Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       ZEHN THESEN ÜBER DIE KÖLNER ZENTRALBEHÖRDE
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       DES BUNDES DER KOMMUNISTEN (1850/51)
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       Martin Hundt
       
       "Wenn eine  Stadt in  Deutschland, soweit  das überhaupt  möglich
       ist, für  sich die Ehre in Anspruch nehmen kann, sich als die Ge-
       burtsstätte des  Sozialismus zu  betrachten, so  ist es Köln." 1)
       Diese Einschätzung traf der damals 53jährige August Bebel, als er
       am 22. Oktober 1893 einen Parteitag der Sozialdemokratischen Par-
       tei Deutschlands in Köln eröffnete. Zur Begründung seines Urteils
       berief er  sich auf Marx' Tätigkeit bei der "Rheinischen Zeitung"
       und dessen  erste persönliche  Bekanntschaft mit  Engels in deren
       Redaktion, auf  die Herausgabe der "Neuen Rheinischen Zeitung" im
       Revolutionsjahr 1848/49  und schließlich  auf die  Verlegung  der
       Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten von London nach Köln im
       Herbst 1850,  wodurch diese Stadt "zum dritten Male der Ort" war,
       "von wo aus die Fäden der sozialistischen Bewegung gesponnen wur-
       den". 2)
       Bebel war  ein Historiker  von glänzendem Gespür. Wollte man aber
       nun heute,  fast einhundert  Jahre nach  seinem Hinweis,  genauer
       wissen wollen,  was denn  das Wesentliche an der Tätigkeit dieser
       in Köln sitzenden höchsten Leitung des Bundes war, wann genau und
       wie im einzelnen sie ihre "Fäden spann" - man fühlte sich von der
       Literatur bald  im Stich gelassen. Selbst die meisten Spezialdar-
       stellungen gehen  von der  im Herbst  1850 erfolgten Spaltung des
       Bundes mit wenigen Worten gleich zum Kölner Kommunistenprozeß von
       1852 über. 3)
       Zwischen diesen beiden gewissermaßen negativsten Punkten der Bun-
       desgeschichte sich  ihren letzten,  in bestimmter Beziehung uner-
       reichten Höhepunkt  zu denken, fällt schwer. Aber eine historisch
       gerechte Einschätzung  der Kölner Zentralbehörde kann nur auf der
       Grundlage der Erkenntnis gefunden werden, daß der Bund der Kommu-
       nisten - die erste internationale und zugleich erste deutsche re-
       volutionäre Partei  der Arbeiterklasse - zwischen Herbst 1850 und
       Mitte 1851 noch einmal einen hervorragenden, alle drei Seiten des
       Klassenkampfes erfassenden  Aufschwung nahm.  Erstmals vorsichtig
       formuliert wurde  diese Erkenntnis  1962 von  Förder 4);  zwanzig
       Jahre später  lagen die  überlieferten Dokumente  aus dieser Zeit
       als ein  eigenes Kapitel  in der  Dokumentenpublikation "Der Bund
       der Kommunisten"  vor 5),  aber eine  umfassende Darstellung  und
       Wertung dieses  frühen Abschnitts  der Geschichte der kommunisti-
       schen Partei  steht immer  noch aus. Der vorliegende Beitrag soll
       ein Schritt dahin sein.
       
       1.
       
       Die Bildung  einer Zentralbehörde  ohne Marx  und Engels, die ihr
       rund drei  Jahre lang  an führender  Stelle und  mit maßgeblichem
       Einfluß angehört hatten, war kein Rückschritt, sondern die einzig
       mögliche Entscheidung in der konkreten Situation vom Herbst 1850.
       Diese Entscheidung  ist von  niemand anders  als von  Marx konzi-
       piert, als Beschlußvorschlag formuliert und durchgesetzt worden.
       Infolge der  Fraktionstätigkeit  Willichs  und  Schappers,  ihres
       zeitweilig beträchtlichen  Einflusses unter den Bundesmitgliedern
       in London, war die Leitung des gesamten Bundes von dort aus nicht
       mehr möglich. Marx legte in der letzten Sitzung der Londoner Zen-
       tralbehörde am  15. September  1850 logisch zwingend dar, daß die
       einzig verbliebene  Möglichkeit zur  Erhaltung der  Partei in der
       Verlegung des  Sitzes der  Zentralbehörde nach  außerhalb Londons
       sowie der  Unterordnung von  zwei völlig  zu trennenden  Londoner
       Kreisorganisationen unter diese neue Zentralbehörde bestand. Dar-
       aus ergab  sich das  Problem, welche  Stadt dafür  in Frage käme.
       Marx schlug Köln vor.
       Interessanterweise war  das der einzige Punkt, über den sich Marx
       und Schapper  an diesem Abend noch einig wurden. Als Sprecher der
       Fraktion ging Schapper dabei allerdings von der Ansicht aus: "Ich
       habe meine  Bekannte und Freunde in Köln, die mir mehr folgen als
       euch." 6)  Es stellte  sich aber sehr schnell heraus, daß er sich
       irrte; Marx  war eben doch - auch wenn das von Marxfälschern ver-
       schiedener Spielarten  mit Vorliebe anders dargestellt wird - ein
       großer Menschenkenner.
       Der am  30. September  1850 endgültig  konstituierten Kölner Zen-
       tralbehörde gehörten  mit Sicherheit der Zigarrenmacher Peter Rö-
       ser als  Präsident, der  Journalist Heinrich Bürgers als Sekretär
       und der  Chemiker Karl  Otto als  Kassierer an. Röser war während
       der Revolution als einer der Aktivsten des Kölner Arbeitervereins
       hervorgetreten und im Herbst 1848 - als Marx zeitweilig die Funk-
       tion eines  Präsidenten  dieser  großen  Organisation  übernommen
       hatte -  dessen Stellvertreter  gewesen. Bürgers  war  ein  alter
       Freund von Marx, noch von Paris und Brüssel her, wenn er auch das
       schwächste Glied  im ansonsten glänzenden Redaktionskollegium der
       "Neuen Rheinischen  Zeitung" gebildet  hatte. Von denjenigen Bun-
       desmitgliedern, die  außer den  drei Genannten  entweder Mitglied
       der Kölner  Zentralbehörde waren  oder zumindest mit ihr sehr eng
       zusammenarbeiteten, gehörte  der Arzt  Roland Daniels  zum aller-
       engsten Marxschen  Freundeskreis, der  Dichter Ferdinand  Freili-
       grath war  Redaktionsmitglied der "Neuen Rheinischen Zeitung" ge-
       wesen, der  Verleger Hermann  Becker hatte  1848 mit  Marx in der
       Leitung des rheinischen Kreisausschusses der Demokraten gesessen,
       der Schneidergeselle  Peter Nothjung mit Engels 1849 auf den Bar-
       rikaden von  Elberfeld gestanden.  Eng verbunden  mit den Kölnern
       war auch  der Journalist  Joseph Weydemeyer,  mit Marx und Engels
       seit 1846  unerschütterlich befreundet und 1850 Leiter der Frank-
       furter Kreisorganisation des Bundes.
       Einen besseren  Stab der Parteiführung hätte man, bei aller rich-
       tigen Kritik  an einigen  Eigenheiten und an der Führungsschwäche
       von Bürgers,  zu dieser  Zeit außerhalb Londons nirgends im Bunde
       finden können.  Die Kölner  Zentralbehörde verkörperte  unter den
       obwaltenden Umständen  ein Maximum  an Kontinuität der Parteient-
       wicklung, an  Kontakten zu Marx (als dem Präsidenten der vorange-
       gangenen Zentralbehörde)  und auch  ein Maximum  an theoretischer
       Befähigung.
       
