Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       DIE LIEDER DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
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       Gerd Semmer / Dieter Süverkrüp
       
       Ein  gedankenlos   verpißter  Herbstabend,  dunkel,  stockdunkel,
       adenauerdunkel. Eine tiefhängende fette Eisenbahnbrücke der Fünf-
       zigerjahre; man  mußte steil  abwärts, um  unter den  babylonisch
       schwarzen Stahlträgern durchzukommen. - Unerkennbar, ob es drüben
       überhaupt wieder rausging. Vielleicht auch führten, wer weiß, von
       unten ein  paar unauffällige Seitenstufen direkt in den Hades: in
       himmelgroße, finster labyrinthische Gewölbe, in jene unüberschau-
       baren Geschichtskellereien,  wo sie  alle aufbewahrt  werden, die
       weggekippten  Generationen   menschheitlicher   Aberjahrtausende;
       vielleicht kam  einem dort im nächsten Augenblick schon der plau-
       dernde unsterbliche  Voltaire entgegen,  am Arm  die Marie-Antoi-
       nette führend,  die töricht  kicherte wie  ein hochglanzpolierter
       Wohnzimmerschrank, während  zur Linken  des glanzvollen  Spötters
       drei Pariser  Fischweiber recht  anrüchig scherzten  ... zwei Ge-
       wölbe weiter  hallte womöglich ein lautstarker Streit um Urheber-
       rechte zwischen Dante, Sartre und Arno Schmidt...
       Nichts von  alledem. Jäh vor mir tauchte auf: Gerd Semmer, soeben
       kommend von gegenüber, wo's wieder rausging aus der Unterführung.
       - Wir  kannten einander  seit ein  paar Monaten; er sagte, in der
       Nationalbibliothek zu  Paris habe er jüngst Revolutionslieder von
       1789 ff.  aufgestöbert, die  Übersetzungen seien gerade fertigge-
       worden, ob  ich die  nicht mal  auf Tonband  singen wolle.  -  Er
       sprach halblaut,  zuweilen argwöhnisch um sich blickend; so bekam
       das Unternehmen "Deutschsprachige Französische Revolution" gleich
       zu Anfang ein veritables Flair von Konspiration, das auch in spä-
       teren Jahren niemals ganz verfliegen mochte.
       Wir machten  also die Tonbandaufnahmen, wiederum halblaut, in Fa-
       milie Semmers sehr hellhöriger Sozialbauwohnung in der schüchter-
       nen kleinen  Küche. Dann  schickte Semmer das fertige Band umher,
       zu Sendern und Plattenfirmen. Allenthalben: Ablehnung, Interesse-
       losigkeit, Unverständnis. Nur der "Deutschlandsender" aus der DDR
       reagierte positiv:  Zwei Rundfunksendungen,  eine schmale Schall-
       platte, die schließlich Ende 1958 erschien.
       Unterdessen hatten wir begonnen, gemeinsame Vortragsabende zu ge-
       ben, um das Material einer kleineren Öffentlichkeit vorzustellen,
       wo immer  sich ein  Veranstalter fand:  eine Volkshochschule, ein
       ASTA, ein  winziges Theater oder Kabarett, ein progressives Kino,
       ein gewerkschaftlicher  Kulturzirkel, eine  Goethegesellschaft in
       wasweißich ...  Duisburg, Düsseldorf,  Essen, Frankfurt, München,
       Hamburg, Bremen ... Semmer hielt seinen Vortrag, wobei er vom Ma-
       nuskript, das  im folgenden  dokumentiert ist, zuweilen erheblich
       abwich, ergänzend,  begeistert davonflatternd, seine eigenen Kom-
       mentare kommentierend,  oftmals recht unerlaubt in sich hineinki-
       chernd -  oder auch  sehr jäh  und unvermittelt  in ein  heiseres
       olympisches Höhnen  verfallend. Und  zwischendurch sang  ich  die
       Lieder -  so gut  es ging (ich war nicht immer ausreichend vorbe-
       reitet, weil ich tagsüber recht angestrengt in einer Werbeagentur
       arbeiten mußte;  einmal sogar  brachte ich in Eile den leeren Gi-
       tarrenkoffer zum Konzert).
       Im übrigen aber war es, als reiste mit uns ein subversiver Spiri-
       tus familiaris, wahrscheinlich sogar reiste er uns voraus, sofern
       man bei  Geistern und  Gespenstern derart banale Ortsbestimmungen
       überhaupt vornehmen kann. Wohin wir jedenfalls kamen, fanden sich
       zumeist nicht  gerade unsäglich viele, aber doch eigentümlich in-
       teressierte Leute  ein: neben  einfach nur neugierigen Hinkommern
       erstaunlich gut informierte Menschen. Oft hatte ich den Eindruck,
       es werde  da in  aller Öffentlichkeit illegal zwischen den Zeilen
       gehört, nicht  was das  unmittelbare Thema,  französische Revolu-
       tion" betraf"  darüber redete  Semmer ja ganz unverhohlen und di-
       rekt, konnte  er auch,  denn das war schließlich eine bürgerliche
       Umwälzung gewesen,  die mittelbar auch mit unserem neuinstallier-
       ten repräsentativen  Parlamentarismus zu  tun hatte  - nein,  der
       subversive Charakter  des Zuhörens  ergab sich  aus der  Art  und
       Weise, wie  Querverbindungen hergestellt wurden, Bezüge zum aktu-
       ellen Geschehen, zur jüngsten Historie ...
       Man stelle  sich die  Situation vor,  1957/58: Die demokratische,
       zart sozialistische  Anfechtung, die  es nach  45 für  kurze Zeit
       hierzulande gegeben hatte, war eindeutig verscheucht, die Restau-
       ration in vollem Gange. Auch Literatur und Kunst zappelten im al-
       ten Griff.  Deren Inanspruchnahme für Politik durch die Nazis war
       noch in  deutlicher Erinnerung,  und so fiel es leicht, das Dogma
       durchzusetzen, Politik  und Gesellschaft  einerseits,  Kunst  und
       "Kultur" andererseits  seien einander  im tiefsten  Herzen  spin-
       nefeind. -  Gleichzeitig wurde das bürgerliche Geschichtsbild ge-
       nerös wieder  hergerichtet, da wimmelte es nur so von großen Män-
       nern (und  ganz wenigen,  nur fast so großen Frauen), die als die
       eigentlichen Anfertiger  von Geschichte  zu  gelten  hatten;  die
       Links-Rechts-Radikalismus-These und  die "Totalitarismus"-Theorie
       schwebten recht  bedrohlich über diesem Gewaber, während am Rande
       das Volk  sich drängte  als stumpfer  blinder Dulder, als anonyme
       Masse, die  geführt werden  will, sonst knallt's ... Revolutionen
       entsprechend: als  dumpfes kollektives  Wüten;  insbesondere  die
       Französische: ein Blutrausch, eine Orgie des Schreckens.
       Lieder aus  dieser Französischen  Revolution, soweit  sie bekannt
       waren bei  uns, wurden  als Haßgesänge geführt, als Pogromschreie
       oder  dergleichen.   Erschwerender  Umstand:   Bei   dem   Stich-
       wort"Politisches Lied"  mußten  damals  viele  Leute  (ich  auch)
       zwangsläufig an  das denken,  was sie in der Art überhaupt gehört
       hatten; und  das waren  fast ausschließlich die Elaborate aus der
       Nazizeit. Was  Wunder also,  daß man  aufs Stichwort assoziierte:
       Dröhnender Bierernst,  kitschiges Heroentum, Kraftmeierei, simpel
       brüllende Verquastheit.
       Dann aber  das! Auf  einmal stellte  sich heraus,  politisch sich
       einmischende Gesänge können durchaus heiter sein, witzig, phanta-
       sievoll, optimistisch"  und zwar  gerade dadurch, daß sie konkret
       auf Veränderung zielen, Übelstände benennen, Mächtige verspotten,
       Siege über  eben diese  feiern, mit ihrer Begeisterung nicht hin-
       term Berge halten - und auch nicht mit ihrem Zorn.
       Seinerzeit hatte ich den bloßen Verdacht, heute weiß ich es eini-
       germaßen zuverlässig,  daß unter  unseren  so  auffällig  harmlos
       dreinblickenden Zuhörern  in jenen  Jahren zuhauf  solche  saßen,
       die, nachdem  das hübsche  demokratisch-antikapitalistische  Zwi-
       schenspiel nach  1945 zuende war, wieder hatten abtauchen müssen,
       manche ziemlich  tief, manche  nur bis unter die Nasenlöcher. Die
       verstanden nicht  nur Anspielungen  und materialistische Feinfüh-
       ligkeiten, die hatten auch ihr gerüttelt Maß Vergnügen an Semmers
       Übersetzungen. Das  muß einfach mal gesagt werden: Indem er - an-
       statt frankophil  die Originale zu imitieren - in unserer Sprache
       "einen Spiegel  herstellte", worin die alten französischen Lieder
       erkennbar sich  abbilden sollten  - indem er dabei, auf hinterli-
       stig poetische  Weise, seine  etwas westfälisch gefärbte Alltags-
       sprache einspannte,  verjagte er  alle Exotik,  alle  romantische
       Verruchtheit aus  der Sache. Plötzlich standen sie leibhaftig da,
       die lächelnd  lauernden Kraftausdrücke,  Frechheiten antifeudalen
       Unbotmäßigkeiten, jederzeit  gerne bereit,  einem  unbescholtenen
       Bürger mit  dem nackten  Arsch ins Geschichtsbewußtsein zu sprin-
       gen. Die Jacobiner waren los!!! - was an sich noch halbwegs hätte
       angehen können,  würde Semmer  sich wenigstens bereitgefunden ha-
       ben, sie  nun alleine in der Weltgeschichte herumstehen zu lassen
       - wie  die Pinguine im Zoo! Aber den Teufel tat er; bekannte sich
       zu ihnen, als wären sie seine (und unsere) demokratischen Vorfah-
       ren; verhehlte  nicht, daß das Ergebnis der Französischen Revolu-
       tion nicht  auch das "Happy End der Weltgeschichte" war, daß noch
       viel zu  tun  ist.  -  Ein  geschichtskundiger,  karrierebewußter
       Volkshochschuldirektor regte  sich einstens auf, eine derart ein-
       deutig marxistische  Darstellung der  Ereignisse  (nach  1789  in
       Frankreich) sei  im Zeitalter  des Pluralismus  (Ende der  1950er
       Jahre) "hoffnungslos anachronistisch".
       Viele unserer Zuhörer indessen schöpften aus eben diesem Anachro-
       nismus nicht  nur Spaß und vielfältige Bewegung des Gemütes, son-
       dern auch  Hoffnung und Mut, wie es schien. So vielleicht erklärt
       es sich,  daß die Lieder nicht ohne Einfluß blieben auf die Song-
       und Liedermacherszene, die sich Ende der 50er, Anfang der 60er zu
       entwickeln begann,  in der  BRD. In  drei jeweils neuen Aufnahmen
       wurden Texte der Liedersammlung "Ça ira" auf Schallplatten veröf-
       fentlicht. Die letzte davon gibt es noch.
       Von Semmers  Vortrag ist  hingegen nur ein Manuskript überliefen.
       Meistens eröffnete  er den  Abend mit  der freundlichen, mitunter
       auch etwas  mürrisch, beinahe sarkastisch vorgetragenen Aufforde-
       rung, man  solle sich  vorstellen, im Bundestag zu Bonn werde vor
       Beginn einer wichtigen Plenarsitzung eine Musikgruppe mit Sängern
       vorgelassen; die  trügen zusammen  ein Lied vor, in welchem wich-
       tige Forderungen der Bürger formuliert seien; danach erst beginne
       die Debatte  der Volksvertreter.  - So  sei es  in Paris  in  der
       Nationalversammlung des  öfteren geschehen, und als Danton damals
       den Antrag  gestellt habe,  dergleichen zu  unterbinden, denn die
       Sprache der  Vernunft sei  die Prosa,  habe  er  sich  von  einem
       anderen   Deputierten    verweisen   lassen   müssen,   daß   die
       republikanischen Gesänge im Gegenteil höchst wünschenswert seien,
       weil sie vermöchten, die Herzen der Bürger zu elektrisieren. -
       
