Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       HERRSCHAFT - DISKURS - WIDERSPRUCH
       ==================================
       
       Zu den philosophischen Grundlagen theoretischer Positionen
       ----------------------------------------------------------
       Ernesto Laclaus
       ---------------
       
       Rolf Petri
       
       Vorbemerkung - Die Spezifik des Politischen oder Was die Welt zu-
       sammenhält -  Diskurs als  Konstitution des Sozialen - Herrschaft
       als Verschiebung  des Widerspruchs auf den realen Gegensatz - Zur
       Laclauschen Konzeption  des Antagonismus  'Volk -  Machtblock'  -
       Praktisch-politische Konsequenzen
       
       Vorbemerkung
       ------------
       
       Die bisher  außerhalb der lateinamerikanischen Diskussion nur we-
       nig bekannten Arbeiten Ernesto Laclaus befassen sich mit dem Pro-
       blem einer  theoretischen Begründung  des Populismus. Eine solche
       Begründung soll  zwei Forderungen erfüllen: Sie darf nicht so eng
       gefaßt sein,  daß sie auf den Kontext integrationistischer Volks-
       bewegungen wie  des Peronismus  in Argentinien beschränkt bleibt,
       sie darf aber auch nicht so weit gefaßt sein, daß sie jede Bezug-
       nahme auf  eine historisch  so belastete Kategorie wie "das Volk"
       abdeckt. Sie  bezieht sich  vielmehr sowohl auf das Volk als auch
       auf  die   Klassen.  Laclau  nennt  diesen  doppelten  Bezug  die
       "doppelte Artikulation  des politischen  Diskurses einer  Theorie
       des Populismus";  denn der  Klassenantagonismus auf der Ebene der
       Produktionsweise einer  ökonomischen  Gesellschaftsformation  und
       der Widerspruch "Volk-Machtblock" auf der politisch-ideologischen
       Ebene sind  nicht identisch.  Thema der  folgenden Bemerkungen zu
       Laclau ist die Frage, ob Laclaus Definitionen des "spezifisch Po-
       litischen" und  des "populär-demokratischen  Diskurses" zu  einer
       Weiterentwicklung der marxistischen Theorie beitragen können oder
       aber ihre zentralen Positionen verfehlen. Das Problem soll anhand
       von Zitatbetrachtungen  *) erörtert  werden. Die Reihenfolge löst
       sich dabei  von der  formalen Struktur des Laclauschen Werkes und
       wird ganz der eigenen Zweckbestimmung Untertan gemacht.
       
       Die Spezifik des Politischen oder Was die Welt zusammenhält
       -----------------------------------------------------------
       
       Dem Marxismus  zufolge handelt  es sich beim Kapitalismus, Feuda-
       lismus  etc.   um  eine     ö k o n o m i s c h e    G e s e l l-
       s c h a f t s f o r m a t i o n.   Sie bezeichnet  nicht nur eine
       "Produktionsweise" als  technisch-organisatorisch  und  stofflich
       bestimmten Vorgang.  Im Unterschied  zu "Produktionsweise" umfaßt
       der Begriff  "ökonomische Gesellschaftsformation"  die  Totalität
       der  gesellschaftlichen   Beziehungen  auf  der  Grundlage  ihrer
       Gesellschaftlichkeit überhaupt:  der Ökonomie,  d.h. der  gesell-
       schaftlich organisierten  umfassenden Reproduktion  des Menschen.
       Also auf  der Grundlage  einer oder einer vorherrschenden Produk-
       tionsweise. Das Problem wird deutlicher bei Laclaus "ökonomischem
       System", besser:  seiner Deutung  dieses Systems.  Auf den ersten
       Blick scheint  es den  Begriff der  Produktionsweisen in Richtung
       auf ökonomische  Gesellschaftsformation zu  erweitern.  Aber  nur
       scheinbar, denn  es handelt  sich allemal um die Verknüpfung bzw.
       Vereinheitlichung  verschiedener   technischer,  oder  schlechter
       gesagt, "rein ökonomischer" Vorgänge.
       Die ökonomische  Gesellschaftsformation kennt aber keine Aufspal-
       tung in  "rein ökonomische" Angelegenheiten und die "eigentliche"
       Gesellschaft. "Mein  Essay hatte  ein doppeltes  Ziel: 1. Er ver-
       suchte,  d e n  B e g r i f f  der Produktionsweise von allen hi-
       storischen Konnotationen zu trennen, das heißt von jeglicher Ver-
       bindung mit  einem notwendigen  Stadium der  Entwicklung. Es gibt
       also keine  historische Veränderung,  die ausschließlich  mit der
       Entfaltung der  inneren Logik  einer bestimmten  Produktionsweise
       erklärt werden  kann. 2.  Er versuchte, konkrete Wirtschaften als
       Systeme von  Beziehungen aufzufassen,  die durch die Artikulation
       verschiedener Produktionsweisen  konstituiert wurden. Daher trieb
       ich die Unterscheidung zwischen Produktionsweise und Ökonomischem
       System' voran, die ich weiterhin für richtig und notwendig halte"
       (S. 39). Die Vorherrschaft einer oder auch die Verknüpfung mehre-
       rer Produktionsweisen  führt  also  zu  nichts  anderem  als  zum
       "ökonomischen System",  zu sogenannten  "konkreten Wirtschaften".
       Die Ökonomie  also ist   e i n   gesellschaftlicher Vorgang unter
       vielen, auf  die stoffliche  Reproduktion des Menschen reduziert.
       Das hat  direkte Konsequenzen  auf Laclaus Bild der "Spezifik des
       Politischen", des  Charakters der  Staatsmacht und des Wesens von
       Gesellschaftlichkeit überhaupt.
       Die Reduktion  der Produktion auf die stoffliche Reproduktion und
       allenfalls deren unmittelbarste technische Organisation führt La-
       clau zu folgender Kritik der "Ökonomisten":
       
       "Die ökonomistische  Perspektive reduzierte,  wie wir gesehen ha-
       ben, die  Politik auf  einen bloßen  Überbau. Aber  - und das ist
       entscheidend -  dies bedeutete, sie auf eine bloße Erscheinung zu
       reduzieren, durch  deren entfremdete  Repräsentation die List der
       Vernunft ihre  Aufgabe erfüllt.  Denn die  Politik   p r ä s e n-
       t i e r t   sich als ein Kampf zwischen antagonistischen Kräften,
       dessen Ausgang  vom Kampf  selbst abhängt  und nicht im vorhinein
       determiniert ist.  Wenn die  Politik Überbau  ist, dann  ist  ihr
       manifestes Sein bloße Erscheinung" (AS 78/S. 19).
       
       Wird aber  Überbau als bloße Erscheinung gefaßt und nicht als in-
       nere Unterscheidung der wirklichen Gesellschaftlichkeit oder öko-
       nomischen Basis,  also der materiellen Wirklichkeit des Menschen,
       bleibt nur ein idealistischer Ausweg für die Definition des Poli-
       tischen:
       
       "Welches ist denn die Bedingung, daß das Politische kein bloß er-
       scheinungsmäßiges Sein  hat? Es  ist klar,  daß die Relation zwi-
       schen den verschiedenen Elementen einer Situation keine derartige
       Konfiguration bildet, daß nur ein einzelnes Resultat möglich ist.
       Aber die  Existenz einer gewissen Konfiguration und zugleich eine
       nicht notwendige  Relation  zwischen  ihren  Elementen  behaupten
       heißt annehmen,  daß ihre  Einheit sich nur im Feld des Diskurses
       gibt. Dem Politischen ein Sein zuschreiben, das nicht rein fiktiv
       ist, impliziert den Primat des Diskursiven" (AS 78/S. 19).
       
       Die Einheitlichkeit des gesellschaftlichen Seins wird ausschließ-
       lich diskursiv  hergestellt; da der menschliche Diskurs nicht aus
       der inneren  Notwendigkeit der  verschieden "konfigurierten" Ele-
       mente des  gesellschaftlichen Seins  entspringt,  wird  sie  auch
       nicht notwendig so, sondern beliebig hergestellt.
       
       "Wir könnten  sagen, daß die Relation zwischen Verwandtschaftssy-
       stem und Produktionstechnik einer primitiven Gemeinschaft diskur-
       siv ist, insofern keine notwendige Beziehung zwischen beiden exi-
       stiert (in  einer ändern  Gemeinschaft mit  gleicher Produktions-
       technik kann  dieser ein  anderes Verwandtschaftssystem  entspre-
       chen), wir  würden indes nicht sagen, daß die Einheit beider eine
       politische ist,  da sie ja nicht das Resultat des Kampfes antago-
       nistischer Kräfte  ist: Sie  ist universell akzeptiert, und folg-
       lich tendiert  die Form  ihrer Diskursivität  zu verschwinden. Es
       passiert das, was wir zuvor  N a t u r a l i s i e r u n g  v o n
       S o z i a l e m   genannt haben.  Genau unter  solchen  Umständen
       neigt die  Sprache dazu,  sich als  reine Transparenz  zu zeigen,
       insofern die  diskursiven Prozesse der Konstruktion der Beziehun-
       gen zwischen Objekten dazu neigen, sich als notwendige Relationen
       zwischen Sachen zu präsentieren" (AS 78/S. 19).
       Die "Gewöhnung"  des Menschen  an seinen  eigenen Diskurs  ist es
       hier also,  die ihm die Beziehung zwischen den gesellschaftlichen
       Elementen als  notwendig erscheinen läßt. Der Mensch ist gefangen
       in der eigenen Illusion seiner Ohnmacht gegenüber den Verhältnis-
       sen.
       Der Primat  des Diskursiven gilt natürlich auch und gerade im Be-
       reich der  Staatsdiskussion; hier  polemisiert Laclau  gegen eine
       Verwischung der Begriffe Klassen-Macht und Staats-Macht. Der Kon-
       sens zwischen  Kritiker und Kritisierten aber besteht darin, daß,
       was immer  die Spezifik der Staatsmacht sei, ihre wesentliche Ei-
       genschaft die  Fähigkeit sein  müsse, die  "verschiedenen Ebenen"
       einer Gesellschaftsformation "zusammenzuhalten".
       