       2.
       
       Die Kölner Bundesmitglieder haben keinen Augenblick gezögert, die
       außerordentlich schwierige  und verantwortungsvolle  Aufgabe  der
       Bildung einer  neuen Zentralbehörde anzunehmen. Aussagen des spä-
       teren Verräters Wilhelm Haupt, die ein anfängliches Schwanken und
       ernsthafte Einwände vor allem seitens Bürgers betonen, 7) beruhen
       entweder auf  Mißverständnissen des  jungen Haupt  oder waren Be-
       standteil seiner  Rechtfertigungstaktik vor der politischen Poli-
       zei in Hamburg.
       Als disziplinierte  Parteimitglieder haben  die  Kölner  vielmehr
       schon um  den 20.  September, d.  h. unmittelbar  nach Erhalt des
       Londoner Protokolls  vom 15.  September sowie  eines erläuternden
       Briefes von  Marx (der nicht überliefert ist), die nötigen Maßre-
       geln eingeleitet.  Am 25.  teilte Röser  die prinzipielle Annahme
       der Aufgabe an Marx mit, am 27. waren alle notwendigen Unterlagen
       und Informationen  in Köln,  und eine Sitzung der Kreisleitung am
       selben Abend  faßte entsprechende  Beschlüsse, die von einer Mit-
       gliedervollversammlung -  es gab damals 20-25 organisierte Kommu-
       nisten in Köln - am 29. September bestätigt wurde. Dies alles ge-
       schah durch  ausschließlich ehrenamtlich tätige Bundesmitglieder,
       nach heute  unvorstellbar langer  täglicher  Arbeitszeit  und  in
       strengster Illegalität.
       Es kam  erschwerend hinzu,  daß noch  niemals  in  der  Bundesge-
       schichte eine neue Zentralbehörde unter dem Damoklesschwert einer
       drohenden Parteispaltung  gebildet worden  war, daß  zweitens der
       bis dahin  im Bunde bestehende Grundsatz umgestoßen werden mußte,
       die Zentralbehörde  erst im Falle eines neuen Aufschwungs der Re-
       volution wieder nach Deutschland zu verlegen, 8) und daß schließ-
       lich nach  Statut der  Beschluß über  den Sitz der Zentralbehörde
       eigentlich von  einem Kongreß  (der jedoch  damals objektiv nicht
       einberufen werden  konnte) zu fassen war. Die Sorge um den Erhalt
       der Partei, das tiefe Verständnis für die Besonderheit der Situa-
       tion und  für den  Geist der Statuten gingen bei den Kölnern aber
       so weit,  daß mit  Mut und  Verantwortungsbewußtsein  auch  diese
       schwierigen Hindernisse beiseite geschoben wurden, und zwar nicht
       leichtfertig und  bedenkenlos, sondern  in voller  Erkenntnis der
       Schwierigkeiten, die auch neuartiges Handeln erforderten.
       Bei Kenntnis  und Beachtung  aller dieser Umstände weiter von Zö-
       gern, Inaktivität  oder Unentschlossenheit  der Kölner  zu reden,
       wäre schlicht Rufmord.
       Die neue  Zentralbehörde ergriff sofort alle nötigen innerorgani-
       satorischen Maßregeln,  diskutierte Probleme  des Entwurfs  neuer
       Statuten - wie dies Marx vorgeschlagen hatte -, konzipierte einen
       Aufschwung der propagandistischen Aktivität des Bundes und sandte
       die vier  Emissäre Friedrich  Leßner, Peter  Röser, Karl Otto und
       Peter Nothjung  nach Nürnberg,  ins Rheinland, nach Berlin, Leip-
       zig, Essen, Hannover und Hamburg. Nothjung hatte den Auftrag, von
       Hamburg über Berlin nach Schlesien weiterzureisen. Dies alles ge-
       schah in den ersten sechs Wochen ihrer Amtsführung.
       
