Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (2)
       
       Pierre Franzen
       
       DIE AKTUALITÄT SPINOZAS IN DER MARXISTISCHEN THEORIE ALTHUSSERS
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       *). BEMERKUNGEN ZUM VERHÄLTNIS VON MATERIALISMUS UND DIALEKTIK
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       "Die wahrhafte  Widerlegung muß in die Kraft des Gegners eingehen
       und sich in den Umkreis seiner Stärke stellen; ihn außerhalb sei-
       ner selbst anzugreifen und da Recht zu behalten, wo er nicht ist,
       fördert die  Sache nicht."  (Hegel zu seiner Spinoza-Kritik. Wis-
       senschaft der Logik. II, S. 251.)
       
       Zu Althussers Rationalismus der
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       wissenschaftstheoretischen Dialektik
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       Geht man  von der  Einschätzung aus, daß Althusser in seinem Bei-
       trag 'Ist  es einfach,  in der  Philosophie Marxist zu sein? ' 1)
       Aufschluß und  Rechenschaft über  die philosophischen und wissen-
       schaftstheoretischen Grundlagen  seiner 'Thesen' gibt, ist es na-
       heliegend, von der Aktualität Spinozas in seinen Schriften zu re-
       den. Waren  in seinen früheren Arbeiten immer wieder Hinweise auf
       Spinoza zu  finden, wenn auch eher beiläufig als systematisch, so
       scheint es  spätestens seit  dem  Erscheinen  der  'Elemente  der
       Selbstkritik' 2) klar zu sein, daß Althussers Programm,  t h e o-
       r e t i s c h e     Probleme  in  der  marxistischen  Philosophie
       w i s s e n s c h a f t l i c h  a u f  d e n  B e g r i f f  z u
       bringen,  in  engem  Zusammenhang  mit  seiner  Spinoza-Rezeption
       steht. Althussers theoretische Absicht, das Selbstverständnis der
       marxistischen Philosophie  auf  der  Grundlage  einer  materiali-
       stischen Wissenschaftstheorie  zu klären,  hat er bereits in 'Das
       Kapital lesen' formuliert und festgehalten, daß die "grundlegende
       wissenschaftstheoretische   Frage    ...   den   Gegenstand   der
       marxistischen Philosophie überhaupt bildet." 3)
       Sieht man  von den  Problemen Althussers  doppelter  Lektüre  des
       'Kapital' ab,  die eine kritische Reflexion des theoretischen Be-
       zuges der -wissenschaftlichen auf die philosophische und der phi-
       losophischen auf  die wissenschaftliche  Lektüre" 4) umfaßt, ver-
       tritt er die Ansicht, daß Marx' wissenschaftliche Entdeckung, die
       historisch-materialistische Theorie  der Geschichte, eine "völlig
       neue philosophische Denkweise einleitet". 5)
       Wenn nun  im folgenden  nach der  neuen  wissenschaftlichen  Pro-
       blemstellung in  der marxistischen  Philosophie gefragt wird, die
       Althusser bei  Marx herausgearbeitet  hat, werden wir von ihm er-
       neut in  einem Ausmaß auf Spinoza verwiesen, daß die Vergegenwär-
       tigung dieses  philosophisch-historischen Hintergrundes  zum Ver-
       ständnis seiner  Grundthesen notwendig  erscheint. Sah  Althusser
       "vom philosophischen  Standpunkt in Spinoza den einzigen direkten
       Vorgänger von  Marx" 6),  bekräftigt er neuerdings in aller Deut-
       lichkeit, daß  "nicht nur  der Marx  der 'Einleitung' von 57, der
       faktisch Hegel  mit Spinoza  bekämpft, sondern  auch der Marx des
       'Kapital' und ebenso Lenin in ihren Positionen durchaus ein enges
       Verhältnis zu den Positionen Spinozas unterhalten" /22/. Anderer-
       seits wird  es notwendig, den "Umweg über Spinoza zu gehen, um zu
       verstehen, weshalb  Marx über  Hegel gehen  mußte" /8/, notwendig
       deshalb, um  die "theoretische  Abgrenzung in der Arbeit an ihrer
       Differenz" /8/  zu gewinnen. In dieser Hinsicht greift Althussers
       Rekurs auf  Spinoza auf die Philosophie-historische Konstellation
       zurück, in  der es  sich um  eine Aktualisierung  der  H e g e l-
       s c h e n   S p i n o z a  - K r i t i k    aus  m a r x i s t i-
       s c h e r   Sicht handelt.  Hegels Zugeständnis  an Spinoza,  daß
       dieser "Standpunkt  (der Substanz)  zuerst als  wesentlicher  und
       notwendig  anerkannt   werde"  7),   stellt  für   Althusser  den
       philosophie-historischen  Ausgangspunkt   der   materialistischen
       Idealismus-Kritik dar.  Denn Hegel,  der seine  Spinoza-Kritik im
       Programm der  Begriffslogik  zu  realisieren  beansprucht,  sieht
       darin "die einzige und wahrhafte Widerlegung des Spinozismus. Sie
       ist die  Enthüllung der  Substanz, und  diese ist die Genesis des
       Begriffs." 8)
       Nach Althusser  hat demnach die materialistische Hegel-Kritik we-
       sentlich von  Spinoza auszugehen,  da sie in nuce bei Spinoza be-
       reits vorweggenommen  ist. Damit  folgt Althusser  der Auffassung
       Feuerbachs, der  entscheidend zum materialistischen Bild Spinozas
       beigetragen hat.  9) Althussers Hinweis, daß der theoretische Zu-
       gang zum Materialismus- und Erkenntnisproblem unter dem marxisti-
       schen Gesichtspunkt die philosophischen Prämissen Spinozas in Be-
       tracht zu ziehen hat, erfordert eine nähere Behandlung eines Alt-
       hussers Theorie charakterisierenden Problemzusammenhangs.
       Deshalb beschränken wir uns auf das zentrale Problem, das Althus-
       sers Grundthese  ausmacht und  zugleich ein konstitutives Element
       seiner Marxinterpretation,  die elementar  eine  materialistische
       Verarbeitung von  Spinozas Grundgedanken  beinhaltet. Es  handelt
       sich hier  dabei um  das Determinierungsproblem,  das bei Spinoza
       einen materialistischen  Aspekt darstellt, den Althusser bei Marx
       sowohl wissenschaftstheoretisch  wie  erkenntnistheoretisch  kri-
       tisch verarbeitet sieht.
       Althusser präzisiert die Fragestellung wie folgt: "Die Determina-
       tion der  Elemente eines  Ganzen durch  dessen Struktur denken zu
       wollen hieß, ein absolut neues Problem stellen, was große theore-
       tische Schwierigkeiten mit sich brachte. Der einzige Theoretiker,
       der die  unerhörte Kühnheit  besaß, dieses Problem zu stellen und
       auch eine erste Lösung zu entwerfen, ist Spinoza." 10)
       Was im folgenden insbesondere interessiert, ist Althussers Bezug-
       nahme auf  Spinoza, insoweit  jener der  Ansicht ist,  daß in der
       E r k e n n t n i s l e h r e  Spinozas die theoretischen und me-
       thodologischen Bestandteile  vorgeformt sind,  die die  Grundlage
       der Begriffsbildung in der marxistischen Philosophie sind und zur
       Entwicklung einer  materialistischen Wissenschaftstheorie wesent-
       lich beitragen.
