Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn


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       DIE PSYCHOLOGIE DES BÜRGERLICHEN INDIVIDUUMS
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       INHALT
       ======
       
       Einleitung
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       Vom Fehler  der bürgerlichen  und vom Gegenstand einer materiali-
       stischen Psychologie
       
       I Das moralische Individuum: Wie funktioniert ein abstrakt
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       freier Wille
       ------------
       Über theoretische und praktische Abstraktionen - Vom untertänigen
       Gebrauch des freien Willens
       
       Paragraph 1: Der falsche Materialismus des erlaubten Erfolgs
       ------------------------------------------------------------
       Die Psychologie  leugnet den freien Willen und damit Unterwerfung
       als Prinzip  des bürgerlichen  Seelenlebens -  Hegels Begriff des
       freien Willens  als Idealismus  des Dürfens - Die Klassenlage des
       Individuums als Individualismus seines Weltbildes
       
       Paragraph 2: Der Idealismus lohnender Selbstkontrolle
       -----------------------------------------------------
       Herrschaft als Summe von guten und schlechten Gelegenheiten - Be-
       rechnung und Enttäuschung, Vergleich und Kritik
       
       Paragraph 3: Heuchelei und Leiden an der Welt
       ---------------------------------------------
       Erfolgsstreben im  Namen des  Guten -  Der einseitige  Nutzen der
       Heuchelei: Müssen Sollen Können Dürfen - Trennung von Theorie und
       Praxis des  Anstands -  Anstand als gelebtes Ideal: Höflichkeit -
       Der moralische Materialismus. Neid und Schadenfreude
       
       Paragraph 4: Der rechtschaffene Mensch
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       Selbstbewußtsein: Tugend  des Scheiterns  und Stolz des Erfolgs -
       Das Gewissen:  Scham und  Unverschämtheit - Das praktische Gefühl
       als Organ  des Vorurteils - Die Moral des Pluralismus in der Wis-
       senschaft -  Die Tugend umsichtiger Unterwerfung: "Vernunft". Ge-
       fühl contra  Verstand und  umgekehrt - Virtuosen des guten Gewis-
       sens: Nietzsche  und der  Christenmensch - Weltanschauung als eh-
       renhafter Ersatz  für Wissen.  Aberglaube, Tagtraum und Vorbild -
       Moral auf  philosophisch: Wo  käme man  denn da  hin? - Sittlich-
       keitswahn der Dichtkunst
       
       II Die Bewährung des bürgerlichen Individuums in seiner Heimat,
       ---------------------------------------------------------------
       der kapitalistischen Gesellschaft
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       Das "Geheimnis" der "zweiten Natur": Mitmachen
       
       Paragraph 5: Die bürgerlichen Lebenssphären in der Sicht
       --------------------------------------------------------
       des rechtschaffenen Menschen
       ----------------------------
       Demokratisches Knechtsbewußtsein:  selbstbewußtes  Eintreten  für
       die herrschenden  Verhältnisse - Der Bürger als Saubermann - Kri-
       tik der einen Sphäre durch die Ideale der anderen
       
       Paragraph 6: Politik - Demokratisches Knechtsbewußtsein
       -------------------------------------------------------
       Selbstbewußte Botmäßigkeit:  Das politische  "wir" - Konstruktive
       Kritik -  Nation als  Gefühl und Charakter - Radikale Opposition:
       Der Kampf  ums Recht  auf Kritik  - Verbrechen 1: Terrorismus als
       gerechte Gewalt,  autonom - Die Erziehung zu Freiheit und Verant-
       wortung
       
       Paragraph 7: Beruf: Konkurrenz und Leistung
       -------------------------------------------
       Vom Zwang  der Konkurrenz  zum Leistungswillen - Materialismus in
       der Konkurrenz:  Der Anspruch  des Tüchtigen auf gerechten Lohn -
       Wie man  das Ergebnis  der Konkurrenz  wegsteckt -  Das Ideal der
       Brauchbarkeit und  die Lebensalter  - Verbrechen 2: Der verbotene
       Weg zum gerechten Erfolg
       
       Paragraph 8: Privatleben: Vom Glück und seinem Scheitern
       --------------------------------------------------------
       in Genuß und Liebe
       ------------------
       Das Ideal  der Kompensation und die Sehnsucht nach Glück - Konsum
       und Freizeit: Das praktische Recht auf Genuß - Die große Entschä-
       digung: Liebe  als Rechtstitel  auf bedingungsloses Verständnis -
       Liebeskummer und  Verbrechen 3: aus Leidenschaft - Die neuen Wege
       des Liebesbeweises  - Konkurrenz  in der  Liebe: Drum  prüfe, wer
       sich ewig bindet
       
       III Vom Scheitern zur Selbstzerstörung - Das Reich
       --------------------------------------------------
       der Psychologie
       ---------------
       Mitmachen als Methode
       
       Paragraph 9: Der Charakter
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       Das Leben  ein Kampf  - Wie man sich einen Charakter bildet - Wie
       sich ein Charakter betätigt - Alternativen der Verstellung: Guter
       und schlechter  Charakter -  Ignoranz als Menschenkenntnis - Cha-
       rakterologie am Ideal der Realitätstüchtigkeit
       
       Paragraph 10: Psychologische Selbstkritik: Die Techniken
       --------------------------------------------------------
       der Selbstbehauptung
       --------------------
       Inhaltslose Selbstkritik:  "Ich bin  ein Versager"  - Die  unver-
       schämte Selbstsicherheit  des beschädigten  Ich -  Psychologie im
       Alltag -  Psychologisches Training - Die bürgerliche Psychologie:
       ein wissenschaftlicher Parasit der Selbstbehauptung
       
       Paragraph 11: Verrücktheit und Normalität
       -----------------------------------------
       Selbstbehauptung als Zweck: Sich auszeichnen - Selbsterniedrigung
       als Dienst:  Vom Glück  des Christenmenschen  - Total  verrückt -
       Psychiatrie
       
       Paragraph 12: Die Vollstreckung psychologischer Selbstkritik:
       -------------------------------------------------------------
       Selbstmord
       ----------
       Selbstgefälligkeit in  Verzweiflung -  Alberner Respekt  vor  dem
       "Freitod" -  Berechnung im  Selbstmord: Der Idealismus der Gehäs-
       sigkeit
       
       
       EINLEITUNG
       ==========
       
       An psychologischen Theorien über das, was man selbst, ein anderer
       oder "die Masse tut" fehlt es wahrlich nicht. Was die Psychologie
       als wissenschaftliche Disziplin so über die innerer Menschennatur
       in Umlauf gesetzt hat, erfreut sich über den Kreis der Fach-Leute
       hinaus einer  ungeheuren Popularität.  Mit  der  Anwendung  ihrer
       Grundsätze verschafft sich mancher "Einblick" in die tieferen Be-
       weggründe menschlichen Treibens - im beruflichen Alltag, in Sport
       und Spiel,  in der Politik und in den schönen Künsten - und nicht
       selten verspricht man sich vom Einsatz psychologischer Weisheiten
       auf sich und andere einigen Erfolg. Psychologie ist in allen sei-
       nen Spielarten  "in" -  und was  es da  nicht alles  gibt von der
       "seriösen" Therapie, die als kunstvoll erlerntes Handwerk zum Be-
       ruf geworden  ist, über Zeitschriften, die sämtliche Regungen der
       modernen Menschheit  als psychologischen Fall betrachten, bis zum
       praktischen Wegweiser  für Ängstliche,  die Fortschritte in ihrer
       Karriere oder in der "Kunst des Liebens" machen möchten!
       Dabei sind  die Grundsätze des psychologischen Denkens so einfach
       wie verkehrt.
       Das erste Prinzip besteht darin, den Bemühungen und Taten der In-
       dividuen ihren  objektiven Inhalt  und Zweck  abzustreiten. Stets
       handelt es  sich, ergreift  ein Psychologe das Wort, um eine Aus-
       einandersetzung der Leute  m i t  s i c h  s e l b s t, mit ihrer
       Natur zugehörigen Kräften und Instanzen, die aber ihre Wirkung so
       tun, daß  sie der  Kontrolle des bewußten Willens ganz oder teil-
       weise entzogen  sind. So gegensätzliche Schulen wie Psychoanalyse
       und die  Verhaltenstheorie werden sich da lässig einig. Für einen
       Freud war  es kein  Problem, die  literarischen Erzeugnisse eines
       Dostoevskij aus  seinem Seelenleben  samt Kindheit zu deduzieren;
       ihm waren Liebe und Arbeit, Studium und Kommunismus gleichermaßen
       als Strategien  zur Vermeidung  von Unlust  geläufig.  Und  einem
       Skinner erscheinen  Denken und  Sprechen, Staat  und Religion als
       lauter Sonderfälle  von durch allerlei Variable bedingtem Verhal-
       ten, von Prozessen und Mechanismen, die außer dem Verhaltenstheo-
       retiker keiner kennt.
       Das zweite  Prinzip ist  damit schon benannt. Der Mensch mag mei-
       nen, er  hätte eine Vorstellung von sich und der Welt, würde sich
       Zwecke setzen  und dafür  Mittel suchen und schaffen; er mag sich
       einbilden, einen  Verstand nicht  nur zu  haben, sondern ihn auch
       ständig zu  gebrauchen -  die Psychologie belehrt ihn eines ande-
       ren: Der   f r e i e   W i l l e  ist eine Fiktion,  e s  g i b t
       i h n  n i c h t.  Aus den in der Tat widersprüchlichen bis idio-
       tischen Leistungen  des freien  Willens verfertigt ein Psychologe
       genüßlich die  Warnung, man  solle die "Rolle des Bewußten" nicht
       überschätzen -  so Freud -, und "erklärt" das gesamte Treiben der
       Menschheit als  unkontrollierte  Äußerung  von  "unbewußten"  und
       "unterbewußten" Kräften.  Dabei stört  ihn auch  nicht die Logik;
       dem "Unterbewußten"  unterschiebt er  ohne  große  Umstände  Lei-
       stungen des  Urteilens, Schließens  und der  Verstellung, die den
       bewußt-berechnenden Umgang  eines denkenden Subjekts mit der Welt
       auszeichnen. Die  Verhaltenstheorie ist  gleich so frei, explizit
       gegen "mentale  Konzepte" zu  Felde zu  ziehen und einen "Willen"
       per Anführungszeichen  für nicht  existent zu erklären, weil eine
       "wissenschaftliche Betrachtung  des Menschen"  eben  voraussetze,
       daß "Verhalten gesetzmäßig und determiniert" sei. Womit ein Skin-
       ner sehr  direkt auf das Ergebnis zusteuert, das sich auch am an-
       deren Ende  des Spektrums  psychologischen Denkens einstellt: Ein
       psychologisch geschulter  Kopf und nur er allein kennt die wahren
       Gründe und  geheimnisvollen Hintergründe dafür, daß die Leute ar-
       beiten und  essen, spielen  und lieben,  gehorchen und Verbrechen
       begehen - während die übrige Menschheit meint und darin irrt, sie
       würde eben  all den bestimmten Tätigkeiten nachgehen, die ihr den
       lieben langen Tag obliegen oder fällig scheinen.
       Das dritte  Prinzip besteht ganz einfach darin, daß die Psycholo-
       gen ganz  offiziell   g e g e n   j e d e  E r k l ä r u n g  von
       Empfindungen und  Gefühlen, von  Bewußtsein und  Sprache eben des
       freien Willens  vorgehen.  D a s  Dogma der psychologischen Welt-
       sicht, in  den - noch nicht einmal bewußt vollzogenen - Techniken
       der Selbstkontrolle,  auf die  immerzu verwiesen  wird, läge  der
       Schlüssel für die Erkenntnis der "eigentlichen" Zwecke sämtlicher
       Taten und  Untaten, leugnet  eben nicht  nur den objektiven Zweck
       dieser Tätigkeiten, auch die psychologischen Formen, in denen die
       Menschheit ihre Geschäfte abwickelt, werden dabei mit dem größten
       Desinteresse betrachtet.  Die    B e s t i m m u n g e n    d e r
       S u b j e k t i v i t ä t, die allgemeinen wie ihre spezielle Be-
       tätigung in  der bürgerlichen  Gesellschaft, interessieren  einen
       Psychologen stets   a l s   das,  was sie   n i c h t  sind - als
       "Motiv" und darum auch schon als  G r u n d  für alles und jedes.
       Einerseits macht  es den  Vertretern des  Faches gar  nichts aus,
       wenn sie  bekennen, über  die Intelligenz,  das Bewußtsein,  über
       Sprechen und  Denken etc.  nur "hypothetische  Modelle" bieten zu
       können, und  öffentlich verkünden,  daß sie  womöglich gar keinen
       bestimmten Gegenstand zu beurteilen haben. Andererseits befriedi-
       gen die  Instanzenlehre eines  Freud und  die konditionierten Re-
       flexe eines  Skinner durchaus  die Bedürfnisse moderner Gelehrter
       nach einem  Weltbild: Sie betrachten eben das Kauf-, Arbeits- Se-
       xual-, und  politische   V e r h a l t e n   a l s  psychologisch
       erklär b a r. Manche  kommen sich  dabei sogar  ziemlich kritisch
       vor, wenn sie in der Werbung Manipulation - raffinierte Konditio-
       nierung oder  Vereinnahmung des  Unterbewußten -  entdecken; oder
       wenn sie  den unterlassenen  Klassenkampf, faschistisches Mitläu-
       fertum etc.  aus der  Hilflosigkeit von  Individuen ableiten, die
       mangels Ich-Stärke und so Zeug gar nicht anders können.
       Es ist  also durchaus  angebracht, über die Aufdeckung der Fehler
       dieser Wissenschaft hinaus einmal die auf den Kopf gestellte Welt
       der offiziellen  Psychologie und ihrer Anhänger auch in der Poli-
       tik, der  "emanzipatorischen" zumal, zurechtzurücken; ein Ende zu
       machen mit  dem Geschwätz vom "subjektiven Faktor" und dem alber-
       nen Gerücht von der Vernachlässigung psychologischer Größen durch
       den Marxismus,  das ja  noch immer  einen Angriff  auf die "bloß"
       ökonomische Theorie der bürgerlichen Welt einleitet. Warum sollte
       eine richtige  Theorie darüber,  wie moderne Individuen ihre Sub-
       jektivität betätigen,  auch der  Kritik der  politischen Ökonomie
       widersprechen? Oder,  um das Ergebnis dieser Schrift vorwegzuneh-
       men: eine  vom falschen  Bewußtsein bestimmte Praxis des durchaus
       f r e i e n   W i l l e n s   ist eben  nichts anderes  als  eine
       Reihe von  Veranstaltungen, in  denen sich die Individualität den
       Geboten des  Kapitals und  seines Staats  f ü g t. Es bedarf kei-
       neswegs einer Leugnung der Freiheit, und schon gar nicht der müh-
       sam zusammenkonstruierten  Macht des Un-Bewußtsein, um das Gelin-
       gen von  Herrschaft und Ausbeutung auf dem Globus verständlich zu
       machen. Und  die Tatsache, daß sich das "Individuum", das bei al-
       len kritischen  Menschen so hoch im Kurs steht, für alles hergibt
       und sich viel gefallen läßt, was seine Verehrer verabscheuen, ist
       weniger ein  Grund für seine Verehrung als für gewisse Zweifel an
       seinem und seiner Verehrer Geisteszustand:  V e r s t ä n d n i s
       für das falsche Bewußtsein ist das glatte Gegenteil von Wissen um
       seine Gründe,  seine Notwendigkeit. Solange sich die Geschädigten
       der bürgerlichen  Ordnung lediglich  als lauter kleine "Ensembles
       der gesellschaftlichen  Verhältnisse" aufführen,  haben sie logi-
       scherweise auch Gegenstand der Kritik zu sein.
       Schließlich sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, daß das
       hier analysierte moralische Bewußtsein und die von ihm erfundenen
       Techniken der  Moral nichts  weiter darstellen als die Formen, in
       denen sich die Individuen an der bürgerlichen Herrschaft abarbei-
       ten, um sie auszuhalten. Daß aus den Leistungen der Individuen in
       dieser Hinsicht  der "Schluß"  gezogen wird, die bürgerliche Ord-
       nung  e n t s p r e c h e  haargenau der "Menschennatur", wie sie
       nun einmal  sei, ist  ein Witz,  den Ideologen durch die einfache
       Vertauschung von Grund und Folge schon lange beherrschen. Die Um-
       kehrung dieses  Witzes, der Kapitalismus  w i d e r s p r e c h e
       der "Menschennatur",  sei ziemlich "unmenschlich" und lasse echte
       Individualität nicht  aufkommen, ist  aber nicht minder doof. Was
       vom Standpunkt  einer rationellen Psychologie gegen beide Ideolo-
       gien zu  sagen ist,  läßt sich  der vorliegenden  Schrift  leicht
       entnehmen.
       
       
       TEIL I:
       =======
       
       Das moralische Individuum - Wie funktioniert ein abstrakt
       ---------------------------------------------------------
       freier Wille?
       -------------
       
       ...und Abstraktionen  in der  Wirklichkeit geltend  machen, heißt
       Wirklichkeit zerstören." (Hegel)
       
       Das Abstrahieren  gilt mit Recht als eine selbstverständliche Tä-
       tigkeit verständiger  Individuen. Wenn wir die Bestimmungen einer
       Sache voneinander  scheiden, so wissen wir sehr wohl, daß die von
       uns wahrgenommenen Teile, Unterschiede, Eigenschaften und Momente
       gerade in  ihrer  E i n h e i t  den theoretisch interessierenden
       Gegenstand ausmachen.  Wenn wir  nach der Sonderung der verschie-
       denen Seiten  zum Urteilen  und Schließen  fortgehen, dann ist es
       uns um  den  Z u s a m m e n h a n g  des getrennten Arsenals von
       gefundenen Bestimmungen zu tun, und dies nicht in Form einer Auf-
       zählung, sondern  logisch. Das   W i e  und  W a r u m  führt uns
       zur Einsicht  in die  Beschaffenheit, zum   G r u n d  dafür, daß
       der Gegenstand  unserer denkenden  Bemühung so  und nicht  anders
       vorliegt, funktioniert  und wirkt.  Über Abstraktionen kommen wir
       Gesetzen und  Zwecken auf die Spur, die in Natur und Gesellschaft
       gelten und sich durchsetzen. Wenn dabei Fehler gemacht werden, so
       sind sie  an den  logischen Widersprüchen der Theorien kenntlich.
       Im Nachvollzug  von Argumenten  ermitteln wir  deren  Stimmigkeit
       oder Falschheit,  auch die  Berechtigung von Abstraktionen. Gele-
       gentliche  Irrtümer   unterscheidet  man   von   Fehlern,   deren
       "konsequente" Fortsetzung  in den  modernen Geistes-  und Gesell-
       schaftswissenschaften zu  ganzen Theoriegebäuden herangereift ist
       und sich  stets Interessen  verdankt, die den Gegenstand des Den-
       kens parteilich  zu bestimmen  gebieten, ihn  auf allerlei fromme
       und weniger  fromme Absichten  beziehen zu lassen und die Urheber
       der Theorien zu Behauptungen über die Eigenart ihres Gegenstandes
       beflügeln, die  mit dessen  Grund und Zweck partout nichts zu tun
       haben. Aber  der Zustand  der modernen Wissenschaft, ihrer keiner
       Objektivität verpflichteten Abstraktionen sind kein Einwand gegen
       d a s  A b s t r a h i e r e n  und kein Anlaß für die Verdammung
       des "abstrakten  Denkens", mit dem manch kritischen Geist zufolge
       das Böse in die Welt gekommen sein soll. "Abstrakt" und "konkret"
       sind für sich genommen zwei ganz unschuldige logische Kategorien,
       und ihre im vulgärwissenschaftlichen Volksmund übliche Verwendung
       für schlecht  und gut, tot und lebendig, unwirklich und furchtbar
       real ist dumm, weil ein  A r g u m e n t  gegen das Denken - also
       immer eine contradictio in adiecto.
       Seit Hegel  gibt es  die Redeweise  von Abstraktionen, die in der
       Wirklichkeit  geltend  gemacht  werden  oder    p r a k t i s c h
       vollzogen sind.  Marx hat kein Problem darin gesehen, gewisse von
       ihm entdeckten  Gepflogenheiten des bürgerlichen Lebens ebenso zu
       kennzeichnen. Im Geld ermittelte er die abstrakte Form des Reich-
       tums, wie er für die kapitalistische Produktionsweise charakteri-
       stisch: getrennt von allem wirklichen Reichtum existiert der Wert
       selbstständig und  im Gegensatz  gegen den  Gebrauchswert,  seine
       Grundlage, die ihm und seiner Vermehrung zum Opfer fällt (Krise);
       in der  Lohnarbeit sah er die Verausgabung von abstrakter Arbeit,
       die dem  Zweck von  Kapitalvermehrung dient  und auf der Trennung
       des Arbeiters von den Mitteln der Arbeit beruht, den Lohnarbeiter
       zur lebenslangen  Funktion einer  Arbeits k r a f t   erniedrigt,
       die sich  den Konjunkturen  des Kapitals - so tritt der gegen die
       Produzenten verselbstständigte  Reichtum auf  - entsprechend ver-
       schleißt und ihre Selbsterhaltung ständig in Frage stellen lassen
       muß.  An   den  beiden  angeführten  Fällen  wird  deutlich,  daß
       "Abstraktionen in  der Wirklichkeit geltend gemacht" nicht gerade
       die  gemütlichsten   Sachverhalte   darstellen:   da   wird   die
       T r e n n u n g   gewisser Leute  von den  ihnen  eigentümlichen,
       i h r e n   Existenzbedingungen praktiziert - eine Angelegenheit,
       die mit  theoretischem Abstrahieren schwerlich zu machen ist, und
       sei es noch so falsch. In der Welt der kapitalistischen Warenpro-
       duktion  i s t  das Geld  d a s  Mittel, an sämtliche Gegenstände
       des Bedarfs  wie Genusses  heranzukommen, und  eben dieses Mittel
       beschränkt eine  ganze Klasse in dem Bemühen, des gesellschaftli-
       chen Reichtums  teilhaftig zu  werden. Der Ausschluß von den Pro-
       duktionsmitteln, die  als fremdes  Eigentum Mittel  ihrer gewinn-
       bringenden Anwendung  sind, verweist  die Lohnarbeiter auf Arbeit
       fürs Kapital  als   d e n   Weg, ihren Lebensunterhalt zu bewerk-
       stelligen -  und in  der Verrichtung und den Folgen dieser Arbeit
       gewahrt er,  daß erstens  seine Kasse immer leer bleibt, zweitens
       die kontinuierliche  Zerstörung seiner Arbeitskraft stattfindet -
       weil die Reduktion auf die für das Kapital erforderlichen Dienste
       so einem  Menschen gar  nicht gut  bekommt -  und drittens  seine
       bloße Beschäftigung noch nicht einmal garantiert ist.
       Mit den ökonomischen Verhältnissen des Kapitalismus, also all den
       Verlaufsformen, die eine reale, praktisch an leibhaftigen Indivi-
       duen vollzogene  Abstraktion aufweist,  befaßt sich die Ökonomie;
       mit der  Gewalt, die  zur Aufrechterhaltung  des ökonomischen Be-
       triebs dieser  Sorte vonnöten  ist, die  Theorie des bürgerlichen
       Staates, der  politischen Herrschaft, die darüber wacht, daß sich
       die Betroffenen auch immer alles ganz manierlich gefallen lassen.
       W i e  es die Nutznießer und vor allem die Opfer von kapitalisti-
       scher Ökonomie  und bürgerlicher  Politik anstellen,  daß sie den
       ihnen zugestandenen  freien Willen nicht anders handhaben als zum
       a n g e s t r e n g t e n   M i t m a c h e n, davon handelt eine
       P s y c h o l o g i e        d e s        b ü r g e r l i c h e n
       I n d i v i d u u m s. Eine  solche  Theorie  leugnet  nicht  die
       Freiheit der modernen Demokratie und ihrer Opfer, also auch nicht
       den freien  Willen, von dem schon Hegel zu Recht bemerkt hat, daß
       seine Bezeichnung  ein Pleonasmus ist; sie klärt, worin die Frei-
       heit besteht,  wie schäbig  sie beschaffen  ist und welchen hohen
       Zwecken -  mit den  kleinlichen Interessen gewöhnlicher Leute hat
       sie in  der Tat wenig zu tun - sie entspricht. Allerdings erklärt
       eine Psychologie  dieser Art  nicht noch  einmal Mehrwert, Stück-
       lohn, fixes  Kapital und Zins, auch nicht den Rechtsstaat, dessen
       Finanzhoheit   und   Parlament,   sondern   eben   -   weil   sie
       P s y c h o l o g i e  ist - die subjektiven Prozeduren, das, was
       ein frei  entscheidendes Subjekt in seinen Gefühlen, Anschauungen
       und Gedanken  leistet, um  seine Unterwerfung unter den kapitali-
       stischen Zirkus,  sein Mitmachen immerzu als alleiniges und wohl-
       begründetes Werk seines Willens erscheinen zu lassen. Psychologie
       des   b ü r g e r l i c h e n  Individuums ist diese Wissenschaft
       darin, daß sie nicht die formellen Bestimmungen der Subjektivität
       in ihrer Allgemeinheit, wie sie auch zu anderen Zeiten und in an-
       deren Umständen  entwickelt sind, herunterleiert: sie erklärt den
       bestimmten Gebrauch,  den Leute in der kapitalistischen Produkti-
       onsweise von  ihrem Verstand  machen, die besondere Sorte von Ge-
       fühlen, deren  I n h a l t,  wie er hier und heute normal ist. In
       Gestalt einer  Ableitung  vorgetragen,  befaßt  sich  vorliegende
       Schrift mit der Verlaufsform des Widerspruchs, der im Begriff des
       a b s t r a k t   f r e i e n   W i l l e n s   gefaßt wird:  Wie
       bringt es  ein (freier) Wille fertig, seine eigenen Voraussetzun-
       gen: Gefühl,  Bewußtsein, Sprache,  Verstand so einzurichten, daß
       er sich aufgibt?  W i e gelingt es Individuen, die per Ausbildung
       zu allerlei Kenntnissen und Fertigkeiten angehalten werden, damit
       sie im  bürgerlichen Getriebe  durch allerlei  Leistungen   i h r
       Interesse realisieren  können - oder umgekehrt ausgedrückt: damit
       sie sich aus ihrem Interesse heraus  n ü t z l i c h  m a c h e n
       -, mit allen Beschränkungen des Kapitalismus und der modernen De-
       mokratie fertig  zu werden  und brav dabei zu bleiben? Um die Be-
       antwortung   d i e s e r   Frage ist es zu tun, was nicht zu ver-
       wechseln sein  dürfte mit  der Klärung einer ganz anderen, welche
       die bereits  erwähnten Theorien über die kapitalistische Ökonomie
       und  die   ihr  entsprechende  politische  Herrschaft  erledigen:
       W a r u m   geht es so zu? Wer in den moralischen und psychologi-
       schen Techniken  der Individuen den  G r u n d  für Nudel-, Auto-
       und Rüstungsproduktion,  für den  Bau von  U-Bahnen, Stauseen und
       Schulen ausmachen  will, hat  bestenfalls ein    M e n s c h e n-
       b i l d, das dann als Subjekt von allen Entscheidungen und Werken
       fungiert,  die   so  zustandekommen.  Daß  irgendetwas  passiert,
       w e i l  die Menschen "so sind" und Subjektivität bei der Gattung
       homo sapiens  nun einmal  "so beschaffen"  ist, blamiert sich als
       Erklärung schon vor der schlichten Tatsache, daß die Subjekte der
       Entscheidungen, die  den Globus  so wohnlich  machen, ganz andere
       sind  als  die,  welche  dann  zu  Werke  gehen  müssen  und  die
       idiotischsten Meinungen darüber als ihre Freiheit feiern...
       Freilich ist damit nicht gesagt, daß die objektiven Verhältnisse,
       in denen  sich das  moderne Individuum  so furchtbar  individuell
       gibt, nicht zur Sprache kommen. Als das,  w o r a n  e s  s i c h
       a n p a ß t, worin  es sich  bewähren will, kommt der bürgerliche
       Zirkus immerzu vor - selbst im ersten Teil, wo in getreuer Befol-
       gung des Prinzips "vom Abstrakten zum Konkreten" die allgemeinen,
       immerzu präsenten,  weil "befolgten" Grundsätze bürgerlich-freien
       Gehorsams analysiert  werden, sind die gegenwärtig im Amt befind-
       lichen Subjekte  der Geschichte,  Kapital und  Staat, nicht  ganz
       vergessen worden.  Einerseits erscheinen  sie als  d i e  Voraus-
       setzung für  das schlechte  Benehmen auch  der "Volksmassen", die
       nicht nur  Brecht per  Gedicht zum  "eigentlichen" Subjekt  küren
       wollte. Andererseits läßt sich das falsche Bewußtsein samt seinen
       Winkelzügen auch  in seinen noch so abstrakten Bestimmungen nicht
       darstellen ohne  Erwähnung der  gesellschaftlichen  Verhältnisse,
       für die  es notwendig  ist. So  gut es allerdings ging, haben wir
       die Erinnerung an das,  w o m i t  sich ein Subjekt herumschlägt,
       im Dunkeln  belassen, und zwar ganz einfach im Interesse der (zum
       letztenmal:)   a b s t r a k t e n, von  ihrer Durchführung  noch
       "unberührten" Bestimmung  der armseligen  "Bewegungsgesetze"  der
       heutigen Seele.
       
       
       Paragraph 1
       -----------
       
       Was in  der Konkurrenz  der Klassen, in der Hierarchie der Berufe
       durch individuelles Geschick erreicht werden kann, bemißt sich am
       Interesse anderer  und den  Mitteln, über die sie verfügen. Dabei
       findet ein  direkter Vergleich,  ein  unmittelbares  Kräftemessen
       längst nicht  mehr statt,  wo ein mit Gewaltmonopol ausgerüsteter
       Staat für  Recht und  Ordnung sorgt.  Sein Erziehungswesen stellt
       nicht nur manchen Unterschied im Umfang der Bildung her und weist
       die Individuen  in ihre  Karrieren ein - von der öffentlichen Ge-
       walt, die  am nützlichen  Fortgang der  Konkurrenz ihren Daseins-
       grund  und  Zweck  hat,  erfährt  der  Bürger  auch  gleich,  was
       e r l a u b t   und  v e r b o t e n  ist. Sein Materialismus ist
       anerkannt, aber  nur in  den Grenzen von ihm aufgeherrschten Not-
       wendigkeiten, durch die er für Staat und Kapital brauchbar wird.
       Indem sich das Individuum auf die mit seiner sozialen Lage spezi-
       ell definierte Freiheit der Konkurrenz einstellt, die praktischen
       Zwänge seiner  Stellung in der Welt zum selbstverständlichen Aus-
       gangspunkt seines  Strebens macht,  pflegt es den spezifisch bür-
       gerlichen Gebrauch  seines Geistes:   j e d e r   s i n n t   i m
       R a h m e n    d e s    E r l a u b t e n    a u f    s e i n e n
       E r f o l g.   Alle Einrichtungen  der kapitalistischen  Welt und
       jeden "Mitmenschen"  betrachtet es  als Bedingung seines Fortkom-
       mens, wobei  ihm manches positiv, manches negativ vorkommt. Stets
       be- und  verurteilt ein  solches Individuum die Taten anderer und
       die  handfesten   "Leistungen"  höherer   Instanzen   gemäß   dem
       K r i t e r i u m   d e s  e r l a u b t e n  E r f o l g s,  was
       dasselbe  ist  wie  der    M a ß s t a b    d e s    e r f o l g-
       r e i c h e n   A n s t a n d s.   Der praktischen  Stellung  des
       Subjekts, das  in einer  mit lauter  Hindernissen erfüllten  Welt
       sein Mittel  sehen und  nützen will, entspringt ein Weltbild, das
       mit Objektivität  nichts zu tun hat. Das Bewußtsein, das sich der
       abstrakt freie  Wille zulegt,  hat sein Prinzip darin, daß es die
       dem  Willen  entgegenstehenden,  von  ihm  unabhängigen  Umstände
       s e i n e r  Betätigung in das Programm des Willens aufnimmt. Das
       bürgerliche Ich  übersetzt den  erzwungenen Entschluß,  sich nach
       der Welt  zu richten,  wie sie  ist, sich in den vorgeschriebenen
       Bahnen zu  bewegen, in  das freie Urteil über sie und beantwortet
       sich an  jedem Gegenstand  die Frage: Inwieweit entspricht er mir
       und meinen Absichten?
       
       1.
       
       Der hier gegebene Begriff des bürgerlichen Ich unterscheidet sich
       erheblich von  den Konstrukten  der Psychologie,  die einige Mühe
       darauf verwendet,  den freien Willen zu leugnen. Und dies bewerk-
       stelligt sie  stets  über  einen  Beweis,  der  ein  Subjekt  der
       E n t s c h e i d u n g,   das sich  seine Zwecke  und  Absichten
       b e w u ß t   ist,   v o r a u s s e t z t,   um anschließend die
       Voraussetzungen der  Entscheidung als die maßgeblichen "Faktoren"
       anzuführen und  den bewußten  Vollzug der Handlung zu bestreiten.
       Freud bestimmt  zunächst Fehlleistungen  als "Gegeneinanderwirken
       zweier verschiedener  Absichten" -  und ist damit so unzufrieden,
       daß er  seinen Lesern  bzw. Hörern die Macht des "U n - Bewußten"
       als Grund  für die  von ihm behandelten Phänomene präsentiert. Am
       Beispiel des  Traumes, wo  der Verstand des Menschen nun wahrlich
       nicht sehr  wach ist,  also auch nicht mit Empfindungen, Gefühlen
       urteilend umgegangen  wird, keine Unterscheidung zwischen Ich und
       Objektivität stattfindet, wo alle im wachen Zustand gemachten Er-
       fahrungen in wild assoziierten Bildern vom Schlafenden "erinnert"
       werden -  am Traum entwickelt Freud das Muster eines nach der Lo-
       gik des tätigen und berechnenden Verstandes wirkenden Un- und Un-
       terbewußtsein. Und  außer der  Fortentwicklung dieser  Fehler zur
       Instanzenlehre, in  der  die  "moralischen  Beschränkungen"  (die
       wirklichen Beschränkungen treten schon gleich in ihrer versubjek-
       tivierten  Gestalt  auf!)  zum  jeder  Menschenseele  zugehörigen
       Ü b e r - I c h   naturalisiert werden,  von dem  aus und mit dem
       das Betragen  diverser Sexualitätsunholde "erklärt" wird, gelingt
       dem großen  Analytiker noch  der Wurf  mit den  beiden Prinzipien
       "Lust" und  "Realität". Seine  diesbezüglichen  Argumente  hätten
       Freud leicht  auf den  richtigen Weg bringen können, daß die Ver-
       fassung der  "kranken" wie  "gesunden" Subjekte, die ihm über den
       Weg liefen, etwas ganz anderes darstellt als einen Krieg zwischen
       drei Instanzen  und zwei  Prinzipien. In der heutigen Psychologie
       ist man - obwohl keineswegs Anhänger von Freud, weil zu moralkri-
       tisch -  da bequemer. Die Leugnung des freien Willens sieht da so
       aus:
       
       "... aus  dem bisher Ausgeführten ergibt sich, daß das Wollen aus
       einer Wahlsituation  hervorgeht (!).  Die Frage, ob der Wille des
       Menschen frei  sei, ist  daher psychologisch exakt formuliert die
       Frage, ob der Mensch in einer gegebenen Wahlsituation jede belie-
       bige (!)  Verhaltensmöglichkeit wählen  könne; oder, noch genauer
       (!), die Frage: kann sich der Mensch in einer gegebenen Situation
       für jede  (!) Wahlmöglichkeit  (!) entscheiden?  Könnte er  es so
       wäre er   f r e i;  kann er es nicht, so ist er  n i c h t  frei.
       Einen anderen  Sinn kann  das Wort  'Freiheit', psychologisch be-
       trachtet, kaum haben.
       Bei dieser  präzisen Formulierung  ist die  Antwort einfach.  Sie
       lautet:   n e i n;  der Mensch kann in einer gegebenen Wahlsitua-
       tion  nicht  jede  beliebige  Verhaltensmöglichkeit  wählen.  Die
       Triebe, Interessen  und Gefühle,  die in  ihm in dieser Situation
       auftreten, bestimmen  ihn, eine  bestimmte  Verhaltensmöglichkeit
       allen anderen  vorzuziehen und sich für sie zu entscheiden. Hätte
       er sich aber nicht für eine andere entscheiden  k ö n n e n?  Nur
       dann, wenn in ihm andere Motive aufgetreten (!) wären."
       
       An solchen Glanzleistungen moderner Wissenschaft stößt sich heut-
       zutage niemand mehr, obgleich feststeht, daß für dieses Statement
       weder Kenntnisse  über die bloß formellen Bestimmungen von Trieb,
       Gefühl, Bewußtsein, Interesse und Willen nötig sind (als bestimm-
       ten theoretischen  und praktischen  Stellungen der  Subjektivität
       zur Welt  und zu  sich), noch der  I n h a l t  von Gefühlen etc.
       irgendeine Wichtigkeit  besitzt. Das Beweisziel wird direkt ange-
       steuert, so  daß das schiere Vorhandensein von Trieben und Gefüh-
       len  als  Widerlegung  der  "Entscheidungsfreiheit"  genügt.  Die
       "Ohnmacht"  des   Subjekts,  das  rational  seine  Entscheidungen
       trifft, folgt  ganz einfach daraus, daß es auch gefühlsmäßig oder
       interessiert mit  der Welt  umgeht. Dabei könnte auch ein Psycho-
       loge an einem durchaus üblichen Satz wie "Das habe ich gefühlsmä-
       ßig getan"  bemerken, daß da ein mit Bewußtsein handelnder Mensch
       sich dazu  e n t s c h l o s s e n  hat, sich eben von seinem Ge-
       fühl leiten  zu lassen,  und kleine wie größere Studien für über-
       flüssig befand,  also sich  keineswegs als  passives Opfer seiner
       Seelenregungen präsentiert.  Wer letzteres  behauptet, kann  sich
       freilich auch  nicht mehr  den Inhalten  der diversen Gefühle und
       Interessen zuwenden  - er  würde ja glatt feststellen, daß da vom
       Verstand zustandegebrachte (richtige wie falsche) Urteile zur Ge-
       wohnheit geworden  sind und  sich in unmittelbarer Form, ohne die
       neuerliche Anstrengung  des Gedankens betätigen, weswegen Gefühle
       auch oft  einer verständigen Berechnung entgegenstehen, und einer
       vernünftigen Analyse  schon gleich. Dafür schlägt die Psychologie
       dieses Resultat  der bürgerlichen  Anpassungstechnik - "Mein Herz
       sagt ja,  doch mein Verstand sagt nein" - der "Menschennatur" zu,
       und erklärt  die Widersprüche, die ein moralisches Bewußtsein dem
       Handeln der  Leute, ihrem  praktizierten Geisteszustand einprägt,
       lässig zum  festen Bestandteil  d e r  Subjektivität schlechthin.
       Vom Denken  weiß die  bürgerliche  Psychologie  folgerichtig  nur
       seine geringe  Bedeutung zu  konstatieren, natürlich  nicht  ohne
       Hinweis auf seine Relativierung durch dem Denken vorgelagerte und
       viel wichtigere Beweggründe des Subjekts. Statt die moralisch be-
       rechnende Tätigkeit  des Verstandes, die das spezifisch bürgerli-
       che   f a l s c h e   Bewußtsein ausmacht,  zu bestimmen, ersinnt
       man das  Problem,  wem  beim  Individuum,  das  entscheidet,  das
       "Übergewicht" zuzuerkennen  sei; das  Denken selbst erscheint für
       diese Wissenschaft lediglich in Gestalt "seiner"  F u n k t i o n
       als Hilfsmittel  für den  ökonomischen Umgang des Individuums mit
       sich selbst,  als Technik der Anpassung, die willkommen ist, aber
       auch nicht übermäßig viel ausrichten kann:
       
       "Das Denken  leistet nur  Hilfsdienste; es stellt die vorhandenen
       Möglichkeiten und  ihre Vorteile und Nachteile fest. Das Ergebnis
       dieser Feststellungen  wird gewöhnlich  so formuliert,  als ob es
       selbst für  die Entscheidung  maßgebend wäre:  es ist gescheiter,
       wenn ich so tue - das bedeutet nur: ich erreiche mein Ziel siche-
       rer, rascher,  mit geringerem  Kräfteaufwand, mit weniger Lästig-
       keiten und unangenehmen Risiken, wenn ich so handle. Das Ziel ist
       dabei immer  schon bestimmt;  und die  Entscheidung wird  von den
       Trieben und Interessen oder vorausgegangenen Entschlüssen herbei-
       geführt, nicht  vom Denken, das nur Klarheit über die Möglichkei-
       ten zur Zielerreichung schafft."
       
       In dieser  "Einsicht" bewährt sich die Psychologie als gern gese-
       henes Pendant  zum Idealismus von "animal rationale"; sie gefällt
       sich in  einigen Dutzend Theorien der Subjektivität, in denen de-
       ren   T ä t i g k e i t   als Wirkung  von allerlei    F ä h i g-
       k e i t e n   zur Darstellung  gelangen. Diese  Fähigkeiten bein-
       halten je nach Schule einen  f u n k t i o n a l e n  U m g a n g
       mit  äußeren   Zwängen  und   Voraussetzungen  und/oder   inneren
       Dispositionen. Bei  den Behavioristen  reduziert sich  die tätige
       Intelligenz auf  "Problemlösungsverhalten"  der  dümmsten  Sorte,
       wobei die  Welt aus  "Stimuli" und  der  Mensch  aus  "Verhalten"
       besteht, das  er verstärkt  haben  möchte.  Das  Freudsche  "Ich"
       kämpft ebenfalls  mit externen  wie internen  Ansprüchen, und die
       "seelische Persönlichkeit"  liefert  ein  nicht  minder  falsches
       B i l d     des  sich  relativierenden  freien  Willens  als  der
       "Organismus" von Skinner:
       
       "Ein Sprichwort  warnt davor, gleichzeitig zwei Herren zu dienen.
       Das arme  Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Her-
       ren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen in Einklang mit-
       einander zu  bringen. Diese  Ansprüche gehen  immer  auseinander,
       scheinen oft  unvereinbar zu  sein; kein  Wunder, wenn das Ich so
       oft an  seiner Aufgabe  scheitert. Die  drei Zwingherren sind die
       Außenwelt, das Über-Ich und das Es."
       
       Die zweifelhafte  Leistung der  psychologischen Disziplin  - dies
       sollte hier  im Vorgriff auf die folgenden Paragraphen festgehal-
       ten werden  - besteht  darin, daß  sie aus  dem   f a l s c h e n
       B e w u ß t s e i n   und den  ihm zugehörigen  T e c h n i k e n
       d e r  S e l b s t k o n t r o l l e, wie sie das bürgerliche In-
       dividuum auszeichnen,  ein  M e n s c h e n b i l d  konstruiert;
       daß sie  beides nicht erklärt, sondern in Modellen der Individua-
       lität und  ihres "Verhaltens"  zum   G r u n d   und  I n h a l t
       all dessen  macht, was bürgerliche Subjekte den lieben langen Tag
       so anstellen.
       
       2.
       
       Auch vom Ich eines Hegel, der in der Enzyklopädie die Formbestim-
       mungen des subjektiven Geistes entwickelt, unterscheidet sich das
       bürgerliche Ich  grundsätzlich. Bei  Hegel ist die Individualität
       Seele, sinnliches  und wahrnehmendes  Bewußtsein, entwickelt Vor-
       stellungen von  der Welt,  bezeichnet sie,  urteilt und schließt,
       geht mit  ihnen vernünftig um, denkt - und arbeitet sich als Ver-
       nunft zur  Identität der  objektiven Welt und dem Inhalt der sub-
       jektiven Gedanken vor, um als praktischer Geist  s i c h  die Ge-
       sellschaft gemäß  zu machen: objektiver Geist zu sein. Seltsamer-
       weise gelingt es dem letzten brauchbaren Philosophen, aus den pu-
       ren   F o r m b e s t i m m u n g e n   der Subjektivität  -  bei
       denen ihm noch mancher Fehler "unterläuft" (vgl. die berüchtigten
       Definitionen des  Nationalcharakters aus der Seele, die Ableitung
       von Herr  und Knecht  in der Phänomenologie aus dem Selbstbewußt-
       sein  u.a.)   -  den  Übergang  ausgerechnet  zur    b ü r g e r-
       l i c h e n     Gesellschaft  und   ihren  Staat   zu  drechseln.
       Entsprechend  sieht   dieser  Übergang   dann  auch   aus:  Damit
       v e r n ü n f t i g e   Subjekte ausgerechnet  das Privateigentum
       als ihre Welt wollen, muß sich der freie Wille schon ziemlich ab-
       strakt vorkommen  und sich  im ausschließenden Besitz die ihm ge-
       mäße "Sphäre  seiner Freiheit"  geben, weil er sonst nicht Idee -
       Einheit von Begriff und Realität - wäre!
       Die Wahrheit  ist auch  hier der  "auf die Füße gestellte Hegel":
       Das  b ü r g e r l i c h e  Subjekt betätigt sich zwar als Seele,
       Bewußtsein und  Intelligenz, geht  aber dabei  von gewaltsam  ge-
       schaffenen und erhaltenen sozialen Verhältnissen aus, in denen es
       zurechtzukommen hat, und akkomodiert seinen Geist wie seine Taten
       den praktischen Beschränkungen, die sein Interesse mit seinen Ge-
       genständen zugleich  vorfindet. Es  r e l a t i v i e r t  seinen
       Willen bezüglich  der ihm  aufgeherrschten Schranken  - und diese
       Relativierung wird  ihm so   b e w u ß t,   daß es die Welt umge-
       kehrt als verfügbares Material seines bereits kontrollierten Wil-
       lens auffaßt,  daß es  so und  nur so seine individuelle Freiheit
       genießt: das  Individuum anerkennt  die bürgerlichen Verhältnisse
       in dem,  was es   d a r f.   Es  legt sich  die ihm  aufgehalsten
       Schwierigkeiten einfach  so zurecht, daß es dem Gesichtspunkt an-
       hängt, immerhin zu dem befugt zu sein, was nicht verboten ist.
       
       3.
       
       In den  Urteilen über sich und die Welt, die der bürgerliche Ver-
       stand so  zusammenbringt, können  gewisse Unterschiede nicht aus-
       bleiben; auch  wenn das Prinzip für alle Individuen dasselbe ist,
       sind nämlich  die Ergebnisse  des um  seine Durchsetzung bemühten
       freien, aber  relativierten Willens je nach Klassenzugehörigkeit,
       also nach  den Mitteln,  die den Leuten zur Verfügung stehen, gar
       nicht gleich. Die simple Tatsache, daß manche allen Grund zur Zu-
       friedenheit haben, andere nicht, führt zu einigen Differenzierun-
       gen im  Bewußtsein von  der Welt.  Wo das Interesse und seine Be-
       schränkungen den Gebrauch des Verstandes bestimmen, schlagen sich
       notwendig auch  Erfolg und  Mißerfolg, Erwartung und Enttäuschung
       im individuellen  Weltbild nieder  - eine  sehr bekannte Erschei-
       nung, die aber den Anhängern der bürgerlichen Ordnung wenig Kopf-
       zerbrechen bereitet.  Sie gilt als normal: erstens ist das ja im-
       merhin die  Freiheit, die  jeder hat,  daß er  eine   e i g e n e
       Meinung vertritt über die Weltenläufe, ob er nun deren Nutznießer
       oder Opfer ist, zweitens versteht es sich von selbst, daß ein Be-
       wußtsein nie  und nimmer  objektiv sein  kann,  "da"  es  ja  ein
       i n d i v i d u e l l e s   (= von persönlichen Interessen gelei-
       tetes) ist...
       
       
       Paragraph 2
       -----------
       
       Das bürgerliche  Subjekt stellt  sich auf  die gesellschaftlichen
       Umstände ein,  mögen sie auch voll von Herrschaft und Ausbeutung,
       Mord und  Totschlag sein. Da ihm seine Interessen nicht prinzipi-
       ell bestritten  werden, da seinem Materialismus zumindest bedingt
       entsprochen wird,  würdigt es die Welt als ein  A n g e b o t  an
       sich:  s o f e r n  es sich auf sie einstellt und die eigenen In-
       teressen in  dem Rahmen verfolgt, in dem es  d a r f,  genießt es
       lauter  F r e i h e i t e n.
       Weil die Unterwerfung unter die Regeln des Erlaubten, der konzes-
       sionierte Materialismus,  aber keineswegs  den Erfolg garantiert,
       handelt sich das Individuum manches  P r o b l e m  mit der Frei-
       heit ein, die es schätzt. Es macht gute und schlechte Erfahrungen
       und gelangt so zu einer ziemlich geteilten Meinung über die Herr-
       schaft, der  es sich  zu seinen  eigenen Gunsten  beugen will. Je
       nachdem, ob  ihm die  Durchsetzung des eigenen Interesses gelingt
       oder nicht, bringt es den Standpunkt des  E r f o l g s  oder des
       A n s t a n d s  zur Geltung - und sooft er bei anderen zur Über-
       prüfung des persönlichen Fortkommens schreitet, entdeckt der bür-
       gerliche Mensch  die Erfüllung  oder Verletzung   e i n e s   der
       beiden Kriterien,  über die  er verfügt;  und in  gewissen Fällen
       entsprechen auch  Anstand und  Erfolg einander, oben wie unten in
       der gesellschaftlichen  Hierarchie. Nicht  selten aber  erscheint
       dem Interesse,  das sich  ohne moralische Einkleidung nicht sehen
       lassen will,  der Erfolg  durch einen  Mangel an Anstand erkauft;
       und umgekehrt entdeckt es, insbesondere bei sich, den Anstand als
       Grund für  manche Zurücksetzung. Das moralische Subjekt läßt sich
       von seinen negativen Erfahrungen weder zur "umstandslosen" Befür-
       wortung, noch  zu einer "destruktiven Kritik" der Herrschaft füh-
       ren, die ihm seine Freiheit konzediert: es hält am Standpunkt der
       l o h n e n d e n   S e l b s t k o n t r o l l e  fest, sein Be-
       wußtsein   u r t e i l t  eben  d o p p e l t.  Dem Maßstab mate-
       riellen Fortkommens  fügt es den der Tugend hinzu; es reflektiert
       die beiden  Kriterien ineinander  und hält  den Materialismus für
       ebenso erlaubt wie den Gehorsam für notwendig.
       
