Gewerkschaftsbund" wurde
       Ende April von der SU anerkannt und Anfang Oktober 1945 vom Alli-
       ierten Rat  für ganz Österreich zugelassen. Bei der Besetzung der
       führenden Gremien  einigte man  sich auf  absolute Mehrheiten der
       sozialistischen Gewerkschafter,  der Rest  wurde auf  Kommunisten
       und - in etwas geringerem Maß - auf Gewerkschafter der ÖVP aufge-
       teilt. Die  zentrale Führung beschloß, eine Gliederung in 16 Ein-
       zelgewerkschaften aufzubauen,  wobei aber  die Finanz- und Perso-
       nalhoheit beim Bundesvorstand des ÖGB verblieb.
       Diese hohe  Zentralisation erhielt  allerdings durch  die Bildung
       von Fraktionen  entlang der Parteilinien einen speziellen Akzent.
       Es scheint,  daß sich  schon wenige  Wochen nach der Gründung des
       ÖGB die  sozialistischen Mitglieder des Bundesvorstandes zu einer
       Fraktion zusammenschlössen und die Gewerkschafter der ÖVP und der
       KPÖ nachfolgten.  Für die sozialistische Gewerkschaftsführung be-
       stand der  Zweck der  zentralen Fraktion darin, die absoluten so-
       zialistischen Mehrheiten  in allen  Führungsgremien politisch ef-
       fektiv und ohne Reibungsverluste umsetzen zu können: Auffassungs-
       unterschiede  in  den  eigenen  Reihen  wurden  vor  der  Gewerk-
       schaftsöffentlichkeit abgeschirmt, abweichende Meinungen in frak-
       tionellen Vorbesprechungen  der zentralen Linie untergeordnet, um
       damit der innergewerkschaftlichen Opposition gegen Beschlüsse der
       Führung möglichst  wenig Ansatzpunkte  zu bieten. Nachdem auf der
       staatlichen Ebene die Große Koalition praktisch bestimmend gewor-
       den war, setzte sich auch im ÖGB neben den Fraktionen als zweiter
       informeller Entscheidungskreis der Kontakt zwischen SPÖ- und ÖVP-
       Fraktion durch.  Zur Politik  des ÖGB wurde das, "was in der zen-
       tralen sozialistischen  Fraktion wie  im S  P-Parteivorstand  be-
       schlossen, dann der christlichen Fraktion im ÖGB inoffiziell mit-
       geteilt, und womit schließlich die kommunistische Fraktion in der
       eigentlichen  offiziellen   Bundesvorstandssitzung   konfrontiert
       wurde". 8)
       Es scheint,  daß in den ersten Jahren die Fraktionen vor allem in
       den höheren  Leitungsebenen des Gewerkschaftsbundes bestanden und
       die formelle  Durchorganisation von  oben nach unten erst 1952/53
       abgeschlossen war.  Allerdings wurde  schon bei den Betriebsrats-
       wahlen 1947/48  unter Fraktionsbezeichnungen kandidiert. Die kom-
       munistischen Gewerkschafter bekämpften diese Struktur als undemo-
       kratisch und bemühten sich, auf Betriebsratsebene gewerkschaftli-
       che Einheitslisten  aufzustellen. Die  Struktur des  ÖGB, wie sie
       sich schon  1945 herausbildete, zeichnete sich demnach durch drei
       Merkmale aus:  Er stellte  eine überparteiliche Organisation dar,
       deren Führung gleichwohl eng an die sozialistische Regierungspar-
       tei gebunden  war und sich bemühte, die Zusammenarbeit der Großen
       Koalition auch innerhalb der Gewerkschaft zu praktizieren; er war
       eine einheitliche  Organisation mit dem Monopol auf gewerkschaft-
       liche Interessenvertretung, die gleichwohl Minderheitenpositionen
       keine Chance  gab, die  Gesamtpolitik zu beeinflussen; und er war
       schließlich eine hoch zentralisierte Organisation, in der die so-
       zialistische Fraktion  im Bundesvorstand über eine außerordentli-
       che Macht  verfügte. Über  die Vergabe von Streikgeldern und über
       die Verpflichtung  sämtlicher hauptamtlicher Funktionäre auf ihre
       Beschlüsse übte sie unmittelbaren materiellen Einfluß auf das Ar-
       beitskampfverhalten der  Einzelgewerkschaften und  der regionalen
       Gliederungen aus.  Diese Strukturen  waren um  so wirksamer, weil
       sie tatsächlich  den größten  Teil der österreichischen Arbeiter-
       klasse erfaßten: Schon 1947 waren rund zwei Drittel aller unselb-
       ständig Beschäftigten Österreichs im ÖGB organisiert.
