Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979


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       DIE ELEMENTARE BASIS BÜRGERLICHEN UND SOZIALISTISCHEN
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       BEWUSSTSEINS IN DER ARBEITERKLASSE
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       Bemerkungen zu theoretischen und methodologischen Fragen
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       Johannes Henrich von Heiseler
       
       Klassenbewußtsein kann  nicht begriffen werden als Durchschnitts-
       meinung und  Durchschnittshaltung, die  zu einem  gegebenen Zeit-
       punkt in  der Arbeiterklasse  zu finden ist. Es ist eine wichtige
       Aufgabe empirisch zu erforschen, was verschiedene Gruppen der Ar-
       beiterklasse z.B.  gegenwärtig in  unserem Land über ihre gesell-
       schaftliche Lage,  über ihre Position im kapitalistischen Produk-
       tionsprozeß und  über die  politischen Verhältnisse,  unter denen
       sie leben,  denken. In  den Studien  unseres Instituts  haben wir
       einen Beitrag  zur  Erforschung  dieser  Gedanken  und  Haltungen
       geleistet. Aber man kann diese Gedanken und Haltungen, wie sie zu
       einem bestimmten  Augenblick vorhanden  sind, nicht  gleichsetzen
       mit dem  Bewußtsein, das für die Arbeiterklasse erforderlich ist,
       damit sie  ideell fähig  ist, die Bedingung materiell zu beseiti-
       gen, unter  denen sie  eine ausgebeutete  und unterdrückte Klasse
       ist. Der Begriff des Klassenbewußtseins zielt auf letzteres.
       Ein Element  von Klassenbewußtsein  ist die  Wahrnehmung, daß der
       Kampf gegen  die kapitalistische Klasse notwendig ist, um die ei-
       gene Lage  zu verbessern.  Ein Element  von Klassenbewußtsein ist
       die Erkenntnis,  daß die Interessen aller Lohnarbeiter im wesent-
       lichen die gleichen sind, daß eine grundlegende Interessenidenti-
       tät für  die gesamte  Arbeiterklasse gegeben ist und es daher die
       Interessensolidarität der  Klasse zu entwickeln gilt. Ein Element
       von Klassenbewußtsein  ist das Verständnis dafür, daß die Lohnar-
       beiter und  ihre Organisationen  Einfluß auf  die politischen und
       staatlichen Verhältnisse  nehmen müssen,  wollen sie ihre Bestre-
       bungen verfolgen. 1)
       Diese Elemente  von  Klassenbewußtsein  konstituieren  aber  erst
       Klassenbewußtsein in  seiner elementaren Form. Entwickeltes Klas-
       senbewußtsein schließt  mehr ein. Wenn wir von entwickeltem Klas-
       senbewußtsein sprechen,  so meinen  wir damit  ein Bewußtsein der
       Tatsache, daß  der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital die Ge-
       samtgesellschaft durchzieht  und prägt,  daß der Klassenkampf der
       Arbeiterklasse sich  letzten Endes zuspitzt im politischen Kampf,
       daß die  Befreiung der  Arbeiterklasse im  umfassenden Sinne erst
       möglich wird  durch die  Eroberung der  politischen Macht und die
       Beseitigung und  Aufhebung der  kapitalistischen Ordnung  und den
       Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft.
       Eine solche Bestimmung zerschneidet nicht die lebendige Beziehung
       zwischen dem  Klassenbewußtsein und dem täglichen Leben und Erle-
       ben der  Arbeiterklasse, ihren  Erfahrungen, den  geschichtlichen
       Lernvorgängen, die  sich aus  der eigenen Tätigkeit ergeben. Eine
       solche Bestimmung erlaubt aber, den Begriff Klassenbewußtsein un-
       terscheidend zu benutzen; sie erlaubt es mit diesem Begriff, die-
       jenigen Tendenzen  im empirisch  feststellbaren  Bewußtsein  ver-
       schiedener Gruppen der Arbeiterklasse, die zu einem größeren Ver-
       ständnis und einer höheren Entwicklung der gesellschaftlichen und
       politischen Kraft  der Klasse führen, von diesen Prozeß hemmenden
       Tendenzen zu unterscheiden.
       Im marxistischen  Begriff des Klassenbewußtseins wird deshalb we-
       der von  den geschichtlichen  Aufgaben der  Arbeiterklasse -  der
       Notwendigkeit, die  eigenen Lebensbedingungen aufzuheben, um sich
       selbst zu  befreien -  abgesehen noch  wird von der gegenwärtigen
       Lebenssituation der  Arbeiterklasse abstrahiert. Dies darum, weil
       geschichtliche Aufgaben  und gegenwärtige Lebenssituation als zu-
       einander vermittelt  gefaßt und  erkannt werden. Der Begriff geht
       eben deshalb  nicht platt  im vorgefundenen Bewußtsein der Klasse
       auf, weil in der heutigen Lebenssituation der Arbeiterklasse ihre
       zukünftige geschichtliche Aktion als Tendenz "vorgezeichnet" ist.
       2) Die  Tatsache, daß  die Arbeiterklasse  sich nicht  anders be-
       freien kann  als durch die Aufhebung ihrer bisherigen Lebensbedi-
       nungen, durch  politischen Kampf,  durch die  Beseitigung der sie
       berherrschenden kapitalistischen  Ordnung, durch  die  Gestaltung
       einer sozialistischen  Ordnung, dieser Tatbestand ist als Tendenz
       zu Solidarität  der Klasse  in dem  Bewußtsein von  Lohnarbeitern
       aufspürbar. Aber  es gehört zur gleichen Wirklichkeit des Lohnar-
       beiterdaseins, daß  sich der  einzelne Verkäufer  seiner Arbeits-
       kraft in objektiver Konkurrenz zu anderen Lohnarbeitern befindet,
       die eine  Gruppe von Lohnarbeitern in Konkurrenz zu anderen Lohn-
       arbeitergruppen.
       Das Bewußtsein  der Arbeiterklasse  ist   z u n ä c h s t  n o t-
       w e n d i g e r w e i s e   w i d e r s p r ü c h l i c h.    Mit
       dieser Annahme  setze ich  mich gegenüber  verschiedenen  anderen
       Positionen ab.
       Es wird  gelegentlich geäußert,  daß die Arbeiterklasse im allge-
       meinen ein  revolutionäres Bewußtsein  haben müsse, daß die west-
       deutsche Arbeiterklasse  ein solches Bewußtsein heute offensicht-
       lich nicht  habe und  daß dies ein Widerspruch sei, der durch die
       marxistische Theorie nicht aufgeklärt werden könne oder - so eine
       andere Position  - der nur unter Bezugnahme auf die konkreten po-
       litischen, ideologischen usw. Verhältnisse der Bundesrepublik er-
       klärt werden könne. So sehr ich der Meinung bin, daß es gilt, die
       konkreten politischen und ideologischen Verhältnisse unseres Lan-
       des in ihrer Wirkung auf das Bewußtsein der Arbeiterklasse zu un-
