Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       LEBENSWEISE, BEDÜRFNIS- UND PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG
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       Joachim Bischoff/Helmuth Weiß
       
       Acht Stunden sind kein Tag! -
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       Gesamtlebenszusammenhang, Habitus, Alltagsbewußtsein
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       1. Konservative Hegemonie
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       Die Einschätzung der Bedürfnis- und Persönlichkeitsentwicklung im
       Kapitalismus besitzt entscheidende Relevanz für den Vorschlag der
       Sozialisten zur  gesellschaftlichen Umgestaltung und damit zusam-
       menhängend für  die Möglichkeit  einer linken Hegemonie. 1) Diese
       ist heute  auch in erhöhtem Maße gefordert, wie nicht zuletzt die
       Tatsache zeigt,  daß die Linke sich heute mit einem erstaunlichen
       Phänomen konfrontiert sieht : Mit der schärfsten Weltwirtschafts-
       krise, die  es seit 1929 gab, ist es - entgegen allzu naiven lin-
       ken Erwartungen  - nicht  zu einem  Erstarken der sozialistischen
       Position gekommen,  sondern stattdessen  zu einer  Erneuerung der
       konservativen Hegemonie.  Die aktuelle  politische Situation, ge-
       kennzeichnet zum  einen dadurch, daß die konservativen Kräfte die
       Bevölkerungsmehrheit repräsentieren  und sich somit auch zu einem
       gewichtigen Teil  auf eine  Anhängerschaft bei den Lohnabhängigen
       stützen können, und zum anderen dadurch, daß die grün-alternative
       Bewegung 7-8%  der Wählerschaft  bundesweit hinter sich weiß, be-
       legt anscheinend  die unter  dem Stichwort  "Krise des Marxismus"
       verhandelte Einschätzung,  daß der  Marxismus angeblich überhaupt
       nicht mehr  in der  Lage sei, für die heutigen Lebensverhältnisse
       adäquate Antworten  geben zu können. Auch bei weiterer Zuspitzung
       der ökonomischen Krisenprozesse wäre es fatal zu glauben, daß ein
       eintretender Hegemonieverlust der bürgerlichen Konservativen not-
       wendigerweise den Linken zugute käme.
       Die sozialistischen  Kräfte werden nur dann mehrheitsfähig in der
       BRD, wenn  sie deutlich  machen können, daß ihr Vorschlag zur ge-
       sellschaftlichen Weiterentwicklung die Qualität des Alltagslebens
       der Menschen,  d. h. die tagtägliche Realität verbessert. Voraus-
       setzung hierfür  ist eine Analyse des Alltagsbewußtseins der Sub-
       jekte, das  die Persönlichkeitsstruktur  im Spätkapitalismus  um-
       greift. Im  folgenden soll  nun gezeigt  werden, daß  sich  diese
       Struktur auf  Grundlage der allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der ka-
       pitalistischen Produktionsweise  einerseits durch soziale und an-
       dererseits durch  individuelle Komponenten in eine Pluralität von
       Existenzweisen und somit auch Persönlichkeitsstrukturen auseinan-
       derlegt und diese sich darüber hinaus in der historischen Dynamik
       der bürgerlichen Gesellschaft stetig verändert.
       
       2. "Vom Arbeitstier zur Individualität"
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       Es ist grundlegendes Spezifikum der bürgerlichen Gesellschaft und
       Basis ihrer  Existenz, die  antagonistischen Klassen immer wieder
       als solche  zu reproduzieren.  Diese Reproduktion der Klassenver-
       hältnisse erfolgt aber unter dem Fundamentalprinzip der kapitali-
       stischen Produktionsweise, dem Äquivalententausch. Nicht das eine
       Moment schließt dabei das andere aus, sondern die Klassenstruktu-
       riertheit reproduziert  sich notwendigerweise  in  der  Form  der
       Freiheit und Gleichheit des Warentausches.
       Zugleich ergibt sich hieraus als weitere Bestimmung, daß der ein-
       zelne in  seinen Konsumformen  keinen vorausgesetzten Zwängen un-
       terliegt, er  somit in Höhe seines verfügbaren Geldes je nach ei-
       genem Belieben auswählen kann, was er sich aneignen will. "In der
       Form von  Geld ...  sieht man  es allerdings  dem Einkommen nicht
       mehr an,  daß es  dem Individuum  nur als einer bestimmten Klasse
       zugehörig, als  einem Klassenindividuum zukommt... Die Vergoldung
       oder Versilberung  verwischt den  Klassencharakter und übertüncht
       ihn ...  Daher ... die wirkliche bürgerliche Gleichheit der Indi-
       viduen, soweit  sie  Geld  besitzen,  welches  auch  die  Einkom-
       mensquelle sei." 2)
       Auch für den Lohnabhängigen besteht somit in der bürgerlichen Ge-
       sellschaft die  individuelle Freiheit, über die Formen seiner ma-
       teriellen  und  immateriellen  Aneignung  des  gesellschaftlichen
       Reichtums selbst  zu disponieren. Hierin liegt ein entscheidender
       Unterschied zu  vorbürgerlichen Produktionsweisen.  "Es ist nicht
       mehr, wie in der antiken Gesellschaft, wo von Privilegierten dies
       oder jenes  eintauschbar, sondern  alles ist  zu haben von allen,
       jeder Stoffwechsel  vornehmbar von jedem, je nach der Masse Geld,
       worin sein Einkommen sich umwandeln kann ... Beim Stand hängt der
       Genuß des Individuums, sein Stoffwechsel, von der bestimmten Tei-
       lung der Arbeit ab, der es subsumiert ist. Bei der Klasse nur vom
       allgemeinen Tauschmittel,  das es sich anzueignen weiß". 3) Weder
       an der  Qualität der  Produkte läßt sich daher eine klassenmäßige
       Bestimmung festmachen,  noch ergibt  sich umgekehrt  für die ver-
       schiedenen  Klassen   in  der   bürgerlichen   Gesellschaft   ein
       q u a l i t a t i v e r   Ausschluß von  bestimmten Produkten und
       Aneignungsformen.  Aus  der  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten
       Klasse kann  daher auch  nicht auf  die Konsumformen und die sich
       darin ausdrückenden Bedürfnisse geschlossen werden. Es gibt nicht
       einen  d i r e k t e n  Zusammenhang von Klassenzugehörigkeit und
       kultureller Lebensweise.  Die Kulturformen  sind daher auch nicht
       auf Klassenfraktionen  rückführbar. Die  immanente  Struktur  der
       bürgerlichen Gesellschaft  setzt nicht  einerseits Bedürfnis  und
       Kultur der Arbeiterklasse und demgegenüberstehend Bedürfnisse und
       Kultur des Bürgertums.
       Die Klassenstrukturiertheit  drückt sich  aus vermittelt über die
       aus der  Klassenbestimmtheit resultierende  unterschiedliche Form
       des Gelderwerbs. Die quantitative Ungleichheit von Zeit, Geld und
       Belastung führt so zu neuen, qualitativen Unterschieden, die aber
       nicht entlang  der in  der Ökonomie  festgesetzten Klassengrenzen
       laufen. "Das  Geld, als  der höchste  Ausdruck der  Klassengegen-
       sätze, verwischt  daher zugleich die religiösen, ständischen, in-
       tellektuellen und  individuellen Unterschiede ... Der qualitative
       Klassenunterschied verschwindet  so in  dem Akt  des Handels zwi-
       schen consumers und dealers in dem quantitativen Unterschied, dem
       Mehr oder Weniger von Geld, worüber der Käufer gebietet." 4)
       So sehr es darum geht, diesen wichtigen Unterschied der bürgerli-
       chen Gesellschaft zu vorbürgerlichen Epochen herauszuarbeiten, so
       unwichtig war dieser praktisch im Alltagsleben der Lohnabhängigen
       bis in die Anfangsjahre unseres Jahrhunderts hinein. Der Arbeiter
       war reduziert  auf ein  Dasein als Arbeitstier. Die Länge des Ar-
       beitstages, die  geringe Entlohnung,  die  physische  Erschöpfung
       ließen faktisch  kaum Raum zur Entwicklung von höheren Bedürfnis-
       sen und  zur Herausbildung  einer eigenen Persönlichkeit. Schlaf-
       burschenexistenz war  an der  Tagesordnung. Eine  Familie gründen
       und diese  materiell versorgen  zu können, war nicht immer zu er-
       reichendes Traumziel  der Lohnabhängigen.  Soweit die  Frau nicht
       mitarbeiten mußte,  war es für diese selbstverständlich, im Haus-
       halt ihren  Platz zu  sehen, dort  einerseits eine  Vielzahl  von
       zeitaufwendigen und  beschwerlichen Arbeiten,  wie Waschen, Stop-
       fen, Kochen  etc. zu  verrichten und darüber hinaus durch Heimar-
       beit den  Lebensstandard etwas zu heben, um so das Leben einiger-
       maßen angenehm  zu gestalten. Die erste Form von Emotionalität in
       der Familie,  in der  die Frauen  begannen, für  den Mann und die
       Kinder außerdem  etwas Geborgenheit  und emotionale Wärme vermit-
       teln zu wollen, blieb andererseits zumeist Wunschvorstellung.
       Die bürgerliche  Gesellschaft ist  aber  zugleich  gekennzeichnet
       durch das  Zwangsgesetz zur  fortwährenden Steigerung der Produk-
       tivkräfte. Resultat  dieses Gesetzes  ist die beständige Freiset-
       zung von  freier Zeit,  die aber in der bürgerlichen Gesellschaft
       zugleich unbezahlte  Mehrarbeit  darstellt.  Erst  durch  gewerk-
       schaftliche Kämpfe  gelingt es den Lohnabhängigen, an den von ih-
       nen produzierten  freien Zeitquanten  und materiellen Reichtümern
       durch Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung zu partizipieren.
       Zugleich bildet diese beständig wachsende freie Zeit die Möglich-
       keit, eine  neue Klasse  zu unterhalten, die Staatsbeschäftigten.