       Zieht man  Althussers 'Kapital'-Lektüre  in Betracht,  läßt  sich
       feststellen, daß  er Marx'  Frage, wie  die  D e t e r m i n i e-
       r u n g   d u r c h   Verhältnisse zu denken sei, einen zentralen
       Stellenwert  einräumt   und  den   Sachverhalt  mit  dem  Begriff
       'strukturale Kausalität'  theoretisch zu fassen versucht. Es geht
       Althusser hierbei  darum, das  Problem der Wirksamkeit zu denken,
       weil im  schärfsten Gegensatz  zur Hegelschen  Dialektik Marx die
       unterschiedlichen   ökonomischen,    politischen,   ideologischen
       Realitäten, deren  Wirksamkeit und  Dialektik differenzierte; ein
       Sachverhalt,  der  nach  Althusser  auf  Spinoza  verweist.  "Die
       Struktur  ist  ihren  Wirkungen  immanent,  sie  ist  eine  ihren
       Wirkungen immanente  Ursache -  im  Sinne  Spinozas;  ihre  ganze
       Existenz besteht in ihren Wirkungen." 11)
       Wenn nun andererseits Althusser den Begriff 'strukturale Kausali-
       tät' zum Gegenstand seiner 'Selbstkritik' macht und ihn als einen
       strukturalistisch konzipierten Gedanken Spinozas denunziert, hal-
       ten wir  fest, daß  Althussers Begriff 'dialektisch-materialisti-
       sche Kausalität'  dem Inhalt  nach denselben Sachverhalt zum Aus-
       druck bringt. 12) Zentraler Gegenstand ist für Althusser nach wie
       vor das  Problem, wie im marxistischen Sinne das Determinierungs-
       prinzip theoretisch zu fassen ist.
       In welchem  Sinne nun der Determinierungsgedanke für die philoso-
       phische Ausgangsfrage von grundlegender Bedeutung ist, zeigt Alt-
       hussers Bestimmung  des   V e r h ä l t n i s s e s   v o n  M a-
       t e r i a l i s m u s   u n d   D i a l e k t i k.   Er hält  die
       Spezifizierung dieser  Verhältnisbestimmung für  den Kern   d e s
       p h i l o s o p h i s c h e n    Problems  in  der  marxistischen
       Theorie. Althussers  Grundthese besteht  darin, auf  dem   P r i-
       m a t   des Materialismus gegenüber der Dialektik zu bestehen und
       dessen Anerkennung  auf wissenschaftstheoretischer  Grundlage  zu
       begründen. Seiner  Auffassung nach  enthält diese  Grundthese das
       marxistische Postulat,  den historischen  Materialismus  als  die
       theoretische Bedingung  der materialistischen  Dialektik  zu  be-
       greifen.
       "Ich meine  in der Tat, daß die Frage der marxistischen Dialektik
       nur gestellt werden kann unter der Bedingung, daß man die Dialek-
       tik dem  Primat des Materialismus unterwirft und untersucht, wel-
       che Formen sie annehmen muß, um die Dialektik  d i e s e s  Mate-
       rialismus zu sein." /16/
       Damit ist  die Frage  nach der  Erkenntnis durch  die Determinie-
       rungsinstanz einer philosophischen Prämisse entschieden, die sich
       ihrer wissenschaftstheoretisch  vergewissern will.  Unter  dieser
       theoretischen Voraussetzung nur sieht Althusser die materialisti-
       sche Dialektik  vor den  idealistischen Vereinnahmungen durch den
       mechanistischen und spekulativen Determinismus bewahrt. Die prak-
       tische Absicht, die Althusser in aller Klarheit mit dieser Grund-
       these verfolgt,  ist gegen  den "Dogmatismus  und seiner  rechten
       Kritik" innerhalb  der marxistischen Philosophie gerichtet, gegen
       den "Ökonomismus  und seinem  humanistischen 'Supplement'  in der
       Politik. /19/
       Von Interesse  bleibt also  weiterhin,  w i ex  der Geltungs- und
       Realisierungsanspruch seiner Grundthese sich wissenschaftstheore-
       tisch ausweist,  d.h. sich der Prinzipien "jenes Minimums an All-
       gemeinheit" auf  materialistischer Grundlage  zu versichern weiß,
       "ohne die  es unmöglich  wäre, konkrete  Prozesse der  Erkenntnis
       auszumachen und zu erkennen." /23/
       Nach Althusser  sind in Marx' Texten, insbesondere die methodolo-
       gische Erörterungen  der 'Einleitung'  von 1857 und die theoreti-
       sche  Anwendung   im  praktischen  Zustande  des  'Kapital',  die
       "Figuren" 14/ einer Topik elementar zur Darstellung gekommen, de-
       ren wissenschaftliche  Explikation -  so  Althusser  -  in  einer
       'Theorie des  Begriffs' 13)  konzeptionell erarbeitet werden muß.
       Für ihn  verbürgt die  "m a r x i s t i s c h e  T o p i k"  /14/
       die wissenschaftliche Reflexion über den theoretischen Status der
       Funktion und Entwicklung der Begriffe in ihrer systematischen An-
       ordnung.
       Auf der  wissenschaftstheoretischen Grundlage  der  topologischen
       Begriffsanordnung werden  nach Althusser zwei wesentliche Aspekte
       der Marxschen  wissenschaftlichen Argumentationsstruktur der phi-
       losophischen Bearbeitung  offengelegt:  die  Frage  nach    d e r
       D a r s t e l l u n g s m e t h o d e   und dem    E r k e n n t-
       n i s p r o b l e m   bei Marx.  In diesem Sinne stellt die Topik
       die theoretische Voraussetzung her, die "Determination in letzter
       Instanz durch  die ökonomische  Basis" /15/  überhaupt denken  zu
       können und  sie als  letzte Instanz  innerhalb eines gegliederten
       Ganzen, ihre  relative Autonomie  und ihre  eigene Wirksamkeit zu
       reflektieren. Es  geht  aber  auch  um  den  Begriffs-Gehalt  der
       Raummetaphern 14),  in denen  Marx denkt,  und die  zugleich  die
       Reflexionsbedingungen abgeben,  die  allgemeinen  Bewegungsformen
       des  ökonomischen  Mechanismus  bürgerlicher  Gesellschaften  als
       Systemzusammenhang darzustellen   s o w i e   die Einsicht in die
       Notwendigkeit der  Veränderungen von  Strukturen ihrer Hierarchie
       rational  zu   erfassen.  Althusser   setzt  dabei   an   Marxens
       wissenschaftsanalytischem Standpunkt  der Kritik im 'Kapital' an,
       den er auf wissenschaftstheoretischer Grundlage auf seine Verall-
       gemeinbarkeit hin  konzipiert. Ausgangspunkt  ist Marxens "Kritik
       der ökonomischen  Kategorien, oder  if you  like, das  System der
       bürgerlichen Ökonomie  kritisch dargestellt. Es ist zugleich Dar-
       stellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben."
       15)
       Althusser mißt  daher dem  Begriff 'Darstellung'  einen zentralen
       Stellenwert bei.  Feststeht, daß  Marxens spezifisches Rationali-
       tätsprinzip   seiner    materialistischen   Analyse   auf   einer
       'Darstellungslogik' beruht,  deren Methode die systematische Ord-
       nung der  Gliederung und Reihenfolge der Begriffe produziert. Der
       Begriff 'Darstellung',  der nach  Althusser mit 'Untersuchungsme-
       thode' und  'Dialektik' gleichzusetzen ist 16), dient Marx seiner
       Auffassung nach dazu, "die Wirkung einer Struktur zu denken" 17),
       erfaßt mithin  als theoretische  'Existenzform' des  ökonomischen
       Mechanismus der  bürgerlichen Gesellschaft die Funktionsweise der
       Determinierungsinstanzen in ihren Wirkungen. So besteht Althusser
       immer  wieder  mit  Nachdruck  darauf,  entgegen  jeder  'empiri-
       stischen' oder  'spekulativen' Erkenntnisauffassung,  die  'logi-
       sche'  Ordnung   des  Gedankenkonkretums   von  Marx   als   eine
       p r o d u z i e r t e   O r d n u n g   s u i  g e n e r i s  18)
       zu fassen,  die wider  dem Schein gesellschaftlicher Objektivität
       und der  alltäglichen Empirie  subjektiver Erfahrung zur real-hi-
       storischen Ordnung  in einer  widersprüchlichen Beziehung  steht.
