Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       PSYCHISCH GESTÖRTE SUBJEKTIVITÄT
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       Ein Ansatz auf der Basis der Tätigkeitspsychologie A.N. Leontjews
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       Dorothee Roer/Dieter Henkel
       
       1. Einleitung - 2. Vorbemerkungen - 3. Psychopathogene Lebenslage
       - 4.  Hin zur  subjektivistischen Transformation - 5. Subjektivi-
       stische Logik  - 6.  Labilisierung und Stabilisierung der psychi-
       schen Störung
       
       1. Einleitung
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       Im vorliegenden  Aufsatz entwickeln  wir einen  Ansatz  für  eine
       Theorie psychisch  gestörter Subjektivität auf der Basis der all-
       gemeinen Tätigkeitspsychologie  von Leontjew  (1971, 1980, 1982).
       Zu dieser  Thematik mit  explizit tätigkeitspsychologischem Bezug
       existieren  bereits   einige  wenige   Arbeiten  anderer  Autoren
       (Gleiss, 1978,  1979, 1980;  Haselmann, 1982, 1983, 1984; Quekel-
       berghe, 1984;  Kruse, 1985 a, 1985b). Diese Arbeiten beziehen wir
       aus folgenden  Gründen nicht  ein: Sie zentrieren sich auf thera-
       peutische und  nicht auf  ätiologisch relevante Probleme (Quekel-
       berghe) oder  behandeln nur bestimmte Aspekte psychisch gestörter
       Prozesse und dies recht allgemein (Kruse: Motivkonflikte und ihre
       biographische Entwicklung). Ein elaborierter Ansatz liegt nur von
       Gleiss (1980  vor, den Haselmann (1984) präzisierte und ergänzte.
       Eine detaillierte  Diskussion dieser  Arbeiten erfolgt an anderer
       Stelle (s.  Roer u. Henkel, 1986). Wir benennen hier nur kurz den
       aus unserer  Sicht zentralen  Kritikpunkt. Gleiss  und  Haselmann
       definieren  psychische  Gestörtheit  als  habitualisierte  Orien-
       tierungskrise,  in  der  das  Subjekt  von  außen  herangetragene
       gesellschaftliche Anforderungen  mit  symptomatischen  Handlungen
       abwehrt, da  sie den  zentralen und  vom Subjekt  aufgrund  ihrer
       Rigidität nicht  aufgebbaren  Motiven  widersprechen.  Als  Folge
       davon stagniert  das Subjekt  in seiner  Entwicklung.  Damit  be-
       schreibt dieser Ansatz u. E. letztlich nur eine Variante von Nor-
       malität, nämlich  eingeengte Subjektivität,  bietet  daher  keine
       tragfähigen Perspektiven, um psychische Störungen in ihrer spezi-
       fischen Entwicklungslogik  und als qualitativ besondere, von die-
       ser Normalität unterschiedene Bewegungsform zu erfassen.
       
       2. Vorbemerkungen
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       Zum Konzept  des Widerspruchs.  Grundlegend für  den historischen
       Materialismus ist  das Konzept  des (dialektischen) Widerspruchs,
       verstanden als Einheit und Gegensatz zweier einander zugleich be-
       dingender und  ausschließender Pole, wobei beide aufeinander ein-
       wirken und  so ein  prozessierendes Verhältnis  bilden,  das  nur
       durch Aufhebung beider Widerspruchsseiten zu einer neuen Qualität
       gesprengt und  so zum  Ausgangspunkt weiterer  Entwicklung werden
       kann. Diese  Bewegung ist im Gesetz von Einheit und Kampf der Ge-
       gensätze erfaßt  und beschreibt  das Grundprinzip von Entwicklung
       aus marxistischer  Sicht. Dieses  gilt allgemein,  somit auch für
       die Entwicklung  des Psychischen  beim Menschen. Im folgenden ar-
       beiten wir dieses Konzept als bewegendes Moment in der Ausbildung
       psychisch gestörter Subjektivität heraus, weil es sich einerseits
       theoretisch nahelegt,  zum anderen verweisen die klinisch-psycho-
       logischen Erfahrungen  auf die  Nützlichkeit  eines  solchen  An-
       satzes. Dabei  unterscheiden wir entwicklungsfördernde (s. Henkel
       u. Roer,  1985; Roer u. Henkel, 1986) und entwicklungsbeeinträch-
       tigende Widersprüche  (s. Pkt.  3.). Leontjew selbst hat das Kon-
       zept des Widerspruchs nicht ausdrücklich zu einer zentralen Kate-
       gorie seiner Theorie gemacht. Es läßt sich aber zeigen, daß es in
       seinem Ansatz  grundlegend enthalten  und aus  den Basisbegriffen
       ohne weiteres  explizierbar ist. Die Grundkategorie Tätigkeit zum
       Beispiel, von  Leontjew als aktive Beziehung des Subjekts zur ge-
       genständlichen Welt  bestimmt, konkretisieren wir in diesem Sinne
       als tätige  Auseinandersetzung  mit  Widersprüchen.  Entsprechend
       wenden wir  im folgenden die übrigen zentralen Begriffe Leontjews
       in ihrer Konkretisierung durch das Widerspruchskonzept an.
       Zu den  Begriffen Realität  und Ideologie.  Wie noch im einzelnen
       darzulegen sein  wird, sehen  wir als  Ausgangspunkt für die Ent-
       wicklung gestörter  Subjektivität eine  bestimmte Form von Wider-
       spruch zwischen  materieller Realität und ideologischer Orientie-
       rung, in  der kapitalistischen Gesellschaft: bürgerlicher Ideolo-
       gie. Auf  deren Bedeutung verweisen zahlreiche klinisch-psycholo-
       gische Erkenntnisse.  Alle Formen  psychischer Gestörtheit zeigen
       mehr oder weniger deutlich Beziehungen zur bürgerlichen Ideologie
       (Depression und Leistungsideologie, Zwangsneurose und Ordnungsri-
       tual, Schizophrenie und z. B. Sexualmoral, Magersucht und Frauen-
       bild usw.). Mit dem Begriff Realität (objektive Wirklichkeit, ma-
       terielle Welt  o.a.) fassen wir die natürlichen und gesellschaft-
       lichen Gegenstände  (Dinge, Personen,  Verhältnisse) in ihren ob-
       jektiven materiellen  Formen und  Bewegungen und  in ihren dieser
       Existenzweise adäquaten gesellschaftlichen Bedeutungen. Die ihnen
       innewohnenden Gesetzmäßigkeiten  bezeichnen wir  als Objektlogik.
       Unter Ideologie  verstehen wir  zunächst allgemein ein System ge-
       sellschaftlicher (ökonomischer,  politischer, moralischer  u. a.)
       Anschauungen, die  in der  Klassengesellschaft  Klasseninteressen
       zum Ausdruck  bringen und entsprechende Einstellungen, Wertungen,
       Normen usw.  einschließen. Der Ideologie als Deutung der Realität
       kommt nur  relative Selbständigkeit  zu. Als  ideeller Reflex der
       materiellen Verhältnisse  entwickelt und  verändert sie  sich mit
       diesen (historischer  Charakter des Ideologischen). Sie existiert
       auch materiell,  indem sie  auf die  gesellschaftliche Praxis der
       Menschen wirkt  und sich  in ihr  vergegenständlicht. Wenn wir im
       folgenden den Begriff Ideologie verwenden, meinen wir die Ideolo-
       gie der  herrschenden Klasse  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft
       (bürgerliche Ideologie).  Wie jede  andere Ideologie  weist  auch
       diese formationsspezifische  und klassentypische  Formen und  In-
       halte auf.  Auch sie  setzt an  den wirklichen gesellschaftlichen
       Verhältnissen an, spiegelt somit stets die Objektlogik wider, al-
       lerdings indem  sie diese verkürzt, verzerrt, verkehrt oder sogar
       negiert. Dies drückt sich insbesondere darin aus, daß sie Gesell-
       schaft naturhaft und das Wesen des Menschen biologistisch und in-
       dividualistisch mißdeutet, die zentralen Widersprüche der bürger-
       lichen Gesellschaft  leugnet, die Ewigkeit und Unveränderlichkeit
       der bestehenden  Eigentums-  und  Herrschaftsverhältnisse  propa-
       giert. Bürgerliche  Ideologie mystifiziert  immer wieder neu ihre
       Klassenbindung, verschleiert  ihre Funktion  als  Instrument  der
       Herrschaftssicherung, indem  sie sich  z. B. als Ausdruck des ge-
       meinschaftlichen Interesses  aller  Klassen  und  Schichten  dar-
       stellt. Sie  wirkt damit objektiv desorientierend, auf die Bezie-
       hungen der  Menschen entsolidarisierend,  konkurrenzschürend  und
       isolierend, auf  ihre Entwicklung  deformierend, blockierend  und
       unterdrückend und  übt insofern  mystifizierte Gewalt  aus.  T ä-
       t i g k e i t s p s y c h o l o g i s c h  bedeutet die Aneignung
       bürgerlicher  Ideologie:   Statt  die   hinter  den  Gegenständen
       liegenden gesellschaftlichen  Bedeutungen  aus  den  Gegenständen
       selbst herauszuarbeiten  (s. Leontjew,  1982), stellt das Subjekt
       eine von  außen geliehene,  nämlich ideologische Bedeutung davor,
       durch die  hindurch sich das Subjekt dann mit den Gegenständen in
       Beziehung setzt. Die Gegenstandsaneignung vollzieht sich damit in
       spezifisch verzerrter  Art, es  entwickelt sich  in der Tätigkeit
       keine tragfähig orientierende Struktur.
