Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       GESUNDHEITSPOLITIK - SOZIALE SICHERUNG - MINDESTEINKOMMEN
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       Walter Baumann/Klaus Priester
       
       Alternativen und Veränderungspotentiale in der Gesundheitspolitik
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       I. Probleme
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       1. Die in  den letzten  hundert Jahren  eingetretene Verdoppelung
       der   L e b e n s e r w a r t u n g   Neugeborener, die gemeinhin
       als Indiz für eine erfolgreiche Gesundheitspolitik gewertet wird,
       ist im  wesentlichen auf die erfolgreiche Bekämpfung der Infekti-
       onserkrankungen als Todesursachen im frühen Alter zurückzuführen.
       Indessen haben  der medizinisch-technische Fortschritt und der in
       diesem  Jahrhundert   erfolgte  rasante   Ausbau  des   kurativen
       (behandelnden) medizinischen  Versorgungssystems an  dieser  Ent-
       wicklung nur einen geringen Anteil. Es waren in erster Linie all-
       gemein-präventive und prophylaktische hygienische Maßnahmen sowie
       (von der  Arbeiterbewegung erkämpfte) Verbesserungen der Lebens-,
       Arbeits-, Ernährungs-  und Wohnbedingungen,  die den Rückgang der
       Sterblichkeit bewirkt haben. Etwa parallel zur Zurückdrängung der
       Infektionskrankheiten als Todesursachen haben einige wenige chro-
       nisch-degenerative Krankheitsbilder an Bedeutung gewonnen: In der
       Bundesrepublik machen  gegenwärtig die  Kreislauferkrankungen (51
       Prozent), die bösartigen Neubildungen (Krebs; 22 Prozent), Krank-
       heiten der  Atmungsorgane (6  Prozent), der  Verdauungsorgane  (5
       Prozent), Unfälle  (4 Prozent) und Selbstmorde (2 Prozent) allein
       neun Zehntel aller  T o d e s u r s a c h e n  aus.
       Fast allen  diesen Krankheiten  und Todesursachen  ist gemeinsam,
       daß sie  eine lange,  z.T. sich über Jahrzehnte erstreckende Ent-
       wicklungszeit haben; daß sie vom kurativ ausgerichteten medizini-
       schen  Versorgungssystem   entweder  nicht  verhindert  (Unfälle,
       Selbstmorde) oder  nicht mehr  geheilt, allenfalls  noch in ihren
       Folgen abgemildert  werden können;  daß sie sich, lange bevor sie
       in ihr  akutes Stadium  treten, durch die unterschiedlichsten un-
       spezifischen Befindlichkeitsstörungen  und, im  Hinblick auf ihre
       Ursachen, häufig  nur schwer  diagnostizierbare Symptome  äußern;
       daß ihre  Ursachen keine  isolierten Einzel"erreger", sondern daß
       sie multifaktoriell  (durch Ursachenbündel)  bedingt sind,  unter
       denen Einflüsse aus den Lebens-, Umwelt,- Wohn-, Arbeits- und Er-
       nährungsbedingungen allein  oder gekoppelt mit bestimmten indivi-
       duellen  Verhaltens-  und  Bewältigungsmustern  die  dominierende
       Rolle spielen;  daß sie  schließlich fast  durchgängig gehäuft in
       den unteren  sozialen Klassen  und Schichten sowie bestimmten Be-
       rufsgruppen bzw.  spezifischen Berufs-  und Belastungsbiographien
       auftreten, was  auf die auch die Gesundheits- und Überlebenschan-
       cen prägende   L e i t f u n k t i o n  d e s  L o h n a b h ä n-
       g i g k e i t s s t a t u s   u n d    d e r    k o n k r e t e n
       A r b e i t s-  u n d  R e p r o d u k t i o n s b e d i n g u n-
       g e n  hinweist.
       2. Bereits diese  wenigen epidemiologischen  Befunde legen  nahe,
       daß unter  den Verhältnissen der Bundesrepublik eine Gesundheits-
       politik den  größten  volksgesundheitlichen  (und  wahrscheinlich
       auch ökonomischen)  Nutzen hätte,  die auf eine  l e b e n s l a-
       g e n s p e z i f i s c h e   S t r a t e g i e   d e r  R i s i-
       k o b e g r e n z u n g   u n d    -a u s s c h a l t u n g    im
       Sinne gezielter  - vorwiegend  präventiver -  B e k ä m p f u n g
       d e r   w i c h t i g s t e n   T o d e s u r s a c h e n   u n d
       M a s s e n e r k r a n k u n g e n  orientiert wäre. Eine derart
       konzipierte Gesundheitspolitik greift über den Rahmen des Gesund-
       heitswesens im  engeren Sinne hinaus, zumal die meisten präventi-
       ven Eingriffe  außerhalb des  medizinischen Versorgungssystems zu
       erfolgen hätten  (Umwelt-, Verkehrs-,  Städtebau- und  Wohnungs-,
       Arbeitspolitik). Traditionell  leidet die  Gesundheitspolitik  in
       der Bundesrepublik  aber  unter  dem  Mangel,  weitestgehend  als
       K r a n k e n v e r s o r g u n g s p o l i t i k  (statt Gesund-
       heitssicherungspolitik)   m i t   k u r a t i v e r    V e r e n-
       g u n g   verstanden zu  werden. Die Ursachen hierfür liegen u.a.
       in einem  r e d u k t i o n i s t i s c h e n  S e l b s t v e r-
       s t ä n d n i s   d e r   m o d e r n e n  M e d i z i n  begrün-
       det, das  die Menschen  auf einzelne  Organe  oder  Organgruppen,
       Symptome und  Altersgruppen reduziert.  So bleiben  die  sozialen
       Krankheitsursachen außerhalb  der medizinischen Betrachtung, aber
       ihre Folgen  (Krankheiten, Befindlichkeitsstörungen) werden medi-
       kalisiert (z.B.  Arbeitslosigkeit - Alkoholismus - Psychiatrisie-
       rung; Arbeits- und Umweltstreß - Befindlichkeitsstörungen - Phar-
       makotherapie - Magengeschwür - Operation usw.).
       Der "Bedarf  an Gesundheitsleistungen"  wird zusehends  durch die
       diagnostischen und  therapeutischen Angebote  von Ärzten, pharma-
       zeutischer  und   Medizingeräteindustrie  definiert,   wobei  die
       weitreichenden Möglichkeiten  der  niedergelassenen  Ärzte,  ihre
       Einkommen durch  die Menge  der erbrachten  Leistungen zu steuern
       ("Therapiefreiheit"), die  zentralen Hebel  sind. Diese Konstruk-
       tion -  eine weitgehend  private Leistungserbringung  bei gesell-
       schaftlicher Finanzierung  dieser Leistungen durch das Solidarsy-
       stem der  gesetzlichen Krankenversicherung  - führt  quasi natur-
       wüchsig zu  völlig überhöhten  Kosten der Gesundheitsversorgung -
       bei zudem  zweifelhaftem volksgesundheitlichem  (aber  in  unter-
       schiedlichem Umfang fraglos vorhandenem individuellem) Nutzen. Je
       "tiefer" der  Patient in  das Versorgungssystem  eindringt (Haus-
       arzt, Facharzt,  Krankenhaus  usw.),  desto  geringer  wird  sein
       Einfluß auf  die Beurteilung  der  Notwendigkeit  therapeutischer
       Leistungen, ihres  Nutzens und selbst auf ihre Gewährung. Gleich-
       zeitig werden  zusehends   i a t r o g e n e    (v o m    A r z t
       a u s g e h e n d e   n e g a t i v e)   W i r k u n g e n  d e r
       k u r a t i v e n   M e d i z i n  sichtbar: die gesundheitlichen
       Risiken diagnostischer und therapeutischer Methoden, deren Nutzen
       umstritten oder  gering ist,  die hohen individuellen Schäden und
       gesellschaftlichen Kosten des Arzneimittelkonsums usw.
       Einer bedarfsgerechten  Gesundheitsversorgung im  Wege stehen au-
       ßerdem zahlreiche  weitere  s t r u k t u r e l l e  D e f i z i-
       t e   im Gesundheitswesen:  die trotz  einer  im  internationalen
       Maßstab hohen  Arzt- und  Krankenhausdichte in der Bundesrepublik
       immer noch  existierenden Ungleichgewichte  in der Verteilung von
       Arztsitzen,  Krankenhausbetten  und  sonstigen  Versorgungs-  und
       Betreuungseinrichtungen, die  scharfe Trennung von ambulanten und
       stationären  Behandlungseinrichtungen,  eine  generell  unterent-
       wickelte intersektorale  und interdisziplinäre Zusammenarbeit in-
       nerhalb des  Gesundheitswesens sowie  zwischen Einrichtungen  des
       Gesundheitswesens und  anderen Bereichen (z.B. Sozialverwaltungen
       und -einrichtungen).
       Die  offenkundige    m a n g e l n d e    E f f e k t i v i t ä t
       u n d   E f f i z i e n z   des Gesundheitswesens  ist trotz Exi-
       stenz zahlreicher  koordinierender und mit der Steuerung von Ver-
       sorgungsaufgaben betrauter  Gremien (von der Konzertierten Aktion
       im Gesundheitswesen über die Krankenkassen bis zu den Kassenärzt-
       lichen Vereinigungen)  insgesamt wesentlich durch mangelhafte ge-
       sellschaftliche   P l a n u n g  im Bereich der Gesundheitssiche-
       rung und Krankenversorgung bedingt.
       Zudem werden  sich in  den nächsten Jahrzehnten aufgrund demogra-
       phischer und sozialstruktureller Veränderungen einige der genann-
       ten   P r o b l e m e   i n    n e u e n    D i m e n s i o n e n
       stellen: Beispielhaft  erwähnt sei  die    Z u n a h m e    d e s
       A n t e i l s   ä l t e r e r,  c h r o n i s c h  k r a n k e r,
       i n v a l i d i s i e r t e r   u n d    p f l e g e b e d ü r f-
       t i g e r  M e n s c h e n  bei gleichzeitigem (wahrscheinlichem)
       R ü c k g a n g   f a m i l i ä r e r   u n d    v e r w a n d t-
       s c h a f t l i c h e r      B e t r e u u n g s k a p a z i t ä-
       t e n   (Zunahme der  Einpersonenhaushalte, Rückgang  der Kinder-
       zahl, Zunahme  der Frauen- und Müttererwerbstätigkeit usw.). Aber
       auch das  Gesundheitswesen wird  bei insbesondere in den nächsten
       Jahren rapide  steigenden Zahlen  ausgebildeter Ärzte, bei weiter
       forcierter Technisierung  und  angebotsinduzierter  Expansion  im
       Dienstleistungs- und  Sachleistungsbereich   e i n e    R e i h e
       s e l b s t   e r z e u g t e r   P r o b l e m e    verschärfen.
       Somit erfordern auch die Versuche der politischen Regulierung der
       schon jetzt  absehbaren Entwicklungen weitaus stärker als bislang
       von sich  aus grundlegende strukturelle Veränderungen, also einen
       U m b a u   d e s   S y s t e m s   d e r  G e s u n d h e i t s-
       s i c h e r u n g   insgesamt. Damit  wachsen - bei unterstellten
       Verschiebungen im politischen Kräfteverhältnis - auch prinzipiell
       die Chancen zur Durchsetzung fortschrittlicher Alternativen.
       
