Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       WISSENSCHAFTLICHER SOZIALISMUS UND ARBEITERKOMMUNISMUS
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       Lothar Knatz
       
       1. Zur  Genese des  wissenschaftlichen Sozialismus  - 2. Das Pro-
       gramm der "Kritik" - 3. Wissenschaft als "System" - 4. "Positive"
       Wissenschaft - 5. Wissenschaftliche Theorie und politische Praxis
       
       1. Zur Genese des wissenschaftlichen Sozialismus
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       Karl Marx  und Friedrich  Engels sind  die Begründer  des wissen-
       schaftlichen Sozialismus. Dieser Satz geht leicht von den Lippen,
       keine Sperrigkeit schützt vor flottem Hinüberlesen. Soll der Satz
       aber nicht  zur leeren Worthülse verkommen, dann muß seine histo-
       rische Gewordenheit  und Berechtigung  rekonstruierbar und bewußt
       sein. Nur  wenn die  Rekonstruktion der historischen Gewordenheit
       präsent ist,  kann die Aneignung einer Theorie vollzogen und Wis-
       sen verfügbar werden im komplexen Geflecht gesellschaftlichen Le-
       bens. In der Perspektive einer materialistischen Wissenschaftsge-
       schichte ist  jede Theorie  auch in  ihrer Genese zu untersuchen,
       sowohl im Hinblick auf ihre materiell-gesellschaftlichen wie auch
       ihre  theoretisch-ideologischen  Voraussetzungen.  Gesellschafts-
       theorien müssen  sich, wollen sie Glaubwürdigkeit bewahren, immer
       auch am  eigenen Anspruch  messen lassen.  Gesellschaftstheorien,
       die zugleich Emanzipationstheorien sind, finden ihr Praxis-Krite-
       rium nicht  unter experimentellen  Laborbedingungen, sondern u.a.
       in der Rezipierbarkeit theoretischer Erkenntnis als Voraussetzung
       für eine theoriegeleitete Praxis.
       Im Marxismus erfahren Arbeiterbewegung und sozialistische Theorie
       durch den wissenschaftlichen Sozialismus Höhe- und Endpunkt ihrer
       Entwicklung. Soll  dieser Weg  keine Sackgasse sein, muß die neue
       theoretische Qualität  als wissenschaftliche Gesellschaftstheorie
       ebenso wie  ihre praktische Qualität als Emanzipationstheorie der
       Arbeiterklasse bestimmbar  sein. Marx  und Engels haben weder den
       sozialen Protest des Proletariats begründet noch materialistische
       Philosophie oder  sozialistische Theorie  erfunden. Im  kritisch-
       utopischen Sozialismus  erfährt die Herausbildung sozialistischer
       Theorie, im Arbeiterkommunismus die soziale Protestbewegung einen
       vormarxistischen Höhepunkt.  1) Im historischen Schnittpunkt die-
       ser beiden  Bewegungen, der  theoretisch-ideengeschichtlichen und
       der politisch-praktischen, steht der kritisch-utopische Sozialist
       und Arbeiterkommunist  Wilhelm Weitling.  Wenn im  folgenden  die
       Weitling-Rezeption von  Marx im  historischen Prozeß  genauer be-
       trachtet wird,  ist damit  zugleich ein  Beitrag zum historischen
       und theoretischen Selbstverständnis des wissenschaftlichen Sozia-
       lismus intendiert. 2)
       
       2. Das Programm der "Kritik"
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       1843 beginnt Marx, seine junghegelianische Gegenwart einer kriti-
       schen und  folgenreichen Revision  zu unterziehen.  Zum Leitfaden
       wird ihm  dabei die "rücksichtlose Kritik alles Bestehenden" (MEW
       1, 343).  Diese Kritik  und Selbstkritik fällt so konsequent aus,
       daß Marx  bald die junghegelianischen Freunde verloren hat - ohne
       andererseits in  der frühen Arbeiterbewegung, im utopischen- oder
       Arbeiterkommunismus gleich  eine neue  Heimat zu  finden: "So ist
       namentlich der  Kommunismus eine  dogmatische Abstraktion,  wobei
       ich aber  nicht irgendeinen  eingebildeten und möglichen, sondern
       den wirklich  existierenden Kommunismus,  wie ihn  Cabet, Dézamy,
       Weitling etc. lehren, im Sinn habe" (MEW 1, 344). Der Kommunismus
       als Kritik  am und  Bewegung wider das Privateigentum genügt Marx
       nicht: Ihm geht es 1843 um die  "R e a l i t ä t  des wahren men-
       schlichen Wesens",  also auch  um die  "theoretische Existenz des
       Menschen" (MEW l, 344). Dogmatische Abstraktionen des Kommunismus
       sind für  Marx vor allem die in Etienne Cabets "Voyage en Icarie"
       (1840) und  in Weitlings  "Garantien der  Harmonie und  Freiheit"
       (1842) vorgelegten  Entwürfe von  kommunistischen Zukunftsgesell-
       schaften. Die  kritische Haltung  von Marx dem Kommunismus gegen-
       über bezieht  sich nicht  auf die  politische Bewegung  gegen das
       Privateigentum, sondern  auf die  theoretische Schwäche der Bewe-
       gung: Sie  hat nicht  die Totalität des Gegenstandes ihrer Kritik
       im Blick,  und sie konstituiert einen Gegenentwurf, der nicht aus
       der gründlichen  Analyse des Status quo gewachsen ist. Bereits in
       der "Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte" (1838) hatte
       Weitling diese  Denkweise  vorgeführt:  Kritik  bestehender  Miß-
       stände, deren  Evidenz nur noch einmal sinnbildlich vor Augen ge-
       führt werden  muß, sodann Konzeption einer besseren, d.h. vor al-
       lem gerechteren und vernünftigeren Gesellschaft.
