Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 04/1981


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       ÜBER DREI UNVERÖFFENTLICHTE SCHREIBEN VON KARL MARX
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       AN SEINEN ARZT AUF DER INSEL WIGHT VOM JANUAR 1883
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       Alfred E. Laurence
       
       1. Die  letzten handschriftlichen  Dokumente von  Karl Marx  - 2.
       Marx' letzte  Korrespondenzen 1882/1883  - 3. Die Insel Wight als
       Kurort -  4. Zum  Inhalt der  neuen Dokumente  - 5.  Der Arzt Dr.
       Williamson und  der Patient Karl Marx - 6. Zu Marx' geistiger und
       körperlicher Verfassung an seinem Lebensende
       
       1. Die letzten handschriftlichen Dokumente von Karl Marx
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       Über bisher  unveröffentlichte Beiträge aus Marx' Hand zu berich-
       ten, auch  wenn auf den ersten Blick nur persönliche Probleme be-
       rührt werden,  scheint dennoch  angemessen. Die Möglichkeit, psy-
       chologische und  historische Schlüsse aus trivial anmutenden Pri-
       vatbriefen zu ziehen, darf - trotz Marx' "Widerwillen gegen allen
       Personenkultus" 1) - nicht überrasch verworfen werden, zumal Marx
       nicht ein beliebiger Privatmann war, sondern eine welthistorische
       Person. Deshalb  ist es  erfreulich,  daß  neue  handschriftliche
       Marx-Dokumente in Ventnor auf der britischen Insel Wight zum Vor-
       schein kamen,  wo Marx  von Ende  Oktober 1882  bis in  die erste
       Hälfte des  Januar 1883  seinen letzten  Erholungsaufenthalt ver-
       brachte.
       Es handelt sich um drei Schreiben: zwei Briefe an den Marx behan-
       delnden Arzt  Dr. James  Mann Williamson und einen Neujahrsglück-
       wunsch auf  einer Fotografie,  gerichtet an dessen Frau. Der Neu-
       jahrsgruß und  der zweite  Brief an den Arzt erhalten ihre beson-
       dere biographische Bedeutung dadurch, daß sie überhaupt die letz-
       ten bisher  aufgefundenen Zeugnisse  aus Marx'  Hand darstellen -
       geschrieben nach  jenem für ihn so schmerzlichen 11. Januar 1883,
       dem Tag  des Todes  seiner ältesten Tochter Jenny, welcher seinen
       eigenen Tod erheblich beschleunigte.
       Die drei  Dokumente befinden  sich im  Besitz der  Witwe des 1979
       verstorbenen Dr. J.B. Williamson, des Sohnes jenes erwähnten Arz-
       tes, der  in Ventnor  im Hause  seines Vaters,  Haus "Southcliff"
       lebte und  sich bis  zu seinem  Tod einer Veröffentlichung wider-
       setzte mit  der Begründung,  die Marxdokumente  fielen unter  die
       ärztliche Schweigepflicht.  Trotzdem  hatte  Dr.  Williamson  jr.
       diese Schriftstücke  in einer  lokalen Kirche  einmal  öffentlich
       ausgestellt, sie  gelegentlich Besuchern gezeigt und dem Schrift-
       steller Lawrence  Wilson für sein "Portrait of the Isle of Wight"
       2) gestattet,  aus einem der Briefe zu zitieren. Auch mir ist der
       Inhalt so  weit bekannt, daß ich einen Vorbericht darüber und ei-
       nige Erläuterungen dazu geben kann.
       
       2. Marx' letzte Korrespondenzen 1882/1883
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       Die in  den Marx-Engels-Werken  (Bd. 35) veröffentlichten letzten
       Briefe von  Marx sind  alle aus Ventnor, 1, St. Boniface Gardens,
       abgesandt. Davon  sind neun  an Engels  gerichtet in  Antwort auf
       dessen 15 Briefe und Postkarten, ferner Briefe an seine Töchter -
       einer an  Laura Lafargue  und fünf  an Eleanor  (Tussy).  Bereits
       diese Korrespondenz,  besonders die  mit Engels, widerlegt schla-
       gend solche Marx-feindlichen "psychographischen" Behauptungen wie
       diejenigen von  Arnold Künzli,  daß Marx  "im letzten Lebensjahre
       nicht  einmal  seiner  Gedanken  mächtig"  3)  gewesen  sei,  ein
       "Zerfall seiner Sprache" festzustellen und vor allem "ein Schwin-
       den des  Lebenswillens" und eine "Flucht in die Krankheit" zu be-
       obachten gewesen  seien 4).  Aus den  veröffentlichten und  neuen
       Briefen geht  zwar hervor,  welchen körperlichen  und psychischen
       Schmerz die  Sorge um  die Tochter Jenny - wie ein Jahr zuvor der
       Tod seiner Frau - bei Marx auslösten. Aber die gesamte Korrespon-
       denz aus  und nach Ventnor zeigt Marx in vollständiger Konzentra-
       tion seiner  Geisteskräfte. Geistig  war er  ungebrochen, ja sein
       Geistesstreben, sein Wissensdrang und auch sein Mut und Humor er-
       scheinen unbeeinträchtigt.
