Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


       zurück

       
       ENTWICKLUNG DER DISKUSSION UND ERFORSCHUNG DER WERKE VON MARX
       =============================================================
       UND ENGELS IN MEXIKO WÄHREND DER LETZTEN DREI JAHRZEHNTE
       ========================================================
       
       Andrés Barreda
       
       1. Höhepunkt und Krise des Marxismus von den sechziger Jahren bis
       heute -  2. Marxistische Ökonomie als Hauptgebiet der Forschung -
       3. Die Edition der Werke von Marx und Engels - 4. Diskussion über
       Politik und  Staat -  5. Die  Hauptauseinandersetzungen unter den
       marxistischen Philosophen - 6. Erforschung der Kritik der politi-
       schen Ökonomie  - 7.  Zur Marxschen Theorie der Technik, der Ent-
       wicklung und des Staates
       
       In diesem  Aufsatz wird  beschrieben, wie sich in Mexiko seit den
       60er Jahren  das Interesse für das Studium der Werke von Marx und
       Engels entwickelt. Dabei wird nicht die Geschichte des ganzen me-
       xikanischen Marxismus dargestellt, d. h. eine Geschichte, die die
       von Marx,  Engels und  vom ganzen  nachfolgenden Marxismus inspi-
       rierte Diskussion  einschließt, welche  sich mit  der Analyse der
       Ökonomie, der  Politik, der  Geschichte  Mexikos,  Lateinamerikas
       usw. befaßt.  Diese Entwicklung wird vielmehr nur in Betracht ge-
       zogen, um  zu erörtern,  wie in  Mexiko das  Bedürfnis nach einer
       Vertiefung in das Werk von Marx und Engels selbst entstanden ist.
       Ich habe  für diesen  Beitrag Interviews durchgeführt - sie waren
       sehr aufschlußreich  -, um möglichst originalgetreu die wirkliche
       Geschichte des Marxismus in Mexiko darlegen zu können. Sie wurden
       von Rodrigo  Martinez Baracs,  Paco Ignacio Taibo, Alejandro Gál-
       vez, Gabriel  Brum, Armando Bartra, Julia Moguel, Adolf o Sánchez
       Vázquez und Jörge Juanes gewährt. 1)
       
       1. Höhepunkt und Krise des Marxismus
       ------------------------------------
       von den sechziger Jahren bis heute
       ----------------------------------
       