       Dieter Süverkrüp, Februar 1988
       
       Alsdann hielt Semmer sich ungefähr an folgende Notizen:
       
       Die Geschichte  bewegt sich  in Sprüngen und Schüben, langsam wie
       ein Gebirge. Die Fassade scheint stabil; aber unter dem Putz meh-
       ren sich die Risse. Plötzlich kommt eine Erschütterung, und alles
       kracht auseinander.  Man muß  auf die Risse achten, das sind: die
       Widersprüche in  der Gesellschaft.  "So wie  es  ist,  bleibt  es
       nicht, und  das Sichere  ist nicht sicher". Aber man muß auch Be-
       scheid wissen für den Erdstoß. Man muß wissen, was die Risse sind
       und bedeuten. Darum soll man sich an die kämpfenden Vorfahren er-
       innern, die auf uns hofften.
       Wir wollen  hier Lieder  aus der  großen Französischen Revolution
       von 1789  bis 1795 hören *) und wir wollen dabei versuchen, etwas
       von den  inneren, den sozialen Kämpfen zu erzählen, die in dieser
       Revolution gekämpft  wurden. Warum  ist das auch für uns interes-
       sant? -  Das scheint  mir interessant, weil dieses umwälzende Er-
       eignis der  eigentliche Beginn der Neuzeit ist, weil hier zum er-
       stenmal die  Kämpfe gefochten wurden, die zur allgemeinen Gleich-
       heit, Freiheit  und Brüderlichkeit  der ganzen  Menschheit führen
       sollten, in denen wir selbst noch stehen und die noch immer nicht
       zu Ende  gekämpft sind.  Man soll sich nicht zur Ruhe setzen, so-
       lange nicht  alles erreicht ist, man soll, um nach vorn zu gehen,
       sich in  der Geschichte  orientieren und der kämpfenden Vorfahren
       gedenken.
       Sie alle  wissen, daß am 14. Juli 1789 das Volk von Paris die Ba-
       stille stürmte,  die alte  Zwingburg der Könige am östlichen Ende
       der rue  St. Antoine. Aber was wissen Sie sonst von der Französi-
       schen Revolution?
       Kennen Sie zum Beispiel die erste Hymne der Nation von 1790?
       Sie heißt  Ça ira.  "Ah! ça ira!" sangen die Arbeiter im Juni und
       Juli 1790  - "Ah! das geht ran!" Sie bereiteten auf dem Marsfeld,
       wo heute  der Eiffelturm  steht, den Jahrestag des Bastillesturms
       vor,  das  Fest  der  Föderation.  Die  bewaffneten  Bürgerwehren
       Frankreichs feierten  ihre Verbrüderung.  Die Stadtverwaltung von
       Paris saß  voller Aristokraten,  sie sabotierte  die  notwendigen
       Erdarbeiten. Die Vorstädte griffen zu: Mit Musik und Fahnen zogen
       sie aus  und planierten  das Marsfeld. Ein Schlager der Gartenlo-
       kale wurde  zur ersten Nationalhymne der erwachenden Nation: "Ah!
       das geht ran. Die Aristokraten an die Laterne!" Das ist ganz ein-
       fach: Die  Laternen sind  eben eingeführt,  und dahin gehören die
       Gegner.
       
       Es geht ran! **)
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       Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Die Aristokraten an die Laterne;
       Ah, das geht ran, das geht ran,
       das geht ran, Die Aristokraten, hängt sie dran!
       Und wenn sie alle hängen, marsch,
       Haut man ihn'n die Schippe vorn Arsch.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran ...
       
                                    *
       
       Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Trotz Aristokraten und trotz diesem Regen;
       Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Werden wir auch naß, lange hält's nicht an.
       
                                    *
       
       Das rinnt nur so, rinnt nur so, rinnt nur so
       In den Hals, komm ich vom Marsfeld;
       Das rinnt nur so, rinnt nur so,
       rinnt nur so, Ich bin naß bis auf die Haut - und froh.
       
                                    *
       
       Was macht's, naß zu sein, wenn ihr wißt,
       Daß das für die Freiheit ist?
       Mag es regnen Hellebarden,
       Mag ich naß sein bis zum letzten Faden,
       Noch viel lauter schrie ich, ho:
       Das rinnt nur so, rinnt nur so, rinnt nur so,
       Ich bin naß bis auf die Haut - und froh.
       
       Eine offizielle  und gemäßigte  Fassung wurde  vom  Straßensänger
       Ladre hergestellt,  im Auftrag  des Ersten  Helden der Revolution
       Lafayette, der das Wort Ca ira! von Benjamin Franklin im amerika-
       nischen Unabhängigkeitskrieg  gehört haben wollte. In dieser Fas-
       sung war das Lied jahrelang Nationalhymne.
       
