Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       DAS INSTITUT FÜR FRIEDENSFORSCHUNG UND SICHERHEITSPOLITIK
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       AN DER UNIVERSITÄT HAMBURG (IFSH)
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       Margret Johannsen
       
       1. Entspannungspolitik  und Friedensforschung  - 2.  Von der  Rü-
       stungskontrolle zur  Gemeinsamen Sicherheit - 3. Die Alternative:
       Gemeinsame Sicherheit  - 4.  Gemeinsame Sicherheit,  Strukturelle
       Angriffsunfähigkeit, Konventionelle Stabilität - 5. Kooperations-
       beziehungen des  IFSH -  6. Gemeinsame Sicherheit im 21. Jahrhun-
       dert?
       
       1. Entspannungspolitik und Friedensforschung
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       Als "Kind"  der Atombombe  und des  Kalten Krieges Mitte der 50er
       Jahre in  Nordamerika entstanden,  hat sich  Friedensforschung in
       der Bundesrepublik Deutschland erst vergleichsweise spät etablie-
       ren können. Zwar wurde der Boden für ihre Aufnahme als sozialwis-
       senschaftliche Disziplin  - interdisziplinär  angelegt, aber  mit
       eigenständiger Problemstellung  versehen -  an den  Universitäten
       bereits seit  Mitte der 60er Jahre bereitet: einerseits durch die
       Rezeption der  amerikanischen "arms  control"-Schule, die  an die
       Stelle des  konfrontativen Umgangs  mit dem Systemgegner koopera-
       tive Verhaltensformen  zu entwickeln  suchte; andererseits  durch
       die Beachtung,  die die Theorie der "strukturellen Gewalt" im Zu-
       sammenhang   mit    der   Kritik    an   "Spätkapitalismus"   und
       "Neokolonialismus" fand.  Doch in  dem Land, das sich seit seiner
       Wiederbewaffnung als  "Bollwerk" gegen  den Weltkommunismus  ver-
       standen hatte,  war erst  im politischen  Klima der Ost- und Ent-
       spannungspolitik der sozialliberalen Koalition eine Institutiona-
       lisierung der  Friedensforschung möglich  - wenn  von "der" Frie-
       densforschung in  der Bundesrepublik  angesichts ihrer  auf diese
       beiden Wurzeln  zurückführbaren "Spaltung" und der Verbissenheit,
       mit der um die Angemessenheit entweder eines "negativen" oder ei-
       nes "positiven" Friedensbegriffes gestritten wurde, überhaupt die
       Rede sein konnte.
       Die Konstituierung  der "Arbeitsgemeinschaft  für  Friedens-  und
       Konfliktforschung" (AFK) signalisierte, daß - nach Institutsgrün-
       dungen in  Norwegen, in  den Niederlanden  und in  Dänemark - die
       problemorientierten Fragestellungen  der  Friedensforschung  Ende
       der 60er Jahre auch an den Universitäten der Bundesrepublik wach-
       sende Aufmerksamkeit  innerhalb der  Sozialwissenschaften fanden.
       Einen wichtigen  Anstoß für  die Institutionalisierung  der Frie-
       densforschung in der Bundesrepublik gab die Ansprache des damali-
       gen Bundespräsidenten  Gustav Heinemann zum 30. Jahrestag des Be-
       ginns des 2. Weltkrieges, in der dieser feststellte:
       "Der Krieg  wurzelt offensichtlich weniger ... in den Gesinnungen
       der einzelnen,  als vielmehr in den Ordnungen und Unordnungen der
       Gemeinschaften. Seine  Ursachen sind trotz der jeweiligen Kriegs-
       gewinnler nicht  privater, sondern politischer Natur. Sie erwach-
       sen aus  Gewohnheiten,  Vorurteilen,  Sozialordnungen  und  Herr-
       schaftsformen. Deshalb  brauchen wir  eine Erforschung dieser Zu-
       sammenhänge. Wir  brauchen eine  Friedensforschung. Deshalb brau-
       chen wir  neue Ordnungen  und neue Gewohnheiten, neue Spielregeln
       und neue Verhaltensweisen." 1)
       Zu Beginn  der 70er Jahre schließlich wurde der Friedensforschung
       auch die staatliche "Anerkennung" als wissenschaftliche Disziplin
       zuteil: in  der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Friedens-
       und Konfliktforschung  (DGFK), einer Forschungsförderungseinrich-
       tung, sowie  einer Reihe  von Forschungsinstituten  manifestierte
       sich die  Sensibilisierung der "Politik" für die Notwendigkeit an
       "wissenschaftlicher Begleitung" - sei es Reflexion, Beratung oder
       Legitimierung -  des neuen Kurses in der Gestaltung der Ost-West-
       Beziehungen.
