Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       ENTWICKLUNGSPROBLEME DER DRITTEN WELT UND INTERNATIONALE
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       SOLIDARITÄT IM ZEICHEN NEUEN DENKENS
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       Zur Herausbildung eines "neuen Internationalismus"
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       Rainer Falk
       
       1. Defizite  traditionell-marxistischer Entwicklungstheorie  - 2.
       "Globale Probleme"  und Krise  der Dritten Welt - 3. "Neuer Kolo-
       nialismus": Herausforderungen für den Internationalismus der Lin-
       ken -  4. Neues Denken und Dritte-Welt-Politik der UdSSR - 5. Für
       einen neuen Internationalismus der Linken in den Metropolen
       
       "Auf die  historische Bühne  - sei  es im Osten oder im Süden, im
       Westen oder  im Norden  - sind  Hunderte Millionen Menschen, sind
       neue Nationen  und Staaten, neue gesellschaftliche Bewegungen und
       Ideologien getreten.  In den  breiten, nicht  selten  stürmischen
       Volksbewegungen kommt in all seiner Widersprüchlichkeit der Drang
       nach Unabhängigkeit,  Demokratie und  sozialer Gerechtigkeit  zum
       Ausdruck. Die  Idee der Demokratisierung der gesamten Weltordnung
       ist zu  einer mächtigen sozialen und politischen Kraft geworden."
       M.S. Gorbatschow am 7. Dezember 1988 vor der UNO
       
       Die kritische sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Problemen
       der Dritten Welt ist heute allenthalben durch weitgehende Ernüch-
       terung und  tiefgreifende Verunsicherungen  gekennzeichnet.  Dies
       gilt für  die theoretischen Analyseansätze ebenso wie für die an-
       gebotenen strategischen  Konzepte. Für  die neuere  entwicklungs-
       theoretische Diskussion  an den  Hochschulen läßt sich eine Trend
       Verschiebung konstatieren, die durch "die stärkere Gewichtung von
       innenpolitischen ('endogenen') Faktoren, die Abwendung vom depen-
       denz- und  imperialismustheoretischen Focus  des Weltmarktes  und
       die Hinwendung  zur Analyse  der  entwicklungspolitischen  Steue-
       rungs- und Handlungsdefizite der 'schwachen Staaten' in der Drit-
       ten Welt" gekennzeichnet ist 1). Wo vor Jahren noch ambitionierte
       entwicklungspolitische   Globalstrategien    (Stichworte    etwa:
       "Dissoziation vom  Weltmarkt", Neue  Weltwirtschaftsordnung)  das
       Feld der  Diskussion beherrschten,  hat sich Skepsis ausgebreitet
       und zur  eher pragmatischen Beschäftigung mit Einzelproblemen ge-
       führt, bisweilen  auch zur  Rückkehr zur  einstmals heftig kriti-
       sierten bürgerlichen  Modernisierungstheorie oder  gar zu abrupt-
       radikalen Frontenwechseln. 2)
       So problematisch dieser "chamäleonhafte" Hang zum Paradigmenwech-
       sel ist 3), so wenig Anlaß zur Selbstzufriedenheit besteht aller-
       dings für diejenigen, die über Jahre hinweg an traditionellen im-
       perialismustheoretischen Deutungsmustern festgehalten und die po-
       litisch-sozialen Prozesse  in der Dritten Welt nur allzu oft ein-
       seitig im  Raster eines  mehr oder weniger linearen Fortschritts-
       konzepts interpretiert  haben. Betrachtet man z.B. die neuere De-
       batte  unter   sowjetischen  Dritte-Welt-Forschern  4),  so  wird
       schnell klar:  In Frage steht nicht nur, ob in bezug auf das eine
       oder andere  Entwicklungsland Fehleinschätzungen  oder -prognosen
       getroffen wurden,  sondern die  Tragfähigkeit bisheriger analyti-
       scher und  strategischer Grundkonzepte  angesichts heutiger Wirk-
       lichkeiten. Notwendig - und bereits im Gange - ist eine Neubewer-
       tung des  Stellenwerts und  der Entwicklungsprobleme  der Dritten
       Welt.
       
       1. Defizite traditionell-marxistischer Entwicklungstheorie
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       Jahrzehntelang wurden politische und soziale Entwicklungsprozesse
       in der  Dritten Welt  vorrangig im  Kontext jenes  traditionellen
       Epochenbegriffs verortet,  der im  welthistorischen Übergang  vom
       Kapitalismus zum  Sozialismus die  entscheidende Determinante der
       Weltentwicklung seit  der  Oktoberrevolution  sieht.  Befreiungs-
       kämpfe, die  auf dem Boden der durch kolonial-kapitalistische und
       imperialistische  Durchdringung   hervorgebrachten   Widersprüche
       überall autochthon entstanden waren und sich entwickelten, wurden
       so vor allem als abhängige Funktion und Variable der globalen Sy-
       stemauseinandersetzung wahrgenommen.  Sie galten als "Spiegelbild
       für den  Stand, den  die revolutionären und demokratischen Kräfte
       des Antiimperialismus   i n   i h r e r  G e s a m t h e i t  bei
       der Durchsetzung  des Epochencharakters, damit bei der Lösung des
       Grundwiderspruchs zwischen Sozialismus und Imperialismus im Welt-
       maßstab wirklich bereits erreicht hatten". 5)
       Wenn dies  als Deutungsmuster für politische und soziale Prozesse
       in der  Dritten Welt  heute zu  Recht hinterfragt wird, so nicht,
       weil in Abrede zu stellen wäre, daß die sozialistischen Umwälzun-
       gen, zuerst  in Rußland, nach dem Zweiten Weltkrieg auch in ande-
       ren osteuropäischen  Ländern und in China, einen mächtigen Impuls
       für die  antikolonialen Bewegungen  in Afrika und Asien darstell-
       ten. Vielmehr fragt sich  e r s t e n s,  ob der zugrundeliegende
       Epochenbegriff angesichts  abnehmender weltweiter  revolutionärer
       Dynamik nicht  selbst obsolet  geworden ist.  6)  Und    z w e i-
       t e n s   ist die Unterordnung politischer und sozialer Kämpfe in
       der Dritten  Welt unter  die Systemauseinandersetzung ganz grund-
       sätzlich deshalb in Zweifel zu ziehen, weil sie den Blick für die
       eigenständige Qualität  der dortigen Entwicklungen verstellt. Der
       sowjetische Entwicklungsländerexperte G. Mirskij hat dieses lange
       Zeit vorherrschende (und auch heute noch anzutreffende) reduktio-
       nistische  Dritte-Welt-Verständnis   kürzlich  mit   Hilfe  einer
       Metapher deutlich  gemacht: "Zwei  Schalen einer  Waage: die eine
       symbolisiert den  Kapitalismus, die  andere den  Sozialismus. Und
       das Gewicht,  das das Pendel zum Ausschlagen bringt, heißt Dritte
       Welt." 7)
       Das Festhalten an den genannten Konzepten hatte für die theoreti-
       sche Analyse gesellschaftlicher Vorgänge in den Ländern der Drit-
       ten Welt, vor allem hinsichtlich ihres Realitätsgehalts und ihrer
       prognostischen Tragfähigkeit,  gravierende Konsequenzen. Sie las-
       sen sich  als systematische Überschätzung des in der Dritten Welt
       sich  entwickelnden  Sozialrevolutionären  Fortschrittspotentials
       zusammenfassen, die  einhergeht mit  einer systematischen  Unter-
       schätzung des  kapitalistischen Weltmarktzusammenhangs und dessen
       ungenügender Vermittlung  mit internen Klassenkonstellationen in-
       nerhalb der  einzelnen Länder.  Diese allgemeine  Kritik soll  im
       folgenden nur stichwortartig vertieft werden:
       Dem traditionellen Epoche-Verständnis "als einer ständigen Einen-
       gung der  Positionen des  Kapitalismus, des Abfallens immer neuer
       Länder vom  kapitalistischen System"  8) entsprechend, wurde auch
       der Befreiungskampf  in der Dritten Welt im wesentlichen als auf-
       steigende Linie  mit mehr  oder weniger  ununterbrochener Dynamik
       interpretiert. Die  reale politische  und gesellschaftliche  Ent-
       wicklung wurde im Raster eines idealtypischen Verlaufsmusters ge-
       sehen, bei  dem auf den Kampf um nationale Unabhängigkeit und po-
       litisch-staatliche Selbständigkeit  "gesetzmäßig"  der  Kampf  um
       ökonomische Unabhängigkeit und soziale Emanzipation (und schließ-
       lich um den Sozialismus) folgt. Hierfür gab es zwar in der Reali-
       tät zu  einem bestimmten  Zeitpunkt durchaus  Anhaltspunkte; aber
       aus heutiger  Sicht ist  dieser Standpunkt  kaum noch aufrecht zu
       erhalten. 9)  Zumindest müßte erklärt werden, wieso etwa die öko-
       nomische Situation  sich oftmals  gerade in den Ländern besonders
       katastrophal ausnimmt,  die in  der  Propagierung  der  genannten
       Etappenziele als besonders konsequent anzusehen sind.