       3.
       
       Der Ausschluß des Willich-Schapperschen Sonderbundes erfolgte po-
       litisch abgewogen,  in exakter Abstimmung mit dem von Georg Ecca-
       rius (und  Marx) geleiteten Kreis London des Bundes. Das Vorgehen
       der Kölner  Zentralbehörde fand  die ausdrückliche  Billigung von
       Marx. 9)
       Trotz des  absolut statutenwidrigen, abenteuerlichen und provoka-
       torischen Vorgehens  des Sonderbundes  (als den sich die Fraktion
       konstituiert hatte),  der u.  a. auch  einen Emissär  nach  Köln,
       Frankfurt (Main)  und Mainz  sandte, um  die Bundesmitglieder  in
       Deutschland doch  noch umzustimmen, setzte die Zentralbehörde bis
       Mitte November die in der letzten Sitzung der Londoner Zentralbe-
       hörde beschlossene  Politik fort, nichts unversucht zu lassen, um
       die Einheit der Partei zu wahren. Sie schrieb Anfang Oktober aus-
       führlich und  sachlich an  Schapper, beriet  Ende Oktober in Köln
       nochmals mit  dem Sonderbund-Emissär,  der die  negative  Antwort
       Schappers überbrachte,  und erst als offensichtlich alle Möglich-
       keiten des  Gesprächs ausgeschöpft  waren, als der Sonderbund den
       unsinnigen Beschluß  faßte, die Kölner aus dem Bunde auszuschlie-
       ßen, schritt man zu den nötigen Gegenmaßnahmen.
       Auch das ging keineswegs gereizt und überstürzt vor sich. Da nach
       Statut ganze  Gemeinden von der Zentralbehörde nicht ausgeschlos-
       sen werden  konnten, wenn  nicht ein anderer Kreis einen entspre-
       chenden Antrag  gestellt hatte,  nahm der Kreis London am 11. No-
       vember einen  solchen Beschluß  an, 10) auf dessen Grundlage dann
       die Kölner  in der  zweiten Novemberhälfte ihren eigenen Beschluß
       über den Ausschluß des Sonderbundes fassen konnten. Die bundesin-
       terne Ansprache  der Zentralbehörde an alle Mitglieder vom 1. De-
       zember 1850  informierte über  die endgültige Trennung und erläu-
       terte sie.
       In Einheit  mit der  konsequent marxistischen  Politik der Kölner
       Zentralbehörde in  anderen Fragen  bewirkte dieses souveräne Ver-
       halten gegenüber dem Sonderbund, daß dieser - bis auf eine kleine
       Gruppe in  Braunschweig - in Deutschland nicht Fuß fassen konnte.
       Selbst dort,  wo aus  alter Freundschaft noch Kontakte bestanden,
       z.B. von  Gottfried Stechan  in Hannover  zu Schapper,  schliefen
       diese bald ein, und das alte Bundesmitglied Stechan ging zur Köl-
       ner Zentralbehörde über. Schon im Februar 1851 war es dem Sonder-
       bund nicht  mehr möglich,  auch nur  eine einzige Grußadresse für
       ein von  ihm mit-veranstaltetes internationales Meeting in London
       aus Deutschland zu erhalten.
       In ihrer Argumentation gegen den Sonderbund arbeiteten die Kölner
       erfolgreich mit  dem "Manifest  der Kommunistischen Partei" - das
       sie als  das weiterhin  gültige Parteiprogramm betrachteten - und
       mit anderen  Schriften und Artikeln von Marx und Engels. Sie wer-
       teten solche  Auffassungen wie  die von  einer  j e d e r z e i t
       möglichen Arbeiterrevolution,  von der  Priorität des bloßen Wil-
       lens gegenüber  den realen  gesellschaftlichen Verhältnissen, der
       Verachtung der  Theorie und der Trennung von allen Vertretern der
       Intelligenz völlig  richtig als  gefährlichen Rückfall in die von
       der kommunistischen Bewegung längst überwundene Etappe einer blo-
       ßen Gleichmacherei.
       
       4.
       
