Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       DER "MARXISMUS VON MARX" ALS POLITISCHE THEORIE
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       Gian Mario Bravo
       
       1. Der Marxismus von Marx - 2. Die Quelle der politischen Theorie
       - 3.  Theorie und  Klassenkampf -  4. Der Sozialismus als Wissen-
       schaft
       
       1. Der Marxismus von Marx
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       Der Marxismus  kann als Denksystem, als Erkenntnistheorie und als
       Methode begriffen  werden; in  seiner nunmehr hundertjährigen Ge-
       schichte ist er auf verschiedenste Weise konzipiert und aufgenom-
       men worden, so daß man heutzutage mehr von Marxismen als von Mar-
       xismus spricht.  Jedoch ist  das Thema,  das wir hier diskutieren
       möchten,  nicht   der  Marxismus   im  allgemeinen,  sondern  der
       "Marxsche Marxismus".  Insbesondere handelt  es sich also um jene
       politische Theorie,  die zwischen  den Jahren 1845-46 und 1851-52
       ausgearbeitet und  vervollständigt wird, d.h. seit der Epoche der
       Niederschrift der  Deutschen  Ideologie  bis  zum  Verfassen  der
       "geschichtlichen Schriften"  (der Klassenkämpfe in Frankreich und
       des 18.  Brumaire des  Louis Bonapartes)  und die als Mittelpunkt
       das Kommunistische  Manifest hat.  Davon muß man ausgehen, um das
       Verhältnis zwischen "politischer Theorie" und "wissenschaftlichem
       Sozialismus" zu bestimmen.
       1848 stellt  das Kommunistische Manifest, "mit seiner allgemeinen
       Perspektive fähig,  die ursprünglichen  Charaktere der Geschichte
       zu zeigen",  eine großartige  Innovation dar. So hat Pierre Vilar
       1) geschrieben,  als er mit wenigen Worten eine noch herrschende,
       doch bestrittene Meinung zusammenfaßte.
       Das Manifest ist - gemeinsam mit den anderen Marx-Engelsschen ge-
       schichtlichen Schriften  - der Text, worin die historische Vision
       als auch die Ablehnung jeder mechanischen, abstrakten Erforschung
       der Gesellschaft  wie schließlich  die politische  Intention klar
       und genau  angegeben werden  und die  Synthese einer  definitiven
       "politischen  Doktrin"   entworfen  wird.  Es  ist  zugleich  die
       Schrift, die  - mit  Bezug auf  die ökonomische Entwicklung - die
       Ziele der  politischen Klassenaktion bzw. der selbständigen Orga-
       nisation des  Proletariats genauer beschreibt. Schließlich bleibt
       sie immer  das Verständnis-  und Interpretationsinstrument  jener
       besonderen auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln gegründe-
       ten "ökonomischen  Gesellschaftsformation", die  seit der  ersten
       Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Schwelle des 21. Jahrhunderts
       wesentlich unverändert geblieben ist.
       Als politisches  Programm, ideelles  Projekt  und  geschichtliche
       Analyse erscheint  der Marxismus  als Einheit. Als militante Dok-
       trin, die  einen Grundriß  und eine dynamische Rekonstruktion der
       Entwicklung der  menschlichen Ereignisse  und die Gelegenheit der
       Anwendung und  der Überprüfung  der "einzigen  Wissenschaft,  der
       Wissenschaft der Geschichte" (so Marx und Engels in der Deutschen
       Ideologie) 2)  bildet -  als politische  Theorie also  -, hat der
       Marxismus eine eigene Bearbeitung und ein autonomes Leben. Er ist
       das Ergebnis nicht nur der verbundenen Ideen von Marx und Engels,
       sondern auch  einer  kollektiven,  dauernden,  artikulierten  und
       ideal reichen Ausarbeitung, die - nach 1844 und später - Marx und
       Engels Anlaß  zur genaueren Feststellung einiger Forschungsergeb-
       nisse, zu  denen sie  autonom, aber zeitgleich gelangten, geboten
       hat.
       
       2. Die Quelle der politischen Theorie
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       Vielfache Bestandteile  bilden die ideelle Basis und die histori-
       sche Grundlage der politischen Theorie des Marxismus, die schema-
       tisch so  beschrieben werden  kann: 1. die kollektiven Leistungen
       der ersten internationalen und deutschen Arbeiterbewegung; 2. die
       Analyse und  die Debatte  im Frühsozialismus;  3. die Renaissance
       der Theorie  der Gesellschaftsentwicklung in der fortgeschritten-
       sten bürgerlichen  Historiographie zwischen dem dritten und fünf-
       ten Jahrzehnt  des Jahrhunderts; 4. die ökonomische, insbesondere
       die englisch-französische Diskussion; 5. die persönliche Militanz
       von Marx  und Engels  in der deutschen und internationalen Arbei-
       terbewegung, ihre  Tätigkeit als führende Persönlichkeiten in Zu-
       sammenhang mit der kollektiven Erfahrung der Bewegung; 6. die ge-
       meinsame Überlegung beider Verfasser.
       Alle diese Elemente bestimmen den geschichtlichen und politischen
       Geist des Marxismus und, im Jahre 1848, des Kommunistischen Mani-
       festes. Das  erste Element freilich ist entscheidend; und es wird
       durch Marx  und Engels  mit den  verschiedenen anderen  Elementen
       verbunden.
