Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 05/1982


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       ARBEITERKLASSE, SOZIALE BEDÜRFNISSE UND GEWERKSCHAFTLICHE POLITIK
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       Witich Roßmann
       
       1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung - 2. Soziale
       Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen - 3. Organisations-
       entwicklung und politische Prozesse in der gewerkschaftlichen Or-
       ganisation - 4. Brüche, Probleme und Politikbedarf
       
       In den  letzten Jahren wurden Analysen der Gewerkschaften von der
       Frage nach ihrer korporativistischen Integration in das kapitali-
       stische System  und nach  ihren Stabilitätsfunktionen beherrscht.
       1)  Die   initiativreiche,  politisch  herausfordernde  Aktivität
       "neuer sozialer  Bewegungen" akzentuiert  noch im  Vergleich  die
       konservativen, behäbigen und integrationistischen Aspekte gewerk-
       schaftlicher Politik.  Wer angesichts der Jugendunruhen "das Fie-
       ber in  den Straßen  steigen" sieht,  dem erscheinen  die Gewerk-
       schaften nur  mit dem  "kalten Wickel" systemintegrierend daneben
       oder gar dagegen zu stehen.
       Sozialwissenschaftliche Analyse  wird sich  kaum jemals  gänzlich
       dem Zeitgeist  und seinen  aktuellen Trends  verschließen können.
       Allein die  sich expansiv entfaltenden Trendsucher der demoskopi-
       schen Forschungsinstitute,  deren materielle  Reproduktionsgrund-
       lage der  schnelle Wandel ist, sorgen dafür, daß gegenwärtig kein
       noch so  temporärer, partieller  und häufig  instabiler  Einstel-
       lungswandel empirisch  undokumentiert bleibt. Die Trend-Affinität
       der literarischen  und sozialwissenschaftlichen  Intelligenz,  zu
       deren seismographischer Funktion - nebenbei bemerkt - Lenin trotz
       aller politischen Kritik ein ausgesprochen produktives Verhältnis
       besaß 2), befördert diese Tendenz.
       Gerade in  Schnittpunktphasen politischer Zyklen muß sich deshalb
       praxisorientierte sozialwissenschaftliche  Forschung,  die  nicht
       auf die  Nachfragegesetze intellektueller  Warenproduktion zielt,
       auf längerfristige  Entwicklungstrends konzentrieren.  In  diesem
       Sinne soll  hier eine begrenzte Fragestellung verfolgt werden: In
       welchem Ausmaß und in welchen Formen haben die den neuen sozialen
       Bewegungen im Reproduktionssektor zugrunde liegenden sozialen Be-
       dürfnisse ihr  Pendant innerhalb  der Arbeiterklasse  und der ge-
       werkschaftlichen Politik, ihren Handlungsmustern und internen Or-
       ganisationsprozessen gefunden? Und daraus abgeleitet: Auf welches
       Potential können  sich -  im Vergleich  zum Ende der 60er Jahre -
       strategische Konzeptionen einer klassenautonomen Politik im näch-
       sten Kampfzyklus  der 80er Jahre stützen? Welche Bedürfnistenden-
       zen und  -strukturen, die in Ansätzen in den sozialen Kämpfen der
       70er Jahre  artikuliert wurden, müssen integraler Bestandteil ei-
       ner klassenautonomen Politik werden?
       Die als  "Silent Revolution"  prominent gewordene Wertwandelhypo-
       these R.  Ingleharts, 3)  inzwischen durch die komparative Studie
       von Max  Kaase/Samuel Barnes  4) empirisch abgesichert, behauptet
       eine stabile  Korrelation zwischen materiellem Lebensniveau, Bil-
       dungsgrad, intellektueller  Kompetenz und  neuen Wertorientierun-
       gen. Der  Wertwandel sei wegen seiner engen Beziehung zur Produk-
       tivkraftentwicklung und  zu sozialstrukturellen Veränderungen als
       langfristiger Trend  zu begreifen, der überkommene politische In-
       tegrationsmechanismen in Frage stelle und neue, quer zu den Klas-
       senfronten verlaufende  gesellschaftliche Konfliktstrukturen zwi-
       schen den Trägern der alten "materialistischen" (Bourgeoisie, in-
       dustrielle Arbeiterklasse)  und der neuen "postmaterialistischen"
       Wertorientierung (Jugend,  höher qualifizierte  und sozial besser
       gestellte Mittelschichten) produziere. In den neuen Wertorientie-
       rungen würden sich über materiellen Wohlstand und Sicherheitsden-
       ken hinaus  vor allem  Bedürfnisse nach  Mitbestimmung, Selbstbe-
       stimmung, Aufhebung  entfremdeter Strukturen  ausdrücken, die mit
       der Favorisierung neuer, basisdemokratischer Politikvorstellungen
       und Verhaltensmuster  einhergingen. Trotz  zahlreicher  möglicher
       kritischer Einwände gegen diese theoretische Konzeption erscheint
       es zumindest  operativ möglich  und legitim,  die Fragestellungen
       und Ergebnisse  dieser Wertwandel-Studien  in die  Analyse  neuer
       Entwicklungen in  der Arbeiterklasse,  ihrer sozialen  Kämpfe und
       der Gewerkschaftspolitik  einzubeziehen.  Bezugspunkt  ist  dabei
       indes die materialistische Bedürfniskonzeption, deren Begriff und
       inhaltliche Bestimmung  von "sozialen  Bedürfnissen" nur begrenzt
       mit den  postmaterialistischen Bedürfnissen in der Inglehartschen
       Konzeption harmonisierbar ist. 5)
       
       1. Soziale Bedürfnisse und Formen ihrer Durchsetzung
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       Ausgangspunkt ist  der in die Dialektik von Produktivkraftentfal-
       tung und  Bedürfnisentwicklung integrierte  strukturelle Trend in
       entwickelten kapitalistischen  wie sozialistischen Gesellschaften
       zur Verschiebung  des Stellenwertes  der physisch-materiellen zu-
       gunsten der  sozialen Bedürfnisse im Gesamtsystem gesellschaftli-
       cher Bedürfnisse.  Empirisch drückt sich diese Entwicklung im ma-
       teriellen Reichtum hochindustrialisierter Gesellschaften aus, ih-
       rem  Produktivitätsniveau,  im  Zeitbudget  ihrer  Lohnabhängigen
       (Lebens-, Wochen-,  Tagesarbeitszeit im  Verhältnis zur  Freizeit
       oder Ausbildungszeit), im durchschnittlichen Bildungs- und Quali-
       fikationsgrad des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters: kurzum, die
       wissenschaftlich-technische Revolutionierung  der Produktivkräfte
       konstituiert weiterreichende  gesellschaftliche und  individuelle
       Entwicklungsmöglichkeiten, die  sich in  der Zunahme sozialer Be-
       dürfnisse reflektieren.  Sie beziehen  sich vornehmlich  auf  die
       Stellung der  Individuen in der Gesellschaft, auf die Bedingungen
       ihrer Arbeit und Tätigkeit, ihrer Persönlichkeits- und Selbstver-
       wirklichungsmöglichkeiten im  Arbeitsprozeß und  in der Lebensre-
       produktion, die  sie sukzessive ausgreifend ihrer kollektiven und
       individuellen Kontrolle zu unterwerfen suchen. 6) Solche sozialen
       Bedürfnisse haben  einen tiefergehenden, strukturierenden Einfluß
       auf die Interessenformierung, auf die Motive, Wertorientierungen,
       Ziel- und  Handlungsprogramme der  gesellschaftlichen Klassen und
       Schichten in den Klassenauseinandersetzungen. 7)
       Die Akzentuierung  dieses Aspekts  in der  Analyse neuer Entwick-
       lungstendenzen in  der Gewerkschaftsbewegung  thematisiert  einen
       zentralen Widerspruchskomplex spätkapitalistischer Gesellschaften
       (Möglichkeit/Notwendigkeit  der   Persönlichkeitsentfaltung   als
       Hauptproduktivkraft und  die Schranken kapitalistischer Produkti-
       onsverhältnisse, die nur eine deformierte Realisierung erlauben).
       8) Sie  eröffnet zugleich die Möglichkeit, Übereinstimmungen oder
       zumindest parallele  Tendenzen in  der Arbeiterklasse  und in den
       sozialen Trägergruppen neuer sozialer Bewegungen gegenüber den an
       der Oberfläche  vielfältig  dominierenden  Widersprüchen,  Diver-
       genzen und  gegeneinander gerichteten  Verselbständigungen analy-
       tisch zu fixieren.
       Solche gemeinsamen  Entwicklungstendenzen wurden in den 70er Jah-
       ren oft  nur unterhalb der gesellschaftlichen Oberflächenprozesse
       erkennbar und  sperrten sich  gegen empirische  Analysen. Da  sie
       sich innerhalb der verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen nicht
       in einer linearen Determinationskette von Bedürfnissen - Interes-
       sen - Bewußtsein - Ziel - Aktion unmittelbar durchsetzten, müssen
       einige der  Vermittlungsglieder dieses Prozesses, die bislang un-
       genügend beachtet wurden, in die Analyse einbezogen werden.
       
       1.1 Sozialstrukturelle Entwicklungstendenzen
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       Die kapitalistischen  Vergesellschaftungsprozesse  haben  in  den
       50/60er  Jahren  den  Polarisierungsprozeß  der  antagonistischen
       Grundklassen beschleunigt,  den Anteil lohnabhängiger Arbeit ver-
       größert, neue  Teile der  Angestellten und Beamten nicht nur for-
       mell, sondern zunehmend auch reell unter das Kapital bzw. staats-
       monopolistische Herrschaftsverhältnisse subsumiert und den Waren-
       charakter ihrer  Arbeitskraft entfaltet. 9) Zugleich vollzog sich
       eine klasseninterne Differenzierung unter den Lohnabhängigen. Das
       Bildungs- und  Qualifikationsniveau nahm  nicht nur allgemein zu,
       die Zunahme  war bei  einigen  expandierenden  Berufsgruppen  mit
       neuen Tätigkeitsschwerpunkten  besonders stark.  57 Prozent aller
       Erwerbstätigen übten  1978 Planungs-, Verwaltungs- und Dienstlei-
       stungsberufe aus,  während nur  noch 13,3  Prozent in Berufen der
       Güterproduktion tätig waren. Dabei nahmen gerade personenbezogene
       Dienstleistungsberufe sowie  Planungs- und  Verwaltungsberufe be-
       sonders schnell zu (1978: 12,5 bzw. 24,2 Prozent aller Erwerbstä-
       tigen). 10)  Wenngleich solche  sozialstatistischen Gruppierungen
       in sich stark differenziert sind und unter sehr heterogenen sozi-
       alökonomischen Verhältnissen  arbeiten (hoher Staatsanteil, viele
       Kleinbetriebe bzw.  kleine Arbeitseinheiten), so sind sie doch in
       vielen Bürgerinitiativen  überrepräsentiert 11), kennzeichnet sie
       ein hoher  politischer Aktivitätsgrad.  Sie verfügen zumeist über
       überdurchschnittlich hohe  Bildungsabschlüsse. Betrachtet man nur
       die deutschen  Teile der Arbeiterklasse, so würde sich angesichts
       des hohen  Anteils ausländischer  Lohnabhängiger im unmittelbaren
       Produktions-  und   Reproduktionsprozeß  (Herstellen,   Fertigen,
       Hilfsfunktionen für  Produktions- und  Dienstleistungen) der pro-
       zentuale Anteil  dieser Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse noch
       weiter erhöhen. 12)
       Es kann angenommen werden, daß in diesen Gruppierungen der Arbei-
       terklasse und  der Lohnabhängigen eine Reihe von sozialen Bedürf-
       nissen und  damit ein  spezifisches sozialpsychologisches  Milieu
       besonders lebendig bleiben wird, das von ihrer Ausbildung und Tä-
       tigkeit beeinflußt ist. Aber auch für die gesamte Arbeiterklasse,
       insbesondere ihre  gewerkschaftlich und  politisch aktiven Teile,
       dürfen  die   sozialpsychologischen  Rückwirkungen  einer  durch-
       schnittlich höheren  Allgemeinbildung nicht  unterschätzt werden.
       Allein die neuen Massenmedien und Kommunikationsmöglichkeiten ha-
       ben die Abschottung der industriellen Arbeiterklasse, die Ausbil-
       dung einer  besonderen Arbeiterlebensweise, zugunsten einer Annä-
       herung zwischen  allen Lohnabhängigen relativiert. In der Tendenz
       werden 25 Prozent eines Jahrgangs einen Hoch- oder Fachhochschul-
       abschluß erwerben.  13) Schon heute ist unschwer zu erkennen, wie
       in Arbeiterfamilien,  Sportvereinen, Gewerkschaften  und Parteien
       Personen mit Hochschulabschluß zunehmend selbstverständlicher in-
       tegriert sind  und dort das sozialpsychologische Profil, Wertori-
       entierungen, Normen  und Verhaltensweisen mitprägen. Durch solche
       Institutionen wirken  die genannten  Veränderungen weit  über den
       Umkreis der  Betroffenen hinaus. Gerade unter den politisch akti-
       veren Teilen  der Arbeiterklasse  der jüngeren  Generation finden
       sich innerhalb der Familie und des Freundeskreises enge Beziehun-
       gen zwischen  verschiedenen  Sektoren  der  Arbeiterklasse  (z.B.
       Facharbeiter/Kindergärtnerin, Verwaltungsangestellte)  bzw.  zwi-
       schen diesen und Angehörigen der Gruppe der lohnabhängigen Intel-
       ligenz (Facharbeiter/Lehrerin).  Diese Tendenzen werden verstärkt
       das sozialpsychologische  Profil, die  Bedürfnis- und Interessen-
       strukturen sowie die Handlungskompetenz der Arbeiterklasse mitbe-
       stimmen, da  sich die  Austausch- (Abiturienten,  die  Facharbei-
       terabschlüsse anstreben)  und Kooperationsprozesse  (im Produkti-
       onsprozeß, in  der Lebensreproduktion, in der politischen Arbeit)
       intensivieren.
       