       Die Kölner Zentralbehörde verfügte über eine realistische Analyse
       sowohl der  Klassenverhältnisse als  auch der  aktuellen Politik.
       Sie nahm  die Niederlage  der europäischen Revolution von 1848/49
       als Faktum  der Geschichte, setzte - vom historischen Materialis-
       mus ausgehend - einen unausweichlichen künftigen neuen Anlauf der
       bürgerlich-demokratischen Revolution  in Deutschland  voraus  und
       arbeitete dieser  neuen Revolution  mit einer breitangelegten und
       in keiner  Weise sektiererischen  demokratischen Propaganda  vor.
       Dabei nutzte sie geschickt alle noch vorhandenen legalen Möglich-
       keiten, die  sich daraus  ergaben, daß der Sieg der Konterrevolu-
       tion auf  dem europäischen  Kontinent bis  zum  bonapartistischen
       Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 nicht völlig gesichert war und
       auch in  Deutschland die  demokratische Bewegung  noch über einen
       gewissen, sich  allerdings ständig verengenden politischen Spiel-
       raum verfügte.
       Die Kölner Kommunisten hielten sich jedoch prinzipiell und konse-
       quent von jeglicher Verschwörung zum Sturze der bestehenden, noch
       weitgehend feudalbürokratischen Regierung fern. Deren Beseitigung
       betrachteten sie  als historische  Aufgabe der  Bourgeoisie. Bür-
       gers, Weydemeyer und andere Bundesmitglieder betonten ebenso ein-
       deutig wie  Marx und  Engels, daß  die eigentliche Opposition der
       Kommunisten erst  in der bürgerlichen Republik beginnen könne und
       werde.
       Bei der Bestimmung der Rolle der Arbeiterklasse und der Arbeiter-
       bewegung in  einer künftigen Revolution ließ sich die Kölner Zen-
       tralbehörde von  der von  Marx und Engels verfaßten Märzansprache
       des Bundes  von 1850  leiten, die  sie immer wieder innerhalb des
       Bundes propagierte  und zum erneuten gründlichen Studium empfahl.
       Sie ging also von der Möglichkeit einer Permanenz der Revolution,
       eines direkten  Übergangs von  der bürgerlich-demokratischen  zur
       sozialistischen Revolution  aus, überschätzte aber nicht den Ent-
       wicklungsgrad   kapitalistischer    Produktionsverhältnisse    in
       Deutschland. Daher  setzte sich  die Kölner  Zentralbehörde  auch
       keine überhöhten  Ziele hinsichtlich  des vorläufigen Umfangs der
       Arbeiterbewegung, verfiel  jedoch andererseits auch nicht in Jam-
       mern und  Abwarten, sondern  orientierte auf  die politische  und
       theoretische Bildung  der Arbeiter,  Handwerker  und  werktätigen
       Bauern. Es  liegen mehrere  Quellen darüber vor, daß die Kommuni-
       sten schon 1850/51 das sich im Rhein-, Main- und Ruhrgebiet, aber
       auch in  Berlin herausbildende  Industrieproletariat als den Kern
       der modernen  Arbeiterklasse, als eigentlichen Träger kommunisti-
       schen  Bewußtseins   und  Kristallisationspunkt  einer  künftigen
       Volksrevolution betrachteten.
       In nahtloser  Übereinstimmung mit  Marx und Engels, jedoch im Ge-
       gensatz zu den Auffassungen von Schapper und Willich, wertete die
       Kölner Zentralbehörde  den preußisch-österreichischen Konflikt um
       Kurhessen vom  November 1850  als Strohfeuer,  das keinesfalls zu
       einem Krieg  führen werde. Im ersten Flugblatt seit der Konstitu-
       ierung der  neuen Zentralbehörde,  betitelt "Deutsche  Männer und
       preußische  Untertanen!",  wurde  diese  Auffassung  brandaktuell
       schon Mitte November durch ganz Deutschland verbreitet. Das Flug-
       blatt, das sich direkt an die Männer der wegen des Konflikts ein-
       berufenen Landwehr  (also der  Reserve)  richtete,  ist  ein  Mu-
       sterbeispiel revolutionärer  Massenpropaganda, zugleich  wohl das
       früheste Beispiel  der Agitation  von Kommunisten  in Deutschland
       unter Militärangehörigen.
       
       5.
       
       Die Ansprache der Kölner Zentralbehörde an den Bund vom 1. Dezem-
       ber 1850  entsprach in  ihren wesentlichen  Punkten der gegebenen
       Situation. Sie  schloß die Konstituierung der neuen Bundesleitung
       endgültig ab, indem sie die Ereignisse seit der Londoner Spaltung
       kurz und  verständlich resümierte, und sie entwickelte im zweiten
       Teil die  neuen Aufgaben  des Bundes,  Fragen seiner  politischen
       Taktik und  seiner Organisation.  Die theoretische  Grundlage der
       Dezemberansprache bildeten  eindeutig das "Manifest" und die Mär-
       zansprache, aus  denen sie  - wörtlich  oder indirekt  - auch zi-
       tierte.
       Die strategische Grundaufgabe unter den Verhältnissen einer sieg-
       reichen  feudalmonarchistisch-großkapitalistischen  Konterrevolu-
       tion, also in der Zeit vor einer bürgerlich-demokratisch-republi-
       kanischen Revolution, konnte nur in der Vorbereitung des Proleta-
       riats auf  die Wahrnehmung  seiner künftigen  Aufgaben in einer -
       damals recht  bald erwarteten  - Neuauflage  von  1848  bestehen.
       Nicht Konspirations-,  sondern Propagandagesellschaft  mußte  und
       wollte der  Bund sein,  was einen umfassenden Komplex propagandi-
       stischer wie  organisatorischer Aufgaben  einschloß. Es war daher
       natürlich rhetorisch  gemeint, wenn die Dezemberansprache fragte:
       "Sollen wir ... dem bürgerlichen Interesse alles Terrain überlas-
       sen und  im Momente  der Revolution  von neuem in dem Strudel der
       grassierenden Demokratie  untergehen?", und  dann fortfuhr: "Sind
       wir nicht  berufen, als  eine feste  Phalanx in die Bewegung, die
       über kurz  oder lang ausbrechen muß, einzugreifen, und wissen wir
       nicht, daß  wir in  dieser Bewegung, die wir zunächst  m i t  der
       kleinbürgerlichen   Demokratie    durchzuführen    haben,    erst
       u n s e r e   politische Position erobern müssen? Soll es uns um-
       gekehrt wie  in Frankreich  ergehen, daß  wir  zwar  ein  festes,
       streng vorgezeichnetes  Parteiprogramm haben,  daß es uns aber an
       Köpfen und  Armen fehlt,  um es bei der nächsten Revolution offen
       als das  Banner der Bewegungspartei zu entfalten und in dem Boden
       der Praxis zu befestigen?" 11)
       Die Dezemberansprache  wurde von  allen Kreisen  und Gemeinden in
       Deutschland sowie vom Kreis London gebilligt.
       Warum haben  sich Marx  und Engels - in ihrem internen Briefwech-
       sel! -  ein halbes  Jahr später recht abfällig über sie geäußert,
       indem sie  Engels als "Bürgers didaktisch-würdevolles Rundschrei-
       ben mit  dem bekannten clair-obscur des Räsonnements" charakteri-
       sierte 12)  und Marx  sie sogar als in der Form mehr oder weniger
       absurd und inhaltlich wenig tröstlich fand? 13) Angesichts der im
       Sommer 1851  durch Deutschland laufenden Verhaftungswelle bestand
       ihr übergeordneter  Gesichtspunkt in der Sorge, die von der Poli-
       zei beschlagnahmten Dokumente könnten juristisch greifbare Ankla-
       gepunkte gegen  die verhafteten Bundesmitglieder ermöglichen. Da-
       her Engels'  Kritik an  Bürgers' bisweilen etwas lehrerhaftem Ton
       und an  halbdunkler Klügelei.  Was den Inhalt betraf, ist es nie-
       mals tröstlich, über Parteispaltung berichten zu müssen, und wenn
       die Dezemberansprache  den Stand  der Organisation  ein wenig  zu
       dunkel malte,  so entsprach  dies im Betrag etwa dem, was die Ju-
       niansprache ein halbes Jahr zuvor etwas zu hell gemalt hatte.
       Der berechtigte  Kern von  Marx' und Engels' Kritik am Inhalt der
       Dezemberansprache betraf  eine spezielle Problematik, nämlich die
       des III.  Kongresses. Es war falsch, wenn die Kölner eine ursäch-
       liche Verbindung  von zahlenmäßiger Schwäche der Organisation und
       Verschiebung des Kongresses herstellten, es war Unfug, der ehema-
       ligen Londoner Zentralbehörde eine formelle Verletzung der Statu-
       ten vorzuwerfen,  obwohl die Kölner genau wußten, daß ein Kongreß
       im September oder Oktober 1850 unfehlbar zur Auflösung des Bundes
       geführt hätte.
       Leider ist  das optimistische  Gegenstück  zur  Dezemberansprache
       1850, nämlich  die damals  mit Sicherheit  verfaßte Märzansprache
       1851, nicht  überliefert und  hat auch in keiner bisher bekannten
       Quelle eine Spur hinterlassen.
       