       Zur Bedeutung  von Familie  und Kindheit.  Wie schon  angedeutet,
       bilden Widersprüche  zwischen Realität  und Ideologie  und  deren
       Verdeckung durch mystifizierte Gewalt als wesentliches Instrument
       spätbürgerlicher Herrschaftssicherung das zentrale Charakteristi-
       kum psychopathogener Lebenslagen. Dies zeigen wir am Beispiel der
       Familie, da sie den bedeutsamsten gesellschaftlichen Bereich dar-
       stellt, in  dem sich  psychopathologische Strukturen und Prozesse
       herausbilden. Zum einen, weil sie von Beginn an und umfassend auf
       die Entwicklung des Kindes einwirkt, und zum anderen, weil in der
       Familie  gewaltförmig   mystifizierte  Beziehungen  in  besonders
       scharfer Form  auftreten. Denn  im Vergleich  zu anderen  gesell-
       schaftlichen Institutionen können sich dort bürgerliche Ideologie
       und mystifizierte  Gewalt relativ stark, schwer durchschaubar und
       kaum kompensierbar  etablieren, vor  allem aufgrund der durch die
       Trennung von  Produktion und  Reproduktion bedingten scheinhaften
       Privatheit, sozialen  Isolation und  weitgehend fehlenden  gegen-
       ständlich-kooperativen Strukturen  und gemeinsamen  Perspektiven.
       Dadurch nehmen die Beziehungen in der Familie einen kreislaufför-
       migen, wenig sachlogischen und besonders stark ideologisch norma-
       tiven Charakter  an (s. Ottomeyer, 1977). Gewalt und deren Mysti-
       fikation  kennzeichnen  auch  andere  Sozialisationsinstitutionen
       (z.B. Kindergarten,  Schule). Aufgrund  der stärker  festgelegten
       gesellschaftlichen Funktionsbestimmtheit,  Öffentlichkeit und des
       höheren Vergesellschaftungsgrads  dieser Institutionen  entfaltet
       sie sich dort jedoch nicht so wildwüchsig wie in der Familie. Zu-
       dem ist  das Kind  diesen Institutionen immer nur begrenzt ausge-
       setzt. Dennoch  können sie  zur Entwicklung  psychisch  gestörter
       Subjektivität beitragen,  sie z.B. verstärken oder beschleunigen.
       Daß sie kompensierend wirken, ist als Regelfall nicht anzunehmen.
       Aus der  entwicklungspsychologischen Bedeutung der Familie ergibt
       sich logisch  unsere Konzentration auf die (frühe) Kindheit. Aber
       auch deshalb,  weil diese  Zeit eine  besonders riskante Entwick-
       lungsphase darstellt.  Psychopathogene Einflüsse treffen das Kind
       in zentralen  Bereichen seiner  Subjektivität und bleiben länger-
       fristig wirksam, da das Kind erst über wenig gegenläufig stabili-
       sierende Tätigkeitsformen  verfügt und  frühe Störungen  die Ent-
       wicklung der  Tätigkeit im weiteren Verlauf umfassender und somit
       auch nachhaltiger  beeinflussen. Im folgenden verkürzen wir Fami-
       lienbeziehungen auf die Interaktion zwischen einem Elternteil und
       einem Kind.  Dies nicht  nur, um  größere Einfachheit  und  damit
       Klarheit in  der Argumentation zu erreichen, sondern auch aus em-
       pirischen Gründen.  Im Laufe der Entwicklung der spätbürgerlichen
       Gesellschaft konstituiert sich die Familie aus immer weniger Per-
       sonen, wobei  in vielen  Fällen nur noch einer Person psychologi-
       sche Relevanz für die Erziehung des Kindes zukommt.
       
       3. Psychopathogene Lebenslage
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       Psychopathogene Milieus  sind gekennzeichnet durch einen grundle-
       genden  Widerspruch  zwischen  materieller,  sozialer  Lebenslage
       (Realität) und  ihr fremder  Ideologie als  deren praxisleitendem
       Deutemuster. Gemeint ist damit nicht eine irgendwie geartete Dif-
       ferenz zwischen  Realität und  sie interpretierende Ideologie (in
       Klassengesellschaften zwangsläufig  immer gegeben), sondern deren
       Antagonismus. Nach  unserer Auffassung bildet sich dieser Antago-
       nismus in  mehreren Schritten heraus. Unter welchen gesellschaft-
       lichen Bedingungen  solche Konstellationen (auch massenhaft) ent-
       stehen, veranschaulichen  wir am  Beispiel der  unteren Schichten
       der Arbeiterklasse. 1) In Zeiten relativer Schwäche der Arbeiter-
       bewegung ist  deren politische und soziale Kultur unterdrückt und
       verstümmelt. Den  Betroffenen fehlen  klassen- und  schichtspezi-
       fisch angemessene  tätigkeitsleitende Deutemuster.  Sie sind des-
       halb gezwungen, um sich zu orientieren, auf bürgerliche (also ob-
       jektiv desorientierende)  Ideologie zurückzugreifen. Damit nehmen
       sie zumindest  Aspekte des  Klassenwiderspruchs als unverstandene
       Gegensätze in  ihre Subjektivität  auf. Verstärkt tun dies solche
       Personen und Gruppen mit ohnehin nur schwacher Verankerung in der
       Arbeiterbewegung und  ihren kulturellen  Traditionen. Damit  sich
       die so  entstandene Differenz  zwischen objektiver Lebenslage und
       ihrer ideologischen Berarbeitung allerdings zu einem psychopatho-
       gen wirkenden,  antagonistischen Widerspruch  zuspitzt, bedarf es
       weiterer ungünstiger,  oft gruppentypischer  und standortspezifi-
       scher Faktoren  (z.B. Arbeitslosigkeit, Ausländerstatus). 2) Per-
       sonen, die  in für  sie bedeutsamen  Praxisfeldern in  Realitäts-
       ideologie-Widersprüche geraten, können nur deutlich verengte For-
       men der  Auseinandersetzung mit  ihrer Umwelt  entwickeln. Sozial
       hat die  der eigenen Lage nicht angemessene Aneignung von bürger-
       licher Ideologie  zur Folge,  daß die Subjekte sich zunehmend von
       anderen Personen  der eigenen  Klasse, Schicht,  Gruppe und damit
       von Möglichkeiten  der Solidarität isolieren. Die wenigen mensch-
       lich umfassenden,  dichten Beziehungen, die sie erhalten oder neu
       herstellen können, müssen für sie zwangsläufig überwertig und we-
       gen ihrer  ideologischen Ausgestaltung  unrealistisch und deshalb
       höchst problematisch  sein (was auch auf die Entwicklung der Kin-
       der solcher  Personen deutlich  beeinträchtigend wirkt).  Da auch
       der weltanschauliche  Austausch mit  der eigenen Klasse, Schicht,
       Gruppe erschwert  oder ganz  blockiert ist,  kann von  dort keine
       Korrektur der inadäquaten Orientierung erfolgen, die sich deshalb
       leicht verengen und verfestigen kann.