       IV. Das spezifische politische System Österreichs, die Kräftever-
       hältnisse der  Klassen -  die ihren  ökonomischen Ausdruck in der
       Verstaatlichung und  ihren politischen  in der  Großen  Koalition
       fanden -  sowie die  organisatorische Struktur  der  Gewerkschaft
       bildeten demnach die Bedingungen, unter denen sich die Einbindung
       der ÖGB-Führung  in die  gesamtgesellschaftliche Wirtschafts- und
       Sozialpolitik vollzog  und sie zu einem wesentlich Beteiligten an
       der Regelung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses im Nach-
       kriegsösterreich machte. Diese Einbindung verlief sehr vielfältig
       und auf  verschiedenen Ebenen, von denen hier nur die wichtigsten
       genannt seien:
       - Auf Regierungsebene wurde das Sozialministerium stets von einem
       führenden Gewerkschafter besetzt.
       - An den  staatlichen Bewirtschaftungskommissionen bzw. im Ernäh-
       rungsdirektorium nahmen leitende Sekretäre des ÖGB teil.
       - Ein wesentliches ökonomisches Instrument war die von April 1946
       bis Juni  1950 bestehende  "Zentrallohnkommission", deren  Senate
       unter dem  Vorsitz des  Sozialministers paritätisch Vertreter der
       Arbeiter- und  der Unternehmerorganisationen  umfaßten. Ihre Auf-
       gabe bestand  in der  Genehmigung gewerkschaftlicher  Forderungen
       (vor allem  Lohnforderungen), die damit aus den Betrieben heraus-
       gelöst und zum Gegenstand staatlich-kooperativer Schlichtung wur-
       den.
       - Die Bereitschaft  des ÖGB  zu staatlichen Schlichtungsinstanzen
       kam umgekehrt  auch in  der Zustimmung zu dem im Februar 1947 be-
       schlossenen Kollektivvertragsgesetz zum Ausdruck, das die Errich-
       tung von  Einigungsämtern mit  einer obersten  Spruchinstanz, dem
       "Obereinigungsamt", vorsah.
       - Eine besonders enge Einbindung erfolgte im Rahmen der verstaat-
       lichten Industrie,  die einem  Bundesministerium unterstand.  Die
       Sozialabteilung dieses  Ministeriums wurde  stets "von erfahrenen
       Gewerkschaftern geleitet" 9), ein "Sozialbeirat" beim Ministerium
       war  paritätisch   besetzt.  In   den  Betrieben   selbst  wurden
       "Sozialausschüsse" eingerichtet  und von  Gewerkschaftern und Be-
       triebsräten geführt.
       - Einen wichtigen  Schritt zur Einbeziehung der Gewerkschaften in
       die staatliche  Wirtschaftspolitik stellten  die Verhandlungen um
       den Marshall-Plan  dar, in  denen die  US-Administration den  ÖGB
       nicht nur  als Verhandlungspartner akzeptierte, sondern in mehre-
       ren internationalen  Konferenzen im  Lauf des Jahres 1948 die Ge-
       werkschaften zur  Durchsetzung einer höheren Arbeitsproduktivität
       zu motivieren versuchte.
       - Als letztes  sei noch  auf die  Arbeiterkammern verwiesen,  die
       ebenfalls schon  im Juli  1945 neugegründet  worden waren und als
       Körperschaften öffentlichen  Rechts z.B.  das  Begutachtungsrecht
       für Gesetzesvorlagen  innehaben. Die  Arbeiterkammern wurden  als
       "Kopf der  Gewerkschaften angesehen,  ihre Führungsgremien  waren
       mit denen der Gewerkschaften eng verflochten.
       Der ÖGB verfügte damit über einen realen und institutionell abge-
       sicherten Einfluß  auf die österreichische Wirtschafts- und Sozi-
       alpolitik, vor  allem im staatlichen und halbstaatlichen Raum und
       über die  Spitzengremien der Interessenvertretungen. Die betrieb-
       liche Mitbestimmung  war dagegen kein Kampfziel des ÖGB und wurde
       vor allem aus den Verhandlungen über ein neues Betriebsrätegesetz
       1947 weitgehend  ausgeklammert, obwohl sie von Teilen der Gewerk-
       schaft, vor allem den Kommunisten, vehement gefordert worden war.