       1.
       
       Im Hin  und Her  seiner beiden Maßstäbe legt sich das bürgerliche
       Ich seine  eigentümliche Stellung  zur und  seine Auffassung  von
       H e r r s c h a f t   zu: Sie besteht keineswegs in so handfesten
       Urteilen wie Kapital, Arbeit und Staatsgewalt, sondern in einer -
       ökonomisch und  politisch "organisierten"  - Summe  von guten und
       schlechten  G e l e g e n h e i t e n.  Alle Zwänge der bürgerli-
       chen Welt  gelten ihm  als - erlaubte - Wege zum Erfolg. Zwar ist
       in der Betrachtung und Handhabung der objektiven Verhältnisse als
       "Gelegenheit", die  man "ergreift"  oder  "verpaßt",    f a l l s
       s i e  e i n e m  g e b o t e n  w i r d,  längst zurückgenommen,
       daß einem  eine Flut  von Mitteln zur Realisierung eigener Zwecke
       zu Diensten  steht -  aber eben  so, daß in der Musterung der Le-
       bensumstände nach   C h a n c e n,  also durch die Logik der Mög-
       lichkeit, die  p o s i t i v e  Haltung zur Welt erhalten bleibt.
       Das moralische  Individuum will  sich in der bürgerlichen Gesell-
       schaft bewähren; es kalkuliert über die Anerkennung ihrer Schran-
       ken seinen  Erfolg und  unterwirft das Resultat seiner Bemühungen
       wie das  der Anstrengungen anderer Leute einer dauernden Deutung.
       Dabei gilt ihm kein  G e g e n s a t z  als solcher, vielmehr er-
       geben sich  lauter  U n t e r s c h i e d e  in bezug auf das in-
       dividuelle Geschick  in der  Nutzung der vorhandenen Chancen. Ei-
       nerseits bestätigt  jeder Unterschied im Fortkommen einzelner Fi-
       guren die Auffassung, daß "es geht", also tatsächlich Gelegenhei-
       ten geboten  werden; andererseits fordert eben dieser Unterschied
       die moralische Überprüfung heraus, die Frage, ob sich die erfolg-
       reichen Typen  auch in derselben Weise betragen wie die minder zu
       Ansehen gelangten  Bürger. Oder ob letztere sich nur den verdien-
       ten Lohn für mangelndes Wohlverhalten eingeheimst haben... usw.
       
       2.
       
       Der Entschluß,  sich im  eigenen Interesse  zu unterwerfen, führt
       einerseits zur  ständigen Widerlegung  der berechnenden Dialektik
       von Anstand  und Erfolg;  doch sind  die Anstrengungen  e i n e s
       s o l c h e n   I c h   überhaupt nicht  geeignet, es zu erschüt-
       tern. Alle,  die es  weitergebracht haben als es selbst, sind für
       ein bürgerliches  Individuum Beleg dafür, daß einiges läuft - und
       es kann in seiner Überlegenheit gegenüber anderen, die schlechter
       gefahren sind, einiges an Trost und Bestätigung ausmachen. Im re-
       spektvollen bis  devoten Verkehr mit den Bessergestellten leugnet
       das bürgerliche  Subjekt die Objektivität der Klassengesellschaft
       ebenso wie  in dem,  was es  sich  gegenüber  minder  arrivierten
       "Mitmenschen" herausnimmt.
       Aufgrund des  nur teilweise  eintretenden Wohlbefinden  schreitet
       ein anständiger  Bürger aber  auch zur  Kritik des Vergleichs, in
       dem sich  die Individuen  seiner Meinung  nach auszeichnen.  Dazu
       verhilft ihm die Trennung und Kreuzung der beiden armseligen Maß-
       stäbe, über die er verfügt: Nicht jeder Reiche ist anständig, was
       aber sowohl  Vorwurf als auch Anerkennung der "Cleverness" bedeu-
       ten kann;  und mit dem Kompliment, einer sei ein guter Kerl, wer-
       den Trottel  dingfest gemacht. Als Beglückwünschung der Gebeutel-
       ten zu  ihrer Moral  existiert das  Kompliment zynisch  - daneben
       gibt es die Verachtung von "Ellenbogenmenschen". In tausend Vari-
       anten der  Anerkennung aller  möglichen Unterschiede,  die  einem
       nicht passen,  zeichnet sich  die Unvereinbarkeit der beiden Maß-
       stäbe ab,  so daß  dem  moralischen  Individuum  einiges  zu  tun
       bleibt, der Illusion zu leben, die sein Prinzip ausmacht: Wer die
       objektiven Schranken  seiner Durchsetzung für nicht mehr existent
       hält, weil  er sie zu einer Frage des subjektiven Umgangs mit ih-
       nen erklärt, sie versubjektiviert hat, der hegt die Hoffnung, sie
       praktisch aus  dem Weg  räumen zu  können. Und  dem fällt es auch
       nicht  schwer,   nach  seinem   Geist  auch   noch  seine   Moral
       b e r e c h n e n d   einzusetzen - um  t r o t z d e m,  mitsamt
       seinem Gehorsam, Materialist zu sein.
       
       
       Paragraph 3
       -----------
       
       Da die Welt mit ihren Chancen ziemlich geizt und sich die Selbst-
       kontrolle nicht  lohnt, bemüht sich das moralische Ich ständig um
       die Einlösung seiner  A n s p r ü c h e;  als solche nämlich tre-
       ten seine  zurückgewiesenen Interessen  auf. Weil es sich auf die
       Übereinstimmung des  eigenen Materialismus mit den Prinzipien des
       Erlaubten   v e r p f l i c h t e t   hat,   b e r u f t  es sich
       auf diese Prinzipien, sooft es sich mit seinem Anliegen durchset-
       zen will.  Es  bringt  jeden  Zweck  und  jede  Handlung    a l s
       R e c h t   des subjektiven  Willens zur  Darstellung,  beschwört
       ständig, daß  seine Taten den von ihm anerkannten Maßstäben gemäß
       sind - und vertritt seinen individuellen Erfolg als höchst allge-
       meines Anliegen:   H e u c h e l e i,  der moralische Materialis-
       mus, der  andere als  E g o i s t e n  kritisiert, weil sie "nur"
       an sich denken.
       Herrschaft, die  tatsächlichen und  mit  Gewalt  auferlegten  Be-
       schränkungen des  praktischen Lebens,  erscheint dem  moralischen
       Subjekt, das auf seine berechtigten Interessen besteht, weder als
       Klassengegensatz (=  als auf dem Privateigentum beruhende Konkur-
       renz) noch  als Unterwerfung unter das Gewaltmonopol des Staates.
       Wenn das eigene Interesse rechtens ist und dennoch zu kurz kommt,
       so   ist    die   bürgerliche    Welt    eine    Anhäufung    von
       U n g e r e c h t i g k e i t e n,   sie gehorcht den eigenen hö-
       heren  Normen   nicht,  wodurch  gerade  ein  anständiger  Mensch
       "gezwungen" ist,   p r a k t i s c h  immerzu mit Verstößen gegen
       diese Normen  zu kalkulieren,  so sehr  er  t h e o r e t i s c h
       an ihnen  festhält. Dabei kommt er sich so vor, als würde er ihre
       Gültigkeit  r e t t e n,  wenn er sich der billigen List bedient,
       welche die Gewohnheit der Heuchelei ausmacht. Er sucht den allge-
       meinen Respekt  vor Recht und Sitte auszunützen, indem er bei je-
       der Interessenkollision  den Grund   s e i n e s  Tuns in die Re-
       alisierung von  Rechten und  Pflichten übersetzt, sich als Wahrer
       der sittlichen Maßstäbe aufspielt, weil ihm "nur so" die Welt ein
       Auskommen gestattet.  Und um der Glaubwürdigkeit seines Heuchelns
       willen führt  er   s e i n e n   Anstand immerzu  vor und ist ein
       Meister des   g u t e n   B e n e h m e n s,  das er selbstredend
       auch von anderen fordert.
       
       1.
       
       Die moralische  Persönlichkeit   d e m o n s t r i e r t  ihr Be-
       dauern, daß man es mit Anstand keineswegs zum garantierten Erfolg
       bringt, und sie will damit nicht die Kündigung ihres Einverständ-
       nisses eingereicht haben. Daß es ein anständiger Mensch zu nichts
       Gescheitem bringt,  ist zwar  eine sehr  geläufige Floskel;  doch
       bildet sie nicht den Auftakt zur Gegnerschaft gegen die Instanzen
       des Erlaubten, sondern zur albernen Technik der Selbstbehauptung,
       die sich materialistisch gibt: "Die Welt will betrogen sein." Der
       ganze Betrug  besteht allerdings  darin, daß  der bürgerliche Tu-
       gendbold  sämtliche   Absichten  mit  dem    S c h e i n    d e s
       G u t e n   versieht: mit  dem Hinweis, außer für ihn wären seine
       Taten vor  allem für  andere bedeutsam, also ziemlich gut gemeint
       und somit  auf der  Linie dessen, was ja wohl jedermann als seine
       Pflicht ausmachen  könne,   r e c h t f e r t i g t  er den anvi-
       sierten Vorteil,  sein Interesse.  Die Heuchelei bleibt also beim
       Anstand als  einem Mittel  des Erfolgs, wenngleich als einem, das
       man von  der Praxis  zu scheiden hat und als Legitimation für den
       eigenen Materialismus einsetzen muß.
       
       2.
       
       Rechtfertigt wird  dabei aber auch die Herrschaft, da man ihr be-
       scheinigt, sie gestatte  d e n  Individuen, die des Zerwürfnisses
       beider Maximen  innewerden und das rechte Geschick in ihrer Hand-
       habung entwickeln,  ein flottes  Leben. Dieses Geschick im Umgang
       mit den  anderen trifft  jedoch nicht  nur auf  ebenbürtige  Mit-
       menschen, die  einen auf  das vorgeschobene Pflichtbewußtsein und
       Gerechtigkeitsgetue festlegen;  es  versagt  ganz  offensichtlich
       seinen Dienst, wo handfestere Mittel fehlen, so daß die von allen
       Ständen gepflegte  List der Heuchelei nur bei denen zieht, wo sie
       die   L i s t   d e s   S t ä r k e r e n  ist. Für ihn erscheint
       sie nicht  einmal als eine besondere Anstrengung, sondern als das
       öffentlich zur  Schau getragene,  ganz gewöhnliche  Selbstbewußt-
       sein. In Amt und Würden arrivierte Leute tun nie das, was sie ge-
       rade anstellen,  sondern immer nur ihre  P f l i c h t,  und wenn
       ein solcher Mensch Fortschritte in seiner Karriere zu verzeichnen
       hat,   vermehrt    sich   nie    seine   Macht,   sondern   seine
       V e r a n t w o r t u n g.   Die Folgen seiner Entscheidungen und
       Maßnahmen nimmt  ein echter Vorgesetzter und Amtsträger mit einem
       "leider" zur  Kenntnis, wenn  sich andere beklagen - womit er die
       N o t w e n d i g k e i t  seines Tuns bewiesen haben möchte; bei
       Kritik verlangt  er nach alternativen  M ö g l i c h k e i t e n,
       von denen er weit und breit keine sieht - zumal er gar nichts an-
       deres verfügen  d ü r f e, als das, was er selbst nicht  w i l l.
       Kein Wunder,  daß die  Modalverben, die  die Stellung des Willens
       zur Tätigkeit  des Subjekts ausdrücken, zum bevorzugten Hilfsmit-
       tel der Heuchelei im alltäglichen Verkehr geworden sind.
       
       3.
       
       In der gewohnheitsmäßigen Heuchelei kommt sich aber auch das min-
       dere Subjekt, der "kleine Mann", ziemlich frei, weil enorm schlau
       und gerissen vor; obgleich es sich zu Schleimereien gegenüber hö-
       hergestellten Leuten  und zu allerlei Verstellungskünsten ernied-
       rigt, meint  es doch  nur seinem Materialismus zu folgen. Darüber
       vergißt es  gerne die Untauglichkeit des Mittels - so daß aus dem
       Munde eines  Normalverbrauchers manches  Lächerliche zu vernehmen
       ist. Wenn ein solcher sein Anliegen mit Hilfe des obligatorischen
       "wir" durchsetzen  will, hört  sich das  eben anders  an als beim
       Chef. Da  hält sich  dann auch mancher in den Bereichen schadlos,
       wo er etwas zu melden hat, und traktiert die Kleinen, deren Wohl-
       verhalten er  beansprucht, gerne  mit dem  gewichtigen Wort  "Ich
       will doch nur dein Bestes." Und wird einer daran erinnert, daß er
       sich an die Maßstäbe, die er ständig vertritt, selbst nicht hält,
       fällt ihm  sogar der  Begriff von dem Getue ein; in der "Theorie"
       sei ihm  das Abverlangte schon recht, in der "Praxis" jedoch - so
       spielt er  auf seinen wirklichen wie erhofften Vorteil an - ginge
       es schlecht. Die so ausgesprochene  T r e n n u n g  zwischen be-
       fürworteten   G r u n d s ä t z e n  und dem gemeinen  L e b e n,
       das einen  an ihrer  Einhaltung hindert,  ist in der bürgerlichen
       Gesellschaft alles andere als ein Geheimnis - auffallen tut einer
       höchstens, wenn sie ihm  m i ß l i n g t:  Freud'sche Versprecher
       und Schlimmeres  sind üblich,  wenn die  Selbstkontrolle auf  dem
       Felde öffentlicher Verstellung nicht klappt.
       
       4.
       
       Die Trennung,  die ein  ehrlicher Heuchler  ohne weiteres  einge-
       steht, indem er sich unter allergrößtem Bedauern der Inkonsequenz
       in Fragen der Moral bezichtigt,  p r a k t i z i e r t  er aller-
       dings in  der Gewißheit, daß es ohne nicht geht, in allen Angele-
       genheiten. So  wenig der Anstand die Verkehrsformen der Leute un-
       tereinander   b e s t i m m t, so sehr gehorchen sie dem heuchle-
       rischen Bedürfnis  nach wechselseitiger  Anerkennung jenseits der
       wirklichen Zwecke,  die sie  zusammenführen.  Der  Anstand,  wenn
       schon nicht  als  solcher  durchzuhalten,  wird  als    I d e a l
       g e l e b t:   wo jeder  meint, mit dem Nachweis der Berechtigung
       all dessen,  was er  will, seinem Interesse den Durchbruch zu er-
       möglichen; wo  umgekehrt jeder  auf die  Prüfung seines Anliegens
       gefaßt sein  muß, sich  zu rechtfertigen hat bezüglich seiner An-
       sprüche - bewegen sie sich 1. in erlaubten Bahnen?, 2. stehen sie
       ihm als Verdienst zu?; also im Klartext: 3. kommt er mir nicht in
       die Quere?  -, da fehlt es nicht an  H ö f l i c h k e i t.  Jede
       Form von Abhängigkeit, jeder Gegensatz von Interessen wird zu ei-
       ner Frage  des  B e n i m m s,  der darüber entscheidet, ob einem
       überhaupt Gehör zuteil wird. In den Techniken des guten Tons las-
       sen sich  die Individuen  getrennt von allem, was sie miteinander
       zu tun  haben, vorhaben und von anderen wollen, ihre prinzipielle
       Anerkennung zuteil werden.
       Von anderen erwarten sie die Respektsbezeugung quasi als Verspre-
       chen darauf,  daß sie nichts Unanständiges im Schilde führen, und
       bekennen sich  selbst in  der Einhaltung und Beherrschung der An-
       standsregeln zur Moral, zur  S e l b s t k o n t r o l l e  a l s
       R i t u a l;   dessen Befolgung  erscheint als  die conditio sine
       qua non  für jeglichen  Erfolg. Dennoch garantiert der Hut in der
       Hand noch  lange nicht,  daß man  durch das ganze Land kommt. Daß
       die Höflichkeit  zur  B e d i n g u n g  für die Berücksichtigung
       eines Interesses  gemacht wird,  heißt eben  nicht, daß  sie  die
       Brauchbarkeit einer Leistung für andere  e r s e t z t.  Es kommt
       eben sehr darauf an, was einer nach erfolgter Begrüßung und außer
       seiner korrekten  Kleidung und  Rasur noch "zu bieten" hat - eine
       Weisheit, die  nicht selten  Leute in Erinnerung bringen, die be-
       rufsmäßig mit anderen als dem Material ihres wirtschaftlichen und
       politischen Erfolgs  umgehen. Zur  Institutionalisierung des  be-
       rechned-freundlichen Umgangs, den schon Kinder wie das Einmaleins
       beigebogen bekommen,  gehört nicht  nur der  Generalverdacht, daß
       vielleicht gar  nichts "dahinter" ist, sondern auch die Freiheit,
       nach gesellschaftlicher  Stellung sehr  unterschiedlich  auf  dem
       "Protokoll" zu  beharren. Während Politiker und Unternehmer, aber
       auch Lehrer  und Meister  gewaltigen Wert  darauf legen, daß ihre
       Untergebenen ein tadelloses Benehmen an den Tag legen, können sie
       sich selbst  der rüdesten Manieren befleißigen, ohne auf Kritik -
       außer hinter  vorgehaltener Hand  - zu  treffen. Wenn  es solchen
       Leuten beliebt,  können sie sich auf Grundlage ihrer Stellung so-
       gar beliebt  machen mit einem unkonventionellen "Stil", also ganz
       souverän nichts  "auf Äußerlichkeiten" geben und für lockere Töne
       plädieren. Umgekehrt  ist das weniger leicht: so hat manche Über-
       tretung in  Sachen "Takt"  an Hochschulen  und auch sonst bei der
       Ankunft hoher  Herrn sehr  schnell den Abbruch diplomatischer Be-
       ziehungen zur  Folge, wenn  nicht sogar den Einsatz der Ordnungs-
       kräfte. Für minder bemittelte und auf ihre Brauchbarkeit angewie-
       sene Menschen  ist es  jedenfalls auch im 20. Jahrhundert ratsam,
       sich an  der ursprünglichen Bedeutung von Grußworten wie "Servus"
       und "Ciao"  zu orientieren und die Tonart anzuschlagen, die ihnen
       zusteht. An  Flugblattverteilern und  Bedienungen können sie sich
       dann die  K o m p e n s a t i o n  verschaffen, die ihr ansonsten
       stark gebremster Materialismus benötigt.
       
       5.
       
       Das bürgerliche  Individuum ist  ein gelernter Heuchler. Es kennt
       sich also  aus seiner eigenen Praxis sehr gut in dem aus, was an-
       dere so treibt, was sie meinen, wenn sie freundlich sind - und es
       entdeckt ohne  Schwierigkeiten das  Auseinanderfallen des prokla-
       mierten Anstands  und des berechneten, also bedingten Umgangs mit
       ihm. Deswegen  ist es auch fähig, die Heuchelei auf die Spitze zu
       treiben und  im Namen  der Moral  andere der    d o p p e l t e n
       M o r a l   zu überführen. Zwar ist an der Moral überhaupt nichts
       doppelt: ohne  ihre Trennung  von der  Praxis gibt es sie nämlich
       gar nicht. Seinesgleichen und "Bessergestellten" mit  K r i t i k
       an ihrem Tun wie an ihrer Interpretation desselben zu kommen - in
       einem Fall  hätte die  Aufdeckung von  Fehlern die Interessen des
       Kritisierten zur  Grundlage, im  anderen Falle  auch, nur mit dem
       unterschiedlichen Ergebnis,  daß die  Erklärung der  Gegnerschaft
       herauskäme -, ist im "zwischenmenschlichen Verkehr" der bürgerli-
       chen Individuen jedoch wenig ratsam. Anstand beweisen heißt viel-
       mehr eben,  sich als treuer Gefolgsmann des Scheins aufzuspielen,
       der sich  an den Werken der ihn aufbauenden Mitmenschen blamiert.
       Dann gelangt  man  nämlich  in  den  Genuß  der    S c h a d e n-
       f r e u d e,  die sich als äußerst berechtigtes Gefühl einstellt,
       sooft die  Heuchelei anderer  von Mißerfolg  gekrönt ist.  Es ist
       üblich, im  Namen des  Anstands andere  zu verurteilen:  für ihre
       fingierte und  berechnende Zurschaustellung  von Moral ebenso wie
       für deren  schlichte Verletzung. Das Bedürfnis nach "Information"
       über fehlgeschlagene  Versuche in  beiden Richtungen ernährt eine
       ganze Abteilung  der Massenkultur, die sich der Dokumentation der
       Sentenz "Unrecht Gut gedeiht nicht" annimmt. In dieser Welt leben
       dann folgerichtig  auch    g u t e  -  weil  raffinierte    u n d
       herzliche -  V e r b r e c h e r,   die  sich  zusammen  mit  dem
       "unverschuldeten Unglück"  ganz braver  Leute gut  ausnehmen. Der
       idealistischen Betätigung  des subalternen Verstands sind nämlich
       keine Grenzen gesetzt - im Unterschied zum materiellen Erfolg der
       Individuen, die    i m    E i n v e r s t ä n d n i s    mit  den
       bürgerlichen Geboten  zu  etwas  kommen  wollen,  ohne  etwas  zu
       h a b e n.   Eher kultiviert  ein moralisches  Subjekt,  das  den
       Materialismus in  die Form  des Conditionalis  verbannt hat, sein
       Interesse in  Gestalt des  N e i d e s,  der für andere ebensowe-
       nig fordert, wie man selbst abkriegt, als daß es sich auf die ob-
       jektiven Schranken  besinnt, die  seine Wünsche dazu verurteilen,
       welche zu  bleiben. Die Erfahrung, daß die List des Heuchelns ih-
       ren Dienst  versagt, ist  für ein solches Individuum eben nur An-
       laß, sich auch ohne zählbare Treffer zu behaupten.
       
       
       Paragraph 4
       -----------
       
       Auch die  so offensiv  ausgestattete Unterwerfung  unter das  Er-
       laubte, die  Beanspruchung eines    R e c h t s    a u f    d a s
       e i g e n e   W o h l  ist nur bei einer Minderheit mit Erfolg im
       ökonomischen und  politischen Leben verbunden, und auch dafür ist
       die Heuchelei  nicht der  Grund. Diese Minderheit findet aber im-
       merhin einigen  Anlaß, große Stücke auf die eigene Person zu hal-
       ten, was  sie in  der gebotenen  Einheit von  Bescheidenheit  und
       Stolz auch  tut: Die  eigene    R e c h t s c h a f f e n h e i t
       hat - im Verein mit etwas Glück - die Erfüllung jeglichen materi-
       ellen Bedarfs bewirkt und läßt ihn im Lichte der über ihn hinaus-
       gehenden ideellen  und ästhetischen Genüsse schon fast wieder ne-
       bensächlich erscheinen.
       Gerade wegen ihrer beschissenen Lage brauchen jedoch auch die Zu-
       kurzgekommenen auf  dieses   I d e a l   v o n  s i c h  nicht zu
       verzichten. Die Tatsache, daß ihnen die freiwillige Verpflichtung
       auf die  gebotenen Grundsätze des Miteinander nicht gelohnt wird,
       verlangt ihnen  nämlich eine  eindeutige Alternative ab. Entweder
       sie betrachten  die Welt,  in der  sie zu  kurz kommen, objektiv,
       stoßen auf die Gründe dafür und tragen die Gegensätze aus, in die
       sie gestellt sind; oder sie behalten ihren moralischen Standpunkt
       bei,  g l a u b e n  a n  i h r e  e i g e n e  H e u c h e l e i
       und legen  sich die Haltung zu, mit der sie sich weiterhin in al-
       ler Freiheit an der akzeptierten Herrschaft abarbeiten können. Im
       zweiten, dem  heutigen Normalfall,  halten sie  sich dann für an-
       ständige und tüchtige Leute, die sich eben nichts leisten können,
       weil sie  Pech gehabt  haben und  es sie in eine Welt verschlagen
       hat, die  ihren Fleiß  und Anstand überhaupt nicht honoriert. Dem
       tagtäglich erneuerten  Beschluß   m i t z u m a c h e n,   tragen
       sie  angesichts   des  mäßigen   Ertrags  durch  ein    g u t e s
       G e w i s s e n   Rechnung. Selbiges  kriegen  sie  freilich  nur
       durch  den   beständigen  Kampf   gegen  das    s c h l e c h t e
       G e w i s s e n,  das sie sich aus dem Vergleich zwischen den An-
       forderungen des  bürgerlichen Lebens, dessen Erfolgskriterien und
       ihrem "Versagen"  bei deren  Erfüllung einhandeln.  In der  ihnen
       entsprechenden Kombination  von Selbstbezichtigung  und Trost be-
       sinnen sich  die gedeckelten Individuen der modernen Gesellschaft
       a u f   s i c h.   Sie retten  sich in die Vorstellung, bei allem
       mehr oder  minder vergeblichen Bemühen  v o r t r e f f l i c h e
       P e r s ö n l i c h k e i t e n   zu sein - und mit diesem ideel-
       len Kriterium,  dem die  praktische Bedeutung  jedes gewöhnlichen
       Menschen spottet, beurteilen sie sich und andere. Der freie Wille
       gelangt  so   in  den  traurigen  Genuß,  sich  immerzu  zwischen
       S c h a m    über  den  eigenen  Mißerfolg  und  der  Pflege  des
       S c h e i n s   e n o r m e r   V e r d i e n s t e  zu entschei-
       den. Dem  Rest der  Menschheit begegnet  er als Richter, der nei-
       disch jedermann der Vorspiegelung gar nicht vorhandener Größe be-
       zichtigt und empfiehlt, man solle sich was schämen.
       
       1.
       
       Daß der Mensch ein  S e l b s t b e w u ß t s e i n  braucht, ist
       nicht nur  den gebildeten  Leuten geläufig.  Auch mit psychologi-
       schen Theorien  gänzlich unbekannten  Kreisen ist die Quintessenz
       der einschlägigen  Lehren wohl vertraut; aus der politischen Agi-
       tation, wo  die führungsbeflissenen  Favoriten der  Nation  ihrem
       guten Charakter  werbewirksam zur  Schau stellen;  aus der Sport-
       szene,  wo   es  den   Lieblingen  des   Volkes  immer   dann  an
       Selbstbewußtsein    gebricht,    wenn    sie    nichts    Rechtes
       zustandebringen -  und aus  "eigener Erfahrung"  in Schule, Beruf
       und Liebesleben.  Dabei verwechselt niemand jenen ominösen Besitz
       mit dem  einfachen Sachverhalt,   d a ß  der Mensch seiner selbst
       bewußt ist,  also   s i c h  im Unterschied zum Rest der Welt zum
       Gegenstand nimmt  und reflektiert,  was er  an Bewußtsein von der
       Objektivität hat.  Stets ist die in der bürgerlichen Gesellschaft
       übliche   A r t   u n d   W e i s e   gemeint, in  der  sich  das
       moralische Ich  für seine  Leistungen, deren  Ertrag  bzw.  seine
       Mißerfolge  zuständig   erklärt.  Es  hält  eben  angesichts  der
       praktischen Vereitelung  seiner Ambitionen mehr oder minder große
       Stücke  auf   sich   -   und   die   meisten   sehen   in   ihrem
       "Selbstbewußtsein" nicht das Produkt ihrer Anpassung, sondern die
       unabdingbare   V o r a u s s e t z u n g   für das gelingen ihrer
       Werke.
       Einerseits rettet  so ein  selbstbewußtes  Subjekt,  wenn  es  im
       E i n v e r s t ä n d n i s   mit den gesellschaftlichen Anforde-
       rungen handelt  und   d a b e i   einige seiner  Wünsche auf  der
       Strecke bleiben,  vor dem  vernichtenden Urteil,  es habe einfach
       nichts zu  bestellen. Dazu  trennt es  seine  w i r k l i c h e n
       Leistungen und  Erfolge von  seinen   F ä h i g k e i t e n:   es
       will von  sich wissen,  daß es mehr  k a n n,  als es tatsächlich
       bewirkt. Andererseits  stellt es  fest, daß  es wohl  schon immer
       treu und  Redlichkeit geübt  hat und dies auch bis an sein kühles
       Grab so  halten wird,  aber eben damit auf die Schnauze fällt. So
       gesellt sich  zum Bewußtsein  von der eigenen Tüchtigkeit das von
       der Güte,  die man  verströmt. Während  im praktischen  Leben die
       Verdienste der meisten Menschen für ziemlich gering erachtet wer-
       den und  jeder Werktag eine harte Abrechnung präsentiert, leistet
       sich das  Individuum mit seinem Selbstbewußtsein, das es sich zu-
       legt, wenigstens  theoretisch eine Bilanz der umgekehrten Art. So
       perfekt hat  das bürgerliche Ich die Maßstäbe der Gesellschaft zu
       den seinen  gemacht, daß es sich ihre Erfüllung zugute hält, auch
       und gerade wenn es sich nicht auszahlt. Es tröstet sich ganz ein-
       fach damit,  daß es  schwer in  Ordnung ist, und läßt sich diesen
       Trost auch  noch von seinen Benutzern verabreichen. In regelmäßi-
       gen Abständen  sagen die  hohen Herrn  der demokratischen Hierar-
       chie, wie  wichtig Handwerker, Bauern, Schlosser und Gastarbeiter
       sind und  daß es  gar nichts ausmacht, wenn sie keine höhere Bil-
       dung aufweisen.
       
       2.
       
       In der  Pflege des  Ideals, das  es sich   v o n  s i c h  macht,
       legt das Individuum ein flottes Bekenntnis zu seiner Freiheit ab.
       Wenn es auf seine Rechtschaffenheit pocht, erklärt es seinen Wil-
       len, den  Maßstäben der  bürgerlichen Gesellschaft stets zu genü-
       gen, und  hält sich  in seinem  Stolz nun endgültig für alles zu-
       ständig, was  bei seinen  Taten herauskommt. Das hat Konsequenzen
       für die "Deutung" der Mißerfolge, die es sich einhandelt: Ein mo-
       ralischer Mensch  entdeckt seine  Mängel und Niederlagen sogleich
       in Gestalt  unmittelbarer Selbstbezichtigung.  Er hält nicht viel
       von Selbstkritik,  dafür ist  ihm die  Übersetzung von sämtlichen
       Fehlern   und    Mißerfolgen   in    ein      s c h l e c h t e s
       G e w i s s e n   geläufig. Die  S c h a m,  die einen mit diesem
       "Selbstbewußtsein" ausgestatteten Knilch, also jedes erzogene In-
       dividuum befällt,  bedarf nicht  einmal mehr der verständigen Un-
       terscheidung zwischen  einer Bemühung,  die ein  Konkurrent,  der
       Staat oder  sonst eine  maßgebliche Instanz  unfruchtbar  gemacht
       hat, und  der unsachgemäßen  Durchführung eines  Vorhabens, einer
       Ungeschicklichkeit,  eines  falschen  Vorgehens,  das  mangelnder
       Kenntnis oder  Übung entspringt.  Deshalb nicht,  weil ihr  Grund
       nicht im   U r t e i l  über das eigene Tun liegt, sondern im An-
       legen des  offiziellen Erfolgsmaßstabs  an das, was man zustande-
       bringt. Wer  aus dem  Willen,  i n  Ü b e r e i n s t i m m u n g
       m i t   d e n  Z w ä n g e n  des kapitalistischen Lebens und nur
       so Erfolg  zu ernten,  eine Lebensmaxime  gemacht hat und sich in
       ihrer Erfüllung  idealisiert, der  b l a m i e r t  sich eben nur
       noch vor  seinen eigenen   P r i n z i p i e n - die er für alles
       andere als für versubjektivierte Zwänge hält.
       Im Schamgefühl,  das sich  bei einem  Fehler ebenso einstellt wie
       anläßlich einer Verletzung des Benimms, den man befürwortet, ent-
       deckt das  Individuum die  Wahrheit seines "berechnenden" Charak-
       ters, den  es mit  dem Gemeinspruch  "Der Erfolg gibt ihm recht!"
       ansonsten behauptet.  Es hört  auf, sich berechnend zu geben; und
       im Interesse seines Interesses, das es ja nicht immerzu so sträf-
       lich vernachlässigen  kann, wird  es  dann  auch  schnell  wieder
       u n v e r s c h ä m t.   Darunter versteht  man zurecht nicht die
       Praktiken der  Heuchelei, sondern  deren Unterlassung: Akzeptiert
       und  üblich  sind  die  Praktiken,  durch  die  ein  Mensch  sein
       schlechtes Gewissen  in ein  gutes verwandelt: Jene Zusammenstel-
       lung von  tausend guten  Gründen dafür,  daß es  gar nicht anders
       handeln konnte  als so,  wie es  seinem Gewissen  eigentlich miß-
       fällt. Damit   e n t s c h u l d i g t   sich der Mensch vor sich
       und vor  anderen, die  sich offensichtlich  mit denselben Idealen
       drangsalieren und sie an jedermann als Maßstab anlegen, der ihnen
       in die Quere kommt. Die  D e m o n s t r a t i o n  des guten Ge-
       wissens, die  Präsentation der  vorzüglichen Gesinnung  und  Lei-
       stungsfähigkeit erspart dabei den lästigen Umweg über das Vorzei-
       gen der  Scham, die  man mit sich herumschleppt, weil man ständig
       bemerkt, wie  wenig das Ideal der rechtschaffenen Figur Wirklich-
       keit ist. So laufen moderne Individuen außer mit viel Selbstzwei-
       feln auch  noch als   A n g e b e r   herum und erzeugen vor Gott
       und der Welt den Schein, sie wären wunder wer und brächten lauter
       Großtaten zustande.  Falsches Bewußtsein  tritt hier  unmittelbar
       als Lüge  auf: über  die eigenen Leistungen, über den Erfolg, den
       Verdienst, über die lauteren Absichten und über die großen Pläne,
       hinter denen  man her  ist, während  man in  der  stinknormalsten
       Weise sein  Zurechtkommen in  der Welt  bewerkstelligt, so wie es
       deren Ordnung gebietet.
       
       3.
       
       Die schönen  Leistungen des  bürgerlichen Verstandes  bilden, zur
       G e w o h n h e i t   geworden, den sicheren Bestand des Gefühls-
       lebens,  über   das  ein   moralisches  Individuum  verfügt.  Das
       p r a k t i s c h e   G e f ü h l,  die Form, in der die wollende
       Intelligenz unmittelbar  auftritt, fungiert  als Richter über al-
       les,   was   ein   Individuum   so   erlebt,   indem   es   einen
       V e r g l e i c h   nach dem anderen anstellt - und zwar zwischen
       seiner   in    Urteile   über    die   Objektivität   verwandelte
       E i n s t e l l u n g   und dem,  was die  übrige Menschheit sagt
       und tut. Nicht einmal nur dann, wenn es seine Kommentare zur Welt
       mit der  beliebten Formel "Ich finde..." einleitet, macht es sein
       "Selbstbewußtsein" zum   O r g a n   d e s   U r t e i l s,   was
       nichts anderes bedeutet, als daß das bürgerliche Subjekt die Ein-
       schätzung von  Freund und Feind, von Recht und Ordnung, von Lohn,
       Preis  und   Profit,  von   Mann,  Weib   und  Kind  über  lauter
       V o r u r t e i l e   vollzieht. Der  bürgerliche, rechtschaffene
       Mensch ist so frei, jede Geste und jeden Spruch seiner Zeitgenos-
       sen danach  zu taxieren,  ob sie seinem moralischen Materialismus
       entsprechen oder  ihm gar  nicht in den Kram passen. Dabei vermi-
       schen sich die wenigen Kriterien, die er als Aktivist des erfolg-
       reichen  Anstands  beherrscht,  entsprechend  seinem  Prinzip  so
       gründlich, daß man meinen könnte, er hätte gar keine Prinzipien.
       So können sich andere, unabhängig von dem, was sie gerade verlau-
       ten lassen, des Verdachts der Heuchelei, der Angabe und überhaupt
       des Egoismus  immer sicher  sein -  aber auch die Einstellung des
       Verdachts kommt vor, und dann genießen die dümmsten Exemplare der
       Gattung das Vertrauen ihrer Mitmenschen. Ein Amt, ihre bevorzugte
       Stellung, vielleicht  auch ihre inferiore, wirkt da Wunder. Poli-
       tiker, Vorgesetzte  und einflußreiche Verwandte erfreuen sich ei-
       ner ganz anderen Bemessungsgrundlage bei dem, was sie leisten und
       vertreten, als sonst irgend ein Wicht, der zwar dieselben Senten-
       zen von  sich gibt  wie ein Minister oder Wissenschaftler, jedoch
       keiner ist.  Was dem  einen voller  Respekt abgekauft  wird, gilt
       beim anderen als anmaßend oder beleidigend - und das kommt daher,
       weil ein moralischer Mensch wie selbstverständlich davon ausgeht,
       daß  es   eben  Unterschiede   gibt  zwischen   den  Leuten   und
       "folgerichtig" auch  in dem,  was man  von ihnen zu halten und zu
       verlangen hat.  Der moralische Opportunist berechnet seine Abhän-
       gigkeiten, die  vorhandenen und  zu gewärtigenden,  und zieht mit
       traumwandlerischer Sicherheit das passende Register.
       Die  K a m m e r d i e n e r p e r s p e k t i v e  ist kein Vor-
       recht gehässiger Geschichtsschreiber mehr, sondern erfreut sich -
       wie es  sich in einer Demokratie ohne Privilegien gehört - allge-
       meiner Anwendung.  Wenn es beliebt, machen ganz gewöhnliche Leute
       ohne das  geringste Argument  die Taten  anderer herunter und aus
       ihrem Neid  kein Hehl, sie prahlen mit Bekanntschaften aus besse-
       ren  Kreisen  und  lästern  gleichzeitig  über  den  Anlaß  ihres
       Stolzes. Subalterne  Figuren in  ihrer Umgebung  bedenken sie mit
       dem Kompliment,  sie seien  "nett"; und  wenn einer kommt und be-
       hauptet das  Gegenteil, ohne  es mit "ich finde" einzuleiten oder
       mit einem  "irgendwie" im  Satz nichts Genaues nicht gesagt haben
       zu wollen,  ohne also  seinem ganz unsicheren Geschmack ausdrück-
       lich Ausdruck  zu verleihen,  hat er ganz ohne Prüfung seines Ur-
       teils alle  Sympathie verspielt - es sei denn, es handelt sich um
       einen Staatsmann. Der darf nicht nur faschistische Sprüche in die
       Welt setzen,  ohne die  geringste Relativierung;  seine gar nicht
       selbstzweiflerisch vorgetragene  Behauptung, die  Leute  im  Land
       müssen gesünder  leben und  fleißiger sein,  ist schon ein halbes
       Wahlprogramm. Wenn  er in einer Pause zwischen seinen gesetzgebe-
       rischen und  Regierungsaktivitäten dann  die Parole  ausgibt, daß
       wer auf  seiner Meinung  einfach bestehe  und eine kritische hat,
       erstens   d o g m a t i s c h  sei und sich zweitens den Verdacht
       gefallen lassen  müsse, ein  G e w a l t t ä t e r  zu sein, dann
       geben wohlerzogene  Bürger nicht  etwa den  Gewaltvorwurf zurück,
       sondern freuen  sich enorm  über die geheuchelte Unsicherheit des
       maßgeblichen Mannes.  Unschwer auszumachen, was die demokratische
       Seele da  treibt; es  ist der  Materialismus von  Persönchen, die
       i h r e  B e r e i t s c h a f t  zur Unterwerfung  a n d e r e n
       a l s  P f l i c h t  verordnen möchten (Vgl. Paragraph 6)
       (Solche Umgangsformen  sind sogar im Bereich der Wissenschaft die
       einzig erwünschten.  Auch dort  wird nicht  frei argumentiert mit
       der Unterstellung,  anderen Gelehrten  ginge es  wohl ja  auch um
       richtige Aussagen  über ihren Gegenstand, so daß ihnen an korrek-
       ter Kritik  einiges  gelegen  sei.  Die  psychologisch-moralische
       Seite des Wissenschafts p l u r a l i s m u s  besteht in der be-
       merkenswerten Leistung,  daß auf die Autorität des Wissens durch-
       aus  erpichte  Individuen  lauter  idiotische  Argumente    f ü r
       S k e p s i s   erfinden: Sie machen Höflichkeit und Heuchelei im
       Reiche des  Geistes auch  noch salonfähig, indem sie ihre eigenen
       Einfälle prinzipiell mit dem Verdacht des Irrtums belegen, um da-
       für umgekehrt  gegen jede  fremde Theorie denselben prinzipiellen
       Vorbehalt ohne  Spur eines  vernünftigen Einwandes  vorzubringen.
       Das Geschäft  solchen Denkens  ist auf die  A n e r k e n n u n g
       jeglichen Mists  aus, den  einer drucken läßt - und niemand meint
       dabei die Anerkennung der  O b j e k t i v i t ä t  seiner Gedan-
       ken, von   W i s s e n.   Mit der Waffe der "Irrtumsmöglichkeit",
       der breit  geheuchelten Sorge  vor Hybris  und Dogmatismus,  ver-
       schafft sich jedwede Hypothese, jegliches "Modell" einen Platz im
       geschätzten Spektrum  der freien Geistesleistungen. Da wird nicht
       um Wahrheit  gestritten, sondern  der Austausch von sehr interes-
       sierten und  deswegen interessanten  "Entwürfen" organisiert, und
       für diesen  "Streit" um  E r k e n n t n i s i n t e r e s s e n,
       also um eine Barbarei, gibt es einen Jargon und feste Gebote. Als
       unverschämt gilt  auch hier  nicht das Desinteresse an Wissen und
       Kritik von  Fehlern, sondern der Wille, falsches Zeug auszuräumen
       und richtiges  an seine  Stelle zu setzen. Ein Argumentieren, das
       sich nicht  im Augenblick  seines Stattfindens,  bedenklich gegen
       sich selbst,  zurücknimmt, gilt  als (Vorbote  von) Gewalt. Sätze
       wie der  folgende aus  einer Rezension, die übrigens auch im Vor-
       wort des  Autors steht,  sind die  allseits  verbindliche  Übung:
       "Insgesamt werden  mehr Fragen  aufgeworfen als  beantwortet, was
       wichtig und gut ist, denn absolut Gesichertes wissen wir ja immer
       noch nicht  über dieses  Thema." So  werden Bücher zum Beweis des
       Ungewissen verfaßt  u n d  begrüßt, und auf den Einfall, daß ein-
       mal ein Stück Unklarheit beseitigt wird und Wissen herkommt, ver-
       fällt keiner.  Für diesen Betrieb ist es noch nicht einmal nötig,
       sich mit dem zur Debatte stehenden Gegenstand bekannt zu machen -
       er wird  als   P r o b l e m   ein- und ausgeführt, womit der Be-
       scheidenheit   u n d   der Größe der Dichter gleichermaßen Genüge
       getan ist...)
       
       4.
       
       Dem moralischen  Individuum gilt  die Vernunft  überhaupt nichts,
       weil es sich in seiner Rechtschaffenheit als den leibhaftigen In-
       begriff des Vernünftigen feiert. Sein "Selbstbewußtsein" gebietet
       ihm, jede  Einsicht in  irgendetwas als "graue Theorie" und jeden
       Anstoß zur materialistischen Gegnerschaft gegen die Verhältnisse,
       denen es  gerecht werden will, als Angriff auf seine Freiheit ab-
       zuwehren. Rührt sich in seiner Umgebung in dieser Hinsicht etwas,
       so geht  einem anständigen  Bürger wie  nichts die Ermahnung über
       die   Lippen:   "Seid   doch   vernünftig!"   und   diese   seine
       D e f i n i t i o n  v o n  V e r n u n f t  als umsichtiges Mit-
       machen hat  selbst in  Kriegszeiten, wo es um Leben oder Tod fürs
       Vaterland geht,  massenhaft Anhänger.  Sie legitimiert sich durch
       den Verweis  auf die geringen Erfolgsaussichten, in normalen Zei-
       ten auch noch mit einer Variante des Gebots,  T o l e r a n z  zu
       üben. Das  zum Anpassen  bereite Subjekt schwingt sich da schnell
       zum Fürsprecher von Prinzipien auf, die es zu den seinen erklärt,
       ohne je  mit seiner geballten Erfindungsgabe auf sie verfallen zu
       sein - ja es nimmt auch die von ihm "tolerierte" Gewalt in Schutz
       und  bescheinigt   ihr,  bloße   "Reaktion"  zu   sein  auf   die
       "Unvernunft" der  anderen. Wenn  alle sich so benehmen würden wie
       er, so meint der brave Mann, dann bedürfe es keiner Einschränkun-
       gen von  niemanden, weil  sich ja  alle zusammennehmen. So nehmen
       rechtschaffene Leute, die mit ihrer Unzufriedenheit ihren Frieden
       gemacht haben,  lässig den Titel "Vernunft" für sich in Anspruch,
       wenn sie  dem Inhalt ihrer Sprüche nach jedes Vorgehen gegen auf-
       müpfige Zeitgenossen  legitimieren. Und von der Warte dieser Ver-
       nunft aus  erscheint ihnen  das Aufbegehren anderer Leute als ein
       Werk   "b l o ß"   g e f ü h l s m ä ß i g e r  Betätigung, nicht
       kontrollierter  E m p ö r u n g,  ja sogar als ungerechtfertigter
       "Moralismus"; umgekehrt ist denselben Menschen, wenn die solcher-
       maßen Angegriffenen   den  Inhalt ihres  Anliegens begründen, als
       vernünftig nachweisen,  auch die gegenteilige Bezichtigung geläu-
       fig. Dann   b e r u f e n    sie  sich  auf  die  Unmittelbarkeit
       i h r e s   G e f ü h l s   und tun so, als wäre der schiere Ver-
       such, andere  von einer  Sache zu  überzeugen, sie mit Argumenten
       statt   mit    Anbiederung   für   sich   einzunehmen,   ziemlich
       "unmenschlich". Im  Namen der von ihnen praktizierten "Vernunft",
       unter der  sie eben  das "natürliche"  Eingehen auf die ihnen ge-
       setzten  Bedingungen   verstehen,  stellen   sie  sich   als  ge-
       fühl v o l l e,   ihre Kritiker  als gefühl l o s e   Hänger hin,
       und  am   Schluß  erfinden  sie  die  Gefahr  einer  "k a l t e n
       R a t i o n a l i t ä t" -  und das  bedeutet dann  so  viel  wie
       "Rücksichtslosigkeit" und  "Machtanspruch". Das  moralische  Sub-
       jekt,  das   mit  seiner  Gewohnheit  gewordenen  Unzufriedenheit
       schließlich  sich  selbst  schätzt  und  zufrieden  ist  mit  der
       "Vernunft"  seines   Opportunismus,  bringt   also   locker   den
       G e g e n s a t z   v o n   G e f ü h l   u n d  V e r s t a n d,
       S e e l e   u n d   I n t e l l e k t  in die Welt. Je nachdem es
       den   I n h a l t  seiner Anschauungen und Werke als dem Menschen
       adäquate Gefühlshaltung  verteidigen oder  als allgemein verbrei-
       tete, "also" wohl vernünftige Betätigung seines Geistes propagie-
       ren will, ist dieses Subjekt so frei, einmal Gefühle hochleben zu
       lassen und  im nächsten  Atemzug Berechnung  zu fordern. Und zwar
       beides im  Namen der Vernunft. So ist es gar nicht verwunderlich,
       daß Kommunisten einmal als idealistische Spinner, die es gut mei-
       nen, abserviert  werden, das andere Mal als gefährliche Typen an-
       gegeifert werden,  die einen  mit intellektuellen  Finessen,  der
       Dialektik, aufs Kreuz legen wollen und vor nichts keine Ehrfurcht
       haben, weil sie die Menschheit knebeln möchten. Gegen beides ver-
       wahrt sich  selbstverständlich eine  von ihrer  Rechtschaffenheit
       überzeugte Persönlichkeit und beharrt auf ihrer Freiheit, die sie
       gründlich genießt  - und da der Genuß keiner ohne Reue ist, voll-
       zieht er  sich eben  als selbstgerechte Demonstration der eigenen
       Vortrefflichkeit, die  sich an Frauen und Kindern, Ausländern und
       Minderheiten so schön bewährt. Denen gegenüber, die das Sagen ha-
       ben, sieht die Demonstration etwas anders aus; und schon im Ange-
       sicht erfolgreicher  Konkurrenten meldet  sich der Materialismus,
       den man so anständig verleugnet, in Gestalt des schlechten  u n d
       guten Gewissens zu Wort: als Scham und Neid...
       