       tersuchen, so  sehr unterscheide  ich mich doch von einem solchen
       Standpunkt, wie  ich ihn  wiedergegeben habe.  Vielmehr gehe  ich
       grundlegend von  dem Widerspruch  im Bewußtsein  der Arbeiter und
       Angestellten aus, der durch die Tendenz zu Vereinzelung, Fragmen-
       tierung und Konkurrenz einerseits, durch die Tendenz zu Solidari-
       tät und kollektiver Aktion der Klasse andererseits gebildet wird.
       Wie dieser  Widerspruch dann  konkret gestaltet, geformt oder gar
       aufgelöst und  überwunden wird,  das hängt  dann allerdings  ganz
       entscheidend von  den  konkreten  Verhältnissen  politischer  und
       ideologischer Art,  der Form,  in der  die kapitalistische Klasse
       ihre geistige  Herrschaft zu behaupten und zu festigen sucht, der
       Form, in  der die  Organisationen der Arbeiterklasse den Kampf um
       die geistige Hegemonie vorantreiben, dem spezifischen Gedankenma-
       terial und den besonderen ideologischen Apparaten usw. ab.
       Wenn ich  davon ausgehe,  daß das  Bewußtsein der  Arbeiterklasse
       zunächst notwendigerweise  widersprüchlich ist,  so trifft das in
       dieser Form  und in diesem Sinne für das Bewußtsein der bürgerli-
       chen Klassen  nicht zu.  Es hängt zusammen mit dem Widerspruch in
       der Existenz  der modernen Arbeiterklasse, der darin besteht, daß
       sie ihre geschichtlichen Interessen - anders als früher die revo-
       lutionäre Bourgeoisie  - keinesfalls durch eine Verallgemeinerung
       ihrer augenblicklichen  Daseinsweise durchsetzen  kann. Objektive
       Konkurrenz gegenüber anderen Lohnarbeitern einerseits, objektives
       Angewiesensein auf  Solidarität und  gemeinsame Aktion der Klasse
       andererseits, das  stellt einen  Widerspruch der Wirklichkeit des
       Lebens der  Arbeiterklasse dar.  Ein solcher dialektischer Wider-
       spruch der  Wirklichkeit der kapitalistischen Klassengesellschaft
       kann auf verschiedenerlei Weise im Bewußtsein reflektiert werden.
       Die spontane, erste, vorläufige Form, in der sich dieser Sachver-
       halt im Bewußtsein zeigt, ist die Produktion von häufig sogar lo-
       gisch widersprüchlichen  Auffassungen, Haltungen  usw. In entwic-
       kelter Form dagegen widerspiegelt sich die widersprüchliche Klas-
       senwirklichkeit   a u c h  auf allen Ebenen von Klassenbewußtsein
       bis hin  zur höchsten  Form sozialistischen Bewußtseins: Nun aber
       als bewußte  Verarbeitung der  dialektischen Widersprüche der Re-
       alität.
       Manche Gesellschaftswissenschaftler argumentieren nun so, daß sie
       sagen, man  könne ein  solches Bewußtsein  nicht  widersprüchlich
       nennen, weil ja im Bewußtsein der betreffenden Arbeiter und Ange-
       stellten diese  verschiedenen Tendenzen  auf der  Grundlage ihrer
       besonderen Bedeutungen, die sie in dem betreffenden Vorstellungs-
       kreis haben,  nicht unvereinbar miteinander seien. Das zeige sich
       ja eben darin, daß solche Inhalte gleichzeitig anzutreffen seien.
       3)
       Sehen wir uns dazu ein Beispiel an.
       In der Studie "Jugendliche im Großbetrieb" 4) wurde unter anderem
       die Frage gestellt: - Schon seit längerer Zeit gibt es eine ziem-
       lich hohe  Arbeitslosigkeit in der BRD. Vor allem viele Jugendli-
       che sind  arbeitslos. Uns interessiert, woran das wohl liegt. Was
       meinen sie  dazu?" Die  Antwortvorgabe a) drückte die Tendenz zur
       Konkurrenz der  eigenen Lohnarbeitergruppe mit anderen Lohnarbei-
       tergruppen aus;  sie lautete:  "Wenn die Ausländer weg sind, gibt
       es wieder  Arbeit für uns." Es gibt Gruppen, für die die Existenz
       ausländischer Arbeiter  in der  Bundesrepublik objektiv eine Kon-
       kurrenzsituation auf  dem Arbeitsmarkt  einschließt.  Für  andere
       Gruppen ist  das nur  in sehr  geringem Umfang oder gar nicht der
       Fall. Die Zustimmung zu dieser Aussage kann jedenfalls ein Moment
       relativer Wahrheit  für bestimmte  Gruppen einschließen.  Dennoch
       ist das  entscheidende, daß  mit dieser  Zustimmung die Seite der
       Konkurrenz gegenüber  anderen Gruppen  von  Lohnarbeitern  betont
       wird. Die  Antwortvorgabe b)  drückte ebenfalls  die Tendenz  zur
       Konkurrenz zwischen  den Lohnarbeitern,  nun aber nicht auf Grup-
       penebene, sondern auf der Ebene der individuellen Verkäufer ihrer
       Arbeitskraft aus.  Sie hieß:  "Die Arbeitslosen  sind häufig auch
       faul; oft  arbeiten sie  schwarz." Der  Hinweis,  es  kennzeichne
       einen Teil  der Wirklichkeit,  daß es Arbeitslose gebe, die, eben
       weil sie  keine Arbeit  in einem Betrieb fänden, dann schwarz ar-
       beiteten usw., verkennt das Problem, das in der Zustimmung zu ei-
       ner solchen  Antwortvorgabe steckt.  Selbstverständlich kann  man
       auch in  einer solchen  Formulierung reaktionärer  Art auch  eine
       Seite entdecken,  die ein  Stückchen Wirklichkeit darstellt, ver-
       einzelt und  betont. Die  Seite der individuellen Konkurrenz zwi-
       schen verschiedenen Lohnarbeitern ist ja nicht aus der Luft, son-
       dern aus der kapitalistischen Wirklichkeit gegriffen. Die 46 Pro-
       zent, die  der Vorgabe  a) und die 62 Prozent, die der Vorgabe b)
       zustimmten, zeigen  dennoch und gerade darum an, inwieweit solche
       Haltungen, die die Konkurrenz zwischen Lohnarbeitern betonen, die
       Entwicklung von Klassensolidarität hemmen und daher auch in bezug
       auf die Entwicklung von Klassenbewußtsein reaktionär sind, im Be-
       reich der  Vorstellungen zur Arbeitslosigkeit in der untersuchten
       Gruppe noch verbreitet sind.
       Als eine Aussage, die demgegenüber gerade die Seite der gemeinsa-
       men Interessen  aller Gruppen von Lohnarbeitern gegenüber dem Ka-
       pital, die  Notwendigkeit des  Kampfes gegen  die kapitalistische
       Klasse und die geschichtliche Tendenz auf die Beseitigung der ka-
       pitalistischen Ordnung  ausdrückt, faßten  wir unsere Antwortvor-
       gabe e)  auf: "Arbeitslosigkeit  gibt es, solange es Privatunter-
       nehmen gibt,  die nur  produzieren, um Gewinne zu machen. Da gibt
       es für  Jugendliche und  ältere Kollegen  keine  größeren  Unter-
       schiede. Erst  wenn die  Kapitalistenklasse weg ist, ist auch die
