Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       FORSCHUNG UND POPULARISIERENDE LITERATUR IN DER SOWJETUNION
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       ZUM SOZIALISMUS VOR MARX
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       Manfred Hahn
       
       Die neue  historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe  verant-
       worten gemeinsam  das Institut für Marxismus-Leninismus beim Zen-
       tralkomitee der  Kommunistischen Partei  der Sowjetunion  und das
       beim Zentralkomitee  der SED.  Das Moskauer  IML blickt  auf eine
       lange Tradition zurück. Am Anfang steht die Sozialistische Akade-
       mie, näher deren Abteilung für Theorie, Geschichte und Praxis des
       Marxismus. Aus  diesem Arbeitsbereich  geht im  Dezember 1920 das
       Marx-Engels-Institut hervor. David Borisovic Rjazanov wird Leiter
       des aufzubauenden  Forschungszentrums.  Der  Name  des  Instituts
       spricht dessen  Hauptaufgabe  an:  Theorie  und  Praxis  des  von
       Marx/Engels begründeten  und entwickelten  wissenschaftlichen So-
       zialismus zu  untersuchen. Für  diesen Zweck sammelt das Institut
       Handschriften,  gedruckte  Materialien  und  Forschungsliteratur.
       Herausgabe und  Verbreitung der  Werke von Marx und Engels werden
       ihm zur  Pflicht gemacht.  Die erste MEGA, die 1927 zu erscheinen
       beginnt, entsteht im Marx-Engels-Institut.
       Absichten und Tun reichen jedoch von Anfang an über eine Marx-En-
       gels-Forschung im engen Sinn hinaus. Einbezogen werden Geschichte
       der Philosophie, besonders des philosophischen Materialismus, Ge-
       schichte der Wissenschaften, Revolutionsgeschichte und Geschichte
       der internationalen Arbeiterbewegung. Weiter gilt die Aufmerksam-
       keit der  Geschichte der sozialistischen Ideen und hier vor allem
       den "utopischen  Sozialisten". In diesem Bereich hat das Institut
       während der  1920er quellensammelnd  und edierend viel geleistet.
       Was tut  sich später?  Gibt es  in der Sowjetunion eine Tradition
       der Erforschung  des Sozialismus  vor Marx,  des vormarxistischen
       Sozialismus? Eine  Tradition, die - wenn sie besteht - in der Ar-
       beit am  wissenschaftlichen  Apparat  der  neuen  MEGA  fortleben
       sollte und  der weiteren  wissenschaftlichen Durchdringung des in
       der MEGA aufgehobenen Werkes zugute kommen wird? Den Fragen nach-
       gehend lernen wir wichtige Teilentwicklungen kennen im Prozeß der
       Durchsetzung und  des institutionellen  Absicherns  marxistischer
       Forschung zur Ideengeschichte der sozialen Bewegung. Wir erfassen
       sieben Jahrzehnte  eigengearteter Interpretation,  die von herge-
       brachten  Verständnissen  des  vormarxistischen  Sozialismus  ab-
       weicht. Wir  gewinnen Kenntnis  von  marxistischen  Begründungen,
       weshalb der  vormarxistische Sozialismus  überhaupt Forschungsin-
       teresse beanspruchen kann.
       Im Alexandergarten  am Moskauer  Kreml steht  ein Obelisk für die
       revolutionären Denker,  in den Anfängen der Sowjetmacht errichtet
       und ein Beispiel der Monumentenpropaganda. Dort sind neunzehn Na-
       men eingemeißelt,  Marx, Engels  und Plechanov,  dann Saint-Simon
       und Fourier - Theoretiker unmittelbar vor Marx - und sogar Thomas
       More, Tommaso Campanella, Jean Meslier. Ausländische Literatur in
       russischer Übersetzung  zur Geschichte des Sozialismus und spezi-
       ell zum  vormarxistischen Sozialismus ist auch vor der Oktoberre-
       volution erschienen, so seit der Jahrhundertwende Werner Sombarts
       Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert, Morris Hill-
       quits History  of sodalism  in the  United States und Paul Louis'
       Histoire du socialisme en France, dann die Monographien von Adolf
       Hepner über die Ikarier in Nordamerika, von Edouard Dolleans über
       Robert Owen,  von Emil Kaier über Wilhelm Weitung und von Gustave
       Geffroy über  Auguste Blanqui.  Nach der Oktoberrevolution werden
       Hillquit, Kaier  und Geffroy erneut aufgelegt, außerdem kommen in
       größerer Zahl  weitere Übersetzungen  heraus.  Zum  Beispiel  Max
       Beers Allgemeine  Geschichte des  Sozialismus  und  der  sozialen
       Kämpfe und dessen Geschichte des Sozialismus in England, Arbeiten
       von Maurice  Dommanget über  Babeuf, Blanqui  und  Victor  Consi-
       derant, von  August Bebel und Charles Gide über Fourier, von Wil-
       helm Liebknecht  und G.D.H. Cole über Owen. Das Interesse an die-
       sen Titeln  paßt zum gleichzeitigen an übernommenen Darstellungen
       und Interpretationen  der Französischen  Revolution. Sie scheinen
       politisch-ideologisch annehmbar  und finden vor allem deshalb ins
       Land. Gemeint  sind Karl  Kautsky, Heinrich  Cunow, Wilhelm Bios,
       Jean Jaures  und vor  allem Albert  Mathiez, deren  Beiträge  zum
       Thema damals in russischen Übersetzungen publiziert werden.
       Die erste Bolsaja sovetskaja enciklopedija (Große Sowjet-Enzyklo-
       pädie), umfassendes  Nachschlagewerk marxistischer  Orientierung,
       berücksichtigt den  utopiceskij socializm  und viele vormarxisti-
       sche Sozialisten.  In den  Bänden bis  1930 werden  Babeuf, Louis
       Blanc, Weitling  und vor  allem Blanqui  besonders beachtet,  die
       späteren Bände heben Etienne Cabet, Fourier, Owen und Saint-Simon
       heraus. Die  Moskauer Monatsschrift Pod znamenem marksizma (Unter
       dem Banner des Marxismus), deren dritte Nummer vom März 1922 Len-
       ins fortwirkenden Aufsatz "Über die Bedeutung des streitbaren Ma-
       terialismus" bringt,  kommt zumal  bis Ende des Jahrzehnts in Ab-
       handlungen und  Rezensionen regelmäßig  auf den  vormarxistischen
       Sozialismus zu  sprechen. Die  Fragestellungen lassen die Absicht
       erkennen, ihn  nicht zur  toten Vergangenheit zu entfernen. Erör-
       tert werden  Fouriers Gedanken zur Arbeitsschule und Owens Agita-
       tion, bei  Fourier sind Elemente des dialektischen und des ökono-
       mischen Materialismus zu entdecken, Saint-Simon wird als Ideologe
       des Industrialismus  diskutiert, ein Aufsatz über Neo-Saint-Simo-
       nismus und reformistischen Syndikalismus bezieht sich eingreifend
       auf gleichzeitige  bürgerlichkonservative  Umdeutungen  Saint-Si-
       mons.
