Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


       zurück

       
       MARX' MENSCH.
       =============
       THEORETISCHE UND METHODOLOGISCHE VORAUSSETZUNGEN
       ================================================
       DES VERHÄLTNISSES VON PSYCHOLOGIE UND ANTHROPOLOGIE
       ===================================================
       IN DER THEORIE A.N. LEONT'EVS
       =============================
       
       Georg Rückriem/Alfred Messmann
       
       1. Ohne Subjekt kein Bewußtsein, keine Psychologie ohne Anthropo-
       logie -  2. Die problematischen Konsequenzen eines Versuchs, jede
       "anthropologische Deutung" der menschlichen Arbeit zu vermeiden -
       3. Die  Tätigkeitstheorie als  Konzept einer historisch-logischen
       Rekonstruktion des Menschen als "Subjekt der Arbeit" - 4. Die me-
       thodologische Bedeutung  der "einfachen Kategorie" Arbeit für die
       Bestimmung des Verhältnisses von Tätigkeit und Widerspiegelung
       
       "So das  Dasein des  Menschen das Resultat seines frühern Prozes-
       ses, den das organische Leben durchlaufen hat. Erst auf einem ge-
       wissen Punkt  wird er  Mensch. Aber  den Menschen einmal gesetzt,
       ist er,  als  beständige  Voraussetzung  der  Menschengeschichte,
       ebenso  ihr   beständiges  Produkt   und  Resultat,  und  er  ist
       V o r a u s s e t z u n g  nur als sein eignes Produkt und Resul-
       tat." 1)
       
       1. Ohne Subjekt kein Bewußtsein,
       --------------------------------
       keine Psychologie ohne Anthropologie
       ------------------------------------
       
       Anscheinend verletzt  es schon - oder immer noch - ein Tabu unter
       Marxisten, nach  einem positiven  Zusammenhang zwischen Marxismus
       und Anthropologie  auch nur zu fragen. Dies gilt, wie es scheint,
       in besonderem  Maße für  die materialistische Psychologie. So ta-
       stet sich  z.B. Jens  Brockmeier in seinem Beitrag mit dem bemer-
       kenswerten Titel "Marx' Affe" 2) nur sehr vorsichtig an die Frage
       heran: "Vielleicht  ist der anthropologischen Grundfrage 'Was ist
       ein Mensch?'  schon ein  gut Teil  ihrer einschüchternden Wirkung
       genommen, wenn  man sie zunächst einmal umformuliert in die Frage
       'Was ist  der Mensch   n i c h t?'  So kann man sich an das Nahe-
       liegende halten  und antworten: 'Ein  T i e r  ist er - schon aus
       Definitionsgründen - nicht!'" (a.a.O., S. 170)
       Jedoch sind  es nicht  Definitionsprobleme, die  die  Anthropolo-
       giefrage so aktuell machen, ja ins Zentrum der ideologischen Aus-
       einandersetzung rücken.  Es sind  vielmehr die weit- und tagespo-
       litischen Probleme der gegenwärtigen Entwicklungskrisen kapitali-
       stischer Gesellschaften  mit ihren  Mensch und Natur zerstörenden
       Erscheinungsformen, und  es sind  jene die  "Unsterblichkeit  der
       Menschheit" (Aitmatow) bedrohenden Vernichtungspotentiale, die in
       verstärktem Maße  die Frage nach der Zukunft des Menschen und da-
       mit nach  seinem Wesen  als  Subjekt  der  Geschichte  aufwerfen.
       "Angesichts dieser  Situation wird der Kampf um den Humanismus zu
       einer Lebensfrage  der Menschen,  und er wird es in solcher Nach-
       haltigkeit, wie die Geschichte es bisher nicht kannte." 3) Es ist
       also die Realität selbst, die die Anthropologiefrage für alle Hu-
       manwissenschaften auf  die Tagesordnung setzt, auch für die mate-
       rialistische Psychologie.
       Warum dann  aber, wenn die Bedeutung der Anthropologiefrage - üb-
       rigens nicht  nur für die Wissenschaften, sondern auch für jegli-
       che Praxis  - so  zentral und  auch unumstritten  ist,  wird  sie
       zugleich tabuisiert?
       Entschlüsselt enthält  das Tabu folgende Warnung: Jeder, der nach
       dem Wesen des Menschen fragt, landet unweigerlich bei der ideali-
       stischen Auffassung  von ahistorischen  ewigen  Bestimmungen  der
       menschlichen Existenz  und  verfällt  damit  dem  zentralen  Ver-
       schleierungsmodus bürgerlicher  Ideologie, die  auf dem  Wege der
       Anthropologisierung  historisch-gesellschaftlicher   Sachverhalte
       ihr besonderes  Klasseninteresse zu  verdecken versuchte.  Diese,
       seit Marx' Auseinandersetzung mit Feuerbach geläufige Anthropolo-
       giekritik ist  üblicherweise als Negation aller Aussagen über den
       Menschen mit Allgemeinheitscharakter verstanden worden. Kein Wun-
       der also,  daß die  Frage nach  dem Wesen  des Menschen,  die  ja
       zwangsläufig allgemein ist, als problematisch empfunden wird.
       Andererseits: So  sehr die  Warnung des  Tabu als Ideologiekritik
       auch heute noch notwendig und angemessen ist, so unangemessen und
       hinderlich wäre sie dann, wenn sie zu einer umstandslosen Verall-
       gemeinerung der  Ideologiekritik als alleiniger Methode im Umgang
       mit der Wesensbestimmung des Menschen führte oder gar die Verhin-
       derung  jeder  gegenstandsspezifischen  Beschäftigung  damit  zur
       Folge hätte. So wenig man angesichts der sich immer wieder bestä-
       tigenden Erfahrung,  daß die sich verschärfenden Krisen der kapi-
       talistischen Gesellschaften  in zunehmendem Maße der Legitimation
       durch Anthropologisierung  herrschender Zustände bedürfen, darauf
       verzichten darf,  die Warnung der Anthropologiekritik zu beherzi-
       gen, so  wenig darf man sich andererseits der Tatsache verschlie-
       ßen, daß  die ideologische  Auseinandersetzung selbst nur auf dem
       Boden erweiterter  Kenntnisse über  den Menschen, m. a. W. gegen-
       standsspezifischer Forschungsresultate  auf der  Grundlage  einer
       wissenschaftlichen Anthropologie, geführt werden kann.
       Aussagen über  den Menschen  sind notwendig allgemein. Wenn es um
       die Zukunft  des Menschen geht, ist es erst recht notwendig, all-
       gemeine Gattungsmerkmale  festzustellen, die sich auf die gesamte
       Geschichte beziehen und nicht nur auf eine Gesellschaftsformation
       beschränken. Damit  ist das Problem bezeichnet: Kann man über den
       Menschen allgemeine  Aussagen machen,  ohne in  die metaphysische
       Setzung ahistorischer Wesenskräfte abzugleiten?
       Wenn wir  recht sehen, hat Marx selbst durchaus nicht nur Ideolo-
       giekritik betrieben.  Er hat  vielmehr durch  die Kritik hindurch
       zugleich qualitativ  neue Aussagen  zur Geschichte  der  Menschen
       formuliert, in denen er den rationalen Kern der bürgerlichen Wis-
       senschaften seiner  Zeit aufhob.  Dies konnte er, weil er die von
       den bürgerlichen  Denkern vorgenommene  Verallgemeinerung des be-
       sonderen Klasseninteresses  als die  besondere Form  verstand, in
       der sie  das allgemeine Menschheitsinteresse ausdrückten. Keines-
       wegs hat  er daher  mit der Negation der besonderen Form auch das
       darin verborgene  Allgemeine verworfen.  Selbst in der schärfsten
       Kritik der gesellschaftlichen Form der kapitalistischen Produkti-
       onsweise hat  er noch den Blick bewahrt für die "große geschicht-
       liche Seite des Kapitals". (Grundrisse, S. 231) In der umstülpen-
       den Aneignung  der Hegelschen  Dialektik präzisiert  Marx bereits
       seine materialistische  Geschichtsauffassung:  Die  Menschen  er-
       schaffen sich  selbst, aber  durch materielle Aneignung der Welt,
       durch sinnlich-praktische,  zweckmäßige Tätigkeit,  durch Arbeit.
       Nicht der absolute Geist ist das Bewegungsprinzip der Geschichte,
       sondern die  Menschen selbst. In der Arbeit erweisen sie sich als
       die wirklichen Subjekte ihrer Geschichte. 4)
       Diese Arbeitsdefinition hat für Marx die Qualität einer allgemei-
       nen, durch  alle Geschichte hindurch gültigen Bestimmung der Gat-
       tung Mensch.  Als Gattungsmerkmal gilt sie für alle Glieder, d.h.
       nicht nur für die gesamte Geschichte, sondern auch für jeden ein-
       zelnen Menschen,  sowohl phylogenetisch wie ontogenetisch. 5) Die
       Marx'sche Anthropologiekritik  zwingt daher  keineswegs zur Nega-
       tion aller  Aussagen über  den Menschen mit Allgemeinheitscharak-
       ter. Selbst  der Hinweis  der 6.  Feuerbach-These auf die gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  als der  Wirklichkeit jedes  einzelnen
       Menschen bestätigt  noch, daß  sie von den Menschen selbst produ-
       ziert worden sind.
       Warum behält  dann aber die Frage nach dem Wesen des Menschen vor
       allem für  die Kritische  Psychologie immer noch ihre "einschüch-
       ternde Wirkung"?
       Wenn wir recht sehen, bleibt die Arbeitsdefinition gerade für die
       Kritische Psychologie  in provozierender Weise beunruhigend, weil
       Marx in der Kategorie der "zweckmäßigen Tätigkeit" die Subjektbe-
       stimmtheit der  Arbeit ausdrücklich  mit ihrer bewußten Organisa-
       tion verbunden  hat. Er  unterscheidet die menschliche Arbeit als
       subjektbestimmte dadurch von jeder tierischen Tätigkeit, daß beim
       Menschen die ideelle Widerspiegelung des Arbeitsproduktes dem ei-
       gentlichen Arbeitsprozeß  vorausgeht und  diesen lenkt.  Mit  der
       Allgemeinheit der Arbeit ist daher die Allgemeinheit des Bewußts-
       eins zwingend  verbunden, ja Arbeit und Bewußtsein sind lediglich
       zwei Seiten  eines und  desselben Sachverhalts.  Dies erweckt den
       Schein, als  bringe das  Bewußtsein die Arbeit und nicht mehr die
       Arbeit das  Bewußtsein hervor. Das aber wäre ein flagranter Idea-
       lismus. Und  schon stellt sich die Gewißheit ein, daß die Warnung
       des Tabu  doch berechtigt  war: Mit der scheinbar idealistischen,
       weil ungeklärten  Allgemeinheit des  Bewußtseins wird dann prompt
       auch die  Allgemeinheit der  subjektbestimmten Arbeit als Wesens-
       merkmal des Menschen verworfen.
       In der  Folge kann  das menschliche  Bewußtsein nicht mehr histo-
       risch, d. h. wissenschaftlich, also ohne metaphysische Setzungen,
       erklärt werden; denn jeder wirkliche materialistische Erklärungs-
       versuch des  Übergangs vom Materiellen zum Ideellen muß beim Men-
       schen und  seiner Arbeit  ansetzen. Psychologie und Anthropologie
       verweisen aufeinander, bedingen sich wechselseitig.
       Als These  formuliert: Wer  im Sinne des Tabus meint, an die Ana-
       lyse des  Bewußtseins ohne  Bezugnahme auf  den Menschen  als das
       Subjekt der  Arbeit herangehen, also psychologische und anthropo-
       logische Aussagen  auseinanderhalten zu können, der besitzt weder
       die Voraussetzung  für eine  streng monistische Erklärung des Be-
       wußtseins, noch  ist er  in der  Lage, die  Subjekthaftigkeit des
       konkreten Gesamtarbeiters wie des konkreten Individuums unter den
       gegenwärtigen Bedingungen zu erfassen. 6)
       Jedoch ist  damit, daß  wir auf  den Zusammenhang von Psychologie
       und Anthropologie  als einer  untrennbaren Beziehung insistieren,
       das Problem der Entstehung des Bewußtseins nicht erledigt. Zu su-
       chen ist immer noch nach einer Lösung, die den Allgemeinheitscha-
       rakter der  subjektbestimmten menschlichen Arbeit wahrt, ohne an-
       dererseits auf ahistorische Setzungen zurückgreifen zu müssen.
       
