Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       FRIEDENSWISSENSCHAFT AN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM
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       Interview mit Jürgen Altmann, Institut für Experimentalphysik
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       der Ruhr-Universität Bochum
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       1. Die Losung  "Wissenschaft für  den Frieden"  soll an der Ruhr-
       Universität Bochum eine neue - jedenfalls größere - Bedeutung be-
       kommen. Mit  der Gründung eines Instituts für Friedenssicherungs-
       recht und  Humanitäres Völkerrecht  soll eine  interdisziplinäre,
       Forschung und  Lehre umfassende  Arbeit koordiniert  werden,  die
       Wissenschaft ganz offiziell für Frieden und Abrüstung einzusetzen
       sucht. Sie haben in der Fakultät für Physik ein Forschungsprojekt
       begonnen, das mit dem neuen Institut kooperiert. Worum handelt es
       sich dabei?  Wer trägt das Projekt, wie wurde es in Zeiten großer
       Mittelknappheit an den Hochschulen realisierbar?
       Seit April  1988 läuft  unser Projekt "Neue technische Mittel für
       kooperative Verifikation  in Europa". Wir wollen mit Methoden der
       Angewandten Physik  untersuchen, welche  Sensortechniken bei  der
       Überprüfung von  Abrüstungsmaßnahmen bei  der konventionellen Rü-
       stung eingesetzt  werden könnten.  Wir denken z.B. daran, daß man
       Panzer, die illegal die Begrenzung eines Reduzierungsraumes über-
       schreiten würden,  durch die  Messung ihrer  Schallemission sowie
       anhand von  Bodenvibration nachweisen  könnte. Ähnliche Techniken
       könnten helfen,  den Bestand an Flugzeugen auf einem Militärflug-
       platz zu erfassen. Die Überprüfung von Beschränkungen der konven-
       tionellen Rüstung wird sicher mit einer ganzen Reihe weiterer Me-
       thoden erfolgen,  von der kooperativen Inspektion vor Ort bis hin
       zu den  aufwendigen  unilateralen,  sog.  nationalen  technischen
       Überprüfungsmitteln (v.a.  Satelliten), die  nur den  USA und der
       UdSSR zur  Verfügung stehen. Wir wollen uns spezifisch den koope-
       rativen Techniken zuwenden und uns da auf die Sensoren im mittle-
       ren Entfernungsbereich,  zwischen 20  Meter und  vielleicht 2 km,
       konzentrieren.
       Das Projekt  wird völlig  von der  Stiftung Volkswagenwerk finan-
       ziert, und  zwar im Rahmen ihres Schwerpunkts "Forschung und Aus-
       bildung im  Bereich der Sicherheitspolitik". Der Antrag der Ruhr-
       Universität umfaßte  weiterhin ein  völkerrechtliches Projekt  zu
       "Waffenwirkung und Umwelt", das im neuen Institut für Friedenssi-
       cherungsrecht und  Humanitäres Völkerrecht durchgeführt wird. Der
       Antrag wurde auf drei Jahre bewilligt; ein Verlängerungsantrag um
       weitere zwei Jahre kann später gestellt werden.
       
       2. Wie gehen  Sie an  die nicht-naturwissenschaftlichen, speziell
       die politischen Fragen heran?
       Was völkerrechtliche  Aspekte angeht, haben wir direkt an der RUB
       Kooperationspartner im  neuen Institut.  Politikwissenschaftliche
       Fragen wollen  wir z.B.  durch Zusammenarbeit  mit Instituten der
       Friedensforschung angehen, etwa der Hessischen Stiftung Friedens-
       und Konfliktforschung  in Frankfurt,  wo ich  vor diesem  Projekt
       zwei Jahre lang beschäftigt war. Was unsere eigentliche naturwis-
       senschaftliche Arbeit  angeht, gehen wir von der Arbeitshypothese
       aus, daß  beide Bündnisse an Begrenzung, defensiver Umstrukturie-
       rung und  Abbau der  konventionellen Rüstung  interessiert  sind.
       Spezifische politische oder militärische Anforderungen an die Zu-
       verlässigkeit der  Überprüfung, an  das tolerierbare  Maß an Ein-
       sichtnahme in  die je  eigene Militärstruktur sowie an die Kosten
       eines Verifikationssystems  wollen wir  projektbegleitend aufneh-
       men, sobald sie Gestalt annehmen.
       
       3. Sind Ihrerseits  Gastvorträge, Kooperationsprojekte  etc.  mit
       Instituten im  In- und  Ausland vorgesehen?  Und:  können  andere
       Hochschulen von  Ihren Kenntnissen beim Aufbau ähnlicher Projekte
       einige Erfahrungen mit auf den Weg bekommen?
       Wir haben  das Projekt von Anfang an so angelegt, daß internatio-
       nale Kooperation dazugehört. Bei unserem Thema bietet es sich vor
       allem  an,   auch  mit  Naturwissenschaftlerfinnen)  und  Techni-
       ker(inne)n aus  den Ländern  der Warschauer  Vertragsorganisation
       (WVO) zusammenzuarbeiten.  Im Bereich  der  Teststopp-Überprüfung
       gibt es  ja ein gutes Vorbild durch die Zusammenarbeit des Natio-
       nal Resources  Defense Council  in den  USA mit  der Akademie der
       Wissenschaften der  UdSSR. Ihr  haben sich  jetzt auch  britische
       Geophysiker/innen angeschlossen. Warum soll ein ähnliches Vorden-
       ken und  Ausprobieren möglicher  technischer Lösungen  nicht auch
       bei der konventionellen Abrüstung möglich sein? Ich kann mir vor-
       stellen, daß  gemeinsame Experimente  sowie gemeinsam erarbeitete
       Kenntnisse und  Vorschläge auf  der Ebene  der  Naturwissenschaft
       dazu beitragen  können, den Einigungsprozeß der beteiligten Staa-
       ten und Bündnisse über Verifikationsmethoden voranzubringen.
       Was andere Hochschulen unseres Landes angeht, wollen wir fachlich
       mit den  Hamburger Kolleg(inn)en  zusammenarbeiten, die sich mehr
       den Fernsensoren  (an Bord  von Satelliten und vor allem Flugzeu-
       gen) zuwenden wollen. Wir sind gerne bereit, bei der Konzipierung
       und Beantragung ähnlicher Projekte an anderen Hochschulen mit Rat
       und Tat zu helfen.
       