       Althusser schlägt  vor, die gegensätzlich strukturierte Beziehung
       der Ordnungen  zueinander weder als ein Umkehrungsverhältnis noch
       als ein  Analogieverhältnis zu  begreifen, sondern  das  entspre-
       chende Verhältnis  als eine   D i f f e r e n z  der Ordnungen zu
       denken, die  im wissenschaftlichen  Begriff  des    'ü b e r d e-
       t e r m i n i e r t e n     W i d e r s p r u c h'    reflektiert
       wird. 19)
       Mit dem  Verweis auf seine Grundthese vom "Primat des Realobjekts
       über das  Erkenntnisobjekt!" /25/ besteht für Althusser das über-
       determinierte  Verhältnis   der  Ordnungen   darin,  die  strikte
       D i f f e r e n z  zwischen der 'logischen' Ordnung (des Erkennt-
       nisobjekts) und  der real-historischen  Ordnung (des Realobjekts)
       auf der einen Seite  u n d  das Erkenntnisobjekt in seiner Produ-
       ziertheit   a l s   B e s t a n d t e i l   d e s    R e a l o b-
       j e k t s   auf der  anderen Seite  in    B e z i e h u n g    zu
       setzen. 20)  Das widersprüchliche   V e r h ä l t n i s  hat sein
       Bestehen  nicht  in  einer  direkten  wechselseitigen  Beziehung,
       sondern als Doppelbewegung ist es reflexiver Ausdruck der in ihre
       wirksamen überdeterminierten  Verhältnisbeziehung. Nach Althusser
       reduziert  sich   die  erste  Bewegung  der  gedanklichen  Diffe-
       renzierung auf ihre reale Determinierungsinstanz und verschwindet
       in ihr,  weil sie  jene produzierte  Differenz  negiert,  21)  ja
       negieren muß, um als 'Determinierung in letzter Instanz' bestehen
       zu bleiben.  Denn für  Marx -  so Althusser  - geht es hierbei um
       einen wesentlichen  Aspekt der  materialistischen  Erkenntnisauf-
       fassung, "daß  die Erkenntnis  des Realen etwas am Realen 'verän-
       dert', insofern sie ihm ja gerade  s e i n e  E r k e n n t n i s
       h i n z u f ü g t."  /27/
       Damit erweist  sich nach Althusser Erkenntnis als das Erkenntnis-
       objekt   d i e s e s   Realobjekts sowie  die "Dialektik   d i e-
       s e s  Materialismus" /16/ durch die Objektivität  d e r  Materi-
       alität nur  sich ihrer  Bedingtheit materialistisch  vergewissern
       kann. 22)  Was  hier  allein  interessiert,  ist  die  Auffassung
       Althussers, daß bei Marx ein Determinierungsprinzip am Werke ist,
       das bei  Spinoza bereits  vorzuliegen scheint,  und zwar in einer
       Radikalität, die Hegel durch das spekulative Identisch-Setzen von
       Erkenntnisprozeß und  Realprozeß nicht  erreicht hat. Nun besteht
       Spinoza in  der Tat auf dem strikten Unterschied zwischen Begriff
       des Dinges und dem Ding selbst, wobei aber "ein in der Natur exi-
       stierender Kreis und die Idee eines existierenden Kreises ein und
       dasselbe Ding  (ist), welches durch verschiedene Attribute ausge-
       drückt wird." 23)
       Der siebente  Lehrsatz Spinozas, auf den Althusser indirekt Bezug
       nimmt, nämlich  "die Ordnung  und Verknüpfung der Ideen ist dies-
       selbe wie  die Ordnung  und Verknüpfung  der Dinge" 24), verdeut-
       licht seinen  Ausgangspunkt bei  Spinoza. In  diesem Kontext kann
       Althussers Konzeption  des 'überdeterminierten Widerspruch(s)' in
       der materialistischen  Dialektikauffassung  als  Versuch  gelten,
       einen zentralen  Gedanken Spinozas marxistisch verarbeitet zu ha-
       ben. Dabei  bleibt undiskutiert,  ob hiermit Spinozas mechanisti-
       sches Widerspiegelungstheorem  überwunden wird. Soviel darf fest-
       gestellt werden,  daß Spinoza  auf der Grundlage der nominalisti-
       schen Begriffsbildung in der 'causa sui' ein Determinierungsprin-
       zip erkannt  hat, das  im subversiven Sinne sein eigenes Darstel-
       lungssystem unterläuft.  Marx scheint  auf dieses  gegensätzliche
       Moment in  Spinozas Systemdenken aufmerksam zu machen, wenn er zu
       bedenken gibt,  daß bei Spinoza "ja der wirkliche innere Bau sei-
       nes Systems  ganz verschieden von der Form, in der es von ihm be-
       wußt dargestellt  war." 25)  Ohne auf  diesen Sachverhalt  weiter
       einzugehen, wird  hier angedeutet,  daß Spinozas Konstruktion und
       Lösung des Erkenntnisproblems, wie es von ihm in der 'Ethik' nach
       dem Modell  der euklidischen  Geometrie zur  Darstellung gebracht
       und in  seiner Schrift 'Abhandlung über die Verbesserung des Ver-
       standes' 26)  erkenntnistheoretisch erläutert wird, nicht zuletzt
       deshalb scheiterten,  weil Spinoza  von der  anti-cartesianischen
       Position her  an die Topik-Lehre Aristoteles glaubte anknüpfen zu
       müssen. 27)
       Bei Althusser  wiederum zeigt sich das theoretische Ausmaß seines
       topologisch gefaßten  Determinierungsprinzips in  aller Deutlich-
       keit, wenn  er von  Marx behauptet:  "Indem er  die Dialektik dem
       Zwang der  Topik unterwirft, unterwirft sie Marx ihren realen Tä-
       tigkeitsbedingungen, bewahrt  er sie  vor dem  spekulativen  Wahn
       (Hegels, um)  anzuerkennen, daß ihre eigenen Figuren vorgeschrie-
       ben sind  durch die  Materialität ihrer  Bedingungen." /19/ Sieht
       man einmal von der folgenreichen Ignoranz der hegelschen Reflexi-
       onslogik 28a)  gegenüber ab,  werden fundamental  die philosophi-
       schen Prämissen  ersichtlich, "ohne  die keine Produktion wissen-
       schaftlicher Erkenntnis" 28b) möglich ist. Da Althusser die Topik
       nicht als  ein Theorie-Modell  versteht 29), sondern als ein wis-
       senschaftstheoretisches Konzept,  das die "Erkenntnis als Produk-
       tion" /23/  zu begreifen  möglich macht,  impliziert dieses  eine
       'Theorie des Begriffs' (30), die ihrerseits auch letztinstanzlich
       determiniert wird und selbst auch nur wissenschaftlicher Ausdruck
       von Determinanten materieller Verhältnisse ist. Althussers Topik,
       die in  der begrifflichen  Anordnung die Determiniertheit gesell-
       schaftlicher Herrschaftsverhältnisse  rekonstruierbar macht,  be-
       gibt sich hierin der theoretischen Notwendigkeit, sich selbst hi-
       storisch-materialistisch zu  begründen.  Die  'wissenschaftstheo-
       retische  Dialektik'  unterliegt  nunmehr  der  Normativität  der
       Begrifflichkeit, deren  Determinationsverhältnisse sie  zur  Dar-
       stellung bringt und reguliert.
