Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


       zurück

       
       DER STREIT IN DEN KIRCHEN UM DIE ZUKUNFT *)
       ===========================================
       
       Heinrich Werner
       
       1. Kirchen als Barometer der gesellschaftlichen Entwicklung - 1.1
       Der Griff  der Herrschenden  nach religiöser  Ideologie - 1.2 Zu-
       kunftsorientierte Radikalisierung  des Glaubens - 2. Der Konflikt
       - 2.7  Der innerkirchliche  Streit - 2.2 Christen und Marxisten -
       2.3 Die Lage in der BRD - 3. Die Dämme brechen
       
       1. Kirchen als Barometer der gesellschaftlichen Entwicklung
       -----------------------------------------------------------
       
       Kirchen sind keine gesellschaftlichen Gruppen mit klar umrissenen
       Grenzen. Sie  erheben den Anspruch, nicht Organisationen bestimm-
       ter Klassen oder Schichten zu sein. Sie wollen vielmehr das "eine
       Volk Gottes"  aus allen  Bereichen der  Gesellschaft sammeln. Das
       Evangelium überwindet  alle Grenzen  der Nationen,  der Kulturen,
       des gesellschaftlichen Standes, ja sogar der Geschlechter, wie es
       im Brief  des Paulus  an die  Galater heißt:  "Hier ist kein Jude
       noch Grieche,  hier ist  kein Knecht  noch Freier,  hier ist kein
       Mann noch  Weib; denn  ihr seid  alle einer  in Christus  Jesus."
       (Gal. 3, 28)
       Aber was  bedeutet das?  Jahrhundertelang war  es nahezu ungebro-
       chene Überzeugung in den Kirchen, daß es unter dieser Prämisse in
       ihren Reihen  keinen Konflikt  geben dürfe.  Wo der Geist Christi
       herrsche, müsse Harmonie alles und alle erfüllen. Und so wurde es
       zur selbstverständlichen  Praxis, daß sich jeder der herrschenden
       Meinung unterzuordnen  habe, daß also der Unfreie sich dem Freien
       beugte, das  Weib dem  Mann das  Befehlen nicht streitig machte -
       damit die Einheit im Geist Christi nicht verlorengehe. In unserer
       Gegenwart ist  dieses Modell  von Harmonie gründlich in Frage ge-
       stellt. Denn wenn vor Gott alle gleich sind - so steht die Haupt-
       frage heute  in den  Kirchen ",  wie kann dann die Herrschaft von
       Menschen über Menschen noch fortbestehen? Wie kann also hingenom-
       men werden,  daß diese Kirche für den Fortbestand von Verhältnis-
       sen eintritt, in denen die Ungerechtigkeit herrscht?
       Wer das kirchliche Leben realistisch zur Kenntnis nimmt, der wird
       feststellen, daß diese Fragestellungen in vielfältigen Formen auf
       allen Ebenen  - in den Gemeinden, Akademien, Synoden, Kirchenlei-
       tungen und  wo auch  immer -  die Auseinandersetzungen bestimmen.
       Das ist  ein Symptom  dafür, daß die faktische Klassenbindung der
       Kirchen, die über Jahrhunderte hinweg im wesentlichen unangefoch-
       ten geblieben  war -  obwohl diese Bindung in Worten stets heftig
       abgestritten wurde  ", heute  effektiv zu bröckeln beginnt. Diese
       Erscheinung ist  nicht vorübergehender  Natur und  nicht Ergebnis
       zufälliger Faktoren. Vielmehr widerspiegelt sich in diesen inner-
       kirchlichen Auseinandersetzungen  die Veränderung  im  Verhältnis
       der gesellschaftlichen  Kräfte, die die Zukunft bestimmen werden.
       Da in den Kirchen alle gesellschaftlichen Gruppierungen vertreten
       sind und  - bewußt oder unbewußt - um Legitimation ihrer Interes-
       sen ringen, kann der Streit in den Kirchen um die Zukunft als Ba-
       rometer der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden.
       