       II. Alternativen
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       3. Wenn als   L e i t g e d a n k e   eines fortschrittlichen ge-
       sundheitspolitischen Konzepts  formuliert wird,  ein Höchstmaß an
       Gesundheit für  die gesamte  Bevölkerung nicht  nur zu erreichen,
       sondern auch  dauerhaft zu  sichern -  dies wird  im übrigen auch
       durch die  programmatische Losung  der UNO-Weltgesundheitsorgani-
       sation "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000" impliziert -, dann
       bedeutet  dies  in  erster  Linie  die  Orientierung  auf    B e-
       d a r f s g e r e c h t i g k e i t,            m a x i m a l e n
       v o l k s g e s u n d h e i t l i c h e n  N u t z e n  und  B e-
       d ü r f n i s b e f r i e d i g u n g.  Gesundheitssicherung wäre
       als  gesamtgesellschaftliches   Problem  zu  definieren.  Hieraus
       folgt, daß sie nicht auf das Gesundheitswesen der bewältigend-ku-
       rativen Eingriffe  beschränkt werden kann, sondern Ort und Bedin-
       gungen der Entstehung von Gesundheitsschäden berücksichtigen muß.
       Auf dem  Weg zu grundlegenden Strukturreformen im Gesundheitssek-
       tor werden zahlreiche Zwischenschritte wahrscheinlich sein. Inso-
       fern sind  die nachfolgenden  Veränderungsvorstellungen auf  eine
       zeitliche Perspektive  von 10  bis 20  Jahren angelegt und können
       allenfalls als  Wegmarkierungen gelten. Zusammengefaßt können die
       hier skizzierten  fortschrittlichen gesundheitspolitischen Alter-
       nativen als  O r i e n t i e r u n g  a u f  P r ä v e n t i o n,
       P l a n u n g,   D e m o k r a t i s i e r u n g  u n d  I n t e-
       g r a t i o n   d e s   G e s u n d h e i t s w e s e n s   m i t
       S t o ß r i c h t u n g   g e g e n   d i e   I n t e r e s s e n
       d e s   m e d i z i n i s c h - i n d u s t r i e l l e n  K o m-
       p l e x e s   bezeichnet werden. Sie zielen auf Verallgemeinerung
       und Ausbau  sozialpolitischer Schutzfunktionen bei gleichzeitiger
       Aufwertung gesundheitlicher und gesundheitspolitischer Handlungs-
       kompetenzen der Bevölkerung.
       4. Als wichtigste Felder der Veränderung werden angesehen:
       - Im sozialen  Sicherungssystem der  Bundesrepublik klaffen  nach
       wie vor   V e r s o r g u n g s l ü c k e n.   Dringend erforder-
       lich sind   L e i s t u n g s a u s w e i t u n g e n    b e i n-
       h a l t e n d e   s o z i a l r e c h t l i c h e    V e r b e s-
       s e r u n g e n   zur Sicherung  bei  Pflegebedürftigkeit  insbe-
       sondere im  Alter, bei Invalidität ab Geburt, bei Invalidität der
       Hausfrau mit  Kindern (deren  Betreuung nicht abgedeckt ist), bei
       Krankheit der  Mutter (Haushaltshilfe),  bei Inanspruchnahme psy-
       chotherapeutischer Leistungen.  Ausgeweitet werden  müßten ferner
       die  versicherungsrechtlichen  Grundlagen  bestimmter  präventiv-
       prophylaktischer Maßnahmen  (z.B.  zahnärztliche  Prophylaxe  und
       Schwangerenuntersuchungen) sowie  generell die  soziale Sicherung
       der Ausländer in der Bundesrepublik. Die  f i n a l e  O r i e n-
       t i e r u n g   müßte gegenüber  dem geltenden Kausalitätsprinzip
       in der  Leistungsgewährung  ausgebaut  werden.  Hier  könnte  die
       langfristige   E i n f ü h r u n g   e i n e r   E i n h e i t s-
       v e r s i c h e r u n g   zumindest  durch  die  Integration  von
       Unfall-,  Kranken-  und  Teilen  der  Rentenversicherung  Abhilfe
       schaffen. In  jedem Fall sollte durch den Zusammenschluß der ver-
       schiedenen  Versicherungsträger   die  Differenzierung   zwischen
       Sozialbetreuung und  Krankenversorgung, die  genau die  genannten
       Lücken schafft, aufgehoben werden.
       - Insbesondere die künftige Stärke des präventiven Standbeins der
       Einheitsversicherung wird  davon  abhängen,  inwieweit  sich  der
       ö f f e n t l i c h e   G e s u n d h e i t s d i e n s t  wieder
       stärker als  gegenwärtig in diesem Sektor engagiert. Die in ihrer
       Bedeutung in  den letzten  Jahrzehnten systematisch beschnittenen
       kommunalen und  staatlichen Gesundheits-, Gewerbeaufsichts- sowie
       die Sozialämter  könnten - als im Prinzip dezentrale und bevölke-
       rungsnahe Einrichtungen  -, mit entsprechenden Kompetenzen ausge-
       stattet, auf  vielen Gebieten  der Primärprävention tätig werden:
       im Umweltschutz  (Schadstoffe, Lärm, Verkehr), im Bereich der Ar-
       beitsbedingungen (Arbeitsschutz),  in der  präventiven  Betreuung
       bestimmter Bevölkerungsgruppen (Alte, Schwangere, Säuglinge, Aus-
       länder usw.)  oder in Wohngebieten mit erhöhter oder spezifischer
       Risikostruktur (Selbstmord-  und Unfallraten  usw.). Der nicht zu
       unterschätzenden Gefahr,  daß hierdurch regelrechte Institutionen
       einer "Präventionspolizei" mit starken kontrollierend-repressiven
       Ambitionen geschaffen  würden, müßte  durch entsprechende Schutz-
       maßnahmen (Ausweitung  des Datenschutzes, Nichtweitergabe von Da-
       ten und  Erkenntnissen an  Ordnungs- und Verfolgungsbehörden) und
       Modelle der Bürgerbeteiligung und -kontrolle begegnet werden.
       - Der primärpräventiven  Einflußnahme  auf  pathogene  Strukturen
       dient ebenfalls  der   A u s b a u   d e s  g e s a m t e n  A r-
       b e i t s s c h u t z s e k t o r s   auf der  inner-  und  über-
       betrieblichen Ebene. Zum Ausbau der Prävention sind ferner zu er-
       lassende gesetzliche  Regelungen (und deren strikte Anwendung und
       Kontrolle) zu zählen, mit denen hinlänglich bekannten und gesell-
       schaftlich anerkannten  Gesundheits- und  Lebensrisiken  begegnet
       werden kann,  vor allem  in der Umweltpolitik. Im Rahmen der Ver-
       stärkung präventiver  Anstrengungen kommt Angeboten für  F r ü h-
       e r k e n n u n g s u n t e r s u c h u n g e n   und der    G e-
       s u n d h e i t s b e r a t u n g  u n d  -e r z i e h u n g  für
       besonders gefährdete  Risikogruppen ebenfalls  Bedeutung zu.  Die
       zahlreichen  S e l b s t h i l f e g r u p p e n  hätten hier ein
       gesundheitspolitisch wichtiges  Betätigungsfeld, auf  dem sie  in
       Kooperation  mit   der  Einheitsversicherung  und  entsprechender
       finanzieller und  sachlicher Ausstattung anerkannt arbeiten könn-
       ten.
       - Die in  dieser Konstruktion ansatzweise schon sich ausdrückende
       E r w e i t e r u n g   u n d   I n t e g r a t i o n  n i c h t-
       p r o f e s s i o n e l l e r        H a n d l u n g s k o m p e-
       t e n z   i n    d i e    G e s u n d h e i t s s i c h e r u n g
       u n d   K r a n k h e i t s b e w ä l t i g u n g  könnte weitere
       Veränderungsmöglichkeiten erschließen:  Zum einen  kann die  Aus-
       weitung der  Selbsttätigkeitspotentiale quasi  zur "Demokratisie-
       rung des Gesundheitswesens von unten" beitragen - ein Prozeß, der
       sich auch institutionalisiert (Gesundheitsbeiräte in Stadtteilen,
       Städten, auf  Landes- und Bundesebene) auf anderen Ebenen der Ge-
       sundheitspolitik fortsetzen  müßte und als Ziel die Schaffung von
       Institutionen der  Planung und  Steuerung des  Gesundheitswesens,
       mit Beteiligung der Beschäftigten des Gesundheitswesens, Bürgern,
       Vertretern der Einheitsversicherung und staatlicher Institutionen
       hat. Zum  anderen wächst  damit auch  die Chance, tendenziell die
       professionelle Dominanz  im Gesundheitswesen  abbauen zu  können.
       Zahlreiche heute  daraus resultierende  Probleme des Arzt-Patien-
       ten-Verhältnisses, der  Entmündigung der Patienten und der Anony-
       mität des  Gesundheitswesens stellen  gleichzeitig Barrieren  für
       die Effektivität und Effizienz der Medizin dar.
       - Im Bereich der  k u r a t i v e n  V e r s o r g u n g  ist die
       Integration sämtlicher  diagnostischer, behandelnder, betreuender
       und rehabilitativer  Einrichtungen anzustreben. Der  n i e d e r-
       g e l a s s e n e   A r z t   als "Eingangsstelle"  und  "Filter"
       kann  u.a.  nur  dann  zu  bedarfsgerechterem  Handeln  veranlaßt
       werden, wenn  er rigideren Kontrollen der Leistungserbringung und
       Veränderungen der Honorierung (z.B. Pauschalisierung) unterworfen
       wird. Zu  einer Aufhebung  der Trennung  der beiden Hauptsektoren
       der  kurativen   Versorgung  könnten  auch  die  Beteiligung  der
       Krankenhäuser an  der ambulanten Versorgung sowie die Bildung me-
       dizinisch-technischer Zentren  und öffentlich oder kassengetrage-
       ner  Ambulatorien  mit  interdisziplinärer  Besetzung  beitragen.
       Durch  diese  Maßnahmen  würde  der    K r a n k e n h a u s b e-
       r e i c h   insofern kostenmäßig  entlastet, als  er  seine  vor-
       handenen apparativen Kapazitäten besser auslasten könnte. Mit der
       Abschaffung der  Privatliquidationsmöglichkeiten leitender Ärzte,
       Drosselung der  Arzneimittelkosten  durch  Verbrauchssenkung  und
       Auswahl billigerer  Medikamente,  Reduzierung  überhöhter  Liege-
       zeiten usw.  ergeben sich weitere Einsparungsmöglichkeiten. Hier-
       durch könnte  die Aufstockung des Personalbestandes (die z.B. für
       die Praktizierung ganzheitlicher Pflegekonzeptionen und den Abbau
       der Arbeitsbelastungen  in  den  Krankenhäusern  notwendig  wäre)
       ermöglicht werden.  Eine Entlastung  des Krankenhausbereichs  ist
       auch durch  die Ausgliederung  von Betreuungs- und Pflegeaufgaben
       in gemeindenahe,  dezentral arbeitende  p s y c h o s o z i a l e
       B e t r e u u n g s-  u n d  V e r s o r g u n g s e i n r i c h-
       t u n g e n   sowie den  Ausbau des Systems der Hauskrankenpflege
       zu erreichen.  Hierfür können die gegenwärtig vorhandenen Sozial-
       stationen den Kern bilden.
       - Im   A r z n e i m i t t e l s e k t o r   sind die Zulassungs-
       auflagen für  Medikamente drastisch  zu verschärfen. Ärzte müssen
       durch Preis-  und Qualitätsvergleichslisten sowie strikte Verord-
       nungsauflagen zur  Änderung ihrer  Verschreibungsgewohnheiten be-
       wegt werden. Staatliche Produktions- und Preiskontrollen bzw. die
       Vergesellschaftung der  pharmazeutischen Industrie sind als flan-
       kierende Maßnahmen  ebenso zu  erwägen wie die Einrichtung versi-
       cherungsgetragener oder  kommunaler  Abgabestellen  für  Arznei-,
       Heil- und  Hilfsmittel. Allein  die Reduzierung  des Preisniveaus
       für Arzneimittel in der Bundesrepublik auf das Niveau westeuropä-
       ischer Länder  könnte ebenso  wie die  summarische Drosselung des
       Arzneimittelverbrauchs um  die 40  Prozent, die  nach Schätzungen
       den Patienten  keinerlei erkennbare Vorteile bringen, die Kassen-
       ausgaben um Milliardenbeträge senken.
       Z u s a m m e n g e f a ß t:  Selbst bei einem ausgebauten System
       der Prävention  wird der kurative Gesundheitssektor künftig nicht
       an Bedeutung  verlieren, aber  es besteht die Chance, die ihm ge-
       genwärtig noch  innewohnenden Tendenzen  der Vergeudung aufzuhal-
       ten. Hierzu  sind planende Eingriffe in diesen Bereich notwendig;
       intersektorale, interdisziplinäre  und kooperative Formen der ku-
       rativen Versorgung müssen eingefühlt werden.
       
