Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       Diskussion
       
       AKTUELLE PROBLEME DER INTELLIGENZ-DISKUSSION
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       Bemerkungen im Anschluß an eine IMSF-Konferenz
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       André Leisewitz/Kaspar Maase
       
       I. Erfahrungen aus Westeuropa - II. Zur Diskussion um die soziale
       Stellung der  Intelligenz -  III. Intelligenz  - Intellektuelle -
       IV. Veränderte  Perspektiven? - V. Zu den Bündnisbeziehungen zwi-
       schen Arbeiterklasse und Intelligenz - VI. Kampf um Hegemonie und
       die Rolle  ideologischer Apparate  - VII.  Strategien  der  Bour-
       geoisie gegenüber  der Intelligenz,  Wirkungen und Alternativen -
       VIII. Aspekte einer "neuen linken Kultur"
       
       Die Tagung  des IMSF "Intelligenz, Intellektuelle und Arbeiterbe-
       wegung in  Westeuropa" im  März 1985 hatte mit über tausend Teil-
       nehmern ein  bemerkenswertes Interesse  gefunden. Der Erfahrungs-
       austausch und  die  theoretische  Diskussion  signalisierten  ein
       starkes Orientierungsbedürfnis  unter der  linken Intelligenz. Im
       Vordergrund steht  dabei die  Frage nach ihren individuellen Exi-
       stenz- und  Entwicklungsperspektiven wie ihren gesellschaftlichen
       und politischen  Wirkungsmöglichkeiten unter sozialen und politi-
       schen Bedingungen,  die von vielen trotz der Breite der außerpar-
       lamentarischen Bewegungen  oft als  lähmend und perspektivlos er-
       fahren werden.  Diese Bedingungen  unterscheiden  sich  damit  in
       vieler Hinsicht  vom politischen Klima und den erhofften Perspek-
       tiven zu  Anfang der  siebziger Jahre, als das Verhältnis von In-
       telligenz und Arbeiterklasse, von Intellektuellen und Arbeiterbe-
       wegung erstmals  ein breit diskutiertes Thema auf der Linken war.
       Damit bestimmen neue Erfahrungen und Probleme die heutige Diskus-
       sion. Thematische  Verschiebungen und  Neuakzentuierungen in  der
       theoretischen Auseinandersetzung  dürften hier  ihre eigentlichen
       Wurzeln haben.
       Der nunmehr  vorliegende Protokollband  der Konferenz 1) gibt die
       Gelegenheit, sich über diese neuen Erfahrungen einen Überblick zu
       verschaffen und ihre politisch-ideologische Verarbeitung und Ver-
       allgemeinerung vom  Standpunkt verschiedener  theoretischer Posi-
       tionen der  Linken kritisch zu durchdenken. "Neu" meint dabei die
       im letzten  Jahrzehnt gesammelten  Erfahrungen im  Verhältnis von
       Intelligenz und  gesellschaftlich-politischen Bewegungen,  insbe-
       sondere der  Arbeiterbewegung; es  betrifft Berufserfahrungen der
       linken Intelligenz,  die Erprobung  von Möglichkeiten und Grenzen
       ihres Wirksamwerdens in den ideologisch-kulturellen Apparaten und
       Institutionen. Zu solchen neuen Erfahrungen zählen das veränderte
       geistige Klima und der Druck des Konservatismus, Auswirkungen der
       Krise auf  soziale Lage  und Berufsperspektiven, auf Arbeits- und
       Ausbildungsverhältnisse. Die  Intelligenz selbst hat sich in die-
       ser Periode quantitativ und sozialstrukturell verändert. Wir wol-
       len aus  der Diskussion  der Tagung  im folgenden einige Probleme
       herausgreifen, die theoretische Fragen dieser Entwicklung betref-
       fen und die mit Blick auf die Beziehungen von Intelligenz und Ar-
       beiterbewegung und  auf das Projekt eines Blocks der Wende zu de-
       mokratischem und  sozialem Fortschritt  von praktischer Bedeutung
       für die Zukunft sind. 2)
       
       I. Erfahrungen aus Westeuropa
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       Die Konferenz  war als Westeuropa-Vergleich angelegt. Dieser Ver-
       gleich erlaubt  es, einige  allgemeinere Entwicklungstrends  her-
       vorzuheben, aber auch die Besonderheiten und ihre Entwicklungsbe-
       dingungen in der Bundesrepublik genauer zu fassen.
       Die Intelligenz  hat sich als soziale Schicht in den entwickelten
       kapitalistischen Ländern  Westeuropas in den letzten beiden Jahr-
       zehnten zahlenmäßig stark ausgeweitet. Dies steht in engem Zusam-
       menhang mit  der wachsenden  Bedeutung von  Wissenschaft, Technik
       und Bildung  für den  gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß  und
       für den Umbruch in den Produktivkräften, aber auch mit den spezi-
       fischen Vergesellschaftungsformen  des staatsmonopolistischen Ka-
       pitalismus (SMK)  und der  damit verbundenen Ausweitung von Herr-
       schaftsfunktionen und  -apparaten. Die allgemeine Entwicklung der
       Intelligenz zu  einer sozialen  Massenschicht korrespondiert  mit
       einer ausgeprägten  Umschichtung ihrer inneren Struktur und ihres
       Erscheinungsbildes; sie  verläuft in allererster Linie als Expan-
       sion der  lohnabhängigen Gruppen,  insbesondere von Beschäftigten
       in den  Bildungsapparaten und  damit im  staatlichen Sektor.  Sie
       kann sich  dabei geradezu als Krise der "traditionellen" Intelli-
       genz und  Intellektuellen-Typen vollziehen  (so Alain  Bertho mit
       Blick auf Frankreich).
       Expansion der  Intelligenz im  Kontext der  Veränderungen der ge-
       sellschaftlichen Arbeit und Arbeitsteilung schließt zugleich neue
       Beziehungen von  Arbeiterklasse und Intelligenz auf der Ebene von
       Betrieben, Abteilungen  und Arbeitskollektiven  ein. Dies  trifft
       mit Umschichtungen  und Strukturveränderungen  in  der  Arbeiter-
       klasse selbst,  mit der  Herausbildung neuer Typen von Arbeit und
       qualifizierten Gruppen  der Belegschaften,  zusammen. Hieraus er-
       wächst ein ganzes Bündel von Fragestellungen.
       Der Umbruch  vollzieht sich  in den entwickelten kapitalistischen
       Ländern in  jeweils mehr oder weniger ausgeprägter Form unter den
       Bedingungen der  sozialen und  gesellschaftspolitischen Defensive
       der Arbeiterbewegung. Er verläuft dabei im heutigen staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  durchaus nicht nur spontan. Generell be-
       müht sich  die Bourgeoisie,  nach dem Aufbrechen linker Tendenzen
       unter der  Intelligenz Ende  der sechziger/Anfang  der  siebziger
       Jahre diesen  Prozeß sozial  und ideologisch  zu beeinflussen und
       ihren Interessen  entsprechend zu steuern, auf die Ausbildungsin-
       stitutionen differenzierend  Einfluß zu  nehmen, ein ideologisch-
       politisches Klima  der Identifizierung  wichtiger Gruppen der In-
       telligenz mit dem herrschenden System des SMK zu schaffen und sie
       materiell zu  binden, den sozialen Druck der Krise konkurrenzför-
       dernd und  elitebildend wirken zu lassen, neue Leitbilder zu for-
       men  usw.   Die  Rechtsorientierung   unter  der  Intelligenz  in
       Frankreich wurde  in diesem  Kontext interpretiert (Alain Bertho,
       Edgar Gärtner).
       Faktisch überall  in Westeuropa  ist unter der linken Intelligenz
       ein Rückgang  des marxistischen Einflusses festzustellen. Hiervon
       muß nüchtern ausgegangen werden. Dieser ideologische Krisenreflex
       wird noch  dadurch verstärkt, daß die Intelligenz eine geistig in
       starkem Maße  auf sich  selbst bezogene Schicht ist: In ihr wirk-
       same Intellektuelle  reagieren in hohem Maße auf Trends und Stim-
       mungen unter  der Intelligenz  selbst. Die Verschiebung von Klas-
       sen- zu  Gattungsfragen in Verbindung mit neuen sozialen Bewegun-
       gen ist hierfür ein wichtiger Hinweis.
       Aber hierin  und in  der verbreiteten  Subjektivitätsorientierung
       können sich zugleich neue Politisierungsformen und Politikzugänge
       ausdrücken; dies ist eine Erfahrung nicht nur der Bundesrepublik,
       sondern auch anderer kapitalistischer Länder. Diese neuen Zugänge
       sind in  erster Linie  geprägt von  der Wahrnehmung  vielfältiger
       Formen kapitalistisch  deformierter Produktivkraftentwicklung und
       Vergesellschaftung im  Zusammenhang mit Wissenschaft und Technik,
       der Ökologiefrage,  Reproduktionskonflikten usw. "... diese Poli-
       tisierungsformen haben sich zuerst bei denen entwickelt, die über
       Wissen verfügten  und sich  die Frage  nach der  Zielbestimmtheit
       dieses Wissens  stellten. Die Intellektuellen waren oft schneller
       sensibel für  die neuen  Fragen unserer Epoche" (Alain Bertho, S.
       57). Die  Notwendigkeit, in den aus solchen Zugängen entstehenden
       Bewegungen nicht  in erster  Linie Flucht, sondern Ausgangspunkte
       radikaldemokratischen Engagements zu sehen und nach den möglichen
       Übergängen zu sozialistischen Positionen zu suchen, gilt insofern
       allgemein für die marxistische Arbeiterbewegung der Gegenwart.
       