       Greift eine  solche Person nun in biographischen Krisen verstärkt
       auf bürgerliche  Ideologeme zurück,  um ihre  Lebenspraxis zu re-
       strukturieren, können  sich diese zur bestimmenden Seite der Kon-
       fliktlösung entwickeln  und ihre  weitere Bewegung  in diesem Le-
       bensbereich dominieren.  Die Person bildet dann einen Tätigkeits-
       stil heraus,  dessen Charakteristika in selektiver, widerspruchs-
       verdeckender Aneignung  und eher  reproduktiver, die  bestehenden
       Lebensverhältnisse  bestätigender  vergegenständlichender  Praxis
       bestehen. Wiewohl sie nun die Ideologie zur herrschenden Seite in
       ihrer Bearbeitung  von Wirklichkeit  gemacht hat,  kann sie  ihre
       reale Determination durch die materielle Realität dadurch nie au-
       ßer Kraft setzen. Im Gegenteil: Diese bleibt Quelle ständiger In-
       fragestellung ihres  ideologisch deformierten  Praxiszugangs. Die
       damit verbundenen  DeStabilisierungen können nur durch immer neue
       Ideologisierungen im Konfliktfeld aufgefangen werden. Aus dem da-
       mit in Gang gesetzten permanenten Abwehrkampf gegen die Wirklich-
       keit entwickelt  die Person  schließlich in  bezug auf  das  Kon-
       fliktthema ein Tätigkeitsmuster, das sie festlegt auf sich veren-
       gende, zirkuläre  Bewegungen der Wiederholung eines prekären, die
       materielle Realität verkehrenden Zustands. In Abwandlung von Marx
       kann man  dies als  Auf-dem-Kopf-Gehen bezeichnen.  Diese Art der
       Auseinandersetzung mit  der Welt  unterscheidet sich deutlich von
       der im  folgenden noch zu entwickelnden psychisch gestörten Bewe-
       gungsform, und  zwar aus  zwei Gründen. Erstens bleibt bei dieser
       Person die Fähigkeit erhalten, zwischen Realität und Ideologie zu
       differenzieren, und  zweitens bleibt  sie auch  in der Lage, sich
       ihrer Umwelt  (in wie verquerer Form auch immer) als einer objek-
       tiv gegebenen,  außer ihr  gesetzten zuzuwenden. Zudem gelingt es
       ihr immer wieder, ihre Handlungsfähigkeit herzustellen, indem sie
       ihre Widersprüche stets neu, wenn auch nicht beständig, zur Seite
       der Ideologie  hin aufzulösen  vermag. Sie erzeugt somit für sich
       eine (labile)  Stimmigkeit in ihrer Lebenspraxis. Objektiv jedoch
       bewegt sie  sich in bedeutsamen Widersprüchen, weshalb andere sie
       auch als  in sich  widersprüchlich, inkonsistent und unprognosti-
       zierbar erleben.
       Personen, die ihre Lebenspraxis in solcher Weise entfalten, stel-
       len für  Kinder ein Milieu her, das die objektive Bedingung (i.S.
       von notwendig,  aber nicht  hinreichend) für  die Entwicklung ge-
       störter Subjektivität  bildet. Dies impliziert unsere Annahme ei-
       nes mindestens  zwei Generationen umfassenden Prozesses psychopa-
       thogener Interaktion als Voraussetzung für die Entstehung psychi-
       scher Störungen.  Indem eine  solche Person als wichtiges kultur-
       vermittelndes Subjekt (im folgenden kurz: Bezugsperson) mit ihrer
       widersprüchlichen Praxis  die Entwicklung  des  Kindes  bestimmt,
       zwingt sie es, in bezug auf die Gegenstände 3) in ihrem Konflikt-
       feld zwei Arten einander widersprechender Erfahrungen zugleich zu
       machen. Dinge,  Personen, Ideen usw. treten dem Kind gleichzeitig
       und von  Beginn an  in einer  objektlogischen und einer ideologi-
       schen Version gegenüber, die sowohl zusammengehören als auch sich
       gegenseitig ausschließen.  In diesem  Antagonismus dominiert  der
       ideologische Gegenstandszugang, den die Bezugsperson durch Umbie-
       gen der Realität sichert und ausbaut. Weil Ideologie und Realität
       dem Kind in seiner Aneignungs- und Vergegenständlichungstätigkeit
       ständig als  nicht aufgeschlüsselte gegensätzliche Einheit entge-
       gentreten, lernt  es nicht, diese als zwei eigenständige Qualitä-
       ten zu  differenzieren. In der Aneignung der Gegenstände in ihrer
       objektiv antagonistischen  Doppelung und  dem  damit  verbundenen
       Aufbau einer  inneren Widersprüchlichkeit (die sich in der Struk-
       tur der  Tätigkeit, der  Motive, in Bewußtsein und Emotionen aus-
       drückt) sehen wir den Übergang von den objektiven Bedingungen der
       Lebenslage in ihre Subjektivierung als gestörter psychischer Pro-
       zeß.
       Die interaktive  Struktur, in  der sich  dieser Prozeß vollzieht,
       kennzeichnen wir in Anlehnung an Jervis (1978) als mystifiziertes
       Gewaltverhältnis. Diesem unterliegt das Kind aufgrund der gesell-
       schaftlichen Isolation  der Familie  und des weitgehend rechtlich
       entmündigten Kindheitsstatus in der spätbürgerlichen Gesellschaft
       generell. Diese  allgemeine Problematik spitzt sich wegen der so-
       zialen Isolierung  der Bezugsperson  (s.o.) in zweierlei Hinsicht
       zu. Zum  einen bekommt das Kind eine besonders überwertige Bedeu-
       tung, aus der eine intensive Beziehung resultiert, welche die Ab-
       hängigkeit und  Isolation des  Kindes verschärft. Zum anderen in-
       strumentalisiert die  Bezugsperson das  Kind aufgrund des Fehlens
       tragfähiger außerfamiliärer personaler Beziehungen als Ersatz für
       diese, womit  sich ihr Verhältnis zum Kind verdinglicht. Aufgrund
       dieser ebenso  dichten wie repressiven Beziehung ist das Kind der
       Bezugsperson in  extremer Weise  ausgeliefert. Zum mystifizierten
       Gewaltverhältnis gerät  diese Beziehung deshalb, weil die Bezugs-
       person ihre  ideologisierte Version  von Realität unausgesprochen
       zur allein  gültigen erklärt  und jeden Versuch, diese Setzung in
       Frage zu  stellen, unterdrückt, wobei sie ganz im Geist bürgerli-
       cher Ideologie  vorgibt, im  Interesse des  Kindes zu handeln. 4)
       Mystifiziert wird diese Unterdrückung durch Verbot kommunikativer
       und praktischer  Überprüfung des gesetzten Systems, die damit das
       Kind wehrlos  und somit unfähig macht, sich verläßliche Differen-
       zierungen zwischen  Ideologie und Realität anzueignen. Dieses my-
       stifizierte Gewaltverhältnis  wirkt sich  um so  destruktiver auf
       die kindliche Entwicklung aus, je weiter Wirklichkeit und Ideolo-
       gie im  Leben der Bezugsperson auseinanderklaffen, je komplizier-
       ter und  unauflösbarer die ideologisierte Fassung der materiellen
       Realität sich aufbaut, je umfassender und detaillierter diese die
       kindliche Tätigkeit  durchdringt,  je  existentiell  bedeutsamere
       Themen und  Bereiche betroffen  sind, je früher diese in der Ent-
       wicklung des Kindes auftreten und je isolierter sich das Kind von
       alternativen, korrigierenden  Beziehungen  und  Erfahrungen  ent-
       wickelt. Hier sehen wir auch Ansätze für differentialätiologische
       Überlegungen (s. Roer u. Henkel, 1986).