       III. Veränderungspotentiale
       ---------------------------
       
       5. Die Frage  nach den  gegenwärtig sichtbaren  Ansatzpunkten für
       demokratische Veränderungen  in der  Gesundheitspolitik muß unter
       Berücksichtigung ihrer  m ö g l i c h e n  T r ä g e r  sowie der
       Bedingungen,  unter  denen  diese  zu    A k t e u r e n    d e r
       V e r ä n d e r u n g  werden können, beantwortet werden.
       Der "natürliche" Anwalt der Gesundheitsinteressen der Bevölkerung
       innerhalb der  bestehenden Strukturen  des Gesundheitswesens sind
       die     V e r s i c h e r t e n v e r t r e t e r    i n    d e n
       S e l b s t v e r w a l t u n g s o r g a n e n   d e r  K r a n-
       k e n v e r s i c h e r u n g,   auch wenn  ihre  derzeitige  Ar-
       beitsweise zu  vielerlei Kritik  Anlaß gibt.  Innerhalb des  ver-
       rechtlichten Systems der Gesundheitsversorgung bilden die Selbst-
       verwaltungsorgane den  traditionellen Hebel  demokratischer  Ein-
       flußnahme und  Mitbestimmung über  gesundheitspolitische  Fragen.
       Abgesehen davon,  daß in einer künftigen Einheitsversicherung die
       Selbstverwaltung durch  die  Vertreter  der  Versicherten  allein
       (also unter Ausschluß der Unternehmervertreter) - wie bereits vor
       1933 -  wiederhergestellt und  die  gesundheitspolitischen  Hand-
       lungsspielräume der  Selbstverwaltung ausgeweitet  werden müssen,
       sind aber  bereits heute  einschneidende Veränderungen im Selbst-
       verständnis der  "Selbstverwalter" anzugehen. Denn die Selbstver-
       waltungsorgane haben  auch deshalb  ein  gewaltiges  Selbstfesse-
       lungspotential entwickeln  können, weil auf Seiten der Versicher-
       tenvertreter die  Konfliktorientierung von  der Orientierung  auf
       Konsensstiftung dominiert wird. Der "Konsensfalle" in den Selbst-
       verwaltungsorganen kann  nur durch die Repolitisierung der Arbeit
       der Versichertenvertreter  auf der Basis konkreter gesundheitspo-
       litischer Vorstellungen der Gewerkschaften entkommen werden. Dies
       setzt voraus,  daß die  Tätigkeit in den Selbstverwaltungsorganen
       wieder als  eindeutig sozialpolitische  Funktion  definiert,  ein
       qualifizierter Funktionärsnachwuchs  in den Gewerkschaften heran-
       gebildet und  die Mitbestimmungsmöglichkeiten  der  Vertreterver-
       sammlungen ausgeweitet  werden. Die  nächsten Sozialwahlen finden
       1986 statt!
       Es ist  nicht denkbar, daß eine aus Bürgerinitiativen und Gesund-
       heitsselbsthilfegruppen zusammengesetzte  "G e s u n d h e i t s-
       b e w e g u n g"   am "Staat"  und den  Krankenversicherungen als
       quasi-öffentlichen Institutionen  vorbei einer  fortschrittlichen
       Gesundheitspolitik allein  zum Durchbruch  verhelfen könnte.  Zum
       einen ist hierfür die Reichweite dieser "Bewegung" aufgrund ihres
       geringen Organisierungsgrades  und der  noch überwiegenden Orien-
       tierung auf  die lohnabhängigen  Mittelschichten und  Randgruppen
       der Arbeiterklasse  zu gering.  Zum anderen  hat sie bislang noch
       keine einheitlichen  programmatischen Perspektiven  mit Blick auf
       die Umgestaltung  des existierenden Versorgungssystems entwickeln
       können. Damit  wird ihre  gegenwärtige Funktion  als Auslöser und
       Träger von  "Basisinitiativen" in  Gesundheitsfragen nicht unter-
       schätzt, genausowenig  die jetzt  sichtbaren  Ansätze  zur  Poli-
       tisierung dieser  Bewegung. Aber  ihre innovativen  Potenzen wird
       sie erst  dann wirkungsvoll im Interesse der gesamten Bevölkerung
       entfalten können,  wenn sie  ihren Blick  auf die  Strukturen des
       existierenden Versorgungssystems richtet.
       Die    B e s c h ä f t i g t e n    i m    G e s u n d h e i t s-
       w e s e n   schließlich scheinen  von ihrer  objektiven  Interes-
       senlage zur  Zeit großenteils  eher in  Gegensatz zu  den  Erfor-
       dernissen einer demokratischen Umgestaltung des Gesundheitswesens
       zu geraten. Sieht man einmal von der etablierten Ärzteschaft ganz
       ab -  sie kämpft  über ihre  Verbände fast  durchgängig  für  die
       konservativ-ständische  Sicherung  von  Status,  Privilegien  und
       Einkommen  -,   so  muß   sich  das  Augenmerk  auf  die  jüngere
       Ärzteschaft richten,  deren Möglichkeiten, sich in traditioneller
       Weise einen  Platz im  Versorgungssystem  zu  sichern,  erheblich
       erschwert worden  sind. Gleichwohl  führt  die  sich  vertiefende
       Frontstellung dieser  Teile der  Ärzteschaft gegen  die Hüter von
       traditionellen Privilegien und Strukturen zunächst noch selten zu
       einer Orientierung auf Strukturveränderungen, die von den Versor-
       gungsinteressen der  Bevölkerung her  gedacht werden  (vielleicht
       abgesehen von  der Politik  einiger "Listen demokratischer Ärzte"
       in Landesärztekammern,  die -  regional verschieden - bei Kammer-
       wahlen zwischen  10 und  20 Prozent der Stimmen erhalten). Ähnli-
       ches gilt für andere, vorwiegend selbständig tätige Berufsgruppen
       im Gesundheitswesen: Die eingeübten professionellen Rollen dispo-
       nieren eher  für eine Neigung zur Ausweitung bornierter Sach- und
       Dienstleistungsangebote ohne Rücksicht auf Bedarfs-, Versorgungs-
       und Kostenprobleme.   A n d e r e s   gilt  für das  abhängig be-
       schäftigte nichtärztliche  Personal in  den Institutionen der Ge-
       sundheitsversorgung. Die  immer restriktiver gestalteten Arbeits-
       bedingungen, die  Arbeitshetze, wachsende Vereinseitigung der Tä-
       tigkeiten usw.  verschlechtern nicht  nur die beruflichen Entfal-
       tungsmöglichkeiten der  Beschäftigten, sondern  richten sich auch
       gegen die  Patientenbedürfnisse. Aber auch hier gilt: Initiativen
       der Berufsangehörigen  zur Verbesserung  der Beschäftigungssitua-
       tion und  Initiativen von  Konsumenten zur  Verbesserung des Lei-
       stungsangebots haben bislang erst selten zusammengefunden. Es ist
       jedoch nicht  zu übersehen, daß sich auch ein wachsender Teil der
       Angehörigen von  Gesundheitsberufen neben  oder statt  in der Ge-
       werkschaft ÖTV in der alternativen Gesundheitsbewegung engagiert,
       sowohl Ärzte  als auch  nichtärztliche Berufe  in ihren Bereichen
       alternative Therapiekonzepte  erproben, Technisierung und Pharma-
       kalisierung zurückdrängen  wollen. Diese Beschäftigten im Gesund-
       heitswesen und Studenten der Medizin sind überwiegend die Organi-
       satoren von  Gesundheitsläden, sind  die Teilnehmer  auf  Gesund-
       heitstagen und  machen  den  professionellen  Kern  der  "Gesund-
       heitsbewegung" aus.
       Unbestritten wachsen  im Gesundheitswesen  die Konfliktfelder und
       die Bereitschaft der dort Beschäftigten zur politischen Artikula-
       tion. Das  starke Engagement  dieser Beschäftigtengruppen  in In-
       itiativen gegen die Stationierung von Atomraketen und die Milita-
       risierung des  Gesundheitswesens sind Beispiele dafür. Die Bedin-
       gungen, unter  denen die  genannten Interessengruppen  inner- und
       außerhalb des Gesundheitswesens zu Trägern von Veränderungen wer-
       den können, reifen in dem Maße heran, wie unter dem Druck der Ko-
       stendiskussion, wachsender  Dysfunktionalität  gesundheitspoliti-
       scher Versorgungsstrukturen,  sich ausweitender  Pharma-, Gesund-
       heits- und  Umweltskandale diese  Fragen politisiert werden. Ähn-
       lich der  Friedensfrage könnten sozial- und gesundheitspolitische
       Probleme schon  in naher  Zukunft zu Kristallisationspunkten wer-
       den, die die Bildung neuartiger Bündnisse über die traditionellen
       Schranken zwischen  Gewerkschaften und "Gesundheitsbewegung" hin-
       weg beschleunigen und mobilisierend wirken könnten.
       Die Perspektive  demokratischer Veränderungen in der Gesundheits-
       politik hängt  wesentlich davon  ab, inwieweit  es gelingen wird,
       "alternative" mit  auf Strukturveränderungen  orientierten  "tra-
       ditionalistisch"-fortschrittlichen Forderungen und Aktivitäten zu
       verknüpfen, mithin die "Gesundheitsbewegung" sowie die politische
       und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung einander anzunähern.
       
       Michael Opielka
       
       Das Garantierte Grundeinkommen und/oder
       ---------------------------------------
       die Aufhebung der Ausbeutung? *)
       --------------------------------
       
       Ein wesentlicher Einwand linker Diskurse gegen die Forderung nach
       einem Garantierten Grundeinkommen weist hin auf zwei mögliche Va-
       rianten staatlicher  Regulierung einer künftigen Massenarmut: Die
       Rede ist  von der  "autoritäten", auf Zwangsarbeit bis Entzug des
       physischen  Existenzminimums  setzenden  Variante,  und  von  der
       "permissiven" Variante, mit der "Entkoppelung von Arbeit und Ein-
       kommen", dem  Garantierten Grundeinkommen.  Beiden Varianten  sei
       nun, so z.B. N. Preußer, **) der "Verzicht auf eine gesamtgesell-
       schaftliche Kontrolle  der  Produktivkraftentwicklung"  gemeinsam
       genauso wie  die "(aggressive  oder resignative)  Affirmation der
       Produktionsverhältnisse: die  Kernsektoren industrieller  Produk-
       tion werden nicht zum Gegenstand politischer Intervention".
       Diese Feststellung  dürfte für einen Großteil der in der bisheri-
       gen Diskussion  um das "garantierte Mindesteinkommen" vertretenen
       Vorschläge zwar  Gültigkeit haben.  Die Idee  eines  Garantierten
       Grundeinkommens ist  allerdings politisch  mehrdeutig und  sollte
       mit der  Systemkongruenz vieler  ihrer Vertreter  nicht in  einem
       Atemzug abgetan werden.
       Ich möchte  im folgenden begründen, warum ein Garantiertes Grund-
       einkommen eine der zentralen Voraussetzungen für eine Überwindung
       der Ausbeutung  in hochentwickelten  industriell-kapitalistischen
       Gesellschaften darstellt.  Warum ein  garantiertes Grundeinkommen
       somit eine  - allerdings  unverzichtbare - Übergangsforderung für
       den Einstieg in eine gesellschaftsverändernde Politik bildet. Zu-
       erst soll  deutlich werden,  warum die Alternative "Recht auf Ar-
       beit" vs.  "Recht auf  Einkommen" eine  falsche Alternative  dar-
       stellt, vielmehr  beide Rechte  als soziale Grundrechte eingefor-
       dert werden  müssen -  um im  dritten  Sozialen  Grundrecht,  dem
       "Recht auf  eigene Produktivmittel"  zu kulminieren.  Im  zweiten
       Schritt sollen  schließlich vier  Kriterien benannt werden, unter
       denen allein ein garantiertes Grundeinkommen eine politisch sinn-
       volle Forderung darstellt.
       