       1.1 Der Griff der Herrschenden nach religiöser Ideologie
       --------------------------------------------------------
       
       Der Kampf  um die Köpfe der Menschen, der in unserer geschichtli-
       chen Periode des Umbruchs auf allen Ebenen des gesellschaftlichen
       Lebens geführt  wird, tobt in den Kirchen in besonders zugespitz-
       ter Form. In diesen ideologischen Auseinandersetzungen wird deut-
       lich, daß  gegenwärtig der Griff nach dem Bewußtsein religiös ge-
       bundener Menschen  für die  Machteliten unserer  kapitalistischen
       Gesellschaft eine  immer stärker  werdende Dringlichkeit gewonnen
       hat. Dieses Faktum widerspiegelt den krisenhaften Charakter unse-
       rer Epoche:  Den Monopolen, Zentren der weltweiten Ausbeutung und
       Bedrohung des Lebens, gelingt es nicht mehr, ihr Handeln rational
       zu begründen. Deshalb müssen sie den Versuch unternehmen, die Be-
       gründungen für  ihre Herrschaftsausübung aus der Sphäre des Irra-
       tionalen zu  beziehen. Die  Repräsentanten  der  monopolistischen
       Herrschaft greifen  dabei auf Kategorien eines christlichen Glau-
       bens zurück, der noch ganz auf die Erwartung eines "besseren Jen-
       seits" orientiert  war. Dieser Rückgriff hat ein positives, sogar
       mobilisierendes Echo  bei jenen  Christen zur Folge, die sich den
       althergebrachten religiösen Vorstellungen in romantischer Verklä-
       rung vergangener  Frömmigkeitsformen verbunden  fühlen. Dies sind
       im wesentlichen  die Mittelschichten, die ihre Existenz durch die
       rasante gesellschaftliche  Entwicklung bedroht  sehen.  Der  hier
       wirkende Mechanismus  ist einfach  zu durchschauen:  Die objektiv
       gegebene Bedrohung der eigenen Existenzgrundlagen, eine Folge der
       zunehmenden Konzentration und Monopolisierung in der kapitalisti-
       schen Wirtschaft, die durch die unkontrolliert stürmische Einfüh-
       rung neuer Technologien zusätzlich dramatisiert werden, wird nach
       außen transponiert, indem die sozialistische Gesellschaft als der
       wirkliche Herd  der Bedrohung ausgemacht wird. Da der Sozialismus
       ohne Rückgriff  auf das Irrationale und ohne religiöse Verbrämung
       auskommt, sich  vielmehr rational  als wissenschaftliche  Weltan-
       schauung -  also "atheistisch" - präsentiert, wird der Antagonis-
       mus zwischen Kapitalismus und Sozialismus als "Endkampf" zwischen
       Religion und  Materialismus oder  zwischen "Gut  und Böse" darge-
       stellt.
       Vor allem  die gegenwärtige  US-Administration spielt  dieses In-
       strument mit  einer gewissen  Meisterschaft. Die Rede, die Ronald
       Reagan am 8. März 1983 vor der Nationalen Vereinigung der Evange-
       likaien in Orlando/Florida hielt, ist ein prägnantes Beispiel da-
       für. "All  unser materieller  Wohlstand und all unser Einfluß ist
       auf unseren  Glauben an  Gott und  die Grundwerte, die aus diesem
       Glauben folgen, gegründet." Das gibt den Hintergrund, sich selbst
       als Messias  darzustellen:  "Ich  glaube,  daß  ER  begonnen  hat
       (seitdem er,  Reagan, Präsident ist; H.W.), unser gesegnetes Land
       zu heilen...  Die Amerikaner wenden sich wieder Gott zu. Der Kir-
       chenbesuch ist  gestiegen. Die  Leserschaft für  religiöse Bücher
       und die  Zuhörerzahl für Rundfunksendungen wachsen ... Die Ameri-
       kaner haben sich entschieden, einen langen Niedergang zu stoppen,
       und heute  sieht unser  Land eine  Wiedergeburt von  Freiheit und
       Glauben ... eine große nationale Erneuerung." 1)
       Jerry  Falwell,  ein  reaktionärer  Evangelist,  der  mit  seiner
       "Fernsehkirche" die  verunsicherten Mittelschichten an sich zieht
       und Reagans  wichtigster Propagandist  ist, sagte  1980 in  einer
       seiner Fernsehpredigten:  "Wir sind  eine Nation unter Gott. Gott
       selbst hat  diese Nation  geschaffen. Und  ich  glaube,  daß  das
       letzte Ziel,  das Gott  durch diese  Nation erreichen  will,  die
       Evangelisation der  ganzen Welt  ist." 2)  Dies ist die Proklama-
       tion, unter  "christlichem" Vorzeichen  die Welt  beherrschen  zu
       wollen. In  dieser Weltsicht  ist der  Entscheidungskampf mit der
       Gegenmacht unausweichlich.
       Der abgrundtiefe  Zynismus dieser  religiösen Ideologie kommt zu-
       tage, wenn die christliche Auferstehungshoffnung zur Beschwichti-
       gung der  Angst vor dem Untergang mißbraucht wird. Wohin die völ-
       lige Entmaterialisierung des christlichen Glaubens und seine Ent-
       rückung in ein "göttliches" Jenseits führen, verdeutlicht die Ar-
       gumentation eines  evangelischen Militärdekans  und  Dozenten  am
       Zentrum für  Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz: "Auch wenn
       Himmel und  Erde vergingen,  wenn das  Leben von Pflanzen, Tieren
       und Menschen  auf dieser  Erde in  apokalyptischer Weise  beendet
       wäre, wenn  Feuer den  Erdboden verglühte und Strahlung die Ozon-
       schichten des  Himmels zerstörte,  wenn alles  das einträfe,  was
       viele Menschen  in den  Gemeinden  befürchten,  weil  tatsächlich
       nicht sicher  ist, daß Menschen die Energien, über die sie verfü-
       gen, nicht  auch mißbrauchen,  dann gilt  dennoch weiter die Bot-
       schaft vom  Sieg des  Christus und vom Leben über den Tod hinaus.
       Christi Wort gilt unabhängig von menschlichen Werken: 'Himmel und
       Erde werden  vergehen; meine  Worte aber  werden nicht vergehen.'
       Das Wissen  vom Leben  über den  Tod hinaus  auch in der atomaren
       Apokalypse mindert  meine Angst vor diesem möglichen Vergehen von
       Himmel und Erde." 3)
       In der Ära Reagan ist man in den USA sehr aktiv geworden, die re-
       ligiös-ideologische Absicherung  der  reaktionären  Zielsetzungen
       systematisch anzugehen.  Von Regierungsseite wurde beispielsweise
       das "Institut  für Religion und Demokratie" gegründet. Und selbst
       der Zusammenschluß  der Monopole, das "American Enterprise Insti-
       tute", gründete  eine "theologische Abteilung", die von einem ge-
       wissen Michael  Novak geleitet wird. Ziel dieser Gründung ist es,
       Existenz und  Wirken der multinationalen Konzerne "christlich" zu
       begründen. Dabei  ist man sich nicht zu gut auch für die abwegig-
       sten Konstruktionen.  So schreibt Novak: "Für viele Jahre war ei-
       ner meiner  liebsten Texte aus der Schrift Jesaja 53, 2-3: 'Keine
       Gestalt besaß  er, noch  Schönheit; wir schauten, und es war kein
       Anblick, daß  wir sein  begehrten. Verachtet  war er  und von den
       Menschen gemieden,  ein Mann von Schmerzen, leiderfahren; wie ei-
       ner, vor  dem man  sein Angesicht verhüllt, verabscheut, von nie-
       mand beachtet.'  Ich möchte  diese Worte auf die moderne Business
       Corporation anwenden, eine außerordentlich verachtete Inkarnation
       von Gottes  Gegenwart in  dieser Welt". 4) Man reibt sich die Au-
       gen, aber was da steht, ist ernst gemeint: Novak sieht in den ka-
       pitalistischen Konzernen  die Träger des Auftrags Christi, in ih-
       nen ist  Christus gegenwärtig,  und an  sie ergeht  der  Auftrag:
       "Gehe hinaus in die Welt der täglichen Arbeit, um den Frieden und
       die Liebe Christi dorthin zu tragen." 5)
       Selbstverständlich ist  eine solche Ideologisierung des Evangeli-
       ums nicht  auf die USA beschränkt. Ähnliche und gleiche Gedanken-
       führungen wären auch aus dem Bereich des Wirtschaftsrates der CDU
       oder aus  den Reihen der katholischen und evangelischen Unterneh-
       merzusammenschlüsse anzuführen.  Dies ist keine neue Erscheinung.
       Sie war  vielmehr über  Jahrhunderte hinweg - spätestens seit der
       "Konstantinischen Wende"  im 4. Jahrhundert - ein tragendes Prin-
       zip der  Herrschaftsausübung. Neu  hingegen ist  die Qualität der
       Gegenkräfte.
       
