Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


       zurück

       
       ANSTALTSERZIEHUNG ALS PÄDAGOGISCHER PARTISAN
       ============================================
       
       Die "Société des jeunes Français" und die Anfänge experimenteller
       -----------------------------------------------------------------
       Sozialpädagogik in der ersten französischen Republik
       ----------------------------------------------------
       
       Hartwig Zander
       
       1. "...  eine Art  experimenteller, sozialistischer 'Terror'". 2.
       Beginn und Ende eines revolutionären Diskurses. 3. Anstaltserzie-
       hung im revolutionären Stadtteil. 4. Erziehung als Revolutionser-
       eignis. 5. Schulaufsicht ("police des écoles") oder direkte Demo-
       kratie? Zur  Diskurspraxis im Konvent während des "Interregnums".
       6. Die Liquidierung experimenteller Sozialpädagogik durch die So-
       zialfürsorge.
       
       1. "... eine Art experimenteller, sozialistischer 'Terror'"
       -----------------------------------------------------------
       
       Im Februar  1920, gegen Ende von Siegfried Bernfelds kühnem sozi-
       alpädagogischem Experiment"  ,the pupils had so deeply internali-
       zed the  principles (der "Schulgemeinde") that they could no lon-
       ger be  called Institution children'. According to Bernfeld, they
       then became genuinely enthusiastic about the school Community and
       imposed a higher level of commun morality, a kind of experimental
       socialist 'Terror'  like that of the Jacobins, ... Baumgarten was
       based on direct democracy". 1)
       Die erzieherische  Wirklichkeit, die  der Vf.  bald fünfzig Jahre
       später mit  bemerkenswerter Entschiedenheit evoziert, steht unse-
       ren  trägen   Zeitläuften  dawider.   Der  sprachliche   Ausdruck
       "Terror", der  diese Wirklichkeit  auf ihren abstraktesten Nenner
       bringt, ist  keine feuilletonistische Entgleisung. Er meint einen
       festumrissenen Sachverhalt: eine erzieherische Gewalt, die, nicht
       mehr bloß  Mittel, sondern  ihr eigener Zweck, gegenüber dem bür-
       gerlichen Recht virtuell rechtszerstörend wirkt, die sich, in den
       Worten Walter  Benjamins, der  diese Wirklichkeit bestens kannte,
       "außerhalb  des   Rechts"  setzt.  Ihre  Institutionen  sind  die
       "Vollversammlung" und  das "Gericht".  "Sozialistisch" ist  diese
       Erziehung, insofern  sie nicht  "zur" Gleichheit erzieht, sondern
       sich "in"  Gleichheit kollektiv organisiert. "Gleichheit" benennt
       die Form  der Erziehung, nicht ihr Objekt. Deren institutioneller
       Skandal ist  die  Erziehungsanstalt,  deren  Objekt  die  Gemein-
       schaftserziehung als  das pädagogische  Experiment  eines  Erzie-
       hungskollektivs, deren unversöhnlicher Widerpart die rechtserhal-
       tende Kraft familiärer Autoritätsstrukturen.
       Wenn Utley  hinzufügt, Bernfelds  Anstaltserziehung in Baumgarten
       sei auf  "direkter Demokratie" gegründet, so dürfen wir vermuten,
       daß diese  und ähnliche  pädagogische Experimente  unter histori-
       schen Konstellationen  durchgeführt werden,  in denen die Prinzi-
       pien direkter  und repräsentativer  Demokratie miteinander strei-
       ten. Wir  begegnen ihnen im Österreich der Zwischenkriegszeit, in
       der Revolutionsgeschichte  der ukrainischen  sozialistischen  Rä-
       terepublik, in der Frühgeschichte der GPU, während der Epoche der
       "Libération" in  Frankreich, im Kampf um den sozialistischen Auf-
       bau Israels. Es gab Experimente von kurzer Lebensdauer, von sechs
       Wochen (die Sommerkolonie Lind), von einigen Monaten (das Kinder-
       heim Baumgarten,  die "Schulkommune  Nr. 1"  am Schwarzmeer), von
       mehreren Jahren  (die "Schkid"  in Petrograd, die "Gorki-Kolonie"
       in Poltava  u.a.); es gab ganze Erziehungsstädte ("Bolschewo" der
       GPU)  und   kühne  Vorstöße   einzelner  Erzieher   (Déligny   in
       Frankreich). Intensität  und Ertrag der Erziehungsexperimente er-
       wiesen sich  als unabhängig  von der Kurz- oder Langlebigkeit der
       Institution. Sie äußerten sich vielmehr in der Zeugnishaftigkeit,
       die ein  Diskurs erlangte,  der, unter  revolutionärer Konstella-
       tion, sich auf experimenteller Praxis als seinem materiellen Sub-
       strat herausbilden konnte.
       Jahre später, als das Experiment "Baumgarten" schon die Rolle ei-
       nes historischen  Vorfalls zu  spielen begann, arbeitete Bernfeld
       immer noch  an der  Bildung seines eigenen Diskurses. Hierhin ge-
       hört sein Versuch, die begriffliche Bestimmung der eigenen Praxis
       mit einem vergleichbaren Ereignis der französischen Revolution zu
       verknüpfen. 2)
       Aus  systematischer,  je  aktueller  Sicht  einer  revolutionsge-
       schichtlich wirkenden  Pädagogik werde  ich im  Folgenden  Bruch-
       stücke einer Diskurspraxis so aufeinander beziehen, daß plausibel
       wird, warum  sich Bernfeld diesem Ereignis zuwandte: der "Société
       des jeunes  Français", in  der zwischen  1792 und 1794 Prinzipien
       revolutionärer Anstaltserziehung experimentell erprobt wurden. 3)
       