       Es geht ran! Spruch des Volkes
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       Gesungen beim Bundesfest der Nation am 14. Juli 1790
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Singt das Volk an diesem Tag immer wieder;
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Trotz der Meuterer geht es voran.
       
       Unsere Feinde sind verwirrt allda,
       Und wir wollen singen Halleluja.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Boileau ließ sich einst übern Priester aus,
       Wie die Propheten sah er dies voraus.
       Singt man meine kleinen Lieder,
       Sagt man mit Vergnügen dann:
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Trotz der Meuterer geht es voran.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Nach den Grundsätzen der Evangelien,
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       So fängt's der Gesetzgeber jetzt an:
       
       Den, der sich erhebt, stellt man hintan,
       Den, der sich erniedrigt, führt man hinan.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       
       Der wahre Katechismus leit uns an,
       Der böse Fanatismus hat vertan,
       Wie Gesetze uns befehligen,
       Strengt sich jeder Franzose an.
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       So fängt's der Gesetzgeber jetzt an.
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Peter und Margot singen um die Wette:
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Tanzen wir, die gute Zeit fangt an.
       Das Franzosenvolk war einst  a  q u i a;
       Der Aristokrat sagt:  m e a  c u l p a.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Der Klerus trauert, daß er soviel hat;
       Mit Recht nimmt's die Nation an seiner Statt;
       Durch den klugen La Fayette
       Wird der Aufruhr abgetan.
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Tanzen wir, die gute Zeit fängt an.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Mit den Leuchten der Versammlung allmächtig;
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Das Volk bleibt in Waffen, rührt es nur nicht an;
       
       Rechtes und Falsches wird man scheiden da;
       Der Bürger steht zur guten Sache ja.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Wenn der Aristokrat Einwände macht,
       Der gute Bürger ins Gesicht ihm lacht,
       Ohne Seelenpein zwieträchtig,
       Er ist stärker und bleibt dran.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Das Volk bleibt in Waffen, rührt es nur nicht an.
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       Groß und klein sind wie vom Soldatenstamme;
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Keiner wird im Kriege zum Verräter dann;
       Der Franzos geht mutig drauf und dran;
       Und krumme Sachen spricht er offen an.
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
       La Fayette sagt: Komme, wer mag,
       Der Patriot erwidert Schlag um Schlag.
       
       Ohne Furcht vor Feuer und Flamme,
       Der Franzose immer gewann!
       
       Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
       Keiner wird im Kriege zum Verräter dann.
       
       Die revolutionären  Veränderungen seit  dem Mai  1789 räumten  in
       kurzer Zeit  mit dem Ancien Regime auf. Es wurden die Binnenzölle
       abgeschafft, der Ämterkauf, das korrupte Gerichtswesen beseitigt,
       die Privilegien  von Adel  und Klerus aufgehoben, gleiche Münzen,
       Maße und  Gewichte geschaffen  - und  zwar durch die Nationalver-
       sammlung, die  sich im Juni 1789 konstituiert hatte, konstituiert
       gegen den  Willen von  Klerus und  Adel und  König. Sie hatte dem
       Land 1791 eine Verfassung gegeben.
       Das alles  mißfiel natürlich den alten Monarchien des Kontinents.
       Die Lage  war gespannt.  Am 20. April 1792 erklärte die Regierung
       der Girondisten Österreich und Preußen den Krieg.
       Der  Offizier   Rouget  de   l'Isle  schrieb  in  Straßburg  sein
       "Kriegslied für die Rheinarmee".
       
       Die Marseillaise
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       Voran, Kinder des Vaterlandes!
       Der Tag des Ruhms kam nun herbei!
       Gegen uns ist blutig erstanden
       Die Fahne der Tyrannei.
       Hört ihr da draußen in den Landen
       Die wüsten Soldaten schrein?
       Sie kommen bis in unsre Reihn,
       Machen Weib und Kind uns zuschanden!
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       Was will diese Horde von Sklaven,
       Verrätern, von Fürsten verschworn?
       Wer soll diese Ketten denn haben,
       Wem sind diese Eisen erkorn?
       Franzosen, euch! Ah! welche Schande!
       Der Ausbruch, den das euch erregt!
       Dir seid es, für die man erwägt
       Die Rückkehr in alte Sklavenbande!
       
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       
       Wie! diese fremden Legionäre,
       Sie wären Herr in unserm Haus!
       Wie denn! diese Söldnerheere
       Schlügen unsere Krieger hinaus!
       O Gott! ... von kettenschweren Händen
       Käm unsere Stirn unters Joch!
       Und niedrige Despoten noch
       Würden unser Schicksal vollenden!
       
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       
       Zittert, Tyrannen und Treulose,
       Jeder Partei verlorner Sohn,
       Zittert! ... eure mördrischen Pläne
       Nehmen endlich dahin ihren Lohn.
       Wir sind Soldaten, euch zu schlagen:
       Wenn einer der jungen Helden fällt,
       Die Erde bringt sie neu zur Welt,
       Bereit, gegen euch sich zu schlagen!
       
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       
       Franzosen, seid großmütige Krieger,
       So gebt und nehmt hin euren Streich;
       Schont die traurigen Unterlieger,
       Kämpfend ungern nur gegen euch.
       Nicht den Despo den blutig-heißen,
       Die Komplizen nicht von Bouillé,
       All die Tiger, die ohne Weh
       Ihrer Mutter die Brust zerreißen!
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       
       O fromme Lieb zum Vaterlande,
       Oh, führe unsern Rächerarm!
       Freiheit lieb, mit deinem Beistande
       Hilf deiner Verteidiger Schwarm.
       Zu unsern Fahnen möge gehen
       Der Sieg, an dein männlich Aufgebot;
       Damit deine Feinde vor dem Tod
       Deinen Triumph, unsren Ruhm noch sehen!
       
       Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
       Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
       
       Im Juli 1792 kommt dieses Lied mit Marseiller föderierten Truppen
       in das  brodelnde Paris  und heißt seitdem "la Marseillaise". Der
       König spricht sein Veto gegen die zwanzigtausend Truppen, die Pa-
       ris verteidigen sollen, und entläßt die Minister der Gironde. Das
       Volk nennt ihn Monsieur Veto und setzt ihm die rote Mütze auf. In
       dieser Situation  wird das  Manifest des Herzogs von Braunschweig
       bekannt, das  der Stadt  "eine auf ewige Zeiten unvergeßliche Ra-
       che" androht. Sturmglocken: "Das Vaterland ist in Gefahr".
       Am 10.  August 1792  stürmen die  Pikenmänner von  Marseille  und
       Brest mit den Sansculotten von Paris das Tuilerien-Schloß, werfen
       die Schweizer  Garden, nehmen  den König und seine Familie gefan-
       gen. Der  Weg ist  frei für  die Republik. Von diesen Ereignissen
       erzählt eine berühmte Ballade, die Carmagnole.
       
       Die Carmagnole der Royalisten
       -----------------------------
       
       Madam Veto versprach uns dies,
       Schlachten zu lassen ganz Paris.
       Doch der Schlag ging vorbei
       Dank unsrer Schießerei!
       
       Tanzt nun die Carmagnole,
       Feiert den Ton,
       Tanzt nun die Carmagnole,
       Feiert den Ton der Kanon!
       
       Monsieur Veto gab uns bekannt,
       Er wollte treu sein seinem Land.
       Doch das ging nebenher,
       Jetzt keine Gnade mehr.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       Die Antoinette wollte forsch
       Uns fallen lassen auf den Orsch.
       Doch der Schlag ging vorbei,
       Sie hat die Nas entzwei.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       Ihr Mann, als Sieger schon verklärt,
       Er kannte wenig unsern Wert.
       Geh, Ludwig, grober Wurm,
       Vom Tempel in den Turm.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       Die Schweizer gaben alle an,
       Sie würden auf uns feuern dann.
       Doch wie sie sprangen da,
       Wie man sie tanzen sah.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       
       Als Antoinette den Turm gesehn,
       Da wollte sie sofort umdrehn.
       Dir wurde schlecht so sehr,
       Sie sah sich ohne Ehr.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       Als Ludwig draußen graben sah,
       Zu jenen Gräbern sprach er da,
       Über ein kleines fort
       Sei er an jenem Ort.
       
       Tanzt nun die Carmagnole...
       