       Anfang der 60er Jahre entwickelt sich in Mexiko ein Prozeß tiefer
       Erneuerung links orientierten Denkens, der von der "Stalinismus"-
       Kritik ausgeht. Dies nämlich infolge von drei wichtigen Ereignis-
       sen, die  zwischen 1956  und 1959 geschehen sind: 1. Der XX. Par-
       teitag der  KPdSU, der  die Krise  des politischen, ökonomischen,
       geschichtlichen usw.  Dogmensystems des  "Stalinismus"  zum  Vor-
       schein brachte.  2. Ein großer politisch-gewerkschaftlicher Kampf
       im Arbeiter-Sektor  (hauptsächlich Bahnarbeiter  und öffentlicher
       Dienst), ohne  Beispiel in  der Geschichte Mexikos; der Kampf der
       Arbeiter richtet  sich gegen  die Gewerkschaftsbürokratie und den
       Staat und  löst reformistische  Illusionen jener Epoche hinsicht-
       lich Perfektion und Ausbau des demokratischen Charakters der bür-
       gerlichen Gesellschaft  und des  bürgerlichen Staates auf. 3. Der
       Sieg  der  kubanischen  Revolution,  der  die  Möglichkeit  einer
       "sozialistischen" -  auf die Paradigmen der russischen Revolution
       nicht angewiesenen  - Revolution in Lateinamerika sehen läßt. Mit
       dieser historischen  Situation beginnt der Entwicklungsprozeß der
       wichtigsten marxistischen  Diskussion in  der Geschichte der Lan-
       des.
       Die Anfang  der 60er Jahre vorherrschenden Ideen der Linken gehen
       von der  "stalinistischen" Welterklärung aus, aus der - wegen ih-
       rer unmittelbaren  politischen Implikationen - die Interpretation
       der ökonomischen Situation, die Lehre von der. politischen Aktion
       sowie die philosophischen Fundamente ihres Diskurses hervorragen.
       Die oben  aufgezeigten politischen  Krisen splittern  diesen Dok-
       trin-Komplex in  verschiedene Fronten  auf. Wir  beziehen uns auf
       die wichtigsten:  a) Die  radikale Rückkehr zu den leninistischen
       (gegen die stalinistischen) Prinzipien von Organisation und revo-
       lutionärer Aktion.  (Hierzu vgl.  José Revueltas, El Proletariado
       sin Cabeza  / Das  Proletariat ohne  Kopf /, Mexiko 1963). b) Die
       Entstehung neuer  Interpretationen der  ökonomischen Wirklichkeit
       von Mexiko, die der dogmatischen ökonomischen Auffassung der kom-
       munistischen Partei  Mexikos (PCM)  gegenüberstehen. Der ökonomi-
       sche Rückstand  des Landes war nämlich nach dieser Auffassung auf
       Relikte der  feudalen Produktionsweise zurückzuführen. Diese bei-
       den Erneuerungsdebatten  zeigen immer  stärker auf  einen    g e-
       m e i n s a m e n  K n o t e n p u n k t,  nämlich: c) Die Kritik
       an den  ontologischen Vorstellungen  der "stalinistischen" Dogma-
       tik. Hierfür  zeichnet -  anscheinend unabhängig  von den vorher-
       gehenden Polemiken  - der  Philosoph Adolfo  Sánchez Vázquez ver-
       antwortlich. Seine  Kritik geht  aus einer  Diskussion gegen  die
       "stalinistische" Ästhetik hervor, um in ein direktes und systema-
       tisches  Studium  von  Marx,  insbesondere  seines  Jugendwerkes,
       auszumünden.
       Während dieser Anfangsperiode herrscht extreme geistige Armut bei
       den Anhängern und Intellektuellen der Linken. Hungrig nach kriti-
       schem Bewußtsein, fast von Null ausgehend, konstruieren sie einen
       kritischen und rebellischen Kontext, der immer lebhafter wird und
       sich steigert.  Die Studentenbewegung des Jahres 1968 ist der er-
       ste politisch-soziale  Ausdruck dieser neuen Intellektuellen. De-
       ren gewaltsame  Unterdrückung durch  den Staat  löst einen  neuen
       Sprung in  ihrem Denken aus, der sie zur Vertiefung des Marxismus
       führt und  über die  fast ausschließliche  Lektüre des Leninismus
       und der  Theorie über  Abhängigkeit und Unterentwicklung der vor-
       hergehenden Periode hinausgeht. Von diesem Moment an breiten sich
       das Studium  und die  Diskussion der primären Quellen aus, sowohl
       der Frühschriften  von Marx  und Engels,  als auch der Kritik der
       politischen Ökonomie; außerdem das direkte und tiefgreifende Stu-
       dium des  Gesamtwerks Lenins,  über die  Lehrbücher hinaus. Diese
       neue Phase  des Aufschwungs  in den  marxistischen Studien - viel
       profunder als  die vorherige  - währt  von 1969  bis 1977.  Diese
       Phase gründet  in einer  aufsteigenden Entwicklung des nationalen
       Arbeiterkampfes für erneute Unabhängigkeit von gewerkschaftlicher
       Bürokratie und  vom Staat.  Während dieses  Zeitabschnitts wird -
       als Resultat  zahlreicher studentischer  Kämpfe - das Studium des
       Marxismus  an   den  Universitäten   legalisiert.   Die   Verlage
       (Grijalbo, Siglo  XXI, Era  etc.) und die Buchhandlungen, die den
       Marxismus verbreiten,  nehmen sehr  stark zu.  Wichtige Texte von
       Marx werden  übersetzt und  veröffentlicht, es wird das Beste aus
       der klassischen und gegenwärtigen marxistischen Diskussion impor-
       tiert und  übersetzt. Es  entstehen qualitativ  gute marxistische
       Zeitschriften (Historia  y Sociedad  (segunda época) / Geschichte
       und Gesellschaft  (zweite Entwicklungsphase) /; Cuadernos Politi-
       cos /  Politische Hefte /; Dialéctica). Aber vor allem erscheinen
       zahlreiche Studien  über die nationale Wirtschaft und Politik, in
       denen die  marxistische Theorie angewandt wird. Kurz nach der er-
       sten wichtigen  Niederlage, die der unabhängige Arbeiterkampf des
       Landes erlitt,  fällt diese Aufschwungphase ab: Ich meine den von
       den Elektrizitätsarbeitern  1976  angekündigten    G e n e r a l-
       streik,   der vom  Staat manipuliert und untergraben wurde, sowie
       die Demontage  ihrer   u n a b h ä n g i g e n  u n d  n a t i o-
       n a l e n     g e w e r k s c h a f t l i c h e n    O r g a n i-
       s a t i o n.   Letztere war  das Rückgrat  gewesen, das bis dahin
       sämtliche  kleinen   Arbeiter-  und   Bauern-kämpfe  des   Landes
       zusammenhielt, verstärkte  und anwachsen ließ. Mit dieser Nieder-
       lage beginnt  der  Verfall  der    A k t i v i s t e n - O r g a-
       n i s a t i o n e n,   begleitet  von  einer  tiefen  kulturellen
       Krise bei  den Revolutionären.  Es ist der Moment, da die Einfuhr
       neuen linken  Gedankenguts aus  Europa beginnt,  das seit wenigen
       Jahren in  einer  Krise  steckt.  Die  "neuen  Philosophen",  die
       Lektüre des Nihilismus (Foucault, G. Bataille, Nietzsche usw. und
       später auch  Heidegger), werden  in Mexiko  aufgenommen. In  eben
       dieser Zeit  ändert  der  mexikanische  Staat  intelligenterweise
       seine Strategie: Die Repression gegen die Arbeiterklasse wird mit
       einer minimalen  legalen Öffnung parlamentarischer Spielräume und
       mit der  Zulassung und  finanziellen Förderung  der  Organisation
       neuer  linker   und  rechter  Parteien  verknüpft.  Das  ist  der
       schärfste Ausdruck eines massiven Integrationsprozesses gegenüber
       den linken  Intellektuellen innerhalb der bürokratischen Apparate
       der Universität  und  des  Staates.  Charakteristisch  für  diese
       Periode sind:  der Rückgang  des Interesses  an der  Lektüre  von
       Marx,  ihr   tendenzielles  Verbot  innerhalb  der  universitären
       Zentren, bestenfalls  eine wissenschaftliche  "Relativierung" von
       Marx gegenüber den angeblichen Leistungen der modernen sozialwis-
       senschaftlichen Fachdisziplinen sowie eine eklektische Fusion des
       Marxismus mit diesen. Dennoch schaffen während dieser letzten Pe-
       riode die  Marxisten, die ihre Prägung bereits früher erhielten -
       hauptsächlich diejenigen,  welche sich in Mexiko mit dem systema-
       tischen Studium  von Marx  und Engels  beschäftigen - ihre besten
       Arbeiten. Bevor wir einige Hauptresultate erläutern, vergegenwär-
       tigen wir  uns die wichtigsten Entwicklungsmomente des revolutio-
       nären Bewußtseins während dieses Aufstiegs und dieser Krise.
       
