Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       LOHNARBEIT - EIGENARBEIT - DUALKONZEPTE
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       Nikolaus Dimmel
       
       Einen Begriff von Lebenszeit und Produktivität
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       außerhalb der Kapitalverwertungslogik entwickeln
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       Setzt sich  die Krise des Kapitalismus als Krise des Proletariats
       fort? Peter  1) beantwortet  diese Gorz'sche Fragestellung damit,
       daß Arbeitslose generell zur Arbeiterklasse zu zählen seien, weil
       ein klassenmäßiger  Zusammenhang zwischen  ihnen bestünde, da der
       kapitalistische Produktionsprozeß  ständig zwischen  "Attraktion"
       und "Repulsion"  zyklisch wechselt. Deshalb seien Arbeitslose im-
       mer Zuschußarbeiterbevölkerung  und  notwendige  Erscheinungsform
       krisenhafter Störungen.
       Dies greift  meines Erachtens entscheidend zu kurz: Die Feststel-
       lung, daß  die Akkumulation  beständig (?)  und relativ (?) über-
       flüssige industrielle  Reservearmeen produziere,  erklärt  nicht,
       welche Funktion  der Produktivkraftfortschritt   g e g e n    den
       Einsatz lebendiger  Arbeit ausübt.  Peter sitzt  einem statischen
       Krisenbegriff auf  und verkennt  die Dynamik der Akkumulation: Er
       verharrt in einem Horizont, welcher entweder die bürgerliche oder
       die sozialistische  Ökonomie  dichotomisch  geschieden  ausmachen
       läßt, nicht  aber Optionen  offenläßt, wie  die immer gewaltigere
       Verdrängung der  lebendigen Arbeit durch die tote im Produktions-
       prozeß sowohl  politökonomisch erklärt  als auch strategisch ein-
       gesetzt werden  kann in  Richtung einer  Demokratisierung der Ge-
       sellschaft.
       Folgende Ausführungen  versuchen kursorisch  zu umreißen, wie die
       Überakkumulations-Unterkonsumtions-Krise die  Krise der Arbeiter-
       klasse induziert  und vorantreibt  und warum  dies dorthin führen
       kann, wo  die Produktivkräfte  die Produktionsverhältnisse in die
       Luft sprengen können (Tomberg).
       
       I.
       
       Eine Diskussion um die Krise der Arbeiterklasse und -bewegung muß
       die Überlegung  des historischen  Sinnes der Arbeit hereinnehmen.
       Geeignet scheint  mir hierfür  ein  Modell  der  Entwicklung  der
       Aufhebung von reproduktiv-notwendigem Arbeiten, welches aufzeigt,
       daß  Arbeitslosigkeit  als  Lohnarbeitslosigkeit  ein  spezifisch
       kapitalistisches Produkt ist.
       Die Grundlinie  der Produktivkraftentwicklung  stellt  die  stete
       Übertragung der  Arbeitsvermögen auf  die Mechanik,  die Maschine
       dar, welche  damit nichts  anderes als  die  Vergegenständlichung
       menschlicher Arbeitsfunktionen  und -befähigungen ist. Es handelt
       sich um  die Übertragung  intellektueller Funktionen des Menschen
       auf die  tote Arbeit, um eine quantitative Aggregation der Fähig-
       keiten und Erfahrungen.
       Diese naturgeschichtliche  Eigendynamik technischer  Innovationen
       erreicht einen qualitativen Springpunkt, wenn die tote Arbeit die
       für die  menschliche Reproduktion notwendige Tätigkeit übernimmt.
       An der Zäsur zwischen einer stets zunehmenden Ersetzung menschli-
       cher produktiver  Verausgabung von  Arbeitsvermögen  durch  Werk-
       zeuge-Maschinen-Automaten-Roboter und  der Durchsetzung  der Ver-
       selbständigung der  Produktion kommen  die Arbeitskräfte wirklich
       n e b e n  den Produktionsprozeß zu stehen.
       Nur durch  die kapitalistisch-"eigentümliche" Form der Verteilung
       des  Produktivkraftfortschritts  wird  die    anthropo - l o g i-
       s c h e   (!) Befreiung  des Menschen von reproduktiver Verausga-
       bung der  Arbeitskraft zur  brachialen  Entwertung  der  Arbeits-
       vermögen und zieht die Entgesellschaftlichung der Individuen nach
       sich. Die  Arbeitsvermögen stehen  der gewaltigen Anhäufung toter
       Arbeit nunmehr   a u s g e g r e n z t   gegenüber,  sowohl ihrer
       Mehrarbeit enteignet  als auch  der Möglichkeit,  die  historisch
       verdichteten  Arbeitsbefähigungen   als  reelles   Eigentum   zur
       Lohnarbeit zu nutzen.
       Der systemimmanente  Kampf der Arbeiterbewegung gegen die Privat-
       eigentumsordnung und für die sozialpolitische Absicherung der Ar-
       beits- und  Lebensbedingungen der  Ware Arbeitskraft  muß von dem
       anthropologischen Sinn der Vergegenständlichung lebendiger in to-
       ter Arbeit ausgehen. Denn der Entwicklungsstrang der Innovationen
       mündet durch  die Krise  der organisierten  Arbeiterbewegung hin-
       durch in der Krise der Lohnarbeiterklasse.
       Die Frage stellt sich sohin nicht nur nach dem Kampf um Arbeits-,
       Lebens- und  Verwertungsbedingungen, sondern nach der Organisati-
       onsform der  Befreiung von Arbeit noch unter kapitalistischen An-
       eignungsverhältnissen. Im Folgenden möchte ich thesenhaft auf ein
       Szenario der  Aufhebung der Reproduktionsnotwendigkeit qua Arbeit
       eingehen:
       a) Die Akkumulation  entwickelt eine Selbstaufhebungstendenz über
       den Arbeitsmarkt hinaus. Die organische Zusammensetzung des Kapi-
       tals steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Einsatz le-
       bendiger Arbeit.
       b) Die Akkumulationslogik  endet bei  einer organischen Zusammen-
       setzung gegen  100%: Die  Produktivkräfte stehen  in irreparablem
       Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen.
       c) Auf dem Weg zu diesem Explosionspunkt scheidet das Kapital re-
       lativ unproduktive Kapitalien und Produktivkräfte aus dem Produk-
       tionszusammenhang aus:  hier befindet  sich der Ort der Umvertei-
       lungskämpfe, des Kampfes um Arbeitsbedingungen usf.
       d) Die Mehrwertschöpfer  befördern durch ihr bloßes Dasein in der
       Produktion die Akkumulationsapparatur ohne bewußten dysfunktiona-
       len Willensakt in die Funktionsunfähigkeit.
       e) Wenn die kapitale Logik der Verortung gewinnträchtiger Produk-
       tionsoptionen keine  Anlagemöglichkeiten mehr  findet, verweigert
       sie den  Einsatz von Produktivvermögen: Die Annahme, trotz Dequa-
       lifizierung und  Entwertung von  Arbeitsvermögen würden diese wie
       in einem  Nullsummenspiel immer  an anderer Produktionsstelle zum
       Vorschein kommen, ist falsch.
       f) Aneignung von  Mehrwert ist  Aneignung von  Lebensarbeitszeit:
       Kapitalismus ist  im Kern   Z e i t ö k o n o m i e.   Die Verge-
       sellschaftung der "Kapitalumschlagszeit" verdrängt die menschlich
       adäquaten Zeitverhältnisse.
       Die Antizipation  einer anderen  Zeitorganisation als  derjenigen
       der materiellen  Produktion unter  Rationalitätskriterien  stellt
       sich der Arbeiterbewegung als eine zentrale utopische Frage: Weil
       die in  der toten  Arbeit vergegenständlichte  Zeit die lebendige
       Zeit auf  eine gesellschaftlich  irrelevante Größe reduziert, muß
       ein Lebenszeit/Produktivitätsbegriff außerhalb der Kapitalverwer-
       tungslogik entwickelt werden.
       g) Die  menschliche   Arbeitskraft  erscheint   als   etwas   dem
       k a p i t a l i s t i s c h e n  Verwertungszusammenhang a priori
       Gesetztes, menschliche  Arbeit als  ahistorische-zeitlose Katego-
       rie.
       h) Die der  Masse der Arbeitenden verlustig gegangenen Qualifika-
       tionen sind  substantiell in die Maschinen/Automaten eingegangen,
       werden gesellschaftlich  und nicht betrieblich wegrationalisiert,
       historisch-zwangsläufig in  der sozialen  Logik der  Privateigen-
       tumsverkehrsform und nicht reaktiv-konjunkturell entwertet.
       
       II.
       