       Am besten  Aufschluß darüber  gibt der Briefwechsel mit Engels im
       November und  Dezember 1882. Marx und Engels diskutieren und kom-
       mentieren die  Weltpolitik, soweit  sie sich in englischen Parla-
       mentsdebatten und bürgerlichen Zeitungsberichten ("Standard") wi-
       derspiegelt. Besonders  eng beschäftigen  sie sich  aber mit  der
       französischen Arbeiterbewegung  - weit mehr als mit der deutschen
       -, weil  dort scharfe innere Auseinandersetzungen stattfinden, an
       denen Marxens  Schwiegersöhne Longuet  und vor allem Lafargue un-
       mittelbar beteiligt  sind - wobei das politische Verhalten Lafar-
       gues trotz  der Unterstützung  seiner Partei keineswegs kritiklos
       gebilligt wird.  Engels sendet  Marx ständig Exemplare des damals
       als Tageszeitung erscheinenden Organs der französischen Arbeiter-
       partei "Égalité". Das übrige Interessengebiet von Marx und Engels
       ist weit  gespannt. Es  reicht  von  sachgerechter  Kommentierung
       technischer Experimente  zur elektrischen Energieübertragung, von
       mathematischen und chemischen Versuchen über Fragen der Werttheo-
       rie (Marx  arbeitet an  der dritten Auflage des ersten Bandes des
       "Kapital") bis  zu geschichtswissenschaftlichen Themen, insbeson-
       dere den  Agrarverhältnissen im  Mittelalter. In letzterem Zusam-
       menhang übersendet  Engels Marx  seine kleine  Schrift "Die Mark"
       zur Beurteilung  5). In  Ventnor studiert  Marx sogar die lokalen
       Vorgänge und witzelt über die Ventnorpresse.
       Die neuen  Dokumente zeigen  Marx möglicherweise  von einer neuen
       Seite: in  seinem Verhältnis  zu bürgerlichen  Engländern, die er
       respektiert, schätzt  und deren  Allgemeinkultur, Umgangsform und
       Ton er teilt, Eigenschaften, die ja auch weitgehend dem Stil ent-
       sprechen, in dem er seine Kinder in England erzogen hatte.
       
       3. Die Insel Wight als Kurort
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       Die Insel  Wight unterscheidet sich landschaftlich und klimatisch
       in ihrer  südlichen Hälfte sehr von der übrigen südenglischen Kü-
       ste. Zu Recht wird der Platz in der Reiseliteratur das "englische
       Madeira" genannt.  Temperatur und Wetter sind stark vom Golfstrom
       beeinflußt, und auf dem sogenannten "undercliff" gedeihen subtro-
       pische Pflanzen. Genaue Daten seit Mitte des vorigen Jahrhunderts
       bestätigen, daß die Insel Wight, vor allem in ihren südlichen Ba-
       deorten, das beste Klima Südenglands aufweist. Selbst in den Win-
       termonaten scheint  die Sonne  beinahe täglich.  Statistiken über
       mehrere Jahre  hinweg wiesen  für Dezember  nicht mehr  als sechs
       Stunden Regen,  aber minimal  37 und  maximal 86  Stunden Sonnen-
       schein auf.  Im Januar  ist das Klima noch günstiger. Wohl ist es
       recht windig,  doch erwähnt  Marx, daß  sich für ihn täglich Spa-
       zierwetter bot,  von dem  er Gebrauch  machte, wenn  ihm der Arzt
       nicht "Hausarrest"  verordnet hatte.  Die Insel  hat den weiteren
       Vorteil, nicht  allzuweit von  London entfernt  zu liegen. Es gab
       gute Verbindungen  nach den  beiden ihr gegenüberliegenden Hafen-
       städten Portsmouth  und  Southhampton.  In  dringenden  Fällen  -
       Eleanor Marx  machte einmal  Gebrauch davon - konnte man an einem
       Tag von London zur Insel und zurück reisen.