       Arbeitslosigkeit verschwunden." Hier kann nun der Einwand erhoben
       werden, daß die Zustimmung zu dieser Vorgabe durchaus nicht immer
       die Zustimmung zu allen in der Vorgabe enthaltenen Gedanken, son-
       dern in  manchen Fällen  nur die Zustimmung zu einem einzigen der
       darin wiedergegebenen  Gedanken ausdrücken kann; ein solcher Ein-
       wand ist  richtig, berührt  aber wiederum nicht die entscheidende
       Tatsache, daß  sich in den 40 Prozent Zustimmungen zu dieser Vor-
       gabe - wie vermittelt auch immer - ein gewisser Indikator für die
       Tendenz zur  Solidarität der  Klasse unter den Befragten in bezug
       auf diesen Fragenkreis finden läßt.
       Die gleichzeitige  Zustimmung zu  der Vorgabe e) und zu einer der
       Vorgaben a)  oder b) schließt in diesem Fall nicht etwa einen lo-
       gischen Widerspruch  ein. Dennoch  wurden die  26 Prozent der Be-
       fragten, die  so reagierten,  als im  Hinblick auf die Frage nach
       der Arbeitslosigkeit widersprüchlich Antwortende bezeichnet.
       Bei ihnen  zeigte sich  nämlich das Vorhandensein sowohl der Ten-
       denz zur Konkurrenz wie der Tendenz zur Klassensolidarität. Diese
       beiden widersprüchlichen  Tendenzen sind  im gegebenen Augenblick
       offensichtlich häufig  miteinander im  gleichen  Kopf  vereinbar.
       Dennoch ist es richtig, daran festzuhalten, daß dies widersprüch-
       liche Tendenzen  sind. Wenn  für eine  Belegschaft oder  eine Be-
       schäftigtengruppe oder  für einen  einzelnen Arbeiter  oder Ange-
       stellten die Frage, ob im Kampf gegen die ihn bedrohende Arbeits-
       losigkeit die  Konkurrenz der Lohnarbeiter untereinander oder die
       Klassensolidarität betont werden soll, sieh aus einer "rein theo-
       retischen" in  eine praktische  Frage verwandelt, stellt sich der
       Widerspruch zwischen  den beiden  Tendenzen deutlich dar. Er wird
       aus einem  Widerspruch zwischen verschiedenen Meinungen, die aber
       immer noch im gleichen Kopf zu Hause sein können, zu einem Wider-
       spruch zwischen einander letztlich ausschließenden Handlungsstra-
       tegien.
       Vereinheitlichend wirken daher einerseits Bildungsfaktoren, ande-
       rerseits Kampferfahrungen.  5) In welcher Richtung sich unter dem
       Einfluß von Bildungsfaktoren ein weniger widersprüchliches, stär-
       ker zusammenhängendes Bild der Gesellschaft ergibt, ist nicht ab-
       strakt zu  sagen. Der  Einfluß des  öffentlichen Schulwesens, des
       vom Unternehmen  angebotenen Seminars  für "Mitarbeiter", ein Ge-
       werkschaftslehrgang, ein Kurs der Marxistischen Abendschule haben
       gewiß alle  jeweils eine  die Widersprüche  im Bewußtsein verein-
       heitlichende Wirkung,  aber in  zum Teil  völlig  gegensätzlicher
       Richtung. Jeder  Bildungsfaktor führt  aber im  allgemeinen dazu,
       daß innere Widersprüche eher erkannt und vermieden werden.
       Ebenso läßt  sich nicht  abstrakt sagen,  in welche  Richtung die
       Vereinheitlichung durch  Konflikterfahrungen geht.  Es kommt vor,
       daß ein  Gruppe von  Arbeitern in  einem Konflikt  vor allem  die
       praktische Konsequenz  der Auseinandersetzung  mit ihren Kollegen
       zieht und  gegen diejenigen,  die in  der objektiv  gleichen Lage
       sind, kämpft,  statt gegen  das beide beherrschende Kapital. Auch
       hier kommt  es darauf  an, welche  Forderungen konkret entwickelt
       werden, wie  der Kampf konkret verläuft, welche Interessen betont
       werden.
       In vielen  Fällen ist  eine relative Vereinheitlichung, eine Ten-
       denz zur  Auflösung der  widersprüchlichen Haltung mit einer Ten-
       denz zur  Polarisierung verknüpft: Es bilden sich zwei Lager, die
       entgegengesetzte Schlüsse gezogen haben und sich im Konfliktfalle
       nun auch praktisch gegenüberstehen.
       Bildung und  Kampferfahrung als die zwei großen vereinheitlichen-
       den und  polarisierenden Faktoren,  als die wichtigen Triebkräfte
       für die  Überwindung der  widersprüchlichen Eingangs-  und Durch-
       gangsstufe -  das bedeutet für die Organisationen der Arbeiterbe-
       wegung die  Chance und  die Verpflichtung,  diesen  Vereinheitli-
       chungs- und Polarisierungsprozeß im Sinne der geschichtlichen In-
       teressen der  Klasse voranzutreiben.  Das bedeutet die Notwendig-
       keit der  selbständigen theoretischen  Position und ideologischen
       Arbeit der  politischen und  gewerkschaftlichen Einrichtungen der
       Arbeiterklasse, das  erfordert ebenfalls  die  Organisierung  von
       Massenerfahrungen im Kampf durch die selbständige Politik der Ge-
       werkschaften und der Partei der Arbeiterklasse.
       Für die  herrschende kapitalistische Klasse lösen sich diese Pro-
       bleme einfacher.  Sie stellt  sich spontan  ihre besonderen Herr-
       schafts- und  Ausbeutungsinteressen als  "allgemeine"  Interessen
       vor. Die  Widersprüche der  Wirklichkeit bestehen  für sie nur im
       Widerspruch zwischen  ihrer eigenen, als "natürlich" von ihr ver-
       standenen und  propagierten Ordnung  und, wie  ihre Ideologen  es
       auch darstellen, "irrationalen" Widerständen gegen diese Ordnung.
       Die ganze  Vielfalt kapitalistischer  Ideologien erhebt sich erst
       über dieser  gleichsam glatteren  Grundlage. Hinzu kommt, daß das
       öffentliche Bildungswesen  zuerst einmal  das  Bildungswesen  der
       herrschenden Klasse, daß die großen Medien Mittel ihrer verschie-
       denen Fraktionen,  daß die herrschenden Ideen zunächst einmal die
       Ideen der  Herrschenden sind. Zugespitzt ausgedrückt: Zum theore-
       tischen Erfassen der gesamten gesellschaftlichen Wirklichkeit auf
       der Grundlage  ihrer Interessen  reicht für  die  kapitalistische
       Klasse die  Vielzahl einander bekämpfender und doch auswechselba-
       rer  bürgerlicher  Ideologieformen  im  Rahmen  des  bürgerlichen
       "Pluralismus" aus;  für die  Arbeiterklasse dagegen  besteht  die
       Notwendigkeit, eine  einheitliche wissenschaftliche  Anschauungs-
       und Untersuchungsweise,  d. h.  eine nicht  nur materialistische,
       sondern auch  dialektische Theorie zu entwickeln. Daß eine solche
       wissenschaftliche Anschauungsweise  gerade unter den kapitalisti-
