Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       THESEN ZUR FRAUENARBEIT *)
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       Redaktionskollektiv des Arbeitskreises beim IMSF zur Frauenfrage
       
       Gemeinsam ist  den Gruppen  und Strömungen  der Frauenbewegung in
       der BRD die Erfahrung der mangelnden Entwicklungs- und Verwirkli-
       chungsmöglichkeiten der  Frau in unserer Gesellschaft. Wie jedoch
       die Unterdrückung  erfahren wird,  ist unterschiedlich.  Den ver-
       schiedenen Erfahrungen  entspricht die  unterschiedliche Art  der
       Analyse und  Verarbeitung sowie der Gegenwehr in vielfältigen Ak-
       tions- und  Organisationsformen. Mit dem Anwachsen der demokrati-
       schen Frauenbewegung  und dem  Erfassen breiterer  Kreise in  den
       siebziger Jahren sind teils neue, teils erweiterte bzw. differen-
       zierte Frage-  und Problemstellungen  verbunden. In der Auseinan-
       dersetzung innerhalb  der Frauenbewegung  über die  Ursachen  von
       Frauenunterdrückung und  Strategien des Kampfes ist die Bedeutung
       der Arbeit von Frauen im Prozeß ihrer Emanzipation einer der zen-
       tralen Diskussionspunkte. Der Streit der Meinungen entzündet sich
       insbesondere an  der These  von der  Berufstätigkeit der Frau als
       Voraussetzung ihrer  Emanzipation. Häufig fällt das Argument, der
       Marxismus habe  in seiner ökonomischen Analyse den Reproduktions-
       bereich und  somit auch  die von  Frauen geleistete Arbeit völlig
       unberücksichtigt gelassen.  Marxisten wird ein verkürzter Emanzi-
       pationsbegriff unterstellt,  die Forderung  nach Recht auf Arbeit
       als zynisch empfunden: die Frauen hätten schon immer gearbeitet.
       Im folgenden  soll 1.  kurz der Begriff von Arbeit, wie er in der
       marxistischen Wissenschaft  gebräuchlich ist, dargestellt und auf
       den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion in seiner Bedeu-
       tung für  die Analyse der Hausarbeit eingegangen werden. Des wei-
       teren soll  2. versucht  werden, die  Bedeutung  der  Arbeit  von
       Frauen für die gesellschaftliche Entwicklung sowie für den Prozeß
       ihrer Emanzipation zu umreißen, sowie 3. die Bedeutung des Rechts
       auf Arbeit für die Frauen herauszuarbeiten.
       
       1.
       
       Arbeit ist zweckmäßige, bewußte Tätigkeit des Menschen, in der er
       mit Hilfe  von  Arbeitsmitteln  Naturstoffe  (Arbeitsgegenstände)
       verändert und  sie seinen  Zwecken nutzbar  macht. Sie ist "erste
       Grundbedingung allen  menschlichen Lebens, und zwar in einem sol-
       chen Grade,  daß wir  in gewissem Sinne sagen müssen: Sie hat den
       Menschen selbst  geschaffen" (Engels).  Indem der  Mensch auf die
       Natur einwirkt  und sie  verändert, verändert  er  zugleich  sich
       selbst. Durch Arbeit entwickeln sich physisches Vermögen, Sprache
       und Bewußtsein.  Von der  Arbeit, ihrem spezifischen Charakter in
       den verschiedenen  Entwicklungsetappen der  menschlichen  Gesell-
       schaft, hängen letztlich alle übrigen gesellschaftlichen Erschei-
       nungen sowie alle zwischenmenschlichen Beziehungen ab.
       Arbeit wird  nur innerhalb der Gesellschaft geleistet; im Produk-
       tionsprozeß treten  die Menschen  in bestimmte  gesellschaftliche
       Beziehungen zueinander.  Im Kapitalismus  ist die bestimmende Be-
       ziehung die  der privaten Aneignung gesellschaftlich erarbeiteter
       Werte; Arbeit  hat hier doppelten Charakter: Zum einen dient sie,
       auf Grund ökonomischer Zwänge und Profitinteressen der Herrschen-
       den, zur  Ausbeutung des  Menschen. Zum anderen beteiligt sie den
       einzelnen Menschen  mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten an der
       Produktion des  gesellschaftlichen Reichtums.  Sie ist daher auch
       Ausgangspunkt für  den gemeinsamen  Kampf aller  gegen Ausbeutung
       und Unterdrückung.