       2. Marxistische Ökonomie als Hauptgebiet der Forschung
       ------------------------------------------------------
       
       Das Bedürfnis, gegenüber dem reformistischen Sozialismus die öko-
       nomische Theorie  eines semi-feudalen Mexiko zu widerlegen, macht
       es für die neuen Militanten der 60er Jahre erforderlich, ihre re-
       volutionäre Strategie  zu rechtfertigen, und zwar, indem sie öko-
       nomische Daten  zum Beweis des industriellen Wachstums von Mexiko
       anführen. Von da an wird die Ökonomie allmählich ein wesentlicher
       Bestandteil des  neuen Bewußtseins  der Linken. Das bringt  d i e
       N o t w e n d i g k e i t  mit sich, die  m e x i k a n i s c h e
       u n d  l a t e i n a m e r i k a n i s c h e  W i r t s c h a f t
       w i s s e n s c h a f t l i c h  als schon vollendete - wenn auch
       abhängige -   k a p i t a l i s t i s c h e   Ökonomie  zu   e r-
       k l ä r e n,   somit für  eine spezifische  sozialistische  Revo-
       lution fähig.  Die Diskussion über Abhängigkeit und Unterentwick-
       lung ordnet  Lateinamerika in  einen weltweiten  kapitalistischen
       Rahmen ein (Gunder Frank). Dafür werden die Theorien des Imperia-
       lismus und  des staatsmonopolistischen  Kapitalismus  angewendet.
       Gleichwohl produziert  die übertriebene Betonung, die diese Theo-
       rien auf die internationalen Beziehungen der  V e r t e i l u n g
       der Überschüsse  setzen, bei anderen das entgegengesetzte Bedürf-
       nis, nämlich  die Realität  des Landes  aus  dem    i n n e r e n
       Klassenkampf und dem  i n n e r e n  Industrialisierungsprozeß zu
       erklären. Im  großen und  ganzen kann  man sagen, daß daraus zwei
       neue Strömungen  entstehen. Nach  1968 taucht innerhalb der PCM /
       Kommunistische Partei  Mexikos /  eine neue  marxistische  Schule
       (hauptsächlich durch Enrique Semo und Roger Bartra) auf, die neu-
       erlich den  Akzent  auf  den    a g r a r i s c h e n    R ü c k-
       s t a n d   des Landes  setzt, der allerdings im Zusammenhang mit
       der Akkumulation  des Kapitals  zu erklären  versucht wird. Dabei
       wird von  einer "Artikulation  der Produktionsweisen" gesprochen.
       Die andere Strömung linker Nationalökonomen (gruppiert um Rolando
       Cordera) setzt  den Akzent  auf den  I n d u s t r i a l i s i e-
       r u n g s p r o z e ß,   auf die  Einkommens  V e r t e i l u n g
       und auf  die Kritik  der Wirtschaftspolitik der Verschuldung. Den
       Horizont dieser  "marxistischen" Interpretation markieren Maurice
       Dobb und  Joan Robinson.  Unterdessen überlebt  die  Theorie  der
       Abhängigkeit  und  Unterentwicklung  durch  neue  Repräsentanten,
       nämlich durch  südamerikanische  Exilanten,  die  in  der  ersten
       Hälfte der  70er Jahre  nach Mexiko  kommen (R.  Mauro Marini und
       Theotonio Dos Santos). Die  Ü b e r a u s b e u t u n g  / super-
       explotación /  der Arbeiterklasse in den abhängigen Ländern macht
       ihr Hauptthema aus.
       Seit Ende  der 60er  Jahre beginnt  man in  Mexiko, die Marxschen
       Theorien über  den Wert  und die  einfache Warenzirkulation,  den
       Mehrwert und die technologische Entwicklung, die Akkumulation und
       die Reproduktionsschemata,  das Transformationsproblem  der Werte
       in Preise  und die  Rententheorie intensiv zu diskutieren. Am An-
       fang der  internationalen Wirtschaftskrise  (1971-73) wird in Me-
       xiko die  marxistische Diskussion  über den Zusammenbruch und den
       tendenziellen Fall der Profitrate eingeführt. Gegen Ende der 70er
       Jahre wird  durch die nationale Erfahrung der Krise Interesse für
       Finanzfragen geweckt,  und zwar  mit erneutem  Augenmerk auf  den
       Weltmarkt. Die  weitere Gestaltung  der weltweiten  industriellen
       Grundlage bringt  schließlich die Diskussion über Technologie und
       Entwicklung in den Vordergrund. Darüber wird so heftig und reich-
       haltig wie nie zuvor in den linken nationalen Medien polemisiert.
       Hierbei wird das komplexe Interesse für eine profunde Lektüre und
       Erforschung der  Kritik der  Politischen Ökonomie produziert, re-
       produziert und  entwickelt, vor  allem für  die  drei  Bände  des
       "Kapitals".
       Es ist  außerdem hervorzuheben,  daß dieser  ganze -  soeben  be-
       schriebene -  vielfältige theoretische  Komplex als  p o l e m i-
       s c h e n   K e r n   immer die  W e r t t h e o r i e  hatte, zu
       der alle  linken Ökonomen  Stellung beziehen  mußten und  müssen.
       Dies, um  die Beziehungen  zwischen  Metropolen  und  Peripherie,
       zwischen  Stadt   und  Land,  zwischen  Wirtschaftssektor  I  und
       Wirtschaftssektor II,  die "Überausbeutung",  die  sozialistische
       Planung, die  nationale Akkumulation,  die Wirtschaftspolitik des
       Staates usw.  zu erklären; zu diesem Zweck beanspruchen die mexi-
       kanischen "marxistischen Ökonomen" entweder die Werttheorie posi-
       tiv oder  wollen sie  erst kritisch vertiefen oder teilweise bzw.
       total anfechten.
       