       6.
       
       Die von der Kölner Zentralbehörde am 1. Dezember 1850 verabschie-
       deten Statuten - eigentlich ein bis zum nächsten Kongreß gültiger
       und zur  Diskussion gestellter Statutenentwurf - stellen in mehr-
       facher Hinsicht den Gipfelpunkt in der seit 1838 andauernden Sta-
       tutenentwicklung im Bunde dar.
       Sie gingen  vom "Manifest"  aus, korrigierten  die im  Statut vom
       Herbst 1848  zugelassenen theoretischen  Rückschläge und betonten
       in Übereinstimmung mit den Grundaufgaben der Partei noch mehr als
       zuvor die  Bedeutung der  Propagandaarbeit. Als Marx ein Exemplar
       dieser Statuten  für die  Gemeinden in  den  USA  nach  New  York
       sandte, schlug er als einzige inhaltliche Präzisierung vor, statt
       "Zertrümmerung der  alten Gesellschaft"  besser "Sturz  der Bour-
       geoisie" zum ersten Zweck des Bundes zu deklarieren. 14)
       Die Dezemberstatuten von 1850 führten den langen Prozeß fort, Ge-
       heimbundsmanie und  Verschwörertum abzustreifen. Zwar hatten hier
       die vom I. Kongreß verabschiedeten Statuten vom Dezember 1847 be-
       reits alles  Wesentliche getan, aber erst jetzt fiel auch im Sta-
       tut endlich das noch von der Freimaurerei herrührende Führen sog.
       Kriegsnamen und von symbolischen Namen für die Gemeinden.
       Vor allem  aber brachten  die neuen Statuten erhebliche innerpar-
       teiliche Fortschritte,  die anzeigen,  daß sowohl die Erfahrungen
       der vorangegangenen  Reorganisation des  Bundes aufmerksam analy-
       siert worden  waren als auch bewußt Raum für künftige Entwicklun-
       gen geschaffen  werden sollte.  Sie erleichterten die Einberufung
       außerordentlicher Kongresse  durch  die  Zentralbehörde,  führten
       vierteljährliche Versammlungen  von Abgeordneten  aller Gemeinden
       eines Kreises  (also  territoriale  Delegiertenkonferenzen)  ein,
       strichen die  Höchstgrenze für  die Mitgliederzahl einer Gemeinde
       (hinfort galt  also: ein Ort - eine Parteiorganisation) und dehn-
       ten die Einjahresgrenze für Wahlfunktionen auch auf die Gemeinden
       aus.
       Alles in  allem wurden  die statutenmäßigen Voraussetzungen dafür
       geschaffen, daß starke lokale Zellen einer breiten nationalen Ar-
       beiterpartei innerhalb  der Bundesorganisation heranwachsen konn-
       ten.
       
       7.
       