       Ist man  gewillt, Althussers aufgeworfenes Problem im Anschluß an
       Engels ins Auge zu fassen, der auffordert, das "dialektische Den-
       ken" weiterzuentwickeln, ein Programm also, das "die Untersuchung
       der Natur  der Begriffe  selbst zur  Voraussetzung" hat,  nämlich
       "die  Entwicklung   eines  Begriffs   oder  Begriffsverhältnisses
       (positiv und negativ) in der Geschichte des Denkens" 31), geht es
       Althusser darum, die 'innere Struktur' der Marxschen Begrifflich-
       keit zu  analysieren, was  die "Differenz  im  B e g r i f f  des
       Objekts (zu)  produzieren" voraussetzt. 32) Demnach vertritt Alt-
       husser eine  für sein  Verständnis konsequente  These, derzufolge
       der wissenschaftliche Begriff' selbst als 'Produktion' handhabbar
       zu machen  ist. Die  Verhältnis-Struktur wird in den Begriff hin-
       einverlegt, um  den Begriff als eine Verhältnisbeziehung "zu kon-
       zipieren. Die  derart konstruierte Begriffsstruktur gilt folglich
       als unabdingbare  Voraussetzung dafür,  Verhältnisse reflektieren
       zu können;  Erkenntnis kann  als Arbeitsprodukt  u n d  Produkti-
       onsprozeß begriffen  werden. 33)  Mit anderen  Worten: Wer  d i e
       Verhältnisse begreifen  will, muß   i n  Verhältnissen denken, d.
       h. vermittels  oder   i n  Begriffen, die die Verhältnisse zu re-
       flektieren vermögen, weil die Begriffe selbst ihrer Struktur nach
       Verhältnisse sind, Produkte reflektierter Verhältnisse. 34)
       Ob allerdings  der in  diesem Zusammenhang  von Althusser  vorge-
       schlagene Begriff 'überdeterminierter Widerspruch' den allen Ver-
       hältnissen (ökonomischen,  politischen, ideologischen) immanenten
       Widerspruch als wirkendes Determinierungsprinzip zu erklären ver-
       mag, bleibe  hier dahingestellt.  Der Begriff  verdient auf jeden
       Fall der  kritischen Analyse,  gelingt es  Althusser immerhin, in
       ihm bemerkenswerte  Problemstellungen der marxistischen Begriffs-
       bildung zu  denken. Für  Althusser macht  er die Rationalität des
       wissenschaftlichen 'Begriffs' einsichtig, der "bei Marx zur theo-
       retisch-praktischen Anordnung einer Topik, zum Mittel einer prak-
       tischen In-Griffnahme der Welt" wird. /19/
       Von dieser  wissenschaftstheoretischen Position aus wären Althus-
       sers Überlegungen  über den Erkenntnisprozeß zu untersuchen. Wenn
       Althusser   bei   Spinoza   auch   die   Kritik   am   metaphysi-
       schen/ontologischen Prinzip der Erkenntnistheorien vorweggenommen
       sieht, findet  er daselbst wieder die theoretischen Elemente vor-
       gegeben, die  es ihm  ermöglichen, den  Erkenntnisprozeß bei Marx
       gewissermaßen 'produktionstheoretisch'  zu begreifen. Dies bleibt
       einer eingehenden Analyse vorbehalten. 35)
       Hat Althusser seine 'theorizistische Abweichung' der Haupttendenz
       nach Spinoza  überantwortet, kann mit guten Gründen, wie anzudeu-
       ten war, angenommen werden, Althusser 'kokettierte' nicht nur mit
       Spinoza, wie er von sich behauptet, sondern als 'häretischer Spi-
       nozist' hält  er an  dem materialistischen Rationalismus Spinozas
       nach wie vor fest.
       Zur Analyse  der theoriegeschichtlichen  Bedingungen des  Stalin-
       schen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie
       Althussers Verdienst, das seinen programmatischen Thesen zukommt,
       zeigt sich  an der  breiten Wirkungsgeschichte seiner Arbeiten in
       Frankreich. 36)  In diesem  Zusammenhang ist für uns im folgenden
       die Tatsache von Interesse, daß er in seinen Schriften maßgeblich
       beigetragen hat, theoretische Probleme, die sich in der marxisti-
       schen Philosophie  stellten und nach wie vor stellen, auf ihr po-
       litisches Praxismoment  und strategisches Kalkül hin zu befragen.
       In diesem Sinne hat er an den bei Marx , Engels und Lenin vorlie-
       genden Analysen  zur 'Geschichte  der Theorie' angeknüpft und ist
       der  theoretischen   Aufforderung   nachgekommen,   die      G e-
       s c h i c h t e  d e r  m a r x i s t i s c h e n  T h e o r i e-
       b i l d u n g  zu untersuchen. 37) Wenn nun exkursorisch auf eine
       zentrale Problematik  eingegangen wird,  die für die marxistische
       Theorie von Bedeutung ist, so deshalb, weil sie Althussers Arbei-
       ten entscheidend  bestimmt hat  und den politischen Ausgangspunkt
       seiner theoretischen  Überlegungen und Thesen ausmacht: die Frage
       nach dem Stalinschen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie
       38).  Eine   theoretische  Diskussion   über  das   Problem   des
       Stalinschen Dogmatismus  einzuleiten stellte  auf dem politischen
       Hintergrund  der   in  Frankreich   seit  Ende   der  50er  Jahre
       vorherrschenden ideologischen  Auseinandersetzungen eine  partei-
       und bündnispolitische  Aufgabe  dar,  ohne  Berücksichtigung  von
       deren historischer  Bedingtheit die Schriften Althussers in ihrer
       Zielsetzung kaum richtig eingeschätzt werden können.
       Wir müssen  uns auch  hier der Tatsache bewußt sein, daß die gra-
       vierenden Verfälschungen  der Werke  von Marx,  Engels und Lenin,
       die nach  Mitte der 20er Jahre vorgenommen wurden, noch zu Beginn
       der sechziger  Jahre als  unumstrittene Doktrin  in der marxisti-
       schen Philosophie  kommunistischer  Parteien  offizielle  Geltung
       hatten. Althussers  Unternehmen bedeutete letztlich eine institu-
       tionalisierte Philosophie  überwinden zu  wollen, deren Praxis in
       theoretischer und  politischer Hinsicht  reinen Legitimationscha-
       rakter hatte. Und zwar - so Althusser - mit dem Resultat, daß der
       Dogmatismus in  der Philosophie  dem Opportunismus in der Politik
       solange entsprach, wie jener diesem diente. Andererseits kann die
       marxistische Theorie "sich der Geschichte gegenüber verspäten und
       sich selbst  gegenüber verspäten, wenn sie jemals glaubt angekom-
       men zu sein" /26/.