       3. Die Edition der Werke von Marx und Engels
       --------------------------------------------
       
       Vielleicht gibt  es nur  noch in wenigen Teilen der Welt ein grö-
       ßeres Interesse für Marx. Als Beispiel beachte man das enorme In-
       teresse, das  es in Mexiko für den Text des Kapitals bisher gege-
       ben hat.  Im Jahre  1975 wird  hier die  beste kritische  Edition
       (welche die Version von 1867 und die französische Version mitein-
       bezieht) des  Kapitals -  in hervorragender Übersetzung von Pedro
       Scaron (Verlag ed. Siglo XXI) - veröffentlicht. Im Buchhandel ist
       auch die  Übersetzung von  Manuel Sacristán  zu finden  (Grijalbo
       Verlag). Beide  Versionen verbessern  die schon  gute Übersetzung
       von Wenceslao  Roces (Verlag  Fondo de  Cultura Economica). Außer
       diesen gibt  es weitere  Versionen  (Verlag  Cártago  und  Verlag
       Akal). Bis vor kurzem waren auch die zwei ersten spanischen Über-
       setzungen vorrätig  (Verlag Aguilar, 1931, Übersetzung von Manuel
       Pedroso; und  Verlag Pavlov,  Übersetzung von  B.  Justo,  1898).
       Schließlich wird  demnächst die  neue Version von Wenceslao Roces
       (Verlag Fondo  de Cultura  Económica) erscheinen. Soweit wir wis-
       sen, existieren  in keiner anderen Sprache außer der deutschen so
       vielfältige und sorgfältig ausgearbeitete Editionen des Kapitals.
       Des weiteren  existieren nicht  nur fünf  Übersetzungen  von  Zur
       Kritik der  politischen Ökonomie;  vier der Grundrisse der Kritik
       der politischen Ökonomie; drei der Theorien über den Mehrwert, es
       wurden auch  gerade einige  Fragmente der  Studienhefte von  Marx
       über Technologie  (1851 und 1856) übersetzt, ebenso Fragmente des
       Manuskriptes  1861-63   Zur  Kritik   der  Politischen   Ökonomie
       (nämlich: die vorbereitenden Fragmente zu Kapitel 4, 5 und 13 des
       Kapitals sowie  mehrere Schritte  des Manuskripts,  in denen  das
       Problem der  formalen und  realen Subsumtion der Arbeit unter das
       Kapital  behandelt   wird).  Nebenbei   gesagt,  macht  dies  das
       spärliche, noch  weitgehend unbekannte Material der neuen MEGA in
       spanischer Sprache aus.
       Ebenfalls zahlreich sind die Veröffentlichungen der Frühschriften
       von Marx.  Gegenwärtig gibt  es in Mexiko sechs Übersetzungen der
       Manuskripte von 1844. Die Mehrzahl der Hauptwerke von Marxist be-
       reits übersetzt.  Fast alle sind in Mexiko zugänglich. Diese ver-
       schiedenen Editionen  erreichen zusammengenommen  - ohne  diverse
       Übersetzungen ein  und desselben Textes zu zählen - über 40 Bände
       der deutschen  Sammlung MEW.  Der einzige  Verlag, der heutzutage
       noch neue  Übersetzungen, Ausarbeitungen  von  Übersetzungen  und
       Editionen von  bisher unveröffentlichten Marx- und Engels-Schrif-
       ten herausbringt, ist der Verlag Fondo de Cultura Económica (FCE)
       de México.  Wenceslao Roces hat ein Verlagsprojekt mit über zwan-
       zig Bänden  unter dem Titel Hauptwerke organisiert. Es beinhaltet
       Ausarbeitungen von  Übersetzungen des  Kapitals,  der  Grundrisse
       etc., sowie bisher unveröffentlichte Editionen der frühen Schrif-
       ten -  insbesondere von  Engels -; Zeitungsartikel über Weltwirt-
       schaft, Kolonialismus,  Arbeiterbewegung; zahlreiche geschichtli-
       che Aufsätze  des späten  Engels usw.  Bedauerlicherweise enthält
       dieses Projekt  keine Übersetzungen aus der neuen MEGA. Wenceslao
       Roces war  der erste  bedeutende Übersetzer  von Marx  und Engels
       seit den  dreißiger Jahren  (beim Verlag Cenit in Spanien und bei
       Ediciones de  Lenguas Extranjeras,  Moskau). Er  ist es bis heute
       immer noch;  übrigens mit erstaunlicher und gesunder selbstkriti-
       scher Fähigkeit.  Für seine  enorme und  unermüdliche Arbeit wird
       ihm die spanischsprechende Welt immer dankbar sein.
       Zieht man  eine globale  Bilanz des bisher übersetzten Materials,
       so gilt  es zu  bemerken, daß Übersetzungen und/oder Veröffentli-
       chungen des  größten Teils  der Korrespondenz, der vorbereitenden
       Manuskripte zu  verschiedenen Werken, aber vor allem der Exzerpt-
       und Studienhefte  aus allen  Epochen fehlen.  Des weiteren fehlen
       ebenfalls zahlreiche Aufsätze von Engels. Ungerechterweise ist er
       bisher vernachlässigt worden.
       Offensichtlich ist das in Mexiko für das Werk von Marx und Engels
       entstandene Interesse  enorm.  Diese  hauptsächlich  während  der
       letzten 25 Jahre durchgeführte Übersetzungsarbeit hat die materi-
       elle Möglichkeit eröffnet, das Werk von Marx und Engels tiefgrün-
       dig zu erforschen, was sich freilich noch weiter entwickeln kann,
       falls die  Übersetzungsarbeit derart  weitergeht. Man  wartet vor
       allem auf  die spanische  Version der  vorbereitenden Manuskripte
       zum Kapital von 1861-63 und 1864-65.
       
       4. Diskussion über Politik und Staat
       ------------------------------------
       
       Die nationale  politische und  soziologische Diskussion läßt sich
       durch eine  mit der  Ökonomie vergleichbare  polemische  Struktur
       kennzeichnen. Das  polemische Zentrum  ist allerdings die Diskus-
       sion über die  S t a a t s t h e o r i e.  Sie ist eigentlich die
       andauernde und älteste theoretische "Besessenheit" der nationalen
       Linken. Schon immer war der Staat der Hauptagent der kapitalisti-
       schen Entwicklung  in Mexiko.  Daher teilt die große Mehrheit der
       mexikanischen marxistischen  Ökonomen den  Gedanken, alle politi-
       schen Anstrengungen  auf den  Staat zu konzentrieren; symptomati-
       scherweise vergessen sie dabei jedoch die Bedeutung der Festigung
       und Demokratisierung der bürgerlichen Gesellschaft. Der Etatismus
       (estatalismo) und der Nationalismus sind die beiden Fetische, die
       am meisten das proletarische Bewußtsein dem Kapital untergeordnet
       haben.
       So versucht  beispielsweise Pablo  González Casanova  - einer der
       Begründer der  modernen linken  Soziologie in  Mexiko - in seinem
       berühmtesten Werk  La Democracia en Mexico (Mexiko 1965), die se-
       gensreiche historische Mission des modernen mexikanischen Staates
       aufzuzeigen, indem  er ihm  die seit  der Revolution von 1910 bis
       heute erfolgte  Verringerung der  marginalen  Bevölkerungsgruppen
       zuschreibt. "In  Mexiko", behauptet er, "zeigen die zwei in unse-
       rer Zeit  entgegengesetzten Philosophien  (Soziologie und Marxis-
       mus) heute  einen einzigen Wert auf: die Entwicklung der Demokra-
       tie und  des Kapitalismus,  eine im  übrigen ermutigende Tatsache
       auf theoretischem  Gebiet, welche  darüber hinaus  in der Politik
       dazu dienen kann, die Führung unnötiger Kämpfe zu vermeiden." Der
       Soziologe Victor  Flores Olea seinerseits kritisiert in derselben
       Zeit die  Illusion, daß das Elend in Mexiko - wie es Pablo Gonzá-
       lez Casanova sieht - als Reminiszenz einer vorrevolutionären Ver-
       gangenheit betrachtet werden könne, die durch die angeblich demo-
       kratische Entwicklung des Kapitalismus und seines Staates tenden-
       ziell überwindbar  sei. Der  Marginalismus ist  für  Flores  Olea
       vielmehr Produkt  der irrationalen  kapitalistischen Entwicklung.
       Daher schlägt er vor, "die Demokratisierung der Volksorganisatio-
       nen durchzusetzen, neue unabhängige Machtzentren zu bilden und zu
       stärken; dieses nicht, um sie in die Klassengesellschaft und ihre
       Zwecke zu integrieren, sondern vielmehr, damit sie jener Klassen-
       gesellschaft und jenen Zwecken gleichsam 'antworten'". Diese ent-
       gegengesetzten Positionen  des neuen  soziologischen und  politi-
       schen Denkens  der Linken  der 60er Jahre bieten ein paradigmati-
       sches Beispiel einer Diskussion, die bis in unsere Tage andauert.
       Unterstützung bekommen beide Positionen durch den Import der ver-
       schiedensten theoretischen  Staatsdiskussionen außerhalb  und in-
       nerhalb des  Marxismus. Den  zweiten Kern  dieser Diskussion kann
       man so formulieren: Ist der Staat "Personifizierung" des Kapitals
       und der Ökonomie, oder aber besitzt er Autonomie, die eine Eigen-
       ständigkeit der Gesellschaftsentwicklung zuläßt?
       Unter denen,  die diese  Autonomie akzeptieren, leiten einige die
       "wohltätige", antikapitalistische  Macht des  Staates ab;  andere
       wiederum seine in der Metaphysik der abendländischen Zivilisation
       eingeschriebene despotische Allmacht. Aus Letzterem entstehen die
       Diskussionen um Hegemonie und Konsens im Staat (Gramsci). Auf der
       anderen Seite gehen diejenigen, die im Staat auf die List des Ka-
       pitals pochen,  auf das  Studium seiner Funktion beim Akkumulati-
       onsprozeß über, das Studium seiner Form und seines Inhalts im Zu-
       sammenhang mit  der grundlegenden ökonomischen Sphäre der Gesell-
       schaft. Zugespitzt:  Die Mehrheit  der mexikanischen  "Marxisten"
       geht von einer  A b w e r t u n g  der politischen Ideen von Marx
       aus. Die Reformisten und mit ihnen die Anarchisten, indem sie den
       angeblichen ökonomischen Determinismus der Staatstheorie von Marx
       ablehnen. Die Leninisten, indem sie Lenin als denjenigen betrach-
       ten, der  wirklich die  Umrisse einer Theorie der Politik und des
       Staates vertieft habe; ferner einige "orthodoxe" Marxisten, indem
       sie nur in diesem oder jenem Fragment des Werkes von Marx (Kritik
       der Hegelschen  Rechtsphilosophie, Der 18. Brumaire des Louis Bo-
       naparte, Das Kapital etc.) wesentliche Elemente für die marxisti-
       sche Staatstheorie  anerkennen. Es gibt sehr wenige, die versucht
       haben, die Totalität des politischen Denkens von Marx zur Geltung
       zu bringen.
       