       Marx hatte um jene Zeit bereits mehrere Erholungsreisen in engli-
       sche Kurorte  gemacht, kannte Brighton, Ramsgate, Eastbourne, die
       Insel Jersey  und Harrowgate, und er hatte auch durch seine Besu-
       che in  Deutschland, Frankreich,  Algerien und  Karlsbad Gelegen-
       heit, die Insel Wight kritisch mit anderen Kurplätzen zu verglei-
       chen. Daß  sie zum Ziel dreier Reisen, auch der allerletzten sei-
       nes Lebens,  wurde, ergab sich freilich auch aus der Natur seiner
       Krankheit: Die  Insel war  ein Lieblingsziel  von  Lungenkranken,
       seit sie  zuerst 1830  der bekannte  Mediziner Sir James Clark in
       einem  volkstümlichen   medizinischen  Buch   besonders  für   an
       "Auszehrung" Leidende  empfohlen hatte.  Im Jahre 1868 wurde dort
       auch das  große "Royal  National Hospital  for  Diseases  of  the
       Chest" in  St. Lawrence,  nahe bei  Ventnor, erbaut, das erst vor
       wenigen Jahren geschlossen und abgerissen worden ist.
       Karl und Jenny Marx hatten 1874 ihre erste Reise nach dem Badeort
       Ryde im  Norden der  Insel gemacht.  Ein Jahr  später  verbrachte
       Jenny Marx  ein paar Wochen mit Engels' zweiter Frau Lydia im Ba-
       deort Shanklin,  wo Engels  gute Freunde hatte 6). Marxens zweite
       Reise nach  der Insel  Wight -  kurz nach  dem Tode seiner Frau -
       führte ihn  vom 29.  Dezember 1881 bis 16. Januar 1882 nach Vent-
       nor, wo  er sich im Gästehaus einer gewissen Miss MacLean einmie-
       tete 7).  In das  gleiche Haus  begab er  sich bei seiner dritten
       Reise, am 29. Oktober 1882.
       
       4. Zum Inhalt der neuen Dokumente
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       Die bisher  unveröffentlichten Marx-Dokumente von der Insel Wight
       bestätigen, daß  sich Marx auf "Englands Garteninsel" nur so wohl
       fühlen konnte,  wie es  das  unaufhaltsame  Fortschreiten  seiner
       Krankheit gestattete;  sie zeigen  zugleich,  welch  körperlicher
       Rückschlag der  Tod seiner  Tochter Jenny  für ihn bedeutete. Der
       Adressat der beiden Briefe ist sein dortiger Arzt, Dr. James Mann
       Williamson; das  dritte Dokument,  das "Photogramm"  mit dem Neu-
       jahrsglückwunsch, ist  an dessen  Frau gerichtet.  Bei  letzterem
       handelt es  sich um  eine Kopie des 1878 in London von dem Photo-
       graphen Mayall auf der Regent Street aufgenommenen Portraits, das
       Marx auf  seine briefliche  Bitte vom  9. Januar  1883 von seiner
       Tochter Eleanor aus London erhielt.
       Er hatte  allerdings um  das Photo  aus Algier gebeten, das er in
       London "in  Brieftasche oder  irgendeiner little  box" vermutete.
       "If you  could find  them, you might send me two photogramms. One
       of them  I have promised to forward to Madame Williamson." 8) Of-
       fensichtlich entsprach "Tussy" unmittelbar seinem Wunsche, und er
       zeichnete an  dem Schreckenstage, als er von Jennys Tod in Argen-
       teuil hörte,  mit etwas  zitternder Hand: "With best wishes for a
       happy New Year".
       Die beiden  Briefe sind  ebenfalls auf Englisch geschrieben, aber
       beide in sicherer Handschrift, sehr gut leserlich und ohne Anzei-
       chen, daß Marx beim Schreiben irgendwelche Schwierigkeiten hatte.
       Sie sind  beide auf  dem gleichen weißen Leinenpapier geschrieben
       und tragen  eine klare, feste Unterschrift des Verfassers. 9) Das
       Datum des längeren ersten Briefes ist der 6. Januar, und der Text
       enthält Marx'  Bericht über eine entsetzliche Nacht. Er schildert
       - sich  im  Grunde  entschuldigend,  daß  er  seinen  Arzt  damit
       "belästigt" -  wie er  Todesangst ausstand,  da ihn seine Husten-
       krämpfe ("spasmodic cough") zum Luftschnappen ("gasping") zwangen
       und er  fürchtete, auf  der Stelle  zu ersticken ("suffocating").