       Diese Eckpunkte hat eine Gewerkschaftsstrategie in ihrer Ausrich-
       tung auf eine humane und demokratische Gesellschaftsform einzube-
       ziehen, will sie nicht von der Gewalt der Akkumulationslawine er-
       drückt werden:
       Die Befreiung  von notwendiger  Reproduktionsarbeit endet  in der
       Möglichkeit der  Übertragung der  physischen Reproduktion auf den
       Automaten und  eröffnet die Möglichkeit für kulturelle, psychoso-
       ziale und politisch-gesellschaftliche Arbeit.
       Ein Ende der Lohnarbeiterklasse ist daher programmiert. Die Frage
       stellt sich  bloß  in  Richtung  der  sozialen  Konsequenzen  der
       Aufhebung der Arbeitsnotwendigkeit: Die reelle Enteignung der Ar-
       beitsvermögen muß  nicht  destruktiv  sein.  Lohnarbeitslosigkeit
       stellt keine  konjunkturelle Erscheinung, sondern Zweckbestimmung
       der Privateigentumsgesellschaft  dar. Eine Politik der Sozialver-
       träglichkeit neuer  Technologien, der Lohn- und Arbeitszeitkämpfe
       allein greift  hier zu kurz: Der "Zielhorizont" der Arbeiterbewe-
       gung darf  sich nicht  mit demjenigen der Produktionsmitteleigner
       decken.
       Ein Insistieren  auf das  Recht auf  Arbeit (Lohnarbeit!)  muß in
       Konsequenz davon  ausgehen, daß immer umzuverteilende Arbeit, ab-
       strahiert vom  konkurrenzbedingten  Produktionsniveau,  vorhanden
       ist. Dies  halte ich  für eine nur begrenzt effektive Überlegung:
       Weil es  den Menschen anthropologisch vorherbestimmt ist, von re-
       produktiver Mühsal  durch die  eigenen Arbeitsvermögen befreit zu
       werden, dieser  Sinnzusammenhang jedoch nur deformiert an die ge-
       sellschaftliche  Oberfläche   kapitalistischer  Ökonomien  treten
       kann, muß  es neben  anderen Bemühungen ein Ziel der abhängig Ar-
       beitenden sein,  der Reproduktions-Entfremdungs-Mühle  auch unter
       kapitalistischen Verhältnissen  zu entkommen.  Selbstverständlich
       stellt dies  unter den  existierenden  Rahmenbedingungen  gesell-
       schaftlicher Arbeitsteilung nur  e i n e  Zieloption dar.
       Dieser Entwurf  einer lohnarbeitsfreien  Produktion  und  Gesell-
       schaft noch  in der  Hülle der überkommenen könnte sich neben den
       Strategemen:
       a) Koppelung von  Arbeitszeit und  Produktivität, Produktionsaus-
       stoß und Reallohn
       b) Aufhebung taylorisierter Arbeitsteiligkeit
       c) sozialverträgliche Einführung neuer Technologien
       d) Verbesserung der Reproduktionsbedingungen der Arbeitsvermögen
       e) Verrechtlichung der Lohnarbeits- und Sozialleistungssphäre
       f) Recht auf  Arbeit und Recht auf Beschäftigung insbesondere auf
       zwei Momente konzentrieren:
       1. Durchsetzung eines Mindesteinkommens in Form einer Sozialdivi-
       dende, eines  Mindestlohnes,  gesellschaftlicher  Teilhaberrechte
       u.a.m.: Gerade  eine Entkoppelung  von Arbeit  und Einkommen wäre
       entgegen allen "inhumanen depravierenden Degenerationserscheinun-
       gen akkumulatorischer  Anarchie" eine  Entschärfung des Diszipli-
       nierungszusammenhanges der  Arbeitslosigkeit. Weil ein Soziallohn
       die sozialstrukturelle  Homogenität stabilisiert,  welche Voraus-
       setzung demokratischer  Politik ist, muß die Arbeiterbewegung ihr
       vitales Interesse an gesellschaftlicher Integration artikulieren.
       Eine Einbeziehung  der Nicht-Lohn-Arbeit  in das politische Spek-
       trum der Gewerkschaften auf der Grundlage der Einsicht, daß Lohn-
       arbeit ein zeitlich beschränkter Zustand ist, bietet Optionen der
       Humanisierung kapitalistischer Verhältnisse.
       2. Aufbau   nicht - w e r t - orientierter   Sektoren, welche von
       Produktivitätskriterien ausgehen, die über die materielle Produk-
       tions-Reproduktionssphäre hinausreichen.  Dies betrifft  im  Kern
       all jene  Bereiche, die  aus der kapitalistischen Logik nicht fi-
       nanziert werden,  die  unter  privatautonomen  Prämissen  gesell-
       schaftlich nicht organisiert werden können u.a.m.
       
       III.
       
       Die kapitalistische  Krise stellt einen Disziplinierungszusammen-
       hang dar, welcher sich in einer Krise der organisierten Arbeiter-
       bewegung niederschlägt.  Deren reduzierte gesellschaftliche Wirk-
       samkeit spiegelt  sich im  Verlust an  Klassenbewußtsein, gewerk-
       schaftlichem Selbstverständnis als Konfrontationsorganisation und
       in einem  Rückgang der  Effektivität der  Gegenwehr wider die de-
       struktiven sozialen Krisenlösungsfolgen marktwirtschaftlicher Um-
       verteilung. Je  schärfer die Krisenbewegung, desto kompromißloser
       agieren auch  die Verwalter  der Kapitalinteressen, desto deutli-
       cher wird  die Überakkumulations-Unterkonsumtions-Krise  zu einer
       Krise der  Arbeiterklasse in Form einer irreversiblen Freisetzung
       von Arbeitskräften,  marginalisierten  Sozialhilfeempfängern  und
       dem Ausbreiten der Schattenwirtschaft.
       Wenn wir  davon ausgehen,  daß die Perspektive einer Systemtrans-
       formation aufgrund  existierender Kräfteverhältnisse  und gesell-
       schaftlicher Konfrontationslinien  nicht realistisch  ist und die
       Krisenlösungsmechanismen freigesetzte  Arbeitskräfte aus dem Pro-
       duktionsprozeß überhaupt  verdrängen und dadurch die sozialstruk-
       turelle Substanz  der Arbeiterklasse  verdünnen, stellt  sich die
       Frage nach der Zielbestimmung der Arbeiterbewegung:
       Nicht perspektivisches  Verharren im entfremdeten Lohnarbeitspro-
       zeß, sondern  nur ein Übergreifen auf die Sphäre des Nicht-Repro-
       duktionsnotwendigen-Materiellen, auf alle Lebensbereiche, die dem
       privateigentümlichen Sinnzusammenhang  nicht  subsumierbar  sind,
       auf all  jene Bewegungen,  die bereits  aus dem Produktionsprozeß
       ausgegliedert sind  oder sich  der Markt-Logik  entziehen wollen,
       kann langfristig Systemveränderungsperspektiven konkretisieren.
       Die Frage  nach der Krise der Lohnarbeiterklasse ist eindeutig zu
       beantworten: Sie  ist dem  Kapitalverhältnis  "genetisch"  eigen.
       Aufgabe der Arbeiterbewegung kann es sein, die Grundlagen der Ar-
       beit, deren  Erscheinungsformen und  Bestandteile, für eine künf-
       tige, die  wirklichen Bedürfnisse  befriedigende, Gesellschaft zu
       präparieren.
       
       _____
       1) Ich beziehe mich hier kritisch auf Lothar Peter, Krise der Ar-
       beiterklasse? Krise  der Arbeiterbewegung?, in: Marxistische Stu-
       dien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 21 ff.
       