       Marx führt  im 1.  Band des  "Kapitals" aus, daß die "Bedingungen
       der Produktion  (...) zugleich  die Bedingungen der Reproduktion"
       sind. Jeder  Produktionsprozeß ist  zugleich Reproduktionsprozeß,
       beide Bereiche bedingen sich gegenseitig und hängen in ihrer kon-
       kreten Form  voneinander ab.  Für kapitalistische Produktionsver-
       hältnisse heißt  dies, daß  der Reproduktionsprozeß  den Gesetzen
       der (kapitalistischen)  Produktion unterworfen  ist. Für die Ana-
       lyse der  Hausarbeit in unserer Gesellschaft ist dieser Zusammen-
       hang von  entscheidender Bedeutung,  denn sie  ist folglich  kein
       losgelöster Bereich - etwa mit nichtkapitalistischen Bedingungen.
       Die Reproduktion  umfaßt die Wiederherstellung und Erneuerung der
       materiellen Produktionsbedingungen,  der  Produktionsverhältnisse
       und der  Arbeitskraft des  Menschen, also  Dienstleistungen, Bil-
       dungs- und Kulturbereiche und nicht zuletzt Haushalt und Familie.
       Hausarbeit ist  gesellschaftlich nützliche  Arbeit.  Vom  gesell-
       schaftlichen Produktionsprozeß  unterscheidet sie  sich  dadurch,
       daß sie nicht beliebig reproduzierbare Waren, sondern unmittelbar
       zur individuellen  Konsumtion bestimmte Waren schafft. Hausarbeit
       ist gesellschaftlich  notwendige Arbeit; sie dient zur Versorgung
       und Betreuung  der Familien,  zur Erziehung  neuer Träger der Ar-
       beitskraft. Zu  untersuchen wäre  nun, welche Bereiche und Formen
       der Haus- und Familienarbeit a) den kapitalistischen Verwertungs-
       bedingungen auf welche Weise unterworfen sind, b) im Kapitalismus
       noch privat erledigt werden und daher als Lückenbüßer staatlicher
       Sparpolitik und  kapitalistischer Krisenbewältigung  zu  benutzen
       sind, c)  gesellschaftlich notwendig, aber weiterhin privat orga-
       nisiert sind, d) vergesellschaftet zur Verringerung der Doppelbe-
       lastung der Frau beitragen und diese schließlich aufheben können.
       Nur auf  der Grundlage  einer solchen Analyse ist zu entscheiden,
       welche Momente privater Reproduktionstätigkeiten historisch über-
       holt sind.
       
       2.
       
       Die berufliche  Tätigkeit von  Frauen ist Folge und Voraussetzung
       des gesellschaftlichen  Entwicklungsprozesses. Als  eine mit  der
       kapitalistischen Produktionsweise aufkommende Gesetzmäßigkeit ist
       sie keine  vorübergehende  Erscheinung  und  steht  gesamtgesell-
       schaftlich nicht  zur Disposition. Keine Volkswirtschaft kann auf
       die Leistung der Frau verzichten; ein Drittel aller zur Erhaltung
       der menschlichen  Existenz erforderlichen  materiellen Güter wird
       von Frauen erzeugt. Die Erwerbstätigkeit von Frauen trägt bei zur
       Steigerung der  Produktion und  damit zur  Erhöhung  des  gesell-
       schaftlichen Reichtums;  ihre  Arbeit  fördert  seine  Ausweitung
       sowohl in  quantitativer (Produktions-  und Konsumgüterindustrie)
       als auch  in qualitativer  Hinsicht (z.B.  infrastrukturelle, so-
       ziale, medizinische,  kulturelle Leistungen).  Eine  grundlegende
       Verbesserung der Arbeits- und Reproduktionsbedingungen der Frauen
       setzt die Steigerung der Produktivität der gesellschaftlichen Ar-
       beit voraus  - auf  der Basis  von Nullwachstum  findet sie nicht
       statt.