       Der  Arzt   hatte  ihn  für  dergleichen  Krämpfe  mit  "morphia"
       versehen, ihm  aber zu wenig gegeben, so daß er sich ohne Medizin
       befand, abgesehn  von Hustenmitteln  ("lozenges"), die  ihm  aber
       keinerlei Erleichterung  seines Leidens  brachten. Er  half  sich
       selbst, indem  er löffelweise gewöhnliches Trinkwasser schluckte,
       was seine Qual erleichterte und ihm half, die Nacht zu durchleben
       - doch  hatte er  offensichtlich  tatsächlich  Todesangst  durch-
       standen. Darum schrieb er sofort seinem Arzt, ohne ihn allerdings
       um einen  Besuch zu  bitten. Der entschuldigende Ton erklärt sich
       vielleicht daraus,  daß er für den gleichen Tag einen Besuch beim
       Arzt verabredet hatte, wozu er sich allerdings zu schwach fühlte.
       Zwar hatte er von Dr. Williamson öfters Hausbesuche erhalten, ihn
       aber wohl  auch in dessen eigenem Haus "Southcliff" in der Praxis
       aufgesucht, woraus  sich vermutlich  die Bekanntschaft  mit  Frau
       Williamson erklärt, die sich sein Photo erbeten hatte.
       Im zweiten Absatz des Briefes erwähnt Marx, dann, was sein Leiden
       so verschlimmert  hatte:  die  schlechten  Nachrichten  über  die
       Krankheit seiner Tochter "Madame Charles Longuet in Paris", deren
       Tod er  vorausahnte und offensichtlich bereits für unausbleiblich
       hielt. In  seinem letzten Brief an Engels vom 10. Januar verweist
       Marx auf  diesen Zusammenhang: "Alias hatte ich im ersten Schreck
       über die  schlechte Nachricht  von Paris einige Tage vorher einen
       spasmodischen Hustenanfall,  wo ich  glaubte zu  ersticken.  Dies
       höchst distressing  feeling muß  das arme  Jennychen oft  während
       seines Asthma  durchpassiert haben".  10) Den  Brief an  den Arzt
       schließt er  allerdings mit der Meinung, daß der Anfall der vori-
       gen Nacht  nun völlig  überwunden und er wieder ganz in gutem Zu-
       stand sei.  Der Brief enthält keine Bitte an den Arzt, ihn aufzu-
       suchen. Marx  wollte offenbar  nur berichten,  bat um nichts, be-
       schwerte sich  auch nicht über die Nachlässigkeit des jungen Arz-
       tes, der  doch seinen Patienten unter keinen Umständen ohne Medi-
       zin hätte  lassen dürfen.  Marx schließt  höflich und bündig, und
       läßt den Arzt seine eigenen Schlüsse ziehen.
       Der zweite Brief besteht nur aus einem Absatz. Sein Datum ist der
       13. Januar  1883. Marx schreibt einen Abschiedsbrief, denn inzwi-
       schen hatte  er Eleanors  kurzen Besuch  und  die  Nachricht  von
       Jenny's Tod  erhalten. Letzteres  erwähnt er  zunächst, und dann,
       daß er  deshalb aus Ventnor abreisen und nach London zurückkehren
       müsse. Der  Grund des  Briefes ist  die unerledigte  Rechnung des
       Arztes, die  er nach seiner genau angegebenen Londoner Adresse zu
       schicken bittet, von wo der Arzt dann prompt bezahlt würde.
       In beiden  Briefen erwähnt  Marx, daß die Verschlechterung seines
       Gesundheitszustandes mit Jenny Longuets Krankheit und Tod in Ver-
       bindung gebracht  werden müsse.  Im ersten Brief ist er in dieser
       Beziehung noch  zurückhaltender: "Mere  moral agencies  do not, I
       suppose, touch the movements of the mucus..." 11).
       Im zweiten  Brief spricht  er jedoch  klar den  psychosomatischen
       Charakter der  Verschlechterung an:  Die Todesnachricht aus Paris
       war ein  "stunner" -  ein Schlag  oder Schock -, der ihn traf und
       sein Leiden  verschlimmerte. Er wollte wohl dem Arzt, der sich um
       ihn bemüht  hatte, höflich  zu verstehen geben, daß er keineswegs
       an seiner  Tüchtigkeit zweifle, dagegen nunmehr seine eigene Woh-
       nung in London und die dortige Pflege durch die Seinen dem weite-
       ren Aufenthalt in einem Kurortzimmer vorzöge.
