Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       "GRUNDRISSE": PROBLEME DES ZWEITEN UND DRITTEN BANDES DES
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       "KAPITALS" UND DAS SCHICKSAL DES BEGRIFFS DES "KAPITALS IM
       ===========================================================
       ALLGEMEINEN"
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       Michail Ternowski / Alexander Tscherpurenko
       
       In den  Debatten der  letzten Jahrzehnte  um  die  Entstehungsge-
       schichte der  Marxschen ökonomischen  Theorie ist dem Problem des
       "Kapitals im  Allgemeinen" große Aufmerksamkeit zuteil geworden -
       dem Inhalt  und Schicksal  eines Begriffs, der in der ursprüngli-
       chen Fassung  des "Kapitals",  in den  "Grundrissen" von 1857-58,
       eine Schlüsselrolle  spielt. Dabei haben, so scheint es, die bei-
       den formulierten  Standpunkte zu dieser Frage - sowohl jener, der
       behauptet, daß  Marx nach  den "Grundrissen"  auf diesen  Begriff
       verzichtete, 1)  als auch  jener, der die ganze spätere Arbeit am
       "Kapital" als  eine Vertiefung  des "Kapitals im Allgemeinen" be-
       trachtet 2)  - wenig  Aufmerksamkeit auf einen Vergleich der Ana-
       lyse der  Zirkulation des  Kapitals und  des "Kapitals als Frucht
       bringend", wie  sie in  den "Grundrissen"  enthalten ist, mit dem
       Inhalt des zweiten und dritten Bandes des "Kapitals" unter struk-
       turtheoretischem Aspekt  verwendet. Dabei könnte u.E. ein solcher
       Vergleich die Grundlage für einen präziseren und argumentativeren
       Meinungsaustausch über dieses Problem abgeben.
       Im Rahmen dieser Bemerkungen ist es kaum möglich, die Entwicklung
       der Auffassungen  von Marx über Gegenstand und Inhalt des zweiten
       und dritten  Teils des  "Kapitals" im Verlauf jenes Jahrzehnts im
       Detail zu  verfolgen, in  dem er nach den "Grundrissen" noch zwei
       Entwürfe schuf  - die  Manuskripte von 1861-63 sowie von 1863-65.
       3) Daher  beschränken wir uns auf thesenhafte Formulierungen. Das
       Manuskript von  1857-58 zeichnet  sich dadurch aus, daß der Über-
       gang vom  Produktionsprozeß des Kapitals zur Zirkulation offenbar
       dem Begriff  "Kapital im  Allgemeinen", wie  er von  Marx bereits
       formuliert wurde,  widerspricht. Einerseits unterstreicht Marx zu
       Beginn des  Abschnitts über  den Zirkulationsprozeß des Kapitals:
       "von dem  jetzigen Standpunkt aus hat es (das Kapital, die Verf.)
       nichts sich gegenüber als Lohnarbeit oder sich selbst.. ." 4) An-
       dererseits aber  gilt für  das Kapital, das den Produktionsprozeß
       verläßt: "als  Product, als  Waare erscheint  es abhängig von der
       Circulation, die  ausserhalb dieses  Processes liegt." Und er äu-
       ßert sich  noch bestimmter:  "auf dem  Punkt, zu dem wir bis jezt
       noch gekommen,  erscheint das Capital noch nicht als die Circula-
       tion (den  Austausch) selbst  bedingend, sondern  blos als Moment
       derselben, und grade aufhörend Capital zu sein in dem Augenblick,
       worin es  in sie  eingeht." 5) Mit anderen Worten: Die Konzeption
       des "Kapitals  im Allgemeinen" erfordert es, auf dieser Stufe das
       Kapital als  Totalität zu  behandeln, die alle ihre Voraussetzun-
       gen, darunter auch die Zirkulation, selbst setzt. Marx "verstößt"
       jedoch beim  Übergang vom Produktions- zum Zirkulationsprozeß des
       Kapitals gegen  dieses Prinzip,  insofern er  die Zirkulation als
       etwas Selbständiges betrachtet.
