Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       SICH EINMISCHEN - SEINE IDENTITÄT FINDEN - GEMEINSAM KÄMPFEN
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       Bedürfnisentwicklung und Politikzugänge von Frauen
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       Heike Flessner / Heidi Knake-Werner
       
       1. Inventur  - 2. Frauenleben in der BRD: Restauration - Reform -
       Krise - 3. Gemeinsam handeln: Grenzen und Brücken
       
       1. Inventur
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       Wir  Frauen   an  den   Info-Ständen  in   der  Innenstadt,   auf
       Demonstrationen, mit  dem Flugblatt, dem Transparent in der Hand,
       wir als  offensive Streiterinnen bei Diskussionsforen, als Kläge-
       rinnen für  vorenthaltene  Rechte  vor  Gericht,  wir  Frauen  im
       Streik, in  der Aktion,  als Rednerinnen  auf  Kundgebungen,  als
       Gründerinnen von  Bürgerinitiativen -  für viele  von uns ist das
       ein Teil  des täglichen  Lebens geworden.  Wie es vorher war, ist
       kaum mehr  vorstellbar. Und dennoch erfaßt diese Skizze nur einen
       Bruchteil jener  Empörung, die immer mehr Frauen über täglich er-
       littenes Unrecht,  über Fremdbestimmung  und das Vorenthalten von
       Chancen besseren Lebens ergreift; nur einen Bruchteil der Bereit-
       schaft, die  Fesseln privater  Duldung und  der  Ergebenheit  ins
       Frauenschicksal zu zertrennen; nur einen Bruchteil der entwickel-
       ten Formen gemeinsamen Handelns gegen all dies.
       Wir  wollen   auf  den   folgenden  Seiten   darüber  nachdenken,
       w a r u m  immer mehr Frauen sich in ihre eigenen Angelegenheiten
       mischen und  dabei die  Notwendigkeit gemeinsamen Handelns - auch
       mit einsichtigen  Männern -  erkennen,   a n  w e l c h e n  I n-
       h a l t e n   und   i n   w e l c h e n  F o r m e n  das Handeln
       seinen Ausdruck  findet und  w e l c h e  A n s a t z p u n k t e
       d e r   E n t w i c k l u n g  ü b e r g r e i f e n d e r  poli-
       tischer, an  d e m o k r a t i s c h e n  P e r s p e k t i v e n
       o r i e n t i e r t e r  Z i e l s e t z u n g e n  darin begrün-
       det, möglicherweise  sogar bereits  in praktisches  Handeln umge-
       setzt sind.
       Zunächst aber  eine Bestandsaufnahme gegenwärtig vorfindbarer An-
       sätze politischen  Handelns 1)  von Frauen.  Bisher ist  nur  ein
       kleiner Teil von ihnen in Parteien organisiert. 2) Ihr jeweiliger
       prozentualer Anteil  in den etablierten Parteien hat sich angenä-
       hert. In SPD, CDU und FDP waren 1980 zwischen 21% und 23% weibli-
       che Mitglieder  organisiert 3)  - 1965 gab es da noch gravierende
       Unterschiede. 4)  Ihre Repräsentanz in Führungsposltionen ist je-
       doch bis  heute auf  Ausnahmen, Alibifunktionen  und in der Regel
       einflußlose Bereiche  beschränkt. 5) Einen größeren Mitgliederan-
       teil an  Frauen registrieren  alternative Parteien; genau bekannt
       ist die Quote - 40% - jedoch nur bei der DKP. 6) Auch auf den un-
       teren, mittleren  und oberen  Führungsebenen dieser Parteien sind
       Frauen vertreten  - häufiger als in den etablierten Parteien, we-
       niger als vom Mitgliederstand her zu schließen.
       In den Gewerkschaften steigt der Anteil an weiblichen Mitgliedern
       seit 1972:  1966 -  15,7%, 1972  - 15,3%,  1975 -  16,5%, 1979  -
       19,6%, 1982  - 20,7%  7) Die  höchste Quote weiblicher Mitglieder
       verzeichnen die GEW (1976: 47,3%), die HBV (1976: 51,1%), die Ge-
       werkschaft Leder  (1976: 29,4%)  8) und die GTB (1980: 57,8%). 9)
       Der Frauenanteil  am  Gesamtzuwachs  der  Gewerkschaftsmitglieder
       liegt deutlich über dem der Männer. 10) Mit der steigenden Anzahl
       weiblicher Mitglieder setzen sich auch in den Gewerkschaften ver-
       stärkt frauenspezifische  Forderungen durch,  die weit  über  Ar-
       beitsplatz- und Tarifprobleme hinausgehen.
       Auf der  letzten Bundesfrauenkonferenz  des DGB  befaßte sich ein
       erheblicher Anteil  der 137 Anträge mit familien- und sozialpoli-
       tischen Fragen.  11) Deutlich  wurde zugleich  die  Bereitschaft,
       sich der Erörterung allgemeinpolitischer Probleme zu stellen: Die
       längste Debatte  und die größte Polarisierung der Standpunkte gab
       es um das Thema "Frauen in die Bundeswehr".
       Klar unterrepräsentiert sind die Gewerkschafterinnen auf den Ver-
       treter- und  Funktionärsebenen: So  waren z.B. 1979 9% der Kreis-
       vorstandsmitglieder und 1982 11,6% der Delegierten des Bundeskon-
       gresses Frauen.  12) Die Diskrepanz zwischen der Bereitschaft or-
       ganisierter Frauen zu aktiver Interessenvertretung und dem schnö-
       den "Durchmarsch" der männlichen Kollegen in Parteien und Gewerk-
       schaften, wenn  es an die Posten geht, läßt vielen Frauen die po-
       litische Aktivität sauer werden.
       Von weitaus größerer Anziehungskraft für Frauen und junge Mädchen
       als die etablierten politischen Organisationen - und hierzu zählt
       von ihrer  Struktur her  zunächst auch  die DKP  - sind  all jene
       Frauengruppen und  -initiativen, die sich im Zuge der Frauenbewe-
       gung der 70er Jahre herausgebildet und ein kaum noch überschauba-
       res Spektrum  an Fraueninteressen  aktiviert  haben.  Nur  wenige
       Städte sind  heute noch  ohne Frauengruppe; Frauenzentren gibt es
       in großer  Zahl; es etabliert sich eine Frauenkultur; mancherorts
       bilden sich subkulturelle Strukturen heraus.
       Das gemeinsame  Interesse der  Frauen, die  sich  zusammenfinden,
       knüpft in  der Regel  unmittelbar an  Vorstellungen und Problemen
       an, die  aus der  Gegenwehr gegen  überkommene  Rollenbilder  vom
       Frausein und  aus den  Umrissen eines  neuen Selbstverständnisses
       vom  weiblichen   Lebenszusammenhang  resultieren:  Stillgruppen,
       Selbstuntersuchungsgruppen, Hausgeburtengruppen  entwickeln  eine
       Gegengynäkologie, -geburtenhilfe  und -wochenpflege  als Alterna-
       tive zum technisch-sterilen und zentralverwalteten Krankenhausbe-
       trieb;  vor   allem  Lesbengruppen   stellen  die  heterosexuelle
       "Normal"biografie von Frauen als Zwangsbiografie in Frage; Ernäh-
       rungsgruppen, Spinngruppen,  auch Dritte-Welt-Gruppen  versuchen,
       chemisierten,  technisierten  und  monopolisierten  industriellen
       Produktionsformen von Gütern des täglichen Gebrauchs die Handver-
       arbeitung von Naturprodukten entgegenzustellen; Frauenhausgruppen
       und Notrufe  für vergewaltigte Frauen entwickeln ein Hilfekonzept
       gegen patriarchalisch-konservative  Familien- und Frauenduldungs-
       konzepte; Gesprächsgruppen  nehmen ihren  Ausgangspunkt  bei  der
       Sprachlosigkeit vieler  Frauen über  ihre eigene  Identität; kul-
       turelle Gruppen  (Frauentheater, -bands,  -kneipen, -filmgruppen,
       -verlage) durchkreuzen  die Ausgrenzung  von Frauenthemen aus dem
       monopolisierten Kulturbetrieb  mit -  übrigens auch kommerziell -
       gutem Erfolg;  spezifische Berufsgruppen (Medienfrauen, Frauen in
       naturwissenschaftlichen  Berufen)   werden  sich   über  die  Ge-
       schlechtsspezifik ihres  Arbeitsvertrages,  ihrer  Arbeitsinhalte
       und der  Umgangsformen am  Arbeitsplatz klar und erkennen sie als
       diskriminierend nicht nur für sich, sondern für alle Frauen; Pro-
       bleme der  Erwerbstätigkeit, der konservativen Rollenzuweisung in
       Küche und  Kinderzimmer, der  Doppelbelastung 13) der Frauen sind
       weitere Ansatzpunkte  für Initiativgruppen,  ebenso die Ablehnung
       der  Wehrdienstverpflichtung   und  Militarisierung   von  Frauen
       ("Frauen in die Bundeswehr - wir sagen nein!"). Den Frauengruppen
       sind in vielen Städten bereits Mädchengruppen gefolgt, häufig von
       Jugend- und Kommunikationszentren ausgehend.
       Die Gruppen  und Initiativen vermitteln ein facettenreiches Bild.
       Gemeinsam ist  allen formal  die strikte  Ausgrenzung der Männer,
       die weibliche  Geschlechtsgemeinschaft, inhaltlich  die  tägliche
       Erfahrung der Beschränkung eigener Entwicklungsmöglichkeiten, die
       Ahnung, die  Erkenntnis, daß  Widerstand notwendig  ist, daß  die
       Frauen sich nachhaltig einzumischen haben in die Definition ihrer
       eigenen Probleme  und Lebensperspektiven  und  den  Alleinvertre-
       tungsanspruch von  Männern auch  in diesem  Zusammenhang klar zu-
       rückweisen müssen.
       Dem täglichen  Leiden an  der Fremdbestimmung  wird vor allem von
       den Feministinnen ein radikales Autonomiekonzept entgegengesetzt,
       das die  Basis für verschiedene Ansätze der praktischen Gegenwehr
       bildet. Es  enthält Schwächen  und Stärken  gleichermaßen; können
       einerseits Frauen  und Mädchen mit der Konkretheit feministischer
       Themen und  der emotional getragenen Solidarität der "sisterhood"
       unmittelbar angesprochen  werden, kann  auf diese  Weise durchaus
       die Schwelle  gesenkt werden, die viele Frauen daran hindert, aus
       der privaten  Isolierung herauszutreten, so bringen die Entschie-
       denheit der  Abgrenzung radikalfeministischer  Gruppen gegen her-
       kömmliche Strukturen  (z.B. Partnerschaft,  Familie, Freundschaf-
       ten, Parteien, Gewerkschaften, soziale Einrichtungen, ja, die Ge-
       sellschaft insgesamt  14)) und die daraus häufig entstehende Bin-
       nenorientierung mit dem entsprechenden Insider-Klima neue Barrie-
       ren hervor.
