Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       FRAUENEMANZIPATION
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       Johanna Hund
       
       Frauenemanzipation bedarf einer Gesellschaft,
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       in der sich alle frei entwickeln können
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       In einer  Zeit, in der Leihmütter und Prostitution, Armut und Ar-
       beitslosigkeit zur  Lebensrealität von Frauen gehören, erscheinen
       Strategien zur  Emanzipation mehr denn je als schwärmerische Uto-
       pie. Unmittelbar  materielle Not  und um sich greifende Frauenar-
       beitslosigkeit stellen  sich ihr  in den  Weg.  Ansprüche  -  wie
       langlebig können sie sein, wenn sie immer wieder an der Hürde fi-
       nanzieller Abhängigkeit  zu scheitern drohen? Trotz alledem haben
       Frauen für  sich Ansprüche  entwickelt; sie  leben nicht  nur  in
       dumpfer Angst.  Eine Studie zur Beratung des CDU-Familienministe-
       riums Geißler ermittelte: "Die Idee der Emanzipation ist heute im
       Bewußtsein der  Frauen fast  aller sozialer Gruppen nicht nur für
       die Selbstdefinition,  sondern auch  für die  Beziehung zum  Mann
       prägend" 1)  (die Befragung  umfaßte Frauen  im Alter zwischen 15
       und 30). Eine sich Ehemann und Kindern selbstlos aufopfernde Frau
       als Lebensideal scheint vergangenen Zeiten anzugehören.
       Die "sanfte  Macht der  Familie" - ein Leitbild schwülstiger Müt-
       terlichkeit -  als erster Versuch der CDU, die Frauen für sich zu
       gewinnen, schlug  denn auch  fehl und  mußte modernen  Leitsätzen
       "für eine  neue Partnerschaft  zwischen Mann  und Frau"  weichen.
       Hiermit erlangte die CDU nicht nur Aufmerksamkeit bei exponierten
       Feministinnen (Alice  Schwarzer, Herrad Schenk, Viola Roggenkamp,
       sie pilgerten  zu einem  Meeting mit Geißler), sondern sogar Lob.
       Schwarzer kommentiert: "Trotz der tiefen Kluft zwischen den schö-
       nen Worten und den unschönen Taten, trotz alledem sind diese CDU-
       Leitsätze das  'fortschrittlichste Frauenprogramm aller Parteien,
       Grüne Inbegriffen'  (Spiegel) ... In Frauenfragen scheint die CDU
       die Zeichen der Zeit am klarsten erkannt zu haben". 2)
       Sollte Alice Schwarzer nicht mehr wissen, daß die CDU/CSU Politik
       für die  Reichen macht,  in der  die  Interessen  der  "normalen"
       Frauen, seien  sie als Lohnabhängige tätig oder als Ehefrauen vom
       Lohn ihrer  Männer abhängig,  nicht vorkommen? Die "unschönen Ta-
       ten" sind  eben im  Klartext ihr Sozialabbau. Die neuen Leitsätze
       der CDU richten sich an die Frauen, weil es mehr zu gewinnen gilt
       als nur  deren Wahlstimmen:  Die  Frauen  sollen  dieses  Gesell-
       schaftssystem mittragen.  Ein System, das ihnen zwar soziale Här-
       ten aufbürden  muß (?),  dessen führende  Politiker aber  dennoch
       "moderne" Vorstellungen von einer Partnerschaft zwischen Mann und
       Frau hegen.  Geißler sagt  denn auch  unmißverständlich in  einem
       Streitgespräch mit  Alice Schwarzer: "Wir leben in einer modernen
       Industriegesellschaft, zu der es keinerlei Alternative gibt. Aber
       es gibt  humane Alternativen in dieser Industriegesellschaft. Wer
       die Frauen aussperren wollte, würde einen schweren Fehler machen,
       würde zu  einer Inhumanisierung dieser Gesellschaft beitragen..."
       3)
       Bei vielen  Frauen deuten  sich Veränderungen an, die, würden sie
       ihnen selbst bewußt, weitreichende Folgen haben könnten.
       Was noch  vor wenigen Jahren in der Frauenbewegung stark umstrit-
       ten war,  ist von den Frauen selbst entschieden worden: Berufstä-
       tigkeit wird  auch für  sie zunehmend bedeutungsvoller, trotz wi-
       dersprüchlicher Erfahrungen.  Allgemein steigt  die Erwerbstätig-
       keit -  93% aller Frauen sind irgendwann in ihrem Leben berufstä-
       tig, auch  wenn sie  anteilig nur 38,5% der Erwerbstätigen reprä-
       sentieren. Die  Qualifikation von  Frauen erhöht sich - nicht nur
       im allgemeinbildenden, sondern auch im berufsbildenden Feld, auch
       wenn die  Schere hinsichtlich des durchschnittlichen Ausbildungs-
       niveaus zwischen  Männern und  Frauen nach  wie vor  auseinander-
       klafft. Der  Berufswunsch tritt  inzwischen bei jungen Frauen vor
       den Wunsch  nach Familie  und Mutterschaft, 4) wenngleich enttäu-
       schende Erfahrungen  die Prioritäten allemal wieder umkehren kön-
       nen. "Die  typische berufstätige Frau ist heute nicht mehr die...
       unverheiratete... ohne  Kinder. (Sie)  ist im Durchschnitt älter,
       hat meist eine Berufsausbildung durchlaufen und ist oft verheira-
       tet und Mutter von einem oder mehreren Kindern." 5)
       Eine Arbeitstätigkeit ist auch für Frauen ein unverzichtbarer Le-
       bensanspruch geworden,  deshalb der  Ruf nach  Neuverteilung  von
       Hausarbeit. An  Arbeitstätigkeit ist allerdings ein ganzes Bündel
       Hoffnungen geknüpft.  Sicherlich, die  finanzielle  Seite  spielt
       nach wie vor eine dominante Rolle, schon allein insofern, als für
       die zunehmende  Zahl alleinlebender  Frauen keine Alternative zur
       Sozialhilfe existiert.  Dennoch,  an  dieser  finanziellen  Seite
       hängt der  Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Liebe ohne Unterdrüc-
       kung oder  auch der Möglichkeit, sich den einen oder anderen Kon-
       sumwunsch zu erfüllen. Noch bis vor etwa 10 Jahren galt allgemein
       die Ehe  als ideale  Lebensvorstellung einer  Frau.  Berufstätige
       Frauen wichen  von der Norm ab; sie wurden als unweiblich und ra-
       benmütterlich diffamiert.  Abhängigkeit wurde  umgedeutet in: Der
       Mann ist  der Ernährer. Den meisten Frauen erschien ihr Schicksal
       unausweichlich, ja  sogar naturgemäß, selbstverständlich ihr Lei-
       den. Wie  aufrüttelnd wirkte  da der Zuruf der Frauenbewegung An-
       fang der 70er Jahre: Das Private ist politisch!