       (gekürzt)
       
       In diesen drei Liedern haben wir die ersten Etappen der Französi-
       schen Revolution: Bastillesturm und Föderation - Beginn der nicht
       mehr endenden Koalitionskriege - und Abschaffung der Monarchie.
       Diese Lieder  kennt man auch in Deutschland, wenigstens dem Namen
       nach. Man kennt sie als die "Haßgesänge" der Revolution.
       Und jetzt  wollen wir  noch einmal  von vorn anfangen, wollen aus
       jedem dieser  entscheidenden Jahre  vom Beginn  des gegenwärtigen
       Zeitalters einige  Lieder hören, um vielleicht am Ende zu wissen,
       was das  ist, Enthusiasmus,  was es  heißt, bewußt für Freiheit -
       Gleichheit - Brüderlichkeit zu kämpfen.
       Im Jahre  1789 war der König völlig bankrott. Er berief die Gene-
       ralstände nach  Versailles, um  neue Steuern auszuschreiben. Sein
       Finanzminister Necker  erwartete wenig  von Adel und Klerus, viel
       vom dritten  Stand. Feierlich zogen die drei Stände in die Kirche
       und machten sich am 5. Mai an die Rettung des Königreichs. Am 17.
       Juni bereits  erklärten sich  die Bürgervertreter  gegen Adel und
       hohen Klerus  zur Nationalversammlung  und  schwuren,  Frankreich
       eine Verfassung  zu geben.  Auf einen  Choral von 1642 sangen die
       Leute dieses Lied:
       
       Lied von 1789
       -------------
       
       Der Heilige Vater ist ein Kapaun,
       Dem Pfaff, dem Schurken, ist nicht zu traun,
       Der Erzbischof Halunke, ja,
       Alleluia.
       
       Die Bande jetzt im Wege steht
       Dem Wohltun Seiner Majestät;
       Er geht daran zugrunde, ja.
       Alleluia.
       
       Was nützet uns die Beichte schon
       Sowie die Absolution?
       Der Herr wird sie uns geben ja.
       Alleluia.
       
       Der Klerus hält sich steif und stur.
       Das Brot wird immer teurer nur.
       Doch Necker macht es billig ja.
       Alleluia.
       
       All ihre Schätze sind versteckt
       In Eisenschränken eingeweckt.
       Wir werden sie bald finden, ja.
       Alleluia.
       
       Herr Gott! ein End mach unsrer Not,
       Befrei uns von der Rabenbrut.
       Wir wollen singen Libera.
       Alleluia.
       
       Dieses Lied  richtet sich  nicht gegen  die Religion, nicht gegen
       den König. Den Atheismus der Aufklärung gab es nicht im Volke. Es
       richtet sich gegen Adel und Klerus als Klassen, oder, wie man da-
       mals sagte, Stände.
       Auf der anderen Seite war man durchaus tolerant, wie das folgende
       Lied von  den Patriotischen  Mönchen zeigt. Im Mai 1790 waren be-
       reits die Kirchengüter eingezogen, um die Staatsschuld zu decken,
       und es  wurde Papiergeld  darauf ausgestellt,  die Assignaten. Im
       Mai stellte  jemand in  der Nationalversammlung  den Antrag,  die
       Glocken des  Königreichs einzuschmelzen. Hören Sie, wie ein Prior
       darauf eingeht.  Die Weise ist ein altes klerikales Spottlied von
       1659: Eh bon, bon, bon, que le vin est bon.
       
       Die patriotischen Mönche
       ------------------------
       
       In der Umgebung von Paris
       Von grauen Mönchen ein Kloster ist,
       Die sinnen nur aufs Trinken;
       Wenn man mit einem sprechen will,
       Muß man nicht suchen, er wird still
       Im Refektorium winken,
       Gehn sie einmal zum Chorgestühl,
       So singen sie mit viel Gefühl:
       He! gut, gut, gut,
       Ist der Wein nicht gut,
       Auf meinen Durst will ich trinken.
       
       Neulich rief Dominus Brummbär,
       Des frommen Hauses Oberer,
       Zusammen seine Väter.
       Ich glaube, sprach er, daß es frommt,
       Wenn etwas Stärkung zu uns kommt
       Und das Geschäft dann später,
       Leert dieses üppige Flakon
       Und singet all im Faux-Bourdon:
       He! gut, gut, gut,
       Ist der Wein nicht gut,
       Auf meinen Durst will ich trinken.
       
       Dem Antrag applaudierte man,
       Eröffnete die Sitzung dann
       Mit einem dicken Schinken;
       Ein jeder Graurock ließ vom Fleck
       Eine dreifache Scheibe Speck
       Ballast in den Bauch sinken,
       Dann hob die Stimme der Prior,
       Doch sang er zweimal noch zuvor:
       He! gut, gut, gut,
       Ist der Wein nicht gut,
       Auf meinen Durst will ich trinken.
       
       Wir haben, so mein Kopf es tut,
       Drei Glocken, die zu gar nichts gut
       Und Dienst nicht mehr verrichten,
       Dommus Brummbär hält davon,
       Man soll zum Opfer der Nation
       Pompös darauf verzichten;
       Ein jeder lobet den Prior
       Und wiederholt im Ehrenchor:
       He! gut, gut, gut,
       Ist der Wein nicht gut,
       Auf meinen Durst will ich trinken.
       
       Am 6.  Oktober 1789  hatten die  hungernden Fischweiber den König
       aus Versailles  nach Paris  geholt und  damit der Revolution eine
       entscheidende Wendung  gegeben. Nach  diesem Oktober gingen viele
       Royalisten und  aristokratische Konstitutionelle  bereits in  die
       Emigration. Am  11. Juli  1790 sang  ihnen der  beliebte  Stücke-
       schreiber Beffroi  de Reigny, genannt le cousin Jacques, der Vet-
       ter Jakob,  von der Bühne des Beaujolais-Theaters in seinem Stück
       "Die Vereinigung auf dem Parnaß" ein Spottlied nach. (Weise 1714)
       
       Patriotisches Bild
       ------------------
       
       CLIO
       Man sagt, daß in kurzer Zeit
       Die Aristokraten
       Wiederkommen weit und breit
       zu ihren Penaten.
       Schau mal, ob sie kommen, Jean,
       Schau mal, ob sie kommen.
       
       THALIA
       Sie erwarten, ohne Spaß,
       Ein Heer Engelknaben,
       Das im Handstreich gutmacht, was
       Sie verloren haben.
       Schau mal, ob sie kommen, Jean,
       Schau mal, ob sie kommen.
       
       Wir haben  jetzt eine  gute Zahl Lieder gehört. Vielleicht lassen
       sich einige  allgemeine Hinweise  hier einflechten. Wie kam es zu
       dieser Sammlung, und was kam heraus dabei?
       Die Idee, den Anstoß zu dieser Sammlung verdanke ich Erwin Pisca-
       tor. Er  lud mich ein, 1952 in Marburg und 1956 in Berlin an sei-
       nen Inszenierungen  des "Danton" von Georg Büchner mitzuarbeiten.
       Wir versuchten  dem Zuschauer,  der von der Französischen Revolu-
       tion nicht mehr viel weiß, etwas davon im Theater zu erzählen. In
       Marburg projizierten wir Kommentare, in Berlin war das nicht mög-
       lich. Also  suchten wir Lieder jener Zeit, um sie dem Straßensän-
       ger Büchners  zu übergeben.  Wir fanden die Hinweise auf außeror-
       dentliche Quellen. Französische Forscher haben Ende des 19. Jahr-
       hunderts den  Bestand aufgenommen. Damade gab eine "Gesungene Ge-
       schichte der  ersten Republik", Tiersot schilderte "Die Feste und
       Gesänge der  Französischen Revolution",  und Pierre schuf den na-
       hezu vollständigen  Katalog der  "Hymnen und Chansons der Revolu-
       tion" mit über 2250 Titeln, mit Quellen und Studien. Der Reichtum
       ist enorm.
       Man könnte  eine Sittengeschichte der Zeit oder das Pariser Leben
       aus Liedern  zusammenstellen; könnte  die Sorgen  um  Preise  und
       Löhne, die  Assignaten, die Wucherer und Schieber, die Neureichen
       und Ehemaligen  schildern, den  Zivilstand der Priester, das Brü-
       dermahl, das  Du, das  Kochgeschirr, den Freiheitsbaum, die Adop-
       tion, die Befreiung der Neger, den republikanischen Kalender, die
       vielen neuen  Feste einer  neuen Zeit. Ebenso ließe sich eine Ge-
       schichte der  Revolutionskriege und  der Armee,  eine Galerie der
       berühmten Männer  und Frauen,  oder das Leben der politischen In-
       stitutionen, der  Volksgesellschaften und  Klubs in  Liedern dar-
       stellen. Denn überall wurde gesungen, sogar vor den Schranken des
       Konvents. Danton,  der am  15. Februar  1794 dagegen auftrat, daß
       ein Lied  im amtlichen  Bulletin der  Regierung abgedruckt wurde,
       mußte sich von einem Deputierten verweisen lassen auf den "Nutzen
       der patriotischen  Gesänge, um  die Herzen  der  Republikaner  zu
       elektrisieren". Und  der Konvent und das Comité d'instruction pu-
       blique riefen  die Dichter und Musiker auf und halfen ihnen, Lie-
       der zu  veröffentlichen und zu vertreiben. Sänger und Musiker der
       Nationalgarde, mit  denen so  berühmte Leute  wie Gossec und M.J.
       Chénier arbeiteten, und die 1793 zum "Nationalinstitut für Musik"
       ernannt wurden,  gingen in  die Sektionen  und zu den Truppen, um
       die neuen Lieder und Hymnen einzuüben, um zu begeistern.
       Die meisten  dieser Lieder  sind echte Volkslieder, wobei man al-
       lerdings sehen  muß, daß  das französische  Volkslied immer schon
       bewußter und politischer war als das deutsche; es träumt weniger,
       es hat  mehr Pfeffer  drin. Die  nächsten vier  Lieder zeigen das
       sehr deutlich.
       Im Juli  1790 sangen  z.B. die Arbeiter auf dem Marsfeld nach dem
       alten Königslied "Vive Henri quatre" (von ca. 1600) ein Kampflied
       gegen die Aristokraten.
       