       Der Text  beider Briefe  ist in klassischem Englisch geschrieben,
       ohne Germanismen  oder irgendwelche  anderen Anzeichen,  daß  ein
       todkranker Patient  oder  hilflos  deprimierter  alter  Mann  sie
       schreibt. Im Gegenteil, seine Besorgnis um die Arztrechnung zeigt
       klar, daß  sich Marx  in die Gedanken des Arztes versetzen konnte
       und ihn  beruhigen wollte  - zu einer Zeit, wo er doch wahrhaftig
       das Recht  gehabt hätte, nur an sich zu denken und kleine Geldan-
       gelegenheiten zu übersehen.
       
       5. Der Arzt Dr. Williamson und der Patient Karl Marx
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       Die neuen Dokumente bestätigen den Eindruck, daß Arzt und Patient
       sich recht  gut verstanden  und Marx  für den jungen Badearzt und
       seine Frau  Hochachtung, vielleicht beinahe Freundschaft empfand.
       Marx war  auf den Arzt, den einzigen, der ihn während seiner drei
       Aufenthalte auf  der Insel dort je betreute, durch dessen Besuche
       im Hause von Miss MacLean gestoßen, wo Marx während seiner beiden
       Ventnor-Aufenthalte zur  Miete wohnte. Nach der ersten Visite des
       Arztes bezeichnet  ihn Marx  gegenüber Engels  als "a  nice young
       fellow, nothing  priestly about  him" 12).  Das sichere Auftreten
       des Arztes muß ihm imponiert haben, vor allem, weil dieser es of-
       fensichtlich auch  verstand, sein  ursprünglich ganz  allgemeines
       Mißtrauen gegenüber  Ärzten zu überwinden und ihm zu helfen, ohne
       ihn zu  ängstigen oder zu deprimieren. Williamson, ein Spezialist
       für Lungenkrankheiten,  erschrak wohl  über Marx' Zustand, als er
       ihn zuerst  untersuchte. Dabei gab er ihm zunächst nur eine Salbe
       zum Einreiben,  kam allerdings  schon bald darauf wieder und ver-
       schrieb ihm ein stärkeres, morphiumhaltiges "Gebräu" (Marx). Über
       den Arzt  und die  neue Medizin  teilt Marx Tussy mit: "er sagte,
       sie würde verkürzen die Übergangszeit bis zum Stadium, wo ich nur
       noch von  Luft und  vielem Umtummeln außerhalb des Hauses völlige
       Rekonvaleszenz zu erwarten". 13)
       Dr. Williamson verstand also gut, mit Marx umzugehen - ihn zu er-
       mutigen, ihm  aber auch das starke Schmerzmittel zu geben, das er
       tatsächlich dringend brauchte. Daß sich der Spezialist über Marx'
       wahren Lungenverfall  im klaren war, ist sicher anzunehmen, da er
       ja ständig  ähnliche Fälle sah. Marx durchschaute ihn wohl nicht,
       als dieser  ihm völlige Genesung in Aussicht stellte. Er war des-
       halb auch  nicht ungehalten und dem Arzt gegenüber verärgert, als
       sich dessen  Rezept bei  jenem Nachtanfall am 6. Januar als unzu-
       reichend erwies.
       Daß Dr. Williamson sehr sachverständig über Lungenkrankheiten ur-
       teilen konnte, geht aus einem Buch hervor, das er 1884 veröffent-
       lichte: "Ventnor and the Undercliff". Der heute nicht einmal mehr
       in der  berühmten Londoner Bibliothek des Britischen Museums vor-
       handene kleine  Band gibt  statistische Daten über das Lokalklima
       und ausführliche Berichte über die verschiedenen Stadien der Lun-
       genkrankheiten und  ihre Behandlung  in Ventnor.  Die Häuser  des
       Kurorts liegen  auf verschiedener  Höhe und  in unterschiedlicher
       Entfernung vom Strand, und die Patienten zogen während ihres Auf-
       enthalts gewöhnlich  mehrere Male  um: je  weiter fortgeschritten
       ihre Krankheit  war, desto  näher sollten sie nach ärztlicher An-
       sicht dem  Meeresspiegel selbst  sein. Analysen  verschiedner Art
       bestätigen, daß  nach dieser  Routinebehandlung verfahren  wurde.
       Tatsächlich kam  die Mehrzahl  der Kranken  im Grunde  schon ohne
       Aussicht auf  wirkliche Heilung nach Ventnor, und sie sollten we-
       nigstens so  lange wie  möglich und so ungestört wie möglich ihre
       letzten Wochen,  Monate oder  Jahre verbringen. Mit jener Analyse
       versuchte Dr.  Williamson seinen  Lesern Mut  zu geben - zu einer
       Zeit, als  man noch  wenig von  Tuberkulose wußte und die alpinen
       Heilungen von Davos und ähnlichen Kurorten unbekannt waren.