       
       4. Hin zur subjektivistischen Transformation
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       Welche allgemeine  Tätigkeitsstruktur bildet das Kind nun im Kon-
       fliktfeld heraus?  Begegnen ihm  die Gegenstände (spiegelt es sie
       kognitiv sowie emotional wider, versucht es, sich deren Bedeutun-
       gen zu  erarbeiten, eine  motivationale Beziehung  und einen per-
       sönlichen Sinn  zu ihnen  herzustellen) in zwei zueinander in Wi-
       derspruch stehenden Existenzweisen (im Verhältnis von Zusammenge-
       hörigkeit und  Ausschließung, nicht bloßer Verschiedenheit), dann
       führt das auf Dauer zu psychopathologischer Entwicklung. Und zwar
       deshalb, weil es dem Kind in dieser Lage nicht gelingen kann, die
       Eigenschaften und  Zusammenhänge der  Gegenstände  praktisch  und
       ideell zu  erschließen, so  deren zwei  Existenzweisen  auseinan-
       derzuhalten, also  ihre wirkliche  und ideologisch verzerrte Fas-
       sung, und  damit auch  letztere als  solche zu erkennen. Denn das
       Kind steckt  in einer  Praxis- und  Orientierungsfalle. Wendet es
       sich den Gegenständen in ihrer ideologisierten Version zu, greift
       es zwangsläufig  an deren  wirklicher Beschaffenheit  vorbei. Mit
       diesem Umgang mit den Dingen befindet es sich zwar im Konsens mit
       der Bezugsperson, die es dabei unterstützt und fördert, indem sie
       diese objektiv  unangemessene Praxis in eine angemessene uminter-
       pretiert. Die  Gegenstände selbst jedoch negieren durch die ihnen
       innewohnende Logik  diese Art der Aneignungstätigkeit. Richtet es
       sich dagegen  auf die  Gegenstände in  ihrer objektiv-materiellen
       Gestalt, gerät  es in Widerspruch mit der Bezugsperson, die diese
       Erfahrungen ungeschehen  macht, dies mit Mitteln der Deutung, des
       Ideellen und  der Mystifikation. Diese zwei Arten von Erfahrungen
       im Konfliktfeld  erlebt das Kind zu Beginn des Prozesses, wie die
       beiden Erscheinungsweisen  der Gegenstände,  als voneinander noch
       relativ getrennt.  Da sie jedoch eine gemeinsame Gegenstandsbasis
       haben, sind sie schon immer auch miteinander verbunden. Je häufi-
       ger sie  sich wiederholen,  desto mehr überlagern sie sich gegen-
       seitig, desto  obskurer erscheinen  die Gegenstände,  und zwar in
       beiden Existenzweisen, desto unklarer, widersprüchlicher, blasser
       und schwächer  werden Tätigkeitsperspektiven, desto verzweifelter
       aber auch  (angesichts der  Unmöglichkeit, aus dem Feld zu gehen)
       die Suche nach einer Orientierung.
       Dieser Prozeß läßt sich durch folgende Entwicklungen im einzelnen
       charakterisieren: Aufgrund der gleichsam gedoppelten Lebenspraxis
       bildet das  Kind in  bezug auf  die kritischen  Gegenstände  zwei
       Handlungsstränge  heraus,  die  zwar  miteinander  in  Beziehung,
       zugleich aber  in einem  antagonistischen  Verhältnis  zueinander
       stehen, weil sie sich jeweils auf den gleichen Gegenstand, jedoch
       in zwei  einander negierenden Existenzweisen richten. Sie konsti-
       tuieren so  eine in sich widersprüchliche Tätigkeitsstruktur, ha-
       ben einander  widersprechende Aspekte  und Bedeutungen der Gegen-
       stände zum  Ziel. Indem  sich beide Handlungsstränge immer gegen-
       seitig aktualisieren,  geht ihre  zu Beginn  noch partiell beste-
       hende Eigenständigkeit  und innere Konsistenz ebenso verloren wie
       die Klarheit ihrer Ziele. Dies, da fortschreitend die Bedeutungen
       der Gegenstände  ununterscheidbarer werden und damit auch die auf
       die Gegenstände  gerichteten Handlungsziele  immer weniger trenn-
       scharf widergespiegelt  werden können (der Gegenstand gewinnt zu-
       nehmend die  Bedeutung A und Nicht-A zugleich). Sowohl die Gegen-
       stände als  auch ihre  Bedeutungen erfaßt  das Kind also nicht in
       ihrem Antagonismus,  sondern nur  uneindeutig. Damit verliert das
       psychische Abbild  an objektivem Gehalt und Orientierungsfunktion
       für die  Tätigkeit. Die Handlungsziele büßen damit ebenfalls ihre
       orientierende Wirkung  mehr und  mehr ein, schließlich sogar ihre
       handlungsbestimmende Qualität. Je mehr sich die Bedeutungen über-
       lagern und  so eine  immer schwerer aufzulösende Widerspruchsein-
       heit bilden,  desto stärker versucht das Kind, sie auseinanderzu-
       halten und  klar zu  fassen. Indem es sich in diesem Prozeß immer
       mehr den  allgemeinen Momenten der Gegenstände zuwendet, geht de-
       ren Modalität,  sinnliche Qualität und Lebendigkeit im Abbild zu-
       rück. In diesem zunehmenden Verlust der Sinnlichkeit der Realität
       sehen wir  auch eine  Voraussetzung dafür, daß diese für das Kind
       immer weniger  Bestand hat  (s. auch  Leontjew, 1980,  S. 130, S.
       136).
       Angesichts des  von Beginn  an  existierenden  Bedeutungsdilemmas
       kann das  Kind den  Dingen, Personen und Beziehungen im Konflikt-
       feld keinen  tragfähigen klaren persönlichen Sinn abringen. Da es
       ohne Sinngebung nicht leben kann, wandert es in dem Bemühen, sich
       persönlich auf die Gegenstände einzulassen, zwangsläufig zwischen
       ihren inkompatiblen  Bedeutungsinhalten hin und her und macht Er-
       fahrungen von  Orientierungs- und Sinnlosigkeit. Im Zuge der Zeit
       schwächen sich  diese Versuche, in den Gegenständen und ihren Be-
       deutungen doch  noch einen  persönlichen Sinn  zu finden, ab. Das
       Kind produziert  statt dessen  immer  häufiger  "entstellte  oder
       phantastische Vorstellungen  und Ideen", "die in der realen prak-
       tischen Lebenserfahrung  keinerlei realen Boden haben" (Leontjew,
       1980, S.  149). Die  Tätigkeit, durch den inneren Widerspruch ge-
       kennzeichnet, kann  so ihren  Gegenstand nicht  finden. Das  Kind
       zieht sich  immer mehr  von der  Außenwelt zurück, schränkt seine
       praktische Tätigkeit im Konfliktfeld zunehmend ein. Indem es sich
       in diesem  Prozeß der  äußeren Realität entzieht, gewinnen gegen-
       über den auf sie gerichteten praktischen Tätigkeiten und Handlun-
       gen innere,  von der  Objektlogik sich  ablösende Prozesse  fort-
       schreitend an Gewicht. Damit unterwirft sich das Kind selbst mehr
       und mehr  der Herrschaft  des Ideellen und legt so den Grundstein
       zur späteren Herausbildung seiner subjektivistischen Logik.
       Entsprechend der  Struktur der  Tätigkeit bilden  sich in den sie
       anregenden Motiven  ebenfalls zwei  einander widersprechende, in-
       kompatible Seiten  aus, die  ihre  tätigkeitsstimulierende  Kraft
       hemmen. Wie wir zeigten, haben die Erfahrungen mit den Gegenstän-
       den im  Konfliktfeld alle die gleiche Struktur. Aus den verschie-
       denen Einzeltätigkeiten  und den  sie  realisierenden  Handlungen
       entwickelt sich ebenfalls ein zusammenfassendes vereinheitlichen-
       des Muster,  das wie  die einzelnen  Handlungen  und  Tätigkeiten
       durch Widersprüchlichkeit  bei zunehmender Vermischung beider Wi-
       derspruchsseiten gekennzeichnet  ist. Eine vergleichbare Systema-
       tisierung erfolgt hinsichtlich der Motive. Dem neu gebildeten Tä-
       tigkeitsmuster als  charakteristische Bewegungsform des Kindes im
       Konfliktfeld korrespondiert  ein entsprechend  übergeordnetes Mo-
       tiv, das  wie die Einzelmotive inkompatible Widersprüche aufweist
       (im folgenden:  Konfliktmotiv als  Ergebnis der  Hierarchisierung
       der verschiedenen  Einzelmotive im  Konfliktbereich).  In  diesem
       treten die  Merkmale der Gegenstände zurück zugunsten der Art und
       Weise, in der die Personen sich mit ihnen in Beziehung setzen und
       welche Bedeutung  sie ihnen  geben (daher  läßt sich dieses Motiv
       auch als interpersonales oder Ich-Motiv bestimmen). Wegen der Wi-
       dersprüchlichkeit geht die tätigkeitsregulierende Funktion dieses
       zentralen Motivs  ebenfalls zurück, der Kontakt zu den Gegenstän-
       den im  Konfliktfeld, der  Bezugsperson und  zur  eigenen  Person
       entrealisiert sich und gewinnt zunehmend die Qualität des Gedach-
       ten. Je existentiell bedeutsamer das Konfliktthema der Bezugsper-
       son als  Entwicklungsthema für  das Kind  wird,  je  verwickelter
       seine Beziehung,  je isolierter es von anderen Erfahrungsmöglich-
       keiten ist,  desto wahrscheinlicher nimmt das Konfliktmotiv einen
       hohen Rang in der Gesamtmotivhierarchie ein, führt dann als Leit-
       motiv zu  einer schwerwiegenden  Gefährdung der  psychischen Ent-
       wicklung des Kindes.