       1.2 Neue gesellschaftliche Widerspruchskomplexe
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       Die wissenschaftlich-technische  Revolutionierung der  Produktiv-
       kräfte beschleunigte  kapitalistische Vergesellschaftungsprozesse
       und produzierte  eine komplexere  Struktur der gesellschaftlichen
       Widersprüche. 14)  Die Konzentration  und Zentralisation von Pro-
       duktion und  Kapital ermöglichte  die umfassende  Automatisierung
       und Taylorisierung  im Produktionssektor, die sich seit Mitte der
       70er Jahre  sukzessive in  der Büro- und Verwaltungsrationalisie-
       rung fortsetzt.  Die mit  der privatkapitalistischen Monopolisie-
       rung wie  der bürokratischen  Zentralisierung in den legislativen
       und exekutiven Staatsapparaten verknüpfte politische Machtkonzen-
       tration belebte  Mitbestimmungs-  und  Kontrollforderungen.  Aber
       nicht allein  Arbeitsbedingungen und  Mitbestimmung wurden  akute
       Konfliktfelder. Die  ausgreifende Bewegung  des  SMK-Systems  und
       seiner an  Kapitalinteressen orientierten Kosten-, Effizienz- und
       Organisationskriterien  schuf   Konfliktfelder  im   öffentlichen
       Dienst, im  Gesundheits-, Bildungs-  und Verkehrssektor,  also in
       Sektoren der  Infrastruktur und  der gesellschaftlichen Reproduk-
       tion der Arbeitskraft.
       Die kapitalistische Industrialisierung, Urbanisierung, Technisie-
       rung und Chemisierung traf zunehmend auf die Schranken des ökolo-
       gischen Gleichgewichts  von Natur  und Mensch.  Dies wurde ebenso
       ein handlungsrelevantes  Konfliktfeld wie  die in alle Poren zwi-
       schenmenschlicher Beziehungen  eindringenden Waren-  und  Konkur-
       renzbeziehungen mit den einbegriffenen Endfremdungserscheinungen,
       ihren Tendenzen  zur Persönlichkeitsdeformierung und -zerstörung.
       15) Selbst  die klassischen  kapitalistischen Konfliktfelder  wie
       Arbeitslosigkeit, Betriebsstillegungen,  Inflation, Lohn- und So-
       zialabbau  wurden   mit  Beginn   der  70er   Jahre  nicht   bloß
       "reaktualisiert", sondern durch ihre staatsmonopolistisch modifi-
       zierten Wirkungsformen  komplexer mit  den neuen  Konflikten ver-
       knüpft. 16)
       Zugleich erweiterten  der Vergesellschaftungsprozeß  und die Aus-
       weitung von  Planungs- und  Steuerungselementen, -kompetenzen und
       -institutionen innerhalb  der Großkonzerne  und des  Staates  das
       Feld unterschiedlicher  Entwicklungsvarianten.  Alternative  Ent-
       wicklungsprogramme wurden  damit schon im Vorfeld der Systemfrage
       gleichfalls zum Konfliktfeld. 17)
       Diese Widersprüche  berührten allerdings  die  einzelnen  sozial-
       strukturellen Gruppen  der  Lohnabhängigen  in  unterschiedlicher
       Stärke. Entsprechend  differenziert entwickelten  sich bei  ihnen
       die Bedürfnisstrukturen und Wertorientierungen, wurden in einzel-
       nen Regionen  oder Berufsgruppen  bzw. zu unterschiedlichen Zeit-
       punkten verschiedene Bedürfnisse handlungsrelevant.
       
       1.3 Neue soziale Bedürfnisse und Generationenwechsel
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       Verlängerte Ausbildungszeiten  haben die Jugendphase im Lebenszy-
       klus ausgedehnt.  Die relativ dauerhafte Formung sozialer und po-
       litischer Wertorientierungen  in der Jugendphase, die Entwicklung
       einer eigenen  Jugend-Subkultur sowie die gleichzeitige Zusammen-
       ballung von  Konfliktfeldern durch  die  Neustrukturierung  aller
       Ebenen des  Bildungs- und  Ausbildungssektors gegen Ende der 60er
       Jahre haben  die Bedeutung  des Jugendsektors für die Entwicklung
       und Durchsetzung  neuer sozialer  Bedürfnisse und für die politi-
       sche Sozialisation  einer jüngeren  Generation von Lohnabhängigen
       schlagartig erhöht.  18)  Der  Bruch  in  den  Wertorientierungen
       konnte sich  besonders deutlich  ausprägen, weil  die am Ende der
       60er Jahre in die politische Sphäre eintretenden Jugendlichen die
       konsolidierte ökonomische  Situation wie die politischen Verhält-
       nisse unvoreingenommen und unbelastet zu neuen Wertorientierungen
       verarbeiten konnten.
       Auch neuere  sozialgeschichtliche Studien  bestätigen,  daß  sich
       Wertwandelprozesse über  den Generationswechsel  vermitteln. Jün-
       gere Generationen  waren in den Klassenkämpfen wie in den gesell-
       schaftlichen Ruheperioden  - neben den seismographisch agierenden
       Intellektuellen -  immer die aktiven, dominierenden Trägergruppen
       neuer Konflikte,  Bedürfnisse, Handlungsmuster und Organisations-
       formen. Eine inhaltliche Ausrichtung ist dabei nicht von vornher-
       ein gegeben.  Jüngere Teile der im Ersten Weltkrieg politisierten
       Arbeiterklasse wurden  Träger der revolutionären Arbeiterbewegung
       in der  Weimarer Republik.  Durch Arbeitslosigkeit von der Arbei-
       terbewegung isolierte  Jugendliche hingegen  wurden in  der Welt-
       wirtschaftskrise Opfer  faschistischer Demagogie.  Der  Zusammen-
       bruch faschistischer  Illusionen 1945 wie die Niederlagen der Ar-
       beiterbewegung in  den Neuordnungskämpfen  forcierten im  Kalten-
       Kriegs-Klima der  50er Jahre apolitische, individualistische Ori-
       entierungen der Jugend.
       
       1.4 Die Bedeutung von "Zentren"
       -------------------------------
       
       Die Transformation neuer Widersprüche, Bedürfnisse und Interessen
       in soziale Kämpfe hängt zum einen von der objektiven Zusammenbal-
       lung und  Intensität der  Widersprüche in bestimmten Sektoren, z.
       B. Regionen  oder besonders betroffenen Gruppierungen der Klasse,
       und zum  anderen von  der Existenz  subjektiver Faktoren ab, also
       von Kräften,  die die  Konflikte analysieren, Forderungen entwic-
       keln, mobilisieren,  soziale Bewegungen  organisieren und führen,
       aber auch  von bestimmten Kräfteverhältnissen, die Bewegungen zu-
       mindest relative  Erfolgschancen geben. 19) Als "Zentren" in die-
       sem Sinne,  in denen und durch die neue Entwicklungstendenzen ex-
       emplarisch zum  Ausdruck gebracht  werden, fungierten  in der Ge-
       schichte der  Arbeiterbewegung häufig  die industriellen  Bezirke
       und/oder politischen Hauptstädte eines Landes (z.B. Berlin, Ruhr-
       gebiet, Mitteldeutschland  in der  Weimarer Republik),  bestimmte
       Fraktionen der  Klassen und  ihr Organisationsbereich (z.B. Druc-
       ker, Berg-  und Metallarbeiter  und ihre  jeweiligen Gewerkschaf-
       ten), zum Teil sogar als Symbol agierende Belegschaften industri-
       eller Großbetriebe (FIAT/Turin; Renault/Paris).
       Die umfassende  Reorganisation der  sozialstrukturellen Zusammen-
       setzung der  Lohnabhängigen sowie  der industriellen Struktur und
       die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg - sie schloß
       den Verbleib relevanter linker Sektoren der deutschen Arbeiterbe-
       wegung im  Gebiet der DDR und Polens (Sachsen, Thüringen, Berlin,
       Oberschlesien) und  eine deutlich  verstärkte Stellung  der  eher
       ländlich strukturierten  und katholischen  süddeutschen Länder in
       der BRD ein sowie die Partikularisierung und Sonderrolle Westber-
       lins -  brachten den  Bedeutungsverlust traditioneller Fraktionen
       der Arbeiterklasse  (Berg-, Textil-  und z.T.  Stahlarbeiter) und
       traditioneller regionaler  Zentren der  Arbeiterbewegung (Berlin,
       Saarland, z.T.  des Ruhrgebiets)  sowie die erst langsame Formie-
       rung neuer  industrieller  und  politischer  Zentren  (Stuttgart,
       Rhein-Main, München)  mit sich.  Dabei vollziehen sich Umstruktu-
       rierungsprozesse 20) auch in den alten Zentren (Stuttgart, Rhein-
       Main, Hamburg, Ruhrgebiet).
       Nur langsam  bildeten sich in den 70er Jahren neue regionale Sek-
       toren,  Wirtschaftszweige   oder  berufliche   Gruppierungen  als
       "Zentren" aus, die in ihrer politischen Kultur, ihren politischen
       Wertorientierungen die  neuen sozialen  Bedürfnisse dominant  zum
       Ausdruck bringen und damit eine vereinheitlichende, orientierende
       und strukturierende Rolle spielen könnten. Da auch die politische
       Arbeiterbewegung diese  Aufgabe nur  partiell wahrnahm  (die  SPD
       entfiel mit  der Godesberger Wende als Faktor einer klassenorien-
       tierten Strukturierung,  die KPD wurde 1956 administrativ illega-
       lisiert, der  Einfluß der  1968 neukonstituierten  DKP blieb  be-
       grenzt), bestimmte  eine starke Heterogenität die sozialen Kämpfe
       und Konflikte. Trotz ihrer Durchdringung und zum Teil auch Struk-
       turierung durch die hochorganisierten, zentralisierten und insti-
       tutionalisierten Gewerkschaften  und betrieblichen Interessenver-
       tretungen behielten  sie etwas  vom Charakter  der ursprünglichen
       Prozesse der  Formierung der  Klasse "an  sich" zur  Klasse  "für
       sich".
       
       1.5 Ökonomisch-politische Zyklen und
       ------------------------------------
       gesellschaftliche Kräfteverhältnisse
       ------------------------------------
       
       Ob sich  latente soziale Bedürfnisse in neuen Widerspruchskomple-
       xen zu  sozialen Kämpfen  und bewußten Wertorientierungen entwic-
       keln können,  hängt nicht  zuletzt von den ökonomisch-politischen
       Zyklen sowie  den vorherrschenden  gesellschaftlichen  Kräftever-
       hältnissen ab.  21) In  den 70er  Jahren markierte  die Weltwirt-
       schaftskrise 1974/75  einen tiefen Bruch. In der Periode ökonomi-
       schen Wachstums (1966/67 bis 1973), wenn auch seit 1971 von zahl-
       reichen Krisensymptomen zersetzt, entfalteten sich spontane Bewe-
       gungen im  Jugendsektor und eine erste Welle der Bürgerinitiativ-
       bewegung (z.B. Rote-Punkt-Aktion in Hannover Juni '69), denen der
       Aufschwung der  Arbeiterbewegung  mit  den  spontanen  September-
       streiks im Herbst 1969 folgte. In der folgenden Periode verknüpf-
       ten sich  ökonomische Krise  und eine  depressive Entwicklung mit
       politischer Restauration, unterbrochen durch einen kleineren Auf-
       schwung  der   Gewerkschaftsbewegung  und   der  sozialen  Kämpfe
       1978/79.  Die  gesellschaftlichen  Kräfteverhältnisse  verschoben
       sich nach  rechts, wenngleich  nicht annähernd im Ausmaß der Kal-
       ten-Kriegs-Periode und  insgesamt von einer eigentümlichen Offen-
       heit und Labilität gekennzeichnet.
       In der  ersten Periode  waren zahlreiche neue soziale Bedürfnisse
       im Jugendsektor und in der Arbeiterbewegung (prägnant auf der IG-
       Metall-Konferenz "Qualität des Lebens" 1972) aufgegriffen worden.
       Die  Renaissance   klassischer  kapitalistischer   Konfliktfelder
       (Krise, Arbeitslosigkeit,  Lohnabbau, politische Repression) ließ
       ihre unmittelbare  Handlungsrelevanz in  den sozialen Kämpfen der
       Arbeiterklasse und  ihren Stellenwert  in den  Wertorientierungen
       zurücktreten. Dennoch  blieben sie  - wie  zu zeigen  sein wird -
       selbst in  traditionellen Konflikten, in Forderungsstrukturen, in
       Aktionsformen und  m den  inneren Organisationsprozessen virulent
       und wirkten  auf das Bewußtsein und die Wertorientierungen minde-
       stens der aktiven Kader der Gewerkschaftsbewegung ein. Offen ver-
       treten wurden  sie am  Beginn der  zweiten Phase, vielfach in Di-
       stanz zur Arbeiterbewegung, von den neuen sozialen Bewegungen.
       