       Recht auf Arbeit oder Recht auf Einkommen?
       ------------------------------------------
       
       Die Forderung nach einem Recht auf Einkommen wird von manchen ih-
       rer  Vertreter/innen,  vor  allem  aber  von  ihren  Gegnern  als
       A l t e r n a t i v e   zu einer anderen Forderung interpretiert:
       dem "Recht  auf Arbeit",  präziser: dem  politischen Anspruch auf
       allgemeine Teilhabe  an der Erwerbsarbeit. Ob "Recht auf Erwerbs-
       arbeit" und  "Recht auf  Einkommen" nun  Alternativen  sind  oder
       nicht, ist  mithin eine  entscheidende Frage.  In der  bisherigen
       Diskussion um  die Zukunft von Arbeit und Sozialstaat lassen sich
       drei Positionen unterscheiden:
       - Die   n e o l i b e r a l e   Position setzt  auf eine stärkere
       Vermarktlichung und  Privatisierung  von  sozialen  Risiken.  Das
       "Recht" auf  Einkommen -  unterhalb oder  nahe der Armutsgrenze -
       wird dabei alternativ zum Recht auf Arbeit gesehen.
       -  Die  zweite,    t r a d i t i o n e l l - s o z i a l i s t i-
       s c h e   Position proklamiert  weiterhin das "Recht auf Arbeit".
       Die Verteilung  von Einkommen soll weiterhin im wesentlichen über
       das individuelle  (Lohn-)Arbeitsverhältnis im  Erwerbssektor  er-
       folgen. Transfereinkommen bleiben damit in Höhe und Dauer von der
       Position im  Erwerbsleben abhängig.  Ein eigenständiges,  von der
       Erwerbsrolle unabhängiges  "Recht auf  Einkommen" wird abgelehnt.
       Das  heißt   im  Gegenzug,   daß  seitens  des  Staates  von  den
       Transfereinkommensbeziehern, die  nicht krank,  alt oder  zu jung
       sind, Arbeitsleistungen verpflichtend eingefordert werden dürfen.
       - Mit der  dritten,  s o z i a l - ö k o l o g i s c h e n  Posi-
       tion versuche  ich eine  Synthese: "Recht  auf Arbeit" und "Recht
       auf Einkommen" nicht alternativ, sondern als zwei essentielle Be-
       standteile einer ökologisch orientierten Sozialreformstrategie zu
       begreifen, die  um ein  "Recht auf eigene Produktivmittel" zu er-
       weitern ist. Diese Position geht davon aus, daß die aktuelle Dis-
       kussion um  die "Umverteilung  der (Erwerbs-)  Arbeit"  politisch
       folgenlos bleiben muß, weil sie innerhalb der Systemlogik des So-
       zialstaates und  der kapitalistischen Wirtschaftsregulierung ver-
       bleibt.
       Eine Arbeitszeitverkürzung,  die allein  aus Produktivitäts- (und
       selbst aus  Unternehmer)gewinnen  finanziert  wird,  genügt  m.E.
       nicht, um  alle gleichermaßen  am Erwerbssektor teilhaben zu las-
       sen. Vielmehr  muß es darum gehen, das gesellschaftliche Arbeits-
       volumen, Erwerbs- wie Haus- und Erziehungsarbeit in größerem Aus-
       maß und  vor allem auch zwischen den Geschlechtern umzuverteilen.
       Ein garantiertes Grundeinkommen wäre als "überbetrieblicher Lohn-
       ausgleich" das  "Schmiermittel" für eine umfassende Arbeitsumver-
       teilung. Nur  dadurch kann  die andere  Seite des "Rechts auf Ar-
       beit", nämlich  die staatlich  regulierte "Pflicht  zur  Arbeit",
       verhindert werden.
       Ich verorte  den Fluchtpunkt der Diskussion um "Recht auf Einkom-
       men" und  "Recht auf  Arbeit" also  nicht, indem ich beide gegen-
       überstelle. Um eine Synthese dieser beiden einzufordernden sozia-
       len Grundrechte  etwas anschaulicher  zu machen,  schlage ich als
       Strategie eine   2 0 - S t u n d e n - N o r m a l e r w e r b s-
       w o c h e   f ü r    a l l e    a b h ä n g i g    B e s c h ä f-
       t i g t e n   vor, wobei  an die  Stelle eines  betrieblichen ein
       ü b e r b e t r i e b l i c h e r       L o h n a u s g l e i c h
       d u r c h    e i n    g a r a n t i e r t e s    G r u n d e i n-
       k o m m e n   i n   H ö h e   v o n  m i n d e s t e n s  1 0 0 0
       D M  i m  M o n a t  p r o  P e r s o n  (nach heutigem Geldwert)
       treten soll,  im  folgenden  kurz  "20-Stunden-Woche  &  1000  DM
       Grundeinkommen" genannt. Wiewohl die Durchsetzungsschwierigkeiten
       dieser Strategie evident sind, wäre sie selbst kein Ziel, sondern
       eine  Ü b e r g a n g s s t r a t e g i e.
       
       Die Ausbeutung von Arbeit, Natur und Frauen
       -------------------------------------------
       als kapitalistisches Grundverhältnis
       ------------------------------------
       
       Armut und Massenerwerbslosigkeit sind die unübersehbaren Symptome
       des kapitalistischen  Ausbeutungsverhältnisses:  Wenige  verfügen
       über die  Produktivmittel, die meisten existieren in ökonomischer
       Abhängigkeit. Das  Steuerungsinstrument der  Ökonomie sind Profit
       und Akkumulation.  Die Mehrheit  wird ihrer Produkte, des von ihr
       produzierten Mehrwertes  enteignet, mehr  noch: ihrer  Arbeit und
       damit ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die ökologische
       Krise weist  nun darauf  hin, daß das Verhältnis des Menschen zur
       Natur, das sich im wesentlichen über Arbeit bestimmt, selber eine
       ausbeuterische Entwicklung  genommen hat.  Daß daher  im Kern das
       Verhältnis von   A r b e i t  und  N a t u r  neu zu reflektieren
       ist.
       Die für  unseren Zusammenhang wesentlichsten Dimensionen der öko-
       nomische Krise lassen sich unter drei Perspektiven festhalten: 1.
       Der Wachstumsfixiertheit  der Sozial-  und Wirtschaftspolitik; 2.
       dem bürgerlichen  Naturverhältnis (nur  Arbeit  hat  Wert,  Natur
       nicht); und 3. dem besonderen Naturverhältnis im Geschlechterkon-
       flikt.
       Das grundlegendste aller Ausbeutungsverhältnisse, so die zentrale
       These in diesem Zusammenhang, findet sich zwischen den Geschlech-
       tern. Die  einem UNO-Bericht  entstammenden  Zahlen,  wonach  die
       Frauen weltweit  zwei Drittel  aller Arbeit verrichten, dafür auf
       ein Zehntel des Lohnes Anspruch haben und nur ein Hundertstel des
       Vermögens eignen,  illustrieren dies ebenso wie die Tatsache, daß
       von den  erwerbstätigen Frauen  in der Bundesrepublik 1982 nur 33
       Prozent über ein existenzsicherndes eigenes Einkommen von 1400 DM
       und mehr  verfügen, während  dies immerhin für 80% der Männer zu-
       trifft.
       Der Zusammenhang  von Arbeit und Ausbeutung, von Arbeit und Armut
       kann folglich  nur mit  einem Arbeitsbegriff  erfaßt werden,  der
       auch die  unbezahlte Arbeit  und die  spaltende Funktion  der ge-
       schlechtshierarchischen Arbeitsteilung  einbezieht.  In  der  ge-
       schlechtshierarchischen Arbeitsteilung,  die die  Frauen von  der
       Erwerbsarbeit tendenziell ausschließt, entlarvt sich der Klassen-
       kompromiß als die klassenübergreifende Solidarisierung der Männer
       gegen die  Frauen. Die  Entschädigung der  enteigneten Männer ist
       der Lohn - und die Verfügungsgewalt über die Frauen. Die Entsoli-
       darisierung der Geschlechter erfährt ihren sozialstaatlichen Aus-
       druck darin,  daß die Entschädigung von Enteignung nicht auf alle
       gleich verteilt,  sondern die  Hälfte  der  Enteigneten  qua  Ge-
       schlecht zum Lohn der anderen erklärt wird.
       Sozialstaatlich  geschaffene  Interessengegensätze  gewährleisten
       die politische Stabilität und kommen obendrein der Kapitalakkumu-
       lation zugute.  Denn mit  der Zuständigkeit  für die Reproduktion
       der Gesellschaft  werden die  Frauen  für  die  Befriedigung  der
       Grundbedürfnisse, der  wirklich wesentlichen Arbeiten alleine zu-
       ständig: "Diese Tätigkeit erlaubt keine Unterbrechung, auch keine
       kurzfristige. Frauen  sind damit  die wahren Träger der Ökonomie"
       (Claudia von Werlhof). Die sozialstaatlich abgefederte Enteignung
       von den  Produktivmitteln ist  so die  Ursache der Konstanz aller
       tiefgreifenden Ausbeutungsverhältnisse,  vor allem der Ausbeutung
       der Frauen.
       
       Perspektiven
       ------------
       
       Die Diskussion  um das garantierte Grundeinkommen hat sich mithin
       an einer  Zielperspektive zu  orientieren, wie Sozialpolitik Aus-
       beutung nicht  verschleiert und  perfektioniert, sondern zu über-
       winden hilft. Ausbeutungsüberwindend wird die Strategie eines ga-
       rantierten Grundeinkommens  erst, wenn sie in eine Strategie ein-
       gebettet ist,  die auf die Wiederherstellung der allgemeinen Sub-
       sistenzfähigkeit durch  Aneignung der  Produktivmittel  hinzielt.
       Befreiung   d e r   Arbeit und  nicht Befreiung   v o n    Arbeit
       scheint mir  die ökologisch  fruchtbare Perspektive  zu sein. Das
       Garantierte Grundeinkommen  ist nicht  die Forderung  nach  einem
       Status quo materiellen Abgesichertseins der "kleinen Leute", son-
       dern Teilstrategie  einer Veränderung von Gesellschaft überhaupt.
       Es ist  die historische  Eingangsforderung nach einem  g a r a n-
       t i e r t e n   G r u n d a n t e i l   a n   d e n  P r o d u k-
       t i v m i t t e l n  für jeden Menschen.
       
       Die vier Kriterien für ein garantiertes Grundeinkommen
       ------------------------------------------------------
       
       1. Existenzsicherndes Niveau
       Ein Grundeinkommen muß so bemessen sein, daß Armut ausgeschlossen
       und die  Teilhabe am sozio-kulturellen Leben der Gesellschaft ga-
       rantiert ist.  Ein zu  gering bemessenes  Grundeinkommen bedeutet
       faktisch Lohnarbeitszwang. Ein Betrag in Höhe von mindestens 1000
       DM verfügbares  Einkommen im Monat (ab dem 16. Lebensjahr) stellt
       unter den gegebenen Reproduktionsbedingungen die relative Armuts-
       grenze dar.
       Sinnvollerweise muß  sich ein garantiertes Grundeinkommen aus ei-
       nem Einkommensgrundbetrag in der genannten Höhe und  z u s ä t z-
       l i c h    einem  bedarfsabhängigen  Wohnkostenzuschuß  zusammen-
       setzen.  Sollte   es  gelingen,   die   Grundlebenshaltungskosten
       (Wohnen, Verkehr, Nahrung) deutlich zu senken, so ließe sich auch
       die Summe  der per Grundeinkommen zu verteilenden gesellschaftli-
       chen Einkommen  verringern -  und umgekehrt.  Freilich könnte  es
       darüber hinaus auch politisch erstrebenswert sein, perspektivisch
       den Grundeinkommensanteil  am Volkseinkommen in Richtung auf eine
       allgemeine Angleichung der Einkommensniveaus auszuweiten.
       