       Längst hat  Arbeitstätigkeit in  ihrer Bedeutung  für die  Frauen
       nicht mehr nur einen finanziellen Aspekt. Obwohl nicht einmal die
       elementare Forderung  des Rechts  auf Arbeit  erfüllt wird, nicht
       einmal für  diejenigen, die materieller Armut und Existenzgefähr-
       dung ausgesetzt sind, entstanden dennoch Ansprüche an eine mögli-
       che Arbeit.  Sie soll sinnvoll sein, d.h. sowohl gesellschaftlich
       Nützliches erzeugen als auch inhaltlich Interessantes zu bewälti-
       gen aufgeben. Darüber hinaus soll sie persönlichkeitsbildend wir-
       ken, d.h.  ermöglichen, Gelerntes  einzubringen, aber auch weiter
       zu lernen,  selbständig und  kreativ zu arbeiten. Und schließlich
       verbinden inzwischen die Frauen selbst (und nicht nur die Sozial-
       wissenschaften)  die   Suche  nach   Identität  und   "Selbstver-
       wirklichungsmöglichkeiten"  mit   der  Frage   nach  inhaltlicher
       Beschaffenheit und konkreten Bedingungen von Arbeitstätigkeit.
       Vor noch nicht allzu langer Zeit, als sich erstmals eine vorsich-
       tige Kritik  an den  extrem entfremdeten  Fließbandarbeitsplätzen
       regte, wurde  in Umlauf  gesetzt, Frauen seien mit stumpfsinniger
       und kurztaktiger  Akkordarbeit relativ zufrieden, weil sie in ih-
       ren Gedanken nicht bei der Arbeit, sondern zu Hause oder in uner-
       reichbaren Traumwelten weilten.
       Anhaltspunkte für  gewachsene Ansprüche  an eine Arbeitstätigkeit
       und ihren Stellenwert im Leben von Frauen lassen sich leicht fin-
       den, entweder  unmittelbar in  den unterschiedlichsten sozialwis-
       senschaftlichen Untersuchungen  - hier  übrigens  nicht  nur  bei
       Frauen mit hoher Berufsqualifikation - oder indirekt anhand ande-
       rer Erscheinungen,  wie z.B.  Frauenbildungsveranstaltungen  oder
       Studium über den 2. Bildungsweg. In einer Befragung von Verkäufe-
       rinnen z.B.  sind Äußerungen  wie "'um  sich selber zu verwirkli-
       chen' oder  'um immer etwas dazuzulernen'... wichtige Gründe, ar-
       beiten zu gehen." 6) Oder in der bereits erwähnten Studie für das
       Bundesfamilienministerium heißt  es: "Traditionell typisch 'männ-
       liche' Charakteristika  wie Selbstsicherheit,  Unabhängigkeit und
       berufliche Kompetenz - all das beanspruchen inzwischen 70 bis 90%
       der jungen  Frauen auch  für sich  selbst..." 7)  In der Mädchen-
       Untersuchung für  die Zeitschrift  Brigitte "sehen  51% den Beruf
       als Voraussetzung,  um auf  eigenen  Füßen  zu  stehen,  35%  als
       Selbstentfaltung und  27% als  Möglichkeit, erfolgreich zu sein."
       8) Zu ähnlichen Ergebnissen kommt schließlich auch eine Befragung
       von arbeitslosen  un- und  angelernten Arbeiterinnen  aus der Me-
       tall- und  Elektroindustrie: "66%  aller  befragten  arbeitslosen
       Frauen (geben) sowohl finanzielle als auch soziale ... Gründe für
       eine eigene Erwerbstätigkeit an ... 50% ..., daß sie selbstbewuß-
       ter sind,  wenn sie  arbeiten ... 63% ... stimmen der Aussage zu,
       'ich leiste etwas und werde dafür bezahlt'." 9)
       Indirekt sind  Veränderungen im  Anspruchsniveau z.B. bei Frauen-
       bildungsveranstaltungen zu  beobachten. Jährlich  haben  autonome
       Frauenwochen in  verschiedenen Städten  ungemindert  starken  Zu-
       spruch (in  Hamburg z.B.  waren es in diesem Jahr 5000 Teilnehme-
       rinnen). Lernen  rangiert vor  "Selbsterfahrung". Die  Kluft zwi-
       schen persönlichen Ansprüchen und gesellschaftlicher Realität tut
       sich schmerzlich  auf. Schier  unüberwindbar erscheinen  die Pro-
       bleme. Drängend  suchen die  Frauen  nach  "Lösungen".  Natürlich
       dreht sich  bei solchen  Veranstaltungen nicht alles um Beruf und
       Arbeitstätigkeit: Der gesamte Lebenszusammenhang, auch die Bezie-
       hungen mit  Partnern und Kindern sind oft unbefriedigend und pro-
       blembehaftet, werden  als behindernd empfunden. Gesucht wird nach
       Möglichkeiten, sich zu entfalten und zu verwirklichen, eine Iden-
       tität als Frau zu finden.