       1.6 Der Zyklus neuer sozialer Bewegungen
       ----------------------------------------
       
       Neue Gruppen, die in die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ein-
       treten, die  sich mit  Brüchen ihrer Wertorientierungen, ja ihrer
       Identität auseinandersetzen,  deren materielle,  soziale, politi-
       sche und  ideologische Konsequenzen verarbeiten müssen, radikali-
       sieren sich  in ihrem  Selbstverständnis, in ihren Artikulations-
       formen  überdurchschnittlich.   Die  Initiative  für  Brüche  und
       Neuorientierungen liegt  notwendig zuerst  bei Minderheiten,  die
       ihren quantitativen Minderheitenstatus mit der Qualität ihres En-
       gagements (Zeitbudget, Radikalität der Ideologie, Aktion) kompen-
       sieren. Hohe  Motivation, Bereitschaft zum Bruch mit überkommenen
       Lebens- und  Arbeitsformen bilden sich in solchen Avantgardegrup-
       pen oder  sind sogar  ihre Voraussetzung.  Deshalb verlief häufig
       die Neuerschließung  von Berufsgruppen,  Betrieben und Industrie-
       zweigen für  die Arbeiter-  und Gewerkschaftsbewegung  sowie  die
       Neuerschließung von  Themen und  Forderungen unter  der Hegemonie
       radikaler, vor allem linker, sozialistischer, kommunistischer und
       christlicher,  also  politisch  und  ideell  hochmotivierter  und
       zugleich qualifizierter Gruppierungen. 22)
       Die hegemonialen ideologischen und politischen Strömungen bestim-
       men im  Stabilisierungs-,  Orgamsations-  und  Institutionalisie-
       rungsprozeß sozialer  Bewegungen  darüber,  welche  Wertorientie-
       rungen, Normen  und Handlungsmuster  stabilen Charakter bekommen.
       Wer über  die  materiellen  und  ideellen  Ressourcen  der  dabei
       neuentstehenden Organisationen verfügt, kann deutlich auf Inhalte
       und  Struktur   des   Bewußtseins   und   die   Interessen-   und
       Zielformulierung der sozialen Kämpfe einwirken.
       Auch die  Beachtung des  Entwicklungszyklus  sozialer  Bewegungen
       legt eine  analytische Perspektive  nahe, die  nicht die Erschei-
       nungsformen bestimmter  Zyklusphasen (z.B. Phasen des radikalsten
       Bruchs mit  Wertvorstellungen,  Lebens-  und  Arbeitsformen)  als
       strukturell neue Momente fixiert. Zu fragen ist vielmehr nach den
       dauerhaften, zyklusübergreifenden  Momenten, die über Avantgarde-
       gruppen vermittelt das Bewußtsein, die Wertorientierungen und die
       Politik von Massen strukturieren und ihr neue Akzente verleihen.
       So mußten  sich neue  Bewegungen in den Gewerkschaften, die klas-
       senautonome Positionen oder neue soziale Bedürfnisse thematisier-
       ten, gegen die vorherrschenden sozialpartnerschaftlichen Strömun-
       gen durchsetzen.  Diese beherrschen  nicht nur  die betrieblichen
       und gewerkschaftlichen Organisations- und Institutionsstrukturen,
       sondern verfügen  angesichts der  notwendigerweise  hochzentrali-
       sierten Macht-  und Entscheidungskompetenzen  der  Führungsorgane
       zugleich über  eine Reihe  von exekutiven  Sanktionsmitteln gegen
       avantgardistische Minderheitengruppen. 23)
       Wenn in  der empirischen  Analyse die Vermittlungsglieder und Me-
       chanismen der  handlungsbestimmenden Durchsetzung  neuer sozialer
       Bedürfnisse einbezogen werden, kann gleichzeitig eine Unterschät-
       zung der  Verbreitung und  Bedeutung der  sozialen Bedürfnisse in
       der Arbeiterklasse  wie eine  Überschätzung der Radikalität ihres
       Bruchs mit den traditionellen Orientierungen vermieden werden. In
       den 70er Jahren überlagerte sich die sukzessive Aufnahme sozialer
       Bedürfnisse in  die Wert-  und Handlungsorientierungen der Arbei-
       terklasse mit  der Reaktualisierung  klassischer kapitalistischer
       Widersprüche und Konflikte und der ihnen entsprechenden materiel-
       len und  Sicherheitsbedürfnisse. Insofern kann von neuen Momenten
       in den  sozialen Kämpfen  und in  der Gewerkschaftspolitik  unter
       zwei Gesichtspunkten gesprochen werden: (a) der Reaktivierung ei-
       ner autonomen, klassenorientierten Strömung 24) gegenüber der Do-
       minanz der  sozialpartnerschaftlichen Organisation der Klassenbe-
       ziehungen in  den 50er/60er  Jahren; (b)  dem gestiegenen Gewicht
       neuer sozialer  Bedürfnisse, neuer Widerspruchskomplexe und einer
       neuen, ausgeweiteten  sozialstrukturellen Zusammensetzung  der in
       den Klassenkämpfen  agierenden bzw. in den Gewerkschaften organi-
       sierten Kräfte.
       Diese neuen Momente setzten sich nur widersprüchlich durch. Über-
       durchschnittlich waren  sie in den siebziger Jahren in der jünge-
       ren Generation  und einigen  neuen  Sektoren  der  Lohnabhängigen
       (Angestellte/Beamte des  öffentlichen Dienstes; einige Dienstlei-
       stungsbereiche) anzutreffen. Zu Unrecht wurden sie indes als Aus-
       druck eines  Generationskonflikts bzw. des Konflikts zwischen in-
       dustrieller Arbeiterklasse und neuen lohnabhängigen Mittelschich-
       ten begriffen. 25)
       Die einzelnen Phasen der ökonomischen und politischen Zyklen lie-
       ßen die neuen Bedürfnisse, klassenautonome Positionen oder tradi-
       tionelle sozialpartnerschaftliche Orientierungen wechselweise do-
       minant hervortreten.  Zugleich aktualisierten  sich soziale  Kon-
       flikte und  Kämpfe wie die neuen Bedürfniselemente - zeitlich und
       regional wechselnd  - in verschiedenen Widerspruchskomplexen. Die
       insgesamt fehlende Verallgemeinerung und Strukturierung durch die
       gewerkschaftliche und  politische Arbeiterbewegung oder durch ex-
       emplarische Durchsetzung  in wichtigen  "Zentren" führte  in  den
       siebziger Jahren  zur Verselbständigung  und zur Reproduktion der
       Heterogenität der Kämpfe und Organisationsformen in den einzelnen
       Phasen und Konfliktfeldern. 26)
       Wollte man  die neuen  Tendenzen begrifflich  verallgemeinern, so
       könnte man mit aller Vorsicht davon sprechen, daß sich (a) origi-
       när   g e w e r k s c h a f t l i c h e  W e r t o r i e n t i e-
       r u n g e n   und   H a n d l u n g s m u s t e r  für zahlreiche
       alte  wie  neue  sozialökonomische  Sektoren  und  Konfliktfelder
       reaktiviert und  zugleich zur betrieblichen und lokalen Basis hin
       erweitert haben.  Dies  gilt  gleichermaßen  für  das  Vordringen
       kollektiver, solidarischer  und egalitärer  Orientierungen gegen-
       über individualistischen,  leistungs- und konkurrenzbezogenen wie
       für  die   aktive  Realisierung  gewerkschaftlicher  Schutz-  und
       Gestaltungsfunktionen  in  wichtigen  Gesellschaftsbereichen.  Es
       haben sich  (b)   d e m o k r a t i s c h e    W e r t o r i e n-
       t i e r u n g e n   vor allem  unter  den  gewerkschaftspolitisch
       aktiven, informellen  wie formellen,  Kadern -  aus der  jüngeren
       Generation und  höher qualifizierten Gruppen - stärker verankert.
       Damit sind  vor  allem  Bedürfnisse  und  Ansprüche  nach  echten
       Mitbestimmungs- und  Kontrollrechten, Forderungen  nach  Basisbe-
       teiligung in  der Politik,  aber auch  nach transparenten  Infor-
       mations-, Kommunikations-  und demokratischen Entscheidungsstruk-
       turen auf  allen gewerkschaftlichen  Ebenen und  Handlungsfeldern
       gemeint. Sie  schließen die  Forderungen nach  gleichberechtigter
       Vertretung bis  dato benachteiligter  Gruppen in der Gesellschaft
       ein,   deren   doppelt   unterdrückter   Status   sich   in   den
       Gewerkschaften vielfach bis in die Gegenwart hinein reproduzierte
       - so  insbesondere von  Frauen, Ausländern  und neuerdings wieder
       Arbeitslosen.
       
       2. Soziale Bedürfnisse in den gewerkschaftlichen Kämpfen
       --------------------------------------------------------
       
       Die Ausformung  von Bedürfnissen und den ihnen zugrunde liegenden
       Widersprüchen zu  aktuellen Konflikten,  sozialen Kämpfen und Ak-
       tionen indiziert  immer zugleich  deren Intensität  im Bewußtsein
       der Arbeiterklasse  und in  den Wert- und Handlungsorientierungen
       ihrer gewerkschaftlichen  Führungsorgane. Insofern  können,  auch
       wenn sich  in vordergründigen Konfliktgegenständen immer ein grö-
       ßeres Spektrum an Bedürfnissen symbolisch ausdrückt, Aktions- und
       Handlungsanalysen über begrenzte demoskopische Einstellungsunter-
       suchungen hinaus die Verbreitung neuer Bedürfnisse und Wertorien-
       tierungen erfassen.  27) Dies  soll im  folgenden unter verschie-
       denen Aspekten skizzenhaft umrissen werden. 28)
       
       2.1 Chronologie
       ---------------
       
       Die Entwicklung  der Gewerkschaftsbewegung ist kein linearer Pro-
       zeß. Die  70er Jahre  markieren nach  den sozialen Kämpfen um die
       gesellschaftliche Neuordnung und deren Niederlagen sowie nach der
       Restaurationsperiode der  50er/60er Jahre mit einem sinkenden ge-
       werkschaftlichen Organisationsgrad und abflauenden sozialen Kämp-
       fen einen deutlichen Bruch: eine quantitativ herausgehobene Reak-
       tivierung sozialer  Kämpfe, die  auch durch die ökonomische Krise
       und die  Massenarbeitslosigkeit in  der zweiten  Hälfte der  70er
       Jahre nicht  gebrochen wurde. Angesichts der Affinität der sozia-
       len Kämpfe zum ökonomischen Krisenzyklus ist allein das schon ein
       historisches Datum.  Die sozialen Kämpfe  i n  den siebziger Jah-
       ren bewegten  sich, wenn  man sie periodisieren will, ungefähr in
       einem Vierjahreszyklus,  dessen Kampfhöhepunkte  1969"71, 1973/74
       und 1978/79 waren.
       