       1.2 Zukunftsorientierte Radikalisierung des Glaubens
       ----------------------------------------------------
       
       Die Frontenbildung  unserer Gegenwart  zieht sich quer durch alle
       Konfessionen und  ist nicht an bestimmte Glaubensbekenntnisse ge-
       bunden. Der immer lauter werdende Ruf nach Frieden und Gerechtig-
       keit ertönt  aus christlichen  Gemeinden aller  Kontinente. Darin
       widerspiegelt sich  die zunehmende Erkenntnis, daß die Herrschaft
       von Ausbeutung  und Elend  kein gottgewolltes Schicksal ist, son-
       dern Resultat  ungerechter menschlicher  Ordnung.  Auch  Christen
       nehmen zur  Kenntnis, daß  die großen  Monopole  nach  weltweiter
       Herrschaft greifen  und daß damit auch die Klassenkämpfe weltwei-
       ten Charakter  annehmen. Die  Benachteiligten dieser  Erde werden
       durch diese weltweiten Klassenkämpfe auf die aktivierenden Poten-
       zen ihres  Glaubens geworfen.  Die Vertröstungen auf ein Jenseits
       verwandeln sich  in diesem Prozeß in Kampf für ein menschenwürdi-
       ges Diesseits.
       Diese Neuorientierung, das Umpolen von einer "Theologie von oben"
       in eine  "Theologie von  unten", ist nicht mehr Sache von einzel-
       nen, kleinen  kirchlichen Gruppen  oder Sekten. Was vielmehr über
       Jahrhunderte unter  dem Etikett  "Häresie" in den Untergrund ver-
       bannt war, drängt heute offen an die Oberfläche, bestimmt die in-
       nerkirchliche Diskussion  und erhebt Anspruch auf Orthodoxie. Die
       Bergpredigt Jesu  und die  Grundaussagen der biblischen Verkündi-
       gung bekommen  eine neue Sprengkraft. Das macht die neue Qualität
       des gegenwärtigen  Prozesses in  den Kirchen aus und schlägt sich
       auch in den Dokumenten der weltweiten Ökumene nieder.
       Die Vollversammlung  des Ökumenischen  Rates der Kirchen (der Zu-
       sammenschluß von  über 300,  also fast aller, anglikanischen, or-
       thodoxen und protestantischen Kirchen der Welt) in Vancouver ver-
       abschiedete 1983  eine "Botschaft  an die  Kirchen",  in  der  es
       heißt: "Wir erneuern unser Engagement für Gerechtigkeit und Frie-
       den. Da  Jesus Christus das ganze Leben heilte und forderte, sind
       wir aufgerufen,  dem Leben aller zu dienen. Wir sehen, wie Gottes
       gutes Geschenk von den Mächten des Todes zerstört wird. Ungerech-
       tigkeit verleugnet  Gottes Gaben der Einheit, des Teilens und der
       Verantwortung. Wenn Völker, Gruppen oder Systeme die Macht haben,
       über das  Leben anderer  Menschen zu entscheiden, dann lieben wir
       diese Macht.  Gott aber will, daß die Macht geteilt wird, daß sie
       jedem Menschen geschenkt wird. Ungerechtigkeit verdirbt die Mäch-
       tigen und  entstellt die Machtlosen. Immerwährende, hoffnungslose
       Armut ist  das Schicksal  von Millionen  Menschen,  weggenommenes
       Land ist die Ursache von Verbitterung und Krieg, die Vielfalt der
       Rassen wird  zu bösen Gefängnismauern des Rassismus. Wir brauchen
       dringend eine  neue Weltwirtschaftsordnung,  in der die Macht ge-
       teilt wird  und niemand sie an sich reißt. Wir sind verpflichtet,
       dafür zu arbeiten." 6)
       Dies ist  sicherlich kein  revolutionärer Aufruf  zum Umsturz der
       bestehenden Verhältnisse. Aber deutlich wird doch die Veränderung
       der Parteinahme,  vor allem  dann, wenn sich die Einschätzung der
       Lage der Menschheit verbindet mit einem Bußbekenntnis der Kirche,
       wie es  in der "Erklärung zu Frieden und Gerechtigkeit" der Voll-
       versammlung des  Ökumenischen Rats  in Vancouver  formuliert ist:
       "Die Kirchen sind heute aufgerufen, ihren Glauben neu zu bekennen
       und Buße  zu tun für ihr Schweigen angesichts der Ungerechtigkeit
       und der  Bedrohung des Friedens. Für die Jünger gibt es keine Al-
       ternative zur  biblischen Vision  vom Frieden,  der Gerechtigkeit
       für alle einschließt, zur Vision der Ganzheit und der Einheit des
       ganzen Volkes Gottes. Dies ist das Gebot der Stunde."
       Auch in  der katholischen Kirche haben sich die Gewichte verscho-
       ben. Schon  das Zweite  Vatikanische Konzil  (von Papst  Johannes
       XXIII. im  Dezember 1961 einberufen, im Dezember 1965 abgeschlos-
       sen) hat  eine prinzipielle  Hinwendung zu den "Armen" vollzogen.
       In einem der Abschlußdokumente heißt es: "Zum Aufbau einer inter-
       nationalen Ordnung,  in der  die  rechtmäßigen  Freiheiten  aller
       wirklich geachtet  werden  und  wahre  Brüderlichkeit  bei  allen
       herrscht, sollen  die Christen  gern und  von Herzen mitarbeiten,
       und das um so mehr, als der größere Teil der Welt noch unter sol-
       cher Not  leidet, daß  Christus selbst  in den  Armen mit  lauter
       Stimme seine  Jünger zur Liebe aufruft. Das Ärgernis soll vermie-
       den werden,  daß einige Nationen, deren Bürger in überwältigender
       Mehrheit den  Ehrennamen 'Christen' tragen, Güter in Fülle besit-
       zen, während  andere nicht  genug zum Leben haben und von Hunger,
       Krankheit und  Elend aller  Art gepeinigt  werden. Denn der Geist
       der Armut  : und  Liebe ist  Ruhm und Zeugnis der Kirche Christi"
       (Gaudium et  Spes 88). Daraus leitete die Lateinamerikanische Bi-
       schofskonferenz in  Medellin (1968)  ihre "Option  für die Armen"
       ab. Und die nachfolgende Lateinamerikanische Bischofskonferenz in
       Puebla (1979)  konkretisierte: "Bei  einer eingehenderen  Analyse
       der Lage  wird man  entdecken, daß  diese Armut  keine  zufällige
       Etappe ist.  Sie ist  vielmehr das  Produkt von wirtschaftlichen,
       gesellschaftlichen und  politischen Strukturen, die einen solchen
       Armutsstatus erzeugen,  obgleich es  auch noch  andere Gründe für
       das Elend gibt. Dieses ist die Lage im Innern unserer Länder, die
       aber häufig  ihren Ursprung findet in Mechanismen, die keineswegs
       von echtem Humanismus, sondern vom Materialismus geprägt sind und
       als solche auf internationaler Ebene zu Lasten von Armen, die im-
       mer noch ärmer werden, Reiche produzieren, die zunehmend nur rei-
       cher werden" (Puebla 30).
       Es gibt keinen Zweifel, daß die Formulierungen in diesen Dokumen-
       ten der Weltkirche vor allem auf das Drängen christlicher Gemein-
       den in  der Dritten Welt zurückzuführen sind. Man kann diese Ver-
       lautbarungen auch  als Versuch der Beschwichtigung verstehen, mit
       denen die  vorwärtsdrängenden Kräfte  im Raum der Kirche gehalten
       und integriert  werden sollen.  Solche Versuche  haben Geschichte
       und schlugen  sich bereits im vorigen Jahrhundert nieder, als die
       Kirchen darangingen,  der Dynamik der Arbeiterbewegung eigene so-
       ziale  Institutionen,  sogar  Gewerkschaften,  entgegenzustellen.
       Aber was  damals mit  antisozialistischer Zielstellung entwickelt
       wurde, unterscheidet  sich dennoch  prinzipiell von dem, was sich
       heute in den Kirchen vollzieht. Denn heute ist die sozialistische
       Gesellschaftsordnung auf  einem großen Teil der Erde Wirklichkeit
       geworden, und eine ganze Reihe von Kirchen hat ihren Platz in der
       sozialistischen Gesellschaft  gefunden. Im  Gegensatz  dazu  wird
       sowohl in  den entwickelten  kapitalistischen Ländern als auch in
       den Entwicklungsländern  der Ausbeutungsdruck der internationalen
       Monopole so  stark, daß die objektive Notwendigkeit des Übergangs
       zu einer menschlichen Gesellschaftsordnung immer drängender wird.
       Deshalb ist  das Suchen der Christen nach der unverfälschten Bot-
       schaft des  Neuen Testaments,  nach neuen  Formen  der  Aneignung
       christlichen Glaubens und Lebens ein Ansatz, der jede Taktik hin-
       ter sich läßt und radikal die herkömmliche Interpretation der bi-
       blischen Texte in Frage stellt.
       Gustavo Gutiérrez,  der peruanische  Theologe, der oft als "Vater
       der Theologie  der Befreiung" bezeichnet wird, drückt das so aus:
       "Die Bibel will aus der Perspektive der 'Verdammten der Erde' ge-
       lesen sein,  weil ihnen  das 'Himmelreich' gehört. An sie ist das
       Evangelium gerichtet.  Jedoch sind sie die Adressaten des Evange-
       liums nur  in dem Maß, in dem sie auch seine Träger sind." 7) Das
       hat konkrete  Folgen im  christlichen Leben:  "In  einer  Gesell-
       schaft, die  soziale Klassen einander gegenüberstellt, lassen wir
       Gott dadurch wahr werden, daß wir Partei ergreifen für die Armen,
       für die  Klassen des  zukurzgekommenen Volkes,  für die entehrten
       Rassen und für die an den Rand gedrängten Kulturen." 8)
       Gustavo Gutiérrez,  den wir  als exemplarischen Vertreter aus der
       Fülle der  Theologen der  Befreiung herausgegriffen  haben,  geht
       keineswegs naiv  an diesen  neuen Ansatz  von Theologie  (und das
       heißt: kirchlichen  Selbstverständnisses) heran.  Es ist  ihm be-
       wußt, daß  der gesellschaftliche Antagonismus, wenn man ihn ernst
       nimmt, auch  auf dem  theologischen Feld zu einem Kampf auf Leben
       und Tod  führt: "Man  darf nicht vergessen, daß die Bibel aus der
       Sicht der herrschenden Kreise und Klassen interpretiert und über-
       liefert wurde  ... So  kam es, daß in der herrschenden Ideologie,
       die eine  in Klassen zerrissene Gesellschaft begründet und zusam-
       menhält, 'das  Christliche' eine  wichtige Rolle spielt... Unter-
       drücker und Unterdrückte bekennen sich zu ein und demselben Glau-
       ben, spalten  sich aber  in wirtschaftlichen,  gesellschaftlichen
       und politischen  Dingen, in  denen - genau betrachtet - die einen
       die anderen  ausbeuten. Der Widerspruch springt ins Auge. Die to-
       tale Disparität, die zwischen dem Glauben und der geschichtlichen
       Wirklichkeit besteht,  in der  das Christentum zu Hause ist, hält
       nicht der  geringsten Überprüfung  am Wort  Gottes stand.  An dem
       Punkt, an dem die soziale Spannung am schärfsten ist, und aus der
       Erkenntnis heraus,  daß diese  Spaltung aus  der Sicht des bibli-
       schen Glaubens  nicht zu verantworten ist, entsteht die Theologie
       der Befreiung." 9)
       Was hier  umschrieben wird, ist nicht einfach ein neuer theoreti-
       scher Ansatz; denn die theoretische Verarbeitung, also Theologie,
       ist erst  der zweite Schritt: "Bekanntlich kommt in der Sicht der
       Befreiungstheologie die Theologie erst im nachhinein und ist erst
       der zweite  Akt. Der  erste Akt  ist das  Engagement in  der  ge-
       schichtlichen Befreiungspraxis  und die darauf bezogene Verkündi-
       gung des Wortes." 10) Die Gefahren dieses Weges werden nicht ver-
       drängt. Gutiérrez  spricht vom "Tod des Theologen" als Faktum und
       verweist auf  biblische Beispiele,  wo Propheten  und Apostel ihr
       Engagement ebenso  mit dem  Tod bezahlten wie engagierte Christen
       heute z.B. in Lateinamerika.
       Zwar ist  die lateinamerikanische Theologie der Befreiung infolge
       des innerkirchlichen  Konflikts um sie in den Mittelpunkt des In-
       teresses gerückt;  es wäre  jedoch verfehlt, daraus den Schluß zu
       ziehen, daß  die Radikalisierung des christlichen Glaubens nur in
       Lateinamerika ihren Wirkungsort habe. Das gleiche Phänomen begeg-
       net uns vielmehr an vielen geographisch weit auseinanderliegenden
       Schauplätzen: In  Südafrika ist die "Schwarze Theologie" entstan-
       den, in Südkorea die "Minjung-Theologie", und auf den Philippinen
       ist die gleiche Praxis ohne besonderen Namen wirksam. Überall ist
       diese neue Theologie untrennbar verzahnt mit der Bewegung der Ba-
       sisgemeinden, in denen sich Christen zusammenfinden, um beim Stu-
       dium biblischer  Texte sich ihrer Situation der Unterdrückung und
       Ausbeutung bewußt  zu werden  und an  der Veränderung dieses men-
       schenunwürdigen Lebens gemeinsam zu arbeiten.
       