       
       Rudolf Hickel
       
       "Zukunft der Arbeit" - Thesen zur Auflösung eines Schlagworts
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       1. Zukunft der Arbeit - Zukunft des Produktionssystems
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       Unter dem neuentdeckten Formelkompromiß "Zukunft der Arbeit" wer-
       den diffus-unterschiedliche  Konzepte einer  alternativen Gestal-
       tung der  Arbeitsgesellschaft in  Abgrenzung gegenüber dem realen
       System, das  durch die  Krise und  Massenarbeitslosigkeit gekenn-
       zeichnet ist,  mittlerweile gehandelt.  Die Konzepte umfassen un-
       terschiedlichste Zielsetzungen.  Sie reichen  von einer  intensi-
       vierten keynesschen  Wirtschaftspolitik, die  innerhalb der  exi-
       stenten Strukturen  von Staat  und Wirtschaft Problemlösungen an-
       strebt, bis zu der Forderung nach dem Ausstieg aus der Erwerbsar-
       beit. Um  die Herausforderungen  an eine  Neugestaltung von Wirt-
       schaft und Staat jedoch richtig zu lokalisieren, ist es daher ge-
       boten, über  die Zukunft des  P r o d u k t i o n s s y s t e m s
       und der  damit verbundenen  Organisierung der Arbeitsgesellschaft
       unter dem  Ziel humaner  Lebens-, Arbeits- und Umweltverhältnisse
       zu streiten.  Wenn man  so will, die Frage an dieses Zukunftskon-
       zept lautet:  Warum, wann,  wie lange, für wen, für was und unter
       welchen Bedingungen wird gearbeitet?
       Nimmt man  diese Fragen als Prüfkriterien gegenüber dem aktuellen
       Produktions-  und  Verteilungssystem  bzw.  Beschäftigungssystem,
       dann fällt  auf, daß  das Thema "Zukunft der Arbeitsgesellschaft"
       durch Unternehmerverbände  und  konservative  Parteien  überhaupt
       nicht konzeptionell  diskutiert wird.  Zentral ist hier die Frage
       nach den  Wachstumschancen der  kapitalistischen Wirtschaft, d.h.
       Ausbau der  Gewinnmöglichkeiten. Menschliche  Arbeit, in Form von
       Erwerbsarbeit und  in zunehmendem Maße auch in Form von Massenar-
       beitslosigkeit "genutzt",  steht nicht im Zentrum. Sie ist Mittel
       zum Zweck  gewinnrentabler Produktion; diese definiert das Ausmaß
       der Arbeit,  die Arbeitsbedingungen,  aber auch  die Nichtarbeit,
       d.h. die Arbeitslosigkeit. Ähnlich wie die Natur und Umwelt sowie
       die Art  der Bedarfsbefriedigung steht die menschliche Arbeit als
       Mittel kapitalistischer  Produktion unter  der Regie  gewinnwirt-
       schaftlicher Anforderungen.
       Wenn wir  also über die Zukunft der Arbeit diskutieren, dann müs-
       sen wir über die Aussichten menschlicher Arbeit im heutigen Wirt-
       schafts- und  dem darauf abgebildeten Politiksystem sprechen. Die
       Antwort muß  im Kontext  dieser konzentrierten Thesenpräsentation
       kurz ausfallen,  wenn auch  damit nicht  die Aufgabe, diese immer
       wieder zu begründen, bagatellisiert werden soll: Die kapitalisti-
       sche, hochmonopolisierte  Industriegesellschaft und der durch sie
       determinierte Umgang  mit menschlicher  Arbeit hat keine Zukunft,
       wenn man  sich diesen  Begriff für gesellschaftlichen Fortschritt
       reserviert und Zukunft nicht auf den Prozeß zeitlicher Vertiefung
       ökonomischer und  damit  auch  politischer  Krisen  eingeschränkt
       wird.
       
       2. Kapitalismus in der Dauerkrise
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       Mit Blick auf entscheidende Begriffe der Diskussion über Alterna-
       tiven lassen sich Lage und Entwicklungsaussichten des gegenwärti-
       gen Systems wie folgt beschreiben:
       1. Der Streit  um reformpolitisch bzw. ökologisch gewolltes Null-
       oder gar  Minus Wachstum,  als Resultat einer berechtigten Kritik
       am kapitalistischen Wachstumstyp, ist durch die Realität kampflos
       überrollt: Das  Wirtschaftssystem befindet  sich auf die mittlere
       Frist in  einer hartnäckigen  Phase der  Stagnation. Darüber kann
       die konjunkturelle  Besserung in  den beiden letzten Jahren nicht
       hinwegtäuschen. Global  offenbart sich ein "Schrumpfkapitalismus"
       als Ergebnis  der gewinn  wirtschaftlichen und politischen Steue-
       rung mit allen negativen Konsequenzen für die Beschäftigungs- und
       Sozialabhängigen.
       Strukturell läßt  sich eine  massive Verschiebung  von der Zivil-
       zur Rüstungswirtschaft  bei Austrocknung  der für  die Lebensver-
       hältnisse  wichtigen   individuellen  und  sozialen  Konsumtions-
       möglichkeiten materieller  und immaterieller Art feststellen. Die
       über Krisenprozesse durchgesetzte Entindustrialisierung schreitet
       voran; ökonomische  Regionen werden  zu Lasten  der dort lebenden
       Menschen zerschlagen (vgl. Ruhrgebiet oder die Küste).
       2. Die Ausweitung  der Massenarbeitslosigkeit bildet das Resultat
       des systemendogenen  Prozesses  schrumpfenden  Kapitalismus':  Es
       findet  gewinnwirtschaftliche  Rationierung  menschlicher  Arbeit
       statt. Arbeit  ist nicht knapp, sie wird überflüssig gemacht. Das
       ökonomische System  vermag immer weniger Erwerbsarbeit zur Verfü-
       gung zu stellen. Dieser Ausschluß aus dem Erwerbsleben bildet den
       auf die  Spitze getriebenen  Ausdruck  abhängiger  Beschäftigung,
       denn sie  drückt sich  auch im  Zustand, überhaupt keine Arbeit -
       mit allen ökonomischen, sozialen und psychologischen Konsequenzen
       - zu  haben, aus.  Während aber die Arbeitslosigkeit voranschrei-
       tet,   verändern    sich   die    Bedingungen   der   (noch)   in
       Erwerbstätigkeit Verweilenden.
       Die Arbeitslosigkeit  wird als  Instrument der Disziplinierung in
       den Betrieben,  den Tarifverhandlungen, aber auch der Politik ge-
       nutzt. So  erklärt sich sicherlich auch die hartnäckig anhaltende
       Arbeitslosigkeit, deren  Bekämpfung eben nicht von allen Parteien
       und Interessengruppen  ernstgemeint ist.  Ihr kommt  die Funktion
       zu, die  Definitionsmacht der  Unternehmen bei der Festlegung der
       Arbeits- und  Entlohnungsbedingungen im  Sinne der  Reintegration
       von Arbeitslosen  einzig und  allein -  vor allem  gegen  gewerk-
       schaftliche Interessen - auszuüben.
       Die Lage der Beschäftigten und der Arbeitslosen bestimmt sich aus
       ein und demselben ökonomischen Steuerungsmechanismus; sie erleben
       in unterschiedlicher  Intensität die  Folgen ihres Abhängigkeits-
       status.
       3. Die Wirtschafts-,  Sozial- und  Haushaltspolitik  steht  immer
       deutlicher im  Dienst des  "Schrumpfkapitalismus", und  das heißt
       vor allem:  Arbeitsplatzvernichtung bei massivem Sozialabbau. Ex-
       pansion nach  außen, d.h.  Stärkung weltweit agierender Unterneh-
       menskonzerne bei  Austerität nach  innen, bildet  das Kernkonzept
       einer Politik, die vom Sparen und Opferbringen spricht, aber eben
       die Opfer  der Krise,  die Arbeitslosen,  die  Nochbeschäftigten,
       Rentner, Sozialabhängigen,  Kranken usw. zur Finanzierung monopo-
       listischer Gewinnsteigerung heranzieht.
       Durch die  Haushaltsoperationen '82-'84 fehlen in diesem Jahr ca.
       70 Mrd.  DM Einkommen  bei den  abhängig Beschäftigten, Rentnern,
       Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern,  Müttern, Kranken  etc.  Der
       Kern der  politischen Wende  besteht jetzt  im Abbau sozialer und
       kollektiver Schutzrechte  der Abhängigen. Nach dem Sozialabbau in
       Mark und  Pfennigen vollzieht  sich  neuerdings  die  "haushalts-
       neutrale" Rechts-Wende.  Durch monetären Sozialabbau hat sich die
       akute Not  bei  den  Betroffenen  erhöht:  Die  Bereitschaft  zur
       Anpassung  an   unternehmerische  Bedingungen   ist  zwangsläufig
       gestiegen. Das  ist die  Ausgangsbasis für eine Flexibilisierung,
       wie sie  das sog.  Beschäftigungsförderungsgesetz bewirken  will.
       Durch Abbau der internen Personalreserven nimmt darüber der Rück-
       griff auf  die externen  Reserven - die Arbeitslosen - unter Ver-
       schlechterung ihrer  Arbeits- und Tarifbedingungen zu. Die Stabi-
       lisierung der  Massenarbeitslosigkeit bei Differenzierung der Be-
       legschaften gegenüber  dem Normalarbeitsverhältnis  in Leih-  und
       Zeitarbeiter,  Beschäftigte  auf  Abruf  und  auf  geteilten  Ar-
       beitsplätzen nimmt zu. Die Politik im Dienste der Wende nutzt die
       Massenarbeitslosigkeit und  die Armut zum Ausbau der Unternehmer-
       macht durch Entrechtung der Arbeit.
       