       II. Zur Diskussion um die soziale Stellung der Intelligenz
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       Wir wenden  uns jetzt  einigen Fragen im Zusammenhang der sozial-
       ökonomischen Stellung  der Intelligenz  zu. Nehmen wir zuerst die
       Grunddaten. Die  Intelligenz der  Bundesrepublik ist eine soziale
       Schicht, die seit den siebziger Jahren zahlenmäßig sehr stark ge-
       wachsen ist  und Massencharakter erlangt hat. Geht man, um zumin-
       dest eine  grobe Größenordnung anzugeben, von den statistisch er-
       faßten Hoch-  und Fachhochschulabsolventen  aus, so  ist ihre Er-
       werbstätigenzahl zwischen 1970 und heute von rd. 1,4 auf etwa 2,4
       Millionen angestiegen,  was einem  Erwerbstätigenanteil von rd. 5
       bzw. 9  Prozent entspricht.  Über 80 Prozent der Intelligenz sind
       heute in  lohnabhängigem Status  tätig, über  die Hälfte  ist  im
       Staatssektor, etwa  ein Viertel im privatwirtschaftlichen Bereich
       beschäftigt. Das  mit Abstand stärkste Wachstum verzeichneten da-
       bei die  in den Bildungsapparaten beschäftigten Gruppen (die Leh-
       rer stellen heute rund ein Drittel aller Intelligenzangehörigen).
       Diese sozialstrukturellen  Fakten sind  unumstrittener  Ausgangs-
       punkt der theoretischen Diskussion über die Stellung der Intelli-
       genz in  der Klassenstruktur  des heutigen  Kapitalismus. Von der
       hierbei eingenommenen  theoretisch-analytischen Position hängt in
       starkem Maße die konkrete Bestimmung des Verhältnisses von Arbei-
       terklasse, Arbeiterbewegung  und Intelligenz  ab.  Nach  wie  vor
       spielen Auffassungen  eine Rolle,  die theoretisch  das Kriterium
       der Lohnabhängigkeit als entscheidend und erschöpfend für die Be-
       stimmung der  Arbeiterklasse ansehen.  Es ist klar, daß auf einer
       solchen  Grundlage   das  Verhältnis   von   Arbeiterklasse   und
       (lohnabhängiger) Intelligenz  nicht als Bündnisbeziehung gesehen,
       sondern als  "eine Strukturveränderung  innerhalb  der  Arbeiter-
       klasse" verstanden  werden muß (Joachim Bischoff, S. 138). Es ist
       nur konsequent,  wenn eine solche Sichtweise sich positiv auf das
       "Arbeitnehmer"-Konzept bezieht  und die  Entwicklung der Intelli-
       genz als  Aspekt der Qualifikationsanhebung und Intellektualisie-
       rung von Lohnarbeit und Arbeiterklasse interpretiert.
       Demgegenüber muß  jedoch zuerst  darauf hingewiesen  werden,  daß
       sich unter  dem formalen Status der Lohnabhängigkeit unterschied-
       liche soziale Kategorien verbergen, mit Blick auf geistige Arbeit
       bzw. hochqualifizierte  Arbeitskräfte ebenso am Ausbeutungsprozeß
       und dem  Kommando über  andere Lohnarbeit  beteiligte  bourgeoise
       Gruppen wie  lohnabhängige Spezialisten.  Aber auch bezüglich der
       im eigentlichen Sinne lohnabhängigen Gruppen verbaut eine solche,
       mit der  marxistischen Klassentheorie  wohl kaum zu vereinbarende
       Auffassung systematisch  den Zugang zur Spezifik der Stellung der
       Intelligenz in  den kapitalistischen Klassenverhältnissen und den
       Besonderheiten im sozialökonomischen Charakter ihrer höher quali-
       fizierten Arbeitskraft. Hier liegen die objektiven Grundlagen für
       die trotz  aller quantitativen  Ausweitung der  Intelligenzberufe
       gegenüber der  Arbeiterklasse abgehobene  und in  vieler Hinsicht
       privilegierte Stellung der Intelligenz und für die Besonderheiten
       in der  unmittelbaren Arbeitssituation,  der Stellung  in der be-
       trieblichen Hierarchie  etc., wie  sie in  zahlreichen  Beiträgen
       dargelegt wurden (vgl. Hellmuth Lange, S. 514 ff.; Ursula Schumm-
       Garling, S.  518ff.; Jan Priewe, S. 525 ff.). Erst wenn diese Be-
       sonderheiten nicht  nur empirisch, sondern auch in ihrem klassen-
       mäßigen Gehalt  zur Kenntnis genommen werden, lassen sich die Un-
       terschiede in  Einstellungen und Bezug zur Arbeit, in der sozial-
       psychologischen Orientierung,  im Organisationsverhalten  der In-
       telligenz etc. aus ihrer sozialen Existenzweise und nicht als zu-
       rückgebliebenes Bewußtsein  oder allein der Wirksamkeit ideologi-
       scher Faktoren zu verdankende Abweichungen verstehen.
       Wird schließlich  allein die Lohnabhängigkeit als das für die so-
       ziale Stellung  und Interessenausprägung  der Intelligenz bestim-
       mende Moment  gesehen, so läßt sich auch die Spezifik des auf den
       besonderen, höherqualifizierten Charakter ihrer Arbeitskraft zie-
       lenden Drucks  kapitalistischer Vergesellschaftung,  Unterordnung
       und Polarisierung  nicht erfassen.  Gerade aus  den damit verbun-
       denen Einengungen  und Beschränkungen, der Erosion von Qualifika-
       tionen usf.  resultieren aber  berufliche Interessen der Intelli-
       genz, die sie immer wieder und in zunehmendem Maße in Widerspruch
       zum ausbeutenden  Kapital bringen  müssen und  deren Aufnahme und
       Verteidigung Anknüpfungspunkt bündnispolitischer Beziehungen zwi-
       schen Intelligenz  und Arbeiterklasse ist. Wie die konkreten Ana-
       lysen und Erfahrungen zeigen, ergeben sich aus solchen arbeitsbe-
       zogenen Widersprüchen  und Konflikten  auch wichtige Ansatzpunkte
       gewerkschaftlicher Orientierung und Politisierung der Intelligenz
       (vgl. mit  Blick auf  Lehrer, Ärzte,  Ingenieure u.a. S. 306 ff.,
       340 ff., 513 ff.).
       Die auf  die Gesamtheit  der kapitalistischen Produktionsverhält-
       nisse zielende Intelligenzanalyse betont insofern die Mittel- und
       Zwischenschichtposition der  Intelligenz, ihre  soziale Differen-
       zierung unter  dem Druck krisenhafter kapitalistischer Vergesell-
       schaftung, ihr  antimonopolistisches Potential  auf der Grundlage
       ihrer objektiven Interessen und ihre politisch-ideologische Pola-
       risierung im  Kraftfeld der Grundklassen. In dieser Sicht ist die
       lohnabhängige Intelligenz heute der wichtigste Bündnispartner der
       Arbeiterklasse in  historischer wie  aktuell-politischer Perspek-
       tive, dessen  spezifische Rolle  und gesellschaftspolitisches Po-
       tential nicht in einer Abkehr, sondern in einer zunehmenden Iden-
       tifizierung mit den beruflichen und sozial-funktionellen Interes-
       sen in demokratischer Option zur Wirksamkeit gelangen kann.
       Eine solche  Sichtweise erschließt wesentliche Gemeinsamkeiten in
       der sozialen Stellung der Intelligenz, ohne die unterschiedlichen
       Funktionen ihrer jeweiligen Gruppen und entsprechend unterschied-
       liche Ansatzpunkte  und Zugänge der Interessenausbildung zu igno-
       rieren. Sie  übersieht dabei  ebensowenig die Übergangszonen, die
       sich zwischen  hochqualifizierten Gruppen  der Arbeiterklasse und
       betrieblichen Intelligenzgruppen  im Bereich  von Technikern, Da-
       tenverarbeitungsfachleuten, Ingenieuren  etc.  herausbilden,  wie
       die Verbindungslinien  und breiten Übergangszonen zur Bourgeoisie
       und dem  von ihr bestimmten System von Interessen und Ideologien,
       die immer wieder gegeben sind - freilich in durchaus unterschied-
       lichem Ausmaß bei den verschiedenen Intelligenzgruppen. Demgegen-
       über muß der Versuch, eine solche sozialökonomisch bestimmte Ver-
       ortung der  Intelligenz in den gesellschaftlichen Produktionsver-
       hältnissen zu ersetzen durch die Zuordnung einer "klassischen In-
       telligenz" zu  den Produktionsverhältnissen und der neuen wissen-
       schaftlich-technischen Intelligenz  zu den  Produktivkräften  als
       ihrem Gegenstands- und Bezugspunkt (vgl. Michael Springer, S. 132
       ff.), in verschiedener Hinsicht bei der Bestimmung ihrer jeweili-
       gen Interessenlage und damit der Bündnismöglichkeiten wie der ak-
       tuellen Hindernisse  in Schwierigkeiten geraten. Wichtige, beson-
       ders rasch wachsende Gruppen der Intelligenz, die mit der Produk-
       tivkraftentwicklung durchaus  eng verbunden  sind -  wie die  ge-
       samten Lehrberufe - fallen durch dieses Raster hindurch. Zugleich
       neigt eine solche Auffassung dazu, die Breite und Geschwindigkeit
       der sozialen  Annäherung infolge von Intellektualisierung der Ar-
       beiterklasse und Angleichung von Arbeit und sozialer Stellung der
       wissenschaftlich-technischen Intelligenz an die höherqualifizier-
       ten Gruppen der Arbeiterklasse zu überschätzen.
       Die wissenschaftlich-technische  Revolution schafft mit der wach-
       senden Bedeutung  wissenschaftlich-technischer Funktionen im Rah-
       men des  Gesamtarbeiters objektive  Grundlagen einer noch weit in
       die Zukunft  reichenden und  nicht mit der Aufhebung kapitalisti-
       scher Produktionsverhältnisse  bereits abgeschlossenen  Reproduk-
       tion der  Intelligenz als  eigenständiger sozialer  Schicht (vgl.
       Erich Hahn,  S. 89ff.). Gerade vor diesem sozialökonomischen Hin-
       tergrund (und  der  darin  eingeschlossenen  Interessenannäherung
       wichtiger Gruppen der lohnabhängigen Intelligenz an die Arbeiter-
       klasse) gewinnt  die mit  ihrem zahlenmäßigen  Wachstum, der  Um-
       strukturierung von  Belegschaften technologieintensiver Branchen,
       der zunehmenden  Besetzung von  "Schlüsselpositionen" im  Betrieb
       durch Angehörige der technischen Intelligenz, ihrer Bedeutung für
       Arbeitskämpfe usf. zu einer Aufgabe ersten Ranges aufrückende ge-
       werkschaftliche Technologie-  und  Intelligenzpolitik  erst  ihre
       Brisanz und  Kompliziertheit (der die Anstrengungen der Arbeiter-
       bewegung heute ohne Zweifel noch nicht gerecht werden).
       