       Mit fortschreitender  Kritik am  Junghegelianismus - diese Kritik
       ist  gleichzeitig  Gesellschaftskritik,  Wissenschaftskritik  und
       Kritik am  Typus der  bürgerlichen Intellektuellen  - wendet sich
       Marx, noch ganz im Jargon der Junghegelianer, euphorisch den pro-
       letarischen  Intellektuellen  zu  und  feiert  Weitling  als  den
       "Theoretiker des  europäischen Proletariats" (MEW 1, 405). Der so
       Gelobte setzt  sich daraufhin  am 18. 10. 1844 brieflich mit Marx
       in Verbindung. Marx hat zwar auch später, ebenso wie Engels, aka-
       demischer Stubengelehrsamkeit die Leistungen proletarischer Theo-
       retiker entgegengehalten - als Theoretiker hat er jene allerdings
       nicht rezipiert.  3) Dies gilt für Weitling ebenso wie später für
       Stephan Born, Johann Georg Eccarius oder Joseph Dietzgen.
       Die Abkehr  von der  junghegelianischen Vergangenheit  zeigt 1844
       bereits deutliche  Auswirkungen. Schon  1843 hatte  Marx, noch in
       gemeinsamer Perspektive  mit Ruge,  als Programm formuliert: "Von
       unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tageslicht gezogen
       und die  neue positiv  ausgebildet werden" (MEW l, 343). 1844 be-
       ginnt Marx,  nun schon  ohne Ruge, die Arbeit an den "Ökonomisch-
       Philosophischen Manuskripten".  Dort erwähnt  er Weitling, in der
       Vorrede, ein  einziges Mal  in einem  theoretischen  Kontext:  in
       Deutschland hätte neben Engels und Moses Heß nur Weitling auf dem
       Gebiet der  Ökonomie "inhaltsvolle und originale" Arbeiten vorge-
       legt. 4)  Unmittelbaren theoretischen  Niederschlag hat diese Be-
       merkung freilich  nicht nach sich gezogen. Georg Weber hat in ei-
       nem Artikel im "Vorwärts!" vom 28.8.1844 - der von Marx redigiert
       bzw. mit seiner Hilfe verfaßt sein soll - die theoretische Bedeu-
       tung der  Schriften Weitlings für Marx auf den Punkt gebracht. Im
       Hinblick auf  die Werttheorie  schreibt er:  "Und wenn auch Weit-
       lings Scharfblick  die Wichtigkeit dieses Punktes nicht entgangen
       ist, so  greift er  doch mehr  unser gegenwärtiges Geldsystem als
       das Wesen des Geldes an" (MEGA I, 2, 512-13).
       In der "Deutschen Ideologie", mit deren Abfassung Marx und Engels
       im September 1845 beginnen, steht der "wahre" Sozialismus im Mit-
       telpunkt der Kritik. Dieser besitzt weder die theoretische Quali-
       tät noch  die praktische Bedeutung des Arbeiterkommunismus; Weit-
       ling gilt  im Vergleich  zum Wahrsozialismus  als Kommunist (vgl.
       MEW 3, 207).
       Für Marx  hat die  1843 angekündigte "rücksichtslose Kritik" auch
       zur Folge, daß er zunehmend in Kontakt mit proletarischen Organi-
       sationen tritt.  1846 treffen  Marx und Weitling in Brüssel erst-
       mals persönlich  zusammen. Weitling  hatte bereits in den Diskus-
       sionen des Kommunistischen Arbeiter-Bildungsvereins in London er-
       fahren müssen,  daß er  nicht mehr  ohne weiteres  als Führer der
       deutschen Kommunisten  akzeptiert wurde.  5) Der  arbeitslose und
       polizeilicher Überwachung unterliegende Handwerksgeselle fand bei
       der Familie Marx einen Mittagstisch, und im Freundeskreis scheint
       man einige vergnügte Tage verbracht zu haben. 6) Als es jedoch in
       der  Sitzung   des   Kommunistischen   Korrespondenzkomitees   am
       30.3.1846 um  die Frage  ging: "Wie  ist am besten in Deutschland
       Propaganda zu  machen?", prallten  die Meinungen  hart und unver-
       söhnlich aufeinander.  7) Im  Kern geht dieser Streit um das Ver-
       hältnis von  Theorie und  Praxis, um die Bedeutung und den Status
       theoretischen Wissens  für  eine  soziale  Emanzipationsbewegung.
       Weitling plädiert  vor dem Hintergrund sinnlich evidenter gesell-
       schaftlicher Widersprüche  für eine  erfahrungsgeleitete  Praxis.
       Durch Aufklärung  und Propaganda  soll den Massen der Zustand der
       Unterdrückung bewußt  gemacht werden,  durch eine soziale Revolu-
       tion sodann  Gerechtigkeit, Gleichheit  und Freiheit in Kraft ge-
       setzt werden.  Marx hingegen  will von politischer Praxis als Ak-
       tionismus nichts  wissen. Er  fordert unter  den Bedingungen  von
       1846 die Ausarbeitung einer Theorie, die vorrangig zwei Kriterien
       erfüllen soll: Sie soll wissenschaftlich sein, und sie soll posi-
       tiv sein.  Wissenschaftlich heißt: die Genesis der bürgerlich-ka-
       pitalistischen Gesellschaft  im Gesamtzusammenhang  umfassend wi-
       derspiegeln; positiv  heißt: sich nicht in den leeren Abstraktio-
       nen der  spekulativen Philosophie  verlieren, sondern Theorie und
       Begriffsbildung auf  der Grundlage  wirklicher gesellschaftlicher
       Prozesse, vor allem: auf der Grundlage der Ökonomie als struktur-
       prägendem Element. Diese Forderung reicht 1846 weit über das hin-
       aus, was  Marx selbst  bis dahin  an Theorie ausgearbeitet hatte.
       Die "Heilige Familie" aus dem Jahr 1845 nimmt sich noch recht he-
       gelianisch aus.
       Das Bedürfnis  nach einer wissenschaftlichen Gesellschaftstheorie
       zur Beförderung  der sozialen Bewegung ist auch in der frühen Ar-
       beiterbewegung selbst  entstanden, auch Weitling trägt diese For-
       derung mit.  Aber erst Marx als Intellektueller bürgerlicher Her-
       kunft hat diesen Anspruch einlösen können. 8) Die Träger der frü-
       hen Arbeiterbewegung fanden nicht die dazu nötigen objektiven Be-
       dingungen vor,  und es  mangelte ihnen ebenso an subjektiven Vor-
       aussetzungen. Der  wissenschaftliche Sozialismus  hat  dabei  als
       Theorie eine Gestalt angenommen, die einerseits systematisch Wis-
       sen über  Geschichte und Struktur der bürgerlich-kapitalistischen
       Gesellschaft zur Verfügung stellt, die andererseits aber das Pro-
       blem der  Vermittelbarkeit aufwirft.  Marx ist es aus verständli-
       chen Gründen zunächst um die Ausarbeitung einer Theorie gegangen.