       5.
       
       Nietzsche, der die Moral und die ihr entspringenden Techniken der
       Selbstverleugnung haßte  wie die  Pest, ist angesichts der Allge-
       genwart solch trostloser Individualität auf den Fehler verfallen,
       den   W i l l e n   g e g e n  d i e  M o r a l  zu stellen - als
       ob im  moralischen Subjekt  kein (freier)  Wille am Werk wäre. So
       hat er den "echten" Willen verehrt und ein Ideal der Freiheit er-
       sonnen, in  deren Genuß  die Menschheit  kommt,  sobald  sie  die
       "Fesseln" der  Moral abstreift. Die Verherrlichung des keinem Ge-
       bot unterworfenen  freien Willens,  der Tatkraft  ungehemmt  ent-
       schlußfreudiger Individuen  hat ihm  den blöden Vorwurf eingetra-
       gen, er  sei ein  Vorläufer von  Hitler. Dieser Vorwurf, auch und
       vor allem von linken Parteigängern des "Gesellschaftlichen" (auch
       ein Strickmuster  für die abstrakte Verpflichtung  aufs Miteinan-
       der) vorgetragen,  zeugt davon, wie sehr die Geistesgrößen in der
       universitären  Brotgelehrtengemeinschaft   von  Moral  begeistert
       sind: Wo  Nietzsche ausspricht,  daß er  auf die Werte pfeift und
       sie alle  umwerten will,  fällt ihnen  nur eins ein, daß das eine
       Todsünde ist.  So ersparen  sie sich  auch in  diesem Fall  einen
       richtigen Einwand,  weil sie  eben für  die heilsamen Werke ethi-
       scher Zügelung sind.
       Dabei kann einem in den Angriffen eines Nietzsche auf das morali-
       sche Subjekt - zusammengefaßt in Aphorismen der Art: "Was ist das
       Siegel der erreichten Freiheit? - Sich nicht mehr vor sich selber
       schämen." - zweierlei auffallen:
       Erstens, daß hier die Entscheidung über Freiheit zwar gänzlich in
       das Belieben  des Individuums  fällt, das  sich aber  nicht  etwa
       selbst einschränkt, sondern bei der Selbstbezichtigung mit seinem
       Willen fremden  und feindlichen  Größe im  Streit liegt;  daß für
       Nietzsche ein   o b j e k t i v e r  G r u n d,  Gewalt und Herr-
       schaft, von  dem die  Praxis der  Selbstkontrolle  ihren  Ausgang
       nimmt, nicht vorhanden ist. Insofern denkt der Moralkritiker sehr
       psychologisch, als  er den  moralisch verfahrenden  Willen in den
       eigentlich freien  Willen und die ihn drangsalierende Fessel zer-
       legt. Dies  erspart dann einem Denker, der den Aufruf erläßt, das
       Schämen bleiben  zu lassen,  jeden Gedanken an die Instanzen, die
       es unabhängig  vom Individuum gibt, die über Druckmittel verfügen
       und dem  freien Willen sein Wohlverhalten diktieren, das der Ein-
       zelne dann in seiner Rechtschaffenheit und dem zugehörigen Gewis-
       sen an den Tag legt.
       Zweitens, daß  die Devise  des "Sich nicht mehr Schämen!" von den
       moralischen Subjekten,  gerade weil  sie welche sind, gekonnt be-
       folgt wird.  Der   C h r i s t e n m e n s c h,  den Nietzsche so
       verachtet, ist  geradezu ein  Virtuose der  Kunst, sich der Scham
       auch wieder  zu entledigen.  Mit seinem  schlechten Gewissen, das
       ein Christ  gleich von  allen einzelnen  Untaten ablöst, indem er
       sich ganz  grundsätzlich einen  Sünder schimpft, räumt er nämlich
       ziemlich listig  auf. Erst  dehnt er  es auf alle aus - "Wir Men-
       schen sind  Sünder!" -, dann hebt er sich von allen Nicht-Gläubi-
       gen durch eben dieses Bekenntnis ab. In Buße und Beichte wirft er
       die Last  des Gewissens  ab und  erfüllt die Anwartschaft auf das
       Reich der  Gerechten an  der Seite  von Jesus.  An den  folgenden
       Werktagen wird  er dann wieder seiner Sündernatur inne, um in ge-
       wohnter Selbstgerechtigkeit  sich wieder  auf seinen  inneren Weg
       zur Rettung zu machen...
       
       6.
       
       Die christliche Schiffschaukel des opportunistischen Auf- und Ab-
       wertens eigener  und fremder  Sünden beherrschen freilich auch in
       der  Bibel   minder  bewanderte  Normalbürger.  Kritisiert  einer
       tatsächlich einmal was am bürgerlichen Betrieb, ist er ohne eige-
       nes Zutun  ein Kommunist  und soll einen Besen vor seiner eigenen
       Tür zum Einsatz bringen - und ehe er sich's versieht, liegt seine
       Tür am  Fuße des  Ural. Einem Menschen, der auf seine Rechtschaf-
       fenheit sinnt und darauf auch noch stolz ist, kann man sagen, was
       man will, weil er der festen Überzeugung ist, daß er sich sowieso
       von niemanden  nichts zu  sagen lassen  braucht. Er  wahrt  seine
       Freiheit, sich den Lauf der Welt auf  s e i n e  Weise vorzustel-
       len, quasi  als   E h r e,   die er  sich nicht  nehmen läßt. Das
       heißt umgekehrt  nicht, daß  er auf  sein    U r t e i l    etwas
       g i b t,   sondern unter den ihm tagtäglich per Zeitung und Fern-
       sehen angebotenen  Meinungen die  als die seinigen übernimmt, die
       seinem Opportunisms samt den dazugehörigen Enttäuschungen am ehe-
       sten entsprechen.  Er mißt  jede Bemerkung  anderer Leute 1. nach
       der Bedeutung dessen,  w e r  da spricht, und 2. an den eventuel-
       len Konsequenzen,  die sie, als Wahrheit anerkannt, für den eige-
       nen Lebenswandel   h ä t t e n,  der im übrigen eine beschlossene
       Sache ist.  Kurz: er  g l a u b t  den Deutungen des kapitalisti-
       schen Geschehens,  die seiner Einstellung recht geben - und umge-
       kehrt behauptet  er seine  Einstellung als  die notwendige Konse-
       quenz seiner   W e l t a n s c h a u u n g,   die er gern als ge-
       sichterten   Einblick    in   die    Menschennatur,   als    sein
       M e n s c h e n b i l d  zur Kenntnis gibt.
       Der Witz  an den  einschlägigen Gedankengebäuden  ist damit schon
       verraten: Bei  allen schlechten  Meinungen, die sich ein moderner
       Mensch von  seinen Zeitgenossen  zurechtlegt, versäumt  er nicht,
       neben der  eigenen Ausnahmeerscheinung  die    N o t w e n d i g-
       k e i t   aller Einrichtungen und Sitten zu erfassen. Daß die von
       ihm  begrüßten   Ordnungsmaßnahmen  die   von   ihm   verachteten
       Verfehlungen gar  nicht  verhindern,  wird  ihm  dabei  kaum  zum
       Problem. Als gestandener Reaktionär - und das ist jeder mit einer
       Weltanschauung -  behilft er  sich mit  der Konstruktion des "Was
       wäre erst,  wenn..." und  zeigt sich  sehr  einsichtig  gegenüber
       allen Zwängen, denen er sich unterwirft - natürlich nur wegen der
       anderen, die sich sonst überhaupt nicht mehr beherrschen könnten.
       Ganz im  Sinne seines heuchlerischen Geschicks gibt er Idealisten
       aller Couleur  "in der  Theorie" recht,  behauptet aber, daß ihre
       frommen Absichten  "in der  Praxis" wohl  nicht zu  verwirklichen
       seien. Sie  scheitern an  der "Menschennatur",  an der alle guten
       Ideen  zuschanden   werden.  Bei   der  Konstruktion   von   Not-
       wendigkeiten, die ihm plausibel machen, daß er mit seiner Lebens-
       führung schon  richtig liegt,  ist ihm kein Einfall zu blöd, wenn
       er nur irgendwie dazu taugt, ihm zu "erklären", weshalb er nichts
       weiter ausrichten  kann ihm aber eben damit den Trost verschafft,
       das Geheimnis  der Weltenläufe  mit ihren  Unannehmlichkeiten  zu
       kennen. Ganz  gewöhnliche Bürger verfügen über Verschwörungstheo-
       rien in  Sachen Weltpolitik,  über obskure Thesen bezüglich ihrer
       Krankheiten   sowie   über   fabelhafte   Kenntnisse   sämtlicher
       H i n t e r g r ü n d e   des öffentlichen  Lebens. Mitten im 20.
       Jahrhundert, wenig später als zu der Zeit, als die Aufklärung ge-
       wisse Geister befiel - die waren der Überzeugung, daß Wissen eine
       nützliche Sache  sei -,  gibt es  nicht nur einen  G l a u b e n,
       in dem  sich der  Mensch einen  Gott nach seinem Bilde einbildet,
       sondern auch  jede Menge  A b e r g l a u b e n  und kundigen Um-
       gang mit den Gestirnen.
       Dieselben Subjekte,  die sich in albernen Vorstellungen damit ab-
       finden, daß  sie nichts  weiter gelten,  aber  theoretischerweise
       völlig Herr  der Lage  sind, hängen  nebenbei ziemlich phantasti-
       schen   T a g t r ä u m e n  nach, in denen sie ganz große Sachen
       vollbringen, es  anderen und sich selbst zeigen, wie sehr sie dem
       Ideal von  ihrem Können  und ihrer  Tugendhaftigkeit entsprechen.
       Und als  Realität entdecken sie ihre erträumten Leistungen in an-
       deren leibhaftigen  Persönlichkeiten, die  etwas  darstellen  und
       insbesondere der  Jugend als   V o r b i l d  dienen, so daß man-
       cher als  depperte Kopie seines Idols - wofür ein Star ebenso gut
       taugen kann wie Vati - seiner Umgebung auf die nerven fällt.
       
       7.
       
       Die eindeutig  höchste Unterabteilung  der Freiheit, die des gei-
       stes, kümmert  sich rührend  um die  guten Sitten. Prinzipiell in
       allen Geistes-  und Gesellschaftswissenschaften, wo die bürgerli-
       che Welt,  also all  das, womit sich ein modernes Individuum ein-
       verstanden erklärt  in seiner Gesinnung und seinem Wohlverhalten,
       also unbedingt notwendig und natürlich und menschlich dargestellt
       wird. Ganz  speziell  in  einer  Abteilung  namens  "Ethik"  oder
       "praktische Philosophie",  die sehr unpraktisch genannt zu werden
       verdient. Sie sucht nämlich  d i e  M o r a l  als eine "dem Men-
       schen" angemessene  Tour   z u  b e g r ü n d e n.  Darunter ver-
       steht man  im heutigen  Denkbetrieb nicht  eine Erklärung, so daß
       die moralische  Abwicklung sämtlicher Gegensätze - zwischen Staat
       und Bürger,  den Klassen,  Alt und Jung, Mann und Frau etc. - auf
       einen  G r u n d  zurückgeführt wird. Das ethische Philosophieren
       nimmt sich  nichts Geringeres  vor, als   j e n s e i t s   d e r
       w i r k l i c h e n   G r ü n d e,   die ja  praktisch existieren
       und in  den Erklärungen  der ökonomischen  und politischen  Herr-
       schaft des  Kapitals längst  bekannt gemacht  sind (Vgl. K. Marx:
       Das Kapital  I-III), die  Moralität als unabdingare Grundlage und
       Zweck  allen   Zusammenlebens  zu   deduzieren.  Diese  Liebhaber
       sittlicher Herrschaft  stellen Fragen  des Kalibers  "Was ist der
       Mensch?", "Was sollen wir tun?" etc. nicht, um Auskünfte über die
       geltende, befolgte  wie verletzte  Moral zu  geben; sie tun glatt
       so, als  hätte die  Welt auf  sie  gewartet,  um  Prinzipien  des
       anständigen Benehmens  zu erfahren,  auf daß  das irdische Dasein
       einen  dem   "homo  sapiens",   dem  "zoon   politikon"  und  dem
       "cogitoergosum"  würdigen  Knigge  erhalte.  Die  Leistungen  des
       freien  Willens   sehen  sie   ziemlich  a   priori   in   seiner
       Selbstbeschränkung -  ganz als  ob es  nichts Wichtigeres  zu tun
       gäbe! Sie  sind Fanatiker der  G e w a l t l o s i g k e i t  i m
       C o n d i t i o n a l i s,   des  Friedens,  der  über  die  Erde
       k ä m e,   wenn "die Menschen", allesamt, Zurückhaltung gegenüber
       anderen üben   t ä t e n.  Von diesen Philosophen hat noch keiner
       einen   rücksichtslosen   Friedenspolitiker,   entwicklungshilfe-
       süchtigen Außenminister,  einen Bundeswehrgeneral oder einen ost-
       und südhandelnden  und investierenden  Kapitalisten angepöbelt  -
       dafür erteilen sie ständig allen  M e n s c h e n,  die ihnen als
       Idealisten ziemlich   g l e i c h g ü l t i g   sind,  Lehren. Im
       Spannungsfeld  zwischen   Recht  und   Pflicht  werden   da   für
       philosophische Übungen  allerlei öde  Grenzsituationen  zusammen-
       konstruiert, die  sich immerzu  um Mord  und Totschlag drehen und
       mit Vorliebe  die Welt  als Legitimationsproblem  des Menschen im
       Notwehrfall darstellen - von der Euthanasie bis zum Krieg wird da
       alles durchgesprochen,  aber selbstverständlich  nur  sub  specie
       erlesener Gewissensbisse  und nie  als  Urteil  über  staatlichen
       Tötungsauftrag.
       Da wird  an Unversitäten die großartige Frage gewälzt, ob man lü-
       gen dürfe!  - und  keinen Funken Verstand darauf verwendet, warum
       die Leute  lügen wie  gedruckt und  zugleich von den kurzen Füßen
       wissentlicher Falschaussagen  überzeugt sind. Das Problem wird im
       Oberseminar "konkret"  angegangen: alle  denken sich  einen Ster-
       benskranken, dem  man mit  besten Wissen  und  Gewissen  erzählen
       darf, daß  er das  nächste Sechstagerennen gewinnt. (warum sollte
       man ausgerechnet den dösenden Opa für voll nehmen, wenn man schon
       mit den  normalen Leuten,  die sich noch die Zähne selber putzen,
       nicht ehrlich verkehrt?) Wenn die Probleme dieses Kalibers glück-
       lich gelöst sind, also eigentlich der Codex fürs menschengerechte
       Wohlverhalten mit Kants Hilfe und christlicher Nächstenliebe fer-
       tig ist,  fällt manchen Rittern der Humanität, die aus den Sitten
       kommt, noch etwas ein bzw. auf: Daß im Namen der Moral Herrschaft
       ausgeübt wird  und manches verbrochen zu werden pflegt, was weder
       gesund ist  noch die Stimmung hebt. In etwas verquerer Weise set-
       zen sich  die Brüder  von der Ethik-Front dann also doch noch mit
       der Realität  auseinander. Sie verlangen mit ihrem gesamten Idea-
       lismus vom  staatlichen Terror (der ja sein muß: homolupus!), der
       weder im  Frieden noch  im Krieg  vor dem Willen der unzulänglich
       rechtschaffenen Individuen  haltmacht, daß er sich  l e g i t i m
       vorführt! Im  erzdemokratischen Gedanken einer moralisch einwand-
       freien Beaufsichtigung  des individuellen Materialismus (= Egois-
       mus) geschieht  es dann sogar, daß eine philosophische Kritik von
       Herrschaft stattfindet  - und  die sieht  dann auch  entsprechend
       aus: Mit  Platon wird sich nach königlichen Philosophen oder phi-
       losophisch bewanderten Herrschern gesehnt, sooft die Herrschafts-
       praxis vergangener  oder gegenwärtiger  Regimes den Geschmack des
       qua Moral  immer für  Herrschaft eintretenden  Ethikers,  s e i n
       gutes Gewissen in Sachen Humanität strapaziert. Oder es wird sich
       gleich gegen  die "Überschätzung"  der menschlichen  Vernunft ge-
       wandt und  - in  schöngeistiger Abstraktion von allem Terror, der
       die Demokratie ins Leben gebracht hat und von ihr auf diesem Glo-
       bus ausgeht - im Namen eines "kritischen Rationalismus" für Demo-
       kratie gestritten.  Mit dem "Argument", die würde in der Einsicht
       in das  menschlich allzumenschliche  Irren   g r ü n d e n!   Die
       einschlägigen Nuancen  dieser ziemlich unpraktischen Stellung der
       "praktischen Philosophie"  zur Welt  sind gern  gesehen; weil sie
       einem   m o r a l i s c h e n  Subjekt Staat das Wort reden, kom-
       men sie  nie in  den Verdacht  der Subversion,  die Philosophen -
       auch wenn  ab und  zu ihr  theoretischer Humanismus in Sachen Um-
       welt, Abtreibung  und Atomkraft  zu anderen Schlüssen gelangt als
       die praktischen  und "verantwortlichen" Politiker. Letztere holen
       sich aus  dem philosophischen  Betrieb die  Argumentationsbrocken
       für die  Zurschaustellung ihres  schlechten Gewissens,  das damit
       auch schon  als gutes  dasteht. Sie tun einfach so, als wären für
       sie Herrschaft  und Geschäft dasselbe wie für die geistige Elite:
       ein  m o r a l i s c h e r  A u f t r a g.
       
       8.
       
       Die Anmaßung von  p h i l o s o p h i s c h e n  G e i s t e r n,
       die ihren Zeitgenossen eine "Ethik begründen", lebt von der luxu-
       riösen Ignoranz der Gründe dafür, daß für eine erkleckliche Mehr-
       heit auf  dem Globus weder Fressen noch Moral verfügbar sind, und
       daß für  die Mehrheit  der zivilisierten Minderheit die Moral ga-
       rantiert ist,  das Fressen  also nur  sehr bedingt. Diese prakti-
       schen Philosophen  haben aber  einen Ersatz für Wissen auf Lager,
       der es voll tut: eine schlechte Meinung vom "Menschen" und seiner
       Natur, jedoch  eine gute  von sich  selbst als echtem Humanisten.
       Ihre Gabe der Besinnung über alles, was "unser Zusammenleben" er-
       träglich machen  könnte, beweist ihnen ihre exklusive Menschlich-
       keit, mit  der sie  dann die auf höheren Blödsinn erpichten Leute
       beglücken: Sie  sind die zum Berufsstand aufgestiegenen Repräsen-
       tanten des schlechten wie guten Gewissens, hegen und pflegen also
       getrennt vom wirklichen Leben der bürgerlichen Gesellschaft deren
       Ideale und entdecken in den Sitten des freien Westens ein unvoll-
       kommenes Eden der Menschenrechte und -pflichten.
       Leider stehen  den Denkern in Sachen Moralität die  D i c h t e r
       kaum nach.  Als Leute, die ihre  s u b j e k t i v e n  Eindrücke
       für so  wichtig halten, daß sie ihnen in schöner Gestalt zu einem
       objektiven, von ihrem innersten Erleben getrennten Dasein verhel-
       fen;  als  Verehrer  ihrer  Einbildungskraft,  die  "es"  immerzu
       drängt, wildfremden  Menschen die  Bilder, die  sie sich  von der
       Welt machen, mitzuteilen; als ganz exquisite Individualisten, die
       ihrem Sensorium  die Leistung  zuschreiben, der  conditio  humana
       ihre großen  und kleinen Geheimnisse abgelauscht zu haben, und so
       auf ihre  Weise - ohne den Umweg der Wissenschaft - die Identität
       ihrer Gedanken mit dem, was auf der Welt gespielt wird, behaupten
       - als Subjekte einer extra Literaturgeschichte haben die Künstler
       so manche Handlung und manchen Konflikt erfunden. Nur selten aber
       ist es  ihnen gelungen,  in ihren Geschichten den Begriff der Ak-
       teure zur  Anschauung zu  bringen, die sie erdacht haben. Gewöhn-
       lich treiben sich ihre Charaktere in Widersprüchen des alleredel-
       sten Kalibers  herum, so daß auch ihre Moralität nicht als solche
       zur Darstellung  gelangt, sondern  als der  höchste Zweck und das
       Lebensproblem der Figuren. Der Kanon des bürgerlichen Nationalli-
       teraten besteht  von den  jeweiligen Klassikern  bis zur  Moderne
       größtenteils aus aufwendigen Bebilderungen irgendwelcher Konstel-
       lationen von  miteinander im Streit liegenden Prinzipien: Da lie-
       gen sich Recht, Pflicht und Neigung in den Haaren; Ehr' Lieb' und
       Vaterland kommen  sich in  die Quere; Wissen und Macht, Leben und
       Tod oder  ganz einfach Gut und Böse hauen aufeinander ein, so daß
       die armen  dramatis personae wie bloße  A l l e g o r i e n  her-
       umlaufen.
       Das kommt  den professionellen Interpreten sehr gelegen, weil sie
       im "Erbe", um das sie einen ideellen Zuordnungsstreit führen, so-
       wieso immerzu  nur "Sinn"  suchen, zeugt  aber - um nochmals ganz
       pauschal zu urteilen - davon, daß die meisten Künstler ihre Phan-
       tasie unter  das sehr persönliche Gebot gestellt haben, sie solle
       ihnen ermöglichen,  "mit ihrem  Gemüt ins  Reine zu  kommen". Von
       dieser zum  Beruf in  der  bürgerlichen  Gesellschaft  gewordenen
       Tour, in der eigenen dichtenden Seele eine ganz  b e s o n d er e
       F o r m   d e r   R e c h t s c h a f f e n h e i t,  d i e  tief
       empfundene  H u m a n i t ä t  auszumachen und deren Probleme der
       lesenden Menschheit  zur Erbauung  anzudrehen, zeugen  außer  den
       Werken dieser  luxuriösen Spezies  auch ihre  Vorworte, Vorspiele
       auf dem  Theater, ihre  methodischen Schriften  zur  Kunst,  ihre
       Briefwechsel  und  die  Verrückten  und  Selbstmörder  unter  den
       Poeten. Da  gibt es eine vollständige Skala: von der romantischen
       Seele, die  an der  Welt verzweifelt und sie doch liebt; vom sich
       ständig problematisierenden Künstler-Ich, das um seine Lauterkeit
       ebenso besorgt  ist wie um seine Anerkennung; über die Barden des
       sozialen Elends,  das sie  als  Widerspruch  zum  Reichtum  einer
       Gesellschaft bemerken,  die sich Dichter leistet, so daß sie sich
       ein Gewissen  daraus machen  und die  Armut mit Versen beklagen -
       bis hin  zum modernen  Gelabere  über  gesellschaftliche  Rollen,
       Aufträge und  Verantwortungen des  Poeten, wo  auch das  Schielen
       aufs Publikum  salonfähiger Wille  zur  Botschaft  geworden  ist,
       haben die  Literaten manches Zeugnis dafür geliefert, wie sehr es
       ihnen auf  sich und  ihr Gewerbe  ankommt   u n d   daß sie ihren
       Geist auf  keinen Fall  für  ein  freies  Urteil  über  die  Welt
       mißbrauchen wollen. So schlagen sie sich bis auf den heutigen Tag
       mit der  armseligen Alternative  ihrer Laune herum, deren einzige
       Freiheit darin  besteht zu  entscheiden, ob in ihren Opera  d e s
       G l ü c k e s   U n m ö g l i c h k e i t    o d e r    s e i n e
       E r f ü l l u n g   erbaulich vorgeführt  zu werden hat. Nach der
       einfältigen Leistung Brechts, die scheiternde Moralität, die Güte
       des Menschen,  die in  der Welt (noch) keinen Platz hat, explizit
       zum Gegenstand  seiner Dichtungen  zu machen,  stand nur noch ein
       Übergang an:  die psychologische  "Problematik" zu  bebildern und
       den  Krieg   zwischen  Gefühl,  Verstand,  eigentlichem  Ich  und
       verdrehtem Willen  auf die Karte zu setzen, und den Produkten der
       künstlerischen Phantasie  endgültig den Stempel moderner Theorien
       des Menschen  und seines  nach "Selbstverwirklichung"  strebenden
       Ich aufzudrücken.  Heiter ist  die Geschichte  des  literarischen
       Sittlichkeitswahns nicht,  auch  nicht  in  ihren  unumgänglichen
       Versuchen,  unmoralisch  zu  werden;  und  erbaulich  auch  nicht
       übermäßig, es  sei denn,  sie kommt  ohne Prätention  daher:  als
       Western, Krimi  oder science  fiction, wo  man keine  Zweifel  zu
       haben braucht, welche Botschaft in einem Sheriff, Verbrecher oder
       Roboter steckt...
       
       
       TEIL II
       =======
       
       Die Bewährung des bürgerlichen Individuums in seiner Heimat,
       ------------------------------------------------------------
       der kapitalistischen Gesellschaft
       ---------------------------------
       
       Die bürgerlichen  Individuen eignen sich selbstverständlich nicht
       zuerst ihre  Manieren an, um sie dann in der Welt auszuprobieren.
       Sie richten  ihren Verstand  nicht an den Prinzipien des Wohlver-
       haltens aus,  b e v o r  sie diese Prinzipien zum situationsgemä-
       ßen Anpassungsprogramm  ausgestalten: Die hier vorgenommene Tren-
       nung ist eine theoretische, die darauf abzielt, die Leitungen ei-
       nes abstrakt  freien Willens in ihrer "Logik" darzustellen. Inso-
       fern besteht  auch kein Grund anzunehmen, es gäbe diese Logik au-
       ßerhalb der  immerzu praktizierten Bescheidung des Individuums in
       den Umständen, die es für Mittel seines Erfolgs hält.
       Wenn  die  bisherigen  Bestimmungen  bürgerlicher  Individualität
       "nur" die  in den  all- und  sonntäglichen Reden und Taten exeku-
       tierten  a l l g e m e i n e n  Techniken des Mitmachens darstel-
       len,   so    ist   das   freilich   kein   Einwand   gegen   ihre
       O b j e k t i v i t ä t.   Und weil  die Grundsätze  bürgerlichen
       Wohlverhaltens den  konkreten Verkehrsformen  entnommen sind, die
       im II. Teil festgehalten werden, liest sich dieser Abschnitt auch
       wie eine  Sammlung von  "Beispielen" für  die "Methode"  des sich
       selbst berechnend zügelnden Willens.
       An einem  "Katalog" von  Belegen ist  uns aber nicht gelegen. Was
       gezeigt werden  soll, ist  nicht weniger  als das,  was die Über-
       schrift besagt:  daß sich das moralische Individuum im Bewußtsein
       seiner Freiheit  in der bürgerlichen Gesellschaft  z u  H a u s e
       f ü h l t.  In sämtlichen Belangen mobilisiert es stets aufs neue
       seine Kräfte,  um aus  jeder Beschränkung eine Erlaubnis, aus der
       Erlaubnis eine  Gelegenheit, aus  den gebotenen Chancen die Frei-
       heit, sie zu nützen, herauszulesen; und sooft es mit den Resulta-
       ten seiner  auf diese  Weise errungenen  Freiheit nicht zufrieden
       ist, bleibt  ihm der Trost, daß ihm auch noch die Unzufriedenheit
       - mit  sich und  den anderen - zugestanden wird.  W i e  das bür-
       gerliche Subjekt  sein Selbstbewußtsein  in allen Lebensbereichen
       zur Geltung bringt, so daß es Kritik am bürgerlichen Getriebe un-
       mittelbar als eine  a n  s i c h  auffaßt, die es "sich nicht ge-
       fallen zu  lassen braucht",  zu welcher  Sorte  K r i t i k  sein
       E i n v e r s t ä n d n i s   führt - und wie es sich darüber zum
       Nutznießer oder  Opfer voranarbeitet,  soll also in den folgenden
       vier Paragraphen Thema sein. Dabei wird nicht der Beweis geführt,
       d a ß   bürgerliche Individuen  so verfahren,  wie im I. Teil be-
       hauptet wurde; vielmehr stellt sich heraus, daß sich die Anstren-
       gungen zur  Selbstkontrolle   z u m   "C h a r a k t e r"  v e r-
       f e s t i g t  haben müssen, damit sie angesichts dessen, was mit
       den  Leuten   angestellt  wird,   immer   wieder   funktionieren.
       "Bewiesen" wird  also nur, daß es die Verfahrensweise des morali-
       schen Menschen  - der  sich etwas  darauf zugutehält,  daß  "nur"
       seine Selbstkontrolle,  nicht aber "er selbst" überwacht, belohnt
       oder bestraft  wird - als jederzeit anwendungsbereite Gewohnheit,
       als "zweite  Natur"   g i b t;  und daß er diese in seiner Erzie-
       hung und  in begrenzten  Erfahrungen des bürgerlichen Daseins er-
       lernte zweite  Natur so  schätzt, daß  er  aus  zusätzlichen  und
       schlechteren Erfahrungen auch nicht klüger wird...
       
       
       Paragraph 5
       -----------
       
       Ein Individuum,  das es  im Bewußtsein  seiner Freiheit  bis  zum
       Ideal der  Rechtschaffenheit bringt,  leistet sich in der Abwick-
       lung aller  seiner Geschäfte  ein Quidproquo, das es in sich hat.
       S e i n e   E i n s t e l l u n g  zu den gesellschaftlichen Ver-
       hältnissen, seine  Bereitschaft, sich zu fügen, läßt ihn die bür-
       gerliche  Welt   als  eine  sehen,  die  genau  für  ihn    a l s
       M e n s c h e n   eingerichtet ist. Sie kommt ihm mit ihren Rech-
       ten und Zugeständnissen, mit ihren Geboten und Offerten entgegen,
       sie organisiert  eigentlich nur  all das,  was er  als Bedürfnis,
       Pflicht und Neigung verspürt.
       Dem moralischen  Subjekt wird  die zweckmäßige  Ausgestaltung der
       Welt schon an der Aufteilung der Lebenssphären klar:
       Die      p o l i t i s c h e      H e r r s c h a f t,      a l s
       D e m o k r a t i e  abgewickelt, schafft Ordnung und gewährt ihm
       zugleich -  neben den "unumgänglichen" Beschränkungen - die Frei-
       heit des  Meinens, die Souveränität des Unterworfenen, dem nichts
       recht zu  machen ist,  wenn er  mitmacht; der  alles  aus  freien
       Stücken mitmacht  und dies  genießt -  so sehr, daß er  s e i n e
       Ü b e r e i n s t i m m m u n g   mit der  Staatsgewalt  zur  Mär
       ausgestaltet, Gewalt  sei kein  Mittel der Politik und er lebe in
       einem Zustand der Gewaltfreiheit.
       Die   K o n k u r r e n z,   als die das Berufsleben des Bürgers,
       seine Arbeit  organisiert ist,  gilt ihm nicht als Vergleich, der
       m i t  i h m  a n g e s t e l l t  w i r d,  von dem er betroffen
       ist. Sie  ist für  ihn die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Ge-
       rechtigkeit, die  ihm zu  widerfahren hat. Die Lüge, die Leistung
       des Einzelnen  bestimme sein Einkommen, seinen Anteil am Reichtum
       sowie überhaupt seine soziale Stellung, ist ihm äußerst geläufig.
       Ebenso geläufig  wie der  in der  Pose des  Protests vorgetragene
       Wunsch, es  hätte eigentlich  so zu sein. Er besteht eben darauf,
       im Vergleich mit anderen seinen Mann zu stehen.
       Das   P r i v a t l e b e n   schließlich hält ein Bürger - unge-
       achtet der  minutiösen Regelungen,  die ihm  sein Staat auferlegt
       für die  Abteilung seines Lebens, in der er  o h n e  Dazwischen-
       kunft lästiger  Instanzen und  anderer Leute  schalten und walten
       kann, und  zwar mit dem einzigen Ziel,  s i c h  zufriedenzustel-
       len.
       Im Einverständnis mit den Geboten und Einschränkungen, die seinen
       Interessen entgegenstehen, fügt sich das bürgerliche Subjekt also
       keineswegs aus "Einsicht in seine Ohnmacht", zähneknirschend, der
       Gewalt und  den Hindernissen,  auf die  es ständig trifft. Es tut
       auch und  gerade dann,  wenn es zur Mehrheit gehört, die kläglich
       scheitert, etwas  ganz anderes. Ein Bürger  i d e a l i s i e r t
       die harten Bedingungen des Erfolgs zu dessen  M i t t e l n - und
       die Klage  darüber, daß  diese Bedingungen ihrem Ideal nicht ent-
       sprechen, zirkuliert  als   K r i t i k.  In jeder Abteilung ent-
       decken kritische  Menschen  die  unvollkommene  Realisierung  der
       Prinzipien, die  ihrer Auffassung nach gültig sein  m ü ß t e n -
       und mit Vorliebe übertragen sie zwecks Verbesserung des einen Be-
       reichs die Ideale eines anderen auf ihn. Fazit:  g a n z  in Ord-
       nung ist der Laden zwar noch nicht...
       
       1.
       
       Die bürgerliche  Gesellschaft kann  mit einer  erstaunlichen Lei-
       stung aufwarten:  die benutzte  und beherrschte  Mehrheit ist der
       freien Meinung, sie sei gut bedient. Das demokratische Knechtsbe-
       wußtsein rechtfertigt  die eigene Unterwerfungsbereitschaft quasi
       ständig und  vor allem  dann, wenn  andere gewisse  Anzeichen von
       Aufbegehren von  sich geben,  mit dem  "Argument", es  ginge  gar
       nicht anders.  Anläßlich eines  Einwands gegen ein sehr genau um-
       grenztes Phänomen des politischen Lebens, der Zustände im Betrieb
       etc. fühlt  sich ein anständiger Bürger herausgefordert, den bür-
       gerlichen Betrieb gleich in Bausch und Bogen zu verteidigen. Denn
       soviel gewahrt  er schon,  daß mit der Kritik seine Art, sich zur
       Verfügung zu  stellen, angegriffen  wird - und deshalb versichert
       er auf  der Stelle, er könne es sich gar nicht anders vorstellen.
       Irgendjemand müsse doch regieren und ohne Regeln ginge doch nicht
       nur im  Verkehr alles  drunter und  drüber; wenn  es keinen  lei-
       stungsbezogenen Lohn  mehr gibt,  dann tut  doch keiner mehr was,
       und ohne  gewisse Aufsicht  reißt sich kein Mensch mehr zusammen,
       insbesondere die  anderen lassen die Sau raus - und das will doch
       keiner, ich  am wenigsten  ... Was  den Kommunismus  betrifft, so
       wäre er  schon eine  gute Sache,  aber leider nicht durchführbar.
       Was man drüben sieht, so etwas würde sich ein anständiger Bürger,
       der ja  ein hartnäckiger  Freiheitskämpfer ist, nie gefallen las-
       sen!
       
       2.
       
       Obgleich der  Materialismus des  Individuums aus freiem Entschluß
       seinen Platz nach dem Idealismus zugewiesen bekommen hat, braucht
       er kein  Schattendasein zu führen. Denn die Verklärung von Staat,
       Konkurrenz und  Privatleben zu  Veranstaltungen, durch die höchst
       zweckmäßig dafür  Sorge getragen  wird, daß man selbst und andere
       ihre Fähigkeiten  und ihren  Anstand zur  Geltung bringen können,
       läßt genügend  Raum für die Anmeldung des eigenen Interesses. Al-
       lerdings tritt selbiges nicht einfach so auf; es führt sich haar-
       genau so vor, wie es ihm als längst in der Welt zu Ehren gekommen
       ansteht. Die  klassische Form des Heuchelns, im Namen der gelten-
       den und  akzeptierten Regeln  seine Ansprüche anzumelden, wird in
       einer Vielzahl von Ideologien angewandt, die von jedermann leicht
       als "konstruktive  Kritik" und "sachlicher Beitrag" gewürdigt und
       zurückgewiesen werden können. Jede Betroffenheit wird genauso wie
       jede Unzufriedenheit  mit wirklichen  und eingebildeten Vorteilen
       anderer in  die Sorge um das Funktionieren einer Institution, ei-
       ner Sitte  oder des  Zusammenlebens schlechthin umgedichtet. Jede
       unliebsame Erscheinung  der Konkurrenz  wird zu  einer Krise, und
       der staatliche  Umgang mit  den Bürgern  zu einer Überlebensfrage
       von Werten,  die uns  allen ziemlich heilig sind. Der bürgerliche
       Journalismus ist  bei alledem  wegweisend, weil  er sich  auf die
       neuesten Fälle  spezialisiert, in denen er die Aus- und Unterhöh-
       lung von  Recht und Familie, Währung und Demokratie, Rentenversi-
       cherung und Öffentlichkeit etc. etc. beklagen kann - selbstredend
       alles im  Namen der  Bürger, die  eifrig lernen,  daß sie  so und
       nicht anders  ihre Beschwerden  loszuwerden haben.  Das gibt dann
       das vielgerühmte  Klima der Toleranz, aus dem sich der verstaubte
       Klassenkampf und  sein "Denken"  verabschiedet haben.  Neben  dem
       blanken Materialismus  des Neids gibt es also auch noch subtilere
       Formen, in denen ein bürgerliches Subjekt auf seinesgleichen los-
       geht, aber  nie auf  die, welche  ihm den  Grund für seine recht-
       schaffenen Anliegen einbrocken. Jeder ist ein kleiner Sittenwäch-
       ter, der  den Verfall von mindestens neun abendländischen Prinzi-
       pien beklagt pro Tag - und auch versteht, diese Beschwerde in üb-
       len Nachreden  und desgleichen in die Tat umzusetzen. Völlig ver-
       fehlt, diese  leuchtenden Exemplare  des abstrakt  freien Willens
       daraufhin zu befragen, was  s i e  denn davon hätten...
       
       3.
       
       Jemand, der  die bürgerlichen Zustände für die Institutionalisie-
       rung seiner  höchstsouveränen Menschlichkeit  erachtet, findet in
       ihnen auch  die Maßstäbe,  die er  zur Kritik  immer dann anlegt,
       wenn ihm trotz allem einmal einiges nicht paßt. Als Fanatiker der
       Demokratie und  ihrer Verkehrsformen  - deren  Inhalt und  Zweck:
       Herrschaft effektiv,  überhaupt nicht ins Gewicht fällt - läßt er
       sich sämtliche demokratischen Ideale einfallen, wenn er außerhalb
       des politischen Geschehens einen Mißstand entdeckt haben will: In
       der Konkurrenz,  im Betrieb  also, wird  man übergangen und keine
       Mitsprache ist  nicht, wo  einseitig die anderen das sagen haben;
       im Privatleben  eine echte Diskussion mit gleichberechtigter Mei-
       nungskundgabe, unter  voller Anerkennung selbst von Frau und Kind
       - so  geht "Veränderung"  heute. Doch auch die Härten der Konkur-
       renz taugen  als idealisiertes Prinzip. Kaum entdeckt so ein kri-
       tischer Bürger,  wie gemütlich  Parteikarrieren ablaufen  im Ver-
       gleich zum  Aufstieg in  der Akkordlohnabteilung,  wird  er  sehr
       nachdenklich -  und ist in der Politik für eine gerechte Auslese,
       der sich  die Staatsprofis  zu stellen hätten. Und im Privatleben
       läßt sich  beim eigenen  wie anderen  Geschlecht manche  Fehlent-
       scheidung registrieren,  wenn man das Kriterium des Leistungsver-
       gleichs anlegt:  "mit   d e m  geht sie?", mit dieser Flasche ...
       Am schönsten ist aber die Anwendung privater Lebensregeln, die ja
       ganz  im   Gegensatz  zur   bösen  Politik   und   zum   Arbeits-
       /Geschäftsleben, wo  man sich behaupten muß, ganz menschlich kon-
       struiert sind,  auf die anderen Zweige des bürgerlichen Betriebs:
       mehr Nachsicht  und Verstehstmich in der Politik, ganz viel Soli-
       darität in  der Arbeitswelt  und vor allem eine Humanisierung der
       Arbeit tun  not. Der  Gipfel der  Entlehnung von  Idealen ist bei
       diesem Hin  und Her  leicht zu stürmen: die  T r e n n u n g - so
       heißt das  Argument -  von Privat-, Berufs- und politischem Leben
       verhindert    die    Menschlichkeit;    in    jeder    Lebenslage
       v e r a n t w o r t u n g s b e w u ß t,   i m m e r  B ü r g e r
       zu sein, die humane Devise!
       
       
       Paragraph 6
       -----------
       
       Bürgerliche  Individuen   sind  "politisiert",   wenn  sie   sich
       p o s i t i v   um die  Ausgestaltung der  politischen Herrschaft
       kümmern, der  sie unterworfen  sind. Dann reden sie in aller Ruhe
       vom staatlichen   Z w a n g s z u s a m m e n h a n g,   dem  sie
       sich fügen    m ü s s e n,    als  einer  Gemeinschaft,  die  sie
       w o l l e n:  "wir". Alle Unannehmlichkeiten, die ihnen der Staat
       einbrockt, sind  ihnen Anlaß  für   k r i t i s c h e  Meinungen,
       d i e   auf eine  Verbesserung von  Herrschaft zielen.  In diesen
       Meinungen wird der Herrschaft nicht die Feindschaft erklärt, son-
       dern konstruktiv  wird die Politik mit Alternativen ihrer Abwick-
       lung konfrontiert.
       Dem Inhalt nach leisten die kritischen Urteile mündiger Bürger in
       ihrer ganzen  Vielfalt  nur  eines:  Sie  trennen  die  negativen
       W i r k u n g e n   der Politik von ihrem  Z w e c k,  so daß Be-
       troffene sich  e n t t ä u s c h t  gebärden - was eben nur durch
       konsequentes Absehen  vom ökonomischen   G r u n d  der Staatsge-
       walt zu machen ist. Was die formelle Seite staatsbürgerlichen Da-
       fürhaltens, die  an den  Tag gelegte   E i n s t e l l u n g  be-
       trifft, so  fällt bei  dem Gemeckere die  g e s p i e l t e  Ent-
       täuschung auf, die Trennung von geäußerter Beschwerde und prakti-
       scher Absicht.  Noch die  empörteste abfällige Meinung ist kennt-
       lich als  die Äußerung eines Subjekts, das auf sein Urteil nichts
       gibt und den Gehorsam nicht aufkündigt, das auch gar nicht ernst-
       haft nach  Mitteln und Wegen sucht, seinen Einwand in die Tat um-
       zusetzen.
       In den Argumenten von "uns Steuerzahlern"  f i n g i e r e n  die
       Betroffenen eine   A n s p r u c h s h a l t u n g - stellvertre-
       tend für alle wird so das Journalistenpack aktiv -, die stets er-
       gänzt wird um die "Forderung", andere gründlicher zu beschränken.
       Neben verächtlichen Befunden über "seine"  R e p r ä s e n t a n-
       t e n,   "sein" mit  Füßen getretenes   R e c h t,  über die ver-
       fehlte   S o z i a l-,  W i r t s c h a f t s-  u n d  A u ß e n-
        p o l i t i k   rangieren staatsmännische Rezepte für den Umgang
       mit allen,  die sich  "zuviel herausnehmen"  - und dabei wird die
       herrschende  Klasse  stets  verschont.  Beamte  ziehen  sich  den
       herzlichsten Haß  jedes Stammtisches  zu, für  die eigenen Kinder
       wäre eine  Beamtenkarriere genau  das Richtige,  und den höchsten
       Beamten des  Staates wird  ein Respekt entgegengebracht, der sich
       mit   V e r e h r u n g   vorbürgerlicher Herrscherfiguren lässig
       messen kann.  Von einem  Kanzlerkanditaten läßt  sich ein  Bürger
       Dinge sagen  und verordnen, die er seinem Nachbarn nie und nimmer
       als "Sachzwang"  durchgehen ließe.   W a h l k ä m p f e   werden
       nach Kriterien  geführt und  von stimmberechtigten  Bürgern  auch
       e n t s c h i e d e n,   die  selbst  den  Schein  "vernünftiger"
       (=berechnender) Überlegung  vermissen lassen,  so daß  sie  unter
       heftiger Stilkritik von seiten ihrer Hauptfiguren ablaufen.
       So ist  im demokratischen  Staat stets  auch eine  Minderheit von
       enttäuschten Liebhabern  eines    s t ä r k e r e n    Staats  zu
       Gange, deren  "Argumente" allerdings  auch der  Mehrheit vertraut
       sind. Vor  ihnen bemühen  sich antifaschistische  Anhänger  eines
       g e r e c h t e n   Staates die Substanz der Demokratie zu retten
       und zu  erweitern -  und  die  oppositionelle  Alternative  eines
       "Lebens ohne  Repression", das  hier und  heute anfängt,  gibt es
       auch noch.
       Zum   V e r b r e c h e n   als politischer Praxis fühlen sich im
       übrigen Rechte  wie Linke   b e r e c h t i g t, weil sie bemerkt
       haben wollen,  daß die  staatlich ausgeübte Gewalt ihren Vorstel-
       lungen von Gerechtigkeit nicht gerecht wird. Die einen wollen die
       Ordnung erst  noch zu einer gescheiten machen, die anderen erklä-
       ren ihr höchstpersönlich den Krieg. Und um ihren "Sumpf" brauchen
       sich beide  Linien des Terrorismus keine Sorgen zu machen. Er ist
       derselbe.
       
       1.
       
       Die Kritik  demokratischen Bewußtseins und die Auseinandersetzung
       mit den  Praktiken des politischen Geschäfts ist  k e i n e  psy-
       chologische Angelegenheit.  Sie zielt auf die Widerlegung der Ar-
       gumente, die  politische Gegner  für ihre  Sache ins Feld führen,
       überführt sie  der Unwahrheit  und denunziert  das Interesse, dem
       die Argumente  gelten. Deswegen  geht es  hier auch nicht um Dar-
       stellung von Demokratie und falschem Kampf um und gegen sie, son-
       dern lediglich um die Leistungen des Verstandes, die ein sich un-
       terwerfender freier Wille erbringt. Abgehandelt wird die Einstel-
       lung von  Individuen, die  im Einverständnis  mit der  Gewalt des
       staatlichen "Überbaus"  mit deren Wirkungen konfrontiert sind und
       zudem die  eigenen ökonomischen  Erfahrungen immerzu  am  Maßstab
       billiger Behandlung eines rechtschaffenen Bürgers begutachtet.
       
       2.
       
       Im staatsbürgerlichen  "wir", das sich das moderne Individuum zur
       Besprechung  sämtlicher   Staatsaffären  angelegen   sein   läßt,
       schließt es sich in seiner ganzen Rechtschaffenheit mit der Herr-
       schaft zusammen.  Es leistet sich die Großzügigkeit, über die ge-
       sellschaftlichen Gegensätze  hinwegzusehen  und    s i c h    und
       s e i n e  Interessen als den eigentlichen Zweck der öffentlichen
       Gewalt zu besprechen. Während diejenigen, die das Sagen haben und
       Nutzen aus  den  Gewaltverhältnissen,  die  Person  und  Eigentum
       schützen, ziehen, das "wir" immer mit  F o r d e r u n g e n  a n
       die Zukurzgekommenen  vorbringen,  gestatten  sich  letztere  die
       noble Geste der  Z u s t i m m u n g,  indem sie allein noch über
       die mangelhafte  Realisierung des  "wir" Beschwerde führen. Dabei
       pflegt die  vollzogene  U n t e r w e r f u n g  als Argument für
       die Berechtigung der kritischen Äußerung ins Feld geführt zu wer-
       den, so  daß diese Äußerungen den Charakter der mitgeteilten Ent-
       täuschung      nie       aufgeben.      Die       Masche      des
       S t e u e r z a h l e r s,   mit dem man sich als einer ausweist,
       dem es  wirklich zusteht, sich über eine staatliche Maßnahme auf-
       zuregen, erhellt  das trostlose  Bedürfnis von  Bürgern, die sich
       gerade auf  ihr abgeklärtes  Verhältnis zur Macht viel einbilden:
       immer zieht  sich das  angemeldete Interesse darauf zusammen, daß
       die Staatsgewalt  anderen nicht  zuviel des Guten zukommen lassen
       soll bzw.  ihnen härter  die Gerechtigkeit beizubringen habe, als
       deren legitimes  Opfer sich  das  beschwerdeführende  Subjekt  in
       Szene setzt.  Wenn so  über die  Ungerechtigkeit derer  "da oben"
       hergezogen wird,  dann ist der Einwand, auf den die stammtischpo-
       litisierende     Staatsbürgerseele     verfallen     ist,     die
       B e e n d i g u n g   jeglicher Debatte:  Da wird  nicht ein Miß-
       stand festgestellt,  sich darob  empört und dann nach Gründen ge-
       fragt; und von der Frage "Was tun?" ist schon gar nicht die Rede,
       weil dem  Stolz des  rechtschaffenen Menschen,  dem es sein Staat
       nicht recht macht, mit der geäußerten Enttäuschung vollauf Genüge
       getan ist.  Staatsmänner aller Größenordnungen wissen darüber Be-
       scheid und  "begründen" noch jede Maßnahme damit, daß sie mit ihr
       dem unveräußerlichen Recht der Steuerzahler zur Durchsetzung ver-
       helfen. Ganz  gleich, ob  sie Atomkraftwerke  hinstellen oder die
       Bundeswehr aufstocken  und Zapfenstreiche  feiern - die Kurve zur
       Genugtuung, die  dem Herrn  Steuerzahler verschafft wird, kratzen
       sie immer.
       