       2. Beginn und Ende eines revolutionären Diskurses
       -------------------------------------------------
       
       Sollte ich  den Zeitpunkt  nennen, von dem ab die öffentliche De-
       batte über  Nationalerziehung ihr materielles Substrat im Diskurs
       über die Form der Anstaltserziehung findet, so würde ich zunächst
       alle Ansätze,  die ihrer Herkunft nach noch ins Ancien Régime ge-
       hören, achtlos beiseitelassen; ich würde den Erziehungsplänen und
       Entwürfen der  Konstituante und  der Legislative,  seien sie  mit
       noch so berühmten Namen verbunden, keine Bedeutung beimessen; die
       konzeptionellen Äußerungen Leonard Bourdons, Pawlets, Philipen de
       la Madeleines  und anderer  Anstaltserzieher auf  Anlaß und Motiv
       überprüfen und  sie dem Ereignis zuschreiben, dem sie entsprungen
       sind. Ich würde vielmehr den 11. März 1791 herausgreifen. An die-
       sem Tag  trug Alexandre Beauharnais, im Namen einer eigens einge-
       setzten zehnköpfigen  Kommission, im  Jakobinerclub einen Bericht
       vor. Die  Kommission war beauftragt worden, ein "memoire" Leonard
       Bourdons (L.B.)  zu überprüfen.  Die Kommission  verstand  offen-
       sichtlich ihr  Handwerk. Denn sie beschränkte ihre Arbeit auf das
       eine historisch  bedeutsame Viertel  der "Denkschrift",  das  die
       Einrichtung einer  auf Erfahrung gegründeten Versuchsschule ("une
       école d'experience")  vorsehe. Dieser  Ausschnitt widme  sich der
       Erforschung und  Verfeinerung jener Methoden, die geeignet seien,
       "der Jugend die Prinzipien der französischen Verfassung anwendbar
       und praktisch  werden zu lassen". Deren "Gegenstand" sei "die Na-
       tionalerziehung". Diese  allein richte  sich nämlich auf die kon-
       krete Moralität  der  Zöglinge.  Sie  beabsichtige,  "die  jungen
       Staatsbürger in den öffentlichen Schulen das Noviziat der staats-
       bürgerlichen Verpflichtungen  ableisten zu  lassen, die sie eines
       Tages erfüllen müssen". 4) "Noviziat" umschreibt hier eine insti-
       tutionell verankerte  Initiation. Republikanisch  gewendet besagt
       der Ausdruck:  Die Rechte,  welche die  zukünftigen Bürger in der
       "großen Gesellschaft"  wahrnehmen, "lehrt" man nicht, sondern man
       "lebt" sie  experimentell; man  eignet sie sich an, indem man sie
       selbsttätig betätigt. Diese Praxis setze freilich voraus, daß die
       Erziehungsmethode aus  dem Zustand der "Willkür" in den Stand der
       Gesetzlichkeit ("méthode  légale") übergeleitet  werde. Denn  wo-
       durch werde  der junge  Mensch zu Feigheit und Knechtschaft erzo-
       gen, wenn  nicht durch psychische Drohungen, durch Zwang und kör-
       perliche Züchtigung.  Die soziale  Organisation bzw. "Ordnung der
       Dinge", die  das Erziehungsexperiment leite, sei eine Ordnung, in
       der "die  Schüler von  S a c h e n,  niemals aber von  P e r s o-
       n e n   abhängen". 5)  Konkret: Die  Menschen, die  sich auf  ein
       solches Experiment einlassen, gestalten ihre Verkehrsformen durch
       eine "Verfassung"  ("règlement constitutionnel"), durch eine nach
       Gesetzen  geregelte  "innere  Organisation".  Die  Zöglinge  üben
       administrative und  juridikative Funktionen  aus; sie  wählen und
       wählen ab,  verteilen Mandate,  verfügen Ordnungen,  bilden einen
       Disziplinrat, setzen  Geschworene ein, kurz, sie verhalten sich "
       republikanisch". 6)
       Sollte ich  den Zeitpunkt benennen, an dem das pädagogische Expe-
       riment der  "Société des  jeunes Français"  endete, so  würde ich
       nicht, wie  Bernfeld, den 2. April 1795, also den Tag der förmli-
       chen Auflösung,  noch den Junitag des Jahres 1795 angeben, an dem
       die letzten  Zöglinge aus St. Martin des Champs in das Schloß von
       Liancourt, eine  Fürsorgeanstalt, überführt  wurden.  Stattdessen
       zöge ich  einen unscheinbaren,  routinemäßig ablaufenden  Verwal-
       tungsvorgang heran.  Dieser Vorgang spielte sich zwischen dem 19.
       und dem  23. Ventôse  III ab  (9.-13. März 1795). Zwei Mitglieder
       des Ausschusses  für öffentliche Fürsorge des Departement von Pa-
       ris  suchten  sich  über  den  Status  der  "Societé  des  jeunes
       Français" zu  verständigen. Man merkt ihrem Schreiben an, daß sie
       verwirrt und verärgert darüber sind, diese "Societé" verwaltungs-
       mäßig nicht  eindeutig zuordnen  zu können. Mit "Experimentalein-
       richtung"  bzw.  "Versuchsschule"  wissen  sie  überhaupt  nichts
       anzufangen. Vielmehr stellen sie mit Befremden fest, daß es weder
       eine zuständige  Aufsichtsbehörde noch klare Kompetenzzuweisungen
       gebe. Schließlich  entdeckt der  eine in  seinen Unterlagen einen
       Erlaß vom 1. Prairial II (20. Mai 1794), der die damalige Kommis-
       sion  für  öffentliche  Fürsorge  anwies,  der  Anstalt  für  die
       Aufnahme von  "Orphelins  des  Défenseurs  de  la  Patrie"  einen
       bestimmten Beitragssatz zu zahlen. Da es sich um eine Institution
       handle,  die   Waisen  aufnehme,  sei  die  "Société  des  jeunes
       Français" zu  den Einrichtungen  der Wohltätigkeit zu zählen. Der
       Ausschuß für  öffentliche Fürsorge  übernehme also von nun an die
       Aufsicht. 7)
       Mit der  Erfassung der  Anstaltserziehung durch die Sozialverwal-
       tung kann  natürlich von  Erziehungsexperimenten keine  Rede mehr
       sein. Im März 1795 setzt die Liquidierung des kühnsten sozialpäd-
       agogischen Versuchs der Französischen Revolution ein. Drei Monate
       später sind dessen letzte Spuren getilgt.
       