       "Poulantzas hatte mit der Behauptung begonnen, daß 'der Staat in-
       nerhalb einer  Struktur mit verschiedenen Ebenen ungleichzeitigen
       Entwicklungsstands   d i e   b e s o n d e r e    F u n k t i o n
       h a t,   K o h ä s i o n s f a k t o r   d e r   v e r s c h i e-
       d e n e n   E b e n e n   e i n e r    G e s e l l s c h a f t s-
       f o r m a t i o n   z u   s e i n'.   Doch später  führt  er  zur
       Rechtfertigung seiner Konzeption der ideologischen Staatsapparate
       folgende zentrale  Begründung an: 'Wenn der Staat als die Instanz
       definiert wird, die den Zusammenhalt einer Gesellschaftsformation
       aufrechterhält  und   die  Produktionsbedingungen  eines  Gesell-
       schaftssystems  durch   Aufrechterhaltung  der  Klassenherrschaft
       reproduziert, so  ist es  offenkundig, daß  die fraglichen Insti-
       tutionen -  die ideologischen  Staatsapparate  -  genau  dieselbe
       Funktion erfüllen.'  Es handelt  sich hier  um eine  spitzfindige
       Verschiebung von  der Definition des Staates als der Instanz, die
       den Zusammenhalt zwischen den Ebenen einer Gesellschaftsformation
       herstellt, zur  Behauptung, alles,  was  zum  Zusammenhalt  einer
       Gesellschaftsformation beiträgt, gehöre per Definition zum Staat.
       ... In  diesem Fall  jedoch können  wir nicht vom Staat als einer
       Instanz sprechen  - wie Poulantzas in seiner ersten Formulierung.
       Der Staat  muß einfach  eine Qualität sein, die alle Ebenen einer
       Gesellschaftsformation durchdringt.  Folgen wir diesem Argumenta-
       tionsstrang, so  sind wir  Zeuge der  Auflösung des  Begriffs vom
       Staat  als  einer  objektiven  Struktur.  Ich  glaube  jedoch  im
       Gegensatz dazu,  daß Milibands  Unterscheidung zwischen  Klassen-
       Macht und  Staats-Macht völlig  angemessen ist  und die wirkliche
       Problemstellung wiederherstellt.  Der Nachteil ist natürlich, daß
       das Problem zwar richtig gestellt, aber nicht gelöst ist. Was ist
       denn die  Klassen-Macht außerhalb  der Staats-Macht?  Was ist die
       Spezifik der letzteren? Diese Fragen bleiben offen" (S. 61 f.).
       
       Eine herrschende  Klasse organisiert sich als Staat; was also ist
       zumindest herrschende  Klassenmacht anderes  als Staatsmacht! Daß
       der bürgerliche Staat die Widersprüche reflektiert, die die herr-
       schende Klasse  selbst ständig  reproduziert, ist  Ausdruck ihrer
       Herrschaft. Die  herrschende Klasse,  die sich  als Staat organi-
       siert hat  (und nur dadurch ist sie herrschende Klasse), ist wohl
       zu unterscheiden  von der  Institution ihres  Staatsapparates als
       Instanz. Der  Staatsapparat ist  ein wichtiges  Instrument  ihrer
       Klassenherrschaft, als  solcher nur Teil des Staates, eine seiner
       sich auch stofflich darstellenden Formen.
       Nun zur  Klassen-Macht einer Klasse, die nicht herrscht. Die Exi-
       stenz einer  nicht herrschenden Klassenmacht (das ist eine Quali-
       tät, gleich wieviel oder wenig Macht) bedingt die Macht der herr-
       schenden Klasse,  d. h.  einer Klasse, die sich als Staat organi-
       siert hat,  und umgekehrt. Entweder eine Klasse konstituiert sich
       im historischen Prozeß als herrschende Klasse, oder sie konstitu-
       iert als  nicht-herrschende Klasse  die Herrschaft der herrschen-
       den. Umgekehrt:  Die Macht der nicht-herrschenden Klasse (die ge-
       ringste und  schlechteste Qualität ihrer Macht ist ihre physische
       Existenz) ist  Vorbedingung und  Bestandteil der  Staatsmacht, da
       Vorbedingung dafür,  daß sich  die herrschende  Klasse als solche
       konstituieren kann.  Die Bourgeoisie  ist nur dadurch Bourgeoisie
       und kann  sich nur dadurch als herrschende Klasse, als Staat, or-
       ganisieren, daß  es mindestens auch ein Proletariat gibt. Die ge-
       ringste Form von Macht des Proletariats ist aber seine bloße Exi-
       stenz, die dem Bourgeois gegenübertritt als Notwendigkeit der Re-
       produktion der  menschlichen Arbeitskraft  als Quelle allen Mehr-
       werts. Die  Notwendigkeit, Arbeitskraft  zu kaufen,  um Profit zu
       erzielen, setzt  aber der Vergrößerung des Profits Schranken. Die
       Macht, die der Bourgeoisie in ihrem Herrschaftsstreben schon ganz
       elementar gegenübertritt,  ist also gleichzeitig eine ihre eigene
       Herrschaft konstituierende  Macht. Ihre  Selbstunterscheidung vom
       Proletariat, ihr  Widerspruch zu  dieser Klasse ist folglich ihre
       Daseinsbedingung, d.  h. in ihrer Existenz ist der Widerspruch zu
       sich selbst  oder die Selbstunterscheidung unabwendbar einbegrif-
       fen.
       Die herrschende Klasse herrscht also nur dadurch, daß sie gleich-
       zeitig ihr  Verhältnis zur nicht herrschenden Klasse in sich dar-
       stellt. Es  gibt keine  Klasse  ohne  Klassenverhältnisse,  keine
       herrschende ohne  unterdrückte, keine Macht ohne Gegenmacht. Des-
       halb tritt  der Bourgeoisie,  die nicht nur Pol eines Klassenver-
       hältnisses ist, sondern selbst Ausdruck dieses Verhältnisses, die
       geringste Macht des Proletariats, seine bloße Existenz, schon als
       "Macht der Verhältnisse" oder "Notwendigkeit" (ihrer eigenen Exi-
       stenz) entgegen.  Aus der  Tatsache, daß die Klasse, die sich als
       herrschende organisiert  hat, die  Klassen-Macht der  nicht-herr-
       schenden benötigt, um sich als herrschend zu konstituieren, folgt
       nicht der  Schluß: je mehr Macht die beherrschte, um so mehr auch
       die herrschende, sondern umgekehrt: die Macht der entgegengesetz-
       ten Klasse ist ihr perspektivisches Herrschaftsende. Das Verhält-
       nis, auf das sich ihre Herrschaft gründet, ist folglich das glei-
       che, auf das sich auch ihr Untergang gründet.
       Was ist  nun die  Spezifik der  Staatsmacht, oder, weiter gefaßt,
       des Politischen,  oder: Was hält denn nun die Klassen trotz ihres
       Widerspruchs in  einer Formation  zusammen? Mindestens zwei Klas-
       sen-Mächte treten  sich gegenüber, um eine Staats-Macht zu bedin-
       gen oder  hervorzubringen, d.h.  die Macht  der einen Klasse über
       die andere  als Staat  zu organisieren.  Das, was den organischen
       Charakter des  Staates ausmacht, das, "was den Zusammenhalt einer
       Gesellschaftsformation aufrechtzuerhalten  hilft"  (S.  62),  ist
       also das  Sichgegenübertreten mindestens  zweier  Klassen-Mächte,
       die ja  nur deshalb  Klassen-Mächte sind,  da sie  zueinander  im
       (widersprüchlichen) Verhältnis  stehen. Der  Vorwurf Laclaus, die
       Marxisten würden  alles auf Klassengegensätze reduzieren, anstatt
       die Spezifik dessen, was eine Gesellschaftsformation trotz dieser
       Gegensätze 'zusammenhält',  zu bestimmen,  greift nicht, denn der
       unerbittliche Kampf  der Klassen  um die  Verteilung des Mehrpro-
       dukts, die  Herrschaft oder wie immer man es ausdrücke, konstitu-
       iert erst  den organischen  Charakter der Gesellschaftsformation,
       ist also  das, was eine Gesellschaftsformation zusammenhält - ge-
       nauso wie es sie zerbricht.
       Nur wer  die Bewegung der Klassen, die Veränderung ihres Verhält-
       nisses zueinander,  also ihre  Gegensätze untersucht,  wird somit
       ihren organischen  Zusammenhalt erhellen.  Das, was die antagoni-
       stischen Klassen  zusammenhält, ist  nichts als ihr Antagonismus.
       Die Gesellschaftsformation  wird also  nicht trotz, sondern wegen
       ihrer inneren "Gegensätze" zusammengehalten.
       Reduktion ist vielmehr die Suche nach der Spezifik des Klassenge-
       gensatzes auf der einen und des Klassenzusammenhaltes auf der an-
       deren Seite,  denn beider  "Spezifik" ist, nichts anderes als Be-
       dingung des  jeweils anderen  zu sein. Es handelt sich um die Re-
       duktion der  lebendigen dialektischen Wirklichkeit auf eine logi-
       sche Gleichung, besser Ungleichung, nach dem Schema A ungleich B.
       Jene geheimnisvolle  Gallertmasse, die nach dieser Reduktion "das
       Ganze" zusammenhält,  das "spezifisch Politische" also, nennt La-
       clau Primat des Diskursiven.
       