       Schon im Theorie-Konzept des "nichtkapitalistischen Entwicklungs-
       wegs", das  später vielfach  modifiziert und  differenziert wurde
       (vom "sozialistisch  orientierten Entwicklungsweg"  bis  zum  Weg
       "sozialistischer Entwicklung"),  war eine "Kluft zwischen Theorie
       und Praxis"  10) unübersehbar  geworden. Mit dem Verweis auf pro-
       grammatisches Selbstverständnis und verbale Deklarationen der je-
       weiligen politischen  Führungskräfte konnten  die  Schwachstellen
       des theoretischen Ansatzes zwar zeitweilig überdeckt und auch dem
       staatspolitischen Bedürfnis  nach  diplomatischer  Rücksichtnahme
       genüge getan  werden. Als  jedoch in  immer mehr Ländern die Ent-
       wicklung einen  anderen - als den durch die Theorie vorgezeichne-
       ten -  praktischen Verlauf nahm und in einer Reihe von Fällen ab-
       rupte außen-  und innenpolitische  Kurswechsel (Ägypten, Somalia)
       stattfanden, traten auch die theoretischen Defizite deutlich her-
       vor: Die  klassenmäßige Ambivalenz sowohl des staatlichen Sektors
       in der  Wirtschaft 11)  als auch der Staatsmacht generell und der
       sie tragenden  klassenübergreifenden Koalitionen  oder intermedi-
       ären Schichten  war zumeist  einseitig (und zweckoptimistisch) im
       Sinne der  darin angelegten Möglichkeit einer auf den Sozialismus
       orientierten  Entwicklung   analysiert  worden,   während   deren
       (prinzipiell ebenso denkbare) Funktion als Wegbereiter oder sogar
       Akzeleratoren kapitalistischer  Gesellschaftsverhältnisse  allen-
       falls benannt worden war, für die Mehrzahl der konkreten Analysen
       jedoch keine Relevanz hatte. 12)
       Die Kehrseite dieses Ansatzes, der gesellschaftlichen Fortschritt
       mit   n i c h t kapitalistischen   Entwicklungsoptionen identifi-
       zierte, bestand  daher notwendigerweise in der Unterschätzung des
       kapitalistischen Entwicklungspotentials  in der  Dritten Welt. In
       der Tradition der "klassischen" Imperialismus- und Neokolonialis-
       musanalyse galt  das Hauptinteresse dem Nachweis vielfältiger Ab-
       hängigkeits- und  Ausbeutungsstrukturen, die  dem Kapitalismus in
       den Entwicklungsländern  nur wenig  Spielraum lassen. Jedoch ver-
       wies gerade  der  Differenzierungsprozeß  unter  kapitalistischen
       Entwicklungsländern (mit  der Herausbildung sog. Newly Industria-
       lized Countries  in Ostasien,  Schwellenländern in Lateinamerika,
       LLDC's usw.)  auf die  Grenzen solcher  Erklärungsschemata.  Denn
       hier zeigte  sich eine  Varianzbreite  kapitalistischer  Entwick-
       lungswege bei ähnlichen Weltmarktbedingungen, die mit dem Theorem
       neokolonialer Abhängigkeit allein kaum noch zu erklären war.
       Offensichtlich sind  auch  unter  den  Bedingungen  neokolonialer
       Weltmarktabhängigkeit unterschiedliche  Formen  der  Verarbeitung
       dieser "äußeren"  Rahmenbedingungen möglich,  wobei  die  interne
       Kräftekonstellation und  die Politik der herrschenden Kräfte eine
       entscheidende Rolle  spielt. Paradoxerweise lassen sich gerade in
       dieser Hinsicht gegen die traditionell-marxistische Entwicklungs-
       theorie ähnliche  Einwände vorbringen,  wie sie gegenüber der von
       dieser oftmals  als "ultralinks" kritisierten funktionalistischen
       Variante der  Dependenztheorie (Frank,  Amin,  Senghaas,  Waller-
       stein) formuliert  worden sind  13): daß  nämlich interne und ex-
       terne Faktoren  im Entwicklungsprozeß  auf ungenügende Weise dia-
       lektisch miteinander vermittelt werden, daß den internen Klassen-
       auseinandersetzungen keine  entscheidende Rolle beigemessen wird,
       daß schließlich  auch die Verantwortung der herrschenden "Eliten"
       für Fehlentwicklungen weitgehend ausgeklammert bleibt. Sind letz-
       tere nicht schon wegen ihres verbalen Antiimperialismus gegenüber
       Kritik abgeschirmt,  so erscheinen  sie zumindest als unschuldige
       Opfer des Imperialismus. Dies mag überspitzt formuliert sein, ist
       aber als  Grundtendenz in  zahlreichen Einschätzungen der Vergan-
       genheit (vom  Peronismus bis  zu Idi  Amin) nachweisbar  und aufs
       engste verknüpft mit einer "festverankerten Tradition", "die öko-
       nomischen wie auch alle anderen Schwierigkeiten der Entwicklungs-
       länder vorwiegend durch das Prisma ungünstiger äußerer Einwirkun-
       gen, des  kolonialen Erbes, neokolonialer Ausbeutung, der Einwir-
       kung multinationaler Konzerne usw. zu betrachten". 14)
       Die Verengung  des Blickwinkels  auf die Systemauseinandersetzung
       sowie eindimensionale,  schablonenhafte  Erklärungsmuster  hatten
       gleichzeitig zur  Folge, daß Widerspruchskomplexe und Bedrohungs-
       potentiale, die  sich "quer" oder jenseits zu dieser "Hauptachse"
       herausbildeten, nicht  oder erst  mit erheblicher  Verspätung  im
       Vergleich zu  anderen wahrgenommen wurden: Das betrifft zum einen
       soziale und  politische  Konfliktfaktoren  in  der  Dritten  Welt
       selbst, die sich nur schwer bzw. nur sehr vermittelt mit den her-
       kömmlichen Kategorien  des Antiimperialismus  fassen ließen: etwa
       die zunehmende  Bedeutung regionaler Hegemoniekämpfe, die Häufung
       vornehmlich ethnisch  und/oder  ideologisch-religiös  motivierter
       Auseinandersetzungen (Islam-Renaissance!)  usw. Zum  anderen gilt
       dies auch für globale Problemkomplexe länder-, kontinent- und vor
       allem systemübergreifenden  Charakters. Gerade  die Rede  von den
       globalen Problemen,  die sich  heute unter  Marxistinnen höchster
       Beliebtheit erfreut,  und die  These von  den trotz aller Asymme-
       trien wachsenden  gegenseitigen Abhängigkeiten im internationalen
       System (Interdependenz)  wurden lange Zeit als "hinterlistige In-
       trige der  Klassengegner" 15)  oder als  die realen Machtverhält-
       nisse nur  verschleiernde Konzepte  16) abgelehnt.  Die theoreti-
       schen Schwierigkeiten  bei der  Analyse globaler Probleme ergeben
       sich offensichtlich  gerade daraus, daß sich ihre Zuspitzung zwar
       unter den Bedingungen kapitalistischer Globalität vollzieht, eine
       auf den  traditionellen imperialismustheoretischen Verursachungs-
       zusammenhang beschränkte oder reduzierte Argumentation jedoch we-
       der in  der Lage  ist, die kumulativen, sich selbst verstärkenden
       Wirkungen der  globalen Probleme,  noch ihre tieferliegenden Ver-
       knüpfungen mit  gesellschaftlichen Krisenprozessen hinreichend zu
       erklären.
       
       2. "Globale Probleme" und Krise der Dritten Welt
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       Bedrohungen und  Gefährdungen globaler  Art werden  gemeinhin  in
       drei Problemkomplexen gesehen: 17)
       (1) Das betrifft  natürlich erstens  d i e  P r o b l e m a t i k
       d e r   i n  d e n  R ü s t u n g e n  i n  W e s t  u n d  O s t
       a u f g e h ä u f t e n    Z e r s t ö r u n g s p o t e n t i a-
       l e   mit ihren  negativen Effekten  auf die  wirtschaftliche und
       soziale Entwicklung  und der damit prinzipiell gegebenen Möglich-
       keit zur Vernichtung der menschlichen Existenz schlechthin.
       (2) Das betrifft  zweitens    d i e    B e d r o h u n g    u n d
       Z e r s t ö r u n g   d e r   n a t ü r l i c h e n  L e b e n s-
       g r u n d l a g e n   d e r  M e n s c h h e i t,  angefangen bei
       der Verschmutzung der Umwelt, über die Aufheizung der Atmosphäre,
       die Zerstörung  tropischer Regenwälder mit ihren unkalkulierbaren
       Auswirkungen auf die globale Klimaentwicklung, die Überausbeutung
       regenerierbarer und  nichtregenerierbarer Ressourcen,  bis hin zu
       sich  häufenden   Technikkatastrophen  vom  Typ  Tschernobyl  und
       Harrisburg, Seveso oder Bophal.
       (3) Schließlich   d i e   P r o b l e m e   d e r   D r i t t e n
       W e l t,   wo sich  die Überlebensfrage  heute schon  im wahrsten
       Sinne des  Wortes für  zwei Drittel der Menschheit stellt und die
       nicht nur wegen der Dimension des Problems, sondern auch insofern
       von globaler Bedeutung ist, als relative Wohlstands- und Stabili-
       tätsinseln in  einer Umwelt sich selbst verschärfender Widersprü-
       che auf Dauer nicht möglich sein werden.