       Im Arbeiterkommunismus  kommt der politischen Praxis demgegenüber
       größere Bedeutung  zu. Der  wissenschaftliche Sozialismus ist als
       wissenschaftliche Gesellschaftstheorie  keine, die  eindeutig auf
       der Ebene politischer Handlungsanweisungen zu instrumentalisieren
       wäre. Das  Theoriegebäude weist Bestandteile auf, die relativ un-
       abhängig sind  von der politischen Praxis. Es ist leicht einzuse-
       hen, daß das Theorie-Praxis-Verhältnis ganz allgemein schnell zum
       politischen Streitfall  wird. Aber  auch im Marxismus und der Ar-
       beiterbewegung selbst  ist es  über den wissenschaftlichen Gehalt
       des wissenschaftlichen  Sozialismus und  seine Bedeutung  für den
       politischen Veränderungswillen oft zu heftigen Auseinandersetzun-
       gen gekommen.  Die Debatte  darüber beginnt  mit der Ausarbeitung
       der Theorie,  in Auseinandersetzung  mit der frühen Arbeiterbewe-
       gung.
       Am 11.5.1846  kommt es  in Brüssel  zu einer  zweiten Kontroverse
       zwischen Weitling  und Marx.  Weitling weigert sich, das von Marx
       und Engels verfaßte Zirkular gegen Hermann Kriege zu unterschrei-
       ben (vgl.  MEW 4, 3-17). Marx geht es darum, Kriege streng zu ta-
       deln, weil  er im  New Yorker "Volkstribun" phantastische Gemüts-
       schwärmerei unter  der Überschrift des Kommunismus betreibe. Marx
       möchte gewährleistet  wissen, daß unter dem Gütesiegel des Kommu-
       nismus bestimmte theoretische Prämissen eingehalten werden. Weit-
       ling hingegen  denkt nicht  von der  Theorie her, sondern aus der
       Praxis heraus:  Ihm genügt ein einfacher Konsens gegen die beste-
       hende Gesellschaftsordnung  zunächst vollauf. Die Einheit der Be-
       wegung steht ihm höher als theoretische Streitigkeiten. An diesem
       möglichst breiten  Konsens sucht  Weitling  festzuhalten,  obwohl
       auch er  theoretisch keineswegs  mit Kriege  übereinstimmt. Schon
       während der  1848er Revolution hat er sich auf dem 2. Demokraten-
       kongreß, der  vom 26.  bis 30.10.1848  in Berlin  stattfand,  von
       Kriege distanziert. Während ihres gemeinsamen Aufenthaltes in New
       York ist  es zu  keinerlei Zusammenarbeit gekommen, und in seinem
       Nachruf auf Kriege hat Weitling noch einmal dessen bürgerlich-de-
       mokratische Politik  und seinen Antikommunismus offen kritisiert.
       9)
       Im "Kommunistischen  Manifest" wird  der  wahre  Sozialismus  be-
       kämpft. Die  unterstellte "epidemische"  Verbreitung (vgl. MEW 4,
       487) kann  sich nur  auf den bürgerlich-demokratischen Sektor be-
       ziehen, denn  in der  frühen Arbeiterbewegung spielt er kaum eine
       Rolle. Darüberhinaus sind die Differenzen zum Wahrsozialismus na-
       türlich auch  bedeutend größer  als zum  Arbeiterkommunismus.  Am
       Rande findet sich eine Kritik an der "rohen Gleichmacherei" (vgl.
       MEW 4,  489) -  Engels  hat  Weitling  später  einmal  "einfachen
       Gleichheitskommunismus" vorgeworfen  (vgl. MEW 8, 84). Kritik er-
       fährt  der  kritisch-utopische  Sozialismus  dort,  wo  er  einen
       "fanatischen Aberglauben  an die Wunderwirkungen" einer "sozialen
       Wissenschaft" zeigt (MEW 4, 491).
       Das Streben  nach Erkenntnis und Wahrheit und das Bemühen um eine
       wissenschaftliche Gesellschaftstheorie  treten  bereits  im  kri-
       tisch-utopischen Sozialismus  klar zutage. Weitling greift diesen
       Anspruch auf  und bindet ihn an eine soziale Klasse, das Proleta-
       riat. Ferdinand  Lasalle hat  diesen Gedanken in seiner Rede über
       "Die Wissenschaft  und die Arbeiter" später in der Sozialdemokra-
       tie populär gemacht. Wissen und Erkenntnis sieht Weitling vorran-
       gig in  ihrer ideologischen Funktion. Gegen die Instrumentalisie-
       rung von  Wissen als  Herrschaftswissen setzt er den aufgeklärten
       Anspruch auf  Vernunft, befreit von den sozialen Klassenschranken
       der Aufklärung.  Wissenschaft soll  wieder im Dienst der Wahrheit
       stehen, und  sie soll dem Nützlichkeitspostulat folgen. Wie seine
       kritisch-utopischen Vorläufer  glaubt auch  Weitling dabei in der
       Wissenschaft eine  Art Geheimcode zum Aufsprengen der bürgerlich-
       kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse  gefunden zu haben: Wis-
       senschaft als  großes geistiges  Prinzip, dessen  Universalgesetz
       sich alle  Materie und Geschichte zu unterwerfen hat. Im Hinblick
       auf den  Wahrheitsanspruch von Theorien sowie auf den Gesetzesbe-
       griff zeigen  kritisch-utopischer Sozialismus  und Arbeiterkommu-
       nismus eine größere Affinität dazu, einen unmittelbaren Praxisbe-
       zug herzustellen - und die Theorie damit mechanistisch zu verkür-
       zen. Während der historische Materialismus zwischen Objektivismus
       und Determinismus unterscheidet und nicht identische Bereiche in-
       nerhalb seines monistischen Weltbildes durch das methodische Mit-
       tel der Analogie in Beziehung setzen kann, kennt der Arbeiterkom-
       munismus diese theoretischen Differenzierungen nicht. 10)
       Während der Revolution von 1848 treffen Marx und Weitling zweimal
       persönlich zusammen. Am 21.7.1848 wird Weitling als Redner zu ei-
       ner Sitzung der Demokratischen Gesellschaft nach Köln eingeladen.