       2. Der Konflikt
       ---------------
       
       Alle diese  Ausformungen eines neuen christlichen Selbstverständ-
       nisses sind nicht einfach "moderne Theologien", mit denen bürger-
       liche Theologen  der vergangenen Jahrzehnte und der Gegenwart den
       Versuch unternahmen,  die biblischen  Aussagen in Übereinstimmung
       mit dem jeweiligen Stand naturwissenschaftlicher und historischer
       Erkenntnisse zu  bringen. Bei  den radikal  aufgebrochenen Fragen
       nach Gerechtigkeit  und Frieden  geht es um solche Probleme über-
       haupt nicht.  Die kirchlichen  Dogmen (z.  B. das Verständnis von
       Taufe und Abendmahl, Jungfrauengeburt o.ä.) werden nicht in Frage
       gestellt, und  die Formen  der Frömmigkeit  können völlig  in den
       traditionellen Bahnen  bleiben. Radikal  in Frage gestellt werden
       dagegen die  bestehenden Gesellschaftsstrukturen.  Es wird  sogar
       ausdrücklich  konstatiert,  daß  diese  Strukturen  in  absolutem
       Gegensatz zur biblischen Verkündigung stehen.
       Es ist  selbstverständlich, daß  eine Kirche, die auf diese Weise
       ihre Lebendigkeit erweist, ins Fadenkreuz der Monopole gerät, die
       gerade jetzt  der religiösen Ideologie so dringend bedürfen. Des-
       halb liegt  es in  der Natur  der Sache,  daß vor allem die herr-
       schenden Kräfte  in den USA auf eine aktive Bekämpfung aller For-
       men der  Theologie der  Befreiung drängen. Schon im "Dokument von
       Santa Fe",  das 1980 noch vor der Wahl Reagans zum US-Präsidenten
       die seither  geltenden Grundlinien der US-Außenpolitik festlegte,
       wurde die  Forderung aufgestellt: "Die US-Außenpolitik muß anfan-
       gen, die  Befreiungstheologie, so wie sie von den Befreiungstheo-
       logen in  Lateinamerika benutzt wird, zu bekämpfen. Die Rolle der
       Kirche in Lateinamerika ist für die Idee der politischen Freiheit
       von entscheidender  Bedeutung.  Unglücklicherweise  haben  marxi-
       stisch-leninistische Kräfte die Kirche als politische Waffe gegen
       privates Eigentum  und kapitalistische  Produktionsweise benutzt,
       indem sie  die Religionsgemeinschaft  mit ihren Ideen infiltriert
       haben, die weniger christlich denn kommunistisch sind." 11)
       Diese Orientierung  ist keineswegs  nur ein Anliegen der US-Mono-
       pole. So  schrieb beispielsweise auch die "Frankfurter Allgemeine
       Zeitung", das  Hausblatt der  bundesdeutschen Großbourgeoisie, am
       6.10.1984: "Ein gerechtes Urteil über die Befreiungstheologie und
       die Haltung  der katholischen  Kirche in  Lateinamerika kann sich
       nicht in den Slums der dortigen Großstädte und an den schwieligen
       Händen eines  mittelamerikanischen Landarbeiters entscheiden. Wer
       sich im  siebten Jahrzehnt  nach der russischen Oktoberrevolution
       auf den  Standpunkt der  'Verelendeten und Ausgebeuteten' stellt,
       kann nicht  mehr mit ungeteilter Zustimmung oder moralischem Vor-
       schuß rechnen  ... Darf  die Kirche - Bischof oder Theologe - aus
       der marxistischen  Ideologie die Theorie des Klassenkampfes über-
       nehmen und  den Kampf  der einen  Klasse gegen die andere mit der
       Kraft des Evangeliums unterstützen?"
       
       2.1 Der innerkirchliche Streit
       ------------------------------
       
       Schon 1973  wurde vor allem auf Initiative aus der Bundesrepublik
       ein Studienkreis "Kirche und Befreiung" gegründet, in dem seither
       deutschsprachige und  lateinamerikanische Bischöfe  und Theologen
       zusammenarbeiten. Die  Zielsetzung dieses  Kreises wird  an einer
       Aussage eines  Mitbegründers, Bischof  Franz Hengsbach von Essen,
       deutlich, die aus dem Jahr 1977 stammt: "Die sogenannte Theologie
       der Befreiung  führt ins  Nichts. In  ihrer Konsequenz  liegt der
       Kommunismus. Revolution  ist kein  Weg zur Besserung der Verhält-
       nisse." 12) Diese Frontstellung gegen die Theologie der Befreiung
       fand von  Anfang an starke Unterstützung auch beim Lateinamerika-
       nischen Bischofsrat (CELAM), dessen Generalsekretär, der damalige
       Weihbischof Alfonso  Lopez Trujillo, seit 1972 einen stramm reak-
       tionären Kurs  verfolgte. Inzwischen  ist der  jetzige Erzbischof
       von Bogota (Kolumbien) und Kardinal der Präsident des CELAM (seit
       1980). In diese Ämter wurde er vom Vatikan berufen.
       In diesem  Kontext ist  um so erstaunlicher, daß die Vollversamm-
       lung der  lateinamerikanischen Bischöfe  1979 in  Puebla in ihrem
       Schlußdokument formulieren  konnte: "Die  freie  Marktwirtschaft,
       die als  System auf unserem Erdteil gilt und durch liberale Ideo-
       logien gerechtfertigt  wird, hat  den Abstand  zwischen  arm  und
       reich noch  weiter vergrößert.  Bei ihr kommt zuerst das Kapital,
       dann die Arbeit, erst die Wirtschaft, dann das Soziale. Nationale
       Minderheiten, die  bisweilen im Verbund stehen mit fremden Inter-
       essenträgern, haben  die Gelegenheit  genutzt, die  ihnen  derlei
       primitive Formen  des freien Marktes bieten, um zu ihrem Vorteil,
       aber auf  Kosten der Mehrheit des unterprivilegierten Volkes vor-
       wärtszukommen." Auf  dieser Grundtendenz  arbeiten und denken die
       Theologen der  Befreiung, und  gegen diese  Grundtendenz  richten
       sich  die   Instruktion  der  Glaubenskongregation  "über  einige
       Aspekte der 'Theologie der Befreiung'" und die Disziplinarmaßnah-
       men gegen  Leonardo Boff,  an dem  ein Exempel  statuiert  werden
       soll.
       Die Lektüre der "Instruktion" der Glaubenskongregation - ihr Lei-
       ter ist  der frühere  Münchner Erzbischof  Kardinal  Ratzinger  -
       macht deutlich,  daß es hier gar nicht um konkrete und argumenta-
       tive Auseinandersetzung  mit bestimmten  theologischen Positionen
       geht. Der  Vatikan bezweckt  vielmehr die Verdammung des Klassen-
       kampfes  in   Theorie  und   Praxis.  In   der  Konstruktion  der
       "Instruktion" darf sich kein Katholik am Klassenkampf beteiligen,
       wenn er  sein Seelenheil  nicht tödlicher  Gefahr aussetzen will.
       Denn "Klassenkampf"  ist untrennbar  an den  Marxismus-Leninismus
       gebunden, und  dieser ist  atheistisch, also  gegen Gott und alle
       christlichen Wahrheiten gerichtet. "In diesem Rahmen sind gewisse
       Sprachformeln keineswegs  neutral, sondern  bewahren jene  Bedeu-
       tung, die  sie in der ursprünglichen marxistischen Doktrin erhal-
       ten haben.  So verhält  es sich  zum Beispiel  mit  dem  Ausdruck
       'Klassenkampf'. Dieser  bleibt durchdrungen  von der  Interpreta-
       tion, die  ihm Marx  gegeben hat;  er sollte  deshalb  nicht  für
       gleichbedeutend mit  dem empirisch  verstandenen Ausdruck  'zuge-
       spitzter Sozialkonflikt'  gehalten werden.  Wer ähnliche  Formeln
       benutzt und  dabei behauptet,  nur gewisse  Elemente  der  marxi-
       stischen Analyse  beizubehalten, während  er letztere  als Ganzes
       zurückweise, schafft  im Denken seiner Leser zumindest eine tiefe
       Zweideutigkeit." 13) Und:
       "Die 'Befreiungstheologien' übernehmen nicht die Tatsache der ge-
       sellschaftlichen Schichtungen und die mit ihnen verbundenen Unge-
       rechtigkeiten (die  nach dem  Naturrecht vorgegeben sind und ergo
       bleiben werden; H.W.), sondern die Theorie des Klassenkampfes als
       strukturelles Grundgesetz des Geschichte." 14)
       Im legitimen  Sinn theologische Argumente spielen bei den Gegnern
       der Theologie  der Befreiung  längst keine Rolle mehr. Der ausge-
       brochene Machtkampf  entscheidet über die Zukunft der Kirche. Und
       diese Entscheidung  wird tiefgreifende Auswirkungen auf die poli-
       tische und  gesellschaftliche Entwicklung  der Welt  haben - oder
       richtiger: Sie wird signalisieren, welche Reife der gesellschaft-
       liche Entwicklungsprozeß gewonnen hat.
       