       schen Bedingungen  nicht spontan  aus den  Erfahrungen der Klasse
       täglich erwächst,  versteht sich.  Aber sie ist wissenschaftliche
       Verallgemeinerung der strukturellen und geschichtlichen Erfahrun-
       gen der  Klasse. Hierin liegt eine gewaltige Aufgabe für die kom-
       munistische Partei.
       In einer  etwas älteren, aber für Ballungsgebiete repräsentativen
       Untersuchung sind verschiedene Vorgaben zum Gesellschaftsbild ge-
       geben worden.  Wir haben hier die Möglichkeit, verschiedene Grup-
       pen der  Arbeiterklasse einerseits untereinander und andererseits
       mit Mittelschichten  und kapitalistischen Gruppen zu vergleichen.
       6)
       Die im  folgenden ausgewertete  Frage lautete:  "Über die politi-
       schen Verhältnisse  in der  Bundesrepublik Deutschland  kann  man
       sehr verschiedene  Meinungen hören.  Sehen Sie  sich bitte einmal
       diese Liste  durch und sagen Sie mir bei jeder einzelnen Meinung,
       ob Sie  sie eher  für richtig  oder eher  für falsch  halten.  a.
       Letztlich bestimmt  das Kapital,  was in  der Politik  geschieht.
       Erst wenn  diese Oberklasse entmachtet ist, können wir eine rich-
       tige Demokratie  aufbauen, b.  Erst wenn die Regierung sich gegen
       die mächtigen  Interessenverbände der Wirtschaft durchsetzt, kom-
       men  die   Interessen  der   großen  Mehrheit   zu  ihrem  Recht,
       c....d....e. Wir  haben hier  eine stabile Demokratie. Die beiden
       großen Parteien  entsprechen auch  den Meinungen im Volk, und das
       ist gut  so." Die Befragten hatten die Möglichkeit, jede einzelne
       der Vorgaben mit "eher richtig" oder "eher falsch" zu bewerten.
       Mir war  es möglich,  die Ergebnisse dieser Befragung noch einmal
       nach einer  Methode auszuwerten,  wie ich  sie in unserer Jugend-
       Studie entwickelt  habe. 7) Aus der Kombination von Antworten auf
       die drei  Vorhaben wurden zwei Dimensionen mit je drei Ausprägun-
       gen gebildet.  Die eine  Dimension entspricht dem Grad der Wider-
       sprüchlichkeit. Die  Zustimmung zu einer der drei Vorhaben allein
       und die Ablehnung der anderen wurde als "stärker zusammenhängend"
       bezeichnet. Die  gleichzeitige Zustimmung  zu der  Vorgabe a. und
       der Vorgabe  e. wurde  als "stärker  widersprüchlich" gefaßt. Die
       gleichzeitige Zustimmung  zu der  Vorgabe b. und einer der beiden
       anderen Vorgaben wurde als Mittelgruppe zusammengefaßt. Hier kann
       erneut der  Einwand gemacht  werden, daß offensichtlich bei einem
       Teil der  Befragten die  Aussage a. und die Aussage e. sich nicht
       ausschließen; daß  also der  Vorstellungskreis  dieser  Befragten
       diese beiden  Vorstellungen umfaßt;  und daß das, was so tatsäch-
       lich in  bestimmten Köpfen  vereinbar sei, nicht als widersprüch-
       lich bezeichnet  werden könne.  Vielmehr bezeichne  für diese Be-
       fragten z.  B. "richtige Demokratie" und "stabile Demokratie" je-
       weils im Kontext etwas anderes. Dies ganze Argument besagt jedoch
       nichts anderes,  als daß  solche Widersprüche  eben in den Köpfen
       bestimmter Gruppen unter bestimmten Bedingungen lange stabil vor-
       handen sein  können. Es läßt sich aber nicht bestreiten, daß eine
       Aussage, in  der es heißt, "erst wenn diese Oberklasse entmachtet
       ist, können  wir eine richtige Demokratie aufbauen", je höher das
       Bewußtsein entwickelt  ist,  je  tiefer  die  Konflikterfahrungen
       sind, um so mehr der Tendenz nach nur noch von denen bejaht wird,
       für die die Auseinandersetzung mit dem Kapital ein Orientierungs-
       punkt ihres  Handelns wird.  Umgekehrt hat  eine Vorgabe  wie die
       Vorgabe e.  einen die  herrschenden  Verhältnisse  bestätigenden,
       rechtfertigenden und gutheißenden ("... und das ist gut so") Cha-
       rakter, der  je stärker das Bewußtsein entwickelt ist, um so mehr
       auch mit  der praktischen  Tendenz, jedenfalls  nicht  gegen  die
       herrschenden Verhältnisse  zu kämpfen, einhergeht. Die Vorgabe b.
       enthält einerseits den Gedanken von einem tiefgreifenden Interes-
       senwiderspruch zwischen  den "mächtigen  Interessenverbänden  der
       Wirtschaft" und  den "Interessen der großen Mehrheit". Dieser Ge-
       danke verbindet  sie mit  der Vorgabe  a. Aber  andererseits  ist
       darin der  unentwickelte Gedanke  enthalten, daß  die "Interessen
       der großen  Mehrheit" mit "der" Regierung zu ihrem Recht kommen -
       ein Gedanke, der die Zustimmung zu dieser Vorgabe mit der Zustim-
       mung zu der Vorgabe e. ("entsprechen auch den Meinungen im Volk")
       verbindet.
       Die andere  Dimension entspricht der politischen Richtung der je-
       weiligen Kombination von Antworten. Als eher linke Position wurde
       die Zustimmung  zur Vorgabe  a. verbunden  mit der  Ablehnung der
       Vorgabe e. (unabhängig davon, ob der Vorgabe b. zugestimmt wurde)
       gefaßt. Als  eher rechte  Position habe ich umgekehrt die Zustim-
       mung zur  Vorgabe e.  verbunden mit  der Ablehnung der Vorgabe a.
       bestimmt (wiederum unabhängig davon, ob der Vorgabe b. zugestimmt
       wurde). Als  Mittelgruppe wurden  diejenigen bezeichnet,  die der
       Vorgabe b. zustimmten oder die sowohl der Vorgabe a. wie der Vor-
       gabe e. zustimmten (oder auf die beides zutraf).
       Wir können  nun einige  Erwartungen formulieren,  die den  Unter-
       schied zwischen Gruppen der Arbeiterklasse einerseits und Mittel-
       schichten und  kapitalistischen Gruppen  andererseits  betreffen.
       Auf der Links-Rechts-Dimension kann man erwarten, daß bei den An-
       gehörigen der Mittelschichten und der kapitalistischen Klasse ein
       eher linkes  Gesellschaftsbild in dieser Bestimmung deutlich sel-
       tener anzutreffen ist als bei Gruppen der Arbeiterklasse, dagegen
       ein eher  rechtes Gesellschaftsbild  deutlich häufiger  auftritt.
       Dabei ist eine wichtige Frage, ob sich hier in den Zahlenverhält-
       nissen auch die durch die stärkere soziale Nähe bedingte geistige
       Ausstrahlung der  Mittelschichten auf  Obergruppen der  Arbeiter-
       klasse bemerkbar macht.
       Aus der  folgenden Tabelle  1 sehen wir zunächst, daß sich unsere
       Grundvermutung bestätigt.
       