       5. Die Hauptauseinandersetzungen unter
       --------------------------------------
       den marxistischen Philosophen
       -----------------------------
       
       Nicht nur auf dem Gebiet der ökonomischen und politischen Theorie
       ist die "stalinistische" Dogmatik zusammengebrochen. Dies geschah
       auch in der philosophischen Begründung des Marxismus. Adolfo Sán-
       chez Vázquez  führt in  Mexiko die unmittelbare und systematische
       Lektüre des Werkes von Marx ein, rigoros konfrontiert mit sämtli-
       chen klassischen  und modernen  Interpretationen des europäischen
       Marxismus. Er  fördert in  der Fakultät  für Philosophie und Gei-
       steswissenschaften der  UNAM /  Nationale Unabhängige Universität
       von Mexiko / ein nicht dogmatisches Klima für das vertiefte Marx-
       Studium. Dort entstand eine ausgezeichnete Generation junger Phi-
       losophen, die im Laufe der Zeit zu den bestpräparierten Marxisten
       Mexikos zählten. Unter ihnen sind: Armada Bartra, Carlos Pereyra,
       Juan Garzón,  Jörge Juanes, Bolívar Echeverría und Gabriel Vargas
       Lozano. Es  ist Sánchez  Vázquez, der  in seinem  Hauptwerk - Fi-
       losofía de  la Praxis- erstmals in Mexiko darauf hinweist, daß es
       auf der Grundlage des Marxismus - und sogar in der Kritik der Po-
       litischen Ökonomie  - eine tiefe philosophische Problematik gibt:
       das Fundament  der Praxis. Von da an dringen viele seiner Schüler
       auf eigene  Faust immer  tiefer in  das Gebiet der Fundierung des
       Marxismus ein,  wenn auch  in diesem  Punkt eine  erste Divergenz
       kurz nach  1968 mit  der Bildung einer nationalen Gruppe von Alt-
       husserianern auftaucht  (Alberto Hijar,  Carlos Pereyra,  Enrique
       González Rojo  und Raúl Olmedo sind einige der wichtigsten Reprä-
       sentanten). Daraus leiten sich zwei große Strömungen in der neuen
       marxistischen Philosophie in Mexiko ab. Die erste - gegen Althus-
       ser, geführt  von Adolfo  Sánchez Vázquez  - beschäftigt sich mit
       der unmittelbaren, globalen und organischen Lektüre der Texte von
       Marx. Die  zweite,  die  diese  Tendenz  bekämpft,  schlägt  eine
       "psychoanalytisch-reinigende"  /  "expurgatorio-sicoanalítica"  /
       Lektüre der Texte von Marx vor, vermeintlich um die ideologischen
       Botschaften (hauptsächlich die "humanistisch-bürgerlichen"), wel-
       che den  eigentlichen wissenschaftlichen Diskurs von Marx trüben,
       "kritisch" (zwischen den Zeilen lesend) einzuordnen. Dafür lassen
       sie das Studium des jungen Marx vor dem "epistemologischen Bruch"
       (1846)  voreilig   beiseite,  sowie   wesentliche  Passagen   des
       "Kapitals" (beispielsweise bei der Theorie des Arbeitsprozesses).
       Dagegen besteht Sánchez Vázquez auf seiner Arbeit und organisiert
       darüber hinaus  eine systematische Kritik an Althusser. Seit 1967
       schreibt er  Artikel und  hält Vorlesungen bzw. Vorträge über das
       Thema. Schließlich veröffentlicht er 1978 sein Buch Ciencia y Re-
       volutión (El  marxismo de  Althusser), in  dem er seine Kritik an
       dem Theorizismus  dieser Version des Marxismus darlegt. Die Pole-
       mik veranlaßt Sánchez Vázquez, eine eigene Ideologie- und Wissen-
       schaftstheorie (vgl.  Ensayos Marxistas sobre Filosofía e Ideolo-
       gía) auszuarbeiten  und zu  formulieren. Seit den 50er Jahren be-
       faßt er sich - neben und im Zusammenhang mit dem Problem der Phi-
       losphie der Praxis - mit marxistischer Ästhetik und fördert so in
       Mexiko eine  strategische künstlerische Sensibilisierung der Mar-
       xisten -  gegen die  verhängnisvolle Vulgarisierung  während  der
       "stalinistischen" Periode.  Andererseits -  wie  Sánchez  Vázquez
       selbst berichtet  - weist  ihn die  Studentenbewegung von '68 auf
       die Notwendigkeit  hin, die Grundlinien einer Ethik zu beleuchten
       - eine  im Marxismus  wenig diskutierte  und weniger klare Frage.
       Gabriel Vargas Lozano, der sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Bi-
       lanz aus  dem Gesamtwerk von Sánchez Vázquez zu ziehen, behauptet
       mit gutem  Recht, daß es sich dabei um "ein Werk handelt, das in-
       zwischen Originalitätsniveau  erreicht hat und durch das sein Au-
       tor einer der wichtigsten marxistischen Philosophen der spanisch-
       sprechenden Welt geworden ist."
       Zur Polemik  mit dem  Althusserianismus gilt  es noch anzumerken,
       daß die  Bilanz dieser Schule ziemlich paradox ist. Zum einen hat
       diese Strömung  die organische  und autonome Lektüre von Marx be-
       hindert. Doch  zum anderen hat sie - vor allem seit Lire le Capi-
       tal (Mexiko  1969) -  eine gründliche Lektüre des Kapitals stimu-
       liert. Es  ist der  Althusserianismus, der in den 70er Jahren die
       Aneignung der Kritik der politischen Ökonomie mittels neuer Lehr-
       bücher (wie das von Martha Harneker) wiederbelebt hat. 2)
       