       In diesen Zusammenhang gehört auch die Gründung des Instituts für
       Friedensforschung und  Sicherheitspolitik an der Universität Ham-
       burg (IFSH) im Sommer 1971.
       Zum ersten  Wissenschaftlichen Direktor  des IFSH  wurde  General
       a.D. Wolf  Graf von Baudissin ernannt. Sein Nachfolger wurde 1984
       Bundesminister a.D.  Egon Bahr. Dem Direktor zur Seite steht seit
       1976 der  Stellvertretende Wissenschaftliche  Direktor Dieter  S.
       Lutz.
       
       2. Von der Rüstungskontrolle zur Gemeinsamen Sicherheit
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       Die Satzung  des IFSH  nennt als  Schwerpunkt der Institutsarbeit
       friedenswissenschaftliche Fragestellungen  mit sicherheitspoliti-
       schen Bezügen. Die Projekte des Instituts spiegeln einerseits die
       Vielfalt der Ansätze und Themen der Friedensforschung: Neben Fra-
       gestellungen, die  Probleme des Ost-West-Verhältnisses aufgreifen
       -  wie  militärische  Kräftevergleiche,  Bedrohungsanalysen,  Rü-
       stungsdynamik und  -kontrolle, Konfliktstrategien,  deutsch-deut-
       sche Beziehungen,  Ost-West-Handel, Reform  der  westeuropäischen
       Sicherheitspolitik -  widmen sich andere den Differenzierungspro-
       zessen in  den Ost-Ost-Beziehungen,  der Kultur  des  politischen
       Streits, dem  Zusammenhang von  Rüstung/Rüstungshandel und Unter-
       entwicklung, der  Rüstungskonversion u.a.m.  Mit dem Schwerpunkt,
       so wie  ihn die Satzung formuliert (er findet im Namen des Insti-
       tuts eine  Entsprechung), ist andererseits dem Institut bevorzugt
       die wissenschaftliche Erforschung dessen aufgegeben, was - um die
       oben angesprochene  Kontroverse noch  einmal aufzunehmen  - unter
       den Begriff  des "negativen  Friedens" fällt;  im Mittelpunkt der
       Projekte standen  denn auch vorrangig, wenngleich keineswegs aus-
       schließlich, Fragestellungen, die sich systematisch den Problemen
       der Kriegsverhütung  subsumieren lassen.  Aus der  kritischen Be-
       standsaufnahme der herrschenden Sicherheitspolitik und ihrer Ent-
       wicklungstendenzen folgte  die Suche  nach sicherheitspolitischen
       Alternativen, die  seit Mitte der 80er Jahre in die Arbeit an ei-
       ner Konktretisierung  des Konzeptes  Gemeinsamer Sicherheit  mün-
       dete.
       
       3. Die Alternative: Gemeinsame Sicherheit
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       1982 formulierte  - zum ersten Mal derart prägnant - die Unabhän-
       gige Kommission  für Sicherheit und Abrüstung (besser bekannt un-
       ter dem  Namen "Palme-Kommission")  als sicherheitspolitische Er-
       kenntnis des nuklearen Zeitalters:
       "Die Kernwaffen  haben nicht nur den Umfang der Kriegsanstrengun-
       gen, sondern  auch das  Wesen des  Krieges selber  verändert.  Im
       Atomzeitalter kann der Krieg nicht länger ein Mittel der Politik,
       sondern nur  noch ein Anlaß zu Zerstörungen in nie gekanntem Aus-
       maß sein.  Die Staaten  können für ihre Sicherheit nicht mehr auf
       Kosten anderer  Staaten sorgen  - das  ist nur  noch durch Zusam-
       menarbeit möglich.  Sicherheit im  Kernwaffenzeitalter heißt  ge-
       meinsame Sicherheit. Sogar ideologische und politische Gegner ha-
       ben ein  gemeinsames Interesse am Überleben. Es erfordert Waffen-
       bruderschaft gegen  den Krieg selbst. Die Bemühungen um Rüstungs-
       kontrolle und  Abrüstung müssen vom Streben nach gemeinsamem Nut-
       zen und  nicht vom  Vorteil für  die eigene  Sache bestimmt sein.