       Wir können  also durchaus resümieren, daß die Vorstellungen, Wün-
       sche und  Ansprüche auf ein menschenwürdiges, befreites Frauenle-
       ben weit  verbreitet sind, und zwar weit über den Teil der bewuß-
       testen, in Gewerkschaften und linken Parteien, Frauenorganisatio-
       nen und  Projekten organisierten  Frauen hinaus.  Was die  Frauen
       wollen, ist  weitreichend und  bedeutet letztlich mehr als ledig-
       lich gleichberechtigt  zu sein  mit den  Männern ihrer jeweiligen
       Schicht oder  Klasse. Denn  über sinnvolle Arbeit und persönliche
       Entwicklung z.B.  ließe sich erst dann ernsthaft nachdenken, wenn
       Arbeit aus  der Indienstnahme  durch das Kapital befreit und men-
       schliche Arbeitskraft  nicht mehr dem Zwang, verkäuflich zu sein,
       unterworfen wäre. Das entfremdete Verhältnis zwischen der Organi-
       sation gesellschaftlicher  Arbeit und dem Bedürfnis individueller
       Persönlichkeitsentfaltung bleibt  als solches  bestehen,  solange
       die Produktivkräfte  der Arbeit,  eingeschlossen die  menschliche
       Arbeitskraft, in  erster Linie zur Mehrung der ohnehin schon rie-
       sigen Kapitalmassen  eingesetzt  werden.  Auch  Arbeitslosigkeit,
       blockierte Arbeitszeitverkürzung  oder niedrige  Frauenlöhne sind
       Ausdruck kapitalistischer  Rentabilitätserwägungen.  Mit  anderen
       Worten: In  diesen gesellschaftlichen Verhältnissen werden Frauen
       ihre Emanzipation  nicht realisieren  können, es sind ihnen nicht
       einmal den Männern mögliche Chancen und gleiche Rechte gewiß.
       Bis auf  einen kleinen  Teil Sozialistinnen  ist den  Frauen dies
       nicht klar.  Weil sie  nicht erkennen,  daß ein Zusammenhang zwi-
       schen gesellschaftlichen Zuständen und persönlichen Entwicklungs-
       möglichkeiten besteht,  ist ihnen auch nicht bewußt, daß die Ver-
       wirklichung ihrer  Ansprüche an  den Grenzen der bürgerlichen Ge-
       sellschaft scheitern  muß. Indem  nun aber die Verhältnisse stets
       von neuem  vielerlei private  Arrangements und  persönliche Opfer
       erzwingen, weil es gesellschaftlicher Möglichkeiten und öffentli-
       cher Einrichtungen  ermangelt, entsteht ein widersprüchliches Be-
       wußtsein, welches  die Frauen  individualistische Strategien ent-
       wickeln läßt und sie zu Lösungsversuchen im Windschatten des Pri-
       vaten treibt.  Gleichzeitig widerspiegeln  sich diese Verhaltens-
       weisen in  ihrem Bewußtsein  so, daß die gesellschaftliche Dimen-
       sion ausgeblendet wird.
       Beispiele für  individualistische Strategien von Frauen sind ihre
       Versuche, Kinderbetreuungsprobleme  zu lösen: Was die einen, weil
       sie zahlen  können, mit Tagesmüttern und privaten Kinderläden or-
       ganisieren, bewerkstelligen die anderen über Großmütter und Nach-
       barinnen. Eine Umfrage der IG Druck und Papier bei Frauen, die in
       der Druckindustrie  arbeiten, ergab folgendes: "Die Betreuung der
       Kinder während  der Arbeitszeit wird bei 8% von den Nachbarn, 30%
       (von den Frauen; J.H.) selbst, bei 35% von Verwandten übernommen.
       Bei nur 27% der Frauen sind die Kinder in gesellschaftlichen Ein-
       richtungen wie  Kinderkrippen, Kindertagesstätten,  Kindergärten,
       Schulen und  Ganztagsschulen untergebracht." 10) 73% (!) der Kin-
       der werden also in irgendeiner Form privat betreut.
       Wir dürfen  annehmen, daß  diese Situation  nicht nur für Frauen,
       die in  der Druckindustrie arbeiten, typisch ist. Gegen derartige
       Zumutungen wehren  sich die  Frauen nicht; sie kämpfen nicht mas-
       senweise für  mehr gesellschaftliche Einrichtungen. Im Gegenteil:
       Gerade die  vielen privaten  Initiativen versperren den Blick für
       Forderungen an  den Staat.  Interessanterweise wären  für  Männer
       nicht nur  Kinderbetreuung, sondern  auch andere Familienaufgaben
       gesellschaftlich zu  lösen. "Über  60% der Männer waren eindeutig
       der Meinung,  daß Familie  k e i n e  Privatsache sei und daß der
       Staat, der Betrieb und die Gewerkschaft die Aufgabe hätten, Rege-
       lungen zu finden, um Familienaufgaben zu berücksichtigen oder Fa-
       milien zu  helfen." 11)  Praktisch dünken sie sich für Kinder al-
       lerdings nicht zuständig, insofern sind Forderungen nach mehr und
       besseren Kinderbetreuungseinrichtungen  in ihren Kämpfen kaum von
       Bedeutung.
       Die am weitesten verbreitete individuelle Lösungsform, die eigene
       Situation zu  bewältigen, ist Teilzeitarbeit - eine von der Kapi-
       talseite entsprechend  ihrem Interesse durchgesetzte Arbeitszeit-
       verkürzung  o h n e  Lohnausgleich und ohne (oder bestenfalls mit
       schlechteren) Sozialleistungen.  Sie "ist  für Frauen  und Mütter
       häufig die  einzige  Möglichkeit,  Berufs-  und  Familienaufgaben
       sinnvoll miteinander  zu verbinden  ... Für fast 80% der hier be-
       fragten Frauen  sind dies die wichtigsten Gründe, Teilzeit zu ar-
       beiten." 12)  Eine Arbeitszeitverkürzung auf möglicherweise sogar
       6 Stunden  täglich für   a l l e   ohne  Lohnminderung wäre nicht
       nur, gemessen  an der Produktivität bereits vorhandener Maschinen
       und Anlagen,  ohne weiteres  möglich, sondern  sie wäre auch mehr
       als jede andere progressive Veränderung der Arbeitsbedingungen im
       Interesse der  Frauen: Allen  durch Teilzeitarbeitssysteme mögli-
       chen Diskriminierungen  könnte ein  Riegel  vorgeschoben  werden:
       Frauen hätten  dann wenigstens  im Rahmen bestehender Bedingungen
       mehr Chancengleichheit  und vielleicht auch eher wieder einen Ar-
       beitsplatz. Ganz  sicher aber berührte eine Arbeitszeitverkürzung
       das Verhältnis  von Arbeit  und Freizeit,  von Beruf und Familie,
       die Beziehungen  zwischen den  Geschlechtern. Insofern  erstaunt,
       daß nicht  massenweise auch  solche Frauen,  die nicht in den Ge-
       werkschaften eingebunden  sind, den Kampf um die 35-Stunden-Woche
       als ihre  ureigene Sache  mit aufgenommen haben. Wie borniert er-
       scheint es,  wenn einige sich sogar erklärterweise abwenden, weil
       Gewerkschaften von Männern dominiert sind.