       Aus den  skizzierten Sachverhalten wird der Versuch deutlich, ge-
       gen bürgerlich  überlieferte Interpretationen eine andere Auffas-
       sung der  Geschichte des  Sozialismus und besonders des vormarxi-
       stischen Sozialismus  durchzusetzen. Den  vormarxistischen Sozia-
       lismus und  die Geschichte  des Sozialismus insgesamt neu zu stu-
       dieren wird  als wesentliche Aufgabe gesehen. Das Studium beginnt
       nicht am  Nullpunkt. Seit  den Anfängen  ist die sowjetische For-
       schung zum  vormarxistischen Sozialismus auch eine bestimmte Aus-
       prägung des Verhaltens der sowjetischen Geschichtswissenschaft zu
       Marx/Engels und  zu Lenin,  daneben zu  Plechanov. Sie entwickelt
       ein Verständnis  des Gegenstandes,  das auf  jene Interpreten zu-
       rückweist. Das  meint besonders: zum vormarxistischen Sozialismus
       führt kein Weg zurück, ihn wegen seiner zukunfts-orientierten ge-
       danklichen Abkehr  von der  kapitalistischen Gesellschaft hoch zu
       werten ist jedoch geboten. Diese Sicht kennzeichnet Friedrich En-
       gels' Schrift  von 1880  Die Entwicklung  des Sozialismus von der
       Utopie zur  Wissenschaft, dann  Lenins Aufsatz  Drei Quellen  und
       drei Bestandteile  des Marxismus  von 1913.  Die Bedeutung dieser
       Tradition wird  dadurch unterstrichen,  wie die  sowjetische  Ge-
       schichtswissenschaft ihre  Herkunft auffaßt:  Das Fundament haben
       vor der Oktoberrevolution Marx, Engels und Lenin gelegt. Seit den
       1960ern kommt  Lenins Rolle  noch betonter  zur Sprache. Er heißt
       der Begründer  der sowjetischen  Geschichtswissenschaft  -  womit
       nicht behauptet  ist, er  sei Berufshistoriker  gewesen -, seinem
       bestimmenden Einfluß  wird vor  allem in  den Problemfeldern  Ge-
       schichtstheorie und  Methodenlehre der Geschichte, Konzeption des
       weltgeschichtlichen Prozesses,  Revolutionsgeschichte und  Inter-
       pretation der  russischen Geschichte  nachgegangen. Gerade in den
       letzten zwei  Jahrzehnten haben sowjetische Autoren die Schriften
       des Begründers  daraufhin untersucht, wie der vormarxistische So-
       zialismus verstanden  und geschichtlich eingeordnet ist. (Nr. 11,
       Nr. 12 und Nr. 19)
       Vergleichbare Analysen  zu Plechanov fehlen. Er hat den vormarxi-
       stischen Sozialismus  ausführlicher erörtert  und in mehr Einzel-
       heiten gekannt als Lenin, was nicht bedeuten muß: treffender ana-
       lysiert. In seiner Schrift von 1895 Zur Frage der Entwicklung der
       monistischen Geschichtsauffassung  sind die  Interpretationen  zu
       den "utopischen  Sozialisten" Frankreichs für das Bild der Genese
       des Marxismus  besonders wichtig.  1913 veröffentlicht  Plechanov
       zwei Abhandlungen  über utopiceskij  socializm des  19.  Jahrhun-
       derts, im  einen Fall  auf Frankreich beschränkt, im anderen Eng-
       land, Frankreich  und Deutschland  einbeziehend. (Nr.  16, Bd. 3,
       521-613) Von  1909 bis  ins Todesjahr  1918 arbeitet Plechanov an
       einer  Geschichte   des  russischen   gesellschaftlichen  Denkens
       (Istorija  russkoj  obscestvennoj  mysli).  Die  fertiggestellten
       Teile umfassen  in der  Werke-Ausgabe Mitte  der 1920er  mehr als
       tausend Seiten. (Nr. 15, Bd. 20, 3-363, Bd. 21, 5-296, Bd. 22, 5-
       364) Dieses  frühe Beispiel  des Bemühens um eine marxistisch ge-
       leitete Ideengeschichte  ist, was Gegenstandsbestimmung, Grundpo-
       sitionen, Zwecke und Methoden angeht, bisher nicht zur Verständi-
       gung über  Eigenart und Ertrag jener Arbeiten von 1913 herangezo-
       gen worden.