       Der tatsächlich  vorhandene und  an  der  Führungsspitze  konzen-
       trierte Einfluß förderte umgekehrt die Neigung eben dieser Spitze
       zu kooperativer  und wirtschaftsfriedlicher Gewerkschaftspolitik.
       Die vorliegenden  Untersuchungen lassen  noch keinen  eindeutigen
       Schluß über den Ursprung dieser Orientierung zu. Zum Teil verwei-
       sen sie  zurück auf den rechtssozialistischen Gewerkschaftsflügel
       der 1.  Republik. In  der unmittelbaren Nachkriegszeit sahen alle
       politischen Kräfte die Funktion der Gewerkschaften in der Organi-
       sation des  unmittelbaren Überlebens  der Arbeiterschaft  und  im
       Beitrag zu  einem harmonischen Wiederaufbau. Erst als dieser ein-
       deutig kapitalistische  Züge annahm,  wurde sichtbar, daß die Ge-
       werkschaftsführung -  im Unterschied zu den Freien Gewerkschaften
       der 1.  Republik -  sich nunmehr  weniger als Vertretung spezifi-
       scher Arbeiterinteressen  fühlte, sondern  als Träger gesamtwirt-
       schaftlicher  Verantwortung.  Im  Selbstverständnis  der  Gewerk-
       schaftsführung hatte  sich die  Auffassung durchgesetzt, daß "die
       ganz anders  geartete Stellung  der Gewerkschaften  in Staat  und
       Wirtschaft auch  eine andere Strategie und eine andere Taktik be-
       dingt" 10),  die Gewerkschaftspolitik als "Teil eines wirtschaft-
       lichen Gesamtkonzepts" begreift und die "Ausschaltung der Gewerk-
       schaftsmitglieder" aus  ihrer Zielbestimmung und Durchsetzung er-
       fordert, da  manche "Entscheidungen... im verborgenen heranreifen
       müssen und  die Mitglieder  vor eine vollendete Tatsache gestellt
       werden. Dies  muß schon  deshalb sein,  weil  die  Gewerkschaften
       heute praktisch  in jeder entscheidenden Frage mitzureden haben".
       11)
       Enge Kontakte mit amerikanischen Gewerkschaften und den US-Behör-
       den förderten diese Orientierung. Die amerikanische Gesandtschaft
       unterhielt vertrauliche  Kontakte mit der Führungsspitze des ÖGB.
       "Zuerst ging  es darum, das Ausmaß des kommunistischen Einflusses
       in der  Arbeiterbewegung zu  bestimmen, später um die Überwachung
       der SP  in ihren Versuchen, die KP aus allen Machtpositionen hin-
       auszudrängen." 12)  Anders als  etwa in  Frankreich oder  Italien
       "war in  Österreich eine  Spaltertätigkeit seitens der US-Gewerk-
       schaften nicht  nötig, da  der ÖGB  von  seiner  zentralistischen
       Struktur und  politischen Position her eine Durchführung koopera-
       tiver Politik garantierte". 13) Die US-Behörden waren dabei weit-
       sichtiger als Teile der österreichischen Bourgeoisie, die mit den
       neuen Formen der Klassenkooperation noch nicht vertraut waren und
       heftig gegen den "Gewerkschaftsstaat" polemisierten.
       V. Die reale  Bedeutung der  Einbindung der  ÖGB-Führung in wirt-
       schaftspolitische Entscheidungsbereiche  wurde bei  der  Regelung
       des Akkumulationsprozesses in den Jahren nach 1945 sichtbar. Die-
       ser Prozeß weist in den meisten westeuropäischen Ländern ähnliche
       Züge auf. Der Einsatz eines wesentlichen Teils des Sozialprodukts
       für Investitionen  war mit  Einschränkungen der Sozial- und Wohn-
       bauprogramme verbunden,  setzte die  Niedrighaltung der Löhne und
       der Massenkaufkraft voraus und beinhaltete die Zunahme des ameri-
       kanischen Einflusses  auf die  nationalen Ökonomien.  Währungsre-
       form, Marshallplan,  Ausgleich der  Staatsfinanzen und  Abbau der
       Nachkriegsbewirtschaftung zugunsten freier Marktmechanismen waren
       die wesentlichen Meilensteine beschleunigter Kapitalakkumulation.