       6. Erforschung der Kritik der politischen Ökonomie
       --------------------------------------------------
       
       Trotz und  gerade wegen  der durch die Althusserianer ausgelösten
       Diskussion entwickelt sich so das unmittelbare Studium des Werkes
       von Marx  durch neue Philosophen, die die Arbeit von Sánchez Váz-
       quez fortsetzen:  G. Vargas  Lozano führt  diese Arbeit mit einer
       Sánchez Vázquez  naheliegenden Thematik  (Beziehung Hegel - Marx,
       Wissenschaft und  Ideologie etc.)  weiter und Bolivar Echeverria,
       Jörge Juanes  und Armando  Bartra mit  dem systematischen Studium
       der Kritik  der politischen  Ökonomie. Bolivar  Echeverría 3) und
       Jörge Juanes  gehen von der Diskussion über das Gattungswesen und
       über die  entfremdete Arbeit (Marx 1844) auf fruchtbare Weise auf
       die Kritik  der Werttheorie  über; dabei  wird von ihnen die Per-
       spektive des  Gebrauchswerts und des konkreten Reichtums, der so-
       zialen und  naturalen Form  des gesellschaftlichen Reproduktions-
       prozesses als  der Schlüssel  der Entwicklung der Produktivkräfte
       aufgegriffen. Im  übrigen konstituiert  dies den unterscheidenden
       Kern der  von  ihnen  begründeten  marxistischen  Strömung  (vgl.
       Bolívar Echeverría,  "Comentarios sobre el punto de partida de El
       Capital" (1,  2 und  3) /  Kommentare über  den Ausgangspunkt des
       "Kapitals" (1,  2 und  3) /; "Valor y Plusvalor" / Wert und Mehr-
       wert /; "Clasificación del plusvalor"; "Discurso crítico y desmi-
       stificación: el  concepto de  ganancia" /  Kritischer Diskurs und
       Entmystifizierung: der  Begriff des  Profits /. Und Jörge Juanes,
       Marx o  la Crítica de la Economía Política como fundamento / Marx
       oder die  Kritik der  politischen Ökonomie  als Fundament  /). In
       dieser Perspektive  werden von ihnen die ökonomischen Interpreta-
       tionen der  Kritik der politischen Ökonomie diskutiert, wobei sie
       außerdem  hervorragende   explikative  Hypothesen  zur  logischen
       Struktur des  "Kapitals" vorschlagen  (vgl.  Bolívar  Echeverría,
       "Esquema de  El Capital" / Schema des Kapitals /). Armando Bartra
       beschreitet einen  besonderen Weg,  indem er  die nationale land-
       wirtschaftliche Situation  gründlich erforscht (siehe Notas sobre
       la Cuestión  Campesina /  Notizen zur  Bauernfrage /).  Zu diesem
       Zweck führt er eine Diskussion mit dem Anthropologen Roger Bartra
       über die Rententheorie von Marx und über das Problem des Verhält-
       nisses Stadt  - Land.  Dies führt  ihn weiter zu einer Diskussion
       über die  Theorie der  kapitalistischen Entwicklung,  nämlich zur
       formalen und  realen Subsumtion  der Landarbeit unter das Kapital
       (vgl. La  explotación del  trabajo campesino  por el capital y el
       comportamiento económico de la producción campesina / Die Ausbeu-
       tung der bäuerlichen Arbeit durch das Kapital und der Vorgang der
       landwirtschaftlichen Produktion /).
       Nach der  kritischen Arbeit  dieser Philosophen  spaltet sich die
       Diskussion über  die Werttheorie  in zwei entgegengesetzte Lager:
       diejenigen, die  von einer  rein  ökonomistischen  Interpretation
       ausgehen, und  diejenigen, die diese Theorie wieder zum Ausgangs-
       punkt umfassender  Kritik der  bürgerlichen  Gesellschaft  machen
       wollen. Unter den ersten befinden sich jene, die die Theorien von
       Marx, insbesondere  das Problem  der Transformation  der Werte in
       Preise, als  inkonsistent betrachten.  Sie geben eine Theorie der
       Preise vor,  die nicht auf den Arbeitswert zurückgreift (Sraffa).
       Gegenüber dieser  Position existiert eine andere, ebenso ökonomi-
       stische, welche die Aktualität der Werttheorie hartnäckig vertei-
       digt -  aber aus einer Optik her, welche die Differenzen zwischen
       Marx und  Ricardo nicht  ganz zu  erklären vermag. Sie ignorieren
       die kritische  Perspektive des  Gebrauchswerts, das  Problem  des
       Wertausdrucks, und  legen eine wahre Besessenheit für das Rechnen
       mit statistischen  Zahlen als  einzigen Weg  der "Anwendung"  der
       Marxschen Theorien  auf die mexikanische Situation an den Tag. Es
       entsteht aber  auch eine kritische Strömung, welche die ontologi-
       sche Tiefe  der marxistischen  Werttheorie von vornherein erkennt
       und die  sich zudem  mit der  Einordnung dieser Theorie im Ganzen
       der Kritik der politischen Ökonomie beschäftigt. Bolívar Echever-
       ría und Jorge Juanes, Hauptvertreter dieser Strömung, bilden eine
       neue Generation  von Forschern  (Ökonomen, Philosophen usw.) aus,
       die, ohne  sich als  Schule zu  konstituieren, eine systematische
       und kollektive  Forschung betreiben. Die Hauptthemen, auf die sie
       eingehen, sind:  Wie ist  die Kritik der politischen Ökonomie be-
       gründet? Welche ist ihre spezifische Methode und was ist ihr Wis-
       senschaftsparadigma? Wie ist die logische Struktur des "Kapitals"
       beschaffen? Wie  sieht die  Marxsche Theorie der Entwicklung aus?
       Auch die  Genese und  die Veränderung  der Aufbaupläne der Kritik
       der politischen  Ökonomie werden  - neben  anderen Themen  -  er-
       forscht (vgl.  "licenciatura" - und Magister-Arbeiten an der öko-
       nomischen Fakultät  der UNAM von: Jörge Veraza, Concepción Tonda,
       David Moreno,  Gustavo Leal, Carlos Aguirre, Flor Baiboa, Alberto
       Carrillo, Pedro  H. Rodríguez und Andrés Barreda). Es ragen dabei
       die Forschungen über die Entwicklungstheorie von Marx heraus, die
       den Zweck  haben, die  gegenwärtige Etappe in der Entwicklung der
       kapitalistischen Welt zu charakterisieren.
       