       2.2 Industrieller Kern der Arbeiterklasse und neue
       --------------------------------------------------
       Lohnabhängigengruppen in den sozialen Kämpfen
       ---------------------------------------------
       
       Von 1966/67  bis 1973/74  waren die  sozialen Kämpfe  deutlich um
       zwei Gruppen zentriert: erstens um den Kern der industriellen Ar-
       beiterklasse, vor  allem in Großbetrieben der Metallindustrie und
       z.T. des  Bergbaus sowie  einiger kommunaler Arbeiterbereiche des
       öffentlichen Dienstes. Dominierend in der Initiierung, Mobilisie-
       rung und  organisierten Leitung dieser sozialen Kämpfe betätigten
       sich Gewerkschaftskader der mittleren Generation, geprägt von den
       ideologischen Traditionen  klassenorientierter Positionen  in der
       IG Metall,  aber auch  durch die  Präsenz von kommunistischen Be-
       triebsräten, Vertrauensleuten und Betriebsgruppen in den entspre-
       chenden Betrieben. 29) Ein zweites Zentrum bildete die Studenten-
       , Schüler- und Lehrlingsbewegung, die sich vor allem in Groß- und
       Universitätsstädten sowie  Kleinbetrieben um Forderungen nach Ex-
       pansion, Umstrukturierung  und Demokratisierung  der Ausbildungs-
       sektoren konstituierte. 30)
       Kooperative Prozesse zwischen beiden Bewegungen entwickelten sich
       in den  siebziger Jahren  durch die  Ausbreitung gewerkschaftlich
       orientierter Positionen in der Studentenbewegung, in der Struktur
       ihrer Forderungen und den Formen ihrer Kämpfe, durch die Integra-
       tion von  Intellektuellen in  verschiedene Sektoren  der  gewerk-
       schaftlichen Arbeit  und Organisation  wie auch durch den Wechsel
       eines bedeutenden  Teils der qualifizierten und in der Lehrlings-
       bewegung politisierten Arbeiterjugendlichen in den schnell expan-
       dierenden Ausbildungssektor über den zweiten Bildungsweg. 31)
       Sukzessive waren  von der  IG Metall in den Streiks 1971 und 1974
       ebenso wie  von der IG Chemie und der ÖTV 1974 Angestellte einbe-
       zogen worden. Es blieb aber bei der Einbeziehung von Minderheiten
       in mehrfacher Hinsicht: Nur in gewerkschaftlich hochorganisierten
       Betrieben wurden  sie zum  Streik aufgerufen,  ihre  Haltung  als
       Gruppe blieb  insgesamt widersprüchlich,  und sie  stellten (z.B.
       1974 im  IG-Metall-Unterweserstreik) oft  umfangreiche  militante
       Streikbrecherkontingente. Die  Beziehungen zwischen Arbeitern und
       Angestellten sowie  beider zu  den solidarisch mitkämpfenden Aus-
       ländern blieben insgesamt distanziert.
       In den  spontanen Streikwellen 1973 traten neben den traditionel-
       len Zentren  industrieller Großbetriebe die Belegschaften mittel-
       großer Betriebe  auf. Die Bewegung erfaßte die ländliche Periphe-
       rie. Ausländische  Arbeitergruppen und Frauen traten erstmals als
       Initiatoren und  Mobilisierungskerne, zum  Teil sogar  als Strei-
       kleitungskader auf. Während die offiziellen Streikstatistiken für
       die Jahre  1975 bis 1977 - mit Ausnahme des Druckerstreiks 1976 -
       Ruhe verzeichneten,  akkumulierten sich neue Momente der sozialen
       Kämpfe vor allem in den betrieblichen Abwehrstreiks und -aktionen
       gegen Massenentlassungen und Betriebsstillegungen im norddeutsch-
       nordrhein-westfälisch-saarländischen "Krisenbogen". Die unmittel-
       bar betroffenen Teile der industriellen Arbeiterklasse wurden re-
       gional häufig  von Bürgerinitiativen  unterstützt, in  denen sich
       andere Teile  der Lohnabhängigen  und der  lohnabhängigen Mittel-
       schichten, insbesondere Frauen, Jugendliche und Kulturschaffende,
       engagierten. Teilweise entstanden in solchen Konflikten partielle
       Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen zwischen weit ausein-
       anderliegenden Betrieben gleicher Konzerne.
       Die Handlungsprozesse  in der  Binnenstruktur der gewerkschaftli-
       chen Streiks  1978/79 und  in den  Warnstreikbewegungen der Jahre
       1980/81 signalisierten  die Stabilisierung vorhergehender Tenden-
       zen:
       - Mit Hafen-,  Bau-, Textil- und Holzarbeitern, Postbeschäftigten
       und Metallarbeitnehmern  in sämtlichen  Regionen und Betriebsgrö-
       ßenklassen dehnten sich die einbezogenen Gruppen aus traditionel-
       len Sektoren der Arbeiterklasse quantitativ weiter aus.
       - Die Büro- und Verwaltungsrationalisierung und die - trotz Krise
       - stabil  hohe Berufstätigkeit  von Frauen  ließ die Einbeziehung
       von Angestellten  in Streiks  und Aktionen  langsam vom Ausnahme-
       zum Regelfall  werden, was sich insbesondere in den Warnstreikak-
       tionen der HBV seit 1978/79 zeigte.
       - In den Streikvorbereitungen der RFFU in den Rundfunk- und Fern-
       sehanstalten und in den Warnstreikaktionen der Lehrer 1979 wurden
       die Breitenwirkungen  sichtbar, die  die soziale  und funktionale
       Veränderung des Status großer Gruppen der Intelligenz und die be-
       wußtseinsmäßigen Rückwirkungen der Studentenbewegung auf ihre ge-
       werkschaftliche Orientierung  gehabt haben  und die  sich ansatz-
       weise auch in hochkonzentrierten staatlichen und privaten Wissen-
       schaftszentren zeigten.
       - In Aktionen  gegen Rationalisierung, Privatisierung, Stellenab-
       bau und  Verschlechterungen der  Arbeitsbedingungen wurden  gegen
       Ende der  70er und am Anfang der 80er Jahre größere Teile der Ar-
       beiter, vor allem aber Angestellte und z. T. Beamte des öffentli-
       chen Dienstes  (neben dem  Bildungs- besonders des Gesundheitswe-
       sen, der  Erziehungs- und Betreuungssektoren sowie der Bundesbahn
       und -post) aktiviert.
       
       2.3 Kampfebenen
       ---------------
       
       Die gewerkschaftliche  Aktivität erweiterte sich in den 70er Jah-
       ren auf  allen Kampfebenen. Weder war eine Dominanz noch gar eine
       lineare Entwicklungstendenz zum betrieblichen Sektor oder zum po-
       litisch-staatlichen Sektor  hin zu  erkennen.  Die  Rationalisie-
       rungspolitik, Betriebsstillegungen  und Entlassungen aktualisier-
       ten soziale  Kämpfe auf  der betrieblichen  Ebene, wenn übergrei-
       fende Probleme  nicht oder  nicht rechtzeitig  durch die  Gewerk-
       schaften auf  tarifpolitischer Ebene  angegangen wurden.  Die be-
       trieblichen Konfliktgegenstände  wurden jedoch  in kürzeren  oder
       längeren  Zeitabständen  tarifpolitisch  verallgemeinert  und  in
       Streiks organisiert durchgesetzt.
       Soziale Konflikte  mit dem  Staat als  Arbeitgeber  (öffentlicher
       Dienst) erwiesen  sich nur  in  Nuancen  politischer  als  andere
       Streiks gleicher Dimension. Verbesserungen der gesellschaftlichen
       Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft wurden vor allem im en-
       gen Kontext  mit Beschäftigungsproblemen  in diesen  Sektoren von
       den Betroffenen selbst thematisiert. In den betrieblichen Streiks
       gegen den  Versuch, die  SPD/FDP-Bundesregierung 1972 zu stürzen,
       und in  betrieblichen Warnstreiks bzw. Demonstrationen zum Erhalt
       der Montanmitbestimmung, für ein juristisches Verbot der Aussper-
       rung, für  staatliche Beschäftigungsprogramme  und ein  Recht auf
       Arbeit sowie  gegen die  umfangreichen Kürzungen  der Sozialhaus-
       halte Ende 1981 erwies sich die Mobilisierungsfähigkeit zumindest
       von Teilen  der industriellen  Arbeiterklasse und  Lohnabhängigen
       der neuen  Sektoren gegen  die Politik des Staates oder einzelner
       seiner Apparate.  Die Heterogenität der Kampf ebenen reflektierte
       neben der Logik der Kampfgegenstände auch die fehlende politische
       Führungsarbeit der Gewerkschaften.
       
       2.4 Kampfformen
       ---------------
       
       Die Kampfformen wurden in den 70er Jahren erstmals nach den Kämp-
       fen zwischen  1948 bis  1952 wieder  vielfältiger. Neben  gewerk-
       schaftlich organisierte  Streiks traten  zwei spontane Streikwel-
       len, Warnstreikwellen und 1978 begleitende Sympathie- und Solida-
       ritätsstreiks. Betriebliche Kampfformen bis hin zu Betriebsbeset-
       zungen, Anfang  der 70er  Jahre noch als Novum betrachtet, wurden
       Anfang der  80er Jahre fast normale Aktionsformen gegen Betriebs-
       schließungen und  Verlagerung von Produktionsmitteln. Sie dienten
       als Organiations- und Kommunikationsbasis und vor allem als poli-
       tisches Protestsymbol.
       Reflektierte sich  Anfang der 70er Jahre im selbständigen Handeln
       in den spontanen Streiks noch das unbefangene Bewußtsein sicherer
       Arbeitsplätze angesichts  von Prosperität  und Vollbeschäftigung,
       so drückten sich die verschlechterten gesellschaftlichen Kampfbe-
       dingungen  seit   1974/75  zuerst   in  einer  relativen  Zunahme
       g e w e r k s c h a f t l i c h   organisierter Streiks  aus, die
       den Bedarf  an Sicherheit  durch gewerkschaftliche Mobilisierung,
       Führung und  Leitung  signalisierten.  Selbständiges  kollektives
       Agieren in betrieblichen Abwehrkämpfen hingegen reflektiert schon
       ein Maß an arbeitsmarktpolitischer - betrieblicher und regionaler
       - Perspektivlosigkeit,  die individuelle Ausweichstrategien bloc-
       kiert und  die Hemmschwelle  für kollektive Aktionsformen mit zu-
       nehmender Militanz stark herabsetzt. Sie koexistieren eng mit re-
       signativen Bewußtseinsformen.  Beide Momente  können in Abhängig-
       keit von subjektiven Faktoren (Agieren der betrieblichen Interes-
       senvertretung, der  Gewerkschaften etc.) innerhalb kurzer Fristen
       ineinander übergehen.
       Studentische Aktionsformen  der 60er Jahre kopierten neben Formen
       der amerikanischen  Bürgerrechtsbewegung klassische Protestformen
       der Arbeiterbewegung.  Die Gewerkschaftsbewegung integrierte ihre
       Vielfalt und Militanz mit zeitlicher Verzögerung. Der wechselsei-
       tige Austausch der Kampfformen von Arbeiter- und Bürgerinitiativ-
       bewegungen intensivierte  sich im Verlauf der 70er Jahre und kann
       als Indiz  von Annäherungs- und Überschneidungsprozessen gewertet
       werden.
       