       Vor solcher  Binnenorientierung gefeit scheinen Frauengruppen wie
       die Demokratische  Fraueninitiative (DPI). 15) Ihre Offenheit ge-
       genüber  vielfältigen  fortschrittlichen  Kräften,  ihre  Bereit-
       schaft, mit  allen zusammenzuarbeiten, die für die Verwirklichung
       der Rechte  der Frauen streiten (hier ist die Entwicklung gemein-
       samer Arbeit  mit den  Gewerkschaften besonders  hervorzuheben) -
       dieses Konzept gesellschaftlicher Kooperation ermöglicht den Kon-
       takt bis hinein in die Gruppe der Arbeiterinnen, deren Anteil al-
       lerdings bislang  noch viel  geringer  ist  als  angestrebt.  Die
       starke Betonung  der gesellschaftlichen  Seite  der  Frauenunter-
       drückung hatte  in  der  Vergangenheit  oftmals  aber  auch  eine
       gravierende Schwäche  zur Folge:  Die subjektive Erfahrung dieser
       Unterdrückung in  ihren konkreten  Formen wurde  in der Regel zur
       politischen  Analyse   und  zur   Organisierung  des  Widerstands
       verarbeitet,  selten  aber  zur  Veränderung  der  angeprangerten
       Situationen hier und jetzt. Diese Frauengruppen diskutierten über
       Gewalt  gegen   Frauen  und   forderten  öffentlich   finanzierte
       Frauenhäuser -  die autonomen  Frauen richteten  sie ein. Die DPI
       diskutierte über  die Diskriminierung  homosexueller Frauen - die
       autonomen Frauen gründeten Lesbengruppen. Natürlich verdeutlichen
       diese Beispiele  nicht nur  die unterschiedlichen  Prioritäten in
       den Handlungsebenen;  auch  der  unterschiedliche  Zuschnitt  der
       Gesellschaftsanalyse ist  darin enthalten:  Gegenüber dem Drängen
       vor allem  der demokratischen  und sozialistischen  Frauengruppen
       auf gesellschaftliche  Lösungen  spitzen  sich  manche  konkreten
       Arbeitsergebnisse  der   autonomen  Frauenbewegung   zum   bewußt
       vollzogenen Ausstieg  aus der  gesellschaftlichen Auseinanderset-
       zung zu.
       Über den  Anteil von  Frauen in  Bürgerinitiativen liegen uns nur
       wenige Daten  vor. 16)  Legen wir aber einmal den Augenschein all
       jener großen  Initiativen der  Gegenwart - der Anti-AKW-Bewegung,
       der Friedensinitiativen,  der Bewegung gegen die Startbahn West -
       zugrunde, so  sind Frauen  dort in  gleichem Umfang beteiligt wie
       Männer, wenn  wir sie  auch unter den Repräsentanten der Bewegung
       nicht ganz so zahlreich wiederfinden.
       Zur Friedensbewegung haben Frauen ihren besonderen Beitrag gelei-
       stet, denkt man einmal an die "Frauen für den Frieden" und an die
       Initiative "Frauen  in die  Bundeswehr -  wir sagen  nein!".  Die
       Friedenswegung hat,  ähnlich wie  die anderen  großen Bewegungen,
       das Spektrum jener Frauen, die sich gemeinsam mit anderen zur po-
       litischen Aktion  entschließen,  enorm  ausweiten  geholfen.  Die
       Gründe dafür  liegen u.E.  vor allem in der Erkenntnis der unmit-
       telbaren Lebensbedrohung  und in der Vielfalt der Aktionsmöglich-
       keiten, die  den verschiedenen Entwicklungsstufen politischen Be-
       wußtseins Rechnung tragen. Das Reservoir der aktivierbaren Frauen
       reicht sowohl  altersmäßig als auch sozial mit großer Wahrschein-
       lichkeit in den umfassenden Bürgerbewegungen, insbesondere in der
       Friedensbewegung, weiter  als bei den "klassischen" Bürgerinitia-
       tiven der endsechziger und frühen siebziger Jahre. Es reicht ganz
       offensichtlich in  die Altersgruppe  jener Frauen,  die den Krieg
       selber erlebt  haben und aus dieser Erfahrung heraus einen Zugang
       zu den  Aktionen der  Friedensbewegung  zu  finden  vermögen.  Es
       reicht ebenso  offensichtlich über  die Mittelschichten hinaus in
       die Arbeiterklasse.  Zu vermuten  ist aber,  daß von dort her zum
       gegenwärtigen Zeitpunkt  am ehesten  Frauen mit gewerkschaftsori-
       entierten Lebenszusammenhängen aktiv werden.
       Eine Domäne  von gesellschaftlich aktiven Frauen insbesondere aus
       den Mittelschichten  sind immer noch alle jene Bürgerinitiativen,
       die Reform  und Ausweitung  der Sozial-und  Bildungsinfrastruktur
       fordern. Insbesondere  der seit  Jahren andauernde rigorose Sozi-
       alabbau hat die Frauen auf den Plan gerufen: Viele von ihnen nut-
       zen Demonstrationen  und Aktionen  gegen Rotstift und Raketen of-
       fensiv, um  auf ihre  Probleme hinzuweisen.  Nicht nur die Strei-
       chung von  Kindergartenplätzen und Erzieherstellen wird angepran-
       gert; auch die Folgen werden unter dem Frauengesichtspunkt bewer-
       tet: Zurückdrängung  aus dem  Beruf in den Haushalt, Verhinderung
       der beruflichen  Entfaltung,  Abbau  insbesondere  von  Frauenar-
       beitsplätzen -  das alles  steht zur  Diskussion. Gerade  in  den
       letzten Jahren ist es dabei zu einer deutlichen Verschränkung der
       inhaltlichen Forderungen  gekommen, um die es in den zunächst je-
       weils punktbezogen  arbeitenden Bürgerinitiativen  geht. Man ver-
       bündet sich  eben nicht  mehr nur  gegen Rotstift  o d e r  gegen
       Raketen; vielmehr  wird beides  in engen Bezug gebracht. Dies er-
       möglicht den aktivierten Frauen verallgemeinernde Politisierungs-
       zugänge über  die Betroffenheit in alltagsvermittelten abgegrenz-
       ten Problemzusammenhängen hinaus.
       Am schwersten  kommen die Initiativen und Bewegungen bis heute an
       die hausarbeitenden  Frauen heran.  Es gibt  Hinweise darauf, daß
       immer mehr  von ihnen  die besondere Abhängigkeit ihrer Existenz-
       weise als schwere Last erkennen, sie als gesellschaftliche Isola-
       tion und  als Behinderung  in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit
       erfahren. Nicht  nur Pross' Daten zur zwiespältigen Bewertung der
       eigenen Situation  durch die Hausfrauen sind hier anzuführen. 17)
       Ein weiteres  Indiz ist  die  1980  gegründete  Hausfrauengewerk-
       schaft. So  unbedeutend sie  faktisch immer  noch sein  mag - sie
       weist gleichwohl, z. B. mit der Forderung nach eigenständiger so-
       zialer Sicherung der Hausfrau, auf ein zentrales Problem hin: auf
       die Lebensabhängigkeit  der nur-hausarbeitenden  Frauen vom  Ehe-
       mann. In der Unzufriedenheit mit den überkommenen Bedingungen der
       Hausfrauenexistenz und  ihren Entfaltungsgrenzen ist eine latente
       Bereitschaft zur Gegenwehr enthalten.
       Aber auch  von außen  kommen unabweisliche Anstöße, die Isolation
       zu überwinden:  Die  wachsenden  gesellschaftlichen  Widersprüche
       werden heute  nämlich nicht  mehr nur durch die Kindergarten- und
       Schulmisere der  Kinder 18)  in den  privaten Zirkel  der Familie
       hineingetragen. Das bleivergiftete Gemüse, der Cadmium-Salat, die
       Plastik-Brötchen, der  steigende Gaspreis (obwohl doch gerade des
       angepriesenen Spareffektes  wegen die  Ölheizung gegen die Gasan-
       lage ausgetauscht  wurde), der  bedrohte Arbeitsplatz des Eheman-
       nes, die  geplanten Atomraketen  im nahegelegenen  Waldstück, das
       bislang das  Ziel der gemeinsamen Sonntagsausflüge war - dies al-
       les macht  deutlich: Die  Existenzbedrohung, die Lebensgefährdung
       der Familien  kann nicht  länger mehr als Phantasieprodukt linker
       Traumtänzer beseite  geschoben werden;  sie ist tägliche Wohnzim-
       mer- und Familiensonntagsrealität.
       Zusammenfassend läßt  sich sagen: Auf verschiedenen Institutiona-
       lisierungsebenen haben  sich Frauen bis heute vielfältige Ansätze
       aktiven Handelns  geschaffen, die über die traditionellen weibli-
       chen Problemlösungsstrategien  der Privatisierung  und Personali-
       sierung hinausgehen  und damit  Zugänge zur Verallgemeinerung von
       Problemsichten, Lösungsperspektiven  und  Veränderungsvorschlägen
       ermöglichen. Hinsichtlich  der Probleme  des  Produktionsbereichs
       geschieht dies bislang vor allem im Rahmen der gewerkschaftlichen
       Organisationen; Probleme  des Reproduktionsbereichs  werden  eher
       von Initiativen  und selbstorganisierten Frauengruppen aufgegrif-
       fen.
       Daß diese Aktivierungsansätze sich als so dynamisch und zunehmend
       tragfähig erweisen,  liegt u.E. nicht unwesentlich in dem von der
       autonomen Frauenbewegung  herausgebildeten und vorgelebten Moment
       der "sisterhood" begründet. Sie hat - zusammen mit der Initiativ-
       kraft und Phantasie der autonomen Frauen - tief in andere Frauen-
       kreise hineinzuwirken  vermocht. "Sisterhood"  als unbestechliche
       Solidarität der  letztlich gleichermaßen  Diskriminierten gewinnt
       ihre besondere  Qualität und Tiefe aus der Tatsache, daß zu ihrer
       Herausbildung überwunden  werden müssen: die Selbstdefinition der
       Frauen über  die Männer,  also auch  das Konkurrenzdenken im Hin-
       blick auf sie, und die Fixierung des eigenen Lebenssinns qua Ehe-
       mann und  Kinder, also  über die  Familie. Diese unweigerlich ins
       Zentrum der Vereinzelung und der Privatheit - also der lebenslan-
       gen Isolation  - führende  Perspektive wird durchkreuzt durch die
       gemeinsame Stärke der Geschlechtsgenossinnen.