       Marx, Mitglied  dieser Gesellschaft,  soll gegen  diese Einladung
       gewesen sein.  Er verließ  die Sitzung  vorzeitig und kritisierte
       Weitlings  Auffassungen   bei  der   folgenden  Zusammenkunft  am
       4.8.1848: Weitling  habe in seinem revolutionären Elan die wahren
       Klassenverhältnisse verkannt.  11) Friedrich  Engels hat 1895 al-
       lerdings rückblickend deutlich gemacht, daß auch er und Marx 1848
       der Meinung  gewesen seien, "daß der große Entscheidungskampf an-
       gebrochen sei".  Das Resümee  von Engels: "Die Geschichte hat uns
       und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben" (MEW 7, 514 f.).
       Diese richtige  Bemerkung von Engels diskreditiert keineswegs den
       wissenschaftlichen Charakter  des historischen Materialismus. Sie
       zeigt jedoch  dreierlei: der  wissenschaftliche  Sozialismus  ist
       nicht als  ein fertiges  Theoriegebäude vom  Himmel gefallen, und
       der wissenschaftliche Charakter der materialistischen Geschichts-
       theorie steht  und fällt  nicht allein  mit ihrer  prognostischen
       Kraft. Schließlich  können wir  aus der Bemerkung von Engels fol-
       gern: Theoretische  Qualität schlägt  nicht unbedingt auch gleich
       kausal in  politischen Erfolg  um. Auch die Begründer des wissen-
       schaftlichen Sozialismus  haben in  dieser Frage einen Lernprozeß
       erfahren. In der Geschichtsschreibung hat sich die Annahme dieser
       Kausalität weitaus länger gehalten. So hat man dem Arbeiterkommu-
       nismus praktische  Relevanz für die Revolution von 1848 abgespro-
       chen, repräsentierte  er nach dem "Kommunistischen Manifest" doch
       längst nicht  mehr den entwickeltsten Stand materialistischer Ge-
       schichtstheorie. Dem  gründlichen Blick von Waltraud Seidel-Höpp-
       ner auf  die Geschichte und hinter die Kulissen einer eingefahre-
       nen Geschichtsschreibung,  die vorgefaßte Begriffe und starre Ge-
       setze über  den lebendigen  und komplexen  historischen Prozeß zu
       stülpen sucht,  verdanken wir  eine  Neubewertung  von  Weitlings
       Rolle  während  der  48er  Revolution.  12)  Weitling  hat  seine
       "politische Taktik  im Verlauf des Revolutionsjahres mehrfach mo-
       difiziert", also  keineswegs an  verkrusteten arbeiterkommunisti-
       schen Theoriebeständen  geklebt. Noch  entscheidender im Hinblick
       auf Status  und Funktion  des wissenschaftlichen  Sozialismus ist
       die Feststellung:  Obwohl Weitling 1848 "theoretisch mit dem Füh-
       rungskern des  Bundes der  Kommunisten um  Marx und  Engels nicht
       mithalten" kann, gelingt es ihm doch, "die Arbeiter politisch auf
       den äußersten linken Flügel der Demokratie zu rufen". 13)
       
       2. Wissenschaft als "System"
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       Das letzte  Zusammentreffen zwischen  Marx und  Weitling fand  im
       September 1849  in London  statt. Kurz  vor Weitlings endgültiger
       Abreise in  die Vereinigten Staaten, wo er bis zu seinem Tod 1871
       lebte, trafen  beide im Umkreis des Bundes der Kommunisten erneut
       zusammen. Nach Weitlings Erinnerungen hat Marx ihn dabei eingela-
       den und  war überhaupt  "freundlich" gegen  ihn. 14) Das hinderte
       Marx freilich  nicht an  der Ankündigung  öffentlicher Kritik  an
       Weitling.  Weil  dieser  Struves  Papiergeld-Projekt  unterstützt
       hatte und  Struve kein Kommunist sei, sollte auch Weitling gerügt
       werden. Der angekündigte, aber nie ausgetragene Disput steht ganz
       auf der Stufe der Brüsseler Debatte über Kriege. Es ist daher we-
       nig wahrscheinlich, daß Marx grundlegende Wandlungen in Weitlings
       politischen Anschauungen  vermutet haben  könnte. Vielmehr könnte
       Marx ganz  allgemein an einem Gedankenaustausch über die Vorgänge
       von 1848/49  interessiert gewesen  sein, insbesondere auch daran,
       welche Rolle  Weitling bei  der anstehenden  Neuorganisation  des
       Kommunistenbundes spielen  können würde.  Während  sich  Weitling
       dort, wo  er an  den Aktionen von 1848 unmittelbar beteiligt war,
       durchaus als Kommunist im Marxschen Sinne erwies, so blieben doch
       die theoretischen  Differenzen bestehen. Weitling erwähnt in sei-
       nen "Erinnerungen",  Marx sei  "noch immer  gegen alles Systemma-
       chen". 15)  Über die  Notwendigkeit und  den Nutzen theoretischer
       Systeme war  bereits 1846  in Brüssel gestritten worden 16) - und
       schon 1843  hatte Marx  jede Art von "dogmatischen Systemen" ver-
       worfen. Weitling  dagegen hat  seine theoretischen  Entwürfe gern
       als "System" bezeichnet. 17)
       Mit der  Verwendung des  System-Begriffs verbindet sich bei Weit-
       ling und  im Arbeiterkommunismus nicht die Vorstellung systemati-
       scher Argumentation  oder der  Entwicklung  eines  ganzheitlichen
       Theoriegebäudes. System meint vor allem: Gesellschaftssystem. 18)
       Während der Diskussionen des 2. Demokratenkongresses hat Weitling
       bewiesen, daß  es ihm  dabei nicht philisterhaft um die Realisie-
       rung eines  detailgenauen Zukunftsplanes  geht. 19) In seiner Be-
       deutung als  Gesellschaftssystem hat der System-Begriff bei Weit-
       ling eine  typologische Funktion  im Hinblick auf die Theoriebil-
       dung: Aufzeigen  gesellschaftlicher Übel  und Mißstände,  Entwurf