       1. Die  politische Theorie,  die "Marxismus"  genannt werden wird
       (diese Benennung  wird erst  viel später wirklich verwendet), ist
       das Ergebnis intensiver Diskussionen und Konfrontationen über die
       europäische soziale  Wirklichkeit, die zuerst im Bund der Gerech-
       ten und dann im Bund der Kommunisten stattfanden. Die heutige Ge-
       schichtsschreibung hat  auf dokumentarischer  Basis bewiesen, was
       Engels 1885  schon vorweggenommen  hatte: daß  alle Ideen, die er
       und Marx  in den  Jahren 1848-51  ausdrückten, schon im Laufe der
       kollektiven Auseinandersetzungen in den Jahren 1846-47, in inter-
       nationalen und  regionalen Kongressen,  in offiziellen und propa-
       gandistischen Dokumenten  (Flugblättern, Aufsätzen  in  Zeitungen
       und Zeitschriften) in verschiedenen europäischen Ländern, in Bro-
       schüren, die  von zahlreichen  Verfassern  und  in  verschiedenen
       Sprachen (Deutsch,  Französisch, Englisch, Schwedisch) veröffent-
       licht wurden,  dargelegt worden  waren. Außerdem  hat Engels eine
       erste Systematisierung  dieser Materialien  in einigen  Beiträgen
       gegeben, von  denen mindestens  zwei theoretisch  bedeutsam sind:
       der Entwurf des kommunistischen Glaubensbekenntnisses (Juni 1847)
       und die  Grundsätze des Kommunismus (Oktober 1847). Dasselbe kann
       man   bezüglich   der   verschiedenen   "Adressen",   "Statuten",
       "Rundschreiben" des  Bundes der Kommunisten sagen, die in Gruppen
       von Mitgliedern  ausgearbeitet und dann, vor allem in der Periode
       zwischen  dem   ersten  (Juni   1847)  und  dem  zweiten  Kongreß
       (November-Dezember 1847),  von einzelnen  Anhängern (Joseph Moll,
       Per Görtrek, Wilhelm Wolff und anderen) formuliert wurden. Es ist
       bekannt, daß  Marx und  Engels während des letzten Kongresses mit
       der Aufgabe  der programmatischen Ausarbeitung der Ergebnisse der
       kollektiven Meinungsbildung  der politisch Aktiven über den Klas-
       senkampf, über die Begriffe "Proletariat" und "Bourgeoisie", über
       die Probleme  der autonomen  politischen Organisation,  d.h. über
       die "kommunistische  Partei", beauftragt  wurden 3). Marx und En-
       gels verfaßten  das Kommunistische  Manifest aufgrund  der in der
       ersten organisierten Arbeiterbewegung verbreiteten Ideen.
       Jedoch wird diese Interpretation auch umgekehrt. So behaupten die
       spontaneistischen und "autonomen" Strömungen im Bereich der west-
       deutschen Historiographie der Arbeiterbewegung, 4) daß sich diese
       spezifische "Theoriebildung  der Arbeiterbewegung" - die eine or-
       ganische, nicht  aber originäre  Systematisierung im Marx-Engels-
       schen Denken  gefunden habe  - im Übergang vom Bund der Gerechten
       zum Bund  der Kommunisten  vollzog. Zu  diesem Zweck wird die Ge-
       stalt von  Weitling hervorgehoben, weil er ein Arbeiter und Auto-
       didakt war, dem "Bourgeois" Marx entgegentrat, und ein Symbol je-
       ner "andren" Arbeiterbewegung (Karl Heinz Roth) geworden sei, die
       mit dem  Sozialismus der  bürgerlichen Intelligentsia  nichts ge-
       meinsam gehabt  habe, habe  und haben  werde. Andererseits werden
       der Korporatismus  und der  Ökonomismus ignoriert oder als bedeu-
       tungslos vernachlässigt,  die doch  auch Merkmale dieser Bewegung
       waren. In  Wirklichkeit wurde diese Bewegung gerade durch die Be-
       gegnung mit  den aus  der Bourgeoisie  stammenden Intellektuellen
       überwunden, und durch den Marxismus wurde sie fähig, sich mit der
       "Ideologie" und  der "politischen  Organisation"  weiterzuentwic-
       keln.
       2. Das  Gedankengut   des  ganzen  Frühsozialismus  -  heute  mit
       "Vormarxismus"   oder    "Sozialismus   vor   Marx"   oder   auch
       "Präsozialismus" besser  bestimmt -  bildet die Basisstruktur der
       geschichtlichen Herkunft  und der  kritischen Begründung des Mar-
       xismus; das  gilt nicht  nur für  den dritten Teil des Manifestes
       über die  sozialistische und  kommunistische  Literatur,  sondern
       auch für  das gesamte Marx-Engelssche Werk. Fast alle Themen, die
       Marx und  Engels dynamisch in Angriff nahmen, waren schon von ei-
       nem oder mehreren Verfassern oder Strömungen des ersten Sozialis-
       mus angeschnitten  worden. Als  Beispiele seien  nur erwähnt: die
       Analyse der  kapitalistischen Gegenwart und der industriellen Ge-
       sellschaft (man  denke an  Robert Owen, William Thompson, Simonde
       de Sismondi,  Saint-Simon usw.),  die Auffassung  von "Bürgertum"
       (die englischen Antikapitalisten, die amerikanischen Frühsoziali-
       sten, die französischen reformistischen Strömungen), die Begriffe
       von Klassenbewußtsein  und Klassenkampf  (zu erwähnen  Babeuf und
       der Neobabouvismus,  Blanqui, Weitling),  denselben  Begriff  von
       "Proletariat", der  - mit  den bekannten Grenzen - von fast allen
       Denkern und  Organisatoren aufgegriffen  wird, Vorstellungen  der
       sozialistischen Gesellschaft  und  des  Übergangs,  die  aus  dem
       Linksjakobinismus stammen und von Blanqui, von Weitling und über-
       haupt von  den Utopisten bereichert werden, das Bild der sozialen
       Harmonie (das  von Fourier  und den christlichen Sozialisten her-
       rührt) usw.  Gleichwohl gilt  immer, was Marx und Engels in zahl-
       reichen Arbeiten bemerkten und im Manifest und später im Antidüh-
       ring genau ausführten: "Die phantastische Schilderung der zukünf-
       tigen Gesellschaft  entspringt in  einer Zeit, wo das Proletariat
       noch höchst unentwickelt ist, also selbst noch phantastisch seine
       eigene Stellung auffaßt, seinem ersten ahnungsvollen Drängen nach
       einer allgemeinen Umgestaltung der Gesellschaft." 5)
       Es ist  aber auch gewiß, daß die theoretische und politische Erb-
       schaft des  Frühsozialismus von Marx und Engels vollständig ange-
       treten und in den Klassenbegriff aufgenommen wurde.
       3. Schon für  die 20er  Jahre des 19. Jahrhunderts hat Gyorgij V.
       Plechanov festgestellt  (Antonio Labriola  hatte unabhängig diese
       Behauptung bereits  vorher aufgestellt), daß "das Verständnis des
       Klassenkampfes als  des wesentlichen  Motors der  geschichtlichen
       Bewegung einen  solchen Grad  an Klarheit  erreicht hatte, daß es
       nur in  den Werken der Autoren des Manifestes übertroffen wurde."