       Das Dreivierteljahr des Wirkens der Kölner Zentralbehörde war ein
       unbestreitbarer Höhepunkt in der bewußten und systematischen Nut-
       zung Marxscher  und Engelsscher Schriften, Artikel, Dokumente und
       Briefe für  die unmittelbare Parteiarbeit. Dadurch konnten in ho-
       hem Maße  die unvermeidlichen  Nachteile aufgefangen  werden, die
       sich daraus ergaben, daß Marx und Engels - aber auch andere viel-
       jährig bewährte Bundesmitglieder wie Heinrich Bauer, Karl Pfänder
       und Georg  Eccarius - nicht mehr dem höchsten Leitungsgremium des
       Bundes angehören konnten.
       Durch viele  Dokumente, Artikel  und Briefe  von Mitgliedern oder
       engen Mitarbeitern  der Kölner  Zentralbehörde zieht sich wie ein
       roter Faden  die Rezeption, Anwendung, Verteidigung, Propagierung
       und Verbreitung des "Manifests", der Märzansprache, der Hefte der
       "Neuen Rheinischen  Zeitung.  Politisch-ökonomische  Revue"  (mit
       Marx' "Klassenkämpfen  in  Frankreich  1848  bis  1850",  Engels'
       "Deutscher Reichsverfassungskampagne"  und dem "Deutschen Bauern-
       krieg", mit  der "Revue. Mai bis Oktober 1850" u.a.), des "Elends
       der Philosophie", des Blanqui-Toasts und weiterer Schriften.
       Die Märzansprache  wurde in  neuen Abschriften  an alle Gemeinden
       gesandt, das "Manifest" Anfang 1851 illegal neu gedruckt, vermut-
       lich in  Frankfurt (Main),  die Herausgabe "Gesammelter Aufsätze"
       von Marx  in zwei  Bänden in  Köln in Angriff genommen. Es gab im
       April und Mai 1851 eine direkte und intensive Zusammenarbeit zwi-
       schen Marx und Engels einerseits, der Kölner Zentralbehörde sowie
       Becker und  Weydemeyer andererseits  bei der  Vorbereitung  einer
       neuen theoretischen Zeitschrift des Bundes.
       Durch Informationen  von Marx,  durch Druck  und Verbreitung  des
       Blanqui-Toasts und  durch erste Schritte bei Studium, Übersetzung
       und Verbreitung  des von Marx beeinflußten revolutionären Charti-
       stenprogramms vom  Frühjahr 1851  war die  Kölner  Zentralbehörde
       auch mit  den aktiven  Bestrebungen von Marx, Engels und Eccarius
       verknüpft, den  linken Flügel  des Chartismus  um Ernest Jones zu
       unterstützen und  so schließlich  die gesamte  Chartistenbewegung
       auf revolutionärer Grundlage neu zu beleben und zu einer nationa-
       len Massenpartei der britischen Arbeiterklasse zu entwickeln.
       Daniels, Röser, Bürgers und Freiligrath standen zu dieser Zeit in
       Briefwechsel mit  Marx, teilweise  auch mit Engels, außerdem Bun-
       desmitglieder in Frankfurt, Hamburg und Göttingen.
       In der Summe gewährleistete dies alles in vielen Fällen nicht nur
       wichtige Orientierungs-  und Sachhilfen  für die  Zentralbehörde,
       sondern auch ein hohes Maß an Kontinuität des Bundes, an Einheit-
       lichkeit seiner Entwicklung von 1836 bzw. 1847 bis 1851.
       In der Tätigkeit als Ratgeber und Autoren vom Ausland her entwic-
       kelten sich  1850/51 erstmals  Züge jener  schöpferischen, in die
       unmittelbare  Leitungsverantwortung  jedoch  nicht  eingreifenden
       Stellung, die Marx und Engels ab Ende der sechziger Jahre des 19.
       Jahrhunderts gegenüber der deutschen Sozialdemokratie und anderen
       revolutionären nationalen Arbeiterparteien einnahmen.
       
       8.
       
       Die Kölner Zentralbehörde rückte im I. Halbjahr 1851 alle irgend-
       wie verfügbaren legalen und illegalen Formen der journalistischen
       und publizistischen  Arbeit, der Verbreitung von Flugblättern und
       in einigen  Fällen auch  der Durchführung  großer  agitatorischer
       Volksversammlungen konsequent in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit,
       weil sie  zutiefst verstanden  hatte, daß  die "Parteibildung des
       Proletariats, ohne  sich um  die bestehenden  Regierungen zu küm-
       mern, 15)  die Hauptaufgabe  des Bundes  in dieser  Zeit war, der
       sich also als "Propagandagesellschaft" 16) zu bewähren hatte.
       Die Auswahl  der Themen,  die Argumentation  und die Organisation
       der Verbreitung  von Propagandaerzeugnissen  bildeten den  Inhalt
       vieler Beratungen.
       Außer dem  Neudruck des  "Manifests" -  zu dem  noch weitere For-
       schungen notwendig  sind -  und dem  anlaufenden Druck  von Marx'
       "Gesammelten Aufsätzen" ist bisher die Herausgabe und massenhafte
       Verbreitung von drei illegalen Flugblättern sowie die "Eroberung"
       der letzten  in Deutschland  noch erscheinenden Arbeiterzeitung -
       der von Stechan in Hannover redigierten "Deutschen Arbeiterhalle"
       - allein  für diese  wenigen Monate  belegt. Bei den Flugblättern
       handelte es  sich um  den von Marx und Engels übersetzten und mit
       einer "Vorbemerkung"  versehenen  "Toast"  Blanquis  vom  Februar
       1851, 17) um einen von der Kölner Zentralbehörde in einigen Punk-
       ten aktualisierten  Neudruck der  17 "Forderungen der kommunisti-
       schen Partei in Deutschland" 18) sowie eine erst Ende Mai heraus-
       gegebene Stellungnahme  zum Thema  "Die Demokratie und die Klein-
       staaterei". 19) Alle diese Flugblätter hatten hohes theoretisches
       Niveau,  waren  massenwirksam  geschrieben  und  wurden  in  ganz
       Deutschland verbreitet,  ohne daß  dabei jemals ein einziges Bun-
       desmitglied von der Polizei gefaßt worden wäre. - Außerdem wurden
       durch die Bundesorganisation Broschüren konsequent demokratischen
       Charakters verbreitet.  Freiligrath veröffentlichte Heft 2 seiner
       "Neueren Politischen  und Sozialen  Gedichte", das  die in dieser
       Zeit entstandenen  politischen  Gedichte  "Am  Birkenbaum",  "Ein
       Weihnachtslied für meine Kinder" und "Die Revolution" enthielt.
       Eine eigene,  legale Zeitschrift 20) sollte regelmäßiger als Bro-
       schüren erscheinen, gefahrloser als Flugblätter verbreitet werden
       und systematischer  als diese  wirken, durch eine Art Organisati-
       onsvertrieb (neben  dem über  die Buchhändler) auch der Festigung
       des Bundes dienen und außerdem das Bündnis mit konsequenten Demo-
       kraten fördern,  die sowohl  Artikel beisteuern  sollten als auch
       finanzielle Mittel und Verbindungen zur Verfügung stellten.
       Eine noch umfangreichere oder vielseitigere propagandistische Ak-
       tivität ist  angesichts der  damaligen  politischen  Verhältnisse
       kaum vorstellbar.
       