       3. Anstaltserziehung im revolutionären Stadtteil
       ------------------------------------------------
       
       Über den Zeitpunkt, an dem die Erziehungsanstalt der "Société des
       jeunes Français" ihre Tätigkeit aufnahm, sind wir recht genau in-
       formiert. Am  30. Juni 1793, in einem Beitrag zur Konventsdebatte
       über den  Gesetzesentwurf Lepeletiers, hatte L.B. seine Deputier-
       ten-Kollegen daran  erinnert, daß  "die 'Gesellschaft  der jungen
       Franzosen' erst  seit einem Jahr existiert...", - womit er ledig-
       lich sagen wollte, daß gleichwohl eine auf den Prinzipien der Ge-
       meinschaftserziehung gegründete Nationalerziehung weder eine Fik-
       tion noch eine Utopie sei. Bereits am 24. Februar 1793 hatte sich
       die Erziehungsanstalt  der Öffentlichkeit  vorgestellt, anläßlich
       einer Inspektion  durch den  damaligen  Unterrichtsausschuß.  Der
       "Moniteur" machte in seiner Ausgabe vom selben Tag auf dieses Er-
       eignis aufmerksam  und setzte  seine Leser davon in Kenntnis, daß
       L.B. im  August 1792  in der  ehemaligen Priorei  St. Martin  des
       Champs  mit   seinem  pädagogischen   Experiment  begonnen  habe.
       Tatsächlich hatte Bourdon bereits im Oktober 1791 von der damali-
       gen Pariser  Departementsverwaltung unverbindliche Zusagen erhal-
       ten, diese  Priorei für  seine Zwecke zu nutzen. Die legale Aner-
       kennung seiner  Anstaltserziehung erfolgte  erst am  29. Mai 1792
       durch ein Schreiben des Kriegsministeriums. Vieles spricht indes-
       sen dafür,  den Angaben  des "Moniteur" Glauben zu schenken. L.B.
       hatte beim  Aufstand der Pariser Kommune eine entscheidende Rolle
       gespielt. In der Vorbereitung des Aufstandes begegnen wir ihm als
       "Président de  l'assemblée générale  permanente des Gravilliers",
       nach dem  10. August  als Präsidenten des Generalrats der Pariser
       Kommune. Zu diesem Zeitpunkt erst ist seine Machtposition defini-
       tiv gefestigt. 8)
       Die Priorei  - das  heutige "Conservatoire des Arts et Métiers" -
       ist weder eines der vielen konfiszierten Nebengebäude irgendeiner
       Abtei, noch  ein Anhängsel  eines der großen Pariser Hospitalkom-
       plexe der  damaligen Zeit,  in denen gewöhnlich die Erziehungsan-
       stalten untergebracht  waren. St. Martin des Champs ist eines der
       bedeutendsten Baudenkmäler von Paris. Die Priorei bildete den ar-
       chitektonischen Mittelpunkt  der  Sektion  "Gravilliers".  Einige
       Schritte entfernt,  in der  rue de Vertbois, befand sich der Sitz
       der "Société  des amis  de la  liberté,  de  la  légalité  et  de
       l'humanité", also  des Jakobinerclubs, jenes "geistig-politischen
       Mittelpunktes" (Markov)  der Sektion, deren unumstrittene Autori-
       tät eben  L.B. war.  Wir könnten  also, in unserem Jargon redend,
       von stadtteilbezogener  Anstaltserziehung sprechen.  Wir  sollten
       dies auch  tun; und sei es schon deshalb, um das pädagogische Ex-
       periment aus den Nebelschwaden der Utopie ins helle Licht der re-
       volutionären Realitäten  zu rücken. 9) Zu diesen Realitäten zählt
       naturgemäß der  für unsere Quellenkenntnis überaus glückliche Um-
       stand, daß  die politischen Ereignisse in der Sektion während der
       entscheidenden Monate des Jahres 1793 geprägt waren durch die un-
       erbittlich ausgetragene  Konfrontation zwischen  L.B. mit  seinen
       Jakobinern auf  der einen,  J. Roux  mit seinen "Enragés" auf der
       anderen Seite. Vergegenwärtigen wir uns, daß überdies während der
       "Sommerkrise des  Jahres 93"  die in Erziehungsfragen stark enga-
       gierten "Hébertisten"  sich dem "Vertbois-Club" L.B. anschlössen,
       daß der  bei den  Sansculotten so überaus einflußreiche "Père Du-
       chesne" in  der Erziehung ein Instrument erblickte, das Justizmo-
       nopol der Notablen zu brechen und dies nachhaltig propagierte, so
       haben wir  ein Bild jener außergewöhnlich komplexen Situation in-
       nerhalb der  Linken vor uns, das sich in der experimentellen Pra-
       xis einer  politisch engagierten Anstaltserziehung naturgemäß wi-
       derspiegeln mußte.
       Zehn Tage  lang, zwischen  dem 25. Juni und dem 4. Juli 1793 wird
       das lange  Zeit unentschiedene  Verhältnis der Kräfte, das in der
       Sektion zwischen  der "Volksgesellschaft",  also  dem  "Vertbois-
       Club", und  der permanent tagenden Sektionsversammlung herrschte,
       auf die  nationale Höhe  des Konvents getragen. Es geht in diesem
       Machtkampf ganz  konkret darum,  welche Kraft  mit der Verwirkli-
       chung der  Verfassung beauftragt  wird. Am  4. Juli ist der Kampf
       entschieden. An  diesem Tag  trägt ein  Zögling der  "Société des
       jeunes Français" die Adresse vor, mit der die Sektion, erschienen
       als "Massenabordnung",  die Annahme  der Verfassung feierlich be-
       kundet. Die  Durchsetzung der  Verfassung durch die Erziehung des
       "neuen Menschen"  fällt endgültig  unter die  Hegemonie des Vert-
       bois-Clubs. 10)
       Gleichwohl wäre  es voreilig,  aus dem Ausgang der Ereignisse den
       Schluß  ziehen   zu  wollen,  innerhalb  der  Sektion  hätte  die
       "repräsentative" die  "direkte" Demokratie  gleichsam liquidiert.
       Die Gewichte  haben sich  verschoben. Die zukünftigen Sektionsge-
       sellschaften übernehmen  - mutatis mutandis - die Rolle, die L.B.
       den Vollversammlungen  der Zöglinge innerhalb der von ihm entwor-
       fenen  sozialen  Organisation  der  Anstaltserziehung  zugewiesen
       hatte. Nicht  die Verfassung, wohl aber die "Annahme" der Verfas-
       sung und  die Durchsetzung ihrer Artikel fällt ihnen zu. Letztere
       aber ist,  da sie  die Umwälzung  tradierter Gewohnheiten voraus-
       setzt, Sache  der Erziehung. In diesem Punkt praktisch gewordener
       Demokratie bilden sich "Société..." und Sektion gegenseitig ab.
       