       Es geht  ja auch um das "Private", und zwar zunächst ganz vorder-
       gründig um  die größte Hürde: Kinder und Hausarbeit. Was auch im-
       mer sich  bei einzelnen Frauen mit dem Begriff Partnerschaft ver-
       binden mag, unbestritten ist, daß die Verantwortung für Kinderer-
       ziehung und  Haushalt gleichmäßig  verteilt sein soll. Selbstver-
       ständliche gesellschaftliche Zuweisung privater Reproduktion aus-
       schließlich an Frauen wird nicht länger akzeptiert. Was sich hier
       subjektiv in den Vorstellungen der Frauen als unerträgliche Zumu-
       tung ausdrückt,  ist das  - wenn  auch nicht bewußte - Abbild der
       gesellschaftlichen Produktivkräfte,  die heute schon einer histo-
       risch herausgebildeten,  lediglich tradierten Arbeitsteilung zwi-
       schen Frau  und Mann  die objektive  Grundlage entziehen  - ange-
       sichts heute  üblicher Wohnformen, einer in der Regel auf 1-2 re-
       duzierten Kinderzahl,  vielfältiger Haushaltsgeräte und zahlreich
       erwerbbarer halbfertiger  oder  fertiger  Nahrungsmittelprodukte;
       Wasch- und Reinigungsanstalten könnten, würden sie öffentlich be-
       zuschußt, preiswerter sein; ein gutes Kantinensystem, flächendec-
       kend ausgebaut und insbesondere Schulkinder einbeziehend, könnte,
       falls nicht  mehr Quelle  von Profit,  eine gesunde Ernährung für
       alle gewährleisten.  Was ist  anachronistischer, als zwei Drittel
       der Frauen  vom Berufsleben auszuschließen und ihnen derart rest-
       hafte Hausarbeit  zuzuweisen? Viele zusätzliche Arbeitsplätze wä-
       ren einzurichten, würde die erzwungenermaßen von Frauen kostenlos
       verrichtete Hausarbeit  privater Dumpfheit  entrissen und profes-
       sionalisiert. Wie ungeheuer wichtig und interessant wäre es, mehr
       noch als bisher von der Herausbildung und Entfaltung menschlicher
       Fähigkeiten beim  Heranwachsen von Kindern zu wissen; wie überaus
       dringend und  wohltätig, den Alterungsprozeß und lebensbedrohende
       Krankheiten zu erforschen!
       Natürlich sind Männer bei noch zu verrichtenden notwendigen Haus-
       arbeiten nicht  aus der Pflicht zu entlassen. Das kapitalistische
       Gesellschaftssystem,  das  unsere  materiellen  Lebensbedürfnisse
       mißachtet und  uns selbst  bescheidene  Glücksansprüche  versagt,
       stützt sich  jedoch immer noch und stets von neuem auf einen all-
       gemeinen und unhinterfragten Konsens, speziell vieler Frauen, der
       ein Verhalten hervorbringt, welches privat zu lösen versucht, was
       zuvörderst gesellschaftlich  einzuklagen wäre. Frauenemanzipation
       bedarf einer  Gesellschaft, in  der "die  freie Entwicklung eines
       jeden  die   Bedingung  für  die  freie  Entwicklung  aller  ist"
       (Marx/Engels, Kommunistisches  Manifest). Das kapitalistische Ge-
       sellschaftssystem aber  gründet sich  gerade darauf, die Mehrheit
       seiner Menschen  unterdrückt zu  halten und  sie sowohl gewaltsam
       wie manipulativ daran zu hindern, das gesellschaftliche Leben und
       ihre individuelle  Entwicklung selbst zu bestimmen. Bis tief hin-
       ein in die persönlichen Beziehungen wirken die gesellschaftlichen
       Verhältnisse und  prägen die Verhaltensweisen der Menschen unter-
       einander.
       Jede Theorie  der Frauenbefreiung,  die sich auf die Diskriminie-
       rung und  Unterdrückung von  Frauen durch  Männer beschränkt, wie
       z.B. der  Feminismus, läßt  außer acht, daß männliches Verhalten,
       wie wir  es bei uns erfahren, diesen gesellschaftlichen Existenz-
       bedingungen  adäquat   ist  und   sich   nur   auf   Kosten   der
       g e s e l l s c h a f t l i c h e n   Unterdrückung von Frauen so
       entwickeln kann.  Andernfalls wäre  z.B. gewalttätiges, aggressi-
       ves, überhebliches  Verhalten Männern nur deshalb eigen, weil sie
       männlichen Geschlechts  sind. (Im  übrigen suggeriert die vielzi-
       tierte Feststellung, daß männliche Unterdrückung von Frauen älter
       ist als  der Kapitalismus, letztlich auch eine derartige biologi-
       stische Interpretation der Frauenerfahrungen, anstatt auf den ge-
       sellschaftlichen Mechanismus  von  Unterdrückung  in  allen  Aus-
       beutergesellschaften zu  verweisen.) Wer  als Frau  aber nur  den
       Kampf gegen  die Männer aufnimmt, möglicherweise in der Hoffnung,
       sich selbst  einen "vernünftigen"  formen zu können, glaubt, sich
       in diesen  Verhältnissen einrichten  und verwirklichen zu können.
       Für all  diejenigen, die auch ihre soziale Situation nicht akzep-
       tieren können  und wollen, wäre es gut, könnten sie erfahren, daß
       der Kampf  für eine bessere Gesellschaft hier und heute schon Er-
       kenntnisse und  Bewußtsein gegen  jegliche Form von Unterdrückung
       schärft und  trotz Auf  und Ab bei den Erfolgen ein individuelles
       Selbstbewußtsein entwickeln hilft.
       
       _____
       1) Der Spiegel, Nr. 13/1985.
       2) Emma, Nr. 5/1985.
       3) Ebenda.
       4) Mädchen 82, Hamburg 1982, S. 9.
       5) Brigitte Stahn-Willig:  Arbeitsbelastung und  Hausarbeit,  in:
       Karin Roth  u.a., Träumen verboten. Gewerkschaftliche Frauenpoli-
       tik für die 90er Jahre, Hamburg 1984, S. 155.