       2.2 Christen und Marxisten
       --------------------------
       
       Ziemlich pauschal  erhebt der Vatikan gegen die Theologen der Be-
       freiung den  Vorwurf, sie  seien vom  Marxismus-Leninismus inspi-
       riert. Darin  stimmt Kardinal Ratzinger sowohl mit lateinamerika-
       nischen Militärdiktaturen  und den herrschenden Oligarchien über-
       ein als auch mit dem Dokument von Santa Fe und der Propaganda der
       USA. So  werden Anhänger der Befreiungstheologie und die Basisge-
       meinden mit der kirchlichen Verurteilung auch politischer Verfol-
       gung ausgesetzt, an deren Ende allzu oft der Tod steht.
       So ist es nicht verwunderlich, daß sich die Betroffenen gegen die
       kirchlichen Vorwürfe entschieden zur Wehr setzen. Vor allem stel-
       len sie  in Abrede,  daß sie  vom Marxismus zu Praxis und Theorie
       der Theologie  der Befreiung motiviert seien. Ihre Interpretation
       der biblischen Verkündigung weiche in keinem Punkt von den Dogmen
       der Kirche  ab und  sei genuin christlich. Und schließlich stimme
       auch ihr gesellschaftliches und politisches Engagement völlig mit
       der Soziallehre der Kirche und mit den Beschlüssen der Lateiname-
       rikanischen Bischofskonferenzen überein. Man darf diese Verteidi-
       gung nicht  als Zweckbehauptungen mißverstehen. Den Theologen der
       Befreiung, die ihren "Ort des Lebens" in den Basisgemeinden, also
       "unten", gefunden  haben, geht es nicht um die Übernahme des Mar-
       xismus, sondern  um eine neue Art des Glaubens. "Um das Christen-
       tum neu  zu verstehen,  muß man eine andere geschichtliche Stand-
       ortbestimmung haben, als die herrschenden Kreise der Gesellschaft
       sie kennen ... Die Armen nehmen den Großen das Evangelium aus der
       Hand und  machen es ihnen unmöglich, es weiterhin zur Rechtferti-
       gung einer Situation zu gebrauchen, die dem Willen Gottes des Be-
       freiers widerspricht."  15) Die  Teilnahme am Befreiungskampf ist
       es, die  diese Neuorientierung  des  Glaubens  mit  sich  bringt:
       "Viele Christen  in Lateinamerika empfanden - und empfinden - den
       Augenblick, seit dem sie sich an den Befreiungskämpfen des Volkes
       beteiligen, als den Beginn einer neuen Art und Weise, ihren Glau-
       ben zu leben, weiterzugeben und zu feiern." 16)
       In diesem historischen Prozeß der Befreiung findet nun die Begeg-
       nung mit  der marxistischen  Gesellschaftsanalyse  statt.  "Gewiß
       handelt es  sich dabei um eine kritische Begegnung. Aber sie fin-
       det in  der Dynamik einer Geschichtsbewegung statt, die Eigenbrö-
       telei, Dogmatismus  und kurzlebiger Begeisterung ein Ende setzt."
       17) Dahinter  steht die Erkenntnis, daß die verelendeten Menschen
       kaum Probleme  mit der Religion haben; ihre Fragen und ihr Aufbe-
       gehren richten sich gegen eine wirtschaftliche, gesellschaftliche
       und politische  Ordnung, deren  Opfer sie sind, und gegen die sie
       tragende Ideologie.  Deshalb muß  man die  Wurzeln des Elends und
       der Ungerechtigkeit ausgraben. Und daraus folgt: "Deshalb ist der
       Weg die gesellschaftliche Revolution und nicht bloß Reformmaßnah-
       men, die  die Lage  nur lindern könnten. Befreiung und nicht Ent-
       wicklungsideologie, Sozialismus  und nicht  Modernisierung."  18)
       Allen Beteiligten  und Betroffenen ist bewußt, daß die Frontlinie
       nicht zwischen  christlichem Glauben  und Marxismus  verläuft. Es
       sind die  Fronten des Klassenkampfes, die hier aufeinanderstoßen:
       "Die heftigsten  Angriffe gegen  die Theologie der Befreiung sind
       ... Reaktionen  zur Verteidigung  einer Gesellschaftsordnung, die
       ihre Grundlagen  wanken sieht und zum wiederholten Mal an die Re-
       ligion appelliert, um ihre eigene Position zu verstärken." 19)
       Den konsequenten  Theologen der Befreiung geht es nicht in erster
       Linie um  Theologie, sondern um die Befreiung aus den ungerechten
       Strukturen. Von  dort her  wird das  Bündnis mit Marxisten im Be-
       freiungskampf überhaupt  nicht thematisiert;  es  ist  selbstver-
       ständlich. Dabei  bekommt das  Verhältnis von Christen und Marxi-
       sten im konkreten Lebensvollzug eine neue Qualität: Die Frage des
       Atheismus verliert  ihre Scheidungsfunktion  und wird  als zweit-
       oder drittklassiges  Problem zurückgestuft. Christen, die aus ih-
       rem Glauben  die revolutionäre  Kraft schöpfen, eine Gesellschaft
       der Ausbeutung und Unterdrückung beseitigen und für eine soziali-
       stische Gesellschaft kämpfen zu wollen, suchen Gott nicht mehr in
       einem fernen  "Himmel". Sie  kämpfen für  Gerechtigkeit in dieser
       Welt. Für  sie ist  Gott gegenwärtig, indem sie den Weg des Jesus
       von Nazareth  nachgehen, der  als geschichtlicher Mensch sich auf
       die Seite  der Unterdrückten und Ausgebeuteten gestellt hatte und
       den das  politische Todesurteil  über einen Befreiungskämpfer ge-
       troffen hat.
       In dieser  Konkretisierung und  zugleich Aktualisierung christli-
       cher Verkündigung  vollzieht sich  eine Radikalisierung des Glau-
       bens, die an den ursprünglichen Kern der biblischen Botschaft un-
       mittelbar anknüpft,  indem sie  die dazwischenliegenden  - histo-
       risch von  der Klassengesellschaft  verursachten und  in Gebrauch
       genommenen -  Verzerrungen überspringt. Dieser dynamische Bewußt-
       seinsprozeß konnte  nicht in einer beliebigen geschichtlichen Pe-
       riode erfolgen. Er geschieht in unserer Epoche des Umbruchs, weil
       die weltweite  gesellschaftliche Entwicklung solche neuen Antwor-
       ten zwingend macht. Gutiérrez und die anderen Befreiungstheologen
       sind sich  dieses Zusammenhangs durchaus bewußt. So macht Gutiér-
       rez darauf  aufmerksam, daß die Befreiungstheologien nicht hätten
       entstehen können,  "bevor die  Volksbewegung nicht einen gewissen
       Reifegrad erreicht"  hatte, 20) und er konstatiert, daß Theologie
       von gesellschaftlichen  Prozessen und  ihrem jeweiligen Stand ab-
       hängig ist.
       So läßt sich gerade am Aufbrechen der Theologien der Befreiung in
       geographisch weit  entfernten Teilen  der Erde  (deshalb kann  im
       Blick auf  dieses Phänomen  auch im Plural gesprochen werden) die
       Reife des  gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses  zur Überwin-
       dung der Ausbeutergesellschaft ablesen. Die Wirklichkeit der men-
       schenvernichtenden Herrschaft  der Monopole  und die  Perspektive
       einer neuen Gesellschaft sind stärker als die traditionelle reli-
       giöse Ideologie  der Vertröstung  und "Versöhnung".  Mir scheint,
       daß es an der Zeit sein könnte, daß der wissenschaftliche Marxis-
       mus -  der ja bekanntlich kein abgeschlossenes Dogmengebäude ist,
       sondern aus der Analyse der Gegenwart stets neue Impulse aufnimmt
       und sich  so weiterentwickelt  - sein Verhältnis zum christlichen
       Glauben neu  bestimmt. Denn  religiöses Bewußtsein muß sich nicht
       unbedingt als  falsches Bewußtsein  realisieren, das die Verhält-
       nisse nur neu interpretiert, anstatt sie zu verändern.
       Die Klassengebundenheit  theologischer und christlicher Entschei-
       dungen kommt  vielleicht am  deutlichsten in  Nicaragua zum  Aus-
       druck: Der  Erzbischof von  Managua (1985  vom Papst zum Kardinal
       ernannt) ist der Führer der inneren Konterrevolution, während die
       bekannten vier  "Priesterminister" als Repräsentanten der "Kirche
       des Volkes" Seite an Seite mit Marxisten die sandinistische Revo-
       lution verteidigen  und weiterführen.  Zwar hat  der Vatikan  die
       vier von  ihren priesterlichen Funktionen entbunden, aber er ris-
       kiert es nicht, sie auch zu exkommunizieren (d. h. aus der Kirche
       auszuschließen), wie  es die  Konservativen in der Kirche Nicara-
       guas und anderswo gefordert haben. Darin kommt ein Reflex auf das
       tatsächliche Kräfteverhältnis  in den christlichen Gemeinden Mit-
       telamerikas zum  Ausdruck. Der Prozeß der gesellschaftlichen Kon-
       frontation in  der Kirche  ist so  weit fortgeschritten, daß jede
       weitere Strafmaßnahme  gegen "Abweichler" die Gefahr der Kirchen-
       spaltung mit sich bringt. Der Prozeß der Befreiung wird sich auch
       gegen  den  Widerstand  einer  rückwärtsgewandten  Theologie  und
       kirchlichen Praxis durchsetzen.
       