       6)
       Die Auffassung  des Klassenkampfes  gehörte zu jener Historiogra-
       phie, die  Plechanov eine  bourgeoise  nennt.  Diese  Geschichts-
       schreibung geht  vom Catechisme des industrielles von Saint-Simon
       aus, durchzieht  die von  Augustin Thierry  dargestellte Erhebung
       des Dritten  Standes, akzeptiert  die Analyse  über den Wert "der
       Interessen des  Eigentums" und über "die Rolle des Klassenkampfes
       in der  Geschichte der  zivilisierten Länder" von François Mignet
       und fließt  endlich in den Studien eines gemäßigten und konserva-
       tiven Politikers  wie François  Guizot über die englische Revolu-
       tion und  über die französische Regierung zusammen, der jedoch in
       seiner Historiographie  überaus fortschrittlich und ein Erneuerer
       war, als  er mit  rationaler Klarheit  den Klassenkampfstandpunkt
       dieser Positionen,  die von  ihm politisch verteidigt wurden, be-
       schrieb.
       Der Klassenkampf ist in der Zeitgeschichte ausgeblendet, aber die
       Bourgeoisie ist sich seiner Leistungsfähigkeit immer bewußt gewe-
       sen und  hat seine  Ergebnisse als Mittel benutzt. Noch Plechanov
       geht hiervon  aus (und  später Lenin),  als er die Behauptung von
       Marx und Engels, sie seien selbst nicht die "Erfinder" der histo-
       rischen Klassenanalyse  gewesen, bestätigt:  "Wir halten  es  für
       eine gesicherte Tatsache, daß Saint-Simon und viele gelehrte Ver-
       treter des  französischen Bürgertums, schon während der Restaura-
       tion im Klassenkampf die Haupttriebfeder der Entwicklung der Völ-
       ker in  der modernen Epoche sahen. Wir dachten, daß dieses Faktum
       festzustellen nützlich war, weil es vielen Kritikern des Kommuni-
       stischen Manifestes unbekannt war." 7)
       Ähnliches gilt  für andere  zeitgenössische  Geschichtsschreiber.
       Marx und  Engels zeigen, daß sie die Rekonstruktionen der Dynamik
       der  sozialen   Prozesse,  das  Wissen  über  "Gesellschaft"  und
       "Klasse", die Analyse der Struktur der ökonomischen Verhältnisse,
       schließlich das  Bewußtsein der Existenz des "Antagonismus" über-
       nehmen. Aber sie überbetonen die Bedeutung der bürgerlichen Quel-
       len, deren  Sprachrohr die  - liberale oder konservative - Histo-
       riographie ist,  und fügen  in ihren  Kontext ihre  Kenntnis  des
       selbstbewußten Proletariats ein, die sie von der zeitgenössischen
       ersten deutschen  Arbeiterbewegung rezipiert  haben (die Marx je-
       doch während der Diskussion mit Proudhon im Elend der Philosophie
       schon explizit erarbeitet hatte).
       4. Seit langem  steht fest,  daß die  ökonomisch-sozialen Quellen
       der marxistischen  Bearbeitung der Klassiker der politischen Öko-
       nomie wie  der Kritiker  und der "Verweigerer" des Klassensystems
       besonders auch  auf den  Theoretikern der  industriellen  Gesell-
       schaft und  ihrer sozialen  Folgen (von  Andrew  Ure  bis  Nassau
       William Senior und bis John Stuart Mill) gründeten.
       Engels hatte  in den  Deutsch-französischen Jahrbüchern, und Marx
       hatte in zahlreichen Arbeiten (von den Ökonomisch-philosophischen
       Manuskripten bis  zum Elend der Philosophie) bereits die die Ent-
       wicklung der  Bourgeoisie  betreffenden  wesentlich  ökonomischen
       Themen erforscht,  die dann in der Deutschen Ideologie und im Ma-
       nifest hervortraten.  Jedoch waren  die Vermittlung und Deutungs-
       mittel auch von den Strömungen des sogenannten "Antikapitalismus"
       (oder "ricardianischen Sozialismus") erarbeitet worden, der diese
       Problematik, die  Ure als philosophy of manufactures (Philosophie
       der Fabrik)  bestimmt hatte,  gründlich zu  erforschen versuchte.
       Gegen die  scheinbar objektiven  Daten der klassischen Schule be-
       tonten Marx und Engels die Lage des Menschen - als Individuum und
       Teil der sozialen Kollektivität - und die besondere Bedeutung der
       menschlichen Arbeit.  Diese Themen, zu denen eine Literatur schon
       vorhanden war,  es an  genaueren Nachprüfungen  aber noch fehlte,
       werden im Jahr 1848 von Marx und Engels historisch und perspekti-
       visch zusammengefaßt, wenn auch die Erörterung manchmal noch man-
       gelhaft bleibt (sie wird jedoch später von Marx und Engels präzi-
       siert werden:
       Man denke an den Begriff  A r b e i t s k r a f t).  Die glänzen-
       den Beschreibungen  des Kapitals, seiner Konzentration, der Funk-
       tion des  Eigentums an  den Produktionsmitteln und seiner politi-
       schen Folgen  entstehen aus dieser mit Klassengeist interpretier-
       ten ökonomischen Literatur. Dies gilt übrigens für zahlreiche der
       Zeitgenossen von  Marx und Engels: außer für die angeführten eng-
       lischen ricardianischen  Sozialisten auch  für gut  bekannte oder
       geradezu populäre  Persönlichkeiten wie  Moses Hess und Ferdinand
       Lassalle. Kurz, Marx und Engels erläutern das endgültige Bild der
       Zustände der  Produktion und der producteurs (Produzenten) in ei-
       ner Klassengesellschaft.  In der  Tat hatten sie den Begriff pro-
       ducteurs von  Saint-Simon und  zum Teil von Proudhon: Später wird
       er einen  ungeheuren Erfolg sowohl im Milieu des anarcho-syndika-
       listischen Extremismus  als auch im Bereich des "orthodoxen" Mar-
       xismus, etwa bei Antonio Gramsci, haben.
       5. Zu den  erwähnten Quellen gehört noch die politische Aktivität
       von Marx und Engels in der ersten organisierten Arbeiterbewegung.
