Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       FRIEDENSFORSCHUNG UND FRIEDENSWISSENSCHAFT AN DEN HOCHSCHULEN
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       Neue Entwicklungstendenzen und Perspektiven
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       Corinna Hauswedell
       
       1. Zum  Gegenstand -  2. Veränderte Bedingungen für die Friedens-
       wissenschaft - 3. Themen und Tendenzen friedenswissenschaftlicher
       Arbeit an den Hochschulen - 3.1. Ringvorlesungen/Vorlesungsreihen
       - 3.2.  Andere Lehrveranstaltungen  - 3.3.  Exkurs zu den Trägern
       und Strukturen der Friedenswissenschaft - 3.4. Forschungsprojekte
       - 3.5.  Hochschul- und  wissenschaftspolitische Aktivitäten  - 4.
       Schlußfolgerungen für die Profilierung der Friedenswissenschaft
       
       1. Zum Gegenstand
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       Der langwierige  Streit über  Inhalt und Begriff der Friedensfor-
       schung, die fortgesetzten Abgrenzungen zwischen Friedensforschung
       und Friedenswissenschaft  sollen hier  nicht um weitere Varianten
       bereichert werden.  1) Die Aufnahme  b e i d e r  Begriffe in den
       Titel trägt der Realität Rechnung: die Friedensforschung als vor-
       wiegend    sozialwissenschaftliche,     politologisch    geprägte
       R i c h t u n g  bzw. Disziplin, im folgenden als institutionali-
       sierte Friedensforschung  bezeichnet, steht  gegenwärtig vor  den
       gleichen, inhaltlich  neuen Anforderungen  wie die - erst im Zuge
       dieser Anforderungen  sich  entwickelnde  -  Friedenswissenschaft
       i n   den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem
       den Naturwissenschaften. Plädiert werden soll hier für die Rekon-
       stituierung des  Begriffs einer  Friedenswissenschaft als  diszi-
       plinenübergreifendem wissenschaftlichen  Ansatz, in  dem auch die
       institutionalisierte  Friedensforschung   ihren  Platz  einnimmt.
       Friedenswissenschaft in diesem Sinne ist die kritisch-emanzipato-
       rische Beschäftigung  mit allen Fragen der Friedens Sicherung und
       Konfliktlösung, wie sie sich unter den Bedingungen neuer interna-
       tionaler und  globaler Herausforderungen  an die Wissenschaft und
       ihre Ethik stellen. Dies schließt den "Praxisbezug" der Friedens-
       wissenschaft, ihre  Orientierung auf  politisch und gesellschaft-
       lich veränderndes Handeln ein.
       Es geht  im folgenden  um Annäherungen  an die neuen Prozesse auf
       dem Gebiet  friedenswissenschaftlicher Tätigkeit an den Hochschu-
       len der Bundesrepublik.
       Ein umfassender  Überblick im  Sinne von  "Forschungsstand"  wird
       nicht gegeben;  vieles wird exemplarisch und damit ausschnitthaft
       gezeigt. Der untersuchte Zeitraum umfaßt im wesentlichen die bei-
       den letzten Jahre. 2)
       
       2. Veränderte Bedingungen für die Friedens Wissenschaft
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       In dieser  Zeit fallen  zusammen: die  Zuspitzung der sogenannten
       globalen Problemstellungen,  der Beginn  einer Neuorientierung in
       den internationalen Politikbeziehungen, sowie die intensivere Re-
       flexion dieser Tatsachen in Öffentlichkeit und Wissenschaft.
       Der (Wieder-)Beginn  eines ernsthaften Ost-West-Dialoges, der mit
       dem INF-Vertrag  auch das  erste substantielle Abrüstungsabkommen
       seit 1945 erbrachte, fordert die Wissenschaft, die sich mit Frie-
       denssicherung befaßt,  auf neue  Weise und  auf unterschiedlichen
       Ebenen heraus, ihre Kompetenz zu entfalten und einzubringen:
       Im Bereich  von Frieden und Abrüstung im engeren Sinne geht es um
       die Auslotung der wirklichen Chancen, die militärische Konfronta-
       tion zu  beenden. Dazu  gehört der  verantwortliche, gegen  einen
       weiteren Rüstungswettlauf  gerichtete Umgang mit den neuen natur-
       wissenschaftlich-technologischen Erkenntnissen,  etwa bei der Of-
       fenlegung der  Gefahren der Lasertechnik, aber auch bei der Suche
       nach neuen  Verifikations- und  Abrüstungstechniken. Dazu  gehört
       gleichermaßen die  Entwicklung weitreichender politischer Konzep-
       tionen zur Entmilitarisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen
       sowie der  gesellschaftlichen  Binnenstrukturen.  Der  Abbau  von
       Feindbildern, die Entwicklung neuer politischer Normen des Zusam-
       menlebens fordert  Beiträge der Geschichtswissenschaft, der Poli-
       tologie, des Völkerrechts, der Psychologie, um nur einige zu nen-
       nen.
       Eine auf  umfassende Friedens  Sicherung gerichtete Forschung und
       Wissenschaft muß  sich heute  aber der  Gesamtheit der Fragen des
       (Zusammen- und Über-)Lebens auf der Erde stellen: Wie können Res-
       sourcen und  Natur vor  der Zerstörung bewahrt werden? Wie sollen
       Gerechtigkeit und  Entwicklung in allen Teilen der Welt gesichert
       werden? Welche  neuen Formen  der Demokratie braucht eine mündige
       selbstverantwortliche Menschheit?
       Die Politik  ist in immer höherem Maße auf die Expertise der Pro-
       duktivkraft Wissenschaft  zur Lösung  dieser  Fragen  angewiesen.
       Dies gilt  auch für die kritische Öffentlichkeit, für soziale Be-
       wegungen, Initiativen, gesellschaftliche Institutionen. Die Kate-
       gorie der  Verantwortung der Wissenschaft hat eine neue Dimension
       erhalten.
       Die gewachsene  Rolle der  Wissenschaft in  der Gesellschaft kann
       eine Ursache  dafür sein,  daß sich  gerade die  Wissenschaftler-
       Friedensinitiativen -  fast unabhängig  von der  politischen Kon-
       junktur der  Friedensbewegung in  ihrer Gesamtheit - im wesentli-
       chen konsolidiert  haben. Die  Zahl der  Wissenschaftlerinnen und
       Wissenschaftler, die  sich ausgehend  von ihren  Fachgebieten für
       Frieden und  Abrüstung engagieren,  ist seit  1983 kontinuierlich
       gewachsen. Die  Naturwissenschaftlerinnen haben  im Februar  1988
       ihre bundesweite  Initiative "Verantwortung  für den Frieden" als
       Verein konstituiert;  die  Mitgliederzahlen  der  Internationalen
       Ärzte zur  Verhinderung eines Atomkrieges (IPPNW), des Forums In-
       formatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIFF)
       wachsen. Wissenschaftliche Friedenskonferenzen und Kongresse wur-
       den in  den letzten  Jahren zu einer wichtigen Form des Gedanken-
       austausches zwischen Friedenswissenschaft, Bewegung und Politik.
       Die Diskussion  über die neuen längerfristigen Aufgaben der Frie-
       denswissenschaft führt seit etwa drei Jahren zur Entstehung loka-
       ler und  überregionaler Arbeitszusammenhänge und Projekte auch an
       den  Hochschulen.  Bestrebungen,  gemeinsam  mit  friedenswissen-
       schaftlich engagierten Kolleginnen anderer Disziplinen Lehrveran-
       staltungen und Forschungsvorhaben durchzuführen, nehmen zu.
       Die institutionalisierte  Friedensforschung -  an den politikwis-
       senschaftlichen Fachbereichen  der Hochschulen  ebenso wie an den
       außerhochschulischen Friedensforschungsinstituten - hat ebenfalls
       begonnen, die  neuen  Anforderungen  aufzunehmen.  Eine  stärkere
       Bereitschaft zur  Einmischung in  die neu  entstandene politische
       Situation  signalisiert   das  im   zweiten   Jahr   erscheinende
       "Friedensgutachten" von drei Friedens-Forschungsinstituten 3) und
       die Teilnahme an den vorwiegend von den Wissenschaftler-Initiati-
       ven organisierten Kongressen. 4)
       