       Wenn dies  so ist und die Zirkulation als eine dem Kapital äußere
       Kraft auftritt,  gehen in  die Untersuchung jene realen Schranken
       ein, die die Zirkulation dem Selbstverwertungsprozeß des Kapitals
       setzt. Als  solche Schranken  figurieren in den "Grundrissen" die
       B e d ü r f n i s s e,  d.h. das Verhältnis von Angebot und Nach-
       frage, die   Ü b e r p r o d u k t i o n   und die Krisen als die
       sichtbarste Erscheinungsform  der Selbständigkeit  (aber auch der
       wechselseitigen Abhängigkeit)  von  Zirkulation  und  Produktion.
       Aber ihre umfassende Betrachtung ist hier noch nicht möglich: "Es
       handelt sich hier ... noch nicht darum die Ueberproduction in ih-
       rer Bestimmtheit  zu entwickeln, sondern nur die Anlage dazu, wie
       sie primitiv im Verhältniß des Capitals selbst gesezt ist." 6)
       Somit ist der Übergang vom Produktionsprozeß zum Zirkulationspro-
       zeß des  Kapitals als Bewegung des Kapitals "nach außen" aus zwei
       Gründen nicht  möglich:  E r s t e n s  widerspricht er dem Marx-
       schen Verständnis  des "Kapitals  im Allgemeinen"  und   z w e i-
       t e n s  wirft er Fragen auf, die erst auf einer viel konkreteren
       Untersuchungsebene gelöst werden können.
       Marx verzichtet auf einen solchen Übergang. Nach einigen größeren
       Exkursen im  Abschnitt über  den Zirkulationsprozeß gelangt er zu
       der Schlußfolgerung  : "Was  wir jezt zu betrachten haben ist der
       K r e i s l a u f   s e l b s t   oder der   U m l a u f    d e s
       C a p i t a l s.   ... Die  Circulation als Circulation des Capi-
       tals gesezt ..." Somit ist "die Selbstständigkeit der Circulation
       ... jezt zu einem blosen Schein herabgesezt ..." 7) Sie tritt als
       vollständig vom Produktionsprozeß des Kapitals bestimmte auf.
       In den  Vordergrund treten  jetzt gerade  jene  Fragen,  die  als
       Schlüsselfragen für  die Untersuchung  des  Zirkulationsprozesses
       des Kapitals  bereits in den Entwürfen des Plans für das "Kapital
       im Allgemeinen"  ganz am Anfang des Manuskripts von 1857 bis 1858
       formuliert wurden:  "Capital circulant.  Capital fixe. Umlauf des
       Capitals". 8)  Im wesentlichen ist der ganze Schlußabschnitt über
       den Zirkulationsprozeß in den "Grundrissen" dem Inhalt dieser Be-
       griffe und der entsprechenden Kritik von Auffassungen der bürger-
       lichen politischen Ökonomie gewidmet. 9)
       Somit kann man im Manuskript 1857-58 zwei Zugänge oder zwei Etap-
       pen in der Behandlung der Zirkulation des Kapitals unterscheiden.
       Zunächst versuchte  Marx, die  Gesamtheit der realen Verhältnisse
       zu skizzieren, die unvermeidlich in den Horizont der Untersuchung
       einbezogen werden,  wenn der  Zirkulationsprozeß des  Kapitals in
       seinem ganzen  Umfang betrachtet wird. Dann kehrt Marx zum Zirku-
       lationsprozeß im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" zurück, 10)
       nachdem er  sich offensichtlich  davon überzeugt  hatte, daß eine
       umfassende Betrachtung  des Zirkulationsprozesses des Kapitals in
       dieser Etappe unmöglich war, und er zugleich die wichtigsten Fra-
       gen formuliert  hatte, die in späteren Stadien beantwortet werden
       müßten. 11)
       Eine weitere  Besonderheit der damaligen Auffassung von Marx über
       den Zirkulationsprozeß ist faktisch schon erwähnt worden. Es han-
       delt sich  darum, daß  im Manuskript  1857-58 der Zirkulationsab-
       schnitt im  wesentlichen nur  einem -  wenn auch  dem zentralen -
       Problem gewidmet  ist: dem  Umschlag des Kapitals. Allerdings hat
       Marx später überall, beginnend mit dem "Manuskript I" des zweiten
       Bandes (1865), die dreigliedrige Struktur des Zirkulationsprozes-
       ses des Kapitals herausgearbeitet: die Metamorphosen des Kapitals
       und ihren  Kreislauf, den Umschlag des Kapitals, die Reproduktion
       und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.