       4. Erziehung als Revolutionsereignis
       ------------------------------------
       
       Am  24.  Februar  1793  stellte  sich  die  "Société  des  jeunes
       Français" dem  Unterrichtsausschuß des Konvents und der Sektions-
       öffentlichkeit vor.  Der "Moniteur" berichtete, daß sich die Zög-
       linge gemäß  den Prinzipien  der Menschenrechte selbst verwalten;
       daß sie  unter der  Aufsicht einiger "Freunde der Jugend" stehen,
       die  das   Vertrauen  der   Zöglinge  genießen,  weil  sie  weder
       "schimpfen, noch  bestrafen oder  belohnen". - Im übrigen sei die
       Anstalt eine Versuchseinrichtung zur Erprobung "der besten Erzie-
       hungsmethoden"; sie  solle den  faktischen Nachweis  führen, "daß
       die Jugendlichen ihre Pflichten erfüllen, sobald sie in den Genuß
       ("jouissance") ihrer Rechte gelangen". 11)
       Der Ausschuß  wolle überprüfen, inwieweit diese soziale Organisa-
       tion der Erziehung fördernd auf den Erwerb der Kenntnisse wirke.
       Wir wissen  heute, welch immense Bedeutung die kultische Darstel-
       lung der  revolutionären Ereignisse  für den  Bestand der  ersten
       französischen Republik  besaß. Den unterschiedlichen ästhetischen
       Formen, in  denen die Republik sich öffentlich ausstellte, weisen
       wir mittlerweile  ihren angemessenen kreativen Rang zu. Die Feste
       der Brüderlichkeit, die Umzüge und allegorischen Feiern, in deren
       plebejischer Beteiligung  die Republik sich öffentlich zu der von
       der Volksbewegung  reklamierten  "égalité  des  jouissances"  be-
       kannte, sie  lassen erkennen,  daß das öffentliche Leben für sich
       genommen einen  gleichsam sakralen  Charakter besaß,  in dem sich
       Robespierres Verachtung  für die kleinen Dinge des Alltags abbil-
       dete. Aus  der Form  öffentlicher Darstellung  lassen sich mögli-
       cherweise auch Aufschlüsse über den Entwicklungsgang der "Société
       des jeunes Français" gewinnen.
       Anläßlich der  Überführung Marats  in den Pantheon wurden im Sep-
       tember 93  alle Theater  dem Volk  geöffnet. Aus  einer Notiz des
       "Moniteur" vom  4. Vendemiaire  II (25. Sept. 1793) erfahren wir,
       daß die  Zöglinge der  Bourdonschen Erziehungsanstalt im "Theatre
       de l'égalité",  im Anschluß an eine Aufführung des "Wilhelm Tel",
       ein "gänzlich neues, interessantes Schauspiel" dargeboten hätten.
       "Sie zeigten dem Publikum, was die Erziehung unter dem Ancien Re-
       gime war,  und was  sie unter  der Herrschaft  der Freiheit  sein
       könne". Das  Stück, für  dessen Aufführung sie sich der Teilnahme
       eines bekannten  Schauspielers versichert  hätten, habe  aus drei
       Akten bestanden.  Nur die beiden letzten Akte aber hätten dem Pu-
       blikum ein  echtes Vergnügen  bereitet. "Mit welcher Befriedigung
       hat es  doch den Jugendlichen in der Werkstatt zugesehen, wie sie
       ihren gewöhnlichen  Arbeiten nachgehen. Wie haben sie den militä-
       rischen Spielen Beifall gezollt, die mit eben derselben Präzision
       vorgeführt wurden, wie man sie von lange geübten Männern erwarten
       könne". 12)  Der Journalist,  der diese  Sätze schrieb, war gewiß
       kein Fachmann in Sachen Erziehung. Anderenfalls hätte er erkannt,
       daß die  Teile der  Vorführung, die beim Publikum starken Anklang
       fanden, sich  mit einer  bestimmten pädagogischen  Tradition, die
       sich bereits im Ancien Regime herausgebildet hatte, sehr wohl als
       verträglich erwiesen. Der Gegensatz lag woanders, nämlich auf dem
       Feld der Disziplin und der Erziehung als demokratischer Organisa-
       tion. Die Tragweite des 1. Aktes war ihm freilich entgangen. Doch
       davon später.
       Am 15. Juni 1794 läßt sich die "Commission des arts" - sinngemäß:
       die Kommission für Handwerk und Kunstgewerbe - den Stand des päd-
       agogischen Experiments  der "Société des jeunes Français" öffent-
       lich vorführen.  Wir ahnen  schon, daß die Vorführung in die Form
       einer Theateraufführung  gekleidet wurde.  Der Kommissionsbericht
       spricht von drei Akten, in denen das gesamte Geschehen revolutio-
       närer Erziehung  szenisch  abläuft.  Der  erste  Akt  bringt  die
       Selbstverwaltung, nämlich Gericht und Vollversammlung der Schüler
       als Organisationsform  der Erziehung  zur Darstellung, der zweite
       die berufliche  und handwerkliche Bildung, die durch musikalische
       Darbietung umrahmt  wurde, der dritte Akt eine kultische Feier zu
       Ehren der  jungen republikanischen  Helden Bara und Viola, zu der
       eine von Zöglingen an Zöglinge vollzogene Preisverleihung zählte.
       Der  Erfolg   dieser  Erziehungsmaßnahmen,   die  sich   in   der
       "Reinlichkeit", "Gesundheit" und "Zufriedenheit" der Zöglinge äu-
       ßere, habe  seinen Grund darin, daß die Zöglinge in dieser Erzie-
       hungseinrichtung keine  Herren bzw. Schulmeister ("maître"), son-
       dern nur Freunde finden. 13)
       Bevor ich  ein letztes Zeugnis beibringe, rücke ich ein wenig die
       Perspektive zurecht.  Im Sommer  1794 wird  der erste Akt gestri-
       chen. Vom  Ancien Régime ist nicht mehr die Rede. Die Anstaltser-
       ziehung spielt  unter dem  "Régime de  la Liberté".  An die erste
       Stelle tritt  nun die  Darstellung eines Erziehungskollektivs als
       soziale Organisation; an die Stelle von Zucht tritt die Disziplin