       Wahrscheinlich kam Marx niemals ganz zu Bewußtsein, daß er selbst
       vor allem  lungenleidend war und daß die Insel und ihre Ärzte für
       ihn möglicherweise ganz besonders günstig waren. Wenn wir von dem
       psychographischen Geschwätz  absehen, daß  Marx  überhaupt  nicht
       ernstlich organisch  krank gewesen  sei (Künzli), dann waren nach
       der einzigen  mir bekannten  Spezialarbeit über  Marx' Gesundheit
       und Erkrankungen  von Dr. Felix Regnault 14) die ererbten Gesund-
       heitssorgen, vor  allem sein Leberleiden, weniger wichtig als die
       Folgen seines  schweren, durch Überarbeitung und schlechte Ernäh-
       rung geprägten Lebens im Exil. Seine Lungen litten wahrscheinlich
       sehr unter  der miserablen  Qualität der allzu billigen Zigarren,
       von denen  er zu viele rauchen mußte, um sich trotz seiner Nervo-
       sität durch  seine  überlange  Arbeitszeit  wach  und  lese-  und
       schreibfähig zu  halten. Daß  er sich  und seine  Gesundheit  nie
       schonte, wenn  es um  seine wissenschaftliche Forschungsarbeit im
       Dienste der  Arbeiterklasse oder  um seine  politischen und  men-
       schlichen Bemühungen um seine Gesinnungsgenossen ging, ist histo-
       risch belegt.
       Am 10.  Januar, einen  Tag vor  Jenny's Tod,  schloß Marx  seinen
       letzten Brief  an Engels mit der Bemerkung: "Doch glaube ich, mit
       Geduld und  pedantischer Selbstkontrolle bald wieder ins Gleis zu
       kommen. Der  Mohr." 15)  Marx ahnte nicht, daß er damals - obwohl
       von seinen  alten Plagen (dem Leberleiden und seiner Furunkulose)
       relativ verschont  - doch bereits durch seine Lungenkrankheit zum
       Tode verurteilt  war. Und Dr. Williamson, an den er am 13. Januar
       den wohl letzten Brief seines Lebens richtete, war weise genug zu
       schweigen. Im  Gegenteil, nach dem, was wir aus den verschiedenen
       Briefen jener  Zeit herauslesen  können, hat  ihm der  Arzt durch
       seine Medikamente und durch seine übrige Behandlungsart geholfen,
       wenigstens bis ins kommende Frühjahr weiterzuleben.
       Dr. Williamson  war selbst  Arztsohn, 1848  in South  Shields  in
       Yorkshire geboren.  Schon mit  22 Jahren  kam er nach Ventnor und
       diente für  drei Jahre als Hausarzt im Königlichen Lungenkranken-
       haus, ging  dann 1873  nach London in eine Klinik in St. Mary-le-
       bone, kam aber als Privatarzt schon 1876 nach Ventnor zurück. Of-
       fenbar war  er erfolgreich,  denn schon  1878 zog er in das große
       Haus "Southcliff", wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1901 prakti-
       zierte. Als  Marx sein  Patient war, hatte er die Mehrzahl seiner
       wissenschaftlichen Daten  schon gesammelt,  die er  dann ein Jahr
       nach Marx' Tod veröffentlichte. So war er gewiß der richtige Arzt
       für Marx.  Dr. Williamson  war aber  nicht nur ein guter Arzt, er
       war wohl  auch sonst  geistig weit interessiert und sehr belesen.
       Nach seinem  Tode wurde  ein zweites Buch von ihm veröffentlicht,
       worin er  seine Nachforschungen  über das  Leben des christlichen
       Mönchs Bonifatius  schildert und dabei die Legende zerstört, die-
       ser habe die Insel Wight bewohnt oder sei von dort zur Missionie-
       rung der  Germanen aufgebrochen 16). Bekanntlich heißen die Höhen
       im Nordwesten  Ventnors "St. Boniface Down", wo sich ja auch Marx
       bei seinen  beiden Ventnor-Aufenthalten eingemietet hatte (1, St.
       Boniface Gardens).  Gewiß ist, daß Marx sich mit seinem Arzt über
       vielerlei unterhalten  konnte, nicht nur über das Wetter und über
       Krankheitssymptome. Die Tatsache, daß sich die Frau des Arztes so
       weitgehend für  den Patienten  Marx interessierte,  daß  sie  ein
       Photo von  ihm erbat,  läßt zumindest  darauf schließen, daß auch
       Dr. Williamson  mit ihr über Karl Marx gesprochen hat, wenn nicht
       Marx gar der Familie persönlich bekannt war. Sie deutet auch dar-
       auf hin,  daß der  Arzt Marx  als  einen  interessanten  Menschen
       schätzte und in ihm mehr als nur einen "Fall" sah.