       Man kann  nicht sagen,  daß in  den "Grundrissen"  vom Form-  und
       Stoffwechsel, der  während des  Kreislaufs des Kapitals stattfin-
       det, nicht die Rede wäre. Es ist auch bekannt, daß Marx gerade in
       diesem Manuskript  erstmals den  Entwurf eines Schemas der Repro-
       duktion und  Zirkulation  des  gesellschaftlichen  Gesamtkapitals
       formulierte 12)  (obwohl er  davon ausging,  daß diese Frage noch
       nicht hierhergehöre).  Gleichwohl ist  das einzige  der Hauptpro-
       bleme des  zweiten Bandes  des "Kapitals", das in der ursprüngli-
       chen Variante des "Kapitals" bewußt und möglichst umfassend erör-
       tert wird, der Umschlag des Kapitals. Warum?
       Unserer Auffassung  nach kommt hier die Begrenztheit des Begriffs
       "Kapital im  Allgemeinen" zur  Geltung, wie  ihn Marx  formuliert
       hat. Indem  er das "Kapital im Allgemeinen" als einen Gattungsbe-
       griff auffaßte, in dem die individuellen Besonderheiten der Kapi-
       tale ausgelöscht sind, konnte er im Rahmen dieser Kategorie weder
       den Kreislauf  des Kapitals noch die Reproduktion des Gesamtkapi-
       tals betrachten,  da mit  ihnen zwangsläufig "viele Kapitale" zur
       Untersuchung anstehen.  Im strengen  Sinne des Begriffs läßt sich
       auch der  Umschlag nicht  in das  Prokrustesbett des "Kapitals im
       Allgemeinen" zwängen. Auch dies hat Marx offenbar selbst erkannt:
       "Da der Werth die Grundlage des Capitals bildet, es also nothwen-
       dig nur  durch Austausch gegen Gegenwerth existirt, stößt es sich
       nothwendig von  sich selbst ab. Ein Universalcapital, ohne fremde
       Capitalien sich  gegenüber, mit denen es austauscht - und von dem
       jetzigen Standpunkt  aus hat es nichts sich gegenüber als Lohnar-
       beit oder  sich selbst  - ist daher ein Unding. Die Repulsion der
       Capitalien von  einander  liegt  schon  in  ihm  als  realisirtem
       Tauschwerth." 13)
       Indessen behandelt  Marx das  "Kapital im Allgemeinen" (obwohl er
       diesen Begriff nirgendwo in den "Grundrissen" erschöpfend inhalt-
       lich bestimmt) eben als solch ein Universalkapital, als etwas Ab-
       strakt-Allgemeines, das  dem gesellschaftlichen Gesamtkapital und
       allen seinen  individuellen Komponenten  gleichermaßen  zu  eigen
       ist.
       Zusammenfassend kann man feststellen, daß in der Untersuchung des
       Zirkulationsprozesses des Kapitals der Begriff "Kapital im Allge-
       meinen" eine  doppelte Rolle  spielt.  Einerseits  ermöglicht  er
       einen allgemein-methodologisch  korrekten Zugang  zur Darstellung
       der Zirkulationsprobleme, was dann später im zweiten Band des Ka-
       pitals realisiert  wurde, sowie deren Ortsbestimmung im sich for-
       mierenden theoretischen  System. Andererseits  kommt auch die me-
       thodologische Begrenztheit des Begriffes "Kapital im Allgemeinen"
       zum Vorschein.  Diese methodologische Begrenztheit dieses Begrif-
       fes in der damaligen Auffassung - nicht die des Begriffes selbst!