       Gewöhnlich nennt  Plechanov seinen Untersuchungsgegenstand utopi-
       ceskij socializm.  Er bestimmt ihn jedoch auch - so in einem Text
       von 1908 - als "vor-marxschen Sozialismus", do-marksovskij socia-
       lizm. Lenin  verwendet diesen  Begriff in  Schriften von  1912/13
       ebenfalls. Fast  gleichzeitig diskutiert er "vormarxistischen So-
       zialismus", domarksistskij  socializm,  hat  dabei  jedoch  nicht
       Owen, Fourier  oder Weitling  im Auge,  sondern Giuseppe Mazzini,
       Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin, den Lassalleanismus. Dem
       "vormarxschen Sozialismus"  sind bei Lenin zwischen 1913 und 1920
       Begrifflichkeiten  zugeordnet   wie   "vormarxscher   Sozialist",
       "vormarxsche Form des Sozialismus" und "vormarxsche Periode", der
       als "großer  russischer Sozialist" Cernysevskij angehört. Wie bei
       Plechanov bleibt  jedoch  bei  Lenin  utopiceskij  socializm  der
       Hauptbegriff. Die  neuere sowjetische  Forschung setzt dies fort,
       wenngleich  daneben  der  "vormarxsche  Sozialismus",  die  "vor-
       marxschen  sozialistischen   Lehren"  oder  der  Sozialismus  der
       "vormarxistischen Periode"  ebenfalls begegnen.  Den Artikel  zur
       Sache findet  man noch  1970 und danach - Filosofskaja enciklope-
       dija oder  dritte Ausgabe  der Bolsaja sovetskaja enciklopedija -
       unter dem  vorherrschenden Stichwort.  Utopiceskij socializm, das
       sind "die dem wissenschaftlichen Kommunismus vorausgehenden Theo-
       rien und Lehren über die radikale Umgestaltung [korennoe preobra-
       zovanie] und die gerechte Einrichtung der Gesellschaft auf sozia-
       listischer Basis, Theorien und Lehren, die nicht fußen auf Wissen
       über die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung und die Bewe-
       gungskräfte dieser Entwicklung". (Nr. 20, 291)
       Zwei mit Ideengeschichte der sozialen Bewegung befaßte DDR-Histo-
       riker, Fjodor Fink und Wolfgang Meiser, leiten 1984 ihren Bericht
       über jüngste  Publikationen in der UdSSR mit der Anerkennung ein:
       "Zur Erforschung  der Geschichte des vormarxistischen Sozialismus
       als einer der theoretischen Quellen des wissenschaftlichen Sozia-
       lismus leisten  sowjetische Historiker seit Jahrzehnten einen au-
       ßerordentlich bedeutenden  Beitrag, der durch weitere Publikatio-
       nen in  den letzten  Jahren bereichert  wurde." (Nr.  8, 834) Wie
       dieser Beitrag im einzelnen sich darstellt, ist Gegenstand mehre-
       rer sowjetischer  Veröffentlichungen seit Ende der 1950er. Damals
       wird die  Forderung laut,  der Gesamtgeschichte  der sowjetischen
       Geschichtswissenschaft endlich  die nötige Aufmerksamkeit zu wid-
       men. Die  Forschung in  diesem Bereich  nimmt daraufhin stark zu.
       Die neue  Entwicklung läßt  auch jene Arbeiten entstehen, die zu-
       sammengenommen über  mehr als  sechs Jahrzehnte sowjetischer For-
       schung zum  vormarxistischen Sozialismus informieren. (Nr. 4, Nr.
       5, Nr. 6 und Nr. 7) Die Autoren berichten über Kenntnisstände und
       unterschiedliche Interpretationsmuster  und bemühen sich zugleich
       darum, in  solchen Rechenschaften  neue Forschungsziele zu erläu-
       tern oder  bekannte Ziele  umfassender zu  bestimmen. Selbst gute
       Bibliographien leisten  notwendig weniger,  sind jedoch  immerhin
       die geordnete  Versammlung der  Titel, die  ein Forschungsbericht
       auswertet. Das  jüngste Verzeichnis mit mehr als 1150 Nennungen -
       solche zu  Marx/Engels und Lenin hier nicht eingerechnet - reicht
       von 1917  bis 1980,  A. N.  Gorbaceva und V.Z. Grigoreva haben es
       zusammengestellt für  die wissenschaftsgeschichtliche Monographie
       von Vladimir  Aronovic Dunaevskij  und Gennadij  Semenovic  Kuce-
       renko. (Nr. 6, 248-320)
       Das Verzeichnis  läßt sogleich  eine Besonderheit  erkennen:  der
       utopiceskij socializm  der sowjetischen Forschung ist Gedankenbe-
       wegung zu  Marx hin nicht seit den 1780/90ern, er setzt bedeutend
       eher  ein,   gut  zweieinhalb  Jahrhunderte  vor  Babeuf.  Gorba-
       ceva/Grigor'eva berücksichtigen  das 16. und 17. Jahrhundert Eng-
       lands, das  frühe 18.  Jahrhundert Frankreichs,  sie registrieren
       die sowjetische  Literatur zu  Thomas More, Genard Winstanley und
       Jean Meslier.  Ein Blick auf neuere sowjetische Publikationen be-
       stätigt die  Regel, weit zu fassen, was utopiceskij socializm ge-
       nannt wird. Autoren erörtern "Elemente des utopischen Sozialismus
       bei den  Taboriten" des  frühen 15. Jahrhunderts, untersuchen den
       Gedanken des  Rechts bei  "utopischen Sozialisten des 16. und 17.
       Jahrhunderts", überblicken  viele französische Veröffentlichungen
       seit  dem   Zweiten  Weltkrieg  zum  "utopischen  Sozialismus  in
       Frankreich vom  Ende des  17. bis zur ersten Hälfte des 19. Jahr-
       hunderts".
       Eine weitere  Besonderheit zeigt  sich darin, wie selbstverständ-
       lich sowjetische  Forschung zum vormarxistischen Sozialismus seit
       Babeuf und  sowjetische  Aufklärungsforschung  verbunden  gedacht
       sind und  ineinandergreifen. Das  kennzeichnende Forschungsinter-
       esse an  französischen  Entwicklungen  des  18.719.  Jahrhunderts
       schließt ein  das betonte  Interesse an den Bewegungen der Kritik
       wie des  inhaltlichen Fortsetzens, die den Übergang von der fran-
       zösischen Aufklärung  zum französischen  Sozialismus  des  halben
       Jahrhunderts seit  Babeuf ausmachen. Bereits Plechanov setzt die-
       sen Akzent,  der Pionier der sowjetischen Forschung zum vormarxi-
       stischen Sozialismus, Vjaceslav Petrovic Volgin, folgt ihm darin.
       Volgins Werk  Die Entwicklung  des gesellschaftlichen  Denkens in
       Frankreich im  18. Jahrhundert  (Razvitie obscestvennoj  mysli vo
       Francii v  XVIII veke,  Moskau 1958,  ² 1977), in Jahrzehnten ge-
       wachsen, ist  die Analyse  bestimmter Seiten  der Aufklärung  und
       zugleich mehr,  nämlich alle Quellen, die zu kennen zum Verständ-
       nis der Eigenart jenes Übergangs unerläßlich ist.
       In der Sowjetunion fällt die Erforschung des vormarxistischen So-
       zialismus  wesentlich  den  Historikern  zu.  Die  Aufmerksamkeit
       bleibt dennoch  nicht auf eine Disziplin beschränkt. Zum Beispiel
       in den  fünf Bänden  der Filosofskaja enciklopedija zwischen 1960
       und 1970  sind viele vormarxistische Sozialisten abgehandelt. Von
       der Philosophie  gehen allerdings  keine besonderen  Impulse  zum
       Studium des  vormarxistischen Sozialismus  als gedanklicher  Lei-
       stung aus.  Hier zeigt sich ein Defizit, das zugleich internatio-
       nal auftritt: weltweit ist die Forschung darin zurück.