       E i n     K o n z e p t    d e r    g e m e i n s a m e n    S i-
       c h e r h e i t   m u ß   a n   d i e  S t e l l e  d e r  b i s-
       h e r i g e n    A b s c h r e c k u n g    d u r c h    H o c h-
       r ü s t u n g   t r e t e n.   D e r   F r i e d e n   i n  d e r
       W e l t  m u ß  s i c h  a u f  e i n  E n g a g e m e n t  f ü r
       d a s   g e m e i n s a m e   Ü b e r l e b e n  s t a t t  a u f
       d i e    D r o h u n g    g e g e n s e i t i g e r    A u s l ö-
       s c h u n g  g r ü n d e n."  2)
       Sicherheit, das  kann als Ergebnis dieser Überlegungen festgehal-
       ten werden,  ist nicht länger ein "Nullsummenspiel", d.h. die ei-
       gene Sicherheit  wird nicht  dadurch erhöht, daß die Unsicherheit
       der Gegenseite  steigt. Sicherheit kann nicht mehr gegeneinander,
       sondern nur  noch gemeinsam  mit dem potentiellen Gegner - der im
       Frieden zum Partner wird - gewonnen werden.
       Dieser radikalen Umkehr im sicherheitspolitischen Denken - ob sie
       zum "Paradigmawechsel" in der Sicherheitspolitik wird, ist aller-
       dings weniger  eine Frage der wissenschaftlichen Orientierung als
       eine der  politischen Konstellationen  - trägt das Institut inso-
       fern Rechnung, als es seit Ende 1984, seit Egon Bahr, bundesdeut-
       sches Mitglied  der "Palme-Kommission", zum Direktor des IFSH be-
       stellt wurde, die wissenschaftliche Kritik an einer destabilisie-
       renden und  friedensgefährdenden Sicherheitspolitik in den Dienst
       der Entwicklung eines sicherheitspolitischen Konzepts stellt, das
       die Abschreckungspolitik  überwinden will  und damit den Anspruch
       erhebt, eine  Alternative zur herkömmlichen Politik der Friedens-
       sicherung durch die Drohung mit der nuklearen Apokalypse anzubie-
       ten.
       
       4. Gemeinsame Sicherheit, Strukturelle Angriffsunfähigkeit,
       -----------------------------------------------------------
       Konventionelle Stabilität
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       Nach der  Wahl des  neuen Schwerpunktthemas wurde der Leitgedanke
       der "Gemeinsamen Sicherheit" zunächst zu einer sicherheitspoliti-
       schen Konzeption  entwickelt; darauf  folgte eine Überprüfung der
       Ergebnisse aus  der Sicht verschiedener wissenschaftlicher Diszi-
       plinen. Nach  der logisch-theoretischen  Begründung des Konzeptes
       konzentrierte sich in den letzten beiden Jahren die Arbeit an ei-
       ner Konkretisierung  des Konzeptes  der "Gemeinsamen  Sicherheit"
       auf seine  Operationalisierung und  Instrumentierung: dies führte
       zur Untersuchung  der verteidigungspolitischen  und militärischen
       Komponenten  Gemeinsamer  Sicherheit,  die  unter  den  Begriffen
       Strukturelle Angriffsunfähigkeit  und  Konventionelle  Stabilität
       nicht nur  in Fachkreisen  diskutiert werden,  sondern inzwischen
       auch Eingang in die öffentliche sicherheitspolitische Debatte ge-
       funden haben.
       Für die Arbeit an der Ausgestaltung des militärischen Teilkonzep-
       tes der  Gemeinsamen Sicherheit hat sich das IFSH seiner vielfäl-
       tigen Kontakte  auf verschiedenen  Ebenen der sogenannten sicher-
       heitspolitischen Elite  bedienen können. Auf zwei Klausurtagungen
       im Jahre 1986 und 1987 führte es Anhörungen mit Experten aus Wis-
       senschaft, Politik  und Militär  durch, die in den letzten Jahren
       mit grundlegenden  Studien zu  den Möglichkeiten  des Aufbaus an-
       griffsuntauglicher Verteidigungsstrukturen hervorgetreten sind.