       3. Prinzipien einer Alternativökonomie
       --------------------------------------
       
       Diese Kurzbeschreibung  der katastrophalen  Krisenwirkungen eines
       "Schrumpfkapitalismus" gibt die Ansatzpunkte für eine Alternativ-
       ökonomie ab. Dazu sollten drei Anfragen, die sicherlich nicht un-
       umstritten sind, aber die offene Diskussion provozieren, gestellt
       werden.
       1. Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und Umweltzerstörung - er-
       gänzt durch  die wachsende Gefahr militärischer Menschheitsbedro-
       hung -  können nicht auf separaten Wegen, die sich gar noch kreu-
       zen, bekämpft  werden. Obwohl  vermutlich massiv trivial: Es wäre
       verhängnisvoll, würde  nur die  ökologische Krise  ohne Rücksicht
       auf die  Massenarbeitslosigkeit oder  gar unter  der  Inkaufnahme
       ihres Anstiegs  bekämpft bzw.  die Arbeitslosigkeit  ohne Berück-
       sichtigung der  Ökologie. Das gilt für die Ziele Verhinderung des
       Sozialabbaus und  Realisierung der  Abrüstung in  gleicher Weise.
       Partialstrategien auf  der Basis  unterschiedlicher Konzepte sind
       deshalb fatal,  weil die  Krisenfolgen letztlich aus ein und dem-
       selben obwaltenden Prinzip der unternehmerischen Gewinnlogik, auf
       das sich  konservative Wirtschafts-  und Gesellschaftspolitik be-
       zieht, resultieren.  Positiv gewendet ist verlangt, die Bedingun-
       gen zu  schaffen, die auf der Basis einer gebrauchswertorientier-
       ten Produktion humane Arbeitsplätze sichern, das Sozialsystem ga-
       rantieren, die  Konversion der  Arbeit aus der Rüstungsproduktion
       in alternative  Produktion ermöglichen  und die Wiederherstellung
       und Sicherung vernünftiger Umweltanforderungen zulassen.
       2. Eine Alternativstrategie  hat in  der Sache  und politisch nur
       dann eine  ernsthafte Chance,  wenn sie  zwischen  l a n g f r i-
       s t i g e n  Z i e l v o r s t e l l u n g e n,  die unbedingt in
       Konturen  ausdiskutiert   werden  müssen,   und  den     k u r z-
       f r i s t i g e n  A n f o r d e r u n g e n  über einen Brücken-
       schlag verfügt. Eine Alternativstrategie muß auch die Instrumente
       zur Bekämpfung  der umfassenden  Krisenwirkungen verfügbar haben,
       so daß  Schneisen in  Richtung des  Alternativkonzepts geschlagen
       werden können.  Was Intellektuelle  sich am Schreibtisch erlauben
       können und  auch seinen  Sinn haben  kann, nützt  der politischen
       Bewegung kaum;  sie kann  sich auf  Utopien, die  nicht über  den
       k o n k r e t e n    A n s c h l u ß    v e r f ü g e n,    nicht
       einlassen. Dazu zwei zweifellos plakative Anfragen: Was nützt uns
       die so  wichtige Diskussion  über die Umwandlung der Rüstungs- in
       vernünftige Zivilproduktion,  wenn nicht  hie et nunc die Statio-
       nierung von  Mittelstreckenraketen, die jegliche Alternative weg-
       bomben können,  rückgängig gemacht  wird? Oder aber was nützt uns
       die Diskussion  über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, wenn es
       uns mit  dieser nicht  zugleich gelingt,  die Massenarbeitslosig-
       keit, die  zu politischen Verhältnissen führen kann, die jegliche
       Arbeit am Fortschritt unterdrücken, hie et nunc abzubauen?
       Damit geht  es nicht um ein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als
       auch, wobei natürlich die kurzfristigen Maßnahmen innerhalb eines
       Gesamtkonzepts ausgewiesen  sein müssen.  Und das heißt, die Dis-
       kussion muß  auf die Ausrichtung und Steuerung des Produktionssy-
       stems i.w.S. ausgerichtet werden.
       3. Das Konzept  einer Alternativökonomie,  das lehrt  uns die die
       Außen-  und   Innenwelt  ergreifende  Krise,  muß    g e s a m t-
       g e s e l l s c h a f t l i c h   angelegt werden.  Damit spreche
       ich  einen  zentralen  Punkt  der  Kontroverse  um  die  richtige
       Alternative an.  Meine Argumentation  zielt auf  die Gefahren ab,
       die  sich   für  die  Alternativdiskussion  unter  dem  Stichwort
       "Zukunft der  Arbeit" ergeben, wenn es zu einer scharfen Dichoto-
       misierung der  heutigen Ökonomie  kommt und  sich die Alternativ-
       strategie auf  den sog. "informellen Sektor" bei Vernachlässigung
       des "formellen Sektors" konzentriert.
       Das Konzept  einer  D u a l w i r t s c h a f t  steht im Zentrum
       verschiedener Vorschläge  der  grün-alternativen  Diskussion.  Im
       gängigen Sprachgebrauch ist der "formelle Sektor" der Bereich, wo
       gegen Verkauf der Ware Arbeitskraft Lohn-und Gehaltseinkommen er-
       zielt wird, die Regeln des Verkaufs durch Tarifverträge prinzipi-
       ell festgelegt sind. Der gesellschaftlich gewollte informelle Be-
       reich -  damit ist  nicht die jetzt existierende Hausfrauenarbeit
       und Schwarzarbeit  gemeint - ist frei von solchen erwerbsspezifi-
       schen Vertragsverhältnissen:  Eigenarbeit, Freundes- und Nachbar-
       schaftshilfe sowie  Formen "neuer Selbständigkeit" (Vonderach) in
       Projekten der  Alternativproduktion und -Distribution dominieren.
       Hier steht  der Wunsch  nach Selbstbestimmung der Fremdbestimmung
       unter hierarchischen Verhältnissen gegenüber.
       Zwei Linien, die begründen, warum sich die Zukunft der Arbeit vor
       allem in  diesem informellen Sektor abspielen soll, will ich hier
       angeben und  kritisieren. Zum einen geht die pessimistische Vari-
       ante davon  aus, daß  der harte  formelle  Sektor  machtpolitisch
       nicht angegangen werden kann und deshalb sich die soziale Phanta-
       sie auf  den Restbereich, den "informellen Sektor" zu konzentrie-
       ren habe.  Zum anderen  wird dieser Pessimismus nicht geteilt und
       deshalb  behauptet,  per  Erosionsprozeß  könne  der  Ausbau  der
       selbstbestimmten Aktivitäten auf die Veränderung des streng hier-
       archisch-profitwirtschaftlichen Produktionssystems zurückwirken.
       Diese  äußerst  spekulativen  Ansätze  einer    R e s i d u a l -
       A l t e r n a t i v s t r a t e g i e   halte ich für nicht trag-
       fähig. Dies  erklärt auch das dann berechtigte  M i ß t r a u e n
       d e r   G e w e r k s c h a f t e n   gegenüber  der  Alternativ-
       diskussion. Zweifellos,  die Aktivitäten  außerhalb des  Bereichs
       der Lohn-  und Gehaltsarbeit  sind -  für die Gestaltung der Zeit
       außerhalb dieser  Erwerbsarbeit -  wichtig; sie  gewinnen mit dem
       fortschreitenden Prozeß  der Arbeitszeitverkürzung  an  Relevanz.
       Auch läßt  sich hier  schöpferische soziale Phantasie entwickeln.
       Solange diese  Aktivitäten unter Vernachlässigung ihrer Beziehun-
       gen  zum  formellen  Sektor  bzw.  bei  dessen  Tabuisierung  zum
       Herzstück einer  "Zukunft der  Arbeit" erklärt  werden, sind  er-
       hebliche Zweifel anzumelden.
       Diese Kritik bezieht sich auf folgende Punkte:
       - Eine alternative  Arbeitsgesellschaft muß  gerade darauf ausge-
       richtet werden, die Entfremdung durch Demokratisierung im Bereich
       der traditionellen  Erwerbswelt abzubauen,  um dazu  beizutragen,
       daß Industriearbeit  existieren, aber  diese selbst unter humanen
       Bedingungen vollzogen werden kann. Sie kann diese nicht sozusagen
       links alternativ  liegen lassen,  vor allem,  wenn man sieht, daß
       industrielle Arbeit  auch in  einem Alternativentwurf  einen ent-
       scheidenden Platz  haben muß.  Hier kommen  die Forderungen jener
       Alternativbewegung ins  Spiel, die wir aus der Geschichte der Ar-
       beiterbewegung kennen  und die sich in den Gewerkschaften wieder-
       finden: Schaffung tariflicher und arbeitsplatzspezifisch vernünf-
       tiger Arbeitsverhältnisse,  Ausbau der  Mitbestimmung, Demokrati-
       sierung der  Wirtschaft zur Zurückdrängung der Unternehmensmacht,
       Vergesellschaftung, gesamtwirtschaftliche  Veränderung  der  Ent-
       scheidungsverhältnisse (Strukturräte  etwa) sind  die Instrumente
       für diesen Bereich.
       - Weiterhin ist  unübersehbar, daß  sich der informelle Sektor in
       finanzieller Abhängigkeit  vom Bereich  traditioneller Wertschöp-
       fung befindet.  Noch ist  die Entfaltung  im  informellen  Sektor
       großteils von  den im formellen Sektor definierten Einkommensver-
       hältnissen abhängig.  Der  finanzstarke  neue,  alternativ-orien-
       tierte  "Mittelstand"  (Rechtsanwälte,  Lehrer,  Hochschullehrer,
       Journalisten usw.)  tritt als Nachfrager auf. Dem Industriearbei-
       ter bleibt  wegen der  Arbeitszeit und  den Lohnverhältnissen der
       Zugang noch  versperrt. Novy  hat in seinen reformarchäologischen
       Untersuchungen immer  wieder die Frage betont, wie Alternativpro-
       jekte im  Sinne des  finanziellen Kreislaufs  geschlossen  werden
       können. Soweit  aber die  finanziellen Abhängigkeiten existieren,
       kann dieser  Sektor immer  nur insularen  Charakter beanspruchen.
       Die Arbeit  wird informell  und formell  segmentiert. In einem so
       dann politisch bagatellisierten formellen Bereich nimmt durch Ko-
       stensenkungspolitik über  Rationalisierung für  die Belegschaften
       der Grad der Entfremdung zu, um zugleich von hier aus die materi-
       ellen Bedingungen  für die  selbstbestimmte Arbeit im informellen
       Sektor zu verbessern.
       Das zeigt,  daß es  einer Neuorganisation der Arbeit in allen Be-
       reichen bedarf.  Aber auch für Produktionsprojekte im informellen
       Bereich wird  es, wenn sie eine bestimmte Größe haben, darauf an-
       kommen, tarifvertragliche  und andere Schutzrechte zu sichern. Es
       darf kein  Sektor entstehen, der Schutzrechte nicht kennt und da-
       mit vor-soziale  Bedingungen der  Arbeit reetabliert. Schließlich
       lassen sich  hier auch  die gelegentlich schon von Marktradikalen
       beäugten Chancen einer  K o m m e r z i a l i s i e r u n g  bzw.
       einer Überlebensfähigkeit des Marktes, wenn auch noch im Schatten
       der regulierten Wirtschaft, nennen.
       - Kleine Netze müssen mit großen Netzen vermascht werden. Wir se-
       hen doch,  daß gerade  die Aufknüpfung  des sozialen  Netzes dazu
       führt, daß  kleine Netze  ("Eigenverantwortung") gefordert werden
       und dies  zu einer  Aushöhlung  gesamtwirtschaftlicher  Finanzie-
       rungsverantwortung führt.  Die Ziele des sozialen Wohlfahrtsstaa-
       tes der  Zukunft müssen staatlich garantiert werden; ihre organi-
       satorische Einlösung  läßt sich  allerdings über unterschiedlich-
       ste, bürgernahe Modelle der Selbstbestimmung realisieren.
       Die soziale  Auffangfunktion der  "Eigenwirtschaft" gegenüber dem
       Marktsystem hat  kein Geringerer als Walter Eucken etwa in seinen
       "Grundsätzen der  Wirtschaftspolitik" (posthum  1952, geschrieben
       in den  vierziger Jahren) festgehalten: "Neben ihr (der Marktform
       der vollständigen  Konkurrenz; R.H.) soll und wird die Eigenwirt-
       schaft (einfache  zentralgeleitete Wirtschaft)  eine weitverbrei-
       tete Ordnungsform  sein. Angesichts der außerordentlichen Schwie-
       rigkeit, die moderne arbeitsteilige Wirtschaft zureichend zu ord-
       nen, ist  es wesentlich,  daß die  eigenwirtschaftlichen Elemente
       durch die  Wirtschaftspolitik gepflegt werden. Dadurch werden die
       Menschen unabhängiger  vom Markt  und haben in Notzeiten eine ge-
       wisse Sicherung.  Da aber die Eigenwirtschaft zur Lenkung des in-
       dustriell-arbeitsteiligen  Wirtschaftsprozesses  ungeeignet  ist,
       kann sie  insgesamt nur  eine ergänzende  Ordnungsform sein"  (S.
       155). "Es  wurde schon  gesagt, daß eigenwirtschaftliche Elemente
       eine Ergänzung  der Wettbewerbswirtschaft  bilden. Hier  wie auch
       sonst sollte  der Mensch  in die  Lage versetzt werden, sich not-
       falls aus  eigener Kraft  zu helfen" (S. 183). Ergänzungsfunktion
       zur Marktwirtschaft  und die Aufgabe der Entlastung des Sozialsy-
       stems, das  im Ordoliberalismus  Akzeptanz findet, stehen im Vor-
       dergrund.
       