       2.3 Die Lage in der BRD
       -----------------------
       
       Erst auf  dem Hintergrund  des weltweiten Aufbruchs einer "Kirche
       des Volkes"  kann deutlich werden, daß erste zaghafte Ansätze für
       eine ähnliche  Entwicklung, die sich auch in unserem Land zeigen,
       eine tiefere Bedeutung haben, als der oberflächliche Eindruck er-
       scheinen läßt.  Während selbst  in den  USA die  Kirchen  zu  den
       schärfsten Gegnern  der Reagan-Politik gehören - man denke nur an
       den Hirtenbrief  der katholischen  Bischöfe zur  nuklearen Aufrü-
       stung und  den bevorstehenden  Hirtenbrief zur  Wirtschaft,  aber
       auch an  ihre Stellungnahmen  zur  US-Mittelamerikapolitik;  eine
       ähnlich schroffe  Haltung nimmt  auch der Nationalrat der Kirchen
       in den  USA, der Zusammenschluß der nichtkatholischen Kirchen, in
       den genannten  Fragen ein -, sind es in der BRD Minderheiten, die
       auf dieser Ebene ihre politische und gesellschaftliche Verantwor-
       tung als  Christen wahrnehmen.  Die Kirchenleitungen verfolgen in
       ihrer Mehrheit  einen konservativen  Kurs, am konsequentesten die
       katholische Deutsche  Bischofskonferenz. Diese  Situation hat na-
       türlich gesellschaftliche Gründe.
       In der deutschen evangelischen Kirche hat sich im 19. Jahrhundert
       die bürgerliche  Ideologie als  die herrschende Sicht der Gesell-
       schaft im  Kampf gegen die erstarkende Arbeiterbewegung endgültig
       durchgesetzt. Diese  Entwicklung ist  einer gewissen historischen
       Logik gefolgt, insofern die Reformation des 16. Jahrhunderts tra-
       gendes Element  der frühbürgerlichen  Revolution war.  Im vorigen
       Jahrhundert wanderte  infolgedessen die  Arbeiterschaft  aus  der
       Kirche aus,  wenngleich ihre Mehrheit nominell den Austritt nicht
       vollzog. Dieser  Tatbestand widerspiegelt  sich noch heute in der
       Zusammensetzung der  kirchlichen Gremien  auf allen  Ebenen - von
       den Kirchenvorständen in den Gemeinden über die Landessynoden bis
       hin zur  Synode der  EKD und natürlich in allen Kirchenleitungen.
       Entsprechend ist  die Haltung dieser Gremien von bürgerlicher und
       kleinbürgerlicher Ideologie bestimmt.
       Die katholische  Kirche hat  sich auf  Grund ihrer eigenständigen
       Soziallehre in der katholischen Arbeiterschaft eine gewisse Basis
       erhalten können.  So verfügt  sie noch heute über funktionierende
       Arbeiterorganisationen  wie   Katholische   Arbeitnehmer-Bewegung
       (KAB) und  Christliche Arbeiter-Jugend (CAJ), die ihre politische
       Heimat im  wesentlichen in  den Sozialausschüssen der CDU/CSU ha-
       ben. Das  darf jedoch  nicht darüber  hinwegtäuschen, daß auch in
       der katholischen  Kirche der BRD bürgerliche und kleinbürgerliche
       Ideologie das  Übergewicht haben.  Das ist an der Zusammensetzung
       des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZDK), der zentralen
       Leitung der katholischen Laienverbände, unschwer abzulesen.
       Diese ideologische  Grundbestimmung der  Kirchen in  der BRD wird
       noch verstärkt  durch eine gesicherte finanzielle Basis, über die
       sie im  Unterschied zu  fast allen anderen Kirchen der weltweiten
       Ökumene verfügen. Sie wird ihnen durch das Kirchensteueraufkommen
       garantiert, durch  das sie  aber auch  fest in die bestehende ge-
       sellschaftliche Struktur  eingebunden sind.  Aus dieser  ökonomi-
       schen Sicherheit  heraus können  die Kirchen in der BRD sehr viel
       unabhängiger von  den Vorstellungen und Interessen ihrer Mitglie-
       der existieren  und agieren, als es dort der Fall ist, wo Kirchen
       von den  freiwilligen Abgaben  ihrer Glieder  leben müssen. Diese
       Gegebenheit verstärkt  noch den gesellschaftlichen Druck der öko-
       nomisch Mächtigen.
       Trotz dieser  besonderen Bedingungen,  die sich  hemmend auf  den
       Prozeß der  Bewußtseinsveränderung auswirken, bahnen sich auch in
       den Kirchen  der BRD  die gleichen existenziellen Auseinanderset-
       zungen um  die künftige  Aufgabe und  Funktion der Kirche an, wie
       sie anderswo bereits herangereift sind. Das ist sowohl eine Folge
       der Einflüsse  aus der  Ökumene als  auch der sich verschärfenden
       sozialen Konflikte  im eigenen  Land. Dabei  spielt die  Tatsache
       eine wachsende  Rolle, daß  die Mehrzahl der Menschen, die in ka-
       tholischen Arbeiterorganisationen  verankert sind, zugleich einer
       DGB-Gewerkschaft angehören. Die integrierende Kraft der Einheits-
       gewerkschaft treibt  auf dieser  Schiene  den  gesellschaftlichen
       Konflikt bis  in die  Reihen der CDU/CSU hinein. Hinzu kommt noch
       die Weiterentwicklung  der katholischen Soziallehre, wie sie sich
       in der  päpstlichen Enzyklika "Laborem exercens" niedergeschlagen
       hat. Obwohl  diese lehramtliche Anweisung in ganz andere Richtung
       gezielt war,  hat sie katholische Sozialethiker und Betriebsseel-
       sorger ermutigt,  offen gewerkschaftliche  Forderungen (z.B.  35-
       Stunden-Woche) zu unterstützen. Gleichzeitig werden auch im evan-
       gelischen Bereich  Neuansätze der Industrie-und Sozialarbeit, die
       sich nach  1945 ergeben  haben, weitergeführt und Impulse aus der
       Ökumene aufgenommen.  Dabei formiert  sich eine  immer enger wer-
       dende Zusammenarbeit  zwischen katholischen und evangelischen Be-
       wegungen, die gegen das traditionelle Glaubensverständnis aufbre-
       chen. Ein  Beispiel dafür  ist der "Ökumenisch-sozialethische Ar-
       beitskreis Kirche-Gewerkschaft",  der sich im Arbeitskampf um die
       35-Stunden-W7oche im vergangenen Jahr erstmals profiliert der Öf-
       fentlichkeit darstellte.
       Dennoch ist  festzustellen, daß die Kirchen der BRD auf die welt-
       weite Entwicklung  der Ökumene  einen hemmenden  Einfluß ausüben.
       Ihre herausgehobene  Finanzkraft hat  zur Folge,  daß die  großen
       ökumenischen  Institutionen  auf  ihre  Unterstützung  angewiesen
       sind. So versucht die EKD, das solidarische Engagement des Ökume-
       nischen Rats der Kirchen für Befreiungsbewegungen zu neutralisie-
       ren und  die parteilichen  Stellungnahmen anderer Kirchen dadurch
       zu konterkarieren, daß sie den "eigentlichen" christlichen Fragen
       programmatische Priorität  gibt (Probleme  der Liturgie,  der Ab-
       treibung, der  Ehemoral, der "Spiritualität" usw.). Die gegenwär-
       tige Kampagne des Vatikan gegen die Theologie der Befreiung wurde
       von der  katholischen Kirche  der BRD wesentlich vorbereitet, und
       die Politik des Papstes wird vom bundesdeutschen Klerus entschei-
       dend mitgeprägt  - man  denke nur an die Rolle, die Kardinal Rat-
       zinger als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre spielt.
       Der ökonomische  Einfluß leuchtet in dem Vorgang auf, daß Hermann
       Josef Abs  als Sanierer  nach Rom gebeten wurde, als die Vatikan-
       bank in  Schwierigkeiten geraten  war. Auf dem Hintergrund dieses
       gewichtigen ökumenischen Einflusses, den die BRD-Kirchen ausüben,
       bekommt die  innerkirchliche Auseinandersetzung  hierzulande eine
       Bedeutung, die allgemeines Interesse fordert.
       Die Leitungen der beiden großen Kirchen in der BRD folgen weitge-
       hend dem traditionellen Schema, wonach die "weltlichen" Konflikte
       mit dem Bereich des Glaubens nichts zu tun haben. Direkt ergreift
       der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der
       Kölner Erzbischof Kardinal Höffner, Partei für die bestehende Ge-
       sellschaftsstruktur, wenn er vor der Vollversammlung der Bischöfe
       am 24.9.1984  erkärt, es  könne "nur Böswilligkeit behaupten, die