       
       6. Zu Marx' geistiger und körperlicher Verfassung
       -------------------------------------------------
       an seinem Lebensende
       --------------------
       
       Das Gesamtbild  der Marxschen  Ventnor-Wochen entspricht tatsäch-
       lich den  von ihm beschriebenen 17) und oft begangenen Wanderpfa-
       den, die sich von den Hügeln der St. Boniface Downs nach dem Mee-
       resstrand von  Bonchurch auf-  und niederschlängeln:  es geht mit
       Marx' Gesundheit  auf und  ab, auf  Katarrh folgt neue Besserung,
       einmal muß  er sich  durch Morphium  zur Krampfberuhigung helfen,
       dann kann  er wieder  die Sonne und die Meeres- und Höhenluft ge-
       nießen. Er  ist auch zuletzt noch kräftig genug, allein nach Lon-
       don zurückzureisen,  besteht darauf,  daß Eleanor nach Frankreich
       fährt, um die Kinder ihrer eben verstorbenen Schwester zu versor-
       gen 18)  - sie  sind ihm wichtiger als der alte Großvater, dem es
       eiserne Selbstdisziplin ermöglicht, auch jetzt noch, nicht allzu-
       lange vor dem eigenen Tod, ohne Hilfe eines ändern abzureisen und
       vor der Abreise noch mit sicherer Hand die Begleichung verbliebe-
       ner Schulden  an Dr.  Williamson zu  versprechen. Todkrank,  aber
       doch aufrecht,  beendet er  seine letzte Reise und fährt in seine
       Londoner Wohnung,  zu seinen  unabgeschlossenen Arbeiten, um wei-
       terzuplanen, vielleicht,  wie Engels vorschlägt 19), eine Sommer-
       kur vorzubereiten  - um  schließlich doch  im Vorfrühling "in den
       Sielen" an seinem Schreibtisch zu sterben.
       Aus den  zitierten und  anderen noch  vorhandenen Briefen  ergibt
       sich ein recht vollständiges Bild der letzten Marx-Wochen auf der
       Insel Wight  und speziell  seiner fortschreitenden  Krankheit. Im
       alten Hause  von Dr.  Williamson gibt  es keinerlei weitere Zeug-
       nisse über  die Behandlung von Marx, keine Schriftstücke wie etwa
       Rezeptkopien, Belege  für Arztbesuche  im Hause  l, St.  Boniface
       Gardens oder Zahlungsbestätigungen, die Karl Marx erwähnen.
       Als Erinnerung an Karl Marx ist heute nichts anderes erhalten als
       der Inhalt  der kleinen  Brieftasche, in  der der  Sohn  von  Dr.
       Williamson die  beiden Briefe  an seinen  Vater und das Neujahrs-
       photo an  seine Mutter  aufgehoben hat. Was immer mit diesen drei
       Schriftstücken eines Tages geschehen wird, sie sind eine denkwür-
       dige Erinnerung  an Karl  Marx kurz  vor seinem Tode. Während der
       erwähnte "Psychograph"  zu Papier  brachte, daß  Marx "unfähig zu
       wahrer Kommunikation,  zu echtem Dialog war", bleibt der Nachwelt
       in den  Ventnor-Dokumenten ein  Zufallsbeweis, wie  der todkranke
       Wissenschaftler und Politiker mit einem englischen Arzt verkehrte
       und bis  zuletzt in liebenswürdiger Höflichkeit mit ihm erst kurz
       bekannten Personen umging und korrespondierte. Mögen seine Briefe
       an die  beiden Töchter  aus jenen Wochen flüchtig und grammatisch
       ungenau geworden sein, die Williamson-Briefe zeigen Marx nach wie
       vor auf der Höhe seiner geistigen Konzentration und Perfektion in
       Satzkonstruktion, Orthographie  und sogar  Kalligraphie. Es  wird
       sich bestimmt  lohnen, die Schriftstücke in die neue Marx-Engels-
       Gesamtausgabe aufzunehmen.
       
       _____
       1) Marx an Wilhelm Blos, 10. November 1877, in: Marx-Engels-Werke
       (MEW), Berlin 1966, Bd. 34, S. 308
       2) Lawrence Wilson,  Portrait of  the Isle  of Wight, London 1965
       (Verlag Robert Hale)
       3) Arnold Künzli,  Karl Marx, Eine Psychographie, Wien-Frankfurt-
       Zürich 1966, S. 444.
       4) Ebd., S. 422.