       In  Österreich   bildete  sich  ein  spezieller  Regelmechanismus
       heraus, in  dem die  Gewerkschaften eine zentrale Rolle spielten:
       die sogenannten  "Lohn-Preis-Abkommen". Es handelte sich dabei um
       umfassende Wirtschaftsvereinbarungen,  die von  Spitzenvertretern
       der Regierung,  des ÖGB  und der Unternehmerorganisationen ausge-
       handelt und  in Form von Kollektivverträgen zwischen ÖGB und Bun-
       deswirtschaftskammer abgeschlossen wurden. Zwischen 1947 und 1951
       wurde jährlich ein Lohn-Preis-Abkommen geschlossen, und jedes von
       ihnen ist an kritische Phasen der ökonomischen Entwicklung gebun-
       den. Das  erste LPA  im Juli 1947 wurde knapp vor der Währungsre-
       form ausgehandelt, das zweite vom Oktober 1948 folgte auf die An-
       nahme des  ERP, das  dritte vom Mai 1949 sollte das drohende Bud-
       get-Defizit dieses  Jahres abbauen,  und das vierte vom September
       1950 bildete  eine Reaktion  auf die  wirtschaftlichen Folgen der
       internationalen Militarisierung  und des Booms im Gefolge der Ko-
       rea-Krise.
       Der Inhalt  der Abkommen  betraf die  Relation der  Löhne zu  den
       steigenden Preisen,  vor allem  den Agrarpreisen,  und zu Steuer-
       und Tariferhöhungen  sowie den Abbau der Lebensmittelsubventionen
       zum Zweck  der Budgetentlastung.  Die ökonomische Wirkung der Ab-
       kommen bestand  in der Niedrighaltung des öffentlichen und priva-
       ten Konsums  zugunsten einer sprunghaften Steigerung der Investi-
       tionen. Im  Selbstverständnis  der  Gewerkschaftsführer  ging  es
       darum, durch  große Zurückhaltung bei den Löhnen einen mäßigenden
       Einfluß auf die Preise auszuüben und - wenn diese auch nicht völ-
       lig zu kontrollieren seien - inflationäre Entwicklungen zumindest
       niedriger zu  halten, als dies ohne generelle Lohn-Preis-Regelun-
       gen der Fall wäre. Durch ihre Teilnahme an den Abkommen sicherten
       sie, daß  sich das Lohnniveau an den am wenigsten zahlungsfähigen
       und -willigen  Unternehmergruppen orientierte und, unabhängig vom
       jeweiligen Organisationsgrad,  der Kampfbereitschaft  und -tradi-
       tion einzelner Arbeitergruppen, generell gewerkschaftlich organi-
       sierter Widerstand ausgeschlossen wurde.
       Die Arbeiter  sahen in  den Abkommen vor allem Vereinbarungen zur
       Senkung ihrer  Reallöhne und lehnten sie vehement ab. Dies veran-
       laßte die Gewerkschaftsführung, die Verhandlungen unter äußerster
       Geheimhaltung durchzuführen. In einigen Fällen wurde nicht einmal
       im Bundesvorstand  des ÖGB  über die Aufnahme der Lohn-Preis-Ver-
       handlungen informiert  bzw. über  die Ziele  diskutiert,  da  man
       fürchtete, daß  die kommunistischen Vorstandsmitglieder ihren Wi-
       derstand an  die Öffentlichkeit tragen würden. "Die Verhandlungen
       liefen an,  ohne daß  die Masse  der Mitglieder  etwas erfuhr und
       ohne daß  sie die Möglichkeit zur Stellungnahme gehabt hätte. Die
       Forderungen wurden  weder von  den Mitgliedern  aufgestellt, noch
       wurden diese  um ihre  Billigung gefragt", wie Fritz Kienner ohne
       Beschönigung die  offizielle Vorgangsweise  beschreibt. 14) Neben
       der Unterordnung  der unmittelbaren  Arbeiterinteressen unter die
       Kapitalakkumulation führten die Lohn-Preis-Abkommen damit auch zu
       einer weiteren Verfestigung autoritärer und undemokratischer Ent-
       scheidungsstrukturen innerhalb des ÖGB.