       Den Ertrag  der Untersuchungen  auf dem Gebiet der Konzeptionali-
       sierung Gemeinsamer Sicherheit, der Auswertung der oben genannten
       Anhörungen und  der Forschungsarbeiten,  die von Wissenschaftlern
       des IFSH  zur theoretischen Begründung sowie zur Operationalisie-
       rung und  Instrumentierung von  Struktureller Angriffsunfähigkeit
       und Konventioneller  Stabilität vorgelegt  wurden, enthalten fünf
       im Nomos-Verlag  erschienene Sammelbände: Gemeinsame Sicherheit -
       Idee und  Konzept (1986), Gemeinsame Sicherheit - Dimensionen und
       Disziplinen (1987), Gemeinsame Sicherheit - Konventionelle Stabi-
       lität (1988), Gemeinsame Sicherheit - Defensive Abhaltung (1989 -
       i.V.) und  Gemeinsame Sicherheit - Internationale Stimmen (1989 -
       i.V.).
       Die Verständigung  auf den  Forschungsschwerpunkt Gemeinsame  Si-
       cherheit hat  nicht nur die wissenschaftlichen Einzelprojekte der
       Mitarbeiter des  IFSH unter  eine  einheitliche  Frageperspektive
       stellen und  ihre wissenschaftliche Kooperation befördern können,
       sie hat  darüber hinaus  das IFSH  in die  Lage versetzt, konzen-
       triert und unüberhörbar in die aktuelle sicherheitspolitische De-
       batte einzugreifen.  Strukturelle Angriffsunfähigkeit und Konven-
       tionelle Stabilität  sind zu Schlüsselbegriffen der wissenschaft-
       lichen Kommentierung und - explizit oder implizit - zu Leitkrite-
       rien der  anstehenden Ost-West-Verhandlungen über einen Abbau der
       konventionellen Rüstung  in Europa  geworden -  Verhandlungen, in
       die auch die Rolle der Nuklearwaffen in Europa wird eingehen müs-
       sen. Die  längerfristig unumgängliche  Verknüpfung der konventio-
       nellen mit  der nuklearen  Abrüstung in  Europa kommt auch in den
       jüngsten Vorschlägen  zur Schaffung von defensiven Zonen bzw. Zo-
       nen der Sicherheit und des Vertrauens zum Ausdruck, die teilweise
       auf Forschungsarbeiten am IFSH basieren. Sein in den letzten Jah-
       ren geschaffenes  Forschungsprofil auf  diesen Problemfeldern hat
       das IFSH in die Lage versetzt, an der Debatte über die zukünftige
       Sicherheit Europas mit sachlicher Kompetenz, sowohl initiativ als
       auch kritisch, teilzunehmen.
       
       5. Kooperationsbeziehungen des IFSH
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       Aus den vielfältigen Kooperationsbeziehungen des IFSH sollen vier
       herausgegriffen werden,  die als  signifikant für  die Bemühungen
       des Instituts gelten können, die Gültigkeit des Konzeptes der Ge-
       meinsamen Sicherheit  im wissenschaftlichen  Dialog zu überprüfen
       und es darüber hinaus einer breiten sicherheitspolitisch interes-
       sierten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
       Seit über zehn Jahren pflegt das IFSH mit dem Institut für Inter-
       nationale Politik  und Wirtschaft  (IPW) der  DDR auf gemeinsamen
       Tagungen den wissenschaftlichen Meinungsaustausch. In den letzten
       drei Jahren stand in seinem Mittelpunkt das Konzept der Gemeinsa-
       men Sicherheit in seinen politischen, ökonomischen, militärischen
       und ideologischen  Aspekten. Wenngleich  der Dialog  zwischen den
       beiden Instituten  vorrangig der wissenschaftlichen Kommunikation
       dient, so  ist er  dennoch auch  Teil des politischen und wissen-
       schaftlichen Öffnungsprozesses  im Verhältnis  zwischen  Ost  und
       West. Erstmalig haben 1988 die beiden Institute einen gemeinsamen
       Report über  ihre wissenschaftlichen Tagungen zur Gemeinsamen Si-
       cherheit verfaßt, dessen (wissenschaftspolitische Bedeutung durch
       die Resonanz in der Presse unterstrichen wurde.