       Die Bemühungen  in der Sowjetunion um den vormarxistischen Sozia-
       lismus schließen  das Beachten von Jahrestagen ein, wenn auch de-
       ren Bedeutung  die der Marx-, Engels- oder Lenin-Jubiläen nie er-
       reicht. Der  100. Todestag Fouriers (193,1) und der Owens (1958),
       die 200.  Geburtstage Saint-Simons und Babeufs (1960), ebenso die
       Owens (1971) und Fouriers (1972) sind häufig erinnert, sind Anlaß
       zu Gedenkartikeln in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschrif-
       ten, zu  wissenschaftlichen Abhandlungen  und zu Festsitzungen in
       Forschungsinstitutionen. Mitunter  werden auch Jahrestage gleich-
       sam außer  der Reihe  wahrgenommen, so der 130. und der 180. Jah-
       restag der  Hinrichtung Babeufs  1797. Registriert  man derartige
       Aktivitäten, wie sie seit den Anfängen der Sowjetmacht auffallen,
       ergibt der  Überblick, welchen  vormarxistischen Sozialisten  sie
       gewöhnlich gelten:  besonders Babeuf, Fourier, Owen und Saint-Si-
       mon, anfänglich  auch Auguste Blanqui. Das große Interesse an Ba-
       beuf besteht  seit den  frühen 1920ern.  Noch jüngst bestätigt es
       die Werke-Ausgabe  in russischer  Sprache, die umfangreichste Ba-
       beuf-Edition, die es bisher gibt.
       Ende 1960  begehen die  Abteilung für Geschichte und das Institut
       für Geschichte  an der  Akademie der Wissenschaften der UdSSR Ba-
       beufs 200.  Geburtstag mit  einer Festveranstaltung. Volgin refe-
       riert über den Ort des Babouvismus in der Geschichte der sozialen
       Ideen, der  Abdruck seines  Vertrags leitet  dann den ersten Teil
       der Französischen  Jahrbücher 1960 ein, der ausschließlich Babeuf
       gewidmet ist.  (Nr. 9.  Volgin-Beitrag: 7-12) Vierzig Jahre zuvor
       veröffentlicht Volgin  in  der  Zeitschrift  der  Sozialistischen
       Akademie Moskau  einen grundsätzlich  gedachten Beitrag  über das
       "gedankliche  Erbe  des  Babouvismus",  eine  frühe  marxistische
       Verteidigung, die  Babeuf als Theoretiker des revolutionären Kom-
       munismus vorstellt.  (Nr. 17) 1927 organisiert das Moskauer Marx-
       Engels-institut eine Ausstellung von Druck- und Handschriften aus
       der Epoche der Französischen Revolution. Der sowjetische Histori-
       ker und  Babeuf-Kenner Evgenij Viktorovic Tarle berichtet darüber
       den Annales  historiques de  la revolution française in Paris und
       betont die "zahllosen" Dokumente Babeufs und der Babouvisten, die
       aus dem  Besitz des  Instituts zu  sehen sind. Auf der ersten Al-
       lunionskonferenz der  marxistischen Historiker  der  Sowjetunion,
       die um die Jahreswende 1928/29 in Moskau tagt, spielt Babeuf eine
       bemerkenswerte Rolle. Zwei junge marxistische Spezialisten machen
       erneut auf ihn aufmerksam: Pavel Pavlovic Scegolev referiert über
       die conjuration des egaux, G.S. Zajdel' über Babouvismus und Mar-
       xismus.
       Auch Auguste  Blanqui findet  damals in der Sowjetunion besondere
       Beachtung, ist  dabei aber zeitweise umstritten. Anläßlich seines
       50. Todestages 1931 ehren ihn in feierlicher Sitzung das zum Zen-
       trum marxistischer  historischer Forschung  entwickelte  Institut
       für Geschichte  an der  Kommunistischen Akademie  und die Gesell-
       schaft marxistischer  Historiker. In  den anderthalb  Jahrzehnten
       seit der  Oktoberrevolution drängen sich auf Breitenwirkung ange-
       legte Blanqui-Monographien, darunter die Darstellung der 1918 ge-
       storbenen Ärztin und Bolschewikin Vera Michajlovna Velickina. Was
       in den Auseinandersetzungen über Blanqui zur Sprache kommt, zeigt
       der Streit um Boris Isaakovic Gorevs Blanqui-Buch von 1921. Gorev
       behauptet, der  Marxismus in  seiner bolschewistischen Ausprägung
       integriere wesentliche  Elemente des  Blanquismus.  Gemeint  sind
       Grundzüge: konspirative  Partei, Eroberung der Macht und Diktatur
       der revolutionären  Avantgarde nach  der Machteroberung. Dem wird
       entgegengehalten, der  Marxismus lasse  sich nicht als bloßes An-
       sammeln überkommener  Gedankenbestände begreifen, er bedeute eine
       entscheidende qualitative  Veränderung in  der Geschichte des so-
       zialistischen Denkens.  Blanqui ist  so der Anlaß, die Frage nach
       dem Wie  der Entwicklung  des vormarxistischen  zum marxistischen
       Sozialismus aufzuwerfen.
       In der  sowjetischen Literatur der 1920730er zu Saint-Simon, Owen
       und Fourier  sind  die  Leben-und-Werk-Darstellungen  stark  ver-
       treten. Der  Historiker A.I.  Anekstejn widmet bis 1937 jedem der
       Genannten ein  Buch, seine Fourier-Publikation erlebt zwei Aufla-
       gen. 1935  veröffentlicht Andrej  V. Sokolov  unter dem Pseudonym
       Stanislav Vol'skij eine Saint-Simon-Biographie, die in 40 000 Ex-
       emplaren herauskommt. Die Absicht der Breitenwirkung ist geradezu
       ein Kennzeichen dieser Literaturkategorie. Um 1920 werden mehrere
       für die  politisch-ideologische Arbeit  gedachte  Schriften  über
       Wilhelm Weitling  publiziert, die  dem "ersten deutschen Kommuni-
       sten" oder  ihm als  einem "Führer  der proletarischen  Bewegung"
       gelten. Gorev versteht sein in den frühen 1920ern mehrfach aufge-
       legtes Buch  Von Thomas  More bis  Lenin - Leben-und-Werk-Skizzen
       u.a. zu  Babeuf, Owen,  Saint-Simon, Fourier,  Blanqui, Cabet und
       Weitling -  laut Nebentitel  als populäre  Studien zur Geschichte
       des Sozialismus. Ebenfalls auf dem Titelblatt nennt  I.S. Fendel'
       1925 seine Saint-Simon-Publikation einen gemeinverständlichen Ab-
       riß. 1941  läßt Abgar Rubenovic Ioannisjan seine Fourier-Darstel-
       lung in einer populärwissenschaftlichen Reihe erscheinen, die die
       Staatsuniversität in Jerewan herausgibt.