       Verschiedentlich werden  auch   d i e   "B e v ö l k e r u n g s-
       e x p l o s i o n"  und  d i e  w e l t w e i t e  R e s s o u r-
       c e n v e r k n a p p u n g   als eigenständige  globale Probleme
       genannt. Doch  dies scheint  mir wenig  stichhaltig, ist doch die
       Bevölkerungsentwicklung eine  Funktion der  Gesellschaftsentwick-
       lung  und   die  Ressourcenfrage  aufs  engste  mit  dem  Problem
       rationaler oder  irrationaler Produktivkraft- und Technikentwick-
       lung verknüpft.
       Allen diesen  Problemkomplexen und  ihrer Zuspitzung  liegt  eine
       tieferliegende, objektive  Tendenz zugrunde. Diese äußert sich in
       der zunehmenden  Internationalisierung von  Produktions- und  Le-
       bensbereichen, in  Prozessen wachsender,  vor allem auch interna-
       tionaler Vergesellschaftung  im Zuge des wissenschaftlich-techni-
       schen Fortschritts (einschließlich der "Fortschritte" auf dem Ge-
       biet der  Militärtechnologie) und führt zu wachsenden Interdepen-
       denzen von  Interessen, Problemen  und Problemlagen. Es ist diese
       o b j e k t i v e  T e n d e n z  w a c h s e n d e r  I n t e r-
       n a t i o n a l i s i e r u n g   u n d   s p r u n g h a f t e r
       P r o d u k t i v k r a f t r e v o l u t i o n i e r u n g,  die
       auch der  Krisenhaftigkeit  k a p i t a l i s t i s c h e r  Ent-
       wicklung zugrundeliegt  und über  die folglich  die Herausbildung
       globaler Bedrohungen  und die  kapitalistische  Krisenentwicklung
       auf vielfältige  Weise miteinander  verknüpft sind.  18)    D i e
       C r u x   l i e g t   h e u t e   z u m    g r o ß e n    T e i l
       d a r i n,   d a ß   -   b e i   w a c h s e n d e r   I n t e r-
       d e p e n d e n z     v o n     P r o b l e m e n     -     d i e
       S t e u e r u n g s-  u n d  R e g u l i e r u n g s k a p a z i-
       t ä t e n,   d i e   z u r   B e a r b e i t u n g    d i e s e r
       P r o b l e m e   z u r   V e r f ü g u n g  s t e h e n,  a l l-
       e n t h a l b e n   a b g e n o m m e n   h a b e n,    teils  im
       Ergebnis kapitalistischer  Krisenentwicklung, teils  aufgrund der
       kumulativen,  sich  gegenseitig  hochschaukelnden  Wirkungen  der
       globalen Probleme  selbst. Doch   e s    i s t    z u g l e i c h
       e b e n   d i e s e s  F e l d  v o n  W i d e r s p r ü c h e n,
       a u s   d e m  s i c h  h e u t e  d i e  A n s a t z p u n k t e
       f ü r     a l t e r n a t i v e s  (in   der   Perspektive   auch
       systemüberwindendes)   H a n d e l n  e n t w i c k e l n  l a s-
       s e n   und in  der  täglich  erlebten  Praxis  auch  entwickeln.
       Insofern birgt  der  globale  Problemkomplex  auch  neue  Chancen
       gerade für  die Entwicklung  internationalistischer  Politik  und
       internationalistischen Bewußtseins.
       Hermann Bömer  hat in  einem kürzlichen Diskussionsbeitrag 19) zu
       Recht darauf verwiesen, daß es notwendig ist, die Diskussion glo-
       baler Probleme  konkret-historisch und  auf empirischer Grundlage
       anzugehen. So  gesehen,  erscheint  uns  die  Dritte  Welt  heute
       zunächst (und  vor allem)  als Konglomerat  von  Krisensyndromen.
       H u n g e r k r i s e  und  S c h u l d e n k r i s e  sind hier-
       für nur  die sichtbarsten Auswüchse (mit starker Medienaktualität
       in  den   letzten  Jahren).   Dahinter  steht   eine   allgemeine
       W a c h s t u m s-    u n d    E n t w i c k l u n g s k r i s e,
       deren wesentliches Kennzeichen nicht nur im Zurückbleiben der Er-
       gebnisse der wirtschaftlichen Entwicklung hinter den Erwartungen,
       sondern auch  (und vor  allem) darin besteht, daß die jahrzehnte-
       lang zugrundegelegten  Leitvorstellungen von  Entwicklung  selbst
       obsolet geworden  sind. Dies  betrifft natürlich  im wesentlichen
       die Paradigmen  kapitalistischen Wachstums, aber auch die ehrgei-
       zigen Entwicklungsziele  unter sozialistischem  Vorzeichen müssen
       heute in vielen Fällen als gescheitert angesehen werden.
       Die  ö k o l o g i s c h e  K r i s e  treibt in der Dritten Welt
       auf Ausmaße zu, die die Dimensionen der Umweltzerstörung, wie wir
       sie aus  eigener Erfahrung  kennen, heute  schon bei weitem über-
       treffen. Im  Gegensatz zu den Industrienationen beruht die ökolo-
       gische Problematik  der Dritten Welt nicht allein auf dem Zerstö-
       rungspotential des  technologischen Fortschritts und dessen unge-
       planter bzw.  verantwortungsloser Anwendung angesichts steigender
       Bevölkerungszahlen, "sondern  auch auf elementarer Armut (die ih-
       rerseits die  Bevölkerungszunahme  wesentlich  mitbedingt)".  20)
       Vielerorts  ist  alles  dies  mit  einer    p o l i t i s c h e n
       K r i s e  der Herrschaftssysteme verbunden, was sich in wachsen-
       der Unkontrollierbarkeit  gesellschaftlicher Prozesse bis hin zur
       Auflösung elementarster  staatlicher Strukturen und/oder in einer
       Tendenz zu  diktatorischen Regierungen äußert. Schließlich dürfen
       eine Reihe von  R e g i o n a l k r i s e n  nicht vergessen wer-
       den, die sich vor dem Hintergrund zunehmender Militarisierung und
       von Faktoren,  die sich  traditioneller Erklärung  s Schemata des
       Antiimperialismus weitgehend entziehen, in zahlreichen regionalen
       Kriegen und Konflikten entladen.
       Es ist  deutlich, wie  sehr sich  das Bild  in nicht allzu langer
       Zeit geändert  hat. Während es noch Anfang der siebziger Jahre so
       ausgesehen hatte,  als würde der Befreiungskampf der Dritten Welt
       in eine neue Etappe eintreten, als würde über kurz oder lang eine
       Neue Internationale  Wirtschaftsordnung an  die Stelle der alten,
       aus der  Kolonialzeit überkommenen Abhängigkeitsverhältnisse tre-
       ten, so  scheint heute  eher das  Gegenteil eingetroffen zu sein:
       Mehr als jemals zuvor sind die Länder und Völker der Dritten Welt
       in ihren Lebens- und Entwicklungsperspektiven von Einflußfaktoren
       abhängig, auf  die sie nur geringen oder überhaupt keinen Einfluß
       haben.  Zinssätze,  Rohstoffpreise,  nichtäquivalenter  Tausch  -
       diese "ferngesteuerten  Raketen", wie  Fidel Castro  sagt, "töten
       bislang Millionen Menschen in der ausgeplünderten Welt. Sie brin-
       gen um  durch Hunger,  Krankheit, Arbeitslosigkeit und Kriminali-
       tät". Es  ist ein  unerklärter "Dritter  Weltkrieg", ein ökonomi-
       scher Krieg,  in dem  die Menschen sterben, ohne daß ein einziger
       Schuß fällt. 21)
       
       3. "Neuer Kolonialismus" -
       --------------------------
       Herausforderungen für den Internationalismus der Linken
       -------------------------------------------------------
       
       Vorherrschend ist  heute offensichtlich  eine Tendenz  zur  "R e-
       k o l o n i s i e r u n g"    der  Dritten  Welt,  die  jeglichen
       Emanzipationsbestrebungen enge  Grenzen setzt  und selbst elemen-
       tarsten Lebensinteressen  ganzer Völker  den Boden  entzieht. 22)
       Dieser   "n e u e   K o l o n i a l i s m u s"   kann  weder  als
       bloße Fortschreibung  dessen begriffen werden, was in den sechzi-
       ger und  siebziger Jahren als Neokolonialismus beschrieben wurde,
       noch als eine Art Neuauflage traditioneller imperialistischer Ko-
       lonialpolitik. Und dies nicht einmal so sehr deshalb, weil er die
       bislang dagewesenen  Formen der  Vorherrschaft und der Ausplünde-
       rung an  Effizienz bei  weitem übertrifft.  Denn:   E r s t e n s
       ist dieser  "neue Kolonialismus"  - so wie er sich herausgebildet
       hat und  sich geriert - selbst noch Ausdruck eines tiefgreifenden
       Strukturbruchs im  System der weltweiten kapitalistischen Akkumu-
       lation und  der internationalen Beziehungen. Und  z w e i t e n s
       zerstört er wesentliche Grundlagen des nach dem Zweiten Weltkrieg
       entstandenen Nord-Süd- oder besser: West-Süd-Verhältnisses, wobei
       dieser Vorgang  erstmals auch wieder die Stabilität und Lebensfä-
       higkeit  von  gesellschaftlichen  Strukturen  in  den  Metropolen
       ernsthaft berührt.