       7. Zur Marxschen Theorie der Technik, der Entwicklung
       -----------------------------------------------------
       und des Staates
       ---------------
       
       Wenn sich  auch einige  Ökonomen seit  der ersten Hälfte der 70er
       Jahre über  das Problem der Technologie in der Kritik der politi-
       schen Ökonomie  Gedanken gemacht  hatten (vgl. Leonel Corona), so
       ist das  Thema doch  erst jüngst ins Zentrum der Debatte gerückt.
       Die internationale Umwandlung der technologischen Grundlagen, der
       internationale Streit  über ökologische  Probleme, vor allem aber
       die unüberwindbaren Bedingungen des ökologischen Ungleichgewichts
       in Mexiko-City  haben das  Problem der Technik zum Hauptpunkt der
       Debatte werden lassen. Während der 80er Jahre entwickelt sich ein
       großes Interesse  für die Theorie der Technologie bei Marx. Jörge
       Juanes, Bolívar  Echeverría, Enrique Dussel und Jorge Veraza sind
       dabei besonders zu nennen.
       Enrique Dussel  - Philosoph,  Herausgeber der Hefte von Marx über
       Technologie (1851 und '56) sowie Verfasser des einzigen in Mexiko
       veröffentlichten systematischen  Kommentars zu  den Grundrissen -
       nähert sich  dem Problem,  indem er die Technologie innerhalb des
       Gesamtsystems der Kritik der politischen Ökonomie lokalisiert. Er
       stößt jedoch  trotz seiner Bemühungen, die man als orthodox, aber
       zugleich auch  als kritisch bezeichnen könnte, nicht bis zum pro-
       blematischen Kern unserer aktuellen Debatte durch. In einem ande-
       ren Sinne  greifen Intellektuelle  marxistischen Ursprungs an der
       Universität von  Puebla (siehe  J. Juanes, Los Caprichos de Occi-
       dente /  Die Launen des Abendlandes /) die Kritik der Frankfurter
       Schule an der "Neutralität" der kapitalistischen Wissenschaft und
       Technologie wieder auf, wobei sie auf die Heideggersche Kritik an
       der "techne"  zurückkommen. Für  Juanes ist  es  nicht  die  Form
       (kapitalistische oder sozialistische) der Anwendung der Technolo-
       gie, die diese zum Herrschaftsmstrument macht, sondern ihr histo-
       rischer Inhalt  selbst. Dieser sei durch die repressive Weise ge-
       kennzeichnet, in  der  sich  die  Beziehung  zur  Natur  und  zur
       "produktivistischen" Zivilisation  des Abendlandes gebildet habe.
       Für diesen Autor ist die Theorie der Technologie bei Marx in die-
       sem Rahmen  befangen. Echeverría  und Veraza  antworten auf diese
       Kritik; Echeverria, indem er auf der Marxschen Theorie der forma-
       len und  realen Subsumtion des Arbeitsprozesses unter das Kapital
       insistiert; dafür übersetzt er unter anderem ein Fragment des Ma-
       nuskripts 1861-63  ins Spanische.  Veraza, indem  er sich mit dem
       nihilistischen Fundament  (Sein zum  Tode, bei  Heidegger und Ba-
       taille) dieser  Perspektive auseinandersetzt (vgl. Subvirtiendo a
       Bataille). Zu  diesem Zweck explizieren Echeverría und Veraza auf
       verschiedenen Wegen  den kritischen  Begriff des  Lebens bei Marx
       (siehe J.  Veraza, "Karl  Marx y la Técnica. Desde la Perspectiva
       de la  Vida" / Karl Marx und die Technik. Aus der Perspektive des
       Lebens /; B. Echeverría, "La forma social natural de la reproduc-
       ción social"  / Die  sozial-naturale Form  der gesellschaftlichen
       Reproduktion /.  Veraza nimmt  seinerseits das  Marxsche  Projekt
       einer kritischen  Geschichte der  Technologie auf,  wobei er  die
       Theorie der  formalen und  realen Subsumtion  der Produktion  und
       Reproduktion unter den Bereich der Bedürfnisse, insbesondere aber
       unter das  Kapital im  einzelnen aufzeigt. Darüber hinaus legt er
       dar, wie  sich diese Subsumtion in der Entwicklung der Produktiv-
       kräfte aktualisiert.  Die Erforschung des Begriffs der Produktiv-
       kräfte (als technische und als erzeugende Produktivkräfte) drückt
       den   v i t a l e n   Kern seiner  Interpretation  der  Marxschen
       Theorie  der  Technik  aus.  Es  existieren  außerdem  zahlreiche
       marxistische  Ökonomen  und  Soziologen,  die  bemüht  sind,  die
       Wirkung der Technologie auf die Arbeitslosigkeit, auf die Zerrüt-
       tung der Gewerkschaften usw. zu beschreiben. Dies sind zweifellos
       wichtige  Fragen.   Leider  müssen  wir  feststellen,  daß  diese
       Forscher nie  nach dem  historischen Sinn dieser dem Kapitalismus
       immanenten Tendenz  zur Automatisierung, nach den Schranken einer
       solchen Entwicklung,  geschweige denn  nach der  spezifischen Art
       und Weise, wie diese Tendenz sich in der Peripherie aktualisiert,
       fragen. Wie man sieht, hat diese Diskussion noch einen langen Weg
       vor sich ...
       Andererseits und  parallel zu  dieser  Diskussion  Anfang  dieses
       Jahrzehntes greift eine wichtige marxistische Gruppe von Exil-Ar-
       gentiniern in  Mexiko-Gründer der ausgezeichneten Zeitschrift Pa-
       sado y  Presente / Vergangenheit und Gegenwart / - die Diskussion
       über die lateinamerikanische Eigenart der sozialistischen Revolu-
       tion wieder  auf. José  Aricó leitet die Polemik ein (vgl. Marx y
       America Latina),  indem er  von vorneherein  die Zulässigkeit der
       Kritik der politischen Ökonomie für die Erfasssung der weltweiten
       Totalität in  Frage stellt. Zum Beweis führt er unter anderem die
       Wende des  späteren Marx  an (hinsichtlich der russischen Dorfge-
       meinschaft /  Mir /), der wesentliche Prinzipien der Revolutions-
       theorie neu  formuliert habe.  Marx habe  versucht, die  komplexe
       kulturelle Verschiedenheit  der Welt, die in der westlichen revo-
       lutionären Strategie des Kommunistischen Manifests und des syste-
       matischen   T e i l s   der Kritik der politischen Ökonomie nicht
       eingeschlossen waren,  zu erfassen.  Es gibt Aufsätze und Artikel
       von Marx  über Indien,  Irland, China, Rußland und Lateinamerika,
       über Mexiko  und über  Bolivar etc.  Aricó fordert zur Vertiefung
       des "nichtsystematischen"  Marx auf,  der viele inhaltsreiche An-
       deutungen gemacht  habe. Dies  nun mit dem Ziel, in eine radikale
       (ökonomische, politische  und kulturelle)  Wiederaufarbeitung der
       Revolutionstheorie einzudringen, was offenbar - obwohl dies Aricó
       persönlich nicht  einräumt -  von uns verlangt, die Entwicklungs-
       theorie der Kritik der politischen Ökonomie aufzugeben.
       Die Forschungsentwicklung  kehrt schließlich zu dem Ausgangspunkt
       zurück, an  dem die  lateinamerikanische Ökonomie  und Soziologie
       ihren Ursprung  hat, nämlich zum Problem der Abhängigkeit und Un-
       terentwicklung. Die Frage danach, wie die Entwicklung des Kapita-
       lismus in  Lateinamerika zu verstehen ist, hat uns nach 20 Jahren
       der Diskussion  zur Frage  danach geführt, wie die weltweite Ent-
       wicklung des Kapitalismus - vom historischen Ursprung bis zu sei-
       nem Ende  - zu verstehen ist: Dies ist nicht mehr und nicht weni-
       ger als  die globale  wesentliche Frage  der Marxschen Kritik der
       politischen Ökonomie.  Das erste lateinamerikanische theoretische
       Exportprodukt war  die Theorie  der Abhängigkeit;  dies  übrigens
       nicht  zufälligerweise:   Lateinamerika  ist  paradoxerweise  ein
       Schlüssel der weltweiten kapitalistischen Entwicklung, der Haupt-
       vermittler für die nordamerikanische Hegemonie über die Welt. Da-
       her rühren  die Möglichkeit  und das  Bedürfnis, in Lateinamerika
       über Entwicklung und Unterentwicklung zu reflektieren. In Latein-
       amerika -  Hauptknoten der  internationalen Finanzkrise - fließen
       die zwei  Pole der weltweiten kapitalistischen Entwicklung zusam-
       men: die  bloße Reproduktion  des Unterentwicklungs-Pols  und die
       expansive Entwicklung  des Metropol-Pols. Die unmittelbare Erfah-
       rung in  Lateinamerika ist  eine doppelte:  die einer Entwicklung
       der Produktivkräfte,  welche sich  andererseits immer  wieder als
       ungenügend, trügerisch  und katastrophal erweist. So entsteht un-
       sere zerrissene  "marxistische" Reflexion  über die  Entwicklung;
       nämlich unter  dauernder Einbeziehung  der Sozialisten in die na-
       tionalen Projekte  des Staates  zur  Entwicklung  der  Produktiv-
       kräfte. Zugleich  ist eine ständige Entmystifizierung der bürger-
       lichen Entwicklungstheorien  erforderlich. Zu  diesem Zweck  wird
       auf die  vergessenen Theorien  von Marx  über die kapitalistische
       Entwicklung zurückgegriffen.
       Diese Polemik  über die  Entwicklung ist  mit der Diskussion über
       den Staat als Hauptagenten dieser Entwicklung verbunden. Die Ver-
       tiefung in  dieses Thema  hat die Öffnung der Diskussion zum Pro-
       blem der Nation begünstigt (vgl. Bolívar Echeverría, "El Problema
       de la  Nación"). Die  Anthropologen beziehen das Problem der Eth-
       nien als  wesentliches aufklärendes  Element in  die Debatte ein,
       wobei sie das Interesse für die Theorien von Marx und Engels über
       den Präkapitalismus wiederbeleben.
       