       III. Intelligenz - Intellektuelle
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       In der  genannten Unterscheidung  von "klassischer"  und  wissen-
       schaftlichtechnischer Intelligenz reproduziert sich in bestimmter
       Form die  für die  Diskussion insgesamt  wichtige Frage  nach dem
       Verhältnis von Intelligenz und Intellektuellen bzw. der Bedeutung
       beider Kategorien  für die  heutige marxistische  Intelligenzana-
       lyse. Gegenüber  den frühen  siebziger Jahren markiert die breite
       Aufnahme der  Beiträge Gramscis  auf der  theoretischen Ebene die
       wohl wichtigste  Neuakzentuierung. Dies steht mit dem gewachsenen
       Interesse an  Politik- und Ideologieanalyse, aber sicher auch mit
       einem entsprechenden  Defizit der früheren marxistischen Intelli-
       genzdiskussion in  Zusammenhang. Der  wichtigste Fortschritt, den
       die Gramscz-Rezeption gebracht hat, ist zweifellos in der stärke-
       ren Thematisierung  der Stellung der Intelligenz im gesellschaft-
       lichen Herrschafts- und Hegemonialsystem zu sehen - was die Frage
       nach den  Möglichkeiten des  Beitrags der Intelligenz im Kampf um
       die Hegemonie  der Arbeiterklasse  heute einschließt. Jedoch gilt
       es bei  der Anwendung der Kategorien Gramscis seinen spezifischen
       Zugang zur Intelligenz- bzw. Intellektuellenfrage nicht zu verwi-
       schen, wenn sie für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden sollen
       (vgl. Alessandro Mazzone, S. 67 ff.).
       Gramscis Begriff  des Intellektuellen bezieht sich seinen eigenen
       Worten zufolge  nicht auf  "geistige Größen", sondern umfassender
       auf "die gesamte soziale Schicht, die im weiteren Sinne organisa-
       torische Funktionen  ausübt, sei  es in der Produktion, sei es in
       der Kultur  oder in der Politik und Verwaltung." 3) Der Ausgangs-
       punkt der Untersuchung der gesellschaftlichen Funktion der Intel-
       lektuellen ist  dabei nicht  das Gesamtsystem  gesellschaftlicher
       Arbeit, der  Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, sondern
       die "gesellschaftlich-politische  Objektivität" (Mazzone, S. 81),
       das gesellschaftliche  Herrschaftssystem, die von Intellektuellen
       wahrzunehmende "organisierende  Funktion  der  gesellschaftlichen
       Hegemonie und der staatlichen Machtausübung". 4)
       Dies ist der Bezugsrahmen, innerhalb dessen Gramsci seine Katego-
       rien des  "traditionellen" und  des "organischen Intellektuellen"
       entwickelt. Dies  geschieht auf einem geschichtlichen Niveau noch
       relativ geringer zahlenmäßiger Ausdehnung, Vergesellschaftung und
       damit Ausdifferenzierung  von Intelligenzfunktionen  in den  ver-
       schiedenen gesellschaftlichen  Sektoren. Gramscis Kategorien sind
       also auf  der politisch-ideologischen Ebene angesiedelt. Sie müs-
       sen, wenn  eine Verselbständigung  des Politischen  und Ideologi-
       schen in  der Theorie (und der politischen Praxis) vermieden wer-
       den soll,  immer wieder  auf die  sozialökonomischen und  sozial-
       strukturellen Grundlagen  der Gesellschaft  zurückbezogen werden.
       Gramscis stete  Hervorhebung der Unverzichtbarkeit einer konkret-
       historischen Untersuchung  der Intellektuellenfrage  verweist auf
       die Notwendigkeit,  heute die breiten Vergesellschaftungsprozesse
       von Intelligenzfunktionen, die Entwicklung der Intelligenz zu ei-
       ner Massenschicht  des SMK  im Kräftefeld  seiner Grundklassen zu
       untersuchen.
       Gramscis vielzitierte  Bemerkung, die Untersuchung der Geschichte
       der Intellektuellen könne "keinen 'soziologischen' Charakter" ha-
       ben, sie könne nicht "auf die Spezifik der intellektuellen Tätig-
       keiten", d.  h. die einzelnen Berufsgruppen, bezogen sein, ergibt
       sich gerade  aus seiner  besonderen Fragestellung  nach den  kul-
       turell-hegemonialen Funktionen. Diese Formulierung wird nun gele-
       gentlich  gegen   die  marxistische  Sichtweise  der  Intelligenz
       (nicht, wie  fälschlich unterstellt, der Intellektuellen) als so-
       zialer Schicht  des heutigen  Kapitalismus angeführt  (so Wieland
       Elfferding, S.  294 ff.), mit dem Argument, dies sei eine berufs-
       gruppenbezogene Sicht, die gerade die Funktion der Intelligenz in
       den Klassenverhältnissen  ignoriere. Eine  solche Auffassung ver-
       kennt nicht  nur die Notwendigkeit, eine funktionelle Betrachtung
       des Intellektuellen als eines spezifischen Typus der heutigen In-
       telligenz ebenso  wie die seiner Schicht im Kontext nicht nur po-
       litisch-ideologischer Klassenverhältnisse,  sondern der  Klassen-
       struktur vorzunehmen und seine objektive Einbindung in Klassenbe-
       ziehungen, die erst seine funktionelle Rolle bestimmen, zu unter-
       suchen. Jede  andere Sicht  ergibt letztlich  eine Neuauflage des
       "freischwebenden" Intellektuellen.  Diese Auffassung  nimmt  auch
       nicht zur  Kenntnis, daß  mit der  kapitalistischen Herausbildung
       und Vergesellschaftung  von Intelligenzfunktionen  breite soziale
       Gruppen entstanden  sind, die  nicht einfach als Unterabteilungen
       der Grundklassen  betrachtet werden  können, sondern deren beson-
       dere sozialökonomische Stellung die entscheidende Grundlage ihrer
       Interessenherausbildung, ihrer  Stellung zu  den Grundklassen und
       somit auch  der sich dabei abzeichnenden Interessen- und Bündnis-
       beziehungen darstellt.
       Diese Sicht  bestimmt die  soziale Stellung  der  Intelligenz  ja
       nicht, wie Elfferding vermutet, von der jeweiligen Tätigkeit (als
       Lehrer, Jurist o.ä.) her, sondern von den Reproduktionsgrundlagen
       und dem  spezifischen Charakter der Arbeitskraft, der Stellung im
       System der  Produktionsverhältnisse und Ausbeutung. Wenn Gramscis
       Gegenstand seinerzeit  nicht die  Untersuchung einer  so verstan-
       denen Intelligenz  als Massenschicht,  sondern  der  spezifischen
       Funktion von  Intellektuellen war,  so findet sich diese funktio-
       nelle Seite  heute als   e i n   -  und zwar durchaus wichtiger -
       Aspekt in der Tätigkeit und sozialen Existenzweise aller Intelli-
       genzangehörigen; doch  reduziert sich  ihre Stellung in den Klas-
       senverhältnissen keineswegs  auf ihre Rolle im System von Hegemo-
       nie und  Herrschaft. Der auch politisch-ideologisch entscheidende
       Punkt ist  heute die sich mit der Vergesellschaftung dieser Funk-
       tionen herausbildende Widerspruchskonstellation zwischen funktio-
       neller Einbindung  in Herrschaftsbeziehungen  des SMK und sozial-
       ökonomischer Lage  wie daraus  resultierenden Interessenorientie-
       rungen. Wer  heute Massengruppen  und -berufe wie die der Lehrer,
       Ingenieure, Ärzte  betrachtet, wird gerade auf die Erfahrung die-
       ser Widersprüche  im Rahmen  der Zwänge  staatlicher Apparate und
       beruflicher Rollen  stoßen, die zu Ausgangspunkten von Politisie-
       rung werden können. Die entsprechenden Erfahrungsberichte liefer-
       ten hierzu reichhaltiges Material (vgl. u.a. S. 306 ff.).
       Gramscis Analyse  der Intellektuellen kann also auch für die heu-
       tigen Probleme der Intelligenzanalyse auf einem sehr viel fortge-
       schritteneren  Niveau  staatsmonopolistischer  Vergesellschaftung
       fruchtbar gemacht  werden - wenn die unterschiedlichen Bezugsebe-
       nen und  Gesichtspunkte nicht  durcheinandergebracht, sondern  in
       ein richtiges Verhältnis gesetzt werden.
       
