Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       KRISENERKLÄRUNGEN UND DIE ALTERNATIVEN DER LINKEN
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       Konferenz "Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik"
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       Jörg Goldberg
       
       Es gab  Teilnehmer, die die theoretischen "Schlachten der siebzi-
       ger Jahre" wiederholt sahen - und tatsächlich erscheint die Frage
       durchaus berechtigt,  ob eine  wissenschaftliche Tagung zum Thema
       "Wirtschaftskrise und  Wirtschaftspolitik"  mit  einer  eindeutig
       theoretischen "Schlagseite"  angesichts drängender aktueller Pro-
       bleme seine  Berechtigung hat.  Die Redaktionen der Zeitschriften
       "Prokla", "SPW",  "Sozialismus", die  "Arbeitsgruppe  Alternative
       Wirtschaftspolitik"  ("Memogruppe")   und   das   "Institut   für
       Marxistische Studien  und Forschungen"  hatten sich im April 1986
       zusammengetan und  in  Frankfurt  eine  solche  wissenschaftliche
       Konferenz veranstaltet. Die Themenschwerpunkte waren:
       - Überakkumulation und Krise
       - Internationale Verschuldung
       - Zyklus und Lange Wellen
       - Nachfrage, Krise, Innovation
       - Alternativen der Wirtschaftspolitik.
       Der große Andrang zu dieser Tagung überraschte die Veranstalter -
       schienen ökonomische  Themen doch bislang eher wenig gefragt. An-
       dererseits schienen viele Teilnehmer auch angenehm überrascht vom
       Charakter und  Klima dieser  Veranstaltung. Schließlich gehört es
       keineswegs zu  den Alltäglichkeiten  in der  Bundesrepublik,  daß
       sich die  wichtigsten Gruppen  und Strömungen der sozialistischen
       und marxistischen  Linken des  Landes zu einer gemeinsamen Veran-
       staltung zusammenfinden - und noch weniger alltäglich ist es, daß
       dort offen  und ernsthaft,  auch polemisch, gestritten wird, ohne
       gegenseitige Ausgrenzungen  und im  klaren Bewußtsein gemeinsamer
       Aufgabenstellungen.
       Der Diskussionsschwerpunkt  der Tagung  lag eindeutig auf krisen-
       theoretischen Fragestellungen, wobei zunächst der bekannte Gegen-
       satz zwischen  "Überakkumulations"- und  "Nachfrageansätzen" eine
       Rolle spielte.  Dies ist  ein uralter Streit schon bei der Inter-
       pretation der  Marxschen Krisentheorie  - und  er prägte auch die
       entsprechende Diskussion  in  der  ersten  Hälfte  der  siebziger
       Jahre. Allerdings  war der Diskussionsfortschritt seither in die-
       sem Punkt  unübersehbar. Die  Protagonisten der unterschiedlichen
       Positionen - als "Extreme" können Hübner/Stanger und Hoffmann von
       "Prokla" auf  der einen und Zinn von der "Memogruppe" auf der an-
       deren Seite  genannt werden  - waren  sichtlich bemüht,  die  un-
       fruchtbare Gegeneinanderstellung  der  Momente  "Profitrate"  und
       "Nachfrage" bei  der Krisenanalyse zu überwinden. Dem beteiligten
       Berichterstatter erschien diese Konfrontation inhaltlich so wenig
       gerechtfertigt, daß  er sie  hier als ein Mißverständnis über die
       jeweils zu  wählenden Abstraktionsstufen  der Analyse  bezeichnen
       möchte.  So  ist  Hoffmann  durchaus  zuzustimmen,  wenn  er  das
       "Auseinandertreten von Akkumulation (...) und relativ zurückblei-
       bender Realisierungsmöglichkeit"  als wesentliches Moment des Re-
       produktionsprozesses bis  hin zum Abbruch der Akkumulation im Zy-
       klus bezeichnet  (S. 132).  1) Und  seine Position  ist von Zinns
       Feststellung: "Die theoretische Möglichkeit, daß sich ein Akkumu-
       lationsprozeß der weiteren Akkumulation halber stabilisiert, also
       Marx' Abteilung  I wächst,  während Abteilung II stagniert, wurde
       schon von Rosa Luxemburg als unrealistisch kritisiert: ohne Bezug
       zum Konsum  kommt das Akkumulationskarussell nach einigen Drehun-
       gen "kreischend zum Stillstand" (S. 117).