       Die neueste,  insbesondere deutsche  und französische Geschichts-
       schreibung beweist mit Dokumenten, was in der Vergangenheit - von
       vielen berühmten  Politologen und Historikern wie etwa Franz Meh-
       ring -  intuitiv erfaßt  worden war.  Schon seit 1844 nahmen Marx
       und Engels zuerst indirekt und dann persönlich an den Tätigkeiten
       des Bundes  der Gerechten  in Paris,  in Brüssel,  in London  und
       schließlich an  denen des  Bundes der  Kommunisten teil. Im Laufe
       der Diskussionen  in Bundessektionen, in zahlreichen Flugblättern
       von  unterschiedlicher   Wichtigkeit  und   in   Zeitungsartikeln
       (besonders in  der Deutschen  Brüsseler Zeitung,  innerhalb einer
       kollektiven Debatte,  aber fast  immer unter  Einwirkung von Marx
       und Engels),  wurden die Auffassungen von "industriellem Proleta-
       riat" und  "industrieller Revolution" 8) und von der historischen
       Mission des Proletariats als "universeller Klasse" geprägt. Diese
       Begriffe wurden  theoretisch vertieft  in der Deutschen Ideologie
       dargestellt, während  der Polemiken  gegen Proudhon bestätigt und
       durch die  organisatorische Tätigkeit  des Bundes der Kommunisten
       sanktioniert, und  endlich erhielten sie ihre endgültige Systema-
       tisierung im Kommunistischen Manifest und im Projekt der Gründung
       der "politischen Partei" des Proletariats. In der Tat handelte es
       sich um den Prozeß der Ausarbeitung eines Programms mit allgemei-
       nen Zielsetzungen  und von  weltweiter Bedeutung; der Prozeß dau-
       erte einige  Jahre, während deren Marx und Engels sich von einfa-
       chen Intellektuellen  und Vertretern  von Lehrmeinungen zuerst zu
       Teilnehmern der  Basisdebatten einer Massenbewegung wandelten und
       dann Parteiführer  oder - um eine altmodische Terminologie zu be-
       nutzen - "Berufsrevolutionäre" wurden.
       6. Das  gemeinsame Denken  von Marx und Engels wirkt auf die ver-
       zeichneten Ergebnisse. Sie vervollständigen die ihnen von der Ar-
       beiterbewegung zur  Verfügung gestellten  Voraussetzungen mit dem
       persönlichen (geschichtlichen,  ökonomischen  und  theoretischen)
       Gedankengut -  so z.B. mit der Deutschen Ideologie - und gelangen
       zur vollständigen  Darlegung einer bislang noch formlosen und un-
       vollkommenen Debatte.  Das Kommunistische Manifest stellt mit den
       journalistischen und  historischen Arbeiten  der  folgenden  zwei
       Jahre den  organischen Ausgang  dieser Diskussion,  oder  besser,
       dieser Bemühung  dar. Besonders  das Manifest ist ein kollektives
       Werk; es ist das literarische Ergebnis zweier einzelner politisch
       aktiver Denker,  das Ziel  und gleichzeitig der Ausgangspunkt der
       politischen Geschichte  der Arbeiterbewegung  unserer Epoche.  Es
       ist ein  historischer Text,  der Geschichte  nicht nur rekonstru-
       iert, sondern  auch   m a c h t.   Nach seinem Erscheinen im März
       1848 hat  es, wie  Engels mit rhetorischer Kraft sagte, - ... die
       Reise um  die Welt  gemacht, ist  in fast alle Sprachen übersetzt
       worden und  dient noch  heute in  den verschiedensten Ländern als
       Leitfaden der proletarischen Bewegung." 9)
       
       3. Theorie und Klassenkampf
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       Im "Marxismus  von Marx  und Engels" hat man also eine organische
       Geschichtstheorie, die  das Erzeugnis  kollektiver Rekonstruktion
       und zivilen  Engagements ist;  in sie  fügt sich  das persönliche
       Nachdenken von  Marx und Engels ein, denen sich zahlreiche andere
       Gesprächspartner zugesellen. So wird die Synthese hervorgebracht,
       die später die ganze Geschichte der internationalen Arbeiterbewe-
       gung, die  Debatte wie  die organisatorisch-politische Tätigkeit,
       kennzeichnen wird: eine ideelle Tätigkeit hundert politisch Akti-
       ver, in die sich jeweils die intellektuelle Anregung und die Füh-
       rungsfähigkeit von Marx und Engels einpassen. Im Vormärz wird die
       politische Partei von der Arbeiterbewegung  e r f u n d e n,  als
       demokratisches und  legales Kampfmittel,  aber auch  als  Gestal-
       tungsmittel des allgemeinen Willens und der politischen Leistung:
       Dies geschieht  in der  - ebenfalls "endlich entdeckten" oder zu-
       mindest wiederentdeckten  - Form des Kongresses, der die Konfron-
       tation der Ideen und Strömungen und der programmatischen Vielfalt
       erlaubt. Dies  können wir in allen Marx-Engelsschen "politischen"
       Schriften und  im einzelnen im Kommunistischen Manifest nachvoll-
       ziehen.
       Dieses Programm  - es  wird von den Ereignissen in den Bünden der
       Gerechten und  der Kommunisten bestätigt - ruht auf einem soliden
       geschichtlichen Fundament;  seine prognostische  Kraft entspricht
       den in ihm wirkenden geschichtlichen Erfahrungen.