       Tabelle 1:
       Gesellschaftsbild -  Dimension Links-Rechts  in Abhängigkeit  von
       der sozialen Stellung (Angaben in Prozent)
       
       Soziale Gruppe                        eher  Mittel-  eher  Gesamt
                                             links gruppe   rechts
       
       Ungelernte und angelernte Arbeiter      19    54       27    100
       Facharbeiter, Handwerker                20    54       26    100
       untere Angestellte und Beamte           17    53       30    100
       mittlere Angestellte und Beamte         12    48       41    101
                                                                  (=100)
       Werkmeister, Handwerksmeister           17    42       41    100
       Unternehmer, Selbständige, freie
       Berufe leitende und höhere Angestellte  10    39       51    100
       
       Während bei den Selbständigen und den leitenden und höheren Ange-
       stellten der Anteil eher rechter Positionen bei 51 Prozent liegt,
       liegt er  bei den  Arbeitern und unteren Angestellten und Beamten
       zwischen 26  und 30  Prozent; dazwischen  liegen die  Gruppen der
       Werkmeister und mittleren Angestellten mit 4l Prozent.
       Auf der  anderen Seite ist zwar ein eher linkes Gesellschaftsbild
       innerhalb der  Arbeiter und  unteren Angestellten auch nur bei 17
       bis 20 Prozent anzutreffen. Bei den Angehörigen der verschiedenen
       Mittelschichten und  kapitalistischer Gruppen liegt dieser Anteil
       aber deutlich  niedriger und beträgt hier 10 Prozent. Was den An-
       teil von  solchen Personen mit einem eher linken Bild von der Ge-
       sellschaft betrifft,  so unterscheiden  sich die  Werkmeister und
       Handwerksmeister, wo  dieser Anteil  17 Prozent  beträgt, von den
       mittleren Angestellten  und Beamten, wo dieser Anteil nur 12 Pro-
       zent beträgt.  8) Es ist bemerkenswert, wie klar sich der Einfluß
       der Klassenlage  und der sozialen Lage auf die Bewußtseinshaltung
       selbst in  unserem Lande  ablesen läßt, obwohl in der Bundesrepu-
       blik der  wichtigste Vermittler  zwischen objektiver Lage und Be-
       wußtsein, der  politische Klassenkampf, nicht in der Deutlichkeit
       und Schärfe  hervortritt, wie  in vielen anderen kapitalistischen
       Ländern. Was  wir in  diesen Zahlen  vor uns haben, sind also we-
       sentlich noch  nicht selbstbewußt  und bewußt politisch gewordene
       grundlegende Tendenzen,  wie sie sich aus der Klassenlage und so-
       zialen Stellung schon jetzt ergeben.
       Wenn wir  die Klassenlage  und soziale  Lage mit der Widersprüch-
       lichkeits-Dimension vergleichen, so müssen wir nach unseren theo-
       retischen Annahmen  erwarten, daß  bei den  Arbeitern und unteren
       Angestellten  ein   stärker  widersprüchliches  Gesellschaftsbild
       deutlich häufiger  anzutreffen ist  als bei  den anderen Gruppen,
       während umgekehrt  zu erwarten  ist, daß  bei den Mittelschichten
       und Kapitalisten-Gruppen  ein stärker  zusammenhängendes  Gesell-
       schaftsbild häufiger ist als bei den anderen. Die Zahlen bestäti-
       gen diese Erwartung (vgl. Tab. 2).
       
       Tabelle 2:
       Gesellschaftsbild -  Dimension Zusammenhängend-Widersprüchlich in
       Abhängigkeit von der sozialen Stellung (Angaben in Prozent)
       
       Soziale Gruppe              stärker            stärker
                                   zusammen-  Mittel- wider-      Gesamt
                                   hängend    gruppe  sprüchlich
       Ungelernte und angelernte
       Arbeiter                        19       33        48        100
       Facharbeiter, Handwerker        17       34        48         99
                                                                  (=100)
       untere Angestellte und Beamte   20       34        46        100
       mittlere Angestellte und Beamte 26       35        39        100
       Werkmeister, Handwerksmeister   29       36        35        100
       Unternehmer, Selbständige,
       freie Berufe,
       leitende und höhere Angestellte 46       29        25        100
       