       IV. Veränderte Perspektiven
       ---------------------------
       
       Die Intelligenz unterliegt heute einem starken sozialen Differen-
       zierungsdruck. Hierauf  verweist insbesondere der Anstieg der Ar-
       beitslosigkeit von Hoch- und Fachhochschulabsolventen (vgl. Eber-
       hard Dähne,  S. 391 ff.). Dennoch liegt die Arbeitslosenquote der
       Intelligenz deutlich  unter dem  gesamtgesellschaftlichen  Durch-
       schnitt. Für  die siebziger Jahre gilt nicht nur ein relativ rei-
       bungsloser Übergang  aus dem  Ausbildungs- ins  Beschäftigungssy-
       stem, sondern auch ein hohes Maß an ausbildungsadäquater Beschäf-
       tigung (vgl.  Bernd Güther,  S. 406 ff.). Die große Berufszufrie-
       denheit unter  der beschäftigten Intelligenz hat hier ihre Grund-
       lage. Insofern  ist vor  einer gelegentlich  anzutreffenden Über-
       schätzung von  Deklassierungsprozessen, wie sie sich im Zusammen-
       hang mit  der Arbeitslosigkeit wachsender Gruppen der Intelligenz
       abzeichnen, zu warnen. Jedoch stellen sich Probleme einer deutli-
       chen Verschlechterung  der sozialen  Lage in erster Linie für die
       jüngeren Gruppen der Intelligenz; dies gilt gleichermaßen für Be-
       rufsanfänger wie  für Studenten, bei denen sich steigende soziale
       Belastungen mit  wachsendem Studiendruck  verbinden  (vgl.  Bernd
       Schneider, S.  410ff.; Michael  Weber, S.  414ff.; Bernd  Gabler/
       Werner van Hären, S. 37 ff.).
       Von den objektiven Bedingungen her unterstreicht dies die Notwen-
       digkeit einer  an den  unmittelbaren materiellen Studien- und Be-
       rufsinteressen ansetzenden  Interessenvertretung. Man  muß jedoch
       davon ausgehen,  daß der relativ niedrige gewerkschaftliche Orga-
       nisationsgrad gerade  der betrieblichen  Intelligenz (vgl.  Klaus
       Pickshaus, S.  341 ff.)  und die immer wieder zu konstatierenden,
       ausgeprägten Tendenzen  ihrer eher  individualistischen,  konkur-
       renzbetonten und karriereorientierten Einstellung, die angesichts
       der objektiv  wachsenden Bedeutung der Intelligenz im Betrieb ein
       Schlüsselproblem  gewerkschaftlicher   Politik  darstellen  (vgl.
       Leonhard Mahlein, Axel Raue, Rolf Knecht, S. 11 ff. u.a.), in ih-
       rer sozialen  und betrieblichen  Stellung eine  stabile Grundlage
       haben. Solche Einstellungen können in Zukunft durch den materiel-
       len und  sozialpsychologischen Anpassungsdruck  in Hochschule und
       Beruf eher noch gefördert werden.
       Für die Bundesrepublik kann - im geschichtlichen Rückblick wie im
       Vergleich mit anderen kapitalistischen Ländern Westeuropas - nach
       wie vor  von einer  gewissen Linksverschiebung unter der Intelli-
       genz gesprochen  werden. Sie  zeigt sich im Bereich der politisch
       aktiven Gruppierungen an den Hochschulen, im hohen Anteil von In-
       telligenzangehörigen in den außerparlamentarischen Bewegungen und
       im Spektrum  eher linksorientierter  Wähler und  politischer Par-
       teien. Dies  ist zweifellos  Ausdruck der politisch-ideologischen
       Polarisierung der Intelligenz im Kraftfeld der gesellschaftlichen
       Grundklassen, Konflikte  und Bewegungen,  in die  sie  vielleicht
       stärker als  andere Klassen  und Schichten  hineingezogen ist. Es
       bleibt jedoch notwendig, die heute wirksamen Gegentendenzen nüch-
       tern im  Auge zu behalten: Hier treffen sich der wachsende Anpas-
       sungsdruck und die unverkennbare ideologische Offensive der Bour-
       geoisie (vgl. Rainer Rilling, S. 542 ff. und generell AG 4). Wenn
       festgestellt wurde, daß die Verankerung gewerkschaftlicher Werto-
       rientierungen in der jüngeren Intelligenzgeneration heute im Ver-
       gleich zu  den siebziger  Jahren eher  zurückgegangen und  an den
       Hochschulen ein Phänomen "vorauseilender" Anpassung nicht zu ver-
       kennen ist,  so läßt  dies neue politisch-ideologische Konstella-
       tionen mit dem Generationswechsel unter der Intelligenz nicht un-
       denkbar erscheinen.  Ob und wie sich Einstellungen hier verschie-
       ben, hängt  jedoch in beträchtlichem Maße eben von der Entfaltung
       gesellschaftlicher Konflikte und von der orientierenden Kraft der
       demokratischen Bewegungen und der Arbeiterbewegung ab.
       
       V. Zu den Bündnisbeziehungen zwischen Arbeiterklasse
       ----------------------------------------------------
       und Intelligenz
       ---------------
       