       Bestimmen gegenwärtig  die Termini  'Marxismus', 'Leninismus' und
       'Marxismus-Leninismus' in der marxistischen Philosophie in diffe-
       renzierter Weise  theoretische Standpunkte, die eine definierbare
       Ausrichtung der Kritik bzw. Abgrenzung und der wissenschaftlichen
       Praxis der Politik enthalten, stellte sich seit dem XX. Parteitag
       der KPdSU 1956 für die marxistische Theorie ein zentrales Problem
       in der  historischen Analyse der Geschichte ihrer Theorieentwick-
       lung  und   der  Folgen  in  der  Arbeiterbewegung.  Nämlich  der
       L e n i n i s m u s.  Einmal die Frage nach der Authentizität der
       Werke Lenins, die eine revolutionäre Interpretation der Werke von
       Marx und Engels und die von ihm hinterlassenen 'Ecksteine' umfas-
       sen, wie  sie für die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie
       richtungsweisend sind.  Zum anderen  die Frage nach den theoreti-
       schen Bedingungen  des Stalinschen Dogmatismus. Zur Debatte stand
       also die  radikale Überprüfung  der theoretischen  Grundlagen des
       Marxismus, die durch die Kodifizierung Stalins 1938 gänzlich dis-
       kreditiert wurden.  39) Die  offizielle Kritik  am 'Personenkult'
       40), die  zumindest in  theoretischer Hinsicht ein "Wort ohne Be-
       griff" (Althusser)  war, hat in der marxistischen Philosophie die
       Frage verdrängt,  wie   n a c h   der Stalinschen  Abweichung von
       Lenins Prinzipien  der Leninismus seine  W i s s e n s c h a f t-
       l i c h k e i t   unter Beweis  stellt. Es  geht also  im  Grunde
       darum, zu  klären, unter  welchen  Voraussetzungen  theoretischen
       Selbstverständnisses  die   Lehre  des  Marxismus-Leninismus  die
       wissenschaftliche  Grundlage   herstellt,  die   die  Kritik   am
       Stalinschen Dogmatismus in der marxistischen Philosophie einlöst,
       ohne  die  philosophischen  Prämissen  ihres  Kritik-Standpunktes
       selbst hinterfragen zu müssen.
       Althussers Beitrag  zu dieser  Frage nun besteht darin, aufzuzei-
       gen, wie  der notwendige 'Bruch' mit den ideologischen Vorausset-
       zungen  dieser   Dogmatisierung  auf   wissenschaftstheoretischer
       Grundlage zu  leisten ist. Diese Problemstellung war der Anlaß zu
       einer kontroversen  Debatte, die  in Frankreich  und in  Italien,
       wenn auch  unterschiedlich, bereits längere Zeit im Gange ist und
       nach wie  vor verhandelt  wird. 41) Die wissenschaftliche Analyse
       hat nun  gewiß, wie  bereits bemerkt,  die Vorgeschichte zu ihrem
       Gegenstand zu machen, 1   in der sich die gegensätzlichen Tenden-
       zen der  marxistischen Philosophie  formiert haben,  die zu ihrer
       Dogmatisierung führten.  Ersten Aufschluß  darüber erbringt,  wie
       auch schon  versuchsweise unternommen  wurde 42), die historisch-
       materialistische Analyse der philosophischen Debatten der zwanzi-
       ger Jahre, die die ideologische Konstellation der Richtungskämpfe
       in der marxistischen Philosophie bestimmten. Diese wird von Debo-
       rin anläßlich  des 250.  Todestags Spinozas 1927 treffend festge-
       halten, wenn  er bemerkt:  "Noch immer müssen wir den Freunden in
       unseren eigenen  Reihen beweisen,  daß man  Spinoza nicht  zu den
       Idealisten rechnen  darf. In  den letzten  Jahren haben sich hin-
       sichtlich der Auffassung der Hegelschen Dialektik und der Konzep-
       tion Spinozas  zwei 'Fronten'  gebildet: eine hegelianische Front
       und eine spinozistische Front." 43)
       Nach Althusser  läßt sich  unter der  Stalinschen Abweichung 44a)
       oder dem  Stalinschen Dogmatismus  in der  Philosophie  eine  be-
       stimmte Tendenz in der marxistischen Theoriebildung verstehen, in
       der theoretisch die Auflösung des Verhältnisses von Materialismus
       und Dialektik  vollzogen wurde. Die abstrakte Trennung und dogma-
       tische Entgegensetzung der theoretischen Bestandteile dieser wis-
       senschaftstheoretischen Einheit  hat  eine  Verweltanschaulichung
       des Materialismus  und eine  Methodologisierung der Dialektik zur
       Folge, deren  Theorie-Elemente ideologische  Effekte  politischer
       Natur verursachen.  Althussers Dogmatismus-Kritik beinhaltet dem-
       nach einen   m e t h o d o l o g i s c h e n    Sachverhalt:  die
       Analyse des Verhältnisses von Theorie und Methode.
       Untersucht man  näherhin den Mechanismus dieser Verselbständigun-
       gen seiner Struktur und seinem Verfahren nach, kann mit Althusser
       festgehalten werden,  daß es sich einerseits um ein ideologisches
       Resultat zweier  sich bedingender Reduktionen handelt, die, ande-
       rerseits, auf  Althussers Hegel- und vor allem Spinoza-Kritik zu-
       rückverweisen. Diese  Reduktionen lassen sich folgendermaßen cha-
       rakterisieren:
       a) Nach Althusser findet eine Reduzierung der Philosophie auf Ge-
       schichte statt, die eine Historisierung der Philosophie einleitet
       und ihrerseits  die Wissenschaft  auf Weltanschauung  reduzierbar
       macht. Diese  spezifische Konfundierung  von  Dialektik  und  Ge-
       schichte  kommt  dem  spekulativen  "Historizismus  Hegels"  44b)
       gleich, den  Althusser nur  auf der Grundlage einer materialisti-
       schen Theorie  der Geschichte  für überwindbar hält. Die teleolo-
       gisch begriffene  Geschichte nimmt  folglich "evolutionistischen"
       Charakter an,  der das  Prinzip einer  Geschichtsauffassung kenn-
       zeichnet, welches jeder "ökonomistischen" Politik und "humanisti-
       schen" Weltanschauung  zugrundeliegt, also theoretische Merkmale,
       die Althusser  als "paradoxe Ausformungen" des Stalinschen Dogma-
       tismus begreift.  45) Dieser  von Althusser hervorgehobene Aspekt
       d e s   H e g e l i a n i s m u s,   der  seinerseits  allerdings
       vereinseitigt  auf   Hegels    g e s c h i c h t s p h i l o s o-
       p h i s c h e m   Prinzip gründet,  enthält insofern  ein "evolu-
       tionistisches"  Moment,   als  daß   hegelianisch  der   Entwick-
       lungsprozeß in  seiner Ungleichzeitigkeit  und als Verhältnis von
       Kontinuität und Diskontinuität materieller Prozesses nicht erfaßt
       werden kann.  46) In  diesem Sinne stellt die  h i s t o r i z i-
       s t i s c h e  Konzeption der Geschichte einen Hegelianismus dar,
       der durch  die Teleologisierung  der Geschichte  tatsächlich  der
       Wirklichkeit  ein   sich  selbst  realisierendes  Vernunftprinzip
       unterstellt, dem  analog  gesellschaftliche  Entwicklungsprozesse
       entsprechen, die  mit historischer  Notwendigkeit einträten.  Ein
       Prinzip, das  -  wie  Althusser  bemerkt  -  "als  philosophische
       Garantie für  die Herankunft  der Revolution und des Sozialismus"
       dient und  hierin das  krasse Gegenteil  bewirkt, weil  auf  "die
       leninistische Kategorie  der ungleichen Entwicklung, die sich auf
       die Ungleichheit  des Widerspruchs  sowie auf  seine  Über-  oder
       Unterdeterminierung" /21/  beruft, in  der konkreten  Analyse der
       konkreten Situation verzichtet wird.
       b) Im Kontext  des geschichtsphilosophischen  Verständnisses  von
       Materialismus wird  die Dialektik  auf Methode  dergestalt  redu-
       ziert, daß ihre Formbestimmtheit verabsolutiert wird. Die ontolo-
       gische Konzeption der Dialektik, der eine ideologische Verwechse-
       lung in  der Begriffsbildung  zugrundeliegt, demontiert  jegliche
       wissenschaftliche Objektivität  historisch-materialistischer  Er-
       kenntnis und  hat für  die Wissenschaftsentwicklung  und für  die
       Entwicklung der marxistischen Theorie insgesamt fatale Folgen ge-
       zeitigt. 47) Diese dogmatisierte Theorie-Auffassung hat nach Alt-
       husser eine  wesentliche Verwechselung produziert, die darin sich
       äußert, daß  philosophische Kategorien den Status wissenschaftli-
       cher Begriffe einnehmen, ein Reduktionismus, der zur Folge hatte,
       daß die  Wissenschaften und  ihre Erkenntnisse  einer Philosophie
       untergeordnet wurden,  die kraft  ihrer Institution Wissenschaft-
       lichkeit vorgab und die Wissenschaften verwaltete.