       Eine solche  Bedeutung kommt auch der Austausch-Ringvorlesung zu,
       die das  IFSH 1988 in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu
       Berlin/DDR veranstaltet hat. Als erste bundesdeutsche Institution
       hat das  IFSH dort  Vorlesungen zu  sicherheitspolitischen Themen
       halten können;  "im Gegenzug" haben Wissenschaftler der Humboldt-
       Universität an  der Universität  Hamburg zur  Thematik "Krieg und
       Frieden" gelesen. In der abschließenden Podiumsdiskussion in Ber-
       lin/DDR im  Dezember 1988  wurde eine  erste Bilanz dieser Vorle-
       sungsreihe mit  dem programmatischen Titel "Gemeinsame Sicherheit
       - Universitäten  im Friedensdialog"  gezogen; die  Mitglieder des
       Leitungsgremiums des  "Wissenschaftlichen Rats  für  Friedensfor-
       schung" der  DDR, Max Schmidt und Dieter Klein, der Präsident der
       Universität Hamburg,  Peter Fischer-Appelt, und der Wissenschaft-
       liche Direktor  des IFSH,  Egon Bahr,  unterstrichen die  wissen-
       schafts- und  friedenspolitische Bedeutung einer solchen Koopera-
       tion -  in dieser institutionalisierten Form ein Novum in den Be-
       ziehungen zwischen wissenschaftlichen Institutionen der Bundesre-
       publik und der DDR.
       Ein wissenschaftlicher  workshop "Common Security" gab Nachwuchs-
       wissenschaftlern aus  Ost und  West, aus  den USA, der UdSSR, aus
       Ungarn, Polen,  Dänemark, Großbritannien, der DDR und der Bundes-
       republik, eine  Plattform für  die Untersuchung des Konzeptes der
       Gemeinsamen Sicherheit,  in der  auch ökologische  Fragen und die
       Nord-Süd-Dimension zur  Sprache kamen. Der workshop, vom amerika-
       nischen Institute  for Peace  and International  Security in Cam-
       bridge, Massachusetts,  der sowjetischen USA-USSR-Society in Mos-
       kau und  dem IFSH  "gesponsert" und organisiert, ist zunächst für
       drei Jahre  geplant. Er fand erstmalig 1988 in den USA statt; bei
       den dortigen wissenschaftlichen, politischen und Medien-Kontakten
       wurde deutlich, daß das Konzept der Gemeinsamen Sicherheit in den
       USA nur vage, wenn überhaupt, bekannt ist. Der workshop dient ne-
       ben der  wissenschaftlichen Kooperation  auch dem Zweck, das Kon-
       zept im  außereuropäischen Raum  bekannt zumachen.  1989 wird der
       workshop voraussichtlich  in der Bundesrepublik und der DDR, 1990
       in der Sowjetunion stattfinden.
       Die Gefährdung  des Friedens und die Gefährdung der Arbeitsplätze
       sowie der  Zusammenhang zwischen  diesen beiden bedrohlichen Ten-
       denzen standen  im Mittelpunkt  einer Konferenz, die das IFSH ge-
       meinsam mit  der Hamburger  Naturwissenschaftler-Initiative "Ver-
       antwortung für  den Frieden",  dem DGB-Landesbezirk  Nordmark und
       seinen Gewerkschaften sowie der Hans-Böckler-Stiftung und der DGB
       Kooperationsstelle Hochschule  / Gewerkschaften  im April 1988 in
       Hamburg unter  dem Titel  "Verantwortung für  Frieden und Arbeit"
       veranstaltete. Die Kooperation zwischen den genannten Institutio-
       nen hatte  einen Vorlauf:  Ende 1986  hatten erstmals  bei dem in
       Hamburg durchgeführten Internationalen Naturwissenschaftler-Frie-
       denskongreß "Wege  aus dem Wettrüsten" das IFSH und die Naturwis-
       senschaftler-Friedensinitiative zusammengearbeitet; 1986 und 1987
       untersuchte mit finanzieller Unterstützung der Hans-Böckler-Stif-
       tung und  in Kooperation  mit der IG Metall eine Forschungsgruppe
       am IFSH  das Problem der Umstellung der Rüstungsindustrie auf die
       Produktion ziviler  Güter. Rund 600 Teilnehmer aus Betrieben, Ge-
       werkschaften und  Wissenschaft untersuchten  in siebzehn Arbeits-
       kreisen verschiedene  Aspekte der  zentralen Frage der Konferenz:
       Wie können  die Ziele  der Friedenssicherung  und Abrüstung, also
       der Erhalt  des äußeren  Friedens, erreicht  werden, ohne daß die
       Kosten dieses  Prozesses den  Beschäftigten in  der Rüstungsindu-
       strie aufgebürdet werden und der soziale Frieden gefährdet wird?