       2. Die problematischen Konsequenzen eines Versuchs, jede
       --------------------------------------------------------
       "anthropologische Deutung" der menschlichen Arbeit zu vermeiden
       ---------------------------------------------------------------
       
       "Das erste  Prinzip der materialistischen Entwicklungstheorie be-
       ruht auf  der Erkenntnis,  daß nichts aus Nichts wird. So ist ein
       materieller Entwicklungsprozeß  allein aus seinen konkreten mate-
       riellen  Voraussetzungen  begreifbar.  Das  Bewußtsein,  als  die
       höchst entwickelte  Form der Selbstbewegung der Materie, kann ma-
       terialistisch nur aus Voraussetzungen erklärt werden, die ihm als
       sinnlich-praktische Wirklichkeit vorausgehen." (a.a.O., S. 177)
       Das Problem beginnt, wenn man fragt, welche Wirklichkeit das ist.
       Es liegt nahe, wie Brockmeier als vorausgesetzte sinnlich-prakti-
       sche Wirklichkeit  die Tätigkeit des Menschen zu nehmen - das ist
       nach üblichem  materialistischem Verständnis  die Arbeit.  Sofort
       stellt sich  ein Widerspruch  ein. Nach  Marx besteht die Arbeit,
       also die  sinnlich-praktische Tätigkeit  in der  für die Menschen
       spezifischen Qualität, darin, daß die Menschen ihr Verhältnis zur
       Natur   n a c h    v o r a u s g e s e t z t e n    Z w e c k e n
       verändern. Was  von vornherein  auch den schlechtesten Baumeister
       noch von  der perfekte Waben bauenden Biene unterscheide, sei der
       Umstand, daß am Ende seines Arbeitsprozesses ein Resultat heraus-
       komme, "das  beim Beginn  desselben schon  in der Vorstellung des
       Arbeiters, also  schon ideell  vorhanden war."  (MEW 23,  S. 193)
       M a r x i s t   hier offensichtlich  der Meinung, daß das Bewußt-
       sein über  vorausgesetzte Zwecke  die Arbeit steuert. Wie um dies
       gegen jeden  Zweifel zu bekräftigen, fährt er fort: "Nicht daß er
       nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht
       im Natürlichen  zugleich seinen  Zweck, den  er weiß, der die Art
       und Weise  seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Wil-
       len unterordnen muß. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter
       Akt." (ebd.)
       Arbeit ist  demnach die von bewußten Zwecken bestimmte Tätigkeit,
       "zweckmäßige Tätigkeit"  (ebd.), und  dies "unabhängig  von jeder
       bestimmten  gesellschaftlichen   Form"  (MEW  23,  S.  192),  ist
       "allgemeine Bedingung  des Stoffwechsels  zwischen Mensch und Na-
       tur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unab-
       hängig von  jeder Form  dieses Lebens,  vielmehr allen seinen Ge-
       sellschaftsformen gleich  gemeinsam" (MEW  23, S.  198), ist "die
       erste Voraussetzung  aller menschlichen  Existenz" und  Bedingung
       dafür, "'Geschichte machen' zu können" (MEW 3, S. 28).
       Offenbar muß man diese Definition doch wohl so verstehen, daß das
       Bewußtsein die  Arbeit, wenn  nicht hervorbringt,  so doch ermög-
       licht und  das dieser Zusammenhang von Bewußtsein und Arbeit all-
       gemein zum  Menschen gehört als Fähigkeit zu zweckmäßiger Arbeit,
       die jedem  Menschen von Natur aus zukommt, "ewige Naturbedingung"
       seines Lebens.  Jeder materialistische Psychologe, der sich daran
       nicht vorbeimogelt,  ist damit  vor den  Zusammenhang von Bewußt-
       seinsproblem und  Anthropologiefrage gestellt.  Eben weil "nichts
       aus Nichts" wird, stellt sich die Frage der Psychologie um so un-
       vermeidbarer, wie  denn erklärt  werden kann,  daß das Bewußtsein
       nicht nur  bewußtes Sein,  also Resultat der Arbeit, sondern auch
       deren Voraussetzung  ist. Verläßt Marx selbst mit dem Hinweis auf
       den Voraussetzungscharakter  des Bewußtseins  für die Arbeit etwa
       die Grundvoraussetzung  materialistischer Wissenschaft,  die  das
       Ideelle aus  dem Materiellen  erklärt? Muß man seinen Hinweis auf
       die "ewige  Naturbedingung" so verstehen, daß er im "Kapital" be-
       hauptet, was er in den "Thesen über Feuerbach" kritisiert hatte?
       Eine Psychologie, die an der Grundauffassung des historischen und
       dialektischen Materialismus festhält, daß das Sein das Bewußtsein
       bestimmt, muß  erklären können,  wie das  Bewußtsein Resultat und
       Voraussetzung der Arbeit zugleich sein kann.
       Die Art  und Weise,  wie Brockmeier sich dem Problem stellt, läßt
       exakt die  Stelle erkennen,  an der  er sich dem Tabu fügt: "Wenn
       wir nun ... das  W e s e n  des Menschen in seiner Arbeit und das
       W e s e n   der menschlichen Arbeit in der bewußten Fähigkeit zur
       geistigen Vorwegnahme  des Resultates  unterstellen  wollen  (was
       Marx, wie  wir sahen,  ganz ohne  Zweifel tut, d.V.), so gelangen
       wir zu einer Deutung der Arbeit, die in der Tat in einem ganz be-
       stimmten Sinne   a n t h r o p o l o g i s c h   ist:  Wir  gehen
       dann nämlich von einer Bestimmung der Arbeit durch eine bestimmte
       Eigenschaft des  Menschen, eben  sein Bewußtsein, aus. Wir unter-
       stellen also  den Arbeitsprozeß  samt seinem materiellen Resultat
       als eine  Entäußerung, eine   E m a n a t i o n  des Bewußtseins,
       welches dem  Menschen als  eine natürliche  geistige  A n l a g e
       'an sich'  eigen ist. (Das aber ist allein Brockmeiers Schlußfol-
       gerung. Marx zieht sie nicht! d.V.) Denn wo sollte das Bewußtsein
       sonst herkommen?  (Eben das  gilt es ja gerade zu erklären! d.V.)
       Aus der  Arbeit, der  produktiven sinnlichen  Praxis, doch gerade
       nicht. Denn  diese ist eben nur die Entfaltung der geistigen Vor-
       stellung, die  vorausgeht, wie die 'Idee' der 'Tat'." (a.a.O., S.
       175)
       Anscheinend irritiert ihn die Tatsache, daß man in der Konsequenz
       eines Arbeitsverständnisses, für das Arbeit und Bewußtsein zusam-
       mengehören, zu  einer anthropologischen  "Deutung" gelangen  muß,
       bereits derart,  daß er  nicht mehr auf die von der Dialektik zur
       Klärung von  Widersprüchen vorgesehene  Methode zurückgreift, die
       alle Widersprüche  aus ihrer  Bewegung, also  genetisch, erklärt.
       D a s   T a b u   d i s k r i m i n i e r t  e i n  s o l c h e s
       A r b e i t s v e r s t ä n d n i s  s o,  d a ß  ü b e r  s e i-
       n e n     m ö g l i c h e n    s a c h l i c h e n    G e h a l t
       n i c h t   m e h r  n a c h g e d a c h t  w e r d e n  k a n n.
       Der Widerspruch  von Voraussetzung  und Resultat  des Bewußtseins
       kann nur  noch perhorresziert  werden. Und  weil nicht sein kann,
       was nicht  sein darf, wird die Dialektik des Widerspruchs verein-
       seitigt, der Resultatscharakter zum ausschließlichen Bestimmungs-
       moment erklärt,  so daß  die Arbeit zur Emanation des Bewußtseins
       wird, obwohl  dies in der Definition der "zweckmäßigen Tätigkeit"
       gar nicht enthalten ist, - und schließlich die ganze Arbeitsdefi-
       nition relativiert:  Das kann Marx so ja gar nicht gemeint haben!
       "Genau gelesen,  wird in  der 'Deutschen  Ideologie'  jedoch  gar
       nicht die Arbeit als das wesentliche Gattungsmerkmal des Menschen
       im Unterschied  zum Tier  behauptet..., sondern ein durch die Ar-
       beit bewerkstelligter   P r o z e ß,   der  hier  als  einer  der
       S e l b s t u n t e r s c h e i d u n g  des Menschen charakteri-
       siert wird:  'Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unter-
       scheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel selbst zu produ-
       zieren'." (a.a.O., S. 176)
       Gerade der Kontext dieses Zitates macht aber den Sinn des Gemein-
       ten eigentlich eindeutig. Im Unterschied zu den abstrakt spekula-
       tiven Versuchen,  die den  Menschen "durch  das Bewußtsein, durch
       die Religion,  durch was  man sonst  will, von  den Tieren unter-
       scheiden", wollten  Marx und Engels den Unterschied "auf rein em-
       pirischem Wege"  bezeichnen. Ihrer  Meinung nach  setzen die Men-
       schen diese  Unterschiede selbst,  "sobald sie anfangen, ihre Le-
       bensmittel   z u  p r o d u z i e r e n"  (MEW 3, S. 20-21), d.h.
       zu arbeiten. "Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung
       der Mittel  zur Befriedigung  dieser Bedürfnisse,  die Produktion
       des materiellen  Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschicht-
       liche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte." (a.a.O., S. 28)
       Dies besagt: 1. Der Prozeß der Selbstunterscheidung, das eben ist
       die Arbeit.  2. Es  sind bereits  Menschen, die sich durch Arbeit
       von den  Tieren unterscheiden.  3. Indem  sie arbeiten,  beweisen
       sie, daß  sie ein  entsprechendes Vermögen besitzen. 4. Diese Fä-
       higkeit zur Selbstunterscheidung durch Arbeit kommt allen Indivi-
       duen, die  zu Recht Menschen genannt werden können, von Natur aus
       zu. 5.  Die Arbeit  ist daher  dasjenige Merkmal, das die Gattung
       Mensch von allen anderen Lebewesen unterscheidet. "Genau gelesen"
       wird also  in der  'Deutschen Ideologie' die Arbeit sehr wohl als
       das wesentliche  Gattungsmerkmal des  Menschen im Unterschied zum
       Tier behauptet.
       Die gerade  entgegengesetzte Lesart bei Brockmeier und seine dar-
       aus folgenden  Interpretationsnöte kann  man nur als Folgewirkung
       des Tabus  nachvollziehen: "Es  geht hier  also offenbar nicht um
       d e n   M e n s c h e n  und um bestimmte Eigenschaften und Merk-
       male, die  ihm als  abstrakte anthropologische  Setzungen [ - bei
       Marx ist  die Arbeit  eine empirisch  konstatierbare Tatsache und
       gleichwohl "die  erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz,
       also auch aller Geschichte" (MEW 3, S. 28) die Verf. -] zukommen,
       sondern um  den  Begriff  eines    E n t w i c k l u n g s p r o-
       z e s s e s,   indem sich  der Mensch  überhaupt erst  als Mensch
       herausbildet. Genauer  noch: in  dem er    a n f ä n g t,    sich
       herauszubilden. Also  noch nicht Mensch ist, aber auch nicht mehr
       Tier." (a.a.O., S. 176)
       Wenn es nicht der Mensch selbst ist, der sich in seiner sinnlich-
       praktischen Tätigkeit,  der Produktion seines materiellen Lebens,
       selbst zum  Menschen macht;  wenn der Prozeß nicht als Prozeß der