       Über den  Sozialstaat ergeben  sich darüber  hinaus eigenständige
       Existenzmöglichkeiten für Ältere und Jugendliche. 5) Die Klassen-
       strukturiertheit der bürgerlichen Gesellschaft löst sich bei die-
       sem Prozeß  jedoch nicht  auf, sondern  erhält nur eine bestimmte
       Entwicklungsdynamik. "Die  freie Zeit  auf Seiten der nichtarbei-
       tenden Gesellschaftstheile  basirt auf  der Mehrarbeit oder Über-
       arbeit, auf der Mehrarbeitszeit des arbeitenden Theils, die freie
       Entwicklung auf  der einen  Seite darauf,  daß die  Arbeiter ihre
       ganze Zeit,  also den  Raum ihrer Entwicklung, zur blosen Produc-
       tion bestimmter  Gebrauchswerthe verwenden  müssen...  Die  ganze
       menschliche Entwicklung, soweit sie über die zur natürlichen Exi-
       stenz der  Menschen unmittelbar  nothwendige Entwicklung  hinaus-
       geht, besteht  blos in der Anwendung dieser freien Zeit und setzt
       sie als ihre nothwendige Basis voraus ... Reichtum ist daher dis-
       posable time."  6) Der  gesamte historische  Prozeß der  Klassen-
       kämpfe löst  sich unter kulturellem Blickwinkel wesentlich auf in
       die erzwungene Verwandlung von Luxusbedürfnissen in lebensnotwen-
       dige Bedürfnisse.
       Diese in  gegensätzlichen Formen  stattfindende Reichtumsentwick-
       lung hat so im Spätkapitalismus zu einem gegenüber dem Anfang des
       Jahrhunderts deutlich veränderten Verhältnis von Arbeit und Frei-
       zeit geführt, welches sich in einer Weiterentwicklung der Persön-
       lichkeit auch  des  lohnabhängigen  Individuums  niedergeschlagen
       hat. 7)  Die Arbeit  im Kapitalismus,  gekennzeichnet durch ihren
       doppelten  Charakter   -  wesentlich   als  fremdbestimmte,  aber
       zugleich auch  als schöpferische Anwendung eigener Lebenskraft -,
       behält hierbei jedoch ihren zentralen Stellenwert im Alltagsleben
       der Subjekte.  Zugleich ist  aber ein erweiterter Nichtarbeitsbe-
       reich der Arbeitswelt an die Seite getreten, in dem nicht nur ma-
       terielle Produkte  konsumiert werden,  sondern auch sinnliche An-
       eignung stattfindet.  8) "Erst durch den gegenständlich entfalte-
       ten Reichtum  des menschlichen  Wesens wird der Reichtum der sub-
       jektiven  m e n s c h l i c h e n  Sinnlichkeit, wird ein musika-
       lisches Ohr,  ein Auge  für die  Schönheit der Form, kurz, werden
       erst menschlicher  Genüsse fähige   S i n n e,  Sinne, welche als
       m e n s c h l i c h e   Wesenskräfte sich  bestätigen, teils erst
       ausgebildet, teils erst erzeugt." 9)
       Die Entwicklung von Emotionen und Gefühlen auch für die Produzen-
       ten des gesellschaftlichen Reichtums wird so in der Spätphase des
       Kapitalismus immer  mehr möglich. Individuelle Neigungen und Vor-
       lieben können verstärkt herausgebildet werden, der kulturelle Ho-
       rizont erweitert  sich, es entsteht so auch schon im Lohnarbeiter
       des Kapitals  tendenziell ein  bedürfnis- und eigenschaftsreiches
       Subjekt. Die  frühere Eindimensionalität des Lebens, die Ausdruck
       der reduzierten  Existenz allein  als Arbeitstier  war,  wird  so
       durch eine Pluralität von Aneignungsweisen abgelöst. "... das Ka-
       pital... schafft  so die materiellen Elemente für die Entwicklung
       einer reichen  Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Pro-
       duktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr
       als Arbeit,  sondern als  volle  Entwicklung  der  Tätigkeit  er-
       scheint, in  der die  Naturnotwendigkeit in  ihrer  unmittelbaren
       Form verschwunden  ist; weil  an die Stelle des Naturbedürfnisses
       ein geschichtlich  erzeugtes getreten ist." 10) Die zentrale Auf-
       gabe besteht  heute darin,  die Widersprüche  im Bereich der ent-
       fremdeten Arbeit  und der frustrierten Individualität aufzulösen.
       Durch ein  Programm des Anders Arbeiten und Anders Leben kann der
       Übergang  zu  einer  neuen  gesellschaftlichen  Entwicklungslogik
       vollzogen werden. Nicht mehr die Verwertung des Kapitals diktiert
       die Entwicklung  des gesellschaftlichen Reichtums und die Heraus-
       bildung von  entwickelten Individualitäten, sondern die Schaffung
       von allseitig  gesellschaftlich entwickelten  Subjekten wird  zum
       Maßstab der Reichtumsentwicklung.
       Mitglieder der gleichen Klassenfraktion leben heutzutage in viel-
       fältigeren Verhältnissen als nur in der Arbeit. Ihre gesamte Per-
       sönlichkeit wird  also auch durch mehr Bezugspunkte strukturiert.
       Welchen sozialen  Habitus das einzelne Subjekt sich aneignet, er-
       gibt sich durch die Gesamtheit seiner individuellen ökonomischen,
       sozialen und  kulturellen Lebensbedingungen. Subjekte verschiede-
       ner Klassen  können sich so ein und denselben sozialen Habitus in
       ihrer Person  aneignen und  damit ihre Zugehörigkeit zu einem be-
       stimmten Lebenstil,  der selbst  nicht einer Klasse zuordbar ist,
       deutlich machen. Der Habitus ist insofern entscheidend weiter als
       allein die Klassenlage; er umfaßt auch Geschlecht, Wohnort, Reli-
       gionszugehörigkeit, sexuelle  Orientierung  etc.  und  ermöglicht
       darüber hinaus  selbst bei Aneignung eines bestimmten Lebensstils
       die individuelle  Variation desselben.  Der  angeeignete  Habitus
       wiederum strukturiert  seinerseits  Bewertung,  Praxisformen  und
       Wahrnehmungen der  Individuen bis  hin zu politischen Positionen.
       Bewußtsein heutzutage ist also nurmehr als eine Kategorie des Ge-
       samtlebenszusammenhangs denkbar.
       Der Arbeiterklasse  aus ihrer Existenz im kapitalistischen Repro-
       duktionsprozeß eine  spezifische, von anderen Klassen der bürger-
       lichen Gesellschaft unterschiedene Aneignungsweise im kulturellen
       Raum zu  unterstellen, nämlich  eine, die  geprägt ist  durch das
       Wissen um  den Ausschluß  von Kulturaneignung, kann weder theore-
       tisch begründet  werden, noch ist sie praktisch nachzuweisen. Die
       Existenz zweier grundsätzlich klassenmäßig verschiedener Kulturen
       zu behaupten, erweist sich u.E. als völlig ungeeignet, den diffe-
       renzierten Bedürfnisstrukturen  und Lebensvorstellungen der Indi-
       viduen in der bürgerlichen Gesellschaft gerecht zu werden. Statt-
       dessen ist  festzuhalten, daß im Raum der Lebensstile, der nur in
       vermittelter Form Klassenverhältnisse widerspiegelt, verschiedene
       Werthaltungen und  Normsysteme um  die  kulturelle  Vorherrschaft
       konkurrieren.
       Mit der  Weiterentwicklung der  realen Lebensverhältnisse entwic-
       keln sich  auch die kulturellen Anschauungen schrittweise weiter.
       "Mit der mobility of capital and labour und den beständigen revo-
       lutions in der Produktionsweise, daher in den Produktionsverhält-
       nissen, Verkehrsverhältnissen und Lebensweisen, die die kapitali-
       stische Produktion charakterisiert, große mobility in the habits,
       modes of  thinking etc.  des people."  11) Diese  Veränderung der
       Norm- und  Werthaltungen vollzieht sich teilweise fast unbemerkt,
       teilweise aber  auch in  harten Konflikten  sowohl innerhalb  des
       gleichen Habitus  als auch  zwischen den verschiedenen Lebenssti-
       len.
       Darüber hinaus  läuft dieser  Prozeß nicht  zeitlich gleichförmig
       ab, sondern  faßt sich  in Kulminationspunkten zusammen. Zu einer
       solchen Kulminationsphase  des Wertewandels kommt es von den spä-
       ten 60er bis Mitte der 70er Jahre. Zentral sind die Veränderungen
       im Bereich  des Geschlechter- und Partnerverhaltens, der Familie,
       der Sexualität  und der  Erziehungswerte. 12)  Ohne Anspruch  auf
       Vollständigkeit sind dazu als wesentlich zu nennen: Ehe und Fami-
       lie werden in zunehmendem Maße individueller Lebensplanung unter-
       worfen. Frauen  lassen sich  nicht mehr länger eingrenzen auf die
       Bereiche Küche,  Kinder und  Kirche. Die  bislang als  selbstver-
       ständlich, weil  natürlich  geglaubte  emotionale  Arbeitsteilung
       zwischen den  Geschlechtern wird  stärker hinterfragt  und kriti-
       siert. Wer  auf die  Ehe verzichtet, gilt nicht ohne weiteres als
       Außenseiter. Die  Familie wird  räumlich und im Selbstverständnis
       von den Herkunftsfamilien so abgekoppelt, daß diese die Selbstän-
       digkeit der  Eheleute nicht mehr wie früher beeinträchtigen. Zwi-
       schen Kindheit  in der Herkunftsfamilie und eigene Heirat schiebt
       sich eine  meist außerfamiliäre  Lebensphase in  der Jugend,  die
       auch zunehmend  weniger durch die Grundfarbe Arbeit bestimmt ist.
       Das herkömmliche  Ideal von  Familie und Ehe wandelt sich rapide,
       was seinen  deutlichsten Ausdruck  in der sich stark verändernden
       Einstellung zur Ehescheidung findet. Dahinter steht die Umwertung
       persönlicher Bindung  in eine Unterstützung individueller Entfal-
       tung und  die Umwertung  traditioneller Auffassung von Sexualität
       in einen  f ü r  s i c h  zu lebenden Erfahrungsbereich. Zugleich
       verändern sich die Erziehungsziele der Eltern in Richtung auf An-
       erkennung und  Wertschätzung größerer Selbständigkeit und Entfal-
       tung der  Kinder. Berufs-  und Ausbildungsansprüche  wandeln sich
       von Luxus- in mehr und mehr normale Bedürfnisse. Auch wenn dieser
       Wandel für Mädchen nur in sehr viel engeren Grenzen wirksam wird,
       ist es  auch hier  nicht mehr selbstverständlich, daß sie im hei-
       ratsfähigen Alter  ohne Ausbildung  und Beruf in die Ehefrau- und
       Mutterrolle übergehen.