       6) Anpassungsprobleme zwischen Familie und Arbeitswelt. Deutsches
       Jugendinstitut. München 1985, S. 4.
       7) Der Spiegel, a.a.O.
       8) Mädchen 82, a.a.O., S. 9.
       9) Annette Gnegel/Gisela  Mohr: Wenn  Frauen  ihren  Arbeitsplatz
       verlieren, in:  Mohr, G./Rummel,  M./Rückert, D.: Frauen. Psycho-
       logische Beiträge  zur  Arbeits-  und  Lebenssituation,  München,
       Wien, Baltimore 1982, S. 93/94.
       10) Zentralorgan der  Industriegewerkschaft Druck  und Papier vom
       20.4.1981.
       11) Anpassungsprobleme, a.a.O., S. 11.
       12) Ebenda, S. 3.
       
       Annette Kuhn
       
       Frauenemanzipation als gesellschaftspolitische Alternative
       ----------------------------------------------------------
       
       Ein vermessener Anspruch?
       -------------------------
       
       Die klassischen  Frauenemanzipationsbewegungen, die  bürgerliche,
       die radikal-feministische  und die  proletarische Frauenbewegung,
       haben sich  alle letztlich  im Sinne ihres jeweiligen Emanzipati-
       onskonzeptes als  eine gesellschaftliche  Alternativbewegung, sei
       es zum  herrschenden Patriarchat, sei es zur herrschenden bürger-
       lichen Gesellschaft, verstanden. Ist diese weitreichende Zielset-
       zung nicht unangemessen, ja sogar vermessen?
       Die Formulierung  und Propagierung eigener feministischer gesell-
       schaftspolitischer Ziele  hat in  der  Vergangenheit  Verwirrung,
       mehr noch,  großen Schaden  angerichtet. Soll denn die Welt jetzt
       wieder nicht  nur am  deutschen Wesen,  sondern auch an der deut-
       schen Frau,  an den deutschen Feministinnen genesen? Erinnerungen
       an das  Scheitern der  deutschen Frauenbewegungen und an die Kom-
       promittierung feministischer  Ziele 1933  führen uns  schnell zur
       Frage, ob es denn nicht richtiger sei, wenn sich die Frauen heute
       in pragmatischer Weise auf die sogenannten Gleichstellungsstrate-
       gien beschränken  und sich in die vorgegebenen, von Männern defi-
       nierten gesellschaftspolitischen  Konzeptionen oder  in die, wie-
       derum männlich dominierten, Alternativbewegungen eingliedern.
       Um es  gleich vorweg  zu sagen:  Die Frauenbewegung  muß sich als
       eine gesellschaftspolitische  Alternativbewegung begreifen.  Denn
       die Kämpfe  der Frauenbewegung  der letzten  hundert Jahre um die
       "Gleichberechtigung"  haben  trotz  vereinzelter  Frauenerrungen-
       schaften im  Ganzen nur zu einer weiteren Zementierung der struk-
       turellen Ungleichheit  der Geschlechter  im Kapitalismus geführt.
       Zugleich sind  Frauen in  ihrem Vertrauen  auf eine  "Lösung" der
       Frauenfrage durch  sozialistische oder  andere Gesellschaftstheo-
       rien stets  um ihre eigenen gesellschaftlichen oder individuellen
       emanzipatorischen Möglichkeiten gebracht worden. D. h., die Frau-
       enbewegung muß  allen bösen  Erfahrungen mit  dem Feminismus  zum
       Trotz lernen,  ihren Feminismus  als eine gesellschaftspolitische
       und demokratische  Zukunftsperspektive zu begreifen und in kriti-
       scher Auseinandersetzung  mit den  sozialistischen und ökologisch
       bestimmten Alternativkonzepten  neu, besser noch materialistisch,
       sozialistisch und demokratisch zu definieren.
       Den Ausgangspunkt  dieser Überlegungen  bildet  die  gegenwärtige
       Krise unserer  Arbeitsgesellschaft. Wie alle Krisen im Kapitalis-
       mus treffen  diese Krise  und ihre traditionellen Überwindungsme-
       thoden Frauen härter als Männer. Innerhalb der Neuen Armutsklasse
       bilden die  Frauen, vor  allem junge Frauen und alte Frauen, eine
       eigene, in besonderer Weise diskriminierte Gruppe. Die neuen Aus-
       beutungsmöglichkeiten sowohl in ungesicherten, schlecht bezahlten
       Lohnverhältnissen als  auch in  kaum entlohnten oder unentlohnten
       Arbeitsverhältnissen in  privatisierten Bereichen  benachteiligen
       wieder vor allem die Frauen. Daher geht es uns heute nicht nur um
       die notwendige  Neubestimmung  und  Neuorganisation  von  gesell-
       schaftlich  notwendiger   Arbeit  als  einem  nur  scheinbar  ge-
       schlechtsneutralen Produktionszusammenhang.  Auch  die  Erfassung
       der verschwiegenen  Frauenarbeit als unverzichtbarer Produktions-
       weise im  Kapitalismus ist  notwendig, sollen  die Wurzeln dieser
       Krise erkannt und gesellschaftliche Alternativen zur geschlechts-
       spezifischen Arbeitsteilung entwickelt werden.
       Die recht  platte Aussage,  daß die unentlohnte Frauenarbeit ein-
       fach bei  unserer Wahrnehmungsweise  gesellschaftlicher Wirklich-
       keit aus  dem Blick  gerät, mag  zunächst einleuchten. Dabei wird
       aber der  mühsame Prozeß der Sichtbarmachung der Frauenhausarbeit
       als konstitutives Moment des Kapitalismus bestenfalls in Gang ge-
       bracht. Der  Ethno-Psychoanalytiker  Mario  Erdheim  hat  festge-
       stellt: "Was man in einer Gesellschaft nicht wissen darf, weil es
       die Ausübung von Herrschaft stört, muß unbewußt gemacht werden...