       In seinem  Buch "La  deuda externa de America Latina - el automa-
       tismo de  la deuda"  beschreibt der lateinamerikanische Soziologe
       Franz Hinkelammert  diese Veränderung so: Die Schuldenpolitik des
       Imperialismus stelle in Wirklichkeit "eine internationale Politik
       der weitestmöglichen Verhinderung oder Begrenzung der Entwicklung
       der unterentwickelten  Länder (dar),  um zukünftige  Konkurrenten
       nicht zu  fördern. Es ist eine Politik, die die unterentwickelten
       Länder auf  eine Ergänzungsfunktion  zu den  entwickelten Ländern
       einzuschränken versucht, die in der Bereitstellung von Rohstoffen
       besteht, wobei die Naturzerstörung zugunsten der industrialisier-
       ten Länder  eingeschlossen ist.  Die Länder des Zentrums erhoffen
       sich von  der Entwicklung der unterentwickelten Länder keine Vor-
       teile mehr  und stellen sich ihr jetzt entgegen. Sie polarisieren
       die Welt noch mehr und glauben, die unheilvollen Folgen einer Po-
       litik der brutalen Stärke beherrschen zu können." 23)
       Genau das  ist offensichtlich  das Problem: Der mit dem kapitali-
       stischen Wachstumsmodell der Nachkriegsperiode ("Fordismus"/"Key-
       nesianismus") einhergehende  Neokolonialismus hatte  auch für die
       Entwicklungsländer bis  zu einem  gewissen Grade  Wachstums-  und
       Entwicklungsgarantien  bereitgehalten,   die   jedoch   vor   dem
       Hintergrund der  Krise dieses Modells nicht mehr eingelöst werden
       können. Im  Ergebnis kommt  es  zur  Blockade  von  (ohnehin  de-
       formierten) Entwicklungsprozessen  in der Dritten Welt, bisweilen
       auch zu  Rückentwicklungen in  Form von Deindustrialisierungspro-
       zessen und (Beinahe-)Zusammenbrüchen. 24)
       Infolge des  inzwischen erreichten Grads der internationalen Ver-
       flechtung stellt  sich das Problem der  R ü c k w i r k u n g e n
       i n t e r n a t i o n a l e r  K r i s e n p r o z e s s e  a u f
       d i e   S y s t e m e   u n d    B e v ö l k e r u n g e n    i n
       d e n   k a p i t a l i s t i s c h e n  Z e n t r e n  heute je-
       doch auf  besonders dringliche  und neue Weise. In ihrer Verknüp-
       fung mit  globalen Problemlagen  und vermittelt über einen gewan-
       delten Typ  der internationalen  Akkumulation von Kapital bleiben
       die Metropolen von diesen Entwicklungen nicht verschont:
       Die   "N e u e  I n t e r n a t i o n a l e  A r b e i t s t e i-
       l u n g"   25) hat  in Verbindung mit der flächendeckenden Anwen-
       dung neuer  Technologien zu  struktureller Massenarbeitslosigkeit
       und neuer  sozialer Armut  in den  Industrieländern geführt;  die
       Armut -  und zwar  in krassen  Formen, die  viele bislang  in die
       Dritte Welt  verbannt glaubten  - ist sozusagen in die Metropolen
       des Kapitals zurückgekehrt; zugleich ist der Wohlstand und Konsum
       des oberen Drittels der Gesellschaft in bislang kaum vorstellbare
       Dimensionen gewachsen  (Yuppieisierung/DINKS =  Double Income, No
       Kids etc.).
       Die   "N e u e   I n t e r n a t i o n a l e   F i n a n z o r d-
       n u n g"   26), die  hinter dem Schuldenproblem sichtbar wird und
       sich in  einer Verlagerung der "Investitionsschwerpunkte" von der
       real wirtschaftlichen in die monetäre Sphäre bemerkbar macht, hat
       diese Entwicklungen  weiter verschärft;  in  Verbindung  mit  dem
       reaktionär-monetaristischen und  auf  aggressive  Behauptung  von
       Weltmarktpositionen des jeweiligen Kapitals ausgerichteten Moder-
       nisierungskurs in  der Wirtschaftspolitik  wurden die  Beschäfti-
       gungssysteme untergraben  und die  traditionellen sozialen Siche-
       rungssysteme in den Metropolen weiter ausgehöhlt. Neue Formen so-
       zialer Segmentierung  (auch innerhalb der Arbeiterklasse) und der
       Ausgrenzung relevanter Bevölkerungsgruppen sind entstanden; unge-
       schützte,  "flexibilisierte"   Beschäftigungsverhältnisse  nahmen
       ebenso zu  wie Formen  der absoluten  Verarmung und  Verelendung.
       Dies alles  hat die  Kampf- und  Handlungsbedingungen der Gewerk-
       schaftsbewegung grundlegend  verändert, zum Entstehen neuer sozi-
       aler Bewegungen  geführt und  die Arbeiterbewegung  insgesamt vor
       neue Herausforderungen gestellt.
       Doch nicht  nur die  Arbeiterbewegung!    D i e    E n t w i c k-
       l u n g s k r i s e  d e r  D r i t t e n  W e l t  e r w e i s t
       s i c h   i n   d i e s e r   P e r s p e k t i v e  n u r  a l s
       e i n   M o m e n t   e i n e r  u m f a s s e n d e n  K r i s e
       d e s   k a p i t a l i s t i s c h e n   'R e g u l a t i o n s-
       m o d u s'   d e r    N a c h k r i e g s p e r i o d e.    Diese
       schließt u.a. ein: die Krise der überkommenen Hegemoniestrukturen
       innerhalb  des  kapitalistischen  Weltsystems  mit  den  USA  als
       unumstrittener Führungsmacht;  die Heraufkunft neuer Machtzentren
       von der  EG und  Japan bis  hin zum Aufstieg einer kleinen Gruppe
       "neu-industrialisierter" Staaten,  den sog.  vier Tigern des ost-
       asiatischen Raums; die fortschreitende Aushöhlung und Erschöpfung
       nationalstaatlicher  und  internationaler  Steuerungskapazitäten,
       wie sie  sich im  Versagen der traditionellen Konjunkturpolitiken
       ebenso äußern wie in anhaltenden währungspolitischen Labilitäten,
       einer wachsenden  Tendenz zu  handelspolitischen Konflikten  oder
       auch in den Turbulenzen des internationalen Kreditsystems.
       Es ist  offenkundig, daß  die Linke angesichts einer solchen Kon-
       stellation  nicht   weniger,  sondern   mehr   Internationalismus
       braucht. Ebenso  offensichtlich sollte  auch sein,  daß dies  ein
       neuer, auf die heutigen Bedingungen "zugeschnittener" und aus den
       heutigen Widerspruchskomplexen  heraus entwickelter Internationa-
       lismus sein  muß -  ein Internationalismus, der sich zum Beispiel
       nicht mehr beschränken kann auf die bilaterale Unterstützung ein-
       zelner Bewegungen  an den "Brennpunkten" oder auf die internatio-
       nale Zusammenarbeit  einzelner ideologischer Richtungen, etwa der
       kommunistischen oder sozialdemokratisch-sozialistischen Parteien.
       Zwar bleiben  internationale kapitalistische  Ausbeutung und sich
       verschärfende soziale  Widersprüche  im  Innern  ein  permanenter
       Nährboden für  die Entstehung  sozialer Befreiungsbewegungen. Die
       Sicherung des  elementarsten Lebensrechts  der in  ihrer Mehrheit
       unterdrückten und  abhängigen  Bevölkerung  der  Peripherieländer
       bleibt unter  diesen Bedingungen  eine mobilisierende  Vision des
       Befreiungskampfes. Die soziale Emanzipation der Menschen und Völ-
       ker stößt jedoch immer deutlicher an die Grenzen "äußerer", welt-
       wirtschaftlich bedingter  Zwangsverhältnisse. Der  Kampf um  eine
       neue Weltwirtschaftsordnung,  das heißt um grundlegend neugestal-
       tete internationale Rahmenbedingungen, bleibt deshalb ein aktuel-
       les Problem der Dritten Welt, und nicht nur der Dritten!
       Ein "neuer Internationalismus" wird sich unter diesen Bedingungen
       nicht mehr nur negativ auf die Kritik des bestehenden Systems und
       der bestehenden Verhältnisse (im Sinne des traditionellen Antiim-
       perialismus) beziehen können, sondern überzeugende Gegenentwürfe,
       ebenso radikale  wie realistische  Alternativen zum  herrschenden
       Status quo  formulieren müssen.  Er wird  sich dabei zugleich und
       vorrangig an  den Überlebenserfordernissen  des Atomzeitalters zu
       orientieren haben.