       Dies gilt es festzuhalten: es ist nicht schrankenlos möglich, die
       Nachfrage nach  Konsumgütern durch Nachfrage nach Investitionsgü-
       tern zu ersetzen, selbst wenn es gelingt, den Kapitalen glänzende
       Kostenbedingungen zu  sichern. Die  "erfolgreichste"  Lohnpolitik
       des Kapitals  ist nicht  in der  Lage, einen krisenhaften Abbruch
       des Akkumulationsprozesses  zu verhindern  - ebensowenig wie eine
       noch so  günstige Lohnposition  der Arbeiterklasse die Zuspitzung
       von Disproportionen  zwischen  Produktion  und  Markt  verhindern
       könnte. Beide Seiten, die Produktion und die Realisation von Pro-
       fit, gehören zusammen - eine widersprüchliche Einheit, die im Ka-
       pitalismus nur  krisenhaft hergestellt  werden kann.  Wie sich im
       Konferenzverlauf zeigte,  wird auch  kaum noch die simple Gleich-
       setzung "sinkende  Profitrate -  Stockung der  Akkumulation" auf-
       rechterhalten: Wie  Priewe unwidersprochen  deutlich machte,  ist
       eine solche  Parallelität auch  empirisch für  die Bundesrepublik
       nicht nachweisbar.
       Der Berichterstatter hat jedenfalls den Eindruck, daß der Diskus-
       sionsprozeß hier  weit fortgeschritten  ist, daß  es -  bei  Auf-
       rechterhaltung unterschiedlicher Ausgangspunkte der Krisenanalyse
       - den  verschiedenen wissenschaftlichen Diskussionszusammenhängen
       zunehmend gelingt,  die marxistische  Krisentheorie für die aktu-
       elle Realanalyse  fruchtbar zu  machen.  Die  Wiederaufnahme  der
       Schlachtordnungen der siebziger Jahre scheint hier jedenfalls ef-
       fektiv gewesen zu sein.
       Die Relevanz  zunächst scheinbar  recht abstrakter  theoretischer
       Fragestellungen für  die Praxis  erwies sich nach Ansicht des Be-
       richterstatters in der Debatte um den Charakter der Krisenperiode
       seit den  siebziger Jahren.  So ist es ganz offensichtlich inzwi-
       schen zum  Gemeingut der marxistischen und sozialistischen Linken
       geworden, daß  die Krise  von 1974/75  einen tiefen Entwicklungs-
       bruch beinhaltet,  sei es,  daß  dieser  mit  der  Kategorie  der
       "großen Krise",  der "Umbruchperiode",  des "Strukturbruchs" oder
       der "Regulierungskrise"  erfaßt wird.  Ökonomisch erscheint diese
       Periode als chronische oder strukturelle Überakkumulation von Ka-
       pital - es gelingt nicht mehr, das vorhandene Kapital im Zuge des
       realen Reproduktionsprozesses anzulegen und zu verwerten. Die an-
       haltende Massenarbeitslosigkeit  ist ein sozialer Ausdruck dieses
       Tatbestandes. Die Reaktionen der Kapitalseite darauf sind bislang
       eher geeignet, das Problem der Überakkumulation noch zu verschär-
       fen. So  ist zwar einerseits festzustellen, daß im Zuge rigoroser
       Restriktionspolitik die Produktionskosten gesenkt, die Einführung
       von Rationalisierungstechnologien  forciert werden  konnten. Dies
       hat die anlagefähige Profitmasse tendenziell erweitert, es wurden
       aber gleichzeitig  keine neuen Anlagefelder dafür geschaffen. Das
       relativ (im  Verhältnis zu den Verwertungsbedingungen) überschüs-
       sige Kapital  drängt vor  allem auf  die Geld- und Kapitalmärkte,
       sucht und findet neue Anlagemöglichkeiten in der Form des Leihka-
       pitals.