       Diskurs als Konstitution des Sozialen
       -------------------------------------
       
       Der Fehler  besteht keineswegs darin, nach der Spezifik des Poli-
       tischen zu fragen, sondern darin, seine grundlegenden Bedingungen
       als nicht grundlegend anzusehen.
       Zum Begriff des "Diskursiven" bemerkt Laclau:
       
       "Unter dem 'Diskursiven' verstehe ich ... das Ensemble der Phäno-
       mene gesellschaftlicher Sinnproduktion, das eine Gesellschaft als
       solche begründet.  Hier geht  es nicht  darum, das Diskursive als
       eine Ebene  oder eine Dimension des Sozialen aufzufassen, sondern
       als gleichbedeutend  mit dem  Sozialen als  solchem, Das bedeutet
       zunächst, daß  das Diskursive  nicht ein  Überbau  ist,  weil  es
       selbst die  Bedingung jeglicher  gesellschaftlicher  Praxis  ist,
       oder -  präziser -  weil jede  soziale Praxis Produktion von Sinn
       ist. -  Folglich steht nicht das Nicht-Diskursive dem Diskursiven
       gegenüber, als handelte es sich um zwei verschiedene Ebenen, denn
       es gibt  nichts Gesellschaftliches, das außerhalb des Diskursiven
       bestimmt ist...  Die Identität von Gesellschaft und Diskurs fest-
       zustellen bedeutet  nicht, eine  Überbaukonzeption gegen eine Ba-
       siskonzeption vorzuschlagen,  denn es geht ja gerade darum zu be-
       streiten, daß  das Diskursive  und  das  Ideologische  Überbauten
       sind. In dieser Perspektive muß die ökonomische Praxis selbst als
       Diskurs aufgefaßt  werden ... Wenn schließlich alle gesellschaft-
       liche Praxis  sinnproduzierend ist  und jede  Sinnproduktion  die
       Produktion eines  Systems von Differenzen ist, muß der Sinn jeder
       diskursiven Intervention als Differenz in bezug auf die Bedingun-
       gen seiner  Produktion und  Rezeption verstanden  werden" (S. 176
       f.).
       
       Es geht  ihm darum,  festzuhalten,  daß  gesellschaftliches  Sein
       nicht Produkt der immanenten Notwendigkeit des Seienden ist:
       
       "Wenn der  Diskurs das Feld der differentiellen Artikulation ist,
       dessen, was  nicht als notwendige Form von einem Kontext verlangt
       ist, kann  die Charakterisierung einer Praxis als nicht-diskursiv
       nur bedeuten,  daß sie einer notwendigen Kausalität gehorcht, die
       den Sinnbeziehungen äußerlich ist...  D e r  D i s k u r s  i s t
       d a h e r   w e d e r   e i n   Ü b e r b a u,   n o c h    e i n
       s p e z i f i s c h e s  s o z i a l e s  F e l d,  s o n d e r n
       d i e  F o r m  d e r  K o n s t i t u t i o n  d e s  S o z i a-
       l e n"  (AS 78/S. 14f.).
       Laclau grenzt  sich scharf  vom Verdacht  ab, mit  dem Primat des
       Diskursiven das  Primat des  Geistes vor der Materie behaupten zu
       wollen:
       
       "Das Subjekt des Diskurses ist nämlich kein transzendentales Sub-
       jekt, sondern (wird) als Differenz im Inneren des jeweiligen Dis-
       kurses konstituiert.  In diesem  Sinne ist die Bestimmung des Ge-
       sellschaftlichen als Diskurs unvereinbar mit jeglicher idealisti-
       scher Anschauung und stellt sich dar als eine Theorie der Produk-
       tion von  Subjekten innerhalb  der gesellschaftlichen Sinnproduk-
       tion" (S. 176).
       An anderer  Stelle heißt es: "Das Problem ist gewiß nicht nur ei-
       nes der  Terminologie, wenn die enge Konzeption des Diskurses be-
       gleitet ist  von einer Vision des Sozialen als von etwas, das mit
       einer Materialität jenseits der Sinnbeziehungen versehen ist, die
       zugleich das  Prinzip der Konstitution der Objekte als auch ihrer
       Beziehungen darstellt... Es ist notwendig, mit dem idealistischen
       Diskursbegriff zu  brechen, der in diesem einen Ausdruck des Den-
       kens sieht, und den materiellen Charakter des Diskursiven festzu-
       stellen. In  diesem Sinne  gehören gerade  die materiellen Eigen-
       schaften der Objekte zum Diskurs" (AS 78/S. 16).
       Ein Idealismus  wird aber  nicht dann  weniger idealistisch, wenn
       ich behaupte,  daß sich  das Subjekt des Diskurses (des Ensembles
       der gesellschaftlichen  Sinnproduktion!) aus  sich selbst  heraus
       reproduziert, und  zwar jeweils im Unterschied zum transzendenta-
       len Subjekt. Am "Anfang" oder "Ende" jedenfalls bleibt der "Sinn"
       (auch das Ideologische ist nicht Überbau, S. 176), die Idee, auch
       wenn "die  Gesellschaftlichkeit" Träger,  Feld und Subjekt dieses
       Sinns bleibt, möglicherweise mit dem Sinn ineins fällt.
       Gerade die Gesellschaftlichkeit ist schon eine Produktion des Un-
       terschiedes oder  Negation, aber immer nur in bezug auf die Mate-
       rie, d. h. damit auf die sich selbst unterscheidende Materie. Der
       Mensch als  ihr Teil  produziert seinen Unterschied zu ihr, indem
       er produziert  und sich  selbst als  bewußte Materie  setzt, aber
       doch Materie  bleibt, d.  h. sein Bewußtsein von ihr produzierend
       in materielle  Realität umsetzt.  Aber es ist wieder die logische
       Auflösung der  Einheit von  Basis und  Überbau,  die  Laclau  als
       Schranke entgegentritt.  Menschliches Bewußtsein  ist selbst Teil
       der unbewußten  Materie, insofern  es sich  davon  unterscheidet.
       D.h., die  selbstproduzierte Unterscheidung  von der  Materie ist
       relativ, im Inneren bleibend. Indem der Mensch seinen eigenen Un-
       terschied selbst  produziert, hat  er sich  als Mensch geschaffen
       und also  Gesellschaftlichkeit. Diese  ist also  keine  selbstge-
       setzte Größe, kein sich selbst begründender Diskurs, sondern eine
       Selbstunterscheidung der  Materie in ihrem Inneren, d.h. von sich
       selbst. Laclau  aber versucht nur die idealistische Selbstsetzung
       des Diskursiven  mit der  Anrufung einer jenseitigen Materialität
       einerseits bzw.  der Beschwörung  des materiellen  Charakters der
       Objekte des Diskurses andererseits zu kaschieren.
       Die Konstitution des Subjekts als Differenz im Inneren des jewei-
       ligen Diskurses ist für Laclau die theoretische Voraussetzung für
       seinen Begriff des Antagonismus:
       