       
       4. Neues Denken und Dritte-Welt-Politik der UdSSR
       -------------------------------------------------
       
       Welche realen  Ansatzpunkte gibt  es für eine solche Politik? Die
       Politik der  UdSSR in  Bezug auf die Dritte Welt seit dem Amtsan-
       tritt von  Michail Gorbatschow ist in vielerlei Hinsicht eine Re-
       aktion auf  diese neuen  Herausforderungen, aber auch Möglichkei-
       ten. Wodurch  ist sie gekennzeichnet? Ohne dieses Thema an dieser
       Stelle umfassend,  geschweige denn erschöpfend, behandeln zu kön-
       nen 27), sei doch auf einige zentrale Momente hingewiesen:
       (1) -  Neu ist  zunächst die Perzeption von Dritte-Welt-Problemen
       durch sowjetische Wissenschaftler, Publizisten und Politiker; neu
       ist vor  allem der    R e a l i s m u s    i n    d e r    E i n-
       s c h ä t z u n g   g e s e l l s c h a f t l i c h e r    P r o-
       z e s s e   in diesen  Ländern: So  problematisieren  sowjetische
       Wissenschaftler heute  zum  Beispiel  die  früher  vorherrschende
       Tendenz, "in  jeder Aktion eines Entwicklungslandes, das sich ge-
       gen irgendeinen  imperialistischen Staat richtet, die Offenbarung
       des Antiimperialismus  und revolutionären  Geistes" zu sehen, wo-
       durch nicht nur die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus in
       der Dritten  Welt unterschätzt, sondern auch unmittelbar außenpo-
       litische Fehlentscheidungen (z.B. Afghanistan) begünstigt wurden.
       Oder: In  Bezug auf die Thesen vom nichtkapitalistischen bzw. so-
       zialistisch orientierten Entwicklungsweg wird kritisiert: "Leider
       wurden in  der Mehrzahl der Arbeiten häufig Wünsche als Wirklich-
       keit ausgegeben."  28) So  fehlte der  sowjetischen Entwicklungs-
       strategie z.B.  auch ein  triftiges Konzept  landwirtschaftlicher
       Entwicklung -  unter den Bedingungen von Unterentwicklung und Ab-
       hängigkeit zweifellos eine Schlüsselfrage. 29)
       Die Dritte  Welt war  offensichtlich  nicht  die  unerschöpfliche
       Quelle neuer  antiimperialistischer und  sozialistischer Entwick-
       lungen, für  die man  sie hielt. Die Durchsetzung solcher Modelle
       erwies sich  angesichts der  Dominanz kapitalistischer Strukturen
       im Weltwirtschaftssystem  als äußerst  schwierig, kostspielig und
       in vielen Fällen sogar unmöglich. Über bilaterale Schwerpunktset-
       zung der  Hilfe auf  fortschrittliche Entwicklungsländer  -  jah-
       relang das herausragende Merkmal der sowjetischen Dritte-Welt-Po-
       litik -  konnte nicht gewährleistet werden, daß "die Idee des So-
       zialismus  auf  dem  Planeten  voranschritt"!  Nebenbei  bemerkt:
       Vieles Lamentieren über einen angeblichen Rückzug der Sowjetunion
       aus der Dritten Welt und einen angeblichen Verlust an Internatio-
       nalismus, wie  es bei  einem Teil  der "Altlinken" hierzulande in
       Mode zu  kommen scheint, hängt offensichtlich damit zusammen, daß
       man sich standhaft weigert, diese Realitäten zur Kenntnis zu neh-
       men.
       (2) - Neu ist - dies muß gerade gegenüber den letztgenannten Kri-
       tikern betont  werden - auch der erhöhte Stellenwert, den Dritte-
       Welt-Probleme heute  in der  sowjetischen Außenpolitik einnehmen.
       Diese Aufwertung  der Dritten  Welt ist  zwangsläufig, wenn deren
       Entwicklungskrise als  globales Problem definiert und diesen glo-
       balen Problemen Vorrang eingeräumt wird. Die eindeutige Prioritä-
       tensetzung auf  die Überlebensfragen beinhaltet konsequenterweise
       auch, daß  beim Umgang mit Nord-Süd-Problemen von der ausschließ-
       lichen Betonung des Verursacher-Prinzips ("Verantwortlich ist der
       Imperialismus") Abschied  genommen und  eine eigene  M i t v e r-
       a n t w o r t u n g  i n  b e z u g  a u f  d i e  P r o b l e m-
       l ö s u n g   anerkannt wird.  Am spektakulärsten wurde dies bis-
       lang deutlich  im sowjetischen Beitritt zum Gemeinsamen Fonds des
       Integrierten Rohstoffprogramms  der UNCTAD,  den die UdSSR jahre-
       lang  mit   dem  Hinweis  auf  eben  die  Verantwortlichkeit  des
       Imperialismus  und   des  kapitalistischen  Weltmarktes  für  den
       Verfall der  Rohstoffpreise abgelehnt hatte. Eben dies hatte aber
       zur Folge gehabt, daß die sowjetische Position im Nord-Süd-Dialog
       bei vielen  Beobachtern als reiner Propagandismus erschienen war,
       eigene Initiativen  im  Nord-Süd-Dialog  kaum  ergriffen  und  so
       politische Eingriffsmöglichkeiten in ein wichtiger werdendes Feld
       der internationalen Auseinandersetzung verschenkt wurden.
       (3) -  Auch dies  hat sich geändert: Mit dem Vorschlag zur Schaf-
       fung eines  allumfassenden Systems der internationalen Sicherheit
       verfügt die UdSSR seit dem XXVII. Parteitag der KPdSU über  e i n
       u m f a s s e n d e s   K o n z e p t   z u r  N e u g e s t a l-
       t u n g   d e r   i n t e r n a t i o n a l e n    O r d n u n g,
       das Fragen  der politisch-militärischen  Sicherheit  ebenso  ein-
       schließt  wie   Probleme   der   ökonomischen   und   humanitären
       Sicherheit, die Unterstützung der Forderung der Dritten Welt nach
       einer Neuen  Internationalen  Wirtschaftsordnung  eingeschlossen.
       Dies geht  davon aus, so Gorbatschow, daß "die Prozesse, die sich
       entfaltet haben,  die Kraft eines objektiven Gesetzes (besitzen).
       Entweder der  Zusammenbruch -  oder gemeinsame  Suche nach  einer
       neuen Weltwirtschaftsordnung,  bei der  den Interessen der einen,
       der anderen und der dritten Welt auf gleichberechtigter Grundlage
       Rechnung getragen wird". Und er fügt hinzu, dabei gehe es um eine
       "historische Wahl,  die von  den Gesetzmäßigkeiten  der in vieler
       Hinsicht interdependenten und ganzheitlichen Welt diktiert wird".
       Auch  der  Kapitalismus  stehe  heute  vor  einer  solchen  Wahl,
       "entweder es  auf eine  Explosion ankommen zu lassen oder die Ge-
       setze der  interdependenten und ganzheitlichen Welt, die eine In-
       teressenbalance auf  gleichberechtigter Grundlage  erfordert,  in
       Betracht zu ziehen". 30)
       (4) -  Natürlich steht  das Bemühen  um eine  Wiederbelebung  des
       Nord-Süd-Dialogs in  engstem  Zusammenhang  mit  der    n e u e n
       R a d i k a l i t ä t,   mit der versucht wird, einen Abrüstungs-
       prozeß in  Gang zu  setzen (Programm  Atomwaffenfrei 2000). Dabei
       geht es  nicht zuletzt  um die   F r e i s e t z u n g  e i n e r
       n e u e n   w i r t s c h a f t l i c h e n   u n d    s o z i a-
       l e n  E n t w i c k l u n g s d y n a m i k  (Prinzip "Abrüstung
       für  Entwicklung");   in  vielerlei   Hinsicht  ist  eine  solche
       Umnutzung von  Ressourcen im  Weltmaßstab eine elementare Voraus-
       setzung, um Problemlösungen für die Erste wie für die Dritte Welt
       zu finden.
       Auch die Anläufe  z u r  p o l i t i s c h e n  L ö s u n g  r e-
       g i o n a l e r   K o n f l i k t e   in der  Dritten Welt folgen
       einem umfassenden  sicherheitspolitischen Imperativ: Hier geht es
       nicht um bloße Konflikteindämmung. Eine realistische Analyse wird
       sogar davon  ausgehen müssen,  daß  sich  die  Ursachen  und  Wi-
       dersprüche, die  solchen Konflikten  zugrundeliegen,  in  Zukunft
       noch verstärken  werden. Was aber im Atomzeitalter sicherheitspo-
       litisch geboten  ist, ist  eine Abkoppelung solcher Konflikte vom
       Ost-West-Konflikt und den darin liegenden Gefahren für eine hori-
       zontale Eskalation  mit weltweit  verheerenden Konsequenzen. Dies
       wird auf mittlere Sicht auch Abkommen zur Begrenzung und Reduzie-
       rung von  Waffenexporten in  die Dritte Welt einschließen müssen.
       31)
       
       5. Für einen neuen Internationalismus der Linken
       ------------------------------------------------
       in den Metropolen
       -----------------
       
       Welche Konsequenzen  ergeben sich  für die Linke in den kapitali-
       stischen Metropolen?  Was die  neueren Entwicklungen der sowjeti-
       schen Außenpolitik  im allgemeinen und der Dritte-Welt-Politik im
       besonderen betrifft,  so wird  die Linke  hierzulande diese  zwar
       nutzen und  die einzelnen  Vorschläge der UdSSR aufgreifen können
       und müssen.  Sie wird  sich jedoch nicht auf deren "Propagierung"
       beschränken können, sondern die eigentliche Herausforderung darin
       sehen müssen,  mit   e i g e n e n   Entwürfen und  Konzepten zur
       Entwicklung und  Realisierung der  Vision einer neuen Weltordnung
       beizutragen.