       4. Stichworte zu den Forderungen einer alternativen Ökonomie
       ------------------------------------------------------------
       
       1. Entwickelt werden  muß eine  Vorstellung über  eine produktive
       Basis, die  insoweit qualitativen  Anforderungen entspricht,  als
       ökologische, soziale  und arbeitsplatzspezifische  Kriterien  be-
       rücksichtigt werden.  Die Grenzen  des Wachstums,  die sich jetzt
       angesichts der Stagnationsphase zu zeigen scheinen, bilden keinen
       Anhaltspunkt für  einen qualitativen Wachstums- und Entwicklungs-
       typ, bei  dem auch  die Umverteilung  der Produktion  von der Rü-
       stungs-zur Zivilwirtschaft  im Vordergrund  steht.   W a s  w i e
       f ü r   w e n  w a c h s e n  s o l l,  das muß einem bedarfsori-
       entierten Entscheidungsprozeß  überantwortet werden.  Das ist der
       Kerngedanke, der  sich mit  der Forderung nach einem qualitativen
       Entwicklungstyp verbindet.  Voraussetzung dafür  ist  jedoch  der
       Ausbau demokratisierter  Entscheidungsstrukturen, innerhalb derer
       sich der  Gebrauchswert der  Produktion Geltung verschaffen kann.
       Durch Veränderung  der Produktionsformen  über Mitbestimmung  und
       Demokratisierung müssen  gebrauchswertorientierte  Produktionsmu-
       ster gesichert  werden. Diese  prinzipielle Orientierung macht es
       möglich, gegenüber  der Massenarbeitslosigkeit, der Umweltzerstö-
       rung und  dem  Sozialabbau  kurzfristig  eine  alternative  Wirt-
       schaftspolitik umzusetzen.  Die gewerkschaftliche  Forderung nach
       gebrauchswertorientierten öffentlichen  Investitionsprogrammen in
       gesellschaftlichen Mangelbereichen  weist in  die richtige  Rich-
       tung.
       Wer Energie  einsparen will,  der braucht  enorme, politisch kon-
       trollierte Produktionsanstrengungen  in diesem Gebiet (Recycling,
       Fernwärme, regenerative Energie). Wer bessere Lebens- und Umwelt-
       verhältnisse will,  der kann  nicht zusehen,  wie durch die Krise
       Produktionskapazitäten, die  für diese Aktivitäten genutzt werden
       können, zerschlagen  werden. Darauf zielt eine kurzfristige, öko-
       logisch verträgliche  Beschäftigungspolitik, die  auf die Versöh-
       nung von Ökologie und Ökonomie zielt und auch richtige Investiti-
       onsfelder schafft. Über die öffentlichen Haushalte müssen die Fi-
       nanzmittel auf  diese Ziele  bei entsprechender  Umstrukturierung
       der Ausgaben  umgeschichtet bzw.  mobilisiert werden (Ergänzungs-
       abgabe; Ausbau der Gewinnbesteuerung etc.).
       2. Schon auch deshalb, weil eine Strategie qualitativen Wachstums
       allein Vollbeschäftigung  nicht sichern kann, bedarf es einer ak-
       tiven Politik  der Arbeitszeitverkürzung.  Dies ist  der  gesell-
       schaftliche Sinn  des technischen  Fortschritts: Teilhabe der ab-
       hängig Beschäftigten  durch Umverteilung der Arbeit (Arbeitszeit-
       verkürzung) und Umverteilung der Einkommen, die die Konzentration
       der Rationalisierungsgewinne  bei den  Unternehmen auflöst.  Öko-
       nomische Gründe  sprechen für  einen vollen Lohnausgleich bei der
       Arbeitszeitverkürzung. Wenn  die Arbeitszeitverkürzung  - so etwa
       fordert es  zu Recht  ein großer Teil der Gewerkschaftsbewegung -
       den  Spielraum   für  alternative  Eigenarbeit  in  der  Freizeit
       erweitern soll  und diese  eben gerade  nicht entlohnt wird, dann
       muß man  einen vollen Lohnausgleich fordern. Ansonsten bleibt die
       alternative Entfaltung  gegenüber der  Erwerbsarbeitszeit von den
       Einkommensverhältnissen abhängig,  und der Industriearbeiter etwa
       kann nicht  teilnehmen bzw.  wird  -  wegen  Reallohnsenkung  und
       Sozialabbau - in die Schwarzarbeit abgedrängt.
       3. Gerade die  Arbeitszeitverkürzung macht  es erforderlich,  die
       Förderung von  Aktivitäten außerhalb  der Erwerbsarbeit  voranzu-
       treiben, denn  nur so kann einer geisttötenden Kommerzialisierung
       der Freizeit entgegengewirkt werden. Bei gesamtgesellschaftlicher
       Garantierung von Wohlfahrtszielen lassen sich neue Organisations-
       formen zu deren Realisierung diskutieren.
       Die Zukunft  der Arbeit  wird dann  nur Zukunft  haben, wenn sich
       eine Strategie  der Alternativökonomie auf alle Bereiche der Pro-
       duktion ausrichtet und damit humane Lebens-, Umwelt- und Arbeits-
       verhältnisse geschaffen werden. Unter dieser Zielsetzung ergänzen
       sich Gewerkschafts- und Umweltbewegung; sie stehen sich nicht un-
       vermittelbar gegenüber, sondern verbinden sich.
       