       Wiewohl das Kind das Dilemma, in dem es sich bewegt, bewußt immer
       weniger genau  widerzuspiegeln vermag, bildet es dieses emotional
       deutlich ab  in Gefühlen der Ambivalenz, Unsicherheit und Hilflo-
       sigkeit. Diese  spitzen sich  zu und gewinnen immer mehr den Cha-
       rakter emotionaler Zerrissenheit, des Ausgeliefertseins an fremde
       Mächte und  der Ohnmacht ihnen gegenüber. Welche Lösungswege, den
       Konflikt zu  überwinden, verbleiben  nun  dem  Kind?  Ein  Ausweg
       könnte darin bestehen, daß sich das Kind das Tätigkeitsmuster der
       Bezugsperson aneignet.  Dazu jedoch fehlt ihm die notwendige Vor-
       aussetzung, nämlich  Realität und ihre ideologisierende Umdeutung
       zuverlässig voneinander  abzugrenzen. Aus  dem Felde  gehen  oder
       Nichts-Tun sind  ebenfalls nicht  möglich, weil  das Konfliktfeld
       für das Kind existentiell bedeutsam ist. Es muß also im Konflikt-
       bereich eine  Orientierung und  Praxisperspektive  gewinnen.  Das
       geht nur,  indem das Kind eine neue Beziehung zu den Gegenständen
       (den Dingen,  Personen, zu  sich selbst  usw.) aufbaut,  die sich
       qualitativ sowohl  von der objektlogisch als auch der ideologisch
       bestimmten unterscheidet,  die zugleich die doppelte Existenz der
       Gegenstände aufhebt,  womit eine relative Widerspruchsfreiheit im
       Verhältnis zur  Umwelt und  in der  Subjektivität  zurückgewonnen
       werden kann. Auch wenn das Kind die Strategien der Krisenbewälti-
       gung der  Bezugsperson nicht  kopieren kann,  hat es  doch  keine
       wirklichen Alternativen  gelernt. Daher  wird es strukturell ver-
       gleichbare Wege  einschlagen, indem  es den  Konflikt mit Mitteln
       der inneren  Tätigkeit zu  lösen versucht,  also Realität deutet,
       anstatt sie  praktisch zu  verändern, mit dem Ziel, die durch die
       Bezugsperson vermittelte antagonistische Widersprüchlichkeit ide-
       ell aufzuheben.  Zunächst wird das Kind diese neue Strategie ver-
       einzelt anwenden.  Derartige Einzelaktivitäten bezeichnen wir als
       subjektivistische Akte  der Widerspruchsverarbeitung.  Sofern sie
       sich zu  einer  durchgängigen  Tätigkeitsform  zusammenschließen,
       sprechen wir  von subjektivistischer Logik (Pkt. 5.): Das Subjekt
       bestimmt sich  im Konfliktfeld nun nicht mehr durch die Logik der
       Objekte, sondern  durch deren  subjektlogische Deutungen,  die es
       behandelt, als  seien sie  stofflich real.  Dieser neue Bezug zur
       Realität unterscheidet  sich qualitativ  sowohl von dem durch die
       Objektlogik bestimmten  als auch von dem ideologiedominierten Um-
       gehen mit  Gegenständen im  Konfliktfeld, weil  in diesen  beiden
       Praktiken die Realität und die Ideologie in ihrer jeweiligen Exi-
       stenz als dem Subjekt gegenübertretende Objekte behandelt werden,
       was in der subjektivistischen Logik, wie wir zeigen werden, nicht
       mehr der  Fall ist.  Der  Begriff  der  subjektivistischen  Logik
       stellt für  uns einen  Metabegriff dar, der beschreiben will, daß
       alle psychischen  Prozesse, die  mit dem Konfliktthema in Verbin-
       dung stehen,  sich dem  gleichen Muster gemäß entwickeln. Er cha-
       rakterisiert damit keinesfalls bloß Widerspiegelungsprozesse oder
       gar nur Kognitionen.
       Den Weg der Entwicklung von vereinzelten subjektivistischen Akten
       bis zu der Herausbildung der subjektivistischen Logik stellen wir
       uns folgendermaßen  vor: Von  Beginn des  Eintritts des Kindes in
       das von  seiner Bezugsperson  strukturierte Konfliktfeld  an  und
       aufgrund dieser  Struktur antwortet  das Kind  auf  sein  Dilemma
       zunächst gelegentlich  und probeweise  mit subjektivistischen Ak-
       ten. In  dem Maße, wie in seiner Interaktion mit der Bezugsperson
       sowohl die  ideologisierte als  auch die  an materieller Realität
       orientierte Existenzweise  der Gegenstände ins Wanken gerät, wird
       das Kind  immer häufiger in subjektivistischen Akten eine Sicher-
       heit wiederzugewinnen  trachten. Sobald  in der  Entwicklung  des
       Kindes Themen  in den  Vordergrund treten,  die inhaltlich in das
       Konfliktthema der  Bezugsperson eingreifen,  das Kind also, indem
       es seine  eigene (zunächst  nicht auf  die Bezugsperson zielende)
       Praxis entwickelt, sogleich deren Konfliktthema und Abwehrstrate-
       gien mobilisiert, wendet es, um sich vor den Auswirkungen der my-
       stifizierten Gewalt  zu schützen, fortschreitend öfter solche Tä-
       tigkeitsakte an.  Indem das  Kind darin zwar eine (Schein-)Lösung
       seiner Probleme findet, damit auch positive Effekte im Verhältnis
       zur Bezugsperson  (s. die  Paradoxa in  Pkt. 5.),  verschärft  es
       zugleich die  Konfliktlage, weil es sich zunehmend den Zugang zur
       Objektlogik verstellt.  Dies wiederum  führt dazu,  mehr und mehr
       subjektivistisch zu agieren. Dabei verselbständigt sich diese Art
       des Umgehens  mit den  Widersprüchen im  Konfliktfeld, wird immer
       unabhängiger vom Einfluß der Bezugsperson praktiziert und so nach
       und nach  zu einem  festen Bestandteil der kindlichen Subjektivi-
       tät, allerdings immer noch ohne die Bewegungen des Kindes im Kon-
       fliktfeld zu  dominieren. Aufgrund  seiner inneren  Dynamik trägt
       dieser Prozeß  seinen qualitativen  Umschlag in  sich,  indem  er
       einen Punkt  erreicht, an  dem sich die objektlogischen Bezüge so
       weit lockern,  daß sie  quasi von  allein reißen. Dabei bedarf es
       häufig nur  eines wenig  dramatischen Ereignisses, das allerdings
       thematisch relevant und subjektiv bedeutsam, keinesfalls aber ob-
       jektiv stark belastend sein muß (wie dies Life-event-Forscher im-
       mer noch  annehmen, s.  z.B. Katschnig,  1980).  Dieses  Ereignis
       bringt den  Faden zum Zerreißen: In der subjektivistischen Trans-
       formation entwickelt  sich die subjektivistische Logik zum durch-
       gängigen Strukturelement der Bewegung im Konfliktfeld.
       
       5. Subjektivistische Logik
       --------------------------
       
       In diesem  Prozeß setzt das Kind (im folgenden: Subjekt) schließ-
       lich die  objektive Logik der Gegenstände sowohl in ihrer materi-
       ellen als  auch ideologischen  Existenzweise außer  Kraft.  Durch
       diese Abtrennung  der psychischen  Prozesse von  den Eigengesetz-
       lichkeiten der  Gegenstände und  dem damit einhergehenden Verlust
       ihrer sinnlichen  Abbildung im  Bewußtsein kann  das Subjekt auch
       deren antagonistische Struktur ideell aufheben und in seiner Sub-
       jektivität ein  in sich  konsistentes, jedoch  allein durch seine
       rein subjektive  Logik (abgespalten  von der objektiven Logik und
       daher subjektivistisch) bestimmtes Abbild der Konfliktgegenstände
       erzeugen. Dieses  Produkt verlagert  das Subjekt  nach außen, be-
       trachtet und  behandelt es  als real existierenden Gegenstand der
       Objektwelt (besonders  deutlich in Halluzinationen). In diesem in
       Analogie zur Psychoanalyse durchaus als Projektion zu charakteri-
       sierenden Prozeß richtet sich das Subjekt nun in seiner Tätigkeit
       auf seine  subjektivistische Neufassung  des Gegenstandes, die es
       gewissermaßen vor  diesen setzt.  5) Dem  Subjekt erscheint seine
       Tätigkeit im  Konfliktfeld, da  es das  Projizierte für  Realität
       hält, als  eine Subjekt-Objekt-Beziehung,  doch  in  Wirklichkeit
       handelt es  sich um  eine Beziehung  zu sich selbst, um eine Sub-
       jekt-Subjekt-Beziehung unter  Umgehung der Eigengesetzmäßigkeiten
       der Objektwelt.  Somit existiert  die Welt im Konfliktbereich für
       das Subjekt  nicht mehr  in ihrer  von ihm unabhängigen Qualität,
       sondern transformiert  ausschließlich in den subjektlogischen Be-
       ziehungen und  Bedeutungen, die das Subjekt zu ihr herstellt bzw.
       ihr gibt.  Die damit  verbundene Bewegungsform  des Subjekts  be-
       zeichnen wir als psychische Störung.