       2.5 Soziale Bedürfnisse in den Konfliktinhalten
       -----------------------------------------------
       
       Zentrum der sozialen Kämpfe der 70er Jahre blieben die Lohnforde-
       rungen. Staatliche  Einkommenspolitik und Inflation komplizierten
       diese Lohnkämpfe.  Sie erforderten die Entwicklung klassenautono-
       mer Orientierungen  gegenüber  korporativistischen  Institutionen
       wie der "Konzertierten Aktion", aber auch selbständige Aktionsbe-
       reitschaft gegenüber  Gewerkschaftsführungen, die sich den Orien-
       tierungen solcher  Institutionen unterwarfen. Die Integration der
       "einfachen" Lohnforderung  in ein  komplexes  alternatives  Wirt-
       schaftsentwicklungsmodell wurde  die Mobilisierungsgrundlage  für
       den Streik der IG Druck und Papier 1976.
       In dem Maße, wie seit 1974/75 neben dem allgemeinen inflationären
       Trend immer  mehr gesellschaftliche  Reproduktionsleistungen  auf
       das Kostendeckungsprinzip  umgestellt werden  (öffentlicher  Ver-
       kehr, Kindergärten,  kommunale  Infrastrukturleistungen),  bleibt
       der Stellenwert  der Nettorealgeldeinkommen  für die Qualität der
       individuellen und familiären Lebensweise erhalten und weitet sich
       tendenziell mit  der  Durchkapitalisierung  aller  Lebenssektoren
       (z.B. Freizeit, Kultur, Kindererziehung) sogar noch aus. Lohnfor-
       derungen ist  somit schon  ein komplexes Verhältnis quantitativer
       und qualitativer  Elemente inhärent.  Auch ein  relevanter Anteil
       sozialer Bedürfnisse  bedarf zu  seiner Befriedigung  materieller
       Voraussetzungen.
       Zudem brechen  sich im Rahmen der Lohnforderungen weitere Momente
       neuer sozialer Bedürfnisse und reflektieren gewerkschaftliche und
       demokratische Wertorientierungen:
       - Die zunehmend  in den Wertorientierungen von Frauen sich verfe-
       stigende Berufstätigkeit,  die neben den materiellen Aspekten vor
       allem  die   Bedürfnisse  nach   Persönlichkeitsentfaltung,  nach
       Gleichberechtigung,  nach  vielseitigeren  sozialen  Erfahrungen,
       Kommunikations- und Sozialbeziehungen ausdrückt 32), hat zu einem
       intensiveren Engagement der Frauen in der Gewerkschaftsarbeit ge-
       führt, die  in Forderungen  und Aktionen  nach Lohngleichheit und
       Streichung sogenannter  Leichtlohngruppen ihren  ersten  Ausdruck
       gefunden hat. 33)
       - Auch in den Kontroversen um prozentuale oder lineare Lohnforde-
       rungen, die  gegen die  Hierarchisierungs- und Spaltungstendenzen
       des Kapitals  gerichtet sind, reflektieren sich veränderte Werto-
       rientierungen. Lineare  Lohnforderungen wurden  nicht allein  von
       den unmittelbar  interessierten Vertretern  der unteren Lohngrup-
       pen, sondern  z. T. auch von Gruppen aus höheren Eingruppierungs-
       stufen vertreten,  die aus einer längerfristigen gewerkschaftspo-
       litischen Perspektive heraus argumentierten.
       - Das Vordringen  egalitärer, gewerkschaftlicher  und  demokrati-
       scher Orientierungen  signalisieren tarifpolitische Konzeptionen,
       die auf  den Abschluß  gemeinsamer Lohn-  und Manteltarifverträge
       für Arbeiter  und Angestellte bzw. im öffentlichen Dienst für ein
       einheitliches Personalrecht  dringen. Ihnen liegen sozialstruktu-
       relle, berufliche und tätigkeitsspezifische Annäherungen zwischen
       zahlreichen Arbeiter- und Angestelltentätigkeiten zugrunde. Stän-
       dischen Interessenvertretungen ist es nur partiell gelungen, Eli-
       ten- und  Privilegiendenken gegen solche Strategien zu mobilisie-
       ren.
       - In den Vorüberlegungen zu neuen Modellen der Grundlohndifferen-
       zierung spielt  die Reduzierung analytischer Arbeitsbewertungssy-
       steme zugunsten  geringer differenzierter  Lohnsysteme mit großen
       nichtvariablen Lohnbestandteilen eine gewichtige Rolle.
       - Im Druckerstreik  1976 und im Hafenarbeiterstreik 1978 sowie in
       einer Reihe  der betrieblichen Streiks 1973 haben Lohnforderungen
       eine deutliche  Kompensationsfunktion erfüllt. Rationalisierungs-
       erfahrungen und Arbeitsintensivierung, die nur schwer in alterna-
       tive Forderungen umsetzbar erschienen, produzierten soziale Ener-
       gien und  Bedürfnisse, die  ihren ersten Ausdruck in leichter er-
       kämpf- und formulierbaren Lohnforderungen fanden. 34)
       In der  zukünftigen  Ausarbeitung  klassenautonomer  Tarifpolitik
       wird neben  dem Volumen  der Forderungen auch ihrer Struktur, ob-
       jektiv wie  im Bewußtsein  der Handelnden,  ein hoher Stellenwert
       zukommen. Noch komplizierter stellt sich das Verhältnis von Volu-
       men und Struktur und damit das Problem der Abstimmung sehr unter-
       schiedlicher Bedürfniselemente  dar, wenn man die Problemkomplexe
       Arbeitsbedingungen, Leistungsverausgabung  und Arbeitszeit einbe-
       zieht.
       Der Streik  der IG  Metall in  Nordwürttemberg/Nordbaden 1973 für
       den Lohnrahmentarifvertrag  II (LRTV)  thematisierte  organisiert
       die schon in den spontanen Streiks 1973 artikulierten Bedürfnisse
       nach   K o n t r o l l e   d e r   A r b e i t s b e d i n g u n-
       g e n,   des Volumens  und der  Formen der Leistungsverausgabung.
       Der LRTV  II beinhaltete  die  Einschränkung  der  Manipulations-
       möglichkeiten bei  Akkordarbeit, Erholzeiten,  ungestoppte Zeiten
       für   persönliche    Bedürfnisse,   Taktzeitbeschränkungen    bei
       Fließarbeit und  Absicherungen für  ältere Lohnabhängige.  35) Er
       fand seine  Fortsetzung in  b e t r i e b l i c h e n  Kämpfen um
       Betriebsvereinbarungen über  Arbeits- und  Entlohnungsbedingungen
       im Einsatz neuer Technologien, über neue Leistungsbewertungs- und
       Personalinformationssysteme  sowie   in  den   gewerkschaftlichen
       Streiks 1978/79 für  t a r i f v e r t r a gl i c h e  Regelungen
       gegen die  Rationalisierungsfolgen  (Mindestmaschinenbesetzungen,
       Qualifikationsbewertungen,   Sicherung   des   durchschnittlichen
       betrieblichen Qualifikationsniveaus,  Schutz vor  Dequalifikation
       und Abgruppierung).  36) "Hinter der vermeintlichen vornehmlichen
       Lohnorientierung   der    Arbeitnehmer   bei    der   Kritik   an
       Abgruppierungsprozessen   (wurde)   ein   komplexes   Bündel   an
       Interessen sichtbar", so eine soziologische Begleitstudie zum IG-
       Metall-Streik  1978   in  Baden-Württemberg.   "Die  während  der
       Tarifauseinandersetzung    sichtbar     gewordene     Interessen-
       artikulation... macht  noch deutlich, in welchem Maße - betriebs-
       wie lebensgeschichtlich - von Wünschen und Interessen an fachlich
       interessanter  Arbeit,   an  Arbeitsbedingungen   mit  Zeit-  und
       Kommunikationsreserven, an  fehlendem Streß, an Arbeitsfreude und
       an Entwürfen  von  Arbeitsidentität  ausgegangen  bzw.  dies  zu-
       rückerinnert wird." 37)
       Auch  die   Forderung  nach    A r b e i t s z e i t v e r k ü r-
       z u n g   (35-Stunden-Woche) im  Stahlstreik 1978/79 reflektierte
       neben den  Arbeitsmarkt- und Reproduktionsinteressen zugleich so-
       ziale Bedürfnisse.  Die Ausdehnung  der freien Zeit für nichtent-
       fremdete Hobbyarbeit,  für sportliche  und kulturelle Betätigung,
       für Bildung  und Weiterbildung,  für Kindererziehung, Reisen, so-
       ziale Kontakte und Kommunikation, kurz für die Realisierung eines
       sozial aktiven,  sinnerfüllten Lebens wird zunehmend höher bewer-
       tet als  die in  vergleichbarer Zeit  erzielbaren  Geldeinkommen.
       Dieser Trend  setzt sich  allerdings -  angesichts der oben skiz-
       zierten  Relevanz  der  Geldeinkommen  für  all  diese  Reproduk-
       tionsformen  in  der  freien  Zeit  und  angesichts  der  starken
       Einkommensdifferenzierungen - vor allem unter solchen Gruppen der
       Lohnabhängigen durch,  deren Lohnniveau  (zumindest familiär)  so
       weit über  dem normalen  Lebensstandardniveau liegt,  daß Anteile
       gegen freie  Zeit austauschbar  erscheinen. Indizien dafür bieten
       die  zunehmend   militanter  gestellten   Forderungen  nach  Ein-
       schränkung der  Überstundenarbeit bzw.  ihrer Abgeltung durch an-
       derweitig verfügbare  freie Zeit, die Auseinandersetzungen um die
       Schichtarbeit,  Forderungen  nach  nicht  sozial  diskriminierten
       Teilzeitarbeitsplätzen, also  nach insgesamt flexibleren Möglich-
       keiten, das Verhältnis von Arbeitszeit und freier Zeit zu gestal-
       ten. Die  abnehmende Bereitschaft, die monetäre Abgeltung gesund-
       heitsschädigender  Arbeitsbedingungen  hinzunehmen,  findet  also
       ihre Parallele im Bereich der Arbeitszeit.
       Diese Tendenzen  in der  Bedürfnisentwicklung werden  sich weiter
       verstärken. Ob  die darin enthaltenen Möglichkeiten zur Realisie-
       rung solcher  Bedürfnisse nur  privilegierten Teilen der Bevölke-
       rung vorbehalten  bleiben -  und damit  auch Spannungen  zwischen
       verschiedenen Fraktionen der Lohnabhängigen erzeugt werden - oder
       auch der breiten Masse der Lohnabhängigen zugute kommen, wird mit
       vom Kampf der Gewerkschaften abhängen.
       Das seit  1974 wieder  akute   "R e c h t   a u f    A r b e i t"
       wurde nicht  allein als beschäftigungspolitische Forderung an den
       Staat adressiert,  sondern in  betrieblichen Abwehrkämpfen  gegen
       Betriebsstillegungen und Massenentlassungen konkretisiert. An die
       Stelle der monetären Entgeltung des Arbeitsplatzverlustes qua So-
       zialplanregelungen  treten   zunehmend  Forderungen  und  soziale
       Kämpfe für die Erhaltung der Arbeitsplätze, werden z.T. sogar ei-
       gene Programme zur Umstrukturierung der Produktion entworfen, die
       mit gesamtgesellschaftlichen Bedarfsrechnungen begründet werden.
       Dies gilt auch für einige Bereiche des öffentlichen Dienstes, die
       der gesellschaftlichen Reproduktion der Lohnabhängigen dienen. In
       diesen Bereichen  verbindet sich  vielfach das Arbeitsplatzinter-
       esse  mit   den  gesellschaftlichen  Reproduktionsinteressen  der
       Lohnabhängigen. Aus  dieser Interessenverflechtung heraus konsti-
       tuierten sich 1981/82 zahlreiche Aktionen zur Erhaltung öffentli-
       cher Dienstleistungen  und zur  Arbeitsplatzsicherung. Da gewerk-
       schaftlich initiierte  und organisierte Aktionen in diesem Sektor
       zumeist um die Arbeitsplatzproblematik zentriert sind - im Gegen-
       satz zur weiter gefaßten programmatischen Orientierung des DGB -,
       wurden gesellschaftliche  Reproduktionsbedürfnisse  in  den  70er
       Jahren vorwiegend  und zunehmend durch Bürgerinitiativen und ähn-
       liche soziale Bewegungen aktionsbezogen artikuliert. Vor allem im
       Bildungs-, Erziehungs-  und Wissenschaftssektor  kam es  zu einer
       aktiven Kooperation zwischen Bewegungen der Betroffenen (Schüler,
       Studenten, Eltern)  und den  Gewerkschaften (GEW/ÖTV).  Im Ansatz
       entwickelten sich ähnlich kooperative Beziehungen im Gesundheits-
       sektor, in Bereichen der Sozialarbeit, der Bahn und der Post. Ty-
       pisch ist  aber die  organisatorische Arbeitsteilung und Verselb-
       ständigung geblieben:  Gewerkschaften entwickelten Gegenmacht für
       arbeitsplatzzentrierte Bedürfnisse  und bezogen gesellschaftliche
       Bedürfnisse in ihre Argumentation mit ein, Bürgerinitiativen ent-
       falteten aktionsbezogene  Gegenmacht für  örtliche und  regionale
       Reproduktionsbedürfnisse.
       In einer  Reihe von  Widerspruchskomplexen führte diese Situation
       zur scharfen  politischen Konfrontation. Das gilt in erster Linie
       für die  Komplexe Umweltzerstörung,  Kernkraftwerke 38), Großbau-
       projekte 39)  und die davon besonders berührten Gewerkschaften IG
       Bergbau und  Energie, IG Chemie und IG Bau, Steine, Erden. Diffe-
       renzierter entwickelten  sich die  Beziehungen im  Sektor der Rü-
       stungsproduktion, in  dem z.B.  die IG Metall Initiativen von Be-
       triebsräten der  Rüstungsindustrie zur "Liberalisierung" der Waf-
       fenexporte stoppte  und betriebliche Initiativen zur Rüstungskon-
       versionsforschung unterstützte.  40) Neben  der unterschiedlichen
       Betroffenheit der  einzelnen Gewerkschaften von Konfliktsituatio-
       nen zwischen gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen und partikula-
       ren Arbeitsplatzinteressen  spielen mithin auch die ideologischen
       Wertorientierungen der  betroffenen Gewerkschaften  eine wichtige
       Rolle im Entscheidungsprozeß.
       Ende der  60er Jahre waren die systematischen Neuordnungskonzepte
       des DGB-Gründungskongresses 1949 (Mitbestimmung, Nationalisierung
       der Schlüsselindustrien,  Planwirtschaft) zugunsten pragmatischer
       Mitarbeit in der Konzertierten Aktion an den Rand gewerkschaftli-
       cher Programmatik  gedrängt worden.  Erst die  Diskussion um  die
       "Qualität des  Lebens", später  das Problem der Arbeitslosigkeit,
       belebten  die  Ausarbeitung    w i r t s c h a f t s p o l i t i-
       s c h e r   A l t e r n a t i v k o n z e p t e   in den  Gewerk-
       schaften. Kristallisationspunkt  systematischer Alternativen  und
       nicht nur  partieller Korrekturen  des Marktprozesses wurden seit
       Mitte der  70er Jahre  die Alternativgutachten der "Memo-Gruppe",
       die in ihren letzten Arbeiten unter dem Begriff des "qualitativen
       Wachstums" die  Bedürfnisse nach einer ökologischen, vollbeschäf-
       tigungsorientierten und humanen Produktion integrierte.
       Die Rezeption  und Verbreitung  gesellschaftlicher Alternativpro-
       gramme, zu denen sich sukzessive zahlreiche Strukturentwicklungs-
       pläne für  einzelne Regionen oder Sektoren (z.B. Schulen) gesell-
       ten, verweist  zugleich auf die differenzierte Formierung der so-
       zialen Bedürfnisse.  Sie sind  unter den betrieblichen Kadern der
       industriellen Arbeiterklasse  dort verbreitet,  wo Konflikte  und
       soziale Kämpfe  in Verbindung  mit gewerkschaftlicher  Schulungs-
       und Bildungsarbeit  Lernprozesse auslösen und die Aneignung stra-
       tegischer Konzeptionen  ermöglichen. Zweitens verbreiten sie sich
       in Gruppen  der Arbeiterklasse  und  der  lohnabhängigen  Mittel-
       schichten, deren generell höhere Allgemeinqualifikationen die Re-
       zeption verallgemeinerter,  strategischer  Überlegungen  erleich-
       tert. Anstöße  gehen aber  auch in diesen Gruppen von Partialkon-
       flikten aus  (Ökologie, Arbeitslosigkeit,  Enthumanisierung, Ent-
       fremdung), deren  gesellschaftliche Ursachen  analysiert  werden.
       Und drittens  werden sie  vor allem von aktiven ehren- und haupt-
       amtlichen Funktionären der Gewerkschaftsbewegung auf allen Ebenen
       aufgenommen, die gleichermaßen über die erfahrbaren Grenzen ihrer
       Alltagsarbeit wie  über die  ideologischen Traditionen der Arbei-
       terbewegung dafür offen sind.
       Zwischen alltäglichen  Schutzbedürfnissen und gesellschaftsverän-
       dernden Alternativen  liegen  M i t b e s t i m m u n g s-  u n d
       K o n t r o l l f o r d e r u n g e n   im  Schnittpunkt  gewerk-
       schaftlicher, demokratischer,  aber auch sozialistischer Wertori-
       entierungen. Mitbestimmungsrechte  können im betrieblichen Alltag
       und in  den privatkapitalistischen und staatlichen Entscheidungs-
       prozessen die  sozialen Interessen  in rasch wechselnden Problem-
       komplexen sichern  helfen, denn  Tarifverträge greifen  meist  zu
       spät. Gegen  Ende der  60er Jahre wurden Mitbestimmungsrechte und
       die  Demokratisierung   in  nahezu  allen  Gesellschaftsbereichen
       gefordert. 41)  Die gewerkschaftliche Bewegung für ein neues Mit-
       bestimmungsgesetz, die auf die SPD und den parlamentarischen Pro-
       zeß fixiert  wurde, blieb  im Kern begrenzt auf gewerkschaftliche
       Aktivisten. Die  umfassenden Mobilisierungsmöglichkeiten  der Ge-
       werkschaften in  der  Abwehr  von  Plänen  zur  Liquidierung  der
       Montanmitbestimmung im  Mannesmann-Konzern beweisen  dennoch  die
       breite Verankerung der Mitbestimmungsforderung. Allein am 29./30.
       Juli 1980  legten dafür  50 000 Arbeiter  spontan die  Arbeit  in
       zahlreichen Betrieben der Stahlindustrie nieder. 42)
       Auch zahlreiche  neue Befragungen belegen die ungebrochene - oder
       neu belebte? - Bedeutung der sozialen Bedürfnisse nach Mitbestim-
       mung über  die    Herrschafts i n h a l t e    (betriebliche  und
       staatliche Planung über das Was, Wie, Für wen der Produktion) und
       der   Herrschafts f o r m e n   (Demokratisierung  der  Entschei-
       dungsstrukturen: Offenlegung,  Kontrolle, Beteiligung). Unter den
       gewerkschaftlichen Aktivisten  und  Funktionären  wie  unter  den
       höherqualifizierten  Lohnabhängigengruppen   ergeben  sich  über-
       durchschnittlich  hohe  Prioritäten  für  die  gewerkschaftlichen
       Mitbestimmungsforderungen, verglichen  mit anderen Forderungskom-
       plexen. 43)
       Die praktische  Erfahrung der unzulänglichen Mitbestimmungskompe-
       tenzen nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 verwies die Gewerk-
       schaften auf  die originäre Entfaltung von Gegenmacht durch Orga-
       nisations- und Kampfkraft zurück. 44) Die Konfliktverläufe beleb-
       ten aber  auch  die  innergewerkschaftlichen  "Mitbestimmungsfor-
       derungen"   (Kontrolle    gewerkschaftlicher   Mandatsträger   in
       Mitbestimmungsinstitutionen, innergewerkschaftliche Demokratie).
       