       Ein stärker  zusammenhängendes Gesellschaftsbild haben 46 Prozent
       der Selbständigen  und höheren  Angestellten, aber  nur 17 bis 20
       Prozent der  Arbeiter und  unteren Angestellten;  die Obergruppen
       der Arbeiterklasse  liegen wieder  mit 26  bis 29  Prozent dazwi-
       schen. Ein  stärker widersprüchliches Gesellschaftsbild ist dage-
       gen zwar  bei 46  bis 48  Prozent der  Arbeiter und unteren Ange-
       stellten, aber  nur bei 25 Prozent der Mittelschichten- und Kapi-
       talisten-Gruppen anzutreffen,  während die Obergruppen der Arbei-
       terklasse zwischen  35 und  39 Prozent ein stärker widersprüchli-
       ches Bild  von der Gesellschaft haben. 9) Nun könnte es sein, daß
       sich diese Verteilung allein dadurch ergibt, daß die soziale Lage
       und die  Schulbildung eine  ähnliche Verteilung aufweisen. Schul-
       bildung und  Grad der Widersprüchlichkeit des Gesellschaftsbildes
       aber weisen eine Beziehung auf 10) (vgl. Tab. 3):
       
       Tabelle 3:
       Gesellschaftsbild -  Dimension Zusammenhängend-Widersprüchlich in
       Abhängigkeit von der Schulbildung (Angaben in Prozent)
       
                                      stärker            stärker
       Schulbildung                   zusammen-  Mittel-  wider-  Gesamt
                                      hängend    gruppe sprüchlich
       
       höchstens Volksschulabschluß     20         34       46      100
       Mittelschulabschluß
       und Vergleichbares               26         33       41      100
       höherer Abschluß                 49         25       25      100
       
       Es bleibt also zu prüfen, ob die soziale Stellung auch unabhängig
       von der  Schulbildung einen  Einfluß auf  das Maß an Widersprüch-
       lichkeit im  Gesellschaftbild hat oder ob sich der eine Zusammen-
       hang völlig  in den  anderen auflöst.  Auf der  Grundlage unserer
       theoretischen Annahmen  müssen wir davon ausgehen, daß auch unab-
       hängig von  der Schulbildung  der Anteil mit einem widersprüchli-
       chen Gesellschaftsbild  bei den Kerngruppen der Arbeiterklasse am
       höchsten liegt, während der Anteil derer mit einem stärker zusam-
       menhängenden Gesellschaftsbild  am höchsten  bei den  Gruppen der
       Mittelschichten und  der kapitalistischen Klasse liegt. Dies läßt
       sich dadurch  prüfen, daß  wir den  Faktor Schulabschluß konstant
       halten, daß wir also zunächst nur die Personen mit keinem höheren
       als Volksschulabschluß  betrachten und  sehen, ob sich der Zusam-
       menhang zwischen  sozialer Lage und Widersprüchlichkeitsdimension
       auch dann zeigt (vgl. Tab. 4).
       Auf den  ersten Blick  ist zu  erkennen, daß die soziale Stellung
       auch unabhängig  von der  Schulbildung eine deutliche Wirkung auf
       das Bewußtsein  hat, wie man das aus unseren theoretischen Annah-
       men erwarten  konnte. 11)  Dieser Eindruck  wiederholt sich, wenn
       wir uns  die Verteilung für Personen mit einem mittleren Schulab-
       schluß ansehen (Tab. 5).
       Bei dieser  Tabelle ließ  es sich nicht vermeiden, die Kategorien
       zusammenzufassen, weil  die einzelnen  Felder sonst für eine Pro-
       zentuierung zu  schwach besetzt  gewesen wären.  Aber auch so ist
       die Tendenz deutlich zu erkennen. 12)
       
       Tabelle 4:
       Gesellschaftsbild - Dimension Zusammenhängend-Widersprüchlich bei
       Personen mit  keinem höheren  als Volksschulabschluß in Abhängig-
       keit von der sozialen Stellung (Angaben in Prozent)
       
                                      stärker            stärker
       Soziale Gruppe                 zusammen-  Mittel-  wider-  Gesamt
                                      hängend    gruppe sprüchlich
       Ungelernte und angelernte
       Arbeiter                         19         33       48      100
       Facharbeiter, Handwerker         17         35       48      100
       untere Angestellte und Beamte    21         32       47      100
       mittlere Angestellte und Beamte  28         36       36      100
       Werkmeister, Handwerksmeister    29         37       34      100
       Unternehmer, Selbständige.
       freie Berufe,
       leitende und höhere Angestellte  36         32       32      100
       
       Tabelle 5:
       Gesellschaftsbild - Dimension Zusammenhängend-Widersprüchlich bei
       Personen mit  Mittelschul- oder vergleichbarem Abschluß in Abhän-
       gigkeit von der sozialen Stellung (Angaben in Prozent)
       
                                      stärker            stärker
       Soziale Gruppe                 zusammen-  Mittel-  wider-  Gesamt
                                      hängend    gruppe sprüchlich
       Ungelernte und angelernte
       Arbeiter                         19         33       48      100
       Ungelernte, angelernte Arbeiter,
       Facharbeiter, Handwerker, untere
       Angestellte und Beamte           20         29       52      101
                                                                  (=100)
       mittlere Angestellte und Beamte,
       Werkmeister, Handwerksmeister    23         36       41      100
       Unternehmer, Selbständige, freie Berufe,
       leitende und höhere Angestellte  47         26       28      101
                                                                  (=100)
       