       2. Recht auf Arbeit statt Pflicht zur Arbeit
       Gegen ein Grundeinkommen, vor allem auf einem Niveau oberhalb der
       Armutsgrenze, wird  häufig die Befürchtung angeführt, daß die ge-
       sellschaftlich notwendige  Arbeit  nicht  mehr  von  denen  getan
       würde, die  bislang gezwungen waren, diese auch zu niedrigem Lohn
       zu leisten.  Diese Sorge  betrifft jedoch nie alle Arbeiten, son-
       dern  gewöhnlich  nur  die    g e s e l l s c h a f t l i c h e n
       S o r g e a r b e i t e n,  die ähnlich der Hausarbeit gering ge-
       schätzt und  auch gering  - oder, wie die Hausarbeit, gar nicht -
       bezahlt werden.  Der klassische  Einwand: Wer räumt den Müll weg?
       Die Verteilung  dieser Arbeiten kann zwar über eine Verpflichtung
       zur Arbeit  vorgenommen werden, wobei hier sowohl offene wie ver-
       steckte Zwangsmechanismen  vorgeschlagen sind. Ein Recht auf Ein-
       kommensbezug ohne  Erwerbsarbeitsleistung wird  in der Denktradi-
       tion des  traditionellen Sozialismus  abgelehnt, woraus  sich für
       die subsistenzlosen  Massen eine  i m p l i z i t e  "Pflicht zur
       Arbeit" ergibt.
       Daß die  "Pflicht zur Arbeit" sowohl in konservativen wie in tra-
       ditionell-sozialistischen Strategien  Platz findet, hat seine Ur-
       sache letztlich  in beider Anerkenntnis der Tatsache, daß die ih-
       rer Subsistenzmöglichkeiten  Enteigneten ihre Arbeitskraft an die
       Produktionsmittelbesitzer verkaufen müssen.
       Sinnvoller und  ehrlicher als  jede Form der Arbeitsverpflichtung
       erscheint es  hingegen, die  gesellschaftlichen Sorgearbeiten öf-
       fentlich so  anzuerkennen und zu bezahlen, daß sie freiwillig und
       trotz Grundeinkommen  getan würden  (so wie  sich nach Einführung
       des "arbeitsanreizmildernden"  Grundeinkommens auch  künftig  ein
       Bundeskanzler melden  wird und  Zahnärzte nicht ihre Praxis dafür
       an den Nagel hängen werden). Die in der Grundeinkommensdiskussion
       permanent aufgeworfene  Frage nach  den Arbeitsanreizen zur Über-
       nahme gesellschaftlich notwendiger und gleichzeitig unattraktiver
       Arbeiten wäre  "marktkonform" lösbar.  Insoweit nämlich unter den
       Bedingungen von  Lohnarbeit  und  Arbeitsmarkt  ein  garantiertes
       Grundeinkommen auf  hohem Niveau den Besitzlosen endlich eine we-
       sentliche Option  eröffnet: die uneingeschränkte Verweigerung des
       Angebots  ihrer  "Ware  Arbeitskraft".  Wenngleich  einschränkend
       festzustellen bleibt, daß die Freiheit der Verweigerung zwar eine
       wichtige Freiheit  ist. doch noch nicht die Freiheit zu machtvol-
       ler Mitwirkung ersetzen kann. Diese setzt Vermögen bzw. Kontrolle
       an Produktivmitteln  voraus. Das zweite Kriterium lautet demnach,
       daß ein Grundeinkommensmodell  s y s t e m a t i s c h  mit einer
       Arbeitsumverteilungskonzeption verkoppelt werden muß - ohne dafür
       "Recht" und  "Pflicht" zur  Arbeit zu  verbinden. Und  daß  beide
       Rechte ohne ein einlösbares "Recht auf eigene Produktivmittel" in
       kapitalistischer Logik gefangen bleiben.
       
       3. Individualbezug statt Haushaltsbezug
       Ein haushaltsbezogenes  Grundeinkommen festigt die hierarchischen
       Strukturen der  Familie, stärkt  die Position des Mannes als Ein-
       kommensbezieher ("Haushaltsvorstand")  und beläßt  die  Frau  als
       "Mitversorgte" in  der Abhängigkeit abgeleiteter Einkommensanprü-
       che. Ein  individuelles Grundeinkommen für jeden macht die Frauen
       ökonomisch unabhängiger  und ermöglicht  eine Enthierarchisierung
       der sozialen  Beziehungen in  der Familie.  Da derzeit  fast  das
       ganze Steuer- und Transfersystem auf den Haushalt bzw. im wesent-
       lichen auf  die Ehe  orientiert ist,  erfordert ein  garantiertes
       Grundeinkommen als  individuelles Recht  notwendig eine  grundle-
       gende Steuer-  und Transferreform  bzw. Schritte  in dieser Rich-
       tung.
       Für den Individualanspruch sprechen darüber hinaus auch sozialpo-
       litische Überlegungen zum Zusammenhang von Erwerbssystem, Famili-
       ensystem und  Transfersystem. So  ist die Frage nach der Relevanz
       einer ehezentrierten  Sozialversicherungskonzeption  aufzuwerfen.
       Paradoxerweise führt  nämlich genau dieses System zu einer Priva-
       tisierung der Nachwuchssicherungskosten, während die Altersversi-
       cherungskosten sozialisiert wurden. Die Beträge, die Kinderlosig-
       keit für  den Konsum  freigibt, sind  dabei enorm. So zeigte eine
       Studie, daß  ein durchschnittliches Arbeitnehmerehepaar mit einem
       Kind  gegenüber  einem  vergleichbaren  kinderlosen  Ehepaar  auf
       320 000 DM,  ein Ehepaar  mit zwei Kindern auf 500 000 DM und ein
       Ehepaar mit fünf Kindern auf 900 000 DM verzichtet (Geldwerte von
       1979); rechnet  man den  Erwerbseinkommensverzicht einer Hausfrau
       auf ihre  gesamte erwerbsfähige  Zeit um, so steigen diese Zahlen
       auf 0,5 bis 1,5 Mill. DM Einkommensverzicht an.
       Hier könnte ein Individualanspruch Licht in den Schatten der pri-
       vateigentumsähnlichen Eltern-  und Kinderbeziehung  werfen, indem
       bedarfsorientierte Kindereinkommen die Kinder zur gesellschaftli-
       chen Aufgabe  machen. Ähnliches  gilt natürlich  auch für die Al-
       terssicherung: Hier ist eine staatlich finanzierte Grundrente die
       einer ökologischen Sozialreform adäquate Lösung.
       
       4. Grundeinkommen als  Reform, nicht  als Ersatz der Sozialversi-
       cherungen Ein garantiertes Grundeinkommen ist kein Ersatz für die
       sozialversicherungsrechtliche Absicherung  von Lebensrisiken. Die
       Vorstellung, über  ein Grundeinkommen  allein einen  "reinen" Ar-
       beitsmarkt etablieren  zu können,  setzte nämlich voraus, daß für
       jede und  jeden nicht nur die Chance zur Lohnarbeit, zum Einstieg
       in den Arbeitsmarkt existiert, sondern auch zu individueller oder
       gemeinschaftlicher Unternehmerarbeit.  So lange beides nicht oder
       kaum der  Fall ist,  erfordert die  Hierarchie der  Lohneinkommen
       gleichfalls eine  Hierarchie der Sozialeinkommen. Allerdings kann
       es sinnvoll  erscheinen, die  Lohnersatzfunktion von Sozialversi-
       cherungen auf  bestimmte soziale Risiken zu beschränken, wie z.B.
       auf Alter,  Krankheit, Erwerbsunfähigkeit.  Zudem ist der Verweis
       auf private Vorsorgeformen, der gerade aus neoliberaler Ecke ver-
       schärft tönt,  für einen Großteil der Lohnabhängigen aufgrund ih-
       rer schlechten  Zugangsmöglichkeiten zum Kapitalmarkt keine gang-
       bare Sicherungsalternative.
       Wie kann  nun jene  Strategie einer Umverteilung von Arbeit, Ein-
       kommen und  Produktivmitteln realisiert werden, welche Einstiegs-
       schritte sind denkbar?
       
       Einstieg in eine Aufhebung der Ausbeutung
       -----------------------------------------
       
       Mittelfristig deckt  die Perspektive  der "20-Stunden-Woche"  den
       größten Teil  der Flexibilisierungswünsche der Erwerbstätigen ab,
       besonders auch  deshalb, weil  ein derart verringertes Erwerbsar-
       beitsquantum eine  Flexibilisierung im  Jahres- und  sogar im Le-
       benslauf ("Freijahre"  mit Arbeitsplatzgarantie  usw.)  nahelegt.
       Staatliche Politik könnte hier Initiativen der Erwerbstätigen un-
       terstützen. So  könnte bei denjenigen, die ohne Lohnausgleich auf
       Teilzeitarbeit wechseln,  das Einkommen für die ersten 20 Wochen-
       Arbeitsstunden steuerlich deutlich begünstigt werden. Damit würde
       neben Einkommenshöhe  und Familienstand auch die Zahl der Wochen-
       arbeitsstunden zu einem Kriterium der Steuerbemessung.
       Der Einstieg  in die  Kombination "20-Stunden-Woche ohne Lohnaus-
       gleichplus 1000  DM garantiertes  Grundeinkommen" könnte dann er-
       folgen, indem  diejenigen, die 20 oder weniger Stunden in der Wo-
       che erwerbstätig sind oder sein können,  z u e r s t  ein Anrecht
       auf das  garantierte Grundeinkommen  erwerben.  Daneben  ist  der
       S t e u e r f r e i b e t r a g  für jede einzelne Person sukzes-
       sive auf  das Niveau des garantierten Grundeinkommens auszuweiten
       - was auf der anderen Seite Steuerreformen erfordert, die sämtli-
       che (!) Einkommen oberhalb dieses Freibetrages hinreichend heran-
       ziehen.
       Die Gewerkschaften könnten sich beispielsweise für Mindestlohnre-
       gelungen bei  Teilzeitarbeit einsetzen, dafür, daß keine 20-Stun-
       den-Stelle für  weniger als ca. 1000 DM netto, also unterhalb der
       Existenzlinie, angeboten  wird. Bekannte  Einwände sind zu erwar-
       ten: Können  sich die Gewerkschaften für eine gesamtgesellschaft-
       liche Arbeitsumverteilung stark machen, die den bislang von ihnen
       nicht repräsentierten  Randgruppen des  Arbeitsmarktes ein "Recht
       auf Arbeit"  garantiert - ohne sich damit der Gefahr auszusetzen,
       ihren Stammmitgliedern  zu schaden?  Könnte es  andererseits aber
       nicht sein,  daß die  bislang  Ausgegrenzten,  die  Erwerbslosen,
       Frauen, den  Gewerkschaften neue  politische Kraft zufließen lie-
       ßen?
       Ein  mehrjähriger  Stufenplan,  bei  dem  das  erwerbsunabhängige
       Grundeinkommen für  alle sukzessive  von anfangs einigen auf end-
       lich 1000  DM (heutigen  Geldwerts) steigt,  erscheint  problema-
       tisch, weil  die Gefahr  besteht, daß  es "unterwegs" eingefroren
       wird. Die  Forderung nach  einem garantierten  Grundeinkommen muß
       vielmehr mit  den Forderungen  nach Arbeitsumverteilung  und nach
       einem existenzfähigen  Einkommen für  jede(n) - jetzt - verknüpft
       werden. Diejenigen,  die über  kein existenzfähiges Erwerbs- oder
       Vermögenseinkommen verfügen,  müssen bereits  heute einen  Trans-
       feranspruch in  Höhe des  künftigen Grundeinkommens erhalten. Für
       alle wird  das Grundeinkommen  erst dann sinnvoll, wenn auch alle
       ein Recht auf Teilhabe am Erwerbssektor einlösen können.
       Ein Stufenmodell dieser Art unterscheidet sich wesentlich von den
       Modellen einer  "negativen Einkommenssteuer"  oder einer  "Socke-
       lung" der Sozialversicherungen.  D e n n  d i e  U m v e r t e i-
       l u n g   d e r   A r b e i t   i s t   e i n  s y s t e m a t i-
       s c h e s    K r i t e r i u m    d e s    G r u n d e i n k o m-
       m e n s b e z u g s.   Die Leute  können Schritt  um Schritt  auf
       eine 20-Stunden-Woche  umsteigen. Die Steuer- und Transferpolitik
       unterstützt damit  eine ökologisch  und sozial nützliche Arbeits-
       marktpolitik.
       
       Schritte zur Umverteilung der Einkommen
       ---------------------------------------
       
       Bevor an  eine "Sockelungs"-Lösung  als Einstieg in die Grundein-
       kommenssicherung gedacht  wird, wäre  der systematische Zusammen-
       hang von Sozialhilfe- und Sozialversicherungspolitik, von "Armen-
       und Arbeiterpolitik"  nochmals zu  bedenken, der  bis in die Ver-
       ästelungen des  AFG hinein  nachgezeichnet werden kann. So reprä-
       sentiert die  Dualisierung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosen-
       hilfe die  fließenden Übergänge zwischen lebensstandardorientier-
       ten  Versicherungsleistungen  einerseits  und  armutsorientierten
       Fürsorgeleistungen  andererseits.  Ähnliche  "Filter"  erschweren
       auch in  allen anderen  sozialen Sicherungssystemen (Rente, Kran-
       kengeld, Behinderung/Pflege usw.) eine "Sockelung".
       Die zum grünen und gewerkschaftlichen Bestand zählenden Forderun-
       gen nach  einer "Sockelung"  lassen sich  innerhalb von ansonsten
       unveränderten sozialen  Sicherungssystemen  folglich  nicht  auf-
       rechterhalten. Ein  integriertes, in  sich schlüssiges Reformkon-
       zept ist auch für die "ersten Schritte" unverzichtbar.
       Zusammenfassend läßt  sich feststellen,  daß sich ein politischer
       Einstieg in  ein Grundeinkommenssystem  sinnvollerweise  auf  Ar-
       beitslosengeld und  Arbeitslosenhilfe gleichzeitig  beziehen muß,
       denn ein duales System würde unterhöhlt, wenn nur die eine Hälfte
       umgestaltet würde. Eine beitragsbezogene Leistungsgestaltung wäre
       dabei,  wenn   überhaupt,  nur   für  einen  begrenzten  Zeitraum
       (höchstens zwei  Jahre) sinnvoll, wobei alternativ dazu eine ein-
       heitliche Grundsicherung  für alle Erwerbslosen durchdacht werden
       sollte.
       