       "Wenn jede Sinnproduktion die Produktion von Differenzen ist, was
       zeichnet dann  die Produktion  von  antagonistischen  Differenzen
       aus? Anders gefragt: Was für ein besonderes System von Positionen
       müssen die  Inhalte eines  Diskurses bilden, damit die Sinndiffe-
       renz entsteht, die wir mit dem Begriff Antagonismus bezeichnen?
       Wir beginnen  mit der  Untersuchung der  klassischen  Formen,  in
       denen die Antagonismen gedacht wurden, d. h. einerseits der reale
       Gegensatz (die  Realrepugnanz bei Kant) und andererseits der dia-
       lektische Widerspruch.  Der erste Typ von Antagonismus drückt den
       Gegensatz zwischen unvereinbaren Gegensätzen aus und hat die Form
       'A-B'. Der  zweite drückt  den Widerspruch im strengen Sinne aus,
       die dialektische  Entgegensetzung, und  hat die  Form 'A-nichtA'.
       Mit Kant:  Ein Gegensatz  kann entweder  logisch sein, d.h. einen
       Widerspruch einschließen,  oder real,  d. h. ohne Einschluß eines
       Widerspruchs. ... Wenn Hegel die Struktur der Wirklichkeit in Be-
       griffen des  dialektischen Widerspruchs  analysieren konnte, dann
       nur, weil  er - wie alle idealistischen Denker - die Wirklichkeit
       auf den  Begriff reduzierte.  Aber die unüberwindliche Schwierig-
       keit für  jeden Materialismus,  der sich dialektisch nennt, rührt
       daher, daß  man, um von einer Dialektik der Dinge selbst sprechen
       zu können,  die Negation  zur letzten  Realität der  Dinge machen
       muß, was  mit dem  Begriff  eines  wirklichen  Gegenstandes,  der
       'außerhalb des  Geistes existiert',  unvereinbar ist.  Eben daher
       sind Della  Volpe und seine Schule in der Debatte über die objek-
       tive Realität  von Widersprüchen,  die vor zwanzig Jahren in Ita-
       lien geführt  wurde, zu  dem Schluß gekommen, daß man den Begriff
       des Widerspruchs aus der Analyse von sozialen Antagonismen elimi-
       nieren muß, und daß man die letzteren strikt als reale Gegensätze
       aufzufassen habe.  Diese Schlußfolgerung  ist allerdings  nur auf
       der Grundlage  einer empiristischen  Epistemologie zu rechtferti-
       gen, die  das Realobjekt  als das  Gegebene nimmt. In diesem Fall
       ist klar,  daß der  Begriff des  Widerspruchs logisch unvereinbar
       ist mit  der dem  Realobjekt innewohnenden  Positivität" (S.  177
       f.).
       Noch einmal zusammengefaßt seine Aussagen:
       - Der Hegelsche  Idealismus analysierte Wirklichkeit in Begriffen
       des dialektischen  Widerspruchs, weil er die Wirklichkeit auf den
       Begriff reduzierte.
       - "Die unüberwindliche  Schwierigkeit" für  jeden  Materialismus,
       der sich  dialektisch nennt, besteht in der Unmöglichkeit der Ne-
       gation der  letzten Realität  der "Dinge"  ("Nicht-Materie"), die
       doch mit  dem Begriff  eines wirklichen Gegenstandes, der "außer-
       halb des Geistes" existiert, unvereinbar ist.
       - Es ist wahr, daß ein Realobjekt keine Eigenschaft der Negativi-
       tät haben kann.
       Die Negation  der letzten "Realität der Dinge" ist für Laclau un-
       möglich, weil  er  zwar  von  dialektischer  Entgegensetzung  "A-
       nichtA" redet,  sie aber in Wahrheit wie "A-B" begreift, d.h. lo-
       gisch begreift  nach der Regel "A schließt Nicht-A aus". In Wirk-
       lichkeit, d.  h. in der wirklichen dialektischen Realität der Ma-
       terie, schließt  "A" das  "Nicht-A", d.h. den eigenen Unterschied
       oder inneren Widerspruch gerade  e i n.
       Wie löst Laclau nun das Problem der angeblich "nur-positiven" Ei-
       genschaft des Realobjektes?
       
       "Aber was ist, wenn wir davon ausgehen, daß sich jedes Objekt als
       Objekt eines  Diskurses konstituiert, d.h. als  D i f f e r e n z
       in einem  S i n n kontext?  Wenn es wahr ist, daß die Negativität
       logisch nicht  Eigenschaft eines  Realobjekts sein kann, kann man
       sie dann  nicht durch ein Ensemble von diskursiven Positionen und
       Praxen bestimmen?" (S. 178)
       
       Damit kommen  wir zu  den Triebkräften  der wirklichen  Bewegung.
       Wenn das  "Realobjekt" nur-positiv  ist, fehlt ihm natürlich eine
       solche innere  Triebkraft, wird die Triebkraft von einem jenseits
       der Objekte ausgemachten diskursiven Akt bezogen.
       
       Herrschaft als Verschiebung des Widerspruchs
       --------------------------------------------
       auf den realen Gegensatz
       ------------------------
       
       Da das  Realobjekt nicht  negativ sein  kann, muß  seine Negation
       durch ein  Ensemble von  diskursiven Praxen  bestimmt werden, die
       nicht innerer, sondern jenseitiger (vom "Realobjekt" her bestimm-
       ter) Natur  sind. Wichtig  für die  Strategie der Desorganisation
       der Herrschaft  als dem  Realen ist:  Die   N e g a t i v i t ä t
       a l s   s o l c h e   wird zur bestimmenden Differenz, d. h. über
       eine Kette  von äquivalenten Nicht-Positiva wird der negative Ge-
       genpol innerhalb  des Diskurses  konstruiert, d.h.  von außerhalb
       des "Realobjekts"  als Gegenpol, als Antagonismus herausgebildet.
       Die nur-positive Eigenschaft der realen Herrschaft ist so bestim-
       mend für Laclaus Theorie der Herrschaft:
       
       "1. Eine  Theorie der  Herrschaft und der Macht darf nicht allein
       auf eine  Analyse ihrer Effekte gegründet werden, sondern sie muß
       auch eine  Theorie der  diskursiven Konstruktion der Antagonismen
       selbst sein.  2. Wenn  dies richtig ist, wird eine solche Theorie
       die verzwickten  Vorgänge zu untersuchen haben, durch die die po-
       sitiven Unterscheidungsmerkmale des Diskurses die Negativität be-
       zeichnen können....  3. Wenn die Subjekte innerhalb des Diskurses
       konstruiert werden,  kann der untergeordnete Charakter bestimmter
       Positionen durch  eine Reihe  von Äquivalenzen  gesetzt sein, die
       verhindern, daß  die Unterschiede als Differenzen derselben Ebene
       artikuliert werden können" (S. 179 f.).
       
       Die Theorie  der Herrschaft  muß also die Theorie der diskursiven
       Konstruktion der Antagonismen sein, d. h. der Vorgänge, durch die
       die positiven Unterscheidungsmerkmale des Diskurses die Negativi-
       tät bezeichnen  können. Die  Negation (der  antagonistische  Pol)
       wird durch  eine Reihe  von Äquivalenzen dargestellt, die die Un-
       terschiede nicht  als Unterschiede  der gleichen Ebene erscheinen
       lassen, d. h. ihre Negativität zum positiven Pol kristallisieren.
       Mit anderen Worten: Der antagonistische Pol ist kein widersprüch-
       liches Element  innerhalb des Realen, der realen Herrschaft, son-
       dern der Kristallisationspunkt aller von außen an sie herangetra-
       genen Widersprechungen.  Daraus  ergeben  sich  für  Laclau  zwei
       Schlußfolgerungen:
       
       "1. Das  im strengen  Sinne widersprüchliche  Element findet sich
       nicht in  der vermeintlich kausalen Kette, die zur Entstehung des
       Antagonismus führte,  sondern in der bloßen Tatsache der Negation
       eines bestimmten Systems von Positionen, die den sozialen Agenten
       als Subjekt konstituiert haben. In diesem Sinne ist das Begreifen
       des Antagonismus als solchem unabhängig vom Begreifen seiner Ent-
       stehung; 2.  die diskursive  Konstruktion des  Antagonismus setzt
       die Konstruktion  von Äquivalenzenketten  voraus, durch  die  die
       herrschende Macht  desartikuliert wird in ihre verschiedenen Ele-
       mente, die - als Objekte des Diskurses - jetzt das Moment der Ne-
       gation repräsentieren" (S. 180).
       
       Jeder Antagonismus  setzt auf der Ebene des Diskurses eine Wider-
       spruchsbeziehung voraus,  d. h. eine Beziehung, in der die Reali-
       tät des einen Pols nichts ist als die bloße Tatsache der Negation
       des anderen  und nicht  in der Kette von kausalen Positionen, die
       zum Antagonismus  selbst führen,  zu finden ist. Der Antagonismus
       ist deshalb  "nicht-transparent" gegenüber  seinen Entstehungsbe-
       dingungen, da  diese nur als objektive Bedingungen, d.h. als nur-
       positive existent  sind. Das  aber ist nur eine andere Ausdrucks-
       weise für die Verlagerung des Widerspruchs nach außen.
       Die Ideen, "Sinne", "Begriffe" sind also autonom, d. h., nur ihre
       verschieden konfigurierte  Artikulation  oder  Verknüpfung  wirkt
       konstitutiv auf  das Objekt, d. h. etwa die Herrschaft oder ihren
       Antagonismus. Welches sind nun die Bedingungen der Koexistenz von
       Herrschaft mit  dem Antagonismus? Denn es gilt doch: "Je mehr Be-
       stimmungen der antagonistischen Kraft in die Äquivalenzkette ein-
       gegliedert werden, desto mehr wird der Diskurs ein reiner Diskurs
       des Antagonismus sein" (S. 181f.). Und was passiert auf dem ande-
       ren Pol?  Er organisiert  sich als  ein "Ensemble  von  positiven
       Äquivalenzen" (S.  182), d.h., er sucht seinerseits nach dem all-
       gemeinen "demokratischen" Äquivalent, das "metasprachlich die Ge-
       meinschaft als  Totalität gegenüber  der Macht,  die sie negiert"
       (S. 182),  abschottet. Aber diese "Zeichen" erhalten nun, als De-
       fensive gegenüber  dem antagonistischen  Diskurs,  eine  doppelte
       Funktion: "Sie  bleiben als zeichenhafte 'Gebrauchswerte' auf der
       Ebene einer Objektsprache" (S. 182).
       