       Selbsterzeugung des  Menschen durch  die  Arbeit  gedacht  werden
       darf, weil  dies das  anthropologische Tabu verletzt, dann bleibt
       allerdings nur  die Möglichkeit  einer Vorform,  die "noch  nicht
       Mensch ist, aber auch nicht mehr Tier". Diese 'unheimliche dritte
       Art' zwischen  Natur- und Menschheitsgeschichte ist "Marx' Affe".
       Er verfügt  über die  nicht erklärbare  Fähigkeit zu  einer nicht
       mehr biologischen  Form der  Reproduktion von  Erfahrungen in Ge-
       brauch und Produktion von Werkzeugen und über das ebenfalls nicht
       erklärbare, noch  nicht menschliche  Vermögen,  Arbeitsmittel  zu
       schaffen, die die Zweck-Mittel-Relation umzukehren vermögen. "Das
       Mittel setzt  also selbst  neue Zwecke."  (a.a.O., S. 184) Und so
       schuf das Sein das Bewußtsein.
       Es sind demnach  n i c h t  - wie man bei Marx und Engels liest -
       die Arbeit  "und dann  mit ihr die Sprache ... die beiden wesent-
       lichsten Antriebe,  unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in
       das ...  eines Menschen  allmählich übergegangen ist" (MEW 20, S.
       447); nicht  die Arbeit  bewirkt den  "bezeichnenden  Unterschied
       zwischen Affenrudel  und Menschengesellschaft"  (a.a.O., S. 448);
       es ist nicht die Arbeit "die erste Grundbedingung alles menschli-
       chen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem
       Sinn sagen  müssen: Sie  hat  den  Menschen  selbst  geschaffen."
       (a.a.O., S.  444) Für Brockmeier sind es von noch nicht menschli-
       chen Wesen  geschaffene Arbeitsmittel,  7) die  letzten Endes den
       Menschen hervorgebracht  haben. Erst  indem sie sich diese Mittel
       aneignen, werden sie selbst Menschen.
       Dies ist  aber nun selbst eine Anthropologie, die Brockmeier hier
       vorschlägt; denn  auch negative Aussagen allgemeiner Art über den
       Menschen sind anthropologische Aussagen. In der Konsequenz seiner
       Annahmen wäre  der Mensch  Subjekt nur  als Produkt  der  gesell-
       schaftlichen Verhältnisse.  Er würde als zunächst passives Objekt
       erst über  das Subjekt  'Gesellschaft' zum Träger von Subjektivi-
       tät. Die  "Aktivität des  Individuums bestünde  so dem Wesen nach
       als Aktivität der Gesellschaft im Individuum, und die Entwicklung
       des Menschen  vollzöge sich  nur als Funktion der Entwicklung der
       gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die das gesellschaftlich ak-
       tivierte Individuum lediglich reagierte." 8) Wenn auf diese Weise
       die "anthropologische Deutung" nur dadurch vermieden werden kann,
       daß auch  die Fähigkeit  zur Arbeit nur als Produkt der Aneignung
       vorgefundener Mittel betrachtet wird, so daß jedes Individuum nur
       zum Subjekt  wird, weil  und insofern  es durch die Aneignung der
       vorgefundenen Menschenwelt gewissermaßen die Entwicklung vom Tier
       zum Menschen  nachvollzieht, dann  bedeutet dies anthropologisch:
       1. Jedes Individuum beginnt sein Leben als Nicht-Mensch. Auch das
       Neugeborene ist zunächst nicht Mensch. 2. Es besitzt nicht einmal
       ein besonderes Gattungsvermögen als gattungsspezifische Bestimmt-
       heit seines  Mensch-Werdens. Der  Prozeß der  Vergesellschaftung,
       also   V e r m e n s c h l i c h u n g   d e s   I n d i v i d u-
       u m s   setzt folglich,  wie  H o l z k a m p - O s t e r k a m p
       an die  Adresse   S è v e s   kritisch bemerkt,  "an  einem  Bio-
       logischen Träger'  an, der  durch nichts  dazu qualifiziert  ist,
       eine solche  Vergesellschaftung und  'Vermenschlichung' überhaupt
       zu ermöglichen."  9) 3.  Indem  -  in  der  Konsequenz  dessen  -
       angenommen wird,  daß der  Prozeß  der  Menschwerdung  durch  die
       Aneignung bereits vorhandener, aber nicht von den Menschen selbst
       hervorgebrachter,  Arbeitsmittel  bestimmt  wird,  kann  man  den
       Menschen letztlich  nur noch als Produkt biologischer Gesetze und
       nicht mehr  als Resultat seiner eigenen Voraussetzung, nicht mehr
       als Resultat der Selbsterschaffung durch Arbeit verstehen.
       Die zur Vermeidung einer anthropologischen Deutung der Arbeit un-
       ternommene Anstrengung  endet in  der Reproduktion  einer milieu-
       theoretischen Auffassung vom Menschen, deren eigene anthropologi-
       sche Implikation  in der  ebenfalls ahistorischen  Bestimmung be-
       steht, daß die Nicht-Menschen nur zu Menschen, die Individuen nur
       zu Subjekten  ihrer Geschichte werden, sofern sie durch Aneignung
       der vorgefundenen Menschenwelt die ihnen äußerliche gesellschaft-
       liche Subjektivität  verinnerlichen und sich dadurch zum bewußten
       Teil des  Ganzen machen.  Die anthropologische  Deutung im  Sinne
       idealistischer Setzungen schlägt um in eine anthropologische Deu-
       tung auf Grund von mechanisch-materialistischen Setzungen.
       Wer aber - so unsere allgemeine Auffassung - das mit der Arbeits-
       definition formulierte  Anthropologieproblem nicht löst, der kann
       auch das  Bewußtseinsproblem nicht  lösen, das darin besteht, den
       Übergang vom  Materiellen in  Ideelles zu erklären. Der Zusammen-
       hang von  Anthropologie und Psychologie ist untrennbar. Brockmei-
       ers Vorstellung,  man könne  sich "gänzlich  freimachen von jeder
       anthropologischen Deutung der Arbeit und ihrer idealistischen An-
       nahme eines  ursprünglichen, antizipierenden  Bewußtseins", indem
       man z.  B. annimmt,  daß der Axt als Werkzeug "nicht die  I d e e
       einer Axt"  vorausgehe, sondern  nur "die  in einem langen Umgang
       mit Faustkeilen  ... gemachte  praktische Erfahrung"  (a.a.O., S.
       187), verlegt  man den  zu erklärenden Zusammenhang von Zweckset-
       zung und  Zweckrealisierung in  der menschlichen Arbeit lediglich
       in die  herangezogene Vorform  des nicht mehr tierischen und noch
       nicht menschlichen Wesens und reproduziert ihn dort als Zusammen-
       hang von  Erfahrung und Umgang. Das Problem ist aber doch gerade,
       wie erklärt werden kann, daß Brockmeiers "Affe" im Unterschied zu
       allen Pongiden  und subhumanen  Hominidenrassen einen  Gegenstand
       nach seinem  aktuellen Gebrauch  als Mittel  nicht wieder vergaß,
       sondern in  ihm die  Vergegenständlichung einer  vermittelten Ar-
       beitsoperation sehen konnte, die ihn veranlassen konnte, die Ver-
       wendbarkeit dieses  Gegenstandes von  seinem  aktuellen  Gebrauch
       loszulösen und  auch für  zukünftige Situationen zu antizipieren,
       d.h. ihn  als Werkzeug  zu verstehen,  das aufzubewahren war. Die
       damit vollzogene  "Abstraktion und  Verallgemeinerung" (Leont'ev)
       ist die  Voraussetzung des  "langen Umgangs", nicht bloß sein Re-
       sultat. Sie erst macht aus einem Stein einen Faustkeil, d. h. ein
       Werkzeug. Was  nun soll  Brockmeiers Affen  zu dieser Abstraktion
       und Verallgemeinerung  befähigt haben,  wenn die damit vollzogene
       Bewußtseinsleistung bis  heute die unübersteigbare Barriere aller
       Homindenrassen geblieben ist?
       Fazit: Das Problem besteht also darin, den Widerspruch von Arbeit
       und Bewußtsein als die qualitativ neue, allgemeine, gesellschaft-
       liche Bewegungsform der Materie zu begreifen, ohne aus dem Monis-
       mus des  dialektischen Materialismus  herauszufallen. Wir  wollen
       nicht behaupten, daß Brockmeiers Abwehr einer idealistischen Aus-
       höhlung des  Arbeitsbegriffs falsch  wäre. Wir  sind durchaus mit
       ihm der Meinung, daß "sich bei Marx ... keine 'Anthropologie' der
       gesellschaftlichen Natur  des Menschen  und  seiner  Wesenskräfte
       findet, die  unabhängig von  den wirklichen Entwicklungsprozessen
       der Natur,  der Gesellschaft und des Bewußtseins zu denken wäre."
       (a.a.O., S. 193) In der Tat nicht! Aber das heißt doch nicht, daß
       nicht einmal  mehr gefragt  werden darf,  ob nicht die als wider-
       sprüchliche Einheit  von Widerspiegelung und Tätigkeit definierte
       Arbeit so  verstanden werden kann, daß darin eine allgemeine, al-
       len Menschen  von Natur  aus zukommende 'Wesenskraft' liegt. "Die
       Antworten, die seinerzeit gegeben wurden, entsprachen der bürger-
       lichen Ideologie.  Damit erledigt sich aber noch nicht die Frage.
       Man muß die falsche oder unzureichende Antwort nicht schon in die
       Frage hineindeuten.  Richtig gefragt ergibt sich eben kein Gegen-
       satz, kein  Auseinanderklaffen von  menschlicher  Natur  und  Ge-
       schichte." 10)
       Was aber  heißt: richtig  gefragt? Das  ist die  Frage  nach  der
       Herangehensweise. Sieht  man einmal von der politischen Dimension
       der Anthropologiefrage  ab, dann  bleibt für  die  Reflexion  der
       Herangehensweise zunächst  die erkenntnistheoretisch-methodologi-
       sche Dimension  des Sachverhalts.  Da man seine Erkenntnisse über
       die Geschichte  immer vom  heutigen Standort aus gewinnt, muß man
       sich der Brille bewußt sein, durch die man dabei schaut.
       Dies bedeutet  entsprechend der  materialistischen Dialektik, daß
       die Herangehensweise an den Prozeß der Menschwerdung und das Pro-
       blem der  Subjekthaftigkeit des  Menschen davon  abhängt, wie man
       mit der  bis heute  "praktisch wahr"  (Marx) gewordenen Schöpfer-
       kraft des  Menschen umgeht.  In der  unmittelbaren Anschauung der
       Einzelheiten der Anthroposoziogenese erschließt sich der Subjekt-
       charakter des Menschen nicht. Wirklich erkennbar ist er nur, wenn
       man von seiner entwickeltsten Gestalt ausgeht und auf die auch im
       Prozeß der  Menschwerdung schon  enthaltene Elementarform zurück-
       schließt.
       Brockmeiers Schwierigkeiten  mit der "abschreckenden Wirkung" der
       Anthropologiefrage lassen  sich insofern  auf gegenstandsspezifi-
       sche Defizite  einerseits und  methodologische Unklarheiten ande-
       rerseits zurückführen.  Im folgenden  versuchen wir nachzuweisen,
       daß Leont'evs  Prinzip der  historischen Herangehensweise  an das
       Problem des  Zusammenhangs von Arbeit und menschlichem Bewußtsein
       eine Erklärung  der Geschichtlichkeit des Bewußtseins ermöglicht,
       ohne dabei  auf die  methaphysische Setzung ahistorischer Bestim-
       mungen zurückgreifen zu müssen.
       