       Gegenüber einer Konstellation, in der der Weg von Angehörigen der
       Intelligenz an  die Seite der Arbeiterbewegung nur über den indi-
       viduellen "Klassenverrat"  einzelner führte,  haben sich grundle-
       gende historische Veränderungen ergeben. Wir haben auszugehen von
       der Intelligenz  als einer  Massenschicht, in  der der  Typus des
       lohnabhängigen Spezialisten dominiert und die in Verfolgung ihrer
       spezifischen Interessen  in Widersprüche  zum  staatsmonopolisti-
       schen System  gerät und  auf die Frage des Bündnisses mit der Ar-
       beiterklasse verwiesen wird, um progressive Veränderungen bis hin
       zu sozialistischen  Perspektiven durchzusetzen.  Der Kampf um die
       Orientierung der  Intelligenz ist also auf dem Boden ihrer eigen-
       ständigen Interessen  zu führen,  die sich,  wie die  jüngste Ge-
       schichte zeigt,  auch in  eigenständigen sozialen  und demokrati-
       schen Bewegungen artikulieren.
       Vor diesem  Hintergrund sind verschiedene Aspekte der Beziehungen
       zwischen Arbeiterklasse  und Intelligenz, Intellektuellen und Ar-
       beiterbewegung analytisch  auseinanderzuhalten. Die  Formulierung
       vom Bündnis  zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz bezieht sich
       auf die  grundlegenden Beziehungen  und Übereinstimmungen sozial-
       ökonomischer und  gesellschaftspolitischer Interessen  der beiden
       gesellschaftlichen Großgruppen,  die objektiv  im  Zentrum  jeder
       Strategie  demokratischer  Veränderung  mit  antimonopolistischer
       Stoßrichtung und  sozialistischer Perspektive  stehen. Bündnisbe-
       ziehungen zwischen  der Arbeiterbewegung und Intellektuellen bzw.
       Gruppierungen und  Strömungen der Intelligenz betreffen demgegen-
       über die  politisch-ideologische Ebene. Wo schließlich über Rolle
       und Stellung  von Intellektuellen in der Arbeiterbewegung bzw. in
       marxistischen Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse dis-
       kutiert wird,  geht es um den Charakter dieser Organisationen und
       um das  Selbstverständnis der  marxistischen und  sozialistischen
       Intellektuellen. Wenn  diese unterschiedlichen Beziehungen in der
       Wirklichkeit auch  nicht auseinanderzureißen  sind, so verhindert
       die theoretische Vermengung der Ebenen doch die genaue Bestimmung
       von Schwerpunkten und Eingriffstellen marxistischer Politik.
       Zu den  zentralen Fragen im Horizont des Bündnisses von Arbeiter-
       klasse und  Intelligenz gehören  die Klärung und Vertretung ihrer
       sozialökonomischen und  berufsinhaltlichen  Interessen  in  Hoch-
       schule und  Betrieb mit der Perspektive gewerkschaftlicher Orien-
       tierung und Organisierung; mit rd. 15 Prozent liegt der Organisa-
       tionsgrad der Intelligenz heute nur etwa halb so hoch wie der ge-
       sellschaftliche  Durchschnitt.  Folgende  Problemfelder  zeichnen
       sich ab,  über die  lohnabhängige Spezialisten  heute für die Ge-
       werkschaften zu  gewinnen sind. Materielle und soziale Interessen
       kristallisieren sich an Arbeitslosigkeit, qualifikationsinadäqua-
       ter Beschäftigung und Dequalifizierung. Rationalisierungsprozesse
       v. a.  in der Privatwirtschaft betreffen Intelligenzangehörige in
       zweifacher Perspektive:  als Opfer, deren Arbeits- und Berufsper-
       spektive sich  verschlechtert, wie als "Urheber", deren Speziali-
       stenwissen zur intensiveren Ausbeutung aller abhängig Beschäftig-
       ten eingesetzt wird.
       Besonders hervorzuheben  sind im  Zusammenhang mit der Einführung
       neuer Technologien Konflikte, die zwischen Rationalisierungs- und
       Kontrollinteressen der  Unternehmer und den Ansprüchen der Intel-
       ligenzangehörigen an selbständige, abwechslungsreiche und befrie-
       digende Arbeitstätigkeiten  aufbrechen ;  dabei wird der Horizont
       der Ansprüche  zunehmend durch die in der neuen Technik liegenden
       Möglichkeiten menschengerechter  Arbeitsgestaltung bestimmt. Aus-
       einandersetzungen um  Inhalt und Orientierung der Intelligenz-Ar-
       beit sowie  um den  gesellschaftlichen Gebrauchswert und die Aus-
       wirkungen ihrer  Produkte zeigen  gerade unter  der  naturwissen-
       schaftlich-technischen Intelligenz  ein wachsendes kritisches Po-
       tential.
       Für die  Gewerkschaften ist  eine neue Qualität in der Organisie-
       rung und  Einbeziehung der  verschiedenen Intelligenzgruppen eine
       zentrale Zukunftsfrage. Es geht um die Handlungs- und Kampffähig-
       keit in  Betrieb und  Gesellschaft angesichts technologischer Um-
       wälzungen, mit denen wissenschaftlich-technische Spezialisten zu-
       nehmend Schlüsselfunktionen  für Aufrechterhaltung oder Unterbre-
       chung von  Produktions- und  Reproduktionsprozessen erlangen.  Es
       geht um  die Mobilisierung von Expertenwissen angesichts der Not-
       wendigkeit, die Arbeiterbewegung zu profilieren als eine progres-
       siv verändernde  Kraft mit grundlegenden Alternativen und gesell-
       schaftlicher Ausstrahlungs-  und Mobilisierungsfähigkeit, die we-
       sentliche Probleme  und Interessen  der Intelligenz aufgreift, in
       ihre gesellschaftspolitischen Perspektiven einbindet und systema-
       tisch Beziehungen  zu jenen  sozialen Bewegungen  herstellt,  die
       ihre soziale  Basis in den lohnabhängigen Mittelschichten und der
       Intelligenz haben.  Und es  geht um die Gewinnung der Intelligenz
       als einer Massenschicht, die wesentlichen Einfluß auf die gesell-
       schaftliche Meinungsbildung ausübt.
       
       VI. Kampf um Hegemonie und die Rolle ideologischer Apparate
       -----------------------------------------------------------
       