       3. Themen und Tendenzen friedenswissenschaftlicher Arbeit
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       an den Hochschulen
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       1983 begannen  - als Reflex auf den Höhepunkt der friedenspoliti-
       schen Auseinandersetzung - eine quantitative Ausweitung friedens-
       wissenschaftlicher Arbeit  an den Hochschulen über die bisherigen
       Hauptorte institutionalisierter  Friedensforschung  hinaus,  eine
       thematische Auffächerung,  die sich stärker aus den aktuellen po-
       litischen Diskussionen speist, sowie Ansätze einer neuen Struktur
       der Friedenswissenschaft.
       Die Infragestellung  des sicherheitspolitischen Konsenses der er-
       sten drei  Jahrzehnte der Bundesrepublik wurde zum deutlichen Im-
       puls für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Alternativen.
       Der  Bereich   der      i n s t i t u t i o n a l i s i e r t e n
       F r i e d e n s f o r s c h u n g   soll vorab nur kurz behandelt
       werden. Die interessanten Anfänge einer Kooperation zwischen die-
       sem Sektor  der Friedenswissenschaft und den jüngeren Initiativen
       der Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftler werden weiter unten
       berücksichtigt.
       Der sich  als kritisch verstehende Teil der Friedensforschung hat
       bereits in  den 70er  Jahren begonnen,  u.a. alternative  sicher-
       heitspolitische Konzeptionen  zu diskutieren.  Diese Arbeit blieb
       jedoch weitgehend  im akademischen  Raum, nicht zuletzt wegen der
       politischen und  materiellen Restriktionen,  der sich diese Frie-
       densforschung von  staatlicher Seite  zunehmend  ausgesetzt  sah.
       Seit einiger Zeit finden diese Konzeptionen wieder Eingang in die
       Diskussion etwa  um gemeinsame  Sicherheit, strukturelle Nichtan-
       griffsfähigkeit etc.
       Bis heute sind es im wesentlichen die Hochschulen und Universitä-
       ten in  Berlin, Bonn,  Frankfurt, Hamburg, Tübingen, und zum Teil
       auch Heidelberg,  Marburg, München, wo institutionalisierte Frie-
       densforschung vorwiegend an einzelnen Lehrstühlen der politikwis-
       senschaftlichen Institute  und Fachbereiche  betrieben  wird.  An
       fast allen  diesen Orten wirkt sich die Existenz außerhochschuli-
       scher Friedensforschungsinstitute  förderlich für  die Hochschul-
       friedensforschung aus.  Ein Blick  auf die Forschungsvorhaben der
       letzten Jahre  zeigt eine  gewisse quantitative  Ausweitung. Fol-
       gende Themenschwerpunkte  werden  von  der  institutionalisierten
       Friedensforschung vorrangig bearbeitet: Rüstungskontrolle und Ab-
       rüstung unter den Paradigmen der 80er Jahre, neue Momente westli-
       cher Bündnispolitik (u.a. Europäisierung der Sicherheitspolitik),
       Untersuchungen zum  Feindbildabbau, Projekte  der  Friedenserzie-
       hung, Nord-Süd-Konflikte (u.a. Waffenexporte in die 3. Welt), die
       Rolle neuer  Technologien im Rüstungswettlauf sowie eine Vielzahl
       von Untersuchungen,  die die  Friedensbewegung selbst  zum Gegen-
       stand machen. 5)
       Die   n e u e r e n   T e n d e n z e n   d e r  F r i e d e n s-
       w i s s e n s c h a f t   sind dadurch  geprägt,  daß  diese  und
       andere Themen  inzwischen in  nahezu allen Disziplinen bearbeitet
       werden. Einen gewissen Schwerpunkt bilden die Naturwissenschaften
       (Physik, Chemie,  Mathematik, Biologie)  und die Informationswis-
       senschaften. Aber  auch in der Pädagogik, Psychologie und Medizin
       existiert eine kontinuierliche friedenswissenschaftliche Arbeit.
       Gegenwärtig finden  an etwa  35 bis  40 Hochschulen - also an ca.
       25% der Hochschulen der Bundesrepublik - mehr oder weniger regel-
       mäßig, (jedes  Semester oder  jedes 2.  Semester) friedenswissen-
       schaftliche Veranstaltungen  und Aktivitäten  statt.  Es  handelt
       sich um  die Hochschulorte:  Aachen, Augsburg, Berlin, Bielefeld,
       Bochum, Bonn,  Braunschweig, Bremen,  Clausthal-Zellerfeld, Darm-
       stadt, Duisburg,  Frankfurt, Freiburg,  Fulda, Gießen, Göttingen,
       Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Karlsruhe, Kassel, Kiel, Köln,
       Konstanz, Lüneburg,  Marburg, Mainz, München, Münster, Oldenburg,
       Stuttgart, Tübingen. 6)
       Im folgenden  sollen die  vier relevanten  Felder friedenswissen-
       schaftlicher Arbeit  an den Hochschulen, ihre Strukturen und Trä-
       ger untersucht  werden: Ringvorlesungen/Vorlesungsreihen,  andere
       Lehrveranstaltungen,  Forschungsprojekte  und  schließlich  hoch-
       schul- bzw. wissenschaftspolitische Aktivitäten.
       
       3.1. Ringvorlesungen / Vorlesungsreihen
       ---------------------------------------
       
       An 15  bis 20  Hochschulen der genannten Orte finden unregelmäßig
       Ringvorlesungen bzw. interdisziplinäre Vorlesungsreihen statt. Es
       ist  eine   leicht  rückläufige   Tendenz  zu   verzeichnen.  Die
       "Hochburgen" mit  bis zu  10 Semestern aufeinanderfolgenden Ring-
       vorlesungen sind:  RWTH Aachen, Ruhruniversität Bochum, Universi-
       tät Augsburg,  FU Berlin,  TH Darmstadt, GH Duisburg, Universität
       Frankfurt, Universität Köln, Universität Münster. 7)
       Die Ringvorlesungen bzw. Vorlesungsreihen können hinsichtlich ih-
       rer Entstehung und Verbreitung als die "traditionelle" Form neuer
       interdisziplinärer Friedenswissenschaft  an den  Hochschulen  be-
       zeichnet werden  - mit  den Vorzügen und Grenzen einer Tradition.
       Viele der  Vorlesungen sind in Sammelbänden der Veranstalter ver-
       öffentlicht worden. Die ersten Ringvorlesungen wurden 1983 veran-
       staltet -  auf dem Höhepunkt der INF-Auseinandersetzungen und oft
       in direkter  Zusammenarbeit mit  der örtlichen  Friedensbewegung.
       Sie waren  im Sinne  der Verantwortungsdiskussion  in der Wissen-
       schaft in erster Linie ein Angebot engagierter Wissenschaftlerin-
       nen  und  Wissenschaftler  zur  Information,  Qualifizierung  und
       "Aufklärung" einer interessierten Hochschul- und außeruniversitä-
       ren Öffentlichkeit.  Oft waren und sind GastreferentInnen aus an-
       deren Hochschulen,  aus der  Friedensbewegung und  Politik betei-
       ligt. Diese  zeitgemäße Form  eines "Studium  generale" wurde und
       wird bis heute auch von vielen Nicht-Hochschulangehörigen wahrge-
       nommen. Die  Teilnehmerzahlen schwanken:  waren es  in Hochzeiten
       und bei  besonders interessanten  Themen bis  zu 1000,  liegt die
       heute normale  Beteiligung im  Durchschnitt zwischen  50 und  200
       Teilnehmerinnen.
       Die Themen  der Ringvorlesungen haben sich vor allem in den letz-
       ten beiden  Jahren -  als Reflex  auf die  eingangs beschriebenen
       globalen Anforderungen an die Friedenssicherung - sichtbar verän-
       dert. Fragen  der Ökologie,  der Entwicklung, aber auch der Tech-
       nikfolgenabschätzung wurden aufgenommen, entweder neben der Frie-
       densthematik oder in einer inhaltlichen Verknüpfung mit Friedens-
       und Abrüstungsfragen. Beispielhaft für diese Tendenz ist das Pro-
       gramm der  10. Ringvorlesung  "Verantwortung für  den Frieden" an
       der Universität Köln im Wintersemester 1988/89:
       
       Köln und der Frieden
       --------------------
       17.10.88, Pater  Dr. Paulus Engelhardt OP, Walberberg: Thomas von
       Aquin, ein  Schüler der  Kölner Dominikaner-Hochschule. Wirkungen
       und Wirkungslosigkeiten einer politischen Philosophie - 24.10.88,
       Minister a.D.  Dr. Diether Posser, Essen: Friedrich von Spee. Ein
       Kölner Theologieprofessor  gegen den  Hexenwahn - 31.10.88, Prof.
       Dr. Manfred  Wichelhaus, Köln:  Keine Reformation für Köln 1543 -
       7.11.88, Günther  Bernd  Ginzel,  Köln:  Jüdische  Existenz  nach
       Auschwitz -  14.11.88, Jürgen  Kramer, Bonn:  Die außenpolitische
       Richtung des neuen US-Präsidenten.
       