       Da  philosophische  Kategorien  schlechthin  instrumentalisierbar
       sind, oder  wie Althusser sagt, immer schon 'ausgebeutet' wurden,
       ist die Dialektik auf Gesetzesformeln eines abstrakten Schematis-
       mus reduzierbar.  Die spezifische Funktion der Dialektik philoso-
       phischer Kategorien  besteht darin,  als Mittel auf das Besondere
       nur angewandt,  aber nicht mehr reflektiert zu werden. Ihre onto-
       logische Verfassung  konstituiert Allgemeinheiten,  die die Bewe-
       gungsformen des  Seins derart  zu begreifen beanspruchen, daß ihr
       eigener Geltungsanspruch  nicht mehr überprüfbar wird. Die Anwen-
       dung der  philosophischen Kategorien  im deduktivistischen  Sinne
       bleibt historisch-logisch  unvermittelt und wird selbst praktizi-
       stisch gewendet, weil sie ja nachgerade ausschließlich der Recht-
       fertigung unhinterfragter  Zweckbestimmungen zu  dienen hat.  Ein
       derartig praktizierter  M e t h o d o l o g i s m u s,  der durch
       die Reduktion  der Dialektik  auf Methode  zustande kommt, elimi-
       niert die  wissenschaftstheoretische Reflexion über die Dialektik
       als Einheit  von Theorie  und Methode.  Der in der Folge vorherr-
       schende methodische Subjektivismus und Voluntarismus kennzeichnen
       nach Althusser den theoretischen Opportunismus in der Arbeiterbe-
       wegung, der  "theoretisch geschlossen  und politisch flexibel und
       anpassungsfähig zugleich" 48) ist.
       Wenn hier  diese Reduktionsform  u. E.  als ein  S p i n o z i s-
       m u s   bezeichnet werden  kann, so ist der defiziente Aspekt der
       Systemauffassung Spinozas  gewiß nur  unter dem  methodologischen
       Gesichtspunkt legitim  zu thematisieren, sofern die Verschränkung
       der  idealistischen   und  materialistischen   Komponenten  ihrer
       Konstruktion nach  einsichtiger zu  machen ist.  In diesem  Falle
       geht es  um das  spezifische gegensätzliche  Verhältnis  zwischen
       System und Methode, wie es bei Spinoza der Struktur nach angelegt
       zu sein scheint. Spinozas zentrale Kategorie der Substanz enthält
       nämlich den  Kerngedanken der Dialektik, daß jede Bestimmung eine
       Negation sei, dessen Systementwicklung sich aber dem methodischen
       Prinzip  der   Deduktion  nach   geometrischer  Darstellungsweise
       unterwirft. Das  bei Spinoza  in der  'Ethik' vorliegende  Wider-
       spruchsprinzip   im   embryonalen   Zustande,   das   von   Hegel
       weiterentwickelt  und   von  Marx  materialistisch  transformiert
       wurde, determiniert  also 'in  letzter Instanz' gewissermaßen das
       Verhältnis von  System und Methode. Ohne dies im einzelnen aufzu-
       zeigen, ist  hier ein  Resultat dieser Systemkonstruktion von In-
       teresse. So erwirkt der axiomatische Aufbau auf der Grundlage no-
       minalistischer Begriffsbildung  auf immanentem Wege eine hermeti-
       sche Abgeschlossenheit des Systems, die durch ihr deduktives Ver-
       fahren den Begriff des Widerspruchs verdrängt, der im Kern seinem
       Darstellungs p r i n z i p   inhäriert. Diesen allgemeinen metho-
       dologischen Befund  hinsichtlich des  ontologischen Systemdenkens
       nimmt auch  Marx in  Augenschein, wenn er zu Spinoza anmerkt: "So
       sind es  zwei ganz  verschiedene Dinge - was Spinoza für den Eck-
       stein seines  Systems hielt, und jenes, was ihn wirklich bildet."
       49) Die Normativität der  Darstellungs f o r m  determiniert dem-
       nach die  Erkenntnisgrenzen der Inhaltsbestimmungen, die den Gel-
       tungsanspruch der  Reflexion ihrer  Erkenntnisbedingung  anzeigt.
       Bei Spinoza  fungiert die Evidenz anstelle der Frage nach der Ab-
       leitbarkeit seiner  Lehrsätze, deren  Beweisführung vor allem Er-
       kenntnisse im  demonstrativen Sinne produziert. Die Reinheit, die
       das System  dadurch erzeugt,  hat ihrerseits  die Abstraktion von
       der Materialität  und Zeitlichkeit zur Voraussetzung. 50) Es läßt
       sich also feststellen, daß der Stalinsche Dogmatismus in der mar-
       xistischen Philosophie,  methodologisch gesehen, ein Zusammenwir-
       ken jener   V u l g ä r f o r m e n   d e s  H e g e l i a n i s-
       m u s   u n d  S p i n o z i s m u s  darstellt. Die Verselbstän-
       digungen der  systemkonstitutiven Komponenten  der idealistischen
       Darstellungs- und  Erkenntnisprinzipien, so  unterschiedlich  sie
       auch bei  Spinoza und  Hegel funktionieren, bewerkstelligen einen
       m e t h o d o l o g i s c h e n   H i s t o r i z i s m u s,  der
       aus reduzierter  Sichtweise bei Spinoza und Hegel interpretierbar
       ist. Das  Resultat der  beiden Reduktionismen  hat schließlich in
       der marxistischen  Philosophie Vulgarisierungen zur Folge gehabt,
       die sich  gegenseitig so  bedingten,  daß  die  Liquidierung  der
       dialektisch-materialistischen   Theorie   der   Geschichte   eine
       teleologische  Geschichtsauffassung  entstehen  ließ,  auf  deren
       Grundlage  ihre   ökonomische  und   politische  Strategie  einer
       unwissenschaftlichen-philosophischen Rechtfertigung bedurfte.
       Dieser Versuch,  den Stalinschen Dogmatismus auf seine theoriege-
       schichtlichen Bedingungen und deren ideologische Verformungen und
       Abweichungen hin  zu untersuchen, läßt nun seinerseits in der Zu-
       spitzung der Althusserschen Analyse Rückschlüsse auf seine eigene
       Konzeption einer  materialistischen Wissenschaftstheorie  zu, auf
       die am Schluß nochmals zurückzukommen ist.
       Althussers theoretisches Programm, der hegelianischen Dogmatisie-
       rung der Dialektik seine  m a t e r i a l i s t i s c h e  Grund-
       these entgegenzusetzen,  kann für sich beanspruchen auf der topo-
       logischen Grundlage die Probleme der Begriffs- und Theoriebildung
       in der  marxistischen Philosophie  radikal neu gestellt zu haben.