       Ich kann  also zunächst  zusammenfassen: Deutlicher  als erwartet
       zeigen die  quantitativen Verhältnisse nach dieser Auswertungsme-
       thode ein Bild, wie man es von meinen theoretischen Ausgangsposi-
       tionen her  vermuten konnte.  Das kann  selbstverständlich  nicht
       heißen, daß nun diese sehr allgemeinen Aussagen gleichsam auf em-
       pirischer Ebene bewiesen sind. Aber es heißt, daß sich empirische
       Belege dafür  finden lassen, die die grundlegendere, aber deshalb
       auch abstraktere Argumentation mit unterstützen. Das gleiche gilt
       für die  Auswertungsmethode. Es ist wohl überhaupt in der empiri-
       schen Sozialwissenschaft  schwierig zu beweisen, daß man das, was
       man messen  will, auch wirklich inhaltlich erfaßt. Aber nach die-
       sen Ergebnissen  spricht nunmehr vieles dafür, mit dieser Methode
       weiterzuarbeiten.
       Wenn man  die widerstreitenden  Tendenzen zur  Konkurrenz und zur
       Solidarität als  grundlegende Tendenzen  für die  Entwicklung des
       Bewußtseins der  Lohnarbeiter im  Kapitalismus  betrachtet,  dann
       stellt sich  die Frage,  in welchem  Zusammenhang diese Tendenzen
       mit dem zu untersuchenden System der Bedürfnisse der Lohnarbeiter
       stehen.
       German G.  Diligenski hat  den anregenden  Vorschlag gemacht, die
       allgemeinen Quellen  für die Herausbildung der Bedürfnisse, deren
       jedes einzelne  seine Entstehung menschlicher Tätigkeit verdankt,
       in der inneren Spannung zu sehen, die durch den gesellschaftlich-
       individuellen Doppelcharakter  jeder menschlicher Tätigkeit über-
       haupt hervorgerufen  wird. 13)  Diese   B a s i s s p a n n u n g
       zwischen den  kollektiven und  den individuellen  Formen der men-
       schlichen Tätigkeit  erklärt sich aus dem gesellschaftlichen Cha-
       rakter beider  Formen der  Tätigkeit, historisch und sozial nimmt
       diese Basisspannung dann jeweils unterschiedliche Gestalt an. Ein
       absolutes inneres Gleichgewicht, so führt Diligenski aus, ist un-
       vereinbar mit  der Auffassung vom Menschen als Subjekt der Tätig-
       keit. Dagegen  lassen sich,  so kann man diesen Gedanken fortfüh-
       ren, sozial bestimmte und historisch veränderbare typische Formen
       eines dynamischen  Gleichgewichts im Sinne von typischen Bewußts-
       eins- und Tätigkeitsformen finden, die unterschiedliche Antworten
       auf die Gestalt darstellen, in der die Basisspannung auftritt.
       Diligenski spricht  davon, wie die Basisspannung zwischen der in-
       dividuellen und  der kollektiven Seite der menschlichen Tätigkeit
       eine besondere  Zuspitzung im  Kapitalismus erfährt;  dies einmal
       durch die  Individualisierung des  einzelnen Warenverkäufers oder
       Verkäufers seiner Arbeitskraft, andererseits durch die Errichtung
       eines gigantischen  Systems von menschlicher Abhängigkeit von an-
       deren Menschen  und gesellschaftlichen  Kräften, die nicht bewußt
       von den tätigen Menschen selbst beherrscht werden.
       Versuchen wir nun, diesen Gedanken mit der Auffassung von Konkur-
       renz und  Solidarität als grundlegenden widerstrebenden Tendenzen
       im Bewußtsein  und im  Verhalten der Lohnarbeiter zusammenzubrin-
       gen. Auf  den ersten  Blick meint man die Verbindung darin zu se-
       hen, daß  die Tendenz  zur Konkurrenz die individuelle Seite men-
       schlicher Tätigkeit  betont, die Tendenz zur Solidarität die kol-
       lektive Seite.  Es ist  sicher auch  richtig, daß die Überwindung
       der Tendenz  zur Konkurrenz  und die Durchsetzung der Tendenz zur
       Solidarität den Akzent von individuellen Tätigkeitsformen und Er-
       fahrungen verschiebt  hin zu kollektiven Tätigkeitsformen und Er-
       fahrungen, je  daß im allgemeinen die kollektive Praxis einer der
       wichtigsten Urheber  der Auflösung  der Seite  der Konkurrenz und
       der Entwicklung der Seite der Solidarität ist.
       Dennoch darf  man hier nicht lediglich und auch nicht vornehmlich
       eine bloße  Akzentverschiebung von individuellen Tätigkeitsformen
       zu kollektiven hin sehen. Vielmehr entspricht jeder dieser wider-
       streitenden Tendenzen eine andere Form der Basisspannung.
       Individuelle Tätigkeitsformen  werden unter  den Bedingungen  der
       Herrschaft der Tendenz zur Konkurrenz zur Grundlage von Vereinze-
       lung und  Privatisierung, zur Grundlage der Abgelöstheit des ein-
       zelnen Menschen  bis hin zur völligen Isoliertheit durch die Auf-
       lösung menschlicher  Beziehungen in  Warenbeziehungen. Die  Sehn-
       sucht nach Gemeinschaft, die dieser Art von Isolation entspricht,
       ist die  Grundlage der  illusionären Vorstellungen  einer Sozial-
       partnerschaft zwischen  Lohnarbeit und  Kapital. Die Illusion vom
       sozialen Frieden  mit allen ist die Kehrseite der Vorstellung vom
       Kampfe aller gegen alle.
       Hat sich  aber die  Tendenz zur Solidarität durchgesetzt, so ent-
       sprechen ihr ebenso keineswegs nur die kollektiven Tätigkeitsfor-
       men, die  Verinnerlichung der  Normen der  Klassenorganisationen,
       der Erwartungen  der Kollegen. Vielmehr gewinnt jetzt die Autono-
       mie der Persönlichkeit eine neue Bedeutung und für die Lohnarbei-
       ter zum  ersten Male  überhaupt Wirklichkeit: Im initiativen Han-
       deln des  Klassenindividuums. Man kann mit allen Vorbehalten, die
       man bildlichen Darstellungen entgegenbringen mag, dies Verhältnis
       so widergeben:
       
                       Tendenz zur Konkurrenz:  Tendenz zur Solidarität:
       
       Individuelle Seite:  Vereinzelung,       Autonomie, Initiatives
                            Privatisierung      Handeln des Klassen-
                              ¦   ^             individuums
                              ¦   ¦                    ¦   ^
                              ¦   ¦  <------------->   ¦   ¦
                              v   ¦                    v   ¦
       Kollektive Seite:    Sozialpartner-      Verinnerlichung der
                            schaftliche         Normen des Klassen-
                            Haltungen           organisation, der Erwar-
                                                tungen der Kollegen
       
       Jeder der  beiden grundlegenden  Tendenzen entspricht eine beson-
       dere Gestalt der Basisspannung zwischen Individuellem und Kollek-
       tivem. Auf  der einen  Seite, der  Seite der Konkurrenz, wird das
       System der Bedürfnisse und Aktivitäten des atomisierten Individu-
       ums bedingt,  dessen Traum nach Aufhebung dieser Isolation selbst
       noch und  wieder ein  Stück dieser  Isolation ist.  Hier ist  die
       spontane Grundlage  bürgerlicher Bewußtseinsformen  in der Arbei-
       terklasse. Hier,  in diesen  Tätigkeits- und  Bedürfnisformen ist
       der Resonanzboden  der bürgerlichen  Ideologie in  der  Arbeiter-
       klasse. Auf  der anderen  Seite, der  Seite der Solidarität, kann
       sich das System der Aktivitäten und Bedürfnisse der interessenbe-
       wußten  und  kritischen  Klassenpersönlichkeit  entwickeln,  dies
       freilich über  embryonale Formen hinaus nur im Beziehungsfeld le-
       bendiger Klassenorganisationen  und der durch dies Beziehungsfeld
       und diese  Bedürfnisse und  Aktivitäten entwickelten  Kampfkultur
       der Arbeiterklasse. 14) Hier, in der Tendenz zur Solidarität, ist
       die spontane  Grundlage  sozialistischer  Bewußtseinsformen.  Die
       entsprechenden Tätigkeits-  und Bedürfnisformen weisen daraufhin,
       daß mit dem "Hineintragen" sozialistischen Bewußtseins in die Ar-
       beiterklasse dieser  nicht etwas ihr Fremdes beigefügt wird. Hin-
       eintragen  sozialistischen  Bewußtseins  in  die  Arbeiterklasse,
       diese große Aufgabe der Klassenorganisation, vor allem der kommu-
       nistischen  Partei,  verhilft  vielmehr  einer  Grundtendenz  zum
       Durchbruch, die elementar in der Klasse entsteht, sich aber unter
       den kapitalistischen  Verhältnissen nicht  von allein weiter ent-
       wickeln kann.
       Der ideologische  Kampf darf  deshalb nicht so verstanden werden,
       als würden  hier zwei  Kräfte -  Propagandisten bürgerlichen  und
       Propagandisten sozialistischen  Bewußtseins -  auf einem  dritten
       Feld -  in der  Arbeiterklasse -  ihren  Kampf  austragen.  Beide
       Kräfte finden  eine Grundlage  im zunächst  widersprüchlichen Be-
       wußtsein dieser  Klasse selbst  15): Es geht um die Vereinheitli-
       chung dieses Bewußtseins, und es geht um die Richtung dieser Ver-
       einheitlichung.
       