       I d e o l o g i s c h - p o l i t i s c h e   Aspekte der  Bezie-
       hungen zwischen  Intellektuellen und  Arbeiterbewegung wurden auf
       der Konferenz  vor allem  unter dem Gesichtspunkt des Kampfes der
       gegensätzlichen Klassenkräfte  um Hegemonie und der Rolle von In-
       tellektuellen hierbei  diskutiert. Aktuelle Bezugspunkte sind da-
       bei das konservative Konzept der "geistig-moralischen Wende" oder
       sozialdemokratische Vorstellungen  einer  wieder  zu  gewinnenden
       "Meinungsführerschaft der  Linken". Im  weiteren  Sinn  wird  von
       ideologisch-kultureller Hegemonie  gesprochen, wo  es um die gei-
       stige Auseinandersetzung,  um die Erringung von ideologisch-poli-
       tischem Einfluß  und Führungsfähigkeit seitens der demokratischen
       und sozialistischen  Kräfte geht. Marxisten stellen in der Tradi-
       tion von  Lenin und Gramsci die Frage nach Inhalten und Bedingun-
       gen der   H e g e m o n i e   d e r  A r b e i t e r k l a s s e,
       strategisch bezogen  auf den Kampf um die politische Macht. Hege-
       monie bezeichnet  dabei nach  Hans Heinz  Holz "die  Struktur des
       D o m i n a n z verhältnisses    in  einer  Klassengesellschaft",
       eine "Art  der Herrschaftsdurchsetzung, der Sicherung bestehender
       Produktionsverhältnisse   vermittels    der   Institutionen   der
       Eigentumsgarantie, der  Fixierung der  (sozialen wie technischen)
       Arbeitsverhältnisse, der  Verkehrsform, der Familienstruktur, der
       Erziehung, des Wissenschaftsbetriebs - vermittels der Lebensweise
       im allgemeinen,  der Verhaltensnormen,  der Zielvorstellungen und
       Erwartungshorizonte, vermittels  deren Ausdruck  in Moral, Kunst,
       Religion, Philosophie.  (...)  Die  Dominanz  einer  herrschenden
       Klasse  besteht   darin,   daß   sie   wesentliche   Züge   ihrer
       Weltanschauung auch  den Beherrschten, Ausgebeuteten konsensfähig
       zu machen  vermag, so  daß sie  dann der  Repression durch äußere
       Gewalt nur in eingeschränktem Maße bedarf" (S. 211).
       Die Beziehung  auf den  Antagonismus von  Proletariat  und  Bour-
       geoisie und auf deren Kampf um die politische Macht gehört zu den
       Grundlagen einer  marxistischen Hegemonietheorie.  Das  von  W.F.
       Hang entwickelte  und von  der Zeitschrift "Das Argument" vertre-
       tene Konzept  einer "strukturellen  Hegemonie", die  sich aus der
       "Art der  Zusammenarbeit" oppositioneller Kräfte ergebe (so Karl-
       Heinz Götze,  S. 155), negiert solche theoretischen Bezugspunkte;
       an dieser  sachlichen Feststellung  ändern auch  Verweise auf die
       "Pluralität" des  Marxismus heute  und auf die Notwendigkeit kon-
       troverser Diskussion (so Helga Karl, S. 559) nichts.
       In dem  oder jenem  Maße haben  alle Angehörigen  der Intelligenz
       teil an  hegemoniebildenden Funktionen.  Hoch- und Fachhochschul-
       bildung, Artikulations-  und Verallgemeinerungsfähigkeiten  sowie
       die Stellung  in betrieblichen und außerbetrieblichen Hierarchien
       und Kommunikationszusammenhängen machen Ingenieure und Ärzte, So-
       zialpädagogen und EDV-Spezialisten zu Schaltstellen und Multipli-
       katoren in  der Meinungs-  und Verhaltensbildung  mit Wirksamkeit
       weit in  verschiedene Gruppen  der Arbeiterklasse hinein. Es ent-
       spricht aber der realen gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der
       Funktionsdifferenzierung innerhalb  der Intelligenz, wenn Hegemo-
       niefragen v. a. mit Blick auf die beruflich mit geistiger Produk-
       tion und  Vermittlung beschäftigten  Teile der Intelligenz disku-
       tiert werden.  Das betrifft v.a. die Bereiche Bildung/Ausbildung,
       Medien und  Kultur. Nach  den Ergebnissen des Mikrozensus zählten
       1982 zu den Publizisten, Künstlern und zugeordneten Berufen, Leh-
       rern  einschließlich   Hochschullehrern  sowie  Seelsorgern  rund
       950 000 Personen,  das sind 45 Prozent der erwerbstätigen Angehö-
       rigen der Intelligenz (S. 593, Tab. I.4).
       Der Hinweis  auf die Notwendigkeit eingehender marxistischer Ana-
       lyse der  Funktionsweise und  der inneren Differenzierung der ge-
       nannten ideologischen  Apparate und der in ihrem Zusammenhang Be-
       schäftigten gehört  sicher zu den wichtigen Ergebnissen der IMSF-
       Konferenz. Hier  sollen nur einige Überlegungen aufgegriffen wer-
       den, die in diese Richtung weisen. Sie gingen zumeist aus von den
       Entwicklungen der  letzten Jahre  im Zusammenhang  zwischen Frie-
       densbewegung und progressiven Strömungen der Intelligenz.
       Zu den  Bedingungen, die  es möglich machen, in den ideologischen
       Apparaten und unter den dort beschäftigten Intelligenzgruppen den
       Kampf um  fortschrittliche Orientierungen  und zur Zurückdrängung
       bürgerlicher Hegemonie  zu führen,  zählt schon  die Größe dieser
       Apparate; mit ihr sind notwendig Arbeitsteilung, Hierarchisierung
       und Herrschaftsstrukturen verbunden, die soziale Konflikte und in
       ihrer Folge gewerkschaftliche Orientierung und Organisierung her-
       vorrufen. Zwar  haben ständisch  orientierte Berufsverbände  auch
       hier eine  starke und oft dominierende Position, doch ist der Or-
       ganisationsgrad in  der GEW  und auch  in der  neuen IG  Medien -
       Druck und  Papier, Publizistik und Kunst eher höher als im Durch-
       schnitt der  Intelligenz (vgl.  Pickshaus, S. 342 f; S. 609, Tab.
       IV.5). Dies  hängt wiederum  damit zusammen, daß die betrachteten
       Sektoren überwiegend  nicht privatkapitalistisch organisiert sind
       und bislang  gewerkschaftlichen Positionen relativ weniger Wider-
       stand entgegensetzen.
       Heinz Jung hat darauf hingewiesen, daß die ideologischen Apparate
       insgesamt "dem Willen der Herrschenden unterliegen, die trotz al-
       ler Widersprüche  und Widerstände  das von ihnen definierte Klas-
       sen- und  Systeminteresse durchzusetzen  vermögen". Daß im Wirken
       dieser Einrichtungen  gegensätzliche soziale  Interessen zum Aus-
       druck kommen,  folgt aus  der besonderen  Weise, in der sie unter
       bürgerlich-demokratischen Verhältnissen ihre hegemoniale Funktion
       realisieren.  Sie   produzieren  Konsens  und  Integration  durch
       "Abarbeitung gesellschaftlicher Gegensätze und Konflikte". "Damit
       hat dieses  'pluralistische' System  aber ...  eine offene Flanke
       gegenüber fortschrittlichen Positionen" (S. 21 f., 28). Dazu tra-
       gen auch die spezifischen Bedingungen intellektueller Arbeit bei,
       die der  Reglementierung etwa  eines Lehrers oder Künstlers unter
       bürgerlich-demokratischen Verhältnissen Grenzen setzen.
       Wie weit solche Einbruchstellen in die ideologischen Apparate des
       SMK genutzt  und ausgeweitet  werden können, hängt nun wesentlich
       ab von  den gesellschaftlichen  Kräfteverhältnissen und  von  dem
       Einfluß, den  Massenbewegungen darauf nehmen. Für die Aufschwung-
       phasen der  Ökologie- und  Friedensbewegung ist  ein  Mechanismus
       wechselseitiger Unterstützung  unverkennbar. Mit  einer  gewissen
       Kraft und  Breite solcher Bewegungen entsteht ein gesellschaftli-
       ches Faktum, das zur Behandlung etwa in Medien und Unterricht le-
       gitimiert werden  kann. Progressive  Intellektuelle können  diese
       Bezugspunkte nun  nutzen, um  zur Information  über die  Anliegen
       dieser Bewegungen  und - vermittelt über die Autorität der Insti-
       tutionen Fernsehen oder Schule - zur Auflockerung ihres allgemei-
       nen ideologischen  Umfeldes beizutragen.  Daraus ergibt  sich zum
       einen die  wesentliche Bedeutung,  die Einflüsse progressiver In-
       tellektueller angesichts  der Schlüsselstellung ideologischer Ap-
       parate für  jede demokratische und soziale Bewegung besitzen. Zum
       anderen folgt, daß die Kräfteverhältnisse in den Medien nicht me-
       chanisch vom  Druck außerparlamentarischer  Bewegungen  abhängen,
       sondern daß  Eroberung und Sicherung von Positionen progressiver,
       mit den  Anliegen der Arbeiterbewegung und anderer demokratischer
       Bewegungen verbundener Intellektueller in den ideologischen Appa-
       raten eine  eigenständige Aufgabenstellung  für die Arbeiterbewe-
       gung und die Marxisten bilden.
       Von daher ergab sich das Gewicht der Diskussionen über Vorausset-
       zungen und  Formen progressiver  Berufspraxis. Einen wesentlichen
       Ansatzpunkt dafür stellen die Hochschulen dar. Vor allem die nach
       dem Konzept  der  "gewerkschaftlichen  Orientierung"  arbeitenden
       Studentenorganisationen bemühen  sich darum,  möglichst viele zu-
       künftig berufstätige  Angehörige der  Intelligenz in Aktionen zur
       eigentätigen Vertretung ihrer sozialen und politischen Interessen
       einzubeziehen und  dabei den Bündnisbezug zur Arbeiterbewegung zu
       vermitteln. Die Frage stellt sich allerdings, ob daneben Probleme
       der Wissenschafts-  und Studieninhalte  sowie der Funktionen spä-
       terer Berufspraxis  genügend kritisch aufgegriffen und Alternati-
       ven aus  der Perspektive der Arbeiterbewegung wirkungsvoll disku-
       tiert werden. Durchgängig wurde auf der Konferenz herausgestellt,
       daß Fragen  der Inhalte  und der  gesellschaftlichen Funktion der
       Berufspraxis in  technischen wie sozialen Tätigkeitsfeldern einen
       wesentlichen Zugang  zur Widerspruchserfahrung, Alternativensuche
       und zu demokratischem Engagement von Gruppen der Intelligenz bil-
       den. Die  These, daß diese Aspekte von der Studentenbewegung noch
       zu wenig  aufgegriffen werden,  wird noch  durch  einen  weiteren
       Sachverhalt nahegelegt:  Beim Übergang von den Hochschulen in die
       Berufspraxis findet  insgesamt ein deutlicher Bruch statt; sozia-
       les und  politisches Engagement an den Hochschulen und die dorti-
       gen Kräfteverhältnisse setzen sich unter den Bedingungen der ver-
       gleichsweise rigiden  betrieblichen Einbindung  kaum im Verhalten
       der jungen  Intellektuellen gegenüber  betrieblicher und  gewerk-
       schaftlicher Interessenvertretung fort.
       
       VII. Strategien der Bourgeoisie gegenüber der Intelligenz,
       ----------------------------------------------------------
       Wirkungen und Alternativen
       --------------------------
       