       Die Einbeziehung der Frauen in den gesellschaftlichen Arbeitspro-
       zeß wird  durch die  wissenschaftlich-technische Entwicklung ver-
       stärkt; sie ermöglicht den Abbau körperlicher Belastungen und da-
       mit die Arbeit von Frauen in zunehmend mehr Bereichen, sie erhöht
       insgesamt den  Bedarf an  (qualifizierten) Arbeitskräften. Wider-
       sprüchliche und  gegenläufige Phasen dieser langfristigen Tendenz
       in Umfang  und Struktur der Erwerbstätigkeit führen dazu, daß der
       Anteil der  berufstätigen Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstä-
       tigen die  Marke von  35 bis  40 Prozent in der BRD kaum zu über-
       schreiten vermag.
       Frauenarbeit ist gesellschaftliche Notwendigkeit, für das Kapital
       erfüllt sie  verschiedene Funktionen  und stößt damit zugleich an
       die von  diesem gesetzten  Grenzen. Als Teil der kapitalistischen
       Reservearmee dienen Frauen als stets verfügbares Arbeitskräftere-
       servoir, als  Krisen- und  Konjunkturpuffer sowie  als Instrument
       zur Senkung des allgemeinen Lohnniveaus. In der Produktion schaf-
       fen sie, weil geringer bezahlt, Extraprofite. In der Krise bilden
       sie die  Reserve im  privaten Reproduktionsbereich, indem sie bis
       dahin zugestandene  und nun "eingesparte" Dienste gesellschaftli-
       cher Einrichtungen  übernehmen und  somit zur  Senkung der Kosten
       der Reproduktion der Arbeitskraft beitragen.
       Die These,  die Berufstätigkeit  der Frau sei Voraussetzung ihrer
       Emanzipation, ist nur auf dem Hintergrund des anfangs dargestell-
       ten Arbeitsbegriffs zu verstehen. Die Aussage von Engels "Die Be-
       freiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Mann ist und bleibt
       eine Unmöglichkeit,  solange die  Frau von  der  gesellschaftlich
       produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatar-
       beit beschränkt  bleibt" läßt sich auf vier Ebenen konkretisieren
       und zugleich differenzieren.
       a) Die berufliche Tätigkeit der Frau fördert objektiv ihre ökono-
       mische und persönliche Unabhängigkeit vom Mann, ihre Selbständig-
       keit und  ihr Selbstwertgefühl,  ihre Teilhabe an außerhäuslichen
       Kontakten und  politischen Prozessen  im Berufs- und öffentlichen
       Leben. Dadurch wird die Frau - weil geringer auf Mann, Kinder und
       Haushalt fixiert  - eher  in die  Lage  versetzt,  das  tradierte
       Frauenideal in  Frage zu  stellen. Die  berufliche Tätigkeit  der
       Frau wird  damit zur  wesentlichen Triebkraft  ihrer  Persönlich-
       keitsentwicklung.  Diesen   befreienden  Momenten  der  Frauener-
       werbstätigkeit sind  unter kapitalistischen  Bedingungen  Grenzen
       gesetzt. Die große Mehrheit der Frauen arbeitet unter unmenschli-
       chen Bedingungen.  In der Regel völlig unzureichend qualifiziert,
       werden sie  vor allem in Arbeitsbereichen eingesetzt, die gekenn-
       zeichnet sind  durch inhumane,  mit hoher  psychischer und physi-
       scher Belastung  verbundene Arbeitsplätze und -zeiten, durch Zer-
       stückelung und Intensivierung der Arbeit, durch schlechte Entloh-
       nung, unzureichende und diskriminierende Schutzmaßnahmen und feh-
       lende Qualifikationsmöglichkeiten.  Zudem handelt  es sich um Ar-
       beitsbereiche mit besonders großer Arbeitsplatzunsicherheit durch
       Rationalisierungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen.
       Der Entwicklungsprozeß  verweist in  zwei Richtungen:  Zum  einen
       sind zunehmende  Reduzierung an Arbeitsinhalten (z.B. Bildschirm-
       tätigkeiten) sowie  die  hohe  Frauenarbeitslosigkeit  wenig  ge-
       eignet, Selbständigkeit  und Selbstwertgefühl  (durch Beteiligung
       am gesellschaftlichen  Produktionsprozeß und daraus resultierende
       gesellschaftliche Anerkennung)  zu steigern.  Zum anderen  wächst
       der Anteil  der Frauen,  die trotz  schlechter Arbeitsbedingungen
       und Verdienstverhältnisse vor allem der sozialen Kontakte und der
       ökonomischen Unabhängigkeit  vom Mann  wegen auf  eine berufliche
       Tätigkeit nicht mehr verzichten wollen.