       Der ideelle  Beitrag und  die Kenntnisse von Marx und Engels sind
       entscheidend. Gewiß  ist es  die  Marxsche  Analyse,  unterstützt
       durch die von Engels, die das Fundament bildet, über dem sich das
       kollektive Gebäude erhebt. Marx begründet jene Geschichtstheorie,
       die sich  sofort in  eine allgemeine  Erkenntnisleitlinie verwan-
       delt. Im  Jahr 1883,  kurze Zeit  nach dem Tod von Marx, schreibt
       Engels: "Der  durchgehende Grundgedanke  des 'Manifests', daß die
       ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende
       gesellschaftliche Gliederung  einer  jeden  Geschichtsepoche  die
       Grundlage bildet für die politische und intellektuelle Geschichte
       dieser Epoche; daß demgemäß (seit Auflösung des uralten Gemeinbe-
       sitzes an  Grund und  Boden) die ganze Geschichte eine Geschichte
       von Klassenkämpfen  gewesen ist,  Kämpfen zwischen  ausgebeuteten
       und ausbeutenden,  beherrschten und herrschenden Klassen auf ver-
       schiedenen Stufen  der gesellschaftlichen Entwicklung; daß dieser
       Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht hat, wo die ausgebeutete und
       unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie
       ausbeutenden und  unterdrückenden Klasse  (der  Bourgeoisie)  be-
       freien kann,  ohne zugleich  die ganze Gesellschaft für immer von
       Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien - dieser
       Grundgedanke gehört einzig und ausschließlich Marx an." 10)
       Gewiß sind  hier noch einige Schematisierungen in der Engelsschen
       Darlegung bemerkbar,  dennoch gibt es keine Oberflächlichkeit: Im
       Gegenteil festigt  sich die  Anschauung des Klassenkampfes in der
       Geschichte, die  heutzutage so  oft abgestritten wird, obwohl ihr
       kein entsprechender  oder alternativer  Vorschlag entgegengesetzt
       wird. Jedoch  genügt es  nicht zu  behaupten, daß die Analyse von
       Marx vollständig  oder vollkommen  war. Denn  es handelt  sich um
       eine Analyse,  auf die sich sein ganzes Werk stützt: Wenn man sie
       leugnet, lehnt  man mit dem "Marxismus" das ganze Denken von Marx
       ab. Übrigens war es Marx selber, und nicht der "Katechet" Engels,
       der in  einer berühmten  Passage aus  dem Jahre  1852 die klarste
       Synthese oder - so könnte man besser mit den Worten des Politolo-
       gen  Gaetano   Mosca  (1858-1941)   sagen  -  die  ausgeprägteste
       p o l i t i s c h e   F o r m e l   ("formola politica")  zu  den
       Themen der Klassengeschichte, des Klassenkampfes und seiner Ziele
       gab, mit  der er die ganze Diskussion zusammenfaßt: "Was mich nun
       betrifft, so  gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz
       der Klassen  in der  modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter
       sich entdeckt  zu haben.  Bürgerliche Geschichtsschreiber  hatten
       längst vor  mir die  historische Entwicklung  dieses Kampfes  der
       Klassen, und  bürgerliche Ökonomen  die ökonomische Anatomie der-
       selben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die
       E x i s t e n z  d e r  K l a s s e n  bloß an  b e s t i m m t e
       h i s t o r i s c h e  E n t w i c k l u n g s p h a s e n  d e r
       P r o d u k t i o n   gebunden ist;  2. daß der Klassenkampf not-
       wendig zur    D i k t a t u r    d e s    P r o l e t a r i a t s
       führt;  3.  daß  diese  Diktatur  selbst  nur  den  Übergang  zur
       A u f h e b u n g    a l l e r    K l a s s e n    und  zu  einer
       k l a s s e n l o s e n  G e s e l l s c h a f t  bildet." 11)
       
       4. Der Sozialismus als Wissenschaft
       -----------------------------------
       
       Die Ursprünglichkeit des Marxschen Projekts, das nicht apriorisch
       begründet, sondern  von einer  zumindest potentiellen Massenbewe-
       gung übernommen  ist, tritt,  gestützt auf hinreichende Zeugnisse
       seitens zeitgenössischer  Beobachter (bei  Engels angefangen) und
       seitens der  Forschung, in der historischen Rekonstruktion beson-
       ders offen  zutage. Die Vergangenheit  d r i n g t  in die Gegen-
       wart   e i n:   Dies ist  der historische  Hinweis der  Marxschen
       Lehre. Trotzdem  ist es  zweckmäßig zu erinnern, was Pierre Vilar
       bemerkt: daß  die Analyse   "n i e m a l s   glauben machen kann,
       daß Marx  der von  der Geschichte überwundenen Gesellschaft nach-
       weint". 12)
       Jedoch ist die Geschichte - der Bourgeoisie und ihrer Erfolge und
       also der  Geburt des industriellen Proletariats -, die Geschichte
       als Wissenschaft und die Geschichte der Wissenschaft in ihren Be-
       ziehungen mit dem Sozialismus immer in Marx lebendig, und sie ist
       ein   T e i l  der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozia-
       lismus oder  beider zusammen. Denn Arbeiterbewegung und Sozialis-
       mus haben  - der  Marxschen Vorstellung nach - ihre Geburtsstunde
       in der  französischen Revolution und in deren ideellen und sozio-
       ökonomischen Voraussetzungen:  13) denen  die Klasse  jedoch - so
       hat Wolfgang  Abendroth nachgewiesen  - eine Interpretation gibt,
       die nicht mehr nur "jakobinisch", sondern offen "sozial" ist. 14)
       Wenn man  dem Manifest  und, noch früher, der Deutschen Ideologie
       und im  allgemeinen der  Marx-Engelsschen  ökonomisch-politischen
       Produktion vor 1848 eine vollständige Geschichtstheorie entnimmt,
       kann man - wie auch angesichts des gesamten Marxschen Werks - ei-
       nige Bemerkungen formulieren:
       - Marx ist ein Historiker, der eine totalisierende Interpretation
       der Vergangenheit  und der  sozialen Gegenwart  gegeben hat,  die
       gleichzeitig methodologisch  und politisch  revolutionär ist.  Er
       lehnt jede Starrheit und jeden Traditionalismus ab, gibt eine dy-
       namische Überarbeitung  der Ereignisse, worin sowohl die struktu-
       relle als  auch die Überbau-Dimension oder umgekehrt entscheidend
       sind. Hier  zitiere ich  wieder Vilar:  "Die Geschichte  von Marx
       trennt weder  die ökonomischen noch die sozialen noch die politi-
       schen Angelegenheiten  noch endlich  das reine  Ereignis, sondern
       fügt sie  zusammen. Diese   g e d a c h t e  Geschichte ist wegen
       des spontanen Entspringens der Argumente, des Eifers und der Iro-
       nie der Erzählung eine lebendige Geschichte." 15)
       - In der Marxschen Synthese haben mechanische Antriebe und deter-
       ministischer Geist  keinen Platz:  Der Denker richtet sein Augen-
       merk auf  den Menschen  in der Geschichte. Was im Gesamtwerk klar
       erscheint, geht  hauptsächlich aus  jenen Schriften, worin Evolu-
       tion und  Revolution, d.h.  Natur- und Sozialgeschichte, wechsel-
       seitig in  Verbindung blieben,  hervor, worauf  insbesondere Law-
       rence Krader  schon hingewiesen  hat. Dieser hat weiter bewiesen,
       daß die  Marxsche materialistische  Geschichtsauffassung sich we-
       sentlich auf  die Prüfung  der herrschenden  Formen  der  gesell-
       schaftlichen  Arbeit   und  der  Klassenteilung  stützt,  und  er
       schließt daraus, daß die Revolution und der Weg zum Sozialismus -
       für Marx  - nicht  Ergebnis eines Natur-, sondern eines Menschen-
       prozesses sind. 16)
       - Wenn wir  die historischen  Texte von  Marx und  Engels  lesen,
       liegt uns  eine entschiedene  Rückkehr zur "orthodoxen" Tradition
       nahe: Doch  müssen wir dieses Wort von den negativen Einschätzun-
       gen aus  den Jahren  der Zweiten  Internationale lösen. Daher ist
       keine dunkle  oder phantasievolle literarische Interpretation nö-
       tig, eine   p o l i t i s c h e   Lektüre  von Texten, die histo-
       risch und  politisch zugleich  sind, zu  ermöglichen: Zeugen sind
       die historischen  Dokumente von Marx und Engels und zuerst natür-
       lich das Manifest. Hierfür gibt es viele Gründe.