       - stand im Widerspruch zu den theoretischen Aufgaben einer Unter-
       suchung der  inneren Struktur  der bürgerlichen  Produktionsweise
       und der  ihr entsprechenden  Produktions-  und  Austauschverhält-
       nisse.
       Dies gilt  auch für  die Behandlung  des Problems der Verwandlung
       des Mehrwerts  in Profit  im Manuskript  1857-58. 14)  Trotz  des
       fragmentarischen Charakters  und der Kürze des abschließenden Ab-
       schnitts "Das  Kapital als  Frucht bringend" paßt er im wesentli-
       chen mit  dem Konzept des "Kapitals im Allgemeinen" zusammen, das
       Marx im  Verlauf der Niederschrift der "Grundrisse" erstellt hat.
       15)  Obwohl   der  mangelhafte   Ausarbeitungsgrad  der  Probleme
       (insbesondere die  fehlende Analyse  des Zinses) es schwer macht,
       die Logik  bei Marx  aufzudecken, hat  der flüchtige und skizzen-
       hafte Charakter  der Untersuchung  auch positive Seiten. Der Ent-
       wurf spürt  klarer und  anschaulicher die Mängel des methodologi-
       schen Prinzips  auf, von  dem ausgegangen  wird: die Begrenztheit
       des "Kapitals  im Allgemeinen" als eines nur abstrakt-allgemeinen
       Begriffs, der  in Widerspruch zu den Anforderungen gerät, die der
       Untersuchungsgegenstand selbst,  die kapitalistische Produktions-
       weise, stellt.
       Beim Übergang  zum "Kapital  als Frucht bringend" wird dieses von
       Marx als  wirkliche Einheit  von Produktion  und Zirkulation  be-
       stimmt. 16)  Zunächst erscheinen  die neuen  Formbestimmungen des
       Kapitals in philosophischem Gewand: Das Kapital ist der Grund des
       Mehrwerts, das  Kapital ist  aktives Subjekt  des Prozesses.  17)
       Aber der  wichtigste Unterschied  zwischen dem Kapital auf dieser
       Betrachtungsstufe und  allen vorhergehenden Bestimmungen ist der-
       jenige, daß  als sein  Produkt nicht der Mehrwert als solcher er-
       scheint, sondern  dessen abgeleitete, entwickelte Form - der Pro-
       fit: "Das Product des Capitals ist der Profit." 18)
       Indem Marx  den grundlegenden  Unterschied zwischen seiner Lösung
       des Problems Kapital-Profit und der Interpretation durch die bür-
       gerlichen Ökonomen  hervorhebt, weist  er wiederholt  darauf hin,
       daß bei  ihm der Profit die Beziehung zu den vorangegangenen Sta-
       dien der  Bewegung des  Kapitals bewahrt.  Diese Beziehung  zeigt
       sich vor  allem darin,  daß der Profit als entwickeltere Form des
       Mehrwerts sich zu diesem ständig über die Profitrate in Beziehung
       setzt: "In  seiner unmittelbaren  Form ist  der Profit nichts als
       die Summe  des Mehrwerths  ausgedrückt als  Proportion zum Total-
       werth des  Capitals." 19)  Die so bestimmte Profitrate behält ei-
       nerseits den  Zusammenhang mit  dem Vorhergehenden  (sie ist  nur
       formell eine andere Berechnungsweise des Mehrwerts, d. h. sie be-
       wahrt, wenn  auch in  aufgehobener Form, den Zusammenhang mit der
       wirklichen Quelle des Werts - der Arbeit des Arbeiters); anderer-
       seits vermittelt  sie zugleich dem Kapital als der gesetzten Ein-
       heit die  erste Bestimmtheit:  Das gesamte  Kapital erscheint nun
       als Quelle  von Wert,  der Profit  wird daher  auf das  g a n z e
       Kapital berechnet und somit zum neuen Maß seiner Verwertung.