       Energie und Frieden
       -------------------
       
       21.11.88, Prof.  Dr. Hubert  Kneser, Köln:  Schneller Brüter  und
       Hochtemperaturreaktor - 28.11.88, Dipl.-Biol. Christine von Weiz-
       säcker und  Prof. Dr. Ernst Ulrich v. Weizsäcker, Bonn: Kernener-
       gie, Fehlerfreundlichkeit und die Evolutionsfähigkeit der Technik
       - 5.12.88, Prof. Dr. Bernhard Gonsior, Bochum: Plutonium. Wieder-
       aufarbeitung und  Proliferation - 12.12.88, Prof. Dr. Günter Alt-
       ner, Heidelberg:  Der alternative Energieweg. Phasen und Perspek-
       tiven eines öffentlichen Technologiebewertungsprozesses.
       
       Entwicklung und Frieden
       -----------------------
       
       19.12.88, Prof.  Dr. Ernst  Otto Czempiel,  Frankfurt: Strategien
       des Friedens  - 9.1.89,  Prof. Dr. Alexander Roßnagel, Darmstadt:
       Gesetzliche Kontrollen  für Atomtechnik. Möglichkeiten und Folgen
       - 16.1.89,  Bundesminister a.D.  Dr. Erhard  Eppler, Dornstetten:
       Entwicklungs- und friedenspolitisches Engagement im Nord-Süd-Kon-
       flikt -  23.1.89, Prälat Dr. J. Aigener, Bonn: Hilfe für Entwick-
       lung und  sozialen  Ausgleich  durch  die  katholische  Kirche  -
       30.1.89, Prof. Dr. Wolfgang Huber, Heidelberg: Gewaltverzicht und
       Gerechtigkeit. Forderungen  an die  ökumenische  Friedensversamm-
       lung. 8)
       Ein anderes  Beispiel für  die thematische  und auch strukturelle
       Erweiterung  der   Ringvorlesungskonzeption   ist   das   Projekt
       "Sicherheitspolitischer Austausch  - Ringvorlesung Hamburg-Berlin
       (DDR): Gemeinsame  Sicherheit - Universitäten im Friedensdialog",
       das vom  Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an
       der Universität  Hamburg (IFSH)  und der  Humboldt-Universität in
       Berlin (DDR) im Sommersemester 1988 begonnen wurde:
       In Hamburg:
       13.4.88: Neues politisches Denken und Entwicklungen in der marxi-
       stisch-leninistischen Theorie  - Ökonomische  Grundlagen friedli-
       cher Koexistenz  (Prof. Dr.  Dieter Klein,  Prorektor für Gesell-
       schaftswissenschaften  der   Humboldt-Universität  zu  Berlin)  -
       274.88: Zusammenarbeit  von Marxisten  und Christen  in der Frie-
       densbewegung der  DDR als  Beitrag zur  Welterhaltung (Prof.  Dr.
       Heinrich Fink,  Direktor der  Sektion Theologie der Humboldt-Uni-
       versität zu  Berlin) - 11.5.88: Die politische Kultur der gemein-
       samen Sicherheit (Dr. Bernd P. Löwe, Sektion Marxismus-Leninismus
       der Humboldt-Universität zu Berlin).
       In Berlin (DDR):
       17.3.88: Gemeinsame  Sicherheit und Strukturelle Angriffsunfähig-
       keit (Dr.
       Dieter  S. Lutz, IFSH, Hamburg) - 31.3.88: Bedrohungsanalysen und
       vertrauensbildende Maßnahmen  (Dr. Erwin Müller, IFSH, Hamburg) -
       14.4.88: Europäische  Sicherheit jenseits  der Abschreckung  (Dr.
       Reinhard Mutz, ISFH, Hamburg). 9)
       Neben diesen "extensiven" Entwicklungstendenzen der Ringvorlesun-
       gen (thematisch  und die  Struktur der  Referentinnen betreffend)
       gibt es auch die seltenere Tendenz zur "Intensivierung", d.h. zur
       Vertiefung der  Themen in  die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen
       hinein und  damit verbunden  meist die  Gewinnung eines  größeren
       Teils der  am jeweiligen  Fachbereich arbeitenden Wissenschaftle-
       rinnen. Ein  - vielleicht  etwas exotisch  anmutendes -  Beispiel
       hierfür ist  die "Altertumswissenschaftliche Ringvorlesung an der
       Ruhruniversität Bochum  im Sommersemester 1988: Krieg und Frieden
       im Altertum":
       18.4.88: Krieg  und Frieden  in der  griechischen Literatur.  Das
       Beispiel der  Ilias (B. Effe) - 25.4.88: Krieg und Frieden im Al-
       tertum: Historisch  vergleichende Überlegungen zur Semantik eines
       Wortfeldes (M.  Job) -  2.5.88: Erfahrungen  und Bilder von Krieg
       und Frieden in der Offenbarung des Johannes (K. Wengst) - 9.5.88:
       Krieg und  Frieden als Themen antiker Kunst (P. Kranz) - 16.5.88:
       "Si vis  pacem para bellum" - eine Maxime römischer Politik? (K.-
       W. Welwei)  - 30.5.88: Das Thema "Frieden" im Alten Testament (H.
       Graf Reventlow) - 6.6.88: Krieg und Frieden. Weisungen und Erwar-
       tungen im  Judentum der  talmudischen Zeit (D. Vetter) - 13.6.88:
       Theorien des Heiligen Krieges im klassischen Islam (H.H. Biester-
       feldt) -  20.6.88: Krieg  und Frieden  in der  Sicht des Dichters
       Vergil (R. Glei) - 27.6.88: Augustinus und der antike Friedensge-
       danke (W.  Geerlings) -  4.7.88: Krieg  und Frieden bei den alten
       Germanen (H.-P. Hasenfratz). 10)
       Alle Veranstalter  dieser Ringvorlesung, die auch für Bürgerinnen
       der Stadt  Bochum öffentlich  ist, stammen aus den unterschiedli-
       chen Fachbereichen  der Altertumswissenschaften  an der Ruhr-Uni-
       versität Bochum. Hier hat also ein Prozeß der Vertiefung und Ver-
       breiterung der Thematik in den akademischen Betrieb hinein statt-
       gefunden, der  wie in einigen wenigen anderen Fällen zu einer of-
       fiziellen Aufnahme  in das  Lehrangebot geführt  hat. Dieser Grad
       der Institutionalisierung  von Friedenswissenschaft wurde bei den
       Ringvorlesungen mit  allgemeiner interdisziplinärer  Anlage - so-
       weit bekannt  - in  der Regel  nicht erreicht, zum Teil aber auch
       nicht angestrebt. Häufig enthalten die offiziellen Vorlesungsver-
       zeichnisse der Hochschulen allerdings Hinweise auf die Ringvorle-
       sungen.
       Damit ist  am Beispiel  der Ringvorlesungen das Spannungsfeld für
       die neue  Friedenswissenschaft umrissen: zwischen einer kritisch-
       wissenschaftlichen Aufklärungsfunktion  gegenüber der Öffentlich-
       keit und  der Politik und dem Anspruch auf institutionelle Veran-
       kerung der Friedensthematik im Wissenschaftsbetrieb der Hochschu-
       len wird  ein Weg  beschritten, der  versucht, beides zu ermögli-
       chen.
       