       Die Antworten, die die Arbeitskreise und das Plenum erarbeiteten,
       aber auch die offengebliebenen und weiterführenden Fragen sind in
       einer Dokumentation  der Konferenz festgehalten, die von den Ver-
       anstaltern angefordert werden kann.
       
       6. Gemeinsame Sicherheit im 21. Jahrhundert?
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       In die  internationalen Sicherheitsbeziehungen ist in den letzten
       Jahren Bewegung  gekommen, die zu - vorsichtigem - Optimismus An-
       laß gibt.  Mehr als  irgendein anderer  Vorgang der letzten Jahre
       bestätigen der Abschluß und die Implementierung des amerikanisch-
       sowjetischen Mittelstreckenabkommens  vom 8.  Dezember  1987  die
       Grundidee der Gemeinsamen Sicherheit. Damit wird die ständige Be-
       mühung um die weitere Konkretisierung und politische Realisierung
       des Konzeptes  zwar keineswegs  bedeutungslos; dennoch kann sich,
       wenn der wissenschaftliche Ertrag der Friedensforschung zunehmend
       in die  Sicherheitspolitik Eingang  findet (es  bleibt zu hoffen,
       daß dieser  Prozeß durch  seine gesellschaftliche Verankerung ir-
       gendwann unumkehrbar  wird), das  wissenschaftliche Interesse der
       Friedensforschung der Untersuchung neuer Dimensionen des Friedens
       und der Sicherheit bzw. neuen Gefahren für Frieden und Sicherheit
       zuwenden. Das IFSH wird sich voraussichtlich in den nächsten Jah-
       ren verstärkt den Problemen grenzüberschreitender Gefahren zuwen-
       den. Neben die militärische Dimension des Friedens und seiner Ge-
       fährdung tritt die ökologische, neben der Friedensverträglichkeit
       von  Verteidigungs s t r a t e g i e n  und  -s t r u k t u r e n
       gewinnt die neuer  T e c h n o l o g i e n  an Bedeutung. Die Vi-
       sion einer  europäischen Friedensordnung  im 21. Jahrhundert, die
       nicht nur  Frieden zwischen  Staaten und  Menschen, sondern  auch
       zwischen Mensch,  Natur und  Technik stiftet,  bedarf daher einer
       neuartigen wissenschaftlichen  Begründung: Friedensforschung wird
       neben ihrer  sozialwissenschaftlichen Ausrichtung  zunehmend  mit
       Natur- und  Ingenieurwissenschaften kooperieren (müssen). Die er-
       sten Schritte hierzu hat das IFSH bereits getan; in einigen neuen
       Forschungsprojekten wird  der Beitrag naturwissenschaftlicher und
       mathematischer Verfahren  für "klassische" Probleme der Friedens-
       forschung wie  Verifikation oder  Stabilität  untersucht,  werden
       neue Technologien  (wie Gentechnologie oder neue Medien) auf ihre
       Friedensverträglichkeit befragt.
       Frieden, oben  in seiner engen Bedeutung des "negativen Friedens"
       als das  dem IFSH  zugewiesene Forschungsfeld  bezeichnet, erhält
       durch diese neuartigen zukunftsweisenden Untersuchungsansätze nun
       allerdings doch  die weitere  Bedeutung des "positiven Friedens".
       Es ist möglich, daß sich der alte Streit in der Friedensforschung
       über ihr genuines Betätigungsfeld als obsolet erweisen wird: Wenn
       Frieden die  Voraussetzung für  die Sicherung der physischen Exi-
       stenz des zivilisierten Menschen ist, dann wird es sinnvoll sein,
       die neuartigen  Bedrohungen, deren  existenzgefährdende  Qualität
       inzwischen teilweise  mit der  Dimension der  atomaren Apokalypse
       vergleichbar ist,  in das  Themenspektrum  der  Friedensforschung
       aufzunehmen.
       
       _____
       1) Bulletin des  Presse- und  Informationsamtes der  Bundesregie-
       rung, Nr.  111,  2.  September  1969,  in:  Europa-Archiv,  Folge
       18/1969, S. 424.
       2) Der Palme-Bericht, Bericht der unabhängigen Kommission für Ab-
       rüstung und  Sicherheit 'Common Security', (West-)Berlin 1982, S.
       155 f.
       

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