       3.
       
       Das Gerücht,  in der Demokratie lebe die politische Macht von der
       K r i t i k   derer, die  sie zu  spüren bekommen, ist also nicht
       ganz von  der Hand zu weisen. Denn die Kritik, die all die mündi-
       gen, weil  in ihrer  Rechtschaffenheit auf  Anerkennung bedachten
       Bürger zustandebringen,  erschöpft sich in der formellen Beschul-
       digung des  Staates,   s e i n e n,  vom Bürger voll und ganz ge-
       teilten Prinzipien nicht nachzukommen, was alles andere darstellt
       als  eine   Kriegserklärung  an   die  öffentliche   Gewalt.  Die
       B e t r o f f e n e n   rechten mit ihrem Staat nämlich nicht an-
       hand einer Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern sie tun so, als würden
       sie diese Rechnung Tag für Tag neu aufmachen und feststellen, daß
       sich ihr  Gemeinwesen  kaum  noch  auszahlt.  Ihre  Betroffenheit
       i s t   eben  n i c h t  ihr Argument, weil sie auf die vom Staat
       gesetzten Maßstäbe  seines "Auftrags" pochen und darin sich zual-
       lererst die  moralische Befugnis  erwerben, ihren  Schaden in die
       Debatte zu  werfen. Statt Widerspruch einzulegen, werden sie sich
       in ihren  Anklagen unermüdlich  mit Freund  und Feind   e i n i g
       über die Prinzipien, auf die "man" nichts kommen lassen darf: die
       offensiv aufgeplusterte  Heuchelei, das  Pochen darauf, man werde
       um die akzeptierten Werte, um den Lohn der eigenen Rechtschaffen-
       heit betrogen, macht die ganze demokratische Kritik aus.
       Wenn die enttäuschten und in ihrer Enttäuschung so selbstbewußten
       Subjekte ihrer  "Kritik" die Beantwortung der Schuldfragen folgen
       lassen, so  gelangen sie  immer zu  einer   E n t-schuldigung der
       Staatsmacht  und   ihrer  Träger.   Die   Einigkeit   in   Sachen
       "Prinzipien", mit  der sich  die Empörung legitimiert, ist ja die
       vollzogene Abstraktion  vom Zweck  aller Politik, so daß der Vor-
       wurf, die  akzeptierten Zwecke  seien  n i c h t  ausgeführt wor-
       den, seine  Produktivität entfalten  kann. Da  muß  sich  mancher
       Staatsmann zur Last legen lassen, er sei ein verhinderter Wohltä-
       ter, weil  er es nicht verstehe, mit seiner Partei, verschiedenen
       Kräften und  überhaupt mit  der "Entwicklung"  fertig zu  werden.
       Solche Geistersubjekte,  die das  Regieren so  schwierig  machen,
       denkt sich - ohne Abitur und Staatsexamen - der "einfache Mensch"
       in rauhen  Mengen zusammen, wenn er einem Politiker "Unfähigkeit"
       bescheinigt und  einem anderen  sein Vertrauen bekundet, weil der
       den "Problemen"  gewachsen ist:  Rüstungsspirale, Lohn-Preis-Ent-
       wicklung, Bürokratie,  technischer Fortschritt, Wachstum, Staats-
       verdrossenheit und  -verschuldung -  und was  man sich sonst noch
       alles einfallen  lassen kann  an Dingern,  mit denen es fertig zu
       werden gilt.
       Die harte  Kritik, mit  der sich  das des Ernstes der Lage völlig
       bewußte Individuum  dann zu  einer Entscheidung bei der Wahl ent-
       schließt, lautet  im Kern  immer gleich:   U n f ä h i g k e i t,
       all das  zu bewirken,  worauf es  in der  Politik der Meinung des
       Bürgers nach ankommt. Als  W ä h l e r  billigt der selbstbewußte
       Bürger seinen Herrschaften "Sachkenntnis" zu oder spricht sie ih-
       nen ab,  und in diesem Verfahren, das von wenig Kenntnis über das
       politische Geschehen zeugt, gelingt dem Untertanen sein schönstes
       Quidproquo: er  schafft es,   s i c h   für  den Kontrolleur  und
       Prüfstein der  politischen Macht auszugeben, die allein auf seine
       B e n ü t z u n g  aus ist - aber wiederum nur so, daß er die Wi-
       derlegung seiner  Haltung gleich  mit zu deren Bestandteil macht.
       Er wählt  das "kleinere Übel" und kommt sich im Wissen darum, daß
       seine Wünsche  von der  künftigen Regierung   n i c h t   erfüllt
       werden, auch  schon schlau  vor. Deswegen  legt er auch ein wenig
       Wert auf  die schlechte  Meinung, die er von den Politikern hat -
       er wählt  einfach das  "Übel", das  im ganz persönlich am meisten
       zusagt, weil  es in seiner ganzen Erscheinung so auftritt, wie er
       als Bürger, wenn er Politiker  w ä r e,  sich aufführen  t ä t e!
       
       4.
       
       Auf jenes "wir", in dessen Namen allein im demokratischen Gemein-
       wesen Ansprüche  geltend gemacht  werden und  Kritik geübt  wird,
       läßt ein  rechtschaffener Mensch  nichts kommen.  Es ist  ja  der
       Standpunkt, von  dem aus  er allen Ernstes beurteilt, was ihm wi-
       derfährt, also seine Auffassung von den bewegenden "Kräften" die-
       ser Welt  sowie seine diesbezüglichen Sorgen und Freuden durchor-
       ganisiert. Im   N a t i o n a l i s m u s  wird die staatsbürger-
       liche  H e u c h e l e i  e h r l i c h,  und zwar um so mehr, je
       konsequenter die darin angestellte Vorteilsrechnung am tatsächli-
       chen Wirken  der Obrigkeit  zuschanden wird:  Stolz und  Empörung
       finden statt  im Namen  und im  Interesse der Herrschaft, der der
       selbstbewußte Untertan sich solidarisch verbunden weiß und fühlt,
       auch und  erst recht,  wenn deren  momentane oberste  Agenten ihm
       nicht passen.
       Um Anlässe  ist ein  Nationalgefühl nie  verlegen, auch  wenn die
       Vorstellungen seines  Inhabers über  den Stand des nationalen In-
       teresses mit  dessen tatsächlicher  Durchsetzung nichts weiter zu
       tun haben. Die im Zeitalter des Imperialismus glücklich lückenlos
       zustandegebrachte Aufteilung  und Sortierung  der Menschheit nach
       ihrer Staatsangehörigkeit gilt seinem Blick als Resultat und Aus-
       druck einer  ziemlich naturwüchsigen Verschiedenheit der jeweili-
       gen   V ö l k e r; und  ebenso, wie  der rechtschaffene Bürger im
       Namen der  gemeinsamen Nation manchem Volksgenossen verzeiht, den
       er in  anderen Zusammenhängen durchaus als Gegner weiß und behan-
       delt wissen  möchte -  sofern er  nicht umgekehrt seine Ausrufung
       der  Gerechtigkeit  gegen  ihn  mit  dem  äußersten  Vorwurf  des
       n a t i o n a l e n  V e r r a t s  krönt! -, so sind ihm Auslän-
       der einfach  deswegen verdächtig,  weil sie  keine Inländer sind:
       muß denn  nicht die  Botmäßigkeit gegenüber  einer anderen  Herr-
       schaft als  der eigenen  auch eine andere,  a l s o  geringerwer-
       tige oder  zumindest fragwürdige Sorte von Rechtschaffenheit nach
       sich ziehen?  Besorgnisse dieser Art läßt der aufgeschlossen mit-
       denkende Bürger  sich von seiner Regierung und deren öffentlicher
       Meinung zwar  durchaus zerstreuen,  sobald die  Staatsräson  ver-
       mehrte "Völkerfreundschaft"  gegenüber einem  Nachbarn  gebietet,
       noch leichter  aber wieder in Erinnerung rufen - und nicht einmal
       aus den  rasantesten Konjunkturen  bei der  Ausgestaltung  dieser
       Ethnologie fürs  Volk mag  ein braver Mann den Schluß ziehen, daß
       er sich  mit seiner vielfach variierten und ausgemalten Abneigung
       gegen fremde  Völkerschaften zum  Deppen  der  Diplomatie  seiner
       Herrschaft macht.  Jeder Unterschied zum Rest der Welt, den er am
       eigenen nationalen  "wir" entdeckt, macht ihn stolz, auch wenn er
       von der  fraglichen Sache  selbst nichts  versteht und noch nicht
       einmal etwas  hält. Wird dieser alberne Vergleich gar zur öffent-
       lichen Veranstaltung, dann demonstrieren Massen, wie sie zu einer
       normalen Demonstration  sonst nie  zusammenkommen, wieviel  ihnen
       die Ehre der Nation tatsächlich ganz persönlich bedeutet. Irgend-
       ein   G e s c h i c h t s b i l d   hat jeder  aus gewonnenen und
       verlorenen Fußballspielen,  den Kriegen  verflossener Fürsten und
       Tyrannen, dem  "verlorenen" 2. Weltkrieg und der wiedergewonnenen
       Weltgeltung der  deutschen Industrie  so zusammengesetzt,  daß es
       seinem Inhaber,  sei er  Professor oder  Friseur, den gewünschten
       Dienst leistet,  nämlich seiner  Phantasie die  Handhabe  bietet,
       Stolz und  Empörung in  jener Mischung und mit jener Stoßrichtung
       in sich  herzustellen, wie es die aktuelle Weltlage gerade erfor-
       dert - und das eigene Bemühen, mit dem Gang der Geschichte mitzu-
       halten. Steht  dann schließlich  wieder mal ein Krieg auf der Ta-
       gesordnung, dann hat der Veranstalter sich bislang noch stets auf
       die Gewohnheit seiner Untertanen verlassen können, sogar noch ihr
       eigenes Dasein  ziemlich souverän  unter  dem  Gesichtspunkt  der
       fraglosen    historischen     Berechtigung     des     nationalen
       "Verteidigungswillens" zu  behandeln. Und ebenso auf seine Intel-
       lektuellen, die  ansonsten ihren  Nationalstolz mit Vorliebe oder
       ausschließlich auf  der gehobenen Ebene edlerer Kulturgüter pfle-
       gen und  deswegen auch mit viel Verachtung für den "rohen" Natio-
       nalismus des  gemeinen Volkes und einer aus dieser Verachtung ge-
       speisten Attitüde  des Kosmopolitismus  und einer speziellen Vor-
       liebe für  gewisse auswärtige Völkerschaften zu verbinden wissen;
       zur Lüge und zur brutalen Wahrheit des Obertitels "Verteidigung",
       unter  dem   der  moderne  Staat  seinen  weltweiten  Terrorismus
       abwickelt,   fallen    dem   nationalen    Geist   äußerstenfalls
       geschmäcklerische Bedenken  gegen den  "ungeschliffenen"  S t i l
       ein, mit dem die nationale Obrigkeit hier zu Werke geht.
       Die alltägliche Anstrengung, die vorgestellten Erfolge und Mißer-
       folge der  eigenen Nation  mit zu  genießen bzw. mit zu erleiden,
       trägt natürlich  ihre Früchte  auch im Seelenleben des so angele-
       gentlich beschäftigten  Individuums. Wer  es sich  zur Gewohnheit
       macht, spezielle Idiotien des bürgerlichen Lebens unter dem Titel
       einer nationalen Eigentümlichkeit an sich und anderen ganz spezi-
       ell zu  schätzen oder zu verachten und so auf alle Fälle für sich
       zu pflegen,  der braucht nicht erst zu solch radikalen Konsequen-
       zen wie  der Eheschließung unter dem Gesichtspunkt der völkischen
       Erbmasse fortzuschreiten,  um an  sich und seinen Kindern am Ende
       tatsächlich einen "Nationalcharakter" hervorzubringen. Nicht eben
       naiv, sondern  in berechnender Einrichtung der eigenen Vorurteile
       und Vorlieben  im Sinne der als national geschätzten oder verach-
       teten Gepflogenheiten  bringen moderne  Untertanen einen  Gutteil
       ihrer Lebenszeit  mit der  nur allzu  erfolgreichen Bemühung hin,
       ganz jenseits aller wirklichen regional besonderen Lebensumstände
       eine spezielle Borniertheit auszubilden, die ihren fatalen Wunsch
       in Erfüllung gehen läßt, aus freien Stücken Charaktermasken jenes
       nationalen "wir"  zu sein,  das sie mit wohligem Gruseln in ihrer
       Nationalhymne hochleben lassen.
       
       5.
       
       Die allem  kritischen Räsonnement  sehr leicht zu entnehmende Ab-
       sicht, das  eigene Selbstbewußtsein  mit der praktizierten Unter-
       werfung nicht  übermäßig zu  blamieren, ihr  also wenigstens  die
       Meinung zur Seite zu stellen, die von einem freien Willen zeugt -
       diese offensichtliche  V o r s p i e g e l u n g  eines gar nicht
       gewollten Beharrens auf dem eigenen Interesse bildet für den Bür-
       ger den  Ausgangspunkt für mancherlei  T a t e n  im Rahmen einer
       "Bewegung".  Denn  der  Widerspruch  zwischen  mehr  oder  minder
       lautstark verkündeter Unzufriedenheit und politischer Leisetrete-
       rei  fordert  ganz  konsequent  den  Vorwurf  heraus,  man  solle
       e n t w e d e r   die Schnauze  halten   o d e r   seine  Meinung
       durch "Engagement" glaubwürdig machen.
       Am Entschluß,  mit seiner  kritischen Einstellung zum Staat Ernst
       zu machen,  gibt es freilich nichts zu begrüßen. Es kommt nämlich
       sehr darauf  an, welche Sorte Unzufriedenheit in welcher Bewegung
       mit welchen  Zielen   d e n   "Gegensatz von  Theorie und Praxis"
       überwindet! Wenn selbstbewußte Staatsbürger und Nationalisten den
       Verfall ihrer  politischen Herrschaft  beklagen und  meinen, ihre
       ganze rechtschaffenheit  und Opferbereitschaft verdiene eine bes-
       sere Würdigung und Benutzung durch den Staat, so "engagieren" sie
       sich eben  in einem  faschistischen Verein, erklären sich aus dem
       zu laschen  und verkommenen  Staat so  ziemlich alles,  was ihnen
       mißfällt -  und werden  gewalttätige  Vorbilder  für  noch  nicht
       "engagierte" Volksfreunde. Wenn enttäuschte Staatsbürger ihre po-
       litische Herrschaft  an den  Ansprüchen  messen,  die  sie  ihren
       rechtschaffenen Untertanen  "eigentlich" zubilligt und "wirklich"
       vorenthält, so  ergibt das  einen "Kampf um Rechte", um Kaufkraft
       und Arbeiterkinder  an die Uni - also eine Bewegung, die sich dem
       "staatsmonopolistischen Kapitalismus"  entgegenstellt. Der Stand-
       punkt des  Bedürfnisses, dem die "Repression" des Staates die An-
       erkennung versagt, läßt sich auch zum Übergang vom bloßen Meckern
       zur "praktischen" Bewegung verwenden, und an dem "sinnvollen" und
       "alternativen" Leben  kann man  studieren, daß  aus praktizierter
       Opposition mitunter  eine neue  Sorte Zufriedenheit sowie ein Ge-
       schäftszweig wird.
       Ideologen    der    Demokratie    wollen    erstens    von    den
       U n t e r s c h i e d e n  nichts wissen, die sich da einstellen,
       wenn Kritik nicht theoretische Begleiterscheinung zur praktischen
       Unterwerfung bleibt;  denn der pure Unterschied zum Wohlverhalten
       reicht aus,  um die  "Weltanschauungen" der  Opposition  von  der
       "Vernunft" der  Demokraten zu scheiden. Zweitens ist dieser juri-
       stische Befund  zugleich sehr gut geeignet, das "abweichende Ver-
       halten" und  die "psychologischen  Dispositionen" als   G r u n d
       für die ganz und gar unverständlichen Praktiken verantwortlich zu
       machen, so  daß   p s y c h o l o g i s c h   die  demokratischen
       Grundlagen zum  Verschwinden gebracht  werden, die das außerdemo-
       kratische Spektrum ergeben.
       Schließlich wäre die Frage nach dem  S u m p f  d e s  T e r r o-
       r i s m u s   keine mehr,  wenn nicht nur die  v e r b r e c h e-
       r i s c h e   Natur der   A b w e i c h u n g   beschworen würde.
       Die heuchlerische  Aufforderung, sich  "zu engagieren",  mit  der
       insbesondere   politische   Handlungsreisende   die   Jugend   zu
       konstruktivem Mittun  bewegen möchten, nehmen Terroristen nämlich
       auf ihre  Art bitter  ernst. Auch  sind  sie  von  der  Idee  der
       Staatsmenschen, mit einer gerechten Gewalt lasse sich manch Gutes
       erreichen, ziemlich  angetan. Selbst  den Hinweis "Geht doch nach
       drüben!", der  von der demokratischen Sehnsucht nach angemessener
       Behandlung linker  Menschen zeugt,  haben sie  verstanden: manche
       Menschen "verdienen"  einfach die  Freiheit und anderes nicht. Da
       die Terroristen  "linker" Herkunft also keineswegs  z y n i s c h
       sind, sondern  die   W u c h t   d e r   M o r a l    gegen  ihre
       heuchelnden und  Gewalt immerzu  anwendenden  Nutznießer  wenden,
       werden  sie   zum  Anwalt   wie  zum   Techniker  ganz  erlesener
       Verbrechen, die  nicht aus  Eigennutz, sondern  fürs Volk  verübt
       werden.
       Die "rechten" Terroristen, die im Namen der Ordnung das Volk ver-
       urteilen und  ihr Urteil  wenig zimperlich vollstrecken, vervoll-
       ständigen den Reichtum der Alternativen, welche die demokratische
       Versöhnung von "Theorie und Praxis", Unzufriedenheit und Tatkraft
       aufweist. So  fehlt es  nicht an Gelegenheiten für echte Demokra-
       ten, die  ihre Unterwerfung für einen Zustand der Gewaltlosigkeit
       halten, über die "Gewalt als Mittel der Politik" zu erschrecken -
       wozu ihnen ja sonst und vor allem im Krieg keine Zeit bleibt.
       
       6.
       
       Bei ihren  Anstrengungen, die Kinder zu tauglichen Erwachsenen zu
       machen, gehen  Schule und  Elternhaus mit  dem Wissen und Können,
       das sie dem Nachwuchs vermitteln, überaus haushälterisch um - und
       bringen gerade so mit größter Sicherheit die korrekten Auffassun-
       gen und  Einstellungen des jugendlichen Verstandes hervor. In den
       Komplimenten von  Mutti und  Vati zum  leergegessenen Teller, dem
       bekanntlich das  schöne Wetter auf dem Fuß folgt, hört ein geleh-
       riges Kind schon bald die Botschaft heraus, daß es sogar beim Es-
       sen maßgeblich  auf den  Beweis einer Tugend ankommt, mit der der
       Mensch sich  die nächste "Vergnügung" zu  v e r d i e n e n  hat;
       bei deren  Abwicklung wiederholt  sich  dieselbe  Lektion.  Einem
       Schulanfänger bedeutet  es daher  in der Regel nichts Neues, wenn
       seine ersten Rechen- und Schreibkünste gleich in Form von Lob und
       Tadel gewürdigt  werden, also  als  Ausweis  jener  Tugenden  wie
       "Lernfähigkeit" und  "-bereitschaft", "Selbständigkeit im Denken"
       und "Gemeinschaftssinn",  die die  Entwicklungspsychologen längst
       theoretisch zu  den natürlichen  Determinanten des  in der Schule
       herangebildeten Geistes  erklärt haben. Mit der Anforderung, sich
       in Deutschaufsätzen  möglichst ungetrübt von jeglicher Sachkennt-
       nis über  beliebige Gegenstände  in der  Weise zu verbreiten, daß
       man ihnen  mit  einem  gelungenen  Anschein  von  Begründung  die
       höchstpersönliche Zu- und Abneigung erklärt, hat ein Schüler, der
       es gewohnt  ist, die  Betätigung seines Verstandes nicht als sol-
       che,    sondern    als    Bewährungsprobe    seiner    besonderen
       "Persönlichkeit" zu  verstehen und  ins Werk zu setzen, eben auch
       kein intellektuelles,  sondern allein  dieses  Bewährungsproblem.
       Die  Heranziehung  der  allmählich  reifenden  Persönlichkeit  zu
       "mitverantwortlicher Mitgestaltung"  des Schullebens ergänzt eine
       Herzens- und  Geistesbildung, die  es dem Verstand zur Gewohnheit
       macht, an  jeglichem ihm  vorgelegten Gegenstand  die Gelegenheit
       zur Demonstration  von  Kritik f ä h i g k e i t,    V e r a n t-
       w o r t u n g s bewußtsein  und      S e l b s t ä nd i g k e i t
       aufzuspüren,  also   das  Wissen   als  eine   Angelegenheit  der
       i n t e l l e k t u e l l e n   H e u c h e l e i   zu praktizie-
       ren.
       Die Subsumtion  des Lernens unter die Regeln der Kunst, zu dessen
       Gegenständen ein  gewichtiges   V e r h ä l t n i s  einzugehen -
       in der  Schule durchgesetzt  unter dem  Zwang der Notengebung von
       lauter verständnisvollen  Lehrern -,  erfährt so manche Verfeine-
       rung durch  die Einfälle der Kommunikationswissenschaft, die beim
       Denken und  Argumentieren die  verhandelte Sache und Bemühung des
       Begreifens und  Erklärens von  vornherein herausstreicht  und den
       schieren Umstand,  daß da  Sprache vorkommt  und Mitteilung  pas-
       siert, zum  Anlaß dafür nimmt, alle möglichen partnerschaftlichen
       Tugenden des wechselseitigen Fertigmachens zur "eigentlichen" Sa-
       che selbst  zu erklären - so daß man am Ende auch noch vom Tatbe-
       stand des Sprechens selber leichten Herzens abstrahieren kann. In
       die Tat  umgesetzt, führt  diese Verrücktheit zu allerlei erfolg-
       reichen Techniken,  jungen wie  älteren Menschen  ganz ohne Umweg
       über den  Schein einer  intellektuellen "Auseinandersetzung"  mit
       der Welt  die Illusion  anzugewöhnen, sie wären zur Verantwortung
       für den  Lauf der  Dinge aufgerufen.  Ganz zwanglos "erfährt" das
       Subjekt im   R o l l e n s p i e l  sich als potentiellen Kapita-
       listen, Arbeitslosen  oder Bundeskanzler  und gewinnt so eins auf
       alle Fälle: die Haltung eines tiefen Verständnisses für die Welt,
       als deren  Subjekt es sich fingiert. Und was den Blumenkindern im
       Kindergarten recht  ist, das  ist längst  den Studenten von heute
       billig.
       
       
       Paragraph 7
       -----------
       
       Die   W e l t   d e r   A r b e i t   ist für ein rechtschaffenes
       Subjekt nicht  einfach das  harte Geschäft des Erwerbs, in dem es
       allerlei Konditionen  vorfindet, die seinen Lohn zu einer äußerst
       fragwürdigen Sache  machen. Im  Beruf  b e w ä h r t  es sich mit
       all den  vermeintlichen und  wirklichen    F ä h i g k e i t e n,
       durch die  es sich auszeichnet. Die Pflicht ist ebenso akzeptiert
       wie die  Tatsache, daß  da gemessen und verglichen wird. Der Lei-
       stungs z w a n g,   der auf diese Weise an ihm durchgesetzt wird,
       verwandelt sich  für das  bürgerliche Individuum in eine Gelegen-
       heit  zur   Erprobung   seines   Leistungs w i l l e n s      und
       -vermögens.
       Allerdings verhindert der den Einsatz beflügelnde  E h r g e i z,
       der Wille  zur berechnenden Anstrengung auch nicht die matten Re-
       sultate, welche für den Großteil der Berufstätigen ein Leben lang
       die Mühsal  erneuern und  sie selbst recht bald alt aussehen las-
       sen. An  diesen Resultaten  findet der  Verstand, der sich in der
       Ideologie vom   g e r e c h t e n   L o h n  als Subjekt der Kon-
       kurrenz gebärdet,  eine noch weniger einträgliche Nebenbeschäfti-
       gung. Er kann, je nachdem wo der Mensch in der Hierarchie der ka-
       pitalistischen  Arbeitsteilung   gelandet  ist   -  und     a l s
       A r b e i t   z ä h l t  sogar das Regieren und Abhalten falscher
       Vorlesungen; eben  alles, was einen  B e r u f  ausmacht -, seine
       Stellung als Zufall, als Folge enormen oder mangelnden Fleißes im
       schulischen Leistungsvergleich,  als Konsequenz  der Unterschiede
       unter den Menschen oder, vom Standpunkt der idealisierten Konkur-
       renz, als  Unrecht deuten,  das mangelhaft verwirklichte Chancen-
       gleichheit sowie  Mißgunst ihm  zugefügt  haben.  Da  tritt  dann
       schnell die  D e m o n s t r a t i o n  von Fähigkeiten, oft auch
       ihre   V o r s p i e g e l u n g   neben das  Tagwerk - bis  B e-
       s c h e i d e n h e i t   Einkehr  hält  bei  den  Gemütern,  die
       wissen, daß aus ihnen nichts mehr wird.
       Die Stellung  in und  zur Konkurrenz modifiziert sich also erheb-
       lich gemäß  dem  L e b e n s a l t e r,  was mit dem biologischen
       Alter herzlich wenig zu schaffen hat. An der Kritik, mit der auf-
       sässige Jugendliche  mit Hilfe von Leistungsvergleichen, Reformi-
       deologien und Tatkraft ihr Recht auf ihr Fortkommen anmelden, ist
       freilich das  Ende schon  abzusehen -  die abfällige  und distan-
       zierte Besserwisserei  der Alten,  die sich "ihre Hörner abgesto-
       ßen" haben und der Jugend dazu raten.
       Wenn der  vereitelte Materialismus  von der  Unmöglichkeit  eines
       passablen Lebens,  das man  sich durch Arbeit verdient, überzeugt
       ist, kann  er aber auch einen anderen Weg einschlagen - vorausge-
       setzt, er  ist eben davon überzeugt, daß ihm einiges zusteht. Der
       Übergang zum   V e r b r e c h e n  ist das höhnische Urteil über
       die Gerechtigkeit  des Verhältnisses  von Lohn  und Leistung, das
       unter gewöhnlichen  Leuten aus  der Entbehrung  und  Erniedrigung
       folgt, unter  den höheren Chargen der Gesellschaft als Korruption
       und     "Wirtschaftskriminalität"      die     Raffinesse     des
       s c h n e l l e n  Weges zum Erfolg so einnehmend verkörpert, daß
       die Justiz in der Bewertung der Vergehen ausgewogen verfährt.
       
       1.
       
       Wenn sich  der Mensch selbst unter dem Gesichtspunkt seiner Tüch-
       tigkeit mißt,  sich nach dem Kriterium des redlich verdienten Er-
       folgs mit  anderen vergleicht  und das Ergebnis für eine wichtige
       Auskunft nimmt,  dann hat er die Konkurrenz ganz zu seinem Anlie-
       gen gemacht. Mit der Frage, ob ihm und anderen auch immerzu recht
       geschieht, gibt er nämlich dem Vergleich recht, der  m i t  i h m
       a n g e s t e l l t,   von dem sein Dasein praktisch abhängig ge-
       macht   w i r d.   Er nimmt den  Z w a n g,  sich nützlich zu ma-
       chen für  einen Reichtum,  dessen Mehrung  für das nützliche Men-
       schenmaterial die  Reproduktion der  Armut einschließt  und sogar
       die kontinuierliche Benützung gefährdet, als  A n g e b o t  wahr
       - und  will von   d e r  Alternative, die es gibt, nichts wissen:
       Wenn nämlich alles darauf ankommt, daß er und seinesgleichen sich
       ausnützen lassen,  dann haben  er und  seinesgleichen ja auch die
       Mittel in  der Hand, den Zwang zur Reproduktion ihrer Armut außer
       Kraft zu  setzen. Solange Arbeiter ihre Beanspruchung als Angebot
       und  Bewährungsprobe  für  ihren    L e i s t u n g s w i l l e n
       würdigen, sind  sie jedoch  nur darauf  aus, durch ihre besondere
       Nützlichkeit  ein  unwidersprechliches    R e c h t    auf  ihren
       L o h n   zu erwerben.  Sie messen  dann die Mühseligkeiten ihrer
       Arbeit und  deren Nutzen  nicht am Bedürfnis nach einem guten Le-
       ben; vielmehr gelten sie ihnen als Ausweis dessen, was sie "wert"
       sind. Die  Arbeit, die so mancher des öfteren verwünscht, ist ihm
       zugleich eine  Ehrensache, bei  der man  sich nicht  lumpen läßt,
       sein "Verdienst".  So als hätte er aus ureigenstem Bedürfnis her-
       aus die  Konkurrenz als  die menschlichste "Verhaltensweise" ent-
       deckt, macht er aus der Hierarchie der Berufe ein Betätigungsfeld
       für seinen   E h r g e i z,   und seine Mißerfolge werden ihm zum
       Grund dafür,  sich zu   s c h ä m e n  und nach  E n t s c h u l-
       d i g u n g e n  zu suchen.
       In der  Ideologie der nicht verwirklichten Chancengleichheit, der
       kritische Fans einer ausgleichenden staatlichen Gerechtigkeit an-
       hängen, geht  der Anspruch auf ein Recht auf Erfolg in die Offen-
       sive, die  allerdings nur bedingten Zuspruch einheimst. Ihrer Po-
       pularität steht  der Umstand  im Weg,  daß sie noch für jeden mit
       gelten soll,  an denen  sich der relative Wert der eigenen Person
       ermessen  läßt.   Sehr  zu   Recht  ist   das  ganze  Getue  eine
       bildungspolitische Position  geblieben,  die  sich  auch  in  der
       fortschrittlichen  Umweltpädagogik   gegen  die   Begabungs-  und
       Genfront aufbläst. Inzwischen stehen Forderungen nach Solidarität
       (der Schwachen  natürlich!) höher  im Kurs, und Theorien über die
       Unausweichlichkeit gewisser  persönlicher Niederlagen haben ihren
       Reiz  nie   eingebüßt,  wie   die  in  sämtlichen  Massenblättern
       florierende Kunst der Sterndeutung beweist.
       Befriedigter Ehrgeiz  macht weit geringere ideologische Umstände.
       Gerade im akademischen Leben, wo eine gehörige Verachtung von Ti-
       teln und des "Aussagewerts von Prüfungen" guter Ton ist - zu sei-
       nen eigenen  Prüfungen hat  noch jeder  habilitierte einen Scherz
       beizusteuern -, gilt andrerseits die Gleichung von Erfolg und in-
       dividueller Tüchtigkeit  ohne Einschränkung.  Aus den bestandenen
       und honorierten  Prüfungen leitet  noch der letzte Idiot eine au-
       ßerordentlich gute  Meinung von  sich ab; sogar wenn er irgendwie
       mitbekommen hat, daß er nichts weiß.
       
       2.
       
       Als Virtuose in der Kunst, haargenau  d a s  zu wollen, was ihnen
       z u s t e h t,   entdecken bürgerliche  Einzelkämpfer    s i c h,
       ihre Tüchtigkeit  als den  einzig zulässigen Maßstab ihres Erfol-
       ges. Sie treten für Gerechtigkeit als Prinzip ein, das  i h n e n
       zu widerfahren  hat, beharren also darauf, daß ihr Verdienst sich
       an dem  bemessen soll,  was sie  an Leistungen  bringen. Wie  von
       selbst stoßen  sie dabei  auf die  Hierarchie der  Berufe, in der
       manches vorkommt,  nur nicht die Proportionalität von Anstrengung
       und Nutzeffekt  im Arbeitsleben. Das erschüttert jedoch nicht die
       irrigen Vorstellungen  bezüglich des Vergleichs von Lohn und Lei-
       stung, dem  man sich zu stellen wünscht. Einerseits läßt sich das
       Ideal des  gerechten Lohnes  dazu hernehmen, um über Ungerechtig-
       keiten aller  Art zu  klagen, andererseits fordert es zu Vorstel-
       lungen heraus,  die als   E r k l ä r u n g   für die Stellung in
       der Hierarchie  der gesellschaftlichen Arbeitsteilung taugen. Wer
       sich selbst  als   M i t t e l   für den Erfolg zu betrachten ge-
       lernt hat,  dem ist  auch die  "Einsicht" geläufig, daß er - auf-
       grund mangelnder Fähigkeiten, die sich bereits im Durchgang durch
       die Ausbildungsinstanzen  bemerkbar gemacht  haben - das Zeug für
       manche höheren  Tätigkeiten einfach  nicht hat, ebenso wie andere
       zu seinem  Handwerk einfach nicht das Nötige mitbringen: Neid und
       Überlegenheitsgebaren, Bescheidenheit und Stolz erledigen die Be-
       antwortung der Frage, warum man ausgerechnet an der Stelle steht,
       die man  einnimmt. Die  unterschiedlichen "Fähigkeiten"  der Men-
       schen legitimieren die Hierarchie, und aus den an sich vorfindli-
       chen Qualitäten  gilt es  das Beste  zu machen.  Von der willigen
       Ä u ß e r u n g   der Fähigkeiten  hängt es nämlich auch noch ab,
       was  man   gewinnt  -   eine  Entscheidung   des   selbstbewußten
       "Mitarbeiters", welche  die tatsächlichen Subjekte des Vergleichs
       in der  Arbeitswelt sehr zu schätzen wissen. Denn um sich Gerech-
       tigkeit widerfahren  zu lassen,   b e m ü h t   s i c h  ja jeder
       einzelne; er  streitet ja  nicht um  das  M a ß  seiner Leistung,
       sondern bringt  sie in  der Überzeugung,  daß ihm die Anstrengung
       auch gelohnt wird.
       So sind  kapitalistische Fabriken  und Büros voll von Leuten, die
       im Lohnsystem  nur eine  einzige Abfolge von Anlässen sehen, ihre
       Fähigkeit  und   Brauchbarkeit    u n t e r    B e w e i s    z u
       s t e l l e n - und diesen Beweis, wo er den entscheidenden Stel-
       len nicht auffallen will, zur Kenntnis zu bringen. Daß der Wille,
       sich in der Konkurrenz mit anderen durchzusetzen, gleichbedeutend
       mit Unterwerfung  ist, wird  im bewußten  Antreten zum  Vergleich
       sinnfällig:
       - da bemühen sich die einen, ihre Qualitäten als Facharbeiter de-
       monstrativ dem Meister vorzuführen, und betteln durch den Hinweis
       auf Nachlässigkeiten anderer um Berücksichtigung bei der nächsten
       Vergabe von Chancen;
       - da  zeichnen sich andere durch freiwillige Zusatzleistungen vor
       demselben Meister  aus, ergänzen  ihre Anstrengung durch gezielte
       Sympathiebezeugungen und vertrauensbildende Freizeitgestaltung;
       - wieder  andere halten sich viel darauf zugute, wie sehr sie be-
       lastbar sind; in Akkordabteilungen gibt es "gute" und "schlechte"
       Arbeitsplätze, so  daß man  im Verschleiß  seine  Befähigung  zum
       brauchbarsten Akkordlöhner nachweisen kann;
       - und zu den Flugblattverteilern sagen immer noch die meisten Ar-
       beiter, sie  sollten lieber  arbeiten gehen  - ein Unterwerfungs-
       kunststück, durch  das sich Proleten das Lob sämtlicher Politiker
       zuziehen.
       
       3.
       
       Wer sich  im Berufsleben  der unteren  und zahlreichen Kategorien
       der "Werktätigen"  bewähren will,  kommt um schlechte Erfahrungen
       der härtesten  Sorte nicht  herum. Verständlich  daher die  dumme
       Sitte, zwischen den "gewöhnlichen" Zeiten des Lohnarbeiterlebens,
       in denen  Lohn und  Gesundheit die regelmäßige Abwicklung des Ar-
       beitsvertrages gestatten,  von den  "schlechten Zeiten" zu unter-
       scheiden.   R e l a t i v   zu früher und anderen fällt die Rech-
       nung Einsatz-Ertrag  auf alle Fälle positiv aus, und wenn gewisse
       Verschlechterungen  gegenüber  den  letzten  Jahren  unübersehbar
       sind, gilt  es eben,  den Vergleich anders zu arrangieren: gegen-
       über anderen stimmt auch dann die Beschwichtigung der eigenen Un-
       zufriedenheit. Mit dem Spruch "Uns geht's gut!" bestätigt sich so
       mancher Prolet,  daß er  nichts verkehrt gemacht hat, also recht-
       schaffen bleiben will.
       Sooft einem Arbeiter mit solcher Einstellung eine zusätzliche Be-
       lastung aufgehalst  wird, bequemt  er sich zu kritischen Sprüchen
       des Kalibers "Mit uns können sie's ja machen!", die durchaus ihre
       Fortsetzung in  verächtlichen Bemerkungen  über den  "Profit  der
       Bosse" finden  können -  was freilich beides nichts mit dem Klas-
       senbewußtsein und  dem Kampfeswillen  zu tun  hat, den  Linke nur
       allzuleicht ausmachen.  Wenn  die  Betriebsleitung  neue  Sonder-
       schichten und  Überstunden, dann  auch wieder Kurzarbeit und Ent-
       lassungen verordnet, so stellt sich hierzulande kein Klassenkampf
       ein, sondern  eine öffentliche und sehr rechtliche Debatte, ob es
       denn wirklich  unausweichlich sei.  Die  Gewerkschaften  und  Be-
       triebsräte   b e s t ä t i g e n   die Zumut b a r k e i t   oder
       bestreiten sie  auch, was  in beiden  Fällen auf dasselbe hinaus-
       läuft - und verschaffen in ihrer "Mitsprache" der Unzufriedenheit
       die verdiente und offizielle Anerkennung. Deswegen werden sie auf
       Betriebsversammlungen beklatscht!
       Dieser Umgang  mit den Zumutungen beim Verdienst des Lebensunter-
       halts    wird     auch     nicht     aufgegeben,     wenn     die
       K o n s e q u e n z e n   der Bereitschaft,  sich so nützlich wie
       möglich zu  machen, als Bestandteil der Unfall- und Krankenstati-
       stik auftauchen.  Daß es  sich dabei  um ein  "Un-glück" handelt,
       steht nämlich  nicht wegen der einschlägigen Sprachregelungen au-
       ßer Zweifel;  diese sind ja nur Folge einer Betrachtungsweise, in
       der nicht  unmittelbarer Zwang,   s o n d e r n  der haushälteri-
       sche Umgang  des arbeitenden  Subjekts mit  den "Sachzwängen" des
       betrieblichen Funktionierens  dafür verantwortlich  gemacht wird,
       was aus  einem wird. Daß es seine  F e h l e r  sind, die manchem
       die Gesundheit  kosten, ist  jedenfalls die  geläufigste Vorstel-
       lung, die  auch schön  zur Klärung  der Schuldfrage  herangezogen
       werden kann. Arbeitslose kriegen ja auch moralische Probleme, und
       wenn sie  selber sich  keiner Schuld  bewußt sind  und sich nicht
       gleich für  den nächsten  angebotenen Job  zur Verfügung stellen,
       machen ihnen  ihre per Versicherung zwangsassoziierten Kassenbrü-
       der schon  einmal die Rechnung auf. Ob sie wirklich  w o l l e n,
       ist da  schnell die  Frage - und allen leuchtet wider alle Erfah-
       rung   ein,    daß   Arbeitslosig k e i t       ein   politisches
       P r o b l e m   ist, auf  keinen Fall  jedoch die unausweichliche
       Folge sparsamen Umgangs mit Lohnkosten.
       So stellen  sich die  Opfer der  kapitalistischen Akkumulation in
       mancherlei Deutungen  ihres Lebensweges  darauf ein,  daß sie die
       "variable Größe"  des Geschäfts mit seinen Konjunkturen sind: sie
       sehen es  als ihre  P f l i c h t  an, dieser ihrer Bestimmung zu
       genügen,   indem   sie   sich   auf   den   "Arbeitsmarkt",   die
       "wirtschaftliche Lage"  der Nation  und  den  "technischen  Fort-
       schritt"  e i n s t e l l e n.  Die Sozialwissenschaften haben in
       ihren Theorien  unter gewerkschaftlicher  Anteilnahme diese  Ein-
       stellung zum  Ideal erhoben:  Flexibilität, Mobilität und lebens-
       langes Lernen befürwortet heute jeder Student ab dem 2. Semester.
       
       4.
       
       Den Zwängen  der Konkurrenz  gehorchen die  Individuen, indem sie
       dem   I d e a l  i h r e r  B r a u c h b a r k e i t  hinterher-
       rennen. Sie  führen sich  auf, als  wären sie  tatsächlich  ihres
       Glückes Schmied, was der erfolgreichen Minderheit ausgiebig Gele-
       genheit verschafft,  aus Amt  und Reichtum  ein flottes Selbstbe-
       wußtsein abzuleiten.  Sie stehen positiv zu sämtlichen Veranstal-
       tungen der  Konkurrenz, weil  sie es  geschafft haben; sie führen
       sich selbst  als Beweis  dafür an,  daß auch  kann, wer will. Sie
       setzen nicht  ohne Anklang  darauf, daß  ihnen ihr  Erfolg  recht
       gibt, und  sie lassen  die blödesten  Bemerkungen über Marktwirt-
       schaft, Elite,  verderblichen  Zeitgeist,  Begabung  und  Umwelt,
       Masse und  Gerechtigkeit vom Stapel. Die erfolglose Mehrheit darf
       sich -  so sie sich nicht auf die Wahrheit der Konkurrenz besinnt
       - aus  den Reihen der  v e r d i e n s t v o l l e n  Figuren aus
       Wirtschaft, Politik und Kultur ihre  V o r b i l d e r  zusammen-
       suchen und  ihre eigene  Stellung in der Welt kritisch oder resi-
       gnativ deuten. Dabei steht immer das Ideal der gelohnten Tüchtig-
       keit Pate,  wenn die   E r f a h r u n g   zum Argument wird: sie
       ist nämlich  nur dann  eines, wenn  eine gemeinsame Anschauung an
       dem, was mit Erfahrung "begründet" wird, nie  W i s s e n  um die
       Zwecke und Gesetzmäßigkeit der Gesellschaft, der man sich dienst-
       bar unterwirft.  Jedem "lehrt" seine Erfahrung eine Moral von der
       Geschicht', und  mit dieser gewappnet präsentiert er sich als je-
       mand, dem  man nichts  (mehr) vormachen  kann, auch  wenn er  die
       größten Idiotien  von sich  gibt. Zuversicht allerdings läßt sich
       auch schöpfen, und nicht einmal nur von denen, die gute Erfahrun-
       gen gemacht  haben. Von ihnen kann man nämlich lernen, wie man zu
       etwas kommt,  und diese Erfahrungen der nachwachsenden Generation
       mit auf  den Weg  geben. Eltern entnehmen dem Ungemach ihrer Kar-
       riere prinzipiell sehr handfeste Anweisungen für ihre Kinder, die
       es einmal besser haben sollen.
       Aus dem an jede Erfahrung von Kindesbeinen an angelegten Maß, aus
       dem Blickwinkel  der   B e s o n d e r h e i t,   die sich um das
       i h r  Z u s t e h e n d e  müht, werden umgekehrt je nach Erfah-
       rung modifizierte  Einstellungen zur Welt, durch die sich die Ge-
       nerationen unterscheiden  und aufeinander losgehen.
       Die  J u g e n d, die immerzu mit dem Hinweis traktiert wird, wie
       sehr es  vom einzelnen abhängt, was aus ihm wird, beherzigt diese
       Lehren unter  dem Zwang des Elternhauses und der staatlichen Aus-
       bildungsinstitutionen. Der  Idealismus der  eigenen Zukunft,  des
       Berufs, den  man "wählt"  und  von  der  Berufung  nicht  trennen
       möchte, die Illusion, der eigene Werdegang habe ein solides Stück
       Weltverbesserung darzustellen - all das macht für viele Jugendli-
       che ihre  Zurichtung zu  brauchbaren Erwachsenen  zu einer regel-
       rechten   S i n n s u c h e.   Diese kommt  als Folge  der unaus-
       weichlichen Enttäuschungen  nicht etwa  zum  Stillstand,  sondern
       richtig in Schwung. Neben der sich fügenden Mehrheit gibt es eine
       Minderheit junger  Leute, die  sich fügt   u n d   "sozial  enga-
       giert". Die  eigenen Ideale beflügeln sie zur Entdeckung zahlrei-
       cher Ungerechtigkeiten,  die sie  der Welt vorrechnen und sich so
       sehr zu  Herzen nehmen,  daß sie sich vornehmen, nie so zu werden
       wie die Erwachsenen. Sie versteigen sich sogar zur Verachtung der
       älteren Menschen,  aber nicht  deswegen, weil  sie sich  bei  der
       Durchsetzung ihrer  Interessen ein Leben lang verkehrt anstellen,
       sondern weil  sie erstens  von Idealen  nichts (mehr)  halten und
       zweitens die Jugend partout nicht als Sonderfall behandelt wissen
       wollen. Respekt  wird den außergewöhnlich Erfolgreichen entgegen-
       gebracht, die  sich als  wandelnde Bestätigung der eigenen Träume
       anbieten. Stars  der Fußball-, Show- und Politszene kürt sich die
       Jugend zum  Vorbild, weil  in ihnen und ihren dummen Sprüchen die
       besondere Persönlichkeit  so unverkennbar  zum Zuge gekommen ist.
       Das imitierende  Selbstbewußtsein ist  zwar  ein  kleiner  Wider-
       spruch, aber  einer mit großer Verbreitung, weil die Jugendlichen
       erst noch  verdienstvolle Persönchen   w e r d e n   müssen, sich
       ihre belohnte  Integrität als  künftige  v o r s t e l l e n  und
       dabei die  wirklichen Tugendbolzen  und Arrivierten zu Hilfe neh-
       men; die  Pflege der  eigenen Besonderheit,  das Bestreben, seine
       Ideale und  hohen Vorhaben  von der Welt  a n e r k e n n e n  zu
       lassen,  zieht   gerechterweise  den   Verdacht  auf  sich,  eine
       P h a s e   der Entwicklung  zum Erwachsenen  darzustellen.  Denn
       entweder sind  die  Vorstellungen  eines  besseren  Weltzustandes
       i l l u s i o n ä r,   was man  durch die "Erfahrung" der eigenen
       Karriere lernt,  oder das  Bild von der künftigen Karriere ist so
       r e a l i s t i s c h    gewählt,  daß  sich  der  rechtschaffene
       Mensch schon abzeichnet, der an "seinem" Platz sein Soll erfüllt.
       Gewöhnlich hat  man es  mit beidem  zu tun, so daß der Idealismus
       als falsches Bewußtsein von der Welt und für das Zurechtkommen in
       ihr sein  Werk tut. Dem widerspricht auch nicht die Tatsache, daß
       heute, wo die Konkurrenz in der Ausbildung die Chancen der jungen
       Leute sehr  sinnfällig knapp  hält, ein hübscher Teil jedes Jahr-
       gangs ausflippt, bevor er einflippt, und in allerlei bewegten Mo-
       den als  Ausnahme und  spezieller "Problemfall"  der Gesellschaft
       respektiert sein möchte.
       Die   E r w a c h s e n e n   haben sich in der Routine ihres Be-
       rufs-, d.h.  Erwerbslebens eingerichtet und leisten sich nur noch
       in den höheren Chargen der Hierarchie der Arbeiten die Einbildung
       von einem  bedeutenden Beitrag,  den speziell  sie  dem  sozialen
       Fortschritt engegenbringen.  Ansonsten beschränken  sie sich dar-
       auf, wenigstens von den Jüngeren, die noch nichts Gescheites lei-
       sten,   A n e r k e n n u n g   zu verlangen.  Ihre Brauchbarkeit
       i s t   die ihnen vertraute Leistung, auf die sie sich immer dann
       etwas zugutehalten, wenn sie mit Kritik konfrontiert werden. Wenn
       sie sich  gelegentlich als "die Deppen" hinstellen, mit denen die
       anderen ihre Geschäfte machen, so ist das nicht im Geringsten als
       Aufbegehren gemeint;  eher schon  als Hinweis darauf, daß man die
       Herkunft der  eigenen Tugend aus der Not, die einem andere berei-
       ten, für die "Vernunft" des Gehorsams plädieren läßt. Und je län-
       ger Erwachsene  in ihrem  Beruf tätig  sind, desto stärker hausen
       sie sich auch in der Borniertheit, die ihnen auferlegt wird, ein.
       Den Verschleiß  der eigenen Physis nehmen sie als Folge ihres Al-
       ters hin,  der Vergleich  mit anderen,  zu dem sie mit 20 so tat-
       kräftig angetreten  sind, verliert  ebenso seinen Stachel wie das
       Streben nach  Befriedigung und  Ehre. Die Beurteilung der eigenen
       Stellung in  der Konkurrenz erschöpft sich in der stereotypen Äu-
       ßerung von Unzufriedenheit und Enttäuschung, die nur durch ebenso
       stereotype Übungen unterbrochen wird, daheim und am Biertisch, in
       denen man  sich selbst bescheinigt, daß man sich nichts vormachen
       und nachsagen  zu lassen  braucht. Die  per Unfall  und Krankheit
       vorzeitig Ausgemusterten beschleunigen den Ruin ihrer Intelligenz
       gewöhnlich durch "Trost" im Alkohol, der sich schon als ständiger
       Begleiter   des   stumpfsinnigen   Arbeitslebens   bewährt.   Das
       A l t e r   zeichnet sich  dementsprechend durch  den Reichtum an
       Erfahrung und die Armut an Gedanken aus. Alte Leute gebärden sich
       als Menschenkenner,  die sich viel darauf zugutehalten, aber auch
       wirklich alles  schon mitgemacht  haben, raten Jugendlichen, sich
       nicht zu viel einzubilden, verstehen die nachfolgenden Generatio-
       nen partout  nicht und erweisen sich mit ihren abwinkenden Gesten
       voll der  Verachtung wie  des ebenso  grundlosen Respekts würdig,
       mit dem  sie herumgeschubst  werden. Die  besser Erhaltenen unter
       ihnen bringen es zu Memoiren mit der trostlosesten Lebensphiloso-
       phie über  ihre Erfolge,  und in  einfacheren Kreisen erzählt der
       Opa sämtlichen  Enkeln seine Kriegserlebnisse. Ansonsten versteht
       er die  Welt nicht  mehr, beschwört die Zeiten, wo eine Mark noch
       eine Mark  wert war,  und erweist sich samt seiner Rente als stö-
       rend, weil  unbrauchbar. Und  wenn die  Berechnungskünste älteren
       Leuten noch nicht ganz abhanden gekommen sind, suchen sie die ih-
       nen entgegengebrachte  Verachtung durch  ganz viel demonstratives
       Verständnis für  den Wandel  der Zeiten und die jüngeren Leute zu
       mindern.
       