       3. Organisationsentwicklung und politische Prozesse
       ---------------------------------------------------
       in der gewerkschaftlichen Organisation
       --------------------------------------
       
       Wie intensiv  die sozialen Bedürfnisse von Lohnabhängigen subjek-
       tiv ausgeprägt sind, die Arbeits- und Lebensbedingungen der eige-
       nen Kontrolle  zu unterwerfen und dabei die Entwicklungsschranken
       der kapitalistischen  Vergesellschaftung in Frage zu stellen, ist
       auch an der gewerkschaftlichen Organisationsentwicklung ablesbar.
       Mitgliedschaft in  den Gewerkschaften,  die Übernahme von gewerk-
       schaftlichen und  betrieblichen  Interessenvertretungstätigkeiten
       und -funktionen  sowie das politische Verhalten innerhalb der Or-
       ganisation können als Indikatoren für die kollektive Handlungsbe-
       reitschaft gelten.  In einzelnen Gewerkschaftsbereichen sind zwar
       die Mitgliedschaft  und die Vertrauensleute- und Betriebsrätewah-
       len als selbstverständliche, traditionelle Routinevorgänge in die
       politische Alltagskultur  eingegangen und  werden  vom  einzelnen
       nicht in  bewußter Reflexion  unmittelbarer oder perspektivischer
       Konflikte, seiner  konkreten Bedürfnisse,  Ziele und ihrer Durch-
       setzungschancen vollzogen.  Aber im allgemeinen müssen doch immer
       wieder gesellschaftliche Widersprüche die Bedürfnisintensität für
       eine gewerkschaftliche  Organisierung steigern  und  die  Gewerk-
       schaften periodisch  ihre Interessenvertretungskompetenzen  unter
       Beweis stellen,  wenn sie  nicht einem  schnellen oder  langsamen
       (über Fluktuation  und Generationswechsel vermittelten) Erosions-
       prozeß ihres Mitgliederstamms und Organisationsgrades unterliegen
       wollen.
       Zudem sind auch geringer motivierte Mitglieder und Funktionäre in
       den politischen Sozialisationsprozeß der gewerkschaftlichen Orga-
       nisation einbezogen,  der über  die intensivere  Teilhabe an  be-
       trieblichen und gesellschaftlichen Konflikten und die organisati-
       onsinternen Prozesse (Tätigkeiten, Bildungsarbeit, Versammlungen)
       vermittelt ist,  und in dem die noch diffusen Bedürfnisse auf ge-
       werkschaftliche Ziele  hin strukturiert  werden. Schließlich  ist
       die gewerkschaftliche  Organisierung und  Tätigkeit nach  wie vor
       eine mit vielfachen beruflichen, sozialen und politischen Diskri-
       minierungen verknüpfte  Entscheidung geblieben,  die deshalb  vor
       allem in gewerkschaftlich gering erschlossenen Sektoren weiterhin
       als Indiz bewußter Entscheidung für gewerkschaftlich artikulierte
       Bedürfnisse gelten  kann. 45) Insofern spiegeln sich in der Orga-
       nisationsentwicklung deutlich  die schon  in den sozialen Kämpfen
       erkennbaren Trends.
       
       3.1 Organisationsentwicklung
       ----------------------------
       
       Die Mitgliederzahl  in den  DGB-Gewerkschaften stieg von 5,4 Mil-
       lionen 1950  auf 7,9  Millionen Mitglieder 1981, genau um 46 Pro-
       zent. Erst  mit dem  Wiederaufbrechen der  sozialen Widersprüche,
       Konflikte und  Kämpfe seit 1969/70 hat sich der Organisationsgrad
       wieder dem  Niveau der 50er Jahre angenähert. Die Schere zwischen
       einer Bejahung  der Gewerkschaften  und dem realen Organisations-
       verhalten hat sich in dem Maße geschlossen, wie die Notwendigkeit
       kollektiver Strategien  zur Verbesserung und Verteidigung der in-
       dividuellen und  kollektiven Reproduktionsbedingungen den Lohnab-
       hängigen bewußt  wurde. Zentren  der gewerkschaftlichen Organisa-
       tion bleiben  die industriellen  Arbeiter in  Großbetrieben.  Die
       höchsten  Zuwachsraten  haben  indes  die  Angestellten  und  die
       Frauen. Der Angestelltenanteil im DGB wuchs von 16,8 Prozent 1973
       auf 21,4 Prozent 1981, der Frauenanteil von 16,5 Prozent auf 20,7
       Prozent. Zwischen 1979 und 1981 verzeichneten nur noch die Frauen
       und Angestellten  einen starken Mitgliederzuwachs um 7,1 bzw. 5,8
       Prozent, während  der Zuwachs bei den männlichen Mitgliedern ins-
       gesamt lediglich 0,6 Promille betrug.
       Diese Ergebnisse  wurden trotz  rückläufiger Lohnabhängigenzahlen
       erzielt. Das  wurde nicht  zuletzt durch  eine Intensivierung der
       Organisationsarbeit möglich,  die sich  in der Ausweitung der als
       Vertrauensleute und Betriebsräte agierenden Gewerkschaftsmitglie-
       der ausdrückt.  Mit der  Zunahme sozialer  und betrieblicher Kon-
       flikte wuchsen  die Bereitschaft und der Zwang zu gewerkschaftli-
       chem Engagement  für die Lohnabhängigen und die Notwendigkeit für
       die Gewerkschaften,  ihre organisatorische  Verankerung betriebs-
       und basisnäher  zu gestalten.  In fast allen Gewerkschaften wurde
       deshalb die Vertrauensleutearbeit in den 70er Jahren ausgeweitet;
       häufig wurden  Vertrauenskörper oder  gewerkschaftliche Betriebs-
       gruppen überhaupt  erst langsam aufgebaut. Exemplarisch zeigt die
       Entwicklung der IG Metall diesen Intensivierungsprozeß: 46)
       
       Tab.:
       Wahlformen der IG-Metall-Vertrauensleute im Bundesgebiet
       
                       A        B        C        D        Gesamt
       
       1967        43 132   20 510   27 992    5 531       88 000
       %             49       23,3     31,8      6,3          -
       1979       100 507   11 352      -      7 239      119 098
       %             84,3      9,5      -        6,0          -
       _____
       A: im Wirkungsbereich im Betrieb gewählt
       B: in der Mitgliederversammlung gewählt
       C: von IGM-Mitgliedern im Betriebsrat ernannt
       D: von der Ortsverwaltung berufen
       
       Wurden 1967  nur 49  Prozent der  Vertrauensleute im  Betrieb ge-
       wählt, so  waren es  1979 84 Prozent. Daß diese betriebs- und ba-
       sisnähere Gestaltung  der gewerkschaftlichen  Organisation  nicht
       als passiver, von oben administrierter bürokratischer Vorgang be-
       griffen werden  kann, zeigten  die Konflikte  in der IG Chemie um
       die Ablösung  der betrieblichen  durch gewählte gewerkschaftliche
       Vertrauensleute auf dem Gewerkschaftstag 1980 sowie die nach lan-
       gen Diskussionen  in der ÖTV verabschiedeten Richtlinien zur Ver-
       trauensleutearbeit, die ihre bessere Absicherung in der Organisa-
       tion ermöglichten.  Wie in den Konflikten in der IG Metall um die
       Kompetenzen der  Vertrauensleute in  der Satzung reflektiert sich
       in diesen  Auseinandersetzungen das  Bedürfnis nach  effektiverer
       betrieblicher Gegenmacht  und basisnäheren  Handlungskompetenzen.
       47)
       Schätzungen der  aktiven Mitglieder  von Bürgerinitiativen  lagen
       für 1975/1977 zwischen 60 000 und 170 000 Personen. 48) Das fände
       zum Beispiel  eine Entsprechung  in den  151 807 Betriebsratsmit-
       gliedern in  der BRD,  die  dem  DGB  angehören  und  als  solche
       zugleich zahlreiche  gewerkschaftliche Funktionen  bekleiden. Al-
       lein in  der IG  Metall sind  zu 56873 gewählten Betriebsratsmit-
       gliedern 1978  noch einmal 88901 (ohne Überschneidungen) 1979 ge-
       wählte Vertrauensleute  und 5  435  IG-Metall-Jugendvertreter  zu
       zählen. 49)  Im Verhältnis zu den eher diskontinuierlich, an kon-
       kreten Konflikten  im Reproduktionssektor  orientierten  Bürgeri-
       nitiativen -  deren organisatorische Stabilität mit der Konflikt-
       zunahme und der Bedürfnisentwicklung zunehmen dürfte - sind diese
       in  relativ   kontinuierliche  Interessenvertretungsarbeit  inte-
       griert.  Gerade  unter  gewerkschaftlichen  Funktionsträgern  er-
       schöpft sich  die Tätigkeit  nicht in  der betrieblichen  Arbeit,
       sondern bezieht  sich auch auf die übergreifenden gesellschaftli-
       chen Probleme.  Wie Untersuchungen  zeigen, repräsentieren solche
       Aktivisten besonders  akzentuiert gewerkschaftliche Wertorientie-
       rungen und  sind überdurchschnittlich mobilisierbar. 50) Ihre Ar-
       beit selbst  drückt zugleich  das Bedürfnis  nach aktiver Mitwir-
       kung, Mitbestimmung  und Kontrolle  - mithin demokratische Orien-
       tierungen - aus. So wären von ihnen 61 Prozent bestimmt bereit zu
       "spontanen Versammlungen  am Arbeitsplatz"  (gegenüber 45 Prozent
       der Mitglieder).  Es verwundert  deshalb auch  nicht, daß für Ge-
       werkschaftsmitglieder und  Jugendliche übereinstimmend progressi-
       vere gesellschaftspolitische  Einstellungen (gegenüber  allen Be-
       fragten, ausgenommen  den Themenkomplex  Kernkraftwerke)  festge-
       stellt wurden. 51)
       