       b) Die berufliche Tätigkeit fördert objektiv das partnerschaftli-
       che Verhalten  zwischen Mann  und Frau,  die Veränderung der Ein-
       stellung des  Mannes zur Rolle der Frau und eine größere Intensi-
       tät der  familiären Kommunikation.  Sie fordert  die Selbständig-
       keit, das  Selbstbewußtsein und  die kognitiven  Fähigkeiten  der
       Kinder und beeinflußt deren Lebensplanung, vor allem die positive
       Einstellung der Mädchen zur Berufstätigkeit.
       Auch diese  emanzipatorische Potenz  der Berufstätigkeit stößt an
       systemimmanente Grenzen.  Solange  Frauen  auf  dem  Arbeitsmarkt
       nicht als vollwertige Arbeitskräfte angesehen werden, ihnen trotz
       des Zwangs  zur Lohnarbeit  lediglich die  Rolle der  Zu-bzw. gar
       "Doppel"verdienerin zugewiesen  wird, kann sich ihre Stellung in-
       nerhalb der  Familie und  gegenüber dem Mann kaum ändern. Die für
       die Rationalisierung des Profits im Kapitalismus notwendige Funk-
       tion der  Reservearmee wird ideologisch abgesichert durch die Re-
       stauration des  auf Hausfrauen- und Mutterrolle reduzierten Frau-
       enbildes, dem auch erwerbstätige Frauen nur schwer sich entziehen
       können. Die Folge ist, daß trotz Berufstätigkeit häufig die fami-
       liären Aufgaben  das Zentrum  der Lebensgestaltung  und  -planung
       darstellen und das Verhältnis zu Mann und Kindern beeinflussen.
       c) Die Vergesellschaftung  der Hausarbeit  ist zugleich Folge und
       Voraussetzung der  beruflichen Betätigung von Frauen. Die gesell-
       schaftliche Produktion  an Bekleidungsgegenständen beispielsweise
       begann im Zusammenhang mit der Einbeziehung von Frauen in die ge-
       sellschaftliche Produktion  zu Zeiten  der industriellen  Revolu-
       tion. Die  berufliche Tätigkeit der Frau birgt die Möglichkeit in
       sich, daß Hausarbeit nicht mehr der Unterdrückung und Ausgrenzung
       der Frau  dient. Hausarbeit  und Kindererziehung  werden  Aufgabe
       beider Partner;  sie werden  Pflichten der  Gesellschaft, die für
       die Schaffung  von Voraussetzungen  zur Vereinbarkeit von Familie
       und Beruf zu sorgen hat. Die Arbeitsteilung der patriarchalischen
       Familie wird  in Frage  gestellt und - historisch überholt - ten-
       denziell aufgelöst.
       Die Grenzen dieser progressiven Veränderung liegen darin, daß die
       Frauen, obgleich  zunehmend auf Erwerbstätigkeit und eigenen Lohn
       angewiesen, weiterhin  für die Arbeiten im häuslichen Bereich zu-
       ständig bleiben. Gesellschaftlich notwendige Leistungen im Repro-
       duktionsbereich, abhängig  vom Verwertungsprozeß  des Kapitals in
       Krisen zuerst  reduziert, werden von den Frauen weiterhin kosten-
       los übernommen.  Die Folge ist, daß die große Mehrheit der Frauen
       Berufs- und  Familientätigkeit nur  unter starken  physischen und
       psychischen Belastungen  bewältigen  kann.  Eine  Aufteilung  der
       Haushaltspflichten zwischen  Mann und  Frau trägt sicherlich dazu
       bei, überkommene Strukturen aufzubrechen - die Lösung der kompli-
       zierten  Aufgabe,  beide  Bereiche  miteinander  zu  vereinbaren,
       bleibt weiterhin  der einzelnen Familie überlassen. Gesellschaft-
       liche Einrichtungen zur Entlastung von dem privaten Bereich zuge-
       ordneten, jedoch gesellschaftlich notwendigen Arbeiten werden ihr
       fast völlig vorenthalten.
       d) Die berufliche  Tätigkeit der Frau fördert die Entwicklung von
       Klassenbewußtsein, da  die Konfrontation zwischen Kapital und Ar-
       beit und  die Widersprüche der Lage der arbeitenden Frau im Kapi-
       talismus unmittelbar erfahren werden. Sie fördert gewerkschaftli-
       ches und  politisches Engagement, ihre Fähigkeit zur Solidarisie-
       rung und  das einheitliche Handeln der arbeitenden Bevölkerung in
       sozialen und politischen Auseinandersetzungen.