       einer gerechten  und vernunftorientierten gütergemeinschaftlichen
       Zukunftsgesellschaft, theoretischer  "Beweis"  der  Überlegenheit
       und Praktikabilität  dieser Gesellschaft.  Aber System  meint bei
       Weitling und anderen Arbeiterkommunisten noch mehr: In diesem Be-
       griff artikuliert sich auch das Bedürfnis nach einer monistischen
       und wissenschaftlichen  Weltanschauung. So  wird der  Kommunismus
       als System  auch zur "Universalwissenschaft", zur Einheitswissen-
       schaft mit universellem Geltungsbereich. 20) Während der Jahre im
       amerikanischen Exil  differenziert Weitling sein System noch wei-
       ter aus. In der Restaurationsphase zur politischen Passivität ge-
       zwungen, arbeitet er nicht, wie Marx, an der Analyse der Realität
       - zur  Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bedarf
       es für Weitling keiner ökonomischen Theorie; die Mißstände dieser
       Gesellschaft sind  ihm evident  -, sondern  an einer Methode, das
       sicher Gewußte  in politische Praxis umsetzen zu können. Als Mit-
       tel dazu  entwickelt er ein "Denksystem", auch "Wahrheitssystem",
       "Prüfsystem" oder  "Vernunftsystem" genannt. Vor allem die Arbeit
       an der "Allgemeinen logischen Denk- und Sprachlehre" gilt dem In-
       teresse, ein  methodologisches Gerüst  zu entwickeln und erkennt-
       nistheoretische Voraussetzungen  zu schaffen  für die  praktische
       Verwirklichung der Gütergemeinschaft. 21)
       
       4. "Positive" Wissenschaft
       --------------------------
       
       Während Marx diesen System-Begriff ablehnt - er ist zwischen Marx
       und Weitling  nie explizit diskutiert worden, statt dessen hat es
       sicherlich häufig  Mißverständnisse über die Bedeutung dieses Be-
       griffs gegeben  -, hebt er ebenso wie Weitling ein anderes Attri-
       but materialistischer Gesellschaftstheorie hervor. Beiden geht es
       um eine positive Wissenschaft - und beide verstehen darunter sehr
       Verschiedenes. Gemeinsam  ist ihnen  noch die  Wendung gegen  die
       spekulative Philosophie  und den  Junghegelianismus. Die positive
       Wissenschaft soll  von den  wirklichen Bedürfnissen  der Menschen
       ausgehen, und  sie soll einem Wahrheits- und Praxis-Kriterium un-
       terworfen sein. Für Weitling mündet dieses Programm in der Veran-
       schaulichung dessen,  was werden  soll. Für  Marx schließt dieses
       Programm methodologische  Überlegungen mit ein. Er bestimmt nicht
       nur den  wissenschaftlichen Gegenstand  aus der Praxis heraus, er
       versichert sich  auch der  theoretischen Aneignung dieser Praxis.
       Für das  Erschließen der gesellschaftlichen Realität als Erkennt-
       nisgegenstand wird  die Politische Ökonomie zur wichtigen Quelle;
       eine Quelle  zum methodologischen  Begreifen dieses  Gegenstandes
       wird die  Dialektik in  ihrer  philosophischen  Tradition.  Beide
       Quellen bleiben  Weitling  verschlossen.  Für  Marx  werden  dies
       Grundlagen bei  der Entwicklung  eines Theorieprogrammes,  das er
       selbst einmal  als "materialistisch-kritischen  Sozialismus"  be-
       zeichnet hat (MEW 34, 303).
       Das kritische Element dieser Theorie, die Schärfe und Komplexität
       bei der  Analyse ihres  Gegenstandes, das Denken in Verhältnissen
       und Prozessen und das damit einhergehende scheinbar "Unbestimmte"
       provozieren Weitlings Widerspruch: Kritik scheint ihm eine sophi-
       stische Erfindung der Gelehrtenaristokratie. Paradigma einer kri-
       tischen und  damit in Weitlings Augen negativen Erkenntnishaltung
       ist ihm  der -  Atheismus. Natürlich kennt auch Weitling die Kri-
       tik; auch  ihm ist  der Kommunismus die vollständige Negation der
       bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Zugleich will der Weit-
       lingsche Kommunismus  aber eben auch in sinnlicher Konkretion den
       Weg über  die Kritik  hinaus weisen.  Sein Vorwurf an die Adresse
       von Marx  ist, er  leiste bloß verstandesorientierte Kritik - die
       Weitling in  ihrer theoretischen  Substanz nicht begreift -, wäh-
       rend ihm  der Kommunismus "nicht allein zugleich Verstand und Ge-
       fühl zur  Negation" benutzt,  sondern "beide  auch zum Aufbauen".
       22) Damit gewinnt die Theorie zwar leichteren Zugang zu den Rezi-
       pienten, läuft  jedoch Gefahr, ihren wissenschaftlichen Charakter
       zu verlieren.  Weitling trifft  damit einen  Punkt im "kritisch -
       materialistischen Sozialismus",  der nicht  seinen kritisch-mate-
       rialistisch wissenschaftlichen  Kern, wohl aber seine sozialisti-
       sche Praxis berührt.
       
       5. Wissenschaftliche Theorie und politische Praxis
       --------------------------------------------------
       
       Nach Weitlings  endgültiger Emigration hat kein persönlicher Kon-
       takt mehr  zwischen ihm  und Marx  stattgefunden. Während der Re-
       staurationsphase der 1850er Jahre widmet sich Marx immer intensi-
       ver der  Arbeit an  seinem theoretischen  Programm -  und bei der
       Ausarbeitung der  Kritik der  Politischen Ökonomie spielen arbei-
       terkommunistische Theoretiker  keine Rolle. Als die Arbeiterbewe-
       gung in  den 1860er Jahren einen Aufschwung nimmt, spielt der Ar-
       beiterkommunismus keine tragende praktische Rolle mehr.