       Die sowjetischen  Veröffentlichungen seit  den späten  1950ern zu
       Saint-Simon und  Owen schließen überblickende Leben-und-Werk-Dar-
       stellungen nach  wie vor  ein, so  zum Beispiel Anatolij Petrovic
       Levandovskijs  Saint-Simon-Monographie  von  1973.  Problemorien-
       tierte Arbeiten  werden jedoch  zunehmend  wichtig.  Themen  sind
       Owens pädagogische  Erfahrungen und  Konzeptionen, Owens Bild von
       den künftigen  Wissenschaften, das  Verhältnis von  Owenismus und
       Chartismus, sozialistisches  Denken der englischen Owenisten zwi-
       schen den  1820ern und den 1840ern, Owen und die Owenisten in den
       USA, Owen und die russischen Sozialisten der 1860er. Saint-Simon-
       Studien dieses Zuschnitts begegnen seltener, unter ihnen Kuceren-
       kos Beitrag von 1975 über den Saint-Simonismus im gesellschaftli-
       chen Denken  des 19.  Jahrhunderts. (Nr.  13) Kucerenko  arbeitet
       hier wesentlich deutungs- und wissenschaftsgeschichtlich, so über
       Saint-Simon  in  der  marxistisch-leninistischen  Historiographie
       oder über  "bürgerliche Interpretationen"  des  Saint-Simonismus.
       Das Buch enthält daneben Spezialstudien über den Saint-Simonisten
       Bazard und zu Enfantins Economie politique et politique von 1831.
       Das sowjetische Forschungsinteresse richtet sich nicht allein auf
       diesen oder jenen socialist-utopist, auf einzelne vormarxistische
       Sozialisten. Es gilt ebenso dem Ganzen, der geschlossenen und ei-
       gengearteten Ideenformation.  Gefragt wird, wie dieses Ganze, das
       die gedanklichen Leistungen vieler socialisty-utopisty ausmachen,
       zu kennzeichnen  und abzugrenzen ist. Nach welchen Kriterien wer-
       den welche  Theoriebestände einbezogen?  Entstehungszeit und  ge-
       schichtliche Dauer  der Ideenformation? Wie die Schwerpunkte wei-
       terer Forschung  begründen? Alle  sowjetischen Arbeiten  darüber,
       wie Marx/Engels  und Lenin  zum vormarxistischen Sozialismus sich
       verhalten, handeln  von  Wesensmerkmalen  dieser  Ideenformation,
       ebenso jene Veröffentlichungen, die mit Lenin den utopiceskij so-
       cializm als  eine der Quellen des Marxismus betonen. Auch wissen-
       schaftliche Konferenzen  beschäftigen sich  mit jenen  Fragen. So
       veranstaltet 1968  die  Sektion  Geschichte  der  sozialistischen
       Ideen, ein  Zweig des  wissenschaftlichen Rates der Akademie, ein
       Symposium, auf  dem u.a. Aleksandr Ivanovic Volodin und M.A. Barg
       referieren, der  eine über den Begriff utopiceskij socializm, der
       andere über Gegenstand und Methode der Geschichte der sozialisti-
       schen Ideen. (Nr. l und Nr. 18)
       Vormarxistischer Sozialismus  ist nicht  allein Gedankenbewegung,
       sondern ebenso  die Gesamtheit  tatsächlicher Versuche,  die neue
       Gesellschaft in  nachahmenswerten Mustern  geltend zu machen. Der
       Kommunitarismus -  kommunitarische Siedlungen  nach  gedanklichen
       Entwürfen Owens,  Fouriers und  Cabets -  geht in  ihm  auf.  Die
       nichtmarxistische Forschung,  besonders die  in  den  Vereinigten
       Staaten, versteht  den vormarxistischen  Sozialismus kaum  je als
       Einheit von  Ideenwelt und Versuchen gegenbeweisender Praxis. Die
       Felder werden gewöhnlich getrennt untersucht. In der sowjetischen
       Forschung spielt  der Kommunitarismus  bisher eine geringe Rolle,
       utopiceskij socializm schließt ihn nicht notwendig ein.
       Quellenstudium und  Quellenedition werden  großgeschrieben in der
       sowjetischen Forschung  zum vormarxistischen  Sozialismus. In den
       1920ern zeugen davon die Anstrengungen des Marx-Engels-Instituts,
       die auf  das Beschaffen von Materialien gerichtet sind. 1926 kann
       das Institut  das reiche  Privatarchiv Babeufs  ankaufen,  dessen
       Hauptbearbeiter später  Viktor Moiseevic Dalin sein wird. Der Er-
       werb mehrerer  Spezialsammlungen zur  Geschichte des  sozialisti-
       schen Gedankens bedeutet, daß die Literatur des Saint-Simonismus,
       des Fourierismus  und des  Owenismus sehr  gut vertreten ist. Die
       Sammlung owenistischer Streitschriften, heißt es damals, steht an
       Vollständigkeit den  besten englischen  nicht nach. Zu den frühen
       Erwerbungen gehören Handschriften u.a. von Saint-Simon, Enfantin,
       Cabet, Blanc und Blanqui. 1921 startet Volgin die Reihe Wegberei-
       ter des modernen Sozialismus (Predsestvenniki sovremennogo socia-
       lizma), in  der bis  1923 in russischer Übersetzung Morellys Code
       de la  nature, eine Samt-Simon-Auswahl und die Doctrine de Saint-
       Simon von  1828/29 erscheinen.  Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg
       nimmt Volgin den Faden wieder auf und beginnt die Serie Wegberei-
       ter des  wissenschaftlichen Sozialismus (Predsestvenniki naucnogo
       socializma), für  die bis  1962 über  zwanzig sorgfältig  kommen-
       tierte  Quellenbände  erarbeitet  werden.  Darunter  finden  sich
       Buonarrotis Conspiration pour l'égalité, Cabets Voyage en Icarie,
       je zwei  Bände Saint-Simon  und Owen, neunzehnhundert Seiten Fou-
       rier-Texte, Weitlings Garantien der Harmonie und Freiheit, je ein
       Band ausgewählter  Schriften von  Blanqui und Jean-Jacques Pillot
       sowie Théodore  Dezamys Code de la communauté, dem Marx' Exzerpte
       und Randglossen  beigegeben sind.  Auch außerhalb  der  genannten
       Reihen erscheinen  wichtige  Textausgaben,  so  Ende  der  1930er
       Schriften von Thomas Hodgskin und in zwei Bänden Fouriers Théorie
       des quatre  mouvements und  Le nouveau monde industriel et socié-
       taire, so  in den  1950ern John Francis Brays Labour's wrongs and
       labour's remedy  und fünfhundert  Seiten John  Gray,  schließlich
       zwei Jahrzehnte später die von Dalin kommentierte vierbändige Ba-
       beuf-Edition.