       Diese Produktion  von Unbewußtheit  muß gesellschaftlich  organi-
       siert werden"  (Mario Erdheim,  Die gesellschaftliche  Produktion
       von Unbewußtheit,  Frankfurt 1984, 38). Die Sichtbarkeit, die Be-
       rechenbarkeit, der  von ökonomischer  Ratio geleitete vernünftige
       Umgang mit  Frauen-Haus-Arbeit im  weitesten Sinn  stört in einem
       kapitalistischen Herrschaftssystem.  Seit fast vier Jahrhunderten
       wird systematisch  an  der  ideologischen  Verwandlung  konkreter
       Frauenarbeit ins  Un-Eigentliche, ins sogenannte "Weibliche", ge-
       arbeitet. Die  Geschlechterstereotypen sind  in den  letzten zwei
       Jahrhunderten zu gesellschaftlichen Normen geworden. Da, wo Frau-
       enarbeit gemeint ist, wird sie auch heute in Alternativkonzeptio-
       nen gar  nicht (André  Gorz) oder nur peripher (J. Huber, J. Gal-
       tung) genannt.  Die Produktion  von Unbewußtheiten hat einfach im
       Bereich der Geschlechterideologie insgesamt geklappt. Daher sagen
       wir auch  in unbedachter Weise immer wieder, Frauenarbeit sei et-
       was ganz anderes. Sie ist es aber nicht.
       Der Versuch  der Entmythologisierung  der Frauenarbeit  und somit
       der Erfassung von Frauenemanzipation als einer gesellschaftspoli-
       tischen Alternative  ist somit  nicht eine unangemessene Aufgabe.
       Sie setzt  aber eine  neue Vermessung  unserer gesellschaftlichen
       Arbeit voraus. Frauenarbeit hört dann auf, als eine unerschöpfli-
       che Naturressource  in unseren  Köpfen zu  fungieren, eine Größe,
       die stets  vorhanden, aber  auch stets verborgen bleiben muß. Mit
       den Entmythologisierung der Frauenarbeit setzt die Erkenntnis des
       Feminismus als gesellschaftliche Alternative ein.
       
       Die Mythisierung und Marginalisierung der Frauenarbeit
       ------------------------------------------------------
       in den klassischen Frauenemanzipationstheorien
       ----------------------------------------------
       
       So unterschiedlich  die bürgerliche und die proletarische Frauen-
       emanzipationstheorie sind,  so haben  sie beide  eines gemeinsam:
       Die unbezahlte  Frauenarbeit im Reproduktionsbereich und die For-
       men der  Verfügbarkeit des  Kapitals über  die Lohnarbeit sind in
       allen Frauenemanzipationstheorien  von Helene  Lange, Anita  Aug-
       spurg bis  hin zu Clara Zetkin mythisiert und marginalisiert wor-
       den. Diese  Mythisierung und Marginalisierung der Frauenarbeit in
       ihrer doppelten  Gestalt sind  aber in diesen klassischen Frauen-
       emanzipationstheorien in  einer scheinhaften Dialektik der parti-
       ellen Aufdeckung  und der  gleichzeitigen Verhüllung  der Frauen-
       Haus-Mutter- und  Ehefrauarbeiten einerseits, der außerhäuslichen
       Frauenarbeit andererseit  so sehr  eingebunden, daß  sie in ihrem
       ideologischen Kern  nicht leicht  zu erfassen  sind. Daher müssen
       wir uns  auf diese  scheinhafte Dialektik  und  auf  die  gesell-
       schaftstheoretischen und geschlechtsspezifischen Prämissen dieser
       Argumentationsfigur näher einlassen.
       Bei unserer  Ideologiekritik der klassischen Frauenemanzipations-
       theorien des 19. Jahrhunderts gehen wir davon aus, daß auch diese
       gesellschaftlichen Alternativentwürfe  trotz  ihrer  progressiven
       Elemente in der Geschlechterideologie dieser Zeit befangen waren.
       Diese Geschlechterideologie,  obgleich erst um 1800 als gesamtge-
       sellschaftliche Ideologie  entwickelt, hatte  im Verlauf  des 19.
       Jahrhunderts die  Dignität einer schlüssigen gesellschaftstheore-
       tisch fundierten  Weltansicht angenommen,  einer Weltansicht, die
       der  allgemein  anerkannten  "Natur"  der  unterschiedlichen  Ge-
       schlechter angemessen  sei. Es  ist vielleicht nicht übertrieben,
       anzunehmen, daß diese Geschlechterideologie mit ihren meist uner-
       kannten sexistischen  Prämissen von  allen den Ideologien des 19.
       Jahrhunderts, die  wir kennen,  den Biologismus, Rassismus, Sozi-
       aldarwinismus, Nationalismus  usw., am stärksten sich durchsetzen
       konnte, weil  sie in  noch höherem  Maße als  die eben  genannten
       Ideologien den allervitalsten Interessen sowohl des Industrie-Ka-
       pitalismus als  auch den von diesem System abhängigen Männern al-
       ler Klassen entsprach. Denn ohne Frauenarbeit geht es nicht.
       Stimmt diese  Annahme, so  gilt es, diesen gesellschaftstheoreti-
       schen Prämissen  gerade in  ihrem sexistischen Gehalt nachzugehen
       und somit  auch diese Scheindialektik, die mit der Geschlechteri-
       deologie verbunden  ist, zu  entlarven und  die Theorie  der  Ge-
       schlechterpolarität in  ihren eigentlichen Interessenzusammenhang
       sowohl des Kapitals als auch des Familienvaters zu stellen.
       Ein Zitat  von Helene  Lange, der  Wortführerin der  bürgerlichen
       Frauenbewegung, mag  uns hierbei helfen. 1914, kurz vor Kriegsbe-
       ginn, schrieb  sie: "Im  Schicksal der Frau steigert sich der Ge-
       gensatz zwischen Familieninteresse und Produktionsinteresse heute
       zur grellsten  Dissonanz,  ihr  Leben  wird  der  Schauplatz  des
       schärfsten Zusammenstoßes  zwischen diesen beiden Tendenzen unse-
       rer Kulturentwicklung,  wird wirklich, 'zweier Zeiten Schlachtge-
       biet'" (cit.  nach Barbara  Brick, Die Mütter der Nation - zu He-
       lene Langes  Begründung einer  'weiblichen Kultur', in: Frauen in
       der Geschichte  IV, hg.  v. Ilse  Brehmer u.a.,  Düsseldorf 1983,
       99).