       Die Inhalte der subjektivistischen Logik (die sich in je spezifi-
       scher Form in allen psychischen Vollzügen ausdrücken) schöpft das
       Subjekt aus dem Stoff des alten Konfliktthemas. Dabei erfährt das
       schon vor  der Transformation  dominierende Ideologische,  da  es
       sich nun  von allen Fesseln der Realität loslöst, eine fast gren-
       zenlose ideelle  Überdimensionierung (vgl.  z.B. als Analogie den
       Traum). Diese Überdehnung und Transformation des Ideologischen in
       der subjektivistischen Logik geht so weit, daß der frühere Reali-
       tätsgehalt im  Konflikt nur  noch als  Negation seiner selbst er-
       scheint und  sich in dieser radikalen Auslassung äußert und damit
       in besonderer,  krasser Form. Deshalb wirkt die subjektivistische
       Fassung des  Gegenstands und  seine Beziehung  zu ihm  absurd und
       quasi gegen ihre Urheber kritisch gewendet (z.B. in Form exzessi-
       ver Sauberkeitrituale,  welche die  bürgerliche Ordnungsideologie
       entlarven). Obwohl  sich diese Neuschöpfung z.T. schwer verständ-
       lich ausdrückt,  in  der  Sprache  der  subjektivistischen  Logik
       (Bilder, Symbole,  Metaphern, Rituale,  Paradoxa u.a.), sind ihre
       Inhalte keinesfalls beliebig, da die Welt als "Welt für mich" er-
       halten bleibt,  nur in  ihrer Existenz  an sich  (dahinter)  ver-
       schwindet (Verständlichkeitspostulat für psychische Störungen).
       Den gesamten  Prozeß bezeichnen  wir als subjektivistische Trans-
       formation des früheren Konflikts. Diese vollzieht das Subjekt mit
       dem der  Praxis der  Bezugsperson strukturell analogen Muster, in
       Krisen Realität umzudeuten, statt sie zu ändern. Durch die Trans-
       formation entsteht ein qualitativer Umbruch in der Subjektivität,
       der allerdings zu keiner Höherentwicklung führt. Diese Konstella-
       tion, nämlich die Bildung einer neuen Qualität in der Strukturie-
       rung des  Psychischen ohne  die Erreichung eines höheren Niveaus,
       definieren wir  als Negation der Position. Diesen Begriff entwic-
       keln wir  in Anlehnung  an das  Vokabular der Dialektik. Er dient
       uns zur  Veranschaulichung der  Richtung der psychischen Prozesse
       in der  Transformation: Zurückdrängung und Fixierung des Subjekts
       auf eine  Scheinlösung, die psychische Gestörtheit und Stagnation
       bedeutet. Zur  näheren Bestimmung  dieser Scheinlösung siehe auch
       die weiter unten formulierten Paradoxa.
       Durch die  subjektivistische Überwindung des Antagonismus im Kon-
       fliktbereich gewinnt  die Tätigkeit eine einheitliche Form. Damit
       wird das  Subjekt wieder  fähig, aus seiner Perspektive eindeutig
       tätig zu  werden. Die allgemeine Tätigkeitsstruktur bestimmt sich
       primär durch  die neue Subjekt-Subjekt-Beziehung. Darin läuft die
       Tätigkeit, da  sie letztlich nur die eigene Person zum Gegenstand
       hat, auf das Subjekt zurück. Ihr kommt daher nur noch eine zirku-
       läre, in  sich selbst zurücklaufende, lediglich reproduktive Qua-
       lität zu.  Damit geht  von der Tätigkeit im Konfliktbereich, weil
       ihr der  Objektlogikbezug fehlt,  keine entwicklungsfördernde Po-
       tenz  mehr   aus.  Ihr   Selbstbezug  und  Wiederholungscharakter
       (Zirkularität, Reproduktivität, Rigidität) schließen aber keines-
       wegs aus, daß sie sich in ihrer Form verändert, reichhaltiger und
       komplexer strukturiert  (s. z.B.  sich  immer  mehr  verfeinernde
       Wahnsysteme), allerdings  ohne zur qualitativen Weiterentwicklung
       des Subjekts  im Konfliktfeld beizutragen. Selbstverständlich be-
       wegt sich  das Subjekt  mit dem  transformierten Tätigkeitsmuster
       auch weiterhin  im Kontext  der objektiven  Realität. Dieses Sub-
       jekt-Objekt-Verhältnis ist  nicht identisch  mit dem  vom Subjekt
       (über Projektion)  hergestellten. Damit  besteht  eine  Differenz
       zwischen der  vom Subjekt  erlebten Subjekt-Objekt-Beziehung  und
       dem wirklichen  Subjekt-Objekt-Verhältnis. Dieser  jetzt entstan-
       dene Widerspruch  stellt eine  ständige Quelle  der Labilisierung
       der Bewegungsform  des psychisch  gestörten Subjekts dar. Als Ab-
       wehr dagegen setzt es die subjektivistische Logik ein.
       Weil die  Tätigkeit aufgrund des neuen, subjektivistischen Reali-
       tätsbezugs in  sich widerspruchsfrei  geworden ist, kann sie sich
       nun auch  in einem  konsistenten Handlungsmuster realisieren. Die
       Handlungen zielen  jetzt auf  Gegenstände, Personen,  die  eigene
       Person usw.  im Konfliktfeld in ihrer subjektivistischen Fassung.
       Sie sind damit für das Subjekt angemessen und effektiv. Von außen
       betrachtet, wirken sie verquer und verrückt, da sie auf den quasi
       hinter der  subjektivistischen Neuschöpfung  liegenden Gegenstand
       gerichtet zu  sein scheinen, dem sie selbstverständlich nicht an-
       gemessen sind.  Diese Verrücktheit  der Handlungen ergibt sich so
       aus der  Diskrepanz zwischen ihrem Ziel für das Subjekt (dem sub-
       jektivistisch neugeschöpften  Gegenstand) und  dem von  außen be-
       trachtet vermeintlichen Ziel (dem Gegenstand in seiner Materiali-
       tät). Damit  fallen zwangsläufig  auch die  vom Subjekt geplanten
       und die aufgrund der Logik der Objekte tatsächlich erreichten Ef-
       fekte auseinander.  Deshalb und wegen der inhaltlichen Ausgestal-
       tung der subjektivistischen Logik (ihrer Herkunft aus der Ideolo-
       gie, die  die Realität  mehr und  mehr dominierte, um sich in der
       Transformation ganz von ihr zu lösen) zeigt sich diese Verrückung
       oft als Überdimensionierung des Handlungsaufwands, die sich stän-
       dig wiederholt  (vgl. z. B. Zwangrituale). Obwohl also Handlungen
       dem Betrachter  als merkwürdig  neben den Gegenstand greifend er-
       scheinen, bleiben  sie aus  sich heraus  jedoch prinzipiell  ver-
       ständlich, insofern ihre Ziele den objektlogischen Gegenstandsbe-
       zug in transformierter Form enthalten. Wie die Tätigkeiten bergen
       die Handlungen  im Konfliktfeld  wegen der  Doppelung der  Gegen-
       stände, auf  die sie zielen, die Tendenz ihrer Selbstaufhebung in
       sich und  tragen so  dazu bei,  die gerade  gewonnene Tätigkeits-
       struktur wieder zu labilisieren.