       Zu den  Fortschritten in der historischen Erforschung des vormar-
       xistischen Sozialismus  haben in der Sowjetunion seit den 1920ern
       viele beigetragen,  einige Namen  stehen jedoch für besondere In-
       tensität der  Bemühungen: Volgin, Dalin, Zil'berfarb, Ioannisjan.
       Der 1879  geborene Volgin hat die wissenschaftliche Laufbahn erst
       nach der  Oktoberrevolution einschlagen können, vorher bleibt sie
       ihm versperrt,  weil er  seit der Jahrhundertwende in der revolu-
       tionären Bewegung  aktiv ist. Während der 1920er hauptsächlich an
       Neugründungen wie  der  Sozialistischen/Kommunistischen  Akademie
       und dem  Institut der  Roten Professur tätig, vertritt er dort in
       Forschung und  Lehre die  Geschichte der  sozialistischen  Ideen.
       1930 wird  Volgin ordentliches  Mitglied der Akademie der Wissen-
       schaften. Dreißig Jahre später sieht er sein Lebenswerk besonders
       gewürdigt: der  82jährige erhält  im April  1961 den  Lenin-Preis
       "für die  Aufarbeitung der Geschichte der vormarxistischen sozia-
       listischen Lehren". Dunaevskij und Porsnev kennzeichnen sein Ver-
       ständnis des  vormarxistischen Sozialismus, indem sie zeigen, wie
       er ihn im Verhältnis zum wissenschaftlichen Sozialismus sieht. In
       der sowjetischen  Literatur, sagen  sie, sind  ehedem zwei extrem
       auseinandergehende Interpretationen  anzutreffen: Marx/Engels und
       die vormarxistischen  Sozialisten verbindet entweder das wenigste
       oder das  meiste. Für  Volgin ist  der   w i s s e n s c h a f t-
       l i c h e   Sozialismus eine  neue Qualität  gegenüber den nicht-
       wissenschaftlichen Bemühungen  der vormarxistischen  Sozialisten.
       Die "Wegbereiter"  und Marx/Engels  trennt jedoch  keine  unüber-
       brückbare Kluft. "Die großartige Plejade der sozialistischen Den-
       ker der  Vergangenheit sah  in der  Vorstellung Volgins  wie  ein
       Ruhmessockel [slavnyj  postament] für Marx und Engels aus. In der
       Behandlung  durch   Volgin  war   nicht  nur  die  Rede  von  der
       Gegenüberstellung von  Utopie und  Wissenschaft, sondern auch von
       der Entwicklung  von der  Utopie zur  Wissenschaft, folglich  der
       Anhäufung  [nakoplenie]  jener  Ahnungen,  Einsichten,  einzelnen
       richtigen Auffassungen durch das gesellschaftliche Denken, welche
       die Möglichkeiten  zur Schaffung  der wissenschaftlichen  Theorie
       des Kommunismus  vorbereiten.  Dadurch  war  die  Geschichte  des
       sozialistischen Denkens  bei Volgin  nicht einfach  ein  Katalog,
       sondern Wissenschaft von der Entwicklung, vom Fortschritt der so-
       zialistischen Lehren." (Nr. 7, 12)
       Der Ministerrat  der UdSSR stiftet 1969 für besondere Forschungs-
       leistungen auf  dem Gebiet  der allgemeinen Geschichte einen nach
       Volgin benannten Preis. Erster Träger des Volgin-Preises ist 1971
       Dalin, seit  den  1950ern  mit  vielen  Publikationen  zu  seinem
       Hauptthema der maßgebende sowjetische Babeuf-Forscher. Er bekommt
       die Auszeichnung  für seine Monographie von 1963 über Babeuf 1785
       bis 1794 und für die 1970 veröffentlichten Untersuchungen zur re-
       volutionären und  sozialistischen Bewegung Frankreichs. Dalin ge-
       hört -  wie auch Zil'berfarb und Joannisjan - der Generation nach
       Volgin an.  1974 erhält  den Preis  der gebürtige  Armenier Abgar
       Roubeni Howhannisjan (russische Schreibweise: Abgar Rubenovic Io-
       annisjan) für  seine 1966  publizierten Studien über die kommuni-
       stischen Ideen  während der  Französischen Revolution. In anderen
       Arbeiten verweist  Ioannisjan auf  neue Quellen und erörtert kaum
       bekannte  Traditionen   des  utopiceskij  socializm  während  der
       1820/30er. Verglichen  mit Volgin,  der als darstellender und in-
       terpretierender Historiker vielen Seiten des vormarxistischen So-
       zialismus sich  zuwendet, sind  loannisjan und  Dalin auf  wenige
       Hauptbereiche konzentrierte  Spezialisten, die jedoch nicht ärmer
       erscheinen. Von  Zilberfarb gilt  das ebenfalls. In seinem Haupt-
       werk über  Fouriers Sozialphilosophie  und deren  Platz  in  fünf
       Jahrzehnten Geschichte  des  sozialistischen  Denkens  seit  1800
       zieht er die Summe seiner Forschung.