       Das Problem  der Verschuldung der Dritten Welt wurde insbesondere
       unter diesem  Aspekt diskutiert:  die Überschuldung als Kehrseite
       der Überakkumulation  von Realkapital  - also  als  Ausdruck  der
       strukturellen Überakkumulation in den kapitalistischen Industrie-
       staaten. Die  "unbezahlbare" Schuldenlast  als Ausdruck fälliger,
       aber  nicht   vollzogener  Kapitalvernichtung  erweist  sich  als
       Hauptentwicklungshemmnis in der Dritten Welt und wirkt damit kri-
       senhaft auf die gesamte Weltwirtschaft zurück. Ein Hauptdiskussi-
       onspunkt  war   dabei  die   Frage,   welche   Perspektiven   das
       "Krisenmanagement" des Kapitals in diesem Punkt eröffnet. Während
       Schui die Position begründete, daß einerseits die Regulierungska-
       pazität des  internationalen Banksystems und der kapitalistischen
       Institutionen ausreicht,  um einen  "internationalen Bankenkrach"
       zu verhindern, andererseits "keine Großbank und auch keine Regie-
       rung ein Interesse am Zusammenbruch des internationalen Bankensy-
       stems" hat  (S. 55/56),  vertraten Schubert und Altvater eher die
       Ansicht, daß eine solche Gefahr real sei: Vor allem deshalb, weil
       die hohe Verschuldung der USA mittlerweile die "Wünschbarkeit ei-
       nes weltweiten  Finanzkrachs" auch in US-Kreisen zum Diskussions-
       gegenstand gemacht  hat (S.  45). Auch muß die konjunkturelle Si-
       tuation, die  Möglichkeit einer neuen zyklischen Krise - so Detje
       - berücksichtigt werden.
       Für Schui  dagegen ergeben  die auf  den ersten Blick z.T. wider-
       sprüchlichen Entwicklungen  der letzten Jahre - zunächst US-Hoch-
       zinspolitik und  Dollaraufwertung, etwa  ab 1985  Dollarabwertung
       und Zinsminderung  - doch  das Bild  einer insgesamt konsistenten
       US-Strategie zur  Wiedergewinnung der  internationalen Hegemonie.
       Die dabei  zentrale Rolle des Dollars als internationale Leitwäh-
       rung schließt die bewußte Inkaufnahme eines Bankenkrachs aus. Die
       USA seien  eher zur  Verstaatlichung des Bankensystems bereit als
       Liquiditätsschwierigkeiten zu  riskieren. Auch hat die Dollarver-
       schuldung der  USA, die  seit etwa  zwei Jahren  im Zuge der Zah-
       lungsbilanzdefizite rapide  ansteigt, einen durchaus anderen Cha-
       rakter als  die Fremdwährungsverschuldung  der Länder der Dritten
       Welt.
       Die Beschreibung  der gegenwärtigen  Krisenperiode als  Situation
       chronischer Überakkumulation  erfolgte aus zwei unterschiedlichen
       Begründungszusammenhängen heraus.  Bischoff und Krüger sahen dies
       als Ergebnis  des Falls der Profitrate: diese habe einen so nied-
       rigen Stand  erreicht, daß  die Profitmasse nicht mehr ausreicht,
       um die Akkumulation so auszudehnen, daß die produktive Beschäfti-
       gung noch  erweitert werden  kann. Dies  sei eine zyklenübergrei-
       fende Erscheinung.  Der in  der Krise  auftretende "Formwandel in
       der Konkurrenz" behindert den notwendigen Ausgleich der Profitra-
       ten und  begründet ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen der
       Verwertung des  Real-und des Leihkapitals (S. 29). Dem Berichter-
       statter schien  es von  hier nur noch ein kleiner Schritt zur Be-
       gründung der theoretischen Kategorie des Monopols.