       VI. Die Inhalte  wie auch die Formen dieser Politik blieben nicht
       ohne Widerstand.  Nachdem schon  1946 und  1947 "Kalorienstreiks"
       zum Teil "lokalen Aufstandscharakter" 15) angenommen hatten, pro-
       vozierten vor allem das 2. und das 3. Lohn-Preis-Abkommen Massen-
       streiks in  allen Teilen des Landes, die meist spontan ausbrachen
       und von  der Gewerkschaft  nicht anerkannt wurden. Ein organisie-
       rendes Element bildeten bis zu einem bestimmten Grad die kommuni-
       stischen Gewerkschafter  und Betriebsräte,  die ihre  Forderungen
       auf Reallohnsteigerungen und Gewerkschaftsdemokratie konzentrier-
       ten. Damit  erreichten die Kommunisten in den Betrieben einen we-
       sentlich größeren  Einfluß  als  auf  gesamtstaatlich-politischer
       Ebene. In  der Steiermark - also in der britischen Besatzungszone
       - lag  der Anteil kommunistischer bzw. kommunistisch beeinflußter
       Einheitslisten bei den Betriebsratswahlen 1947/48 bei 20 Prozent,
       in den  industriellen Großbetrieben  im Durchschnitt  zwischen 30
       und 35  Prozent, während  auf sozialistische Listen durchschnitt-
       lich 40 bis 45 Prozent entfielen. In Niederösterreich, in der so-
       wjetischen Besatzungszone,  scheinen ähnliche  Kräfteverhältnisse
       geherrscht zu  haben. In  den folgenden  Jahren, vor allem in der
       Betriebsratswahlrunde 1949/50, bauten die kommunistischen Gewerk-
       schafter ihren Einfluß an der Basis weiter aus. 16)
       Radikalen Tendenzen  in der Arbeiterschaft versuchte die ÖGB-Füh-
       rung auf  mehreren Ebenen  entgegenzuwirken.  Streiks  gegen  die
       Lohn-Preis-Abkommen wurden  für illegal  erklärt,  und  insgesamt
       wurden in  den Jahren 1945-1951 nur sehr wenige Arbeitskämpfe ge-
       werkschaftlich unterstützt. Innergewerkschaftlich wurde versucht,
       den Apparat  noch stärker  dem Bundesvorstand  unterzuordnen: Auf
       dem ersten  ÖGB-Kongreß 1949  wurden alle Sekretäre verpflichtet,
       "für die  Beschlüsse des  Bundesvorstandes in  der Öffentlichkeit
       einzutreten" 17),  der zweite  Kongreß 1951  änderte die Statuten
       dahingehend, daß nunmehr der Bundesvorstand und die Vorstände der
       Einzelgewerkschaften Anträge  an den Kongreß stellen konnten. Die
       sozialistischen Gewerkschaftsführer  bemühten sich vor allem, die
       Fraktionsdisziplin zu  stärken. Im  Juli 1947  untersagte ein Be-
       schluß des SPÖ-Parteivorstandes den Sozialisten, an gewerkschaft-
       lichen Einheitslisten  teilzunehmen. Kommunisten  wurden aus  den
       Führungsgremien des ÖGB zunehmend hinausgedrängt.
       Auf ideologischer  Ebene wurden  ein rigider  und bedingungsloser
       Antikommunismus und  der Appell an die "niedrigsten Instinkte ei-
       nes chauvinistischen Russenhasses" 18) zum entscheidenden Mittel,
       um Einschränkungen der Gewerkschaftsdemokratie im Inneren und ko-
       operative Politik  nach außen  zu legitimieren.  "Man  kann  ohne
       Übertreibung feststellen, daß von 1947 an der Antikommunismus als
       zweckrationale politische  Waffe zur Durchsetzung der sozialpart-
       nerschaftlichen Linie  der sozialistischen  und Gewerkschaftsfüh-
       rung eingesetzt wurde." 19)
       Zur entscheidenden  Kraftprobe wurde der "Oktoberstreik" des Jah-
       res 1950.  Schon im August und September breitete sich in den Be-
       trieben verstärkte  Unzufriedenheit aus,  und in  allen  Branchen
       wurden Lohnforderungen  erhoben. In  diese Situation  platzte die
       Bekanntgabe des  Abschlusses des  4. Lohn-Preis-Abkommens  am 25.
       September, das auf eine neuerliche Reallohnsenkung hinauszulaufen
       drohte. Am  selben Tag  traten spontan  die wichtigsten  Betriebe
       Oberösterreichs in  den Streik,  am nächsten Tag folgten Wien und
       die niederösterreichischen  Industriegebiete, dann auch die Stei-
       ermark. Überall  waren die Streiks mit Massendemonstrationen ver-
       bunden, an  denen Arbeiter  aller Parteirichtungen - zum Teil bis
       in die höheren lokalen Funktionärsebenen -teilnahmen. Die oberste
       Gewerkschaftsführung erklärte jedoch die Streiks für illegal, und
       auch die Regierung nahm eine starre Haltung ein und lehnte jegli-
       che Verhandlungen  mit Streikenden  und Demonstranten  ab.  Damit
       fiel den  Kommunisten als  einziger gesamtösterreichisch  organi-
       sierter Kraft,  die sich  geschlossen hinter  den Streik stellte,
       ein wesentlicher  Teil der politischen und organisatorischen Ver-
       antwortung für die Massenbewegung zu.