       5.
       
       Wo die  Produktionsweise einen  Gegensatz von  Armut und Reichtum
       garantiert, der  im Schutz  des  Privateigentums  festgeschrieben
       wird, erfreuen  sich Diebstahl,  Unterschlagung, Raub  etc. einer
       gewissen Beliebtheit, was wiederum eine dauerhafte Regelung durch
       die staatliche  Gewalt mit ihren Gesetzen und Strafverfolgungsbe-
       hörden erforderlich  macht. Ohne einen Mangel, dem auf zulässigen
       Wegen nicht  abzuhelfen ist, ohne Reichtum auf der anderen Seite,
       an dem  auf unzulässige  Weise immerhin  heranzukommen ist - ohne
       staatlich durchgesetzte  Trennung zwischen  individuellen Bedürf-
       nissen und  gesellschaftlich vorhandenen  Mitteln bräuchte jeden-
       falls niemand zu betonen, daß sich "Verbrechen nicht lohnen".
       Wer einen der zahlreichen Wege des illegalen Erwerbs beschreitet,
       ist deswegen  aber noch  lange kein  Kritiker jener Verhältnisse,
       die das  gedeihliche Nebeneinander  von Not  und Überfluß sicher-
       stellen. Bei  den zahlreichen  und im  Justizwesen fest einkalku-
       lierten Gesetzesbrechern handelt es sich vielmehr um eine Minder-
       heit von  rechtschaffenen Leuten,  die sich von der Mehrheit bloß
       durch eines  unterscheiden: sie  machen ihr Bewußtsein, ungerech-
       terweise zu  kurz gekommen  zu sein, nicht bloß zum Anlaß für be-
       trübte und  beleidigte Kommentare, sondern für praktische Korrek-
       turen am Ablauf der Dinge - ihre Entschuldigungsgründe lassen sie
       in die  Offensive gehen,  was dem  Recht als "mildernder Umstand"
       vertraut und  der Öffentlichkeit als Argument immer dann geläufig
       ist, wenn bei den stattgefundenen Verbrechen kein solcher Umstand
       glaubhaft gemacht  werden kann. Meist wird also "ohne unverschul-
       dete Notlage"  gestohlen, und  wegen 20.- DM haut man doch keiner
       Oma den Schädel ein.
       Denn dafür, daß da gewisse Leute tatsächlich Ernst machen mit ih-
       rem Glauben  an ein Recht auf größere materielle Erfolge und sich
       dafür übers  wirkliche Recht hinwegsetzen, darf unter den Fanati-
       kern eines guten Gewissens kein allzu inniges Verständnis aufkom-
       men. Zumindest hat dem klammheimlichen Eingeständnis, daß der Bö-
       sewicht doch  nur tut, was man sich selber nicht traut, die Empö-
       rung darüber  zu folgen, daß der Verbrecher mit der Freiheit, die
       er sich  nimmt, die  Gesetzestreue, an  die man sich selbst hält,
       als Dummheit  desavouiert. Und während man als "kleiner Mann" ge-
       wisse groß  dimensionierte "Wirtschaftsverbrechen" noch dem Kapi-
       tel allgemeiner Ungerechtigkeit auf Erden zurechnen mag und an so
       manchem Profi (im Kino und per Illustrierte) die Gerissenheit be-
       wundert, gilt  einem der  Rechtsbruch des gleichrangigen Nächsten
       um so  entschiedener als  Untat, zu  der  man  selbst  gar  nicht
       "fähig" wäre, die also die innere Schlechtigkeit des Untäters of-
       fenbart. Für  die  Erfindung  einer  naturhaften  und/oder  durch
       "Umwelt" angeregten kriminellen Energie im Menschen - für psycho-
       logische Betrachtungen des Verbrechens, in denen nicht einmal das
       Recht vorkommt  - ist  das Publikum  sehr aufgeschlossen, solange
       seine genußvolle Entrüstung nicht darunter leidet. Aber auch ganz
       ohne umständliche  Deutungskunststücke finden rechtschaffene Men-
       schen noch  zum massenhaften  Ladendiebstahl die  Erklärung: "Den
       Leuten geht es zu gut!"
       
       
       Paragraph 8
       -----------
       
       Was  eine  objektive  Betrachtung  der    P r i v a t s p h ä r e
       schnell entdeckt:  daß sie  eine sehr  m i t t e l-mäßige Angele-
       genheit darstellt  für die  meisten Leute  - ökonomisch: Lohn und
       Qualität der  Arbeit verweisen  auf Re-produktion der brauchbaren
       Individualität; politisch:  der Sozialstaat  regelt per Zwang die
       "Selbsthilfe", ohne  ihren "Erfolg"  sicherzustellen -,  ist  dem
       subjektiven Blick  des rechtschaffenen  und  gedeckelten  Bürgers
       eine  kleine   Lüge  wert.   Er  lebt   dem    I d e a l    d e r
       K o m p e n s a t i o n   und sieht  sich berechtigt,  in  seiner
       Freizeit und  seiner individuellen "Verantwortung" anheimgestell-
       ten Genüssen  und  Beziehungen  seinen    e i g e n t l i c h e n
       L e b e n s i n h a l t   zu küren.  Zumindest    s c h a d l o s
       halten will er sich in dem Bereich, der bis auf ein paar staatli-
       che   Schranken    und   die   des   Geldbeutels   von   völliger
       F r e i h e i t  voll ist.
       Hier sucht  jeder, seinen eigenen Maximen und Bedürfnissen zu le-
       ben, so  daß dieser Versuch schon zum Zeugnis dafür wird, daß die
       Privatsphäre nichts anderes darstellt als die in der bürgerlichen
       Welt eröffnete  S p h ä r e  d e s  G l ü c k s.
       Kein Wunder,  daß die  einschlägigen Genüsse  der hohen Erwartung
       nicht ganz  gerecht werden. Auf der einen Seite mindert das Uner-
       läßliche,  das   man  sich  leisten    m u ß,    den  Anteil  von
       "selbstbestimmten" Ausschweifungen  der Individualität,  die  man
       sich noch leisten  k a n n,  so daß jeder Akt des Konsums dreimal
       überlegt zu werden hat. Was man sich dennoch zu Gemüte führt, er-
       weist sich oft als unverträglich mit dem, was der Beruf aus einem
       gemacht hat,  was den  Mäßigkeitsstiftern vom Gesundheitsministe-
       rium bis zu den Ökologen so Freude macht: Sie beziehen daher ihre
       Belege fürs  ungesunde Leben.  Andererseits hält  auch die zweite
       große Freiheit, die auch nur die beiden bereits erwähnten Schran-
       ken   kennt,    die    im        V e r h ä l t n i s        d e r
       G e s c h l e c h t e r,  dem  R e c h t s a n s p r u c h  a u f
       G l ü c k   nicht stand.  Der Irrtum,  daß in  der Welt der Liebe
       Platz sei  für  die  freie  Betätigung  der  Individualität,  daß
       der/die andere  zum Lieben  und Geliebtwerden  d a  sei, wird als
       Forderung geltend  gemacht   u n d   logischerweise  bitter  ent-
       täuscht. Wie sollte auch eine gefühlsmäßige Beziehung auf ein Ex-
       emplar des  anderen Geschlechts  fähig sein, die Unkosten zu kom-
       pensieren, die  man sich  sonst ständig  einhandelt. Der hohe An-
       spruch, der  immer im Pochen auf Dienste, Opfer und unverbrüchli-
       che Treue  und Beglückung  hinausläuft; das grundlose, dafür aber
       sehr prinzipielle  Verlangen nach  immerwährendem Verständnis ga-
       rantiert die  kleinen und  großen Katastrophen,  nach  denen  die
       einen das Bewußtsein ihrer eigenen Vortrefflichkeit erneuern, die
       anderen Abschied  davon nehmen.  Die Verbrechen  der dritten  Art
       verdanken sich eben dem Urteil, daß man sich sein Glück nicht von
       dem klauen  läßt, der es gewährleisten soll; und diese Verbrechen
       gibt es  unabhängig von  der Hierarchie  der Berufe  und Klassen,
       weil der Chimäre des Glücks überall nachgejagt wird.
       
       1.
       
       Der traurigen  Wahrheit, daß  es sich  in der  Ausgestaltung  der
       Freizeit durch  Konsum, Unterhaltung und sehr "persönliche Bezie-
       hungen" bei  den meisten Leuten um Re-produktion handelt, wird so
       schnell niemand  zustimmen. Da  entdeckt noch  jeder seine  Hand-
       lungsfreiheit und  will erst  einmal gar nicht über die beschrän-
       kungen reden,  denen er  auf Schritt  und Tritt  begegnet:    i m
       V e r h ä l t n i s   z u   den Regeln  am Arbeitsplatz,  den ge-
       schriebenen und ungeschriebenen, eröffnet ihm ja die Privatsphäre
       ein wahres Eden der individuellen Improvisationskunst. Sowenig es
       allerdings auf dieses ideell hergestellte Verhältnis zwischen Ar-
       beits- und  Privatleben ankommt, so hart macht sich die wirkliche
       Beziehung geltend,  die zwischen  den beiden Sphären besteht. Auf
       sehr originelle Art zunächst bei den herrschenden Klassen und der
       Intelligenz; bei denen, die ihr Geld arbeiten lassen und sich mit
       Terminen bezüglich  lohnender Entscheidungen bis zum "Streß" mar-
       tern, die  von einer Repräsentierpflicht zur anderen hetzen, sind
       sowohl die  Termine als  auch die  Vergnügungen mit Extravaganzen
       gewürzt, wobei  die Genüsse nie scharf genug sein können. In die-
       ser Szene  bewährt sich  der Geschmack von Leuten, denen auch das
       Ordinärste recht  ist, um  Amt, Macht  und Überfluß  als der vor-
       trefflichen Privatperson  zukommende Attribute zur Schau zu stel-
       len. Wo  Geld keine  Rolle spielt,  ist von der feinen englischen
       Club-Sitte bis  zur Edelprostitution  alles vorhanden,  auch  das
       Künstler- und  Intellektuellenpack gibt sich da ein Stelldichein,
       sofern es  in die  Ränge der  Prominenz aufgestiegen ist. Die ge-
       wöhnlichen Intellektuellen, vom Studienrat über den Verlagslektor
       bis zum  Professor leben  unterdessen den Verrücktheiten, die sie
       im Namen  des Geistes  an den  Stätten ihres  beruflichen Wirkens
       vertreten. Sie  pflegen in ihrem Kreis ihr Ich, führen Diskussio-
       nen, in  denen kein  richtiger Satz  vorkommt, dafür  aber  viele
       Ideen, die ihre Sensibilität für Genüsse der höheren Sorte offen-
       baren. Gleichgültig  gegen alles in Ökonomie und Politik, was den
       Lauf der  Welt einschließlich  ihres Gewerbes    b e s t i m m t,
       moralisieren sie  in den  höheren Gefilden ihrer Weltanschauungen
       herum und  bringen es  dank ihrem universitär geschultem Verstand
       zum  G e n u ß  sämtlicher in irgendein Kunstwerk verpackten Phi-
       losophien von  den letzten  Gründen und  höchsten Tugenden.  Ihre
       Liebhaberei feiern  sie lässig  als Ausweis  ihrer  Kennerschaft,
       worunter sie  nie die  Erkenntnisse eines Trumms aus der Welt des
       Geistes meinen,  sondern die  Kunst, für  sich etwas  Gewichtiges
       herauszunehmen, wenn sie Albernes hineindenken.
       Was  sie   sich  da   herausnehmen,  ist  die  ihnen  konzedierte
       F r e i h e i t   d e s  G e i s t e s,  mit der sie sich die be-
       rufsmäßig erlernten und gelehrten Ideologien zum Instrument ihrer
       als aufregend empfundenen Entdeckungsreisen zunutze machen - denn
       nur   s o   entstehen bei  der Lektüre von Thomas Mann und Freud,
       Günter Grass  und Erich  Fromm, Peter Scholl-Latour und Kant jene
       Genüsse, auf deren Durchleben sich so viel eingebildet wird.
       Leider sorgt  das Verhältnis zum Berufsleben, das dem Privatleben
       der arbeitenden Klasse einbeschrieben ist, dafür, daß denen nicht
       nur das Organ für die  e x k l u s i v e n  S p i n n e r e i e n
       der avancierten  Menschen fehlt.  Der Kreis  der Notwendigkeiten,
       der sich  aufgrund der segensreichen Wirkungen der kleinen Zirku-
       lation, zu  der gewöhnliche Leute allein Zutritt haben, eines ge-
       waltigen Teils des Konsumentendaseins bemächtigt; die zerstöreri-
       schen "Begleit"erscheinungen  der Arbeit  selbst auf  der anderen
       Seite -  Lohn und Leistung eben tun ihr Werk in bezug auf die in-
       dividuelle Ausgestaltung  der privaten Freiheit. Das heißt nicht,
       daß Proleten auf die Entscheidung verzichten müssen, die den Kun-
       den zum  König macht  - sie  werden sogar  zu   b e s o n d e r s
       b e w u ß t e n   Konsumenten, zu  Leuten, denen  aus gutem Grund
       die gekauften  Genüsse überhaupt   n i c h t   g l e i c h g ü l-
       t i g   sind. Sie  sparen beim  Kaufen, weil  die bunte Warenwelt
       sehr viel  an Sachen  bereithält, die "nicht unbedingt" notwendig
       sind, nach  denen man  aber sehr  wohl  ein  Bedürfnis  hat.  Die
       Scheidung  der   Sachen  des   täglichen     B e d a r f s    vom
       L u x u s,  die besitzenden Menschen gar nicht in den Sinn kommt,
       wird hier zur Gewohnheit. Man hat schließlich ehrlich gearbeitet,
       sich nicht  zu knapp  geplagt und will  d a f ü r  auch etwas vom
       Überfluß merken, der überall herumsteht in den Schaufenstern. Der
       einem von  der Werbung  sogar als  das offeriert  wird,  was  man
       s i c h  l e i s t e n - kann und darf und soll!
       Das Ideal  der Kompensation tritt bei den minder bemittelten Leu-
       ten an  die Stelle  des unbefangenen  Genusses - so sehr, daß als
       Geschmacksurteil über  einen Gegenstand des Bedürfnisses, den man
       sich nicht  ohne weiteres leisten kann, die Vorstellung auftritt,
       man hätte  ihn   v e r d i e n t.  Nur wer arbeitet und dabei arm
       ist -  der aber  auch immer,  wenn er dem Ideal der Gerechtigkeit
       nicht abschwört  -, kommt  dahin, angesichts der ihm abverlangten
       Entsagung einen  R e c h t s t i t e l  a u f  E n t s c h ä d i-
       g u n g   anzumelden und  sich von der objektiven wie subjektiven
       Seite mehr zu leisten, als er kann: zu pumpen und über das seiner
       geschädigten Physis  verträgliche Maß  zu essen,  zu trinken  und
       Urlaub zu  machen. Die  es sich   s o  "gut gehen lassen", werden
       darüber weder  Gourmands noch  Gourmets; vielmehr  haben sie  die
       Kosten des  Verfahrens, bei  dem sie  gewinnen möchten, in voller
       Höhe zu  tragen, denn  sie streben  einen Beweis an, der sich gar
       nicht führen  läßt: daß    i h r    Genuß  im  Preis  der  Arbeit
       inbegriffen sei!
       
       2.
       
       Ein Beharren  auf dem   R e c h t  z u m  G e n u ß  gibt es also
       durchaus, aber  nur weil  es beim  Genießen hapert; auch wird die
       Reproduktionssphäre für  viele zum  Beweis dessen,  was sie  sich
       leisten können - eben weil sie als Anhänger der Mär vom gerechten
       Lohn etwas für ihre Leistung sehen wollen. Nur ist das noch lange
       kein Beweis  dafür, daß die Menschheit auf großem Fuße lebt, sich
       der Akkumulation  von "Statussymbolen"  verschrieben hat  und dem
       "Konsumterror" erlegen  ist. Dergleichen  Ideologien, die keines-
       wegs auf Curd Jürgens und Walter Scheel gemünzt sind, machen sich
       die   E r f o l g s l o s i g k e i t   des defensiven, Kompensa-
       tion beanspruchenden "Materialismus" zunutze, weil sich an ihm so
       herrlich  demonstrieren   läßt,  daß   Materialismus  zu   keinem
       "sozialen Wohlbefinden"  nicht führt. Im Namen  d e s  Ideals, an
       dessen Realisierung  die kleinen  Leute bei der Ausgestaltung von
       Freizeit und Konsum  s c h e i t e r n,  feiert die Ideologie so-
       gar in  den Köpfen  der Betroffenen  manch billigen  Triumph. Sie
       übersieht  den   Mangel  an   Mitteln,  geißelt  stattdessen  die
       E r f ü l l u n g   der Wünsche,  an der ja die Welt sehen könne,
       daß  s o  Glück nicht geht.
       Daß die  Variationen des antimaterialistischen Themas "Uns geht's
       zu gut"  bis in  die schön  vulgär-christlichen Melodien  von den
       "falschen Götzen" nicht rundweg als reaktionärer Blödsinn abgetan
       werden, hat  allerdings seinen  guten Grund: denn die Vorstellung
       vom   G l ü c k,   jenem Ideal totaler Zufriedenheit getrennt und
       jenseits von  allem, was in der kapitalistischen Szene für zweck-
       mäßig erachtet  und einem  als Last  aufgebürdet wird, beherrscht
       schließlich das  "Leben", das man sich im privaten Bereich zu le-
       ben befugt  weiß. Die sehr alte, aber saudumme "Idee der Glückse-
       ligkeit" -  die Zielsetzung  einer totalen Saturiertheit des Men-
       schen; eines  Zustands, in  dem keine  bestimmten Werke mehr ver-
       richtet, keine bestimmten Zwecke mehr verfolgt, keine unterschie-
       denen Interessen  mehr realisiert werden müssen, weil  d i e  In-
       dividualität als  ganze eben   a f f i r m i e r t   ist  und zur
       Ruhe kommt  -, diese  Idee hat in der modernen Gesellschaft ihren
       festen Platz  bekommen. Nämlich  als positives  Lichtbild all der
       negativen Erfahrungen,  die die  Individuen in ihrer Unterwerfung
       unter die politische Herrschaft und ihrem Arbeits-Dienst auf sich
       nehmen; als  eine in der Privatsphäre beheimatete Philosophie für
       jedermann, vor  der sehr folgerichtig jede einzelne Tat und jeder
       vollzogene  Genuß   als  "bloß"   sehr  teilweise  und  flüchtige
       P s e u d o-Befriedigung zuschanden wird.
       Diese von  Millionen Menschen gelebte Haltung, der von ihnen ver-
       folgte und  ständig  enttäuschte    G l ü c k s - A n s p r u c h
       hat einerseits  die Konsequenz,  daß sie  selbst, Wissenschaftler
       und Politiker  wie die  Wilden über  das rechte  Verständnis  vom
       Glück laut nachdenken: dem verdanken wir so erlesene Gedanken wie
       den, daß  Geld nicht glücklich macht; Gesundheit soll das höchste
       Gut sein  und das  letzte Hemd  keine  Tasche  haben,  womit  das
       Schicksal dann  doch alle  Menschen gleich  hobelt. Daraus können
       sie ersehen,  daß man  das wahre Glück vom falschen unterscheiden
       muß; die  "Frage" drängt  sich auf, ob nicht die Ansprüche Schuld
       an den  Enttäuschungen  haben  und  Bescheidenheit  allein  Glück
       garantiert;   ob    nicht   vielleicht    in   der   Arbeit   und
       Pflichterfüllung,  also   in  der   anständigen  Bewältigung  der
       Notwendigkeiten das  ganze Glück  verborgen sei, also genau dort,
       wo die  schönen Definitionen erst einmal Stätten der Beschränkung
       und des  Zwangs entdecken,  die menschliche  "Natur" zur höchsten
       "Selbstverwirklichung" gelange.
       Und wenn  man ersteinmal bei der Abstinenz als dem höchsten Genuß
       angelangt ist, wird das eigene "Unglück" ganz schnell in der ver-
       kehrten und haltlosen Glückssuche anderer erklärlich. In den öko-
       logisch und krebsforscherhaft aufgeblasenen Frechheiten, die sich
       Nichtraucher seit  geraumer Zeit gegenüber Rauchern herausnehmen,
       die ihnen  angeblich das Leben und Schnaufen zur Hölle machen, in
       allen sonstigen  Saubermannsinitiativen geben sich ansonsten sehr
       anpassungsbeflissene Menschen  recht kämpferisch - doch die Hoff-
       nung darauf,  daß sich  dereinst einmal die Subjekte in Staat und
       Ökonomie zum  Gegner erklären,  die ihre  "Umwelt" so ungenießbar
       machen, ist verfehlt. Eher gehen sie mit denen, die das Sagen ha-
       ben, gemeinsam auf Sinnsuche für alle.
       Die andere  Konsequenz des Glücksanspruchs vollziehen die Inhaber
       dieses Titels  an sich selber. Sie benützen die Freiheit, die ih-
       nen außerhalb  des Arbeitslebens  geboten wird,  nach Kräften, um
       sich Betätigungen  zu suchen, in denen sie ganz aufgehen können -
       ohne vordergründige  Berechnung, mit  viel    I d e a l i s m u s
       also, der die Sache so echt macht. Ohne je Theorien des Spontane-
       ismus zur  Kenntnis genommen  zu haben, ja vielleicht ohne je das
       Wort "Selbstverwirklichung" zu gebrauchen, schließen sie sich ir-
       gendeiner modischen  oder überkommenen Form der Sinnsuche in Sek-
       ten und  Vereinen aller Art an, für die sie Geld und Zeit opfern,
       weil sie  hier ihre  unbeschränkte Willensfreiheit zu exekutieren
       trachten.
       Die Jugendlichen spalten sich in traditionelle Zeltlagerchristen,
       die das  Jungvolk für  Kirchentage stellen,  in Glaubenspraktiker
       mit indischem Gebrummel, dem zufolge die ganze Welt nur aus Liebe
       besteht oder  bestehen sollte,  in Poppers  und Punkers,  wo  der
       "Sinn", dem  gehuldigt wird, ganz in der Pflege der Tracht liegt,
       in Bundesligafans  und -  nicht zu  vergessen - in Anhänger eines
       durch Drogen  "erweiterten"  Bewußtseins,  woraus  man  entnehmen
       kann, daß  sogar noch  ein falsches  Bewußtsein von der Realität,
       die doch  die Mittel  für "uns"  bereithält, selber  wer zu sein,
       stören kann.
       Die Älteren  halten sich  ohne große Prätention an Schalke 04 und
       Bayern München, vermeiden familiengefährdende Exzesse, bescheiden
       sich mit  gemeinschaftlichem Alkoholgenuß  und halten  die Jugend
       auch auf  dem Gebiet  der Freizeit für haltlos bis bescheuert. In
       Künstler- und Akademikerkreisen freilich sieht mancher, zumindest
       seiner Meinung  nach, genau  dort das Glück des Menschen angesie-
       delt, wo seine philosophisch-ästhetische Phantasie zu Berufsehren
       gelangt ist - Maler, Liedermacher und Philosophieprofessoren sind
       zumindest bedingt sehr glücklich!
       
       3.
       
       Ihr Liebes- und Familienleben glauben moderne Bürger nie und nim-
       mer gemäß  den familiengerechten Beschränkungen durch Vater Staat
       abzuwickeln. Erstens  kennen sie die einschlägigen Regelungen des
       code civil nur vom Hörensagen, und zweitens richten sie sich doch
       recht eindeutig nach dem liberalen Prinzip jenes Volksliedes, das
       da tönt  "...kann ja  lieben, wen ich will."  W i e  sie das tun,
       ist allerdings eine recht traurige Sache, und zwar deswegen, weil
       sie die   E r l a u b n i s,  in deren Genuß sie auf diesem Felde
       kommen, ziemlich  schamlos (obgleich  die  Scham  eine  gewaltige
       Rolle spielt  beim Abwickeln  der l'amour!)  in den  Dienst ihres
       I d e a l i s m u s   v o m   G l ü c k  stellen, auf das ein an-
       ständiger Mensch ein  R e c h t  hat, weil er sich ja sonst alles
       gefallen läßt.
       Das liebe  und liebende Individuum vermag aus diesem Grunde nicht
       mehr zwischen  Leidenschaft und  Interesse zu  unterscheiden.  Es
       führt sich  allen Ernstes und im Widerspruch zu jedem Augenschein
       so auf,  als ob  sein ganzes Leben von der Erfüllung abhinge, die
       ihm sein  Gspusi zuteil  werden läßt  bzw. vorenthält. Obwohl ein
       anständiger Mensch  tagtäglich tausend andere Sachen pflichtgemäß
       erledigt, solange  eine "Beziehung" klappt, und bestenfalls einen
       kleinen Bruchteil  seiner Zeit  und Kraft  auf das geliebte Wesen
       verschwendet, wird er ziemlich totalitär, sobald sich der/die an-
       dere abseilt: dann hängt  a l l e s  davon ab, und die ganz große
       Subjektivität behauptet sehr praktisch und daher glaubwürdig, daß
       sie erledigt  ist, wenn die andere Seite nicht mehr zur Verfügung
       steht. Unter  dem Motto:  "ich brauche  dich!" machen  erwachsene
       Leute nicht   e i n   ihnen  wichtiges  Anliegen  geltend  -  mit
       dem/der anderen zu schmusen und zu schlafen -, sondern legen ihre
       g a n z e   Subjektivität in  diesen Inhalt  ihrer Betätigung, so
       daß sie  tatsächlich   a n g e w i e s e n   sind darauf, daß die
       andere Hälfte   f ü r  s i e  d a  i s t.  Auf diese Weise sorgen
       bürgerliche Individuen  erstens für die heißen Tage des Zustande-
       kommens ihrer  Liebschaft, in denen sie nach Kräften ihre sonsti-
       gen   Geschäfte    dem       I d e a l i s m u s      der   Liebe
       u n t e r o r d n e n;   für die  Organisation ihres regelmäßigen
       Miteinander als  eines   N ü t z l i c h k e i t s v e r h ä l t-
       n i s s e s,   das sehr  freiwillig bis  zu den  Höhen entwickelt
       wird,  die   dem  Gesetzgeber  als  Verteilung  von  Rechten  und
       Pflichten zwischen  den Beteiligten eingefallen sind; und für die
       Beendigung der  Liebe, die deswegen dramatisch verläuft, weil die
       andere Seite nicht nur abhaut, sondern das  G l ü c k  der einen,
       jenen  Rechtstitel  eines  ganzen,  in  seiner  Ehre  getroffenen
       Menschen kaputtmacht.
       
       a) Der  Genuß einiger  schöner Stunden,  auch die technische Vor-
       sorge dafür,  daß immer  wieder mal  was läuft - die leidige Woh-
       nungsfrage -,  das alles hat erst einmal gar nichts damit zu tun,
       wie sich  ein bürgerliches  Individuum sein Liebesleben vorstellt
       und einrichtet:  nämlich als die Abteilung seines Daseins, in der
       es einigermaßen  für seinen  Anstand und Gehorsam, eben für seine
       gar  nicht   lohnende  Rechtschaffenheit    e n t s c h ä d i g t
       wird.    Wo     ihm    unabhängig     von     seiner     Leistung
       A n e r k e n n u n g,  ja Zuneigung zuteil wird, ganz allein we-
       gen der  vortrefflichen  B e s o n d e r h e i t,  die es  i s t.
       Hier hat  man endlich  Gelegenheit, "verstanden"  zu werden; hier
       gelten die  bösen Gesetze  des Vergleichs  nicht, die Verstellung
       des öffentlichen  Lebens hört  auf - und der andere wird einem so
       teuer, weil  er einen  selbst in  der ganzen Einzigartigkeit wür-
       digt, von der die übrige Welt nichts wissen und halten will. Hier
       sind "meine  Probleme" gut  aufgehoben; sie  werden  u n s e r e,
       und ganz   s p o n t a n   kann man sich geben - im Gegensatz zur
       tagtäglichen Berechnung  -, ganz so, als wäre das Privatleben mit
       der Beziehung  zwischen den Geschlechtern der ansonsten mißachte-
       ten Individualität als Heimstatt eingerichtet worden.
       Diese Illusion ist zwar ebenso leicht zu durchschauen wie die vom
       Wählen als einer Veranstaltung, in der die politische Gewalt kon-
       trolliert wird,  wie die Lüge der Werbung, die Waren seien preis-
       wert und  deshalb wegen  der Bedürfnisse  der Individuen  auf die
       Welt gekommen, um ihrem Geschmack Genüge zu tun; dennoch ist auch
       diese Illusion  sehr  beliebt,  weil  sie  als    A n s p r u c h
       taugt, mit  dem sich leben läßt, an dem man auch sämtliche Erfah-
       rungen messen kann, vor allem aber die Liebste und den "Partner".
       Denn dem  anderen obliegt ja die edle Pflicht, den hohen Ambitio-
       nen der  Liebe gerecht zu werden; es geht ja nicht um das bißchen
       Zuneigung und  Zärtlichkeit, sondern darum, daß eine Individuali-
       tät garantiert  ihre   B e s t ä t i g u n g   bekommt,  die  ihr
       sonst versagt  bleibt. Anstatt  sich ein  paar schöne  Stunden zu
       gönnen, wird  das große  Glück geschmiedet  - die Liebe soll alle
       Unkosten tragen,  die der  Mensch im  gewöhnlichen Leben  sich so
       einhandelt, so daß die moralische Menschennatur vom ersten Durch-
       gang an  ihr Gegenüber  mit allerlei Zweifel bezüglich dessen Ge-
       fühlen behelligt  - die Frage "Magst du mich noch?" erkundet näm-
       lich nicht die Existenz liebenden Wohlwollens, sondern prüft vol-
       ler Verdacht,  ob die  Gefühlsverfassung des  anderen (noch)  das
       leistet, wozu  sie mit  Beschlag belegt wird. Und sowenig ein Ge-
       fühl, mit  Augen, Mund,  Händen und  anderen Körperteilen prakti-
       ziert,  d a s  je leisten kann, was da von ihm gefordert wird, so
       gewaltige Taten führt es herbei, wenn ihm zwei Herzen die Beweis-
       last auferlegen  für ihr  Verlangen nach einem sicheren Hafen, in
       dem die  vortreffliche Persönlichkeit,  immer und  unabhängig von
       ihren "Schwächen" und "Verdiensten", auf treues Verständnis rech-
       nen darf.
       
       b) Die   E r f ü l l u n g   d e s   G l ü c k s   liegt schlicht
       darin, daß  sich die  Liebenden wechselseitig  den    B e w e i s
       liefern,  f ü r e i n a n d e r  d a  z u  s e i n.  Sie "binden"
       sich aneinander, indem sie das informell schon sechsundneunzigmal
       abgelegte Versprechen  ganz formell auch noch abgeben: das Gelöb-
       nis, das  zunächst immer  mal beiläufig  aus Begeisterung und zum
       Zwecke der  Einstimmung der  anderen Seite  fällig ist,  wird zur
       feierlichen   V e r p f l i c h t u n g,   wobei die  Regeln  des
       Liebesvertrags den  Brautleuten nicht  einmal dadurch  verdächtig
       werden, daß  sie nicht  selbst, sondern der Staat sie aufgestellt
       hat. Aus  dem gar  nicht vornehmen Interesse heraus, der geliebte
       Schnurzel solle immer und ganz mit seiner Liebe zu Gebote stehen,
       erfüllen sie  gleich noch  das staatliche  Bedürfnis  nach  zwei,
       drei, vielen Keimzellen seiner selbst. Genügsam verdient die Lei-
       denschaft, die  da die  Geschlechter ergreift, wahrlich nicht ge-
       nannt zu  werden: Besitzergreifung  von Diensten "in guten wie in
       schlechten Tagen"  wird praktiziert, und wie die Dienste beschaf-
       fen sind,  entscheiden die  Gesetze, die der Staat erläßt und der
       Arbeitsmarkt so  in sich hat.  S o  machen sich einander halbwegs
       gewogene  Männlein   und  Weiblein   das  staatlich   dekretierte
       N ü t z l i c h k e i t s v e r h ä l t n i s   zu ihrem  höchst-
       persönlichen Anliegen  - und das Gefühl, sich einer dritten Macht
       zu unterwerfen,  kommt angesichts  der Macht der Liebe, die zwei-
       fach vertreten  ist, gar nicht erst auf. Damit ist der vor Zeugen
       abgelegte Liebesbeweis  aber erst  am Anfang: wenn die Lust, mit-
       einander zu schlafen, nicht schon vorher zu konkreten Ergebnissen
       geführt hat,  führen sich  Brautleute so auf, als hätten sie sich
       mit Hegel  eingelassen. Sie verlangen nach einer "Objektivierung"
       ihrer Liebe,  auf daß  sie deren Werk als Einheit von Fleisch und
       Geist vor  die Augen zur Anschauung kriegen.  K i n d e r  werden
       in die  Welt gesetzt  von Leuten, die schon manche schlechte Mei-
       nung über  die Welt  ihr eigen  nennen und täglich einige Enttäu-
       schungen dazu sammeln. Von Leuten, die vor lauter Liebe die selt-
       same Hoffnung  schöpfen, sie  könnten ausgerechnet  ihren Kleinen
       den Weg  zu einem  feinen Leben ebnen. Deswegen werden diese auch
       gleich mit der Dressur beglückt, durch die sie ihre Eltern glück-
       lich machen.  Stolz und  Enttäuschung wechseln sich stündlich ab;
       mit dem Erwachen eines selbständigen Willens entwickelt der Nach-
       wuchs seine  wuchtige Dialektik für den pädagogischen Idealismus,
       dessen   L o h n -  so richtig  d a n k b a r e  Kinder - ständig
       in Gefahr ist. Einerseits sind Kinder eine Freude, eine Gabe Got-
       tes und  eine schöne  Last, andererseits  gehören sie an die Wand
       gehaut. Prügel werden aus Liebe verabreicht.
       So wird  sich wechselseitig  und im  Betreuen des Nachwuchses die
       Liebe bewiesen,  daß es  nur so  kracht. Was  auch wiederum nicht
       verwunderlich ist.  Ganz nebenbei  scheiden sich  nämlich die Zu-
       ständigkeiten innerhalb  der Glücksgemeinschaft  - was keine psy-
       chologischen Gründe  hat, aber  eine gewisse  Einstellung  beider
       Parteien erfordert.  Denn eine "Arbeitsteilung" ist es nicht, die
       da ganz  ohne größeren  Ratschlag wie  von selbst  einreißt.  Der
       M a n n   pflegt das   I d e a l   d e r  K o m p e n s a t i o n
       auf die  Frau anzuwenden und sie gern zu haben, weil und insofern
       sie für die Familie, damit für ihn da ist; die  F r a u,  solange
       sie es aushält, sieht ihre Aufgabe eben darin, dieses Ideal durch
       ihre Taten  zu realisieren. In gar nicht allzu langer Zeit werden
       sie sehr  unzufrieden miteinander,  sie entdecken  die  trostlose
       B e s c h r ä n k t h e i t   des anderen,  der  einen  plötzlich
       nicht mehr versteht, was den Seitensprüngen ohne Vorbehalt mitge-
       teilt wird.
       
       c) Die   Z e r s t ö r u n g   d e s  G l ü c k s  steht durchaus
       im Programm.  Und nicht  nur in einer nach allen Regeln der Kunst
       geführten Ehe,  sondern überall,  wo anständige  Pärchen sich mit
       dem Anspruch traktieren, einander  d a s  L e b e n  schön zu ma-
       chen. Dafür,  daß jede die andere Seite zur bleibenden Quelle ei-
       ner Liebe  erklärt, welche  den moralischen  Hunger einer  recht-
       schaffenen, aber  von der  Welt nicht zufriedengestellten Persön-
       lichkeit befriedigen  soll, büßen  auch ohne Trauschein und Erben
       miteinander gehende  Leute. Denn  die Forderung,  der/die Liebste
       solle in  ihrem Mögen  der ganzen  Seele eines im politischen und
       beruflichen Alltag unter Wert ge- und behandelten Menschen Genug-
       tuung verschaffen,  führt zu einer dauernden Bedrohung durch ihre
       U m k e h r u n g,   die das  Geheimnis der in den privaten Refu-
       gien üblichen  "Abhängigkeit" ausmacht.  Die im  Verlieben  stets
       eintretenden Zufälle  - wer  sieht, trifft,  spricht  in  welcher
       Laune wen! - gefährden nicht nur die Wohn- und Geschlechtsgemein-
       schaft; sie stellen die  E h r e  einer kompletten Persönlichkeit
       in Frage,  die das Scheiden der anderen jetzt als negatives Gene-
       ralurteil über  sich auffaßt,  so  wie  zuvor  das  Geliebtwerden
       "mehr" war!  Dem Rechtsanspruch auf die Liebe folgt nicht nur ein
       bißchen Liebeskummer; Eifersucht stellt sich ein, ein munter Ver-
       gleichen und Kämpfen hebt an - schließlich entfernt sich da nicht
       jemand aufgrund  seiner Lust  zu neuen  Taten oder  wegen  seines
       Überdrusses, den alten Kram fortzuführen: da stiehlt einem jemand
       das Glück, für dessen Bewerkstelligung er zuständig ist.
       Diese Subsumtion all dessen, was wirklich zwischen einer Frau und
       einem Mann  läuft, unter die Aufgabe, einem bürgerlich gestimmten
       Gemüt   d i e   Erfüllung angedeihen  zu lassen, sorgt im übrigen
       dafür, daß der besagte Zufall für die Beendigung einer Liebschaft
       gar nicht vonnöten ist bzw. nur für das offizielle Ausbrechen der
       Katastrophe taugt.  Wenn die  Zweifel an  der Zuverlässigkeit der
       Gefühle -  der eigenen  wie der/des  geliebten -,  die Klagen und
       Verdächtigungen schon  längst der Liebe den Garaus  g e m a c h t
       haben, so heißt das aus demselben Grund nicht, daß sich die Tren-
       nung von  Tisch und  Bett nüchtern  und rationell vollzieht. Denn
       der negative  Bescheid wird  ja nicht als Ende der Liebe, sondern
       als   schwerwiegende    Botschaft   über    die    eigene    Lie-
       bens w ü r d i g k e i t  genommen - und das hat sehr unangenehme
       Folgen.
       Die einen  wickeln ihren  Liebeskummer so ab, daß sie die Absage,
       die sie  von ihrem Ex-Glück erhalten, für eine Verurteilung ihrer
       selbst nehmen,  die sehr  berechtigt ist. Sie halten sich deshalb
       ab sofort für das Ekel und die Flasche, als die sie in den hefti-
       gen Tagen  des Streites  bezeichnet werden - nach dem Motto: wenn
       d e r / d i e   es sagt,  dessen/deren Verständnis  ich  bis  zum
       Geht-nicht-mehr genießen durfte! -, und gehen in sich mit psycho-
       logischen Konsequenzen. Eine gewisse Sicherheit bezüglich der ei-
       genen Minderwertigkeit  stellt sich ein, die sich bei Intellektu-
       ellen dann  mit der  Lektüre von  E. Fromm  und dümmeren Theorien
       ihre Bestätigung holt, wobei es sehr daraus ankommt, ob der Leid-
       tragende die  tiefen Einsichten  in die psychologischen Techniken
       nur auf  sich oder  auch noch  gegen andere,  zur Eroberung neuen
       Verständnisses anwenden  will. Eine  ganze Menge Leute jedenfalls
       zieht den "Schluß", daß es wohl an ihnen und ihrem Charakter lie-
       gen muß, wenn sie sogar auf dem Felde der Liebe verraten und ver-
       kauft sind,  daß nichts  mehr zu machen ist, und werden verrückt,
       wenn sie nicht sogar Hand an sich legen.
       Die anderen wehren sich ihrer Haut, und zwar ganz gemäß den hohen
       Maßstäben, die  sie schon  immer an die Liebe angelegt haben. Sie
       führen schon  den Streit  gleich offensiv  und teilen ihrem Stern
       von gestern mit, wie sehr er sie enttäuscht hat, sie, die "alles"
       für ihr Herzblatt getan haben; Egoismus ist da noch der harmlose-
       ste Vorwurf,  wenn aufgrund  der  intimen  Kenntnis  der  kleinen
       "Schwächen" und  gewohnheitsmäßigen Torheiten  sowie Gemeinheiten
       "schmutzige Wäsche"  gewaschen wird. Das Bloßstellen des Liebsten
       vor Dritten,  schon während  besserer Tage  eine beliebte  Übung,
       wird jetzt zur professionell betriebenen Strategie - und wenn man
       sich die  Überzeugung ganz fest zu eigen gemacht hat, welcher Sau
       man Jahre  seines Lebens vertraut und geopfert hat, ist man auch,
       und zwar in allen Schichten der Gesellschaft, bereit, den anderen
       umzubringen.   Schlägereien   sind   ja   ohnehin   üblich!   Die
       V e r b r e c h e n   der dritten  Art, deren  selbstverständlich
       auch eine  zärtliche Frauenhand  fähig ist, geschehen tatsächlich
       aus   L e i d e n s c h a f t,   die bürgerliche  Moralisten  be-
       fällt, wenn von ihrem  E i n  u n d  A l l e s,  als das sie ihre
       Liebschaft handhaben,  n i c h t s  übrig bleibt.
       
       4.
       
       Da aus  dem Verhältnis  der Geschlechter,  wie es moralische Sub-
       jekte arrangieren,  viel Leid  und wenig  Freud' resultiert, sind
       die Betreffenden und Betroffenen seit geraumer Zeit entschlossen,
       "neue Wege"  zu gehen. Leider ist dabei die Fortsetzung bürgerli-
       cher Liebeskünste  beabsichtigt, und  auch die Familienidee nimmt
       keinerlei Schaden.  Der Versuch,  die zersetzenden  Wirkungen der
       "Bindung" zu  bremsen, vielleicht  gar nicht aufkommen zu lassen,
       heißt  P a r t n e r s c h a f t.  Anstelle der früher verbreite-
       ten Manier,  lebenslänglich die  Zähne zusammenzubeißen und unter
       Heranziehung christlicher  Maximen das  Opfer für die Familie als
       Weiß-Warum ihres  eigenen Daseins auf sich zu nehmen, ist den mo-
       dernen Frauen  ein neues  Ideal gekommen. Sie haben die Beschrän-
       kungen, die ihnen mit ihrer Funktionalisierung für das gesammelte
       Privatleben der  Gesellschaft aufgeherrscht werden, zum Anlaß ge-
       nommen, erst  einmal auf  die   A n e r k e n n u n g   i h r e r
       L e i s t u n g  zu beharren; da sind Forderungen nach Entlohnung
       für die  Führung des  Haushalts erhoben  worden, so  als  ob  die
       W ü r d i g u n g   d e s   D i e n s t e s,   gerecht  vollzogen
       nach sämtlichen  Gleichheitsgrundsätzen, alles  zum Besten regeln
       würde. Unter  Gleichheitsvorstellungen sind auch die Entdeckungen
       anderer Art  subsumiert  worden;  Emanzipation  der  Frau  sollte
       plötzlich dadurch zustandekommen, daß Frauen (auch noch) arbeiten
       gehen - ein Anliegen, dem entsprechend den Erfordernissen des Ar-
       beitsmarktes stattgegeben  wird, freilich unter Wahrung der unge-
       mütlichen "leistungsgerechten" Entlohnung, von der manche Frau am
       Band  bei   Siemens  ein   Lied  singen   kann.  Denn   daß   die
       R e d u k t i o n   auf Heim und Herd  d i e  authentische Benüt-
       zung des  Weibes darstellt,  heißt ja  nicht umgekehrt,  daß ihre
       Eingliederung in  die Hierarchie  der Arbeit  ein Segen ist. Über
       die Wahrheit,  daß Männer  mit ihren Frauen umgehen wie mit einem
       dienstbaren Knecht,  der nichts weiter zu melden hat und auch von
       allem Wichtigen auf der Welt keine Ahnung hat, ist es auch üblich
       geworden, auf  gleichberechtigte  D i s k u s s i o n  zu setzen,
       so daß  das Ideal der Konkurrenz glücklich mit dem der Demokratie
       vereint war  und beide gemeinsam als Kritik an der Rolle der Frau
       öffentlichwirksam vertreten  wurden.   R e p r e s s i o n  heißt
       dann das Schlagwort, mit dem alle Spezialitäten des Verhältnisses
       zwischen den Geschlechtern erschlagen wurden - und der großartige
       Kampf, der  schließlich per Frauengruppe und -zeitschrift geführt
       wird, ist  einer gegen   d e n   Mann,  die "Männergesellschaft":
       "wieviele Frauen  sitzen im Bundestag?" Traurig zu sehen, wie aus
       dem Entschluß, sich die Kosten des Privatlebens nicht mehr gefal-
       len zu  lassen, eine  Bürgerinitiative des  Inhalts geworden ist,
       "ganz Frau  und trotzdem frei zu sein" - bis hin zu freudigen Be-
       kenntnissen zur  Mutterschaft als  einem Erlebnis der erlesensten
       Natürlichkeit! Die Vorstellung vom Recht auf ein spezifisch frau-
       liches Glück,  die Anwendung  des Ideals der Kompensation, wie es
       der  Mann   gegenüber  der   Frau  geltend   macht,  durch  seine
       U m k e h r u n g,   die Inszenierung  fraulicher Initiative  als
       Sonderfall  von   "Selbstverwirklichung"  ist   alles,  was   den
       K a m p f   d e r   G e s c h l e c h t e r  ausmacht. Inzwischen
       gehört -  zumindest in  gehobenen Kreisen  - das  Begutachten des
       Verhältnisses von  Mann und  Frau, die  offizielle Bekundung  von
       "Verständnis" zu  den Bedingungen einer locker gehandhabten Part-
       nerschaft, zur  Demonstration dessen,  daß die  eigene Liebschaft
       eine Ausnahme  ist und   d e s w e g e n - funktioniert, bis auch
       hier  die   methodischen  Verrenkungen,  die  aufs  Gelingen  der
       "Zweierbeziehung" berechnenden  Liberalismen  das  moderne  Glück
       nicht mehr  zu retten  vermögen.  Dann  ist  er  "autoritär"  und
       "patriarchalisch" - und sie kriegt die üblichen "Vorurteile" eben
       psychologisch serviert.
       
       5.
       