       Strophen
       --------
       
       Aristokraten, ihr seid verwirrt und harsch,
       Das Marsfeld haut euch die Schippe vor den Arsch;
       Aristokraten, ihr seid verwirrt und harsch.
       
       Eure Bastille, die euch so teuer war,
       Wurde ein Krümel, zunichte ganz und gar,
       Eure Bastille, die euch so teuer war.
       
       König und Vater, Dir seid dem Bürger hold,
       Dir seid ihm gnädig, weil Dir sein Bestes wollt,
       König und Vater, Dir seid dem Bürger hold.
       
       Oh! Fürst leutselig, unserer Liebe wert,
       Dein Reich holdselig uns gute Zeit beschert,
       Oh! Fürst leutselig, unserer Liebe wert.
       
       Oder hören  Sie das  "Neue Lied"  - Die "Freude des Père Duchesne
       über die  Abschaffung der  Zollschranken von Paris, die Aufhebung
       der Eingangszölle  und die Verabschiedung der Zollbeamten für den
       Monat Mai 1791". Nach der Melodie "Schönes Abenteuer".
       
       Neues Lied
       ----------
       
       Ihr Franzosen, freuet euch,
       Die Versammlung mächtig
       Erließ ein Dekret für euch,
       Tat ihr Werk gar prächtig;
       Alle Zöllner sind am End,
       Filzen nichts mehr durch behend:
       Die Versammlung hoch, juchhe,
       Juchhe, die Versammlung!
       
       Barnave und auch Mirabeau,
       Das sind Väter weise;
       Wie macht dieser Tag uns froh
       Hier im Erdenkreise!
       Sind zufrieden, wie es steht,
       Keiner fischt mehr im Paket.
       Ade, Barrier'n, juchhe,
       Ade, Barrieren.
       
       Trinken wir uns voll und toll
       Am Wein und am Biere,
       Feuerwasser, Pötte voll,
       
       Alles nach Pläsiere;
       Ochsen, Kühe, Kälber frei,
       Butter und Gackei, ei, ei,
       Ade, Barrier'n, juchhe,
       Ade, Barrieren.
       
       Können über die Grenze hin
       Und uns holen gehen,
       Was für Nutzen und Gewinn
       Dringend vorgesehen,
       
       Ohne daß uns wehe tut
       Zöllnerhohn und Übermut.
       Ade, Barrier'n, juchhe,
       Ade, Barrieren.
       
       Unsere Vertreter hoch!
       Denkt an das Gelingen,
       Unsre Kinder sollen noch
       Ihren Ruhm besingen,
       Preisen ihre Werke so;
       Aus wird sein das Zollbüro.
       Gut ist die Geschieht, juchhe,
       Gut ist die Geschichte!
       
       Wer hat  diese Lieder gemacht? - Jedermann. Die Gelegenheitsdich-
       ter, Amateure,  Publizisten, Librettisten kamen aus allen Berufen
       und Klassen. Es waren Richter, Advokaten, Ärzte, Professoren, Ex-
       Adlige; viele  gingen aus  dem Lehrer-  und aus dem Schauspieler-
       stand hervor, wurden Beamte und kehrten nach dem Ende der revolu-
       tionären Ereignisse (besonders um 1800) wieder in den alten Beruf
       zurück.
       An die Stelle des Namens setzen sie oft: Buchhalter, Limonadever-
       käufer, Bauer,  Maler, Druckergeselle, Apothekergehilfe. Oder fü-
       gen hinzu:  Patriot fürs  Leben, Freier Republikaner, Sansculotte
       auf Leben  und Tod.  Oder es  wird der Stadtteil, die Sektion ge-
       nannt: Bürger  vom Arsenal,  von der  Bibliothek, vom Contrat So-
       cial.
       Von einem  Apothekergehilfen -  und sie  verstehen gleich die An-
       spielung -  stammt das  Lied "Vom  großen vereinigten  Schiß  der
       Preußen und Oesterreicher". Es bezieht sich auf den 21. September
       1792, als  die deutschen Truppen bei Valmy geschlagen wurden, und
       wegen Regen  und schlechter  Verpflegung einen furchtbaren Durch-
       fall hatten  - der  Augenzeuge Goethe  spricht  dezent  von  "der
       Krankheit". Sie  kennen Goethes  Trostspruch aus seiner "Campagne
       in Frankreich":  "Von hier  und heute  geht eine  neue Epoche der
       Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."
       - Trost bei Goethe.
       
       Der große vereinigte Schiß der Preußen und der Österreicher
       -----------------------------------------------------------
       
       (Weise von den Erdbeeren)
       
       Ah! das Elend, das da liegt!
       Wer weiß, was soll das heißen;
       Diese Preußen unbesiegt
       Samt den Austros hab'n gekriegt
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Spricht Braunschweig: Soldaten raus,
       Zum Sieg laßt euch mitreißen!
       Kommt die Antwort, Hose aus:
       Großer Herr, wir hab'n, o Graus,
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Unserm Land, wo Freiheit schafft,
       Wollt ihr den Ruhm entreißen;
       Doch mit eurer Fassungskraft
       Habt ihr alle aufgerafft
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Euer Manifest kommt dann
       Weiter, als ihm verheißen;
       Hier bedient sich jedermann
       Seiner, fingt mal bei ihm an
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Deine Schlachten, Alter Fritz,
       Noch immer bei uns gleißen:
       Saubre Wäsche - so ein Witz!
       Sag, wie du kurierst, potz Blitz,
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen?
       
       Dein armseliger Soldat,
       Knecht deines Ruhms geheißen,
       Grüne Trauben früh und spat
       Futtert er, bis daß er hat
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Dir Tyrannen, es ist klar,
       Nichts mehr von Zauberkreisen;
       Die Hofleute zahlen bar,
       Sind bei uns nicht quitt, fürwahr,
       Mit Scheißen, mit Scheißen, mit Scheißen.
       