       9.
       
       Der Klassenkampf  wurde von  der Kölner  Zentralbehörde auch nach
       der theoretischen Seite hin geführt, im Gegensatz zum Sonderbund,
       der "alle theoretische Arbeit für abgetan" erklärte. 21)
       Die richtige Bestimmung der politischen Hauptaufgaben des Bundes,
       besonders aber  die propagandistische  Offensive setzten eine in-
       tensive  theoretische  Tätigkeit  voraus.  Vielfalt  der  Themen,
       Treffsicherheit der  Argumente, Massenwirksamkeit  von Inhalt und
       Sprache in  Agitation und  Propaganda kommen  niemals von selbst,
       sondern haben  ihre entscheidende  Quelle im  lebendigen  wissen-
       schaftlichen Leben der Partei.
       Was Marx  und Engels  - sowie mit ihrer Hilfe Eccarius, Jones und
       andere -  zwischen September 1850 und Juni 1851 in Großbritannien
       schrieben, war Teil ihrer Tätigkeit als Mitglieder einer von Köln
       aus geleiteten  Partei. Bei  der  Weiterentwicklung  des  wissen-
       schaftlichen Kommunismus  nahmen sie  natürlich weiterhin den er-
       sten Platz ein, allen voran Marx durch seine wesentlichen Entdec-
       kungen von  Anfang 1851  in der  politischen Ökonomie,  aber  sie
       standen innerhalb  eines kollektiven Prozesses. Meist in briefli-
       chem Kontakt  mit ihnen, ausgehend von den bis dahin geschaffenen
       Grundlagen des  Marxismus, wirkten  auf theoretischem Gebiet auch
       Bundesmitglieder wie  Daniels, Weydemeyer,  Bürgers, Abraham  Ja-
       cobi, Ernst  Dronke und  andere,  waren  Johannes  Miquel,  Adolf
       Bermbach und viele weitere dabei, zu ihnen aufzuschließen.
       Philosophische Grundfragen der Erkenntnistheorie, wie sie bei der
       Anwendung des  Marxismus auf naturwissenschaftliche und medizini-
       sche Probleme  entstehen, aktuelle  politökonomische Fragen,  die
       Verbindung von  Zeitgeschichte und  Revolutionstheorie sowie  die
       Rolle des Atheismus gehörten zu den anspruchsvollen Aufgaben, die
       man bearbeitete.  Die Schriften wurden wegen der widrigen äußeren
       Umstände zum Teil nicht vollendet, manche sind nicht überliefert,
       andere wurden später in veränderter Form oder bis heute nicht ge-
       druckt, aber  sie müssen im Zusammenhang gesehen werden: Daniels'
       "Mikrokosmos. Entwurf  einer physiologischen Anthropologie", Wey-
       demeyers "Nationalökonomie  für Arbeiter",  Dronkes "Revolutions-
       Skizzen", Jacobis  Dissertation. Der  Briefwechsel von  1851 zwi-
       schen Daniels  - dem theoretischen Kopf der Kölner Zentralbehörde
       - und  Marx wimmelt  von wissenschaftlichen Fragestellungen aller
       Art, bis  hin zu  technischen Einzelheiten der Differentialrente.
       Engels beriet  sich bei  seinen damals beginnenden militärwissen-
       schaftlichen Studien mit Weydemeyer.
       Der "Mikrokosmos"  war das  einzige Werk  im 19. Jahrhundert, 22)
       das konzeptionell  den naturwissenschaftlichen  Materialismus zum
       historischen Materialismus  hinführen wollte. Man dürfe sich, ur-
       teilte Bagaturija, "nicht über die Mängel wundern, die in Daniels
       Arbeit zahlreich  genug sind,  sondern eher  darüber, daß sie mit
       der 'Dialektik  der Natur' in der Problemstellung, in der Behand-
       lungsmethode und  in den  Lösungen erstaunliche  Berührungspunkte
       aufweist". 23) Mit dem großartigen Plan einer neuen Enzyklopädie,
       den er  Marx unterbreitete, steuerte Daniels - fern jeder sektie-
       rerischen Enge  und jeder  reaktionären Industriefeindlichkeit  -
       ein umfassendes antikapitalistisches Bündnis von Wissenschaft und
       Kommunismus an.  Es war  dieser Plan,  der Marx  zu dem bekannten
       Satz veranlaßte:  "Die Communisten haben zu zeigen, daß nur unter
       communistischen Verhältnissen  die schon  erreichten  technologi-
       schen Wahrheiten praktisch werden können." 24)
       
       10.
       