       3. Die Tätigkeitstheorie als Konzept einer historisch-logischen
       ---------------------------------------------------------------
       Rekonstruktion des Menschen als "Subjekt der Arbeit"
       ----------------------------------------------------
       
       Im Unterschied  zu Brockmeier geht Leont'ev von Marx' Mensch aus.
       Er beginnt  mit der Widersprüchlichkeit, mit der sich das Bewußt-
       sein präsentiert.  Seine Vorgehensweise  ist die für dialektisch-
       historische Materialisten  übliche: Wenn  man die als unmittelbar
       gegeben sich  präsentierende Erscheinung  in ihrer Entstehung be-
       greift, erfaßt man ihr Wesen. Gemäß dem Grundsatz: "Nicht das Be-
       wußtsein bestimmt  das Leben,  sondern das Leben bestimmt das Be-
       wußtsein" (MEW 3, S. 27) hält er es folglich für seine Aufgabe zu
       erklären, wie  "die Tätigkeit (...) direkt in den Prozeß der psy-
       chischen Widerspiegelung  ... eingeht." 11) Ausgangspunkt ist für
       ihn daher  die menschliche  Arbeit.  "Allerdings  verändert  sich
       jetzt die Logik der Untersuchung: das Problem der Analyse der Er-
       scheinungsformen psychischer  Prozesse wird  zum Problem der Auf-
       deckung ihrer Entstehung im Ergebnis jener gesellschaftlichen Be-
       ziehungen, die  der Mensch mit der gegenständlichen Welt eingeht"
       (a.a.O., S. 42), das ist die gesellschaftliche Arbeit.
       Indem er  an der  Arbeitsdefinition mit ihrem Widerspruch vom Be-
       wußtsein als  Voraussetzung und Resultat der Arbeit festhält, ge-
       lingt ihm  eine überraschende und geniale Differenzierung. Er er-
       schließt sie  über zwei  Reduktionsschritte, die u.E. bei der In-
       terpretation seiner Arbeiten immer übersehen werden.
       1. Daß etwas "im Bewußtsein" ist, muß nicht bedeuten, daß es auch
       "bewußt" ist.   B e w u ß t s e i n   u n d   B e w u ß t h e i t
       s i n d     i d e n t i s c h,    a b e r    a u c h    n i c h t
       i d e n t i s c h. "Das  Bewußtsein des heutigen Menschen ist die
       'allgemeine Form'  der psychischen Widerspiegelung der Welt, aber
       daraus folgt nur, daß alles Wahrgenommene unter bestimmten Bedin-
       gungen Bewußtseinsgegenstand  werden   k a n n,   aber  es  folgt
       durchaus nicht, daß jede psychische Widerspiegelung der Form nach
       Bewußtheit erlangt." 12) Das Bewußtsein ist eine entwickelte, hi-
       storisch späte  Form, die  die psychische Widerspiegelung voraus-
       setzt. Wenn  sich nun  zeigen ließe, daß menschliche Arbeit schon
       mit dieser  elementaren psychischen  Widerspiegelung möglich war,
       ohne daß dafür Bewußtsein erforderlich ist, dann wäre die schein-
       bare Ausweglosigkeit  des Widerspruchs  in der  Arbeitsdefinition
       überwunden und der Weg frei für eine wirklich historische Analyse
       jener "grundlegenden  Veränderungen ...,  die das menschliche Be-
       wußtsein im  Verlaufe der gesellschaftlichen Entwicklung durchge-
       macht hat." (a.a.O., S. 86)
       In der  Tat unterstellt  Marx in  seiner Definition  ausdrücklich
       "die Arbeit  in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich
       angehört." (MEW  23, S. 193) "Wir haben es hier nicht mit den er-
       sten tierartig  instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zu-
       stand, worin  der Arbeiter  als Verkäufer seiner eigenen Arbeits-
       kraft auf  dem Warenmarkt  auftritt, ist  in urzeitlichen Hinter-
       grund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre er-
       ste instinktartige  Form noch  nicht abgestreift hatte." (a.a.O.,
       S. 192-193)  Die Arbeit  beginnt für  Marx also nicht erst zu dem
       Zeitpunkt, an  dem die Menschen sich ihrer zweckmäßigen Tätigkeit
       bewußt werden, sondern an dem sie zweckmäßig tätig werden.
       Menschen existieren als Menschen, sobald und sofern sie arbeiten,
       also auch dann schon, wenn ein Bewußtsein im Sinne von Bewußtheit
       noch gar  nicht nachweisbar  ist.    M e n s c h s e i n    u n d
       A r b e i t   s i n d   d a h e r  f ü r  M a r x  u n t r e n n-
       b a r,   n i c h t   a b e r   f a l l e n   A r b e i t    u n d
       B e w u ß t s e i n  a l s  B e w u ß t h e i t  z u s a m m e n.
       Die Vorstellung,  daß Menschen  arbeiten können,  ohne schon über
       Bewußtsein zu  verfügen, bedeutet  daher nicht,  daß sie nicht in
       der Lage  wären, ihre  Wirklichkeit den gesellschaftlichen Bedin-
       gungen ihrer  Tätigkeit entsprechend  widerzuspiegeln; allerdings
       sind  sie  sich  dessen  nicht  bewußt.  In  jenen  Anfängen  der
       menschlichen Arbeit  ist auch  der  Anfang  des  Bewußtseins  "so
       tierisch wie  das gesellschaftliche Leben dieser Stufe selbst, er
       ist bloßes  Herdenbewußtsein, und  der Mensch  unterscheidet sich
       hier vom  Hammel nur  dadurch, daß sein Bewußtsein ihm die Stelle
       des Instinkts vertritt, oder daß sein Instinkt ein bewußter ist."
       (MEW 3,  S. 31)  Erst nach einer langen Zeit der von den Menschen
       selbst vorangetriebenen geschichtlich-gesellschaftlichen Entwick-
       lung, nach  der Teilung  von  materieller  und  geistiger  Arbeit
       "k a n n   sich das  Bewußtsein wirklich  einbilden, etwas andres
       als das  Bewußtsein der  bestehenden Praxis  zu sein,    w i r k-
       l i c h  etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen -
       von diesem  Augenblick an  ist das  Bewußtsein imstande, sich von
       der Welt zu emanzipieren." (ebd.)
       Offensichtlich haben  Marx und  Engels schon  in  der  "Deutschen
       Ideologie" ihre  Auffassung betont, daß das Bewußtsein des heuti-
       gen Menschen nur eine besondere, von den Menschen selbst erarbei-
       tete Form  der psychischen Widerspiegelung ist, als deren einzige
       Voraussetzung sie  die Fähigkeit  zu Arbeit  als sinnlich-prakti-
       scher Tätigkeit begreifen. In dieser Form ist es das Resultat der
       ganzen Geschichte der menschlichen Arbeit. Einmal hervorgebracht,
       ist es  jedoch als Voraussetzung für die gesamte weitere Entwick-
       lung der Arbeit fixiert.
       Auf diese  Weise läßt  sich das  Problem erklären,  das auch  für
       Brockmeier so  schwierig ist.  Es entsteht durch die "Identifika-
       tion von  psychischer Widerspiegelung  und Bewußtsein"  (Leont'ev
       1982, S.  122), von  Allgemeinem  und  Besonderem.  "Jahrhunderte
       waren dazu erforderlich, sich von der Identifizierung von Psychi-
       schem und  Bewußtem zu  befreien."  (ebd.)  Zwar  kann  auch  für
       Leont'ev   die   materialistische   Psychologie   nur   von   den
       Erscheinungen ausgehen.  Insofern gilt: "Die psychische Realität,
       die sich  unmittelbar vor uns auftut, ist die subjektive Welt des
       Bewußtseins." (ebd.)  Die Tatsache  aber, daß  uns das Bewußtsein
       immer nur  "in seiner Unmittelbarkeit" (ebd.)  e r s c h e i n t,
       darf die psychologische Analyse nicht dazu verleiten, es nur des-
       halb auch schon für unmittelbar zu halten, weil seine Vermittelt-
       heit nicht direkt erscheint und dem individuellen Bewußtsein ver-
       borgen bleibt.  Die Unmittelbarkeitsvorstellung  vom  Bewußtsein,
       der Eindruck  von seiner  quasi selbständigen Existenz als objek-
       tive ideelle Erscheinung, losgelöst und unabhängig von der gegen-
       ständlichen Tätigkeit,  "ist nicht mehr als eine Illusion unserer
       Introspektion" (ebd.), die Wesen und Erscheinung verwechselt.
       "Der erste   g e s c h i c h t l i c h e   Akt dieser Individuen,
       wodurch sie sich von den Tieren unterscheiden, ist nicht, daß sie
       denken,  sondern   daß  sie  anfangen,    i h r e    L e b e n s-
       m i t t e l   z u   p r o d u z i e r e n."   (MEW 3, S. 20) "Wir
       wollen  es   anders  ausdrücken.   Die  Widerspiegelung  der  ge-
       genständlichen Tätigkeit,  die die Zusammenhänge, die Beziehungen
       der gesellschaftlichen  Individuen realisiert,  treten für  diese
       als ihre  Bewußtseinserscheinungen auf.  Jedoch  in  Wirklichkeit
       liegen hinter  diesen Erscheinungen  die erwähnten objektiven Zu-
       sammenhänge und  Beziehungen, wenn auch nicht in offener, sondern
       in aufgehobener,  dem Subjekt  verborgener Form." (Leont'ev 1982,
       S. 126).  Nach Auffassung Leont'evs besteht daher die Aufgabe der
       psychologischen Forschung  darin, "die  Untersuchung der Erschei-
       nungen und  Prozesse nicht  auf seine  Oberfläche zu beschränken,
       sondern in die innere Struktur des Bewußtseins einzudringen. Dazu
       aber darf man das Bewußtsein nicht als ein vom Subjekt betrachte-
       tes Feld  auffassen, sondern  als eine besondere innere Bewegung,
       die durch  die Bewegung der menschlichen Tätigkeit erzeugt wird."
       (a.a.O., S. 18) Das Bewußtsein ist als eine "Form der psychischen
       Widerspiegelung" (a.a.O.,  S. 139)  zu begreifen, die mit der ge-
       genständlichen, sinnlich-praktischen  Tätigkeit unmittelbar  ver-
       bunden ist.  Mit dieser  Auffassung von  der Bedeutung der gegen-
       ständlichen Tätigkeit für das Subjekt wird nach Leont'evs Meinung
       die "Entmystifizierung der Natur des Psychischen" (a.a.O., S. 73)
       möglich bzw.  die "Mystifizierung" des Postulats der Unmittelbar-
       keit (a.a.O., S. 126) und damit "das 'Geheimnis' des Bewußtseins"
       (a.a.O., S.  19) entschleiert.  Er beruft sich dafür ausdrücklich
       auf die  "von Marx entdeckte Methode, die es gestattet, die Natur
       der nichtsinnlichen  Eigenschaften gesellschaftlicher  Objekte zu
       entschleiern, zu  denen auch  der Mensch als Subjekt des Bewußts-
       eins gehört"  (ebd.): Die  nicht auflösbare  Dialektik von Arbeit
       und Bewußtsein,  deren erscheinende Unmittelbarkeit die traditio-
       nelle Psychologie (aber offenbar nicht nur diese) vor das Geheim-
       nis der  Herkunft des  Bewußtseins stellte,  kann in Bewegung ge-
       bracht werden  durch Aufdeckung  ihrer Vermitteltheit, d.h. durch
       Rückführung auf  die genetisch  frühere, allgemeinere  Dialektik,
       durch die  sie erst hervorgebracht worden ist und wird, deren Be-
       sonderung sie  also ist.  Für  diesen  Reduktionsschritt  ist  es
       "notwendig, zur  Kategorie der gegenständlichen Tätigkeit zurück-
       zukehren, sie  auf die inneren Prozesse, die Bewußtseinsprozesse,
       auszudehnen".  (a.a.O.,  S.  99)  Faßt  man  demnach  Arbeit  als
       "äußere", "sinnlich-praktische Tätigkeit" und die Bewußtseinspro-
       zesse als "innere, ideelle Tätigkeit" 13) auf, so wird es möglich
       sein, ihre  "g l e i c h a r t i g e  S t r u k t u r"  (Leont'ev
       1982, S.  100) zu  entdecken: "Beide  Formen der Tätigkeit werden
       durch die  psychische Widerspiegelung  der  Wirklichkeit  vermit-
       telt." (Leont'ev  1973, S. 240) Leont'ev unterscheidet daher zwi-
       schen der  Widerspiegelung in  der Tätigkeit und der Widerspiege-
       lung   d e r  Tätigkeit bzw.   a l s  Tätigkeit. 14) Diese Unter-
       scheidung versetzt  Leont'ev in  die Lage, zwischen beiden Formen
       der Widerspiegelung eine genetische Verbindung zu sehen: "Auf ei-
       ner relativ  späten Entwicklungsstufe  des Lebens kann die Tätig-
       keit interiorisiert  werden; sie  nimmt dann die Form einer inne-
       ren, ideellen  Tätigkeit an."  (Leont'ev 1973,  S. 260). Eben auf
       dieser Stufe  "beginnt das Bewußtsein auch von der äußeren, sinn-
       lich-praktischen Tätigkeit  emanzipiert zu  erscheinen  und  mehr
       noch, es scheint diese zu steuern." (Leont'ev 1982, S. 129). Den-
       noch bleibt sie nach wie vor ein Prozeß, mit dem das Subjekt sein
       reales Leben  verwirklicht, und es ist kein 'rein' geistiger Vor-
       gang, der der äußeren, praktischen Arbeit entgegengestellt werden
       kann." (Leont'ev 1973, S. 260)
       Das bedeutet:  Leont'ev kann  - weil  die "äußere,  die sinnlich-
       praktische Tätigkeit Ausgangs- und Grundform der menschlichen Tä-
       tigkeit ist"  (Leont'ev 1982, S. 90) - die Widerspiegelung  a l s
       Tätigkeit als  sich entwickelnde Verselbständigung der Widerspie-
       gelung   i n   der Tätigkeit,  d. h. die innere Tätigkeit als das
       genetische Resultat  der äußeren  Tätigkeit - m.a.W., das Bewußt-
       sein als Produkt der Arbeit begreifen, ohne die Dialektik von Ar-
       beit und  bewußter Widerspiegelung aufzugeben. "Wir trennen damit
       nicht zwischen  innerer und  äußerer Tätigkeit,  vermengen jedoch
       auch nicht  die Tätigkeitprozesse mit den Widerspiegelungsvorgän-
       gen. Das  versetzt uns  in die Lage, die idealistische Auffassung
       zu überwinden,  die das Psychische als besonderes Wesen mit einer
       besonderen Existenz betrachtet." (Leont'ev 1973, S. 260). Was auf
       den ersten  Blick als  genetisch primär erschien, hat sich so auf
       den zweiten  Blick als  genetisch  sekundär  erwiesen.  Das  Tabu
       stellt sich  - bei wissenschaftlicher Betrachtung - als überflüs-
       sig heraus. 15)
       Fassen wir  zusammen: Die einzige Voraussetzung, mit der Leont'ev
       beginnt, ist  "die gesellschaftliche Natur der Arbeit und die ge-
       sellschaftliche Natur  des Menschen  als ihr  Subjekt" 16):  "Der
       Mensch ist  natürlich ein Wesen der Natur. Doch als gesellschaft-
       liches Wesen zeigt er besondere Eigenschaften, die Gesetze seiner
       Entwicklung ändern  ihn. Das  ist das  Ergebnis seiner Tätigkeit,
       die eine   p r o d u k t i v e   T ä t i g k e i t  ist. Also ist
       die   menschliche    Tätigkeit   vor   allem   Arbeitstätigkeit."
       (Leont'ev'/Panov 1963,  S. 10)  Von der Arbeit als Produktion des
       materiellen Lebens  ist auszugehen, denn sie ist die dem Menschen
       mit naturgesetzlicher  Notwendigkeit, also  von Natur  aus zukom-
       mende "erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also auch
       aller Geschichte".  (MEW 3, S. 28) Gegen alle müßigen Spekulatio-
       nen über den Unterschied zwischen Mensch und Tier setzen die Men-
       schen den  Unterschied durch ihre Tat: durch die Produktion ihres
       materiellen Lebens, durch die Arbeit - ein Schritt, der durch die
       "körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gege-
       benes Verhältnis  zur übrigen Natur" (a.a.O., S. 21) bedingt ist.
       M.a.W.: Das  qualitativ neue  Vermögen zur materiellen Produktion
       seines Lebens  ist jedem  Menschen als  in seiner Natur gründende
       Fähigkeit von  Anfang an mitgegeben. "Der Mensch kann nicht unge-
       straft nichts  fühlen und  nichts tun,   e r   m u ß    t ä t i g
       s e i n.   Und diese  Eigenschaft... ist  offensichtlich Ausdruck
       seines ureigensten  Wesens. Denn  das Menschliche im Menschen ist
       Produkt seiner  historischen Entwicklung eben als Subjekt der ak-
       tiven, umwandelnden,  bewußten  Tätigkeit,  als  einziges  wahres
       S u b j e k t   d e r   A r b e i t."  (Leont'ev/Panov a.a.O., S.
       9)
       Spätestens an  dieser Stelle  muß sich  Leont'ev jedoch der Frage
       stellen, ob  er nicht selbst etwas praktiziert, was wir an Brock-
       meier kritisieren:  eine Verlagerung des Problems in die Vorform.
       Selbst wenn  die Hypothese  nachvollziehbar ist, daß sich das Be-
       wußtsein aus  der der  Arbeit inhärenten  Widerspiegelung entwic-
       kelt, bleibt  ja die  Frage, wie diese doch offenbar bereits men-
       schliche Qualität  der psychischen  Widerspiegelung in der Arbeit
       zustandekommt, ob  also hier  nicht unter der Hand doch mit einer
       parallelistischen Setzung von Arbeit und menschlicher Subjekthaf-
       tigkeit begonnen  wird. Oder  anders: Woher kommt die Subjekthaf-
       tigkeit der  Arbeit? Die  Lösung dieser Frage ergibt sich mit dem
       zweiten Reduktionsschritt.
       2. Daß die  gegenständliche  Tätigkeit  subjektiv  ist,  bedeutet
       nicht schon,  daß sie  auch  menschlich  ist.    S u b j e k t i-
       v i t ä t   d e r  T ä t i g k e i t  u n d  M e n s c h l i c h-
       k e i t   s i n d   i d e n t i s c h  u n d  n i c h t  i d e n-
       t i s c h.  Subjektivität im Sinne menschlicher Subjektivität ist
       eine entwickelte,  naturgeschichtlich späte  Form der gegenständ-
       lichen Tätigkeit,  der die tierischen Tätigkeitsformen, die immer