       
       2. Frauenleben in der BRD: Restauration - Reform - Krise
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       Die Vielfalt,  mit der sich die Frauenbewegung gegenwärtig in der
       BRD präsentiert,  ist - oberflächlich betrachtet - zurückzuführen
       auf unterschiedliche  soziale Lagen und daraus sich ergebende un-
       terschiedliche Wahrnehmungen  der ökonomischen  und sozialen Ver-
       hältnisse. Dies erklärt allerdings noch nicht, wodurch die unter-
       schiedlichen Bedürfnisse und Politikzugänge in der Frauenbewegung
       entstanden sind.  Dazu bedarf es der Analyse des historischen Ge-
       wordenseins bestimmter  Strömungen der Frauenbewegung, weil anzu-
       nehmen ist, daß entsprechend den gesellschaftlichen Entwicklungs-
       linien unterschiedliche politische Vorstellungen ausgebildet wer-
       den. Ein  Rückblick auf  die letzten  30 Jahre bundesrepublikani-
       scher Geschichte  macht deutlich,  daß in  den verschiedenen  Ab-
       schnitten ökonomisch-politischer  und  ideologischer  Entwicklung
       gesellschaftliche Widersprüche für die Menschen in unterschiedli-
       cher Schärfe  sichtbar und  erkennbar wurden.  Die Art und Weise,
       wie die  Frauen diese  Widersprüche aufgriffen und verarbeiteten,
       war abhängig  von ihrer  sozialen Lage  und den damit verbundenen
       Möglichkeiten zur Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungspro-
       zessen.
       
       2.1 Frauen im CDU-Staat
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       Bis zum  Beginn der 60er Jahre existierte in der BRD ein stabiles
       Rollenbild von  der Frau  als Hausfrau und Mutter. Für die Tatsa-
       che, daß Frauen auch berufstätig waren, gab es vordergründig ein-
       leuchtende, dieses  Rollenbild nicht  erschütternde  Erklärungen.
       Frauen übernahmen dort die Funktion des Familienernährers, wo die
       Männer im  Krieg umgekommen oder arbeitsunfähig zurückgekehrt wa-
       ren. Aus  den gleichen  Gründen fungierten  Frauen als Geschäfts-
       und Betriebsinhaberinnen. Frauen wurde eine Erwerbstätigkeit auch
       dann zugestanden,  wenn sie durch ihren Zuverdienst zur Existenz-
       sicherung der  Familie beitragen mußten. Ihre eigentlichen Aufga-
       ben wurden  aber nach  wie vor  in Ehe und Familie gesehen. Diese
       Sichtweise wurde  dadurch verfestigt, daß die reaktionäre Mutter-
       ideologie der  Nazi-Zeit weiterwirkte.  Anders  als  in  der  DDR
       konnte  in   der  BRD   auch  in   diesem  Punkt  eine  offensive
       antifaschistische Umorientierung nicht angepackt werden.
       Die Arbeit der Frauen galt, gerade weil sie in Notzeiten so uner-
       läßlich war,  als Übergangslösung und Ausdruck von Mangel. Selbst
       Arbeiter hielten  es sich zugute, wenn ihre Frauen nicht arbeiten
       "mußten". Hinzu  kam, daß  sich mit dem Kalten Krieg eine antiso-
       zialistische Propaganda entwickelte, die das Bild der Frau in der
       Arbeitswelt bis  zum abschreckenden Zerrbild verunstaltete: Frau-
       enarbeit als  Ausdruck der  Not und  der persönlichen Unfreiheit.
       Alle in  dieser  Phase  zutage  tretenden  Diskriminierungen  von
       Frauen, ihre  Benachteiligung im  Bildungs- und Ausbildungswesen,
       ihre patriarchalische  Bevormundung auch  nach der Neufassung des
       Familienrechts 1957,  ihre offene wirtschaftliche Diskriminierung
       durch die Existenz von Frauenlohngruppen, fanden darin ihre ideo-
       logische Begründung. Der Antikommunismus als Staatsdoktrin diente
       dazu, das  Denken von  Alternativen zu verhindern bzw. zu bestra-
       fen.
       
       2.2 Reformeuphorie und Frauenemanzipation
       -----------------------------------------
       
       Mit dem Ende der vorwiegend extensiv erweiterten Reproduktion des
       Kapitals am  Ausgang der  60er Jahre  wurde nicht nur ökonomisch,
       sondern auch  politisch ein  Wandel eingeleitet. Die neuen Repro-
       duktionsbedingungen des Kapitals erzwangen neue Reproduktionsmög-
       lichkeiten für  den Gesamtarbeiter.  Die Umrisse  einer drohenden
       Bildungskatastrophe (Sputnik-Schock etc.) riefen Experten und Po-
       litiker auf den Plan. Mit Hilfe staatlicher Regulierungsmechanis-
       men suchte  man den  Anforderungen des Kapitals entgegenzukommen.
       Unter der  Parole "Mehr  Chancengleichheit" setzte eine intensive
       Bildungswerbung ein,  die bislang  von Bildungsmaßnahmen vernach-
       lässigte Bevölkerungsschichten wie die Kinder der Landbevölkerung
       und der  Arbeiterklasse in  den  Städten  an  höhere  Bildungsab-
       schlüsse heranführen sollte.
       "Bildung als Bürgerrecht" - das umfaßte auch das Recht der Frauen
       und Mädchen  auf Bildung.  Die oft beschworene katholische Arbei-
       tertochter aus dem Bayerischen Wald, für die sich nun die weiter-
       führenden Bildungsgänge ebenfalls öffnen sollten, hatte bis dahin
       keineswegs die Ausnahme gebildet, sondern repräsentierte das all-
       tägliche Schicksal  der Masse  von Mädchen und Frauen aus der Ar-
       beiterklasse. 19) Ausdruck der den neuen ökonomischen Anforderun-
       gen geschuldeten  Maßnahmen waren die Ansätze zum Ausbau des Bil-
       dungswesens in  den ersten  Jahren der sozialliberalen Koalition.
       20) Von  den Frauen forderte Willy Brandt in seiner Regierungser-
       klärung 1969  "stärkere Mitwirkung für die gesellschaftlichen Re-
       formen und  die moderne  Gestaltung unseres  demokratischen Indu-
       striestaates", womit  sie schließlich  die  Möglichkeit  erhalten
       sollten, "ihre gleichberechtigte Rolle in Familie, Beruf, Politik
       und Gesellschaft zu erfüllen". 21)
       Die neuen  Anforderungen wurden  besonders von Frauen aus den so-
       zialen Mittelschichten  umgesetzt: Sie  begannen, sich gegen eine
       frauenfeindliche gesellschaftliche  Aufgabenteilung und  das  Ab-
       schieben in  Küche und  Kinderzimmer zu  wehren, sie reklamierten
       Ansprüche auf  gleichberechtigte gesellschaftliche  Teilhabe  und
       auf Möglichkeiten  zu selbstbestimmter  Entwicklung. Solche  Mög-
       lichkeiten boten  sich diesen Frauen besonders im Bildungsbereich
       und wurden hier auch von einer großen Zahl genutzt. Verstärkt be-
       suchten sie  weiterführende Schulen,  bemühten sich  um  qualifi-
       zierte Bildungsabschlüsse, absolvierten ein Hochschulstudium; ihr
       Anteil an  staatlich  geförderten  Weiterbildungsmaßnahmen  stieg
       sprunghaft, und  unter den  Teilnehmern des 2. Bildungsweges ver-
       vielfachten sich die Frauenquoten. 22)
       Neben den vielen ungelernten und angelernten Tätigkeiten, für die
       Frauen besonders  in Zeiten konjunkturellen Aufschwungs schon im-
       mer angeworben wurden, 23) standen ihnen nun vermehrt auch quali-
       fizierte Arbeitsplätze  offen, die  im Zuge allgemeiner Reformbe-
       strebungen und  erhöhter Ansprüche an die Durchschnittsqualifika-
       tion des Gesamtarbeiters vor allem durch den Ausbau der öffentli-
       chen Dienstleistungen geschaffen wurden: Frauen wurden als Lehre-
       rinnen, Erzieherinnen, im Gesundheitswesen und für den Ausbau der
       sozialen Dienste gebraucht.
       Die ideologische Wende kündigte sich bereits mit dem Rückgang des
       weltanschaulichen Einflusses  von CDU und katholischer Kirche an,
       der den  politischen Niederlagen  des konservativen Blocks voran-
       ging. Die sozialliberale Koalition errang ihre Mehrheit auf einer
       Welle außerparlamentarischer  Bewegungen, die sich in den Septem-
       berstreiks 1969 sowie den Kämpfen gegen Notstandsgesetzgebung und
       Vietnam-Krieg am deutlichsten zeigte und in der Studentenbewegung
       einen spontanen  Ausdruck fand;  neue Bedürfnisse  entstanden  in
       breiteren Teilen  der Bevölkerung,  weit über die Bewegung selber
       hinaus. Überkommene  Strukturen in  den Familien,  im Bildungsbe-
       reich, in den Organisationen des politischen Lebens und letztlich
       auch in  den Normen-  und Wertvorstellungen  hinsichtlich der Ge-
       schlechterbeziehungen wurden durch den objektiven gesellschaftli-
       chen Wandel und von den neuen Momenten des ideologischen Überbaus
       in Frage  gestellt. "Emanzipation" wurde zu einer zentralen poli-
       tischen Leitvorstellung, zunächst noch ohne ausdrückliche Begren-
       zung auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft.
       Selbstverständlich wurden  auch die Frauen von diesen Umdenkungs-
       prozessen erfaßt.  Vor allem  diejenigen, die als Studentinnen an
       den Hochschulen  oder in qualifizierten Berufen ihre geschlechts-
       spezifische Diskriminierung  bewußt wahrzunehmen begannen, bemüh-
       ten  sich  darum,  "Emanzipation"  frauenspezifisch  zuzuspitzen.
       Diese Neubelebung  der Frauenbewegung  aus der sozialen Basis der
       Mittelschichten heraus sollte für die Differenzierungen innerhalb
       der Frauenbewegung  und ihre  ideologischen  Auseinandersetzungen
       entscheidend werden.
       Unter der Parole "Das Private ist öffentlich" 24) begann die noch
       junge Bewegung,  überkommene Vorstellungen von Rollenzuweisungen,
       Geschlechterbeziehungen und  weiblicher Sexualität öffentlich an-
       zuprangern. Die  Hoffnung auf erweiterte Kontrolle frauenspezifi-
       scher Lebensbereiche  mobilisierte jene  Frauen, deren Interessen
       bis dahin  hauptsächlich stellvertretend  verwaltet oder schlicht
       vernachlässigt worden  waren. Ermuntert durch ein verändertes po-
       litisches Klima  begannen immer  mehr von ihnen, sich für gesell-
       schaftliche Einrichtungen zu engagieren (z.B. Kinderläden, Kitas,
       kleine Klassen,  freie Schulen); hier allerdings zunächst vor al-
       lem in  der Rolle  der für  den Reproduktionsbereich  zuständigen
       Frauen und  Mütter und  in der Regel mit dem Ziel, auf der Grund-
       lage einer  neuen, als  bedürfnisorientiert begriffenen Erziehung
       den Kindern  bessere Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen als man
       sie selber  erfahren hatte.  Der Anspruch  auf Realisierung eines
       selbstbestimmten Lebenskonzepts  trat dahinter vorläufig noch zu-
       rück.