       Im Oktober 1850 verfassen Marx und Engels Anmerkungen zur Schrift
       "Die Schneiderei in London und der Kampf des großen und des klei-
       nen Capitals"  von Johann  Georg Eccarius.  Das Lob, das Eccarius
       hier als  intellektuell tätigem  Arbeiter zuteil wird, ähnelt bis
       in  sprachliche   Wendungen  hinein   jener  Verbeugung  vor  der
       "Athletengestalt" des  deutschen Proletariats, die Weitling sechs
       Jahre zuvor  zuteil geworden  war. 23) Abgesehen davon, daß Ecca-
       rius  keine  Schilderung  einer  utopischen  Zukunftsgesellschaft
       gibt, steht  Weitling in den Schriften der 1840er Jahre, gemessen
       an einer  materialistischen Geschichtstheorie,  sicherlich  nicht
       hinter Eccarius  zurück. Die Gründe für seine Favorisierung Weit-
       ling gegenüber  sind im  politischen Bereich zu suchen, nicht auf
       dem Feld  der Theorie:  Eccarius  zählt  im  Kommunistenbund  zur
       "Partei Marx",  Weitling  sympathisiert  mit  der  Fraktion  Wil-
       lich/Schapper. Als  Theoretiker werden beide nicht von Marx rezi-
       piert. Bei  aller  Anerkennung  der  Notwendigkeit  theoretischer
       Selbsttätigkeit des  Proletariats kann die Theoriebildung der Ar-
       beiter doch  nur Bedeutung  für die  politische Emanzipation  des
       Proletariats haben - sicherlich keine geringe Bedeutung oder Min-
       derwertigkeit, aber eben eine spezifische Wertigkeit, verschieden
       vom theoretischen  Ausdruck dieser  Bewegung: dem wissenschaftli-
       chen Sozialismus.  Die "schriftstellernden Arbeiter" liefern kei-
       nen inhärenten Beitrag zur Ausformulierung des wissenschaftlichen
       Programms, aber sie sind kohärenter Bestandteil des auf Emanzipa-
       tion gerichteten Theorieprogramms. Damit soll nicht einer prinzi-
       piellen Unverträglichkeit  von Politik  und Wissenschaft das Wort
       geredet, sondern ihre Differenz in der Einheit betont werden.
       In der  von Weitling  von 1850 bis 1855 herausgegebenen "Republik
       der Arbeiter"  wurden einige polemische Angriffe gegen Marx abge-
       druckt, nicht  immer aus  Weitlings Feder, die von Marx verschie-
       dentlich entsprechend  kommentiert worden sind. Andererseits sind
       in der  "Republik der Arbeiter" aber auch Marx positiv gegenüber-
       stehende   Beiträge    abgedruckt,   u.a.    große   Teile    des
       "Kommunistischen Manifests" - wodurch Weitling zum "ersten Verle-
       ger eines Marxschen Textes in Amerika" geworden ist. 24)
       Ein letztes  Mal erwähnt  Marx Weitling  im Rückblick auf die An-
       fänge des Kommunismus in Deutschland. Für ihn beginnt diese Bewe-
       gung keineswegs  erst mit dem eigenen Auftreten auf dieser Bühne,
       sondern bereits ein Jahrzehnt früher: "Der 'Bund der Kommunisten'
       wurde 1836  in Paris gestiftet, ursprünglich unter anderem Namen"
       (MEW 14,  438). Marx  zollt auch hier dem Lerneifer und Bildungs-
       willen der Arbeiter Lob - ohne deren Theoriebildung als theoreti-
       schen Beitrag  zum wissenschaftlichen  Sozialismus  anzuerkennen:
       Die "Geheimlehre" des Bundes habe "sämtliche Wandlungen des fran-
       zösischen und  englischen  Sozialismus"  durchlaufen.  "Weitlings
       Phantasien" seien  eine Spielart  davon (MEW 14, 438). Damit wird
       Marx Weitlings  Schriften zwar nicht gerecht - andererseits hätte
       er dort  zwar beißende und wohlbegründete Kritik der zeitgenössi-
       schen Verhältnisse,  aber keine  Ansätze für  eine  systematische
       Theorie finden  können. In einem Brief an Friedrich Adolph Sorge,
       einen Freund  der Familie Weitling in Amerika, erwähnt Marx Weit-
       ling noch einmal marginal. In einer Phase, in der die Arbeiterbe-
       wegung langsam  zur Massenbewegung  heranwächst, warnt  Marx  vor
       zwei Phänomenen:  den Intellektuellen, die bar aller Klassenkamp-
       ferfahrung in der Arbeiterbewegung ein willkommenes Objekt sehen,
       über das  sie höhere  geistig-wissenschaftliche  Weihen  ergießen
       können; zweitens  vor jenen  Arbeitern, die sich - Marx nennt Jo-
       hann Most - nunmehr als "Literaten von Profession" betätigen (MEW
       34, 303).  Marx weist  dem kritisch-utopischen  Sozialismus dabei
       einen eindeutigen  Ort in der Geschichte zu: Der utopische Sozia-
       lismus trug  den materialistisch-kritischen Sozialismus "in nuce"
       in sich - er ist eine der drei Quellen des wissenschaftlichen So-
       zialismus, die  jedoch mit dessen historischer Herausbildung ihre
       progessive Funktion verloren hat (MEW 34, 303).
       In Marx' Verhältnis zum Arbeiterkommunismus lassen sich vier Pha-
       sen unterscheiden, die deutlich Entwicklungsetappen der Marxschen
       Theorie widerspiegeln.  Vor 1845 wird der Arbeiterkommunismus po-
       sitiv rezipiert, weil die theoretische Selbsttätigkeit des Prole-
       tariats und die radikale arbeiterkommunistische Gesellschaftskri-
       tik politisch befruchtend wirken und eine Alternative zum junghe-
       gelianischen Kreis darstellen. Mit dem Mitte der 1840er Jahre be-
       ginnenden persönlichen Engagement in der Arbeiterbewegung und der
       Formulierung eines  kritisch-materialistischen  Wissenschaftspro-
       gramms wird auch der Arbeiterkommunismus einer theoretischen Kri-
       tik unterworfen.  Dabei wird  die theoretische  Überlegenheit des
       Marxschen Programms keineswegs sofort politisch wirksam. Das Ver-
       hältnis von  wissenschaftlicher Theorie  und einer nach Emanzipa-
       tion strebenden  sozialen Bewegung  ist weder linear noch kausal:
       Den vielfältigen Brechungen dieses Verhältnisses ist in einzelnen
       historischen Etappen jeweils konkret nachzugehen.