       Was die  Entwicklungstendenzen in  der Dritten  Welt betrifft, so
       wird die  metropolitane Linke ihre Hoffnungen weniger denn je auf
       revolutionäre Eruptionen der drei Kontinente setzen oder sich gar
       darauf verlassen  können. Zwar  wird die  Krise   o b j e k t i v
       immer größer.  Was jedoch  ihr Manifest-Werden, ihre Umsetzung in
       Veränderungen und Bewegungen betrifft, scheint große Nüchternheit
       geboten:
       "Ein wichtiger  Aspekt ist,  daß sich  im Verlaufe  der Krise wie
       auch der  Verarbeitung der  Krise selbst  und der Anpassungs- und
       Austeritätspolitik die  Sozialstrukturen in  diesen Ländern enorm
       verändert haben,  und zwar in Richtung auf noch stärkere Desarti-
       kulierung der  Strukturen der vorgefundenen Klassen und Schichten
       in dem Sinne, daß eine viel stärkere Atomisierung und Zersplitte-
       rung, Vereinzelung  und Heterogenisierung  stattgefunden hat  ...
       Die großen Kollektive, die objektiv in der Lage wären, sich gegen
       diese Verelendungspolitik  zu stellen  und zu  organisieren, sind
       zersplittert, und für die politischen Kräfte in den dortigen Län-
       dern ist  es eine große Herausforderung, diese Zersplitterung we-
       nigstens abzumildern  und eine  einheitliche Oppositionskraft  zu
       bilden." 32)
       Andere Aspekte,  die in  diesem Zusammenhang  zu  berücksichtigen
       sind, beziehen sich auf die abnehmende ökonomische Rolle der Ent-
       wicklungsländer insgesamt  und die sich daraus möglicherweise für
       ihre politische  Handlungsfähigkeit ergebenden  Konsequenzen: Bei
       gleichzeitiger Vertiefung ihrer Abhängigkeit innerhalb des beste-
       henden kapitalistischen Weltwirtschaftssystems findet eine zuneh-
       mende reale  Abkoppelung der  Dritten Welt  als ökonomisch bedeu-
       tende Kraft statt, die sich in abnehmenden Anteilen am Welthandel
       und an  den internationalen  Direktinvestitionen äußert  und sich
       zukünftig im  Gefolge der Entwicklung von Gen- und Biotechnologie
       und neuer Management-Techniken noch verstärken dürfte. Die Dritte
       Welt wird  sozusagen "an  den Rand"  gedrängt, wobei  dieser neue
       Schub der  Peripherisierung nicht  ausschließt, daß ihr Anteil an
       der Schuldendienstzahlung,  ihre Rolle  als Ausbeutungsobjekt und
       auszubeutende Reserve  zunimmt, wie  sich vor  allem im  Zuge der
       Schuldenkrise gezeigt hat. 33)
       Dennoch gibt  es reale  Chancen für einen "neuen Internationalis-
       mus" in  den Metropolen.  Zu Recht wird die Frage aufgeworfen, ob
       nicht die  Herausbildung der  globalen Probleme, der zugrundelie-
       gende materielle  Prozeß der  Internationalisierung (auch und ge-
       rade weil  er sich  in kapitalistisch  deformierten Bahnen  voll-
       zieht) "auch  neue Formen von internationalistischem Bewußtsein -
       vielleicht könnte  man es  'planetarisches Bewußtsein' (Aitmatow)
       nennen -  hervor(bringt), die  von der Linken aufgegriffen und zu
       einem massenwirksamen  Konzept von Neuem Internationalismus inte-
       griert werden können?" 34)
       Es ist  kein Zufall,  daß die Frage nach den "Chancen eines neuen
       Internationalismus" 35)  kürzlich im praktischen Zusammenhang ei-
       ner Kampagne  anläßlich der Jahrestagung von Internationalem Wäh-
       rungsfonds und  Weltbank in West-Berlin (September 1988) 36) auf-
       getaucht und  sehr schnell zu einer Leitfrage für Diskussionspro-
       zesse innerhalb  der Dritte-Welt- und Solidaritätsbewegung gewor-
       den ist.  Denn hier  zeigte sich, daß kontinentübergreifende Pro-
       bleme (wie  die Schuldenkrise), wenn sie zum Gegenstand der poli-
       tischen Auseinandersetzung  hierzulande gemacht  werden,  in  der
       Lage sind,  Zehntausende für Problemlösungskonzepte, für konkrete
       Alternativen (in  diesem Fall  die Forderung  nach Schuldenstrei-
       chung und  einer Neuen  Weltwirtschaftsordnung) zu  mobilisieren.
       Auch wenn  der Diskussionsstand  vorerst noch zu wenig entwickelt
       ist und  sich "neuer  Internationalismus" vorerst noch wenig kon-
       kret und  nur in  Umrissen -  eher als Hoffnung und Vision - dar-
       stellt, werden  neue Formen  des Denkens deutlich, die über einen
       einmaligen Aktions- und Kampagnenhöhepunkt hinausweisen:
       (1) Unübersehbar war  der häufige historische Bezug auf die Viet-
       nam-Bewegung vor fast genau 20 Jahren. Dies jedoch nicht im Sinne
       nostalgischer Reminiszenzen,  sondern verbunden mit dem Anspruch,
       die Jahrestagung  von IWF und Weltbank über den unmittelbaren An-
       laß hinaus zum Ansatzpunkt für die Entwicklung einer neuen, brei-
       ten internationalistischen  Bewegung zu machen.  "N e u e r  I n-
       t e r n a t i o n a l i s m u s"   - das  wurde begriffen   a l s
       A u f g a b e   g e m e i n s a m e n    S u c h e n s    n a c h
       n e u e n   K o n z e p t e n,   die dem  gegenwärtigen Stand der
       internationalen  Verflechtungen   gerecht   werden,   nicht   als
       Präsentation eines neuen Patentrezepts von irgendeiner Seite.
       (2) Eng damit zusammen hängen Ansätze zu einer "neuen politischen
       Kultur" der  Linken, in  der   B ü n d n i s p o l i t i k  a l s
       g e m e i n s a m e r  L e r n p r o z e ß  verstanden wird. Dies
       schließt eine  neue Breite von Allianzen ein, weit über den Kreis
       der traditionellen  Solidaritätsbewegung hinaus.  Vor allem  aber
       zeigte sich  dies in neuen Formen der Zusammenarbeit jenseits von
       altem  "Spektrumsdenken",  Hegemoniebestrebungen  und  Fraktions-
       "Hick-Hack".
       (3) Festzuhalten ist  auch die vielfach geäußerte Erkenntnis, daß
       "a l t e"   u n d   "n e u e"  s o z i a l e  B e w e g u n g e n
       trotz aller  Gegensätze darauf  angewiesen sein  werden,  e i n e
       g e m e i n s a m e   P e r s p e k t i v e   zu entwickeln, wenn
       sie den  Herausforderungen wachsender  Internationalisierung  und
       globalen Bedrohungslagen  gerecht werden  wollen.  "Internationa-
       lismus", so  wurde formuliert,  "muß integraler Bestandteil oppo-
       sitioneller Politik  'neuer' und  'alter' sozialer  Bewegungen in
       den Metropolen  werden. Aufgabe  der sozialen Bewegungen hier muß
       es sein, die eigene 'Betroffenheit' in Beziehung zu setzen zu den
       Strategien imperialistischer  Herrschaftssicherung und Kapitalin-
       teressen." 37)
       Letzteres verweist  darauf, daß  auch ein "neuer Internationalis-
       mus" eine    g e m e i n s a m e    I n t e r e s s e n b a s i s
       braucht. Eine solche gemeinsame Interessenbasis kann nur über den
       Nachweis gefunden werden, daß sich und wie sich heute Interessen-
       lagen von  Mehrheiten weltweit  miteinander verknüpfen. "Verknüp-
       fen" deutet  in diesem  Zusammenhang daraufhin, daß es sich weder
       um  eine   voraussetzungslose  Übereinstimmung   noch  um   einen
       unversöhnlichen Gegensatz  von Interessenlagen handelt. Dies kann
       sicher nur  über ein  tieferes Eindringen  in den  Charakter  der
       "globalen Probleme"  gelöst werden und erfordert  z u g l e i c h
       eine exaktere  Analyse sich  verändernder globaler Akkumulations-
       Strukturen, wofür  die oben  gegebenen Verweise auf die "Neue In-
       ternationale Arbeitsteilung" und die "Neue Internationale Finanz-
       ordnung" nur  erste (und was die Begrifflichkeit betrifft: hilfs-
       weise) Anhaltspunkte sein können. 38)
       Dies bedeutet aber auch, daß einem "neuen Internationalismus" ein
       e r w e i t e r t e r   I n t e r e s s e n b e g r i f f    z u-
       g r u n d e   liegen wird:  Zum einen  wird die im traditionellen
       Antiimperialismus schon vom Begriff her gegebene Negativfixierung
       zugunsten einer positiven Zielbestimmung (im Sinne von Alternati-
       ven) überwunden werden müssen. Zum anderen wird ein "neuer Inter-
       nationalismus" auch die Verengung des Interessenbegriffs auf rein
       materiell-ökonomische  Interessenlagen   zugunsten  der  Aufnahme
       stärker moralisch-ethischer Imperative, bis hin zur Frage der ei-
       genen Lebensweise, überwinden müssen.