       Erst die  §-218-Kampagne verhalf  einer Frauenbewegung zum Durch-
       bruch, die ins Zentrum ihrer politischen Auseinandersetzung nach-
       drücklich die  Herausbildung einer  neuen Frauenidentität und ein
       radikales Selbstbestimmungskonzept stellte. Sollte die Lebenspla-
       nung selbstbestimmt erfolgen können, so mußte die freie Entschei-
       dung über eine Schwangerschaft dabei eine zentrale Rolle spielen.
       Mit der  §-218-Kampagne wurde  beispielhaft ein  Schlüsselproblem
       der Frauen  öffentlich gemacht, das bis dahin als intime, mit Ta-
       bus behaftete  Privatsache mystifiziert  und weggeheimnist worden
       war. Mit  Hilfe von  Selbstanzeigekampagnen 25)  und anderen ein-
       drucksvollen öffentlichen  Aktionen gelang  es dieser Frauen-Mas-
       senbewegung zu verdeutlichen, daß die rigide Trennung von Privat-
       heit und  Öffentlichkeit  im  weiblichen  Lebenszusammenhang  zur
       Herrschaftssicherung beiträgt. Durch die Konfrontation mit Justiz
       und Staatsapparat erlangte die Bewegung gleichzeitig eine gesamt-
       gesellschaftliche Dimension.
       Der Kern der Bewegung kam zunächst aus den Mittelschichten - Stu-
       dentinnen und Intellektuelle vor allem, die hier oft neue politi-
       sche Erfahrungen  zu sammeln vermochten. Zeugnis des anfänglichen
       Selbstverständnisses  war  die  Forderung  nach  der  ersatzlosen
       Streichung des  § 218.  Sie fand  ihre griffige Formel in dem aus
       einem  bürgerlichen  Individualitätskonzept  abgeleiteten  Slogan
       "Mein Bauch  gehört mir". Die Betroffenheit derjenigen, die durch
       hohe Geburtenzahlen oder verpfuschte Abtreibungen die größten La-
       sten des  bisherigen Verbots  einer Schwangerschaftsunterbrechung
       zu tragen  hatten -  die  Arbeiterinnen  und  nichterwerbstätigen
       Frauen der  Arbeiterklasse ", wurde erst mit der Einbeziehung der
       materiellen und  sozialen Seite in die Abtreibungsdiskussion auf-
       gegriffen. Zweifelsohne  ist es aber dem aus den Reihen der Femi-
       nistinnen und Sozialistinnen durch Protestdemonstrationen und öf-
       fentliche Tribunale  erzeugten Druck  zuzuschreiben, daß sich die
       Parteien der  sozialliberalen Koalition  nach anfänglichem Zögern
       für eine  Revision des  Abtreibungsparagraphen aussprachen  - zu-
       rückgestutzt allerdings auf die Fristenlösung. Die SPD-Frauen und
       später die  Jungsozialisten, 26) die sich vorher vehement für die
       ersatzlose Streichung eingesetzt hatten, schwenkten damals ebenso
       wie die  Gewerkschaften 27) auf die Kompromißformel ein; dies vor
       allem angesichts  der reaktionären  ideologischen  Gegenoffensive
       aus Kirchen,  CDU/CSU und konservativer Ärzteschaft. Man kann an-
       nehmen, daß  die Feministinnen  durch ihre  Erfahrungen mit  eta-
       blierten Parteien  anläßlich der  §-218-Kampagne in ihrem Autono-
       mie-Konzept bestätigt wurden.
       Die Bewegung  um den § 218 verhalf zwar der Frauenbewegung zu ei-
       nem enormen  Aufschwung, legte  aber auch  die Grundlage  für be-
       stimmte Vereinseitigungen.  Frauen erlebten  in autonomen Frauen-
       gruppen praktische  Solidarität und  Hilfe zur Selbsthilfe. Viel-
       fach wurden  sie dort erstmals mit grundsätzlichen Fragen der ge-
       sellschaftlichen Diskriminierung  der Frauen  konfrontiert. Damit
       waren Anstöße  gegeben, das  eigene Leben  bewußter anzugehen und
       sich nicht  länger nur  durch die Rolle in der Familie definieren
       zu lassen. Dieses neue Selbstbewußtsein war in der §-218-Bewegung
       im größeren  Umfang entstanden und trug zur Verbreiterung der au-
       tonomen Frauengruppen  bei, blieb  aber nicht  darauf beschränkt.
       Verbunden mit  den vorab  beschriebenen objektiven  Veränderungen
       kam es  bei immer  mehr Frauen zu einer Umorientierung in den Le-
       bensentwürfen. Die Erfahrung gemeinsamer Handlungsfähigkeit moti-
       vierte sie, auf die gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse Ein-
       fluß zu nehmen und ihre eigenen Belange organisiert zu vertreten.
       So erklärt  sich eine in den 70er Jahren zu verzeichnende Zunahme
       an weiblichen Mitgliedern besonders in den Gewerkschaften und den
       Parteien der sozialliberalen Koalition. Der DGB hatte aus der er-
       sten Krise  1966/67, in  der vor allem die vielen schnell für den
       aktuellen Bedarf der expandierenden Produktion angelernten Frauen
       wieder arbeitslos  geworden waren,  seine  Lehren  gezogen:  1969
       wurde das  Programm für  die Arbeitnehmerinnen  verabschiedet und
       1972 das Jahr der Arbeitnehmerin ausgerufen. Damit gelang es, die
       Probleme der  erwerbstätigen Frauen  und ihre  Diskriminierung am
       Arbeitsplatz ins  öffentliche Bewußtsein  zu tragen.  Dies schlug
       sich -  geht man  vom Mitgliederzuwachs  aus - am ehesten bei den
       Arbeiterinnen und Beamtinnen nieder. 28)
       Die wachsende Aktivität von Frauen - hier insbesondere von Arbei-
       terinnen - in den Gewerkschaften führte nach und nach zur Heraus-
       bildung einer  gewerkschaftlichen Frauenpolitik,  die quantitativ
       in einer  Vielzahl neugegründeter Frauenausschüsse im DGB und den
       Einzelgewerkschaften  zum  Ausdruck  kam.  Die  gewerkschaftliche
       Frauenarbeit wurde  aber auch qualitativ gesteigert durch Erfolge
       in den  Betrieben -  die Zahl  weiblicher  Betriebsratsmitglieder
       hatte sich  von 1959 bis 1975 verdoppelt 29) - und die Organisie-
       rung erfolgreicher  Arbeitskämpfe. Ein augenfälliges Beispiel da-
       für war  der Streik der Pierburg-Arbeiterinnen in Neuss. 1973 er-
       kämpften sie  in einem  fünftägigen Ausstand  die Streichung  der
       Lohngruppe 2.
       Die Anziehungskraft der SPD resultierte aus der Entspannungspoli-
       tik und der Zielsetzung sozialer Gerechtigkeit; die Partei profi-
       tierte aber  auch von  der Hoffnung  vieler Frauen,  mit ihr eine
       emanzipatorische Frauenpolitik entwickeln und zur Überwindung der
       offensichtlichen geschlechtsspezifischen  Benachteiligung beitra-
       gen zu  können. Von ihrer Programmatik her schien die SPD am ehe-
       sten für  eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft Ge-
       währ zu bieten.
       Bei der FDP war der Zuwachs an weiblichen Mitgliedern sogar über-
       durchschnittlich hoch.  Das hing  mit ihrer  Entwicklung zur Mit-
       gliederpartei zusammen,  aber wohl  auch damit,  daß die FDP sich
       1972 zur  Propagierung einer frauenspezifischen Politik durchrang
       und durch  die Verabschiedung  von Thesen  zur Gleichberechtigung
       30) vor allem Frauen aus dem liberal-bürgerlichen Lager gewann.
       
       2.3. Rückzug und Widerstand
       ---------------------------
       
       Aber weder die SPD noch die sozialliberale Koalition waren in der
       Lage, die  in sie  gesetzten Hoffnungen  zu erfüllen,  geschweige
       denn, die neugeweckten Bedürfnisse und Ansprüche durch die Reali-
       sierung der  Reformversprechen einzulösen.  Die  Fortsetzung  der
       wichtigsten Reformmaßnahmen von SPD/FDP scheiterte daran, daß mit
       der Krise  1974/75 ein  Umverteilungsdruck auf die Staatsfinanzen
       entstand, der vor allem zugunsten der Profitinteressen der Unter-
       nehmen wirkte  und Reformen  auf das "Machbare" zurückstutzte. Im
       Zuge der immer stärker durchgesetzten staatlichen Restriktionspo-
       litik wurden  vor allem zu Lasten der Frauen Reformmaßnahmen ein-
       gefroren. Dies  galt insbesondere  für den  Bildungs- und Ausbil-
       dungsbereich, für  den Hochschulzugang,  für Weiterbildungs-  und
       Qualifizierungsmöglichkeiten, aber  auch für den gesamten Bereich
       der sozialen  Infrastruktur. Auf der Tagesordnung standen nun Ap-
       pelle statt  Gesamtschulen und  Gesamthochschulen, Arbeitsplätzen
       und Kinderkrippen.  1974 schließlich schob die Regierung das Pro-
       blem "Frauen"  in den Kompetenzbereich des Bundesministeriums für
       Jugend, Familie  und Gesundheit  ab, wo  ein Referat "Politik für
       Frauen" eingerichtet wurde.
       Doch die  eingeleitete Politisierung,  das verstärkte  Engagement
       der Frauen  war nicht  mehr so ohne weiteres abzuschalten. Im Ge-
       genteil, je größer der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität
       klaffte, je stärker die Krise den objektiven Spielraum für Refor-
       men einengte,  desto umfassender und präziser lernten die bereits
       aktiven Frauen die Widersprüche zu benennen, in denen sie leben:
       - Immer mehr  Frauen mit guten Berufsqualifikationen wollten ihre
       Berufsvorstellungen realisieren und erfuhren, daß ihnen dies vor-
       enthalten wurde.  Dies galt in besonderer Weise für jene, die der
       Bildungswerbung gefolgt waren und eine Hochschulausbildung absol-
       viert hatten. 31)
       - Frauen erlebten  im Beruf, an ihrem Arbeitsplatz, daß sie trotz
       des Chancengleichheitspostulats  in der  Entlohnung, bei der Wei-
       terqualifikation, beim Aufstieg benachteiligt wurden.
       - Sie erfuhren gleichzeitig, daß Männer diese Probleme nicht hat-
       ten -  Grundlage dafür,  sie in der betrieblichen Auseinanderset-
       zung als Konkurrenten zu betrachten.
       - Erwerbstätige Frauen,  die in Zeiten günstiger Konjunktur ange-
       worben worden  waren, fanden  sich in  der Krise als industrielle
       Reservearmee wieder.
       - Frauen erfuhren,  daß die ihnen zugesicherten Chancen im Wider-
       spruch zu  Erfahrungen in  der Realität standen: Benachteiligung,
       Diskriminierung, Gewaltanwendung  waren auch weiterhin an der Ta-
       gesordnung.