       Die vorhandenen  Untersuchungen lassen  den Schluß als berechtigt
       erscheinen, daß  die Führung  der KPÖ  auf diese  Situation nicht
       vorbereitet war  und keine  eindeutige und den gegebenen Verhält-
       nissen entsprechende  Zielsetzung zu  entwickeln  vermochte.  Sie
       empfahl, den Streik für einige Tage zu unterbrechen, um einer ge-
       samtösterreichischen Betriebsrätekonferenz  Gelegenheit zu geben,
       ein Forderungs- und Aktionsprogramm aufzustellen. Diese Konferenz
       richtete ihre Forderungen an die Regierung und beschloß, im Falle
       ihrer Nichterfüllung  am 4. Oktober den Generalstreik auszurufen.
       Diese Unterbrechung  gab der  Regierung und  der ÖGB-Führung eine
       Woche Zeit zu Gegenmaßnahmen auf allen Ebenen: massiver Druck auf
       sozialistische Betriebsräte und Gewerkschafter, Verhaftungen kom-
       munistischer Vertrauensleute,  die Mobilisierung  der Gendarmerie
       gegen besetzte Betriebe, vor allem aber eine von den Massenmedien
       mitgetragene und  bis zur  Hysterie gesteigerte  Denunzierung des
       Streiks als  kommunistischer Putschversuch. Als am 4. Oktober der
       Streik wieder  aufgenommen wurde,  war die  breite  Bewegung  der
       letzten Woche  bereits zerbrochen.  Ein Teil der Streikenden rea-
       gierte darauf mit wachsender Aggressivität und versuchte, nunmehr
       ruhige Belegschaften  zur neuerlichen Teilnahme zu zwingen. Umge-
       kehrt gingen  von der  Bauarbeitergewerkschaft aufgestellte  Ein-
       satzkommandos gewalttätig  gegen Demonstranten  vor. Am 5.10. be-
       schloß die Betriebsrätekonferenz den Streikabbruch.
       Dieser Ausgang  wurde von der Führung des ÖGB zum Anlaß genommen,
       die wichtigen  Gewerkschaftsgremien endgültig  von Kommunisten zu
       säubern. In den Tagen nach dem Streik wurden 85 führende kommuni-
       stische Gewerkschafter  aus dem  ÖGB ausgeschlossen,  unter ihnen
       Gottlieb Fiala,  Gründungsmitglied und  Vizepräsident seit  1945.
       Ausdrücklich billigte der Bundesvorstand des ÖGB auch die Entlas-
       sung von Streikführern in den Betrieben.
       Nach übereinstimmender Auffassung der neueren historischen Unter-
       suchungen leitete  der Oktoberstreik  eine Wende  in der  Gewerk-
       schaftspolitik ein.  Die  innergewerkschaftliche  Opposition  war
       weitgehend zurückgedrängt  worden, und  die  ÖGB-Führung  begann,
       sich einer flexibleren Taktik zu bedienen: Im Frühjahr 1951 wurde
       von der Beschränkung auf generelle Lohn-Preis-Abkommen abgegangen
       und den  Einzelgewerkschaften ein  größerer Spielraum bei der Ta-
       rifpolitik eingeräumt,  und das  fünfte Lohn-Preis-Abkommen wurde
       propagandistisch sorgfältig  vorbereitet. Zugleich  war  es  aber
       auch das  letzte, und die österreichische Wirtschaft trat in eine
       neue Etappe  ein: "Die  'Stabilisierangsphase'  1951-53,  das  5.