       I n   d i e s e m   S i n n e   b e d a r f  e s  e i n e s  u m-
       f a s s e n d e n   A l t e r n a t i v a n s a t z e s ,   d e r
       s o w o h l    d i e    k o n k r e t - u t o p i s c h e    V i-
       s i o n    e i n e r    n e u e n    W e h o r d n u n g    a l s
       a u c h   k o n k r e t i s i e r t e   A n t w o r t e n   a u f
       d i e   F r a g e  n a c h  d e n  e r s t e n  S c h r i t t e n
       i n   d i e s e   R i c h t u n g   e i n s c h l i e ß t.    Wie
       diese Vision  letztlich auf  den Begriff gebracht wird, läßt sich
       heute nicht sagen. Sicher ist nur, daß vielerorts darüber nachge-
       dacht wird,  und daß dieses Nachdenken in einer offenen Debatten-
       kultur zusammengebracht  und produktiv  gemacht werden muß. Wahr-
       scheinlich ist,  daß diese  Vision  E l e m e n t e  r a d i k a-
       l e r   D e m o k r a t i e,  s o z i a l e r  G e r e c h t i g-
       k e i t,     n a t i o n a l e r    U n a b h ä n g i g k e i t ,
       "I n - R e c h t - S e t z u n g"   v o n   F r a u e n-    u n d
       S u b s i s t e n z a r b e i t,   F r i e d e n   u n d   R e s-
       s o u r c e n s c h o n u n g  in sich aufnehmen wird.
       Eine solche Perspektive wird notwendigerweise über das bestehende
       System hinausweisen  müssen. Damit  sie aber  Platz greifen, d.h.
       Menschen in  Bewegung setzen  und verändernd  wirken kann, muß an
       den  heute   erkennbaren  Widersprüchen   und  Bruchstellen   des
       b e s t e h e n d e n  Systems angeknüpft werden können. Aus mei-
       ner Sicht  sind das im wesentlichen Steuerungs- und Regulierungs-
       defizite, die  sich vor  dem Interessenhintergrund der Mehrheiten
       vor allem als mangelnde Gleichheit, ungenügende Partizipation und
       Demokratie darstellen. Konkrete Bruchstellen und Ansatzpunkte wä-
       ren etwa:  die Wiederbelebung des Entspannungsprozesses, die auch
       Raum schafft  für  einen  "nord-süd-politischen"  Neuansatz;  die
       Machtverschiebungen im  Gefolge des Niedergangs der US-Hegemonie;
       die  neuen  Integrationsprozesse  in  der  Dritten  Welt  selbst;
       schließlich auch  das herrschende  imperialistische Krisenmanage-
       ment, dessen Deregulierungskonzepte mehr und mehr an Grenzen sto-
       ßen.
       Gemeinsam ist diesen Ansatzpunkten, daß sie auf die Notwendigkeit
       der Veränderung  internationaler Machtverhältnisse verweisen. Die
       nächstliegende Perspektive - und zugleich die Chance eines Neube-
       ginns im  Sinne alternativer  Entwicklungslogiken - liegt deshalb
       in der  gemeinsamen Suche  nach Konzepten  der   u m f a s s e n-
       d e n   u n d   r a d i k a l e n   w e l t p o l i t i s c h e n
       u n d   w e l t w i r t s c h a f t l i c h e n    D e m o k r a-
       t i s i e r u n g   u n d    E n t m i l i t a r i s i e r u n g,
       in denen  vermeintliche Systemzwänge, überkommene Privilegien und
       Asymmetrien zugunsten von mehr gleichberechtigter Kooperation und
       demokratischer Kontrolle überwunden werden. 39)
       
       _____
       1) Franz Nuscheler, Entwicklungslinien der politikwissenschaftli-
       chen Dritte-Welt-Forschung,  in:  ders.  (Hg.),  Dritte-Welt-For-
       schung. Entwicklungstheorie  und Entwicklungspolitik  (= PVS-Son-
       derheft 16), Opladen 1985, S. 8.
       2) Vgl. dazu die Beiträge von Gerhard Hauck, Thomas Hurtienne und
       Dirk Messner,  in: "blätter  des iz3w",  Nr. 154,  Dez. 1988-Jan.
       1989 (Heftschwerpunkt:  Dependenztheorie am Ende?); Beispiele für
       Frontenwechsel auf  der politischen Ebene sind u.a. Regis Debray,
       dessen politischer  Weg von  der Seite  Ernesto Che  Guevaras zum
       Präsidentenberater Francois  Mitterands führte  und der  sich  in
       dieser Funktion  zuletzt in  der Rechtfertigung des französischen
       Kolonialismus  in   Neukaledonien  hervortat,   oder  auch  Andre
       Glucksmann,  der  von  einem  Maoisten  zu  einem  der  führenden
       "nouveaux philosophes" wurde. Vgl. dazu die Thesen von Dieter Bo-
       ris über  das Verhältnis von progressiver, linker Intelligenz und
       Problemen der  Dritten Welt  unter dem etwas irreführenden Titel:
       Unterentwicklung als globales Problem und Herausforderung für die
       Wissenschaften in den Metropolen, in: Hochschule - Wissenschaft -
       Gesellschaft im  Jahr 2000.  Materialien einer  Konferenz des MSB
       Spartakus unter Beteiligung des IMSF, Bonn 1988, S. 131 ff.
       3) Siehe auch  den Aufsatz  von Gilben  Ziebura, in:  Prokla, Nr.
       70/März 1988.
       4) Siehe z. B. das Expertengespräch mit Irina Sorina, Nikolai Ka-
       ragodin, Wladimir Choros und Viktor Schejnis, in: Neue Zeit, Mos-
       kau, Nr. 44/Oktober 1988 und Nr. 52/Dezember 1988.
       5) Christian Mährdel,  Nationale und  soziale Befreiung  in Asien
       und Afrika und der weltrevolutionäre Prozeß. Theoretisch-methodo-
       logische Überlegungen,  in: Marxistische  Studien.  Jahrbuch  des
       IMSF 8, 1/1985, S. 98. Hervorhebung im Original.
       6) Vgl. dazu  jetzt die  Ausführungen in:  Jörg  Huffschmid/Heinz
       Jung,  Reformalternative.   Ein  marxistisches  Plädoyer,  Frank-
       furt/Main 1988, S. 12 ff; auch: Peter Wahl, Internationalismus im
       Umbruch, in: Marxistische Blätter, 12/1988, S. 27ff. und den Bei-
       trag von Jürgen Reusch in diesem Band.
       7) Zit. nach:  Alain Gresh,  L'union soviétique face au conflicts
       régionaux: Une  diplomatie à  l'épreuve du  tièrs-monde,  in:  Le
       Monde Diplomatique, Paris, Dec. 1988, S. 10.
       8) So G.  Diligenski, Revolutionstheorie  und die  Gegenwart, in:
       Weltwirtschaft und internationale Beziehungen, 3/1988, zit. nach:
       Huffschmid/Jung (Anm. 6), S. 15.
       9) Siehe z.B.  auch meine  Analyse über "Politische Entwicklungs-
       tendenzen und  soziale Grundlagen  der nationalen Befreiungsbewe-
       gung in  Afrika", in: Rainer Falk/Peter Wahl (Hg.), Befreiungsbe-
       wegungen in  Afrika, Köln  1980, S.  13 ff.,  deren optimistische
       Grundhaltung durch  die seither  eingetretene  reale  Entwicklung
       nicht bestätigt wurde.
       10) So schon  für: Salim Ibrahim/Verena Metze-Mangold, Nichtkapi-
       talistischer Entwicklungsweg.  Ideengeschichte  und  Theorie-Kon-
       zept, Köln 1976, S. 120.
       11) "Ich möchte  darauf hinweisen,  daß der  Beifall, mit dem wir
       jede größere Nationalisierung in der 'Dritten Welt' feierten, daß
       die unverdrossene Apologie einer Erweiterung des staatlichen Sek-
       tors sich völlig in unsere allgemeine politökonomische Konzeption
       einfügte: Staatseigentum als höchste Form der Vergesellschaftung,
       Auslandskapital als  Feind, den  man bestenfalls noch einige Zeit
       zu tolerieren hatte, ökonomische Unabhängigkeit (im Streit darum,
       was das  eigentlich bedeutet,  wurden erhebliche Mengen von Druc-
       kerschwärze verbraucht)  als höchster  und vorrangiger  Wert.  In
       Wirklichkeit war  alles viel  komplizierter."  (Viktor  Schejnis,
       vgl. Anm. 4).
       12) Vgl. Ibrahim/Metze-Mangold  (Anm. 10),  S. 113  ff. Diese Ab-
       handlung ist immer noch der beste, in der Bundesrepublik erschie-
       nene Überblick  über das  Konzept des  nichtkapitalistischen Ent-
       wicklungswegs.
       13) Vgl. hierzu vor allem Hurtienne und Messner (Anm. 2).
       14) Karagodin (Anm. 4).
       15) So im  selbstkritischen Rückblick:  Wadim Sagladin,  Mit Ver-
       nunft und revolutionärer Gesinnung, in: Prawda, deutsche Ausgabe,
       Wien, 13.6.1988.
       16) Dieser Aspekt  dominierte z.B.  auch noch  unsere Kritik  des
       "Brandt-Berichts"; vgl. Rainer Falk/Dieter Boris/Hans Mayer, "Das
       Überleben sichern". Fortschritte und Grenzen im Nord-Süd-Bericht,
       in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6/1980,
       S. 667 ff.
       17) Zur marxistischen Diskussion über globale Probleme vgl. auch:
       Iwan Frolow/Wadim  Sagladin, Globale Probleme der Gegenwart, Ber-
       lin/DDR 1982;  Hermann Bömer,  Die drohende  Katastrophe" Globale
       Probleme der  Menschheit, Frankfurt/Main  1984; seither  sind die
       Arbeiten hierzu kaum noch zu überblicken.