       Dumouriez wird Sieg und Schwert
       In der Geschichte heißen;
       Bei dem Namen hochverehrt
       Kriegen die Despoten wert
       Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
       
       Einen echten  Volkston hat  auch das Lied von der sanften Guillo-
       tine, das  bei einem Brüdermahl im Jahre 1793 gesungen wurde. Ge-
       sungen hat es der Bürger X, ein Sansculotte, ein Mann des kleinen
       Volkes der  Vorstädte, das  keine Kniehosen,  culotten der  Ober-
       klasse trug,  sondern pantalons,  wie wir  heute. Das  Brüdermahl
       wurde auf  der Straße  gefeiert, die  Leute holten Tische heraus,
       legten zusammen, aßen, tranken und sangen.
       Die Lieder  haben besondere  Bedeutung  als  Selbstzeugnisse  des
       kleinen Volkes,  der Sansculotten.  Von den Sansculotten, die das
       Jahr 1793  beherrschten, kamen  sonst nicht  viele Dokumente  auf
       uns. Sie  selbst schrieben  nicht viel,  und die Konterrevolution
       und Restauration  bewahrten keine  auf -  höchstens für Prozesse.
       Ein Teil wurde 1871 beim Brand des Hotel de Ville vernichtet. Die
       Sansculotten waren kleine Händler, Handwerksmeister und Gesellen,
       Arbeiter, Überreste der Zunftbürger des Mittelalters, drängen auf
       die Verwirklichung  des "gerechten Staates": auf das Maximum fürs
       Kapital und die Preise, auf hohe Steuern für die großen Vermögen,
       auf Steuererleichterung für sich selber. Sie sind die Massen, die
       die Revolution  gemacht haben, aber nicht die Klasse, der sie zu-
       gute käme.  Sie verbünden  sich mit  Robespierre, solange  er den
       "gerechten Staat"  zu verwirklichen  scheint. Aber  sie verlassen
       ihn, als er sie in der Lohnfrage verläßt.
       Ihre Lieder  zeigen mit  ihren Ideen  ihre Illusionen.  Politisch
       sind sie  vage, halten sich im Schlepp der Bourgeoisie an die of-
       fiziellen Formeln,  wenn auch  schärfer und  härter.  Sozial  und
       wirtschaftlich sind  sie sehr  deutlich. Ihre  Not trieb  sie zur
       Tat, der  furchtbare Kampf  ums tägliche  Brot machte  sie reali-
       stisch.
       Hören Sie  die "Sanfte Guillotine", die auf die harten Kämpfe des
       Jahres 1793 gesungen wurde, als von 80 Departements nur noch etwa
       30 zur  Republik standen, als die Konterrevolution der Royalisten
       und Girondisten im Lande tobte. (Weise 1762)
       
       Strophen
       --------
       
       Die sanfte Guillotine
       Mit zauberhaftem Schein
       Zieht an mit süßer Miene
       Die Leute groß und klein.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Die Herren und die Prinzgen,
       Sie schneiden ihr die Cour,
       Die Bürger, selbst die winzgen,
       Versuchen eine Tour.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Die Häupter mit den Kronen,
       Mit Mitra und Krummstab,
       Die Puppen, die beiwohnen,
       Erbitten milde Gab.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Paar Delegierte, Biester,
       Warben um ihre Gunst,
       Und auch selbst einige Priester
       In ihrer heiligen Brunst.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Die Wucherer, die reichen,
       Ließen die Läden stehn,
       Um mit Gesichtern bleichen
       Auf ihren Schoß zu gehn.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Und manche Galgenvögel
       Sind auch ihre Galan'
       Und bieten in Gehröcken
       Dir heiße Schwüre an.
       Na, aber ja,
       Wie kann man etwas Böses finden da.
       
       Aus der  gleichen Situation ist der folgende "Rundgesang der Bür-
       ger" zu  verstehen, der am 9. Oktober 1793 im Nationaltheater der
       Komischen Oper  gesungen wurde,  und zwar  in dem  Divertissement
       "Das Bürgerfest"; der Autor ist unbekannt, die Melodie ein Volks-
       lied: "Colinette  ging zum  Holz hin".  Das Lied bezieht sich auf
       das Gesetz gegen die Verdächtigen vom September 1793, das der Be-
       völkerung höchste  Wachsamkeit empfahl.  Es ist die Hauptzeit der
       sogenannten Terreur,  die  mit  der  Gründung  des  "Revolutions-
       tribunals" im  März begann,  durch den  Sturz der  Girondisten im
       Mai/Juni und  die Ermordung Marals am 13. Juli wirksam wurde. Das
       Revolutionstribunal erkannte nur auf Freispruch oder Tod.
       
       Rundgesang der Bürger
       ---------------------
       
       In Frankreich gab es früher mal
       Die Großen hier, die Großen da.
       Trala deridera:
       Man war von ihrer Minderzahl
       Gepeinigt hier, geplündert da.
       Trala deridera:
       Der Emigrant glaubt ganz fatal,
       Er kommt bald wieder trimphal.
       Doch Achtung auf den Schädel!
       Traderidera, la la la la la la la la.
       Trala deridera.
       
       GILLES
       
       Und kommt der Emigrant, er wird erkannt,
       wir machen dicht, er wird gericht', und jeder
       spricht:
       Ja was is'n dabei, Colinette,
       Ja was is'n dabei.
       
       DIE BÄUERIN
       
       In Frankreich viel geschehen mag
       Verräterei bald hier, bald da.
       Trala deridera:
       Und da ist jeder von uns wach:
       So mancher Mann steht in Verdacht.
       Trala deridera:
       Der Schlaue wird so bald nicht schwach,
       Nimmt, was er weiß, noch mehr in acht.
       Doch Achtung auf den Schädel!
       Traderidera, la la la la la la la la.
       Trala deridera.
       
       GILLES
       
       Ein jedermann, der in Verdacht, wird schon ausgemacht,
       wir machen dicht, er wird gericht', und jeder spricht:
       Ja was is'n dabei, Colinette,
       Ja was is'n dabei.
       
       Das nächste Lied, auch auf die Sansculotten gesungen, kommt eben-
       falls vom  Theater. Das  Wort Sansculotte  - Ohnehosen gibt darin
       Anlaß zu  allerlei hübschen  doppelsinnigen Anspielungen, und man
       sieht hier, daß der große Begriff durchaus in menschlich-erreich-
       barer Nähe  bleiben kann, ohne von seiner Bedeutung zu verlieren.
       (Die glückliche  Dekade, Barre,  Leger, Boisieres, von den Schul-
       den, Champein 1787)
       
       Die Sansculotten
       ----------------
       
       Um zu zermalmen unsern Feind,
       Sind die Franzosen, alter Freund,
       Glühende Patrioten;
       Doch für Erfolge, Sieg um Sieg,
       Sei's in der Liebe, sei's im Krieg,
       Ein Hoch den Sansculotten.
       
       Die Preußen, sagt man ganz verquer,
       Die Engländer und Österreicher
       Sind keine Patrioten;
       Ich schwör euch hier, daß wir martial
       Sie änderten mehr als einmal
       Zu echten Sansculotten.
       Wenn ich mal liebe, sagt Manon,
       So will ich einen muntren Sohn
       Und guten Patrioten.
       
       Mit Kleid und Haar nehm ich vorlieb,
       Doch ihm zulieb und mir zulieb
       Möcht ich ihn sansculotten.
       
       Ich liebte einmal Schön-Damis,
       Ein Hübscher, den man dennoch pries
       Als guten Patrioten;
       Doch wie nahm zu mein Liebesbrand,
       Als ich ihn "auf der Höhe" fand
       Und sah ihn sansculotten.
       
       Wir wollten hier in unserm Lied
       Darbieten etwas fürs Gemüt,
       Für gute Patrioten.
       Habt ihr gelacht mit frohem Mut,
       Beklatscht Autor und Sänger gut,
       Sie sind ganz Sansculotten.
       
       Straße und  Theater waren  die Umschlagplätze  dieser Lieder. Die
       Leute fühlten sich im Theater wie zu Hause, sie sangen mit, grif-
       fen ein,  warfen Zettel mit neuen Liedern auf die Bühne. Von 1750
       bis 1789  wurden aus  etwa 60  Singspielen über 100 Lieder Allge-
       meingut. Dazu  kam eine  Masse von Zeitstücken, die seit 1789 die
       Bühne bevölkerten;  der berühmteste Autor war der als "Vetter Ja-
       kob" bekannte  Beffroi de Reigny, dessen "Nikodemus im Monde oder
       die friedliche  Revolution" (1790) fast vierhundertmal aufgeführt
       wurde. Die übrigen Melodien waren aus zwei Jahrhunderten überlie-
       fert, Volkslieder,  Schäferlieder, Weihnachtslieder, Gassenhauer,
       Choräle, Liebeslieder,  Tänze. Im  ganzen wurden  etwa 270 Weisen
       ständig verwendet,  ein erstaunlicher Schatz. Höchstens 150 Chan-
       sons und  Hymnen wurden  neu komponiert. Ein Meisterwerk von Bef-
       froi de  Reigny ist  das folgende Lied im bäuerlichen Ton, das in
       einem großen  Bild die Revolution materiell und geistig als einen
       Kampf von  Klassen darstellt.  Ich finde,  dieses  Lied  aus  der
       volkstümlichen französischen  Theatertradition ist  so groß,  daß
       man auf den Gedanken kommen könnte, es sei bei Brecht abgeschrie-
       ben, oder  umgekehrt, Brecht  habe  es  gekannt,  als  er  seinen
       "Galilei" schrieb.  Es wurde aufgeführt am 28. Oktober in der Rue
       Feydeau, Worte und Weise von Beffroi de Reigny.
       