       Während der  1850er und  1860er Jahre,  Zeit der Restauration und
       der intensiven Arbeit am Wissenschaftsprogramm, spielt der Arbei-
       terkommunismus weder  als theoretische Quelle noch als praktische
       Bewegung eine bedeutende Rolle. Mit dem Anwachsen der Arbeiterbe-
       wegung zur  Massenpartei ab  den 1870er  Jahren setzt wieder eine
       positive Rezeption  ein. Im Prozeß erster historischer Selbstver-
       ständigung der Arbeiterbewegung wird der Arbeiterkommunismus eine
       Berufungsinstanz für  die revolutionäre  Tradition der  Bewegung.
       25) Trotz  politischer Übereinstimmung in der Zielperspektive ei-
       ner sozialen  Revolution und  der vollständigen  Überwindung  der
       bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft  gibt es  letztlich kein
       gemeinsames Theorieprogramm.  Zwar formuliert  auch der Arbeiter-
       kommunismus  den  Anspruch  auf  eine  wissenschaftliche  Gesell-
       schaftstheorie, er  kann diesen  Anspruch jedoch  nicht einlösen.
       Die theoretischen Differenzen zeigen sich u.a. im Verständnis der
       Begriffe 'Kritik',  'positive Wissenschaft' und 'System'. 26) Die
       theoretische Leistung  des wissenschaftlichen  Sozialismus bleibt
       den Arbeiterkommunisten verborgen. Auch wenn die langsame Heraus-
       bildung dieser  wissenschaftlichen Theorie und damit Ungleichzei-
       tigkeiten in  Rechnung gestellt  werden müssen, 27) so zeigt sich
       schon im Prozeß der Genese ein Problem von allgemeiner Bedeutung:
       Der wissenschaftliche Charakter einer Emanzipationstheorie sperrt
       sich gegenüber  dem Bedürfnis seiner Adressaten nach einer norma-
       tiven Weltbild-Orientierung.  Die paradigmatische  Bedeutung  des
       Verhältnisses von wissenschaftlichem Sozialismus und Arbeiterkom-
       munismus liegt  in der  Notwendigkeit begründet,  daß das akkumu-
       lierte Wissen  von jeder Generation neu angeeignet werden muß und
       daß die  Träger des Wissens und die Adressaten der Theorie in so-
       zialer Hinsicht  nicht gleich sind. In diesem Spannungsfeld liegt
       ein immer neu zu betretendes Lernfeld.
       
       _____
       1) Zum Begriff  Arbeiterkommunismus vgl.  Joachim Höppner, Arbei-
       terkommunismus, in: M. Buhr und G. Klaus (Hrsg.), Philosophisches
       Wörterbuch,  Leipzig  1974,  10.  Aufl.,  S.  117-121;  außerdem:
       Joachim Höppner und Waltraud Seidel-Höppner, Von Babeuf bis Blan-
       qui. Französischer  Sozialismus und Kommunismus vor Marx, Band 1:
       Einführung, Leipzig 1975, insbesondere S. 305-497.
       Zum Begriff  des vormarxistischen Sozialismus vgl.: Manfred Hahn,
       Der sogenannte Frühsozialismus als Forschungsproblem, in: Das Ar-
       gument, 14.  Jg. 1972,  Heft 7/8,  S. 638-655;  außerdem: Manfred
       Hahn, Die  methodische Erforschung des vormarxistischen Sozialis-
       mus. Klärungen  und Beiträge  zu dessen ausstehender Quellen- und
       Schrifttumkunde, Bremen 1982.
       2) Vgl. zu  den nachfolgenden  Überlegungen auch:  Lothar  Knatz,
       Utopie und Wissenschaft im frühen deutschen Sozialismus. Theorie-
       bildung und  Wissenschaftsbegriff bei  Wilhelm  Weitling,  Frank-
       furt/M. 1984. Vgl. außerdem: Lothar Knatz, Die Weitling-Rezeption
       in der  deutschen Sozialdemokratie 1871-1914, Bremen 1982, Heft 7
       der Reihe "Wissenschaftsforschung" (Universität Bremen).
       3) Vgl. z.B. MEW 21, 201 oder MEW 34, 303.
       4) Vgl. MEW, Ergänzungsband l, S. 468. Vgl. auch MEGA I, 2, 325.
       5) Siehe dazu  Max Nettlau, Londoner deutsche kommunistische Dis-
       kussionen 1845.  Nach dem  Protokollbuch des C.A.B.V., in: Archiv
       für die  Geschichte des  Sozialismus  und  der  Arbeiterbewegung,
       hrsg. von Carl Grünberg, 12. Jg., Leipzig 1922, S. 362-391.
       6) Vgl.  Bert   Andreas  und   Wolfgang  Mönke,  Neue  Daten  zur
       "Deutschen Ideologie".  Mit einem unbekannten Brief von Karl Marx
       und anderen  Dokumenten, in: Archiv für Sozialgeschichte, Band 8,
       Hannover 1968, S. 5-159, hier insbesondere S. 131.
       7) Zum Verlauf der Brüsseler Debatten und zu ihrer Interpretation
       vgl. P.W. Annenkow, Eine russische Stimme über Karl Marx, in: Die
       Neue Zeit, 1. Jg. 1883, S. 236-241; Der Bund der Kommunisten. Do-
       kumente und Materialien, Band l, 1836-1849, hrsg. vom IML beim ZK
       der SED  und dem  IML beim ZK der KPdSU, Berlin 1983, S. 303-308;
       Lothar Knatz, Wilhelm Weitling. Ein Paradigma arbeiterkommunisti-
       scher Theoriebildung, in: Internationale Wissenschaftliche Korre-
       spondenz, 18.  Jg. 1982, S. 437-451; dort auch weitere Literatur-
       hinweise.