       3.2. Andere Lehrveranstaltungen
       -------------------------------
       
       Eine im  Vergleich zu den Ringvorlesungen eher zunehmende Tendenz
       verzeichnen allerdings  einzelne Lehrveranstaltungen und Seminare
       der unterschiedlichen  Disziplinen zu Friedensthemen. Seit mehre-
       ren Semestern gibt es u.a. an den Universitäten Münster, Marburg,
       Mainz, Hamburg in den naturwissenschaftlichen Fachbereichen Semi-
       nare mit  Titeln wie  "Physik und  Rüstung", "Mathematik  und Rü-
       stung" u.a.,  für die  die Studierenden  in der  Regel auch  Lei-
       stungsnachweise erhalten.
       Das Seminar  "Physik und  Rüstung"  in  Mainz  im  Wintersemester
       1986/87 behandelte  beispielsweise folgende  Themen:  SDI-Waffen-
       technik, strategische und vertragliche Implikationen von SDI, Re-
       aktion der physikalischen Fachwelt auf SDI, Entwicklung der Kern-
       energie  zur  militärischen  Nutzung,  Einzelpersönlichkeiten  im
       Spannungsfeld, Wissenschaft  und Technik in kritischer Reflexion.
       11)
       An der  Gesamthochschule Kassel  gibt es seit Sommersemester 1988
       ein "Vorlesungsverzeichnis  für den Frieden", mit einer Übersicht
       über Seminare und Projekte, die sich mit Fragen des Friedens, der
       Konfliktgenese und  -lösung befassen;  u.a. wurde  angeboten:  FB
       Psychologie, Sportwissenschaft,  Musik: Zur  Theorie der Endzeit-
       stimmung (Krieg  und Frieden in psychoanalytischer Sicht), FB Ge-
       sellschaftswissenschaften: Kecker Spatz was nun? Perspektiven der
       deutsch-französischen  militärischen  Zusammenarbeit,  US-Global-
       strategie und  Rolle des  pazifischen  Raumes;  FB  Stadtplanung,
       Landschaftsplanung: Kommunen  als Objekt und Subjekt von Militär-
       planung; FB  Sozialwesen: Der militärisch-industrielle Komplex in
       der kapitalistischen Krise. 12)
       Die Aufnahme einzelner Veranstaltungen in das Vorlesungsverzeich-
       nis gibt  es auch an der Universität Bielefeld; im Wintersemester
       1987/88 u.a.:  Soziologie: Wissenschaft  -  Militär  -  Industrie
       (Seminar),  Zukunftsperspektiven  gesellschaftlicher  Entwicklung
       (Seminar), Planungs-  und Entscheidungstheorie  am  Beispiel  SDI
       (Grundkurs); Pädagogik:  Friedenslernen und  ökologisches  Lernen
       (Seminar), Schulalltag  im Nationalsozialismus  (Seminar), Rambo,
       Raid of  Moscow, Syntaction - Spielfilme, Computerspiele, strate-
       gische Spiele in der Friedenserziehung (Seminar), Friedenspädago-
       gik am Beispiel Ostwestfalens (Seminar). 13)
       An der TH Darmstadt werden seit einigen Semestern thematische Se-
       minare zur  Nutzung der Kernenergie, Problemen der Proliferation,
       der Plutoniumwirtschaft  sowie zur Atomwaffenoption der Bundesre-
       publik durchgeführt. 14)
       An der  Universität Tübingen liegen Seminarschwerpunkte der Frie-
       denswissenschaft  an  den  Fachbereichen  Erziehungswissenschaft,
       Psychologie und  Politikwissenschaft. 15)  Die  Aufzählung  ließe
       sich fortsetzen.
       Diese friedenswissenschaftlichen  Formen von Lehrveranstaltungen,
       Seminaren, Projekten sind inzwischen ein relativ anerkannter, zum
       Teil mit  Leistungsnachweisen versehener  Teil des Lehrbetriebes.
       Soweit bekannt,  gibt es jedoch noch an keiner Hochschule die of-
       fizielle Aufnahme  dieser Themen  und Strukturen in die Lehrpläne
       bzw. Curricula. Die Diskussion hierüber wird gegenwärtig intensi-
       viert. Verschiedene  Konzeptionen werden  z.B. an der Universität
       Hamburg erörtert: Dort reichen die Überlegungen von der Forderung
       nach Einrichtung je einer "Friedensprofessur" an den naturwissen-
       schaftlichen Fachbereichen,  die interdisziplinär  zusammengefaßt
       werden sollen,  bis zur  Planung eines  gemeinsamen Studienganges
       zwischen den naturwissenschaftlichen Fachbereichen und dem Insti-
       tut für  Politikwissenschaft. An  diesen Diskussionen  waren  und
       sind die  Hamburger Naturwissenschaftler-Initiataive  "Verantwor-
       tung für  den Frieden",  Wissenschaftler  Innen  aus  der  insti-
       tutionalisierten Friedensforschung,  sowie  studentische  Organe,
       die  Fachschaften   der  Naturwissenschaften,   beteiligt.   Wis-
       senschaftliche Hilfestellung  für diese  Diskussion kommt in Ham-
       burg, wie auch an manchen anderen Orten, auch von den Interdiszi-
       plinären Zentren für Hochschuldidaktik. 16)
       Die zum  Teil durchaus  positive Entwicklung  in  diesem  Bereich
       macht aber  zugleich die  Defizite und Desiderate der neuen Frie-
       denswissenschaft sehr  offensichtlich. Solange  keine institutio-
       nelle Aufnahme dieser Lehrveranstaltungsthemen und -strukturen in
       die Curricula  erfolgt, solange  z.B. keine  Lehrbücher  für  die
       Friedenswissenschaft entstehen,  wird die  Existenz  ungesichert,
       beliebig bzw.  abhängig vom  Engagement einzelner Wissenschaftle-
       rinnen bleiben.  Andererseits ist die Institutionalisierung weder
       Selbstzweck noch  Garantie, weil  gerade die Friedenswissenschaft
       von der  kritischen Reflexion,  dem Engagement  und der ständigen
       Innovation der sie tragenden Personen lebt.
       Bereits jetzt  allerdings ist erkennbar, daß sich neue Denkweisen
       in der Wissenschaft sowie neue Fachkompetenz etwa bei einem brei-
       teren friedenswissenschaftlichen  Nachwuchs, nur  durch eine  ge-
       wisse Form von Institutionalisierung erreichen lassen werden.
       
       3.3. Exkurs zu den Trägern und Strukturen
       -----------------------------------------
       der Friedenswissenschaft
       ------------------------
       
       Von der  Art und  Weise, wie  die Friedenswissenschaft mit diesem
       "klassischen" Konflikt  zwischen Institution und Initiative umge-
       hen lernt, wird ihre Zukunft wesentlich abhängen.
       Zur Zeit  existieren an  den Hochschulen der Bundesrepublik - auf
       der Ebene  der Fachbereiche  oder als  hochschulweite interdiszi-
       plinäre Zusammenschlüsse  - zwischen  40 und 50 wissenschaftliche
       Arbeitskreise, die in der Regel die Ringvorlesungen organisieren,
       Lehrveranstaltungen durchführen,  Öffentlichkeitsarbeit betreiben
       etc. 17)  In ihnen arbeiten in der Regel die örtlichen Gliederun-
       gen der großen bundesweiten Wissenschaftlerlnnen-Initiativen mit,
       vor allem  der Naturwissenschaftler Innen und der Informatikerin-
       nen. Insgesamt  kann man  davon ausgehen,  daß an den Hochschulen
       gegenwärtig zwischen 1500 und 2 000WissenschaftlerInnen mehr oder
       weniger kontinuierlich  und in  entsprechenden Zusammenhängen  zu
       Themen der Friedenswissenschaft arbeiten. 18) Davon sind etwa ein
       Drittel bis die Hälfte Lehrstuhlinhaberinnen, eine geringere Zahl
       ist in  den Leitungen der Fachbereiche und Hochschulen tätig. Un-
       terstützung findet  die neuere  Friedenswissenschaft  an  einigen
       Hochschulen durch  studentische Selbstverwaltungsorgane  und  Ar-
       beitskreise, außerhalb der Hochschulen zum Teil von den örtlichen
       Organen der  Friedensbewegung, neuerdings auch aus den Reihen der
       Gewerkschaften. 19)
       Insofern kann  die begonnene Kooperation zwischen institutionali-
       sierter Friedensforschung  und Friedenswissenschaft  vor allem in
       Hamburg, Darmstadt,  Bochum, Berlin, Frankfurt, München 20) wich-
       tige Erfahrungen für die Verankerung der Friedenswissenschaft in-
       nerhalb der Hochschule beisteuern.
       Hilfreich für den Erfahrungsaustausch sowohl über die Inhalte der
       Friedenswissenschaft wie  über Durchsetzungsstrategien  gegenüber
       der staatlichen  Hochschulpolitik können  auch die  neueren hoch-
       schularten-spezifischen  bzw.   regionalen  Zusammenschlüsse  der
       Friedenswissenschaft sein:  So existiert  seit 1987  ein Arbeits-
       kreis Frieden  in Forschung und Lehre an Fachhochschulen 21), ein
       Arbeitskreis Sicherheits-  und  Friedensforschung  an  hessischen
       Hochschulen 22),  für Nordrhein-Westfalen  ist vergleichbares  im
       Gespräch.
       