       Nach der  Transformation spiegelt das Subjekt den neuen Wirklich-
       keitsbezug bewußt  wider.  Es  kann  nun  auch  den  Gegenständen
       (Dingen, Personen  usw.) im Konfliktfeld klare Bedeutungen zuord-
       nen. Diese  stellen subjektivistisch verarbeitete gesellschaftli-
       che Bedeutungen dar, sind somit einerseits Privatbedeutungen, an-
       dererseits immer noch als gesellschaftlichen Ursprungs erschließ-
       bar. Sie  sind zu  "Bedeutungen für  mich"  verkürzt,  wobei  die
       Aspekte der  "Bedeutung für andere" und "Bedeutung allgemein" je-
       doch fehlen.  Diese Privatbedeutungen  der Gegenstände sind daher
       auch identisch  mit ihrem  persönlichen Sinn  (zu deren  Inhalten
       siehe unsere  Überlegungen zu den Inhalten der subjektivistischen
       Logik).
       Auch auf  der Motivebene  bringt die Transformation eine Klärung.
       Sowohl die  Einzelmotive als auch das (übergeordnete) Konfliktmo-
       tiv verlieren  ihre Widerspruchsstruktur. Sie richten sich nun in
       repressiver Art  und Weise  (s. dazu weiter unten) auf seine sub-
       jektivistische Neuschöpfung  der Realität (s. Subjekt-Subjekt-Be-
       ziehung der Tätigkeit). Die transformierten Motive, besonders das
       übergeordnete, spiegelt  das Subjekt  in der  Regel bewußt wider.
       Nicht bewußt  hingegen ist  ihm die Entwicklungsgeschichte dieser
       Motive. Dies  gilt für  den vor  der Transformation existierenden
       Motivkonflikt ebenso  wie für  die Tatsache der radikalen Auslas-
       sung der  Logik der Realität in der neuen Motivhierarchie im Kon-
       fliktfeld. Das  Konfliktmotiv schließt  die Person in sich selbst
       ein und sichert den sie stabilisierenden Selbstbezug ihrer Tätig-
       keiten, schützt  zugleich vor der die subjektivistische Konstruk-
       tion in  Frage stellenden Objektlogik. Wegen der permanenten Wen-
       dung auf  die eigene  Person fehlen  dem Subjekt Erfahrungen, die
       seine Motive  anreichern, qualitativ  verändern und weiterentwic-
       keln. Das  Konfliktmotiv ist  daher von Beginn seiner Konstituie-
       rung an  durch eine gewisse Rigidität gekennzeichnet. Je häufiger
       das Subjekt  Objekterfahrungen abwehren  muß, die  seine neu  er-
       reichte Orientierung  und Sicherheit labilisieren, desto mehr ri-
       gidisiert sich  die Motivation.  Immer starrer wird sich das Sub-
       jekt auf Gegenstände und Personen im Konfliktbereich motivational
       beziehen, sich  damit zunehmend unfreier machen. Indem so die Mo-
       tive das  Subjekt mehr  und mehr bestimmen, statt daß das Subjekt
       seine Motive beherrscht, entwickelt es fortschreitend eine Fremd-
       heit gegenüber  seinen Außenbezügen und zu sich selbst. Das Leit-
       motiv stabilisiert  sich in  diesem Prozeß  also in einer für die
       weitere Entwicklung besonders ungünstigen Art und Weise.
       Entsprechend der Vereindeutigung der Struktur und des repressiven
       Charakters des  Konfliktmotivs  entwickelt  das  Subjekt  in  der
       Transformation zunächst  Gefühle  der  Beruhigung,  die  es  aber
       nicht-positiv erlebt.  Diese emotionale Entlastung kann es jedoch
       nur solange aufrechterhalten, wie es das Eindringen der Objektlo-
       gik erfolgreich  abwehrt. Daß in diesem Prozeß das subjektivisti-
       sche System gefährdet bleibt, kommentiert die Person mit Gefühlen
       von Angst.  Gerade diese  Emotionen kann  sich das Subjekt (wegen
       des Abgeschnittenseins  vom Ursprungskonflikt und der subjektivi-
       stischen Trennung  von der  Objektlogik) nicht  erklären, sie er-
       scheinen ihm  deshalb als fremd und von ihm selbst nicht kontrol-
       lierbar.
       Sofern noch  ein Verhältnis  zur Bezugsperson  besteht, verändert
       dieses sich  durch die  psychisch gestörte Bewegungsform des Sub-
       jekts. Mit  ihr verfügt  das Subjekt erstmals über eigenständige,
       sogar relativ tragfähige Tätigkeitsformen und Sinnmuster, die ihm
       eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Bezugsperson zu sichern
       scheinen. Diese  erweist sich jedoch als äußerst brüchig und kom-
       pliziert. Indem sich das Subjekt nämlich, zwar in transformierter
       Form, den nur deutenden Umgang der Bezugsperson mit Widersprüchen
       zu eigen  machte, hat  es sich damit in ganz radikaler Weise auch
       diesen Prinzipien  gebeugt, ist  in dieser  Hinsicht in eine noch
       stärkere, weil innere Abhängigkeit von ihr geraten. Es unterwirft
       sich ihr  auch insofern, als es seine subjektivistische Logik aus
       dem vorgegebenen  ideologischen Stoff herausarbeitet und so prak-
       tiziert. Zugleich  jedoch immunisiert sich das Subjekt mit dieser
       Unterwerfung gegen  die Deutemacht seiner Bezugsperson (wenn auch
       nur zeitweise  und partiell und ohne diese je in direkter Form in
       Frage zu  stellen). Die Lage des Subjekts der Bezugsperson gegen-
       über ist  so durch  ein Paradoxon charakterisiert: Es kann Eigen-
       ständigkeit nur  in Unterwerfung  und durch sie erreichen (erstes
       Paradoxon: Eigenständigkeit durch Unterwerfung). Das gestörte Tä-
       tigkeitsmuster des Subjekts stellt für die Bezugsperson aber auch
       eine massive  Provokation dar. Zum einen weil es ihr ihre eigenen
       Bewältigungsstrategien in  so überdimensionierter  Form vor Augen
       führt, daß  sie ihr  absurd und lächerlich erscheinen müssen, zum
       anderen weil  darin die  Realität (welche  die Bezugsperson durch
       Ideologisierung außer Kraft zu setzen versuchte) so strikt ausge-
       lassen ist,  daß sie  in dieser  Form der  Negation in  besonders
       deutlicher Weise hervortritt. Wir beschreiben diese Konstellation
       als zweites  Paradoxon: In  der Unterwerfung unter die Prinzipien
       der Bezugsperson  und durch  diese Unterwerfung  gewinnt das Kind
       Macht über sie (zweites Paradoxon: Macht durch Unterwerfung). Die
       Bezugsperson, die  das Muster der Bewegung des gestörten Subjekts
       als Zerrbild  ihrer selbst erlebt, fühlt sich zunehmend irritiert
       und bedroht,  antwortet mit Akten mystifizierter Gewalt und trägt
       so zur Verfestigung der psychischen Störung bei. 6)
       Was erreicht  das Subjekt  nun durch diese Art und Weise der Kon-
       fliktlösung?  Die   Herausbildung  der  subjektivistischen  Logik
       stellt die  einzig mögliche,  aus der  Perspektive  des  Subjekts
       sinnhafte, insofern  adäquate Antwort  auf seine  Lebenssituation
       dar. Durch  die Transformation gelingt ihm, mindestens zeitweise,
       eine Vereindeutigung  der vorher  bis ins Extrem gesteigerten Wi-
       dersprüche im  Tätigkeits- und  Motivsystem. Es  verschafft sich,
       wenngleich nie  sicher und  auf Dauer,  emotionale  Entlastungen,
       eine Orientierung  und Praxismöglichkeiten,  damit einen lebbaren
       Bezug zu  Gegenständen und  Personen im Konfliktbereich. Zugleich
       bietet die  subjektivistische Logik wenigstens Ansätze zur Gewin-
       nung von  Identität. Auf  der anderen Seite versperrt sie Zugänge
       zu längerfristig produktiver Konfliktverarbeitung und Persönlich-
       keitsentwicklung.
       
       6. Labilisierung und Stabilisierung der psychischen Störung
       -----------------------------------------------------------
       
       Die soziale  und materielle Realität, in der sich das Subjekt bei
       allem Selbstbezug seiner Tätigkeit weiterhin bewegt, widerspricht
       der subjektivistischen  Logik und  labilisiert ständig  die Bewe-
       gungsform des Subjekts. Von dieser Widerständigkeit der Objektlo-
       gik gehen  Risiken sowie Chancen für die weitere Entwicklung aus.