       Grundeinkommen als (R)Evolution?
       --------------------------------
       
       Heben das  garantierte Grundeinkommen  und die  "ersten Schritte"
       dorthin auch  die Abhängigkeit vom Arbeitgeber und von den sozia-
       len Bezügen auf, so bleibt die Abhängigkeit vom Staat als Versor-
       ger. Eine  zunehmende Abkehr von der Lohnarbeit muß daher, sollte
       die ökonomische Abhängigkeit vom kapitalistischen Industriesystem
       durchbrochen werden,  mit einer   U m v e r t e i l u n g   d e r
       P r o d u k t i o n s m i t t e l   a u f  a l l e  mit individu-
       ellen Verfügungsrechten einhergehen.
       Daß die  "Vermögenspolitik" mit dem Ziel der betrieblichen Vermö-
       gensbeteiligung hierzulande weit von einem "Recht auf eigene Pro-
       duktionsmittel" entfernt  ist, wird angesichts der bisherigen Er-
       fahrungen nicht bestritten. Um konkrete Verfügungsrechte der ein-
       zelnen Produzenten  zu verankern, dürfte die Forderung nach über-
       betrieblichen Arbeitnehmerfonds,  wie sie 1984 in Schweden durch-
       gesetzt wurden,  gleichfalls völlig unzulänglich sein. Tatsächli-
       che Verfügungsrechte lassen sich letztlich nämlich wohl nur durch
       eine (sukzessive)  "Beseitigung des  großen Erwerbseigentums" er-
       reichen.
       Ohne dies  hier näher  diskutieren zu können, möchte ich auf zwei
       Perspektiven verweisen, die in Richtung auf ein "Recht auf eigene
       Produktivmittel" reale  Optionen eröffnen  könnten. Zum einen auf
       Ota Siks  Konzept des "neutralisierten Kapitals". Und zum anderen
       auf den  von Winfried  Vogt entwickelten  Vorschlag, Kapitalgüter
       als Unternehmungsinvestitionen  aus dem privaten Geldverkehr aus-
       zukoppeln und  nur Kredite  finanzieren zu  lassen, die  über ein
       vergesellschaftetes Kreditsystem  zur Verfügung  gestellt werden.
       Im Interesse  einer effizienten  Verwendung der Mittel könnten im
       derartigen  System  nur  "laboristische",  d.h.  von  den  Arbei-
       ter/inne/n selbst geeignete Unternehmen als Kreditnehmer zugelas-
       sen werden,  weil ein  solches Kollektiv  bei Mißwirtschaft seine
       Arbeits- und  Lebensgrundlage aufs  Spiel setzt, während ein Ein-
       zelkapitalbesitzer ohne  haftendes Vermögen risikolos spekulieren
       könnte.
       Wofür das  garantierte Grundeinkommen wegbereitend sein soll, ist
       die Aneignung  der Arbeit. Das garantierte Grundeinkommen sichert
       eine Teilhabe  an der  Gesellschaft jenseits  der Lohnarbeit  und
       wird damit  eine Interessenverschiebung  derjenigen bewirken, die
       bisher  aus  Angst  um  ihre  Arbeitsplätze  am  Wachstumsfetisch
       festhielten und so - meist unfreiwillig - zu willfährigen Verbün-
       deten des  Kapitals wurden. Das garantierte Grundeinkommen garan-
       tiert keine  ökologische Gesellschaft  - doch  es ist für den Weg
       dorthin unabdingbar.
       
       _____
       *) Gekürzte und  überarbeitete Fassung  des Aufsatzes "Das garan-
       tierte Grundeinkommen  ist unabdingbar, aber es genügt nicht" von
       Michael Opielka  und Heidrun Stalb, der im Sammelband "Das garan-
       tierte Grundeinkommen.  Entwicklung und Perspektiven einer Forde-
       rung", herausgegeben  von Michael Opielka und Georg Vobruba, Ende
       1985 im  Fischer-Taschenbuch-Verlag erscheint.  Ich danke Heidrun
       Stalb für die Möglichkeit, ihn hier weiterzuverwenden.
       **) Vgl. den folgenden Beitrag von Norbert Preußer.
       
       Norbert Preußer
       
       Garantiertes Mindesteinkommen: Befreiung der Armen
       --------------------------------------------------
       oder Vergesellschaftung der Armut?
       ----------------------------------
       
       1. Widerwärtige Zustände
       ------------------------
       
       Das Krisenszenario  bundesrepublikanischer Wirklichkeit  ist  ge-
       prägt von Momenten institutionalisierter Problemverleugnung:
       - Trotz Massenarbeitslosigkeit verbucht die Bundesanstalt für Ar-
       beit Milliardenüberschüsse,  erreichen die  Aktienkurse der indu-
       striellen Leitsektoren ein säkulares Spitzenniveau.
       - Die Berechnungsgrundlagen  der Rentenversicherung werden inner-
       halb weniger  Monate dreimal  korrigiert;  schließlich  wird  den
       Rentnern eine Erhöhung von l % zugestanden.
       - Die konzertierte Aktion in der Krankenversicherung mausert sich
       zum Lehrstück  in politischer  Ökonomie: Für  Pharmakonzerne  und
       ärztliche  Standesorganisationen   sind  die   Krankenkassen  zum
       Selbstbedienungsladen offenherziger Bereicherung geworden.
       Wer Sturm  sät, kann mitunter Windstille ernten: Trotz der Griffe
       in die  Taschen der  Lohnabhängigen zeigen  diese sich  nicht ge-
       neigt, den  sozialen Frieden grundsätzlich zu erschüttern: Die in
       der Druck- und Metallindustrie nach monatelangen Streiks erkämpf-
       ten Arbeitszeitverkürzungen werden den Arbeitsmarkt nur unwesent-
       lich entlasten, ganz zu schweigen von den bescheidenen "Erfolgen"
       im öffentlichen Dienst.
       Die Krise, verstanden als umfassende Gefährdung der gesellschaft-
       lichen Reproduktion,  damit auch der Kapitalakkumulation, ist an-
       scheinend vorbei:  Der Versuch,  die sozialen Risiken der Dritten
       industriellen Revolution  der Arbeiterklasse aufzubürden, scheint
       vorerst gelungen. Es geht zwar nicht vorwärts, aber immerhin auf-
       wärts, mit  Kapitalprofiten, Spekulationsgewinnen  und Arbeitslo-
       senzahlen.
       Wer den noch vergleichsweise sanften Abstieg ins Arbeitslosengeld
       halbwegs unbeschädigt  übersteht, holt sich spätestens beim stei-
       len Absturz  in die Arbeitslosenhilfe schmerzende Wunden, erfährt
       die üblen Auswirkungen institutionell erzwungener Familiensolida-
       rität: Über  Bedürftigkeitsprüfungen steht  man plötzlich  wieder
       mit längst verschollenen Eltern und vor Zeiten fortgezogenen Kin-
       dern in  vertrauter Beziehung,  wenn auch  in einer, die von Kon-
       flikten zersetzt wird und gegenseitige Abneigung fördert.
       Doch mit  den Zumutungen der Arbeitslosenhilfe sind die Widerwär-
       tigkeiten des Sozialstaates noch nicht ausgereizt; wer drauf ver-
       zichtet, sich  die achselzuckenden  Vertröstungen des Arbeitsamts
       persönlich abzuholen  und angeordnete Termine versäumt, landet im
       Keller: bei  der Sozialhilfe.  Diese fördert  genaue Einblicke in
       die reaktionären  Versionen von  Bürgernähe;  administrative  Zu-
       dringlichkeit belehrt  über die  Staatsunmittelbarkeit öffentlich
       registrierter Armut  und über  die bisweilen vergessene Tatsache,
       daß hierzulande nichts umsonst zu haben ist: Selbst die Armen er-
       halten "den  erschütternd geringen Sozialhilfesatz" 1) nur um den
       Preis der Erniedrigung. Findige Kontrolleure des Sozialamtes for-
       schen nicht  bloß nach verborgenen Reichtümern, sondern auch nach
       den Akteuren eheähnlicher Verhältnisse; Leute, die jahrzehntelang
       gearbeitet haben,  unterliegen plötzlich  dem armenrechtlich  be-
       gründeten Arbeitszwang,  zur Prüfung der Arbeitsbereitschaft, wie
       es im Jargon des BSHG umschrieben wird.
       Die weitere  Vergesellschaftung der  Armut gehört zu den bestpro-
       gnostizierten  Phänomenen  zukünftiger  Entwicklung.  Damit  sind
       prinzipiell zwei  Varianten staatlicher  Regulierung eröffnet: 1.
       die autoritäre,  im Grenzfall faschistische Version: Zwangsarbeit
       für die  Arbeitslosen, Entziehung des physischen Existenzminimums
       im Falle  hartnäckiger Arbeitsverweigerung  - wer nicht arbeitet,
       soll auch  nicht essen.  2. die permissive Version: die Entkoppe-
       lung von  Arbeit und Einkommen wird als Möglichkeit individueller
       Reproduktion gesellschaftlich toleriert - wer nicht arbeiten kann
       (darf oder will), soll wenigstens essen.
       
       2. Der große Wurf: das garantierte Mindesteinkommen (GME)
       ---------------------------------------------------------
       