       Übersetzung: Begoña Gutiérrez Zarrabe
       
       _____
       1) Des weiteren  danke ich  David Moreno, Jörge Veraza und Silvia
       Alvarado für  ihre kritischen  Vorschläge zur  Erstellung  dieses
       Aufsatzes, sowie Luis Anaya und Juan Carlos Garcia für ihre Hilfe
       bei der Erforschung der Materialien. Selbstverständlich trage ich
       die alleinige Verantwortung für den Text.
       2) Aufgrund des  beschränkten Raumes wird in unserem geschichtli-
       chen Abriß  das Werk  von Porfirio Miranda - eines Priesters, be-
       schlagen nicht  nur in  Theologie, sondern auch in den Texten von
       Marx (MEW) - nicht einbezogen. Er ist Autor einer globalen Inter-
       pretation des  Marxismus im  Zusammenhang  mit  der  christlichen
       Lehre. Miranda ist übrigens in Mexiko einer der wenigen gegenwär-
       tigen Kenner der neuen MEGA. Außerdem hat er eine fruchtbare Kri-
       tik an  Althusser geübt  (siehe El Marxismo en Mexico und El Cri-
       stianismo de Marx).
       3) Bolivar Echeverria, gebürtiger Ecuadorianer, ist der erste und
       fast der  einzige Marxist, der die sehr reichhaltige marxistische
       Diskussion in  Deutschland über die Kritik der Politischen Ökono-
       mie wie auch den Nachlaß aus der neuen MEGA intensiv zur Kenntnis
       genommen hat.  In seiner Interpretation des "Kapitals" hat er au-
       ßerdem die  klassischen Diskussionen  über marxistische  Philoso-
       phie, über  die logische Struktur des "Kapitals", über die Kritik
       der Politik, der Kultur usw. synthetisiert. Dabei hat er übrigens
       die klassischen  Diskussionen der  gegenwärtigen Ethnologie,  der
       Linguistik und  der Psychoanalyse  miteinbezogen. Aufgrund  ihrer
       weiten Horizonte  und ihrer  Tiefe hat B. Echeverrias Interpreta-
       tion Maßstäbe innerhalb der Entwicklung des Marxismus gesetzt.
       

       zurück