       Seine wissenschaftstheoretische Fundierung der 'marxistischen To-
       pik' vermag  hingegen die  ihr eigentümliche methodologische Pro-
       blematik nicht  einzuholen, weil  Althussers  'wissenschaftstheo-
       retische Dialektik'  die Vermittlungsarbeit  einer  materialisti-
       schen Theorie  der  D i a l e k t i k  51) nicht abdeckt, die die
       materialistische Dialektik an seine Geschichtstheorie rückbindet,
       d. h.  sie als  eine vom  historisch-dialektischen  Materialismus
       a b g e l e i t e t e    vermittelt.  Dieser  Vermittlungsschritt
       wird durch  die Unterordnung  der Dialektik  unter dem Primat des
       Materialismus theoretisch nicht geleistet. 52)
       Eine Konsequenz ist gewiß: Althussers tendenzieller rationalisti-
       scher Dogmatismus,  der durch das konstruktivistische Moment ver-
       ursacht wird,  ist in der topologischen Konzeption seiner Wissen-
       schaftstheorie angelegt.  Die Dialektik  wird formalistisch  ver-
       formt. Dieses  Moment seinerseits  verweist wieder auf Althussers
       Spinoza-Rezeption, die von einer fixierten antihegelianischen Po-
       sition heraus  unverarbeitete  rationalistische  Theorie-Elemente
       Spinozas  birgt,   die  Althusser   veranlassen  könnten,   seine
       'Selbstkritik' zu radikalisieren.
       Die methodologische  Problemstellung, die  hier den  Einzelaspekt
       der Einheit  von Theorie und Methode zum Gegenstand hatte und den
       Zugang zu  Althussers Verhältnisbestimmung  von Materialismus und
       Dialektik verschaffen  sollte, erhellt, welchen theoretisch-poli-
       tischen Stellenwert  die Hegelsche  Spinoza-Kritik aus  marxisti-
       scher Sicht  impliziert. Hingegen weist Althussers Beitrag zu ei-
       ner marxistischen  Spinoza-Rezeption auf  die Tatsache  hin,  daß
       Spinozas Erkenntnislehre  materialistische  Komponenten  enthält,
       die als theoretische Vorleistungen für die marxistische Begriffs-
       und Theoriebildung  zu betrachten  sind und  die  Entwicklungsge-
       schichte der Marxschen Methode maßgeblich vorbereitet haben.
       
       _____
       *) Baruch de Spinoza (1632-1677) Da sein 300. Todestag am 21. Fe-
       bruar hier  nicht ausdrücklich zum Anlaß genommen wird, sein Ver-
       hältnis zum Marxismus zu erörtern, sei diesbezüglich auf den Auf-
       satz von  H. Seidel  verwiesen: "Marxismus  und Spinozismus"  in:
       Deutsche Zeitschrift  für Philosophie.  1977, Heft l, 25. Jg., S.
       46 ff.
       1) In: La Pensee, Nr. 183, Oktober 1975; deutsche Übersetzung von
       P. Schöttler,  in: SOPO  34/35, Mai  1976. Zitate aus diesem Text
       werden im folgenden gekennzeichnet durch Schrägstrich.
       2) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, Berlin (West) 1975.
       3) L. Althusser/E.  Balibar: Das  Kapital lesen, Reinbek 1972, S.
       94.
       4) Ebenda, S. 98
       5) Ebenda, S. 98.
       6) Ebenda, S. 134.
       7) G.W.F. Hegel:  Wissenschaft der  Logik, Bd.  II,  Frankfurt/M.
       1969, S. 250.
       8) Ebenda, S. 251. Da wir im einzelnen nicht auf das komplexe He-
       gel-Verständnis Althussers  eingehen, soll hier dennoch die These
       vertreten werden, daß Althussers tendenzieller Anti-Hegelianismus
       wesentlich durch seine Spinoza-Rezeption bedingt ist.
       9) Vgl. L.  Feuerbach: Geschichte der neueren Philosophie von Ba-
       con bis  Spinoza, Frankfurt/M.  1976, S.  284 ff.  Dazu die  auf-
       schlußreiche Aufsatzsammlung:  Texte zur Geschichte des Spinozis-
       mus, hrsg. von N. Altwicker, Darmstadt, 1971.
       10) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 2, S. 252.
       11) Ebenda, S. 254.
       12) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, a.a.O., S. 63.
       13) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. l, S. 144 und
       195.
       14) Ebenda, S. 245.
       15) K. Marx: Briefe über das Kapital, Berlin 1954, S. 80.
       16) L. Althusser/E.  Balibar: Das Kapital lesen, Bd. l, S. 64 und
       66.
       17) Ebenda, Bd. 2, S. 254.
       18) Ebenda, Bd. 1, S. 62.
       19) L. Althusser:  Für Marx, Frankfurt/M. 1968, S. 52 ff. und 146
       ff.
       20) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 51.
       21) Ebenda.
       22) Vgl. D. Lecourt: Lenins philosophische Strategie. Von der Wi-
       derspiegelung (ohne  Spiegel) zum  Prozeß (ohne  Subjekt), Frank-
       furt/M. - Berlin - Wien. In diesem Zusammenhang sei auf die wich-
       tigen Arbeiten  von P.  Ruben zur  Dialektik der Natur und Wider-
       spiegelungstheorie verwiesen;  etwa P.  Ruben: "Wissenschaft  als
       allgemeine Arbeit" in: SOPO 36, August 76.
       23) B. Spinoza: Ethik, Frankfurt/M. 1972, S. 88.
       24) Ebenda, S. 87.
       25) K. Marx: MEW, 29, S. 561.
       26) B. Spinoza:  "Abhandlung über  die Verbesserung  des Verstan-
       des", in:  Philosophie der Neuzeit, hrsg. von K. Vorländer, Rein-
       bek 1966, S. 151 ff.
       27) An dieser  Stelle sei auf Althussers Kritik an Gramsci hinge-
       wiesen (vgl. Das Kapital lesen, Bd. l, S. 167 ff.). Erwähnenswert
       in unserem  Zusammenhang sind jedenfalls die folgenden Überlegun-
       gen  Gramscis,   die  im  Rahmen  seiner  Auseinandersetzung  mit
       Bucharins Dialektikauffassung  einzuordnen sind,  ebenso aber auf
       die eine  bei Althusser virulente Problematik bezogen werden kön-
       nen. "Die  dem  G e m e i n v e r s t ä n d l i c h e n  L e h r-
       b u c h   implizite Philosophie kann als positivistischer Aristo-
       telismus bezeichnet werden, als eine Anpassung der formalen Logik
       an die  Methoden der  Physik  und  Naturwissenschaften.  Die  ge-
       schichtliche Dialektik wird durch Kausalitätsgesetze, Erforschung
       der Regelmäßigkeit,  Normalität, Gleichförmigkeit  ersetzt.  Aber
       wie kann bei dieser Auffassung die Aufhebung, die 'Umwälzung' der
       Praxis abgeleitet  werden? Mechanisch  begriffen kann die Wirkung
       nie die  Ursache oder  das System  von Ursachen aufheben, es kann
       folglich keine  andere Entwicklung als die platt-vulgäre des Evo-
       lutionismus geben." A. Gramsci: Philosophie und Praxis. Eine Aus-
       wahl, Frankfurt/M. 1967, S. 220.
       28a) Im Gegensatz dazu vgl. P. Furth: "Arbeit und Reflexion", er-
       scheint in:  Hegel-Jahrbuch 1976.  Ebenso B.  Heidtmann: "System-
       wissenschaftliche  Reflexion  und  gesellschaftliches  Sein.  Zur
       dialektischen Bestimmung  der Kategorie  des objektiven Scheins",
       erscheint in: Systemdenken und Dialektik. Berlin/DDR 1977.
       28b) L. Althusser:  Lenin und  die Philosophie,  Reinbek 1974, S.
       31.
       29) L. Althusser/E.  Balibar: Das  Kapital lesen,  Bd. 1, S. 156.