       18) Auch die Krisen- und Vorkrisenprozesse in den sozialistischen
       Ländern sind  offensichtlich wesentlich im weiteren Kontext einer
       Zivilisationskrise zu betrachten, die auf die Schwierigkeiten bei
       der Bewältigung  von Problemen  der  wissenschaftlich-technischen
       Revolution zurückzuführen  ist. Vgl.  dazu u.a.: Alexander Bowin,
       Perestroika: Die  Wahrheit über  den Sozialismus,  in: Juri  Afa-
       nassjew (Hg.), Es gibt keine Alternative zu Perestroika: Glasnost
       - Demokratie - Sozialismus, Nördlingen 1988, S. 600 ff.
       19) Vgl. "Unsere Zeit" v. 12. 10. 1988.
       20) Manfred Wöhlcke, Der unterentwickelte Fortschritt. Umweltzer-
       störung und Ressourcenplünderung in der Dritten Welt, in: Blätter
       für deutsche und internationale Politik, Heft 10 /1988, S. 1210.
       21) Vgl. Fidel Castro, in: Frankfurter Rundschau, 11.12.1985.
       22) Die Rekolonialisierungsthese wird heute von unterschiedlichen
       Seiten vertreten,  mit Blick auf die . Schuldenkrise und das IWF-
       Regime zum  Beispiel vom  ehemaligen Entwicklungsminister  Erhard
       Eppler (vgl.  IG Metall  (Hg.), Solidarisches  Wirtschaften durch
       solidarisches Handeln.  Wirtschaftspolitische Alternativen, Mate-
       rialband Nr.  3 der Diskussionsforen "Die andere Zukunft: Solida-
       rität und Freiheit", Köln 1988, S. 162), mit Blick auf den Export
       der Umweltkrise  in die Dritte Welt als "ökologische Rekoloniali-
       sierung" zum Beispiel von Ulrich Beck (vgl. Gegengifte. Die orga-
       nisierte Unverantwortlichkeit,  Frankfurt /  Main 1988,  S. 252).
       Sie steht  nur dann  im Gegensatz  zu der oben betonten Rolle der
       internen Klassenkräfte im Entwicklungsprozeß, wenn diese als han-
       delnde Subjekte ausgeblendet werden.
       23) Vgl. den  deutschsprachigen Auszug, in: epd-Entwicklungspoli-
       tik, 13/1988, S. D-r.
       24) Vgl. dazu: Georg Simonis, Der Entwicklungsstaat in der Krise,
       in: Nuscheler  (Anm. 1), S. 157. Der Aufsatz unternimmt einen der
       seltenen Versuche,  die Entwicklung  der Nord-Süd-Beziehungen der
       jüngeren Zeit im Lichte der französischen marxistischen Regulati-
       onsschule zu beleuchten; deren kritische Rezeption ist unter bun-
       desdeutschen Marxistinnen immer noch ungenügend entwickelt.
       25) Die Problematik  dieser Begrifflichkeit,  die immer  nur eine
       Tendenz zum  Ausdruck brachte,  ist mir bewußt. Allerdings können
       ihre Urheber (Folker Fröbel/Jürgen Heinrichs/Otte Kreye, Die neue
       internationale Arbeitsteilung.  Strukturelle Arbeitslosigkeit  in
       den Industrieländern und die Industrialisierung der Entwicklungs-
       länder, Reinbek  bei Hamburg  1977) für  sich in Anspruch nehmen,
       als eine  der ersten  auf die gravierenden Rückwirkungen der kri-
       senhaften Internationalisierungsprozesse  in den  Metropolen ver-
       wiesen zu haben.
       26) Damit soll  hier vorläufig jener Prozeß bezeichnet werden, in
       dessen Gefolge  es vor allem seit Anfang der 80er Jahre zur rela-
       tiven Abkoppelung  der monetären von der realwirtschaftlichen Ak-
       kumulation von  Kapital kommt. In seinem Gefolge wird die Tendenz
       zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung spürbar abgebremst,
       wobei die  verheerenden sozialen  Auswirkungen in  den Metropolen
       allerdings noch verstärkt werden.
       27) Vgl. deshalb als umfassendere Darstellungen meine beiden Auf-
       sätze: Die  Bedeutung des  "Neuen Denkens" für die Nord-Süd-Poli-
       tik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 8/1987,
       S. 1055  ff; und: Zusammenbruch oder neue Weltwirtschaftsordnung?
       Dritte Welt,  Schuldenkrise und  Nord-Süd-Dialog in Moskaus neuer
       Außenpolitik, in AIB Dritte Welt Zeitschrift, 12 /1988, S. 41 ff.
       28) Vgl. dazu  den Aufsatz des Mitarbeiters am Moskauer IMEMO-In-
       stitut R. Awakov, in: Weltwirtschaft und internationale Beziehun-
       gen, 11  /1987, deutsch  in: epd-Entwicklungspolitik,  9-10/1988;
       auch: Wjatscheslaw  Daschitschew, Ost-West:  Suche nach neuen Be-
       ziehungen. Über  die Prioritäten  in der Außenpolitik des Sowjet-
       staates, in: Sowjetunion Heute, Bonn, 8/August 1988.
       29) Vgl. G.  Mirskij, zit. nach: Klaus Pritsche, Zur sowjetischen
       Diskussion sozialistischer Entwicklungsstrategien, hektographier-
       tes Manuskript.  Vgl. auch: Winrich Kühne, Zur Krise marxistisch-
       leninistischer Modelle der wirtschaftlichen Entwicklung, in: epd-
       Entwicklungspolitik. Materialien VII /1986, S. 71 ff.
       30) Michail S. Gorbatschow, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberre-
       volution vom  2. November  1987,  in:  ders.,  "Zurückdürfen  wir
       nicht". Programmatische  Äußerungen zur Umgestaltung der sowjeti-
       schen Gesellschaft, München 1987, S. 332. Der sowjetische Entwurf
       für ein  "all-umfassendes System  der internationalen Sicherheit"
       ist inzwischen  erneut  weiterentwickelt  worden,  vor  allem  um
       Aspekte der  "ökologischen Sicherheit"  und die Betonung der Not-
       wendigkeit eines  "prinzipiell neuen Typs des industriellen Fort-
       schritts" angesichts  der "Widersprüche und Grenzen der traditio-
       nellen Industrialisierung",  deren "weitere  Ausdehnung  'in  die
       Breite und  in die  Tiefe'  zu  einer  ökologischen  Katastrophe"
       dränge (vgl.  Rede Michail  Gorbatschows vor der UNO-Vollversamm-
       lung, APN-Dokumente Nr. 59, Köln, 8. 12. 1988).
       31) Zur Notwendigkeit der Abkoppelung regionaler Konflikte in der
       Dritten Welt  vgl. als Stimme aus der Bundesrepublik jüngst auch:
       Dieter Senghaas,  Konfliktformationen im  internationalen System,
       Frankfurt/Main 1988, S. 157 ff.
       32) So Dieter  Boris auf  dem Internationalen Gegenkongreß anläß-
       lich der  Jahrestagung von  IWF und Weltbank im September 1988 in
       West-Berlin, demnächst  als  Buch-Dokumentation  bei  Pahl-Rugen-
       stein, Köln 1989.
       33) Vgl. zum Beispiel: Gerd Junne, Neue Technologien bedrohen die
       Entwicklungsländer, in: Prokla, Nr. 60/1985, S. 142 ff.
       34) Wahl (Anm. 6), S. 28.
       35) Werena Rosenke,  Chancen eines neuen Internationalismus. Rede
       für den Trägerkreis auf der Abschlußveranstaltung des Internatio-
       nalen Gegenkongresses der IWF/Weltbank-Kampagne, in: "blätter des
       iz3w", Nr. 153, November 1988.
       36) Zur Einschätzung  siehe: Rainer Falk, Die Vision eines "neuen
       Internationalismus".  Zwischenbilanz  der  IWF/Weltbank-Kampagne,
       in: AIB Dritte Welt Zeitschrift, 11/1988, S. 5 ff.
       37) Rosenke (Anm. 35).
       38) Zur Interessenlage  der Arbeiterbewegung  im Zusammenhang der
       Schuldenkrise und generell gegenüber der Dritten Welt siehe: Rai-
       ner Falk. Schuldenkrise und gewerkschaftliche Politik, in: Marxi-
       stische Blätter,  12/1988, S. 32ff.; und Jörg Goldberg, Unterent-
       wicklung - ein Verteilungsproblem?, in: ebenda, S. 36 ff.
       39) Zur näheren  Begründung und Ausarbeitung eines Alternativ-An-
       satzes im Bereich der Nord-Süd-und Entwicklungspolitik vgl.: Rai-
       ner Falk, Das Projekt Befreiungshilfe. Umrisse einer alternativen
       Nord-Süd-Politik, in: Blätter für deutsche und internationale Po-
       litik, 2/1989;  sowie mein  1989 erscheinendes  Buch: Befreiungs-
       hilfe. Alternativen  der Entwicklungspolitik, Köln 1989 (Pahl-Ru-
       genstein).
       

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