       "Wir haben  es hier  mit einer  diskursiven Strategie zu tun, die
       darin besteht,  die Antagonismen zu reabsorbieren durch Verschie-
       bungen, die  das System von Äquivalenzen wieder in ein System von
       Differenzen verwandeln  ..." Das  bedeutet, "die Objekte des Dis-
       kurses zu  neutralisieren, d.  h. den  Widerspruch in eine Gegen-
       sätzlichkeit zu transformieren" (S. 182).
       
       Solche Äquivalenzen, die nicht aus der antagonistischen Reihe zu-
       rück in  die positive Äquivalenzkette zu reintegrieren sind, müs-
       sen dadurch  neutralisiert werden,  daß sie  als reale Gegensätze
       konstruiert werden.  So sind  sie zwar  nicht mehr äquivalent zur
       Herrschaft, aber auch nicht zum Gegenpol, sondern neutral. Daraus
       ergibt sich, daß ihr Nicht-Vorhandensein in der positiven Äquiva-
       lenzkette scheinbar  unter dem  Zwang der realen Verhältnisse als
       Notwendigkeit begründet wird; die Herrschaft erscheint als objek-
       tiv notwendig,  da auch  die Sinnzeichen als Bestandteil der nur-
       positiven Realität gedeutet werden.
       Die Reintegration  antagonistisch artikulierter Äquivalenzen bzw.
       deren Verschiebung  zum realen Gegensatz bildet die demokratische
       diskursive Praxis heraus. Es handelt sich um eine diskursive Pra-
       xis, die  zwar die  realen Gegensätze  zum Bestehenden (positiver
       Pol) zu  benennen vermag, aber nicht in der Lage ist, sie antago-
       nistisch zu  artikulieren. In  Westeuropa war und ist dieser Dis-
       kurstyp dominant,  d.h., es  liegt eine besonders große Fähigkeit
       der Absicherung  von Herrschaft vor. Die demokratische diskursive
       Praxis reicht  somit nicht  hin, den  antagonistischen Bruch  der
       Herrschaft zu  erreichen. Dafür bedarf es vielmehr des populisti-
       schen Diskurses.
       Im Unterschied  zum "genetischen Diskurs", der die Gegensätze zum
       positiven Pol aus den objektiven Bedingungen heraus als notwendig
       ableitet und  damit -  immer Laclaus eigenen Begriff von der Nur-
       Positivität dieser  Bedingungen angenommen - nichts als reale Ge-
       gensätze oder  bloße Differenzen zutage befördert, die als solche
       eben nicht  äquivalent sein  können, setzt  der populäre  Diskurs
       wirkliche (im  Sinne Laclaus),  weil von außerhalb der Notwendig-
       keit der  Bedingungen kommende Bestimmungen antagonistisch entge-
       gen, welche  "sich im  Diskurs des  Antagonismus als  System  von
       Äquivalenzen umgruppieren" (S. 181).
       
       "Für die  Existenz einer  populären Position  muß ein Diskurs die
       Gesellschaft in Herrschende und Beherrschte teilen, d. h. das Sy-
       stem von  Äquivalenzen  artikuliert  die  Gesellschaft  insgesamt
       durch einen  grundlegenden Antagonismus. Wenn dieses antagonisti-
       sche Ensemble  die populären Positionen nicht als einen Pol eines
       irreduziblen Dualismus präsentiert, sondern als dynamische Spitze
       des Widerstandes,  dann können wir vom populistischen Bruch spre-
       chen" (S. 182).
       
       Der populistische Diskurs "produziert, auf einen Antagonismus ge-
       gründet, diskursiv  seine zwei  Pole auf der Basis kontradiktori-
       scher Systeme  von Äquivalenzen.  Das ist  der radikale  populäre
       Diskurs, der  Diskurs des  Bruchs mit der herrschenden Macht" (S.
       184).
       
       Zur Laclauschen Konzeption des Antagonismus "Volk - Machtblock"
       ---------------------------------------------------------------
       
       Was ist  "Nation", "Demokratie", "Volk", "Herrschaft", wenn diese
       Begriffe gebildet  werden "außerhalb  eines objektiv  notwendigen
       Zusammenhangs"?
       
       "Wir haben",  so Laclau,  "ein entscheidendes Problem aus unserer
       bisherigen  Diskussion  ausgeklammert:  das  Verhältnis  zwischen
       Ideologien und  Klassenkampf. Dies  ist jedoch  ein grundlegendes
       Problem, wenn  wir unsere  zweite Frage  beantworten wollen:  wie
       werden Ideologien transformiert? Vor diesem Hintergrund ist fest-
       zustellen, daß  es in  der marxistischen  Tradition eine grundle-
       gende Doppeldeutigkeit  beim Gebrauch  des Begriffes     K l a s-
       s e n k a m p f   gegeben hat.  In der  einen Bedeutung  wird der
       Klassenkampf auf  der Ebene der Produktionsweise angesiedelt: das
       Produktionsverhältnis, das  seine beiden  Pole als  Klassen  kon-
       stituiert, ist ein antagonistisches Verhältnis. Der Mehrwert kon-
       stituiert zum  Beispiel  z u g l e i c h  das Verhältnis zwischen
       Kapitalisten und  Arbeitern und  den Antagonismus  zwischen ihnen
       oder, besser gesagt, er konstituiert jenes Verhältnis als antago-
       nistisches. Daraus  ergeben sich  zwei Schlußfolgerungen:  (1) es
       gibt Klassen nur in einer Beziehung des Kampfes; (2) die Untersu-
       chungsebene, die  diesen Antagonismus  begreifbar macht,  ist die
       der Produktionsweise.  Aber der  Begriff des Klassenkampfes wurde
       mitunter auch auf eine andere Art von Antagonismus angewandt: der
       Kampf zwischen  Klassen kann nur begriffen werden, wenn die über-
       greifenden politischen  und ideologischen  Herrschaftsbeziehungen
       rekonstruiert werden,  die eine  bestimmte Gesellschaftsform cha-
       rakterisieren" (S. 91 f.).
       
       Dem "reduktionistischen  Ansatz" der traditionellen marxistischen
       Konzeption, der allen ideologischen Äußerungen, Symbolen und Wer-
       ten eine "eindeutige Klassenkonnotation" zuschreibe, setzt Laclau
       die Thesen  entgegen: "1.  Klassenkampf ist  nur das, was Klassen
       als solche konstituiert. 2. Daher ist nicht jeder Widerspruch ein
       Klassenwiderspruch, doch jeder Widerspruch ist durch den Klassen-
       kampf überdeterminiert" (S. 93).
       Erst die  Reduktion der  Klasse auf  die  Produktionsverhältnisse
       macht  Laclaus   Trennung  von  "spezifischem  Antagonismus"  und
       "umfassendem gesellschaftlichem  Antagonismus" möglich. Die Klas-
       sen treten als Subjekte, wenn sie als solche nicht angerufen wer-
       den, innerhalb  des zweiten,  umfassenden, Antagonismus überhaupt
       nicht in Erscheinung:
       
       "Wenn also dieser Antagonismus kein Klassenantagonismus ist, kön-
       nen die  Ideologien, die  ihn ausdrücken, keine Klassenideologien
       sein. In  diesem Antagonismus  würden die Beherrschten sich nicht
       als Klasse verstehen, sondern als 'die anderen', als 'Gegenmacht'
       zum  herrschenden  Machtblock,  als    'U n t e r d r ü c k t e'.
       Während der  erste Widerspruch  - auf  der Ebene der Produktions-
       weise -  sich ideologisch  in der  Anrufung  der  Handelnden  als
       Klasse ausdrückt,  wird dieser  zweite Widerspruch ausgedrückt in
       der Anrufung der Handelnden als Volk" (S. 93 f.).
       
       Die Konzeption, nach der "die grundlegende Funktion jeder Ideolo-
       gie darin  besteht, die Individuen als Subjekte anzurufen/zu kon-
       stituieren", übernimmt Laclau von Althusser:
       
       "Althusser schreibt:  'Ideologie 'handelt'  oder 'unktioniert' in
       einer solchen  Weise, daß  sie aus  der Masse der Individuen Sub-
       jekte 'rekrutiert'  (sie rekrutiert sie alle), oder diese Indivi-
       duen in Subjekte transformiert' (sie transformiert sie alle) nach
       dem Muster  des genau bestimmbaren Vorgangs, den ich Anrufung ge-
       nannt habe,  und den  man sich  nach dem Muster der einfachen und
       alltäglichen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen kann 'He,
       Sie da!'.'  Wenn also  die grundlegende  Funktion jeder Ideologie
       darin besteht, Individuen als Subjekte zu konstituieren, und wenn
       aufgrund der  Anrufung Individuen  ihre Lebensbedingungen  leben,
       als wären  sie selbst deren autonomes Prinzip - als wenn sie, die
       Determinierten, das  Determinierende wären  -, dann ist klar, daß
       die Einheit der verschiedenen Aspekte eines ideologischen Systems
       durch die  spezifische Anrufung  gebildet wird, die die Achse und
       das organisierende Prinzip jeder Ideologie darstellt. Wer ist das
       angerufene Subjekt?  Dies ist  die Schlüsselfrage für unsere Ana-
       lyse der  Ideologien...:  d a s  v e r e i n h e i t l i c h e n-
       d e   P r i n z i p  e i n e s  i d e o l o g i s c h e n  D i s-
       k u r s e s   w i r d   k o n s t i t u i e r t  d u r c h  d a s
       'S u b j e k t',   d a s   d u r c h   d i e s e n  D i s k u r s
       a n g e r u f e n   u n d  s o  k o n s t i t u i e r t  w i r d.
       Die isolierten Elemente eines Diskurses haben, für sich genommen,
       keine Bedeutung" (S. 89).
       