       Entsprechend den oben angeführten Widersprüchen in den objektiven
       Emanzipationsbedingungen der  Frau verläuft  auch die Entwicklung
       von Selbst- bis hin zum Klassenbewußtsein widersprüchlich. Einer-
       seits wird sie durch die Teilhabe am gesellschaftlichen Produkti-
       onsprozeß gefördert,  andererseits durch Doppelbelastung und Mut-
       terschafts- und  Hausfrauenideologie extrem behindert. Die Orien-
       tierung der  Frau auf  "ihren ureigensten"  Bereich versucht, den
       gesellschaftlichen Charakter der Frauenarbeit zu leugnen und eine
       Gleichwertigkeit von  und Wahlmöglichkeiten  zwischen beruflicher
       und häuslicher  Tätigkeit vorzugaukeln.  Ihre Funktion  als indu-
       strielle Reservearmee bei gleichzeitiger Fixierung auf den Repro-
       duktionsbereich läßt  die Frauen die Widersprüche ihrer Lage zwar
       unmittelbar erfahren; ihre Position zwischen Produktions- und Re-
       produktionsbereich birgt zunehmend bewußt werdendes und aktiv an-
       gegangenes Konfliktpotential  in sich.  Ihrem  gewerkschaftlichen
       und politischen Engagement sind aber gerade durch ihre Verwendung
       als Reservisten  sowie durch ihre familiären Pflichten enge Gren-
       zen gesetzt.  Solange die  Berufstätigkeit von  Frauen nicht  als
       Notwendigkeit ihrer  Existenz verstanden wird, werden sie bereit-
       willig den Rückzug ins Private antreten, wenig Erfahrungen in of-
       fensiven Klassenauseinandersetzungen  sammeln und  zum einheitli-
       chen Vorgehen  der arbeitenden Bevölkerung in den Auseinanderset-
       zungen zwischen  Kapital und Arbeit nur bedingt beitragen können.
       Gleiches gilt  für die Versagung gesellschaftlicher Einrichtungen
       zur Wahrnehmung bislang privat organisierter Arbeiten.
       Zu untersuchen  wäre jedoch,  inwieweit - auf dem Hintergrund der
       Tatsache, daß fast alle Frauen in ihrem Leben einmal berufs- oder
       erwerbstätig waren  - die  Beteiligung an  nichtbetrieblichen und
       nichtgewerkschaftlichen  Bewegungen,   d.  h.  Bürgerinitiativen,
       Friedens- und  Frauengruppen und dgl. im Prozeß der Bewußtwerdung
       und Aktivierung  von Frauen  bedeutsamer werden.  Politikkonzepte
       der Frauenemanzipation  werden  jedenfalls  nicht  umhin  können,
       beide Bereiche,  Beruf und Familie, als Ausgangspunkt ihrer Stra-
       tegien heranzuziehen.
       
       3.
       
       Folgt man  den bisherigen Ausführungen, so wird deutlich, daß der
       Angelpunkt des Kampfes um die Emanzipation der Frau in der Forde-
       rung nach  Recht auf Arbeit liegt. Die Durchsetzung dieser Forde-
       rung zielt  auf den  Kern  aller  Klassenauseinandersetzung.  Das
       Recht auf  Arbeit ist  unabdingbares Menschenrecht für Männer und
       Frauen, Schnittpunkt der Interessen. Für die Emanzipationsbestre-
       bungen der  Frau birgt  das Recht auf Arbeit weitere Dimensionen:
       Es ist  Ausgangspunkt für  die Aufhebung der doppelten Unterdrüc-
       kung der  Frau durch das Kapital und auf Grund ihrer Geschlechts-
       zugehörigkeit. Die  Durchsetzung dieses  Rechtes  beinhaltet  die
       Möglichkeit, der Aufhebung der geschlechtsspezifischen Unterdrüc-
       kung eine  gesamtgesellschaftliche (im  Gegensatz  zur  privaten)
       Perspektive zu  geben, die  in der Vergesellschaftung der Hausar-
       beit, der  gesellschaftlichen Verantwortung  für die Kindererzie-
       hung, in der Orientierung der Geschlechter auf Gleichberechtigung
       liegt.