       Die andere,  von Goldberg  angebotene  Variante  der  chronischen
       Überakkumulation geht  von der  Tendenz der kapitalistischen Pro-
       duktionsweise zur  Überproduktion, zur  Errichtung von Dispropor-
       tionen zwischen  Profitproduktion und Profitrealisierung aus. Die
       Funktion der zyklischen Krisen, diese Widersprüche periodisch zum
       Ausgleich zu  bringen, ist  durch strukturelle  Veränderungen auf
       der Ebene  der Produktionsverhältnisse blockiert, die Überproduk-
       tion wird chronisch.
       In der  Diskussion wurde  vielfach darüber nachgedacht, ob dieser
       Zustand einer  quasi kapitalimmanenten  Lösung zustrebt,  ob also
       die gegenwärtige Krisenperiode die Voraussetzung für eine Wieder-
       belebung der  kapitalistischen Akkumulationsdynamik  schafft. Al-
       lerdings haben  sich nur wenige Diskussionsteilnehmer hier zu ei-
       ner eindeutigen  Antwort bereitgefunden: Natürlich ist die Gefahr
       groß, einfach  Gegenwartstendenzen  fortzuschreiben.  So  stellte
       Mattfeld  richtig   fest,  daß   in  den   sechziger  Jahren  die
       "Wirtschaftswunderideologie" auch  marxistische Gehirne vernebelt
       hatte (S.  182). Es  muß also  vermieden  werden,  daß  nun  eine
       "Dauerkrisenideologie" den  Blick für  den  tatsächlichen  Anpas-
       sungsspielraum des Kapitals trübt - was allerdings eben im Gegen-
       satz zu  Mattfelds Kritik am theoretischen Übergewicht der Tagung
       gründliche theoretische Analyse verlangt.
       Die Debatte  über Lange Wellen hatte explizit diese Fragestellung
       zum Thema. Allerdings fanden sich nur wenige Vertreter dieses An-
       satzes, die  nun tatsächlich von einer Neubelebung der Wachstums-
       dynamik in den neunziger Jahren ausgingen - also entsprechend dem
       "Wellenansatz" die  kapitalistische Wirtschaft  vor einer Periode
       wieder verstärkter  Dynamik sahen.  Immerhin traf Kleinknecht als
       ausgewiesener Verfechter  dieses Ansatzes  doch die Feststellung,
       "daß ein  neuer Aufschwung in den neunziger Jahren durchaus wahr-
       scheinlich ist",  wenn er  damit auch  keineswegs die Rückkehr zu
       Wachstumsraten der  fünfziger und sechziger Jahre meinte (S. 91).
       Die Einwände  gegen diese  Position waren  zahlreich:  Einerseits
       wurde die Ansicht vertreten, daß es der Theorie der Langen Wellen
       - neben dem Problem der empirischen Belegbarkeit - nicht gelingt,
       endogene Wendepunkte nachzuweisen. Darüber hinaus wurde vor allem
       von  Kisker   kritisiert,  daß   der  "Lange-Wellen-Ansatz"  eine
       politische Funktion  als kapitalistischer "Hoffnungsträger" habe,
       womit nun  die Arbeiterbewegung  eben nicht mehr auf den nächsten
       Konjunkturaufschwung, sondern  auf  die  Durchsetzung  der  neuen
       Technologien und  damit auf  die neue  "Lange  Welle"  vertröstet
       werden sollte  (S. 83).  Der Hinweis  von Kleinknecht,  daß damit
       nicht notwendig  passivem Warten  auf die  neue Technik  das Wort
       geredet, sondern der soziale Inhalt der Technologiepolitik thema-
       tisiert werde,  ist sicher  richtig. Ob man aber dem Kapitalismus
       und dessen "Selbstregulierungskraft" die Wiedergewinnung von mehr
       Wachstumsdynamik zutraut  oder ob  man ihren Ersatz oder doch zu-
       mindest ihre  Ergänzung durch  politische Steuerung  im Interesse
       der und  durch die Arbeiterbewegung für notwendig hält - dies be-
       inhaltet doch erhebliche Konsequenzen für den Charakter einer Al-
       ternativstrategie der Linken.