       schon subjektiv sind, vorausgehen. "Nun ist das menschliche Leben
       ein besonderes  Leben und  die menschliche  'Subjektivität'  eine
       besondere Subjektivität.  Der Mensch findet seine Lebensbedingun-
       gen in  der Natur  nicht fertig  vor, sondern schafft sie selbst.
       Auch wenn  wir von  dieser  Besonderheit  des    m e n s c h l i-
       c h e n   Lebens abstrahieren und vom Leben nur in seiner  a l l-
       g e m e i n s t e n   Form sprechen,  müssen wir  den  Standpunkt
       anerkennen, daß das Subjekt aktiv ist." (Leont'ev 1973, S. 31)
       Wenn sich  nun zeigen  ließe, daß  in allen  Tätigkeitsformen der
       Evolution bis in die frühesten Stadien der Entstehung der organi-
       schen Materie Tätigkeit subjektiv aufgefaßt werden muß, dann wäre
       auch die letzte Barriere für das Verständnis der diskontinuierli-
       chen Kontinuität von Menschheits- und Naturgeschichte überwunden.
       Leont'ev könnte, gelingt dieser Reduktionsschritt, die "reale Ge-
       schichte der  psychischen Entwicklung  als Entwicklungsgeschichte
       der 'Spaltung'  des ursprünglich einfachen, einheitlichen Lebens"
       schreiben, "die die primitive Psyche der Tiere aufkommen ließ und
       ihren vollen  Ausdruck im  bewußten Leben  des Menschen  findet",
       (a.a.O., S. 260)
       Tatsächlich hat  Leont'ev seine berühmte Hypothese von der Genese
       und vom Wesen der Sensibilität zusammen mit A.W. Saporoshez schon
       1936 aufgestellt, (vgl. a. a. O., S. 40, Anm. 30)
       Da wir  Leont'evs Theorie  der Entwicklung  des Verhältnisses von
       Tätigkeit und  psychischer Widerspiegelung und ihrer inneren Evo-
       lutionslogik an  anderer Stelle  bereits in aller Ausführlichkeit
       dargestellt haben  17), konzentrieren  wir uns hier auf Leont'evs
       philosophisch-psychologische  Begründung   des  Subjektcharakters
       auch der tierischen Tätigkeit.
       Leont'ev bestimmt  den Subjektcharakter  organismischer Tätigkeit
       im Verhältnis  zur anorganischen Materie, d. h. mit Bezug auf die
       Einheit und  den Unterschied  von allgemeiner  und organismischer
       Wechselwirkung. Allgemein gilt, daß jede Wechselwirkung zu Verän-
       derungen der  Körper führt:   "I n   d i e s e r  H i n s i c h t
       unterscheiden sich  die Zustände  im Organismus,  die die äußeren
       Einwirkungen widerspiegeln,  prinzipiell nicht  von den durch äu-
       ßere Einwirkungen  hervorgerufenen Zuständen  anorganischer  Kör-
       per." (Leont'ev 1973, S. 42) Während jedoch in der unbelebten Na-
       tur diese  Veränderungen durch  Wechselwirkung  zur  allmählichen
       Zerstörung und  Umwandlung der Körper in andere führt, so daß sie
       "'aufhören, das zu sein, was sie waren'" (a.a.O., S. 27), erfolgt
       in der  belebten Natur die Veränderung durch Zerstörung einzelner
       Elemente des  Körpers zum  Zweck seiner Wiederherstellung und Er-
       haltung als  Ganzem. In  diesem Unterschied  sieht  Leont'ev  die
       grundsätzliche Subjektivität  organischer Körper  begründet.  "In
       der anorganischen  Welt läßt  sich nicht  unterscheiden,  welcher
       Körper in der gegebenen Situation aktiv (d. h. tätig) und welcher
       passiv (d. h. der Tätigkeit des anderen unterworfen) ist." (ebd.)
       Vielmehr stehen  sie "in prinzipiell gleichem Verhältnis zueinan-
       der." (Leont'ev 1973, S. 28) In der organismischen Wechselwirkung
       dagegen kann "einerseits ein  S u b j e k t  und andererseits ein
       O b j e k t   der Einwirkung  hervorgehoben werden".  (a.a.O., S.
       28-29) Der  organismische Prozeß der Wiederherstellung durch Zer-
       störung muß  daher "unter  dem Gesichtspunkt eines sein Leben er-
       haltenden Subjekts" (a.a.O., S. 30), d. h. als Selbsterneuerungs-
       prozeß betrachtet  werden. Dieses  Vermögen zur aktiven Selbster-
       neuerung  kennzeichnet   Leont'ev  in  Anlehnung  an  Engels  als
       "selbständige Reaktionskraft",  (a.a.O., S. 29) "Der Übergang von
       den Wechselwirkungsprozessen  in der  anorganischen Welt  zu  den
       Wechselwirkungsprozessen als  einer Existenzform  lebender Körper
       hängt demnach  mit dem grundlegenden Wandel zusammen, der sich im
       Verhältnis der  Wechselwirkung zur  Aufrechterhaltung des Daseins
       der beteiligten Körper vollzieht. Dieses Verhältnis verkehrt sich
       in sein  Gegenteil. Dabei tritt das neue, für das Leben charakte-
       ristische Verhältnis  nicht einfach  mechanisch an die Stelle des
       alten. Es bildet sich  a u f  d e r  G r u n d l a g e  j e n e r
       früheren Beziehungen  und diese  bleibt auch für  e i n z e l n e
       E l e m e n t e  des Organismus, die unablässig zerstört und wie-
       der erneuert  werden, weiterhin in Kraft. Ja, der organische Kör-
       per kann  überhaupt nur  als Ganzes  erhalten bleiben, weil seine
       einzelnen Teilchen immer wieder zerstört und erneuert werden. Das
       neue, für das Leben charakteristische Verhältnis beseitigt mithin
       nicht einfach  die Wechselbeziehungen,  wie sie  für anorganische
       Körper typisch  sind, sondern hebt sie dialektisch auf." (a.a.O.,
       S. 27)  Im Vermögen zur aktiven Selbsterneuerung hat sich die an-
       organische Materie  von sich selbst als organische Materie unter-
       schieden. Da  diese Selbstunterscheidung der Materie die konkrete
       Existenzweise der  organismischen Körper determiniert, muß in dem
       Vermögen zur Selbsterneuerung die besondere Organisationsform der
       organismischen Wechselwirkung oder die allgemeine Natur der Orga-
       nismen gesehen  werden. -  W a s  die Umwelt für einen Organismus
       darstellt und   w i e  sie sich ihm darstellt, hängt doch von der
       Natur des  gegebenen Organismus  ab. Von seiner Natur hängen auch
       die Veränderungen  ab, die in seiner Ontogenese unter dem Einfluß
       der Umwelt  entstehen können  und durch  die eine phylogenetische
       Weiterentwicklung möglich ist." (a.a.O., S. 275)
       Wie Marx  hat Leont'ev  diese Auffassung erkenntnistheoretisch in
       der Auseinandersetzung mit Feuerbach präzisiert und gegen den an-
       schauenden Materialismus Feuerbachs die gegenständliche Tätigkeit
       als sinnlich-praktische,  als subjektive Tätigkeit hervorgehoben,
       (vgl. a.a.O., S. 29 ff) Dabei ist für ihn wichtig, daß die Konti-
       nuität zwischen  der anorganischen  und organischen Natur gewahrt
       ist durch  die Bestätigung  der allgemeinen Bewegungsweise in der
       Form der Wechselwirkung der Körper. Diskontinuierlich ist dagegen
       die qualitativ  neue Seinsweise  der organischen  Natur, insofern
       die Wechselwirkung  der Organismen als Ausdruck der in dem Vermö-
       gen zur  aktiven Selbsterneuerung erscheinenden Fähigkeit des or-
       ganismischen Körpers  gesehen werden  kann. Leont'evs Fazit: Will
       man den  Unterschied im  Verhältnis von anorganischer und organi-
       scher Natur  qualitativ erfassen, so muß man den Standpunkt aner-
       kennen, daß  dem organismischen  Leben Subjekthaftigkeit zukommt.
       Diese Erkenntnis ist für die evolutionstheoretische Erklärung der
       Naturgeschichte und darüber hinaus des Übergangs zur Menschheits-
       geschichte von  fundamentaler Bedeutung. Denn einerseits wird da-
       durch der  organismische Körper  zum Subjekt  der Evolution über-
       haupt. Andererseits  wird  auf  diese  Weise  der  Subjektbegriff
       grundsätzlich historisiert, indem der "Gegensatz zwischen dem Ob-
       jektiven und  dem Subjektiven"  ausdrücklich auf  Entwicklung zu-
       rückgeführt wird,  "in deren Verlauf stets Übergänge zwischen dem
       Subjektiven und  dem Objektiven  bestehen, die jede Einseitigkeit
       zunichte machen." (a.a.O., S. 20)
       Und schließlich wird damit nachvollziehbar, daß die mit der anor-
       ganischen Natur  bereits gegebene, allerdings passive, Widerspie-
       gelung in  der Form der direkten Abbildung von Einwirkungen durch
       andere Körper  auf dem  Niveau des  Lebens eine neue Qualität ge-
       winnt: Die  "selbständige Reaktionskraft"  (Engels) der  lebenden
       Organismen ist  nur möglich  auf Grund ihrer aktiven Widerspiege-
       lung der  Einwirkungen der sie umgebenden Welt. Tätigkeit und ak-
       tive Widerspiegelung  sind zwei  Seiten derselben  neuen Qualität
       des Verhältnisses  von Organismus  und Umwelt.  Was jedoch in den
       Ursprüngen des  Lebens noch eine Einheit bildet, das spaltet sich
       im Verlauf der Evolution auf: Die Widerspiegelung trennt sich von
       der Tätigkeit  und gewinnt  eine relative  Selbständigkeit in der
       Form der  psychischen Widerspiegelung  als Tätigkeit.  Sie erhält
       sowohl in  physiologischer wie  morphologischer Hinsicht eine ge-
       genüber der  gegenständlichen Tätigkeit  relativ verselbständigte
       eigene Struktur  und übernimmt  die Funktion, die gegenständliche
       Tätigkeit des  Organismus zu  vermitteln. Dieses  elementare Ver-
       hältnis von Tätigkeit und Widerspiegelung bleibt auf allen Stufen
       der Evolution  erhalten und  behält seine  Funktion auch nach dem
       Sprung in  die soziale  Existenzweise des  Menschen. Entsprechend
       der neuen  Qualität der  gegenständlichen Tätigkeit beim Menschen
       nimmt auch die mit ihr phylogenetisch schon immer verbundene psy-
       chische Widerspiegelung  eine neue  Qualität an. 18) Wird demnach
       mit dem  Begriff der  Arbeit die  neue Qualität des Verhältnisses
       von Mensch  und Natur  bezeichnet,  so  ist  mit  diesem  Begriff
       zugleich die neue Qualität des Verhältnisses von gegenständlicher
       Tätigkeit und psychischer Widerspiegelung auf menschlichem Niveau
       benannt. Wenn  daher von der Selbsterschaffung des Menschen durch
       Arbeit im  Sinne bewußter zweckmäßiger Tätigkeit die Rede ist, so
       wird mit  der damit  ausgedrückten Fähigkeit  zur antizipierenden
       Widerspiegelung des  Arbeitsprodukts durchaus kein metaphysisches
       Vermögen unterstellt.  In der mit der Arbeit verbundenen bewußten
       psychischen Widerspiegelung  kann man  nur dann eine ahistorische
       Setzung vermuten,  wenn man  zuvor Tätigkeit  und Widerspiegelung
       getrennt und darüber hinaus den naturgeschichtlichen Zusammenhang
       der Entwicklung  dieses Verhältnisses abgeschnitten hat. Leont'ev
       sieht dagegen  in der durch Arbeit sich ausdrückenden Subjekthaf-
       tigkeit des  Menschen nur  die diskontinuierliche Fortsetzung der
       naturgeschichtlichen Kontinuität  des  Verhältnisses  von  gegen-
       ständlicher Tätigkeit und Widerspiegelung, über das alle Organis-
       men ihr  subjektives Verhältnis zur Umwelt organisieren. Die Tat-
       sache, daß  die Menschen  ihre gegenständliche Tätigkeit über Wi-
       derspiegelung regulieren,  ist also weder neu noch aufregend. Neu
       ist lediglich  die besondere  Qualität sowohl ihrer Tätigkeit als
       auch ihrer  Widerspiegelung. Das  besondere Verhältnis beider hat
       sich im  qualitativen Sprung  aus der Naturgeschichte entwickelt.
       Seine Einheit  wird fortan  mit "Arbeit" bezeichnet. Daß die Men-
       schen in  der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion ihres
       Lebens auch ihre psychische Widerspiegelung entwickeln, indem sie
       sich bewußt  machen, was  sie tun,  um ihre  entwickeltere Arbeit
       nunmehr auf der Grundlage ihres geschichtlich selbst produzierten
       Bewußtseins auch  umfassend bewußt  und planvoll gesellschaftlich
       gestalten zu  können, erzwingt daher in keiner Weise die Vorstel-
       lung, daß  eine metaphysisch  gesetzte Idee der Arbeit vorausgeht
       und diese  erhellt. Eine solche Vorstellung ergibt sich nur dann,
       wenn man  die Unmittelbarkeit, in der sich das Bewußtsein der In-
       trospektion präsentiert, in der es erscheint, schon für das Wesen
       hält, d.  h. Sekundäres  als Primäres ausgibt, so daß mit der Ge-
       schichtlichkeit des  Sekundären auch  dessen Mittelbarkeit verlo-
       rengeht.
       Fassen wir  zusammen:  Ausgangspunkt  und  Ergebnis  der  Analyse
       Leont'evs ist  die Allgemeinheit des Verhältnisses von Arbeit und
       Bewußtsein als Wesensmerkmal des Menschen. Dabei vermeidet er die
       Gefahr ahistorischer Setzungen oder metaphysischer Annahmen durch
       streng historisch-logische  Herangehensweise. Sie  veranlaßt ihn,
       die menschliche  Arbeit nur  als Besonderheit eines allgemeineren
       Verhältnisses zwischen Organismus und Umwelt zu betrachten. Indem
       er nachweist,  daß dieses  Verhältnis in  der gesamten  Evolution
       über die  Beziehung von gegenständlicher Tätigkeit und Widerspie-
       gelung reguliert  wurde, brauchte  er nur  noch die neue Qualität
       dieser Beziehung  auf menschlichem  Niveau zu  bezeichnen und die
       Voraussetzungen zu benennen, die den Sprung auf dieses Niveau er-
       möglichen. Indem  er die Widerspiegelung allgemein als Moment der
       Tätigkeit versteht,  die ihre  Selbständigkeit und ihre besondere
       Struktur als  Bewußtsein nur  der geschichtlichen Entwicklung der
       gegenständlichen Tätigkeit selbst verdankt, hat er keinerlei Pro-
       bleme, den in der Marxschen Arbeitsdefinition enthaltenen inneren
       Widerspruch des  Bewußtseins - nämlich Voraussetzung und Resultat
       der Arbeit zugleich zu sein - in Bewegung aufzulösen. Er kann den
       Übergang vom  Materiellen zum Ideellen erklären, indem er von der
       Arbeit als  gegenständlicher Tätigkeit ausgeht, die er historisch
       als Produkt  der Evolution  aufnimmt. Indem  er so den Allgemein-
       heitscharakter der  Arbeit als  Wesensmerkmal des Menschen histo-
       rischlogisch entfaltet,  kann er  auch das Bewußtsein als Wesens-
       merkmal des  Menschen - sowohl in seiner Allgemeinheit wie seiner
       Geschichtlichkeit - erklären, ohne irgendwelche ahistorischen An-
       nahmen machen  zu müssen. Dadurch, daß er den Subjektbegriff ent-
       sprechend von  Marx' 1. These über Feuerbach vollständig histori-
       siert, hat  auch die  6. These über Feuerbach für ihn ihre tabui-
       sierende Bedeutung und "abschreckende Wirkung" verloren. Leont'ev
       kann daher  in voller  Allgemeinheit, d.h. sowohl in phylogeneti-
       scher  wie   ontogenetischer  Hinsicht,   vom  Menschen  als  dem
       "einzigen, wahren  Subjekt der  Arbeit" sprechen. Wir sehen hier:
       Der enge  Zusammenhang von Anthropologie und Psychologie ist eine
       wesentliche Grundlage  seines Denkens  und die  Allgemeinheit der
       Arbeit als Wesensmerkmal des Menschen die entscheidende theoreti-
       sche Voraussetzung.
       Es bleibt jedoch noch immer ein Rest an mißtrauischer Skepsis ge-
       genüber der  Warnung des  Tabus, der  mit dem  Nachweis  der  Ge-
       schichtlichkeit des Wesensmerkmals noch nicht erledigt ist, viel-
       mehr gerade  diese Geschichtlichkeit  selbst betrifft.  Muß nicht
       die Allgemeinheit  der menschlichen Subjekthaftigkeit als Wesens-
       merkmal so  verstanden werden, daß sie sich von ihrer Keimform zu
       ihrer entwickelten  Gestalt automatisch  und notwendig entfaltet?
       Kann man mit der Annahme einer allgemeinen Subjekthaftigkeit eine
       Auffassung vom  Ablauf der  Geschichte nach  Hegelschem Muster in
       Phylogenese wie  Ontogenese überhaupt noch vermeiden? Oder in un-
       mittelbar gesellschaftlich-praktischer Formulierung: Warum sollen
       die Menschen noch für die Aufhebung der Entfremdung kämpfen, wenn
       sie ohnehin  schon Subjekte  sind und ihre Subjekthaftigkeit sich
       außerdem mit  Notwendigkeit durchsetzt? Die Frage nach der Allge-
       meinheit einer  solchen Kategorie  jenseits des Hegelianismus ist
       die Frage  nach ihrem  methodologischen Status.  Das zweite  ent-
       scheidende Kriterium des Verhältnisses von Anthropologie und Psy-
       chologie in der Theorie Leont'evs ist daher methodologischer Art.
       Leont'ev ist  der Auffassung,  daß  die  angemessene  historische
       Herangehensweise abhängt  von der  richtigen Handhabung der Marx-
       schen Methode. Mit ihrer Hilfe - so auch unsere Auffassung - läßt
       sich der Hegelismus vermeiden und auch, so hoffen wir jedenfalls,
       der letzte  Rest an Besorgnis gegenüber der Anthropologiefrage in
       der Kritischen Psychologie ausräumen.
       