       1. Es handelt  sich um  eine aus einem ideellen und - man braucht
       vor  den  Worten  nicht  zurückzuschrecken  -    i d e o l o g i-
       s c h e n   Gesichtspunkt ganz  klare Konstruktion. Ein italieni-
       scher Forscher, Lorenzo Calàbi, bemerkt bezüglich der Manuskripte
       1861-63, daß  es bei  Marx "eine  kritische Nutzung  des Wissens"
       gibt, die  niemals als  "aprioristische  ideologische  Gegenüber-
       stellung erscheint".  17) Das  ist akzeptabel. Trotzdem: In einer
       Epoche der  vermutlichen und  auch tatsächlichen  Ideologiekrisis
       und  des  erzwungenen  Antiideologismus,  die  sich  meistens  in
       politischen Agnostizismus und oft in Gleichgültigkeit verwandeln,
       kann die  Wiedererlangung der Ideologie wie ein Frühlingswind und
       wie eine  Einladung zu  ethischer Reinheit und zu intellektueller
       Redlichkeit aufgenommen  werden. Das bedeutet die Wiedererlangung
       des   historisch-materialistischen    Denkens,   das   sich   dem
       f a l s c h e n   L a i z i s m u s   widersetzt, aus  dem manche
       gerne einen  neuen intoleranten  Konfessionalismus machen wollen.
       Für  sie  ist  nicht  die  "konfessionelle"  und  "ideologische",
       zugleich klare  und ehrliche  Auffassung des "Marxismus von Marx"
       akzeptabel
       - mit seiner  gesamten  K l a s s e n t o l e r a n z  -, sondern
       eine Position  der   K l a s s e n i n t o l e r a n z,   die sie
       vom Marxismus ableiten möchten.
       Außerdem muß  man bemerken,  daß der Marxismus - besser noch: die
       Ideologie -  kein falsches  Bewußtsein ist.  Im Gegenteil ist die
       Ideologie das  Bau- und  Aktionsmittel, durch  das eine Kraft für
       die Änderung  der Gesellschaft  zu erhalten  möglich ist. Dagegen
       bilden der   N e o i d e o l o g i s m u s   und  der    A n t i-
       i d e o l o g i s m u s   - d.h. der reine politische Empirismus,
       der so  viele westliche  Gesellschaften angeblich  kennzeichnet -
       nichts anderes  als eine    r e a k t i o n ä r e    I d e o l o-
       g i e,   die unkritisch und ohne allgemeine und moralische Regeln
       zu regieren  gestattet und  nur das  Verfahren und  die  formalen
       Verpflichtungen des  Systems berücksichtigt,  weil  sie  auf  die
       bloße Erhaltung desselben abzielt.
       Natürlich darf  die Ideologie  - und der "Marxismus von Marx" ist
       ein Beispiel dafür - kein Ideologismus werden, d.h. sie muß immer
       zu einer  ideellen und  auf der  Praxis gegründeten  Prüfung ver-
       pflichtet sein  und darf nie zu einem dogmatischen Kanon verstei-
       nern.
       2. Die historischen Werke von Marx und Engels sind auch unter ei-
       nem politischen  Gesichtspunkt erhellend. Trotz aller materiellen
       und ideellen  Bemühungen unserer  Zeit, Fortschritte zu erzielen,
       leben wir noch immer in einer Klassengesellschaft, in der die Ba-
       sis der  Erscheinungen der  kapitalistischen und bürgerlichen Ge-
       sellschaft des  19. Jahrhunderts  nicht nur aktuell, sondern auch
       wiederkehrend und  entscheidend beeinflussend  ist. Daher  ist es
       gestattet, auf  den Marx  des Manifestes,  d.h. den Marxismus und
       auf den  "kritischen Kommunismus" (um die Termini von Labriola zu
       benutzen) Bezug  zu nehmen;  die Gesellschaft, in der wir wirken,
       können wir so noch immer und besser als mit Max Weber studieren.
       Immer noch  ist der "Marxismus von Marx" lebensnotwendig, weil er
       heutzutage das einzige intellektuelle Mittel ist, das uns die so-
       ziale Entwicklung zu überblicken erlaubt. Es handelt sich bei ihm
       nicht um  das Instrumentarium,  das alle Übel und die Bedürfnisse
       des Menschen aufhebt und das eine  g e s c h l o s s e n e  poli-
       tische Doktrin  sein will. Vielmehr erlaubt es der Marxismus, die
       heutigen sozio-ökonomischen  und politischen Erscheinungen - d.h.
       die jener Epoche, die mit der industriellen Revolution entstanden
       ist -, in ihrem Zusammenhang und ihrer Wechselwirkung theoretisch
       zu verstehen und daher Gesamtbilder und grundsätzliche, insbeson-
       dere methodologische Bestimmungen zu bieten. Die mit den sozialen
       Beziehungen verbundene geschichtlich-ökonomische Analyse des Mar-
       xismus hat  es erlaubt  und erlaubt  noch jetzt, die Struktur der
       Gesellschaft konkret  zu begreifen,  ohne auf  den psychologisch-
       ideellen Weberschen  Überbau angewiesen  zu sein. Es handelt sich
       jedoch nicht  um einen  Zauberstab, sondern um ein Mittel, das in
       der jeweiligen  Situation immer neu bearbeitet und überprüft wer-
       den muß,  wie dies  Marx und Engels bei verschiedenen Gelegenhei-
       ten, besonders in der Deutschen Ideologie, schon bemerkten; z.B.,
       in dem bekannten Text: "Die Voraussetzungen, mit denen wir begin-
       nen, sind  keine willkürlichen,  keine Dogmen,  es sind wirkliche
       Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren
       kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre ma-
       teriellen Lebensbedingungen,  sowohl die  vorgefundenen wie durch
       ihre eigne  Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf
       rein empirischem Wege konstatierbar.