       So muß  es auch  als Schwäche  der Vertreter  der "Strukturbruch-
       these" (Altvater  u.a.) ebenso  wie jener der These der absoluten
       Überakkumulation (Bischoff  u.a.) bezeichnet  werden, daß sie nur
       wenig Auskünfte  über die  weiteren Perspektiven  gegeben  haben.
       Denn,  wenn  gegenwärtig  von  einem  "Strukturbruch"  gesprochen
       werden kann,  dann muß  auch Auskunft darüber gegeben werden, wie
       die neuen  Strukturen  aussehen  könnten  und  wie  sie  auf  den
       Akkumulationsprozeß des Kapitals als Basis der gesellschaftlichen
       Verhältnisse wirken.  Hübner/Stanger bemerken dazu, "daß sich das
       ökonomische System  in der  überzyklischen Akkumulationskrise  in
       einem pathologischen  Stagnationszirkel  verfängt",  aus  dem  es
       keine  "ökonomischen   Aufschwungsautomatik"  gibt.  Entscheidend
       seien -  und hier treffen sich die unterschiedlichen Positionen -
       die "politisch-institutionellen  Rahmenbedingungen"  (S.  74/75).
       Dabei überwog  die Ansicht,  daß nur  im Rahmen  der Durchsetzung
       einer  grundlegenden   Reformvariante  die   gegenwärtigen   Kri-
       senerscheinungen  überwunden  werden  können.  Den  konservativen
       Strategien wurde  dagegen  z.B.  von  Bischoff  bescheinigt,  daß
       "diese Deregulierungsstrategie  auf eine  politische Verschärfung
       der ökonomischen  Labilität  des  Akkumulationsprozesses  hinaus-
       läuft"  (S.   29).  Warum   dies  so  ist,  warum  denn  nun  die
       "Selbstregulierungsfähigkeit" des  Kapitalismus  versagt,  warum,
       noch so  tiefe Krisen  keine Bereinigung der Überakkumulation und
       damit neue  Expansionsbedingungen mit sich bringen - dafür fehlte
       aber   bei   vielen   Diskussionsteilnehmern   eine   theoretisch
       einleuchtende Begründung.  Diese ist  nur im Rahmen einer Theorie
       zu erbringen,  die die  kapitalistische Krisentendenz  als Verge-
       sellschaftungsprozeß auch  auf der  Ebene der Produktionsverhält-
       nisse begreift,  die also  darstellt, wie das System der ökonomi-
       schen Gesetze  des Kapitalismus durch das Kapital selbst untermi-
       niert wird,  wie es im Zuge der Strukturveränderungen des Kapita-
       lismus jene  Mechanismen untergräbt,  die die  "ökonomische  Auf-
       schwungsautomatik" des  klassischen Kapitalismus  ausmachen.  Man
       mag gegen  die Theorie  des staatsmonopolistischen  Kapitalismus,
       gegen Kategorien wie "Monopol", "Verflechtung von Staat und Mono-
       polen", "Finanzkapital"  usw. Einwände haben - allein es ist ein-
       zuräumen, daß die SMK-Theorie eine solche theoretische Begründung
       fehlender oder  gestörter kapitalistischer "Aufschwungsautomatik"
       bringt.