       einer "Masse,  die sich  durch sich selbst erzieht" (Lazarsfeld).
       Auch in revolutionären Zeitläuften sind die Grenzen eines solchen
       Experiments eng bemessen.
       Einige Monate zuvor nämlich, um die Wende von Februar/März, hatte
       ein Polizeiagent dem "Wohlfahrtsausschuß" berichtet, Zöglinge des
       vormals dem  Hospital "La  Pitié" angegliederten,  nun unter  der
       Verwaltung der  Sektion Sans-Culottes stehenden Waisenhauses hät-
       ten im "Jardin des Plantes" unzüchtige Lieder gesungen. Sie seien
       die  Urheber   eines  öffentlichen   Ärgernisses.  Die  Begleiter
       ("conducteurs") wären  nicht eingeschritten.  Die erbosten Bürger
       hätten  diesen  offensichtlichen  Erziehungsmißstand  dem  Bürger
       Chaumette, dem  höchsten Verwaltungsbeamten  der Pariser Kommune,
       zugeschrieben. Denn  dieser habe  schließlich  durchgesetzt,  daß
       Kinder und  Jugendliche nicht mehr öffentlich "gezüchtigt" werden
       dürfen ("ne  seraient plus corrigés"). 14) In der Tat hatte Chau-
       mette, auf dem Höhepunkt seiner Machtbefugnisse, am 27.9.1793 per
       Erlaß ein generelles Züchtigungsverbot in der öffentlichen Erzie-
       hung verfügt. 15) Chaumette, der Hébert und Bourdon politisch na-
       hestand, teilte  deren Überzeugung,  daß der  Herausbildung einer
       neuen,  republikanischen   Moral  die   Zerstörung   der   alten,
       "schrecklichen" Gewohnheiten vorausgehe. Insofern bildete der er-
       ste Akt,  vor der  Sektionsöffentlichkeit dargeboten, ein Element
       republikanischer Erziehung. Crouzet, der von der Thermidor-Regie-
       rung eingesetzte  spätere Liquidator  der  Bourdonschen  Anstalt,
       selbst ein  hochrangiger Pädagoge  unter dem  Direktorium und dem
       Empire, schrieb  rückblickend im  Jahre 1801, daß er die "Société
       des jeunes  Français" als  eine "im Aufstand befindliche Volksge-
       sellschaft" angetroffen habe. 16)
       Die Tatsache,  daß es ausgerechnet die "Commission des arts" war,
       der die  Evaluierung des Bourdonschen Experimentes oblag, erlaubt
       uns, gewisse Rückschlüsse auf den erteilten Unterricht zu ziehen.
       Die Vermutungen  darüber, was  die Zöglinge  an  technischem  und
       handwerklichem Wissen  auf ihrer Bühne vorführten, wird durch den
       Bericht von  zwei Kommissaren  gestützt, die  der Unterrichtsaus-
       schuß der  Thermidorianer am 27. Germinal III (16. April 1795) in
       die Erziehungsanstalt gesandt hatte. Neben den stereotypen Klagen
       einer Schulaufsichtsbehörde  über pädagogische Versuchsanstalten,
       daß die  Kinder viel  (zu viel)  Freiheitsspielräume besäßen, daß
       sie bloß  ihren Neigungen  (statt Pflichten) folgten, waren ihnen
       allerdings  einige   positive  Lernerfolge   in  den  Disziplinen
       "Geometrie, Perspektive,  Zeichnen, Musik"  aufgefallen. 17)  Die
       Materie "Zeichnen"  bildete in  der Tat die Grundlage angewandter
       Technologie im  aufgeklärten Unterricht.  Die Schüler  zeichneten
       geometrisch, perspektivisch,  architektonisch, ornamental; zeich-
       nerisch entwarfen  sie Möbel,  Brücken, Chausseen, auch Güter des
       häuslichen Bedarfs.  In der  zweiten Hälfte  des 18. Jahrhunderts
       werden überall  die "écoles  gratuites de  dessin" gegründet,  an
       denen vor  allem gelernte  Handwerker technologisch geschult wer-
       den. Die  ersten "Ecoles  des Arts" nehmen zu der Zeit den Unter-
       richt auf. 18) Wir haben also allen Grund zu der Annahme, daß die
       Experimentierfreudigkeit der  "Société des  jeunes Français" sich
       auch auf  den Unterricht  erstreckte. Wenngleich hier, anders als
       in der  Erziehung, das  Erbe der  Aufklärung  und  revolutionärer
       Bruch sich gegenseitig balancieren.
       Zwischen dem Herbst 93 und dem Sommer 94 findet ein Programmwech-
       sel im  3. Akt  statt; zumindest hat es den Anschein. Tatsächlich
       lassen sich  "militärische Spiele",  "Bara-Kult" und "Musikunter-
       richt" durchaus  aufeinander beziehen.  Denn in  die Zwischenzeit
       fallen zwei  für die  kultische  Selbstdarstellung  der  Republik
       wichtige Ereignisse;  Ereignisse, an  denen L.B.  an  exponierter
       Stelle beteiligt  ist: die Dechristianisierungskampagne vom Okto-
       ber und  November 93 und die Bildung des Bara-Kultes kurz vor und
       nach dem  Jahreswechsel. Während die Kampagne mehr eine Sache der
       Sektion und  Volksgesellschaften ist - freilich der Märtyrer-Kult
       der Republik  kräftige Impulse  verleiht -, so verbindet sich mit
       dem Bara-Kult  eine ganz  eigentümliche,  mancherorts  sicherlich
       spontane Verschmelzung  von jugendlicher  Selbstorganisation  und
       staatsbürgerlichem Initiationsritus.  Der republikanische Schwur,
       das militärisch  geprägte Zeremoniell  der Umzüge,  die besondere
       Ausstellungsform, die sich in regelrechten Inszenierungen äußert,
       bedarf einer gründlichen Vorbereitung, in der Leibeserziehung und
       ästhetische Gestaltung  geradezu eine Symbiose eingehen. In ihren
       Anlangen mag  die Erziehungsanstalt  L.B. sich noch weitestgehend
       an die  Muster elitärer  Kadettenbildung  der  vormaligen  "Ecole
       militaire" gehalten  haben. Spätestens mit Beginn des Jahres 1794
       ist die  Leibeserziehung  Bestandteil  einer  von  den  Zöglingen
       autonom getragenen  Inszenierung des  staatsbürgerlichen  Initia-
       tionsritus. 19)
       