       3.4. Forschungsprojekte
       -----------------------
       
       Auf  diesem   Sektor  werden   gegenwärtig,  wenn  auch  erst  in
       "Keimform" an  zwei Hochschulen,  die weitestgehenden Ansätze zur
       Verankerung der neuen friedenswissenschaftlichen Richtung im Wis-
       senschaftsbetrieb erprobt.  Die Anlage  der beiden Forschungspro-
       jekte an  der Ruhr-Universität Bochum und an der TH Darmstadt ist
       in mehrererlei  Hinsicht beispielhaft  für die  Inhalte und Ziel-
       stellungen der Friedenswissenschaft. Dies gilt vor allem für
       - die Interdisziplinarität,  d.h. hier  die  bewußte  Herstellung
       thematisch gemeinsamer  Aufgaben für  die beteiligten  Natur- und
       Gesellschaftswissenschaftlerinnen
       - die auf  Beeinflussung der  Öffentlichkeit und  Veränderung von
       Politik angelegte Arbeit
       - die Zielstellung,  aus den Forschungsvorhaben auch Konsequenzen
       für eine friedenswissenschaftliche Lehre abzuleiten.
       Wegen der  exemplarischen Bedeutung dieser Forschungsprojekte für
       die Weiterentwicklung  der Friedenswissenschaft  sollen ihre Kon-
       zeptionen etwas ausführlicher dargestellt werden.
       
       Das Projekt an der Ruhr-Universität Bochum
       ------------------------------------------
       
       "Die Ruhr-Universität  Bochum möchte auf dem Gebiet der Friedens-
       sicherung, Abrüstung,  Rüstungskontrolle und des bewaffneten Kon-
       flikts neue  Formen der  integrierten Forschung und Lehre einfüh-
       ren, die  durch ein neu zu gründendes Institut für Friedenssiche-
       rungsrecht und  Humanitäres Völkerrecht  koordiniert  werden  und
       verschiedene Fakultäten einbeziehen.
       Im Bereich  des   V ö l k e r r e c h t s   (1 Stelle)  soll  das
       Thema 'Waffenwirkung  und Umwelt'  bearbeitet werden.  Angesichts
       der neuen  naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse  über die
       Umweltfolgen eines  Nuklearkrieges sowie  der aktuellen Kriegser-
       eignisse mit Einsatz chemischer Waffen, Bombardierung eines Kern-
       kraftwerkes und  Angriffen gegen Tanker stellt sich die Frage, ob
       die bereits  existierenden Völkerrechtsnormen  anwendbar und  ge-
       eignet sind. Ein zweites Problem betrifft die Unterscheidung zwi-
       schen am Konflikt beteiligten und neutralen Staaten, wenn Waffen-
       einsatz großräumige  oder sogar  globale Auswirkungen  nach  sich
       zieht. Die Untersuchung soll - auf naturwissenschaftlichen Vorga-
       ben aufbauend  - den  Anwendungsbereich und die Struktur der völ-
       kerrechtlichen Vorschriften herausarbeiten, die Waffen und Kampf-
       methoden mit  Auswirkungen auf  die natürliche  Umwelt betreffen;
       sie soll  Verbindungen zwischen  dem Friedensvölkerrecht  und dem
       Recht des bewaffneten Konflikts untersuchen, die Geeignetheit der
       existierenden Vorschriften  überprüfen und gegebenenfalls Verbes-
       serungsvorschläge machen.
       In der  P h y s i k  (2 Stellen) geht es um 'Neue technische Mit-
       tel für  kooperative Verifikation  in Europa'. Bei der Begrenzung
       und Reduzierung konventioneller Rüstungen reichen nationale tech-
       nische Mittel  (vor allem Satelliten) nicht mehr aus. Die notwen-
       digen Vor-Ort-Inspektionen  müssen von den beteiligten Staaten so
       organisiert werden, daß Vertragsverletzungen (z.B. Eindringen von
       Panzern in  einen  Reduzierungsraum)  mit  genügender  Sicherheit
       nachgewiesen werden. (...) Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf
       schwerem Kampfgerät  für den Land- und Luftkrieg: Panzer, schwere
       Artillerie, Brückenlegegerät,  Flugzeuge, Hubschrauber.  (...) Im
       Projekt soll  untersucht werden,  welche neuen technischen Mittel
       (vor allem Sensoren) für kooperative Verifikation eingesetzt wer-
       den können. (...) Die Arbeitsmethoden sind solche der Angewandten
       Physik, von  theoretischen Berechnungen über Laborexperimente bis
       hin zu  Feldmessungen. Für  den Projektteil über Verifikationssy-
       steme und -prozeduren soll mit Völkerrechtlern und Politikwissen-
       schaftlern zusammengearbeitet  sowie Kontakt zu Politikern, Mili-
       tärs und Diplomaten hergestellt werden". 23)
       
       Das Projekt an der TH Darmstadt
       -------------------------------
       
       An der TH Darmstadt hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen
       und Wissenschaftlern, schwerpunktmäßig aus dem natur- und ingeni-
       eurwissenschaftlichen  Bereich   unter  Beteiligung  von  Gesell-
       schaftswissenschaftlerinnen zusammengefunden,  die sich  mit  der
       Früherkennung neuer naturwissenschaftlich-technischer Entwicklun-
       gen mit  militärischer Bedeutung  befaßt. Der neue Projektverbund
       will zur  Integration naturwissenschaftlicher  und  ingenieurwis-
       senschaftlicher  Expertise  einerseits  und  gesellschaftswissen-
       schaftlichen Fachwissens  andererseits in  der friedens-  und si-
       cherheitspolitischen Forschung  beitragen. Unter Berücksichtigung
       der Erfahrungen,  die mit  naturwissenschaftlich geprägter  Frie-
       densforschung in  den USA gemacht wurden, will das Forschungspro-
       jekt, in Zusammenarbeit mit der Hessischen Stiftung für Friedens-
       und Konfliktforschung (HSFK) u.a. folgende Aufgaben wahrnehmen:
       "- Beobachtung aktueller  naturwissenschaftlich-technischer  Ent-
       wicklungen mit  möglicher rüstungstechnologischer  Relevanz, sam-
       meln entsprechender  Informationen und Abschätzung möglicher Wei-
       terentwicklungen,
       - Abschätzung jetziger und zukünftiger militärischer und nichtmi-
       litärischer Anwendungsmöglichkeiten,
       - Abschätzung der  Auswirkungen solcher Entwicklungen auf die Si-
       cherheitspolitik, insbesondere  die Rüstungsdynamik,  das militä-
       risch-politische Kräfteverhältnis sowie die Rüstungskontrolle,
       - Erarbeitung von  Handlungsvorschlägen, die der Verbesserung der
       Sicherheitslage und  der Abrüstung sowohl auf nationaler als auch
       auf internationaler Ebene dienen,
       - Erarbeitung eines  systematischen Verständnisses  der Zusammen-
       hänge zwischen technologischen Entwicklungen und sicherheitspoli-
       tischen Veränderungen.
       Den Kern  der ersten Forschungsphase bilden sechs Einzelprojekte,
       die der  zentralen Fragestellung, der Früherkennung und Folgenab-
       schätzung neuer Technologien zuzuordnen sind." 24)
       Die Themen  der sechs  Projekte sind:  "Kernwaffen der 3. Genera-
       tion", "Alternativen  zu nachweisbaren  unterirdischen Tests  für
       Forschung und  Entwicklung von Kernwaffen", "Komplexität und Sta-
       bilität   von    Rüstungstechnologien",   "Prüfbare    Software",
       "Untersuchungen zur  militärischen Nutzung  der Gen-Technologie",
       "Mathematische Konfliktmodelle  zur Beschreibung  rüstungsdynami-
       scher Phänomene".
       Beteiligt sind  14 Wissenschaftlerinnen  aus den  Instituten  und
       Fachgebieten Kernphysik,  Praktische  Informatik,  Mikrobiologie,
       Mathematik, Datenverwaltungssysteme, Politikwissenschaft, Politi-
       sche Ökonomie.
       Beide Projekte  - in  Darmstadt und  in Bochum  - mit zunächst je
       drei hauptamtlichen  Stellen für  drei Jahre  werden zum  größten
       Teil von der Stiftung Volkswagenwerk, der seit Jahren wichtigsten
       Geldgeberin  für  Friedensforschung/Friedenswissenschaft,  finan-
       ziert. Der  Rest der  Finanzierung erfolgt  aus Mitteln der Hoch-
       schule, in  Darmstadt mit  Hilfe des  neugegründeten Zentrums für
       interdisziplinäre Technikforschung.
       Beide Projekte  wurden möglich  durch das  jahrelange  Engagement
       einzelner Wissenschaftlerinnen,  vor allem  an den  Fachbereichen
       Physik bzw.  durch interdisziplinäre WissenschaftlerInnen-Initia-
       tiven an  den Hochschulen.  Das Engagement  zielte bewußt auf die
       Institutionalisierung von  Friedenswissenschaft. Das  schloß  öf-
       fentliche Diskussionen  an der Hochschule, vorbereitende Lehrver-
       anstaltungen, geduldige Vorarbeit in den Hochschulgremien ein. In
       beiden Fällen  konnte Wohlwollen  bzw. eigenes Interesse an einer
       qualifizierten Beschäftigung  mit  Friedenswissenschaft  bei  den
       Hochschulleitungen entwickelt  bzw. weiterentwickelt  werden. Die
       Hochschulen identifizieren sich weitgehend mit "ihren" Projekten,
       was nicht bedeutet, daß die Auseinandersetzungen konfliktfrei und
       ohne Kontroversen waren.
       An Hochschulen,  wo es  bisher  überhaupt  gelang,  vergleichbare
       Schritte wie  in Bochum und Darmstadt einzuleiten, waren entspre-
       chende Ergebnisse bisher jedoch nicht zu erreichen. Die Auseinan-
       dersetzung etwa  an der  TU Berlin über die Einrichtung eines In-
       stituts, an  dem auch friedenswissenschaftliche Projekte durchge-
       führt werden  können, dauert inzwischen mehrere Jahre an; Voraus-
       setzungen in  einem noch  zu schaffenden "Zentrum für Technik und
       Gesellschaft" sollen jetzt entstehen.
       Gerade die  Diskussion um das "Friedensinstitut" an der TU Berlin
       zeigt, wie  belastet von  konservativer Seite das Thema Friedens-
       forschung nach  wie vor ist: ganz gegen den allgemeinen Trend ei-
       nes entspannteren  Ost-West-Dialoges konnte  in  der  Frankfurter
       Allgemeinen Zeitung  noch im November 1988 ein offensichtlich aus
       der Feder  des Verfassungsschutzes  stammender Artikel  gegen die
       jetzt bevorstehende  Einrichtung des neuen, auch mit Friedensfor-
       schung befaßten  Zentrums an der TU Berlin erscheinen. 25) Diesem
       Atavismus aus  der Zeit  des Kalten  Krieges steht insgesamt aber
       eine politische  Klimaveränderung gegenüber, die auch die Chancen
       für eine Verstetigung von Friedenswissenschaft an den Hochschulen
       verbessern wird.
       