       Dieser Wertewandel  findet aber nicht bei allen Bevölkerungsgrup-
       pen gleichermaßen statt, seine Ausprägung ist ungleichzeitig, und
       er mobilisiert Widerstand, der in einer gesellschaftlichen Gegen-
       bewegung zur  Verteidigung der traditionellen Werteordnung resul-
       tiert.
       Zugleich werden  selbst die Protagonisten dieses Wandels mehr und
       mehr frustriert.  Die mit dem Wertewandel verbundenen Anforderun-
       gen und  Ansprüche, die  zunächst als befreiende Momente erfahren
       wurden, schlagen  in vielen Fällen aufgrund der fehlenden sozial-
       ökonomischen Absicherung  des Prozesses  in ein  Gefühl der Unsi-
       cherheit und einen Eindruck der subjektiven Überforderung um. Die
       manifeste Überakkumulation des Kapitals seit Mitte der 70er Jahre
       erledigt den  Rest. Auf ihrer Basis wird die Denunziation des ab-
       gelaufenen Prozesses als Anspruchsinflation möglich, die die Öko-
       nomie zerrüttet hätte.
       
       3. Individualität, Pluralität, Solidarität -
       --------------------------------------------
       Zielpunkte sozialistischer Werthaltungen
       ----------------------------------------
       
       Linke Hegemonie  ist heutzutage  nicht mehr  möglich allein durch
       die Thematisierung  der Verhältnisse  kapitalistischer  Ökonomie,
       sondern nur  durch eine Perspektive für den Gesamtlebenszusammen-
       hang von  Arbeit und  Nichtarbeit, bei  dem die  Umgestaltung der
       Ökonomie gleichwohl  das entscheidende   M i t t e l   darstellt.
       Aus diesem  Grunde muß auch eine sozialistische Orientierung, die
       die Bündnispolitik  verschiedener Klassen als adäquate politische
       Strategie im  Spätkapitalismus ausgibt,  immer wieder  scheitern.
       Die historisch  gewachsenen Interessen von Frauen, Alten, Jugend-
       lichen, von  Ausländern, Behinderten,  Homosexuellen etc.  lassen
       sich in  einer solchen  Konzeption nur  als Annex denken, die mit
       den eigentlichen  Aufgaben der  Arbeiterbewegung nur  am Rande zu
       tun haben. Aber auch die Propagierung einer Politik der Radikali-
       sierung der  Bedürfnisse und des Gemüts, wie sie von der grün-al-
       ternativen Bewegung  vorgeschlagen wird, ist ein Weg in die Sack-
       gasse, da  sie die  gesellschaftliche Grundlage des Gefühlsreich-
       tums negiert.  Bei der  heutigen Differenziertheit von Lebensver-
       hältnissen muß  es unseres Erachtens stattdessen darum gehen, den
       Kampf um das Alltagsbewußtsein zu führen, deutlich zu machen, daß
       der Ausbau von individueller Selbstbestimmung, Pluralität und So-
       lidarität Ziel  sozialistischer Politik  ist, was  einzulösen und
       umzusetzen ist  durch eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, welche
       die Logik des Kapitalverhältnisses schrittweise überwindet.
       Dabei gilt  es den Hinweis von Block fruchtbar zu machen, daß die
       Linken zwar  wahr, aber  über Sachen,  die Rechten  betrügerisch,
       aber zu  Menschen sprechen. Die entwickelten sinnlichen Dimensio-
       nen des  Menschen, der tendenzielle Reichtum an Emotionen und Ge-
       fühlen darf  von Sozialisten nicht einfach mit Schweigen übergan-
       gen werden.  Es sind  Werthaltungen, die  sich in den politischen
       Kräfteverhältnissen ausdrücken.  Sozialisten müssen  deutlich ma-
       chen, daß es ihnen um die Verbesserung der Lebensqualität, um den
       Ausbau der  Möglichkeiten des  Subjekts zu eigenständiger Lebens-
       führung geht; alternative Wirtschafts- und Sozialpolitik ist kein
       Wert an  sich, sondern  wird nur  dann mehrheits-  und mobilisie-
       rungsfähig, wenn  sie orientiert  ist am Ziel der Entwicklung von
       bedürfnis-, eigenschafts-  und beziehungsreicher  Individualität.
       Die Konservativen sprechen fortwährend von der Freiheit des Indi-
       viduums, schnüren aber in Wahrheit durch die Entfesselung der ka-
       pitalistischen Anarchie diese Freiheit immer mehr ein. Die sozia-
       listischen Kräfte müssen darauf hinarbeiten, daß auch im Alltags-
       bewußtsein der Mehrheit der Bevölkerung sie als Kraft erscheinen,
       der es  nicht um  eine Entmündigung  und Zurücknahme des Subjekts
       durch staatliche  Bevormundung und Gängelung geht, sondern um die
       Verteidigung und  Einlösung der gewachsenen Bedürfnisse an Arbeit
       und Leben  durch eine gesellschaftliche Einflußnahme auf den öko-
       nomischen Reproduktionsprozeß.  Die  gewachsenen  und  heutzutage
       frustrierten Bedürfnisse  der Subjekte müssen unter Zurückweisung
       der konservativen  Denunziation als  Anspruchsmentalität reformu-
       liert und  als Ansatzpunkt  zur Überwindung der Krise wie zur ge-
       sellschaftlichen Reform  verdeutlicht werden. Mehr Lebensqualität
       und reichere  Individualität unterstellen  eine gute Wohnung, ge-
       sunde Umwelt und ein interessantes Wohnumfeld, wie auch einen at-
       traktiven Arbeitsplatz  und soziale  Sicherheit, da diese es erst
       möglich machen,  sich als Subjekt nicht auf eine persönliche Gna-
       denexistenz zurückgesetzt zu sehen und eine eigene Persönlichkeit
       entwickeln zu können.
       
       _____
       1) Vgl. S.  Herkommer/J. Bischoff/K.  Maldaner: Alltag Bewußtsein
       Klassen, Hamburg 1984.
       2) Karl Marx, Reflection, in: Einheit 5/77, S. 525.
       3) Ebd.
       4) Ebd. S. 526.
       5) Vgl. Sozialistische  Studiengruppen (SOST): Einführung Staats-
       theorie, Hamburg 1983.
       6) Karl Marx,  Zur Kritik  der Politischen  Ökonomie Teil  l, in:
       MEGA, Abtl. II, Bd. 3.1, S 168/169.
       7) Vgl. Sebastian  Herkommer, Arbeit und Nichtarbeit, in: Herkom-
       mer/Bischoff/Maldaner, Alltag Bewußtsein Klassen, Hamburg 1984.
       8) Vgl. J.  Bischoff/K. Maldaner:  Alltagsbewußtsein und  Lebens-
       welt, in: Prokla 53, Dez. 1983.
       9) Karl Marx,  Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahr
       1844, in: MEW, Ergänzungsband l, S. 541.
       10) Karl Marx,  Grundrisse der  Kritik der  Politischen Ökonomie,
       Berlin 1953, S. 231.
       11) Karl Marx,  Theorien über  den Mehrwert  - Richard Jones, in:
       MEW 26.3, S. 437.
       12) Vgl. Sozialistische  Studiengruppen  (SOST):  Lebenswelt  und
       Wertorientierung, Thesen  zum Wertwandel, in: Sozialismus, Marxi-
       stische Zeitschrift, 1/85, S. 41 ff.
       
       Kaspar Maase
       
       Kultur befreiter Arbeit und kämpferischen Lebens
       ------------------------------------------------
       
       10 Thesen
       ---------
       
       1. Kernstück jeder Veränderung von Lebensweise ist die Arbeitspo-
       litik -  genauer: die   G e s t a l t u n g   d e r  g e s e l l-
       s c h a f t l i c h     o r g a n i s i e r t e n    A r b e i t.
       Eine qualifizierte, anregende, befriedigende und gesellschaftlich
       sinnvolle Tätigkeit  für jeden  Arbeitsfähigen  ist  die  Voraus-
       setzung erfüllter  Lebensführung. Die  für die  Arbeit erworbenen
       und  in  ihr  betätigten  Fähigkeiten  und  Interessen,  sozialen
       Beziehungen und  Problemhorizonte, Anerkennungen  und Bedürfnisse
       bilden den  Grundstock jeder  Persönlichkeit. Ihre  Qualität ent-
       scheidet über die Lebensweise. Weitere Orientierungen sind: Abbau
       von Arbeitsteilung, Überschaubarkeit und Auflockerung, entfaltete
       Mitbestimmung  über  Form  und  Inhalt  der  gemeinsamen  Arbeit,
       gleiche Arbeit für Männer und Frauen.
       Sichere Arbeit  für jeden mit einem Einkommen, das Zuverdienen in
       jeder Form unnötig macht, und mit einem Charakter, der Flucht vor
       Zwang und  Entfremdung erübrigt,  ist die radikalste Therapie für
       viele Probleme.  Armut, dem  "Ausweg" in  Kriminalität und Drogen
       aller Art,  Abhängigkeit und  Diskriminierung von Frauen und Min-
       derheiten, arbeitsbedingten  psychosomatischen Leiden sind so we-
       sentliche (nicht alle) Ursachen zu entziehen.
       2. Befreite Arbeit  wird nicht  Spiel oder  Vergnügen. Sie bleibt
       Ort - produktiv zu bewältigender - Belastungen und Konflikte; sie
       verlangt vom einzelnen Einordnung in kollektive und gesellschaft-
       liche Pläne  und Ziele, sie bleibt in gewissem Sinn außenbestimmt
       durch die  Anforderungen und Widersprüche, die aus dem Stoffwech-
       sel mit  der Natur entspringen. Entfaltung der kulturellen Poten-
       zen sozial organisierter Arbeit verlangt daher gleichermaßen kon-
       sequente   B e f r e i u n g    d e r    M e n s c h e n    v o n
       A r b e i t.   Vordringlich betrifft dies all jene geistlosen Tä-
       tigkeiten, die  den genannten Ansprüchen am wenigsten genügen. Es
       geht insgesamt um Verringerung der gesellschaftlich organisierten
       Pflichtarbeit schlechthin  - nicht  nur als  Voraussetzung  ihrer
       gleichen Verteilung,  sondern auch  zur Verminderung von Arbeits-
       last und zur Behebung von Zeitnot.