       3.2 Entwicklung autonomer Handlungsfähigkeit
       --------------------------------------------
       
       Zugleich bilden  die gewerkschaftlich  organisierten Betriebsräte
       plus Vertrauensleute, Betriebsgruppen und Ortsvereine eine Infra-
       struktur, die  in Konfliktsituationen  die Mitgliedschaft  und in
       Streiks häufig  auch große Teile der unorganisierten Lohnabhängi-
       gen zu  mobilisieren vermag. Die Warnstreikaktionen der IG Metall
       1981 mit  3 Millionen Teilnehmern, die 7632 Betriebe in allen Be-
       zirken erfaßten, zeigt das Potential exemplarisch, denn die Lega-
       lität dieser  Warnstreikaktionen wurde von den Unternehmerverbän-
       den in  Frage gestellt,  und den  Beteiligten wurden die entspre-
       chenden Stundenlöhne vom Gehalt abgezogen. 52)
       In diesen  Warnstreikaktionen spielte  der organisierende Einfluß
       der Gewerkschaft  zwar eine  große Rolle.  Gleichwohl setzten sie
       ein größeres  Maß an  selbständiger betrieblicher  Initiative als
       ein gewerkschaftsoffizieller  Streik voraus.  Nach den  spontanen
       Streiks 1969 und 1973 können die Dimensionen der Warnstreikaktio-
       nen 1981  und die  Fähigkeit zu einer solchen Gewerkschaftstaktik
       zugleich als  Beleg für  die in den 70er Jahren intensivierte ge-
       werkschaftliche Basisverankerung  über Betriebsräte  und Vertrau-
       enskörper gewertet werden. Dies gilt gleichermaßen für andere Ge-
       werkschaften, die  ihre Infrastruktur nach dem Vorbild der IG Me-
       tall und  der IG Druck und Papier in unterschiedlichem Ausmaß zum
       Betrieb hin  erweitert haben,  damit kampffähiger wurden und dies
       in fast allen Bereichen, mindestens mit größeren Warnstreikaktio-
       nen während  der Tarifrunden  - Anfang der 70er Jahre noch nahezu
       ein Privileg der IG Metall -, dokumentierten.
       
       3.3. Zentren und informelle Strukturen
       --------------------------------------
       
       Die  Integration  der  Gewerkschaftsführungen  in  globale  wirt-
       schaftspolitische Strategien des Staates seit Bildung der Konzer-
       tierten Aktion hatte nicht nur zu starken innergewerkschaftlichen
       Debatten (z.B.  IGM-Gewerkschaftstag 1971)  bis zum Austritt 1977
       geführt, sondern auch zu den zwei spontanen Streikwellen 1969 und
       1973, in denen die sozialpartnerschaftliche Lohnpolitik durch ei-
       genständiges Handeln  korrigiert wurde. Typisch unter organisati-
       onspolitischen Gesichtspunkten war dabei, daß die Streiks jeweils
       von gewerkschaftlich  hochorganisierten Großbetrieben  ausgingen,
       die über  Kampferfahrungen verfügten,  deren formelle  und infor-
       melle gewerkschaftliche  und betriebliche Führungsgruppen zumeist
       über klassenorientierte  Positionen verfügten  und deren  Politik
       sich auf  eine starke Legitimation und Mobilisierungsbereitschaft
       stützen konnte.  Erst in einem allgemeinen Streikklima wurden Be-
       triebe peripherer  Regionen in  solchen Streikwellen mitgerissen.
       Selbst in  den betrieblichen  Streiks gegen  den CDU/CSU-Versuch,
       die Bundesregierung  zu stürzen, wurde 1972 die relativ konstante
       Struktur initiierender  Betriebe und  Belegschaften sichtbar, die
       quasi als  Zentren der Bewegung fungieren. Auch innerhalb der ge-
       schlossenen Strukturen  des Stahlarbeiterstreiks 1978/79 reprodu-
       zierte sich in konkreten politischen Initiativen, in der Intensi-
       tät der  Streikbeteiligung und der Entwicklung kultureller Formen
       des Streiks  die informelle  Führungsrolle der  Belegschaften und
       Funktionäre solcher  Betriebe und Unternehmen wie Hoesch, Mannes-
       mann, Klöckner. 53)
       Eine besonders zugespitzte Konfliktsituation und die Handlungsbe-
       reitschaft und -fähigkeit der jeweiligen gewerkschaftlichen Orga-
       nisation ließen  z.B. die  IG Druck  und Papier und die IG Metall
       Baden-Württembergs zu Zentren des Kampfes gegen die Rationalisie-
       rungsfolgen 1978,  die IG  Metall Hamburgs, des Saarlands und des
       Ruhrgebiets zu Zentren betrieblicher und tariflicher Kämpfe gegen
       die Arbeitslosigkeit zwischen 1975 und 1979 werden. 54)
       Solche im  DGB kaum  koordinierten informellen  Strukturen traten
       quer zu zentralen sozialpartnerschaftlichen Orientierungen in den
       DGB-Gewerkschaften in  Aktion, wenn  diese -  zumeist wegen ihrer
       Integration in  staatliche Strategien,  ihrer Bindung  an die SPD
       oder wegen  ihrer Affinität  zu passiven, konservativen Tendenzen
       in der  Organisation und  Mitgliedschaft -  unbeweglich und starr
       wurden oder  gar Aktionen  und Initiativen ausdrücklich blockier-
       ten. Dies galt gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre vor al-
       lem für  die Blockierung  größerer Widerstandsaktionen  gegen den
       staatlichen Sozialabbau, die gewerkschaftliche Beteiligung an der
       Friedensbewegung und  für die abweisende Haltung gegen die Ökolo-
       gie-, Alternativ- und Jugendbewegung (Startbahn-West-Initiativen,
       Hausbesetzerbewegung etc.).
       Exemplarisch entwickelte sich in der Friedensbewegung - dies gilt
       in unterschiedlichen  Größenordnungen auch  für andere  Konflikt-
       felder wie  Berufsverbote oder  ökologische Themen - die Beteili-
       gung von Gewerkschaftern oder örtlichen und regionalen Gliederun-
       gen über ihre Integration in lokale Friedensinitiativen und Foren
       oder über ihre Zustimmung und Unterstützung zu Aktionen der Frie-
       densbewegung. Auch  hier dominierten  einerseits Kräfte mit klas-
       senorientierten Positionen  aus den  betrieblichen und regionalen
       Zentren der industriellen Arbeiterklasse (IG Metall, IG Druck und
       Papier) und  andererseits, um  Teile der  ÖTV, GEW,  Gewerkschaft
       Kunst und HBV gruppiert, Kräfte aus den neuen Sektoren der Arbei-
       terklasse und der lohnabhängigen Mittelschichten.
       Vor allem  über die  letztere Gruppe vermittelt, die zusammen mit
       Jugendlichen aus dem Ausbildungssektor zugleich sozialstrukturell
       in den Bürgerinitiativen überrepräsentiert ist, entwickelten sich
       kommunikative und  organisatorische  Durchdringungsprozesse  zwi-
       schen Gewerkschaftsbewegung  und anderen  sozialen Bewegungen. In
       dieser Konstellation muß man von einem neuen Moment gegenüber der
       Zusammenarbeit von  Außerparlamentarischer Opposition  (APO)  und
       Gewerkschaften gegen  Ende der 60er Jahre sprechen, die vor allem
       eine zwischen demokratischer Intellektuellenbewegung und klassen-
       bewußten Teilen  der   i n d u s t r i e l l e n   Arbeiterklasse
       war. Zu  dieser Zeit fehlten noch weitgehend die zu großen Teilen
       durch die  Studentenbewegung politisierten  neuen,  höherqualifi-
       zierten Gruppierungen  der Lohnabhängigen, die sich entlang ihrer
       Klassenlage und  betrieblicher wie  gesellschaftlicher  Konflikte
       gewerkschaftlich  orientierten  und  organisierten  und  partiell
       Scharnierfunktionen zwischen beiden Bewegungen ausüben.
       Die kommunikativen  und organisatorischen  Durchdringungsprozesse
       verlaufen aber  auch in umgekehrter Richtung. Repräsentanten die-
       ser neuen  Sektoren der  Lohnabhängigen unterstützten in den 70er
       Jahren die  sozialen Kämpfe  der industriellen  Arbeiterklasse in
       mehrfacher Hinsicht:
       - Bei betrieblichen  Abwehrkämpfen gegen  Arbeitsplatzvernichtung
       bildeten besonders  Vertreter dieser  Sektoren (bis  hin zu Pfar-
       rern) Bürgerinitiativen zur Unterstützung, die z. T. über die ma-
       terielle und  organisatorische Hilfe  hinaus eine  dynamisierende
       politische Komponente in diesen Kämpfen darstellten. 55)
       - Sie nutzten  ihre spezifischen  intellektuellen Fähigkeiten zur
       Unterstützung der Arbeiterklasse. Dies reichte von der Unterstüt-
       zung durch  Künstler über  die Hilfe  von  Naturwissenschaftlern,
       Technikern und Medizinern zur kritischen Überprüfung von Arbeits-
       bedingungen, Rationalisierungsfolgen,  kritischen  Bilanzanalysen
       bis hin  zur Hilfe bei der Ausarbeitung alternativer Produktions-
       formen. Diese  Hilfen waren  z. T.  gesamtgesellschaftlich orien-
       tiert, vielfach  aber auch  konkret auf örtliche und betriebliche
       Konflikte bezogen.
       Die gewerkschaftliche Organisierung relevanter Minoritäten in den
       neuen Sektoren ist kein im Alltag routinisierter Vorgang und des-
       halb für  die Beteiligten  mit einer intensiveren Auseinanderset-
       zung und  Aneignung gewerkschaftlicher Wertorientierungen verbun-
       den. So  gehen von  diesen Kräften  häufig kritische  Impulse zur
       Formulierung  klassenorientierter  Positionen  und  zur  Aufnahme
       neuer sozialer  Bedürfnisse in die gewerkschaftlichen Aktivitäten
       aus. Ansatzweise  traten  regional  und  betrieblich  hochkonzen-
       trierte Bereiche, wie z. B. Stadtverwaltungen in Ballungsgebieten
       (Ruhrgebiet), Universitäten,  Funkhäuser oder  Berufsgruppen  wie
       Lehrer, Kindergärtnerinnen,  Wissenschaftler, Sozialarbeiter, als
       initiierende Kräfte  oder orientierende  "Zentren" hervor. Im Un-
       terschied zu  den Zentren  innerhalb der  industriellen Arbeiter-
       klasse haben sich hier noch keine stabilen Strukturen aufgetan.
       Die neuen Wertorientierungen wurden für die aktive Gewerkschafts-
       mitgliedschaft durch die Wiederbelebung einer eigenständigen Kul-
       turarbeit stabilisiert.  Nach der  Zerstörung der  Arbeiterkultur
       durch Faschismus und Amerikanisierung und der Degradierung selbst
       der traditionellen  1.-Mai-Feiern zu geschlossenen Festveranstal-
       tungen brachten  auch hier die 70er Jahre eine Trendwende. Der 1.
       Mai als  Kampftag mit  Straßendemonstrationen,  Kundgebungen  und
       Kulturfesten wurde  - in vielen Städten neben dem DGB von autono-
       men 1.-Mai-Komitees initiiert, die von Gruppen der außerparlamen-
       tarischen Opposition,  der Gewerkschaftsjugend  und einzelnen Ge-
       werkschaftsgliederungen getragen  wurden - wieder selbstverständ-
       licher Bestandteil  gewerkschaftlicher Arbeit.  Die Reaktivierung
       des Internationalen Frauentags am 8. März und des Internationalen
       Antikriegstags -  ebenfalls  zu  Beginn  von  DGB-Führungsorganen
       blockiert -  wurden von aktiven Gewerkschafterinnen der IG Metall
       und IG Druck und von der Gewerkschaftsjugend betrieben.
       Der Aufbau  von Kulturarbeitskreisen, Song-, Theater-, Kabarett-,
       Film- und  Videogruppen sowie  Gewerkschaftschören  verdreifachte
       sich nach  DGB-Angaben im  Vergleich der  Zeiträume 1973 bis 1975
       und 1976 bis 1979. 56)
       Die Ausbildung  einer autonomen  Identität  als  Arbeiterbewegung
       förderte die  spätestens seit  Mitte der 70er Jahre expandierende
       Geschichtsaufarbeitung, -aneignung und -diskussion in den Gewerk-
       schaften, die  sich zunehmend  der örtlichen  und regionalen  Ge-
       schichte zuwandte  und zum Teil von Gewerkschaftern selbst mitge-
       tragen wurde. Identität, Kontinuität und Zusammenhang der Gewerk-
       schaftsbewegung stellen auch die nahezu selbstverständlich gewor-
       denen Dokumentationen, Fotoausstellungen, Filme und Analysen über
       aktuelle zentrale  wie örtliche und betriebliche Aktionen und so-
       ziale Kämpfe  her, die von den Gewerkschaften - oft auch den ein-
       zelnen Verwaltungsstellen  in Zusammenarbeit  mit  entsprechenden
       Wissenschaftlern und Kulturarbeitern - herausgegeben werden.
       Viele Impulse  der demokratischen und alternativen Kulturarbeit -
       von Kulturveranstaltungen,  phantasievollen  Aktionsformen,  Aus-
       stellungen, Filmarbeit  bis hin zu alternativen kommunalen Medien
       - drangen  sukzessive in  die Gewerkschaftsarbeit  ein und zeigen
       keimhaft die  Konturen einer neuen Kultur der Lohnabhängigen, die
       Momente der  alten Arbeiterkultur  in sich  aufnimmt. Sie dringen
       aber erst  äußerst sporadisch  strukturierend in das Alltagsleben
       der Lohnabhängigen ein.
       