       3.5. Hochschul- und wissenschaftspolitische Aktivitäten
       -------------------------------------------------------
       
       Das Selbstverständnis  einer auf  gesellschaftliche Veränderungen
       zielenden, handlungsorientierten  Friedenswissenschaft sowie  die
       Tatsache einer  völlig am  Anfang  stehenden  Integration  dieser
       Friedenswissenschaft  in   die  vorhandenen   Hochschulstrukturen
       schließen ein und erfordern eine friedenswissenschaftliche Arbeit
       an den  Hochschulen auch jenseits der unmittelbaren Forschung und
       Lehre. Es hängt unmittelbar mit den Gegenständen der Friedenswis-
       senschaft zusammen,  daß nur mit einem Mehr an Öffentlichkeit und
       Demokratie die  relativ große  Resistenz der  Hochschulstrukturen
       gegenüber wissenschaftlichen Innovationen wie der Friedenswissen-
       schaft abgebaut werden kann.
       Noch weniger  als oben  kann hier Vollständigkeit geboten werden;
       einige Einzelbeispiele  können einen Einblick in die Probleme der
       friedenswissenschaftlichen Tätigkeit  geben, die  jenseits unmit-
       telbarer Lehre-  und Forschungspraxis auf die grundlegendere Ver-
       änderung  des   politischen  und  wissenschaftlichen  Klimas  und
       Selbstverständnisses an den Hochschulen abzielt.
       Die Durchführung von bisher  d r e i  F r i e d e n s w o c h e n
       - jeweils  im Wintersemester - an den Hochschulen der Bundesrepu-
       blik, zum  Teil zeitgleich  mit anderen  westeuropäischen Ländern
       und den  USA, war  der Versuch der WissenschaftlerInnen-Initiati-
       ven, wissenschaftliche  Themen zu verstetigen, das "Aufklärungs"-
       angebot der  Wissenschaft an  die  interessierte  Bevölkerung  zu
       verbessern und  gleichzeitig positivere  Ausgangsbedingungen  für
       die Implementierung  der  Friedensfrage  an  den  Hochschulen  zu
       schaffen. 26)  Eine ähnliche  Funktion haben  die  inzwischen  an
       vielen Hochschulen  stattfindenden "Dies  Academici",  für  deren
       thematische Entwicklung  und Erweiterung ähnliches gilt, wie oben
       für die  Ringvorlesungen gesagt  wurde.  Die  Durchführung  eines
       "Dies" setzt  in der  Regel eine Beschlußfassung in den leitenden
       Hochschulgremien voraus. Die dabei geführten öffentlichen Diskus-
       sionen bewirken  meist  eine  Bewußtseinsänderung  zugunsten  der
       Friedenswissenschaft.
       Im Zuge  dieser Erfahrungen  ist an zahlreichen Fachbereichen und
       an einigen Hochschulen als Ganzes (z.B. FH Aachen, GH Kassel) die
       Initiative  ergriffen   worden,  in  den  Leitungsgremien  (Fach-
       bereichsräten,  Senaten,   Konzilien)  die   Grundordnungen   der
       Hochschulen dahingehend  zu verändern  bzw. Beschlüsse zu fassen,
       die die  Verantwortung der  Wissenschaft für  die  Sicherung  des
       Friedens explizit  formulieren. Daraus  sollen Konsequenzen abzu-
       leiten sein,  sei es hinsichtlich der Offenlegung bzw. des Verbo-
       tes von  Rüstungsforschung an  diesen Fachbereichen und Hochschu-
       len, sei  es hinsichtlich  der Einführung friedenswissenschaftli-
       cher Lehre und Forschung.
       Die jüngsten  Erfahrungen dieser  Art an der Universität Hannover
       verweisen auf  die Möglichkeiten  in diesem  Bereich: nach  einer
       etwa zweijährigen  Auseinandersetzung wurde  die Grundordnung der
       Universität wie folgt geändert (und vom Minister genehmigt): "Die
       Universität hat  die Aufgabe,  Wissenschaft und  Kunst in  freier
       Forschung, freier  Lehre und  freiem Studium zu pflegen. Sie ver-
       steht sich  als Gemeinschaft  von Personen, die im Bewußtsein der
       Verantwortung vor  Verfassung  und  Gesellschaft   f ü r    d i e
       F o l g e n   i h r e s   T u n s  u n d  i m  G e i s t e  d e s
       F r i e d e n s   forschen, lehren, lernen und hierzu beitragen."
       (Die beschlossene Ergänzung ist hervorgehoben). Voraussetzung für
       diese Beschlußfassung war ein sehr viel weitergehender Antrag der
       Hochschulfriedensinitiative gewesen  sowie eine ausführliche Dis-
       kussion über  das Verhältnis  von "Verantwortung"  und "Freiheit"
       der Wissenschaften,  vor allem  bezogen  auf  die  Bewertung  der
       Grundlagenforschung. 27)  An der Universität Hannover befaßt sich
       jetzt eine Arbeitsgruppe des Konzils mit der Umsetzung der Verän-
       derungen in  der Grundordnung.  In der  Diskussion ist  die feste
       Einrichtung eines  "Dies", die Einsetzung eines/einer Friedensbe-
       auftragten im  Range eines/einer Vizepräsidentin, der Entwurf ei-
       ner  Selbstverpflichtung   der  Hochschulangehörigen   zum  Thema
       "Verantwortung und  Rüstungsforschung"; auch  der  weitestgehende
       Vorschlag der Einrichtung eines Instituts für Konflikt- und Frie-
       densforschung wird erwogen.
       An ihre  Grenzen stoßen  friedenswissenschaftliche Aktivitäten an
       der Hochschule  immer wieder  in der Konfrontation mit ihrem sub-
       stantiellen Widerpart,  d e r  R ü s t u n g s f o r s c h u n g.
       28) Bisher  scheiterten fast  alle Versuche,  vermutete, aber ge-
       heimgehaltene  Rüstungsforschungsprojekte  an  Fachbereichen  und
       Hochschulen offenzulegen  und für  ihre  Beendigung  einzutreten.
       Mehr als  die Entstehung  von demokratisch-kritischem  Bewußtsein
       und größerer  Wachsamkeit konnte in der Regel nicht erreicht wer-
       den. In  einigen Fällen  wurden den  Wissenschaftler Innen  sogar
       "Dienstpflichtverletzungen" im  Zusammenhang mit  ihrer Kritik an
       Rüstungsforschung vorgeworfen.  29) Gegen  eine  Beteiligung  der
       Hochschulen beispielsweise  am SDI-Forschungsprogramm  wurden von
       Friedenswissenschaflterlnnen an mehreren Hochschulen Unterschrif-
       tensammlungen durchgeführt,  u.a. an  der TU  Braunschweig und an
       der RWTH Aachen.
       Solche zum  Selbstverständnis der  Friedenswissenschaft gehörende
       aktive Wahrnehmung  von Verantwortung  - in  den USA  seit Jahren
       sehr viel selbstverständlicher - ruft in der bundesdeutschen Aka-
       demikergemeinschaft immer noch Befremden und Ablehnung hervor.
       