       Die von  Bischoff und  anderen angebotene Lösung, nun einfach die
       Situation der  absoluten Überakkumulation  für eingetreten zu er-
       klären -  in der der Fall der Profitrate nicht mehr durch den An-
       stieg der  Profitmasse in bezug auf die Akkumulation ausgeglichen
       wird -, erscheint dem Berichterstatter als ein "Ei des Kolumbus",
       will sagen,  als eine theoretische Gewaltlösung: Es bleibt völlig
       offen, warum  die immanenten Selbstreinigungsmechanismen, nämlich
       die kapitalistischer  Krisen, nun  nicht mehr  ausreichen, um die
       Periode der  strukturellen Überakkumulation  zu überwinden.  Dies
       müßte aus Strukturveränderungen auf der Ebene der Produktionsver-
       hältnisse erklärt  werden -  einer Ebene, die theoretisch aber in
       diesem Zusammenhang gemieden wird. Wenn auf der Tagung weitgehend
       Einigkeit darüber herrschte, daß eine gewisse Neubelebung der Ak-
       kumulationsdynamik  entscheidend  vom  Ausgang  politischer  Kon-
       flikte, von  der Durchsetzung wirksamer reformpolitischer Kräfte-
       konstellationen abhängt  - es wird weiter unten noch auf die ent-
       sprechende Alternativdiskussion einzugehen sein -, so scheint das
       dem (natürlich  parteiischen) Berichterstatter bislang nur in den
       Positionen der  SMK-Theorie überhaupt  theoretisch begründet. Die
       Fassung der  Kategorie der  "strukturellen Überakkumulation"  von
       Goldberg weist in vielen Punkten Gemeinsamkeiten mit den Positio-
       nen von  Bischoff/Krüger oder Hübner/Stanger auf - allerdings be-
       müht sie  sich darüber hinaus um eine theoretische Begründung für
       die Ansicht,  daß die Reaktionen des Kapitals auf diese Situation
       - Senkung  der Produktionskosten, Verbesserung der Produktionsbe-
       dingungen des  Profits, massive Umverteilung, neue Techniken usw.
       -  keine  "Aufschwungsautomatik"  beinhalten.  Die  "strukturelle
       Überakkumulation" wird  hier als Blockierung der Prozesse gefaßt,
       die die im Akkumulationsprozeß des Kapitals notwendig aufbrechen-
       den Disproportionen  zwischen Profitprodukten und Profitrealisie-
       rung, zwischen  Produktion und  Markt, zeitweilig  zum  Ausgleich
       bringen.
       Es sind  also die  ökonomischen Gesetze des Kapitalismus in ihrer
       staatsmonopolistischen Ausprägung,  die hier auch nur zeitweilige
       Lösungen  verhindern.   Auch  in  diesem  Begründungszusammenhang
       bleibt allerdings die Frage offen, die von Huffschmid aufgeworfen
       wurde: "Wo  sind die  wirtschaftlichen, politischen  und  gesell-
       schaftlichen Anpassungsspielräume und Veränderungspotentiale, die
       aus der  Depressionsphase seit  Mitte der siebziger Jahre heraus-
       führen und  etwa erlauben  würden, auf  der Basis der heute neuen
       Technologien eine längerfristige Wachstums- und Entwicklungsphase
       einzuleiten." Huffschmid diskutiert dabei zwei verschiedene quasi
       kapitalimmanente Varianten der "Anpassung": die weitere Durchset-
       zung einer  Strategie des  "neuen Konservativismus" und den Über-
       gang zu  einem "reformierten Kapitalismus", welcher immerhin auch
       Ansatzpunkte für  "eine grundsätzliche  Änderung der kapitalisti-
       schen Basisstrukturen"  bietet (S.  80). Er  nimmt  an,  daß  der
       zweite Weg dem Kapitalismus als Gesamtsystem zunächst größere Zu-
       kunftsperspektiven eröffnet  - was  allerdings keineswegs mit den
       Expansionsinteressen der Monopole vereinbar ist. Schließlich hält
       er es auch für möglich, daß es zu keinerlei Neubelebung der Dyna-
       mik kommt,  daß der  Kapitalismus zwar nicht zusammenbricht, aber
       immer weiter  in die  Krise gerät und so seine Rolle in der Welt-
       wirtschaft tendenziell abnimmt.