       An diesem Zitat läßt sich der doppelte Vorgang der Aufdeckung und
       der Verhüllung  von unentlohnter  und von  unangemessen  schlecht
       entlohnter Frauenarbeit  illustrieren. Denn  Helene Lange gelingt
       es, zunächst  die unbeachtete  Arbeit von  Frauen als  Ehefrauen,
       Hausfrauen und  Müttern sichtbar  zu machen.  Dieser Frauenarbeit
       wird von  ihr hohe  Anerkennung gezollt.  Darüber hinaus wird sie
       als moralisch höherwertig als die "mechanische", "tote" Männerar-
       beit qualifiziert.  Damit spricht Helene Lange, ähnlich wie Femi-
       nistinnen heute,  von der  Hausfrauenarbeit als  der eigentlichen
       Säule des Kapitalismus. Helene Lange hat aber auch die außerhäus-
       liche Tätigkeit  der Frauen  in ihre  Konzeption der spezifischen
       Frauenarbeit aufgenommen.  Sie setzt  sich theoretisch  und prak-
       tisch für die Anerkennung dieser Frauenarbeit auch in der Öffent-
       lichkeit als einer bezahlten Frauenarbeit ein. Auch die öffentli-
       che, die  organisierte Mütterlichkeit  ist für  Helene Lange  als
       Frauenarbeit von besonders großer Bedeutung.
       Für uns  ist es  wichtig, auszumachen,  warum die  Aufdeckung von
       Frauenarbeit im  häuslichen und im außerhäuslichen Bereich in der
       Frauenemanzipationstheorie einer  Helene Lange  so unmerklich  in
       die Abwertung  von Frauenarbeit übergehen konnte. Wieso ist diese
       Anerkennung von  Frauenarbeit verbunden  mit  der  gleichzeitigen
       Verhüllung und  Mythisierung von  unentlohnter und  schlecht ent-
       lohnter Frauenarbeit inner- und außerhalb des Hauses?
       Diese von  Helene Lange  geschilderte Frauen-Hausarbeit  verliert
       schon in  der hier  zitierten Argumentationsweise  an Eigentlich-
       keit. Denn sie verwandelt sich in eine an die Wesenhaftigkeit der
       Frauen gebundene  weibliche Eigenschaft,  in ein weibliches Prin-
       zip, das im Konflikt mit dem männlichen Prinzip steht und die ei-
       gentliche Kulturmission  der Frau begründet. Die Frau als ontolo-
       gisches Wesen  muß in den weltgeschichtlichen Kampf der zwei Kul-
       turprinzipien, des  männlichen zivilisatorischen Prinzips und des
       weiblichen Kulturprinzips,  auf Grund  ihrer Weiblichkeit eintre-
       ten, aber  auch auf  weibliche Art:  durch innere  Überlegenheit,
       durch Opfer,  durch weibliche  Tugend. Frauenarbeit wird hier zum
       Heilsprinzip, zum  Mythos; die  "männliche Zivilisation", die be-
       stehende bürgerlich kapitalistische Gesellschaft bleibt letztlich
       von diesem weiblichen Prinzip unberührt.
       
       Die Entstehung des Feminismus als Produktionsweise
       --------------------------------------------------
       im Kapitalismus - ein historisch-systematischer Ansatz
       ------------------------------------------------------
       zur Neuvermessung gesellschaftlicher Arbeit
       -------------------------------------------
       
       Es gilt,  die bis  heute vorherrschende  Geschlechterideologie zu
       destruieren. Diese Destruktion ist aber nicht als ein philosophi-
       sches, von  den Entstehungsbedingungen  des Kapitalismus  abgeho-
       benes Unternehmen  zu begreifen.  Wir müssen  vielmehr sehr genau
       die mit  der Entstehung und der Ausbreitung des Kapitalismus not-
       wendig gewordene,  neue Reglementierung der Geschlechterbeziehun-
       gen und  die neuen  staatlichen und  ideologischen Formen der Be-
       herrschung des  Frauenkörpers und  der Enteignungen der Frauen in
       der frühen Neuzeit beachten. Sie reichen von der versuchten tota-
       len Regulierung  der Sexualität  der Frauen  (nicht  der  Männer)
       durch die  Institution der  Ehe und  der gleichzeitig erzwungenen
       Ehelosigkeit der  Bevölkerungsmehrheit im  Kapitalismus über  die
       brutalen Formen der geschlechtsspezifischen Arbeits- und Bevölke-
       rungspolitik des  absolutistischen Staates bis hin zur massenhaf-
       ten Frauenvernichtung in den sog. Hexenprozessen. Erst auf diesem
       Hintergrund eines  neuzeitlichen, staatlich verordneten Sexismus,
       der in  zweifacher Weise den Kapitalismus unterstützte, durch die
       partielle Freistellung  von  weiblichen  Arbeitskräften  für  die
       Lohnarbeit, vor  allem aber durch die Absicherung einer neuen Re-
       produktionsbasis durch  unentlohnte  Frauensubsistenzarbeit,  ist
       eine Kritik  der Geschlechterideologie  von  gesellschaftspoliti-
       scher Relevanz möglich.
       Diese Kritik der Geschlechterrollenideologie macht in konstrukti-
       ver Weise die Frauenarbeitsweise im Kapitalismus als eine gesell-
       schaftsformative Produktivkraft  sichtbar. Aus  ihr geht erst die
       Erkenntnis von  Frauenarbeit als eine ökonomische, politische und
       moralische Größe  hervor. Auf  dieser Basis  sprechen wir von der
       weiblichen Produktionsweise  im Kapitalismus,  deren Eigen-Logik,
       Eigen-Sinn und  Eigen-Produktivität als  feministische Politik zu
       begreifen ist.
       Folgen wir  dieser historischen  Betrachtungsweise, so  wird u.a.
       erkennbar, daß  im Hinblick  auf die  weibliche Arbeitskraft  die
       Verwertungsinteressen des  Kapitals immer  wieder in  eine innere
       Widersprüchlichkeit geraten.  Während es  einerseits stets im In-
       teresse des Kapitals liegt, die Frauenarbeitskraft möglichst frei
       verfügbar zu  halten, so werden gleichzeitig durch die einseitige
       Verfolgung dieser  Kapitalinteressen die  Voraussetzungen für das
       Funktionieren des  Kapitals, die Erhaltung der Reproduktionsbasis
       zur Reproduktion  der  lebendigen  Arbeitskraft,  zerstört.  Hier
       liegt zum einen die Erklärung dafür, weshalb der Kapitalismus ge-
       zwungen gewesen  ist, die  weibliche Arbeitskraft in der künstli-
       chen Gestalt  der neuzeitlichen  Familie zu einer scheinbaren Na-
       tur-Ressource zu machen.