       Die eigentlichen  Subjekte sind also die Ideen, Ideologien, Sinne
       und Werte,  bzw. das  Prinzip ihrer spezifischen Verknüpfung. Das
       bedeutet in Hinsicht auf Individuen wie auf Klassen, "daß ideolo-
       gische 'Elemente', isoliert betrachtet, keine notwendige Klassen-
       Konnotation haben,  und daß  diese Konnotation  erst das Resultat
       der Artikulation dieser Elemente in einen konkreten ideologischen
       Diskurs ist" (S. 87).
       So heißt  es analog  zum "Nationalismus":  "Auf der ideologischen
       Ebene existiert  Demokratie nur  in Form von Elementen eines Dis-
       kurses" (S. 149). Demokratie besitzt keine "automatische" Zugehö-
       rigkeit, "die  demokratische Ideologie existiert nur als in einen
       Klassendiskurs artikuliertes abstraktes Moment" (S. 149).
       Nun ist  nicht zu  bestreiten, daß  "Demokratie" als Begriff eine
       klassenunspezifische  Abstraktion   ist  (anders   als  etwa  der
       "Nationalismus", wenn er nicht von seinen wirklichen historischen
       Voraussetzungen abstrahiert  wird). Nach  Laclau kann "die" Demo-
       kratie mit  einem Klassendiskurs  oder einem allgemeiner gefaßten
       antagonistischen Diskurs  verbunden artikuliert werden. Mit ande-
       ren  Worten   handelt  es   sich  bei  "der"  Demokratie  um  ein
       "ideologisches Element",  das "als solches" im Raum steht und zu-
       sammen mit  anderen Elementen  je verschieden  konfiguriert wird.
       Mehr noch, "die" Demokratie oder eine bestimmte Konfiguration von
       Elementen rufen  autonom soziale Träger an, ihre Agenten. Aus der
       Eigenschaft, klassenunspezifische  Abstraktion zu  sein,  folgert
       Laclau mit  der gewohnten  formallogischen Ableitung  die  Eigen-
       schaft der  Ewigkeit, Unendlichkeit  oder Autonomie der ideologi-
       schen Elemente.
       Wie  aber   bewegt  sich   die  klassenunspezifische  Abstraktion
       "Demokratie" in der wirklichen Geschichte? Erstmal: indem sie be-
       wegt   w i r d,  aber nicht vom autonomen Prinzip außerhalb, son-
       dern von der inneren Subjektivität des Objektiven, d.h. von Klas-
       sen, da ihre Abstraktion nicht über Staat und Herrschaft von Men-
       schen über Menschen hinausgehen kann. Der griechische Sklavenhal-
       ter verstand unter Demokratie einen anderen konkreten Begriffsin-
       halt als  ein Bourgeois des 19. Jahrhunderts oder ein Vertrauens-
       mann im  VEB Leuna.  Selbst der abstrakte Inhalt des Begriffs ist
       umstritten zwischen  Klassen. So  ist es  gerade die Bourgeoisie,
       die den  Geltungsbereich dieser  Abstraktion in die Unendlichkeit
       ausdehnen möchte,  weil sie ihre Herrschaft ins Unendliche dehnen
       möchte. Deshalb  versucht sie,  den Begriff seines Klasseninhalts
       zu berauben, zumindest in der Hinsicht, daß Demokratie immer not-
       wendig mit  Klassenunterdrückung verbunden  bleibt, da  sie immer
       Form staatlicher  Herrschaft ist.  Die Enthüllung der Endlichkeit
       von Demokratie  ist zugleich  die Enthüllung  der Endlichkeit von
       Klassenunterdrückung; damit wird auch die Endlichkeit der bürger-
       lichen Klasse  (wie aller  Klassen) enthüllt.  Um dies zu verhin-
       dern, muß  von "der" Demokratie geredet werden, als eines autono-
       men, unendlichen  Begriffes. Und selbstverständlich muß "die" De-
       mokratie die bürgerliche sein, da (heute wesentlich) nur die bür-
       gerliche Klasse die Unendlichkeit ihrer Herrschaft wünscht.
       Weder die  konkrete noch die abstrakte Demokratie haben außerhalb
       ihres jeweiligen  Abstraktionsgrades einen eigenständigen Inhalt.
       Ihre konkreten  wie abstrakteren  Inhalte werden  verändert durch
       die Auseinandersetzung der Klassen in der Geschichte. Nicht "die"
       Demokratie ruft  Individuen und  Klassen an,  produziert sie  als
       ihre Agenten,  die Klassen  rufen die  Demokratie an,  aber nicht
       d i e   Demokratie, sondern   i h r e  Demokratie, und machen sie
       zum "Agenten"  (d.h.   r e l a t i v  selbständigen ideologischen
       Element) ihrer  Macht. Die  Demokratie wird  durch die Geschichte
       hindurchbewegt durch die Bewegung der Klassen.
       Kommen wir nach der Laclauschen Unterscheidung zweier Sphären des
       Widerspruchs, der  des Klassenkampfes  und der des "populär-demo-
       kratischen Kampfes", nun zu dem, laut Laclau, umfassenden Antago-
       nismus in der Geschichte, dem Antagonismus "Volk - Machtblock":
       
       "Das 'Volk' oder die 'popularen Schichten' sind nicht, wie einige
       Konzeptionen unterstellen,  rhetorische Abstraktionen oder in den
       marxistischen politischen  Diskurs  geschmuggelte  liberale  oder
       idealistische Begriffe.  Das ,Volk' ist eine objektive Determina-
       tion des  Systems und von der Klassendetermination zu unterschei-
       den: das  Volks ist einer der Pole des in jeder Gesellschaftsfor-
       mation dominierenden  Widerspruchs, d. h. eines Widerspruchs, der
       nur unter  Berücksichtigung  der  politischen  und  ideologischen
       Herrschaftsverhältnisse (und  nicht bloß  der Produktionsverhält-
       nisse) zu begreifen ist. Während der Klassenwiderspruch der domi-
       nierende Widerspruch  auf der  abstrakten Ebene  der Produktions-
       weise ist, dominiert auf der Ebene der Gesellschaftsformation der
       Widerspruch zwischen dem Volk und dem Machtblock" (S. 94).
       
       Der Kampf  Volk -  Machtblock ist  primär durch den ideologischen
       Kampf determiniert,  die Krise des Machtblocks ist eine ideologi-
       sche:
       
       "In Perioden der Stabilität, wenn die Gesellschaftsformation ihre
       Verhältnisse in  traditionellen Kanälen  zu reproduzieren  sucht,
       und es  ihr gelingt,  ihre Widersprüche  durch   V e r s c h i e-
       b u n g e n   zu neutralisieren,  ist der  herrschende Block  der
       Formation in  der Lage,  die meisten Widersprüche zu absorbieren,
       und sein ideologischer Diskurs sucht sich auf die rein impliziten
       Mechanismen zur Herstellung seiner Einheit zu beschränken. ... In
       einer Periode allgemeiner ideologischer Krise, wie sie Poulantzas
       beim Ursprung  des Faschismus  feststellt,  geschieht  meist  das
       Gegenteil. Die  Vertrauenskrise gegenüber  der 'natürlichen' oder
       'automatischen' Reproduktion  des Systems  übersetzt sich in eine
       Verschärfung aller  ideologischen Widersprüche und eine Auflösung
       der Einheit  des herrschenden  ideologischen  Diskurses.  Da  die
       Funktion jeder  Ideologie darin  besteht, Individuen als Subjekte
       zu  konstituieren,   verwandelt  sich  diese  ideologische  Krise
       notwendig in  eine 'Identitätskrise'  der sozial Handelnden. Jede
       der kämpfenden  Parteien wird  versuchen, eine  neue ideologische
       Einheit zu  konstituieren, indem  sie ein 'narratives System' als
       Vehikel benutzt,  um die  ideologischen Diskurse der gegnerischen
       Kräfte zu desartikulieren" (S. 90).
       
       Hauptadressat der  populären Anrufungen wird in dieser Krise die-
       jenige Klasse/Schicht,  die am wenigsten durch "objektiv bestimmt
       scheinende" Interessen geleitet wird - das Kleinbürgertum:
       
       "(1) Je weiter eine gesellschaftliche Schicht von den dominieren-
       den  Produktionsverhältnissen  entfernt  ist,  je  diffuser  ihre
       'objektiven Interessen'  und  je  weniger  entwickelt  daher  ihr
       'Klasseninstinkt' ist  - um  so eher wird die Entwicklung und die
       Lösung der  Krise sich  auf der ideologischen Ebene zutragen; (2)
       je zentraler die Rolle dieser betreffenden Schicht in der betref-
       fenden Gesellschaftsformation ist, desto zentraler wird die Rolle
       der ideologischen  Ebene bei  der schließlichen  Lösung der Krise
       für die gesamte Gesellschaftsformation sein" (S. 91).
       