       Diese  Widersprüche   begünstigten  die  Sensibilisierung  vieler
       Frauen für  die zunehmende  Einschränkung ihrer Rechte und die in
       diesem Punkt offen zutage tretende Doppelbödigkeit der herrschen-
       den Ideologie. Wirtschaftliche Entscheidungen auf Kosten der Mas-
       senkaufkraft und  zugunsten von  Rationalisierungsmaßnahmen,  der
       Einsatz neuer  Technologien und profitorientierte Strukturmaßnah-
       men trugen  zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und Ausbildungska-
       pazitäten bei. Die Auswirkungen gingen zu einem wesentlichen Teil
       zu Lasten  der Lebensqualität  von Frauen.  So waren von der 1973
       einsetzenden Arbeitslosigkeit  Frauen überproportional betroffen;
       ihr Anteil  an den Arbeitslosen stieg in den folgenden Jahren auf
       über 50%,  obwohl ihr  Anteil an den Erwerbstätigen insgesamt zum
       gleichen Zeitpunkt nur etwa 36% ausmachte. Zwar zeigen die Struk-
       turdaten zur  Frauenarbeitslosigkeit, 32) daß Frauen ohne Ausbil-
       dung bzw. mit geringer beruflicher Qualifikation am ehesten ihren
       Arbeitsplatz verloren,  aber auch qualifizierte Frauen wurden zu-
       nehmend aus dem Erwerbsleben gedrängt bzw. erst gar nicht hinein-
       gelassen. 33)
       Ideologisch begleitet  wurde die  frauenfeindliche Arbeitsmarkt-,
       Sozial- und  Bildungspolitik der Bundesregierung von dem Versuch,
       antiquierte und  reaktionäre Leitbilder  neu zu beleben. Dies aus
       zwei Gründen: Erstens hatte sich seit Beginn der 70er Jahre nicht
       nur die Zahl, sondern auch die Struktur der weiblichen Erwerbstä-
       tigen erheblich  verändert. Das  Erwerbsverhalten von  Frauen war
       dadurch gekennzeichnet,  daß immer  mehr verheiratete  Frauen und
       Mütter erwerbstätig wurden 34) und die Zeiten einer Unterbrechung
       der Berufstätigkeit  sich deutlich  verringerten. Zweitens  hatte
       durch die  seit 1966 abnehmende und seit 1974 stagnierende Gebur-
       tenrate die  Rückläufigkeit  der  Bevölkerungszahlen  bedrohliche
       Ausmaße angenommen. Beide Erscheinungen wurden in einen engen Zu-
       sammenhang gestellt  und ließen staatliche Gegensteuerung notwen-
       dig erscheinen. Diese mußte so ausfallen, daß wirtschaftliche und
       politische Erfordernisse  gleichermaßen durchsetzbar waren. Am 3.
       Familienbericht wird die Richtung deutlich: Aufwertung der Tätig-
       keit der  Familienhausfrau zugunsten  der Zurückdrängung  der Er-
       werbstätigkeit, Flexibilisierung der Übergänge zwischen Beruf und
       Familie mit der Tendenz der Bereitstellung einer beliebig verfüg-
       baren Arbeitskraftreserve, Privatisierung öffentlicher Dienstlei-
       stungen.
       Die ökonomische Krise setzte für die gesamte fortschrittliche Be-
       wegung, darunter  auch für  die Frauenbewegung, neue Bedingungen.
       Die Enttäuschung  über den  stagnierenden Veränderungsprozeß  und
       die  scheinbare   Versteinerung  gesellschaftlicher  Verhältnisse
       trieben große Gruppen von Studenten, lohnabhängigen Intellektuel-
       len und  anderen Mittelschichtangehörigen  zurück in  die Privat-
       heit. Rückwärtsgewendete  Ideologien  stützten  den  Rückzug  ab.
       Nicht mehr  die Gesellschaft war zu verändern, sondern das eigene
       Leben; die subjektive Befindlichkeit wurde zum vorrangigen Gegen-
       stand. Die Bereitschaft, Lebensqualität zumindest im eigenen Ver-
       fügungsbereich zu  verwirklichen, auf  diese Weise hier und jetzt
       verändernd zu  wirken, trug  dazu bei,  die Basis für alternative
       Projekte und Bewegungen zu schaffen. Für Frauen, insbesondere aus
       den Mittelschichten,  ergaben sich  daraus Ansätze,  die bedrohte
       Lebensperspektive zu  bewältigen. Vor  diesem Hintergrund erklärt
       sich die Subjektivierung bestimmter Teile der Frauenbewegung.
       Während unter den autonom organisierten Frauen die Tendenz durch-
       schlug, sich  - durch Rückzug in alternative Bereiche - dem Kampf
       für die  eigenen Rechte in "patriarchalisch strukturierten" Orga-
       nisationen zu versagen, verstärkte sich unter den bis dahin nicht
       zusammengeschlossenen Frauen,  und hier  vor allem  unter den Be-
       rufstätigen und den inzwischen Arbeitslosen, die Organisationsbe-
       reitschaft. Das  Bedürfnis, sich gegen Doppelbelastung, vor allem
       aber gegen  die Benachteiligung  im Erwerbsleben  und am Arbeits-
       platz zu  wehren, schlug  sich nieder  in  zunehmender  Aktivität
       nicht mehr  nur von  höherqualifizierten Frauen, sondern auch von
       Frauen aus  der Arbeiterklasse. Das weiter oben erwähnte Beispiel
       der Frauen  bei Pierburg  löste in der Folge eine ganze Reihe von
       Kämpfen gegen Lohndiskriminierung aus, womit nicht nur die prole-
       tarische Seite der Frauenbewegung gestärkt, sondern auch neue Po-
       litikzugänge von Frauen aus der Arbeiterklasse eröffnet wurden.
       Das Pierburg-Beispiel  darf aber  nicht vergessen machen, daß die
       große Mehrheit  gerade der  Arbeiterinnen -  in der  Krise  unter
       starken ökonomischen  und ideologischen Druck geraten - nicht al-
       lein unter  den Bedingungen  ihrer Arbeitssituation litt, sondern
       auch unter  den Belastungen durch Familienpflichten und Kinderer-
       ziehung. Die  Frauen der Arbeiterklasse waren häufig darauf ange-
       wiesen, die  Probleme der  Doppelbelastung privat  zu bewältigen.
       Dadurch wurden  entscheidende Kräfte  absorbiert. Gerade aber die
       Probleme der  Doppelbelastung der  Frau und konkrete Maßnahmen zu
       ihrer Minderung  gerieten erst  allmählich ins  Blickfeld der Ge-
       werkschaften. Entsprechende Forderungen nach einem Ausbau der so-
       zialen Dienste  wurden vor allem von Frauen in qualifizierten Be-
       rufen mit  theoretischen Einsichten  und praktischen  Erfahrungen
       etwa im  Bereich der öffentlichen Kleinkindererziehung in die Ge-
       werkschaften hineingetragen.
       Ansatzpunkte zur  Weiterentwicklung sozialpolitischer Forderungen
       boten sich  in jenen  Jahren - trotz des nicht überwundenen Anti-
       kommunismus -  angesichts der durchweg als fortschrittlich aufge-
       griffenen Frauenpolitik  der sozialistischen  Länder. Gerade  die
       familienpolitischen Entscheidungen  der DDR gaben Denkanstöße für
       jene Frauen,  die den  Wunsch nach einer qualifizierten Berufstä-
       tigkeit und nach Kindern gleichermaßen zu realisieren hofften.
       Die vorab dargestellten Entwicklungen in der Krise erfahren durch
       Preissteigerung, Reallohnabbau, Streichungen im Sozialbereich so-
       wie durch  den Druck der Herrschenden, ihre politischen Diszipli-
       nierungsversuche, eine Zuspitzung, die sich in der Frauenbewegung
       unterschiedlich widerspiegelt.  Resignation, privatistische  Hal-
       tungen und zunehmend kämpferische Aktionen stehen sich polarisie-
       rend gegenüber.  Der Kampf der Frauen bei Heinze und Schickedanz,
       die starke  Beteiligung der  Frauen in der Friedensbewegung sowie
       in  weiteren  Initiativen  einerseits,  die  Herausbildung  einer
       "neuen Mütterlichkeit"  andererseits sind  gleichermaßen Erschei-
       nungsweisen dieser  Realität. Das zeigt, daß der Widerstand gegen
       den Abbau bereits erworbener Positionen und die Formulierung dar-
       über hinausreichender Bedürfnisse von den Frauen entsprechend ih-
       rer sozialen Lage unterschiedlich geleistet werden.
       
       2.4 Interessenvertretung: Soziale Lage und Strategien
       -----------------------------------------------------
       
       Ganz besonders  schwer scheint  es für Frauen in stark bedrängter
       ökonomischer und sozialer Lage, aus sich herauszugehen und zu in-
       teressengeleitetem öffentlichem  Handeln mit  anderen zu  kommen.
       Eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts zur Sozialisation
       in Unterschichtfamilien  verdeutlicht das:  35) Die  interviewten
       Frauen und  Mütter zeigen zwar Interesse an einem stärker selbst-
       bestimmten Leben,  sie ahnen, daß sie und ihre Familien um vieles
       betrogen werden  und haben Vorstellungen von der Verbesserung ih-
       rer Lebensbedingungen.  Diese Einsichten bleiben jedoch abstrakt,
       da es  sich hierbei  überwiegend um  Frauen handelt, die entweder
       durch ihr  Hausfrauendasein von der bewußten Teilnahme an gesell-
       schaftlichen Prozessen  ausgeschlossen sind oder in der Folge ih-
       rer Doppelbelastung  ihre Lebensbedingungen  eher zu erleiden als
       selbstbewußt zu  gestalten gelernt  haben. Die  durch die Not der
       sozialen Lage aufgezwungenen Handlungen richten sich in die Fami-
       lie hinein.  Aus dem Binnenraum der Familie heraus ist aber Bewe-
       gung in  die Öffentlichkeit  hinein kaum  zu erwarten, am ehesten
       vielleicht, wenn  dieser Binnenraum  selber bedroht  ist  (z.  B.
       durch Exmittierung, drastische Mieterhöhungen o.ä.) oder wenn le-
       bensgeschichtliche Brüche  wie Scheidung  oder Tod  des Ehegatten
       Neuorientierung erzwingen.  36) Die starke binnenzentrierte Fami-
       lienorientierung wird  nicht nur durch die tägliche Medienmassage
       mittels strahlender Fußboden- oder Verwöhnungsexpertinnen bekräf-
       tigt. Konservative  Familienideologie und -politik erschwert die-
       sen Frauen die Bildung anderer Bewußtseinsinhalte.