       Im Zusammenhang  der frühen  Bemühungen, das marxistische Studium
       des vormarxistischen  Sozialismus durchzusetzen  und abzusichern,
       spielen neugegründete  Institutionen eine  bedeutende Rolle.  Die
       Aktivitäten des  Marx-Engels-instituts sind  oben zur Sprache ge-
       kommen. Weiter  interessieren  die  Sozialistische/Kommunistische
       Akademie und das 1921 für die Ausbildung marxistischer Lehrkräfte
       gegründete Institut  der Roten Professur. An beiden Einrichtungen
       ist während  der 1920er  Volgin tätig. Im Verlag der Akademie er-
       scheinen marxistische Monographien zum vormarxistischen Sozialis-
       mus, das  Organ der  1925 gegründeten  Gesellschaft marxistischer
       Historiker - der in demselben Verlag herausgegebene Istorik mark-
       sist -  bringt Abhandlungen zum Thema, ebenso die Zeitschrift der
       Akademie, Vestnik socialisticeskoj/kommunisticeskoj akademii. Da-
       mals sind  an der  noch in vorrevolutionärer Tradition gehaltenen
       Akademie  der  Wissenschaften  in  Leningrad  entsprechende  For-
       schungsinteressen überhaupt  nicht gefragt. Das ändert sich erst,
       als diese  Institution selbst das Zentrum marxistischer Forschun-
       gen ist.  Volgins Wahl  1930 bringt  jenen marxistischen  Wissen-
       schaftler in  die Akademie, der dort die Aufarbeitung des vormar-
       xistischen Sozialismus etablieren wird.
       In den  späten 1950ern  bilden sich an der historischen Abteilung
       der Akademie größere Fachgruppen, darunter die Forschergruppe für
       das Studium  der Geschichte der sozialistischen Ideen - damaliger
       Leiter ist  Boris Fedorovic Porsnev - und die Gruppe für das Stu-
       dium der Geschichte Frankreichs, die von Volgin geleitet wird und
       den Babeuf-Spezialisten  Dalin einschließt. Daß das zweitgenannte
       Forscherkollektiv aus  gutem Grund  hier angesprochen wird, zeigt
       sein von Volgin gegründetes Publikationsorgan Francuzskij ezegod-
       nik, das regelmäßig Arbeiten über vormarxistischen Sozialismus in
       Frankreich aufnimmt.  Viele Forschungen  zum vormarxistischen So-
       zialismus veröffentlicht  die Zeitschrift  Neue und  neueste  Ge-
       schichte (Novaja i novejsaja istorija), die vom Institut für all-
       gemeine Geschichte an der Akademie der Wissenschaften herausgege-
       ben wird. Seit 1962 erscheinen, von der Akademie verantwortet, in
       unregelmäßigen Abständen die Bände der noch von Volgin angeregten
       Reihe Istorija  socialisticeskich ucenij (Geschichte der soziali-
       stischen Lehren). Jede Publikation sammelt Studien mehrerer Auto-
       ren, in  den meisten  Bänden ist  der vormarxistische Sozialismus
       wichtiger Gegenstand  und selbst  Hauptthema. Schließlich  die im
       Rahmen der  Akademie ausgerichteten  Fachtagungen wie das bereits
       genannte Symposium  von 1968.  Im Mai 1975 organisiert die Abtei-
       lung für  Geschichte des  gesellschaftlichen  Denkens,  eine  der
       Gliederungen des Instituts für allgemeine Geschichte, eine Konfe-
       renz zu  Fragen der  Geschichte des utopiceskij socializm, an der
       neben Spezialisten  aus Akademie-Instituten  Mitarbeiter des Mos-
       kauer IML  und Wissenschaftler  mehrerer Hochschulen  teilnehmen.
       (Nr. 14)
       Veröffentlichungen in  nichtsozialistischen Ländern zum vormarxi-
       stischen Sozialismus  lassen die sowjetische Forschung nahezu un-
       beachtet. Giuseppe Del Bö in seiner auf Vollständigkeit zielenden
       Fourier-  und  Fourierismus-Bibliographie  (Mailand  1957)  nimmt
       keine sowjetische  Publikation zur Kenntnis. Jean Walch in seiner
       Saint-Simonismus-Bibliographie (Paris  1967), dann so bemühte Bi-
       bliographen wie J.F.C. Harrison in seinem Buch über Owen und Owe-
       nisten (London  1969), Mirella  Larizzain  ihrer  Fourier-Edition
       (Turin 1972) und Maria Teresa Bovetti Pichetto in ihrer Saint-Si-
       mon-Edition (Turin  1975), keiner  hat auch  nur alle wichtigeren
       Titel sowjetischer  Herkunft ermittelt.  Selten sind  sowjetische
       Forschungen zum  vormarxistischen Sozialismus  aus dem Russischen
       übertragen  und   damit  verfügbarer  gemacht  worden.  In  einem
       "Gedenkband aus  Anlaß des  200. Geburtstages von Gracchus Babeuf
       am 23.11.1960"  publiziert der Leipziger Historiker Walter Markov
       übersetzte Abhandlungen  Dalins. 1976  kommt in Moskau Dalins Ba-
       beuf-Monographie von  1963 auf französisch heraus. In den 1960ern
       drucken italienische  und französische  Zeitschriften einige Stu-
       dien Volgins  und Zil'berfarbs.  Damit sind für die letzten Jahr-
       zehnte die  Hauptsachen bereits  genannt. Zusammenarbeit sowjeti-
       scher Spezialisten  und ausländischer Forscher ist wiederholt zu-
       stande gekommen, so anläßlich des Babeuf-Jubiläums 1960. Die bis-
       her bedeutendste  Kooperation hat mit diesem Gedenken zu tun. Da-
       mals reift  unter wesentlicher  Beteiligung sowjetischer Forscher
       der Plan  einer Babeuf-Gesamtausgabe, sie wird als internationale
       Angelegenheit verstanden.  Am Ende sollte die Edition in der Ori-
       ginalsprache und  in russischer Übersetzung vorliegen. Die russi-
       sche Ausgabe  ist abgeschlossen (Moskau 1975-1982), von der fran-
       zösischen bisher Band eins erschienen (Paris 1977).