       _____
       1) Wladimir I.  Lenin, Entwurf  und Erläuterung des Programms der
       sozialdemokratischen Partei,  (1895/6), in:  W. I.  Lenin, Werke,
       Bd. 2, Berlin 1970, S. 105 f.
       2) Karl Marx,  Friedrich Engels,  Die heilige Familie (1844), in:
       Marx, Engels, Werke, Band 2, S. 38.
       3) So sinngemäß  Hartmut Neuendorff auf dem 2. Kongreß für Kriti-
       sche Psychologie in Marburg 1979.
       4) Jugendliche im  Großbetrieb. Studie zum gewerkschaftlichen und
       politischen Bewußtsein arbeitender Jugendlicher. Verfaßt von J.H.
       v. Heiseler  unter Mitarbeit  von D.  Hänisch und A. Jansen. Bei-
       träge des IMSF 5, Frankfurt am Main 1978, S. 52 ff.
       5) Vgl. dazu  die Untersuchung von Werner Kudera, Werner Mangold,
       Konrad Ruff,  Rudolf Schmidt, Theodor Wentzke, Gesellschaftliches
       und politisches  Bewußtsein von  Arbeitern, Abschlußbericht 1976.
       Sonderforschungsbereich  Sozialisations-  und  Kommunikationsfor-
       schung (SFB  22) der Universität Erlangen-Nürnberg (Vervielf. Ma-
       schinenskript). Auf  die Tatsache, daß die Entwicklungen zu Klas-
       senbewußtsein als  isolierte Bewußtseinsprozesse allein überhaupt
       nicht denkbar  sind, sondern  immer zugleich  im Zusammenhang von
       konkreten Handlungsmöglichkeiten  und der  Handlungsfähigkeit  zu
       verstehen sind,  hat nachdrücklich  kürzlich wieder Ute Osterkamp
       auf dem 2. Kongreß für kritische Psychologie in Marburg hingewie-
       sen. Dort wurden auch vom Institut für Sozialpsychologie der Uni-
       versität Helsinki  Ergebnisse einer  Untersuchung des Bewußtseins
       von Schiffbauern  einer Werft in Helsinki durch Anja Koski-Jännes
       u.a. vorgetragen.  Die Ergebnisse dieser Untersuchung scheinen in
       der Bedeutung der Faktoren Bildung und Kampferfahrung unsere The-
       sen zu bestätigen.
       6) Christel Eckart, Richard Herding, Ursula Jaerisch, Klaus Japp,
       Berndt Kirchlechner,  Arbeiterbewußtsein,  Klassenzusammensetzung
       und soziale Entwicklung. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen
       Theorie 4.  Frankfurt am  Main 1975, S. 7 ff. Dort wird diese Un-
       tersuchung in  kleinen Ausschnitten  vorgestellt.  Die  Befragung
       fand 1971  statt. Befragt wurden 2141 Personen, davon 2063 Arbei-
       ter und  Angestellte, das  Sample ist repräsentativ für westdeut-
       sche Berufstätige in Ballungsgebieten der BRD.
       7) Mit der  freundlichen Erlaubnis  der Autoren  und der  aktiven
       Hilfe von Berndt Kirchlechner, dem ich dafür zu danken habe. Eine
       ausführliche Auswertung  im Vergleich  mit einer  anderen  Studie
       soll folgen. Die Leser der Jugend-Studie werden bemerken, daß ich
       das Auswertungsschema im Kern beibehalten, aber vereinfacht habe.
       Ein Grund  ist die  bessere Handhabbarkeit  und Vergleichbarkeit,
       ein anderer,  daß mit den jetzt nicht mehr verarbeiteten Vorgaben
       c. und d. doch noch sehr andere Aspekte angesprochen werden.
       8) x² = 58,49669; bei f = 10 ergibt sich eine Signifikanz auf dem
       Ein-Promille-Niveau!
       9) x² = 66,51629; f = 10; Irrtumswahrscheinlichkeit also auch un-
       ter 1 o/oo
       10) x² = 34,22840; f = 4; ebenfalls Ein-Promille-Niveau.
       11) x² = 27,27803; f= 10; Irrtumswahrscheinlichkeitunter 1%.
       12) x² =  13,205743; f=  10; Signifikanz auf dem Fünf-Prozent-Ni-
       veau. Eigenartigerweise  ergibt dagegen die Kreuztabellierung von
       Schulbildung und Widersprüchlichkeitsgrad bei konstant gehaltener
       sozialer Lage  vorläufig keine  signifikanten Beziehungen. Daraus
       ergibt sich  eine Reihe von Fragen, die hier nicht mehr überprüft
       werden können.
       13) German G.  Diligenski, Probleme  der Theorie der menschlichen
       Bedürfnisse (1976),  In: G.G.  Diligenski, Sozialpsychologie  und
       Klassenbewußtsein der  Arbeiterklasse im  heutigen  Kapitalismus,
       Hrsg. v.  IMSF (Theorie  und Methode,  Bd. I),  Frankfurt am Main
       1978, S. 45 ff.
       14) Vgl. Kaspar Maase, Arbeiterklasse, Reproduktion und Kultur im
       heutigen Kapitalismus, und: Friedhelm Kroll, Bemerkungen zum Kon-
       zept "Politische  Kultur" in  der bürgerlichen Wahlforschung, in:
       IMSF (Hrsg.):  Kulturelle Bedürfnisse der Arbeiterklasse, München
       1978, S. 8 ff und 111 ff.
       15) Vgl. hierzu den Beitrag von Harald Werner in diesem Band.
       

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