       Die Last  der erwerbstätigen  Frauen, Haushalt  und Beruf zu ver-
       kraften, wird  unter solchen  Lebensumständen besonders stark und
       ausweglos empfunden.  Obwohl am  Beruf die  Möglichkeit  sozialer
       Kontakte und der Entwicklung eines neuen Selbstwertgefühls zuneh-
       mend geschätzt  werden, 37) entsteht unter derart belastenden Be-
       dingungen eine  Verstärkung der  Familienorientierung, die jegli-
       chem öffentlichen,  oft auch gewerkschaftlichem Engagement entge-
       genläuft. Solange  deshalb die  Lebensbewältigung privat  bleibt,
       gesellschaftliche Handlungen  unter diesem Druck ausbleiben, geht
       auch die  Chance zur  Entwicklung  gesellschaftlicher  Einsichten
       verloren. Die  Verhaltensbasis dafür  ist  in  den  überkommenen,
       durch die  Geschichte der geschlechtlichen Arbeitsteilung hervor-
       gebrachten weiblichen Konfliktstrategien der Personalisierung und
       Privatisierung angelegt.  Sie wird durch die Betriebsleitungen an
       den Arbeitsplätzen  häufig außerordentlich  geschickt  gegen  die
       Frauen genutzt. 38)
       Wenn Frauen  in den  letzten Jahren Arbeitskämpfe und Arbeitsnie-
       derlegungen aus Anlaß von Lohnungleichheit häufiger und mit Ener-
       gie durchhalten, so liegt die Begründung zuallererst im geschärf-
       ten Unrechtsbewußtsein  dieser Frauen, aber auch in der zunehmend
       breiteren Verankerung  der Forderung nach gleicher Entlohnung für
       Männer und Frauen in den Gewerkschaften - sicherlich ein Ergebnis
       der hartnäckigen  Frauenarbeit ebendort. Es kann vermutet werden,
       daß lohnabhängige Frauen sich zahlreicher, rascher und vielfälti-
       ger in kollektive Aktionen einzubringen vermöchten, wenn sich die
       Gewerkschaften als  Interessenvertreter auch  jener Probleme kon-
       kret und  vor Ort  annehmen würden,  die den Frauen tagtäglich am
       meisten auf den Nägeln brennen: der Probleme, die aus der Doppel-
       belastung erwachsen.  Das hieße  - außer  der Durchsetzung  frau-
       enspezifischer Forderungen  am Arbeitsplatz und in der Arbeitsor-
       ganisation -  auch, daß sich die Gewerkschaften als ganze stärker
       und vor allem konkreter als bislang in Diskussionen und Kämpfe um
       Verbesserungen im  Reproduktionsbereich einzumischen hätten. Eine
       Schlüsselfunktion innerhalb des Reproduktionsbereichs kommt dabei
       der öffentlichen  Kleinkinderziehung (den  Krippen und Kindergär-
       ten) zu.  Daraus ergäbe  sich für die erwerbstätigen Frauen über-
       dies ein  Weg, in  die Lösung ihrer Probleme den privaten und den
       Berufsbereich gleichermaßen einzubeziehen und die häufig vorfind-
       bare strikte  Aussparung der  Privatsphäre  aus  dem  gemeinsamen
       Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen - bislang zuver-
       lässiger Beitrag zur Aufrechterhaltung der Familienorientierung -
       zu überwinden.
       Unter den  erwerbstätigen Frauen, die aufgrund einer höheren Qua-
       lifikation und  einer günstigeren Berufsperspektive materiell fe-
       sten Boden  unter den Füßen haben und trotz ihrer Doppelbelastung
       z.B. wegen  des befriedigenden  Arbeitsplatzes eine  stärkere Be-
       rufsorientierung ausbilden  konnten, findet  sich gegenwärtig ein
       bedeutender Teil  jenes Frauenpotentials, das Beruf  u n d  Fami-
       lie als unverzichtbare persönlichkeitskonstitutive Lebensbereiche
       begreift und  bewußt gegen Doppelbelastung und Ungleichbehandlung
       von Frauen  im Arbeitsleben  zu Felde zieht. Viele von ihnen sind
       aufgeschlossen für  den Kampf  um Verbesserungen  in  beiden  Be-
       reichen und  arbeiten dafür in Parteien und Gewerkschaften. Unter
       diesen Frauen  scheinen uns Anknüpfungspunkte für die Entwicklung
       einer fortschrittlichen  Perspektive möglich,  z. B. in der Folge
       von Erfahrungen  über  sattsam  durchlittene  Ungleichbehandlung,
       aber auch  in  der  Folge  der  Wirkungslosigkeit  sozialpartner-
       schaftlicher Gewerkschafts- und Politikkonzepte. Auf dieser Basis
       kann auch der Antikommunismus als häufig verläßliche Barriere ge-
       gen die Aktionseinheit mit Kommunisten aufgebrochen werden.
       Dies läßt  sich für  die  gewerkschaftliche  Arbeit  feststellen,
       ebenso für die Organisierung der eigenen Interessen in jenen Par-
       teien, die dafür am ehesten ernsthaft in Frage kommen: die Kommu-
       nisten und  in mancher Beziehung die SPD und die Alternativen. Es
       gilt zugespitzt für die Arbeit in Bürgerinitiativen und autonomen
       Frauengruppen.
       Die rege  Entwicklung der Frauengruppen und des großen Anteils an
       Frauen in  Bürgerinitiativen lebt  von den Frauen aus den Mittel-
       schichten -  Berufstätigen wie  Hausfrauen. 39) Höhere Qualifika-
       tion, Erfahrungen  mit eigener, in der Regel identitätsstiftender
       Berufstätigkeit oder  Ausbildung und damit verbundene Ansätze ei-
       ner eigenen  Lebensperspektive; die wachsende Erkenntnis, daß die
       eigenen bzw.  die Familienansprüche ans Leben von einer menschen-
       feindlichen, unsozialen Politik durchkreuzt, pervertiert, bedroht
       werden, daß  der private  Raum aus  den gesellschaftlichen Wider-
       sprüchen nicht  herausgehalten werden kann - dies ist der Hinter-
       grund, vor  dem viele Frauen aktiv werden. Analysiert man den Zu-
       gang höherqualifizierter Frauen zu den systemkritischen Parteien,
       so nähern  sie sich  der DKP  eher über  die Berufstätigkeit. Die
       Grünen sind  vielfach auch  für  nichtberufstätige  qualifizierte
       Frauen anziehend.  Darin finden  die Politikkonzepte  beider Par-
       teien ihren Ausdruck: das der DKP ist am arbeitenden Menschen als
       Gesellschaftssubjekt orientiert;  die Grünen gehen von einem eher
       diffusen Ganzheitskonzept  Mensch -  Umwelt aus;  dabei gerät die
       Arbeit des  Menschen als Grundlage seiner Persönlichkeitsentwick-
       lung aus dem Blick.
       Berufstätige Frauen  aus den  Mittelschichten, vor allem jene mit
       hoher Qualifikation, bilden an vielen Stellen der Frauenszene den
       Motor ebenso  für Initiativ-  und Frauengruppenarbeit wie für den
       Kampf um die Durchsetzung der Rechte der Frauen an ihren privile-
       gierten Arbeitsplätzen  in Redaktionen,  Universitäten und Klini-
       ken. Das ist kein singulärer Kampf. Er nützt allen Frauen, insbe-
       sondere, wenn  er als Kampf/zur alle Frauen begriffen und geführt
       wird. 40)
       
       3. Gemeinsam handeln: Grenzen und Brücken
       -----------------------------------------
       
       Nachdem die  Reformeuphorie einem  demagogischen Krisenmanagement
       gewichen ist, steht die gesamte Frauenbewegung gegenwärtig objek-
       tiv vor der Situation, Alternativen gegen den fortgesetzten Abbau
       des Errungenen entwickeln zu müssen. Dazu bedarf es einer starken
       Frauenbewegung, deren  Kräfte nicht  zersplittert sind.  Dies ist
       angesichts der  verschiedenen Gruppierungen nicht problemlos. Wir
       fragen deshalb abschließend nach den  j e w e i l i g e n  E n t-
       w i c k l u n g s p e r s p e k t i v e n,    d e n    g e g e n-
       s e i t i g e n   B e z i e h u n g e n,   d e n   M ö g l i c h-
       k e i t e n   u n d   B a r r i e r e n  f ü r  B ü n d n i s s e
       u n d  l e t z t l i c h  n a c h  d e n  s p e z i f i s c h e n
       P o l i t i k z u g ä n g e n,   die die  unterschiedlichen poli-
       tischen Organisationszusammenhänge  den Frauen  anbieten. Unserer
       Auffassung nach  kann man  bei aller Anerkennung fließender Über-
       gänge in der Frauenbewegung zwischen drei Linien unterscheiden.
       Der  e r s t e n  G r u p p e  ordnen wir all jene Frauen zu, die
       in Gewerkschaften,  Parteien und  eher traditionellen Organisati-
       onszusammenhängen aktiv  geworden sind.  Dabei  wollen  wir  jene
       Frauen bewußt  in den Vordergrund stellen, die gewerkschaftlichen
       und linken  gesellschaftlichen Orientierungen folgen. Sie gehören
       zu den  Trägern jenes  Veränderungsprozesses, der  in der BRD mit
       der außerparlamentarischen  Opposition, mit sozialistischer Poli-
       tik und  der organisierten  Linken verknüpft ist. In ihrem Wirken
       spiegeln sich  die Erfahrungen der Arbeiterbewegung und der demo-
       kratischen  Bewegungen   wider,  sie   sind   am   stärksten   in
       "traditionelle" gesellschaftliche  Bewegungen eingebunden und ha-
       ben oft  genug - das ist die andere Seite der Medaille - in ihren
       eigenen Organisationen  erst darum  zu kämpfen,  daß Frauenfragen
       einen dem  Stand der  Frauenbewegung  entsprechenden  Stellenwert
       einnehmen. Gerade  in Organisationen  wie der SPD - ähnliche Ten-
       denzen finden  sich auch  in den  Gewerkschaften -, die einst die
       Reformhoffnungen vieler Frauen trugen, entziehen sich die weibli-
       chen Mitglieder zunehmend durch eigenständige Organisationsformen
       den Verkrustungen  in der "Mutterpartei" und entwickeln dort eine
       fortschrittliche Frauenpolitik, die weit über das hinausgeht, was
       in der  eigenen Organisation  durchsetzbar ist. Damit aber bieten
       sie eine tragfähige Grundlage für fortschrittliche Bündnisse, und
       dies nicht nur zur Frauenfrage. 41)
       Frauen wie  diese haben  den Schritt  von der subjektiven zur ge-
       sellschaftlichen Sichtweise  der Probleme der Frau bereits getan.
       Ihr Politikverständnis  weist über frauenspezifische Handlungsbe-
       reiche hinaus.  Ihre Anbindung an die demokratische und linke Be-
       wegung, ihr in der Regel starker Bezug auf die gewerkschaftlichen
       und sozialen  Kämpfe schafft  Möglichkeiten zur Integration jener
       Frauen aus  der Arbeiterklasse,  deren geschlechtsspezifische Be-
       troffenheit am  ehesten im Zusammenhang mit sozialen Kämpfen, mit
       Klassenkämpfen erkennbar wird.