       4. Welche Verantwortung sehen Sie heute für den einzelnen Wissen-
       schaftler im Zusammenhang mit der Rüstungsforschung? Ergeben sich
       aus dem  oft auch  militärischen Gebrauch  wissenschaftlicher Er-
       kenntnisse nicht  Konflikte, selbst  für die am Projekt aktiv Be-
       teiligten?
       Dies Thema  ist zu breit, als daß ich es hier angemessen darstel-
       len kann.  Generell denke  ich, daß Abrüstung einhergehen muß mit
       einem Abbau  der Rüstungsforschung und -entwicklung sowie mit de-
       ren Umstrukturierung  auf zivile, gesellschaftlich nützliche Pro-
       jekte. Das  ist nicht  zuletzt deshalb  erforderlich, damit nicht
       mühsam abgeschlossene  Begrenzungsverträge durch neue, destabili-
       sierende Waffentechniken unterlaufen werden.
       Was uns betrifft, so wissen wir, daß in der Rüstungsforschung und
       -entwicklung an  verwandten Themen  gearbeitet wird - etwa an der
       Ortung von Panzern durch Schall und Bodenvibration, um sie effek-
       tiver bekämpfen  zu können.  Diese Arbeit geschieht allerdings in
       der Regel  geheim. Daher  müssen wir auch Basisdaten neu messen -
       ein Problem,  das hier  nicht zum erstenmal auftritt. Unsere For-
       schung unterscheidet  sich von  Waffenforschung durch  ihre Ziel-
       stellung und  den späteren Einsatzkontext, der ein langfristiger,
       kooperativer ist.  Insbesondere  müssen  Verifikationsgeräte  und
       -systeme so ausgelegt werden, daß sie keine umfassende Ortsinfor-
       mation über  die beweglichen Systeme der anderen Seite geben. An-
       dernfalls könnten diese Zielkoordinaten Überraschungsangriffe er-
       leichtern und würden dadurch in einer Krise destabilisierend wir-
       ken. Ein  weiterer Unterschied  ist, daß unsere Ergebnisse veröf-
       fentlicht werden und somit weltweit zur Verfügung stehen.
       
       5. Halten Sie  es für  möglich, das  Projekt auch  zum festen Be-
       standteil der  Studienordnungen werden zu lassen, es dauerhaft zu
       verankern und so auch Nachwuchs-Naturwissenschaftler mit dem Spe-
       zialgebiet Abrüstung/Verifikation auszubilden?
       Konkret bei uns haben gerade zwei Physiker Arbeiten begonnen, die
       zu Dissertationen  führen sollen.  Generell möchte ich sagen, daß
       bei der Bedeutung, die Wissenschaft und Technik heute für die Rü-
       stung haben,  entsprechender Sachverstand  ebenso für Rüstungsbe-
       grenzung und  Abrüstung erforderlich ist. Bei der Ausbildung sol-
       cher Naturwissenschaftler/innen hat die Bundesrepublik - wie auch
       viele andere Länder - einen großen Nachholbedarf.
       Ich halte  eine Verankerung einer naturwissenschaftlich-technisch
       orientierten Friedens- und Abrüstungsforschung und entsprechender
       Lehre an  Universitäten unseres  Landes für  nötig - und auch für
       möglich. Im  Rahmen eines  zeitlich begrenzten  Projekts kann man
       nicht viel  mehr als  ein Beispiel  geben. Dauerhafte Verankerung
       ist möglich, wenn bei vielen Beteiligten - der Fakultät, der Uni-
       versität, dem Bundesland - genügend guter Wille vorhanden ist.
       
       6. Letzte Frage:  Glauben Sie,  daß die  Ergebnisse Ihrer  Arbeit
       Wirkung auf den Entspannungs- und Abrüstungsprozeß haben werden?
       Wir sind  uns darüber  im klaren,  daß der Übergang der NATO- und
       WVO-Staaten von  Konfrontation und Hochrüstung zu Kooperation und
       Abrüstung zuallererst  eine politische Frage ist, und beim grund-
       legenden Ändern einer politischen Orientierung spielen sicherlich
       andere Faktoren  eine erheblich wichtigere Rolle als naturwissen-
       schaftlich-technische Ergebnisse  - nehmen  sie z.B. den Abschluß
       des INF-Vertrags. Andererseits könnte es sein, daß eines nicht zu
       fernen Tages  die Existenz  ausgefeilter, zuverlässiger, nicht zu
       stark spionageverdächtiger und nicht zu teurer Überprüfungsmetho-
       den den Verhandlungspartnern in Wien eine schnellere Einigung er-
       laubt. Und  schließlich kann man sich vorstellen, daß der Verweis
       auf solche  Methoden ein wenig dazu beitragen kann, bei Entschei-
       dungsträgern und  allgemeiner Öffentlichkeit das politische Klima
       in Richtung auf Abrüstung zu verstärken.
       

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