       Chance und Herausforderung eröffnen die neuen Möglichkeiten, men-
       schliche Tätigkeit  von Maschinenlaufzeiten  und anderen  starren
       Arbeitsrhythmen abzulösen.  Die Chance  liegt darin, Raum zur be-
       friedigten, entspannten  und effektiven  Gestaltung des persönli-
       chen Zeit- und Tätigkeitsbudgets zu gewinnen. Die Herausforderung
       ist zunächst,  kapitalistische "Flexibilisierungs"-strategien ab-
       zuwehren. Indem  die Kapitaldynamik gewohnte Gliederungen von Ar-
       beit und  arbeitsfreier Zeit  auflöst, zwingt  sie die  Menschen,
       neue Strukturen  und Rhythmen  ihrer Lebensweise  zu  entwickeln.
       Nach aller Erfahrung bedeutet dies keineswegs automatisch indivi-
       duelle Befreiung  zu ungeahnten  Höhen  der  Selbsttätigkeit  und
       Selbstverwirklichung; vielmehr schlägt die Stunde von Kulturindu-
       strie und kommerziellen Massenmedien, die entstehende "Lücken" im
       Tagesablauf füllen.
       Es geht also darum, dem Bedürfnis nach "Zeitsouveränität" produk-
       tive Verwirklichungsformen  zu bieten.  Ein Problem wird z.B. die
       Zersplitterung, die  gemeinsame Aktivitäten  erschwert - etwa für
       Eltern und schulpflichtige Kinder, wenn starre Schulwoche und be-
       wegliche Arbeitszeiten  zusammentreffen. Die Schwierigkeiten sind
       auch hier um so geringer, je drastischer die Arbeitszeit verkürzt
       wird. Dann wächst die verfügbare Zeit dermaßen, daß Beisammensein
       mit Kindern,  Lebenspartnern, Freunden  ohne Mühe möglich ist. Es
       gibt keinen Grund, auf ewig am biblischen Rhythmus von Arbeit und
       Ruhe festzuhalten.
       3. Die Erschütterung bisheriger Strukturen der Lebensweise trifft
       Menschen, die  sich nach  Abbau von  Hetze und Termindruck sehnen
       und durchaus  Vorstellungen haben,  was sie  mit mehr freier Zeit
       anfangen würden.  Ein    w a c h s e n d e s    B e d ü r f n i s
       n a c h   E i g e n t ä t i g k e i t  ist seit Jahren unverkenn-
       bar. Die  Frage ist  jedoch, in  welche Richtung es gelenkt wird.
       Alle marktwirtschaftlichen Perspektiven deuten auf "Zwangs-Duali-
       sierung": Steigender  ökonomischer Druck bindet die scheinbar von
       Lohnarbeit freigesetzte  Zeit über  Zusatzerwerb und Eigenproduk-
       tion bruchlos in die Reproduktion der kapitalistischen Wirtschaft
       ein. Um  das materielle  Lebensniveau zu  halten und  ausfallende
       staatliche Sozialleistungen  zu ersetzen,  werden alle Formen des
       Zuverdienens, der  ungeschützten  Beschäftigung,  der  häuslichen
       Übernahme von Tätigkeiten, die auf dem Markt nicht mehr zu bezah-
       len sind, sowie der Eigenleistung für Gesundheit, Bildung und so-
       ziale Versorgung  außerordentlich zunehmen. Man mag das "Ende der
       Arbeitsgesellschaft" oder  "Anfang der  dualen  Tätigkeitsgesell-
       schaft" nennen  - faktisch  läuft es  auf eine  Senkung des Frei-
       heitsgrades in  der von Lohnarbeit freien Zeit durch reproduktive
       Tätigkeiten mit Zwangscharakter hinaus.
       Aus diesem  Grund hat der Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung
       Schlüsselfunktion in  einer demokratischen  Politik  der  Lebens-
       weise. Nur so wird der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse
       verringert und Raum für Alternativen geschaffen. Dies ist zentral
       für jede  Strategie der  Frauenemanzipation, die auf Abbau unent-
       geltlicher häuslich-privater  Reproduktionsarbeit   u n d  Aufhe-
       bung zwischengeschlechtlicher Arbeitsteilung angewiesen ist.
       Es geht  also darum, Freisetzung von Lohnarbeit für eine Erhöhung
       der Wahlfreiheit  von  Eigenaktivität,  für  realen  Zuwachs  von
       Selbstbestimmung zu  nutzen. Der  Ausbau materieller und sozialer
       Sicherung bildet eine unverzichtbare Grundlage dafür. Ebenso not-
       wendig sind  die  s u b j e k t i v e n  A n s p r ü c h e  u n d
       K o m p e t e n z e n   z u   e n t w i c k e l n,   d i e  "E i-
       g e n a r b e i t"   z u r   F o r m i e r u n g  d e r  K r ä f-
       t e   d e r   V e r ä n d e r u n g   b e i t r a g e n    l a s-
       s e n.   Das Fehlen direkter kapitalistischer Disziplinierung und
       Kontrolle über  derartige Tätigkeiten ermöglicht das. Auch objek-
       tiv erzwungene  "Eigenarbeit" von  Selbsthilfegruppen, Arbeitslo-
       seninitiativen, Nachbarschaften  etc. kann  Element kämpferischen
       Lebens werden:  insoweit  sie  Öffentlichkeiten,  Praxiszusammen-
       hänge, "Gegenkultur"  als Alltags-Hinterland  oppositioneller so-
       zialer Bewegungen und Klassenkämpfe schafft.
       4. Vor der  Ausführung dieses  Gedankens (in  These 8 und 9) noch
       zwei andere Probleme. Viele "grüne" Alternativüberlegungen wollen
       dem skizzierten  ökonomischen Zwang  entgehen, indem  sie die Be-
       dürfnisstruktur verändern  - nach  der Devise "Wirklich frei ist,
       wer nichts  braucht". Hier  ist nicht  über die theoretischen Ge-
       burtsfehler dieses  Ansatzes zu  diskutieren. Die These muß genü-
       gen, daß nicht das System der Bedürfnisse die menschlichen Tätig-
       keiten bestimmt,  sondern daß es umgekehrt in letzter Instanz die
       materiell determinierte  widersprüchliche Struktur  der menschli-
       chen Tätigkeiten widerspiegelt. 1) "Widersprüchlich", "in letzter
       Instanz" -  damit wird  verwiesen auf die realen Grundlagen einer
       g e z i e l t e n  A r b e i t  a n  d e r  V e r ä n d e r u n g
       v o n  B e d ü r f n i s s e n,  die zur Konzeption kämpferischen
       Lebens unverzichtbar  gehört. Historisch  haben wir zu lernen aus
       dem Scheitern aller asketischen Lebensreform-Bewegungen, die min-
       destens so  alt wie  das Christentum  sind. Die  einzige Ausnahme
       bildet vielleicht  die Funktionalisierung  asketischer Ideologeme
       für unternehmerische Kapital-Anhäufung im entstehenden Protestan-
       tismus.
       Vor diesem  Hintergrund ist  über ein  "alternatives Bedürfnismo-
       dell" für  die Bundesrepublik  zu sprechen. Umstritten sind nicht
       allgemeine Ziele  wie: Abbau  von Fixierungen  an materiellen und
       kompensatorischen Konsum;  Entfaltung sozialer,  kreativer,  gei-
       stig-ästhetischer und  emotionaler Bedürfnisse  in  Richtung  auf
       Selbstentwicklung in  Tätigkeit, Kommunikation und Muße. Umstrit-
       ten ist: Wie setzt man solche Veränderungen in Gang, und wie ver-
       hält man sich zum gegenwärtigen Stand materiellen Konsums?
       Angesichts wachsender  sozial-kultureller Ungleichheit in der BRD
       und in der Welt halte ich es für diskutabel, zu sagen: Wir wollen
       das materielle  Lebensniveau, das  ein vollbeschäftigtes Paar mit
       etwa der  Qualifikation  Facharbeiter/mittlere  Angestellte  ohne
       Kinder gegenwärtig  hat (also  eine reale  Gruppe von heute viel-
       leicht 10-15%  der Arbeiterklasse), halten und für alle Haushalte
       aller werktätigen  Klassen und  Schichten erreichbar machen (also
       mit entsprechenden Zuschlägen für Kinder, Altenpflege u.a.). Dies
       erfordert eine  gewaltige Umverteilung,  die die  Lebenslage  der
       großen Mehrheit  der Bevölkerung z.T. erheblich verbessern würde.
       Sinnvoll und  möglich ist  ein solcher Ansatz jedoch nur als Teil
       eines demokratisch  organisierten Prozesses  zugunsten der Arbei-
       terklasse und  der Völker,  die an  den Folgen  des Kolonialismus
       leiden.
       Kulturtheoretisch liegt  diesem Gedanken  die These zugrunde, daß
       das in den genannten Obergruppen der Arbeiterklasse erreichte ma-
       terielle Lebensniveau  eine derartige Entfaltung und Befriedigung
       nichtmaterieller Bedürfnisse ermöglicht, daß weitere Erhöhung ge-
       genwärtig nicht  Ziel zu sein hat. Ein Blick auf die jüngeren Ge-
       nerationsgruppen der genannten Schicht entdeckt überdurchschnitt-
       liche Offenheit  für Entwicklung sozialer und kultureller Bedürf-
       nisse  und   für  bewußteren   Umgang  mit   dem   Lebensstandard
       (Bereitschaft zu  solidarisch und ökologisch orientiertem Verhal-
       ten). Das  ist nicht automatische Folge des materiellen Lebensni-
       veaus, sondern  bestimmter bildungsmäßiger und sozial-kultureller
       Milieus innerhalb dieser Gruppen. Soziale und politische Aktivie-
       rung und Bewußtseinsbildung, Reflexion des eigenen Werte-Horizon-
       tes und  vielfältige Aneignung  kulturellen Reichtums finden sich
       hier ebenso  wie materielle  Solidarität (man müßte einmal zusam-
       menrechnen, was aus diesen Kreisen der angeblich so verspießerten
       Lohnabhängigen in  den letzten  Jahren für  Nicaragua, die briti-
       schen Bergarbeiter,  den südafrikanischen Widerstand etc. gespen-
       det wurde!).
       5. Jede auch nur halbwegs realistische Alternative wird von einer
       S c h l ü s s e l s t e l l u n g   d e r   M a s s e n-    u n d
       I n f o r m a t i o n s m e d i e n   in der Lebensweise ausgehen
       müssen. Gesellschaftlich  organisierte Arbeit  und Eigentätigkeit
       werden weiterhin die Notwendigkeit von Entspannung und Abschalten
       hervorrufen. Für die massenhafte - und durch die neuen Informati-
       onstechnologien zunehmend  der individuellen Wahl geöffnete - Be-
       friedigung von  Bedürfnissen nach  Bildung, Wissen, Unterhaltung,
       Kunstgenuß und  lokaler Kommunikation sind die elektronischen Me-
       dien optimal.  Sie sind unverzichtbar, weil nur über ihre bewußte
       Nutzung der  einzelne sich noch in der global vergesellschafteten
       Welt orientieren und verantwortlich handeln kann.