       Über das  Bedürfnis nach Glück, das den auserwählten Menschen mit
       dem Auftrag  befrachtet, die  ziemlich umfassenden  Ansprüche der
       eigenen Persönlichkeit  zufriedenzustellen -  die will  ja nichts
       Geringeres,  als  mit  der  Welt  versöhnt  werden  -,  hält  der
       S t a n d p u n k t  d e r  K o n k u r r e n z  Einzug ins Reich
       der Liebe.  Da geht es zu wie auf einem Markt, wenn die Tauglich-
       keit des  anderen Geschlechts  g e p r ü f t  wird und das gerade
       vorhandene Gefühl  den Verdacht  zu bestehen  hat, ob  es auch zu
       Recht vorhanden  und von  Dauer sei,  d.h. sich  auf den oder die
       "Richtige(n)" wende.  Kaum ist  die Zuneigung aufgekommen und man
       hat Lust  auf jemanden, meldet sich der Verstand zu Wort, der dem
       Gefühl mißtraut und die Leistung, die ihm abverlangt wird und de-
       ren es  nie und nimmer fähig ist, in Erinnerung ruft mit der kri-
       tischen Frage,  ob man sich durch die Festlegung auf eben den/die
       n i c h t s   v e r g i b t.   Daß man  bei der  "Wahl" und Dauer
       seiner "Verhältnisse"  zwischen "spontaner" Neigung auf der einen
       Seite, der  Tauglichkeit dessen,  den man  sich in einer schönen,
       aber schwachen Stunde an Land zieht, auf der anderen zu entschei-
       den hat,  weiß ein  jeder. Unbefangenes  Zusehen, was sich daraus
       m a c h e n  läßt, ist weder üblich - noch ratsam, und zwar wegen
       der unter  moralischen Menschen  geläufigen Verlaufsformen  einer
       "gescheiterten" Geschichte.  So geraten  die Abwägungen bezüglich
       der Kanditaten  recht komisch,  und die  Berechnung gewinnt, weil
       dem hohen  Ziel der  Glückseligkeit verpflichtet, genau die mate-
       rialistischen Qualitäten,  die den  Materialismus vor  dem Urteil
       der Moral so niederträchtig erscheinen lassen.
       Schon die  gewöhnlichste Weise,  in der sich jemand für ein Exem-
       plar des  anderen Geschlechts  interessiert bis begeistert zeigt,
       wird da von seinem berechnenden "Gewissen" und seiner Umgebung in
       Frage gestellt.  Die vielgepriesene  Schönheit - des Gesichts wie
       weiter unten  liegender Körperformen  - erfreut  sich sofort  der
       herzlichsten Relativierung:  "bloß" ein  hübsches Gesicht hat sie
       dann, "zwar"  eine gute  Figur -  als ob das nicht die Quelle des
       Gefühls   w ä r e,  genau so gut wie in anderen Fällen die Manier
       zu gucken, zu sprechen und anderes mehr. Kein positives Kriterium
       gilt einfach, weil die berechnende Liebe eben sich ihre Kriterien
       s c h a f f t.   Die Männerwelt,  deren Appetit  ja durchaus sich
       vornehmlich an  den Attributen  der Schönheit  entzündet, die be-
       kanntlich welkt  wie alle Rosen, ergeht sich bei Besichtigung des
       "Angebots" in  Abqualifizierungen der  lächerlichsten Weise, ganz
       so, als  würde ein  Mann von heute vor Intelligenz und Einsichten
       in die  Welt nur  so strotzen,  so daß ihm furchtbar daran liegt,
       ausgerechnet auf  dem Feld  der Liebe  einen kongenialen Geist zu
       ergattern. Sollen  sie doch die Dame ihres Herzens rauben und ihr
       etwas von  ihrer Größe  mitteilen: dann haben sie eine Orgie nach
       der anderen  und die Frau benützt die mit Liebe vollzogene Kritik
       ihrer Schwächen  zu ihrer  Emanzipation. Die Beurteilung ist aber
       eine erlogene  und gerät  zur  dauernden  Aburteilung,  weil  der
       "Partner" daraufhin  besichtigt wird, ob er einem auch garantiert
       alles recht  macht. Man  hat eben seine Ideale - und die Realität
       sieht entsprechend  aus; denn die Umkehrung der Kriterien geht ja
       genau so  vor sich.  Dieselben Burschen wollen sich ja auch nicht
       mit einer  Gespielin abgeben,  die ihren  Hegel kennt, jedoch bei
       der Befriedigung  des Auges,  das mit  ißt, schlechte  Noten ver-
       dient. Das  Ergebnis ist so allgemein wie bekannt. Alle jene vor-
       trefflichen Kreaturen  "nehmen" sich  Frauen, bei denen es an der
       einen Ecke  oder an  der anderen "hapert" (das Ideal existiert ja
       gar nicht,  bleibt aber  Maßstab!), meistens an allen Ecken, sind
       dann unzufrieden mit ihren Gespielinnen bis zu dem Punkt, daß sie
       sich   i h r e r   s c h ä m e n,   und stellen am laufenden Band
       Vergleiche an,  daß es  kracht -  wörtlich: denn Kritik und Hilfe
       ist ja  sowieso nicht  fällig, wo das eigene Selbstbewußtsein bei
       jedem Wort die Zunge bewegt.
       Daß sämtliche Eigenschaften des potentiellen und wirklichen Part-
       ners nach  dem hohen Dienst klassifiziert werden, den sie für das
       vortreffliche Ich  zu stiften  haben, ist  ganz nebenbei auch der
       Grund für  die prinzipiell für unmöglich und unzulässig befundene
       T r e n n u n g   v o n  S e x  u n d  L i e b e.  Diese wird von
       modernen Individuen  mit ihren  "zwars" und "abers"  v o l l z o-
       g e n,   ganz so, als wären sie gläubige Christen und hielten die
       "körperliche Vereinigung"  zwischen  mit  Willen  und  Bewußtsein
       versehenen Menschenkindern  für eine Sache, die dem Menschen, der
       doch Moral  hat, so  einfach nicht  anstehe und  die ihn  in  die
       Niederungen  der   Hirschkäfer  ziehe.   Da  gibt   es  dann  die
       ausdrückliche Absicht,   b l o ß  zu vögeln, und in den kommunal-
       politisch nicht unwichtigen Bordellen ist diese Absicht sogar öf-
       fentliche Institution  - und  die Auffassung,  daß   e i g e n t-
       l i c h  mehr und Höheres dazugehöre. Leider können wir dem nicht
       zustimmen, weil  im Ernstfall  und Bett  höchstens das  Bett hoch
       oder niedrig ist.
       Allerdings tut  besagte Trennung  nicht nur bei Mannsbildern ihre
       Wirkung. Frauen,  die in  der Mehrzahl ihren Dienst als Erfüllung
       antizipieren und  betrachten, vollziehen ihre Entscheidungen eben
       umgekehrt. Sie sind gefühlsmäßig auf der Höhe, wenn ein Mannsbild
       auftaucht, das  den Eindruck  macht, daß  man bei  ihm mit seinen
       Liebesdiensten gut  aufgehoben ist.  Die Attraktivität  wächst da
       sehr proportional  mit dem,  was einer  außerhalb der  exklusiven
       Sphäre des Mögens zählt; und die Wünsche einer Frau sind erstein-
       mal zufriedengestellt,  wenn sie  ein - für "ihre Verhältnisse" -
       erlesenes Exemplar der Gattung lieben  d a r f,  so daß die sinn-
       liche Seite  im heimlichen  Schmachten nach  dem verehrten  Film-
       schauspieler zum Zuge kommt. Diese leider sehr reale Verallgemei-
       nerung wird  nicht einmal  in den Kreisen übermäßig häufig wider-
       legt, wo  sich Frauen  mit Abitur,  gutem Elternhaus und sonstwas
       wie Subjekte  gebärden können, die selbst "nachfragen" und wähle-
       risch sind. Und die Kritik der Feministinnen, die sich zurecht an
       den einschlägigen Praktiken entzündet, wird peinlich, wenn sie in
       die gar  nicht rationale  Ideologie übergeht,   F r a u   s e i n
       wäre Grund  genug für Wertschätzung, weil Inbegriff liebenden Um-
       gangs  miteinander,   quasi   die   leibhaftige   Präsenz   einer
       K r i t i k  an den von Männern ins Werk gesetzten Prinzipien der
       Konkurrenz und  Repression. "So,  wie  man  ist",  anerkannt  und
       u n b e d i n g t   geliebt zu werden, ist ein Anspruch, der auch
       ohne seine  frauenbewegte Spezialisierung üblich ist, weil er die
       Umkehrung der Abqualifizierung und dazugehörigen "Behandlung" zum
       Ideal wirklicher  Liebe erklärt und sich an nichts anderem orien-
       tiert als  schon wieder  dem Glück. Dergleichen taugt ebensowenig
       wie die Leistung, derer Frauen, die ihre "sinnlichen" Momente un-
       ter sämtliche  Berechnungen subsumieren, durchaus fähig sind: des
       launischen       V e r s t o ß e s,      der   ganz   "spontanen"
       V e r f ü h r u n g   so oder anders herum mit nachfolgendem Kat-
       zenjammer, der  sich deswegen einstellt, weil auch die paar schö-
       nen Stunden so ganz und gar dem "eigentlichen" Glück verpflichtet
       waren und  sich von  daher dann  doch nicht als "Genuß ohne Reue"
       betrachten lassen...
       So machen  alle Beteiligten  eben auf  dem Gebiet des Mögens ihre
       schlechten Erfahrungen und erfinden sich und anderen am laufenden
       Meter  R e z e p t e,  mit den Schwächen und Stärken des Partners
       ebenso wie  mit den eigenen "fertigzuwerden", d.h. sich zu arran-
       gieren. Ganz  findige Leute  haben in Anbetracht der allseits be-
       kannten Enttäuschungen  den überkommenen  Weisheiten - "Die Liebe
       ist ein  seltsames Spiel",  oder an  die  Jugend:  "Heirate  bloß
       nicht!" -  die   P r o m i s k u i t ä t  als Empfehlung hinzuge-
       fügt; gewissermaßen  als den  aus den gesammelten Erfahrungen des
       Unglücks in  der Liebe  heraus fälligen Weg. Die Idiotie des Auf-
       trags, den  man sich mit der Praktizierung dieses Ideals erteilt,
       verrät deren  Herkunft. Warum sollte man eigentlich nicht mit ei-
       ner/einen die Freuden des Mögens auskosten? Wenn sich etwas Neues
       oder mehreres gleichzeitig schiebt, wird der Mensch ohnehin zuse-
       hen müssen,  weil er  bemerkt, daß   T r e u e   nur  ein "leerer
       Wahn" ist  und auch  dieses Gebot  unter das Sicherheitsbedürfnis
       des Glücksbolzens  fällt. Deswegen die Eitelkeit des enttäuschten
       Glücksspielers, der "weiß", daß  i h m  alle  n i c h t  genügen,
       in ein  Programm umzusetzen,  ist sehr töricht - und die Anstren-
       gungen in  dieser Richtung  blamieren sich  vor  den  praktischen
       Schwierigkeiten, die gerade die negativen Moralisten mit dem Aus-
       halten bekommen.  Leider gehört  aber auch  diese Verwendung  des
       bißchen Trieblebens,  das man  so pflegt, zu den Veranstaltungen,
       in denen sich normale Menschen die  V e r r ü c k t h e i t  lei-
       sten, sich auf die Repräsentation ihrer vortrefflichen Individua-
       lität zu verlegen.
       
       
       TEIL III:
       =========
       
       Vom Scheitern zur Selbstzerstörung - Das Reich der Psychologie
       --------------------------------------------------------------
       
       Aufgrund des  Moralismus, mit  dem sich  die Individuen in Staat,
       Konkurrenz und  Privatleben einrichten,  ist die bürgerliche Welt
       voller   C h a r a k t e r m a r k e n.  Das sind Leute, die sich
       immerzu frei entscheiden und sich auf ihre Entscheidungen einiges
       einbilden, obgleich  sie sich  dabei  immerzu  Zwecken  dienstbar
       machen, die  sie nicht einmal kennen und die sie heftig in Abrede
       stellen, wenn  man sie  ihnen sagt. Leute, die mit dem Gestus der
       Souveränität durch  die Landschaft des Imperialismus marschieren,
       weil  sie   ihre     S u b j e k t i v i t ä t    unterstreichen,
       unabhängig davon,  welchen  I n h a l t  sie dieser Subjektivität
       durch ihr  Denken  und  Handeln  geben.  Die  ihre  Subjektivität
       pflegen, indem  sie getrennt  von allem, was sie zu tun gezwungen
       sind und  worauf sie  sich einlassen,    s i c h    explizit  als
       M i t t e l   eines Erfolgs  herrichten, der durch ihre Taten gar
       nicht zustandekommt  - also  einen Erfolg  j e n s e i t s  ihrer
       gewöhnlichen   Beschäftigung    anstreben    ("Selbstbewußtsein",
       "Anerkennung", "Selbstverwirklichung"), der sie zufrieden stimmt.
       Da  sind  Leute,  die  in  Tausenden  von  idiotischen  Vor-  und
       Nachteilsrechnungen  ihre   Willkür  genießen   und   nichts   so
       einleuchtend finden  wie die  Notwendigkeit von  Herrschaft;  die
       einen Gedanken  ob seiner  Allgemeinheit für etwas Unpersönliches
       halten und  deshalb vor  allem beim  Denken auf  die  Spezialität
       ihres persönlichen  Meinens pochen  - und die sich dabei in ihren
       Anschauungen  über  sich  und  den  Rest  der  Welt  so  trostlos
       gleichen. Denn  die bunte  Vielfalt unterschiedlicher  Charaktere
       verdankt sich  ja  nicht  der  Tatsache,  daß  sich  da  einzelne
       überlegt haben, welche allgemeinen Zwecke sie mit welchen Gründen
       realisieren wollen,  was sie  dabei für  wesentlich und  was  für
       unwichtig  erachten;  vielmehr  dem  Entschluß,    s i c h    i m
       R a h m e n   d e s   M ö g l i c h e n   z u  b e h a u p t e n,
       der Absicht,  sich je nach individueller Erfahrung nach der Decke
       zu  strecken,   den  Anschein   einer  gewitzten   Weisheit   und
       Lebenskunst zu verleihen.
       Nichts  belegt   dieses   traurige   Funktionieren   bürgerlicher
       Herrschaft  eindeutiger   als  die   populäre  Phrase   von   der
       "Selbstverwirklichung", in  der  Leute  aus  den  verschiedensten
       Ecken der  gesellschaftlichen Hierarchie  versichern, welch hohes
       Ideal sie  sich mit  ihrem  "Ich"  zurechtgelegt  haben  und  wie
       unabhängig sie sich dabei von dem wähnen, was ihr liebes "Selbst"
       zu treiben gezwungen und bereit ist. Sie gehen sogar so weit, den
       Gegensatz  zwischen  ihrem  Anliegen  und  den  Mächten  moderner
       Staats- und Wirtschaftsführung zu leugnen, wenn sie bemerken, daß
       ihrem Ideal  von sich  nicht entsprochen wird: echte Psychologen,
       erfinden   sie    an   sich    Charaktermängel,   Hemmungen   und
       Verklemmungen,  die   von  ihrem   freien  Willen   nichts   mehr
       übriglassen. Und auch bei anderen weigern sie sich, die Zwecke zu
       prüfen, denen  ihr Bewußtsein und Handeln gilt; lieber suchen sie
       nach stets  schon ausgemachten "Motiven" wie Selbstbehauptung und
       Anerkennung.
       Während die  Prätention, in  ganz besonderer  Weise mit der Welt,
       der man  sich anpaßt,  fertig zu  werden, als   C h a r a k t e r
       daherkommt -  als Demonstration  des "Seht,  wie ich das Leben zu
       meistern  weiß!"   -,  läuft   die  Berufung   auf  die  negative
       Besonderheit -  "Seht, was   m i r   zur  Bemeisterung des Lebens
       mangelt!" -  unter dem  Titel   K r a n k h e i t.   Daß es  sich
       dabei um  etwas ganz anderes handelt, nämlich um eine ausgefeilte
       T e c h n i k  d e s  m o r a l i s c h e n  S u b j e k t s, das
       sich ausgerechnet  in seinem Scheitern ganz fest behaupten will -
       also  um  eine  sehr  selbstzerstörerische  Leistung  des  freien
       Willens, widerlegt  zwar die  ganze Psychologie,  beflügelt  aber
       ihre  Apostel   zu  ständig   neuen  Deutungskünsten.  Daß  diese
       Wissenschaft  mit   dem  medizinischen  Ethos  praktischer  Hilfe
       auftritt und sich in ihrer Hilflosigkeit eingerichtet hat, wissen
       ihre  Vertreter   nur  zu   genau.  Aus   ihren  "therapeutischen
       Problemen"  ist   ihr  ja   schon   längst   der   Übergang   zur
       Weltanschauung  geglückt,   die  allen  Anwälten  der  "gesunden"
       moralischen Subjektivität  zu Diensten  ist, ob  es sich  nun  um
       Fußballtrainer oder Pfaffen handelt.
       
       
       Paragraph 9
       -----------
       
       Die  Unternehmungen,   durch  die   ein   moralisches   Ich   der
       bürgerlichen Welt  entsprechend  d e r e n  Gesetzen Reichtum und
       Glück dazu  abtrotzen will,  bewirken für  wenige  Wohlstand  und
       einen mit  allerlei Blödsinn  erfüllten "Freiheitsraum",  für die
       vielen ein  sehr begrenztes  und immer  gefährdetes Budget  sowie
       eine Latte  persönlicher Enttäuschungen.  Sie gewahren  mit jedem
       neue Tag,  daß das  "Leben ein  Kampf" ist,  den nur besteht, wer
       seine gute  Meinung von  sich selbst  nicht aufgibt,    n i c h t
       "resigniert".  Die   Unzufriedenheit  mit  der  Welt  darf  nicht
       praktisch werden,  weder so,  daß man  ihr den  begründeten Kampf
       ansagt,  noch   in  der   Weise,  daß   man    r e a l i t ä t s-
       u n t ü c h t i g  wird.
       So legt  sich das kritische Subjekt einen  C h a r a k t e r  zu:
       Es stellt  sich   m  e t h o d i s c h   zu allem,  was  es  tut,
       u n d   zu den  Techniken seiner Unterwerfung, die als Mittel der
       Durchsetzung  eben   nur  bedingt   taugen.  Aus  dem  spärlichen
       Repertoire    solcher    "Mittel"    werden    fürs    Individuum
       S t r a t e g i e n   d e r  S c h a d e n s v e r m e i d u n g,
       die es  qua Erfahrung,  auf die  es stolz ist, zu fest umrissenen
       Gelegenheiten und  in den verschiedenen Sphären seines Mißerfolgs
       zur  Anwendung   bringt.  In   einem  Bereich   legt  der  Bürger
       grundsätzlich Wert  auf die Demonstration seiner Unzufriedenheit,
       in andern  verlegt er  sich auf  die Kunst  der Angeberei  und in
       einem dritten hält er auf Ordnung, wodurch er in den Genuß kommt,
       seine  Tüchtigkeit  und  Zuverlässigkeit  sich  und  anderen  zur
       Anschauung   zu    bringen.   Die    individuell    ausgebildeten
       Gewohnheiten,  die   sich  von   Argumenten  zur   Scheidung  von
       Wesentlichem und Nebensächlichem am allerwenigsten leiten lassen,
       sind dem  Ziel der    S e l b s t b e h a u p t u n g    unterge-
       ordnet. Die Verfolgung der Absicht, über alle Fährnisse hinweg am
       Ideal der  Rechtschaffenheit festhalten  zu  dürfen,  bringt  die
       liebenswerten  Schrullen   moderner   Zeitgenossen   sowie   eine
       i n h a l t s l o s e   K r i t i k   an der näheren und ferneren
       Umgebung hervor,  über die  sich schon lange keiner mehr aufregt:
       "Mir paßt  das nicht!" und "Ich kann mich nicht einbringen!" etc.
       heißen die  Phrasen, in  denen die  Welt behandelt wird, als wäre
       sie  dafür  eingerichtet,  nur  dem  Menschen,  der  so  spricht,
       höchstpersönlich zu Diensten zu sein.
       
       1.
       
       Bürgerliche  Individuen   pflegen  eine   eigentümliche  Art  von
       Realismus. Der  Illusion, sie  könnten  mit  ihren  Kollegen  und
       Arbeitgebern, mit  Politikern, Behörden  und Beamten,  sogar  mit
       ihrer Familie  und dem  privaten Bekanntenkreis  ja nach  dem als
       positiven Bedingungen und verläßlichen Helfern bei ihren Vorhaben
       rechnen, hängen  sie nicht  an. Umgekehrt: von der Arbeitsstelle,
       an der  man  "nicht  untergebügelt  werden"  will,  was  tägliche
       Anstrengung  kostet,   bis   zum   Behördengang   und   bis   zum
       "ungezwungenen" Meinungsaustausch,  wo dieselbe  Gefahr droht und
       abgewehrt sein  will, von den Kindern, die ihren Eltern "über den
       Kopf wachsen",  und dem  Ehegatten, der  den  Liebsten  bzw.  die
       Liebste überhaupt  nicht angemessen  zu würdigen weiß, bis hin zu
       wildfremden Passanten, denen man besser nicht erst zu nahe kommt,
       kalkuliert  ein   Mensch  von   heute   seine   Mitmenschen   und
       Lebensumstände als  eine Ansammlung  von Problemen,  die aus  der
       Befassung mit ihnen erwachsen. Und dafür bedarf es gar nicht erst
       eines bestimmten  Anliegens, dem  gegenüber die  Welt sich als in
       bestimmter Weise  feindlich erweist. Von vornherein wird die Welt
       unter dem  formellen Gesichtspunkt  betrachtet, ein  potentielles
       Hindernis zu  sein, mit  dem der  Mensch sich "auseinandersetzen"
       muß; ein  Hindernis für  die Verwirklichung der ebenso formellen,
       vor jedem  Zweck feststehenden  Absicht, sich von der Welt "nicht
       unterkriegen" zu  lassen, sondern  in täglicher Anstrengung nicht
       mehr und nicht weniger als "sich" zu "behaupten".
       Es ist  ein zirkuläres  negatives Vorurteil,  mit dem das fertige
       bürgerliche Individuum  der Welt  gegenübertritt; ein  Vorurteil,
       das überhaupt  nicht als  Gegnerschaft gegen  die so  verurteilte
       Welt gemeint  ist, sondern  ihr den Charakter eines prinzipiellen
       Problems zuschreibt, das man zu bewältigen gedenkt. So enthält es
       denn auch  nicht einmal  der Absicht  nach eine Wahrheit über die
       tatsächlich herrschenden Zwecke und deren Unvereinbarkeit mit den
       Bedürfnissen der  dafür in  Dienst genommenen Menschheit, sondern
       spricht  allein  die  Gewißheit  aus,  daß  in  dieser  Welt  das
       M i t m a c h e n   durchaus keine  einfache Sache  ist, vielmehr
       beständige Vorkehrungen gegen drohenden Schaden erfordert. Es ist
       der   W i l l e,   s i c h   z u    f ü g e n,    der  hier  sehr
       prinzipiell gegen "die Realität" den Vorwurf erhebt, sie wäre ihm
       d a f ü r   nicht  von  Nutzen,  sondern  sogar  hinderlich.  Die
       folgerichtige  Konsequenz  ist  der  täglich  erneuerte  und  zur
       Gewohnheit ausgebildete  Entschluß,  mit  einem  lebenslänglichen
       "Trotzdem" der  widerspenstigen Welt den einen Erfolg abzuringen,
       daß wenigstens  man selber  in der    A u f m e r k s a m k e i t
       a u f   s i c h   nicht nachläßt und die Welt dies mindestens zur
       Kenntnis zu nehmen hat.
       
       2.
       
       Dieses defensive,  inhaltslose, methodische  Beharren  auf  sich,
       oder umgekehrt:  der trotzige  Wille zum  Mitmachen, das  ist der
       Gesichtspunkt,  unter   dem   ein   vollwertiges   Mitglied   der
       bürgerlichen Gesellschaft sein alltägliches Dasein einrichtet. Es
       probiert Manieren  aus, die  dazu führen sollen, daß es an seiner
       Person  ein  prinzipielles,  zweck-  und  inhaltsloses  Interesse
       genommen wird, wo gar kein Interesse an ihm besteht - oder daß es
       wenigstens vor  dem eigenen  Geschmacksurteil  als  eingebildeter
       Meister der  Situation besteht.  Mit  demselben  Ziel  eifert  es
       Vorbildern nach,  deren Attitüden  ihm  imponieren,  bildet  sich
       umgekehrt allerlei  Vorstellungen darüber,  was peinlich sei, und
       sortiert so  sein Leben  mehr oder weniger exakt nach den Weisen,
       sich aufzuführen, die es jeweils für angezeigt hält: als lockerer
       Frauenheld, der  in seinen  drei Abenteuern  den  Sieg  über  das
       andere Geschlecht feiert, im Kreise seiner Kollegen und Bekannten
       - und  womöglich gleich anschließend, mit seinem Weib allein, als
       geplagtes, liebesbedürftiges  Problemkind oder als unverstandener
       Gatte; als  allezeit munterer  Stimmungsmacher am  Arbeitsplatz -
       oder auch,  wenn ihm  das mißlingt,  als tiefsinniger  Misanthrop
       oder  als   fürsorglicher  Kummerkasten  für  die  Kollegen;  als
       Durchblicker, der  sich in  wichtigen Fragen  von niemanden etwas
       sagen läßt  - und  als ehrerbietiger, zu sofortiger Korrektur der
       eigenen Meinung  bereiter Zuhörer,  sobald ein  wichtiger  Mensch
       spricht; usw.  Diese  unablässige  Selbststilisierung  garantiert
       zwar, bei  allem Opportunismus,  nicht den  kleinsten  wirklichen
       Erfolg; aber  so ist  sie auch gar nicht gemeint. Ihr Zweck liegt
       eben  darin,   dem  Scheitern   der  eigenen   Vorhaben  und  den
       Beschränkungen des  eigenen Materialismus  zu begegnen,  daß  man
       selber vor  sich den Respekt nicht verliert - also so, als könnte
       von Mißerfolg  und Scheitern  letztlich gar  nicht die Rede sein.
       S o:  nicht in der Form resignativer Abdankung, sondern, sogar wo
       eine solche  Attitüde   g e w ä h l t   wird,  mit  ungebrochenem
       Stolz  auf   sich  selbst  macht  der  Normalmensch  im  heutigen
       Kapitalismus sich seine Unterwerfung zur Gewohnheit. Im bewußten,
       methodischen, gewohnheitsmäßig verfestigten Umgang mit sämtlichen
       Schranken, die  ihm  in  seinen  Lebensumständen  und  in  seinen
       verschiedenartigen Mitmenschen entgegentreten, legt er sich einen
       C h a r a k t e r   zu. Und mit all dem Selbstbewußtsein, mit dem
       er darauf  pocht, daß  es sich da wirklich ganz und gar um seinen
       e i g e n e n   Charakter handelt,  macht er sich zum ganz freien
       und  selbstverantwortlichen  Affen  der  von  Staat  und  Kapital
       gesetzten Notwendigkeiten,  unter denen er sein Dasein hinbringt,
       und bringt  mit all  seiner freiwilligen Anstrengung nur das eine
       trostlose Kunststück  zuwege, die  Schranken seiner  Existenz  in
       eine ganz  autonome eigene Beschränktheit zu verwandeln. Denn das
       inhaltslose  und  defensive,  also  rein  negative  Anliegen  der
       Selbstbehauptung gibt  nun einmal  keinen positiven Zweck her; wo
       es unter  so schönen  Titeln  wie  "Anerkennung",  "Bestätigung",
       "Selbstvertrauen", "Ich-Stärke"  usw.  w i e  ein positiver Zweck
       verfolgt und  zum Lebensinhalt  gemacht wird,  da  ist  eben  die
       Subsumtion des  eigenen Daseins  unter  eine  Handvoll  Manieren,
       prinzipiell auf  die eigene Wichtigkeit zu pochen, die notwendige
       Folge.
       
       3.
       
       Die bestimmten  Anliegen, die  ein bürgerlicher Charakter sich zu
       verfolgen vornimmt, sind seiner Methodologie der Selbstbehauptung
       sorgfältig   u n t e r g e o r d n e t.   Ihr Inhalt  zählt nicht
       als ein  Zweck, in  den einer  seinen Willen  und seinen Verstand
       hineinlegt, sondern  als ganz  persönliche Vorliebe,  mit der man
       niemanden die  seinen streitig  machen will,  die man  dafür aber
       auch ohne  Kritik konzediert haben möchte. Solche Vorlieben mögen
       zwar zu nervtötenden Spleens ausarten, entarten aber nie zu einem
       begründeten  Zweck;  und  wo  der  Grund  für  eine  anstrengende
       Beschäftigung  offenkundig   ist,  wird  ihn  ein  mit  Charakter
       ausgestattetes Individuum  nie  mit  dem    Z w a n g    (allein)
       benennen, dem es gehorcht. Einen persönlichen Vorzug will es sich
       allemal eingehandelt  haben: Maurer  sind gerne  an der  frischen
       Luft,  Lehrern   entspricht  das  lebendige  Menschenmaterial  am
       besten,  und   alle  anderen   entdecken  auch  irgendeine  ihrem
       Charakter gemäße  Eigenschaft  ihres  Erwerbs.  Wichtig  für  das
       Individuum  sind   sodann  seine   freizeitlichen  Vorlieben  als
       Gelegenheiten, für sich und andere sinnfällig zu machen, wie sehr
       man "trotz  allem" auf  sich selbst zu achten versteht und welche
       Extravaganzen man sich dafür herausnimmt - und so werden sie auch
       behandelt in  der freundschaftlichen  Erörterung,  ob  nicht  und
       inwiefern diese  oder jene  Albernheit  für  den,  der  sie  übt,
       vielleicht besonders "wichtig" sei. In seinen freien Betätigungen
       ebenso  wie  in  seinen  erzwungenen  verfolgt  ein  bürgerlicher
       Charakter also  nicht einfach das, worauf es ihm ankommt, sondern
       das Ideal,  in seinen  Methoden der  "Bemeisterung" seines Lebens
       wäre   ein    über   die   tatsächlichen   Beschäftigungen   weit
       hinausgehender höchstpersönlicher   W e r t   enthalten,  der den
       Kunststücken der  Selbststilisierung  Gewicht  und  Bedeutsamkeit
       verleiht. Vorstellungen  über einen  tieferen "Sinn  des  Lebens"
       sind jedem  um einen  gelungenen Charakter  bemühten Zeitgenossen
       vertraut; und  von dem  braven Volk  und Intellektuellenstand der
       BRD  hat   dieser  Wille   zur  eingebildeten   Kompensation   so
       vollständig  Besitz   ergriffen,  daß   sogar   sein   immanenter
       Gegensatz, der  bürgerliche Nihilismus,  ausgestorben ist - dafür
       ist  das   Christentum  Mode,  und  bereits  halbwüchsige  Kinder
       beherrschen den  absurden und  höchst charaktervollen  Vorwurf an
       "die Amtskirche",  sie kleidete  ihre "Angebote"  an  die  "sinn-
       hungrige Jugend" leider in eine allzu "veraltete, unverständliche
       Sprache".
       Die Ansprüche,  mit denen  ein moderner  Charakterkopf  der  Welt
       gegenübertritt,   ziehen   sich   also   im   Prinzip   auf   das
       allerwichtigste  Anliegen   zusammen:   sie   möge   ihm   schöne
       Gelegenheiten  geben,  die  eigene,  aus  allerlei  Manieren  der
       Selbstbehautung zusammengesetzte  Persönlichkeit wirksam in Szene
       zu setzen. Seine gelegentliche Freude an der Welt - vom Genuß des
       Quantum an  Sentimentalität, das  man sich  zugelegt hat,  bis zu
       jenem  glanzvollen   Auftritt,  bei  dem  man  es  irgendjemandem
       "ordentlich gegeben"  hat -  bemißt sich  daraus ebenso wie seine
       Unzufriedenheit. Deren  Grund und Maßstab sind nämlich eben nicht
       mehr die  eigenen objektiven  Zwecke,  an  deren  Nicht-Erfüllung
       deutlich geworden  wäre, wie  wenig es in der wirklichen Welt auf
       die Zwecke  der vielen Individuen ankommt. Im Gegenteil: das sind
       ja gerade  die Anlässe,  an denen das betroffene Individuum seine
       Charakterstärken ausbildet und unter Beweis stellt, indem es sein
       Scheitern zu  einem Problem  für seine  formelle Selbstbehauptung
       erklärt,  dem   es  dann   auch  gewachsen   ist.  Indem  er  das
       prinzipielle Vorurteil  des bürgerlichen Verstandes über die Welt
       als  Hindernis  und  bedrohliches  Problem  komplementär  zu  den
       eigenen Methoden,  damit "fertig  zu werden",  ausmalt, kann noch
       der ärmste  Wicht  sich  die  Genugtuung  verschaffen,  die  Welt
       schlecht und  sich selbst als ihren fiktiven Maßstab gut aussehen
       zu lassen. Und findet er mit seinen Beschwerden über die Welt und
       seinem  Lob  der  eigenen  Mannhaftigkeit  nicht  die  gewünschte
       Aufmerksamkeit,  so  stehen  schon  längst  allgemein  anerkannte
       Methoden zur  Verfügung,  um  durch  die  Wiederholung  desselben
       inhalts- und  maßstabslosen Vorwurfs,  die anderen  ließen  einen
       "nicht zur  Geltung kommen",  den Beweis dafür zu führen, daß man
       sich noch  längst nicht  hat "unterkriegen"  lassen und im Grunde
       die böse Welt sich blamiert hat. Für einen bürgerlichen Charakter
       ist Unzufriedenheit  also etwa sehr Produktives - einen Anlaß zum
       Dagegensein entdeckt er darin jedenfalls nicht so ohne weiteres.
       
       4.
       
       Die  Gewohnheiten,   welche  bürgerliche   Individuen  zu   ihrem
       Charakter ausbauen,  beruhen nicht  nur auf  dem einmal  gefaßten
       Entschluß, sich  in einer durchaus als feindlich beurteilten Welt
       trotzdem zu  bewähren;  sie  sind  darüber  hinaus  Resultat  der
       Erfahrung, daß ihnen dabei einiges mißlingt, mithin der Lüge, daß
       sie  sich   angesichts   dieser   Erfahrung   umso   härter   und
       unerschütterlicher im  Nehmen und Geben zu zeigen hätten, und daß
       die Äußerung  solcher  Stärke  mehr  zu  Stolz  auf  sich  selbst
       berechtige als  der Erfolg, den man bei alledem ja nicht erzielt.
       Sie sind  Gewohnheiten der  V e r s t e l l u n g,  berechnet auf
       den wirkungsvollen  Anschein  von  Souveränität.  Dabei  ist  die
       Berechnung nach  dem Gesichtspunkt  der Selbstdemonstration  noch
       nicht einmal  ein Geheimnis.  Der Verdacht,  daß niemand  auf das
       nach Bestätigung  heischende Getue  baut,  wird  sogar  offiziell
       gehandhabt; in Extra Bekräftigungen des "tatsächlich" vertretenen
       Standpunkts -  "mal ehrlich!",  "im Ernst..."  - wird  dem  Ideal
       eines gediegenen  Charakters, mit  dem man  reden kann,  Rechnung
       getragen, weil  es ansonsten als sträflicher Leichtsinn gilt, auf
       die vorgespielten  Spuren von  Charakterfestigkeit zu  vertrauen.
       Nicht von  ungefähr ist Verläßlichkeit zu einer besonderen Tugend
       geworden, zum  Attribut des  gelungenen Charakters und somit auch
       wieder zum  Ausgangspunkt mancher  Enttäuschung, an  der sich die
       Klage über die Falschheit der Mädchen auf der Welt stets erneuern
       kann. Denn daß der  B e g r i f f  d e s  C h a r a k t e r s  in
       überhaupt nichts  anderem liegt  als in der  g e t r e n n t  von
       den Interessen,  die man  verfolgt, abgewickelten   M e t h o d e
       der Selbstdarstellung,  des aller Welt vorgeschwindelten Beweises
       der    eigenen     Integrität,    Gerissenheit,    Überlegenheit,
       Standhaftigkeit und  aller anderen -itäten, -heiten und -keiten -
       d a s  will nun doch niemand wahrhaben.
       So selbstverständlich ist eben die Notwendigkeit akzeptiert - und
       zwar in  allen  Klassen  und  Nebenabteilungen  der  bürgerlichen
       Gesellschaft -,  "sich gewachsen"  zu zeigen und zur respektablen
       Persönlichkeit zu  stilisieren, daß sie nicht kritisiert, sondern
       das mehr oder weniger gelungene Ergebnis begutachtet wird.
       So kann  sich jemand  das aparte  Kompliment  verdienen,  daß  er
       "weiß, was er will" - aber nicht dadurch, daß er für seine Zwecke
       gute  Gründe   und  für  deren  Realisierung  den  Begriff  ihrer
       Bedingungen  anzuführen   wüßte.  Mit  dieser  Floskel  wird  der
       Anschein gelobt,  hier wäre jemand tatsächlich in jeder Situation
       Herr der  Lage und  von einer Zielstrebigkeit, die seinem Bemühen
       den erwünschten  Erfolg (beinahe) garantiert, also ein Charakter,
       dem ganz  umstandslos der  vermutete Erfolg  als seine  besondere
       Stärke,  nämlich   als  "Durchsetzungsfähigkeit",  gutgeschrieben
       wird.  Darum   kann  derselbe   Anschein  auch   geradesogut  zum
       entgegengesetzten Urteil  führen: der von den einen als besonders
       "zielstrebig"   bewunderte    Mensch   ist    für   die   anderen
       "rücksichtslos", wo  die einen jemanden "seinen Weg gehen" sehen,
       entdecken die anderen einen "skrupellosen Karrieristen".
       Derart  gegensätzliche   Beurteilungen   identischer   Charaktere
       verdanken sich keineswegs unterschiedlichen moralischen Maßstäben
       der Urteilenden;  im Gegenteil:  es sind dieselben Kriterien, auf
       die Bewunderung  wie Verurteilung  sich berufen. Die Unterschiede
       liegen in  den Maßstäben  der Subsumtion des Einzelfalls; und die
       besitzt ein  jeder in der Art und Weise, wie er sich selbst unter
       die Prinzipien  der herrschenden  Moral subsumiert  hat.  Wo  ein
       jeder  sich   in  der   Welt  in   Entsprechung  zu  den  eigenen
       gewohnheitsmäßig praktizierten  Lebensmaximen zurechtgelegt  hat,
       da   geht   die   Beurteilung   des   fremden   Charakters   ganz
       selbstverständlich unter  demselben Gesichtspunkt  in umgekehrter
       Wendung vor,  inwieweit nämlich  der andere  seinerseits der Welt
       entspricht,  so   wie  man   sie  sich   zum   höchstpersönlichen
       Problemfeld für  einen starken  Charakter ausgemalt  hat. Und  in
       diesem Kriterium müssen Willkür und Prinzipientreue sich treffen.
       Fleiß  (Sparsamkeit...)  ist  beispielsweise  ohne  Zweifel  eine
       Tugend; ist  fremder Fleiß  aber  von  Erfolg  gekrönt,  den  die
       eigenen Bemühungen  nicht gebracht  haben, so steht neben einiger
       Bewunderung auch  deren kritische Umkehrung zu Gebote, wonach der
       Fleiß sich  doch eigentlich  erst bei  ausbleibendem  Erfolg  als
       wahre  Charakterstärke   erweist,  andernfalls  dagegen  ganz  im
       Gegenteil  auf   einen  berechnenden   Charakter,  einen  Streber
       (Geizhals...) schließen  läßt. Demonstriert jemand Fleiß an einem
       Ort, wo  man für  sich demonstrative  Lässigkeit als Beweismittel
       für die  Qualitäten der  eigenen Person  gewählt hat,  steht  der
       Vorwurf der Arschkriecherei an - was mit einem Aufruf, die Praxis
       berechnender Unterwerfung  aufzukündigen aber  nichts zu tun hat.
       Wer solches  tut, der  mag zwar als Kompliment zu hören bekommen,
       man  selber   hätte  sich   das  "nicht  getraut";  mit  größerer
       Wahrscheinlichkeit ist allerdings der Vorwurf fällig, er wolle in
       bedenklicher Sturheit  "mit dem  Kopf durch die Wand", setze sich
       frech über  die normale  Ordnung hinweg  und komme  sich wohl als
       "etwas Besseres"  vor als  die normalen  "kleinen Leute",  die an
       dieser Stelle  eine andere,  also "gesunde" Mischung aus Renitenz
       und Botmäßigkeit zu ihrem Lebensprinzip gemacht haben.
       Das allgemeine  Ideal eines  "guten Charakters"  ist folgerichtig
       die Albernheit  vom "goldenen  Mittelweg" -  und wer  diesen  mit
       Nachdruck beschreitet,  hat Aussichten, nicht zu den Menschen mit
       "schlechtem Charakter" gezählt zu werden, die angeblich gar nicht
       mehr  anders  können  als  nach  festen  Maximen  Böses  zu  tun;
       vielleicht halten  manche ihn  auch für  "ausgeglichen" und, wenn
       seine Harmlosigkeit  außer Zweifel  steht, fast  alle für "nett".
       Macht er  mit  seinem  "Mittelweg"  aber  irgendwelche  Ansprüche
       geltend, dann  bekommt er mit Sicherheit den Vorwurf zu hören, er
       ließe es  an einer  Einrichtung seines Lebens fehlen, die ihn für
       andere berechenbar macht, und sei deswegen noch schlimmer als die
       schlechten Charaktere  - bei  denen man immerhin "weiß, woran man
       ist" -, nämlich  c h a r a k t e r l o s.
       Den Charakterurteilen  des bürgerlichen Verstandes Genüge zu tun,
       ist eben  ein Ding  der Unmöglichkeit. Denn in ihnen wird ja kein
       Urteil über  die   Z w e c k e   gefällt, denen  ein Mensch  sich
       verschreibt, sondern  mit Hilfe und unter Berufung auf allgemeine
       moralische Kriterien  die Absicht  kundgetan,  einen  anderen  in
       seiner Manier,  mit der Welt "klarzukommen", zu respektieren oder
       abzulehnen. Und  in dieser  Frage entscheidet ein charaktervoller
       Mensch sich  nach  der  ebenso  prinzipienfesten  wie  zufälligen
       Einschätzung,   ob    der   andere   mit   der   höchstpersönlich
       konstruierten eigenen  Vorstellung von  und Stellung zu der nicht
       endenwollenden Problematik  des Lebens  zusammenstimmt  oder  die
       Frechheit besitzt,  für gänzlich  andere Gewichtungen und Maximen
       einzutreten  und   damit  praktisch   vorzuführen,  daß   er  den
       "Lebensstil" des  ersteren für untauglich befindet - das kann man
       niemanden durchgehen lassen.
       Die  Beliebigkeit,   der   Subjektivismus   und   der   spezielle
       Opportunismus dieser wechselseitigen Einschätzungen ist natürlich
       überhaupt kein  Hindernis, den  lieben Mitmenschen  unter die  so
       entdeckten Charakter"merkmale"  ganz und  gar zu  subsumieren und
       den jeweiligen  charakterlichen Vorzug  oder -  häufiger - Mangel
       als dessen  unumstößliches "Wesen"  zu  behaupten.  Der  logische
       Fehler, alles,  was man  an einem Menschen festzustellen beliebt,
       diesem als  die  Äußerung  eines  festen  innerlichen  "Prinzips"
       zuzuschreiben, das  sein Tun  und Lassen  im festgestellten  Sinn
       d e t e r m i n i e r e,   ist hier  jedermann geläufig und steht
       ganz im  Dienste des  Anliegens,  dem  eigenen  Opportunismus  im
       Umgang mit  anderen das  gute Gewissen  und die  praktische Wucht
       einer ganz  objektiven, welt-  und menschenkundigen  Einsicht  zu
       verleihen, womit  die kritische  Deutung der Welt sich vollendet.
       Bewunderung kann  hier ernten,  wer in  der  kürzesten  Zeit  das
       entschiedenste Urteil  über einen  Dritten präsentiert; aber auch
       die anderen brauchen sich nur darüber schlüssig zu werden, ob und
       welche  Techniken   der  Selbstbehauptung   dieser   ihnen   wohl
       abverlangt, und  fertig ist  die  Diagnose  des  Charakters.  Die
       unausbleiblichen  "Mißverständnisse"   sind  von   tragikomischer
       Qualität, eben  weil im Charakterurteil anhand von Zufälligkeiten
       nach  prinzipientreuer   Willkür   Grundsatzentscheidungen   über
       Freundschaft   und    Feindschaft   getroffen    werden   -   ein
       unerschöpflicher Stoff  nicht nur  für die Literatur, sondern für
       die spezielle  bürgerliche Lebenskunst,  sich  wechselseitig  mit
       charaktervollen Gemeinheiten zu plagen, so als gäbe es der Plagen
       nicht ohnehin schon genug.
       
       5.
       
       Wo die  Menschen in  der Gewißheit,  daß die  Welt ihnen  immerzu
       Schwierigkeiten bereitet,  ihren ganzen  Stolz ins  selbstbewußte
       Mitmachen legen und sich so zur Charaktermaske ihrer Unterwerfung
       unter Ausbeutung  und demokratische  Herrschaft  machen;  wo  sie
       einander beständig  daraufhin kontrollieren,  daß  sie  in  ihrem
       Charakter  die  Garantie  für  Harmlosigkeit  und  bereitwilliges
       Mitmachen bieten;  da sind  die tatsächlich  herrschenden Zwecke,
       die   harten    Realitäten   kapitalistischer    Ausbeutung   und
       demokratischer Herrschaft,  für einen  jeden ziemlich vollständig
       unter seine  private Phantasiewelt  wohlgesonnener, harmloser und
       feindseliger Charaktere  subsumiert. Die  Meinung zu  politischen
       Machenschaften aller  Art geht ohne Rest auf in der Bekundung von
       Sympathie für  oder Abneigung  gegen die  beteiligten Agenten der
       politischen Herrschaft,  die in  der jeweiligen  Affäre, je  nach
       dem, ihre  Charakterstärken oder  -mängel an den Tag legen. Nicht
       nur über  das Nazi-Reich  wird jede Absurdität geglaubt, wenn sie
       nur dazu  angetan ist,  die verheerenden Zielsetzungen nationaler
       Politik   in   die   Stellung   der   Individuen   aufzulösen   -
       logischerweise gibt  es für  den bürgerlichen  Verstand stets vor
       allem einen  großen Haufen  charakterschwacher Naivlinge und eine
       Handvoll  entschlossener   Bösewichter,  daneben  Revoluzzer  und
       Duckmäuser, "Gemäßigte"  und "Extremisten",  aber niemanden,  bei
       dem es auf das politische Ziel inhaltlich ankäme. Wo die Realität
       der  allgemein   als  non-plus-ultra   aufgeklärter   Welt-   und
       Menschenkenntnis  geltenden   Charakter-Astrologie  einmal  allzu
       deutlich widerspricht,  da ist  ein fertiger  Charakterkopf  eher
       bereit, die  störende Welt  und ihre wohlgeordnete Absurdität vom
       Standpunkt des  "gesunden Menschenverstandes" mit dem "Argument":
       "Das kann  ich mir nicht vorstellen!" zu  l e u g n e n,  als daß
       er seine  Vorstellungswelt den  tatsächlichen und  eben nicht vom
       "gesunden  Menschenverstand"  erfundenen  Zwecke  von  Staat  und
       Kapital öffnet.
       
       6.
       