       Lohn-Preis-Abkommen 1951  und das Ende des ERP 1952 markieren die
       Schlußpunkte der  Rekonstruktionsphase. Mit dem einsetzenden Auf-
       schwung, der  Fortsetzung der Regierungskoalition von ÖVP und SPÖ
       auf ökonomisch gefestigten Grundlagen und dem Abschluß des öster-
       reichischen Staatsvertrags  1955 begann eine neue Periode der Ge-
       schichte der Zweiten Republik." 20)
       Soweit ein kurzer Überblick über die Entwicklung der österreichi-
       schen Gewerkschaftsbewegung  in den Jahren 1945 bis 1951, wie sie
       sich in  der neueren zeitgeschichtlichen Forschung darstellt. Wir
       meinen, daß  es beim  gegenwärtigen Forschungsstand  möglich ist,
       mit einiger  Genauigkeit die  Grundlinien der Politik der Gewerk-
       schaftsführung, ihre  sozioökonomischen Voraussetzungen  und ihre
       Funktion beim  Wiederaufbau  kapitalistischer  Verhältnisse  nach
       1945 zu  bestimmen, und  haben versucht,  diese  Aspekte  gerafft
       nachzuzeichnen. Dies  sollte aber nicht vergessen lassen, daß da-
       mit noch  nicht die ganze Geschichte erzählt ist. Wie und wieweit
       sich die beschriebene Politik in der gesamten Organisation durch-
       gesetzt hat,  bei mittleren  und unteren  Funktionären ebenso wie
       bei den Mitgliedern; ob und wie sie unter den verschiedenen gene-
       rationellen, branchenmäßigen  und regionalen  Erfahrungen der Ar-
       beiter befürwortet,  akzeptiert,  abgelehnt  oder  auch  bekämpft
       wurde -  darüber wissen wir sehr wenig. Dies bringt natürlich die
       Gefahr einer  funktionalistischen Sichtweise  und einer Beschrän-
       kung auf die offiziellen und höheren Ebenen der Politik mit sich.
       Dies könnte auch erklären, daß bei einigen der herangezogenen Ar-
       beiten ihr kritischer Ansatz in eine resignative Einschätzung der
       Gewerkschaftspolitik nach  1945 im besonderen und der Möglichkei-
       ten der Gewerkschaften unter kapitalistischen Bedingungen im all-
       gemeinen übergeht.  Die Fragen, welche Chancen für eine klasseno-
       rientierte Gewerkschaftspolitik unter den österreichischen Bedin-
       gungen nach  1945 bestanden  hätten, innerhalb der Gesamtbewegung
       die Hegemonie zu erringen, und wie der konkrete Inhalt dieser Po-
       litik hätte aussehen können, werden kaum gestellt und können des-
       halb auch noch nicht beantwortet werden. Für zukünftige Forschun-
       gen besteht hier also noch ein reiches Betätigungsfeld. Dabei er-
       schiene es  uns nützlich,  einerseits die  Geschichte der Gewerk-
       schaftsbewegung eng  mit der Entwicklung der Lebensweise, der Er-
       fahrungen und  politischen Vorstellungen der österreichischen Ar-
       beiterklasse zu  verbinden und andererseits ständig den Vergleich
       mit Ländern  im Auge zu behalten, in denen die Gewerkschaften an-
       dere Wege einschlugen.
       
       _____
       1) Fritz Kienner,  Die österreichischen  Gewerkschaften, Band  1:
       Wien 1951,  Band 2:  Wien 1953, widmet mehr als 400 Seiten des 2.
       Bandes der  Periode nach  1945. Diese  Arbeit diente ohne Zweifel
       dem Zweck,  die neue  sozialpartnerschaftliche  Orientierung  der
       österreichischen Gewerkschaften zu legitimieren, in einen breiten
       historischen Kontinuitätszusammenhang  zu stellen  und Kritik von
       links zu widerlegen. Dabei bietet Kienner sehr viel Material, und
       er bemüht  sich um  eine differenziertere  Argumentation und mehr
       Objektivität, als  dies am Höhepunkt des Kalten Krieges im allge-
       meinen üblich war.
       2) Kurt Shell, The transformation of Austrian Socialism, New York
       1962, und  William B.  Bader, Austria Between East and West 1945-
       1955, Stanford  1966, bieten  vor allem  Material zum Einfluß der
       Sozialisten und der Kommunisten in Betrieben und Gewerkschaften.
       3) Neue historische  Fragestellungen kommen  etwa zum Ausdruck im
       Themenheft "30 Jahre Zweite Republik" der Österr. Zeitschrift für
       Politikwissenschaft (ÖZPW),  H. 3 (1975), in dem mehrere Beiträge
       für dieses  Thema relevante  Informationen bieten.  Der vorherge-
       hende Diskussionsstand  ist dokumentiert  in Erika  Weinzierl  u.
       Kurt Skalnik  (Hrsg.), Österreich  - Die  Zweite Republik,  Graz-
       Wien-Köln 1972.