       Die Entwicklung individueller Fähigkeiten und Bedürfnisse zu kri-
       tischer Interessenwahrnehmung,  zu selbsttätiger  Aneignung  kul-
       turellen Reichtums,  zu entwickelter  persönlicher  Kommunikation
       ist also  nicht der Einbeziehung modernster Informationstechnolo-
       gien in den Alltag entgegenzustellen, wie das etwa Vorschläge zur
       Fernseh-Askese tun.  Derartige Ansprüche  sind vielmehr zu nutzen
       für Kämpfe, die die Medien der "Verwendung im Interesse der weni-
       gen" entziehen  und in  "Kommunikationsapparate des  öffentlichen
       Lebens" verwandeln,  2) in Werkzeuge progressiver gesellschaftli-
       cher Selbstverständigung.  Das beinhaltet  die systematische Ent-
       faltung der  subjektiven Fähigkeiten  zum souveränen  Umgang  mit
       diesen Instrumenten.
       6. Allgemeines   Ziel   einer   Politik   der   Lebensweise   hat
       s o z i a l e   G l e i c h h e i t   zu sein. Auch hierzu bilden
       den Schlüssel  die  U m v e r t e i l u n g  der gesellschaftlich
       organisierten   A r b e i t   a u f   a l l e   und die    E n t-
       f a l t u n g   i h r e r    p e r s ö n l i c h k e i t s p r o-
       d u k t i v e n   A n f o r d e r u n g e n   a n   B i l d u n g
       u n d   Q u a l i f i z i e r u n g   a l l e r.   Weil derartige
       Veränderungen  in  der  Kultur  erst  über  mehrere  Generationen
       greifen, ist Klarheit der Zielstellung doppelt wichtig.
       Langfristigkeit des  Wandels  und  Notwendigkeit  grundsätzlicher
       Orientierung kennzeichnen  ebenso die  Aufgabe,  gleiche  Entfal-
       tungsbedingungen für  Männer und  Frauen zu  schaffen. Materiali-
       stisch verstanden,  muß Grundlage  eine völlige  Gleichverteilung
       der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten auf beide Geschlech-
       ter sein:  in allen Berufen, Arbeiten, Funktionen so viele Frauen
       wie Männer;  weitestgehende Vergesellschaftung  reproduktiver und
       häuslicher Aufgaben;  Gleichverteilung des  "Rests" auf beide Ge-
       schlechter. Die  neuen Technologien und ihre Möglichkeiten räumen
       die letzten "Sachzwänge" weg, die dem entgegenstehen.
       7. Alternative Orientierungen  der Lebensweise sind letztlich vom
       Menschen her,  aus Vorstellungen  entfalteter persönlicher Kultur
       zu entwickeln  - nicht aus demgegenüber untergeordneten Gesichts-
       punkten wie:  sparsamer Umgang mit Ressourcen, Stabilisierung der
       Reproduktion der Biosphäre, Beseitigung der Unterentwicklung o.a.
       Im Gegensatz  zu allen "alternativen" Visionen von Bahro bis Gorz
       geht es  darum, die  Strukturen des  Lebens auszurichten  auf die
       geistige und  alltagspraktische   B e h e r r s c h u n g   d e r
       e i g e n e n  V e r g e s e l l s c h a f t u n g  durch die In-
       dividuen. Vielleicht  kann  die  Marxsche  Auffassung  von  "all-
       gemeiner Arbeit"  das integrierende Zentrum angeben: Sie trägt in
       der freien  Assoziation der  Produzenten  wissenschaftlichen  und
       gesellschaftlichen  Charakter;   in   ihre   Bildung   sind   als
       "Entwickeln von power" die Fähigkeit zur Produktion wie zum Genuß
       einbezogen; sie  ist in sich lebendig differenziert als Totalität
       der "alle Naturkräfte regelnden Tätigkeit". 3)
       Im Zentrum  stehen also  Bedürfnisse und  Interessen, Fähigkeiten
       und soziale Beziehungen, Kenntnisse und Motivationen, die zum be-
       wußten Regeln  der Widersprüche  in Produktion und Gesellschafts-
       entwicklung, Naturverhältnis und persönlichem Alltag gehören, Fä-
       higkeiten zum "Regieren" im weitesten Sinn.
       8. Von diesem Zielpunkt her lassen sich Linien ziehen, die histo-
       rische Perspektiven der Lebensweise mit gegenwärtiger Praxis ver-
       binden. Momente  des Neuen  sind überall  dort zu finden, wo sich
       Momente "kämpferischen Lebens" (L. Sève) herausbilden. Widerstän-
       diges Handeln  und gemeinsame  Interessenvertretung geben Anstöße
       für Lernen (im weitesten Sinn) und Entwicklung neuer sozialer Be-
       ziehungen; ihre  Anregungen und  Herausforderungen erweitern  den
       Horizont der Probleme und Fragen; sie brechen Selbstverständlich-
       keiten der  eigenen  Lebensform  auf  und  lassen  (nicht  selten
       schmerzhaft!) deren Widersprüche und Mängel bewußt werden. Solche
       Entwicklungen der  Persönlichkeit werden  möglich über  die Teil-
       nahme   an    sozialen   Auseinandersetzungen   und   Bewegungen.
       "Kämpferisches Leben"  ist Herausforderung,  eigenes Verhalten zu
       prüfen und  zu ändern;  es erhöht  die subjektive Kompetenz, sich
       als Person  in allen  anstehenden Umwälzungen  der Lebensverhält-
       nisse zu behaupten, indem man sich engagiert für ihre kollektive,
       gesellschaftliche Regelung.
       Wir müssen  uns streiten,  was für humane Entwicklung besser ist:
       Leben in  Kleinfamilien oder Kommunen, Arbeit im Großbetrieb oder
       in Genossenschaften,  Professionalisierung sozialer  Dienste oder
       weitestgehende Selbsthilfe,  Einheitsschule oder  Integration der
       Bildung in  die regionalen  Arbeits- und  Lebensbeziehungen  etc.
       Aber wenn  es überhaupt  einen Garanten oder ein "Rezept" für die
       humane Qualität  zukünftiger Lebensweise  gibt, dann  ist es  die
       Entfaltung der Lebenskompetenzen der Individuen in revolutionärer
       Praxis - verstanden im Marxschen Sinn als "Zusammenfallen des Än-
       derns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstver-
       änderung". 4)
       9. Dazu gehören  unabdingbar der   A b b a u   v o n   P r i v a-
       t i s m u s  und die  V e r b i n d u n g  z u  B a s i s-  u n d
       B e w e g u n g s ö f f e n t l i c h k e i t e n,   die sich von
       bürgerlicher ideologischer  Hegemonie (wenigstens  teilweise) be-
       freien (können). Frauengruppen und Wohngemeinschaften, selbstver-
       waltete Jugendzentren  und Arbeitslosen-,  Kultur-  und  Bürgeri-
       nitiativen, Belegschaften  und Mietervereinigungen, Friedensgrup-
       pen und Gewerkschaftsaktive, die Strukturen von sozialen Bewegun-
       gen, Interessenverbänden  und Parteien  haben jeweils ihre Beson-
       derheiten; all  diese Öffentlichkeiten  schließen einander  nicht
       aus, sondern  greifen in- und umeinander. Selbstverständigung und
       Erkennen der eigenen Probleme als gemeinsam und gesellschaftlich,
       Ermutigung und  Anerkennung bei  interessenvertretendem  Handeln,
       Lernen und  das Erfahren  kollektiver Lernprozesse  als unersetz-
       lich, Bewußtwerden  eigener Interessen  (persönlicher wie gesell-
       schaftlicher): dies wird verhindert durch privatistisch isolierte
       Lebensformen. Das  Abgeschnittensein von  interessenbezogenen Ba-
       sis-Öffentlichkeiten macht  die Beherrschten  zur amorphen  Masse
       einzelner, die dann durch die herrschenden Medien und Großorgani-
       sationen angeordnet werden.
       Selbstbestimmung ist  Basis-Öffentlichkeiten nicht geschenkt; sie
       verwirklicht sich  im Kampf  gegen herrschende Hegemonie. Es gibt
       keinen ideologiefreien  Raum, in dem Selbstverständigung bei Null
       begönne. Aber  ohne Öffnung  der Lebensweise für Selbstverständi-
       gung,  Selbst-Infragestellen  und  Selbstveränderung  in  gemein-
       schaftlichen Lernprozessen  ist an  Alternativen nicht zu denken.
       Beharren auf  praktischer Interessenvertretung,  wissenschaftlich
       orientiertes Verarbeiten  der Erfahrungen,  Beziehung auf opposi-
       tionelle soziale Bewegungen sind Mittel, um inhaltliche Selbstbe-
       stimmung von  Basis-Öffentlichkeiten voranzubringen  und ihre Im-
       pulse für ein kämpferisches Leben zu stärken.
       10. Kampf um  Arbeitszeitverkürzung und  Frauenemanzipation  sind
       offenbar gesellschaftliche  Konfliktfelder mit breiter Mobilisie-
       rungsfähigkeit in  der Arbeiterklasse,  die Alternativen  der Le-
       bensweise in  die Diskussion  bringen. Hier  gibt es  Chancen für
       Marxisten, die Grenzen des Kapitalismus und die Notwendigkeit ih-
       rer sozialistischen  Überwindung zu  thematisieren. Am schärfsten
       in Frage gestellt wird die Selbstverständlichkeit unserer Lebens-
       weise jedoch  durch die   Z u n a h m e   v o n  E l e n d  u n d
       U n t e r e n t w i c k l u n g  i n  d e r  W e l t.
       Hier liegt  die größte moralische Herausforderung für den Solida-
       ritätsanspruch der  Arbeiterbewegung -  und hier  sitzen die Ver-
       drängungsmechanismen am tiefsten. Wer sich aber dieser Herausfor-
       derung nicht stellt, darf keine Glaubwürdigkeit als Träger alter-
       nativer Lebensorientierung erwarten. Dies gilt besonders, weil in
       keiner Frage  die Hilflosigkeit von Appellen zu individueller Le-
       bensreform  derart  deutlich  wird:  Weder  bürgerlich-karitative
       Mildtätigkeit noch  Umstellen des Konsums auf das Angebot von 3.-
       Welt-Läden und schon gar kein Lohnverzicht können die Weichen der
       Weltwirtschaft umstellen. Ebensowenig ist die "Zuständigkeit" auf
       Nord-Süd-Kommissionen oder  Welt-Handelskonferenzen abzuschieben.