       Aus seiner  eigenen Logik  heraus  mußte  der  Kapitalismus  eine
       zweite, weibliche Produktionsweise hervorbringen, um seine eigene
       Subsistenzbasis, die  er immer  wieder aufs Neue gefährdete, den-
       noch durch  die scheinbar  natürliche, unerschöpfliche, weibliche
       Arbeitskraft zu erhalten.
       Dieser kapitalistischen Logik der Entstehung einer zweiten Ökono-
       mie entspricht die Ausprägung einer weiblichen Ökonomie mit ihrer
       eigenen Überlebenslogik  im Kapitalismus.  Gilt es nun, die immer
       wieder unsichtbar  gemachte Frauenarbeit  zu erfassen,  so müssen
       wir dieser  Frauen-Logik des  Überlebens im  Kapitalismus auf die
       Spur kommen  - sowohl  in ihrem materiellen, mehrwertschaffenden,
       als auch in ihrem moralischen wertschöpfenden Gehalt.
       Diese feministische  Forderung nach  einer Neuvermessung  der ge-
       sellschaftlichen Arbeit aus der Sicht der dualen Ökonomiestruktur
       kapitalistischer Gesellschaften  deckt sich  in vielen  Bereichen
       mit vergleichbaren  Forderungen in  anderen, alternativen Gesell-
       schaftskonzeptionen. Zum Beispiel kann das von Illich formulierte
       Postulat auch  als ein Kernsatz feministischer Gesellschaftstheo-
       rie verstanden  werden: "Die  Entkoppelung der produktiven Tätig-
       keit vom Begriff der Erwerbstätigkeit droht alle Mauern einzurei-
       ßen, die  auf dem  Fundament des verbreiteten (Un)-verständnisses
       der sozialen  Wertschöpfung beruhen." (Ivan Illich: Das Recht auf
       schöpferische Arbeitslosigkeit,  in:  Anders  arbeiten  -  anders
       wirtschaften, hg. von J. Huber, Frankfurt 1983, S. 88) Allerdings
       müssen wir,  anders als Ivan Illich, auf die mit dem Kapitalismus
       entstandene Form  der geschlechtsspezifischen  Arbeitsteilung und
       die ihr  entsprechende Geschlechterideologie eingehen, sollen wir
       bei unserem  Bemühen um eine neue Theorie der Arbeit nicht wieder
       in eine schlechte und sexistische Metaphysik verfallen.
       
       Perspektiven
       ------------
       
       Man(n) mag  zum Schluß fragen, weshalb wir auf eine so umständli-
       che und  theoretische Weise  uns den  Weg zu einer feministischen
       Antwort auf  die gegenwärtige  Krise unserer  Arbeitsgesellschaft
       gebahnt haben.  Denn die  gesellschaftliche  Zielvorstellung  ist
       sehr leicht formulierbar. Sie lautet schlicht: eine radikale Kür-
       zung der  Lohnarbeitszeit für alle unter gleichen Bedingungen für
       Frauen und  Männer und  eine gleichmäßige  Verteilung der  Subsi-
       stenzarbeit auf beide Geschlechter. Dieses Ziel der Aufhebung der
       Geschlechtsspezifik des  Arbeitsmarktes und der patriarchalischen
       Familienstruktur bleibt aber ohne Kenntnis der Geschichte und der
       Logik  der  weiblichen  Ökonomie  im  Kapitalismus  unerreichbar.
       Hierzu abschließend nur ein Hinweis.
       Die Widersprüche  unserer  hochindustrialisierten  Arbeitsgesell-
       schaft sind  im sog.  Produktionsbereich offensichtlich. So führt
       beispielsweise die  steigende Produktivität  nur zu noch größerer
       Arbeitslosigkeit. Oder:  Hohe Profitraten  werden erwirtschaftet,
       ohne daß  es unseren  Volkswirtschaften  möglich  ist,  die  sog.
       "Lohnnebenkosten" zu  bezahlen. Diese  Beispiele lassen sich meh-
       ren. Die gesellschaftspolitischen Dimensionen dieser Widersprüche
       bleiben aber solange unausgeschöpft, als sie nur als Widersprüche
       innerhalb der  kapitalistischen Produktion begriffen werden. Denn
       was sind beispielsweise Lohnnebenkosten? Sind sie ohne die Beach-
       tung der  unentlohnten Frauensubsistenzarbeit überhaupt berechen-
       bar? Sind  kapitalistische Krisen nur oder primär Krisen der Pro-
       duktion? Aus  der Sicht der weiblichen Ökonomie sind kapitalisti-
       sche Krisen immer Subsistenzkrisen.
       Wir wissen, daß es weder im Interesse des Kapitals noch im Inter-
       esse des  Patriarchats liegen  kann, die gesellschaftliche Arbeit
       von Frauen  in die Neuvermessung der gesamtgesellschaftlichen Ar-
       beit einzubeziehen.  Eine nur  sozialistische oder nur ökologisch
       definierte gesellschaftspolitische  Alternative bleibt  aber  so-
       lange den Kapitalinteressen verhaftet, als sie der bequemen Ideo-
       logie der Frauenarbeit als Natur-Ressource folgt.
       In unseren Überlegungen zum Feminismus als einem gesellschaftspo-
       litischen Ausdruck  der neuzeitlichen Produktionsweise von Frauen
       kann ein  materialistisch begründeter  Feminismus  dieser  Gefahr
       entgegenwirken. Frauen  haben schon  längst in  ihrer eigenen Ge-
       schichte im  Kapitalismus eine  Alternative zu  der  Profit-  und
       Wachstumslogik des Kapitals praktiziert. Heute gilt es, diese al-
       ternative Praxis  mit ihrer eigenen Arbeits- und Zeitökonomie und
       ihrer eigenen  Moralität als  Handlungsalternative zu  begreifen,
       die der Kapitalismus zwar hervorgebracht hat, die aber ihn zu be-
       grenzen vermag.  Hierin liegt  die Chance  der Frauenemanzipation
       als einer humanen, gesellschaftspolitischen Alternative.
       

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