       5. Schulaufsicht ("police des écoles") oder direkte Demokratie?
       ---------------------------------------------------------------
       Zur Diskurspraxis im Konvent während des "Interregnums"
       -------------------------------------------------------
       
       Am 3. Juli 1793 verfügte der Konvent die Ernennung von sechs Kom-
       missaren, die  binnen acht  Tagen einen  Gesetzesentwurf über die
       öffentliche Erziehung und das öffentliche Unterrichtswesen vorle-
       gen sollten. Die Kommission konstituierte sich schließlich am 11.
       Juli. Von ihr sollten in den nächsten Wochen die wesentlichen Im-
       pulse ausgehen.  Erziehung und Bildung rückten in den Vordergrund
       der öffentlichen  Debatte. An  ihrer Institutionalisierung  mußte
       sich, in  den Augen der Bevölkerung, die Verwirklichung der repu-
       blikanischen Verfassung  entscheiden. Der  erste Berichterstatter
       der Kommission war Robespierre, sein Nachfolger, Ende Juli, L.B..
       Zugleich hatte  der Konvent  die Tätigkeit  seines eigenen Unter-
       richtsausschusses de facto suspendiert. Bereits im Vormonat waren
       einige Sektionen,  unter ihnen  "Gravilliers", in  der Sache beim
       Konvent vorstellig  geworden. In  dem "aktualen  Moment" der  bis
       aufs äußerste zugespitzten Sommerkrise, als sich jakobinische und
       sansculottische Kräfte  in einem  noch  unentschiedenen,  labilen
       Gleichgewicht hielten,  riß der Konvent die ungemein populäre Er-
       ziehungs- und  Bildungsfrage an sich. Das "Interregnum" war am 6.
       Oktober 93 beendet.
       Worum geht  es in  der Sache?  Daß die Kinder der Republik in der
       einen oder  anderen Weise  "gemeinschaftlich" erzogen  und unter-
       richtet werden sollten, darüber war man sich innerhalb der Linken
       in den  Grundsätzen einig;  daß  eine  Zwangserziehung,  wie  sie
       Plutarch in seinem "Lykurg" beschrieben hatte und wie sie Lepele-
       tiers großer Erziehungsentwurf nahelegte, nicht durchführbar war,
       erkannten auch  die  Propagandisten  der  Anstaltserziehung.  Das
       große Verdienst  der Bourdonschen  Rhetorik lag  darin, den  sich
       überhaupt erst bildenden revolutionären Erziehungsdiskurs aus der
       gefährlichen  Nachbarschaft   von  Lepeletiers  "Traum"  und  dem
       "Ideal" des antiken Sparta zu lösen und ihm durch die Rückbindung
       an die  Materialität seiner  eigenen experimentellen  Praxis  die
       Wertigkeit revolutionärer Realität zu verleihen. In dieser außer-
       gewöhnlichen Situation erwies sich Bourdon als Meister seines Fa-
       ches -  und Robespierre  überlegen. Dieser  mag noch so sehr sich
       als Testamentsverwalter  Lepeletiers  öffentlich  darstellen,  im
       entscheidenden Punkt  der Anstaltserziehung, dem Begriff der Dis-
       ziplin, fällt  er in den Diskurs des Ancien Régime zurück. Als er
       am 29.  Juli vor  dem Konvent  seine Version des § 24 des Lepele-
       tierschen Planes  vorträgt, desavouiert  er die Sache, für die er
       und seine  eigene Fraktion  kämpfen. Selbst  wenn er den Terminus
       nicht explizit  formuliert, die  Funktionen, die  er  beschreibt,
       sind die der "Police des Ecoles", der Schulaufsicht, der Subsump-
       tion von  Erziehung unter die Maßnahmen einer äußeren Verwaltung:
       "... jede  Einrichtung der  Nationalerziehung leiten  und überwa-
       chen. ..;  Tag der  Aufsicht, ...; seine (des Erziehungsrates der
       Väter) Funktion wird sein (u.a. über Reinheit, korrekte Kleidung,
       Einhaltung der  Hausordnung) zu wachen; (es wird) Sorge getragen,
       (daß die  Kinder dies  oder jenes  tun; es  wird darauf geachtet,
       daß) den Kindern gegeben wird ...". 20) Die Sprachausdrücke Robe-
       spierres unterscheiden  sich kaum  von denen,  mit denen  in  der
       Mitte des  kommenden Jahrhunderts Ordnungen der Fürsorgeanstalten
       festgeschrieben wurden.  Bourdon argumentiert  völlig entgegenge-
       setzt. Gestützt auf sein pädagogisches Experiment, lenkt er seine
       Argumente von  vornherein auf eine einzige Frage: die Herstellung
       einer Erziehungsform,  die die  Mittel bereithält, damit sich die
       "Kinder der  Freiheit" in  Freiheit selbst  erziehen. "Kinder der
       Freiheit" ist  kein beliebiger  Ausdruck. Er bezeichnet zum einen
       den unversöhnlichen  Gegensatz zur  Familienerziehung, mit  ihren
       tradierten Vorurteilen  und Gewohnheiten, zum anderen die Popula-
       tion, die  in den  Genuß der  neuen Erziehung  kommt. 21) Es sind
       dies die  "enfants adoptifs de la patrie", 22) zumeist Kinder ge-
       fallener Vaterlandsverteidiger, die die Republik als ihre eigenen
       adoptierte. Unter  diesen , jungen Republikanern werde die Bevöl-
       kerung später die Kader für die öffentlichen Dienste wählen".
       Am 10.  August 1793 wird der Jahrestag der Pariser Kommune gefei-
       ert. In der vom Konvent erlassenen "Instruktion" zum Nationalfei-
       ertag wird  dieser Tag bezeichnet als "Le Jour de la Fête des Ré-
       unions du  10. août". Am 13. August wird vom "Journal du débat et
       des decrets"  die Druckfassung  des Kommissionsberichtes angekün-
       digt, den  L.B. am  1. August  vor dem Konvent vorgetragen hatte.
       23) Am  selben Tag  nimmt der Konvent die Debatte über den Erzie-
       hungsplan wieder  auf. Dank Dantons und Robespierres Einsatz wird
       Bourdons Entwurf unter großem Beifall angenommen. Eingangs seines
       Berichts hatte  L.B. noch einmal festgehalten, daß die sechs Kom-
       missare die  unterschiedlichen Auffassungen zu überprüfen hatten,
       die in der Öffentlichkeit für oder gegen "La réunion des enfants"
       vorgetragen wurden.  "La réunion  des enfants",  oder, wie  er es
       kurz zuvor formuliert hatte, "de réunir les enfants dans des mai-
       sons où  ils demeurassent  en commun",  24) das war die Sache, um
       die es ging.
       Wenn die Bevölkerung sich öffentlich zueinander gesellte, so fand
       in der  einen oder anderen Weise jener Vorgang statt, den die Re-
       volution  mit   "réunir"  bezeichnete;   das  bedeutete  in  etwa
       "zusammenkommen", sich  "versammeln",  sich  "zusammenschließen",
       sich "vereinen". Orte, an denen man sich zueinander gesellte, das
       waren die Sektionsversammlungen, die Volksgesellschaften, die Fe-
       ste, ein  Jakobinerclub oder  der Club  der "Cordeliers"; niemals
       aber der  Konvent. Der Wortgebrauch verbindet zwei unterschiedli-
       che Formen  von Öffentlichkeit: die der öffentlichen Rede und die
       des öffentlichen Forums direkter Demokratie (im Gegensatz zur ge-
       heimen Wahl).  Zur letzteren  zählen ganz  elementare Forderungen
       der Volksbewegung  wie 1.  die Bestätigung  der Gesetze durch das
       Volk; 2. die Ausübung der Rechtsprechung durch das Volk; 3. stän-
       dige Volksversammlungen;  4. Kontrolle und Abwählbarkeit von Man-
       datsträgern. "La  réunion" wäre mithin das Wort, das die Form be-
       zeichnet, unter  der in  der experimentellen  Situation  der  An-
       staltserziehung die Zöglinge sich in der "Praxis der Freiheit und
       Gleichheit bilden".  Die vier  Forderungen, in denen sich direkte
       Demokratie abbildet, diese Forderungen stellt die soziale Organi-
       sation der "éducation commune" in den Organen der Vollversammlung
       aller Zöglinge und der Rechtsprechung durch die Zöglinge aus.
       
       6. Die Liquidierung experimenteller Sozialpädagogik
       ---------------------------------------------------
       durch die Sozialfürsorge
       ------------------------
       