       Angelina Sörgel
       
       Liegt die Zukunft der Arbeit in der Eigenarbeit?
       ------------------------------------------------
       
       Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen werden Krise und Arbeits-
       losigkeit häufig  auch als Chance für einen kulturellen Neubeginn
       betrachtet: Der  "Industriearbeit" 1)  wird der emanzipative Cha-
       rakter der  Arbeit als schöpferische Potenz des Menschen, die ihn
       als Gattungswesen  bildet und  auch jede individuelle Persönlich-
       keit formt,  abgestritten. 2)  Ebermann/Trampert, die sich vieler
       sozialer Fragen der Gegenwart engagiert und überzeugend annehmen,
       entwerfen zu  diesem Zweck  ein völlig  romantisches Bild der Ge-
       schichte der  Industriearbeit: Dem  vermeintlich komplexen Wissen
       und Arbeitsalltag  eines bäuerlichen  Webers 1783 in England wird
       der Industrialisierungsprozeß  als ein  Prozeß der Isolierung und
       Verkümmerung der  Fähigkeiten des  einzelnen Arbeiters im Gefolge
       der Arbeitsteilung  gegenübergestellt. 3) In der englischen Woll-
       industrie Ausgang  des 18.  Jahrhunderts waren, wenn man so will,
       Arbeit und Leben vereint, aber unter der absoluten Herrschaft des
       Verlegers: Die Arbeit fand zu Hause statt, dauerte den ganzen Tag
       und erfaßte die gesamte Familie.
       Vergleichbar mit  dieser Fehlinterpretation ist auch die Darstel-
       lung der  Geschichte der  Frauenarbeit durch Anke Wolf-Graaf, die
       über ihrer  historischen Pionierarbeit - der Analyse der Vielfalt
       und gesellschaftlichen  Anerkennung der  bürgerlichen und aristo-
       kratischen Frauenarbeit  im Mittelalter in Zünften und Klöstern -
       die Mehrheit der gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse im Feuda-
       lismus aus  den Augen  verliert -  nämlich die Landwirtschaft, in
       der die  Frauen des arbeitenden Volkes die schlechteste, härteste
       und am wenigsten anerkannte Arbeit verrichteten. 4)
       Dem gegenübergestellt  wird  in  der  Mehrzahl  "Eigenarbeit"  im
       "informellen Sektor",  Selbsthilfe in alternativen Projekten oder
       auch, von  einer öko-sozialistischen Minderheit, industrielle Ar-
       beitsformen, die, selbstbestimmt und schöpferisch verlaufend, die
       menschliche Persönlichkeit  nicht verstümmeln, sondern entfalten,
       die Natur  nicht zerstören,  sondern schonen sollen. Das Spektrum
       der Vorschläge reicht dabei von der "balancierten Dualwirtschaft"
       (4-5 Stunden  im formellen  Sektor der  industriellen Arbeit, 5-6
       Stunden Haus-  und Konsumarbeit,  6-7 Stunden  Freizeit in  einem
       pluralistischen Nebeneinander  der Sektoren)  5) bis  zur "grünen
       Gewerkschaftspolitik",  die   "den  Kampf   um  eine   gesicherte
       Versorgung mit  der qualitativen  Veränderung der Produktion, der
       Arbeitswelt und der Produkte selbst verknüpft". 6)
       Die Idee der historischen Vorwegnahme von Arbeitsformen vor einer
       Veränderung der  Produktionsverhältnisse ist der Arbeiterbewegung
       nicht fremd. Die Selbsthilfe- und Genossenschaftsbewegung hat als
       dritte Säule der Arbeiterbewegung z.T. überzeugende Formen alter-
       nativer Produktion  bzw. Verteilung  hervorgebracht -  allerdings
       nur dort,  und solange, wie ein klares Bewußtsein ihrer Lage vor-
       herrschte. 7)  Ihr Beitrag bestand, neben dem unmittelbaren mate-
       riellen Zweck, vor allem in der Entwicklung der Kultur der Arbei-
       terbewegung: "Vorbildliche" Arbeitsbedingungen gegenüber den pri-
       vatkapitalistischen Betrieben reklamierten die Produktivgenossen-
       schaften für  sich; Sozialleistungen  gratis für  mittellose Mit-
       glieder stellten  die Konsumgenossenschaften aus ihren Überschüs-
       sen bereit;  Feste, Sport und andere Beiträge zur Entwicklung der
       Arbeiterkultur im  engeren Sinn  wurden von  den Genossenschaften
       getragen. 8)  Gesellschaftspolitische Impulse  vergleichbarer Art
       sind vom  alternativen Sektor  nur zu  erwarten, wenn  es ihm ge-
       länge, Beispiele  zu setzen, tatsächlich "Hierarchien und Ausbeu-
       tungsverhältnisse aufzuheben" und zu zeigen, "daß menschliche Be-
       dürfnisse sich  in einer  Verbindung von Arbeit als Notwendigkeit
       und einem  ausbeutungsfreien Leben  frei entfalten  können, statt
       den Erfordernissen  der jeweils  zum Zweck  der Kapitalvermehrung
       rentabelsten Produktionsmaschinerie  unterworfen zu sein." 9) Wie
       ist es  um vergleichbare Anstöße und Möglichkeiten von Arbeit au-
       ßerhalb abhängiger Beschäftigung heute bestellt?
       