       Entweder werden  in der Abwehr gegen die Einflüsse der objektiven
       Realität immer  mehr Lebensbezüge subjektivistisch transformiert,
       oder es  kommt zu  einer konstruktiven Entwicklungswende. Ob sich
       die Störungen in der Subjektivität, den Beziehungen zur Außenwelt
       und zu  sich selbst habitualisieren, systematisieren und über den
       bisherigen Konfliktbereich  hinaus generalisieren  7) oder  ob es
       das Subjekt schafft, seine subjektivistische Logik zu normalisie-
       ren, hängt  von verschiedenen  Bedingungen ab.  Primär sicherlich
       von Art  und Umfang  der personalen  Beziehungen des Subjekts und
       den sozialen  Reaktionen auf  seine psychisch gestörte Bewegungs-
       form (im  privaten Bereich,  in der  Arbeitswelt usw.). Diese be-
       stimmen sich  zum einen  durch Form  und Schweregrad der Störung,
       zum anderen von dem formationstypischen, klassen- und schichtspe-
       zifischen Bild  psychischer Gestörtheit und von der Qualität psy-
       chosozialer Gesundheitssicherung,  die  ebenso  je  nach  gesell-
       schaftlichem Status  variiert. Wir  verweisen hier  besonders auf
       Gleiss (1980),  die den  angesprochenen Kontext  zwischen psychi-
       schen Störungen,  Sozialstruktur und  Gesundheitssystem, gestützt
       auf Ergebnisse  sozialepidemiologischer  sowie  sozialpsychiatri-
       scher Forschung, umfassend analysiert.
       Eine Überwindung  gestörter Subjektivität  gelingt nur,  wenn das
       Subjekt über  personale Beziehungen vermittelte (z.B. auch thera-
       peutisch organisierte)  Erfahrungen über  sich, die objektive Re-
       alität und  seine Bezüge zu ihr macht, die es als starke Konfron-
       tation und zugleich als ausreichend tragfähig motivierende Alter-
       native zu  seiner bisherigen  Bewegungsform erfährt. Anderenfalls
       generalisiert sich  seine subjektivistische Logik auf weitere Le-
       bensbeziehungen, so  daß sich das Gesamtsystem seiner Tätigkeiten
       und Motive  mehr und  mehr gemäß  dieser Logik strukturiert. Dies
       schließt mit  ein, daß  das Subjekt die beiden formulierten Para-
       doxa der  Interaktion mit  seiner Bezugsperson  auf vergleichbare
       Personen und Situationen überträgt und verallgemeinert. Als Folge
       dieses Prozesses  der Generalisierung setzen soziale Isolierungen
       ein, welche  die ohnehin  schon ausgeprägte  Selbstisolation  des
       Subjekts (s. Subjekt-Subjekt-Beziehung, Selbstbezug der Tätigkei-
       ten) verstärken.  Personen im Umfeld des psychisch Gestörten zie-
       hen sich  zurück, da  sie ihn  nicht mehr verstehen, für verrückt
       erklären und  nur noch  mit Hilflosigkeit und Abwehr auf ihn rea-
       gieren (Zusammenbruch der Perspektivenverschränkung). Soziale Di-
       stanzierungen gehen  in der  Regel mit  Diskriminierungen einher,
       die sich  am gesellschaftlichen Bild psychischer Gestörtheit ori-
       entieren. Diffamierungen  setzen danach  hauptsächlich  aus  zwei
       Gründen ein:  Zum einen, weil psychisch Gestörte der bürgerlichen
       Leistungsnorm nicht  entsprechen, zum  anderen, weil sie in ihrer
       Störung bürgerliche Ideologie so überdimensioniert leben, daß sie
       darin ihrer Umwelt die eigene gesellschaftliche Gefangenheit pro-
       vokant widerspiegeln.  Sie weichen  also keineswegs von bürgerli-
       cher Lebensform und Ideologie ab, indem sie diese unterschreiten,
       wie dies  Labeling-Theoretiker nahelegen,  sondern vielmehr durch
       Übersteigerung (s. Pkt. 5.). Folgerichtig reagieren gesellschaft-
       liche Kräfte auf diese Provokation denn auch mit Mitteln mystifi-
       zierter Gewalt.
       Im Zuge solcher Prozesse, die u. U. bis hin zur sozialen Ausgren-
       zung gehen,  rückt die  objektive Realität immer mehr aus dem Tä-
       tigkeitsfeld des gestörten Subjekts und verliert damit ihre labi-
       lisierende Kraft,  somit auch  ihre potentiell  konstruktive Wir-
       kung. Die  Virulenz der  psychischen Störung  nimmt ab,  was zwar
       Rückgang der Bedrohung des Subjekts und seines subjektivistischen
       Systems und  insofern stärkere  relative Ruhigstellung  bedeutet,
       jedoch zugleich  durch die  damit verbundene Rigididierung seiner
       Bewegungsform mögliche  Wege zu  produktiven Lösungen  verstellt,
       somit auch Therapiechancen vermindert. Sicherlich gibt es in sol-
       chen Prozessen einen qualitativen Punkt, hinter dem Versuche kon-
       struktiver Einflußnahme  weitgehend  unwirksam  bleiben,  nämlich
       dann, wenn  die subjektivistische Logik die Persönlichkeitsstruk-
       tur so  weit dominiert, daß sie die Objektlogik in allen relevan-
       ten Lebensbeziehungen verdeckt.
       
       Literatur:
       ----------
       
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       Sicht der  Kritischen Psychologie  und der Tätigkeitspsychologie.
       1986 (i.V.).
       
       _____
       1) Sofern wir  im folgenden  Entstehungsbedingungen und  Entwick-
       lungsprozesse psychischer  Störungen gesellschaftlich  näher kon-
       kretisieren, tun  wir dies  am Beispiel  dieser Schichten, die am
       häufigsten und  am stärksten  von psychischen Störungen betroffen
       sind (s. z.B. Dohrenwend u. Dohrenwend, 1974; Dillingu.a., 1984).
       2) Die grundlegende  objektive Bedingung  für psychisch  gestörte
       Entwicklung (Antagonismus zwischen Realität und Ideologie) finden
       wir auch  in den höheren Schichten der Arbeiterklasse, jedoch mit
       dem Unterschied,  daß mit  steigender sozioökonomischer  Position
       der Ausgangswiderspruch  inhaltlich sich  zunehmend weniger durch
       den Gegensatz  von Kapital und Arbeit und mehr und mehr durch an-
       dere, auch  formationsübergreifende Kräfte  bestimmt (z. B. Bela-
       stungen, die sich für Frauen aus den Widersprüchen zwischen ihrer
       gesellschaftlichen  Lage  und  Weiblichkeitsideologien  ergeben).
       Auch in  diesen Fällen müssen aber zusätzliche Bedingungen wirken
       (auf die  wir hier nicht näher eingehen), damit eine antagonisti-
       sche Situation entsteht.
       3) Den Begriff Gegenstand verwenden wir mit Leontjew in umfassen-
       der Bedeutung (Dinge, Personen, Ideen usw.).
       4) Stellvertretend im  "wohlverstandenen Interesse"  des  gesell-
       schaftlich Schwächeren (des Kindes wie auch der Frau) zu handeln,
       ist eine  mystifizierende Strategie  der Herrschaftssicherung  in
       der bürgerlichen  Familie wie  auch allgemein in der bürgerlichen
       Gesellschaft.
       5) In der Art und Stärke der damit verbundenen Umdeutung und Ver-
       stellung der  Realität sehen  wir Kriterien  zur  Bestimmung  des
       Schweregrades psychisch gestörter Subjektivität und (in Anlehnung
       an die  konventionelle Einteilung)  auch zur Differenzierung zwi-
       schen Neurosen und Psychosen.
       6) Wiewohl wir  diese problematische  Konstellation erst  hier in
       ihrer Relevanz  für die Verfestigung der subjektivistischen Logik
       beschreiben, ist  sie nicht  auf diese  Funktion beschränkt.  Sie
       läßt sich  schon vor  der Transformation  beobachten, spielt auch
       bereits in  den subjektivistischen  Akten eine Rolle, ohne aller-
       dings der  entscheidende Faktor für die Herausbildung der subjek-
       tivistischen Logik zu sein.
       7) Auf den  sich ändernden Stellenwert der subjektivistischen Tä-
       tigkeit im  Gesamtsystem der  Tätigkeit des Subjekts und damit in
       seiner Persönlichkeit  gehen wir  hier nicht näher ein (s. Henkel
       u. Roer, 1985; Roer u. Henkel, 1986).
       

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