       Im Zusammenhang  mit der  Bestimmung der Profitrate als des neuen
       Maßes für  die Selbstverwertung  des Kapitals  behandelt Marx das
       Verhältnis von  Mehrwertrate und  Profitrate. Dies  gibt ihm  die
       Möglichkeit zu zeigen, wie das Verwertungsgesetz, das von ihm als
       immanentes Gesetz  der kapitalistischen  Verhältnisse  abgeleitet
       worden ist, im Endstadium der Bewegung des "Kapitals im Allgemei-
       nen" als  Gesetz des  Falls der Profitrate erscheint. Charakteri-
       stisch ist, daß Marx in den "Grundrissen" davon spricht, daß die-
       ses Gesetz  "in der Beziehung der vielen Capitalien auf einander,
       i.e. der  Concurrenz" anders  zum Ausdruck  gelangt; 20)  während
       später gerade  die Betrachtung  der Wechselbeziehung vieler Kapi-
       tale zur  Grundlage seiner  Ableitung wird.  Im  Unterschied  zum
       dritten Band  des "Kapitals",  wo dieses Problem von Marx auf der
       Grundlage des  Durchschnittsprofits und  des  Produktionspreises,
       d.h. gerade  im Rahmen  der Wechselbeziehungen einer Vielzahl von
       Einzelkapitalen gelöst  wird, ist in den "Grundrissen" das Gesetz
       des tendenziellen  Falls der Profitrate in abstrakter Form formu-
       liert. Marx  unterstreicht insbesondere  die  Notwendigkeit,  das
       Phänomen des  tendenziellen Falls  der Profitrate  als Bestimmung
       des "Kapitals  im Allgemeinen" zu betrachten. Indem er Smith kri-
       tisiert, der den Fall der Profitrate aus der Konkurrenz, d.h. aus
       der realen  Bewegung des Kapitals, erklärt hatte, bemerkt er, daß
       "ein allgemeiner  und permanenter,  als Gesetz wirkender Fall der
       Profitrate auch  v o r  der Concurrenz und ohne Rücksicht auf die
       Concurrenz begreiflich  ist". 21)  Der Profit erscheint somit als
       das   a b s t r a k t - allgemeine   Maß der Verwertung des Kapi-
       tals, das  erst in den späteren Stadien der Bewegung des Kapitals
       seine wirkliche  Existenz als Durchschnittsprofit (oder, wie Marx
       sagt, als  empirischer Profit) und allgemeine Profitrate erhalten
       muß.
       Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, daß der Versuch, den
       Fall der  Profitrate aus  dem "Begriff  des Kapitals  abzuleiten,
       dazu führt,  daß die   B e w e g u n g   des  Kapitals in  dieser
       Sphäre seiner  Tätigkeit als  solche nicht  untersucht wird. Eine
       solche Analyse  würde zur Ableitung neuer ökonomischer Formen des
       Kapitals führen. Aber die Entwicklung dieser neuen Formbestimmun-
       gen des Kapitals würde bedeuten, den Rahmen des "Kapitals im All-
       gemeinen" zu  überschreiten. Dies  folgt klar aus einer Bemerkung
       von   M a r x  über Kapital und Zins. In dieser Bestimmung schei-
       det "das  Capital seinem  Begriff nach sich schon in zwei Capita-
       lien von  selbständigem Bestehn ...". 22) Aber dies wäre eine Ab-
       kehr von  der Konzeption  des "Kapitals im Allgemeinen" als eines
       universellen Kapitals;  deshalb beginnt  Marx beim  Übergang  zum
       Zins in diesem Manuskript auch nicht mit seiner Untersuchung.