       Es scheint allerdings fraglich, ob dies die notwendige Konsequenz
       eines weiteren "Dahindümpeln" des Kapitalismus ist: Bislang haben
       sich Krisen, Arbeitslosigkeit und Wachstumsverlangsamung durchaus
       mit der  führenden Rolle einzelner Konzerne in der Weltwirtschaft
       vereinbaren lassen.  Es ist  eine offene Frage, ob eine quasi Ab-
       koppelung der  strukturbestimmenden Kapitale  von der Dynamik des
       gesamten kapitalistischen Reproduktionsprozesses für einen länge-
       ren Zeithorizont möglich ist, ob das Nebeneinander von prosperie-
       renden Monopolen und Branchen mit einem innovativen Vorsprung ei-
       nerseits und  einer "dümpelnden"  Gesamtökonomie, Krisen und Nie-
       dergängen in  breiten Teilen der Wirtschaft andererseits, denkbar
       erscheint. Bejaht  man diese Frage, dann ist allerdings die Frage
       nach den ökonomischen Anpassungsleistungen der gegenwärtigen Kri-
       senperiode eher  nebensächlich. Das  Schicksal  des  Kapitalismus
       hängt dann  nicht davon ab, ob es gelingt, die Akkumulationsdyna-
       mik des  Gesamtprozesses wieder  zu stimulieren bzw. eine weitere
       Wachstumsabschwächung zu verhindern - dann ist entscheidend ob es
       gelingt, die mit einer solchen Szenerie verbundenen sozialen Ver-
       armungsprozesse für  breite Massen, die zunehmende soziale Diffe-
       renzierung politisch  zu verarbeiten, d. h. sie für das Gesamtsy-
       stem politisch zu marginalisieren. Es geht also darum, was ökono-
       mische Krisen  politisch bedeuten, unter welchen Bedingungen öko-
       nomische Krisen  politisch im  antikapitalistischen Sinne wirksam
       werden. Es  muß als  gemeinsame Schwäche aller versammelten Posi-
       tionen bezeichnet  werden, dies  bislang zu wenig thematisiert zu
       haben.
       Während es  auf der  theoretischen Ebene scharfe - wenn auch pro-
       duktive  -   Kontroversen  gab,   schien  es  in  der  Frage  der
       Alternativkonzeptionen kaum  einen Dissens zu geben. Die Rede vom
       existierenden "Politökonomischen  Minimalkonsens"  (Jung,  Kremer
       und Mattfeld)  blieb unwidersprochen.  Dies war  kein Zeichen für
       eine Art  politischen Pragmatismus,  d.  h.  für  die  praktische
       Beliebigkeit der  ausgetragenen  theoretischen  Differenzen.  Man
       kann  -   dies  zeigte   die  Diskussion   der   Tagung   -   aus
       unterschiedlichen  theoretischen   Analysen  heraus  durchaus  zu
       gleichen oder  ähnlichen praktisch-politischen  Schlußfolgerungen
       kommen. Man  muß nicht  - wie  Zinn -  der Ansicht  sein, daß die
       Theorieansätze von  Marx und  Keynes  "integrationsfähig"  seien.
       Entscheidend bleibt trotzdem, daß unterschiedliche Theorieansätze
       einen "zutreffenden  Ausschnitt der Wirklichkeit" (Zinn) erfassen
       können  (S.   123)  und   dann  auch   zu  ähnlichen  praktischen
       Schlußfolgerungen führen werden.
       Natürlich ist  hier nicht  einer theoretischen  Beliebigkeit oder
       einem "Begründungspluralismus"  das Wort geredet. Denn die Tagung
       zeigte, daß  bei allen  theoretischen und auch politischen Gegen-
       sätzen der  gemeinsame Bezug  der Veranstalter  zur Arbeiterbewe-
       gung, ihr  Selbstverständnis als  sozialistisch  und/oder  marxi-
       stisch  doch  mehr  politische  Gemeinsamkeiten  und  Interessen-
       gleichklänge beinhaltet  als man im politischen Tagesgeschäft oft
       wahrzunehmen  vermag.  Die  Grundlage  des  recht  weitreichenden
       "Politökonomischen Minimalkonsenses"  ist  der  theoretische  und
       praktische Bezug  auf die Arbeiterbewegung, ein Wissenschaftsver-
       ständnis, das die Realität gegensätzlicher gesellschaftlicher In-
       teressen nicht  im Widerspruch  zum Wahrheitsanspruch von Theorie
       sieht.