       Im breiten  Spektrum der bundesdeutschen Linken - unter Sozialde-
       mokraten, Grünen, Sozialisten und Kommunisten - besteht Einigkeit
       bezüglich negativer  Optionen: daß die autoritäre, gar faschisti-
       sche Variante  staatlicher Steuerung tunlichst zu verhindern sei.
       Ähnlich allgemein verbreitet ist die Einsicht, daß ausschließlich
       negative Optionen nicht ausreichen, unerwünschte Entwicklungen zu
       verhindern. In  diesem Kontext markiert der von Teilen der Grünen
       in die  Diskussion gebrachte  Vorschlag eines garantierten Minde-
       steinkommens die  bisher umfassendste  Perspektive zum  Umbau des
       Sozialstaats, deren  Radikalität mit den entwürdigenden Praktiken
       bisheriger Armenpolitik gründlich aufzuräumen verspricht.
       Gravierende Probleme erfordern heroische Lösungen: "Dem Zaghaften
       ist immer  alles zu  früh. Die Mutigen hingegen ahnen: wir stehen
       an einer  Schwelle." 2)  Bleibt zu prüfen, ob das GME tatsächlich
       jenen Mut  zum Inhalt  hat, der die Angst vor der Zukunft verrin-
       gert, oder  nur der  Tollkühnheit Sprache  verleiht, die sich mit
       radikaler Gebärde um die Berechnung des Risikos drückt.
       Zu Recht  berufen sich  die Befürworter  des GME auf die im Rück-
       blick konstatierbaren  historischen Gesetzmäßigkeiten in der Ent-
       wicklung des  bürgerlichen Sozialstaates. Der in kapitalistischer
       Frühzeit unbedingte  Nexus von  Arbeiten und  Essen wurde mit der
       Errichtung und  dem Ausbau  des Sozialstaates  sukzessive  aufge-
       weicht: Versicherungsrechtlich  begründete monetäre  Transferlei-
       stungen blieben zwar auch weiterhin an den Lohnarbeiterstatus ge-
       bunden; ihrer teilhaftig zu werden, genügte es jedoch, gearbeitet
       zu haben  (Rentenversicherung) oder Arbeitsbereitschaft zu zeigen
       (Arbeitslosenversicherung). Der  Endpunkt dieser Entwicklung deu-
       tet sich  als "kategoriale Möglichkeit" an: die vollständige Ent-
       koppelung von Arbeiten und Essen. 3)
       Freilich: Auch  den Befürwortern  des GME ist die Einsicht geläu-
       fig, daß  historische  Gesetzmäßigkeiten  sich  nicht  mechanisch
       durchsetzen, sondern eines geschichtsmächtigen Subjekts bedürfen,
       um die  Materialität des  Faktischen zu  erlangen. Dieses Subjekt
       zur Durchsetzung  des GME  ist indes  noch nicht  recht in Sicht,
       braucht, um  sich zu  konstituieren, die  verlockende und antrei-
       bende Vision einer besseren Zukunft, den spornenden Reiz des Uto-
       pischen.
       Womit wir den philosophischen Hochsitz der Geschichtstheorie ver-
       lassen und genötigt sind, uns im Dickicht des Konkreten zu orien-
       tieren. Zu  klären sind: Höhe und Finanzierung des GME, sein Ver-
       hältnis zu  den Leistungen der bestehenden Institutionen sozialer
       Sicherung, befürchtete  oder erhoffte  Auswirkungen auf  den  Ar-
       beitsmarkt und die Reproduktion der Arbeitskraft.
       a) Höhe des  GME: Die  Angaben schwanken zwischen 800 und 1200 DM
       pro Person  (für Kinder bis 15 Jahre jeweils die Hälfte); bezogen
       auf die  demographische Klischeefamilie  (2 Erwachsene, 2 Kinder)
       ergäbe dies  ein Haushaltseinkommen  zwischen 2400  und 3600 DM -
       beides könnte  (nicht nur) Arbeiter in den unteren Lohngruppen zu
       Überlegungen veranlassen,  sich der Widrigkeiten kapitalistischer
       Lohnarbeit zu entschlagen.
       b) Finanzierung: Sämtliche  vorgeschlagenen  Finanzierungsmodelle
       berücksichtigen ausschließlich  die Einkommensteuer, Vermögen und
       Produktivitätsgewinne bleiben  unangetastet. Damit die Einkommen-
       steuer die benötigten Geldmengen abwirft, bedarf es einer deutli-
       chen Erhöhung  der Anfangsbesteuerung  und der darauf aufbauenden
       Progressionskurve: "Anderweitige Einkommen müßten beim garantier-
       ten Bürgergehalt  bereits bei geringen Beträgen ziemlich hoch be-
       steuert werden (...) (Anfangsbesteuerung ca. 50 %...)". 4)
       c) Verhältnis zu  den bisherigen  Leistungen sozialer  Sicherung:
       Während die  Befürworter eines  hohen GME die Frage unbeantwortet
       lassen, ob  dieses die derzeitigen staatlichen und versicherungs-
       rechtlichen  Transferzahlungen  ergänzt  oder  ersetzt,  plädiert
       Opielka für  eine Substituierung  der Sozialhilfe  durch das GME,
       schlägt jedoch  gleichzeitig vor, die Sozialversicherung beizube-
       halten. 5)
       d) Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Reproduktion der Ar-
       beitskraft: Die  Prognosen reichen von beweiskräftigen Aussagen -
       "Verringerung der  mit dem Sozialstaatsprinzip verbundenen staat-
       lichen Kontrolle  und Überwachung"  6) - bis zu euphorischen Aus-
       blicken in  eine Zukunft  heiterer Genügsamkeit:  "a) gesamtwirt-
       schaftlicher Nutzen:  Förderung der allgemeinen Produktionsbedin-
       gungen und  Reduzierung sozialer  Kosten  der  Produktion,  (...)
       Stärkung von  Mobilität, Flexibilität  und Soziabilität  (jeweils
       allerdings in  ökologischer Diktion, etwa: Instandsetzung verlas-
       sener Ländereien,  Entstädterung, gegenseitige Hilfe etc.), Teil-
       finanzierung von Eigenarbeit und -initiative, Förderung eines in-
       novativen Klimas  (...) b) einzelwirtschaftlicher Nutzen: Vermin-
       derung betrieblicher Konflikte aufgrund gestiegener Arbeitsplatz-
       zufriedenheit wegen des fließenden Übergangs von Arbeit und Frei-
       zeit (...)  c) ökologische  Effekte: weitestgehende Förderung von
       Selbsthilfe und  Selbstversorgung zur Entstaatlichung, Entkommer-
       zialisierung, Entschuldung und Entökonomisierung der Gesellschaft
       - durch  private  und  kollektive  Erbringung  vormals  verstaat-
       lichter, vergesellschafteter  Hilfsdienste ('kleine  Netze'...)."
       7) Gerhardt  und Weber  greifen in ihren Prophezeiungen energisch
       über reale  Zustände hinaus:  In ihren  Augen taugt  das GME  als
       "sozialpolitische Abfederung  des Wertewandels",  8) was immerhin
       unterstellt,  daß   dieser  sich   gegenwärtig  in  vollem  Gange
       befindet.
       
       3. Das Garantierte Mindesteinkommen:
       ------------------------------------
       ein großer Wurf, der die Falschen trifft
       ----------------------------------------
       
       Die Befürworter  des GME  neigen dazu, die möglichen (und vorher-
       sehbaren) Reaktionen der herrschenden Klassen höflich zu ignorie-
       ren, geraten angesichts der Zustimmung unerwünschter Bündnispart-
       ner regelmäßig  in schamhafte  Verlegenheit: So  wird zwar  regi-
       striert, daß  mit Milton Friedman ein knallharter Vertreter mone-
       taristischer Reaganomics  ähnliche Einfalle  zukünftiger sozialer
       Sicherung verbreitet,  zugleich aber  eindringlich beteuert,  daß
       man es  völlig anders  gemeint habe.  Eine korrekte  Einschätzung
       bundesdeutscher Machtverhältnisse sollte jedoch darüber belehren,
       daß derzeit alle Möglichkeiten gegeben sind, selbst beste Absich-
       ten in ihr Gegenteil zu verkehren. Jene berücksichtigend, ergeben
       sich bei  Einführung eines  GME mögliche  Folgen, die breiter Zu-
       stimmung kaum mehr verdächtig sind.
       Das GME ermöglicht die allgemeine Option arbeitsmarktexterner in-
       dividueller Reproduktion  - da seine Kosten aber gleichzeitig aus
       den Arbeitseinkommen  aufgebracht werden, muß zugleich gewährlei-
       stet sein,  daß der gesamtgesellschaftliche Lohn- und Einkommens-
       fond jene Summe erreicht, die als genügend erachtet wird, die Ko-
       sten des  GME zu  finanzieren. Es muß also verhindert werden, daß
       die tendenziell allgemeine Option arbeitslosen Einkommens sich zu
       faktischer Allgemeinheit  auswächst. Der  Verdacht, daß dies ein-
       treten könnte,  wird hier  genährt von der Beurteilung der Bedin-
       gungen kapitalistischer  Lohnarbeit: Diese  sind nur in Ausnahme-
       fällen geeignet,  die "Verwandlung  der Arbeit  in das vorrangige
       Lebensbedürfnis des Menschen" voranzutreiben.
       Wenn derart  sozialistische Hoffnungen  hierzulande ihren  realen
       Bezug also  gründlich verfehlen,  sind Maßnahmen ins Auge zu fas-
       sen, die  die Gefahr  der Überbeanspruchung  des GME systematisch
       verringern. Die  Alternative zwischen permissiven und autoritären
       Strategien schlägt damit durch auf die konkrete Ebene des GME.
       Die autoritäre  Variante besteht in der selektiven oder allgemei-
       nen Wiederbelebung  der Zwangsarbeit.  Während ein selektiver Ar-
       beitszwang nur bestimmte Arbeiterfraktionen erfaßt und derart die
       Spaltung der  Klasse vertieft,  muß ein  allgemeiner Arbeitszwang
       nicht notwendig  zu faschistischen  Formen  staatlicher  Arbeits-
       marktsteuerung führen. Denkbar sind Modelle einer zeitlich befri-
       steten Arbeitspflicht,  deren Absolvierung  erst  das  unbedingte
       Recht auf  ein GME  begründet. Josef Popper-Lynkeus - ein faschi-
       stischer Neigungen  durchaus unverdächtiger  Sozialreformer - hat
       diesen Vorschlag schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Dis-
       kussion gebracht. 9)
       Wahrscheinlicher ist  jedoch eine  liberale, marktkonforme Lösung
       des Problems: Das GME fungiert dann als Instrument wirkungsvoller
       Feinsteuerung des Arbeitsmarkts. Reicht der gesamtgesellschaftli-
       che Lohnfonds  zur Finanzierung  nicht aus,  besorgt eine Senkung
       des GME  die nötige zusätzliche Arbeitsmotivation. Das GME dürfte
       sich vor allem dort als verlockend erweisen, wo "die Widerwärtig-
       keit der  Arbeit (in  demselben Maße)  wächst, (wie) der Lohn ab-
       nimmt." 10)  Wenn es  sich dabei um Tätigkeiten handelt von hohem
       gesellschaftlichem  Nutzen  (etwa:  Müllbeseitigung,  Kanalreini-
       gung), bleibt  - um die allgemeine Flucht ins GME zu versperren -
       neben  Arbeitszwang   nur  noch   die  Anreicherung  solcher  Ar-
       beitsplätze mit  zusätzlichen Lohnanreizen. Dagegen mag unter so-
       zial-  und  arbeitsmarktpolitischen  Aspekten  wenig  einzuwenden
       sein, dennoch  sollte bedacht  werden, daß  durch diese Strategie
       des Lohnanreizes  sich die  derzeitige Lohnskala  erheblich  ver-
       schieben, wenn  nicht sogar tendenziell umkehren wird. Dabei sind
       allerdings kaum  die Einkommen  von Aufsichtsratsvorsitzenden und
       Staatssekretären bedroht;  statt dessen  werden die Einnahmen aus
       wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeit merklich nach un-
       ten driften.
       Zu erinnern  ist an  die finanzpolitische  Voraussetzung des GME:
       Sämtliche Arbeitseinkommen werden steuerlich erfaßt und mit einem
       Anfangssteuersatz von  50% belegt.  Dessen progressive Steigerung
       wird rasch  eine Höhe erreichen, die banale, aber triftige volks-
       wirtschaftliche Einsichten  ignoriert:  Konfiskatorische  Steuern
       beseitigen nicht  nur jede  rationale Motivation  zur Lohnarbeit,
       sondern fördern  zugleich die  Ausdehnung von  Schwarzarbeit  und
       Steuerhinterziehung. Und  in welchen  Kreisen letztere verbreitet
       ist, bleibt  den Grünen  nicht verborgen: "Es wird geschätzt, daß
       rund zwei Drittel der Einkünfte aus selbständiger Arbeit, 70% der
       Zins- und  Kapitaleinkünfte und  mehr als  50% der  Einkünfte aus
       Vermietung und Verpachtung der Finanzverwaltung verschwiegen wer-
       den." 11)  Der Steuerhinterziehung  ließe sich  auf die  Schliche
       kommen durch  quantitativ und qualitativ verbesserte Personalaus-
       stattung der  Finanzbehörden - daß dies jedoch bisher unterblieb,
       ist gerade  Ausdruck jener Machtverhältnisse, die auch durch Ein-
       führung des GME nicht angetastet werden.
       Durch das GME könnte eine Dualisierung der Arbeiterklasse in Gang
       gesetzt oder  zumindest verschärft  werden, die mit den anmutigen
       Alternativ-Konzepten grüner  Dualwirtschaft  mitnichten  überein-
       stimmt. "Während  sich für  Normalbetriebe die Kalkulationsgrund-
       lage durch  ein Mindesteinkommen  zunächst nicht  verändert - der
       Vorteil fällt  ja nur  beim einzelnen Beschäftigten an ", könnten
       Kollektivbetriebe den individuellen Vorteil ihrer Mitglieder dazu
       verwenden, mit  geringeren Arbeitskosten  zu kalkulieren;  da bei
       ihnen kein  Lohnarbeiterstatus existiert  bzw.  der  Lohnarbeiter
       zugleich Unternehmer  oder Gesellschafter  ist, könnten  sie ihre
       Leistungen - zumindest bei arbeits- und lohnintensiver Produktion
       - entsprechend  billiger anbieten. Normalbetriebe und Einrichtun-
       gen wären  in Teilbereichen  des Handwerks-, Handels- und Dienst-
       leistungsgewerbes nicht  mehr konkurrenzfähig; sie liefen Gefahr,
       aus dem  Markt ausscheiden  zu müssen."  12) Die  hier ausgemalte
       "Zukunft der Arbeit" ist insofern noch von zu optimistischen Ein-
       schätzungen geprägt,  als sie klassenanalytische Kategorien nicht
       auf den informellen Sektor überträgt, sondern umstandslos voraus-
       setzt, daß  dort der  Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital allge-
       mein überwunden  ist. Peter  Glotz sieht da schon klarer und ver-
       merkt Erscheinungsformen der Klassenspaltung auch im alternativen
       Sektor: "Wenn  dieses Modell  nun gesellschaftlich  weiter ausge-
       dehnt werden soll, bekämen wir einen neuen Typus von Lohnabhängi-
       gen parallel  zum alten,  der sich von diesem dadurch unterschei-
       det, daß  er keine  Interessenvertretung, keine  ausreichende so-
       ziale Absicherung und ein minimales Einkommen hat." 13)
       Die Aussparung  klassenanalytischer Kategorien  markiert eine der
       folgenreichsten Lücken  grüner Gesellschaftstheorie  und  fördert
       die Neigung,  vom Individuum aufs menschliche Gattungswesen über-
       zuspringen und  sich der  Komplikationen empirisch-konkreter  Ge-
       sellschaftsanalyse zu entschlagen. Solches Versäumnis mag bei der
       Behandlung ökologischer  Fragen noch den Schein plausibler Fakti-
       zität für  sich reklamieren, rächt sich jedoch spätestens bei der
       Bearbeitung sozialpolitischer  Probleme. Da  der Konsument gewis-
       sermaßen als  die empirische  Erscheinungsform  des  menschlichen
       Gattungswesens firmiert,  ist es  nur konsequent, wenn dieser zum
       Gegenstand und  Träger sozialpolitischer  Entwürfe überhöht  wird
       und immense  gesellschaftliche Fonds  ausschließlich dazu  reser-
       viert werden, die individuelle Konsumentensouveränität finanziell
       abzusichern. Die  mit dem GME verbundene, warenförmige Vergesell-
       schaftung des  Existenzrisikos führt  zur konsumptiven Vergeudung
       gesellschaftlicher Ressourcen und verbaut sozialpolitische Optio-
       nen, die  auf eine  Verbesserung der  Lebensverhältnisse  zielen,
       ohne sich zugleich der Warenform zu fügen.
       Die Konsumentenborniertheit  des GME  kommt auch  darin zum  Vor-
       schein, daß  es zwar die Subventionierung der Lohnkosten alterna-
       tiver Projekte beinhaltet, darüber hinaus aber auch den Verzicht,
       die Produktion  im zentralen  Sektor gesellschaftlicher Kontrolle
       zu unterwerfen.  Derart wird das GME zum angemessenen sozialpoli-
       tischen Ausdruck  einer resignativen  Kapitalismuskritik,  die  -
       durchaus konsequent - mit allen sozialpolitischen Traditionen der
       Arbeiterbewegung bricht:  Von den Forderungen der kommunistischen
       Partei in  Deutschland aus dem Jahre 1848 bis zum Aktionsprogramm
       der SPD  1954 knüpfte  proletarische Sozialpolitik  grundsätzlich
       und nahezu  ausschließlich am Produzentenstatus des Arbeiters an,
       zielte auf  Produktionskontrolle, verbesserte  Arbeitsbedingungen
       und Schutz der menschlichen Arbeitskraft. Damit solche Programma-
       tik auch  tatsächlich der  Gesamtheit der Klasse zugute kam, for-
       derten die Parteien der Arbeiterbewegung nicht bloß ein allgemei-
       nes Recht auf Arbeit, sondern einen umfassenden Arbeitszwang. 14)
       Bei dem  Versuch,  Formen  vergesellschafteter  Existenzsicherung
       ausschließlich an den Produzentenstatus zu binden, erlag freilich
       die Arbeiterbewegung  einem folgenschweren  Versäumnis: Da es ihr
       im Rahmen einer kapitalistischen Arbeitsverfassung nicht gelingen
       konnte, das  Recht auf  Arbeit faktisch  zu sichern,  spielte sie
       jene proletarischen  Individuen, die  aus der  gesellschaftlichen
       Produktion herausfielen,  den widerlichen  Praktiken bürgerlicher
       Armengesetzgebung in  die Hände  und erleichterte  damit die Auf-
       spaltung der  Arbeiterklasse  in  rigoros  voneinander  getrennte
       Fraktionen. Insofern  markiert die Abkehr von einer produzenteno-
       rientierten Sozialpolitik,  deren weitgehende Ersetzung durch die
       monetären Gratifikationen  der Sozialversicherung  einen Klassen-
       kompromiß, der  im Kontext  der Bismarckschen  Sozialgesetzgebung
       als tauglich  erachtet wurde, die politische Knebelung der Arbei-
       terbewegung durch die Sozialistengesetze zu verzuckern.
       