       Obgleich sich  der Profit vom Mehrwert qualitativ (der Bestimmung
       nach) unterscheidet,  kann diese Differenz noch nicht als quanti-
       tative im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" betrachtet werden.
       Insbesondere bleibt  der Verkauf des Produkts des Kapitals zu ei-
       nem Preis  über seinen Herstellungskosten, aber ohne Realisierung
       des  ganzen   vom  Kapital  geschaffenen  Mehrwerts,  nur    a b-
       s t r a k t e  Möglichkeit, die zudem dem Grundprinzip der Unter-
       suchung des  Profits des  universellen  (Gesamt-)Kapitals  wider-
       spricht: "Der Gesammtsurpluswerth, ebenso wie der  G e s a m m t-
       p r o f i t,  denn nur der Mehrwerth selbst ist anders berechnet,
       kann nie  durch diese  Operation  (durch  Austausch,  die  Verf.)
       wachsen, noch  abnehmen; nicht  er selbst, sondern nur  s e i n e
       V e r t h e i l u n g   u n t e r  d e n  v e r s c h i e d n e n
       C a p i t a l i e n  w i r d  d a d u r c h  m o d i f i c i r t.
       Indeß gehört diese Betrachtung erst in die der vielen Capitalien;
       noch nicht hierhin." 23)
       Andererseits spürt  Marx subjektiv die Notwendigkeit, die Grenzen
       des "Kapitals  im Allgemeinen"  zu überschreiten. Dies zeigt sich
       in seiner  Hinwendung zu   E i n z e l kapitalen,   die  als Bei-
       spiele die  theoretischen Aussagen illustrieren. Offenbar beginnt
       er, die Begrenztheit des "Kapitals im Allgemeinen" als eines Gat-
       tungsbegriffs zu  erkennen, der  keine Möglichkeit  eröffnet, die
       ökonomischen Formen  der  B e w e g u n g  des Kapitals als einer
       vielfältigen Einheit  zu betrachten.  Wie aus der Darstellung des
       Zirkulationsprozesses des Kapitals und der Einheit von Produktion
       und Zirkulation  folgt, kann ein allgemeiner Begriff des Kapitals
       jenseits  der  Wechselbeziehungen  zwischen  den  Einzelkapitalen
       nicht existieren. Das Allgemeine ("Kapital im Allgemeinen") zeigt
       sich real  nur über  sein Besonderes und Einzelnes. Und an diesem
       Punkt, so  scheint es  uns, beginnt Marx, sich allmählich von der
       Behandlung des  "Kapitals im Allgemeinen" als eines Abstrakt-All-
       gemeinen, das  neben den  Einzelkapitalen existiert,  abzuwenden.
       Allerdings zeigt  sich diese  Abkehr zunächst  nur darin, daß das
       "Kapital im  Allgemeinen" als  Abstraktion des gesellschaftlichen
       Gesamtkapitals aufgefaßt wird. 24)
       Wir heben  nicht zufällig  hervor, daß  Marx in  dem Maße, wie er
       sich dem  Abschluß der "Grundrisse" näherte, die Begrenztheit des
       Begriffs "Kapital  im Allgemeinen"   i n   d e r   G e s t a l t,
       i n   d e r   e r   z u   B e g i n n  d e r  A r b e i t  e n t-
       w i c k e l t   w u r d e,   erkannte. Hiermit möchten wir unter-
       streichen, daß  wir nicht den Standpunkt teilen, Marx habe in den
       späteren Jahren  völlig auf  diese Kategorie  verzichtet. Im  Ge-
       genteil -  wie eine  Analyse des Manuskripts von 1861-1863 zeigt,
       bleibt das "Kapital im Allgemeinen" ein Schlüsselbegriff. Hierbei
       ändert sich  jedoch die  Vorstellung von Marx über seinen inneren
       Gehalt und  seine Beziehung  zur "realen  Bewegung der  Kapitale"
       grundlegend.
       
       Übersetzung: Gert Meyer.