       Die erste  Voraussetzung aller  Menschengeschichte ist  natürlich
       die Existenz  lebendiger menschlicher  Individuen. Der  erste  zu
       konstatierende Tatbestand  ist also  die körperliche Organisation
       dieser Individuen  und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übri-
       gen Natur.  (...) Alle Geschichtsschreibung muß von diesen natür-
       lichen Grundlagen  und ihrer  Modifikation im Lauf der Geschichte
       durch die Aktion der Menschen ausgehen." 18)
       3. Das Marx-Engels  s ehe  Gedankengebäude sieht  schlechthin wie
       eine "politische  Doktrin" aus,  die sich  mit dem "wissenschaft-
       lichen Sozialismus" verbindet. Ich verbreite mich hier nicht über
       dieses schon  lange debattierte  Thema,  sondern  mache  nur  auf
       einige Punkte aufmerksam.
       Im Antidühring schreibt Engels, daß "der wissenschaftliche Sozia-
       lismus" der  "theoretische Ausdruck  der proletarischen  Bewegung
       ist". 19)
       In der Tat neigen heute ultraorthodoxe Marxisten, 'Marxisten' und
       Antimarxisten dazu, eine Spaltung zwischen Sozialismus und Arbei-
       terbewegung zu  finden: Die  ganze Gesellschaft,  mit ihrer nicht
       auf feste Formen zurückführenden dynamischen und vielförmigen Zu-
       sammensetzung, wird als Bezugspunkt übernommen. Nun, ohne ouvrie-
       riste sein  zu wollen, sieht man, daß die Arbeitswelt, das Prole-
       tariat, also  die (seit den Zeiten von Marx und Engels stark ver-
       änderte) Klasse  noch immer die wesentliche und primäre Basis für
       das revolutionäre Projekt einer Verwandlung der Gesellschaft bil-
       det: das Projekt, das - obwohl es die möglichen und nötigen Bünd-
       nisse berücksichtigt  - von  demselben Proletariat  geleitet  und
       vervollständigt werden  muß. Das  bedeutet, daß  die Klasse, eben
       wegen des  Bestehens der  kapitalistischen Produktionsweise,  den
       Pfeiler bildet,  über dem  die Organisation  bzw. die  Partei als
       Avantgarde angesichts  zunächst der  rationalen Veränderung, dann
       der Umgestaltung  und endlich  der Überwindung des Systems wirkt.
       Dies ist  das auf  die Analyse  der Wirklichkeit gestützte und in
       der Realität  wurzelnde wissenschaftliche  Projekt,  zu  dem  das
       antiutopische Engelssche  Denken -  wenn auch  mit Schwächen  und
       Überspitzungen - führt.
       Dagegen kehrt  der Utopismus  ständig nicht so sehr in Phantasie-
       vorstellungen und idealistischen Zukunftsplänen als gerade in den
       kompromißbereiten     Argumentationen      (die     Lenin     als
       "opportunistisch" bezeichnet  hatte) wieder, in denen man an eine
       widerspruchslose  und  klassenunspezifische  Machtergreifung  des
       Proletariats denkt  und die  Gründung einer Form wünscht, die man
       "Sozialismus" nennt,  die aber  nichts anderes als eine Radikali-
       sierung der bürgerlichen Demokratie ist.
       4. Wenn wir  die Engelssche  Synthese mehr  den heutigen  Gesell-
       schaften anpassen,  merken wir,  daß der wissenschaftliche Sozia-
       lismus seine  ursprünglichen Aufgaben  sogar überschreitet. Gewiß
       handelt es  sich noch um die theoretische Gesamtheit, die auf der
       materialistischen Geschichtsauffassung  gegründet ist  und die im
       Proletariat -  sei es in jenem von Handarbeitern des 19. Jahrhun-
       derts, sei  es in jenem "technologischen" von heute - und in sei-
       ner historischen Mission die gesellschaftliche Kraft erkennt, die
       die Revolution durchzuführen und die gegenwärtige von dem kapita-
       listischen Eigentum  und von  der entsprechenden politischen Füh-
       rung beherrschte Gesellschaft zu verändern fähig ist.
       Der Sozialismus  ist "wissenschaftlich",  nicht, weil er als not-
       wendig erscheint, sondern weil er sich - indem er immer im Rahmen
       einer historisch-materialistischen Auffassung die von den Sozial-
       wissenschaften bereitgestellten Analysemittel verwendet - auf der
       ökonomischen Ebene  und in  der Gegenwart  realisierbare konkrete
       Ziele vornimmt.  Im Unterschied hierzu verlangt die Preisgabe der
       Perspektive des  wissenschaftlichen Sozialismus  den Hinweis  auf
       eine 'reine  Praxis', den  empirischen Charakter der alltäglichen
       Routine und sogar die Aufgabe der Reformziele. Soziale Kämpfe von
       Klassen erscheinen als bloße Methoden und Prozeduren. So verliert
       man den  Sozialismus aus  den Augen, der dann bedeutungslos wird,
       weil andere  Themen Bedeutung  erlangen, die  auf das alltägliche
       einfache Leben  fixieren. Dann  verzichtet man  auf den Kampf für
       die Zukunft, und damit fällt der Veränderungsplan, der dem Prole-
       tariat und seiner Geschichte eigen war und ist.
       5. Andererseits ist leicht nachzuweisen, daß man heute im Marxis-
       mus verschiedene  Sprachen, sogar mit gegeneinanderstehenden Ter-
       minologien, spricht.  Diesbezüglich  sind  die  Begriffe  "marxi-
       stische politische  Theorie" und "wissenschaftlicher Sozialismus"
       exemplarisch. Im  Kreis von  verschiedenen "nationalen Marxismen"
       haben sie  Bestand, aber  sie interessieren nicht mehr. Innerhalb
       der internationalen Arbeiterbewegung entsteht dann die Gefahr des
       totalen   Unverständnisses   und   einer   trennenden   Meinungs-
       verschiedenheit, so daß die Bewegungen, die "sozialistische" oder
       "kommunistische" heißen,  aber den wissenschaftlichen Sozialismus
       bestreiten, ohne  Perspektive dem Vulgärempirismus vertrauen: Sie
       geben die  ideelle Systemgegenüberstellung  und  die  Machtalter-
       native auf,  sie beschränken  sich  in  ihren  Möglichkeiten  und
       antizipieren nicht  mehr als  eine minimale  Beteiligung  an  der
       "bürgerlichen" Macht.