       Das bedeutet,  daß in diesen Schichten die "Volks-Identität" eine
       sehr viel  wichtigere Rolle  spielt als  die "Klassen-Identität".
       Die "Volks-Identität" repräsentiert deshalb den grundsätzlicheren
       Antagonismus zur  Herrschaft, weil "Volk" als Bezugskategorie al-
       ler in der Geschichte unterdrückten Klassen gegen alle unterdrüc-
       kenden Klassen  präsent ist.  So ist auch die in ihrem abstrakten
       Begriff klassenunspezifische "Volkstradition" eines der konstitu-
       tiven Elemente dieser Identität:
       
       "Diese Perspektive  ermöglicht ein  Phänomen zu verstehen, das in
       der marxistischen  Theorie bisher  nicht adäquat  erklärt  worden
       ist:   d i e    r e l a t i v e    K o n t i n u i t ä t    v o n
       Volkstraditionen im  Gegensatz zu den historischen Diskontinuitä-
       ten, die Klassenstrukturen kennzeichnen. Der marxistische politi-
       sche Diskurs,  wie jeder  radikale populäre  Diskurs, wimmelt von
       Berufungen auf  'den jahrhundertealten (säkularen) Kampf des Vol-
       kes gegen  Unterdrückung', auf 'die Kampftraditionen des Volkes',
       auf die  Arbeiterklasse als  'die Vertreterin von unerfüllten In-
       teressen des  Volkes' usw.  ... 'Volkstraditionen'  stellen einen
       Komplex von Anrufungen dar, die den Widerspruch 'Volk'-Machtblock
       im Unterschied zu einem Klassenwiderspruch ausdrücken. Damit kön-
       nen wir  zweierlei erklären.  Erstens, soweit  'Volkstraditionen'
       die ideologische  Kristallisation  von  Widerstand  gegen  Unter-
       drückung überhaupt,  d.h.   g e g e n   d i e    F o r m    d e s
       S t a a t e s   a l s   s o l c h e,   repräsentieren, dauern sie
       länger als  Klassenideologien und  bilden einen strukturellen Be-
       zugsrahmen  von  größerer  Stabilität.  Zweitens  aber  begründen
       Volkstraditionen keine  konsistenten und  organisierten Diskurse,
       sondern lediglich   E l e m e n t e,   die nur in Klassendiskurse
       artikuliert existieren können" (S. 145 f.).
       
       Da nach  dem Weltbild  derjenigen,  denen  Laclau  "Klassenreduk-
       tionismus" vorwirft, die Widersprüche im Inneren der historischen
       Bedingungen  entstehen,  und  die  Geschichte  der  Menschen  die
       Geschichte der  Tätigkeit ist,  d.h.  der  tätigen  (subjektiven)
       Selbstunterscheidung von  der Natur,  ist  jeglicher  Widerspruch
       eine subjektive  Selbstunterscheidung von den jeweils bestehenden
       Bedingungen der menschlichen Tätigkeit. Solange sich die Menschen
       -  zu   ihrer  Produktion   als  Menschen  -  selbst  in  Klassen
       unterscheiden, unterscheiden  sie  die  alten  Bedingungen  ihrer
       Tätigkeit von  den neuen  nie anders  denn als  Klassen, d.h. sie
       tragen ihre  Widersprüche nicht  anders aus. Aber nur solange sie
       sich als  Klassen unterscheiden.  Sie können  sich als Klassen ja
       nur unterscheiden  dadurch, daß  ihr Unterschied in Klassen rela-
       tiv, nicht  ewig, ist,  d.h. Nicht-Klasse  Klasse bedingt.  Darin
       liegt nicht nur das "Geheimnis", weshalb jede unterdrückte Klasse
       nicht nur  die Tatsache  ihrer Unterdrückung  empfindet,  sondern
       auch den  Wunsch nach  Ende der Unterdrückung. Der kommunistische
       Traum ist  kein klassenspezifischer  Traum, sondern  n o t w e n-
       d i g  Bestandteil des Denkens jeder Klasse, seit es Klassen gibt
       (als Traum oder Alptraum ist die Aufhebung der Klassen Begründung
       von Denken  und Handeln jeder Klasse, da Nicht-Klasse ihre innere
       Bedingung ist).
       Klassenunspezifische Abstraktionen  wie die Volkstradition werden
       daher nie  anders in  die historische  Auseinandersetzung  einge-
       bracht,  denn   durch  Klassen   -  solange   diese   existieren.
       "Kommunismus", "Fortschritt", "Freiheit", "Demokratie" usw. bewe-
       gen sich in der Geschichte nicht autonom, sondern gerade dadurch,
       daß Klassen ihr Interesse in Widersprüchen austragen. So schließt
       sich Anti-Herrschaftsinteresse  des Kleinbürgers  nicht etwa  aus
       mit dem  Klasseninteresse des  Proletariers, sondern  ist auf be-
       stimmter Abstraktionsstufe wesensverwandt, weil das Klasseninter-
       esse des  Proletariats objektiv notwendig das Anti-Herrschaftsin-
       teresse aller  je unterdrückten  Klassen einschließt und zum Aus-
       druck bringt.
       Für Laclau  muß es logisch gerade andersherum sein. Klassenunspe-
       zifische ideologische  Begriffe, Zeichen, Elemente rufen diejeni-
       gen Agenten  am ehesten  an, die  am ehesten klassenunspezifische
       Interessen artikulieren, und das sind seiner Auffassung nach die,
       die am  wenigsten in  die  dominierenden  Produktionsverhältnisse
       verstrickt sind.
       Der Faschismus  war damit eine populäre, gegen den Machtblock ge-
       richtete Anrufung,  der es  verstand, durch  die Verknüpfung  von
       Elementen   der    "Volkstradition"   wie    "Volk",    "Heimat",
       "Gerechtigkeit", "National",  "Sozialismus" usw. Äquivalenzketten
       herauszubilden mit  anderen Äquivalenten  wie "Rasse"  etc.,  die
       sich zum  gegen den herrschenden Machtblock gerichteten antagoni-
       stischen Negativ-Pol  verbanden und  zum populistischen Bruch der
       alten Herrschaft verdichteten.
       
       "Daß ein  plebejischer Agitator  wie Hitler  - von dem Hindenburg
       mit Verachtung  als dem österreichischen Gefreiten sprach - seine
       Bewegung 'National-Sozialismus'  nannte, ist  ein beredter Beweis
       dafür, daß  diese beiden  Worte im  Bewußtsein der Massen spontan
       miteinander verschmolzen  werden konnten. Ein Wille zur Hegemonie
       auf seiten  der Arbeiterklasse  hätte eine  große Wirkung auf das
       jakobinisierte Kleinbürgertum  gehabt und  hätte  seinen  Protest
       lenken können.  Selbst wenn  Hitler aufgetaucht wäre, so hätte er
       nicht das Monopol populärer und nationalistischer Sprache gehabt,
       dessen er  sich erfreute; der linke Flügel seiner Bewegung hätte,
       enttäuscht von  seinen Kapitulationen  gegenüber den kapitalisti-
       schen Klassen, einen alternativen Sammlungspunkt vorgefunden, und
       das Monopolkapital  wäre schließlich  weniger darauf  vorbereitet
       gewesen, auf eine ideologische Alternative zu setzen, deren Anru-
       fungssystem ein  Kampffeld mit  der kommunistischen Bewegung kon-
       stituierte. Doch  nichts dieser  Art geschah, und die Aufgabe des
       populär-demokratischen Kampfes von Seiten der Arbeiterklasse öff-
       nete dem Faschismus den Weg" (S. 112).
       
       Der "Wille  zur Hegemonie"  hätte eben  darin bestanden, die o.g.
       Kette von  Äquivalenzen mit  dem klassenspezifischen  Diskurs der
       Arbeiterklasse zu  artikulieren. Für Laclau heißt das nicht etwa,
       daß die  Arbeiterklasse ihr klassenspezifisches Interesse als he-
       gemoniales hätte  entwickeln müssen, d. h. als die konkret-histo-
       rische Form  des allgemeinen  Anti-Unterdrückungsinteresses hätte
       darstellen und  kenntlich machen  müssen. Nein, das bedeutet ganz
       im Gegenteil, daß die äquivalente Verknüpfung ihres klassenspezi-
       fischen Diskurses mit all jenen "ewigen Werten" wie Nation, Volk,
       Heimat usw. hätte vollzogen werden müssen.
       