       Die Forderung  nach Recht auf Arbeit geht über die Forderung nach
       ökonomischer, sozialer  und  politischer  Gleichberechtigung  der
       Frau hinaus.  Ihre Verwirklichung  und die durch die Berufstätig-
       keit veränderte  Stellung der  Frau verlangen  eine neue Form der
       gesellschaftlichen Organisation, die die Emanzipation (Befreiung)
       der Frau  (und des  Mannes) ermöglichen  wird. Die Forderung nach
       Recht auf  Arbeit erschöpft sich nicht im Anspruch, unter kapita-
       listischen Bedingungen  einer ·wie auch immer gearteten Tätigkeit
       nachzugehen. Recht  auf Arbeit bedeutet Recht auf Entwicklung der
       Persönlichkeit und  gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftli-
       chen Entwicklungsprozeß.  Recht auf  Arbeit heißt  Beteiligung an
       der Geschichte, an aktuellen Klassenkampfauseinandersetzungen und
       Bestimmung einer menschenwürdigen und lebenswerten Zukunft.
       Das Recht auf Arbeit ist nicht auf ökonomische Aspekte wie finan-
       zielle Unabhängigkeit reduzierbar. Zu den Voraussetzungen, dieses
       Recht überhaupt in Anspruch nehmen zu können, gehören
       - gleichberechtigte Bildungs- und Berufschancen für die Frauen;
       - menschengerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen und Arbeits-
       zeitverkürzung;
       - die Verwirklichung  des Prinzips  "gleicher Lohn für gleichwer-
       tige Arbeit";
       - qualifizierte Aus- und Weiterbildung für Frauen;
       - Abbau von  Doppelbelastungen durch Übernahme von Hausarbeit und
       Kindererziehung in gesellschaftliche Verantwortung;
       - Überwindung geschlechtsspezifischer  Rollenklischees und  rück-
       wärts gerichteter  Ideologien im  privaten und gesellschaftlichen
       Bereich;
       - Einbeziehung und  Beteiligung von Frauen in politischen und ge-
       werkschaftlichen Auseinandersetzungen;
       - Qualifizierte Mitbestimmung  in Betrieb,  Politik und  sozialen
       Bereichen.
       Der Stellenwert  der Forderung  nach Recht  auf Arbeit zeigt sich
       deutlich am  Beispiel der  kapitalistischen Rationalisierung, die
       besonders im Angestelltenbereich, in dem viele Frauen beschäftigt
       sind, um sich greift. Die Frauenbewegung hat genau zu beobachten,
       wie die Strategien des Kapitals in diesem Zusammenhang den Frauen
       das Recht  auf Arbeit  abzusprechen bemüht sind. Rationalisierung
       bedeutet für  Frauen oft Verschlechterung der Arbeitsbedingungen,
       Arbeitsplatzverlust und ideologische Orientierung auf eine extrem
       reaktionäre  Lösungsvariante  der  Frauenfrage,  den  sogenannten
       ·weiblichen Aufgabenbereich. Den Kämpfen der Frauenbewegung gegen
       die Folgen  der kapitalistischen  Rationalisierung kommt daher im
       Hinblick auf  das Menschenrecht  auf Arbeit  für Frauen entschei-
       dende Bedeutung zu.
       
       _____
       *) Es handelt  sich um Thesen zur Diskussion, die der Anfang 1981
       beim IMSF  neu geschaffene Arbeitskreis zur Frauenfrage zu behan-
       deln für  wichtig erachtete.  Der Beitrag versteht sich als Anre-
       gung, auf  dem Hintergrund  der marxistischen Theorie einige Pro-
       bleme der Frauenemanzipation und Frauenbewegung zu überdenken.
       Im Rahmen  des Arbeitskreises  wurde zu  dem hier  angesprochenen
       Themenkomplex eine  erste Bibliographie zusammengestellt, die auf
       Wunsch erhältlich  ist. Der  Arbeitskreis ist  an Anregungen  und
       Meinungsäußerungen interessiert.
       

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