       Gefordert ist  praktischer Internationalismus  - vom  politischen
       Druck über die Solidaritätsaktion bis zur persönlichen Spende für
       antiimperialistische Befreiungsbewegungen.
       Die Herausforderung  "Unterentwicklung" macht  deutlich: Es  gibt
       keinen kurzen Weg zu Alternativen, die der einzelne für sich lebt
       in der  Beruhigung, damit sein Teil getan zu haben. Kämpferisches
       Leben heißt  auch: den  Überschuß an alternativem Wollen festhal-
       ten, der  heute noch nicht in gesellschaftlich gesicherte Lebens-
       weise umzusetzen ist, und ihn verwandeln in dauerhafte Motivation
       für  politischen   Kampf,   ohne   im   Morast   technokratischen
       "Realismus" zu  versinken. Kämpferisches Leben bereitet (uns für)
       eine Zukunft  vor, in der freies und verantwortliches Dasein All-
       gemeingut werden kann.
       
       _____
       1) Vgl. K.  Maase, Neue Bewegungen: Gesellschaftliche Alternative
       oder kultureller  Bruch?, in:  Marxistische Studien. Jahrbuch des
       IMSF 5,  1982, S.  13 f.; ders., Gedanken zur Zukunft der Lebens-
       weise,  in:  Blätter  für  deutsche  und  internationale  Politik
       2/1985, v.a.  S. 231  ff.; ders.,  Bedürfnisse verändern  -  aber
       wie?, Deutsche Volkszeitung/die tat, 22.3.1985.
       2) Bertolt Brecht,  Der Rundfunk  als Kommunikationsapparat,  in:
       ders., Gesammelte Werke, Bd. 18, Frankfurt/M. 1967, S. 133, 129.
       3) Vgl. Karl  Marx, Grundrisse  der Kritik der politischen Ökono-
       mie, Berlin/DDR 1953, S. 505, 599.
       4) Karl Marx, (Thesen über Feuerbach), MEW 3, S. 6.
       
       Rolf Schwendter
       
       Bedürfnisse, Lebenszusammenhänge, Alternativen. Thesen
       ------------------------------------------------------
       
       1) Auch wenn  es am Orte vorliegender Publikation nicht gerne ge-
       hört werden dürfte, hängt das historisch authentische massenweise
       Entstehen von  Subkulturen und alternativen Bewegungen mit der im
       Zuge der  Weiterentwicklung kapitalistischer Produktionsweise er-
       folgten Aufsplitterung  der lohnabhängigen  Klasse  (Autoren  des
       IMSF sprechen  lieber von  "Ausdifferenzierung" und  finden,  ich
       "überschätzte" diese - ich wollte, dies wäre so) zusammen.
       2) Autor(inn)en des  IMSF haben  wiederholt (und  dies zu  Recht)
       festgestellt, daß  sich Marx'  Prognose bestätigt  hat: Zwischen-
       zeitlich sind über 80% der bundesrepublikanischen Bevölkerung der
       lohnabhängigen Klasse  zuzurechnen. Doch  ist daraus aus struktu-
       rellen wie  historischen Gründen nicht die Entfaltung einer hege-
       monialen (im  Sinne Antonio  Gramscis) Arbeiterbewegung  erfolgt.
       Allein die  schon aus  der Marxschen Analyse hervorgehenden Tren-
       nungen  der   Arbeiterklasse  an  sich,  etwa  in  Mehrwertprodu-
       zent(inn)en und  Bezieher(innen) verschieden  abgeleiteter  Reve-
       nuen, in  aktiv Lohnarbeitende  und Reservearmeen,  in Handarbei-
       ter(innen) und Kopfarbeiter(innen), in Lohnarbeiter(innen) im en-
       geren Sinne  und Hausarbeiter(innen), in Werktätige leitender und
       ausführender, qualifizierter  und einfacher  Durchschnittsarbeit,
       in  sich  qualifizierende,  aktive  und  pensionierte  Lohnarbei-
       ter(innen) haben  ausgereicht, dies zu verhindern. Hierzu gibt es
       auch m.E.  strukturelle Ähnlichkeiten  zwischen  kapitalistischen
       und realsozialistischen  Gesellschaften, die  aus der  Krise  des
       Weltmarktes herrühren;  zu erinnern  ist an das Auseinandertreten
       der Interessen  der Klassenströmungen  des Gesamtarbeiters in der
       jüngsten Geschichte Polens.
       3) Um dieses  Auseinandertreten der  lohnabhängigen  Klassenströ-
       mungsinteressen bis  hin zum  feindlichen Gegensatz  erklären  zu
       können, bedürfte es nun einer Untersuchung der Tendenzen der sich
       im Verwertungszusammenhang herausentwickelnden neuen Maschinerien
       (elektronische Maschinerie, demnächst - Oskar Lafontaines "ökolo-
       gische Modernisierung" - ökologische Maschinerie), der weltweiten
       Akkumulation des  Kapitals,  der  Profitraten-  und  Revenuenent-
       wicklung. Ich  muß mich  hier  darauf  beschränken,  von  einigen
       vorläufigen Resultaten auszugehen, die denn (zu Unrecht) als vor-
       ausgesetzt erscheinen müssen: von der Erweiterung, Verallgemeine-
       rung und  Immaterialisierung der  Maschinerie; der  tendenziellen
       reellen Subsumtion  der Kopfarbeit  unter das Kapital; der Simul-
       taneität unterschiedlichster Produktionsformen, die beiden Momen-
       ten (und noch einigen weiteren) geschuldet sind.
       4) Selbstredend gehe auch ich davon aus, daß es einen Restbestand
       von gemeinsamen  Interessen der Lohnabhängigenklasse, des gesell-
       schaftlichen  Gesamtarbeiters,   gibt.  Sicherlich  will  jede(r)
       Lohnabhängige (selbstredend  wiederum einschließlich  der  Reser-
       vearmeen) einen  möglichst hohen  Lohn oder  doch jedenfalls eine
       Leistung umverteilter  Revenuen jedenfalls in der Höhe des histo-
       rischen Existenzminimums,  eine abnehmende Dauer der Lohnarbeits-
       zeit und die entsprechende Sicherung von Revenuen für die Zeitab-
       schnitte der  Qualifikation und  des Ruhestands.  Doch merke  ich
       schon bei meiner Vorsicht im Gebrauch obiger, das Allgemeine dar-
       stellender Formulierungen, wie sehr es sich hier um eine Abstrak-
       tion, um das allerabstrakteste gemeinsame Interesse handeln muß.
       5) Sicher, daß  die Produktion und ihre Formen im Zentrum der di-
       versen Klassenströmungen  steht - oder gerade (bei einem Teil der
       Reservearmeen) ihre  Abwesenheit. So gut wie jede Form der infla-
       tionierten "Arbeit",  und sei  es Traumarbeit,  Beziehungsarbeit,
       Hausarbeit, Vermittlungsarbeit,  kann bei Bedarf der Mehrwertpro-
       duktion unterworfen  oder zu Lasten umzuverteilender Revenuen an-
       gewandt werden.  Zum zweiten  tritt  mit  der  Herausbildung  und
       Durchsetzung elektronischer  Maschinerie die "materielle" Produk-
       tion von  Gütern tendenziell  von der  "immateriellen" Produktion
       von Zeichen,  die gleichwohl  "materielle"  Wirkungen  entfaltet,
       auseinander. Zum  dritten wälzt  (und zwar nach wie vor im Dienst
       der Mehrwertproduktion  oder auch der Einsparung von umverteilten
       Revenuen) die  elektronische Maschinerie (und die ökologische Ma-
       schinerie wird dies erst recht tun - das "Small is beautiful" ist
       nur der  antizipative Vorschein  dessen) einen  großen  Teil  der
       zeitgenössischen Produktionsformen, Betriebsgrößen, Arbeitszusam-
       menhänge, Qualifikationen  um.  Schließlich  stehen  gleichzeitig
       alle bislang  denkbaren Produktionsformen nebeneinander: elektro-
       nische und  mechanische, Software,  Fließband und  Handwerk, Ver-
       mittlungsarbeit und  formell wie reell unters Kapital subsumierte
       Kopfarbeit, bezahlte und unbezahlte, unabhängige Privatarbeit und
       elektronifizierte Heimarbeit.
       6) Der solcherarts  gewandelte  Stellenwert  von  "immaterieller"
       Zeichenproduktion, Subsumtionen  unter das  Kapital und  Vermitt-
       lungsarbeit  verändert  erneut  die  Bedingungen  kopfarbeitender
       Klassenströmungen - und, auf der alternativen Ebene, die derjeni-
       gen der intellektuellen Reservearmee. Kaum eine empirisch-progno-
       stische Arbeit,  aus der  nicht abzuleiten  ist, daß  um 2000 die
       kopfarbeitenden Klassenströmungen  gute zwanzig  Prozent der bun-
       desrepublikanischen Bevölkerung  ausmachen werden - also etwa das
       Sechs- bis Siebenfache der traditionellen Bündnisklasse, der Bau-
       ern. Weit  davon entfernt,  eine "kleine  radikale Minderheit" zu
       sein,  wie  noch  1968  (zwischenzeitlich  haben  sich  die  Stu-
       dent(inn)enzahlen in  etwa vervierfacht), bilden die Klassenströ-
       mungen der  lohnabhängigen Kopfarbeit  die Grundlage  einer Reihe
       von vielfältig  ausdifferenzierten Subkulturen  und  alternativen
       Bewegungen, wobei  insbesondere (in  dieser Hinsicht) ihre Reser-
       vearmee eine  zunehmende Rolle  spielt. Allerdings ist keineswegs
       zu vernachlässigen,  daß aus  ersteren, aus  der leitend-qualifi-
       ziert-mehrwertproduzierenden Klassenströmung lohnabhängiger Kopf-
       arbeit (MEW 23/531), auch die Derrierègarde sozialen Fortschritts
       kommt.