       Für  die     P s y c h o l o g e n     ist   der  Charakter  eine
       Angelegenheit, an  der sie  den ganzen  Erfindungsreichtum  ihrer
       Disziplin zum  Einsatz bringen  können -  ein Erfindungsreichtum,
       der den  charaktervollen Diagnosen  der  bürgerlichen  Charaktere
       sehr entgegenkommt.  Ja er  wird als Bestätigung des geheuchelten
       Rätsels -  "Warum   i s t   der /  bin ich  bloß  s o?" - freudig
       begrüßt. Die  Taxierung, die  man von sich selbst praktiziert und
       an  anderen   vornimmt,  erhält   dabei  aus   der   Wissenschaft
       G r ü n d e   geliefert, und  was für welche! Einem  P s y c h o-
       a n a l y t i k e r   fällt sofort  eine "chronische Veränderung"
       des   I c h s   ein, "die man als Verhärtung beschreiben möchte".
       Damit meint  er, die  Besichtigung verschiedener  Charaktere  mit
       Hilfe der  Trieb- und Instanzenlehre vornehmen zu können. Was ein
       Charakter habendes  Individuum   t u t,  ist  ihm  gleich-gültig,
       daher  eine   Frage  des   Grades  und   zuallererst  nach  guter
       psychologischer Sitte  eine   F ä h i g k e i t, die  sich äußert
       und -  je nach  dem, wie  sehr  -  den  qualitativen  Unterschied
       zwischen   "realitätstüchtigen"   (der   ideale   Mittelweg   des
       Psychologen!) und "neurotischen" Herrschaften ergibt:
       "Der Grad  der charakterlichen Beweglichkeit, die Fähigkeit, sich
       einer Situation  entsprechend der  Außenwelt zu  öffnen oder sich
       gegen  sie   abzuschließen,  macht   den   Unterschied   zwischen
       realitätstüchtiger und neurotischer Charakterstruktur aus."
       Und  wie   ist  der   "charakterliche  Panzer"  als  "chronisches
       Ergebnis" entstanden?  Selbstverständlich durch das "Aufeinander-
       prallen" von  "Triebansprüchen und versagender Außenwelt", da der
       Mensch in  einer gewichtigen  Abteilung eben  Trieb ist, die Welt
       ihn darin  beschränkt, so  daß das  Ich, das  er auch  noch  ist,
       "gerade jener Teil der Persönlichkeit, der an die Grenze zwischen
       dem bio-physiologisch  Triebhaften und  der Außenwelt liegt", die
       "Stätte (!)  ist", an der sich der Charakter bildet. Reich hat es
       jedenfalls erkannt,  daß er  mit dem  Charakter "Ausdruck und die
       Summe jener  Einwirkungen der  Außenwelt auf  das Triebleben, die
       durch Häufung  und qualitative  Gleichartigkeit ein  historisches
       Ganzes  bildeten",   vor  sich  hat.  Das  Ganze  führt  wie  bei
       Altmeister Freud  geradezu in  den ewigen Krieg zwischen Lust und
       Realität, der  sehr sexuell beschaffen ist: "Die Charakterbildung
       setzt  ein   als  eine   bestimmte  Form   der  Überwindung   des
       Ödipuskomplexes." Schon  Sigmund wußte,  daß Neid, Eifersucht und
       körperliche Eitelkeit des Weibes aus dem Penisneid stammen; "etwa
       die Fähigkeit,  einen intellektuellen  Beruf auszuüben, läßt sich
       oft als  eine sublimierte  Abwandlung dieses verdrängten Wunsches
       (welches  wohl?)  erkennen."  Erkannt  ist  da  leider  überhaupt
       nichts, ebensowenig  wie bei  der Deduktion  von "Ordentlichkeit,
       Sparsamkeit   und    Eigensinn"   aus    der   "Aufzehrung"   und
       "andersartigen Verwendung  der  Analerotik"  -  dafür  haben  die
       charakterlichen Tugenden  und Laster  einen  interessanten  Grund
       zugesprochen erhalten:  sie sind  unbewußt,  aber  kontinuierlich
       vollzogener   E r s a t z   für sexuelle Unternehmungen, zu denen
       das Subjekt  eigentlich getrieben  wird, die  es sich  in  seiner
       bewußten   Existenz   aber   versagt.   Warum   es   ausgerechnet
       d i e s e n   Ersatz wählt  und umgekehrt  so unfrei ist, bei den
       verschiedensten, willentlich  in  Angriff  genommenen  Geschäften
       nicht diese  zu vollführen,  sondern seinen Trieben knechtisch zu
       gehorchen, sollten  sich die Psychoanalytiker einmal fragen, wenn
       sie wieder  einmal ein verkehrtes Buch schreiben und wer weiß was
       sublimieren, wenn  sie Hervorhebungen  machen und  mit der  Logik
       ebenso sparsam wie eigensinnig umgehen.
       Die  unter   dem  Firmenschild     P e r s ö n l i c h k e i t s-
       t h e o r i e     antretenden  Menschen   machen  es   sich  zwar
       einfacher, aber  nichts richtiger.  Ihnen hat  es die Problematik
       angetan,  der  Persönlichkeit  bzw.  dem  Charakter  beizukommen;
       erstens wollen  sie  beides  nicht  recht  unterscheiden  können:
       "Weder die Fachterminologie noch die Alltagssprache unterscheiden
       mit hinlänglicher Schärfe zwischen den Begriffen 'Persönlichkeit'
       und   'Charakter'.   Das   zweite   Wort   ist   jedoch   weniger
       ausschließlich auf  die Eigenart menschlicher Individuen bezogen,
       da gewisse Eigenschaften auch als 'charakteristisch' für  leblose
       Gegenstände bezeichnet  werden können".  Na ja.  Zweitens  zählen
       zwei  Forscher   "die  folgenden  Persönlichkeits f a k t o r e n
       auf:  1.  Aktivität;  2.  Selbstbeherrschung;  3.  Durchsetzungs-
       fähigkeit;  4.   Geselligkeit;  5.   emotionale  Stabilität;   6.
       Sachlichkeit; 7.  Freundlichkeit; 8. Introversion des Denkens; 9.
       Bereitschaft  zu   sozialen  Zusammenarbeit;   10.   Männlichkeit
       gegenüber Weiblichkeit." Das hat ebenfalls seine Vorteile:  d a ß
       es sich  hier um  "Faktoren"  der  Persönlichkeit  handeln  soll,
       erspart sogleich  jeglichen Gedanken  darüber,   w a s    man  da
       eigentlich für  Bestimmungen der Persönlichkeit zusammenträgt, um
       Charaktere zu  unterscheiden, und  den Witz  am Charakter ist man
       als wissenschaftlichen  Gegenstand los.  Dafür darf man die Frage
       aufwerfen, ob  das alle  oder genug Faktoren sind: "Dieses System
       scheint ebensowenig  wie die  anderen der  Fülle  der  erlebbaren
       Persönlichkeitsunterschiede  heute  (!)  noch  wirklich  Rechnung
       tragen zu können."
       Da trifft es sich gut, daß es Skinner gelungen ist, die Frage des
       Charakters,  wie   er  bei  Freud  vorgeführt  wird,  radikal  zu
       hinterfragen. Ob  es sich  beim Charakter  einer "Persönlichkeit"
       tatsächlich nicht  bloß um  V e r h a l t e n  handle, gibt er zu
       bedenken! So  weit und  so verkehrt  abstrakt gefragt!  Weiterhin
       gewahrt er,  gegen die  Psychologie vor  ihm, daß man es sich nur
       unnötig schwer  mache,  e i n  "Selbst" als "Reaktionssystem" für
       so  v e r s c h i e d e n e  Verhalten "anzusetzen":
       "Ist die  Umwelt, von  der Verhalten  eine Funktion  ist," (schon
       wieder kein  Subjekt in  Sicht, das etwas weiß und will und tut -
       und sei  es noch  so verrückt!)  "vom einen  zum  anderen  Moment
       unbeständig, so  besteht kein  Grund, vom Verhalten Beständigkeit
       zu erwarten.  Der fromme  Kirchgänger vom  Sonntag kann am Montag
       zum aggressiven und skrupellosen Geschäftsmann werden. Er verfügt
       über zwei  Reaktionssysteme, die  zwei verschiedenen  Gruppen von
       Umständen angemessen sind..."
       Ja wenn  es "die  Umwelt" ist,  "die ihn am Sonntag in die Kirche
       und am  Montag zur  Arbeit führt",  dann braucht man nicht einmal
       mehr einen  Katalog von  Merkmalen aus  der wirklichen  Welt  der
       Charaktere,  um   eine  psychologische  Theorie  über  gar  nicht
       vorhandene Subjekte  zu präsentieren.  So schön  läßt sich in der
       modernen Wissenschaft ein Gegenstand, den man noch dazu ausgiebig
       zur Kenntnis nimmt und gern hat, zum Verschwinden bringen.
       
       
       Paragraph 10
       ------------
       
       I n h a l t s l o s   ist auch die  S e l b s t k r i t i k,  die
       dem Bemühen der Selbstbehauptung auf dem Fuße folgt, und zwar aus
       gutem Grunde.  Auch diese  Veranstaltung führt  nämlich zu keinem
       guten   Ende,    und   das       A u s b l e i b e n        d e r
       R e a l i t ä t s t ü c h t i g k e i t   konstatiert so  mancher
       in dem Urteil, er sei eben ein  V e r s a g e r.
       Diesem sehr  totalen Urteil  ist anzumerken, daß die Betreffenden
       sich die  Freiheit herausnehmen,  von den  realen  Schranken  für
       ihren Erfolg  gänzlich abzusehen. Den  L i e b h a b e r n  d e r
       S e l b s t b e z i c h t i g u n g   ist klar,  daß  sie  nichts
       verkehrt machen, weil sie gar nicht anders können. Auch ist ihnen
       die Bescheidung auf eine wie immer begrenzte Sphäre vergangen, in
       der sie  auf ihre  Weise ihren  Mann stehen  und   A n e r k e n-
       n u n g   verdienen. Unbrauchbar  erscheint ihnen auch der Trost,
       sauber geblieben  zu sein.  Ihre "Einsicht"  lautet: ich  k a n n
       mich nicht  behaupten, mein  Wille ist  nicht in  der  Lage,  dem
       Anspruch auf  Rechtschaffenheit zu  genügen. Unter Aufbietung des
       ganzen Verstandes  schreitet das  Individuum dazu,  D e f e k t e
       am eigenen Ich als "Erklärung" ins Feld zu führen - und für diese
       Defekte wird  Anerkennung verlangt.  Die Selbstverurteilung,  die
       mit der  Prätention des  Wissens daherkommt,  erhält Begründungen
       nachgereicht, die  nur eines leisten: sie beseitigen den Stachel,
       der in  der Konstatierung eigener Fehler immer noch liegt, den zu
       ihrer Behebung.  Die Theorie  ist eine der  O h n m a c h t:  die
       B e s o n d e r h e i t   d e s   b e s c h ä d i g t e n   I c h
       wird zur   E n t s c h u l d i g u n g   dafür,  daß  man  dessen
       nicht fähig  sei, woran  einem ganz  viel liegt. Diese sehr freie
       Betrachtungsweise des eigenen Willens als defekter Identität, die
       lauter   Hemmungen   mit   sich   herumschleppt,   hat   in   den
       psychologischen  Rechtfertigungen  des  "Nichtrevoltierenkönnens"
       den Kampf  gegen jede  rationale Besprechung  von Gründen für den
       Klassenkampf aufgenommen  - und  sie kommt  auch sonst  als neuer
       Typus von   S e l b s t s i c h e r h e i t  daher. Als jedermann
       zugängliche Waffe  im "zwischenmenschlichen"  Verkehr  taugt  die
       Manier, sich  selbst für  bescheuert und verkorkst zu halten, zur
       Weckung von  Aufmerksamkeit. So  bringt man andere, die der Gunst
       des Mitleids und des psychologischen Denkens mächtig sind, dahin,
       daß sie  einen als  exquisiten Problemfall  würdigen und  mit ins
       Bett nehmen.
       Am  produktivsten  wird  die  psychologische  Heuchelei  mit  der
       ausgezeichneten beschädigten  Psyche, wenn  sich die  "rationale"
       Individualität   H i l f e   besorgt im  Kampf gegen  ihre schwer
       besiegbare irrationale  Seite.  Angestrebt  wird  die  friedliche
       Koexistenz zwischen  der Liebe zu den eigenen "Problemen" und dem
       Wunsch nach  Bewährung in  der Welt  der "Leistung".  Psychologen
       aller Schulen  wissen diesen  Auftrag zu  schätzen,  und  in  der
       Erfüllung    des     gesellschaftlichen     Bedürfnisses     nach
       B e t r e u u n g   der Fehler,  die  der  abstrakt  freie  Wille
       massenhaft   vollbringt,   entstehen   Arbeitsplätze.   Da   wird
       b e r a t e n   und der  verkehrte Umgang  mit sich  auf allerlei
       Veranstaltungen   g e ü b t,    das  Leiden  an  sich  regelrecht
       g e p f l e g t.
       Recht  offen   wird  von  den  professionellen  Psychologen  also
       eingestanden, daß  für  sie  die  "Defekte",  welche  bürgerliche
       Individuen sich  anerfinden, eine  zur  Menschen n a t u r    nun
       einmal zugehörige Sache sind, die einer geregelten fachmännischen
       Abwicklung  bedarf.   Sie  feiern   sich  als   einen  Zweig  der
       L e b e n s hilfe,  indem  sie  die    T e c h n i k e n    d e r
       M o r a l,   mit denen sich bürgerliche Charaktermasken  A n e r-
       k e n n u n g   verschaffen wollen,  zum von  ihnen durchschauten
       Geheimnis aller Taten erklären - und genießen mit dieser modernen
       Kammerdienerperspektive den  guten Ruf  einer allgemein beliebten
       Weltanschauung.
       
       1.
       
       Mit seinem Charakter demonstriert der rechtschaffene Mensch seine
       F ä h i g k e i t  zum Erfolg, seine individuelle  M e t h o d e,
       durch die  er den  Widrigkeiten, die  ihm aus  Politik, Beruf und
       Privatleben entgegenschlagen, gewachsen ist. Er tut allen Ernstes
       so, als  hätte er  mit  s i c h  s e l b s t  Mittel enteckt, den
       Erfordernissen Anstand  und Leistung  zu genügen,  als  wäre  mit
       seiner speziellen Zurichtung seiner selbst die List gefunden, der
       Welt das  Zugeständnis abzutrotzen,  daß  sie  einen  sein  Glück
       machen läßt.
       Insofern ist  es nur  konsequent, wenn  die  Charaktere  aus  der
       Erfahrung, daß  ihre Fähigkeit  ohne Erfolg bleibt, ihre Methoden
       nicht zum  Ziel führen, nicht die widrigen Umstände bedenken, die
       ihnen das  Leben schwer  machen,  sondern  auf  sich  als  Quelle
       mangelnden Geschicks  verfallen. Wer  sich auf  die Pflege seiner
       T a u g l i c h k e i t   getrennt von und zusätzlich zu dem, was
       er ständig  tut und  auf sich  nimmt, verlegt hat, der macht eben
       auch  s i c h  für seine  U n t a u g l i c h k e i t  haftbar.
       Dieses Eingeständnis ist freilich über die moralische Betrachtung
       der  eigenen   Person  hinaus.  Während  im  Schamgefühl  und  im
       schlechten Gewissen  der Anspruch an sich selbst formuliert wird,
       anerkannten Kriterien  von Güte  und Leistung  besser gerecht  zu
       werden -  also eine  verkehrte Selbstkritik  unternommen wird  -,
       wird die schlechte Zensur, die sich die Charaktermaske ausstellt,
       zur  E n t s c h u l d i g u n g.  Das negative Urteil gilt nicht
       dem eigenen Willen, sondern einer erfundenen Voraussetzung dieses
       Willens: diese  Voraussetzung fehlt,  lautet  die  Diagnose,  und
       daher ist so gut wie alles vergeblich. Das moralische Verdikt, zu
       versagen, tritt in der Form eines Urteils über die charakterliche
       Eignung von sich selbst auf; der Mensch will einen unabhängig von
       seinem Willen   e x i s t e n t e n   G r u n d   entdeckt haben,
       der ihn  an der Realisierung der Taten hindert, die er anstrebt -
       aber nicht  in der bürgerlichen Gesellschaft und dem, was sie ihm
       aufherrscht, sondern  an seinem  Charakter. Daß  man  selbst  der
       bitter notwendigen  Fähigkeiten und  Methoden entrate,  die einen
       gescheiten Typ  ausmachen, wird  da verkündet;  "Ich  b i n  so!"
       lautet die  nicht mehr  auf Fehler und Schwächen in der Erfüllung
       akzeptierter  Maßstäbe   bezogene  Selbstbezichtigung,   und  von
       wirklichen Mängeln in der zweckmäßigen Durchführung von Vorhaben,
       auf die man Wert legt, ist schon gar nicht mehr die Rede. So geht
       P s y c h o l o g i e     als  der   bürgerlichen  Individualität
       vertrautes Verfahren,  den eigenen  Verstand von  der moralischen
       Belastung,  die   er  in   die  Welt  setzt,  zur  Fahndung  nach
       "objektiven"  Ursachen   für  das  Versagen  zu  bringen  -  nach
       Ursachen, die  der Überzeugung, man sei eine  F l a s c h e,  das
       Odium der  Beschuldigung nehmen.  Jetzt   i s t  man eine Flasche
       und muß  zusehen, wie  man seine   D e f e k t e   handhabt, weil
       sonst der eigene Wille zu nichts taugt - so man ihn überhaupt als
       vorhanden und wirksam annehmen kann.
       
       2.
       
       Der betrübte Schluß, daß man - so wie man nun einmal ist - nichts
       können   kann,    setzt   die   in   den   Charaktereigenschaften
       eingeschlagene Strategie  der Selbstbehauptung durchaus fort. Wie
       die Methode  der Selbstdarstellung,  die der  Überzeugung anderer
       wie seiner  selbst dienen,  daß man seine Sache zu meistern weiß,
       leistet die   p s y c h o l o g i s c h e    T e c h n i k    des
       Selbstmitleids  ja  einiges  für  die    S e l b s t s i c h e r-
       h e i t,   auch wenn  diese durch  die "Feststellung" eines blei-
       benden Schadens  erschwindelt wird.   M i t   diesem  Schaden  zu
       leben, sich im Kampf  g e g e n  ihn zu bewähren, ist schließlich
       auch ein  Programm, für dessen Schwierigkeit man sich selbst alle
       Achtung schuldet.  Man "weiß"  nämlich jetzt  genau, daß man sich
       nicht zu  schämen braucht,  sondern un-verschämt  an dem  Schaden
       laborieren darf,  für den  man nun  einmal nichts kann. Denn wenn
       man auch  sonst vom  bürgerlichen Getriebe  nichts    w i s s e n
       will, weil man darauf aus ist, sich in ihm zurechtzufinden, unter
       dem Titel  "Umwelt" und  "Erziehung" macht man die "Verhältnisse"
       schon verantwortlich.  Nämlich für  die  Defekte,  an  denen  man
       zaust: man zählt sich als  b e s c h ä d i g t e s  I c h  zu den
       wehrlosen Opfern  und wähnt sich sogar als Gesellschaftskritiker,
       wenn  sich   einem  Kapital   und  Staat  in  lauter  repressive,
       manipulative, ich-zerstörende  "Repression" verwandeln, die allen
       Menschen guten Willens das Rückgrat brechen, was den guten Willen
       um seine  Wirkungen bringt. Da behaupten erwachsene Menschen ohne
       einen   i n h a l t l i c h e n   Einwand gegen  die Lehren ihrer
       Eltern und  Lehrer, also  möglichst ganz  ohne sich  auch nur dem
       Anschein nach   a n d e r e r   Auffassungen zu rühmen, sie seine
       von Kind  auf  f r e m d b e s t i m m t  worden und hätten daher
       ihre  Charakterschäden   bezogen.  Dieselben   Leute,   die   ihr
       mangelhaftes   "Selbstbewußtsein"    -   d a s      Ideal   eines
       psychologisierenden Bürgers  ist eben  der  brauchbare  und  sich
       behauptende und  anerkannte Mensch  -  beklagen  und  nach  "Ich-
       Stärke" seufzen,  halten sie  sich  z u g u t e,  daß sie bemerkt
       haben, wie  die Welt  sie  zu  Anpassern  erniedrigt!  In  linken
       Kreisen  ist   die  Korrektur   von  Marx  durch  Freud  dermaßen
       eingeschlagen,    daß     sich     studierte     Menschen     bei
       unternehmungslustigen Organisationen, denen sie "in vielem" recht
       geben, "vorläufig"  entschuldigen, weil  sie  zunächst  mit  sich
       selbst  befaßt   seine,  natürlich   um  der   Herstellung  ihrer
       Aktions f ä h i g k e i t   willen. Dabei hören sie keineswegs zu
       "handeln" auf,  sondern widmen  sich samt  ihren  psychologischen
       Selbstbeurteilungen einerseits  dem, was alle anderen auch machen
       - den  Notwendigkeiten ihrer  Ausbildung und  Arbeit sowie  ihren
       Vergnügungen -,  andererseits bringen  sie  Zeit  und  Kraft  für
       Veranstaltungen auf,  die exklusiv  der Pflege ihres ohnmächtigen
       Ich gewidmet sind.
       
       3.
       
       Die gewöhnlichen Verrichtungen des bürgerlichen Lebens werden von
       den  Leuten,   die  ihre     I n d i v i d u a l i t ä t    a l s
       P r o b l e m   entdeckt haben, zwar nicht besser oder schlechter
       als von den wenigen verrichtet, die einfach ihrer rechtschaffenen
       Wege gehen (aus den Ratgeberseiten der Illustrierten geht hervor,
       daß inzwischen  Kinder, Hausfrauen  und Schwiegermütter aus allen
       Kreisen ihre  Charaktermängel und  -stärken gewieft breittreten).
       Immerhin erledigen  sie aber  ihr  bürgerliches  Pensum  mit  der
       Überzeugung, es  ginge immerzu um etwas ganz anderes - nämlich um
       sie, um  die Verhinderung  oder  Beförderung  ihres  persönlichen
       Fortschritts von  einem des  "Selbstvertrauen" baren Subjekts hin
       zu einem, das sich "findet" und überall "einbringt".
       Selbst die große  P o l i t i k,  in der es um die per Herrschaft
       zu erwirkende  Brauchbarkeit der  Menschheit geht,  kann sich der
       Beurteilung  und  Teilnahme  von  Selbstbestimmungsbürgern  nicht
       entziehen - und ihre Macher haben sich längst darauf eingestellt,
       die psychologischen  Bedürfnisse von  Leuten zu  berücksichtigen,
       die materielle  Ansprüche gar  nicht mehr anmelden. Da wird allen
       Ernstes die  "Kritik" am politischen Geschäft der staatstragenden
       Parteien  angemeldet,  man  fühle  sich  bei  ihnen  nicht  recht
       aufgehoben. Das macht die Wahl des kleineren Übels angenehm, weil
       sie sich  so schön nach den Kriterien des persönlichen Vertrauens
       entscheiden   läßt,   nach   dem      B i l d,      das   gewisse
       Persönlichkeiten von  sich herstellen,  so daß man nicht mehr der
       Staatsgewalt seinen  Segen erteilt,  sondern eine  Persönlichkeit
       unterstützt, die  dem eigenen  Ideal  vom  guten  Landesvater  am
       nächsten kommt.  Aus dem Bedürfnis heraus, in respektierter Weise
       "aktiv" zu sein, statt "passiv" immer nur "unbeteiligt betroffen"
       zu sein  - also  aus der  eigenwilligen "Kritik"  heraus, Politik
       hätte doch  für  den  Menschen  da  zu  sein,  dürfe  sich  nicht
       kilometerweit vom  Bürger entfernen,  bedürfe  also  auch  seines
       Engagements, auf  daß seine  Kritik am  Schluß ebenso glaubwürdig
       sei wie  der Staat etc. -, aufgrund  s o l c h e r  Zielsetzungen
       entschließen sich  erwachsene Menschen  für und  dann auch wieder
       gegen das  Mittun in  einer SPD-Ortsgruppe,  bei den  Grünen oder
       sonst einer  Initiative. Worauf es dem jeweiligen Haufen ankommt,
       ist eine lässig zu vernachlässigende Größe für Leute, die meinen,
       im Interesse  ihrer Selbstachtung  "etwas  tun"  zu  müssen;  den
       Sponti-Bürgern  ist   ein  irgendwie  oppositionell  auftretender
       Verein  dann   eine  Heimat,  wenn  ihnen  eine  Diskussion  über
       begründete  Ziele   erspart  und   die  andere,   die  über   ihr
       "Selbstverständnis", gestattet wird: die internen Verkehrsformen,
       die "autoritären"  und "demokratischen"  Strukturen, das  Hin und
       Her über   b l o ß e  Theorie und echte Praxis, die "Spaß macht",
       werden zur bevorzugten Beschäftigung.
       Da meldet  sich dann mancher zu Wort, um zu sagen, wie schwer ihm
       das Diskutieren  fällt, daß  er es  aber können möchte so wie ein
       anderer, der in  d a m i t  auch schon unterdrückt. Währenddessen
       diskutiert er schon ganz munter, freilich nicht über die Welt und
       die in  ihr gemachte  oder zu  machende Politik, sondern  ü b e r
       s i c h.   Eine Leistung  ist eben  der psychologischen Kunst der
       Selbstbehauptung  nicht   abzusprechen:  sie   ist  ein  Akt  der
       Emanzipation -  von der Realität des bürgerlichen Lebens, dem man
       die Freiheit  ablauscht, sich  beim Mitmachen  ausschließlich  um
       sich selbst zu kümmern.
       Im   A r b e i t s l e b e n  geht es einem seiner Individualität
       verpflichteten Subjekt um die konsequente Belebung der kindischen
       Illusionen, die  angelegentlich der  Berufswahl gehegt werden: um
       eine dem  eigenen Naturell  angemessene Tätigkeit, eine furchtbar
       schöpferische, die  das eigene Ich aus- und erfüllt sowie aus dem
       Karrierchen einen Weg der Selbstfindung werden läßt. Das "Gefühl,
       sozial anerkannt  zu sein",  wiegt mindestens  so schwer wie Lohn
       und Last;  und falls  einer arbeitslos  ist, fehlt  ihm  mit  dem
       S i n n  gleich die Lust am Leben. Alles "Soziale" ist besser als
       die toten  Gewerbe, die so wenig  m o t i v i e r e n.  Die harte
       Sache mit  der Konkurrenz,  der man  ausgesetzt ist, verflüchtigt
       sich mit  dem psychologischen Blick auf den beruflichen Alltag in
       die zutiefst  menschliche Aufgabe,  s i c h  s e l b s t  gerecht
       zu werden - und die ganze Wucht dieser Selbstgerechtigkeit trifft
       Kollegen, Untergebene  und Vorgesetzte:  Alles, was  sie tun oder
       lassen, wird  der gehässig  vermuteten Zielsetzung  zugeschlagen,
       das alles  würden sie  aus reinem "Geltungsbedürfnis" vollführen.
       "Krampfhaft" sind  sie auf  die Bestätigung  ihrer Eitelkeit aus,
       machen einem  deshalb das Leben schwer, und Solidarität ist denen
       ein Fremdwort.  So funktioniert die Konkurrenz prächtig mit Hilfe
       des psychologischen  "Egoismus", der  erstens kein  Materialismus
       ist   und    zweitens   die    Ideale    der    Konkurrenz    als
       Charaktereigenschaften handelt.  Der Eindruck,  daß  es  mit  der
       Einstellung  der   anderen  nicht  weit  her  ist,  weswegen  die
       Selbstverwirklichungsvorhaben  ständig   scheitern,   darf   dann
       getrost aus der Erfahrung am Arbeitsplatz mit nach Hause genommen
       werden.
       Dort,  im    P r i v a t l e b e n,    kommt  das  Programm,  die
       Probleme der  eigenen Person  zu lösen,  voll  in  Gang.  Was  in
       politischen und  beruflichen Angelegenheiten  immer noch  stört -
       daß es  eben um  die von   a n d e r e n  erzwungene und "leider"
       nicht zu  vermeidende Unterwerfung des Menschen geht; immerzu die
       peinliche Erinnerung  daran, daß  es dem Individuum verwehrt ist,
       auf seine  Kosten zu  kommen -,  kann  das  mit  der  Überwindung
       s e i n e r   Schranken befaßte  Ich hier  getrost vergessen.  Es
       befindet sich  in der  Welt seiner ganz persönlichen Anliegen und
       verschreibt sich  ganz der  Sorge, wie  es   a u s   s i c h  ein
       glücks-, liebes-,  kommunikations-, lust- und genuß f ä h i g e s
       Subjekt verfertigt.  Denn soviel  ist einem  charaktervollen  und
       dabei ständig  enttäuschten Glückssucher, der die Welt zur  U m -
       W e l t  seiner Selbst-Befriedigung verfabelt, klar: Wenn es hier
       nicht läuft, wo nur  e r  gefragt ist mit seinen Bedürfnissen und
       Träumen, dann  ist ganz  sicher nur  er allein  zuständig für die
       matten Resultate  - womit  er nicht    s e i n e n    W i l l e n
       meint, sondern sein  V e r m ö g e n.  Fragen über Fragen stürzen
       über ihn  herein: Warum  kann ich niemanden glücklich machen? Und
       umgekehrt: Warum  traue ich mir zuwenig zu? Warum habe ich Angst?
       Bin ich  verklemmt? Versteht  mich denn  keiner? Wieso  kann  ich
       nicht jeden Tag zweimal? Wo bleibt denn dein Orgasmus? Was ist an
       mir faul? usw.
       Mit Fragen  dieses Kalibers  schlagen sich  - und  das  ist  kein
       Wunder -  die an  sich selbst leidenden Persönlichkeiten  s e h r
       g e r n e   herum. Denn  solche Fragen  sind Antworten,  und  die
       machen   das    von   seinen    Ängsten    und    Verkorkstheiten
       v e r u n s i c h e r t e     Individuum   sehr      s e l b s t-
       s i c h e r.   Wer so  räsoniert, hat  sich immerhin zum einzigen
       Gegenstand  seiner   theoretischen  wie   praktischen  Bemühungen
       erkoren, und  seine gesamte  Einstellung zur  Welt will er in die
       "Lösung seiner  Probleme" gelegt  wissen.    D a r ü b e r    muß
       diskutiert und  darauf muß  eingegangen werden.  Der andere  soll
       sich bewußt sein, was für einen komplizierten Charakter er da vor
       sich hat,  und  er  soll  sich  gefälligst  klar  machen,  welche
       speziellen Rücksichten  deswegen fällig sind. So einfach geht die
       Verwandlung einer  Selbstbezichtigung,  die  Beschwörung  eigener
       Defekte in  einen Anspruch,   m i t    und  wegen  der  lädierten
       Charakternatur anerkannt,  verstanden und  unsäglich geliebt  und
       betreut zu werden. Und wenn die geforderte  A n e r k e n n u n g
       ausbleibt,  darf  mit  der  Verdammung  des  eigenen  Unvermögens
       getrost der  Auftakt  zu  einer  Offenbarung  der  Störungen  des
       anderen  gemacht  werden,  der  seine  Komplexe  "verdrängt"  und
       "verschiebt",  eigentlich   immerzu  sein  verkorkstes  Sensorium
       verleugnet. Dann  wird aus  dem geständnisfreudigen  Psycho,  der
       jede Lüge  über sich  als seine  Natur gewürdigt  wissen will und
       diese seiner Erziehung in die Schuhe schiebt, noch ein Vorbild an
       "Ehrlichkeit" und "Selbsterkenntnis", ein Mensch, der sich selbst
       nichts vormacht  und um  die Beseitigung  seiner Schwächen ringt.
       Das gibt  schöne Stunden  der  Aussprache,  in  denen  die  volle
       Würdigung von zerbrechlichen Identitäten vollzogen wird. Und wenn
       die Beteiligten in regelmäßigen Abständen die Schnauze voll haben
       von den  psychologischen Experimentierveranstaltungen,  weil  sie
       als     M e t h o d e    des  "Sich-Verstehens"  den  erwünschten
       Liebesdienst gar  nicht zustandebringen,  so darf das so versaute
       Privatleben als  eine äußerst  schwierige Angelegenheit  gefeiert
       werden, die  "isoliert" gar  nicht  zu  bemeistern  ist,  sondern
       höchstens durch  "politische  Aktivität".  Die  sieht  dann  auch
       entsprechend aus,  wenn sie als  K o m p e n s a t i o n  für den
       häuslichen Quatsch  "in der  Gruppe" stattfindet - ein Luxus, den
       sich ganz gewiß nicht alle leisten!
       
       4.
       
       Ob  als   Politikum  demonstriert   oder  nicht:  die  Sonderver-
       anstaltungen zur  Sanierung der eigenen Defekte, das Gruppengetue
       von Leuten,  die sich  zusätzlich zu  ihren Pflichten  den  Genuß
       verschaffen wollen,  in die  vermeintlichen Abgründe  des eigenen
       Ich zu  blicken und   s i c h  "zu emanzipieren", während auf der
       Welt alles seinen geregelten kapitalistischen Gang geht, haben es
       in sich. Sie gelten dem äußerst positiven Zweck, all die Dinge zu
       üben und  zu vollbringen,  die gemäß  dem miserablen Zeugnis, das
       man seinem  Charakter  ausstellt,  immerzu  nicht  gelingen.  Das
       muntere  Treiben,   das  da   anhebt,  ist   deswegen     p u r e
       M e t h o d e -  getrennt vom  wirklichen Leben,  in dem man sich
       für einen Versager erachtet.
       Um   d i s k u t i e r e n   zu lernen  - was man können will, um
       sich Anerkennung  und darüber wieder Selbstachtung zu verschaffen
       -,  übt   man  diskutieren,   indem  man  sich  dem  Zwang  einer
       S e l b s t e r f a h r u n g s gruppe unterwirft,  wo jeder erst
       mal ganz  viel über  seine Gefühle  und enttäuschten  Begegnungen
       erzählen darf:  Da lernt er sich einiges trauen, fängt jeden Satz
       mit "ich  finde" an,  darf sich  freuen, ihn  herausgestotter  zu
       haben, und  furchtbar gespannt den analogen Versuchen der anderen
       Teilnehmer  beiwohnen,   die  das   Ihre  finden.   Bis  in   die
       wissenschaftliche  Ausbildung   hinein   ist   dergleichen   Usus
       geworden, so  daß vor  jeder Befassung  mit einem  Gegenstand die
       Teilnehmer  von  Seminaren  einander  mit  Offenbarungseiden  der
       peinlichsten Art  traktieren. Da  gibt es Gruppenspiele, in denen
       das Publikum  andere dabei  überwacht, dogmatische  Ausdrücke  zu
       vermeiden, worunter alle modalen Ausdrücke verstanden werden, die
       irgendetwas an  Notwendigkeit des  Gedankens signalisieren;  ganz
       als ob  eine logische Verknüpfung einem anderen Menschen die Ehre
       raube,  in   seiner  einhelligen  Individualität  respektiert  zu
       werden.   A n e r k e n n u n g   b e d i n g u n g s l o s   und
       ohne den  herzlosen Weg  des Urteils  wird   g e s p i e l t  und
       sich  gefühlsmäßig  versichert,  was  so  geht:  Einander  völlig
       unbekannte Teilnehmer  der  Selbsterfahrungsmannschaft  befummeln
       einander, lassen  es sich  bis zu  Tränenausbrüchen anmerken, wie
       schwer ihnen  dies fällt  - und vom begutachteten Psychotechniker
       bestätigen,  wie   sehr  sie   offensichtlich  "noch"  in  völlig
       unbegründeten Hemmungen verkrustet sind! In Übungen dieser Sorte,
       wo erwachsene  Menschen ihre   s e n s i t i v i t y  trainieren,
       wird aus der gefühlsmäßigen Zuneigung zu anderen ein Tagesbefehl,
       dem nur  gerecht wird,  der solange  an sich herumdoktert, bis er
       sich von  seinen "Hemmungen" freigemacht hat. Das Absolvieren der
       einschlägigen Rituale  heißt zunächst    E r l e r n e n    v o n
       F ä h i g k e i t e n -  und hinterher  gehen die  Techniker  des
       grund- und  inhaltslosen  Verständnisses  entsprechend  auf  ihre
       Mitmenschen los,  auf daß  sie ohne den Anschein eines Kriteriums
       dasselbe "Eingehen" fordern können.
       
       5.
       
       Im Gang  zur individuellen  psychologischen Betreuung,  den manch
       einer ganz  allein absolviert,  auf daß  der  Spezialität  seines
       Problems  Genüge   getan  werde,  entspricht  das  psychologische
       Selbsthilfeprogramm seinem  Begriff. Schließlich  ist es  ja  ein
       nicht zu  übersehender Widerspruch, wenn jemand sich selbst recht
       dauerhaft zum  Krisenfall erklärt  und zugleich den Krisenmanager
       spielen will.  Da ist  es schon  besser, sich  in die Obhut eines
       fremden Menschen zu begeben, wo man selbst der "Fall" ist und der
       andere der Fachmann für Probleme der scheiternden Individualität.
       Der läßt  sich auch gar nicht erst durch die Umstände, in die man
       gestellt ist  und in  denen man  immer  wieder  auf  die  eigenen
       Unzulänglichkeiten gestoßen sein möchte, irritieren. Die sind für
       ihn  die  "Realität",  und  somit  kann  er  sich  ganz  auf  das
       beschädigte "Ich"  konzentrieren, das ihn konsultiert. Er verlegt
       sich vollständig  auf die   D e u t u n g   d e r  D e f e k t e,
       die ihm  zu Ohren  gebracht werden,  sieht also  auf  den  ersten
       Blick, daß  da ein  Charakterleiden vorliegt; und auf den zweiten
       Blick entdeckt  er  die  Beschaffenheit  des  Leidens,  die  sein
       Inhaber nicht  so genau  zu ermitteln  vermochte.  Er  hilft  dem
       Patienten also bei der "Identifikation" der Schwächen, die dieser
       sich zur Last legt.
       Wie diese  "Identifizierung" vonstatten geht, darf als gelungener
       Beleg dafür  gelten, daß  die Psychologie  eine "gesellschaftlich
       nützliche" Wissenschaft ist - allerdings auch ein Hinweis darauf,
       daß die Nützlichkeit einer Sache in der Klassengesellschaft, auch
       wenn  sie   mit  dem  soziologischen  Generalkompliment  "gesell-
       schaftlich" verziert  wird, nichts Begrüßenswertes darstellt. Die
       Ergebnisse einer analytischen Behandlung - von deren "Erfolg" der
       Therapeut von  Anfang an  behauptet, daß er in seinen Händen bzw.
       Worten  nicht   liege  -   bestehen  nämlich   darin,   daß   die
       Selbstbezichtigung, die  Unfähigkeitserklärung des Patienten, wie
       schwerwiegend oder  geringfügig sie  auch sein  mag,  sehr  ernst
       genommen wird.  Aber nicht  als das, was sie  i s t,  sondern als
       ein reales  Manko des Analysanden mit einer Herkunft, die er sich
       einerseits nur und andererseits nicht einmal im Traum eingesteht.
       Der Psychologe entdeckt  G r ü n d e  für das notorische Versagen
       seines Klienten, die diesem nur allzugut in den Kram passen, weil
       sie sich allesamt in seiner "Lebensgeschichte" finden lassen, ihn
       also nicht  eines idiotischen  Umgangs  mit  seinen  Rechten  und
       Pflichten beschuldigen,  sondern ihn dafür  e n t schuldigen, daß
       er so  bescheuert durch  die Welt  tigert. Er wird als  O p f e r
       respektiert  -  von  ihm  aufgezwungenen  falschen  Bewältigungen
       kindlicher Grenzsituationen  im Spannungsfeld von Ich und Mutter,
       Vater und Lust. Realität und Ödipus etc. -, das sehr folgerichtig
       und ganz  ohne eigenes  Zutun an  K o n f l i k t e n  laboriert,
       die garantiert  nicht die   s e i n e n  sind. Dem Patienten wird
       schlicht   und    einfach   zugute    gehalten,   daß    er   die
       H i n t e r w e l t  seiner Selbstzweifel nicht kennen kann - und
       das Verzeichnis der Traumsymbole bei Freud gibt Auskunft darüber,
       wie diese  geheimnisvolle,  dem  Psychoanalytiker  bekannte  Welt
       aussieht.
       Natürlich besteht  die Psychologie  aus mehreren  Schulen, wie es
       sich für  eine bürgerliche  Wissenschaft gehört. Doch der gemeine
       Rat der klassischen Psychoanalyse,  a n  s i c h  einen Ausgleich
       zwischen dem, was geht, und dem, was nicht geht, vorzunehmen, den
       Mittelweg  einzuschlagen   zwischen  dem,  was  dem  Selbstgefühl
       abträglich ist,  und dem  für es  Notwendigen,  überhaupt:  weder
       unter noch  über seine  charakterlichen  Verhältnisse  zu  leben,
       dieser Rat  erfolgt noch  jedesmal -  und er  fungiert  auch,  im
       Indikativ, als   T h e o r i e  über die seelischen Gebrechen der
       Leute. Immer  hat irgendein  Gleichgewicht, eine  Einheit an  der
       Persönlichkeit nicht funktioniert.
       N ü t z l i c h   macht sich  die Psychologie ganz einfach darin,
       daß sie  einem gesellschaftlichen  Bedürfnis  entgegenkommt.  Sie
       betätigt sich  als   A n w a l t   des moralischen  Subjekts, das
       sich als  mehr oder  minder geeignet  für die  Aufgabe  lohnenden
       Wohlverhaltens betrachtet; sie ist damit sehr parteilich: für die
       Fehler des  zur Unterwerfung  unter die  Zwänge der  bürgerlichen
       Gesellschaft   b e r e i t e n    Individuums  tritt  sie  ebenso
       beratend in  Aktion, wie sie ihm Anleitung verheißt, wenn es sich
       daran  macht,   ausschließlich   auf   die   "Erlernung"   dieser
       Bereitschaft seinen Verstand zu verwenden. Eine wissenschaftliche
       Disziplin   verpflichtet    sich   da   umstandslos   auf   einen
       S t a n d p u n k t,  der  durch  seine  bloße  Existenz  in  der
       Gesellschaft,  welche  sich  den  Luxus  einer  separat  von  ihr
       betriebenen  theoretischen   Beschau  der   Welt  leistet,  einer
       Wissenschaft zum Leitfaden gereicht - sie dankt dem Staat für die
       Mittel ihres  Unterhalts, indem sie zu Problemen  d e s  Menschen
       erklärt, was  brave bürgerliche  Subjekte sich  antun,  weil  und
       solange  sie   den  Erfordernissen  ihrer  Herrschaft  willfahren
       wollen. Die  Psychologen sind sich auch nicht zu blöd, ihre Lehre
       als allgemeingültige  Lehre des  Zeitalters zu offerieren und das
       quidproquo  des  bürgerlichen  Verstandes,  der  den  Winkelzügen
       moralischen Denkens  folgt, für  die Erklärung  des  staatlichen,
       ökonomischen  und  privaten  Geschehens  selbst  auszugeben.  Als
       moderne     W e l t a n s c h a u u n g    präsentieren  sie  die
       K a m m e r d i e n e r p e r s p e k t i v e     für  alles  und
       jedermann,  die  Deutung  jedweden  Geschehens  vermittels  ihres
       Passepartout, der  individuellen   M o t i v a t i o n,   die  so
       ungemein  interessante   Blicke  durchs  seelische  Schlüsselloch
       hinter   die    Kulissen   des   Führerhauptquartiers   wie   des
       nachbarlichen Wohnzimmers gestattet.
       Und dazu  benötigt diese  Wissenschaft nur  die Befolgung weniger
       Grundregeln,  die   sie  nicht   nur   den   Verstandesleistungen
       bürgerlicher Charaktere "entlehnt" hat; diese Regeln kennzeichnen
       sie als die theoretische Imitation des praktischen Opportunismus,
       den sie als ihren Gegenstand weder missen noch begreifen will.
       Denn  das  erste  Prinzip  psychologischen  Denkens  und  Deutens
       besteht   darin,    seinen   Gegenstand    jeder   Erklärung   zu
       e n t z i e h e n.  Das bürgerliche Subjekt würde kein Psychologe
       als seinen  Gegenstand bezeichnen, obgleich er von nichts anderem
       handelt  und   seine  Beispiele   bezieht  als   von  moralischen
       Individuen,  die   sich  dem  Ideal  des  Zurechtkommens  in  der
       verrückten, häufigen,  daher auch  "normalen"  Form  verpflichtet
       haben, mit sich zufrieden sein dürfen. Psychologen besprechen den
       Zweck der  Selbstbehauptung, -verwirklichung,  -findung usw.  als
       das selbstverständliche  Anliegen eines  jeden   M e n s c h e n;
       und die  Inhaltslosigkeit solcher alles erschlagender Motive, die
       nicht einmal  einen Psychologieprofessor  zu  seinen  Vorlesungen
       bewegen, treibt  den Seelenfachmann  nicht etwa zur Frage danach,
       warum Leute  solche Motive  von sich behaupten, sondern höchstens
       zu einem  Blick ins Tierreich, wo irgendwie alles so ähnlich ist.
       Wie Selbstbehauptung  am besten  geht,   d a s   fragt  sich  ein
       Psychologe. Und  damit will  er seine  Theorie ganz in den Dienst
       des fiktiven  Gegenstandes, des  Menschen, gestellt  haben. Seine
       Wissenschaft   soll   die   Welt   als   Handreichung   für   ein
       funktionierendes Seelenleben verstehen.
       Diese Handreichung  ohne Wissen ist freilich erstens keine, dafür
       zweitens aber  auch nicht uneigennützig. Immerhin beansprucht die
       Psychologie mit  ihrem Angebot  nichts geringeres als, daß  s i e
       die  eigentlichen   Probleme  sämtlicher   Individuen  nicht  nur
       entdeckt hätte,  sondern auch  zu ihrer  sachgerechten Abwicklung
       unverzichtbar wäre.  Ihre  parasitäre  Stellung  zu  den  Fehlern
       bürgerlicher Charaktermasken,  mit der  sie sich ihren Gegenstand
       "konstituiert", dient  ihr zum  Beweis dafür,  daß  es  auf  ihre
       Aussagen, Ratschläge  und therapeutischen Anstrengungen furchtbar
       ankäme. Weil  sich bürgerliche  Individuen auf den Kampf mit sich
       selbst einlassen,  wenn sie  sich dem Ideal der Rechtschaffenheit
       verschreiben,  feiert  sich  die  Psychologie  als  unabdingbares
       Werkzeug  eines   gelungenen  Seelenlebens.   Das   macht   ihren
       Instrumentalismus aus  und ist  das Prinzip ihrer - wahrlich über
       den Klassen stehenden - Parteilichkeit.
       So wenig  also diese  Wissenschaft irgendwie  der Praktiken eines
       modernen  moralischen   Seelenlebens  erklärt,  so  wenig  bleibt
       andererseits irgendein  Gegenstand des Weltgeschehens, und sei er
       von den  Techniken des Herumdokterns am eigenen Charakter noch so
       weit  entfernt,   von  ihren   Deutungen  verschont.   Bei  aller
       Relativierung ihrer  speziellen Befunde  maßt sie  sich  ziemlich
       unbescheiden die  theoretische Zuständigkeit  an,  Entscheidendes
       über  Gründe  und  Zwecke  von  Kapital  und  Arbeit,  Staat  und
       Revolution, Ehe  und Familie, Dichtung und Wahrheit, Gott und die
       Welt zu vermelden. So wie Freud seine sehr bestimmten und über 70
       Jahre hin  beliebten Auffassungen über Krieg und Liebe zum Besten
       gegeben hat  - natürlich  im Rahmen seiner Instanzenlehre; so wie
       Skinner sehr  bestimmte, aber verkehrte Prinzipien über Staat und
       Religion aufgestellt  hat - natürlich im Rahmen seiner Lehre über
       die konditionierten  Reflexe, des  operanten Verhaltens  usw.; so
       erdreisten  alle   an  Universität   und  Rundfunk   beheimateten
       Psychologen, kleine Exkursionen auf dem Gebiet der Gesellschafts-
       und Erkenntnistheorie,  was für  sie  ohnehin  dasselbe  ist,  zu
       unternehmen  -   natürlich  ganz  im  Rahmen  einer  Theorie  von
       Wahrnehmung und  Bewußtsein und  ihrer daraus  abgeleiteten Suche
       nach dem eigentlichen Gegenstand der Psychologie.
       Zum Schluß  noch ein  materialistisches  psychologisches  Urteil.
       Professionelle Psychologen  wie Amateure  dieser  Disziplin  sind
       zynisch  genug,   jedem,  der   ihre  Perspektive   nicht  teilt,
       vorzuwerfen, er  hätte erstens  im Grunde  keine Ahnung, kümmerte
       sich zweitens  nicht um die leidende Menschheit und wäre deswegen
       selber ganz  verkorkst. Dies  fällt unter die Unverschämtheit des
       demokratisch-wissenschaftlichen Knechtsbewußtseins.
       
       
       Paragraph 11
       ------------
       
       Sowohl der Standpunkt der Selbstbehauptung wie der einer ziemlich
       grundsätzlichen Selbstbezichtigung  läßt sich  praktizieren, ohne
       daß die  Akteure dem bürgerlichen Betrieb verloren gehen. Mit der
       Angst, sie  würden "es  nicht mehr  schaffen", leben  jede  Menge
       Individuen jahrelang  vor sich  hin  u n d  bleiben als Hausfrau,
       Gatte Sekretärin,  Facharbeiter und  Sänger    b r a u c h b a r.
       Und  jene,  die  sich  in  einer  neurotischen  Einbildung  nebst
       therapeutischer Betreuung  eingerichtet haben,  fallen auch nicht
       unbedingt auf,  sondern höchstens  ihrer engeren Umgebung auf die
       Nerven.
       Ernst wird  es allerdings  dann, wenn der freie Wille Ernst macht
       mit   seinem    "Problem",   wenn    das   Individuum   aus   der
       S e l b s t b e h a u p t u n g   sein Lebensprogramm  macht  und
       sich   b e w e i s t,   daß es  rücksichtslos  genug  ist,  seine
       bedrohten Interessen  durchzusetzen. Dann  wird aus der Angeberei
       die praktische  Vorführung der Überlegenheit und Stärke, wo immer
       sich das  machen  läßt;  emanzipiert  vom    I n h a l t    eines
       Interesses, von  der Befriedigung eines Bedürfnisses, setzen sich
       P s y c h o p a t h e n   aller Größenordnungen  den  Zweck,  auf
       ihre   Kosten    zu   kommen;   und   sie   entscheiden   äußerst
       w i l l e n t l i c h,   auf welchen  Gebieten sie ihren  W a h n
       ausleben.
       Ebenso willkürlich  sind die Einfälle, die dem Individuum kommen,
       wenn es  seine   S e l b s t v e r u r t e i l u n g  leben will.
       Es sucht  an sich  "Gründe" für  sein "Versagertum",  bemüht also
       seinen Verstand  zu dem Beweis, daß es gar nicht anders kann. Und
       diesen Beweis  läßt ein   N e u r o t i k e r  nur als speziellen
       Defekt gelten, der ihn  t a t s ä c h l i c h  an allen möglichen
       Verrichtungen hindert:  er durchlebt  seine Erfindung  bis in die
       somatischen Effekte.  Neurotiker können  auf eine  ebenso  stolze
       Bilanz  von   Leiden  verweisen   wie   die   vom   "Zwang"   zur
       Selbstbestätigung heimgesuchten  Brüder und  Schwestern  von  der
       anderen      Abteilung.      Warum      sollte      auch      ein
       "Minderwertigkeitskomplex"    weniger     produktive    Varianten
       entwickeln als ein "Größenwahn"?
       Die offizielle  Psychologie vermag  mit diesen "Verhaltensweisen"
       einiges anzufangen.  Mit  dem  geheuchelten  medizinischen  Ethos
       ihrer Begründer  nimmt sie  sich der  Fälle an,  nennt die  Leute
       "krank" und beteiligt sich theoretisch an der Interpretation, die
       die Patienten von sich anbieten, um dann zur Praxis zu schreiten:
       dem Verstand  des Klienten,  der in  den  Deutungsversuchen  noch
       allemal die   A n e r k e n n u n g   s e i n e r   D e f e k t e
       wahrnimmt, die  schulmäßige Einschätzung  der Sache  beizubiegen.
       Die Übernahme  dieser Version  gilt dann  als "Erfolg", wenn sich
       die Verrückten  ihrer so  bedienen, daß  sie sich  - wie begrenzt
       auch immer  - wenigstens wieder mit zwei oder drei anderen Sachen
       neben ihrem  Leiden befassen, wenn sie ihr Leiden pflegen. Solche
       Heilerfolge vermelden  die Propagandisten  dieser Wissenschaft en
       masse, andererseits  geben die  Irrenhäuser andere  Auskünfte und
       greifen zu banaleren Methoden - so daß sich aus den Reihen der so
       human gesinnten  Freunde der  "intakten" bürgerlichen Seele schon
       seit geraumer Zeit Protest meldet.
       So wenig  wie die  Psychologie, selbst  mit ihrer Fortentwicklung
       zur Psychatrie,  auch zur  Medizin der  "seelischen  Krankheiten"
       geworden ist  - das  könnte sie  nicht einmal  dann, wenn ihr die
       Wahrheit  der   "Geisteskrankheiten"  geläufig  wäre  -,  in  den
       psychiatrischen  Kliniken   ist  der  Zunft  die  institutionelle
       Genehmigung  erteilt,   sich  als   ein  für  diese  Gesellschaft
       unverzichtbarer Zweig des Gesundheitswesens zu wissen.
       