       Also, das geht
       --------------
       
       Schafften unterm König der Franzen
       Adel und Priester alles beiseit;
       Posten, Ehren, Recht und Finanzen
       Nahmen sie ohne Genierlichkeit;
       Gleichheit? um nicht davon zu reden;
       Freiheit! soviel wie in die Hand;
       
       Das martert jeden!
                         Wie es stand!...
       Der liebe Gott - man glaubt', daß er ruhte:
       (er spricht)
       Denn er  hatte sich schlafend gestellt, seht ihr? aber auf einmal
       macht er  die großen,  großen, großen  Augen auf,  genau so!  und
       wirft Blicke  der Barmherzigkeit auf diese arme Volk, ah! Deibel,
       sagt er,  hat er  gesagt, genau so, der liebe Gott! auf der einen
       Seite alles  und auf  der anderen  nichts? So  verteilt Harlekin,
       sagt er, genau so hat er gesagt; oh! das geht so nicht weiter...
       (Rezitativ)
       Meine Herren  der zwei Stände, ihr lebt nur vom Schweiß des drit-
       ten Stands
       und ihr bringt ihm nur Leid!
       Ich zeig euch, wie dem Volk ist zumute,
       Ihr seid nicht mehr lange zu zweit.
       Seht das  Volk im  Zorn sich  erheben, Seine  Rechte fordern  so-
       gleich; Und  es sagt,  im irdischen  Leben, Vorm  Gesetz sind wir
       alle gleich:  Leider find't  die Gleichheit  den Tadel Derer, die
       sich mehr dünken als wir, Klerus und Adel!
                      Achtung, ihr!...
       Ah! ah!
       Ihr wollt nicht, daß in der Politik...
       (er spricht)
       von allen  Kindern des gleichen Schöpfers eins soviel wie das an-
       dre ist...  Heda! von  wegen, denn das ist genau so, Potzmord: 's
       gibt nur noch eine Klasse von Bürgern...
       (Rezitativ)
       und die  Posten, die  Ehren, das  Wohl, das Übel, die Freude, das
       Leid,
       alles wird allgemein;
       Wir zeig'n euch, daß in der Republik
       Man fürs Gute eins nur muß sein.
       
       Die allgemeine  Kenntnis dieser  Weisen war das Feld, auf dem die
       Straßensänger ernteten. Die Zeitungen jener Jahre berichten immer
       wieder, wie sich Hunderte von Menschen auf bestimmten Straßen und
       Plätzen ansammelten,  um den von Gitarren, Geigen, Drehleiern be-
       gleiteten Sängern  zuzuhören, die ihre Strophen und Liederblätter
       anboten. Auch  die Polizei  wagte in all den Jahren nicht, sie zu
       verjagen, wenn  sie es nicht zu toll trieben, wie der junge Mann,
       der 1796  seinen König  wiederhaben wollte  und dafür  deportiert
       wurde.
       Im Juli  1793 fand  die Chronique  de Paris:  "Man braucht  schon
       einen Schatz  von Heiterkeit,  um in  dieser Zeit noch zu singen.
       Aber da  alle Welt  singt, ist es gut, miteinzustimmen." Was alle
       Welt sang,  das druckten  die Verleger. Eine gewisse Vollständig-
       keit erreichten  die Drucke  des Verlegers  Frere in  der Passage
       Saumon. Etwa  260 Stücke in mehreren Serien sind erschienen, wenn
       auch nicht  alle erhalten.  Mit schlechten Buchstaben, schlechter
       Farbe, schlechter  Orthographie, auf  schlechtem Papier gedruckt,
       sind diese  numerierten Fliegenden  Blätter von  Frère doch  eine
       herrliche Sache.  Ein großer  Teil der Sammlung ist hier gefunden
       worden.
       Aus dem  Theaterstück "Auf  der Rückkehr" kommt das nächste Lied.
       Die Bürger Radet und Desfontaines schildern darin den , patrioti-
       schen Pastor".  Die französischen  Priester entschieden sich 1789
       in ihrer Mehrheit für den Dritten Stand. Seit 1790 waren sie Bür-
       ger in  Zivil, im September 1791 schwuren sie den Bürgereid - und
       wurden dafür vom Papst exkommuniziert. Die Eidverweigernden dage-
       gen wurden expatriiert (ausgewiesen).
       
       Der patriotische Pastor
       -----------------------
       
       Patriot ist unser Paster,
       Er tut seine Bürgerpflicht,
       Ist Pastor und Sansculotte,
       Einen bessern gibt es nicht.
       Jedes Pfarrkind kann sich ihn
       Beispielhaft zu Rate ziehn.
       Unser Herz,
       Unser Herz,
       Unser Herz schlägt ganz für ihn,
       Schlägt ganz für ihn, schlägt ganz für ihn.
       
       Künftig in der Pfarrerstelle,
       Wo die Freiheit kehrte ein,
       Wird kein kalter Junggeselle
       Mehr allein Bewohner sein.
       Uns' Pastor im eignen Bau
       Nimmt den Zehnten nicht mehr, schau:
       Denn er hat,
       Denn er hat,
       Denn er hat 'ne eigne Frau,
       'ne eigne Frau, 'ne eigne Frau.
       
       Ohne Hilfe der Soutane,
       Angetan auf unsre Art,
       Bringt er die im Sündenbanne
       Wieder auf den Tugendpfad:
       Predigt anderen vom Kind,
       Nachts als guter Mann geschwind
       Macht er dann,
       Macht er dann,
       Kinder, die sein eigen sind,
       Sein eigen sind, sein eigen sind.
       
       Wenn in Rom der alte Bischof
       Etwa dumme Sprüche kürt
       Und den manngewordnen Priester
       In den Bann kanonisiert,
       Bleibt der Pfarrer gottlob kühn
       Und hört weiter gar nicht hin.
       Denn er hat,
       Denn er hat,
       Auch Kanonen - und für ihn,
       Und ganz für ihn, und ganz für ihn.
       
       Für die  reichen Kaufleute  und Börsenspekulanten,  die  sich  am
       ständig aufschlagenden Kornpreis bereicherten, war gute Zeit. Für
       sie waren  die Grenzen der Revolution längst erreicht. Die Bevöl-
       kerung hungerte.  Die Stadt  Paris tat etwas Versorgung mit Brot,
       Bau von  Hospitälern und Armenhäusern, Notstandsarbeiten, Versor-
       gung der Angehörigen von Soldaten. Dazu war Geld nötig, also wur-
       den 1793  die Steuern  der reichen Leute erhöht, wurden Zwangsan-
       leihen ausgeschrieben.
       Nach dem  alten Kehrreim  Biribi-Barbari entstand darauf ein sehr
       deutliches Lied.
       
       Die Zwangsanleihe 1793
       ----------------------
       
       Weise: La faridondäne
       
       Es gab so manchen weisen Plan
       Und Rat für die Moneten;
       Die Zwangsanleihe, lieber Mann,
       Allein wird Frankreich retten.
       Wer hat noch nicht, sagt das Chanson,
       La faridondäne, la faridondon;
       Singt alle den Refrain wie nie,
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       
       Lakai des Hofes, über Nacht
       Versehen mit Patenten,
       Mit Schachern monatlich er macht
       Sich hundert Mille Renten;
       Er dient nicht mehr auf dem Perron,
       La faridondäne, la faridondon;
       Er tanzt dort, Gottseidank, und wie!
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       
       Die Herren Spekulanten ziehn
       An jedem Tag zum Feste;
       Im Restaurant reichen sie hin
       Tausend Taler als Gäste.
       Sie singen all im gleichen Ton,
       La faridondäne, la faridondon.
       Bald wird man singen lassen sie,
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       
       Dir Herren, laßt die Arbeit ruhn,
       Zuviel Gewinn mag drücken;
       Was ihr im kleinen nähmet,
       nun Gebt's her in großen Stücken;
       Es lebe die Erfassung schon!
       La faridondäne, la faridondon.
       Zu fette Schweine schröpft man, wie...
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       
       Was sagt ihr zu dem Ackersmann
       Mit Land an tausend Morgen;
       Das schöne Schloß vom Edelmann
       Ist sein Besitz geworden;
       Bezahlte er eine Million,
       La faridondäne, la faridondon,
       So hätte er auch noch Profit,
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       Gute Franzosen, wollt ihr nicht
       Froh zum Notar hingehen;
       Ein Sohn hat doch gewiß die Pflicht,
       Der Mutter beizustehen?
       Wie wird es machen ein Kujon,
       La faridondäne, la faridondon,
       Er zieht ein Maul dabei und wie...
       Biribi,
       Auf die Manier von Barbari,
       Holali.
       