       4) Hans Prader,  Probleme  kooperativer  Gewerkschaftspolitik  am
       Beispiel der Politik des ÖGB im Wiederaufbau 1945-51, Diss. Salz-
       burg 1975;  Peter Zakravsky,  Die Fraktion der gewerkschaftlichen
       Einheit im  Österreichischen  Gewerkschaftsbund.  Vom  "Transmis-
       sionssystem"  zum   Modell   klassenorientierter   Gewerkschafts-
       autonomie, Diss.  Wien 1979; Gene R. Sensenig, Die neue Rolle der
       Gewerkschaften im staatsmonopolistischen Kapitalismus am Beispiel
       der Rolle  der US-Gewerkschaften  in Österreich zwischen 1945 und
       1950, Diss. Salzburg 1984.
       5) Fritz Weber,  Die linken Sozialisten 1945-48. Parteiopposition
       im beginnenden  Kalten Krieg, Diss. Salzburg 1977; Hannes Zimmer-
       mann, Wirtschaftsentwicklung  in Österreich 1945-1951 am Beispiel
       der Lohn-Preis-Abkommen  und des  Marshallplans, Diss. Wien 1983.
       Leider wurde  bisher keine dieser genannten Dissertationen veröf-
       fentlicht, jedoch  sind einzelne  Ausschnitte bzw.  Kurzfassungen
       auch gedruckt  zugänglich. Vgl.  etwa Hans  Prader, Die Angst der
       Gewerkschaft vor'm  Klassenkampf. Der ÖGB und die Weichenstellung
       1945-1950 =  In Sachen  1, Wien  1975; ders., Ziele und Resultate
       kooperativer Gewerkschaftspolitik  im Wiederaufbau nach 1945; in:
       ÖZPW 3  (1974); Fritz  Weber, Einige  Aspekte  der  Schwäche  des
       Linkssozialismus in  der Rekonstruktionsphase nach 1945, in: ÖZPW
       4 (1975), H. 3, S. 311-324.
       6) "Daß die  Zukunft des  Landes dem  Sozialismus gehört, ist un-
       fraglich und bedarf keiner Betonung", schrieb Karl Renner in sei-
       nem berühmten  Brief an  Stalin, in dem er seine Bereitschaft zur
       Bildung einer  Regierung bekundete;  Dokumentation, Zur österrei-
       chischen Zeitgeschichte  1945-1955, hrsg.  v. J.  Kocensky, Wien-
       München 31980, S. 27.
       7) Vgl. zum  folgenden auch Margit Scherb, Die verstaatlichte In-
       dustrie in  Österreich. Geschichte  - Funktion  - Möglichkeiten -
       Perspektiven, in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch  des  IMSF  7,
       Frankfurt/M. 1984, S. 376 ff.
       8) Prader, Angst der Gewerkschaft, a.a.O., S. 76.
       9) Kienner, a.a.O., S. 1560.
       10) Ebenda, S. 1734.
       11) Ebenda, S. 1733 f.
       12) Sensenig, a.a.O., S. 135.
       13) Zimmermann, a.a.O., S. 116.
       14) Kienner, a.a.O., S. 1733.
       15) Zakravsky, a.a.O., S. 75.
       16) Genaue  Bestimmungen   der  Kräfteverhältnisse  sind  deshalb
       schwer, weil sich Kommunisten häufig um die Bildung von Einheits-
       listen bemühten. Diese wurden von der Führung des ÖGB in der Pro-
       paganda zwar als kommunistische Tarnung gewertet, bei der Berech-
       nung der  Parteipräferenz der  Betriebsräte - die auch der Beset-
       zung der ÖGB-Gremien zugrundegelegt wurde - aber als unpolitisch.
       Eine differenzierte Erhebung wurde nur von der steirischen Arbei-
       terkammer  vorgenommen,   deren  Bedeutung  erstmals  von  Bader,
       Austria, a.a.O.,  S. 148f. und 152f. erkannt und seitdem auch von
       den anderen  Autoren zustimmend  zitiert  wird.  Zu  den  gewerk-
       schaftsoffiziellen Bestimmungen der Stärke der einzelnen Fraktio-
       nen vgl. Kienner, a.a.O., S. 1716.
       17) Prader, Angst der Gewerkschaft, a.a.O., S. 79.
       18) Ebenda, S. 17.
       19) Weber, Die linken Sozialisten, S. 446.
       20) Zimmermann, a.a.O., S. 325.
       

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