       In einem Aufsatz über Lenins Verständnis des "vormarxschen utopi-
       schen Sozialismus" erinnert N. E. Zastenker 1964 an Stalins Satz,
       der utopiceskij  so-cializm sei eine Wüste (pustynja), in der das
       sozialistische Denken  bis zum  Auftreten des  wissenschaftlichen
       Sozialismus lange  "blind umherirren"  mußte.  Zastenker  erklärt
       diese Wertung für ein "Muster des pseudomarxistischen Hyperkriti-
       zismus" (obrazec  Izemarksistskogo giperkriticizma) und sieht sie
       als "stillschweigende Verneinung der Leninschen Ansichten zur Ge-
       schichte der  sozialistischen Ideen".  (Nr. 19,  95) Es bleibt zu
       fragen, ob  trotz der  veröffentlichten Abneigung Stalins das In-
       teresse der Forschung am vormarxistischen Sozialismus ungemindert
       fortbestanden hat.  Die Frage drängt sich auf nicht zuletzt ange-
       sichts der  Schicksale sowjetischer  Forschung zu  den revolutio-
       nären Narodniki  der 1870er in Rußland. Stalins absprechendes Ur-
       teil über  sie und  das Ende  wissenschaftlichen Bemühens  um sie
       Mitte der  1930er haben  durchaus miteinander  zu tun.  Das  For-
       schungsinteresse am vormarxistischen Sozialismus verliert sich zu
       keiner Zeit.  Von Kontinuität  zu sprechen  ist  berechtigt,  und
       nicht nur  im Blick auf Volgins Lebenswerk. Die Stalinzeit bedeu-
       tet keine  Lücke in  der Publikation von Quellen und Studien. Die
       1920er sind die Jahre der Grundlegung einer systematischen marxi-
       stischen Forschung zum vormarxistischen Sozialismus. Das Viertel-
       jahrhundert danach  ist zwar  nicht die  beste Zeit  dieser  For-
       schung, sicher aber die Zeit weiterer Verständigung über die Not-
       wendigkeit, sie  voranzubringen. Unter  anderem spricht dafür das
       große Unternehmen   W e g b e r e i t e r   d e s    w i s s e n-
       s c h a f t l i c h e n    S o z i a l i s m u s,  die Reihe, die
       Volgin 1947  beginnt.  Als  mit  Volgins  Tod  1962  der  Pionier
       abtritt,  ist  die  sowjetische  Forschung  zum  vormarxistischen
       Sozialismus bereits  auf breite  Basis gestellt  und so fest eta-
       bliert, daß sie keine Schwierigkeiten hat, sich besonders erfolg-
       reich weiterzuentwickeln. Das hat einen quantitativen Aspekt, die
       Zahl der  Veröffentlichungen, und einen qualitativen Aspekt, Aus-
       weiten des  Forschungfeldes und  Zunahme theoretischer  Arbeit an
       neuen Fragestellungen.
       
       Literatur
       ---------
       
       Das folgende  Verzeichnis ist  keine  empfehlende  Bibliographie,
       sondern die  Auflistung von  Titeln, die  im Aufsatz angesprochen
       oder zitiert  sind. Im fortlaufenden Aufsatztext finden sich ein-
       geklammerte Hinweise,  zum Beispiel  (Nr. 20, 291). Das bedeutet:
       Titel 20 der Auflistung (also: Zastenker...), Seite 291.
       1. Barg, M.A., "K voprosu o predmete i metode istorii socialisti-
       ceskich idej"  (Zur Frage  Gegenstand und  Methode der Geschichte
       der  sozialistischen   Ideen),  Istorija   obscestvennoj   mysli.
       Sovremennye problemy. Moskau 1972, 431-452.
       2. Dalin, V.M.,  Grakch Babef  nakanune i vo vremja Velikoj Fran-
       cuzskoj revoljucii, 1785-1794. Moskau 1963. Französische Fassung:
       Gracchus Babeuf  à la  veille et  pendant  la  Grande  Révolution
       française (1785-1794). Moskau 1976.
       3. Dalin, V.M., Ljudi i idei. Iz istorii revoljucionnogo i socia-
       listiceskogo dvizenija  vo Francii  (Menschen und  Ideen. Aus der
       Geschichte der  revolutionären und  sozialistischen  Bewegung  in
       Frankreich). Moskau 1970.
       4. Dalin, V.M.,  Istoriki  Francii  XIX-XX  vekov.  Moskau  1981.
       Darin: "V.P.  Volgin i  issledovanie istorii  francuzskogo socia-
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       französischen Sozialismus in der UdSSR), 151-170.
       5. Dunaevskij,  V.A.,  Sovetskaja  istoriografija  novoj  istorii
       stran Zapada  1917" 1941 gg. Moskau 1974. Darin: "Izucenie zapad-
       noevropejskogo utopiceskogo  socializma" (Das Studium des westeu-
       ropäischen utopischen Sozialismus), 192-218.
       6. Dunaevskij, V.A.  / G.S.  Kucerenko, Zapadnoevropejskij utopi-
       ceskij socializm  v rabotach so-vetskich istorikov (Der westeuro-
       päische utopische Sozialismus in den Arbeiten sowjetischer Histo-
       riker). Moskau 1981.
       7. Dunaevskij, V.A. / B.F. Porsnev, "Izucenie zapadnoevropejskogo
       utopiceskogo socializma  v sovetskoj  istoriografii  (1917-1963)"
       (Das Studium  des westeuropäischen  utopischen Sozialismus in der
       sowjetischen Historiographie), Istorija socialisticeskich ucenij.
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       8. Fink, Fjodor / Wolfgang Meiser, "Sowjetische Publikationen zur
       Geschichte des  vormarxistischen Sozialismus.  Literaturbericht",
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       9. Francuzskij ezegodnik 1960 (Französisches Jahrbuch 1960). Mos-
       kau 1961. Babeuf-Teil: 7-278.
       10. Ioannisjan, A.R.,  Kommunisticeskie idei v gody Velikoj Fran-
       cuzskoj revoljucii  (Die kommunistischen Ideen während der Großen
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       11. Kirillov, G.I.,  "V.I. Lenin o preodolenii marksizmom vozzre-
       nij utopiceskogo  socializma v  rabocem dvizenii" (V.I. Lenin zur
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       beiterbewegung durch  den Marxismus),  Istorija socialisticeskich
       ucenij. Sbornik statej. Moskau 1976, 5-21.
       12. Kostjucenko, L.G., "V.I. Lenin o zapadnoevropejskom utopices-
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       kau 1969, 327-348.
       13. Kucerenko, G.S.,  Sen-simonizm v  obscestvennoj mysli  XIX v.
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       14. Pavlova, T.A.,  "Naucnaja konferencija  po problemam  istorii
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       men der  Geschichte des  utopischen Sozialismus), Novaja i novej-
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       15. Plechanov, G.V.,  Socinenija (Werke),  Bände 1  bis 24,  Mos-
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       16. Plechanov,   G.V.,    Izbrannye   filosofskie   proizvedenija
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       17. Volgin, V.P.,  "Idejnoe nasledie  babuvizma" (Das gedankliche
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