       7) Weiters spielt  bei der  Konstitution alternativer  Bewegungen
       eine zunehmende  Rolle, daß  infolge der  Freisetzungswirkung der
       elektronischen Maschinerie, der langfristigen strukturellen Wirt-
       schaftskrise und  dem anhaltenden  Ausbleiben der  Verkürzung des
       Normalarbeitstages -  wie zum  anderen infolge des Ansteigens der
       Vermittlungsarbeiten, der  Verkürzung der  Lebensarbeitszeit  und
       der Notwendigkeit  steigender Qualifikationsvermittlung - die An-
       zahl und  Bedeutung jener  Klassenströmungen steigt, die, in sehr
       verschiedenem Ausmaß, aus umverteilter Revenue bezahlt werden.
       8) Dies betrifft zum einen jene Klassenströmungen, die, vermehrt,
       aber ansonsten  in durchaus  herkömmlicher Weise, nicht zur mehr-
       wertproduzierenden Arbeit  angewandt werden. Aus diesen kann zwar
       schwer eine  alternative Bewegung  entstehen, doch wirkt ein nen-
       nenswerter Teil aus denselben als Drehpunktpersonen zu so gut wie
       allen alternativen Bewegungen, die es derzeit gibt.
       9) Zum zweiten  betrifft es  jene (primären) Reservearmeen, indu-
       strielle wie intellektuelle, deren potentieller Bezug zur Lohnar-
       beit staatlicherseits  angenommen wird,  und die  deshalb  umver-
       teilte Revenuen  erhalten; zum dritten ein Teil der in Qualifika-
       tion Befindlichen  sowie die  aus dem  Arbeitsprozeß  Ausgeschie-
       denen, für  die dasselbe  gilt. Beide Klassenströmungen haben ge-
       meinsam, daß  die ihnen zur Verfügung gestellte umverteilte Reve-
       nue das physiologische Existenzminimum, wenn überhaupt, nur knapp
       überschreitet. Aus  ihnen ist eine Reihe von Subkulturen und auch
       alternativen Bewegungen  entstanden (Arbeitslosengruppen, Jugend-
       zentrumsbewegung, Graue  Panther, Irrenoffensive, Krüppelgruppen,
       Junkie-Bund etc.).
       10) Viertens wird,  auch wenn dies durch die Form der Subsistenz-
       sicherung verschleiert  wird, auch die sekundäre Reservearmee aus
       umverteilter Revenue erhalten, wenn auch nicht der Staat, sondern
       der primäre  Revenuebezieher die Umverteilung vornimmt. Hier han-
       delt es  sich vor  allem um  Hausfrauen (und,  weit seltener,  um
       Hausmänner) und  um jenen Teil der sich Qualifizierenden, für den
       der Staat  die Umverteilung marginaler Revenue nicht leistet. Ein
       Teil dieser Hausfrauen bildet zusammen mit einem Teil der lohnab-
       hängigen weiblichen Kopfarbeit und ihrer Reservearmee die Frauen-
       bewegung.
       11) Schließlich korrespondieren  die vorgenannten  Folgen zeitge-
       nössischer kapitalistischer  Ökonomie mit dem Abnehmen herkömmli-
       cher (häufig  in großen Betrieben) handarbeitender, zumeist mehr-
       wertproduzierender Klassenströmungen. Diese haben den Kern histo-
       rischer alternativer Bewegungen (Arbeiterbewegung) gebildet, sind
       (im ersteren  Falle wenigstens dem Anspruch nach) in zwei politi-
       schen Parteien (SPD und DKP) hegemonial, fungieren als Drehpunkt-
       personen  wenigstens   zu   einzelnen   alternativen   Bewegungen
       (Friedensbewegung), aus  ihnen sind jedoch relativ wenige zeitge-
       nössische alternative Bewegungen entstanden (zeitweise Lehrlings-
       bewegung; manche Betriebsgruppen; Ausländergruppen).
       12) Wie bereits erwähnt, hat es in den letzten Jahrzehnten wenige
       alternative Bewegungen  gegeben, die nicht zumindest am Rande von
       der Klassenströmung  der lohnabhängigen Intelligenz und ihrer Re-
       servearmee durchzogen  worden sind. Der Gebrauchswert der Produk-
       tion lohnabhängiger  Kopfarbeit besteht zuvörderst in Zeichen, in
       Beziehungen, in  Vermittlungen; ihre  Produktionsform reicht  von
       der unabhängigen  Privatarbeit über die formelle Subsumierbarkeit
       und/oder die  (relativ, aber  auch nur  relativ, autonome) Verge-
       sellschaftung in überschaubaren Teams bis hin zur reellen Subsum-
       tion unter  das Kapital  (EDV, großindustrielle audiovisuelle Me-
       dien). Da die Produktion von Zeichen, Beziehungen und Vermittlun-
       gen im allgemeinen nicht zu Ende ist, wenn der (ebenfalls äußerst
       unterschiedlich strukturierte) Normalarbeitstag aufhört, wird sie
       - und  ihr Gebrauchswert  - gleichsam  zur zweiten  Natur  dieser
       Klassenströmungen, gleichermaßen  und oft im Zusammenhang mitein-
       ander) zur  Quelle unbezahlter Mehrarbeit und unterschiedlichster
       Reflexion auf Alternativen. Dabei werden, naheliegenderweise, die
       Zeichen etc.  oft über- und die Güter oft unterschätzt. Hinsicht-
       lich der Lohnhöhe ist - noch!
       - ein Charakteristikum  intellektueller Lohnarbeit die große Dif-
       ferenz zwischen  den umverteilten  Revenuen der  Reservearmee und
       der Revenuequelle Lohn aktiv im Arbeitsprozeß befindlicher Intel-
       lektueller. Dies  erklärt (einigermaßen)  den oft  schockierenden
       rasanten Wandel der Bedürfnisse und Lebenszusammenhänge vieler in
       den Arbeitsprozeß Eingetretener.
       13) Die Bedürfnisse  lassen sich  schlagwortartig und  beispiels-
       weise wie folgt darstellen, soweit sie alternative Züge annehmen:
       überschaubare Kollektivität  bei gleichzeitiger  Möglichkeit  von
       Ausbruchsintervallen zwecks  "Selbstentfaltung"; abwechslungsrei-
       che Arbeit; Insistieren auf den Gebrauchswert von Gütern; indivi-
       duelles Wohnen,  das aber  jedenfalls Vereinsamung vermeidet, mit
       möglichst großer  Varianzbreite (Wohngemeinschaften,  Hausgemein-
       schaften, Nachbarschaftskontakte, nahe alternative Infrastruktur)
       in einigermaßen  hübschen Altbauten;  freizügige Sexualmoral  (so
       gut wie  alle alternativen  Bewegungen, die sich auf sexuelle Ab-
       weichungen beziehen,  entspringen diesen  Klassenströmungen, auch
       wenn die  dort majoritäre Form die der konsekutiven Monogamie, am
       besten ohne formellen Ehevertrag, ist); ökologische Grundhaltung,
       wenn auch  häufig widersprüchlich  (Fahrrad, Jute  statt Plastik,
       Wolle, Naturheilmittel,  Naturkosmetik; andererseits  Auto,  (zu-
       meist legale)  Drogen, elektronische Equipments); generelle Skep-
       sis  gegenüber  Experten  (schließlich  sind  sie  häufig  selber
       welche); besonders  ausgeprägte immaterielle  Bedürfnisse (thera-
       peutische, spirituelle...).
       14) Diesem entsprechen  die Lebenszusammenhänge: Sie sind gekenn-
       zeichnet  durch   "Kollektivität  auf  Abruf  -  wie  auch  durch
       "Individualität auf  Abruf. Kaum ein(e) intellektuelle(r) Lohnab-
       hängige(r) oder Arbeitslose(r), der/die nicht Gruppenarbeiten ge-
       schrieben hat, wenn/wo dies möglich war - nur halt meistens jedes
       Mal in einer anderen Gruppe. (Ähnliches gilt für Wohngemeinschaf-
       ten.) Dem - vielleicht auch eine heimliche Einübung in die nahezu
       schon unbegrenzte  örtliche Flexibilisierung  der  lohnabhängigen
       Kopfarbeitskraft - entspricht auch die bevorzugte Vergesellschaf-
       tungsform in  nahezu allen Lebensbereichen, ob es sich um Urlaub,
       Kinderaufwachsen oder Politik handelt. Wahrscheinlich konnten nur
       in solchen  Klassenströmungen die Bürgerinitiativen als Massenbe-
       wegung entstehen.
       15) In Keimform  entsteht eine  Art des  Lebenszusammenhangs, die
       strukturell jenem  der  seinerzeit  entfalteten  Arbeiterbewegung
       entspräche. Wobei  die Gefahr  der "Lagermentalität" (Negt/Kluge)
       noch nicht ausgestanden ist. Zumeist, mit regionalen Differenzie-
       rungen, beinhaltet  er 1-4  lebenserträgliche  Stadtteile,  einen
       Vollkornladen, einen  Naturkostladen  (oder,  noch  besser,  eine
       Food-Coop), einen  Buchladen, mehrere  Kneipen, 1-4  Kommunikati-
       onszentren, ein  Frauenzentrum, eine  14-Tages- oder  Monatszeit-
       schrift (Stattzeitung), einen Copy-Shop, eine Tischlerei, ein Ta-
       gungshaus, eine  Fahrradinitiative. Sowie, überregional, eine Ta-
       geszeitung  (taz),   einen  bis   zwei  Hilfsfonds  für  Projekte
       (Netzwerk Selbsthilfe, Ökofonds), und eine Klassenströmungspartei
       der  lohnabhängigen   Kopfarbeit,  mit  Vergesellschaftungs-  und
       Repräsentationsformen, die  dieser gemäß sind - Rotationsprinzip,
       Basisdemokratie, minimaler  Hauptamtlichenapparat,  (Partei:  Die
       Grünen). In,  selbstredend kontroverser,  Planung sind eine Stif-
       tung (Dezentrale  e.V.) und  eine Bank (Ökobank) - und, sollte es
       letztere geben,  werden die  nächsten Altbauten, mit Hausversamm-
       lungen und  Konkurrenzen, auf dem Fuße folgen. Normen sind reich-
       haltig vorhanden,  aber Sanktionen  sind unbeliebt  - von der aus
       der Ethnologie,  der Kibbuz-Forschung  etc. hinlänglich bekannten
       des subkulturellen Klatsches einmal abgesehen.