       soziale Marktwirtschaft  der Bundesrepublik  sei  kapitalistische
       Ausbeutung." 21)  Das geschieht  im Zusammenhang mit einer grund-
       sätzlichen "Abrechnung"  mit der Theologie der Befreiung. Es wer-
       den in  klassischer Form  alle Übel dieser Welt auf das Konto der
       persönlichen Schuld  des Menschen  verbucht: "Der Mensch sündigt,
       nicht die  Struktur." Hier  zeigt sich  auch, daß der Angriff auf
       die Theologie  der Befreiung nicht nur den Einfluß lateinamerika-
       nischer Theologie  auf die  eigene Kirche abblocken soll, sondern
       zugleich auch sehr direkt gegen die Parteinahme kirchlicher Grup-
       pen im  gesellschaftlichen Konflikt auf der Seite der Arbeiterbe-
       wegung zielt.
       Man muß jedoch feststellen, daß die bischöflichen Ermahnungen im-
       mer weniger  fruchten. Der ökumenisch-sozialethische Arbeitskreis
       Kirche -  Gewerkschaft, in  dem evangelische  und katholische So-
       zialethiker und  Industriepfarrer mit Gewerkschaftern zusammenar-
       beiten, läßt sich von seiner Parteinahme für Arbeitnehmer und Ar-
       beitslose und  von seiner  Absage an  die Partnerschaftsideologie
       nicht abbringen. Das Aufbegehren der katholischen Arbeiterorgani-
       sationen wird immer drängender. Evangelische Gruppen beharren im-
       mer vehementer auf aktiver Solidarität mit den Befreiungsbewegun-
       gen in  Mittelamerika, Südafrika  und anderswo. Bei einem Gottes-
       dienst vor  Tausenden von Teilnehmern, den die ÖTV beim Evangeli-
       schen Kirchentag in Düsseldorf gestaltete, fand ein evangelischer
       Pfarrer die  Worte: "In  unseren Breitengraden wurde die Harmonie
       von Bibel  und Kapitalismus  gesucht, und  da hatte der biblische
       Schrei nach  Gerechtigkeit und Freiheit nur noch in der bürgerli-
       chen Innerlichkeit  seinen Platz." Und ein katholischer Betriebs-
       seelsorger spitzte am gleichen Ort zu: "Die Schicht, die über al-
       les verfügt,  will nicht  teilen; und  es dürfte eigentlich keine
       Frage sein,  auf wessen  Seite die  Kirche stehen  muß. Das heißt
       konkret: Sie darf nicht nur die Wunden verbinden, die im Kampf um
       soziale Gerechtigkeit  davongetragen werden, sondern sie muß auch
       die Wundenschläger  nennen. Solange  sie aber  mehr Angst vor dem
       Sozialismus als  Glauben an die verändernde Kraft des Evangeliums
       hat, wird sich nicht viel ändern". 22)
       Die Auseinandersetzungen  um das  Problem der Massenarbeitslosig-
       keit hatten  beim Evangelischen  Kirchentag in  Düsseldorf Anfang
       Juni 1985  Modellcharakter. Schon  vor Jahren  hatte die  EKD er-
       klärt, die Bewältigung der Probleme, die aus der Arbeitslosigkeit
       resultieren, sei  eine zentrale  Aufgabe diakonischer  Arbeit der
       Kirche. Die EKD-Kammer für soziale Ordnung hatte dazu eine Studie
       vorgelegt. In  einem Vorwort  hatte der  Ratsvorsitzende der EKD,
       Landesbischof Lohse,  erklärt: "Unsere  Gesellschaft spaltet sich
       in Arbeitslose  und Arbeitende."  23) In diesem Zusammenhang fiel
       das Stichwort von einem angeblichen "neuen Klassenkampf" zwischen
       denen, die einen Arbeitsplatz haben, und jenen, die dem Schicksal
       der Arbeitslosigkeit ausgeliefert seien.
       So wird  von der Frage nach den Ursachen abgelenkt. Die Front des
       Klassenkampfes wird  bewußt verschoben  und das  Problem auf  die
       Ebene traditionellen  kirchlichen Handelns,  nämlich  karitativer
       Hilfe, heruntergezogen.  Der Appell an die "christliche Nächsten-
       liebe" soll zugleich Bereitschaft zum Opfer wecken. In der Studie
       heißt es dazu: Es gelte "für diejenigen, die Arbeit haben, zu er-
       kennen, daß  daraus auch Pflichten folgen. Diejenigen, die Arbeit
       haben, tragen  im Rahmen  der erwähnten  Solidargemeinschaft  die
       Verantwortung mit für diejenigen, die arbeitslos sind. Dabei wer-
       den heute  von denjenigen,  die arbeiten können, erhebliche Opfer
       gegenüber den Arbeitslosen gefordert." Dabei gehe es "um die Tei-
       lung (Aufteilung)  vorhandener und  die Neuschaffung zusätzlicher
       Arbeitsplätze, was  vielfach nur durch Opfer der bereits Beschäf-
       tigten möglich  ist. Eine 'gerechtere Verteilung' der vorhandenen
       Arbeitsplätze wird  zugleich eine entsprechende Korrektur der Ar-
       beitseinkommen erforderlich  machen, wenn sie beschäftigungswirk-
       sam sein  soll." 24)  Es ist  offensichtlich, daß  diese "sozial-
       ethische" Maxime  in vollem  Einklang mit der regierungsamtlichen
       Seelenmassage steht.
       Diese Instrumentalisierung  des Begriffs  "Solidarität" hatte na-
       türlich auch  beim Düsseldorfer  Kirchentag ihren Platz. Die Kir-
       chentagsleitung hatte  zu einer großen Solidaritätsaktion für die
       Arbeitslosen aufgerufen.  "Prominente" verkauften  "Solidaritäts-
       Backsteine" zum Preis von 5 DM, um so Arbeitslosen die kostenlose
       Teilnahme am Kirchentag zu ermöglichen. Der Erlös dieser Aktion -
       nahezu 100 000  DM - zeigt, daß ein solcher Appell an das karita-
       tive Gewissen  durchaus Früchte  trägt und daß ein Teil der enga-
       gierten Christen die Ideologie des Verzichts akzeptiert. Anderer-
       seits wurde  aber auch konsequent die Frage nach den Ursachen ge-
       stellt; die  "Wundenschläger" wurden  beim Namen  genannt. Selbst
       die Forderung  nach Vergesellschaftung der Großindustrie war kein
       Tabu. Und  als Bundesarbeitsminister  Norbert  Blüm  den  Versuch
       machte, seine  Politik mit  eben jenen Thesen zu "verkaufen", die
       die EKD-Studie  dem Kirchenvolk angedient hatte, wurde er ausgep-
       fiffen.
       Diese Polarisierung  der Tendenzen  unter den evangelischen Chri-
       sten macht  deutlich, daß der gesellschaftliche Konflikt auch die
       Auseinandersetzung in den Kirchen bestimmt. Eine Kanalisierung im
       Sinne der  herrschenden Ideologie ist nicht mehr möglich. Das si-
       gnalisiert schon  der Charakter  solcher Veranstaltungen  wie die
       Kirchentage. In  Düsseldorf nahmen 130 000 Christen teil. Als der
       Evangelische Kirchentag 12 Jahre zuvor, 1973, in Düsseldorf schon
       einmal zu Gast war, gab es nur 7500 Dauerteilnehmer, Der Kirchen-
       tagsleitung war  damals deutlich geworden, daß der Kirchentag ein
       totes Kind wäre, wenn sie nicht das Tor zur eigenverantwortlichen
       Mitgestaltung engagierten  Gruppen öffnen würde. Seitdem dies ge-
       schehen ist,  haben diese  Vollversammlungen der  Protestanten in
       der BRD  von Mal  zu Mal  an Anziehungskraft gewonnen. Es gibt in
       diesem Land  keine vergleichbare Großveranstaltung, bei der wirk-
       lich alle gesellschaftlichen Gruppen ihre Positionen frei vertre-
       ten und  um ihre  Anerkennung ringen  können. Das Ergebnis dieses
       offenen Austragens  der Konflikte  signalisiert die  Hauptenwick-
       lungstendenzen in  der Kirche.  Der Düsseldorfer  Kirchentag  hat
       deutlich gemacht,  daß die  "christlichen" Parteien ihre Basis in
       der Kirche  verlieren und  daß das  Gewicht der Friedensbewegung,
       der gewerkschaftlichen  Solidarität und  der Parteinahme  für den
       Befreiungskampf gegen die Herrschaft der internationalen Monopole
       wächst.
       Der Streit  um die  künftige Gestalt  und Aufgabe  der Kirche ist
       also auch in der Bundesrepublik in vollem Gange. Die Strafmaßnah-
       men gegen  die Theologie  der Befreiung haben für die Kirchenlei-
       tungen keine  Entlastung gebracht.  Im Gegenteil: registriert man
       die Fülle  von Solidaritätserklärungen  mit Leonardo Boff, drängt
       sich die  Einschätzung auf,  daß gerade dieser Konflikt das Tempo
       des Prozesses der Bewußtseinsveränderung eher erhöht hat.
       