       Gleichzeitig liegen darin jedoch auch Barrieren begründet. Tradi-
       tionelle, oft  genug frauenfeindliche Strukturen behindern in Ge-
       werkschaften und Parteien vielfach die Arbeit der aktiven weibli-
       chen Mitglieder.  In ihnen liegen auch Hemmnisse für die Verbrei-
       terung ihrer Basis durch Frauen, die vorerst primär über ihre ge-
       schlechtsspezifische Grundbefindlichkeit  politisierbar sind. De-
       ren Integration  in Parteien und Gewerkschaften scheint eher mög-
       lich, wenn sich ihnen dort selbständige Handlungsfelder für Frau-
       enpolitik erschließen.  Im Spektrum  der politischen Parteien er-
       öffnet die  DKP solche Möglichkeiten in besonderer Weise. Erstens
       bestehen zwischen  den Positionen der DKP und den Forderungen ei-
       ner marxistisch  und  sozialistisch  orientierten  Frauenbewegung
       klare programmatische  Schnittpunkte; zweitens  eröffnen sich den
       Frauen in  der DKP weit mehr Handlungsfelder als in den etablier-
       ten Parteien,  weil geschlechtsspezifische  Barrieren hier  durch
       die Anforderungen  des gemeinsam entwickelten politischen Kampfes
       überlagert werden.  Das birgt  aber gleichzeitig  die Gefahr, daß
       geschlechtsspezifische Konfliktsituationen  innerhalb der  Partei
       von der  aktuellen Politik  überformt und damit in ihrer spezifi-
       schen Bedeutung  unterschätzt werden.  Allerdings wirkt  sich der
       jahrzehntelange Antikommunismus  bislang auch  auf das Verhältnis
       zwischen Frauenbewegung  und DKP  aus und beeinträchtigt Bündnis-
       möglichkeiten.
       Der   z w e i t e n  G r u p p e  ordnen wir Frauen aus dem brei-
       ten Spektrum neuer Politikformen, aus Bürgerinitiativen, alterna-
       tiven Projekten,  spontaneistischen Gruppen etc. zu. Ihre gesell-
       schaftspolitische Orientierung  gibt in  der Regel  die Basis für
       die frauenpolitische  Orientierung ab.  Wie diese  Bewegungen von
       Ein-Punkt-Initiativen ausgehend  immer weitere  Bereiche des  ge-
       sellschaftlichen Lebens  in ihre Aktivitäten einbeziehen, so ent-
       wickelt sich  voraussichtlich auch  bei ihren aktiven Mitstreite-
       rinnen in  zunehmendem Maße  gesellschaftliches Denken,  wird das
       Betroffensein als Frau überlagert oder durchdrungen von gesamtge-
       sellschaftlichen Problemen.
       Diese Frauen  bringen jene  spezifischen Barrieren  gegenüber Ge-
       werkschaften, Parteien  und fester  gefügten Organisationen  mit,
       die der  gesamten Protestbewegung  anhängen. Ähnliche  Vorbehalte
       werden bisweilen auch gegenüber der DPI geäußert. Man kann anneh-
       men, daß  dies weniger  gegen die  Organisationsform der  DPI als
       vielmehr gegen die in ihrem Programm formulierten Standpunkte ge-
       richtet ist,  die auch für Bündnisse mit sozialistischen Positio-
       nen offen sind. Unmittelbarkeit der Interessen, Subjektivität des
       Betroffenseins und  Verteidigung individueller Autonomie scheinen
       nur überwindbar  durch Aktionen  selbst. Indem die Aktionsfelder,
       wie etwa  die Friedensbewegung, gesamtgesellschaftliche Bedeutung
       erhalten, werden  auch feministische Interpretationen von Gesell-
       schaft überwunden.
       Der Zugang  zu diesen Initiativen ist nicht allein eine Frage des
       vorfindlichen, zur  Aktivität veranlassenden  Bewußtseins, er ist
       auch eine  Frage des  objektiven Klassenstandpunktes. Deshalb muß
       damit gerechnet  werden, daß dieser Teil der Frauenbewegung nicht
       einfach eine  Durchgangsstation zu  anderen Formen der Politisie-
       rung bildet, sondern daß sich hier das Potential nicht-proletari-
       schen Frauenprotests  sammelt. Als  demokratisches Potential, das
       im Rahmen  einer antimonopolistischen  Strategie vermutlich  erst
       sehr langfristig  weitergehende  als  fortschrittlich-bürgerliche
       Perspektiven zu  entwickeln vermag, wird dieser Teil der Bewegung
       voraussichtlich über  sehr lange  Zeit hinweg  eine eigenständige
       Position einnehmen.  Auch hier  ist es aber letztlich das gemein-
       same Handeln,  das Veränderungen ermöglicht. Wenn das so ist, muß
       von den  Frauen mit sozialistischen Perspektiven die Bereitschaft
       zum gemeinsamen Handeln bekundet und der Anstoß für Bündnisse ge-
       geben werden.  Hier kommt der DPI nach wie vor eine zentrale Auf-
       gabe zu,  wie sich  an erfolgreichen  Aktionen gegen  Frauenwehr-
       pflicht, gegen  Berufsverbote und  zum internationalen  Frauentag
       zeigt.
       So könnte  es sein, daß der frauenspezifische Zugang zur Politik,
       die  Betroffenheit   als  Frau,   eine   tragfähige   Basis   für
       g e m e i n s a m e s   H a n d e l n   zwischen Partei-  und Ge-
       werkschaftsfrauen einerseits  und  Initiativgruppen  andererseits
       bildet und  damit Verbindungen zustande kommen, die sich zwischen
       Protestbewegung und  Arbeiterbewegung ansonsten  nicht problemlos
       entwickeln. Die  Solidarität der Geschlechtsgenossinnen ("sister-
       hood")  hat   im  Rahmen   eines  solchen  Zielkomplexes  antimo-
       nopolistischer   B ü n d n i s p o l i t i k   einen nicht zu un-
       terschätzenden Stellenwert.
       Die   d r i t t e   G r u p p e   der Frauen ist nur sehr ungenau
       als autonome  Frauenbewegung beschreibbar,  denn erstens  gibt es
       allerlei Übergänge  zur zweiten Gruppe und zweitens sind erhebli-
       che Binnendifferenzierungen  feststellbar. Bezieht man die Gruppe
       auf den  konkret-historischen Prozeß, dann hat sie ihre Wurzel in
       jenem historischen Entwicklungsabschnitt der BRD, als auch andere
       Gruppierungen, aus  den Widersprüchen  der Entwicklung flüchtend,
       scheinbar  außerhalb  der  Gesellschaft  Alternativen  auszubauen
       suchten. Im  Prinzip unterscheidet  die  autonome  Frauenbewegung
       nicht sehr  viel von  den scheinbar befreiten Inseln alternativen
       Lebens auf  dem Lande,  in alternativen Projekten oder in anderen
       Nischen vorgestellter Autonomie. Wie sie setzen sie den scheinbar
       versteinerten objektiven Verhältnissen die absolute Autonomie ih-
       rer Subjektivität  entgegen.  Sofern  Vorstellungen  des  gesell-
       schaftlichen Wandels  überhaupt entwickelt  werden,  gründen  sie
       sich auf die Beispielhaftigkeit der eigenen Existenz, auf die ab-
       strakte Negation des Bestehenden und auf die erträumte Utopie.
       Die hier  gesetzten Positionen,  die in  ihren radikal-feministi-
       schen Ausprägungen  zum Teil nahezu dogmatischen Charakter haben,
       können zu  Ausgrenzungen beitragen,  die Bündnisse  zumindest er-
       schweren. Die Angst vor dem Verlust der Autonomie kann so zur ge-
       sellschaftlichen Isolation führen und eine Verengung in der eige-
       nen Politik bewirken, die ungewollt in der Übernahme reaktionärer
       politischer Inhalte  ihre gesellschaftliche Dimension erhält. Das
       zeigen z.B.  die Forderung  nach Wehrdienst  für Frauen  oder die
       Propagierung einer  "neuen Mütterlichkeit".  Unter den  autonomen
       Frauen setzt  sich erst  nach und  nach die Erkenntnis durch, daß
       Jeder mit  Absolutheit vorgetragene  Autonomieanspruch eine  Fik-
       tion" bleiben muß, weil "die Arbeit in Frauengruppen nur insoweit
       autonom ist, wie es die gesellschaftlichen Bedingungen zulassen."
       42)
       Als Durchgangsposition  sind solche  Gruppen nur  für jene Frauen
       vorstellbar, die  Zugang zu  anderen Handlungsfeldern haben, z.B.
       zu qualifizierter  Berufstätigkeit  oder  aber  zu  gesamtgesell-
       schaftlichen Initiativen  wie etwa der Friedensbewegung. Es kommt
       letztlich darauf  an, diese  Zugänge genau zu studieren, die Ver-
       letzlichkeit der  Subjekte zu  erkennen  und  Handlungsebenen  zu
       schaffen, auf  denen die Entwicklung umfassender politischer Ein-
       sichten nicht ausgeschlossen, sondern befördert wird.
       Wiederum sind  es  hier  die  übereinstimmenden  Erfahrungen  von
       Frauen, die  gemeinsame Handlungsfelder  aufdecken  helfen.  Denn
       voraussichtlich vermögen  die Arbeiterin bei der AEG und die pri-
       vat wie beruflich gescheiterte Sozialpädagogin mehr Parallelen in
       ihren Biografien  zu erkennen  als der  AEG-Arbeiter und  der ar-
       beitslose Diplom-Politologe. Parallelen in der weiblichen Biogra-
       fie vermögen  aber im  Hinblick auf  die Entwicklung  gemeinsamen
       Kampfes um  bessere Lebensbedingungen  letztlich nur dann erfolg-
       reich zu wirken, wenn es gelingt, ein mögliches Verharren auf ge-
       schlechtsbezogenen Gemeinsamkeiten  durch die Herausbildung einer
       gesamtgesellschaftlichen Handlungsperspektive  zu überwinden. Die
       Zusammenführung verschiedener  Gruppen der außerparlamentarischen
       Opposition und  der Arbeiterbewegung könnte somit durch die Frau-
       enbewegung nachhaltig befördert werden.
       
       _____
       1) Unter politischem  Handeln wollen wir im folgenden interessen-
       geleitetes öffentliches  Handeln verstehen, Handeln zum Zweck der
       Veränderung der  Gesellschaftsbeziehungen und  Lebensumstände der
       Menschen.
       2) 1973 waren 3% der Frauen und 9% der Männer in Parteien organi-
       siert (Gesellschaftliche  Daten 1977, hgg. vom Presse- und Infor-
       mationsamt der  Bundesregierung, Bonn 1978, S. 295). Weder Umfang
       noch geschlechtsspezifische Gewichtung von Parteimitgliedschaften
       haben sich bis heute maßgeblich verändert.
       3) SPD 22,65%,  CDU 20,85%, FDP 23%. Die CSU fällt dagegen mit 13
       Prozent deutlich ab. Zitiert nach: Lottemi Doormann, Wartet nicht
       auf bessre  Zeiten. Frauenpolitik  aus Bonn  und Alternativen der
       Frauenbewegung, Köln 1980, S. 16.
       4) 1965 war 1% der Frauen in Parteien organisiert. In der SPD gab
       es einen Frauenanteil von 17,8%, in der CDU von 13,3%, in der FDP
       von 7,8%.  Aus: Gisela Brandt; Johanna Kootz; Gisela Steppke, Zur
       Frauenfrage im Kapitalismus, Frankfurt/Main 1975, S. 66.