       (gekürzt)
       
       Ich sprach  schon von  den schweren  Kämpfen des  Jahres 1793. Im
       Frühjahr hatten  die deutschen Heere wieder angegriffen. Aber die
       größte Gefahr  waren die Aufstände im Lande selbst. Seit März und
       Mai fielen ab: Marseille, Tou-lon, Bordeaux, die Vendee, die Bre-
       tagne, die  Normandie. Lyon, die Stadt der reichen Seidenhändler,
       war schon im Mai royalistisch. Die Engländer hatten Toulon genom-
       men und  hofften auf Lyon. Die Stadt mußte genommen werden. Am 9.
       Oktober 1793  wurde sie  besiegt und  erfuhr ein ernstes Gericht:
       streng gegen  die Anstifter, nachsichtig gegen die kleinen Leute.
       Ende Dezember wurde auch Toulon genommen (mit Napoleon Bonaparte)
       und damit  trat die Wendung des Krieges ein. Nach der Melodie der
       Carmagnole wurden viele Lieder auf diese Ereignisse gesungen.
       Lyon ist  zum Teil  auf Flußinseln erbaut, das Lied spielt darauf
       an -  Marais =  Sumpf heißt in Paris die Wohngegend des damaligen
       Adels. Muscadin = Moschusstinker war der Spitzname für die reiche
       Jugend und für die Luxusmanufaktur. "Heiße Hand" ist im Argot die
       Guillotine, ebenso  "Fenêtre à  Capet" - Fenster des Louis Capet,
       hier "Ludwigs Eisenrock".
       
       Die Übergabe der Stadt Lyon
       ---------------------------
       
       Wir haben die Lyoner Stadt,
       Die Moschusbrüder liegen platt,
       Die Köten aus dem Sumpf
       Fingen wir mit Triumph.
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Die Moschusbrüder wollten sehn
       Den dicken Ludwig auferstehn;
       Man muß, um zu kuriern,
       Sie schon capetisiern.
       
       Und all die Tartuffes schön mitriert,
       Denen die Freunde emigriert,
       Gehen wie Sankt Denis
       Kopflos ins Paradies.
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Genauso wird es noch ergehn
       All den rebell'schen Männeken,
       Den Menschenfressern dann,
       Pfaff, König, Edelmann.
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Der blöde Georg in Toulon
       Serviert uns Platten seiner Fasson.
       Paß auf, du Sägebock,
       Kriegst Ludwigs Fensterstock!
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Spitzbube Coburg, Bruder Pitt,
       Die heiße Hand nehme euch mit.
       Dir Könige alter Zeit,
       Auch ihr verkürzet seid!
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Das ist der Sansculotten Lehr:
       Sie dulden keinen König mehr.
       Wir fliegen in die Schlacht,
       Weg mit der Niedertracht!
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Ein ganzes Volk, das aufrecht steht,
       Den Weg bald bis zum Ende geht;
       Das Wildbret mit der Krön
       Ißt es zum Frühstück schon.
       
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion,
       Die Republik soll leben
       Und die Lektion von Lyon.
       
       Zu keiner Epoche ist so viel gesungen worden wie über die Revolu-
       tion, sagt  der einzigartige  Kenner Pierre,  es gibt kein Thema,
       das nicht  besungen wurde.  Die wahre Ästhetik des Volkes. Pierre
       zählte für  1789 über  100 Chansons  und Couplets,  für 1790 über
       200, für 1791 und 1792 je über 300, fast 600 für 1793 und 700 für
       1794 - für die Jahre der Jakobiner und Sansculotten also die dop-
       pelte Zahl. Im Thermidor 1794 werden die Jakobiner geschlagen, im
       Germinal und  Prärial 1795  die hungernden  Sansculotten, und mit
       einem Schlag  ist es vorbei: 137 Lieder. Bis 1800 sinkt ihre Zahl
       auf 25 herab.
       Aus der  schweren Zeit  im Frühjahr 1795, als die Jeunesse dorée,
       die arrogante Jugend der siegreichen Bourgeoisie, mit dicken Kno-
       tenstöcken hinter  Jakobinern herlief, stammt unser letztes Lied,
       "Le dam  du patriote".  Es steht gegen die ungeheuerlichen Lieder
       dieser Jugend,  wie das  "blutrünstige Reveil du peuple", das pa-
       thetische Lied der Arrivierten. Dieses "Dam du patriote" gibt die
       Haltung der  unbekannten Kämpfer der Revolution wieder, die genau
       wußten, warum sie gekämpft hatten, und die von vorn an die Arbeit
       gehen mußten für ihren kommenden Tag.
       Und ich  finde, wie  die französischen  Revolutionäre ihre unter-
       drückten Vorfahren  rächten -  und das  ist ein  ganz nobler Kern
       dieser Revolution,  der heute viel zu leicht vergessen wurde - so
       haben wir die Pflicht, diesen französischen Sängern unsere Stimme
       zu leihen, damit, wie Benjamin sagt, "die Überlieferung von neuem
       dem  Konformismus"  abgewonnen  werde,  nicht  als  "Beute"  oder
       "Kulturerbe" oder  "Kulturgut", sondern "als Zuversicht, als Mut,
       als Humor, als List, als Unentwegtheit" im Kampf um die Emanzipa-
       tion der Menschen und der Menschheit.
       
       Das Mann! Des Patrioten.
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       Weise des Camille: Man sagt uns, daß es in der Ehe
       
       Man sagt uns, Knechtschaft sei nicht bitter,
       Da könnten wir auch glücklich sein,
       Freiheit ging' voraus dem Gewitter,
       Die Ruhespanne sei nur klein.
       Mann, Mann,
       Mann, das kann sein,
       Mann, Mann,
       Mir fällt's nicht ein.
       Aber das hoffe ich für später,
       Die Enkel mein
       Werden froh sein
       Über die Taten ihrer Väter.
       
       Man sagt uns, Knechtschaft sei nicht schändlich,
       Da schlief manches Volk lange nun,
       Und das sei weise und verständig,
       Wir täten gut, es auch zu tun.
       Mann, Mann,
       Mann, das kann sein,
       Mann, Mann,
       Mir fällt's nicht ein.
       Aber das hoffe ich für später,
       In hundert Jahrn
       Enkel verfahrn,
       So wie verfuhren ihre Väter.
       
       Ich weiß noch, ich weiß, daß mein Vater
       Niemals ein Wort von Freiheit sprach,
       Nichts davon, nein, geliebt noch hat er
       Das Joch, das ihn einst hielt in Schach.
       Mann, Mann,
       Das sollte sein,
       Mann, Mann,
       Will's nicht beschrein,
       Aber das tu ich nicht, Gevatter,
       So wie es tat,
       So wie es tat,
       So wie es tat mein Vater.
       
       Man sagt uns, die Aristokraten
       Verlachen die Konstitution,
       Man sagt uns, daß die Demokraten
       Bald sterben an der Schwindsucht schon.
       Mann, Mann,
       Mann, das kann sein,
       Mann, Mann,
       Das stellt sich ein.
       Aber das, das muß man nicht glauben,
       Daß ich nicht weiß,
       Wer mit dem Preis,
       Wer sich mit Sieg wird umlauben.
       
       Man sagt uns, sagt uns immer wieder,
       Daß der Emigrant stärker ist,
       Der Klerus weise und so bieder
       Unsere Schuld gerecht abmißt.
       Mann, Mann,
       Mann, das kann sein,
       Mann, Mann,
       Das stellt sich ein,
       Doch ich hoff, wartend auf die Raben,
       Haben wir Zeit,
       Sehen wir weit,
       Was wir zu tun werden haben.
       
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       *) Der abgedruckte Text folgt dem Vortragsmanuskript, das im Sem-
       mer-Archiv der Akademie der Künste der DDR in Berlin / DDR aufbe-
       wahrt wird. Wir danken Frau Eise Semmer und den Kollegen der Aka-
       demie der Künste für Ihre Unterstützung, die diese Erstveröffent-
       lichung möglich  machte. Der Text ist um die Eingangspassage, die
       am 1. Mai anknüpft, gekürzt (Anm. d. Red.).
       **) Die Liedertexte  folgen: Gerd  Semmer (Hg.), Ça ira. 50 Chan-
       sons, Chants,  Couplets und Vaudevilles aus der Französischen Re-
       volution 1789  - 1795. Herausgegeben und übertragen von Gerd Sem-
       mer, Berlin/DDR ² 1962.
       

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