       Derartige Beobachtungen  und Überlegungen  sind in einen größeren
       Zusammenhang zu  stellen. Zu  fragen ist, welche Auswirkungen der
       neue Schub  in der  Vergesellschaftung von Wissenschaft unter den
       Bedingungen der  Krise für  die Bildung des Selbstverständnisses,
       für den Typ des jungen Intellektuellen hat, der seit einigen Jah-
       ren die  Hochschulen verläßt.  Zu fragen ist weiter, wie die ver-
       schiedenen gesellschaftlichen Kräfte sich in ihren sozialökonomi-
       schen und  ideologischen Integrationsangeboten  gegenüber der In-
       telligenz auf diese Veränderungen eingestellt haben.
       Studium und  Ausbildung an  den Hochschulen verändern sich ebenso
       wie die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der erwerbstätigen
       Intelligenz  nach   Maßgabe  staatsmonopolistischer  "Modernisie-
       rungs"konzeptionen.  Dazu  gehören  Einsparungs-  und  Rationali-
       sierungsmaßnahmen,  im   Zentrum  aber   die  Forcierung  wissen-
       schaftlich-technischer Innovationen  und  ihre  schnellstmögliche
       Überführung in die Produktionspraxis. Ausbildung und Forschung an
       den Hochschulen  werden in  neuer Qualität  mit der Industrie und
       deren Anforderungen  verknüpft -  v.a. in  den naturwissenschaft-
       lich-technischen Disziplinen,  und hier  keineswegs auf die soge-
       nannten "High-tech"-Bereiche  beschränkt. In  den Forschungs- und
       Entwicklungsabteilungen der Industrie, im ganzen Spektrum der In-
       telligenztätigkeiten geht  es um Rationalisierung, Effektivierung
       und zunehmende  Leistungskontrolle ihrer  Arbeit, v.a.  über  die
       Bindung an rechnergestützte Systeme. Der Lohnabhängigkeitscharak-
       ter der  Intelligenzberufe prägt  sich stärker  aus, daraus  ent-
       springende Konflikte mit den Kapitalinteressen gewinnen an Bedeu-
       tung.
       Den zunehmenden  Anpassungs- und  Konkurrenzdruck, der  weiterhin
       verbunden ist  mit Möglichkeiten des Aufstiegs in die herrschende
       Klasse für  kleine Teile  der Intelligenz, nutzen staatsmonopoli-
       stische Integrations-  und Selbstverständnisangebote, die die In-
       telligenz als  Träger des  "Modernisierungs"prozesses ansprechen.
       Sie knüpfen  dabei an  berufliche Identifikation und an weiterhin
       gerade unter Naturwissenschaftlern und Technikern verankerte Auf-
       fassungen von  der eigenen  Rolle beim Vorantreiben wissenschaft-
       lich-technischen Fortschritts an. Vorgeschlagen wird die Beteili-
       gung an  einer spezifisch fortschrittsbezogenen sozialen Partner-
       schaft mit den anderen Trägern von Modernisierung und Innovation,
       v.a. den Unternehmern. In der sozialdemokratischen Variante (etwa
       von Peter  Glotz) verbindet sich dies mit einer gewissen Betonung
       sozialer  und  ökologischer  Verantwortung  der  Modernisierungs-
       kräfte, während  von konservativer  Seite über Elitekonzepte eine
       Annäherung des Selbstverständnisses naturwissenschaftlich-techni-
       scher Intelligenz  an ein  idealisch gezeichnetes Unternehmerbild
       propagiert wird.
       Die Wirkung  dieser Integrationskonzepte  ist  von  marxistischer
       Seite noch  ungenügend untersucht.  Zu den  drängendsten  offenen
       Fragen zählt, wie unter diesen Bedingungen die Aktivitäten extrem
       rechter und neofaschistischer Kreise und Zentren unter der Intel-
       ligenz einzuschätzen  sind. Den  aktuellen Hintergrund bildet die
       Entwicklung der  letzten Jahre in Frankreich, wo es gelungen ist,
       die mit  dem Vergesellschaftungsschub  und einer  Schwächeperiode
       der Arbeiterbewegung verbundenen Umbruch- und Verunsicherungspro-
       zesse für einen antikommunistischen Durchbruch in der Intelligenz
       und die  Etablierung hochaktiver Zentren einer "Neuen Rechten" zu
       nutzen. So verwiesen Alain Bertho und Helmut Peitsch übereinstim-
       mend  auf  die  Tendenz,  "Dissidenz"  zum  Kern  intellektuellen
       Selbstverständnisses und entsprechender Freiheitsvorstellungen zu
       machen (S. 54, 506 ff.).
       Von den  "regierungsoffiziellen" Elite-  und  Auslesekonzeptionen
       eher marktwirtschaftlich-technokratischen  Profils  führen  flie-
       ßende Übergänge  zu irrationalistisch-aktivistischen  und  rassi-
       stisch-biologistischen Positionen;  an den  Hochschulen ist unter
       den Wissenschaftlern  eine gutorganisierte  Offensive  neurechter
       Zirkel und  Organisationen unverkennbar,  die nicht  ohne Erfolge
       bleibt. Welche  Kräfte und Bedingungen in den Hochschulen und ge-
       samtgesellschaftlich diese Entwicklung fördern, welche ihr effek-
       tiv entgegenzutreten  vermöchten, gehört zu den dringendsten Fra-
       gen weiterer Forschung.
       Es stellt  sich dabei  auch die  Frage nach Verschiebungen in der
       inneren Differenzierung  und Politisierung verschiedener Intelli-
       genzgruppen. Zu  den  bemerkenswerten  Entwicklungen  zählt  ohne
       Zweifel die  Ausdehnung und Stabilisierung demokratischen Engage-
       ments unter  Naturwissenschaftlern und  Ärzten, wie  dies im Echo
       berufsgruppenspezifischer Friedensinitiativen,  -aufrufe und Kon-
       gresse zum  Ausdruck kommt.  Dies ist  wohl eine Reaktion darauf,
       daß der skizzierte Vergesellschaftungsschub objektiv eine Politi-
       sierung des Selbstverständnisses dieser Intelligenzgruppen beför-
       dert und  daß Fragen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ange-
       sichts globaler  Probleme und  durch darauf  bezogene  Bewegungen
       aufgegriffen werden können. Demgegenüber ist Vergleichbares unter
       der sozial-  und geisteswissenschaftlichen  Intelligenz nicht  zu
       beobachten, und im Milieu jener v. a. literarisch-kulturellen In-
       telligenz, die von den Medien systematisch in die Rolle des mora-
       lischen Gewissens  der Nation gehoben wird, sind Tendenzen paral-
       lel zur  französischen Entwicklung  nicht zu  übersehen. Eine Be-
       stimmung, in  welchen Gruppen  und Milieus der Intelligenz welche
       neu-rechten und  neofaschistischen Ideologeme  greifen, ist daher
       dringend notwendig.
       Eine wesentliche  Antwortmöglichkeit der Arbeiterbewegung liegt -
       über die  sozialökonomische und arbeitsbezogene Interessenvertre-
       tung hinaus - in der Entwicklung und Propagierung von Alternativ-
       konzeptionen wissenschaftlicher  und  technischer,  sozialer  und
       pädagogischer Arbeit  in gesellschaftlicher Verantwortung und un-
       ter gesellschaftlicher  Kontrolle, in  denen eine  sinnvolle  und
       subjektiv befriedigende Berufspraxis möglich ist. Dabei werden an
       solche Konzepte  nicht leicht  zu  vereinende  Anforderungen  ge-
       stellt; neben  dem Hinweis, daß damit Fragen alternativer Gestal-
       tung von  Technik oder  sozialer und  gesundheitlicher Versorgung
       aufgegriffen werden  müssen, stand  die These, daß die Politisie-
       rung der  naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz "nur über
       den legitimen  Stolz auf  ihre wissenschaftlich-technische Kompe-
       tenz laufen"  (Springer, S. 137) könne und der verbreiteten Iden-
       tifikation mit dem Fortschrittscharakter ihrer Tätigkeit Rechnung
       tragen müsse.  Es ist  notwendig, an derartige Berufsauffassungen
       anzuknüpfen und  die Konflikte  aufzugreifen, in die Naturwissen-
       schaftler und  Techniker mit der kapitalbestimmten Ausnutzung ih-
       rer Fähigkeiten geraten. Ebenso notwendig scheint, gegenüber die-
       sen Intelligenzgruppen  an den  marxistischen Erkenntnissen  über
       den widersprüchlichen,  antagonistischen und deformierten Charak-
       ter  wissenschaftlich-technischen  Fortschritts  im  Kapitalismus
       festzuhalten und nicht zurückzufallen in undialektische Ansichten
       von der  historisch progressiven Rolle der Produktivkraftentwick-
       lung.
       Allgemeiner wurde  die Frage  aufgeworfen,  welche  grundlegenden
       ideologisch-weltanschaulichen Bezugs-  und Kristallisationspunkte
       zur Sammlung  des Widerstands gegen die Konzepte technokratischer
       "Modernisierung", reaktionärer  Politisierung und irrationalisti-
       scher, anti-aufklärerischer  Mobilisierung  der  Intelligenz  ge-
       eignet sind.  Vieles spricht  dafür, daß Humanismus einen solchen
       gemeinsamen Nenner  bilden kann  - sowohl für die Wahrnehmung der
       gesellschaftlichen Verantwortung  der  Intellektuellen  allgemein
       wie für spezifische berufsinhaltliche Konkretisierung auf den un-
       terschiedlichen Praxisfeldern.  Daß hier  im einzelnen noch viele
       theoretische und bündnispolitische Probleme stecken, sei an einem
       Beispiel verdeutlicht.  Hans Uwe Petersen wies auf die Notwendig-
       keit hin,  eine soziale  Ethik der  Intelligenz zu entwickeln und
       schlug "die  Verantwortung für  die Schwachen  als das notwendige
       moralische Prinzip"  darin vor (S. 193). Dieser Gedanke des däni-
       schen Philosophen  Uffe Juul  Jensen ist zweifellos humanistisch;
       er widerspricht jedoch demokratischen und sozialistischen Auffas-
       sungen,  die   die   Aufgabe   der   Intelligenz   betonen,   zur
       s e l b s t t ä t i g e n   Emanzipation der Benachteiligten oder
       der Arbeiterklasse  beizutragen, an  der Eroberung ihrer Subjekt-
       rolle mitzuwirken.  Zu fragen  ist weiter,  ob Jensens Ansatz der
       Fülle von  Handlungs- und  Einflußfeldern gerecht wird, auf denen
       Angehörige aller  Intelligenzgruppen auch als Lohnabhängige  b e-
       r u f s m ä ß i g   E n t s c h e i d u n g e n    t r e f f e n,
       f ü r  d i e  s i e  v e r a n t w o r t l i c h  s i n d.
       Die Ausarbeitung  einer aktuellen marxistischen Humanismuskonzep-
       tion ist  also dringend, die auch neuere humanismuskritische Ent-
       wicklungen in  der sozialwissenschaftlichen  und literarisch-kul-
       turellen Intelligenz  beantwortet. Dabei ist auch zu klären, wel-
       che Rolle  in diesem  Zusammenhang Christoph Butterwegges Hinweis
       auf den Kampf gegen die "Amerikanisierung" der herrschenden Ideo-
       logie und Kultur als Sammelpunkt zukommt (S. 233).
       