       5) Bei der  Umbildung der  SPD/FDP-Regierung im Frühjahr 1982 gab
       es wieder nur einen Ministerposten für eine Frau - "natürlich" im
       Bereich Jugend, Familie und Gesundheit.
       6) Die Grünen schätzen auf Nachfrage in der Bundesgeschäftsstelle
       den Anteil  der Frauen  auf etwa 25%. Genaueres scheint nicht be-
       kannt zu  sein. Da  bei den Alternativen Listen in Westberlin und
       Hamburg autonome  Frauengruppen mitarbeiten, ist der Gesamtanteil
       der Frauen dort recht hoch anzusetzen.
       7) Frauenarbeit 1977"1980.  Geschäftsbericht der Abteilung Frauen
       im Bundesvorstand  des DGB, Düsseldorf o. J. (1981), S. 80 und S.
       94; für 1982: Frauen und Arbeit 5/1982, S. 1.
       8) Alle Daten nach: Frauenarbeit..., a.a.O., S. 95.
       9) Aus: Kurs  Richtung Sackgasse. Die Gewerkschaft Textil und Be-
       kleidung (GTB), in: Sozialismus 5/1981, S. 75.
       10) Frauenarbeit..., a.a.O., S. 81.
       11) Siehe das  Antragspaket  zur  Bundesfrauenkonferenz  des  DGB
       1981.
       12) Alle Daten aus: Frauenarbeit..., a.a.O., S. 81 und S. 91. Die
       Daten für 1982 aus: Frauen und Arbeit 5/1982, S. 1.
       13) Wir benutzen  den Begriff  nur ungern und mit Vorbehalten. Da
       er aber  aus der  einschlägigen Diskussion nicht wegzudenken ist,
       verwenden wir  ihn dennoch.  Unsere Kritik bezieht sich vor allem
       darauf, daß mit der Quantifizierung ("Doppel"-Belastung) die qua-
       litative Seite  der Zuständigkeit der Frau für  a l l e  Bereiche
       der Familienexistenz  in ihrer persönlichkeitsbehindernden Dimen-
       sion überhaupt  nicht zum  Tragen kommt  und somit die Erkenntnis
       ihrer tiefen  gesellschaftlichen  Verwurzelung  qua  Begriff  er-
       schwert wird.
       14) Siehe hierzu  z. B.  Hannelore Mabry, Die neue Frauenbewegung
       und die  Partei- und Gewerkschaftsfrage, in: Dokumentationsgruppe
       der Sommeruniversität  der Frauen (Hrsg.), Autonomie und Institu-
       tion. Über die Leidenschaft und Macht von Frauen. Beiträge zur 4.
       Sommeruni, Berlin (West) 1979, S. 228 ff.
       15) Ähnlich der  Sozialistische Frauenbund  (SFB) Westberlin.  Zu
       beiden  Organisationen   siehe  Lottemi  Doormann  (Hg.),  Keiner
       schiebt uns weg. Zwischenbilanz der Frauenbewegung in der Bundes-
       republik, Weinheim/Basel 1979, S. 28 ff. und S. 62 ff.
       16) Siehe hierzu  Fred Karl,  Die Bürgerinitiativen.  Soziale und
       politische Aspekte  einer neuen  sozialen Bewegung, Reihe Soziale
       Bewegungen, hgg. vom IMSF, Frankfurt/Main 1981, S. 21.
       17) Helge Pross,  Die Wirklichkeit der Hausfrau, Reinbek 1976, S.
       169 ff. und S. 222 ff.
       18) Einen guten  Eindruck von  der inhaltlichen Akzentuierung der
       Bürgerinitiativen-Arbeit der frühen siebziger Jahre in diesem Be-
       reich und der hier besonders aktiven Mitarbeit von Frauen vermit-
       telt der  Band  von  Heinz  Grossmann  (Hg.),  Bürgerinitiativen.
       Schritte zur Veränderung?, Frankfurt/Main 1971.
       19) 1960 betrug  der Anteil  der Mädchen im Bereich der Sekundar-
       stufe II  nur 36% gegenüber 45% 1975 (vgl. Grund- und Strukturda-
       ten 81/82,  BMBW). 1960  waren unter  den Lehrlingen 66% männlich
       und 34%  weiblich, unter den Anlernlingen dagegen die Mädchen mit
       88% vertreten (vgl. Renate Wiggershaus, Geschichte der Frauen und
       der Frauenbewegung, Wuppertal 1979, S. 78 f.).
       20) Z.B. die  Analyse im  Bildungsbericht 1970,  der Strukturplan
       des Deutschen Bildungsrates, die Planungsarbeit und die Gutachten
       des Bildungsrates  insgesamt, der Bildungsgesamtplan, Ausbau z.B.
       des Vorschulerziehungswesens und der Hochschulen, Abschaffung des
       Numerus clausus,  Aufschwung der Gesamtschulentwicklung insbeson-
       dere in SPD/FDP-regierten Ländern.
       21) Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonner Alma-
       nach 1970, S. 46/47.
       22) Wirtschaftskrise und  Frauenemanzipation in der BRD, Informa-
       tionsbericht des  IMSF Nr.  31, Frankfurt/Main  1978, S. 111, Tab
       3/5; Rolf  Casjens /  Heike Flessner, Frauen auf dem 2. Bildungs-
       weg, in: Die Deutsche Schule 1/1980.
       23) Zwischen 1950  und 1960  stieg die  Zahl  der  erwerbstätigen
       Frauen um  2,5 Mill.;  nur knapp  die Hälfte von ihnen hatte eine
       Ausbildung, und 1,3 Mill. arbeiteten als Teilzeitkräfte.
       24) Doormann, Keiner schiebt..., a.a.O., S. 17.
       25) Im "Stern"  vom 6.  Juni 1971 bekannten 374 Frauen: "Ich habe
       abgetrieben."
       26) Vgl. Juso-Argumente,  Problem 25, Frauenarbeit, Materialsamm-
       lung, S. 32.
       27) Vgl. Beschluß  des 9.  ordentl. DGB-Bundeskongresses 1972 zur
       Reform des § 218 StGB, in: G. Leminsky, B. Otto, Politik und Pro-
       grammatik des DGB, Köln 1974, S. 376.
       28) Wirtschaftskrise und Frauenemanzipation, a.a.O., Tab. 512.
       29) Ebenda, Tab. 5/5.
       30) Wiggershaus, a.a.O., S. 63.
       31) Unter den  20jährigen Studenten  waren 1965  3,5%, 1975 10,1%
       Frauen. Vgl.  Gesellschaftliche Daten  1979, hg.  vom Presse- und
       Informationsamt der  Bundesregierung, Bonn,  S. 69.  Von 1957 bis
       1972 war  der Anteil  der Frauen  an den Studierenden der wissen-
       schaftlichen Hochschulen  von 18,5%  auf 26,5%  gestiegen. Siehe:
       Wirtschaftskrise und Frauenemanzipation, a.a.O., Tab. 3/5.
       32) Wirtschaftskrise und Frauenemanzipation, a.a.O., Tab. 2/6.
       33) Frauen sind  besonders stark  im  höheren  allgemeinbildenden
       Bildungsbereich von der Akademikerarbeitslosigkeit betroffen. Da-
       für ist  die Ausrichtung  auf frauenspezifische Studienrichtungen
       verantwortlich, deren  Absolventinnen durch staatliche Restrikti-
       onspolitik bei den öffentlichen Dienstleistungen nicht mehr nach-
       gefragt werden.  Vgl.  Wirtschaftskrise  und  Frauenemanzipation,
       a.a.O., S. 72.
       34) Von 1961 bis 1975 nahm die Zahl der erwerbstätigen Frauen mit
       Kindern unter  14 Jahren  um 18% zu. Das Ausmaß dieser Steigerung
       läßt sich erst ermessen, wenn man berücksichtigt, daß im gleichen
       Zeitraum die Zahl der erwerbstätigen Frauen ohne Kinder (aufgrund
       längerer Ausbildungszeiten)  um 10%  abgenommen hat. Vgl. Gesell-
       schaftliche Daten 1979, a.a.O., Tab. 46, S. 117.
       35) Klaus Wahl u.a., Familien sind anders! Reinbeck 1981, vor al-
       lem S. 148 ff., S. 163 ff.
       36) Vgl. hierzu Christel Eckart, Ursula G. Jaerisch, Helgard Kra-
       mer, Frauenarbeit  in Familie  und Fabrik - Eine Untersuchung von
       Bedingungen und  Barrieren der  Interessenwahrnehmung  von  Indu-
       striearbeiterinnen, Frankfurt/M., New York 1979.
       37) Siehe hierzu die Untersuchung von Ilona Schöll-Schwinghammer,
       Frauen  im  Betrieb.  Arbeitsbedingungen  und  Arbeitsbewußtsein,
       Frankfurt/M. 1979.
       38) Erläuterungen und  Belege hierzu  aus dem  Teilzeitarbeitsbe-
       reich im  Einzelhandel sind dargestellt in: Hedwig Rudolph, Marga
       Duran, Margitte  Klähn, Melanie  Nassauer, Jenny Naumann, Chancen
       und Risiken  neuer Arbeitszeitsysteme - Zur Situation teilzeitar-
       beitender Frauen  im Berliner  Einzelhandel, in  WSI-Mitteilungen
       4/1981, S. 204-211.
       39) Die Beteiligung  der berufstätigen  Frauen unterstreicht Han-
       nelore Mabry, a.a.O., S. 218.
       40) Ein bislang  nicht allgemeinpolitisch  ausgeweitetes Beispiel
       ist die  Arbeit jener  Gynäkologin, die gegen den erbitterten Wi-
       derstand ihrer  Standeskollegen den  Kampf aufgenommen  hat gegen
       die inflationär vorgenommene Maßnahme der Gebärmutter-Totalopera-
       tion. Ihre  scharfe Kritik  gründet sich auf eigene Forschungsar-
       beiten, die verdeutlichen, daß Totaloperationen in der übergroßen
       Mehrzahl der  Fälle die  Beschwerden, deretwegen  sie vorgenommen
       wurden, nicht  beseitigen und bei den Frauen schwerste psychische
       Störungen hervorrufen.  Die Haltung  der Ärzte  ist nach  Ansicht
       dieser Gynäkologin  von einem  konservativen Frauenbild  und  von
       Frauenfeindlichkeit geprägt;  s. dazu Berichte in der Zeitschrift
       "Stern", Anfang des Jahres 1982.
       41) Vgl. die Beschlüsse der AsF-Bundeskonferenz 1981, in: Sozial-
       demokratischer Informationsdienst  "Frau und Gewerkschaft", doku-
       mente Nr. 14, 15, 16; zur Friedens- und Sicherheitspolitik Antrag
       D 1 in dokumente Nr. 14.
       42) Ursula Krechel, in: Lottemi Doormann, Keiner schiebt uns weg,
       a.a.O., S. 68.
       

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