       3. Die Dämme brechen
       --------------------
       
       Daß die  Friedensfrage in den innerkirchlichen Auseinandersetzun-
       gen einen  hohen Stellenwert hat, ist allgemein bekannt. Die Ver-
       antwortung für das Leben führt in den Kampf gegen die Hochrüstung
       und die Vorbereitung des Nuklearkrieges. Dieses Engagement treibt
       zur Frage  nach den  Ursachen von  Rüstung und  Krieg, und  damit
       stößt man  notwendigerweise auf  die Dimension der sozialen Unge-
       rechtigkeit. Diese  neue Sicht der Wirklichkeit läßt Christen neu
       die biblische  Botschaft studieren  und sie  als Aufforderung zur
       Gestaltung einer menschlichen Welt entdecken.
       Dieses neue  christliche Bewußtsein ist sicher nicht frei von Wi-
       dersprüchen. Die  Gegenkräfte sind am Werk, es zu hemmen, zu neu-
       tralisieren, unschädlich zu machen. Aber da dieses Bewußtsein ein
       Reflex auf  die gesellschaftliche  Krise ist,  wird es nicht mehr
       ausgemerzt werden  können. Der Prozeß kann verzögert werden, aber
       er wird weiter wirken.
       Alle gesellschaftlichen und politischen Kräfte tun gut daran, den
       Streit in  den Kirchen  um die  Zukunft aufmerksam  zu verfolgen.
       Hier reifen neue Kräfte heran, die in den Kampf um eine menschli-
       che Gesellschaft  aktiv eingreifen werden - als Christen, die für
       das Reich Gottes in dieser Welt kämpfen.
       
       _____
       *) Dieser Beitrag  ist Prof. Dr. Hanfried Müller an der Humboldt-
       Universität in  Berlin/DDR, der  als christlicher Theologe im So-
       zialismus lebt und denkt, zu seinem 60. Geburtstag gewidmet.
       1) Zit. n.:  Dorothee Solle,  Widerstand ist  der wahre  Name des
       Glaubens, in: NEUE STIMME 7/84, S. 18.
       2) Zit. n.:  Carl Ordnung,  Gegen Bibelmißbrauch im kalten Krieg,
       in: NEUE STIMME 4/85, S. 23.
       3) Zit. n.: Süddeutsche Zeitung, 18. 11. 1983.
       4) Zit. n.: Franz J. Hinkelammert, Die Politik des "totalen Mark-
       tes", in: NEUE STIMME 7/84, S. 13.
       5) Ebd.
       6) epd-Dokumentation Nr. 37/83, Frankfurt/M., S. 2.
       7) Gustavo Gutiérrez,  Die  historische  Macht  der  Armen,  Mün-
       chen/Mainz 1984, S. 10.
       8) Ebd., S. 24.
       9) Ebd., S. 24, 64.
       10) Ebd., S. 75.
       11) Zit. n. Hinkelammert, a.a.O
       12) Zit. n.:  Norbert Greinacher,  Die Glaubwürdigkeit der Kirche
       in Lateinamerika, FAZ, 15.9.1984.
       13) Instruktion der  Kongregation für  die Glaubenslehre über ei-
       nige Aspekte  der "Theologie  der Befreiung"  vom 6. August 1984,
       VII, 8.
       14) Ebd., IX, 2.
       15) Gutiérrez, a.a.O., S. 159, 180.
       16) Ebd., S. 125.
       17) Ebd., S. 157.
       18) Ebd., S. 156.
       19) Ebd., S. 126.
       20) Ebd., S. 187.
       21) Kardinal Höffner,  Soziallehre der  Kirche oder Theologie der
       Befreiung, Bonn 1984.
       22) Vgl. die Dokumentation in: NEUE STIMME 7/85, S. 19 ff.
       23) Solidargemeinschaft von  Arbeitenden und  Arbeitslosen -  So-
       zialethische Probleme  der Arbeitslosigkeit. Eine Studie der Kam-
       mer der  EKD für  soziale Ordnung,  hg. v.  der Kirchenkanzlei im
       Auftrag des  Rates der  Evangelischen Kirche  in Deutschland, Gü-
       tersloh 1982, S. 5.
       24) Ebd., S. 39.
       

       zurück