       4. Die methodologische Bedeutung der "einfachen Kategorie"
       ----------------------------------------------------------
       Arbeit für die Bestimmung des Verhältnisses von Tätigkeit
       ---------------------------------------------------------
       und Widerspiegelung
       -------------------
       
       Marx hat  seine wissenschaftliche  Methode im Wege der kritischen
       Aufhebung der  Hegeischen Dialektik  entwickelt. 19)  Hegel hatte
       die Bewegung  der Welt  als Entwicklung  "des außer oder über der
       Anschauung und  Vorstellung denkenden  und sich selbst gebärenden
       Begriffs" (MEW  13, S.  682) verstanden. Indem Marx die Hegelsche
       Dialektik  vom  Kopf  auf  die  Füße  stellt,  bewahrt  er  ihren
       "rationellen Kern"  bei gleichzeitiger Negation ihrer "mystischen
       Hülle." (MEW 23, S. 21) "Für Hegel ist der Denkprozeß, den er so-
       gar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt,
       der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bil-
       det. Bei  mir ist  umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im
       Menschenkopf umgesetzte  und übersetzte  Materielle." (ebd.) Marx
       anerkennt, daß  der Gegenstand in seiner Entwickeltheit, die kon-
       krete Totalität  "als  Gedankentotalität,  als  ein  Gedankenkon-
       kretum, in  fact ein  Produkt des  Denkens, des  Begreifens ist";
       aber es  ist  lediglich  "die  Verarbeitung  von  Anschauung  und
       Vorstellung in  Begriffe" (MEW  13, S.  632), die  die  objektive
       Realität als  eine vom  Denken unabhängige  Wirklichkeit in ihrer
       Entwicklung voraussetzt.  "Wir faßten  die Begriffe  unsres Kopfs
       wieder materialistisch  als die  Abbilder der  wirklichen  Dinge,
       statt die  wirklichen Dinge  als Abbilder dieser oder jener Stufe
       des absoluten  Begriffs... Damit aber wurde die Begriffsdialektik
       selbst nur  der bewußte  Reflex der  dialektischen  Bewegung  der
       wirklichen Welt." (MEW 21, S. 292-293)
       Um jedoch  die Begriffsdialektik als bewußten Reflex bzw. ideelle
       Rekonstruktion der  wirklichen Welt in ihrer Entwicklung reprodu-
       zieren zu können, bedarf es einer Voraussetzung: Der Denkende muß
       eine Vorstellung  von dem realen Gegenstand seiner Analyse haben,
       und die gewinnt er nur in der Wahrnehmung und Verarbeitung seiner
       Existenz innerhalb der objektiven gesellschaftlichen Wirklichkeit
       selbst. Deshalb  muß, so Marx, bei der wissenschaftlichen Methode
       "das Subjekt,  die Gesellschaft, als Voraussetzung stets der Vor-
       stellung vorschweben".  (MEW 13,  S.  633)  Diese  Realität,  als
       "Zusammenfassung vieler Bestimmungen" und "Einheit des Mannigfal-
       tigen" (a.  a. O.,  S. 632), ist "der wirkliche Ausgangspunkt und
       daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung",
       (ebd.)
       Wie aber  kommt man von der Vorstellung der Realität zum Begriff?
       Hier entwickelt  Marx sein  bekanntes methodologisches  Paradigma
       der zwei  Wege: Zunächst  gilt es, von der Vorstellung des Ganzen
       ausgehend, durch analytische Bestimmung zu immer "einfacheren Be-
       griffen" (MEW  13, S.  631), "von dem vorgestellten Konkreten auf
       immer dünnere  Abstrakta" zu  kommen. Danach  ist dann "die Reise
       wieder rückwärts anzutreten": von abstrakten Bestimmungen zur Re-
       konstruktion des  Konkreten im Begriff als einer "reichen Totali-
       tät von  vielen Bestimmungen  und Beziehungen", (ebd.) "Im ersten
       Weg wurde  die volle  Vorstellung zu  abstrakter Bestimmung  ver-
       flüchtigt; im  zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Re-
       produktion des  Konkreten im  Wege des Denkens". (MEW 13, S. 632)
       Der zweite  Weg erst, die Methode des Aufsteigens "vom Abstrakten
       zum Konkreten",  ist für  Marx die "wissenschaftlich richtige Me-
       thode", (ebd.)
       Am Beispiel  der einfachen  Kategorie 'Arbeit' führt Marx, so be-
       stätigt  Sandkühler,  "den  minutiösen  Beweis  durch,  daß  jede
       'einfache Kategorie' - und so auch jeder bei einer 'einfachen Ka-
       tegorie' ansetzende  Abstraktionsweg zum  konkreten Allgemeinen -
       ein Dokument  der theoretisch bewußt gewordenen umfassenden Tota-
       lität ist,  die ohne Abstraktion und Verallgemeinerung nicht mehr
       als Totalität  erkannt werden  könnte". (Sandkühler 1973, S. 238)
       Die Bestimmung,  daß Arbeit  ein Wesensmerkmal  des Menschen ist,
       ist eine allgemeine und zugleich einfache Bestimmung, die von der
       entfalteten Totalität der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft
       abstrahiert. Diese Abstraktion und Verallgemeinerung für alle Ge-
       sellschaftsformationen ist  nur möglich, weil Marx die Allgemein-
       heit der  Arbeit in  der bürgerlichen Gesellschaft real vor Augen
       hatte. "Die  einfachste Abstraktion  also... die  eine uralte und
       für alle  Gesellschaftsformen gültige  Beziehung  ausdrückt,  er-
       scheint doch nur in dieser Abstraktion praktisch wahr als Katego-
       rie der  modernsten Gesellschaft"  (MEW 13,  S. 635): In der Ent-
       wickeltheit der Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen ist ihr
       Allgemeinheitsstatus als  Wesensmerkmal des  Menschen  erst  real
       allgemein geworden, und nur deshalb kann ihre Allgemeinheit durch
       Abstraktion kategorial  gefaßt werden.  "So entstehen  die allge-
       meinsten Abstraktionen  überhaupt nur bei der reichsten konkreten
       Entwicklung, wo  eines vielen gemeinsam erscheint, allen gemein."
       (ebd.) Indem  M a r x  von der entwickeltsten Gestalt ausgeht und
       von allen  historischen Formen abstrahiert, bis er bei der dünnen
       Abstraktion der Arbeit als "zweckmäßige Tätigkeit" angelangt ist,
       gewinnt er  eine Kategorie,  die einfach  ist und zugleich allge-
       mein. Sie  vermag die grundlegende Beziehung des Menschen zur Na-
       tur in  ihren noch unentwickelten Formen widerzuspiegeln und gilt
       auch für die entwickeltste Gestalt, ist "daher unabhängig von je-
       der Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen
       gleich gemeinsam".  (MEW 23, S. 198) Dabei ist aber diese Gültig-
       keit keine  Erfindung des  Denkens, sondern  eine wirkliche, weil
       die Arbeit  die Wahrheit  ihrer Allgemeinheit in der bürgerlichen
       Gesellschaft praktisch  erwiesen hat.  "Dies Beispiel  der Arbeit
       zeigt schlagend,  wie selbst  die abstraktesten Kategorien, trotz
       ihrer Gültigkeit  - eben  wegen ihrer Abstraktion - für alle Epo-
       chen, doch  in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebenso-
       sehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgül-
       tigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen." (MEW
       13, S. 636)
       Ist jedoch  die einfache Kategorie erst einmal gewonnen, dann ist
       damit das  durch alle  Entwicklungsformen  hindurch  existierende
       "innere Band"  (MEW 23,  S. 27) gefunden, durch das die sich ent-
       wickelnden Verhältnisse  als Besonderungen des Allgemeinen unter-
       einander verbunden sind. Ware, Geld und Kapital sind für Marx Be-
       sonderungen der  Arbeit, die  "herrschende Verhältnisse eines un-
       entwickeltem Ganzen  oder untergeordnete  Verhältnisse eines ent-
       wickeltem Ganzen  ausdrücken" (MEW  13, S.  633) und die zugleich
       die logische  Darstellung der ökonomischen Struktur der kapitali-
       stischen Produktionsweise ermöglichen. In der Genese dieser Kate-
       gorien "entspräche  der Gang des abstrakten Denkens, das vom Ein-
       fachsten zum  Kombinierten aufsteigt, dem wirklichen historischen
       Prozeß", (ebd.)  Engels erläutert: "Die logische Behandlungsweise
       war also allein am Platz. Diese aber ist in der Tat nichts andres
       als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der
       störenden Zufälligkeiten.  Womit diese  Geschichte anfängt, damit
       muß der  Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fort-
       gang wird  nichts sein  als das  Spiegelbild, in  abstrakter  und
       theoretisch konsequenter  Form, des  historischen  Verlaufs;  ein
       korrigiertes Spiegelbild,  aber korrigiert nach Gesetzen, die der
       wirkliche geschichtliche  Verlauf selbst an die Hand gibt, in dem
       jedes Moment  auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, sei-
       ner Klassizität betrachtet werden kann." (MEW 13, S. 475)
       Fassen wir  zusammen: Die Bildung einfacher Kategorien mit Allge-
       meinheitsstatus ist  methodisch unerläßlich.  Den ersten  Schritt
       der Forschung bildet daher der Prozeß des Abstrahierens. Mit sei-
       nem Ergebnis,  der einfachen Kategorie, wird das jeder besonderen
       Form inhärente  Allgemeine ermittelt. Das setzt natürlich voraus,
       daß die  Kategorie tatsächlich von allen besonderen Merkmalen ab-
       strahiert und nur die wesentliche Bestimmung beibehält. Erst wenn
       ihre  Allgemeinheit   sowohl   die   unentwickeltsten   wie   die
       entwickeltsten Erscheinungen des Gegenstandes umfaßt, hat sie den
       Status einer  einfachen Kategorie,  mit der es erst möglich wird,
       kompliziertere wie  besondere Kategorien  für die  Erfassung  der
       "verschiedenen Entwicklungsformen"  des Allgemeinen zu bilden und
       "deren innres  Band aufzuspüren"  (MEW 23,  S.  27).  Der  zweite
       Schritt rekonstruiert  ganz allgemein  die wirkliche  Entwicklung
       des Allgemeinen  von seiner  noch unentwickelten  Keimform bis zu
       seiner realen Vollgültigkeit in ihrer Logik.
       Bezogen auf  unseren Gegenstand  bedeutet dies:   D i e    M e n-
       s c h e n   s e l b s t   h a b e n   m i t   d e r  H e r a u s-
       b i l d u n g    d e r    b ü r g e r l i c h e n    P r o d u k-
       t i o n s w e i s e   d i e   G ü l t i g k e i t   d e r  T h e-
       s e,   d a ß  d i e  A r b e i t  d a s  W e s e n sm e r k m a l
       i h r e r   G a t t u n g   s e i,  p r a k t i s c h  e r w i e-
       s e n.   I n   i h r e r   G e s c h i c h t e   h a b e n  s i e
       d a s     s i e     b e s t i m m e n d e     A l l g e m e i n e
       "p r a k t i s c h   w a h r"   g e m a c h t.   Die Bildung  der
       einfachen  Kategorie   "Arbeit"  muß   von  dieser   Wirklichkeit
       ausgehen. Weil  in ihr  die entwickeltste  Form der  menschlichen
       Arbeit real  vorliegt, muß  die Analyse  und Abstraktion  bei ihr
       ihren Ausgangspunkt  nehmen. Erst  wenn  die  Analyse  von  allen
       historischen Bestimmungen  abstrahiert hat und zu einer Kategorie
       vorgestoßen ist,  die sowohl  für den  entwickelten Ausgangspunkt
       wie für  die unentwickelte  Form, also  für  die    g e s a m t e
       Geschichte der  Menschen gilt, hat sie den Status der Einfachheit
       und  Allgemeinheit   zugleich  erreicht.   Dabei  ist  strikt  zu
       unterscheiden  zwischen  dem  Prozeß  der  Forschung,  der  durch
       Verarbeitung  der   Wirklichkeit  erst   zur  Identifikation  des
       Allgemeinen in  seiner Einfachheit  gelangt,  und  dem  Gang  der
       dialektischen Darstellung,  der durch die historische Rekonstruk-
       tion der Logik der Entwicklung hindurch erst das Konkrete als To-
       talität vieler  Bestimmungen und Beziehungen gedanklich zu repro-
       duzieren hat.  Trennt man den zweiten Schritt vom ersten, "so mag
       es aussehen,  als habe  man es mit einer Konstruktion a priori zu
       tun", (ebd.)
       Leont'ev entspricht  ganz dieser  Methodologie, wenn  er erklärt,
       daß das  menschliche Bewußtsein  in seiner  Unmittelbarkeit  Aus-
       gangspunkt wie  Endpunkt der  historisch-logischen Rekonstruktion
       für das  begreifende Denken zu sein hat. Die Realität der entfal-
       tetsten Form des Bewußtseins ist für ihn die faktische Vorausset-
       zung seiner  historischen Herangehensweise.  Wie  Marx  vollzieht
       auch er zunächst den Abstraktionsprozeß hin zur einfachsten Kate-
       gorie, die  das "innere  Band", das  allen Lebensformen inhärente
       Allgemeine darstellt: die psychische Widerspiegelung. Von ihr aus
       macht er die Reise wieder rückwärts: In der logischen Rekonstruk-
       tion der  Entwicklung des  Psychischen stellt er dar, wie die mit
       der Elementarform des Lebens bereits verbundene psychische Wider-
       spiegelung sich  über die  Etappen der Evolution besondert und in
       der sozialen  Existenzweise des  Menschen ihre entwickeltste Form
       annimmt.
       Bei der  Bildung der einfachen Kategorie kann Leont'ev einerseits
       auf Ergebnissen  von Marx  aufbauen, muß  aber andererseits seine
       Kategorienbildung entsprechend  den Besonderheiten  seines Gegen-
       standsbereichs ausweiten.  Der Allgemeinheits  Charakter der  Ar-
       beit, also das Ergebnis des Marxschen Abstraktions- und Verifika-
       tionsprozesses, ist  für Leont'ev bereits eine Voraussetzung, mit
       der er  seine Forschung beginnen kann. Allerdings bezieht er sich
       auf eine  Seite der  Arbeit, die  Marx zwar  schon gesehen,  aber
       nicht selbst zum Forschungsgegenstand gemacht hat: das Bewußtsein
       als inhärentem  Moment der Arbeit in ihrer Allgemeinheit. Da Marx
       aber die  Arbeit auch  in ihrer  Einfachheit schon mit Bewußtsein
       verbindet, muß  Leont'ev den Geltungsbereich der menschlichen Ar-
       beit überschreiten, wenn er die Entwickeltheit des Bewußtseins in
       der menschlichen Arbeit als Entwicklungsprodukt, als Resultat ei-
       nes geschichtlichen  Prozesses begreifen  will. Er  muß daher bei
       der Bildung  der einfachen  Kategorie, deren Allgemeinheitsstatus
       die gesamte  Entwicklung des Psychischen umfaßt und das menschli-
       che Bewußtsein  als im wirklichen geschichtlichen Prozeß entstan-
       dene Besonderung  begreift, notwendigerweise  bis in die Naturge-
       schichte zurück  und eine Kategorie bilden, die auch für die ein-
       fachsten Formen  der Evolution  noch gilt.  Obwohl das Verhältnis
       von Arbeit  und Bewußtsein  für die gesamte Menschheitsgeschichte
       gilt, ist  es für  ihn nur  Ausgangspunkt, um auf ein noch einfa-
       cheres Verhältnis schließen zu können, das dem organismischen Le-
       ben überhaupt zugrundeliegt, daher so allgemein ist, daß das Ver-
       hältnis von Arbeit und Bewußtsein noch als seine Besonderung ver-