       6. Eine letzte Bemerkung. Angesichts der Barbarei der Systeme der
       Privatproduktion und  ihrer Gleichgültigkeit  gegenüber dem  Men-
       schen, sowohl  gegen die  nur   g e d a c h t e n   als auch  die
       r e a l i s i e r t e n  Sozialismen, können wir uns sinnvoll auf
       den Sozialismus  und auf die Marxsche Auffassung der historischen
       Entwicklung berufen. Sicher müssen wir sie von einer dogmatischen
       Praxis befreien, aber auch von den Verzerrungen nicht so sehr des
       bürgerlichdemokratischen und liberalen Denkens (das von Marx kri-
       tisch aufgenommen  und natürlich immer noch zugelassen und disku-
       tiert wird)  als vielmehr  seitens der Gesellschaften mit  r e a-
       l i s i e r t e r   bürgerlicher Demokratie  oder mit  r e a l i-
       s i e r t e m   Liberalismus,  d.h.  jener  bürgerlichen  Gesell-
       schaften, in denen wir handeln und die in den Werken von Marx und
       Engels so analytisch und umfassend beschrieben wurden.
       
       _____
       1) Im Jahr 1848 "tritt das Kommunistische Manifest als 'Novateur'
       explosionsartig an  den Tag, während die geschichtliche Weltlite-
       ratur -  der von Pustel de Coulange bemerkten Schwierigkeiten we-
       gen -  wahrhaftiger Synthese  und allgemeiner Perspektive und der
       Fähigkeit, den ursprünglichen Charakter der Geschichte zu zeigen,
       so sehr  entbehrt": Vgl. Pierre Vilar, Marx e la storia, in: Sto-
       ria del  marxismo. 1. Il Marxismo ai tempi di Marx, Torino, 1978,
       S. 79.
       2) Jedoch bemerkt Vilar (ebd., S. 67): "Der marxistische Histori-
       ker möchte, zur Unterstützung seiner Berufung, eine so geheiligte
       Legitimation anrufen  können. Leider handelt es sich um einen ge-
       strichenen Satz  in einem unveröffentlichten Buch. Es kann einige
       Bedenken hervorrufen.  Trotzdem wird  das Problem  der Geschichte
       als Wissenschaft  gerade in der Deutschen Ideologie wirklich aus-
       gearbeitet."
       3) In diesem  Gebiet ist  die Bibliographie sehr reich. Vgl. hier
       nur Der  Bund der  Kommunisten. Dokumente  und Materialien, hrsg.
       von H.  Förder, M.  Hundt, E.P.  Kandel, S. Lewiowa, Berlin 1970-
       1982, 3  Bde.; Bert  Andreas, Gründungsdokumente  des Bundes  der
       Kommunisten (Juni bis September 1847), Hamburg 1969.
       4) Unter den  vielen verfügbaren Studien vgl. besonders Alexander
       Brandenburg, Theoriebildungsprozesse in der deutschen Arbeiterbe-
       wegung 1835-1850, Hannover 1977.
       5) Das Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4, S. 490.
       6) Gyorgij V.  Plechanov, Predislovie k nastojasemu izdaniju, in:
       Manifest Kommunisticeskoj  Partii, Geneva  1900: Ich  zitiere aus
       meiner Edition  in: II  Manifesto del  partito comunista e i suoi
       interpreti, Roma 1978, S. 134.
       7) Ebenda, S. 147.
       8) Der Begriff  "industrielle Revolution" war schon im Jahre 1844
       von Engels im Gleichklang mit Mill vorgeschlagen worden.
       9) Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: MEW 21, S. 216.
       10) Vorwort (zur  deutschen Ausgabe von 1883), in: MEW 4, S. 577.
       In der  Vorrede zur englischen Ausgabe des Manifestes (1888) fügt
       Engels hinzu (was er auch in Zur Geschichte des Bundes der Kommu-
       nisten schon gesagt hatte): "Diesem Gedanken, der nach meiner An-
       sicht berufen ist, für die Geschichtswissenschaft denselben Fort-
       schritt zu  begründen, den  Darwins Theorie  für die Naturwissen-
       schaft begründet hat - diesem Gedanken hatten wir beide uns schon
       mehrere Jahre vor 1845 allmählich genähert. Wieweit ich selbstän-
       dig mich  in dieser  Richtung voranbewegt,  zeigt am besten meine
       'Lage der  arbeitenden Klasse  in England'. Als ich aber im Früh-
       jahr 1845  Marx in Brüssel wiedertraf, hatte er ihn fertig ausge-
       arbeitet und  legte ihn mir vor in fast ebenso klaren Worten, wie
       die, worin ich ihn oben zusammengefaßt", in: MEW 4, S. 581.
       11) Marx an  Joseph Weydemeyer, 5. März 1852, in: MEW 28, S. 507-
       508.
       12) P. Vilar, Marx e la storia, S. 63.
       13) Vgl. allgemein  La pensée  socialiste  devant  la  Revolution
       française, Paris  1966; Beatrix  W. Bouvier, Französische Revolu-
       tion und deutsche Arbeiterbewegung, Bonn 1982.
       14) Wolfgang Abendroth,  Sozialgeschichte der europäischen Arbei-
       terbewegung, Frankfurt/M. 1965.
       15) P. Vilar, Marx e la storia, S. 83.
       16) Lawrence Krader, Marx' Ethnological Notebook, Assen 1974, und
       Evoluzione, rivoluzione  e Stato.  Marx e il pensiero etnologico,
       in: Storia del marxismo, Bd. 1, S. 212-244.
       17) So Lorenzo Calàbi in seiner Einleitung zur italienischen Aus-
       gabe der Manuskripte von 1861-63: Manoscritti del 1861-1863, Roma
       1980.
       18) Die Deutsche Ideologie, in: MEW 3, S. 20-21.
       19) Antidühring, in: MEW 20, S. 265.
       

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