       Vgl. dazu  W.R. Beyer: "Das Sinnbild des Kreises im Denken Hegels
       und Lenins.",  in: Beihefte  zur Zeitschrift  für  philosophische
       Forschung. Heft 26, 1971, S. 29 ff.
       30) Ebenda, S. 144 und 195.
       31) F. Engels: MEW, Bd. 20, S. 491.
       32) Ebenda, S. 51.
       33) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, S. 78.
       34) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 2, S. 243.
       35) Der kritischen  Untersuchung bedarf  Althussers Versuch,  auf
       der Grundlage  einer materialistischen  Verarbeitung von Spinozas
       Wahrheits- und  Irrtumslehre die Prinzipien der Erkenntnistheorie
       Lenins zur  Diskussion zu  stellen. Vgl.  dazu D. Lecourt: Lenins
       philosophische Strategie, a.a.O.
       36) Dazu die  Aufsätze zu  L. Althusser  in: Althusser. Dialecti-
       ques. Nr. 15-16, Paris 1976.
       37) Vgl. L.  Althusser/E. Balibar:  Das Kapital  lesen, Bd. l, S.
       204 ff.
       38) Ebenda, S. 189.
       39) Vgl. Stalins Schrift "Über den dialektischen und historischen
       Materialismus", die als Kanon des Stalinschen Dogmatismus über 20
       Jahre lang unangefochten die philosophischen Prinzipien der offi-
       ziellen 'Parteiphilosophie'  legitimiert hat. Erste Ansätze einer
       historisch-materialistischen Analyse  der Auswirkungen,  die  die
       Schriften Stalins  in der  Theorie-Geschichte hatten, lassen sich
       finden in:  Geschichte der marxistischen Dialektik. Die Leninsche
       Etappe, Berlin 1976. S. 197 ff.
       40) Vgl. L.  Althusser:  "Anmerkung  zur  'Kritik  des  Personen-
       kults'", in:  Was ist  revolutionärer Marxismus?  Berlin  (West),
       1973.
       41) Dem  philosophischen  Dogmatismus  ist  Gramsci  durch  seine
       Leninismus-Auffassung entgangen, ein theoretisch-politischer Tat-
       bestand, der,  wie die gegenwärtige Debatte zeigt, die Aktualität
       Gramscis ausmacht.  Vgl. dazu A. Kramer: "Gramscis Interpretation
       des Marxismus",  in: Gesellschaft, Beiträge zur Marxschen Theorie
       4, Frankfurt/M.  1975. Ebenso  Aufsätze zu  Gramsci in:  Gramsci.
       Dialectiques. Nr.  4-5, Paris  1974. Zur  Debatte  in  Frankreich
       siehe "Freiheit  der Kritik  oder Standpunktlogik", Diskussion in
       der KPF, Berlin (West) 1976.
       42) Vgl. die  Hinweise von O. Negt: "Marxismus als Legitimations-
       wissenschaft", Einleitung,  in:  Deborin  Bucharin:  Kontroversen
       über den  dialektischen und  historischen  Materialismus,  Frank-
       furt/M. 1969. Negts Versuch, durch sein Verdikt über den philoso-
       phischen Beitrag Lenins die Widerspiegelungstheorie und Naturdia-
       lektik schlechthin  zu denunzieren,  gerät an den Stellen ins Di-
       lemma, wo  er vorhat,  den methodologischen Absolutismus Deborins
       als eine  Vorform der "positiven Dialektik" zu begreifen, die die
       "Naturalisierung und  Ontologisierung des  Denkens" konstituiere.
       (S. 33)  Der Terminus  'positive Dialektik'  - von der 'negativen
       Dialektik' aus  konzipiert -  vermag wohl kaum die Entstehungsbe-
       dingungen dieser  idealistischen Verformung als eine Variante der
       m e c h a n i s t i s c h e n   Auffassung von  Dialektik  analy-
       tisch zu erfassen.
       43) A.  Deborin:  "Die  Weltanschauung  Spinozas",  in:  Thalhei-
       mer/Deborin: Spinozas Stellung in der Vorgeschichte des dialekti-
       schen Materialismus, Wien/Berlin 1928, S. 41.
       44a) Althusser nimmt  hier den  Begriff 'Abweichung' kritisch ge-
       wendet im  Sinne Lenins  auf (vgl.  LW 32, S. 256-261), weil sich
       durch ihn  "bei jeder philosophischen Position die Tendenz in ih-
       rem Widerspruch"  begreifen läßt  (vgl. "Elemente  der Selbstkri-
       tik", S.  89). Althusser hat nun neuerdings diesen Begriff, bezo-
       gen auf  die Stalinsche  Abweichung, entscheidend uminterpretiert
       oder gar  denunziert, wenn  er fortan von der "Wahrheit ohne Irr-
       tum" und  "dieser Abweichung  ohne Norm"  spricht. Ob nun hiermit
       die von  Althusser geforderte  methodische Instanz der "Berichti-
       gung" entfällt?  Vgl. D. Lecourt: Proletarische Wissenschaft? Der
       'Fall Lyssenko'  und der  Lyssenkismus, Berlin  (West)  1976.  L.
       Althusser: Positionen 1, Berlin (West) 1976, S. 10.
       44b) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 175.
       45) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 189.
       46) Ebenda, S.  118 ff.  Vgl. ebenfalls  L. Althusser:  Für Marx,
       a.a.O., S. 166.
       47) Vgl. D. Lecourt: Proletarische Wissenschaft? a.a.O.
       48) L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen, Bd. 1, S. 190.
       49) K. Marx: MEW 34, S. 506.
       50) Vgl. dazu  W. Schmidt: "Intuition und Deduktion. Untersuchung
       zur Grundlegung  der  Philosophie  Spinozas",  in:  K.  Peters/W.
       Schmidt/H.H. Holz:  Erkenntnisgewißheit und Deduktion. Descartes,
       Spinoza und Leibniz, Darmstadt/Neuwied 1975, S. 109 ff.
       51) Vgl. G.  Klimaszewsky: "Die  materialistische  Dialektik  als
       Einheit von  Theorie und  Methode", in:  Deutsche Zeitschrift für
       Philosophie 1974, Heft 7, 22. Jg., S. 818/ 819 und 825.
       U.E. hat  Klimaszewsky hier die theoretischen Elemente erarbeitet
       und methodologische  Überlegungen angestellt, die weit ausführli-
       cher als  in unserem  Zusammenhang eine  fundamentale  Kritik  am
       Stalinschen Dogmatismus beinhalten und unter dem von ihm erörter-
       ten   m e t h o d o l o g i s c h e n   G e s i c h t s p u n k t
       über Althussers  Analyse hinausgehen.  Unter diesem Gesichtspunkt
       bleiben allerdings  die spezifischen  i d e o l o g i e tragenden
       s y s t e m philosophischen   Bestandteile des Stalinschen Dogma-
       tismus noch ungeklärt.
       52) Ebenso in  Althussers  Schrift  "Philosophie  et  Philosophie
       Spontanée des Savants", Paris 1974, zeigt es sich, daß dieses un-
       vermittelte theoretische Moment die Dialektik auf die der 'These'
       oder 'Tendenz'  immanente Widerspruchsbewegung  reduzieren  läßt.
       Die von  Althusser in der Thesenförmigkeit der Lehrsätze aufgelö-
       ste Dialektik kann sich im historisch-materialistischen Sinne ih-
       rer Erkenntnisbedingungen  nicht mehr vergewissern. Die Dialektik
       regrediert auf 'definitorisches Denken', wie Hegel zu Spinoza be-
       merkte. Übrigens  scheint Althusser  hinsichtlich des  systemati-
       schen Aufbaus  in diesem  Text 'konstruktiv' auf Spinoza Bezug zu
       nehmen.
       

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