       "In diesem  Sinn war  der Faschismus das Resultat einer Krise der
       Arbeiterklasse -  einer Krise,  die nicht  in der Unfähigkeit der
       Arbeiterklasse begründet  war, eine  proletarische Revolution  in
       Deutschland oder Italien durchzuführen, sondern in ihrer Unfähig-
       keit, sich  allen beherrschten  Klassen als  hegemoniale populäre
       Alternative darzustellen  (in der ernstesten Krise, die das kapi-
       talistische Herrschaftssystem in Europa je erlebt hatte). Die po-
       pulären Anrufungen  der Mittelklassen  wurden daher  - in der ge-
       schilderten Weise - vom faschistischen politischen Diskurs absor-
       biert und  politisch neutralisiert,  der sie  in den  Dienst  der
       neuen Monopolfraktion stellte" (S. 111).
       
       Folglich verweist Laclau die Arbeiterklasse darauf,
       
       "daß ein  Widerspruch, der kein Klassenwiderspruch ist, die poli-
       tische und ideologische Praxis dieser Schichten bestimmt - in der
       Form,  daß  diese  Zwischenschichten'  fast  ausschließlich  eine
       'Volks'-Identität haben,  während die Arbeiterklasse in ihrer ei-
       genen Ideologie  ihre Klassenidentität  und  ihre  Volksidentität
       verdichten muß.  Das bedeutet, daß die Mittelklassen das natürli-
       che Terrain  des demokratischen  Kampfes bilden und gleichzeitig,
       wie wir  gesehen haben,  das Terrain   p a r  e x c e l l e n c e
       für den politischen Klassenkampf. Denn dies ist der Punkt, an dem
       die Identifikation  zwischen 'Volk'  und Klassen ins Spiel kommt,
       eine Identifikation, die keineswegs im voraus festgelegt, sondern
       das Ergebnis eines Kampfes ist: wir möchten so weit gehen, zu be-
       haupten, daß  dies der grundlegende Kampf ist, von dem die Lösung
       einer jeden politischen Krise im Kapitalismus abhängt" (S. 99).
       
       Es sei  immer daran  erinnert, daß  das "populäre Interesse" eben
       kein den  wirklichen Verhältnissen  immanenter  Widerspruch  ist,
       sondern die  bloße Tatsache der Negation. Die Arbeiterklasse soll
       nicht etwa  ihr objektives, d. h. aus den inneren Bedingungen des
       Kapitalismus entstandenes  Interesse als das gesellschaftlich be-
       stimmende (hegemoniale)  durchsetzen, sondern  ihre  spezifischen
       Klasseninteressen, die  eben nur  insofern vorhanden sind, sofern
       sie als  spezifische diskursiv hergestellt werden, äquivalent mit
       den populären  Elementen verbinden. Indem aber die Arbeiterklasse
       in Laclaus  "populärem Diskurs" aufgeht, d.h. ihre Klassenidenti-
       tät nach  der "Volksidentität"  hin aufhebt, verschiebt sie ihren
       wirklichen Widerspruch  zum Bestehenden, als dessen Teil sie sich
       in seinem Inneren unterscheidet, auf die Ebene der "bloßen Tatsa-
       che der Negation", d.h. den realen Gegensatz. Zwei Dinge sind da-
       mit erreicht:
       - Die Arbeiterklasse  ist der Möglichkeit beraubt, durch die Aus-
       tragung ihres  spezifischen Widerspruchs  zum Bestehenden  dieses
       aufzuheben und  damit Klassen  und deren  Widersprüche durch ihre
       Austragung überhaupt aufzuheben.
       - Die wirklichen  Widersprüche innerhalb  der objektiven  gesell-
       schaftlichen Realität  "sind eliminiert", d. h. wirklich sind nur
       noch reale  Gegensätze, die  "nach Belieben"  zu antagonistischen
       Äquivalenzketten verbunden werden können.
       Da aber  "der" Widerspruch zur bestehenden Herrschaft nach Laclau
       kein innerer, notwendiger (oder deshalb: wirklicher) ist, sondern
       ein von  außerhalb gesetzter, ein realer Gegensatz oder die Pola-
       risierung von  realen Gegensätzen,  enthüllt sich  der Laclausche
       Widerspruch zur  Herrschaft als  Sehnsucht nach  Lösung der logi-
       schen Gleichung,  also nach  widerspruchsfreier logischer Einheit
       der Welt. In der Tat eine (klein)bürgerliche Sehnsucht.
       
       Praktisch-politische Konsequenzen
       ---------------------------------
       
       Wie können  die Laclauschen Positionen in Hinblick auf ihre prak-
       tisch-politischen Konsequenzen bewertet werden?
       In der  Tat haben  die Veränderung der Lebensverhältnisse der Ar-
       beiterklasse und  das Auftreten  "neuer sozialer Bewegungen" auch
       neue Fragen  aufgeworfen. Nun geht aber Laclau von der "Auflösung
       der proletarischen  Klassenidentität" und  dem  Auftauchen  neuer
       äquivalenter, aber  klassenunspezifischer Widersprüche aus. Diese
       (Voraus)setzung liegt seinen Gedanken zugrunde.
       Eine wissenschaftliche,  die empirische  Untersuchung  einbegrei-
       fende Analyse  unserer gesellschaftlichen  Verhältnisse, die  die
       Gesellschaft als widersprüchliche Einheit von "Basis und Überbau"
       begreift, kommt  notwendig zu  dem Schluß  (d. h.  sie ist zu dem
       Schluß gekommen),  daß im  Gegensatz zu  den Auffassungen Laclaus
       der neuen  Existenzweise der  Arbeiterklasse (z.B.  wachsende Ar-
       beitsteilung und Spezialisierung; Rückgang der "Blaumänner" etc.)
       und auch  dem Auftreten  "neuer sozialer  Bewegungen" gerade  die
       Entfaltung des Klassenwiderspruchs zugrunde liegt. Die Entfaltung
       des im  Kapitalverhältnis liegenden  Widerspruchs  bedeutet  u.a.
       wachsende Entfremdung  der Menschen  von ihrer objektiven gesell-
       schaftlichen Tätigkeit, Arbeit, Produktion, Gesellschaftlichkeit.
       Die wachsende Entfremdung vom eigenen Menschsein oder der eigenen
       Gesellschaftlichkeit stellt  sich naturwüchsig als wachsende Ato-
       misierung nicht  nur der  Individuen, sondern  auch  der  gesell-
       schaftlichen, d.  h. produktiven,  kulturellen, politischen  u.a.
       Institutionen dar.  Und  auch  die  Gegenbewegungen  werden  sich
       zunächst einmal  naturwüchsig oder  notwendig "fremder" sein. Sie
       werden sich  zunächst als  atomisiert, als voneinander unabhängig
       verstehen, sich weniger gesellschaftlich, weniger als ein Produkt
       ein und desselben Verhältnisses begreifen.
       Der Widerspruch  zwischen wachsender  Vergesellschaftung der men-
       schlichen Tätigkeit,  der Produktion,  auf der einen und privater
       Aneignung und  damit wachsender Entfremdung von sich selbst, d.h.
       von dieser  wachsenden Vergesellschaftung,  auf der anderen Seite
       läßt zunächst einmal auch die objektiv auf einer Seite des Wider-
       spruchs polarisierten  Bewegungen als voneinander unabhängige er-
       scheinen. Die Wahrheit ist, daß die Entfremdung der Ausgebeuteten
       in wachsendem  Maße nicht  mehr auf die Arbeiterklasse beschränkt
       bleibt, sondern sich in dem Maße, in dem sich die Bedingungen ih-
       rer Ausbeutung  denen der  Arbeiterklasse annähern,  auch anderen
       Schichten und  Klassen der  Bevölkerung mitteilt. Sie teilen also
       wachsende Entfremdung: Die wachsende objektive Einheit der Ausge-
       beuteten besteht  also in  ihrer wachsenden subjektiven Atomisie-
       rung.
       Die große,  wirklich subjektive  und politische  Anstrengung, die
       daraus erwächst,  ist,  ihnen  auch  subjektiv  ihren  wirklichen
       Standpunkt am  gesellschaftlichen Pol  der Arbeiterklasse zu ver-
       deutlichen (und  dieser, daß  auch von  den "Neuen" zum Teil ihre
       eigenen Probleme zumindest aufgeworfen werden).
       Laclaus Weg, die Arbeiterklasse für die alten und neuen Fiktionen
       der sich  sozial neu  bewegenden Schichten und Gruppen zu öffnen,
       und zwar unkritisch, ist genau der falsche. Es geht in der Tat um
       die Öffnung  für deren  Probleme, die z.T. auch die der Arbeiter-
       klasse selbst  sind. Das hilft dieser und den "neuen sozialen Be-
       wegungen", denn  in dem  Maße, wie sie sich an und mit der Arbei-
       terklasse orientieren  können, werden  sie ihre subjektive Atomi-
       sierung aufgeben  können, da  sie statt  der Fiktion ihres Stand-
       ortes ihren wirklichen Standort im Kapitalverhältnis und damit in
       der Gesellschaft erkennen.
       
       _____
       *) Sämtliche Zitate,  die nur  mit Seitenzahl gekennzeichnet wur-
       den, sind entnommen aus: Ernesto Laclau, Politik und Ideologie im
       Marxismus, West-Berlin 1981. Die Zitate seines Aufsatzes Diskurs,
       Hegemonie und Politik im Argument Sonderband AS 78 sind außer mit
       der Seitenzahl noch mit AS 78 gekennzeichnet.
       

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