       standen werden  kann.   "D i e   g r u n d l e g e n d e  'E i n-
       h e i t'   d e s   L e b e n s p r o z e s s e s   i s t    d i e
       T ä t i g k e i t   d e s  O r g a n i s m u s."  (Leont'ev 1973,
       S. 33)
       Diese ist  selbst ein Verhältnis, wie oben schon dargestellt, von
       gegenständlicher Tätigkeit  und psychischer  Widerspiegelung, das
       in dieser Einfachheit, abstrahiert von allen konkreten Bestimmun-
       gen, allen  Erscheinungen des  organismischen  Lebens  wesentlich
       ist.   D i e   E i n h e i t    v o n    g e g e n s t ä n d l i-
       c h e r   T ä t i g k e i t   u n d   p s y c h i s c h e r  W i-
       d e r s p i e g e l u n g   i s t   d a h e r   e i n e    e i n-
       f a c h e   K a t e g o r i e   m i t   e i n e m   d i e    g e-
       s a m t e   N a t u r g e s c h i c h t e   u m f a s s e n d e n
       A l l g e m e i n h e i t s s t a t u s.
       Damit ist aber lediglich der erste Weg zu Ende. Aussagen über das
       wirkliche Leben  in seiner  konkreten Totalität  sind damit  noch
       nicht möglich.  Die  allgemeinen  Bestimmungen  des  Lebens  sind
       nichts als abstrakte Momente, mit denen nichts Wirkliches begrif-
       fen ist.  Aber sie  lassen die  allgemeinen Gesetze erkennen, die
       auch für  die Wirklichkeit  in ihrer  konkreten  Mannigfaltigkeit
       verbindlich und  daher für  ihre Erklärung im begreifenden Denken
       unerläßlich sind,  mit der vollzogenen Wendung des Blicks auf die
       Entwicklung, die  das einfache  Verhältnis von Tätigkeit und psy-
       chischer Widerspiegelung  in der  Entwicklung gemäß  den biologi-
       schen Gesetzen  genommen hat,  ist der  zweite Weg der eigentlich
       wissenschaftlichen Methode  begonnen, der  den wirklichen  Prozeß
       der Entwicklung der psychischen Widerspiegelung logisch zu repro-
       duzieren versucht,  um begreifen  zu können, wie es dazu kam, daß
       das menschliche Bewußtsein als entwickeltere Form der psychischen
       Widerspiegelung immer schon Moment der Arbeit ist und so - obwohl
       in Wirklichkeit  historisches Produkt  der Entwicklung der gegen-
       ständlichen Tätigkeit  - als den Arbeitsvorgang lenkende Vorstel-
       lung, m.a.W.  als Voraussetzung  der Arbeit  erscheint. Mit Hilfe
       zahlreicher Experimente,  gestützt auf  vielfältige Forschungser-
       gebnisse der  Nachbarwissenschaften und aufgrund der Verarbeitung
       umfangreicher Ergebnisse  aus der  Geschichte der psychologischen
       Theoriebildung entwickelte  Leont'ev die  Hypothese, daß  in  der
       progressiven  Evolution  drei  Entwicklungsniveaus  unterschieden
       werden können,  die aus der Sicht des letzten, vom Stand der Men-
       scheitsgeschichte aus, als Höherentwicklung angesehen werden müs-
       sen. Mit  Reizbarkeit, Sensibilität  und Bewußtsein bezeichnet er
       die jeweilige  besondere Qualität  der Widerspiegelung, die - als
       ihr Moment  - auch  eine neue Qualität der gegenständlichen, sub-
       jektbestimmten Tätigkeit  signalisiert. Auf  diese Weise  kann er
       die menschliche  Arbeit sowohl  in der  Kontinuität der  Naturge-
       schichte als  eine durch  Widerspiegelung vermittelte  Tätigkeit,
       wie auch  in diskontinuierlicher  Betrachtung ihrer  Besonderheit
       als bewußte zweckmäßige Tätigkeit begreifen. Dabei ist es für ihn
       völlig überflüssig, da disfunktional, auf irgendwelche metaphysi-
       sche Setzungen  zurückzugreifen, weil  er die Gesetze präzise be-
       nennen kann,  nach denen sich die Sprünge zwischen den Qualitäts-
       niveaus der  Evolution vollziehen,  die folglich auch die Entste-
       hung des menschlichen Bewußtseins erklären helfen. 20)
       Von einer  Interpretation der  Geschichte nach  Hegelschem Muster
       kann dabei,  wie bei  Marx so auch bei Leont'ev, nicht gesprochen
       werden.
       Marx selbst hat schon in seiner Einleitung zur Kritik der politi-
       schen Ökonomie  der Verkennung seiner Methode als Entelechie oder
       Teleologie vorzubeugen versucht, indem er hervorhob, daß die Ent-
       wicklung der  Ökonomie seiner Auffassung nach nicht einfach grad-
       linig verlief.  Es markiert vor allem seine methodologische Posi-
       tion, wenn  er in diesem Zusammenhang betont, daß es z. B. ökono-
       misch noch "unreife" Gesellschaftsformen gab, in denen einige der
       höchsten Formen  der Ökonomie, wie Kooperation oder fortgeschrit-
       tene Arbeitsteilung  usw., anzutreffen  sind, ohne daß schon Geld
       existierte, was nach der Logik eigentlich hätte sein müssen. "So,
       obgleich die  einfachre Kategorie  historisch existiert haben mag
       vor der  konkretem, kann sie in ihrer völligen intensiven und ex-
       tensiven Entwicklung  grade einer  kombinierten Gesellschaftsform
       angehören, während die konkretere in einer wenig entwickelten Ge-
       sellschaftsform völliger  entwickelt war."  (MEW 13, S. 634) Wenn
       Marx daher  im "Kapital"  von der  Ware als der Elementarform und
       damit der dialektisch abstraktesten, ihren Begriff noch gar nicht
       erfüllenden Fassung  der kapitalistischen Produktion ausgeht, und
       die Entwicklung  dieser Produktionsweise  bis hin  zum Verhältnis
       von Kapital  und Lohnarbeit als Ausdruck ihrer entwickelten Tota-
       lität rekonstruiert,  dann belegt diese Logik wohl, daß der Kapi-
       talismus diesen  Weg beschritten hat und daher in dieser Form re-
       konstruiert werden  muß; sie  besagt aber  nicht, daß jede ökono-
       misch noch "unreife" Gesellschaftsform mit einer der kapitalisti-
       schen Produktionsweise  vergleichbaren Entwickeltheit  der Formen
       der Ökonomie unter allen Umständen mit derselben im "Kapital" ex-
       plizierten Logik  dargestellt werden  müßte. Geld setzt stets ein
       bestimmtes Niveau  der Arbeitsproduktivität in Verbindung mit ei-
       nem bestimmten Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Austausch-
       verhältnisse voraus.  Das bedeutet  aber nicht,  daß die Existenz
       entwickelter Formen  des Austausche in unentwickelten Verhältnis-
       sen zwingend an Geld und d.h. an hohe Arbeitsproduktivität gebun-
       den wäre. Arbeit ist mit ihren sich jeweils historisch ausprägen-
       den Formen  zwar identisch, aber auch nicht identisch. Methodolo-
       gisch gesprochen:  Auch wenn  das Allgemeine erkannt und in einer
       einfachen Kategorie  fixiert ist,  ist damit noch nichts über den
       wirklichen Entwicklungsprozeß  des Allgemeinen  gesagt. Seine  im
       "Kapital" explizierten  Stufen geben  wohl die Entfaltungsniveaus
       der entwickeltsten Produktionsweise an, nicht aber sind sie schon
       deshalb umstandslos  auch auf unentwickelte Produktionsweisen an-
       wendbar. Die Wirklichkeit des Allgemeinen im Kapitalismus ist da-
       her selbst  wiederum nur  eine Besonderung, in der das Allgemeine
       nicht aufgeht.
       Was Leont'ev betrifft, so genügt es in diesem Zusammenhang zu be-
       stätigen, daß  ihm jegliches finalistische oder entelechiale Ver-
       ständnis derart,  als würde  sich das identifizierte Vermögen des
       organismischen Lebens,  die Fähigkeit  zur Selbsterneuerung, not-
       wendig und  automatisch durchsetzen  und den progressiven Verlauf
       der Evolution  und ihre verschiedenen Etappen aus sich herausset-
       zen, fernliegt.  Ob sich überhaupt eine Veränderung als notwendig
       erweist, hängt  für ihn vielmehr eindeutig von der Umwelt ab. Die
       reale Dialektik der Beziehung von Organismus und Umwelt ist daher
       der einzige  Ausgangspunkt zur  Erklärung auch  der  progressiven
       Evolution, (vgl.  Messmann/Rückriem 1978, S. 116-118) Die für das
       Verhältnis von  Psychologie und  Anthropologie sich  aufdrängende
       entscheidende Schlußfolgerung  der Marxschen  Methodologie ist so
       einfach wie  folgenreich:   W e r  i m  A u s g a n g s p u n k t
       d e r   A n a l y s e   d i e   S u b j e k t h a f t i g k e i t
       d e r     m e n s c h l i c h e n     A r b e i t      u n t e r-
       s c h l ä g t,  w i r d  a u c h  i m  A n f a n g  d e r  A n a-
       l y s e,   b e i   d e r   U n t e r s u c h u n g   d e r   A n-
       t h r o p o s o z i o g e n e s e,   n i c h t  s e h e n  k ö n-
       n e n ,   d a ß   d i e  A r b e i t  m e n s c h l i c h,  d. h.
       s u b j e k t b e s t i m m t   i s t.   Ist der Mensch im Resul-
       tat  kein  Subjekt,  dann  kann  er  es  natürlich  auch  in  der
       Voraussetzung nicht sein. Fällt so aber die Subjekthaftigkeit aus
       der Allgemeinheit  der jeweils zugrundegelegten Kategorie heraus,
       dann  kann   sie  in  der  Tat  ohne  Zuhilfenahme  ahistorischer
       Setzungen nicht  mehr erklärt werden - weder in der Voraussetzung
       noch im  Resultat. Ob  man die  Menschen, zu  welcher  Zeit  auch
       immer, als  Subjekte ihrer Geschichte betrachten will oder nicht,
       wird zu  einer ideologischen Frage, die auch nur noch ideologisch
       und  nicht   mehr  wissenschaftlich   beantwortet  werden   kann.
       Wissenschaft und  Ideologie -  im wissenschaftlichen  Sozialismus
       eine  widersprüchliche   Einheit  -   fallen   auseinander.   Die
       Konsequenzen sind  folgenreich, für die Psychologie und vor allem
       für die  Praxis. Zugegebenermaßen  ist die Anthropologiefrage ge-
       rade in der Anfangsphase der Menschheit methodologisch nicht ein-
       fach. Die Bestimmung der Kriterien zur Identifikation der sich in
       erfreulichem Maße  mehrenden Funde  ist einerseits  immer schwie-
       riger, weil  differenzierter. Andererseits  liegen inzwischen In-
       terpretationsmodelle vor, die sich ausdrücklich der materialisti-
       schen Methodologie  und Dialektik  verdanken. 21)  So  geht  z.B.
       Foerster (1980) davon aus, daß das Auftreten des Homo Sapiens als
       das Ende  eines qualitativen  Sprungs angesehen werden müsse, mit
       dem eine Entwicklung irreversibel wird, die aber schon lange vor-
       her induziert worden ist. Damit verlegt sie den Sprung in die hö-
       here Qualität  des Menschseins  ausdrücklich auf  den Anfang  der
       Entwicklung, also auf den Induktionspunkt. "Induktions- und Irre-
       versibilitätspunkt waren  in der Weise miteinander verknüpft, daß
       der zweite ohne den ersten undenkbar ist, der zweite jedoch nicht
       mit Notwendigkeit auf den ersten folgen mußte; denn zwischen bei-
       den 'Grenzwerten'  lag eine  langandauernde  sensible  Übergangs-
       phase, innerhalb derer verschiedene widersprüchliche Prozesse ab-
       liefen. Durch  die Induktion war ein instabiler Zustand hervorge-
       rufen worden,  der sowohl  umkehrbar als  auch aufhebbar  war und
       zugleich die Möglichkeit der Unumkehrbarkeit enthielt." (Foerster
       1980, S.  111) Mit der ausdrücklichen methodischen Voraussetzung,
       daß sich  die Kriterien für die Datierung des Induktions- und Ir-
       reversibilitätspunktes "offensichtlich nicht aus dem der Betrach-
       tung unterworfenen  Entwicklungsvorgang selbst,  sondern nur  aus
       dem vorliegenden  reifsten Zustand  der Erscheinung,  zu dem  die
       bisherige Gesamtentwicklung  führte, gewinnen  (Marx, Grundrisse,
       S. 26)  lassen" (a.a.O., S. 112), und mit Hilfe des dargestellten
       Modells können  die vorliegenden Befunde gänzlich ohne die Inter-
       pretationsnöte Brockmeiers  als Belege induzierter Menschlichkeit
       begriffen werden.  Trotz ihrer  unterentwickelten Form  sind  sie
       doch schon  als Äußerungen  der sich durch Arbeit selbst erschaf-
       fenden Menschen  zu verstehen,  sind ihre  Widerspiegelungsformen
       auch noch  so vorläufig  und ursprünglich,  wie die Arbeit selbst
       den tierischen Zusammenhängen noch so sehr verhaftet, so sind sie
       doch, wie  die Arbeit  auch,  m e n s c h l i c h e  Anfänge. Nur
       weil die  Menschen schon  in den  frühesten Zeiten des Auftretens
       von Werkzeugen  über die Fähigkeit zur Arbeit als allgemeines We-
       sensmerkmal verfügen, das allen Mitgliedern der Gattung von Natur
       aus zukommt, sind sie in der Lage, sich aus den tierischen Zusam-
       menhängen selbst zu befreien. Es ist ihre Fähigkeit, die in unse-
       ren Verhältnissen  praktisch wahr  geworden ist. Die Suche Brock-
       meiers nach  einer Vorform, die "noch nicht Mensch ist, aber auch
       nicht mehr  Tier", erweist  sich -  wissenschaftlich betrachtet -
       als überflüssig. "Die über ein halbes Jahrhundert währende inten-
       sive Suche  nach dem  fehlenden Zwischenglied muß nicht noch ver-
       stärkt werden;  es liegt  auch nicht  in spezifischen Erkenntnis-
       schwierigkeiten begründet,  daß die  Suche nicht zu dem erhofften
       Erfolg geführt  hat; ein  solches einzelnes 'missing link' hat es
       in Wirklichkeit  nie gegeben, es ist ein Ergebnis undialektischen
       Denkens." 22)
       Natürlich können wir dies erst von heute aus sagen, denn die Ent-
       wicklung hätte  auch anders verlaufen können. Die induzierte neue
       Qualität hätte  wieder verlöschen  und nichts hätte die Hominiden
       daran hindern  können, auf dem Stand ihrer Entwicklung zu verhar-
       ren. 23)  Aber nachdem  die Entwicklung den uns bekannten Verlauf
       genommen hat,  sollte uns nichts daran hindern, auch zu sehen, wo
       und vor  allen durch wen sie begann. Wenn man allerdings die bei-
       den "Drehpunkte" des Sprunges nicht sorgfältig unterscheidet oder
       gar gleichsetzt,  dann verwandelt  sich der Sprung aus einer lan-
       gandauernden und  beschreibbaren Entwicklung  in den  Mystizismus
       eines  "akausalen   Risses"  und   es  entsteht  die  Gefahr  der
       "evolutionistischen Ableitung  der einen  aus der  anderen Quali-
       tät". (Foerster 1980, S. 112)
       Weder gegenstandsspezifisch  noch  methodologisch  besteht  daher
       u.E. eine  ernstzunehmende Veranlassung  zu der fortgesetzten Be-
       fürchtung, daß  anthropologische Aussagen über das Wesen des Men-
       schen nolens volens in metaphysischen Annahmen oder ahistorischen
       Setzungen enden  müßten. Die  in der Kritischen Psychologie zumal
       ständig wiederholte  Anthropologiekritik muß  daher geradezu  die
       Vermutung schüren,  als liege  das wirkliche  Problem hinter  den
       theoretischen und methodologischen Defiziten.
       