       Die mit  Nothjungs Verhaftung  in Leipzig am 10. Mai 1851 einset-
       zende Verhaftungswelle  traf den Bund mitten in einer umfassenden
       Aufschwungphase.
       Die Organisation entwickelte sich sprunghaft; vor allem im Rhein-
       land entstanden  neue Gemeinden,  in erster  Linie an  Industrie-
       standorten, eine  - in  Ahrweiler - speziell für das Landproleta-
       riat. Fest dastehende Kreisorganisationen gab es in London, Köln,
       Frankfurt  (Main),   Hamburg  und  Leipzig,  weiterbestehende  in
       Schwerin und  vielleicht auch  in Breslau, herangereifte Möglich-
       keiten zur Bildung neuer Kreise in Nürnberg, Göttingen, Stuttgart
       und evtl.  auch in  Berlin. Erstmals wurden wieder Organisations-
       versuche in Belgien unternommen.
       Das Statut bewährte sich. Emissäre reisten. Viele Formen der Mas-
       senverbindung unter  illegalen Bedingungen wurden erfolgreich er-
       probt -  Lesevereine, Handwerkerbildungsvereine,  Turn-, Gesangs-
       und   Schützenvereine,   früh-gewerkschaftliche   Organisationen,
       Volksfeste. In  Hannover hatte  eine erste  erfolgreiche Beratung
       von Vertretern  der Kölner  Zentralbehörde mit  den  Leitern  der
       norddeutschen demokratischen Partei stattgefunden.
       In dichter  Folge erschienen Flugblätter. Die "Deutsche Arbeiter-
       halle" stand fest zum Kurs der Zentralbehörde. Die erste Teillie-
       ferung von  Marx' "Gesammelten Aufsätzen" war gedruckt, die erste
       Ausgabe der "Neuen Zeitschrift" wurde eben zusammengestellt.
       Der Bund  bereitete sich  auf allen  Ebenen auf  den III. Kongreß
       vor, der für August 1851 einberufen war.
       Es gilt,  sich in  vollem Maße bewußtzumachen, welche bedeutenden
       Anfangserfolge und  vor allem  welche großen Entwicklungsmöglich-
       keiten der Antikommunismus im Sommer 1851 vernichtete.
       
       _____
       1) Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialde-
       mokratischen Partei Deutschlands, Berlin 1893, S. 97. Wiederabge-
       druckt in:  BdK 3,  S. 388. Alle Dokumente des Bundes werden nach
       der vom IML beim ZK der SED und vom IML beim ZK der KPdSU gemein-
       sam herausgegebenen  dreibändigen Berliner  Ausgabe "Der Bund der
       Kommunisten. Dokumente  und Materialien"  zitiert; Bd.  l  (1836-
       1848) erschien  1970, Bd.  2 (1849-1851)  1982, Bd. 3 (1851-1852)
       1984.
       2) BdK 3, S. 389.
       3) Eine Ausnahme  bildet Kap.  3 von Karl Obermanns Büchlein "Zur
       Geschichte des  Bundes der  Kommunisten 1849  bis  1852",  Berlin
       1955, S.  36-52, jedoch fehlen auch dort - dem damaligen Erkennt-
       nisstand geschuldet  - viele wesentliche Seiten aus der Tätigkeit
       der Kölner Zentralbehörde gänzlich.
       4) Siehe Herwig  Förder, Die  Nürnberger Gemeinde  des Bundes der
       Kommunisten und  die Verbreitung  des "Manifests  der Kommunisti-
       schen Partei"  im Frühjahr  1851, in: BzG, Sondern. 1962, S. 165-
       188.
       5) BdK 2, S. 275-441.
       6) Ebenda, S. 271.
       7) Relevante Auszüge in: BdK, S. 495-508.
       8) So hatte  es noch  ein halbes  Jahr zuvor in der Märzansprache
       gestanden; siehe BdK 2, S. 143.
       9) Siehe Jenny  Marx an  Friedrich Engels, 19. Dezember 1850, in:
       MEGA III, 3, S. 707. MEW 27, S. 612.
       10) Das überlieferte Fragment in: BdK 2, S. 310-311.
       11) BdK 2, S. 330.
       12) MEGA III, 4, S. 137. MEW 27, S. 274.
       13) MEGA III, 4, S. 146. MEW 27, S. 278.
       14) MEGA I, 10, S. 588. MEW 7, S. 565.
       15) MEGA I, 11, S. 413. MEW 8, S. 458.
       16) MEGA I, 11, S. 369 und 375; MEGA I, 18, S. 108. MEW 8, S. 409
       und 414; MEW 14, S. 440.
       17) BdK 2, S. 393-396; Faksimile vor S. 385.
       18) Ebenda, S. 428-429.
       19) BdK 3, S. 23-26.
       20) Siehe den  von Becker, Bürgers und Weydemeyer unterzeichneten
       Prospekt der "Neuen Zeitschrift", in: BdK 2, S. 398-400.
       21) BdK, S. 235.
       22) Vgl. den Beitrag von Helmut Eisner in diesem Band.
       23) Georgi Bagatunja, Roland Daniels, in: Marx und Engels und die
       ersten proletarischen Revolutionäre, Berlin 1965, S. 254.
       24) MEGA III, 4, S. 130. MEW 27, S. 553.
       

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