       VIII. Aspekte einer "neuen linken Kultur"
       -----------------------------------------
       
       Für die  zukünftigen Beziehungen  zwischen Arbeiterklasse und In-
       telligenz und  für den Kampf gegen die herrschende kulturelle He-
       gemonie sind  einige Überlegungen  bedeutsam, die sich um das von
       W.P. Jerusalimskij skizzierte Konzept einer "neuen linken politi-
       schen Kultur" gruppieren lassen (S. 254 ff.). Es lenkt das Augen-
       merk auf  die Annäherung  und Herausbildung von Übereinstimmungen
       in Wert-  und Verhaltensorientierungen zwischen der Arbeiterbewe-
       gung und  den stark durch Gruppen der Intelligenz geprägten Mili-
       eus der  außerbetrieblichen und sog. "neuen sozialen Bewegungen".
       Diese Prozesse  werden nicht  unter dem Gesichtspunkt harmonisie-
       render Verschmelzung,  sondern als  neues, wesentliches Kampffeld
       um Hegemonie  der Arbeiterbewegung  betrachtet. Als "Gesamtnenner
       der modernen  linken Kultur"  nannte Jerusalimskij "die Ablehnung
       von und  den  Protest  gegen  die  unkontrollierte  Allmacht  der
       staatsmonopolistischen Elite und gegen die Allmacht des kapitali-
       stischen Profits,  der kapitalistischen Leistung und Rationalität
       als oberste  unanfechtbare Prinzipien  und andererseits die Über-
       zeugung, daß  die Herstellung optimaler gesellschaftlicher Bedin-
       gungen für  eine freie  Persönlichkeitsentwicklung das  Maß aller
       Dinge, das oberste Kriterium sozialen Fortschritts ist" (S. 255).
       Sicher bedarf  es weiterer  wissenschaftlicher Forschung,  um die
       Umrisse, Hauptlinien  und bewegenden  Widersprüche  im  Feld  der
       "linken Kultur"  zu bestimmen.  Der Wert  der Konzeption  erweist
       sich jedoch  schon darin,  daß sie einige Entwicklungen und Beob-
       achtungen der  jüngsten  Zeit  zusammenzufassen  vermag.  So  die
       These, daß die Intelligenz "volkstümlicher" geworden sei. Das äu-
       ßere sich  in der  Rolle, die  größere Gruppen der Intelligenz in
       den Massenbewegungen der letzten Zeit spielen konnten. Zur Erklä-
       rung kann  man darauf verweisen, daß mit der schnellen Ausdehnung
       der Intelligenz  in den  vergangenen zwanzig  Jahren ihre soziale
       Rekrutierung deutlich  bis hinein in verschiedene Gruppen der Ar-
       beiterklasse erweitert  wurde; zugleich  ist diese  Massenschicht
       insgesamt relativ  jung und  somit stark durch Generationscharak-
       tere geprägt,  die in der Konstituierung sozialer Bewegungen über
       sozialökonomische Schicht-  und Klassengrenzen  hinweg  wachsende
       Bedeutung erlangt haben.
       Auf der anderen Seite lassen sich Annäherungstendenzen im gestie-
       genen Niveau von Bildung und sozialkulturellen Interessen wichti-
       ger Teile  der Arbeiterklasse  erkennen, die sich in verlängerter
       Freizeit und zunehmend differenzierten Lebensformen mit Berührun-
       gen und  Übergängen zu  intelligenzgeprägten Milieus  ausdrücken.
       Die Vorstellung,  daß in diesem Bereich nun Klassen- und Schicht-
       charaktere keine  Rolle mehr spielten gegenüber der "Freiheit des
       Subjektes im  Nichtarbeitsbereich" (Mende/Losch,  S. 242), nivel-
       liert allerdings  gerade die  Widersprüche und  Ansatzpunkte  des
       Ringens um  Hegemonie der  Arbeiterbewegung in  der "neuen linken
       Kultur".
       Wichtige Verschiebungen  in den  Hegemonieverhältnissen zugunsten
       demokratischer und auf die Friedensbewegung orientierter Positio-
       nen haben in den letzten Jahren in verschiedenen kulturellen Sek-
       toren stattgefunden.  Mit am  besten zu studieren ist dies anhand
       der musikalischen  Populär- oder  Massenkultur. Diether Dehm ver-
       wies an  diesem Beispiel  auf die  Notwendigkeit, das  Verhältnis
       künstlerischer Intelligenz zu Volkstraditionen und populären Kul-
       turformen genauer  zu untersuchen  und bewußter  zu gestalten (S.
       485 ff).
       Die Frage  nach den  "organischen Intellektuellen  der  Arbeiter-
       klasse" (Gramsci),  die an  der Ausarbeitung  und Verbreitung von
       deren Weltanschauung  und Politik wirken, hat auch unter den ver-
       änderten Konstellationen  der Intelligenz  als Massenschicht eine
       zentrale Stelle  im Beziehungsfeld Arbeiterbewegung - Intellektu-
       elle -  Hegemonie. Dabei geht es von den Interessengrundlagen her
       nicht mehr  - wie  manchmal noch  angenommen - um "Klassenverrat"
       oder Suche nach dem "Glück der Gemeinschaft" in der Arbeiterbewe-
       gung und  der marxistischen  Partei. Der  historisch neuen Breite
       der Interessenschienen,  die Gruppen  von Intellektuellen  in die
       Arbeiterbewegung führen, korrespondiert die neue Qualität der An-
       forderungen an  die Wissenschaftlichkeit der Politik der Klassen-
       organisationen und  damit an die "Intellektualisierung" ihrer Ka-
       der. Gerade  die Notwendigkeit,  seitens der Arbeiterbewegung Al-
       ternativen vorzubringen, die größeren Teilen der Intelligenz eine
       demokratische Perspektive  ihrer Berufsarbeit  erschließen, bein-
       haltet die wachsende Mobilisierung jener Fachkenntnisse, über die
       Intellektuelle als Spezialisten verfügen.
       Bekämpfung von  Antiintellektualismus und  Durchsetzung  völliger
       Gleichstellung von Arbeitern und Intellektuellen in den Organisa-
       tionen der  Arbeiterbewegung ist  dafür unverzichtbare Vorausset-
       zung. Gleichermaßen  unverzichtbar ist,  die durch  Herkunft  und
       Bildungsprozesse gesetzte  Ungleichheit von  Intellektuellen  und
       Angehörigen der  Arbeiterklasse zu  berücksichtigen und - v.a. in
       der marxistischen  Partei -  den spezifischen Emanzipationsbedin-
       gungen der  Arbeiterklassengruppen Rechnung zu tragen. Auf dieser
       Basis können  weiter bestehende  Unterschiede und Widersprüche in
       einer Weise  in die Arbeit für gemeinsame Ziele eingehen, die ge-
       genseitige Lernprozesse  und die  Entfaltung der spezifischen In-
       telligenzqualifikationen in  persönlich befriedigenden Formen er-
       möglicht.
       
       _____
       1) Intelligenz, Intellektuelle  und Arbeiterbewegung  in  Westeu-
       ropa.  Materialien  einer  internationalen  Konferenz  des  IMSF,
       Frankfurt/M. 16./17.  März 1985. Frankfurt am Main 1985, 613 Sei-
       ten. Der  Band enthält etwa 130 Beiträge aus Plenen und den drei-
       zehn Arbeitsgruppen  der Konferenz sowie einen Anhang zur Sozial-
       und Organisationsstatistik der Intelligenz der Bundesrepublik. Im
       Eröffnungsplenum der  Konferenz hielten Einleitungsvorträge Heinz
       Jung (IMSF), Bernd Gäbler/Werner van Haren (MSB Spartakus), Alain
       Bertho (IRM,  Paris), Vic  L. Allen  (Leeds), Alessandro  Mazzone
       (Rom/Messina), Erich  Hahn (Berlin/DDR),  Mechtild Jansen (Köln),
       Klaus Holzkamp (West-Berlin), Frank Deppe (Marburg). Im Abschluß-
       plenum sprachen  Gerhard Steingress  (Klagenfurt), Rainer Rilling
       (BdWi, Marburg),  Corinna Hauswedell (MSB Spartakus), Willi Gerns
       (DKP), Joachim Bischoff (Sozialistische Studiengruppen, Hamburg),
       Helga Karl  ("Das Argument",  West-Berlin), Hans  Jörg Sandkühler
       (Bremen).
       2) Wir danken Heinz Jung und Klaus Priester, die uns Ausarbeitun-
       gen zu diesen Fragen zur Verfügung stellten.
       3) Vgl. A.  Gramsci, Zur  Politik, Geschichte  und Kultur. Ausge-
       wählte Schriften,  herausgegeben von  G. Zamis, Frankfurt am Main
       1980, S. 371.
       4) Ebd., S. 229.
       

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