       5) Diesen Text,  den Engels  als Anhang  seiner Schrift "Die Ent-
       wicklung des  Sozialismus von  der Utopie  zur Wissenschaft"  er-
       scheinen ließ, schickte Marx am 18.12.1882 mit der knappen Bewer-
       tung "sehr gut" an Engels zurück. (MEW, Bd. 35, S. 132)
       6) Frau Marx  war angeblich  gegenüber Engels'  erster Frau Mary,
       einer irischen  Arbeiterin ohne  Schulbildung, nicht  überfreund-
       lich. Doch befreundete sie sich sehr eng mit deren Schwester, En-
       gels' zweiter  Frau, für  die sie beim Umzüge des Paares von Man-
       chester nach  London ein Haus suchte und einrichtete. Obwohl auch
       Lizzie des  Lesens und  Schreibens unkundig  war, berichtete Frau
       Marx: "we  get on  so well together" und fuhr mit ihr im Mai 1875
       auf Ferien  nach Shanklin, das heutzutage der beliebteste Badeort
       der Insel ist.
       7) Das relativ  große Haus, ursprünglich von einer reichen schot-
       tischen Familie  erbaut und  noch heute an Sommergäste vermietet,
       steht auf halber Höhe zwischen dem ganzjährig grünen St. Boniface
       Down mit  seinen Fußwegen für Spaziergänger und dem Meeresstrand.
       Es hat  schöne Meeresaussicht  von allen  Südfenstern  und  einen
       kleinen Garten,  liegt sehr  ruhig am  Ende des  Ortes, aber auch
       nicht zu  weit entfernt  von den Geschäften in der Stadtmitte, wo
       Marx und Eleanor einkauften. Offensichtlich fühlte sich Marx dort
       wohl, sonst  hätte er das gleiche Haus nicht zwei Mal zum Aufent-
       haltsort gewählt.
       8) Marx an  seine Tochter  Eleanor, 9.  Januar 1883, in: MEW, Bd.
       35, S. 421
       9) Schon der  Namenszüge wegen riet vor einigen Jahren ein Londo-
       ner Professor  dem Besitzer  der Briefe,  sie doch in London ver-
       steigern zu lassen, wo sie sicher hoch bezahlt werden würden.
       10) Marx an Engels, 10. Januar 1883, in: MEW, Bd. 35, S. 140
       11) L. Wilson,  Portrait of  the Isle of Wight, a.a.O., S. 97. In
       deutscher Übersetzung lautet der Auszug ungefähr: "Rein seelische
       Katastrophen haben  meiner Meinung nach nichts mit den Schleimbe-
       wegungen zu tun...".
       Auf ausdrückliche  Bitte von Dr. J.B. Williamson unterließ es der
       Autor, die  ihm freundlicherweise  gezeigten Briefe  von Marx  an
       dessen Vater für Veröffentlichungen zu kopieren.
       12) Marx an  Engels, 8.  November 1882,  in: MEW, Bd. 35, S. 106.
       Die MEW-Redaktion  übersetzt: "ein  netter  junger  Bursche,  der
       nichts Salbungsvolles an sich hat". (a.a.O.)
       13) Marx an  seine Tochter  Eleanor, 10.  November 1882, in: MEW,
       Bd. 35, S. 398
       14) Felix Regnault, Les maladies de Karl Marx. Leur influence sur
       sa vie et sur ses oeuvres, in: Revue anthropologique, Paris 1933
       15) Marx an Engels, 10. Januar 1883, a.a.O., S. 141
       16) J.M. Williamson, The Life and Times of Saint Boniface, veröf-
       fentlicht von  W.J. Knight,  Ventnor, und  Henry Froude,  London,
       1904
       17) im Brief  an Engels vom 8. November 1882, in: MEW, Bd. 35, S.
       105
       18) "Mohr sagte sofort: 'Unser Jennychen ist tot!', und dann for-
       derte er mich sofort auf, nach Paris zu gehen und bei den Kindern
       zu helfen.  Ich wollte bei ihm bleiben - er duldete keinen Wider-
       spruch." So  schreibt Eleanor Marx an Wilhelm Liebknecht, der Da-
       ten für  seine Lebenserinnerungen  an Karl Marx sammelt, die 1896
       in Nürnberg  publiziert werden.  Wiederabdruck in: Mohr und Gene-
       ral, Erinnerungen an Marx und Engels, Hg. Institut für Marxismus-
       Leninismus, Berlin 1970, S. 155
       19) Siehe den  Brief von Engels an Marx vom 8. Dezember 1882, in:
       MEW, Bd. 35, S. 125.
       

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