       4. Durchsetzungsstrategien
       --------------------------
       
       Die Befürworter  des GME  befinden sich in einer wenig beneidens-
       werten Situation:  Vergleichbar den  fortschrittlichen Bürokraten
       zu Zeiten der preußischen Agrarreformen, sind sie sich des Wider-
       stands der  herrschenden Klassen gewiß, zugleich fehlt ihnen aber
       die machtvolle  Unterstützung derjenigen, deren Befreiung vorran-
       gig in  Rede steht. Die historische Parallele schlägt durch: Auch
       den Befürwortern  des GME  bleibt, dieses  durchzusetzen, nur der
       Versuch, den  Herrschenden weiszumachen, daß das, was als Befrei-
       ung der Armen daherkommt, sich bei nüchterner Überlegung auch als
       im wohlverstandenen Interesse jener erweisen wird. "Des Produkti-
       onsfriedens wegen  würden sie das Mindesteinkommen herausrücken -
       nicht zuletzt auch deswegen, weil das eine Schwächung des anderen
       Sozialpartners, der  Gewerkschaften, zur  Folge hätte: die Unter-
       nehmer behalten  die immer profitträchtigere Maschinerie, die Ge-
       werkschaften aber verlieren an Klientel." 15)
       Ist nur noch zu hoffen, daß derart subtile Reklame bei den Unter-
       nehmern nicht  verfängt. Wenn doch, gibt's für die Arbeiterklasse
       ein böses Erwachen. Reformen ohne historisches Subjekt werden re-
       gelmäßig mit  hohen Preisen bezahlt: Die preußischen Bauern zahl-
       ten ihre  Befreiung von  feudalen Lasten  mit  Landabtretung  und
       jahrzehntelanger Verschuldung. Womit zahlen die westdeutschen Ar-
       beiter die Befreiung von den Lasten der Armengesetze? Mit der Be-
       seitigung der Sozialversicherung und schmerzhaften Löchern im Ta-
       rifvertrag? Das GME als adäquate Fortsetzung des "preußischen We-
       ges"?
       
       5. Ein Vorschlag
       ----------------
       
       Die negative  Bewertung des  GME wird  zum folgenlosen  Genörgel,
       wenn sie  dabei die  Anlässe berechtigter  Sozialstaatskritik aus
       den Augen  verliert; zweifelsohne  ist es  angebracht, Regelungen
       über Mindesteinkommen  für jene  Bevölkerungsgruppen einzuführen,
       denen die  Übernahme des  Produzentenstatus nicht  mehr oder noch
       nicht zugemutet  werden kann: Sinnvoll ist allemal die Einführung
       von Mindestrenten,  eines einkommensunabhängigen  Kindergelds und
       die arbeitsmarktexterne Absicherung der Kindererziehung.
       Historisch überfällig  ist zudem die Befreiung der Armutsbevölke-
       rung von  den zudringlichen  Praktiken administrativer  Erniedri-
       gung. "Es  gibt nahe  Schritte: eine  Reform der Sozialhilfe, die
       wieder bedarfsorientierte  Regelsätze, ein  Ende der Zwangsarbeit
       (sog. 'Hilfe  zur Arbeit')  und eine Entdiskriminierung vorsieht,
       und eine  Sockelung in  den hergebrachten  Sozialversicherungen."
       16)
       Warum nicht  mit den nahen Schritten beginnen? Etwa mit einem An-
       trag der  grünen Bundestagsfraktion,  die §§  19, 20 (Prüfung der
       Arbeitsbereitschaft) und  122 (eheähnliche Gemeinschaft) BSHG er-
       satzlos zu  streichen? Die  scheinbare Harmlosigkeit  dieses Vor-
       schlags trifft ins Zentrum sorgfältig abgeschirmter Moralvorstel-
       lungen und  Arbeitsideologien und  wird in keinem rationalen Ver-
       hältnis stehen  zu den vorhersehbaren Argumenten, mit deren Hilfe
       die danach  einsetzende  sozialpolitische  Diskussion  bestritten
       wird. Die Allparteien-Koalition aus Bürgermeistern, Landräten und
       Ministerialdirigenten wird  den Untergang  des  Abendlandes  her-
       beireden, zumindest  den unmittelbar  bevorstehenden finanziellen
       Zusammenbruch der kommunalen Haushalte.
       Die Diskussion  ergäbe freilich  auch einen  blassen Vorgeschmack
       von jenen  Zuständen, die  bei Einführung des GME zu erwarten wä-
       ren.
       
       _____
       1) Peter Glotz, Freiwillige Arbeitslosigkeit!, in: Pflasterstrand
       197/1984, S. 19.
       2) Michael Opielka,  Jenseits von Armut und Kapitalismus. 20 The-
       sen zur  Begründung eines garantierten Mindesteinkommens, in: Ma-
       terialien zur  Vorbereitung der  Wochenendtagung "Soziale  Garan-
       tien" am 16./17.2.1985 in Frankfurt a.M., S. 7.
       3) Georg Vobruba,  Die Krise der arbeitszentrierten Sozialpolitik
       und die  Forderung nach einem garantierten Mindesteinkommen. Drei
       Thesen (Beitrag  zum 22.  Deutschen Soziologentag  in  Dortmund),
       1984, S. 1 f.
       4) Michael Opielka,  Das garantierte Einkommen - ein sozialstaat-
       liches Paradoxon?  - Warum ein garantiertes Einkommen den Sozial-
       staat zerstören,  retten oder  aufheben kann,  in: Befreiung  von
       falscher Arbeit.  Thesen zum garantierten Mindesteinkommen, hrsg.
       von Thomas Schmid, Berlin (West), 1984, S. 114.
       5) Michael Opielka,  Jenseits von  Armut und Kapitalismus. Thesen
       zur Begründung  eines "allgemeinen  Grundeinkommens", in:  Wider-
       sprüche 14/1985, S. 55.
       6) Axel Bust-Bartels, Das Recht auf Einkommen - eine systemspren-
       gende Reform?, in: Widersprüche 14/1985, S. 44.
       7) Klaus-Uwe Gerhardt/Arnd  Weber, Garantiertes Mindesteinkommen.
       Für einen  libertären Umgang  mit der  Krise, in:  Befreiung  von
       falscher Arbeit, a.a.O., S. 49.
       8) Ebenda, S. 60.
       9) Josef Popper-Lynkeus,  Die allgemeine  Nährpflicht als  Lösung
       der sozialen Frage, Dresden 1912.
       10) Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Par-
       tei, in: MEW 4, S. 469.
       11) Moloch Bundeshaushalt.  Erste Erfahrungen  und  Analysen  der
       Grünen im Bundestag, Bonn 1984, S. 43.
       12) Walter Hanesch, Einkommenssicherung in der Krise, in: Befrei-
       ung von falscher Arbeit, a.a.O., S. 135.
       13) Peter Glotz, a.a.O., S. 22.
       14) Aktionsprogramm der SPD 1954, in: Deutsche Parteiprogramme (=
       Deutsches Handbuch  der Politik, Band 1), hrsg. von Wilhelm Momm-
       sen, München 1960, S. 661.
       15) Thomas Schmid,  Industrie ohne  Glück -  Argumente  für  eine
       blockübergreifende  Abrüstung   der  Arbeit,  in:  Befreiung  von
       falscher Arbeit, a.a.O., S. 15.
       16) Michael Opielka, Jenseits von Armut und Kapitalismus, a.a.O.,
       S. 10.
       

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