       16) Die aus  staatlich umverteilten  Revenuen notdürftig subsidu-
       ierten Klassenströmungen sind da weit weniger gut dran. Was immer
       sie produzieren, erscheint als unverwertbar, ob es nun ein Schul-
       aufsatz,  die   eingekochte  Marmelade  der  Rentnerin  oder  die
       Schreibmaschinentypenzeichnung des  Behinderten ist  -  oder  als
       Output so  gut wie  unbezahlter Zwangsarbeit  (Beschützende Werk-
       stätten, Arbeitstherapie",  laubfegende Sozialhilfeempfänger). An
       Bedürfnissen entsteht  zunächst, solche  überhaupt mehr  als  nur
       formell befriedigen zu können: nicht hungern, überhaupt Wohnraum,
       ohne feuchte Wände und/oder Ratten, überhaupt eine(n) Sexualpart-
       ner(in). Sodann, auf dem nächsten Schritt zur Alternative, die je
       konkreten Bedürfnisse,  um das  Unerträgliche ihrer Lage auch nur
       einigermaßen aushalten zu können: niedrige Aufzugsknöpfe, stufen-
       lose Übergänge  etc. für Behinderte, Methadon für Jun-kies, Medi-
       kamentenabsetzung für  Psychiatrisierte, Treffpunkte  ohne Konsu-
       mationszwang für  Jugendliche. Schließlich die, den von Oscar Le-
       wis in  "Culture of  poverty" dargestellten verdächtig ähnlichen,
       immateriellen Bedürfnisse mit außerordentlich materiellen Wirkun-
       gen: autonom  leben können;  keine Heime, Anstalten, Kliniken, in
       die abgeschoben werden kann; gegenseitige Hilfe (hier könnten die
       Kopfarbeiter(innen) einiges von diesen Klassenströmungen lernen).
       17) Von Lebenszusammenhängen  hier zu sprechen, käme zunächst oft
       einem Euphemismus  gleich: wörtlich genommen, müßte viel eher von
       Lebensauseinanderhängen die  Rede sein.  Zumeist geht es zunächst
       darum, die  Vereinzelungen und  Ausgrenzungen in  gemeinsamer An-
       strengung zu überwinden. Wo es Lebenszusammenhänge gibt, entspre-
       chen sie  der "Kultur der Armut" und/oder sind von den besonderen
       Bedingungen der  Ausgrenzung geprägt  (Obdachlosensiedlungen, Ju-
       stizvollzugsanstalten). Erwies  sich das  Netzwerk fluktuierender
       Aktivitäten als  die  idealtypische  Vergesellschaftungsform  der
       lohnabhängigen Kopfarbeit,  so die informelle Gruppe (selbst wenn
       es einen  vereinsförmigen Überbau gibt) als diejenige der genann-
       ten Klassenströmungen.  Aus fünfzehnjähriger  Wahrnehmung in  der
       Praxis eines  sozialpolitischen Verbandes  mit  alternativem  An-
       spruch kann  ich hingegen  beitragen, daß  so gut wie ausnahmslos
       überregionale Vernetzungsarbeit  von Personen geleistet wird, die
       gleichzeitig  den   ausgegrenzten  Klassenströmungen   und  jenen
       lohnabhängiger Kopfarbeit  angehören (oder  angehört haben):  Ju-
       gendliche, die  Intellektuelle sind  (oder es bald werden), Irre,
       die Intellektuelle  sind, Krüppel,  die Intellektuelle sind, Jun-
       kies, die  Intellektuelle sind,  Arbeitslose, die  Intellektuelle
       sind. Und jene zehn Prozent, für die dies nicht gilt, werden, ge-
       mäß dem Diktum Antonio Gramscis, jeder Mensch sei ein Intellektu-
       eller, aber  nicht jeder Mensch habe die Funktion eines Intellek-
       tuellen, es mit der Zeit.
       18) Die Frauen,  die, wie oben angedeutet, feministische Alterna-
       tiven aufbauen  oder doch anstreben, leiden (und feiern), von der
       Produktion her  gesehen, daran (dies), daß ihre besondere Produk-
       tionsform weder  in der kapitalistischen Wirklichkeit noch in der
       kritischen Analyse  dieser zur Geltung kommt. Womöglich noch zwi-
       schen mehreren, einander gegenseitig widersprüchlichen, Produkti-
       onsformen eingespannt  (die spontan-experimentell-"assistierende"
       des Kinderaufwachsenlassens, die zweckbestimmt-isoliert-auf-wand-
       minimierende der  Haushaltsarbeit, womöglich noch die arbeitstei-
       lig-verwertungsprozeßliche der  Lohnarbeit), ist  sie in  den Zu-
       sammenhang der  "unterbrochenen Handlungsbögen"  eingespannt, wie
       dies Barbara  Sichtermann treffend herausgearbeitet (und die DDR-
       Autorin Irmtraud  Morgner zur  Grundlage ihrer literarischen Pro-
       duktion gemacht) hat.
       19) Also bezieht  sich, naheliegenderweise, das Bedürfnis aus ab-
       geleiteter Revenue  sich erhaltender  Frauen auf die Möglichkeit,
       ihre  Handlungsbögen   zu  schließen;   auf  entsprechende  Hilfe
       (insbesondere des Partners, aber auch solidarisch-informell-über-
       schaubarer Frauengruppen); auf den Primat der Subsistenz; auf die
       Produktion von  zwischenmenschlicher Kommunikation;  auf flexible
       Sexualrollen (inkl.  Bisexualität); auf  technische Produkte, so-
       weit sie sich auch ideell aneignen lassen (hier gibt es Übergänge
       zur ökologischen  Position); auf  eine Ästhetisierung des Alltags
       und des Fests.
       20) Der alternative  Lebenszusammenhang  ähnelt  strukturell  dem
       oben bei der lohnabhängigen Kopfarbeit Aufgelisteten; er ist noch
       fragiler, noch  brüchiger (Courage,  soeben  Frauenbuchvertrieb),
       und die Diskussionen sind, falls dies noch möglich ist, noch kon-
       troverser. Es  bestehen Frauenzeitschriften,  -verlage, -zentren,
       -cafés, -buchläden,  -selbsthilfegruppen, -tagungshäuser,  -hand-
       werkskollektive,  -fonds,  -archive,  -forschungsgruppen,  Still-
       gruppen, Müttergruppen,  Frauenausstellungen, -feste,  -konzerte,
       -seiten in  der alternativen  Presse; doch,  von den  Großstädten
       abgesehen, selten  so dicht,  daß sich darin jeweils mehr als ein
       Bruchteil der  produktiven und  reproduktiven Bedürfnisse  unter-
       bringen ließe.  Typischerweise sind  die (durchaus  bestehenden")
       Ansätze zu  einer Frauenpartei ausgesprochen unbeliebt; von Bran-
       chentreffen (z.B.  Historikerinnen) und  der  jährlichen  Frauen-
       universität abgesehen,  sind auch  Vernetzungszusammenhänge  kaum
       vorhanden.
       21) Die Bedürfnisse der Facharbeiterteilkulturen stehen, und dies
       gibt schon  seit 1967  nicht wenig Probleme, diametral zum bisher
       Genannten. Sie  sind gekennzeichnet  u.a. durch  strikte Trennung
       von Arbeit  und Freizeit;  starke Familienorientierung; Freude an
       Neubauwohnungen mit  möglichst vollständigem  Zubehör oder,  noch
       besser, am  Eigenheim (wenn  sich lohnabhängige  Kopfarbeiter ein
       Eigenheim zulegen,  markiert dies  häufig eine zunehmende Distanz
       von alternativen  Bewegungen); Behagen  an  Ordnung,  (groß)tech-
       nischer Entwicklung, Prestigekonsum; selbstbestimmtes Arbeiten in
       der Freizeit;  Entspannungsurlaub. Ex negative lassen sich daraus
       die gesellschaftlich aufgeherrschten, fremdbestimmt-hierarchisch-
       formell/reell subsumierten  Produktionsbedingungen aufweisen. Die
       Divergenz zwischen  Lohnarbeit und  Freizeitarbeit  weist  darauf
       hin, daß  es sich  hierbei nicht  um ein Naturgesetz handelt. Die
       politische Form ist, nach wie vor, Partei und Gewerkschaft.
       22) Nicht unerwähnt soll bleiben, daß sich als Alternative im Be-
       reich manueller  Produktionstätigkeit ein Remake der Produktions-
       genossenschaft ankündigt,  welche -  hier -  zumeist auf den Kon-
       flikt um  die Weiterführung von Konkursbetrieben aufbaut (AN Bre-
       men; Marketube  Lilie; mehrere  österreichische Firmen).  Als so-
       ziale Innovation  gegenüber  herkömmlichen  Genossenschaften  er-
       scheint hier  die Festlegung  der quantitativen Überschaubarkeit,
       sowie ein über die Mitbestimmungsregelungen hinausgehendes Ausmaß
       an Selbstverwaltung, das Marx' Rede von der "Assoziation der Pro-
       duzenten" erst anschaulich werden läßt. Im Kontext des IMSF halte
       ich es  für erwähnenswert,  daß, neben  britischen Ansätzen,  das
       vorbildlichste Kleingenossenschaftsgesetz  aus einem realsoziali-
       stischen Land,  aus Ungarn,  stammt. Bemerkenswert  ist, daß sich
       die Lebenszusammenhänge  der Arbeitenden in Kleingenossenschaften
       nicht erheblich  von jenen  aus traditionell-kapitalistischen Be-
       trieben unterscheiden.
       23) Gegen Schluß soll wenigstens das Problem angesprochen werden,
       welches naheliegenderweise  daraus entsteht,  daß aus  der Genese
       verschiedener Produktionsformen  die politischen  Vergesellschaf-
       tungsweisen lohnabhängiger  Klassenströmungen voneinander  diffe-
       rieren, und  dies zum  Teil erheblich.  Allein meine Skizze weist
       Netzwerk, informelle  Gruppe, Verein, Gruppe, Partei/Gewerkschaft
       auf, ohne  einen Anspruch  auf Vollständigkeit erheben zu können.
       Sollte die  Forderung nach  der Einheit  der Arbeiterklasse  (und
       dies, notwendigerweise,  in ihrer  Vielfalt und  Verschiedenheit)
       zwecks gesamtgesellschaftlicher  Veränderung nicht in den Bereich
       der Utopie verwiesen werden, so wäre es an der Zeit, sich darüber
       Gedanken zu  machen. W.F.  Haugs (seinerseits abstrakte) Vorstel-
       lung von der "Hegemonie ohne Hegemon" stellte diesbezüglich einen
       ersten Schritt dar, dem bislang kein weiterer gefolgt ist.
       

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