       _____
       1) Marx-Engels-Werke (MEW)  26.3, S.  482. Alle Hervorhebungen im
       Original, wenn nicht ausdrücklich erwähnt.
       2) Jens Brockmeier, Marx' Affe. Zur anthropologischen Deutung der
       menschlichen Arbeit  und  ihrer  Kritik  aus  anthropogenetischer
       Sicht, in:  Forum Kritische  Psychologie 11, West-Berlin 1983; S.
       170-196.
       3) Dieter Bergner,  Philosophische  Grundlagen  der  marxistisch-
       leninistischen Auffassung vom Wesen des Menschen, in: Der Mensch.
       Hrsg. von Dieter Bergner, Berlin (DDR) 1982, S. 12.
       4) MEW, Ergänzungsband I, S. 568 ff, insbesondere S. 574.
       5) Wir beziehen  dies ausdrücklich  auch auf  Behinderte,  selbst
       wenn sie  nicht "arbeiten",  d.h. sich an der materiellen Produk-
       tion beteiligen, weil die Arbeitsdefinition sehr viel allgemeiner
       ist und  sich auf die Auseinandersetzung des Menschen mit der Na-
       tur überhaupt  bezieht, was die materielle Produktion einbezieht,
       sich aber  nicht auf  sie begrenzt. Und sogar so unglückliche We-
       sen, die  - wenn  es denn  möglich wäre  - in keinerlei Weise zur
       selbständigen Auseinandersetzung  mit der  Natur mehr fähig sind,
       bleiben als Menschenmöglichkeit noch Angehörige der Gattung.
       6) Vgl. Alfred  Messmann, Georg Rückriem, Subjektivität und Klas-
       senstandpunkt. Probleme  des antihumanistischen  Subjektverständ-
       nisses in der Kritischen Psychologie Karl-Heinz Brauns, in: Demo-
       kratische Erziehung  (DE), Nr. 1/1985, S. 28-33; Alfred Messmann,
       Georg Rückriem, Psychologie ohne individuelles Subjekt? Das Huma-
       nismusproblem im  Entwicklungsprozeß der  Kritischen Psychologie,
       in: Jahrbuch  für Psychopathologie  und Psychotherapie. Hrsg. von
       Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Köln 1985, S. 102-126.
       7) Vgl. dazu  Friedrich Engels: "Die Arbeit fängt an mit der Ver-
       fertigung von  Werkzeugen." "Keine  Affenhand hat  je das  rohste
       Steinmesser verfertigt." (MEW 20, S. 449 bzw. S. 445).
       8) Joachim Ebert,  Zum Verhältnis  von Biologischem  und Sozialem
       als Problem  der persönlichkeitstheoretischen  Diskussion in  der
       DDR, in:  Historischer Materialismus und menschliche Natur. Hrsg.
       von  Georg   Rückriem,  Köln   1978,  S.   219;  Joachim   Ebert,
       'Menschliches Wesen'  kontra 'menschliche  Natur'? Anmerkungen zu
       Lucien Sèves  Grundlegung einer Theorie des Individuums im histo-
       rischen Materialismus,  in: Historischer  Materialismus und  men-
       schliche Natur, a.a.O., S. 192-208.
       9) Ute Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Motiva-
       tionsforschung I, Frankfurt/M. 1975, S. 328.
       10) Friedrich Tomberg,  Diskussionsbeitrag, in:  Bürgerliche  Ge-
       sellschaft und  theoretische Revolution.  Hrsg. von Manfred Hahn,
       Hans Jörg Sandkühler, Köln 1978, S. 294.
       11) Aleksej Nikolaevic  Leont'ev, Tätigkeit,  Bewußtsein, Persön-
       lichkeit. Köln 1982, S. 92.
       12) Aleksej Nikolaevic  Leont'ev, Tätigkeit,  Bewußtsein, Persön-
       lichkeit, a.a.O., S. 232.
       13) Aleksej Nikolaevic  Leont'ev, Probleme  der  Entwicklung  des
       Psychischen, Frankfurt/M., 1973, S. 60.
       14) Vgl. dazu Georg Rückriem, Alfred Messmann, Zur Geschichtlich-
       keit des  Bewußtseins in  der Theorie  A. N. Leont'evs (erscheint
       voraussichtlich 1986).
       15) Um Mißverständnissen  vorzubeugen: Es  geht uns  darum, gegen
       die milieutheoretische Auffassung von der Entstehung des Bewußts-
       eins herauszustellen,  daß der Arbeit in welcher Unentwickeltheit
       auch immer  die psychische  Widerspiegelung inhärent  ist und als
       Ausdruck der  Subjektbestimmtheit des  Menschen angesehen  werden
       muß. Um  dem Eindruck vorzubeugen, daß auch in dieser Darstellung
       der Zusammenhang  von Tätigkeit  und Widerspiegelung  in der men-
       schlichen Arbeit  noch mechanisch  gesehen werden kann, verweisen
       wir ausdrücklich  auf den Stellenwert der menschlichen Sensibili-
       tät bzw.  Orientierungstätigkeit und  ihrer Vermitteltheit  durch
       die "fünfte Quasidimension" der objektiven gesellschaftlichen Be-
       deutungen im  Konzept Leont'evs.  Vgl.  dazu  Aleksej  Nikolaevic
       Leont'ev, Psychologie  des Abbilds, in: Forum Kritische Psycholo-
       gie 9,  West-Berlin 1981.  Dieser Zusammenhang ist Gegenstand un-
       seres Beitrags  "Zur Geschichtlichkeit  des  Bewußtseins  in  der
       Theorie A.  N. Leont'evs",  a.a.O.; vgl. dazu besonders: Wolfgang
       Jantzen, Arbeit,  Tätigkeit, Handlung, Abbild in: Forum Kritische
       Psychologie 9, West-Berlin 1981, S. 20-82.
       16) Aleksej Nikolaevic  Leont'ev, D.  Ju. Panov,  Psychologie des
       Menschen und technischer Fortschritt, in: Probleme und Ergebnisse
       der Psychologie.  Sonderheft Ingenieurpsychologie,  Berlin  (DDR)
       1963, S. 9/10.
       17) Vgl. Alfred  Messmann, Georg  Rückriem, Zum  Verständnis  der
       menschlichen Natur  in der  Auffassung des  Psychischen bei  A.N.
       Leont'ev, in:  Historischer Materialismus  und menschliche Natur.
       Hrsg. von Georg Rückriem, Köln 1978, S. 80-133.
       18) Der Schwerpunkt  der Argumentation  liegt hier  lediglich auf
       der These,  daß Arbeit  durch Widerspiegelung vermittelt ist. Wie
       diese Widerspiegelung phylogenetisch entsteht und in welcher Qua-
       lität sie auftritt und sich entwickelt, ist damit in keiner Weise
       berührt. Vgl. dazu auch Rückriem, Messmann, Zur Geschichtlichkeit
       des Bewußtseins..., a.a.O.
       19) Zum Stand  der Reflexion  der Methodologie  verweisen wir auf
       die Arbeiten zur dialektischmaterialistischen Philosophie, insbe-
       sondere bei:  Hans Jörg  Sandkühler, Praxis und Geschichtsbewußt-
       sein, Frankfurt/M.  1973, S. 288 ff.; Hans Jörg Sandkühler, Prak-
       tischer Materialismus  und wissenschaftliche  Weltanschauung, in:
       Arnaszus u. a., Materialismus. Wissenschaft und Weltanschauung im
       Fortschritt, Köln  1976,  S.  9-55;  Hans  Jörg  Sandkühler,  Ge-
       schichte, gesellschaftliche Bewegung und Erkenntnisprozeß, Frank-
       furt/M. 1984; bzw. auf die Arbeiten zur materialistischen Psycho-
       logie bei:  Klaus Holzkamp,  Die historische  Methode des wissen-
       schaftlichen Sozialismus  und ihre  Verkennung durch J. Bischoff,
       in: Klaus  Holzkamp, Gesellschaftlichkeit  des Individuums,  Köln
       1978, S. 41-129; Klaus Holzkamp, Kritische Psychologie und phäno-
       menologische Psychologie,  in: Forum  Kritische  Psychologie  14,
       West-Berlin 1984, S. 5-56; Wolfgang Jantzen, "Kritische Psycholo-
       gie" als  Kritik und  Grundlegung der Psychologie? in: Demokrati-
       sche Erziehung Nr. 9/1984, S. 29-32.
       20) Vgl. dazu  Georg Rückriem,  Alfred Messmann,  Methodologische
       Bemerkungen zum  Subjektverständnis in der Kritischen Psychologie
       und der  Theorie Leont'evs,  in: Forum  Kritische Psychologie 15,
       West-Berlin 1985, S. 129-131.
       21) Vgl. Ingrid  Foerster, Zu  einigen philosophischen  Problemen
       der Theorie  der Anthropogenese.  Diss. Berlin (DDR) 1976; Ingrid
       Foerster, Zum Problem der historischen Herausbildung des Menschen
       und seiner  Gesellschaft von der biologischen zur gesellschaftli-
       chen Bewegungsform  der Materie,  in: Die Entstehung des Menschen
       und der  menschlichen Gesellschaft. Hrsg. von Friedrich Schielte,
       Berlin (DDR) 1980, S. 107-114; zudem; Die Entstehung des Menschen
       und die  menschliche Gesellschaft.  Hrsg. von Friedrich Schlette,
       Berlin (DDR) 1980.
       22) Siegfried Kirschke,  Der historische  Weg der Entwicklung des
       Menschen, in:  Die Entstehung  des Menschen  und der menschlichen
       Gesellschaft. Hrsg. von Friedrich Schielte, Berlin (DDR) 1980, S.
       50.
       23) "Im Prozeß  der Phylogenese des Menschen war es keine Notwen-
       digkeit der  individuellen Natur  der Hominiden,  daß sie zu Men-
       schen wurden.  Notwendig wurde  der Übergang  zum  Menschen  erst
       durch das Zusammentreffen von bestimmten Auforderungen der Außen-
       welt mit den in der Phylogenese inzwischen erreichten individuel-
       len Möglichkeiten. Bei anderen äußeren Anforderungen hätten diese
       Hominiden auch  in dem erreichten vormenschlichen Stadium verhar-
       ren und wie andere Arten von Lebewesen ihrer Natur gemäß existie-
       ren und  sich fortpflanzen können." (Friedrich Tomberg, Menschli-
       che Natur  in historisch-materialistischer Definition, in: Histo-
       rischer Materialismus und menschlicher Natur, a.a.O., S. 61).
       

       zurück