       1.
       
       Der  methodische  Umgang  mit  der  eigenen  Persönlichkeit,  der
       dauernde Versuch,  aus sich  eine respektable  Charaktermaske  zu
       formen, eben die heutzutage sehr üblichen und honorigen Programme
       der Selbstbehauptung  und -verurteilung  stellen manchen  solchen
       Lebenskünstler vor  Probleme. Auf  der  einen  Seite  gelten  die
       einschlägigen Anstrengungen  durchaus dem   E r f o l g   in  der
       bürgerlichen Welt,  auf der  anderen Seite  verschafft sich durch
       psychologische Praktiken  niemand   o b j e k t i v e  Mittel der
       Durchsetzung.  Befaßt   wird  sich   ja  ausschließlich  mit  den
       vermeintlichen Mängeln  der eigenen Subjektivität, ganz so als ob
       es  nur  an  dieser  "Bedingung"  läge,  daß  ein  Individuum  im
       "Lebenskampf" gewinnt oder verliert. Der Erfolg, um den es ihm zu
       tun ist,  hat also in der Hinwendung zu sich selbst einen anderen
       Inhalt bekommen:  auf   a n s t ä n d i g e   Weise sein Glück zu
       machen, fällt  für ein  Subjekt, das  den  defensiven  Idealismus
       seiner Besonderheit  als Mittel und Schranke kultiviert, ganz mit
       dem Gewinn  von   A n e r k e n n u n g   zusammen, die  es  sich
       verschafft; und  an die  Stelle der  L e i s t u n g,  die es als
       moralischer Bürger  nach wie vor für den Hebel seines Fortkommens
       hält, setzt  es das  Ideal der  Brauch b a r k e i t,   die es an
       sich herstellen möchte.
       Sowohl aus  der Bemühung,  sich als  Figur  mit  ganz  besonderen
       Eigenarten und  Fertigkeiten in  Szene zu  setzen, als auch durch
       die Kunst,  ziemlich besondere  Mängel unter  Beweis zu  stellen,
       erfährt  das   Arsenal  bürgerlicher  Charaktere  manch  seltsame
       Bereicherung. Ersterer  Abteilung verdankt  die  Menschheit  jene
       Garnitur   öffentlich    anerkannter   Psychopathen,    die   als
       Leistungssportler  das  Personal  für  Teile  des  Kulturbetriebs
       stellen: Einer  besteigt Berge  in entlegenen Erdwinkeln, weil er
       diese Herausforderung  seiner Physis  bis an  die Leistungsgrenze
       sowie die  Herausforderung  der  Achttausender  zum  Lebensinhalt
       machen wollte und so aus sich eine  S e n s a t i o n  verfertigt
       hat; ein anderer kapriziert sich aufs Schachspiel, weil er meint,
       er müßte  Weltmeister werden - und die ganze Nation würdigt seine
       exklusive Sensibilität;  wieder andere  beglücken zuerst sich und
       dann die  sportbetrachtende Menschheit mit ihren Ski-Künsten, die
       sie das  ganze Jahr  über pflegen,  damit sie dann mit geeigneter
       Statur Berge  herunterfahren  mit  Geschwindigkeiten,  die  sonst
       denen vorbehalten  sind, die 70 Runden im Kreis herum fahren. Vom
       gewöhnlichen    Menschen,     der    zum    Beweis    irgendeiner
       E i n m a l i g k e i t  Wetten verrücktester Art abschließt, bis
       zum albernen  Eintrag im  "Buch  der  Weltrekorde"  gibt  es  ein
       breites Spektrum  recht bornierter Individuen, deren Wunsch, sich
       a u s z u z e i c h n e n, honoriert  wird in einer Gesellschaft,
       in der auch die Unterhaltung über  V o r b i l d e r  läuft, weil
       sich  jeder   viel  zu   gewöhnlich  vorkommt.  Die  krampfhaften
       Versuche,  den   eigenen   Geist   zu   Erfindungen   in   Sachen
       Weltanschauung anzustacheln,  die jedem  Gedanken spotten,  dafür
       aber neu und  o r i g i n e l l  sind, werden ebenso zu Schlagern
       der Buchmesse,  wie sich  ein sadistischer  Mordbube, wenn er nur
       ausgefallen  genug   an  seinen   Opfern   herumschnitzelt,   der
       herzlichsten Aufmerksamkeit  erfreuen kann.  Und um  der schieren
       Aufmerksamkeit, die  sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt,
       verfallen Jugendliche  darauf, ihre  Kleidung und  Haartracht zum
       Siegel  ihrer  von  der  "Masse"  abstechenden  Lebenshaltung  zu
       machen; sie  rennen als  "Popper" oder "Punker" durch die Gegend,
       gehen in  ihrer Selbstdarstellung  so  sehr  auf,  daß  sie  sich
       wechselseitig verprügeln,  und beweisen  damit, welchen   S i n n
       sie    e x k l u s i v    beanspruchen.  Nicht  minder  auf  ihre
       Besonderheit bedacht  zeigen sich  Leute, die  sich in  ständiger
       Antizipation  der   Quälereien  beim   Umgang  mit   dem  anderen
       Geschlecht kein  Gefühl für  dasselbe mehr leisten wollen oder es
       gar nicht erst entwickeln, weil sie rechtzeitig auf homosexuellen
       Geschmack gebracht worden und dabei geblieben sind. Ihnen ist als
       die passende  Antwort  auf  die  strafrechtliche  Behandlung  und
       moralische  Verurteilung   erstens  ein   flotter  Kultus   ihrer
       erlesenen "Natur"  eingefallen, mit  dem  sie  sich  selbst  ihre
       außerordentliche  Gabe  zur  nicht-repressiven  Liebe  vorgeführt
       haben; und  zweitens sind  sie seit  geraumer Zeit  damit befaßt,
       Ideologien über  ihre Variante  des Rechts  auf Glück  unter  die
       Leute zu  bringen und  eine "Bewegung"  zu stiften,  deren ganzer
       Inhalt eben  ihre  höchstpersönlichen  Neigungen  sind,  aufgrund
       deren sie sich als besserer Teil der Menschheit präsentieren.
       
       2.
       
       Die andere  Abteilung: das  Verfahren, die  eigenen Schwächen zum
       Ausweis  einer   unbedingt  zu   respektierenden   Sorte   Mensch
       herzunehmen, sich  in aller  Selbstdenunziation einen  einmaligen
       Vorzug zuzusprechen,  kann in der bürgerlichen Gesellschaft einen
       Erfolg verzeichnen,  der die  Selbstbehauptungskünstler als recht
       harmlose      Randerscheinung      verblassen      läßt.      Der
       c h r i s t l i c h e  W a h n,  zutiefst in Sünden verstrickt zu
       sein,  mit  seiner  heuchlerischen  Demut,  die  ungebrochen  den
       Anspruch auf  die Bekämpfung  des Materialismus  an sich  und vor
       allem bei  anderen  anmeldet,  gilt  gar  nicht  erst  als  etwas
       Besonderes, sondern  als die Ausführung  d e r  humanen Gesinnung
       schlechthin. Mit ihr kehrt sich die Unterwerfungsbereitschaft des
       modernen Bürgers gegen jede andere Besonderheit, ob national oder
       nicht, und  geißelt in ihr stets eine Gefahr, die jedem und allen
       daraus erwächst,  daß sich  irgendwer die  Frechheit herausnimmt,
       die  V e r a n t w o r t u n g  für alles Negative zu leugnen und
       etwas "Positives"  nicht mit dem tiefsten Ausdruck des Dankes für
       unverdientes Wohl zu bedenken.
       Christen beharren  nicht einfach  darauf, mitzumachen,  also gute
       Bürger zu sein. Sie bewähren sich als Saubermänner der göttlichen
       wie  weltlichen   Herrschaft,  was  immer  auf  deren  Perfektion
       hinausläuft. Diese liegt ihnen besonders auf seiten der Regierten
       in der Welt am Herzen: kein Interesse und Bedürfnis entzieht sich
       ihrer  kritischen   Begutachtung,  die   durchaus   psychologisch
       verläuft. Stets  wird nämlich die religiöse Anthropologie bemüht,
       vom "nicht  vom Brot allein" bis zu Verdammungen der "Hybris" des
       Gedankens,  so   daß  weder  das  Fressen  noch  das  Wissen  dem
       Individuum zur  Findung seines eigentlichen Menschentums gereicht
       und die   M o r a l i t ä t   immer  als das  höchste   G l ü c k
       erscheint. (Und  mehr ist  an der  Idee des  Glücks auch wirklich
       nicht dran!)  Die Demonstration  der gläubigen  Einfalt ist keine
       der Rechtschaffenheit,  sondern immer eine des  G l ü c k s,  das
       mit   Papst,    Liturgie,   freudiger    Entsagung   sowie    dem
       B e k e n n t n i s   z u r  O h n m a c h t  über die Menschheit
       hereinbricht. Die  Charaktermaske selbst  kürt sich da zum Ideal,
       und jeder,  der sich nicht selbst der Technik der herzzereißenden
       Bekenntnisse   zur   eigenen      U n z u l ä n g l i c h k e i t
       befleißigt, fällt  dieser Mehrheit  (Demokratie!) sofort  auf: er
       w i l l   nicht böse sein, also  i s t  er es! Schließlich möchte
       er nicht   ü b e r leben  und   s i c h  als einzige Gefahr dabei
       betrachten, sondern  sich glatt  als Zweck  statt als Werkzeug in
       Szene setzen.  Wer mit  sich selbst  nicht   i n s  G e r i c h t
       gehen will, hat eben wegen der modernen Notwendigkeit eines alten
       Glaubens für  "den Menschen" alle Menschenwürde verspielt. In der
       Gehässigkeit, mit  der  christliche  Pfaffen  und  Kultusminister
       orangefarben   gekleideten    Buddha-Jünger   am   liebsten   als
       jugendgefährdend   verbieten   möchten,   obgleich   ihr   Papst,
       Gegenstand der  dümmsten Verehrung,  wie eine  Vereibsfahne durch
       die  Welt   gefahren  wird,   gestehen  Christen   ein,  daß  der
       Unterschied  zu   den  kongenialen  Lehren  ein    f u n k t i o-
       n e l l e r   ist. Es  geht um  den   D i e n s t,   den die  zum
       Glaubensgebäude aufgeblasene  Psychologie leistet;  und  deswegen
       müssen sich  auch brave Revisionisten mit ihren Gesängen, Helden,
       Märtyrern und  Bekenntnissen den  harten Vorwurf gefallen lassen,
       sie seine eine Ersatzreligion.
       
       3.
       
       Nicht anerkannt, sondern geächtet und bemitleidet wird ein Mensch
       in seiner  Freiheit zum  Wahn,  wenn  und  soweit  er  in  dessen
       Praktizierung den  praktischen Respekt  vor  den  Ansprüchen  der
       bürgerlichen Welt  auf Tauglichkeit  ihrer  Mitglieder  vermissen
       läßt. Denn  nicht am  Inhalt des  Spleens, dem  einer sein Dasein
       widmet, entscheidet  es sich,  ob die  demokratische Gesellschaft
       auf ihn  prinzipiell als einen ihrer "Leistungsträger" zählt, und
       auch nicht  an der  Sturheit, mit  der einer  sein Leben  als die
       Verwirklichung gewisser  seiner Phantasie  entsprungener Aufgaben
       deutet und einrichtet. Um mit seinem Seelenleben ein  F a l l  zu
       werden, auf  den die Kriterien der Brauchbarkeit nur mehr negativ
       Anwendung finden,  muß ein  Mensch schon radikal werden in seinem
       stets enttäuschten  Streben nach Anerkennung seiner eingebildeten
       Besonderheit, daß  er sich  in deren  Namen auch  noch über  jede
       tatsächlich gezollte Anerkennung entschlossen hinwegsetzt, seinen
       bürgerlichen Alltag  als Sphäre  und Kriterium  seiner  Bewährung
       negiert und  stattdessen einen  n e u e n  A l l t a g  gemäß den
       Desideraten seiner  phantastischen Individualität  erfindet, nach
       deren   Anforderungen    und   Verheißungen    er   sich   fortan
       ausschließlich   richtet:    er    macht    sich    mit    Erfolg
       v e r r ü c k t.
       Der Verrückte  hat sich  freigemacht von  dem  für  ihn  und  die
       Mehrheit seiner  Mitmenschen so hoffnungslos illusionären Wunsch,
       die  wirklichen   Umstände  möchten   sich  seinem  Streben  nach
       "Selbstverwirklichung" als  williges Material  fügen - allerdings
       nur zugunsten  der Freiheit,  in seiner  Phantasie  die  ersehnte
       Gleichung zwischen der Welt einerseits, den ausgedachten Defekten
       und  beanspruchten   Fähigkeiten  des  eigenen  Ich  andererseits
       unwidersprechlich und  unwiderruflich herzustellen  und in seiner
       Lebensführung  wahr   werden  zu   lassen.  Die   betrübten   und
       hoffnungsfrohen Tagträume,  denen jeder  rechtschaffene Mensch in
       seiner Enttäuschung über die "harten Fakten" der kapitalistischen
       Welt nachhängt;  die Identifizierung  mit einem  Vorbild, wie sie
       jedem nach  "Orientierung"  fragenden  Menschen  als  Mittel  zur
       "Selbstfindung" ans  Herz gelegt; diese trostlosen Tröstungen des
       gutbürgerlichen Alltagslebens,  in denen  die  normalen  Menschen
       n e b e n   ihren wirklichen Pflichten und Taten und im Interesse
       eines produktiven  Einverständnisses  mit  denselben  den  Schein
       pflegen, sie  wären der eigentliche Mittelpunkt des Weltgetriebes
       - all  das entziehen  die Verrückten  f ü r  s i c h  der Blamage
       durch die tatsächlichen Anforderungen und eigenen Leistungen, die
       im normalen  Leben unausweichlich  auf dem  Fuße folgt.  Mit  dem
       täglich  widerlegten  bürgerlichen  Ideal  der  Emanzipation  von
       "Fremdbestimmung" macht  ein moderner  Verrückter Ernst, indem er
       vor dem  Forum seines höchstpersönlichen Urteils dem eigenen Bild
       von sich  und  der  Welt  lauter  praktische  Triumphe  über  die
       Objektivität   verschafft    -   um    den   Preis    definitiver
       Unbrauchbarkeit für die Welt, um deren Anerkennung es ihm doch zu
       tun war.
       Und sogar  noch   i n   seinem Wahn  zu tun   i s t.   Denn  ihre
       Herkunft aus  den Veranstaltungen  psychologisch perfektionierter
       B e r e c h n u n g     ist   den   landläufigen   Neurosen   und
       Psychopathien nicht  ohne Grund durchaus noch anzumerken. Da gibt
       es  Menschen,   die  in   ihren  "Phobien",   "Regressionen"  und
       "krankhaften   Minderwertigkeitskomplexen"   der   Mitwelt   ihre
       unbeherrschbare, "zwanghafte"  "Unfähigkeit"  demonstrieren,  den
       normalen Anforderungen in puncto "Selbstbeherrschung" zu genügen,
       sich also  mit Haut  und Haaren  unter die  Spekulation auf jenes
       Moment von  Anerkennung subsumieren,  das  noch  im  abschätzigen
       Mitleid in Form einer Generalabsolution enthalten ist. Und ebenso
       wie sich  im Gewissen und seiner psychologischen Verfeinerung auf
       dem Höhepunkt  beschämter Selbstverurteilung  wie von  selbst die
       unverschämte  Selbstsicherheit   des  nur   dem  eigenen   Urteil
       unterworfenen, weil  "einmaligen" Individuum einstellt, so gehört
       zum "depressiven"  nicht bloß  das "manische  Irresein",  sondern
       ebensogut das  Wahnsinnsunternehmen, die wirkliche Welt mit ihren
       Vorschriften    und     Verboten    vor     der     eingebildeten
       Ü b e r m a c h t   des eigenen  wahren  Ich  auch  praktisch  zu
       blamieren. Die "harmlosen" UNO-Chefs und wiedergeborenen Jesusse,
       die so  energisch auf  dem Respekt  ihrer Umgebung  bestehen (und
       lauter praktische  Beweise dafür  liefern, daß die Verrückten mit
       ihrem Erfindungsreichtum  in  Sachen  Spinnerei  dem  Pluralismus
       anerkannter  Idiotien   des  bürgerlichen   Geisteslebens   nicht
       entfernt das  Wasser  reichen  können),  realisieren  ebenso  ihr
       exklusives  Ideal   ihrer  nur   ihnen  selbst  bekannten  wahren
       Brauch b a r k e i t   wie ihre  Kollegen aus  den  geschlossenen
       Abteilungen, die  den Beweis  ihrer  eingebildeten  Meisterschaft
       über die  Welt mit  meist sehr zielstrebigen "Aggressionen" gegen
       ihre  Mitmenschen   antreten  und   von  Justiz  und  Psychologie
       ausgerechnet  als   "Triebtäter"  rubriziert   werden.  Über  das
       Panoptikum verrückter  Übertreibungen des  normalen  Kampfes  der
       Charaktere um  ihre Anerkennung,  deren der  bürgerliche Verstand
       mächtig ist,  über die verschiedenen Grade ihrer Emanzipation von
       der Welt  und über  die Mischungen  zwischen  ihren  Alternativen
       informiert jedes  Lehrbuch der  Psychiatrie mit den stereotypen -
       und stets  nur höchst  "vorläufigen" -  Unterscheidungen zwischen
       Neurosen   und    Psychosen,    "Hyperthymischen,    depressiven,
       selbstunsicheren,  fanatischen,  geltungsbedürftigen,  stimmungs-
       labilen, explosiblen,  gemütslosen,  willenslosen,  asthenischen"
       oder auch  "schizoiden, zykloiden,  explosiven, reizbaren  u.  a.
       Psychopathen", ohne  die banale  Wahrheit des  Wahnsinns auch nur
       ahnen zu  lassen. Tatsächlich  sind dessen  Erscheinungsformen ja
       nichts  als   eine  aufs   Prinzip  verkürzte   Enzyklopädie  der
       Leistungen eines  abstrakt freien  Willens. So  wie den Gehorsam,
       die Unterwerfung  unter die  Regelungen einer Herrschaft, die als
       menschenfreundliche und  menschenwürdige Ordnung  verstanden sein
       will, nur  einer zu  seiner Gewohnheit  machen kann, der  s i c h
       am Kriterium  des  A n s t a n d s  m i ß t,  seinen Stolz in die
       höchstpersönliche  Aneignung   und  Ausbildung   aller  Techniken
       demonstrativer   U n t e r w ü r f i g k e i t   legt  und  damit
       seinen  übriggebliebenen  "Egoismus"  als  dermaßen  minderwertig
       beurteilt,  daß   der  Weg   bis  zum  manifesten    M i n d e r-
       w e r t i g k e i t s k o m p l e x   überhaupt nicht  mehr  weit
       ist,   ganz    ebenso   hält    den   tagtäglich    praktizierten
       Leistungsvergleich ein  denkendes Subjekt  nur aus,  wenn es sich
       den dadurch  vorgeschriebenen   W e g   z u m   E r f o l g    zu
       seinem  Lebenszweck   macht,  sich  dementsprechend  nach  seiner
       hierbei bewiesenen  T ü c h t i g k e i t  beurteilt und sich auf
       deren offenkundiges  oder zu Unrecht nicht offenkundig gewordenes
       Ausmaß dermaßen  viel einbildet,  daß er  mit  der  Demonstration
       dieser Einbildung  ganz folgerichtig  beim    G r ö ß e n w a h n
       landet. So  hart der  Weg zurück  von den  radikalen Alternativen
       eines  bürgerlichen   Selbstbewußtseins  zu  seinen  funktionalen
       Betätigungsweisen ist,  so  wenig  brauchen  sich  umgekehrt  die
       Irrenhäuser um  Nachschub aus der Welt des erfolgreichen Anstands
       zu sorgen.
       Die Verrückten  werden nämlich  ganz gewiß dadurch nicht weniger,
       daß die  Kanditaten fürs  Ausflippen mittlerweile  in großer Zahl
       Mittel und  Wege gefunden  haben, die    W i r k u n g e n    des
       Wahnsinns an  sich herzustellen,  ohne sich  mit unwiderruflicher
       Entschlossenheit auf  die Leugnung  des Unterschieds zwischen der
       normalen und der eingebildeten Realität zu konzentrieren. Auch in
       seiner  eigenen   Betäubung  durch   Drogen  ist   der  um  seine
       Selbstbehauptung ringende  Verstand bestrebt,  seinen Träumen von
       sich  eine   Realität  zu   verschaffen,  die  deren  praktischer
       Widerlegung durch  den Alltag wenigstens eine Zeitlang standhält.
       Daß das  wahnhafte Glücksgefühl,  weil  pharmakologisch  erzeugt,
       n e b e n    den  durchaus  realitätsbezogenen  Berechnungen  des
       Verstandes   existiert,   ist   ein   "Vorteil"   gegenüber   der
       Verrücktheit, der  allerdings in  der Sucht seinen Preis hat. Der
       gewohnheitsmäßig in  die Tat  umgesetzte Entschluß,  die aus  der
       gepflegten eigenen  Individualität herausgesponnene Phantasiewelt
       mit   der    Unwidersprechlichkeit   eines   objektiven   Faktums
       auszustatten, macht  sich ganz  logischerweise für das Subjekt in
       seinen Momenten  wacher Berechnung in dem Maße als Zwang geltend,
       wie es  eben seinen  psychischen und physischen "Haushalt" dieser
       Gewohnheit  unterworfen  hat.  Ganz  abgesehen  von  der  anderen
       Ironie, die  sich gegen  den Drogensüchtigen noch allemal geltend
       macht: so  wie die  Wahnvorstellungen des modernen Verrückten, so
       sind auch  seine Glückseligkeiten  eben keine anderen als die der
       eingebildeten  Selbstbehauptung   seines   ach   so   verzwickten
       Charakters.
       
       4.
       
       Wo   der    bürgerliche   Verstand    sich    der    Verrücktheit
       wissenschaftlich   annimmt,    interessiert   ihn   weniger   die
       spezifische Leistung  des "kranken"    G e i s t e s,    als  das
       untrügliche     R e s u l t a t:      die   Unbrauchbarkeit   des
       Individuums, die er mit dem negativen Grund "gestört" hinreichend
       charakterisiert haben möchte; da "mißlingt (!) dem Organismus die
       Verarbeitung der  auftretenden Affekte",  es "kommt zum mehr oder
       minder vollständigen  Verlust (!)  des Orientierungsvermögens  in
       der realen  Umwelt" zum  "Verlust der innerlichen Einheitlichkeit
       der Person",  und für  manche Gelehrte  liegt auch "die Vermutung
       nahe, daß  es sich  bei der  Schizophrenie im  Grunde um toxische
       Störungen des  Zellstoffwechsels handeln  könnte."  Als  verrückt
       gilt eben,  wer -  und ein  jeder in  dem Maße,  wie  er  -  fürs
       alltägliche Leben  untauglich wird  - und  dieser   M a ß s t a b
       d e r   F u n k t i o n a l i t ä t   kann über  alle methodische
       Debatten darüber,  was  eigentlich  "normal"  sei,  seine  eigene
       Tauglichkeit stets  leicht beweisen. Da brauchen die Unterschiede
       zwischen einem  normalen Techniker  der bürgerlichen Moral, einem
       frei herumlaufenden  Neurotiker und  einem klinischen Fall ebenso
       wenig  zu   interessieren  wie   die  Gemeinsamkeit   der   ihnen
       eigentümlichen    Verstandesleistungen.    Die    Leistung    des
       Psychopathen, der  sich seines  freien Willens  begibt, indem  er
       sich praktisch  gemäß seiner  Selbstdeutung aufführt, verrät dann
       einem  Fachmann   lediglich  noch  ihren  "Gegensatz"  gegen  die
       bürgerliche "Vernunft",  und die  Idiotien des  gewöhnlichen,  an
       sich  leidenden   und  allerlei   solipsistischen   Schwachheiten
       gewogenen    Verstandes     erscheinen    als     die     größten
       Selbstverständlichkeiten eines  intakten Geistes.  Daß sich einer
       im Mitmischen  bewähren könne,  erscheint deshalb  den Vertretern
       der  klinischen   Psychologie  als  äußerst  humanes  Ziel  ihres
       Wirkens, ungeachtet  der Tatsache,  daß ihre  Klienten eben ihren
       ganzen Ehrgeiz  in die Trennung ihrer Selbstbehauptungspraxis von
       deren nützlicher  Unterordnung unter  die Gebote der Gesellschaft
       legen, der  sie gemeinsam mit so gut wie allen anderen Individuen
       das Bedürfnis  nach  einer  Extra-Tour  des  Beharrens  auf  sich
       abgelauscht  haben  wollen  -  was  ihnen  ausgerechnet  "sozial"
       orientierte Männer der Zunft als  P r o t e s t  anrechnen.
       Die  Wissenschaft   von  der   Verrücktheit  will   eben   diesen
       Z u s a m m e n h a n g   zwischen den  Vorstellungswelten  einer
       normalen bürgerlichen  Charaktermaske und  den  Wahnwelten  jener
       Minderheit, die  ihre Moralität  nur noch  durch die Emanzipation
       von ihrer  Funktionalität retten  kann, nicht gelten lassen, wenn
       sie  den   Wahn  der   Normalität  als   funktionelles  Gegenteil
       entgegensetzt. Unbekümmert  um das  Tautologische  einer  solchen
       "Erklärung"  beharrt  sie  auf  die  "Funktionsstörung"  als  dem
       B e g r i f f  der Verrücktheit - und hält sich auf diesen Fehler
       auch noch viel zugute. Denn indem ihr so der Unterschied zwischen
       dem konsequent  "erfolgreichen" Wahn  des moralischen  Verstandes
       und Verletzungen  oder Krankheiten  des Gehirns  und deren Folgen
       tatsächlich entschwindet,  setzt sie  als   P s y c h i a t r i e
       ihren  Stolz   in  das   tausendjährige      E t h o s      d e s
       H e l f e n s  u n d  H e i l e n s  und definiert Verrücktheiten
       aller Art und jeden Kalibers als  K r a n k h e i t e n.  Daß sie
       im selben  Atemzug mit der Kennzeichnung dieser "Krankheiten" als
       "endogen" ihr Nichtwissen darüber zu Protokoll gibt, inwiefern es
       sich um  tatsächliche Krankheiten  handeln soll  - "Wenn man also
       heutzutage von 'endogenen' Geistesstörungen spricht, so meint man
       damit zunächst  nur  'Geistesstörungen  unbekannter  Genese'"  -,
       beeinträchtigt  nicht  im  geringsten  ihre  Gewißheit,  daß  ihr
       Publikum   an   "krankhaften   Funktionsstörungen"   leide.   Und
       entsprechend nimmt  sie sich,  theoretisch wie  praktisch,  ihrer
       "Patienten" an.
       Auf der einen Seite ist die Psychiatrie sich mit ihrer Kundschaft
       von vornherein im wichtigsten Punkt  e i n i g:  Wo der Verrückte
       sich  unter   eine  eingebildete  Determination  seines  Denkens,
       Fühlens, Wollens  und Tuns  so konsequent subsumiert, daß er sich
       als Subjekt  dieser Subsumtion  mit allen  Kräften verleugnet, da
       bescheinigt die  Wissenschaft ihm die tatsächliche Existenz eines
       objektiven  Zwangs   von  der   Art  und   vor  allem   von   der
       Unwidersprechlichkeit eines  Tumors im  Gehirn -  ohne  sich  für
       diese hochwissenschaftliche  Diagnose indessen auf einen wirklich
       dingfest  gemachten  Krankheitskeim  zu  berufen,  ja  ohne  sich
       überhaupt auf einen anderen Beweis für eine "unpersönliche Macht"
       im "Innern"  des verrückten  Trachtens je berufen zu  k ö n n e n
       als:     d a s     Z e u g n i s     d e s    V e r r ü c k t e n
       s e l b s t.   Auf der  anderen Seite nimmt der wissenschaftliche
       Verstand die  Einbildungen des "gestörten" Geistes keineswegs für
       bare Münze:  Wer im  Verdacht der  Verrücktheit steht, dem werden
       s e i n e   Überlegungen zu  sich und  der  Weltlage  prinzipiell
       nicht abgenommen, selbst wenn da mal einer zufällig etwas gemerkt
       haben sollte  (dann sogar  mit  Sicherheit  am  allerwenigsten!).
       G e g e n     die  Selbstdeutungen   des  Verrückten  begibt  die
       Psychiatrie  sich,   unangefochten  von  ihrem  stets  erneuerten
       Mißerfolg, auf  die  Suche  nach  dem  "wirklichen"  Grund  jener
       "inneren"  Übermacht,  die  sie  ihrem  Patienten  als  objektive
       Determination seines  Seelenlebens konzediert  hat.  Und  in  dem
       gemeinsamen Zynismus eines quasi-medizinischen Hilfsversprechens,
       das den  Kampf des  Verrückten gegen  die Freiheit seines Willens
       gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt, sondern von der Nicht-Existenz
       seines freien  Willens  a u s g e h t,  scheiden sich die Schulen
       der Seelenheilkunde voneinander:
       - Die  einen richten  ihren psychiatrischen Glauben auf handfeste
       physiologische Ursachen des "endogenen" Wahnsinns und greifen mit
       ironischer Folgerichtigkeit zu Therapien, die doch nichts anderes
       leisten sollen,  leisten können und in der Regel auch tatsächlich
       leisten als  dies, den dysfunktionalen Willen mit physiologischen
       Mitteln -  von  Kaltwasserduschen  und  Stromstößen  bis  zu  den
       "eleganteren"  Chemikalien   der  Pharma-Branche  -  l a h m z u-
       l e g e n.
       - Andere  nutzen die  Erfindungen der  Tiefenpsychologie, um  den
       Verrückten auf  dem Wege  der Übersetzung  - im  Zweifelsfall ins
       Sexuelle   -    ihre   jeweilige   Wahnwelt   nachzufühlen,   und
       drangsalieren  ihre   Patienten,   in   der   Attitüde   tiefsten
       Verständnisses, mit  ihrem "Angebot" einer alternativen Wahnwelt,
       in der  Vater, Mutter  und Penis  die Hauptrollen spielen und die
       als gelungene  "Erlösung" gefeiert  sein will, wenn der Verrückte
       sich ihr  anbequemt und dabei zu ein paar tauglichen Gewohnheiten
       zurückkehrt.
       - Verhaltenstherapeutische  Dressurversuche an  der  "black  box"
       haben auch schon mal einen Erfolg dieser Art zu verzeichnen - und
       zwar  ebenfalls  nur,  weil  das  Gegenteil  ihrer  theoretischen
       Prämisse wahr ist: die dargebotenen "Reize" provozieren die Reste
       von     B e r e c h n u n g,     die  der   Verrückte  in  seiner
       Absonderung von der Welt der Berechnung noch anstellt.
       - Und  weil aufs Ganze gesehen all diese "Hilfsangebote" sich vor
       ihrem eigenen  medizinischen Ethos  zutiefst blamieren,  gibt  es
       inzwischen auch eine Fraktion innerhalb der Psychiatrie, die sich
       selbst als  "Antipsychiatrie" begreift,  weil  sie  die  geistige
       Verfassung ihrer  "Patienten" in  voller Übereinstimmung  mit der
       Zunft als  Determination des  absonderlichen Geistes  sehen will,
       aber ohne  das Moment  der Verurteilung, das in der Kennzeichnung
       der "Absonderlichkeit"  als Krankheit  enthalten ist. Unbekümmert
       um den  Gegensatz zur  Alltagswelt, den der verrückte Verstand in
       seinem Wahn  auch praktisch  aufmacht, wollen  die Antipsychiater
       dessen  Einbildungen   als  durchaus   respektable   individuelle
       Extravaganz,  wenn   nicht  Wehrhaftigkeit,     g e w ü r d i g t
       sehen.
       Die   antipsychiatrische   Ehrfurcht   vor   dem   Wahnsinn   ist
       selbstredend ebenso  wie dessen  tiefenpsychologische  Ausdeutung
       über die  Zunftschranken der  Psychiatrie hinaus bestens geeignet
       für die    w e l t a n s c h a u l i c h e    Befassung  mit  dem
       "Phänomen"  der   Verrücktheit.  Weil  der  bürgerliche  Verstand
       ohnehin psychologisch  rätselnd zu seinen Hervorbringungen steht,
       läßt er sich allemal leicht und gern durch die Gleichung zwischen
       Wahnsinn und  Tiefsinn dazu  verlocken, sich  auch  noch  an  der
       Verrücktheit als philosophischer Schmarotzer zu betätigen und ihr
       Beweiskraft für die eigenen "Sinnfragen" anzudichten. Beschleicht
       ihn dann  gerechterweise die  Angst, ihn selber könnten ebenfalls
       unversehens die "hintergründigen Mächte" des Wahnsinns befallen -
       dann hat  der tiefsinnige Verstand schon die erste Etappe auf dem
       philosophischen Königsweg  zur  Verrücktheit  zurückgelegt.  Denn
       schließlich  und   nochmals:  Verrückt  wird  nur,  wer  sich  im
       Vergleich zu  seinem selbst  gemachten Charakterideal  bloß  noch
       g e g e n  die Wirklichkeit  s e l b s t  gefallen mag.
       
       
       Paragraph 12
       ------------
       
       Der   A b s c h i e d   der Persönlichkeit  aus der  bürgerlichen
       Welt wird  von nicht  wenigen, die  ihr gewachsen sein wollen, es
       aber  nicht   sind,  einfacher   bewerkstelligt  als   über   die
       selbstquälerischen Verfahrensweisen  der Psychopathologie:  s i e
       b r i n g e n  s i c h  u m,  ohne zuvor groß auf Verständnis für
       ihre  Selbstzerstörung   zu   beharren   -   sei   es   bei   den
       psychologischen  Amateuren   in  ihrer   Umgebung  oder  bei  den
       Professionellen. Die  Vollstreckung des Urteils, das eine auf den
       Beweis ihrer  Rechtschaffenheit orientierte Individualität fällt,
       wenn sie  scheitert, ist  eine  psycho-logische  Konsequenz,  die
       bankrotte  Kapitalisten,   schlechte   Schüler   und   Studenten,
       enttäuschte  und   auswärts  Vater   gewordene  Ehegatten   sowie
       liebesbekümmerte Teenager  ziehen. Und  der Entschluß, nicht mehr
       leben zu  wollen, ist  mit dem    S c h e i t e r n    keineswegs
       begründet: man muß schon die Maßstäbe der bürgerlichen Moral ohne
       jede Distanz, also ohne ihre "Verwendung" im Auge haben, auf sich
       anwenden, um sich aus der Welt zu schaffen. Dabei kommen  a l l e
       Momente  für   den  "Übergang"  in  Frage,  die  eine  moralische
       Subjektivität so auszeichnen, wenngleich die aus der Privatsphäre
       stammenden Motive  überwiegen, weil  dort die  Enttäuschungen das
       Individuum  mit   seinen  hohen  Glückserwartungen  am  härtesten
       berühren.
       Im Selbstmord,  der auch  "Freitod" heißt, vollzieht der abstrakt
       freie Wille  seine "ultima  ratio" und  bringt zum  Entsetzen der
       Hinterbliebenen  seine  Irrationalität  der  Menschheit  vor  die
       Sinne: noch  dann, wenn  die Deutung  des eigenen  Versagens, das
       verrückt gewordene  Gewissen dem  Individuum "gebietet",  sich zu
       richten,  verfährt   es   per   Vorwarnung   und   Abschiedsbrief
       b e r e c h n e n d   und startet  eine letzte  Offensive. Daß es
       von dieser  Berechnung, die  den anderen ans Gewissen gehen soll,
       nichts hat,  mag als  Erinnerung an den eingangs erwähnten Spruch
       dienen, in  denen von  Abstraktionen die  Rede ist,  die  in  der
       Wirklichkeit geltend gemacht werden...
       
       1.
       
       Zweifellos ist  der Selbstmörder  ein  O p f e r - bloß ist diese
       Feststellung dann  eine sehr  dumme  Ideologie,  wenn  sie  keine
       Auskunft  darüber   gibt,     w e s s e n    Opfer  er  ist.  Die
       "gesellschaftlichen Verhältnisse"  jedenfalls sind  es nicht, die
       dem Selbstmörder  die Hand  führen: immerhin  kommt es  auch  bei
       allem   erdenklichen   Jammer   und   Elend   noch   darauf   an,
       w e l c h e n   S c h l u ß   der Betroffene daraus zieht. Und um
       von  welchem  Ausgangspunkt  auch  immer  zu  der  Konsequenz  zu
       gelangen, man selber gehörte nicht mehr auf diese Welt, bedarf es
       schon einer  reichlich verrückten  Folgerichtigkeit.  Schließlich
       ist es  ja nicht  bloß das  matte Urteil,  das Leben  l o h n t e
       sich nicht  mehr, das  der Selbstmörder an sich vollstreckt, denn
       lohnen dürfte  sich  das  Tot-Sein  ja  noch  viel  weniger.  Der
       Selbstmordkandidat mißt  sein Leben mit radikaler Borniertheit an
       einer höchstpersönlichen  Vorstellung von  gewissen  Bedingungen,
       unter denen sein Leben überhaupt und allein lebens w e r t  wäre.
       Was er  an Gründen  für seinen  geplanten Richtspruch  über  sich
       selbst anführen  mag, vom  fehlgeschlagenen  Examen  und  der/dem
       fortgelaufenen Liebsten  über die  mißratenen Kinder, beruflichen
       Mißerfolg   oder   die   Angst   vor   dem   Auffliegen   krummer
       Machenschaften im  Geschäfts- oder Eheleben bis hin zur drohenden
       oder tatsächlichen  Beendigung  der  gewohnten  Lebensweise  oder
       einem allgemeinen  Jammer über  die Lieblosigkeit  der Welt,  das
       wird zu  einem Grund,  das eigene Leben zu beenden, erst dadurch,
       daß er  es zu   A r g u m e n t e n  g e g e n  s i c h  erklärt:
       zu Beweisen  für das  Ungenügen  der  eigenen  Person  vor  einem
       Maßstab von   T a u g l i c h k e i t,   dem  er sich  ohne  Rest
       unterwerfen  will.   Er  ist   also  nicht   einfach  an   seinen
       Lebensumständen oder  am Willen  anderer Leute  gescheitert:  Der
       Selbstmordkandidat    b e f i n d e t    sein  höchstpersönliches
       m o r a l i s c h e s     L e b e n s p r o g r a m m,    in  dem
       allein er   s i c h   s e l b s t   g e f a l l e n    will,  für
       gescheitert und  fortan undurchführbar  - aber  ohne auch  nur im
       geringsten  an   den  Kriterien   irre  zu   werden,  als   deren
       Charaktermaske er einzig und allein sich selbst gelten lassen und
       sogar überhaupt  leben will.  Es ist  also ein ohne Abstriche und
       ohne  die   üblichen  Vorbehalte  bürgerlicher  Lebenstüchtigkeit
       ernstgenommener   I d e a l i s m u s  d e s  g e l u n g e n e n
       m o r a l i s c h e n      C h a r a k t e r s,      vor   dessen
       verrückten Ansprüchen  der Kanditat nur noch eine Chance sieht zu
       bestehen,  nämlich   indem  er  in  aller  Freiheit  sich  diesem
       Idealismus   z u m   O p f e r  b r i n g t:  n u r  n o c h  s o
       m a g  e r  s i c h  g e f a l l e n.  An Brutalität kommt dieser
       konsequente Moralismus  dem nationalsozialistischen  Programm der
       "Euthanasie" im  Interesse der Rassenreinheit des Volkscharakters
       ohne weiteres  gleich; gegen  sich  selbst  gewendet,  dient  dem
       Selbstmörder seine  konsequente Grausamkeit  als sein letztes und
       äußerstes Mittel,  die Gültigkeit seines  I d e a l s  gelungener
       Selbstbehauptung  gegen  dessen  praktische  Widerlegung  in  der
       eigenen Person  zu beweisen  und so  die Verrücktheit  selbst  zu
       retten, in die er seine gesamte  E h r e  gesetzt hat.
       Zu   solcher   Konsequenz   in   der   Unterwerfung   unter   das
       selbstfabrizierte Charakterprogramm  sind bürgerliche  Individuen
       aus  allen   Klassen  und   Schichten,  politischen  und  weltan-
       schaulichen "Lagern",  "unemanzipierten" Kleinfamilien wie "fort-
       schrittlichen"  Wohngemeinschaften   gleichermaßen  fähig.   Denn
       Grundlage und  Inhalt des  Plans, sich  selbst aus  der  Welt  zu
       entfernen, ist  der    a l l g e m e i n e    m o r a l i s c h e
       I d e a l i s m u s   der Klassengesellschaft.  Und daß ein jeder
       diesen Idealismus  auf seine  besondere Tour vertritt, auf die er
       sich wer  weiß wie  viel einbildet - und die er vor allem allemal
       für  eine   sehr  erhabene     K r i t i k     der   herrschenden
       "Charakterlosigkeit" und  "Doppelmoral" hält  -,  ist  die  beste
       Garantie dafür, daß sich auch ein jeder in dem stolzen Bewußtsein
       einen  ganz   einzigartigen  Lebensweg  zu  beschreiten,  zu  der
       überhaupt    nicht    einzigartigen    Konsequenz    mörderischer
       Selbstkritik hinarbeiten  kann, die  in   j e d e m   moralischen
       Idealismus enthalten  ist, aber  auch   n u r    aus  moralischem
       Idealismus folgt.
       
       2.
       
       Von keiner  moralischen Spinnerei  des  bürgerlichen  Individuums
       wird so  viel Aufhebens gemacht wie von geplantem, versuchtem und
       vollendetem  Selbstmord.   Theoretisch  sind   Selbstmordgedanken
       jedermann vertraut,  weil  jeder  sich  im  Laufe  seines  Lebens
       gelegentlich vor  den Maximen  charaktervoller Selbststilisierung
       s c h ä m t -  und Scham  ist nun  einmal   d a s  "Argument" des
       Selbstmords. So   b e w u n d e r t   der  "normale" Mensch,  der
       eben darin  "normal" ist,  daß er mit seinen Selbstbezichtigungen
       pragmatisch verfährt, im Praktiker des zerstörten Ehrgefühls eine
       Prinzipienfestigkeit, die  er für  sich selbst  nicht  ganz  ohne
       schlechtes  Gewissen  für  unpassend  erklärt.  Auch  wenn  einer
       einschlägigen  Glanztat   die  Anerkennung   versagt  wird,   mit
       Begründungen der  Art, das  hätte  es  a)  bei  dieser  sonst  so
       gefestigten Persönlichkeit  b) aus diesem relativ nichtigen Anlaß
       c) zum  jetzigen Zeitpunkt  nicht "gebraucht",  so macht  der vom
       Selbstmörder    angetretene    Beweis,    wieviel    ihm    seine
       uneingeschränkte "Selbstachtung" wert ist, doch allemal Eindruck.
       Die Hinterbliebenen,  und wer auch immer sich sonst für betroffen
       halten    will,    sind    bescheuert    genug,    ihre    eigene
       Charakterfestigkeit mit  der des so beweiskräftig Hingeschiedenen
       zu vergleichen  und sich  zu fragen,  ob sie vielleicht der Tiefe
       und Feinheit seines Charakters und den darin enthaltenen subtilen
       moralischen Ansprüchen  an die  Welt   n i c h t    g e r e c h t
       geworden sind  und was  sie wohl "falsch gemacht" haben. In ihren
       Anstrengungen, sich  mit Räsonnements über eine ganz individuelle
       Lebensuntüchtigkeit des  "Opfers" regelmäßig  bis zur  Verachtung
       vorzuarbeiten, um  sich in  diesem Punkt  ein gutes  Gewissen  zu
       verschaffen -  "Der  hat  sich  ja  von  niemanden    h e l f e n
       l a s s e n!" -, erweisen sie dessen verrücktem Materialismus die
       letzte Ehre.
       Diese alberne  Ehrerbietung ist  natürlich die passende Grundlage
       dafür,  daß   die  bürgerliche   Öffentlichkeit   Berichte   über
       dramatische Selbstmorde  mit genußvollem  Schauder quittiert  und
       sich gerne  mit der Lüge, so ein "Freitod" gäbe dem Publikum doch
       allerhand "zu  denken", kulturell  unterhalten läßt.  Der  "Frage
       nach dem  Sinn des  Lebens" fühlt der mitfühlende Beobachter sich
       ganz nahe  - zu  Recht, den dieser Idiotie hat da ja gerade einer
       seinen letzten  Tribut gezollt;  nur ist es das gerade nicht, was
       ein  moralisch   indoktrinierter  Intellekt   dem   "Opfer"   des
       Selbstmörders entnimmt.  Philosophen und  Pfaffen, und  zwar  die
       Professionellen  wie   die  Amateure,   haben  schon   gar  keine
       Schwierigkeiten, wie von jeder bürgerlichen Wahnsinnstat, so auch
       erst recht  vom Selbstmord  ideologisch zu schmarotzen, indem sie
       ihn  zum   mißglückten  oder   -  seltener   -  sogar  geglückten
       Musterbeispiel für  den "existenziellen  Ernstfall" aufblasen und
       so die  letzte Trübseligkeit  bürgerlicher  Selbstbehauptung  per
       Selbstzerstörung zur Gelegenheit für den Genuß ihrer langweiligen
       "letzten Fragen" zubereiten. Und während die christlichen Kirchen
       den Selbstmord  verurteilen, weil  sie ausgerechnet  darin  einen
       äußersten  Mangel   an  moralischer  Bereitschaft  zu  geduldigem
       Aushalten  des  Lebens  erblicken  und  im  Namen  ihrer  frommen
       Gottesknechtschaft  die   Selbstvernichtung   als   ein   letztes
       radikales  Aufbäumen   des   Materialismus   und   der   hybriden
       Zügellosigkeit des  Menschen deuten,  ist der  kritische Linke  -
       nicht erst  seit "Mutter Krauses Fahrt ins Glück"! - so frei, wie
       jeder   bürgerlichen    Scheiße   so   auch   im   proletarischen
       Jugendlichen-  oder   sonstigen  "Randgruppen"-Selbstmord   einen
       fehlgeleiteten, aber  "eigentlich" revolutionären  Protest  gegen
       die Fühllosigkeit des Kapitalismus aufzudecken.
       
       3.
       
       Daß die  Hinterbliebenen  eines  Selbstmörders  sich  aus  dessen
       Verzweiflungstat    ein     Gewissen    machen,     ist     einem
       Selbstmordkandidaten am allerwenigsten ein Geheimnis. Und so gibt
       nicht bloß  die Vielzahl  von  auf  rechtzeitige  Entdeckung  hin
       arrangierten   "Selbstmord"-Versuchen    und   die    Übung   der
       Abschiedsbriefe Auskunft  über die  Sorte    B e r e c h n u n g,
       die ein  bürgerliches Individuum  auch dann  noch zustandebringt,
       wenn es  an seinem  moralischen Lebensprogramm  verzweifelt.  Mit
       seiner bornierten  Radikalität setzt  der Selbstmordkandidat sich
       selbst und  sein Lebensideal  abschließend und  unwidersprechlich
       ins Recht und behält so das letzte Wort gegen alle, die ihm nicht
       genügend Anerkennung haben zuteil werden lassen oder sich doch im
       Nachhinein diesen  Vorwurf machen. Und so ist seine Tat nicht nur
       eine endgültige Abrechnung mit sich, sondern zugleich eine letzte
       Offensive im  Kampf um  die   A n e r k e n n u n g   des eigenen
       besonderen  Charakters,   nämlich   eine   letzte,   nicht   mehr
       zuwiderlegende Kompensation  für entgangene Anerkennung, die sich
       von jeder  Hoffnung auf einen wirklichen Vorteil freigemacht hat,
       sich bloß  noch am  vorgestellten Entsetzen  der anderen schadlos
       halten  will   und  insofern  an    k l e i n l i c h e r    G e-
       h ä s s i g k e i t   gar nicht  mehr zu  überbieten ist. Mit der
       abschließenden   Ratifizierung    des   Idealismus,    dem    der
       Selbstmordkandidat seine  Existenz unterworfen  hat,  tritt  eben
       auch der  Zweck  dieses  Idealismus,    d a s    Mittel  und  der
       praktische Inbegriff  eines gegen  alles und  jeden    d e f e n-
       s i v e n    Selbstbehauptungswillens  zu  sein,  in  all  seiner
       Armseligkeit und Schäbigkeit abschließend in Kraft.
       

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