       Zum Umfang der "Eigenarbeit"
       ----------------------------
       
       Eine quantitative Schätzung des Sektors der Eigenarbeit gestaltet
       sich außerordentlich  schwierig. Dabei kursieren z.T. Zahlen, die
       sein Ausmaß  völlig überzeichnen.  Ein beliebtes Verfahren ist es
       z.B., schlicht die gesamte Schattenwirtschaft unter dem Stichwort
       der Dualwirtschaft  zu vereinnahmen. Dabei werden aber sozial und
       gesellschaftspolitisch völlig  unterschiedliche Erscheinungen un-
       ter ein  gemeinsames ideologisches Dach gezwungen. Mindestens un-
       terscheiden muß  man  statistisch  zwischen  Untergrundwirtschaft
       oder  "Schwarzarbeit"  (d.h.  erwerbswirtschaftliche  Arbeit  mit
       Steuerhinterziehung, nicht  verbuchte Umsätze, privater Verbrauch
       von Unternehmen,  der als geschäftlich verbucht wird u.ä.m. sowie
       Wirtschaftskriminalität)  und  Selbstversorgungswirtschaft,  d.h.
       Hausfrauenarbeit, Selbst-  und Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliche
       Tätigkeiten ohne  Entgelt etc.  10) Eigenarbeit  in den verschie-
       denen Definitionen der Autoren aus dem grün-alternativen Spektrum
       ist ein Teilausschnitt aus beiden - bezeichnet man Schattenökono-
       mie als  "monetären Teil des informellen Sektors", 11) stellt man
       allerdings die  Realität auf den Kopf! Während der Anteil der Un-
       tergrundwirtschaft insgesamt  je nach  Schätzverfahren zwischen 5
       und 10%  des BSP liegt, macht der der Selbstversorgung insgesamt,
       in Marktpreisen  oder Arbeitseinkommen  bewertet, zwischen  einem
       Drittel und  der Hälfte des offiziellen BSP aus. 12) Dabei nehmen
       offenbar beide  seit den  70er Jahren zu; anders als in den dual-
       theoretischen Einschätzungen, die hier veränderte Wertvorstellun-
       gen am  Werk sehen, deuten allerdings alle empirischen Ergebnisse
       darauf hin,  daß die  ökonomische und  soziale Entwicklung in der
       Krise dafür  ausschlaggebend ist: Bezahlte Freizeitarbeit leisten
       überwiegend Facharbeiter,  angelernte Arbeiter und Landwirte, und
       zwar insbesondere  die einkommensschwachen Gruppen; Selbstversor-
       gung weist  einen eindeutig  antizyklischen Verlauf  auf, der auf
       ihren Einsatz  zur Erhaltung des Lebensstandards trotz Einkommen-
       seinbußen hindeutet und auf neue Wertvorstellungen im Sinne einer
       Abkehr vom Konsumismus keinen Rückschluß erlaubt.
       Begrifflich sauberer  für eine  Beurteilung der Größenordnung des
       Alternativsektors sind  Schätzungen der Alternativ-Projekte. Mar-
       lene Kuck  hat eine  solche vorgenommen, die von 14 000 Projekten
       mit rd.  104 000 Mitarbeitern  ausgeht - davon 10 000 Projekte in
       sozialen Diensten  mit 80 000  Beschäftigten und 4000 unmittelbar
       ökonomische Projekte mit 24 000 Beschäftigten. 13)
       Der Umfang  der geschaffenen  Arbeitsplätze liegt  damit ungefähr
       auf der  Höhe der  durch ABM-Maßnahmen  bereitgestellten (in 1984
       71 000; mit Sicherheit treten hier aber Doppelzählungen auf). Be-
       schäftigungspolitisch ist  das nicht  irrelevant; gemessen an dem
       Anspruch, die  Zukunft der Arbeit zu begründen bei rd. 29 Millio-
       nen Erwerbspersonen  dagegen eine  quantite négligeable. Der Wert
       der Alternativ-Ökonomie  liegt daher  bislang eher im kulturellen
       als im ökonomischen Bereich.
       
       Zum kulturellen Wert der Eigenarbeit
       ------------------------------------
       
       Über die neuen Formen und Inhalte einer menschlicheren Arbeit ist
       viel gedacht,  gesagt und  geschrieben worden. Wesentliche Krite-
       rien waren  vor allem:  Selbstverwaltung und genossenschaftliches
       Eigentum; Aufhebung  des Spezialistentums, der Trennung von Hand-
       und Kopfarbeit;  Einheit von  Arbeit und Leben; gleicher Lohn für
       alle nach  dem -  eingeschränkten -  Bedürfnis; sinnvolle und ge-
       sellschaftlich nützliche Produkte.
       Inzwischen hat  sich die Diskussion verschoben; sie kreist darum,
       an welchen  Kriterien sich  denn ein Alternativbetrieb festmachen
       läßt, nachdem  auf allzu viele der erwünschten Wertmaßstäbe unter
       dem Druck  der Verhältnisse  verzichtet werden mußte. 14) Die un-
       sichtbare Hand  des Marktes  greift in Form wachsender Konkurrenz
       in den  Sparten, wo Profite locken (Naturkost, Wolle u.v.a., auch
       Bücher), ein  und zwingt häufig zu unternehmerischem Geschäftsge-
       baren innerhalb  des Kollektivs  und gegenüber  den Klienten  und
       Kunden. Die staatliche Subventionierung als Korrektiv des Marktes
       bleibt, gemessen  an Betrieben vergleichbarer Größenordnung, aber
       anderer gesellschaftspolitischer  Inhalte, unterdurchschnittlich:
       Alternativbetriebe sind nicht "förderungswürdig" 15) - vor allem,
       wenn keine Wahlen vor der Tür stehen. Die Selbstausbeutung in den
       Kollektiven ist  in aller  Munde; 63 Pfennig Stundenlohn oder wö-
       chentliche Arbeitszeiten  von 50 bis 60 Stunden können selbst als
       extreme Varianten  einer vom Idealismus getragenen Übergangsperi-
       ode nur schwer akzepiert werden. Sie führen in dem Moment zum ge-
       sellschaftspolitischen Rückschritt, wenn der völlige Verzicht auf
       gewerkschaftliche Schutzrechte und Einkommensansprüche am vorläu-
       figen Ende  des Prozesses  ein Kleinunternehmen zum Ergebnis hat,
       das sich auch nur am Markt orientiert. Nicht allein der quantita-
       tive Umfang  des alternativen  Sektors ist gering, auch sein kul-
       tureller Beitrag  bleibt zweifelhaft, weil die Utopien sich allzu
       hart an der Realität reiben. Eine Sackgasse der Entwicklung also,
       die keine Perspektive für die Arbeiterbewegung bietet?
       
       Zum perspektivischen Stellenwert der Eigenarbeit
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       Die Zukunft  der Arbeit  liegt sicher  nicht in  der Eigenarbeit.
       Aber der  Kampf um Arbeit für alle wird sich langwierig gestalten
       und muß auf breite Grundlagen gestellt werden, die die Arbeitslo-
       sen miteinbeziehen und in denen auch neue Genossenschaften u.ä.m.
       ihren Platz  haben könnten.  Die Lösung des Problems liegt in der
       stärkeren Verbindung  von neuen sozialen Bewegungen und Arbeiter-
       bewegung: Mit einem sozialen Umfeld, das die Nachfrage für alter-
       native Produkte  und Dienstleistungen und so das ökonomische Fun-
       dament sicherstellt, könnte auch ein Alternativsektor Anstöße zur
       Politisierung der  Bewegung und zur Entwicklung des gesellschaft-
       lichen Fortschritts liefern.
       Dazu müßten  allerdings Entwicklungen in zwei Richtungen vorange-
       trieben werden:
       1. Die rückschrittlichen  und/oder reformistischen  Tendenzen in-
       nerhalb der  neuen sozialen Bewegungen müßten zurückgedrängt wer-
       den. Aus  der Kritik  am Wachstum  hat sich inzwischen eine wirt-
       schafts- und  sozialpolitische Variante  entwickelt, die  aus der
       ökologisch begründeten  Ablehnung des  Wachstums heraus  auch die
       Ansprüche an die Sozialpolitik heruntersetzt - exemplarisch dafür
       etwa Huber 16) oder Guggenberger, der das Motto "Zeit statt Geld"
       aufstellt. 17) Auch das Argument der Finanzierbarkeit wird inzwi-
       schen viel  häufiger ins Feld geführt 18) - Anklänge an sozialde-
       mokratische Positionen, die nicht wundern dürfen, wenn man sieht,
       daß auch  die SPD bei der Analyse von "Arbeit und Umwelt" die Ei-
       genarbeit und  die "solidarische Subsidiarität" entdeckt hat: "In
       kleinen, besser  überschaubaren Einheiten all das zu leisten, was
       dort geleistet  werden kann,  und es nicht ohne Not der größeren,
       weniger oder nicht mehr überschaubaren Einheit zuzuschlagen. Sub-
       sidiarität heißt, den Hilfsbedürftigen zur Selbsthilfe zu befähi-
       gen, ihm  Mitwirkung zu  ermöglichen, der  Spontaneität und der -
       auch unorganisierten  - Menschlichkeit  Raum zu  lassen". 19) Der
       Sektor der Eigenarbeit und Selbsthilfe und die Ablehnung des Kon-
       sumismus sind  hier nicht  mehr Promotor neuer gesellschaftlicher
       Werte, sondern Trostpflaster für die Verdrängung aus dem Arbeits-
       leben, die  Senkung des  Lebensstandards und  den  Sozialabbau  -
       Selbsthilfe im  wahrsten Sinne des Wortes, weil Hilfe von anderer
       Seite nicht mehr erwartet werden soll.
       2. Zum ändern  müßte sich die Gewerkschaftspolitik stärker öffnen
       gegenüber ökologischen Problemen, gegenüber der Entwicklungsrich-
       tung des  technischen Fortschritts,  gegenüber Frieden  und Abrü-
       stung, Hunger und antiimperialistischer Politik. Eine "grüne" Ge-
       werkschaftspolitik, wie sie Ebermann/Trampert in ihrem Buch skiz-
       zieren, ist eine richtige Forderung, wenn sie in einen klassenbe-
       wußten Zusammenhang  gestellt wird.  Entfremdung ist nicht völlig
       unabhängig von ihrer technologischen Basis. 20)
       Für eine technologische Veränderung in allen Branchen bedürfte es
       gesellschaftspolitischer  Veränderungen.   Der  technische  Fort-
       schritt bringt  in vielen  Bereichen der modernen Produktion wei-
       tere Intensivierung  und Desintellektualisierung  der Arbeit  mit
       sich, eröffnet  aber auch, vor allem durch die Verbindung der au-
       tomatischen Anlagen mit der elektronischen Datenverarbeitung, die
       Möglichkeit, der  Arbeit vieler Menschen ihren schöpferischen In-
       halt zurückzugeben  und die  nur ausführenden  Tätigkeiten  stark
       einzuschränken. 21) Gerade von der stofflichen Seite her betrach-
       tet, wäre es den Menschen möglich, sich aus der unmittelbaren Ab-
       hängigkeit im  Produktionsprozeß zu  befreien mit Hilfe der neuen
       Technologien und  "nur" steuernd,  regulierend und programmatisch
       gestaltend einzugreifen.  Ein sowjetischer  Futurologe prognosti-
       ziert dem  Menschen: "Er  wird sich in eine allseitig entwickelte
       Persönlichkeit verwandeln, die nicht mehr an einen bestimmten Be-
       reich der Produktion gefesselt ist, sondern einen uneingeschränk-
       ten Spielraum  für begeistertes Schaffen erhält". 22) Solche Ent-
       wicklungsmöglichkeiten verliert  man allerdings  aus  dem  Blick,
       wenn man ihn nicht vorher auf die Eigentumsverhältnisse und deren
       Einfluß auf  die Gestaltung der Arbeit gerichtet hatte: "Ist eine
       Gesellschaft darauf  orientiert, um jeden Preis Profit zu erwirt-
       schaften, so  kann ein  Computer den zu erwartenden Gewinn besser
       berechnen, und  der Mensch  bleibt da auf der Strecke. Setzt sich
       eine Gesellschaft  jedoch zum  Ziel, die Bedürfnisse der Menschen
       weitestgehend zu  befriedigen und  systematisch  zu  fördern,  so
       bleibt der Computer ein Werkzeug in den Händen der Menschen". 23)
       Eine "grüne"  Gewerkschaftspolitik wird  auch eine sozialistische
       Gewerkschaftspolitik sein  müssen.  Gerade  gegenwärtig  geht  es
       darum, innerhalb  der  Arbeiter-  und  der  Gewerkschaftsbewegung
       einen Kampf  um die Köpfe zu führen, in den auch Überlegungen und
       praktische Anstöße aus den neuen sozialen Bewegungen eingehen. Um
       so wichtiger  wäre es,  daß auch in den neuen sozialen Bewegungen
       über aller  Diskussion der  Gebrauchswerte nicht länger vergessen
       wird, daß  die Hauptproduktivkraft  in unserer  Gesellschaft  zum
       Tauschwert herabgewürdigt  und als  Ware auf  dem Markt gehandelt
       wird. Nur  ein gemeinsamer  Widerstand, der  die Empörung dagegen
       zur Basis  hat, wird  den Freiraum  schaffen, gestaltend  auf die
       stoffliche Seite  der Produktionsund Reproduktionsprozesse einzu-
       wirken und Licht in die Zukunft der Arbeit zu tragen.
       