       Am 6.  Prairial II (25. Mai 1794) ersucht eine Abordnung der Sek-
       tion "Sansculottes" den Konvent, das vormals dem Hospital "La Pi-
       tié" angegliederte  Waisenhaus den "nationalen Erziehungshäusern"
       gleichzustellen. Denn  die dort  aufgenommenen "Elèves  de la Pa-
       trie" hätten  in ihren Reihen den jungen Bara "gesehen" und seien
       nun vom gleichen Eifer und gleichen Mut beseelt. 25)
       Solange die Sektionen über die lokale Fürsorge die Kontrolle aus-
       übten und  es den  Sektionen überlassen blieb, schulische und au-
       ßerschulische Einrichtungen  zu gründen,  konnten sie auch verfu-
       gen, einer vormaligen Fürsorgeanstalt Aufgaben der Nationalerzie-
       hung zu  übertragen. Aus  dem Waisenhaus  wurde dann ein "Gemein-
       schaftshaus" (maison commune).
       Als mit  dem Thermidor-Umsturz  das Departement von Paris die ge-
       samte Anstaltserziehung  in die  Zuständigkeit seiner  Wohltätig-
       keitsverwaltung überführte,  gab es für die Sektionen nichts mehr
       zu verfügen.  Bereits am  7. Fructidor  II (24.  August 1794) er-
       schienen dieselben "Elèves de la Patrie" des Hospitals "La Pitié"
       "en masse" zu einer öffentlichen Sitzung des Département-General-
       rates. Sie trugen eine Huldigung vor, in der sie ihre Freude dar-
       über kundtaten,  daß sie endlich "unseren wahrhaftigen Vätern zu-
       rückgegeben" seien, nämlich den "Bürgern Verwalter", deren "weise
       Leitung" sie  so lange  hätten entbehren müssen. Im übrigen seien
       sie viel  zu jung,  "pour parier politique". 26) Eine Bestätigung
       dafür, daß  die alte  Ordnung wiederhergestellt sei, erhalten wir
       auch durch  ein Schreiben der Kommission für öffentliche Fürsorge
       an die Kommission zur Vergabe öffentlicher Arbeiten vom 13. Prai-
       rial III (1. Juni 1795). Dringendst wird um die Reparatur der de-
       molierten Mauer  dieses Waisenhauses  gebeten: Die  Kinder würden
       entweichen und  sich in Paris herumtreiben; ein sozialfürsorgeri-
       sches gewiß, aber kein pädagogisches Problem.
       Bereits im  Thermidor zeichnet  sich also  ein Vorgang ab, der in
       unserem Jahrhundert  zur Regel  wird. Die Sozialfürsorge bzw. die
       Sozialarbeit, wieder  in ihre angestammten Rechte eingesetzt, li-
       quidieren die  pädagogischen Experimente  der "Sozialerziehung in
       groß gegliederten,  auf 'Freiheit und Gleichheit' aufgebauten An-
       stalten" 27)  sanft und  still durch  Verwaltungsverfügungen. Die
       Thermidorianer greifen somit einer Entwicklung vor, die ihren er-
       sten Höhepunkt  mit der  Gründung einer Reihe fürsorgerischer Er-
       ziehungsanstalten zu  Beginn der 40er Jahre erlebt, der Musteran-
       stalt Mettray.  Seitdem wird  die Anstaltserziehung subsidiär zum
       Versagen familiärer Erziehungsfunktion "im Kampf gegen Verwahrlo-
       sung und  Kriminalität..." 28) festgeschrieben. Der sozialpädago-
       gische Diskurs,  seines materiellen  Substrats beraubt, zerbricht
       an der alleinherrschenden sozialgeschichtlichen Perspektive "lan-
       ger Dauer".  Er zerbricht  gleichermaßen  am  sozialpädagogischen
       Ideal der  Gemeinschaft, deren  einzelne Glieder  dann  doch  nur
       einen abstrakten,  utopistisch verklärten  Menschenwert repräsen-
       tieren; er  zerbricht an der soziologischen Einfalt unserer Tage,
       die Sozialpädagogik im Kontext der sozialen Frage verortet und in
       der Rede von der "Sozialpädagogik als erzieherischer Kompensation
       von  individuell  erfahrenen  gesellschaftlichen  Defiziten"  der
       machtpolitischen Durchsetzung empirischer Gegebenheiten unbesehen
       begriffliche Valenz zuschreibt.
       Dort aber,  wo der  Diskurs unter  revolutionären Konstellationen
       wieder aufbricht,  zieht er  sich auf Partisanentätigkeit zurück.
       Die Geschichte  der Menschen, die an der Zeugnishaftigkeit dieses
       Diskurses wirken,  ist, seit  der "Société  des jeunes Français",
       die Geschichte pädagogischer Partisanen.
       