       
       _____
       1) Dieser Standpunkt wird von Roman Rosdolsky, Manfred Müller und
       von manchen sowjetischen Autoren der 30er bis 60er Jahre geteilt.
       2) Siehe z.  B. Irina  Antonowa, "Marx' Ausarbeitung der Struktur
       des ersten  Bandes des  , Kapital'  (1857-1867)" (russ.), in: Um-
       risse zur  Geschichte des  "Kapitals" von K. Marx (russ.), Moskau
       1983, S.  172-205. Modifiziert A. Kogan und W. Schwarz. Letzterer
       widmet das  IV. Kapitel  seiner Monographie "Vom 'Rohentwurf' zum
       'Kapital'" speziell  der Änderung der Marxschen Reproduktionsana-
       lyse im werdenden theoretischen System des "Kapitals".
       3) Das Manuskript  von 1861-63  ist erstmals  vollständig in  der
       Originalsprache in der MEGA II, 3. 1-6 veröffentlicht worden. Das
       Manuskript von 1863-65 wird in MEGA II, 4. 1-2 erscheinen.
       4) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324.
       5) MEGA II, 1.2, S. 317. Grundrisse, S. 307.
       6) MEGA II, 1.2, S. 330. Grundrisse, S. 321.
       7) MEGA II, 1.2, S. 416. Grundrisse, S. 413.
       8) MEGA II, 1.1, S. 187, 199. Grandrisse, S. 175, 186.
       9) Eine inhaltsreiche  Analyse dieses  Abschnitts findet  sich in
       dem Kommentar zu den "Grundrissen" von der Projektgruppe Entwick-
       lung des Marxschen Systems, Hamburg 1978.
       10) Siehe z.  B. MEGA  II, 1.2, S. 357, 420-421, 505. Grundrisse,
       S. 351, 417-419, 512/513.
       11) Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, daß Marx später während
       der Arbeit  am Manuskript  I des  zweiten Bandes  des  "Kapitals"
       (1865) -  nun bereits  im Zusammenhang  mit den Metamorphosen des
       Kapitals -  wieder beiläufig  das  Problem  der  Überfüllung  der
       Märkte und  Krisen, den  Kredit als  Form einer teilweisen Lösung
       des Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumtion berührt. Vgl.
       S. 13,  15-16, 22-23  des -  bisher nur in russischer Sprache er-
       schienenen - Manuskripts.
       12) MEGA II, 1.2, S. 350-353. Grundrisse, S. 343-346.
       13) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324.
       14) Eine Analyse  der Rohentwürfe  des "Kapitals" und des dritten
       Bandes selbst  zeigt deutlich,  daß dieses  Problem für Marx eine
       prinzipiell andere - vor allem methodologische - Bedeutung hatte,
       was heute von den Anhängern der "Umrechnung" der Werte in Produk-
       tionspreise nicht beachtet wird. Vgl. dazu: R. Hecker/A. Tschepu-
       renko, Marx'  Werttheorie - Hauptgegenstand der Angriffe der bür-
       gerlichen "Marxologie"  auf ökonomischem Gebiet, in: Marx-Engels-
       Jahrbuch, Band 8, Berlin 1985, S. 103-129.
       15) Siehe MEGA II, 1.1, S. 199. Grundrisse, S. 186.
       16) MEGA II, 1.2, S. 619. Grundrisse, S. 631.
       17) MEGA II, 1.2, S. 619-620. Grundrisse, S. 632.
       18) MEGA II, 1.2, S. 620. Grundrisse, S. 632.
       19) MEGA II, 1.2, S. 638. Grundrisse, S. 653.
       20) MEGA II, 1.2, S. 624. Grundrisse, S. 637.
       21) MEGA II, 1.2, S. 625. Grundrisse, S. 637/638.
       22) MEGA II, 1.2, S. 359. Grundrisse, S. 353.
       23) MEGA II, 1.2, S. 632. Grundrisse, S. 646.
       24) MEGA II, 1.2, S. 632, 638. Grundrisse, S. 645/646, 653.
       

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