       4. Schlußfolgerungen für die Profilierung
       -----------------------------------------
       der Friedenswissenschaft
       ------------------------
       
       Die Friedensforschung  der letzten  beiden Jahrzehnte  hat  viele
       problematische Erfahrungen  mit ihrer politischen Wirksamkeit und
       der Entfaltung  ihrer Potenzen, mit dem komplizierten Wechselver-
       hältnis von Wissenschaft und Politik in diesem Lande gemacht. Die
       jüngeren Ansätze  einer  interdisziplinären  Friedenswissenschaft
       hatten den Vorteil, sehr unmittelbar durch neu aufbrechende poli-
       tische Entwicklungen  und Bewegungen  angestoßen worden  zu sein.
       Diese Wissenschaft  hat heute Mitverantwortung übernommen für die
       Rettung der Welt vor selbstverschuldeter Vernichtung. Darin liegt
       zugleich eine  große Herausforderung  für die Hochschulen, ob sie
       den unaufschiebbar gewordenen Aufgaben der Wissenschaft mehr Raum
       als bisher  einräumen wollen. Die Zusammenarbeit von Naturwissen-
       schaften und  Gesellschaftswissenschaften entspricht als Postulat
       schon seit  Jahrzehnten  einem  demokratischen  Wissenschaftsver-
       ständnis. Heute wird ohne eine neue Qualität disziplinenübergrei-
       fenden Arbeitens  das komplexe  Verhältnis zwischen wissenschaft-
       lich-technischer Entwicklung, Gefährdung von Mensch und Natur und
       politischer Regelung des Zusammenlebens nicht mehr zu lösen sein.
       Das Bewußtsein  über diese  Herausforderung beginnt  sich in  der
       Bundesrepublik - spät - Bahn zu brechen. Größere Erfahrungen gibt
       es in  den USA,  wo Friedensforschung  gerade auch an den techni-
       schen Hochschulen  seit Jahren  einen festen  Platz einnimmt,  wo
       Studentinnen in  diesen Themenfeldern auch Diplom- bzw. Doktorar-
       beiten schreiben  können und  auf diesem Wege der Kreis der Frie-
       denswissenschaft vergrößert  wird. 30) Auch in Europa gibt es po-
       sitive Tendenzen.  Die neuen  Entwicklungen  in  der  Sowjetunion
       richten sich  gerade auch auf die Mobilisierung einer auf die Lö-
       sung der  globalen Probleme  gerichteten (Friedens-)Wissenschaft.
       In Österreich  wird mit  Unterstützung  der  UNESCO  das  Projekt
       "Europäische Friedensuniversität"  entwickelt. 31)  In der  Deut-
       schen  Demokratischen   Republik  wurde   im  Januar   1988   ein
       "Wissenschaftlicher Rat  für Friedensforschung"  mit  interdiszi-
       plinären Aufgabenstellungen gegründet. 32)
       Die politischen Rahmenbedingungen sind zwar besser geworden, aber
       gemessen an  den Erfordernissen  steht die  neue  Friedenswissen-
       schaft noch am Anfang.
       Folgende Überlegungen verstehen sich als Anregung in der weiteren
       Diskussion um  die Verbreitung  der Friedenswissenschaft  an  den
       Hochschulen:
       1. Die  Friedenswissenschaft  sollte  auf  die  Durchführung  von
       R i n g v o r l e s u n g e n   b z w.    t h e m a t i s c h e n
       E i n z e l v o r t r ä g e n,   auch bei  zum Teil modifizierter
       Thematik und "Normalisierung" der Teilnehmerinnenzahl,  n i c h t
       v e r z i c h t e n.   In besonderer  Weise entspricht diese Form
       der Vermittlung  zwischen engagierter  Wissenschaft und  interes-
       sierter (auch  außerhochschulischer) Öffentlichkeit dem inhaltli-
       chen Anliegen der Friedenswissenschaft.
       2. Der  Schwerpunkt  der  friedenswissenschaftlichen  Aktivitäten
       sollte auf  der   E n t w i c k l u n g  v o n  F o r s c h u n g
       u n d   L e h r e  in den einzelnen Fachwissenschaften, vor allem
       d e n
       n a t u r w i s s e n s c h a f t l i c h - t e c h n i s c h e n
       F ä c h e r n  liegen.
       3.  D i e   i n t e r d i s z i p l i n ä r e  A n l a g e  d e r
       F r i e d e n s w i s s e n s c h a f t   muß bei  jeder Projekt-
       planung konstituierendes  inhaltliches und  strukturelles  Moment
       sein: Beim  gegenwärtigen Stand  der Wissenschaftsorganisation an
       den Hochschulen  sollten eigene Formen/Strukturen der Zusammenar-
       beit zwischen  den Naturwissenschaften  und  Gesellschaftswissen-
       schaften angestrebt  werden (gemeinsame Forschungsgruppen, Veran-
       staltungsreihen, Studiengänge  etc.). Die  Weiterentwicklung  der
       Kooperation mit der schon institutionalisierten Friedensforschung
       ist hierfür von Bedeutung.
       4. Ein  völlig   eigenständiges  Gewicht  muß  auf  die    V e r-
       g r ö ß e r u n g   d e s   K r e i s e s   d e r    i n    d e r
       F r i e d e n s w i s s e n s c h a f t     e n g a g i e r t e n
       W i s s e n s c h a f t l e r i n n e n gelegt  werden. Es bedarf
       - im  Kontext mit  2. und  3. - eigener Überlegungen zur Aufnahme
       friedenswissenschaftlicher Themen  in die  Curricula, zur Vergabe
       von Leistungsnachweisen,  Diplom- und Doktorarbeiten. Initiativen
       zur Erarbeitung von Materialien und Lehrbüchern müssen weiterent-
       wickelt werden.
       5. Alle bisherigen  Erfahrungen zeigen, daß im Gefolge von Insti-
       tutionalisierung von  Friedenswissenschaft immer  ein Stück  alte
       Hochschulwirklichkeit verändert  werden mußte  und konnte.  D i e
       ö f f e n t l i c h e     D i s k u s s i o n    f r i e d e n s-
       w i s s e n s c h a f t l i c h e r     V o r h a b e n,    d i e
       E n t w i c k l u n g   d e m o k r a t i s c h e r   F o r m e n
       d e r   A u s e i n a n d e r s e t z u n g   an den  Hochschulen
       und in  den Gremien  über die  Themen und  Anliegen der Friedens-
       wissenschaft ist  deshalb integraler  Bestandteil friedenswissen-
       schaftlicher  Arbeit.   Jede  strukturelle   Veränderung   (feste
       Einrichtung von "Dies", Einstellung einer/s Friedensbeauftragten)
       kann  die   Arbeitsbedingungen,  auch   die  materiellen  Voraus-
       setzungen, verbessern helfen.
       6. Eine  spezifische  Quelle  der  Friedenswissenschaft,    i h r
       K o n t a k t  u n d  i h r e  Z u s a m m e n a r b e i t  m i t
       f r i e d e n s p o l i t i s c h   e n g a g i e r t e n  I n i-
       t i a t i v e n,   E i n r i c h t u n g e n   u n d   P e r s o-
       n e n   a u ß e r h a l b   d e r  H o c h s c h u l e (Friedens-
       bewegung, Politik,  Gewerkschaften,  Bildungseinrichtungen  etc.)
       darf im  Zuge eines  weiteren Eindringens  in den  Wissenschafts-
       betrieb nicht verlorengehen.
       7.  D e r     E r f a h r u n g s a u s t a u s c h    i n n e r-
       h a l b       d e r       F r i e d e n s w i s s e n s c h a f t
       s e l b s t   muß qualifiziert  werden. Anstrebenswert  sind alle
       Formen eines  kommunikativen  Netzwerkes,  in  denen  Forschungs-
       schwerpunkte, Themen  von Lehrveranstaltungen, Strukturen und Er-
       fahrungen im Wissenschaftsbetrieb vermittelt werden können.
       