       _____
       1) " ...  hatten die Schüler die Prinzipien (der "Schulgemeinde")
       so stark  verinnerlicht, daß man sie nicht länger 'Kinder der In-
       stitution' nennen  konnte. Nach  Bernfeld haben sie sich dann für
       die Schulgemeinde  völlig begeistert  und setzten  in der Gemein-
       schaft ein höheres Niveau der Moral durch, eine Art experimentel-
       ler, sozialistischer 'Terror' wie der der Jakobiner. ... Baumgar-
       ten basierte auf direkter Demokratie" (Übers, d. Red.), Philip L.
       Utley, Siegfried Bernfeld's Jewish Order of Youth, 1914-1922. In:
       Leo Baeck Year Book, 1979, S. 364 und 367.
       2) "Kinderheim Baumgarten. Bericht über einen ernsthaften Versuch
       mit neuer  Erziehung" (1921) und "Leonard Bourdons System der An-
       staltsdisziplin 1788-1795"  (1930), in: Siegfried Bernfeld. Anti-
       autoritäre Erziehung und Psychoanalyse. Ausgewählte Schriften Bd.
       1, hrsg.  von Lutz  von Werder  und Reinhard  Wolff. Frankfurt am
       Main 1969 u.ö.
       3) Frauke Stübig,  Erziehung zur  Gleichheit.  Die  Konzepte  der
       'education commune'  in der  Französischen Revolution. Ravensburg
       1974. Alles,  was in  deutscher Sprache über diese Thematik zuvor
       erschien, kann  zu Forschungszwecken  nicht mehr  benutzt werden.
       Von dieser  Beurteilung muß  ich vorläufig  noch die ungedruckte,
       mir bislang nicht zugängliche Rostocker Diss. von Lieselot Hucht-
       hausen, Internatsschulpläne  und  Internatsschulversuche  in  der
       großen bürgerlichen  Revolution in  Frankreich 1789-1802, aus dem
       Jahr 1958,  ausnehmen. Das  übrige Schrifttum muß einer bald hun-
       dertjährigen Rezeptionsgeschichte  zugerechnet werden.  Die  Per-
       spektive, unter  der Frauke  Stübig die  Dokumente gesichtet  und
       ausgewertet  hat,   ist  die  der  politisch-sozialen  Geistesge-
       schichte. Die  Dokumente werden zumeist als Ausdruck übergeordne-
       ter Ideenbewegungen  gedeutet. Damit geht ein Verlust ihrer Mate-
       rialität einher,  thematisch der  Verzicht, Erziehungsfakten  als
       aktuales revolutionäres Experiment zu sehen.
       4) La Société  des Jacobins. Recueil de Documents pour l'Histoire
       du Club des Jacobins de Paris, ed. par F.-A. Aulard, tome II. Pa-
       ris 1891, S. 168.
       5) A.a.O., S. 169.
       6) Archives Parlementaires, 1ère série, tome 24, S. 493. Beauhar-
       nais trug  die Sache  am 1.  April der  Konstituante vor;  am  7.
       Sept., vier Tage bevor Talleyrand seinen Erziehungsplan den Depu-
       tierten vorstellt,  macht Collot  d'Herbois einen Vorstoß zu Gun-
       sten des  Bourdonschen Projekts.  Am 28. Okt. wählte die Legisla-
       tive ihren  Unterrichtsausschuß. Am  3. und 25. Nov. sowie am 11.
       Dez. befaßt sich der Ausschuß mit Bourdons Entwürfen; am 13. Nov.
       darf er seine Pläne der Legislative vortragen (Archives Parlemen-
       taires, a.a.O.,  tome 35, S. 54). Parlamentarisch versandet alles
       in "Belobigung"  und  "Nichtbefassung".  Bemerkenswert  ist,  daß
       Bourdon in  der Sache  fest bleibt:  Am 1.4. ist von einem "essai
       d'école publique",  im Nov.  von einer  "école d'expérience",  im
       Dez. von einer "école élémentaire et experimentale pour rinstruc-
       tion" die Rede.
       7) L'assistance publique à Paris pendant la Révolution. Documents
       inedits. Recueillis  et publiés  par Alexandre  Tuetey, tome III,
       Paris 1897, S. 568-571.
       8) La Société des Jacobins, a.a.O., tome III, Paris 1892, S. 178;
       G. Vauthier,  Léonard Bourdon  et la  Societedes jeunes Français,
       Paris 1912,  S. 5;  F. Stübig,  a.a.O., S. 436; Procès-verbaux du
       Comité d'instruction  publique de la Convention Nationale, éd. M.
       J. Guillaume, vol. 1, Paris 1891, S. 371.
       9) Von den  Anstaltserziehern des  ausgehenden Ancien  Regime war
       allein der  königstreue Chevalier Pawlet mit seinen Militärkadet-
       ten in die Innenstadt gezogen. Allerdings hatten die Sansculotten
       der Sektion  Popincourt bereits  im Winter 91/92, ein halbes Jahr
       vor der Flucht Pawlets, Klage über gegenrevolutionäre Aktivitäten
       in der  Anstalt geführt.  Ansonsten befanden  sich innerhalb  der
       Stadtgrenzen nur  die traditionell sozialfürsorgerisch orientier-
       ten, an  die vier  großen Pariser  Hospitalkomplexe  angebundenen
       Waisenschulen. Vgl. Actes de la Commune de Paris pendant la Revo-
       lution. Publies  et annotes par Sigismond Lacroix, tome IV, Paris
       1896, S. 265-268.
       10) Walter Markov,  Exkurse zu  Jacques  Roux.  Abhandlungen  der
       deutschen Akademie  der Wissenschaften  zu Berlin. Jg. 1970, Ber-
       lin/DDR 1970,  S. 261, sowie ders. (Hrsg.), Jacques Roux. Scripta
       et Acta, Berlin/DDR 1969, S. 521/523.
       11) Procès-verbaux du Comité d'instruction ..., a.a.O., S. 371.
       12) Ebenda, S. 705.
       13) Zit. nach  G. Vauthier,  a.a.O., S.  8, Anm. 1. Weitere Nach-
       weise ebenda,  S. 1,  Anm. 2, und F. Stübig, a.a.O., S. 462, Anm.
       2. -  Der Sprachausdruck "ami" wird hier als ein terminus techni-
       cus der  Kollektiverziehung verwandt.  Deren grundlegende  Gesel-
       lungsform ist  die unter  gleichaltrigen'. Zwischen ihnen gibt es
       die einzigen,  erzieherisch wirkenden  Bindungen. Der "erostates"
       der spartanischen  Erziehung ist sicher bekannt. Aufschlußreicher
       für die  Gegenwart aber ist die Tatsache, daß im Moskau der Jahre
       1923/24, als  die sozialpädagogische  Arbeit mit  den obdachlosen
       Kindern gänzlich  zu scheitern  drohte, auf  diese Gesellungsform
       zurückgegriffen wurde.  Die erwachsenen, professionellen Erzieher
       wurden rasch  aus dem  Verkehr gezogen  und durch kurzfristig ge-
       schulte gleichaltrige'  ersetzt. Diese  erhielten die Bezeichnung
       "druzinik". Vgl.  A.D. Kalinina,  Desjat' let rabotij po bor'be s
       detskoi besprizornost'ju, Moskau-Leningrad 1928, S. 88. Makarenko
       führt für  die Bezeichnung  des "jüngeren  Freundes" den Terminus
       "korezok" (Würzelchen) ein.
       14) G. Vauthier, a.a.O., S. 7, Anm. 1.
       15) J.M. Sacher,  Die Ideenwelt  von Anaxagoras Chaumette und ihr
       Verhältnis zum  Robespierrismus. In: Maximilien Robespierre 1758-
       1794, hrsg. von Walter Markov, Berlin/DDR 1961, S. 218/19.
       16) Zit.  nach   Antoine  Leon,   La  Révolution   Française   et
       l'éducation technique, Paris 1968, S. 249, Anm. 43.
       17) G. Vauthier, a.a.O., S. 13.
       18) Chartier, R./Compère,  M./Julia, D., L'èducation en France du
       XVIème siècle au XVIIIème siècle, Paris 1976, S. 224 f.
       19) Am 17.  Frimaire II  (7. Dez.  93) fällt der 13jährige Joseph
       Bara(t) im Bürgerkrieg. Am 25. Frimaire (15. Dez.) wird ein Brief
       des kommandierenden  Generals verlesen.  Zwei Tage  später widmet
       L.B. dem  Andenken Baras  einen Abschnitt  in den "Annales du Ci-
       visme et  de la Vertu". Auf Antrag Robespierres werden Bara am 8.
       Nivôse (28.  Dez.) die  Ehren des  Panthéons zuteil.  Wieder zwei
       Tage später  nimmt L.B.  das Vorbild  Bara in seine "Sammlung der
       heroischen Taten  der Republik" auf. Die "Sammlung" wurde am fol-
       genden Feiertag  ('Dekade') in  den Volksgesellschaften  und  den
       Schulen öffentlich verlesen.
       20) Proces-verbaux du  Comité d'instruction  ..., tome  2,  Paris
       1894, S. 167.
       21) Proces-verbaux du  Comité d'instruction  ..., tome 1, a.a.O.,
       S. 191.
       22) Ebenda, S. 127/S. 212. - In einer Denkschrift von 94 hob L.B.
       hervor, daß  die Zöglinge sich zu drei Vierteln aus "élèves de la
       Nation"  (bzw.  "enfants  adoptifs..."),  zu  einem  Viertel  aus
       "pensionnaires" zusammensetzten.  In seiner Zirkularverfügung vom
       29. Mai  1792 hatte  das damalige Kriegsministerium bestimmt, daß
       die Anstalt  mit 50 "Pensionären" ihre Tätigkeit beginnen sollte.
       Diese "Pensionäre" wurden aus den Stiftungsmitteln der kurz zuvor
       aufgelösten "Ecole  militaire" bezahlt.  Es handelt sich hier of-
       fensichtlich um ein Erbe aus vorrepublikanischer Zeit. Im übrigen
       ging es  der revolutionären  Anstaltserziehung nie um die gleiche
       Herkunft, sondern  die Herstellung  von Gleichheit  durch die so-
       ziale  Organisation  der  Erziehung  selbst  (vgl.  G.  Vauthier,
       a.a.O., S.  5 f.;  anders argumentierend:  F. Stübig,  a.a.O., S.
       466).
       23) Proces-verbaux du  Comité d'instruction  ..., tome 2, a.a.O.,
       S. 206, Anm. 1.
       24) Ebenda, S. 114.
       25) Archives Parlementaires, tome 90, S. 636.
       26) L'assistance publique à Paris ..., a.a.O., S. 291.
       27) S. Bernfeld, Leonard Bourdons System ..., a.a.O., S. 249.
       28) Ebenda.
       

       zurück