       _____
       1) Unter diesem Begriff wird überwiegend Arbeit im produzierenden
       Gewerbe verstanden,  i. d. R. auch solche, die unter anderen, so-
       zialistischen Eigentumsformen stattfindet.
       2) Zur Kritik  vgl. Goldberg, Jörg, Sörgel, Angelina, Grün-alter-
       native  Wirtschaftskonzeptionen,   Analyse  und   Kritik,  Frank-
       furt/Main 1982
       3) Ebermann, Thomas,  Trampert, Rainer,  Die Zukunft  der Grünen,
       Hamburg 1984, S. 125 ff.
       4) Wolf-Graaf, Anke,  Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit,
       Eine Bildchronik, Weinheim/Basel 1983. Zur Auseinandersetzung da-
       mit vgl,  Marianne Friese, Frauenarbeit in der Feudalgesellschaft
       und im  Übergang zum  Kapitalismus, in:  Arbeitskreis Frauenfrage
       des IMSF (Hg.), Patriarchat und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1985.
       5) Huber, Josef,  Die zwei  Gesichter der  Arbeit, Frankfurt/Main
       1984, S. 220 f.
       6) Ebermann/Trampert 1984, S. 192.
       7) Ihre positive  Rolle verkümmerte  später in  dem Maße, wie die
       Gemeinwirtschaft sich  der Logik des Wettbewerbs zum kapitalisti-
       schen Sektor  verschrieben hat  und der  Nachweis,  daß  Arbeiter
       ebenso gut  wirtschaften können  wie Kapitalisten,  nur allzu gut
       gelungen ist.  Zur neueren  Diskussion: Volkmar,  Günter, Die Zu-
       kunft gemeinwirtschaftlicher  Unternehmen, in:  Harms, Jens, Kie-
       sel, Dron  u.a. (Hrsg.), Aiternativökonomie und Gemeinwirtschaft,
       Frankfurt/Main 1984, S. 120 f.
       8) Vgl. Bimberg,  Ulrich, Hinein in den Konsumverein. Ein phanta-
       stischer Aufstieg  ganz aus  eigener Kraft, in: Novy, Klaus, Hom-
       bach, Bodo  u.a., Anders leben, Geschichte und Zukunft der Genos-
       senschaftskultur, Berlin (West)/Bonn 1985, S. 48 ff.
       9) Ebermann/Trampert 1984, S. 192.
       10) Zu den  statistischen Abgrenzungen  vgl. Langfeldt, Enno, Die
       Schattenwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Kieler Stu-
       dien Band  191, Tübingen  1984, S.  9ff.; Weck,  Hannelore, Frey,
       Bruno S.,  Pommerehne, W.W., Schattenwirtschaft, München 1984, S.
       7 ff.
       11) Müller, Joachim,  Dualwirtschaft und  Automation,  in:  Brun,
       Rolf (Hrsg.), Erwerb und Eigenarbeit, Frankfurt/Main 1985, S. 50.
       12) Langfeldt 1984,  S. 46f.  Auch die  folgenden Strukturangaben
       aus dieser Quelle.
       13) Kuck, Marlene, Entwicklung, Stand und Probleme der Alternati-
       vökonomie, in:  Harms 1984, S. 35 ff. Auf die Gefahr einer stati-
       stischen Überschätzung aufgrund der Selbstdarstellungen weist die
       Autorin selber hin. Im Umkreis der geschätzten Sympathisanten von
       ca. 300 000 bis 400 000 läßt sich auch der Bereich der "bewußten"
       Eigenarbeit vermuten.  Jens Harms  kommt im  selben Band  zu sehr
       viel niedrigeren  Zahlen: 6000 Projekte mit 30 000 Arbeitsplätzen
       (S. 87).
       14) von Loesch,  Achim, Die  Unternehmen der Arbeiterselbsthilfe,
       referiert die Selbstdarstellung der ASH Krebsmühle von 1983: "Der
       Traum, jeder  könne seine Arbeitsleistung selbst bestimmen, wurde
       in sein Gegenteil verkehrt ..." "der Traum von der Rotation mußte
       aufgegeben werden  ..." "Die  ASH mußte  die Offenheit  gegenüber
       neuen Mitgliedern  aufgeben ...  Es mußten Mitarbeiter gegen Lohn
       eingestellt werden." In: Harms 1984, S. 74 ff.
       15) Vgl. Kuck, Marlene, in: Harms 1984, S. 54 ff., und dies., Zur
       Professionalisierung alternativer Projekte, in: Brun 1985, S. 180
       ff.
       16) Huber 1984, S. 220 f.
       17) Guggenberger, Bernd, Leben um zu arbeiten?, in: Bruns, S. 19,
       Unterstreichung von mir.
       18) Z.B. behaupten  Joachim Müller und Barbara Wais, die Arbeits-
       kosten im  formellen Sektor seien aufgrund der hohen Lohnnebenko-
       sten zu  hoch -  eine Position, die die Unternehmerverbände schon
       seit vielen  Jahren vertreten  (dies., Ressourcenbesteuerung  und
       Entlastung der Arbeit, in: Bruns 1985, S. 115).
       19) Hans Jochen Vogel, zitiert bei: Novy 1985, S. 208.
       20) Vgl. Bömer, Hermann, Die drohende Katastrophe, Frankfurt/Main
       1984, S. 83 ff.
       21) Vgl. Peter,  Lothar, Destruktive  Tendenzen  des  technischen
       Fortschritts im  Kapitalismus, in: Globale Probleme - Politische,
       ökonomische und  soziale Aspekte,  Forschungsheft des IPW 1/1984,
       S. 94 ff.
       22) Bestushew-Lada, Igor,  Die Welt im Jahre 2000, Freiburg 1984,
       S. 114.
       23) Bestushew-Lada, S. 110.
       

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