       Auf dieser  Grundlage ist der gemeinsam akzeptierte Prüfstein al-
       ternativer Konzeptionen  immer die  Praxis der  Arbeiterbewegung,
       d.h. der  Bezug zur  Handlungsfähigkeit ihrer politischen und ge-
       werkschaftlichen Zusammenhänge und Organisationen. Jung beschrieb
       die Funktion  von wirtschaftspolitischen  Alternativen der Linken
       so: "Aber  entscheidend in  bezug auf die Verteidigung von Errun-
       genschaften und  auf die  Eröffnung weiterreichender  Reform- und
       Veränderungsschritte ist es, ob sich in einer solchen Periode die
       Gegenmachtpotentiale und  -möglichkeiten der Kräfte und Organisa-
       tionen der  Arbeiterklasse und  der Demokratie  erweitern oder ob
       sie integrativ erstickt werden" (S. 149). Er verwies damit einer-
       seits auf das Interesse der Linken an einer strategischen SMK-Va-
       riante mit  eher "etatistisch-reformistischem" Charakter, wie sie
       z. B.  in Ländern  wie Schweden oder Österreich praktiziert wird.
       Allerdings: Die  Linke muß sich dabei "auch in ihren wirtschafts-
       politischen Alternativen für eine weitreichende Reformpolitik of-
       fenhalten, die  sich die  Aufgabe der Änderung der sozialökonomi-
       schen Grundstrukturen  stellen kann  und dies  auch in ihren pro-
       grammatischen Vorstellungen anlegen" (S. 152). Verkürzung der Ar-
       beitszeit, staatliche  Beschäftigungsprogramme  und  ökologischer
       Umbau der  Produktions- und  Konsumstrukturen gehören  ebenso wie
       Stärkung der  Massenkaufkraft zum  Kernbereich des  politökonomi-
       schen Minimalprogramms.  Die meisten Diskussionsteilnehmer fanden
       dieses Programm im Kern bei den Forderungen der Memorandumsgruppe
       aufgehoben, die  hier unbestritten  auch  im  Detail  die  durch-
       dachtesten Konzepte  vorlegt. Darüber  hinaus aber  muß die Linke
       als  "institutionellen   Rahmen"  -  so  Kremer  -  Vorstellungen
       "öffentlich-demokratischer  Planungsansätze,   gewerkschaftlicher
       Mitbestimmungsrechte und Vergesellschaftungsschritte im industri-
       ellen  und   Kreditsektor"  entwickeln,   d.  h.  Konturen  einer
       "alternativen Regulierungs-  und Innovationsperspektive" sichtbar
       machen.
       Die Veranstalter  haben sich  am Ende  der Tagung darauf verstän-
       digt, nach den Bundestagswahlen Anfang 1987 eine Veranstaltung in
       ähnlicher Zusammensetzung  durchzuführen, bei  der die  Durchset-
       zungsbedingungen von  demokratischen Alternativen stärker im Mit-
       telpunkt stehen  dürften. Damit hat die sozialistische und marxi-
       stische Linke  Konsequenzen aus der Tatsache gezogen, daß sie nur
       dann zu  einem Orientierungspunkt  für demokratische  und gewerk-
       schaftliche Kämpfe  werden kann, wenn sie sich als diskussionsfä-
       hige  und  einigungsfähige  wissenschaftlich-politische  Strömung
       darzustellen versteht,  wenn ihr  gemeinsamer theoretischer Bezug
       auf die  Arbeiterbewegung auch  in der Praxis der Auseinanderset-
       zungen um  Alternativen zum  Kurs des  Kapitals zum Tragen kommt.
       Die Tagung  in Frankfurt hat gezeigt, daß solche gemeinsamen Kon-
       stellationen tragfähig sind, obwohl - oder vielleicht gerade weil
       - auch  die Differenzen dort offen und kontrovers diskutiert wer-
       den können.
       
       _____
       1) Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf das Protokoll der
       Tagung: PROKLA,  SPW, SOZIALISMUS, MEMORANDUM, IMSF, Kontroversen
       zur Krisentheorie, Hamburg 1986.
       

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