       _____
       1) Vgl.  hierzu  u.a.  E.  Krippendorff,  Einleitung,  in:  ders.
       (Hrsg.), Friedensforschung,  Köln/(West)-Berlin  1970;  E.  Jahn,
       Entwicklung und Schwerpunkte der Friedensforschung in Nordamerika
       und Westeuropa,  in: Friedensanalysen  l, Frankfurt/M.  1975;  K.
       Kaiser, Friedensforschung  in der Bundesrepublik, Göttingen 1970;
       J. Keusch,  Friedensforschung in der Bundesrepublik, Frankfurt/M.
       1986.
       2) Eine Übersicht  über  die  neueren  Entwicklungstendenzen  von
       1980-85 findet sich u.a. bei J. Reusch, a.a.O., S. 128 ff.
       3) "Friedensgutachten 1987" und "Friedensgutachten 1988", heraus-
       gegeben von:  Institut für Friedensforschung und Sicherheitspoli-
       tik an  der Universität  Hamburg (IFSH), Hessische Stiftung Frie-
       dens- und  Konfliktforschung (HSFK), Forschungsstätte der evange-
       lischen Studiengemeinschaft  (FESt), Hamburg,  Frankfurt, Heidel-
       berg 1987 und 1988.
       4) Seit dem ersten internationalen Kongreß der Naturwissenschaft-
       ler "Wege  aus dem Wettrüsten" in Hamburg, im Dezember 1986, gibt
       es Ansätze  zu einer  umfänglicheren Zusammenarbeit;  in  Hamburg
       seitens des IFSH.
       5) Vgl. Forschungsnachweise bei: Sozialwissenschaftlicher Fachin-
       formationsdienst, Friedens- und Konfliktforschung / Militärsozio-
       logie, Informationszentrum  Sozialwissenschaften, Bonn  1987  und
       1988.
       6) Eine gute  Übersicht über  die Friedenswissenschaft  an diesen
       Hochschulen in  den Jahren  1987 und  1988 gibt der Informations-
       dienst Wissenschaft und Frieden, Bonn / Marburg, Verlag BdWi, (im
       folgenden: Info-Dienst) Nr. 2/1987 und Nr. 2/1988.
       7) Die Programme der Ringvorlesungen, siehe ebda.
       8) Kontakt der Kölner Ring Vorlesung: Prof. Dr. H. Kneser, Insti-
       tut für Genetik, Weyertal 121, 5 Köln.
       9) Hamburger Informationen zur Friedensforschung und Sicherheits-
       politik, IFSH, März 1988.
       10) Aus dem Vorlesungsverzeichnis "Altertumswissenschaften an der
       Ruhr-Universität Bochum", Sommersemester 1988.
       11) Aus: Info-Dienst 2/87, S. 37, Kontakt: Henning Salie, Parcus-
       str. 6, 6500 Mainz.
       12) Aus: Info-Dienst 2/88, S. 36.
       13) Ausführlicher in: Info-Dienst 2/87, S. 35.
       14) Kontakt: THD-Initiative  für Abrüstung,  Dr. W. Mohr, Fachbe-
       reich 3, Institut für Psychologie, TH Darmstadt, Hochschulstr. 1.
       15) Ausführlicher in: Info-Dienst 2/87, S. 35.
       16) Eine Übersicht  über die  in Hamburg geführte Diskussion ver-
       mittelt u.a.  die Dokumentation "Wissenschaft - quo vadis?", Ham-
       burg 1988,  Kontakt: Kai  Bester, Langenfelder Str. 55, 2 Hamburg
       50.
       17) Eine Übersicht  aus 1987  in: "Die Expertenkartei" - Beiträge
       der Wissenschaft zu Frieden und Abrüstung, Schriftenreihe Wissen-
       schaft und  Frieden Nr. 9, Hrsg.: Informationsstelle Wissenschaft
       und Frieden, Bonn, 1987.
       18) "Die Expertenkartei", a.a.O., enthält die bisher umfassendste
       Übersicht über Namen, Themenfelder, Anschriften aus der Friedens-
       wissenschaft. Über  umfangreiches Informationsmaterial,  auch in-
       ternationaler Friedensforschung und -wissenschaft verfügt die Ar-
       beitsstelle Friedensforschung  Bonn (AFB), Beethovenallee 4, 5300
       Bonn 2.
       19) Der erste  gemeinsame Kongreß  unter dem Titel "Verantwortung
       für Frieden  und Arbeit"  wurde am  16. /  17. 4. 1988 in Hamburg
       durchgeführt von  der Hamburger  Naturwissenschaftler-Initiative,
       dem IFSH, sowie dem DGB Hamburg.
       20) Das "Forschungsinstitut für Friedenspolitik (Starnberg) (FF)"
       das viele  Aktivitäten u.a. in München unterstützt, kann zwar als
       "institutionalisierte" Friedensforschung  bezeichnet werden,  be-
       zieht sein  Selbstverständnis einer  "handlungsorientierten Frie-
       densforschung" allerdings vorwiegend aus der Friedensbewegung.
       21) Kontakt: Prof. Dr. J. Esser, FH Lüneburg, Heinrich-Heine-Str.
       5, 2120 Lüneburg.
       22) Koordination: Dr. J.M. Becker, Neuhöfe 7, 355 Marburg.
       23) Auszüge aus einem Projektbericht der Träger. Weitere Informa-
       tionen: J.  Altmann, Institut  für Experimentalphysik  III, Ruhr-
       Universität Bochum, Postfach 102148, 463 Bochum.
       24) Aus einer  Projektinformation der Träger. Weitere Informatio-
       nen: A.  Schaper, Institut für Kernphysik, Schloßgartenstr. 9, 61
       Darmstadt.
       25) "Der Preis  einer Wiederwahl - Wie an der technischen Univer-
       sität ein  'Friedensinstitut' durchgesetzt  wird", von Ralf Georg
       Reuth, FAZ von 22.11.1988.
       26) Einbezogen waren mehr oder weniger die o.g. Hochschulen; eine
       detaillierte Auswertung  der Friedenswochen  liegt bei der Natur-
       wissenschaftlerInnen-Initiative "Verantwortung  für den Frieden",
       Prof. Dr.  H. Kneser,  Institut für  Genetik, Weyertal  121, 5000
       Köln, vor.
       27) Eine ausführliche  Bewertung der Hannoveraner Erfahrungen in:
       Info-Dienst 4  /88; H.  Mählck /D. Reymann, Die Verantwortung der
       Wissenschaft, S. 37 ff.
       28) Eine erste  Bestandsaufnahme der Probleme und Alternativen im
       Bereich Rüstungsforschung erfolgte auf einer Tagung der Naturwis-
       senschaftlerInnen-Initiative "Verantwortung  für den  Frieden" in
       Karlsruhe am  27.728. Juni  1987. Die  Ergebnisse der Tagung sind
       erschienen in:  Schriftenreihe Wissenschaft  und Frieden  Nr. 10,
       Rüstungsforschung, Marburg  1988. Dort  auch eine Liste der Hoch-
       schulauftragnehmer des Bundesministeriums für Verteidigung in den
       80er Jahren,  in: R.  Rilling, Militärische Forschung in der Bun-
       desrepublik Deutschland, ebenda, S. 91 ff.
       29) Vgl. Info-Dienst Nr. 2/87, S. 34.
       30) Vgl. U.  Albrecht, Friedensforschung an technischen Hochschu-
       len in  Amerika, Februar  1987, Arbeitspapiere  aus dem  Berliner
       Projektverbund der  Berghof-Stiftung für  Konfliktforschung. Eine
       regelmäßige Übersicht u.a. über Friedenswissenschaft an den Hoch-
       schulen der  USA bietet das Peace ressource book. A comprehensive
       guide to issues, groups and literature, Editor: Institute for De-
       fense and Disarmament Studies, Cambridge, Mass./USA, 1988.
       31) Projekt "Europäische  Friedensuniversität",  Österreichisches
       Institut für  Friedensforschung und  Friedenserziehung, Österrei-
       chische UNESCO-Kommission. 7461 Burg Schlaining, Österreich 1988.
       32) Der "Wissenschaftliche Rat für Friedensforschung" ist bei der
       Akademie der  Wissenschaften der DDR, 1086 Berlin, Leipziger Str.
       3-4, angesiedelt  und hat  in diesem Jahr die ersten Arbeitsmate-
       rialien veröffentlicht  sowie den  ersten nationalen  Kongreß für
       Friedensforschung in der DDR im November 1988 organisiert.
       

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