       8) Zur Intellektuellen-Problematik vgl. Lothar Knatz, Intellektu-
       elle und  Arbeiterbewegung,  in:  M.  Hahn  und  H.J.  Sandkühler
       (Hrsg.), Karl  Marx. Kritik und positive Wissenschaft, Köln 1986,
       S. 56-77.
       9) Zur Kritik Weitlings an Hermann Kriege siehe: Die Republik der
       Arbeiter 1851,  S. 15 und 1852, S. 75. Die Zeitung wurde 1850 bis
       1855 von  Wilhelm Weitling in New York herausgegeben, die Seiten-
       angaben beziehen  sich auf  den reprographischen  Nachdruck in  4
       Bänden, mit einer Einleitung von Gian Mario Bravo, Vaduz 1979.
       Zum 2.  Demokratenkongreß von  26. bis  30. 10.  in  Berlin  vgl.
       Waltraud Seidel-Höppner  und Jakob  Rokitjanski, Weitling  in der
       Revolution 1848/49.  Unbekannte Dokumente,  in: Jahrbuch  für Ge-
       schichte 32, Berlin 1985, S. 65-170; hier insbesondere S. 109 f.
       10) Vgl. Hans Jörg Sandkühler, Historischer Materialismus und die
       Analogie von  Natur und Gesellschaft. Zum Determinismusproblem in
       der Arbeiterbewegung,  in: Deutsche  Zeitschrift für Philosophie,
       27. Jg. 1979, Heft l, S. 31-45.
       11) Einen Überblick  über die Quellenlage geben W. Seidel-Höppner
       und J. Rokitjanski (siehe Anm. 9), S. 80 f. Unter den dort im An-
       hang abgedruckten Dokumenten findet sich u.a. ein Auszug aus "Der
       Wächter am  Rhein. Ein Blatt zur Besprechung der öffentlichen An-
       gelegenheiten. Redigiert und verlegt von Carl Gramer" mit dem Ti-
       tel: "Weitling und Marx auf der Generalversammlung der demokrati-
       schen Gesellschaft  im Eiserschen  Saale in Köln, am 21. Juli und
       4. August 1848", S. 163-164.
       12) Waltraud Seidel-Höppner und Jakob Rokitjanski 1985, vgl. Anm.
       9.
       13) Vgl. Seidel-Höppner  und Rokitjanski  1985, S.  66 bzw.  102.
       Weiter heißt es dort: "Der 'Urwälder' bezeugt, was nur wenige Hi-
       storiker wahrhaben  wollen: Weitling  verfolgt die  vom Bund  der
       Kommunisten für  die bürgerliche  Revolution eingeschlagene  Tak-
       tik." Ebd., S. 103.
       14) Jakob Rokitjanski und Olga Worobjowa, Begegnung Wilhelm Weit-
       lings mit  Karl Marx im Herbst 1849. Unveröffentlichte Erinnerun-
       gen Weitlings,  in: Marx-Engels  Jahrbuch 3, Berlin 1983, S. 307-
       318.
       15) Ebd., S. 313.
       16) Der Bund der Kommunisten, Band l (siehe Anm. 7), S. 308.
       17) Vgl. etwa  Weitlings Brief  an Moses Heß vom 31. 3. 1846, in:
       Der Bund  der Kommunisten,  Band l,  S. 307 f., oder Die Republik
       der Arbeiter 1851, S. 40.
       18) Das "System  der Freiheit", das "System der Association", das
       "System der  Freiheit, der Harmonie und Gemeinschaft Aller" steht
       dem "System der Unterdrückung" oder dem "Geldsystem" gegenüber.
       19) Weitling auf  dem 2. Demokratenkongreß: "Ich bin als extremer
       Communist allenthalben  bekannt, ich will aber keinen Plan aufge-
       stellt wissen,  wie die Gesellschaft künftig werden soll. Man hat
       viele Systeme  aufgestellt; wenn wir uns aber durch dieselben die
       Frage verwirren  ließen, so würde uns das wenig Ehre machen." Zi-
       tiert nach W. Seidel-Höppner und J. Rokitjanski 1985, S. 110 f.
       20) Vgl. Wilhelm  Weitling, Gerechtigkeit. Ein Studium in 500 Ta-
       gen. Bilder  der Wirklichkeit  und Betrachtungen  des Gefangenen.
       Herausgegeben von Ernst Barnikol, Kiel 1929, S. 134.
       21) Die Erstausgabe  des von Weitling hinterlassenen Manuskriptes
       zur "Denk-  und Sprachlehre"  ist für 1987 vorgesehen. Siehe dazu
       Lothar Knatz,  Utopie und Wissenschaft im frühen deutschen Sozia-
       lismus, Frankfurt/M. 1984.
       22) Die Republik der Arbeiter 1851, S. 44.
       23) Vgl. MEW 1, S. 405, MEW 7, S. 416 und MEGA I, 2, S. 459.
       24) Vgl. Bravos Einleitung zur "Republik der Arbeiter", S. XXV.
       25) Vgl. dazu  insbesondere die Arbeiten von Friedrich Engels zur
       Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, z.B. MEW 20,
       187; MEW  21, 206;  MEW 4,  585. Vgl.  auch Engels'  Rede auf dem
       Stiftungsfest des C.A.B.V. in London am 7. 2. 1876. Die Rede wird
       in einem  Bericht im  "Volksstaat" vom  27. 2. 1876 wiedergegeben
       und ist auszugsweise abgedruckt in: Der Bund der Kommunisten. Do-
       kumente und  Materialien, Band 3, 1851-1852, Berlin 1984, S. 382-
       383; auch MEGA I, 25, S. 427.
       26) Vgl. Hans  Jörg Sandkühler, Kritik und positive Wissenschaft.
       Zur Entwicklung  der Marxschen  Theorie, in:  M.  Hahn  und  H.J.
       Sandkühler (Hrsg.),  Karl Marx. Kritik und positive Wissenschaft,
       Köln 1986, S. 17-41.
       27) Zur Ungleichzeitigkeit vgl. Engels' Begriff vom "negativ Öko-
       nomischen", MEW 37, 492.
       

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