       3.4 Bedürfnisse nach innergewerkschaftlicher Demokratie
       -------------------------------------------------------
       
       In der gewerkschaftlichen Organisation selbst gehen kritische Im-
       pulse zur  deutlicheren Formulierung klassenautonomer, aktionsbe-
       zogener Positionen  wie zur Aufnahme und Durchsetzung neuer sozi-
       aler Bedürfnisse  und Interessen  von den beiden skizzierten rup-
       pierungen aus:  von den  konflikt- und kampferfahrenen, selbstbe-
       wußten und klassenorientierten Teilen der industriellen Arbeiter-
       klasse in einigen betrieblichen und regionalen Zentren der Arbei-
       terklasse sowie von den gewerkschaftlich organisierten Teilen hö-
       herqualifizierter Lohnabhängigengruppen.
       Insgesamt gilt  für die gegen Ende der 60er Jahre aktiv gewordene
       und langsam  dominierend werdende Generation von Gewerkschaftern,
       daß mit  der Verlagerung  der politischen  Sozialisation  in  die
       "sekundäre und  tertiäre Erziehungsphase"  (Schule, Arbeitsplatz,
       Massenmedien) ihr  "Verhältnis zur  Gewerkschaft" als der eigenen
       Organisation   zunehmend    weniger   emotional    geprägt   ist.
       "Loyalität", so  die Ergebnisse einer Studie des SOFI, "ist nicht
       mehr selbstverständlich; der Konsens ist stärker auf explizit po-
       litische  Positionen  begründet;...  Entscheidungen  der  Gewerk-
       schaftsorganisationen, ihrer  Gremien und  Vertreter, wird  nicht
       mehr vorbehaltlos vertraut und zugestimmt...". Gewerkschaftspoli-
       tik könne  nurmehr begrenzt  auf einen  "Vertrauensbonus" setzen.
       57)
       Neben der  praktischen Kritik gewerkschaftlicher Politik in spon-
       tanen Streiks  und dem Engagement in nur partiell tolerierten In-
       itiativen außerhalb der Gewerkschaften äußerte sich das Bedürfnis
       nach Mitbestimmung  und Demokratisierung  auch gegenüber  den  zu
       zentralisierten und komplexen Massenorganisationen gewordenen Ge-
       werkschaften. Kristallisationspunkt der Forderungen nach mehr in-
       nergewerkschaftlicher Demokratie  wurde die Einbeziehung der Mit-
       glieder in die Aufstellung der Forderungen und den Ablauf der Ta-
       rifrunden. Am  Anfang der  70er Jahre war die Aufstellung der Ta-
       rifforderungen von  großen betrieblichen  Diskussionen begleitet,
       die in  betrieblichen, örtlichen  und regionalen  Forderungen und
       Forderungskomplexen zusammengefaßt  wurden.  Im  Ergebnis  dieser
       Diskussions- und  Partizipationswelle bis  1974/75 wurden auf den
       Gewerkschaftstagen vielfach  Richtlinien zum  Tarifprozeß  verab-
       schiedet, die mehr Transparenz und eine effektivere Mitgliederbe-
       teiligung ermöglichen sollten.
       Weitere Kristallisationspunkte  wurden die Stellung der hauptamt-
       lichen Funktionäre  (Wahl- oder Angestelltenfunktion), der Status
       der basisnahen Vertrauensleute in der Gesamtorganisation, die Be-
       stellungsverfahren und  Kompetenzen der Tarifkommissionen und der
       Vorstände sowie  die direkten und indirekten Machtkompetenzen der
       Vorstände auf  Gewerkschaftstagen, die  auf dem  Gewerkschaftstag
       der IG  Metall 1977  kritisiert wurden  und zur  Änderung der Ge-
       schäftsordnung führten.  Der Ablauf  der Antragsberatungen  wurde
       zugunsten kritischer Abänderungsanträge erleichtert und damit de-
       mokratisiert.
       Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von innergewerkschaft-
       licher Demokratie  und Zentralisierung durchzogen die 70er Jahre.
       An einer  ungestörten Verfolgung  ihrer  selektiven  korporativen
       Strategien interessierte sozialpartnerschaftliche Kräfte sperrten
       sich gegen  eine intensivere politische Koordinierung der gewerk-
       schaftlichen Tarifpolitik. Gleichzeitig drängten sie zum Teil auf
       die Zentralisierung  von Entscheidungskompetenzen in anderen Fra-
       gen, um  kritische und  klassenorientierte  Impulse  der  Gewerk-
       schaftsbasis besser kontrollieren und beherrschen zu können. Sol-
       che "Zentralisierung" wurde von den klassenautonomen Kräften, die
       für eine  stärkere politische Koordinierung eintraten, abgelehnt.
       Sie engagierten  sich gleichzeitig für die Stärkung der autonomen
       Kompetenzen  gewerkschaftlicher  Basisorgane.  Klassenorientierte
       Kräfte aus den neuen Sektoren der Lohnabhängigen hingegen lehnten
       vielfach von  basissyndikalistischen Positionen  aus "politische"
       Zentralisierungselemente generell ab. So entstanden in Abstimmun-
       gen um  vordergründig formale  Satzungs- und  Kompetenzregelungen
       vielfach quer zu den politischen Fronten verlaufende Diskussions-
       und Abstimmungsprozesse.
       Das soziale  Bedürfnis des neuen Typus gewerkschaftlicher Aktivi-
       sten nach  Persönlichkeitsentfaltung auch  innerhalb der  gewerk-
       schaftlichen Organisation,  nach transparenten und demokratischen
       Strukturen hat  deutliche Konturen  angenommen. Der  Neue-Heimat-
       Skandal, der über den unmittelbaren Anlaß hinaus offenbarte, wie-
       weit  sich  eine  Bürokratie  durch  Einkommen,  Lebensweise  und
       -milieu von ihrer Basis entfernen kann, belebte die Diskussion um
       innergewerkschaftliche Reformen zusätzlich.
       
       4. Brüche, Probleme und Politikbedarf
       -------------------------------------
       
       Die Ausbildung  neuer Momente  in der  gewerkschaftlichen Politik
       wurde global betrachtet, um ihr Gesamtpotential zu erfassen. Zwei
       wichtige Tendenzen  sind zu  resümieren: In relevanten Teilen der
       industriellen Arbeiterklasse  wie auch  in den neuen Sektoren der
       Lohnabhängigen hat  sich in  den 70er  Jahren eine   g e w e r k-
       s c h a f t l i c h e  W e r t o r i e n t i e r u n g  ausgewei-
       tet und  vertieft. Sie  war teilweise  mit der  Ausprägung  neuer
       sozialer Bedürfnisse  sowie der  Verbreitung   d e m o k r a t i-
       s c h e r  W e r t o r i e n t i e r u n g e n  verbunden.
       Ein realistisches  Bild gewerkschaftlicher Wirklichkeit erfordert
       indes gleichzeitig  die   R e l a t i v i e r u n g  dieser neuen
       Momente  vor  dem  Hintergrund  der    G e s a m t e n t w i c k-
       l u n g   der  Arbeiterklasse  und  der  Gewerkschaften  wie  die
       Einbeziehung der  B r ü c h e  in diesem Entwicklungsprozeß:
       Die Reaktivierung  klassenorientierter autonomer  Positionen  und
       die Aufnahme neuer sozialer Bedürfnisse konnten sich nur in eini-
       gen  Sektoren  als  Mehrheitsposition  etablieren  (Einzelgewerk-
       schaften, regionale  Gliederungen, Großbetriebe).  Sie verblieben
       insgesamt gegenüber den traditionellen Inhalten und Politikformen
       der  sozialpartnerschaftlich-kooperativen   Strömung   in   einer
       Minderheitsposition.
       Die neuen  sozialen Bedürfnisse  wurden zumeist außerhalb der Ge-
       werkschaften in  verschiedenen sozialen  Bewegungen, z.T.  in Di-
       stanz, z.T. sogar in politischer und organisatorischer Konkurrenz
       zu den  Gewerkschaften,  in  klassenindifferenten  reformerischen
       Konzeptionen formuliert.  Da sich ihre Kritik auch auf klassenau-
       tonome Positionen  richtete und klassenorientierte Gewerkschafter
       ihrerseits mit einer mangelnden Sensibilität für solche neuen so-
       zialen Bedürfnisse  reagierten, wurden  gegenseitige Lernprozesse
       blockiert und zeitweilig eine Kooperation bei der Entwicklung und
       Durchsetzung klassenautonomer  Positionen gegenüber  der dominie-
       renden sozialpartnerschaftlichen Strömung erschwert.
       Mit der  ökonomischen Krise  1974/75, der  anhaltend  depressiven
       Entwicklung, der  "Modernisierungs"strategie des  bundesdeutschen
       Finanzkapitals und  ihren sozialökonomischen Konsequenzen und vor
       allem mit der strukturellen Massenarbeitslosigkeit aktualisierten
       sich in  der Arbeiterklasse  angesichts  ihrer  unterschiedlichen
       Krisenbetroffenheit die Konkurrenz-, Segmentierungs- und Fraktio-
       nierungsprozesse. Erfolgreich  wurde daran  gegen Ende  der  70er
       Jahre von sozialdemokratischer Seite angeknüpft. Einerseits wurde
       mit Verweis auf die günstige bundesdeutsche Weltmarktstellung ein
       neuer nationaler Basiskonsens entworfen (Modell Deutschland), 58)
       andererseits wurden wichtige Fraktionen der Arbeiterklasse in se-
       lektive korporative  Strategien der Interessenvertretung einbezo-
       gen. Gleichzeitig  konnten in dem Maße, wie die Krisenentwicklung
       die materiellen  und politischen Ressourcen dieser sozialdemokra-
       tischen  Strategie  verringerte,  konservative  Politikstrategien
       seit 1974/75 erfolgreich nationalistische und antigewerkschaftli-
       che Vorurteile sowie reaktionäre Züge antibürokratischer Stimmun-
       gen in  den weniger  qualifizierten und von der Krise stärker be-
       troffenen lohnabhängigen  Schichten (in  häufig strukturschwachen
       ländlichen Gegenden,  bei stärkerer  Konkurrenz mit Ausländern um
       Arbeitsplätze) aktivieren  sowie ständische  Interessenstrukturen
       und Bewußtseinsformen  und die Vergesellschaftungsängste qualifi-
       zierter und  sozial besser  abgesicherter Angestellten- und Beam-
       tengruppen mobilisieren. 59)
       Wie 1969  die Septemberstreiks,  so ermöglichte  auch 1978/79 die
       massive Welle  gewerkschaftlicher Kämpfe und die breite öffentli-
       che  Thematisierung  sozialer  Probleme  (Rationalisierung,  neue
       Technik, Arbeitslosigkeit, Arbeitszeitverkürzung) zeitweilig eine
       Trendwende im politischen Klima und in den politischen Kräftever-
       hältnissen innerhalb  der Arbeiterklasse,  der Gewerkschaften und
       partiell der  Gesamtgesellschaft. Doch  die Konstituierung  einer
       einheitlichen kollektiven  Gegenstrategie, die  neue soziale  Be-
       dürfnisse klassenbezogen  aufgreift, wurde durch den temporär und
       partiell bleibenden  Charakter der einzelnen Kämpfe und Konflikte
       erschwert. Die  alternativen Strategieansätze  blieben  zersplit-
       tert. Die  spontanen Streiks  1973  und  der  Stahlarbeiterstreik
       1978/79 wurden z.T. sozialpsychologisch als Niederlagen verarbei-
       tet und  waren von  Resignationstendenzen bei  gewerkschaftlichen
       Aktivisten begleitet. 60)
       Die betriebliche  politische Repression  gegen klassenorientierte
       Kräfte nach den Streiks 1973 - Entlassungen von Streikführern und
       massenhafte Nichtübernahme von Jugendvertretern -, die Berufsver-
       botepraxis im öffentlichen Dienst seit 1972 und die Arbeitslosig-
       keit verstärkten  solche Resignationstendenzen  und  unterbrachen
       jeweils zeitweilig  (1974"76; nach 1979) die Ausbildung der neuen
       Momente gewerkschaftlicher Politik.
       Administrative, organisatorische und ideologische Gegenstrategien
       der sozialpartnerschaftlichen  Kräfte in den Gewerkschaften bloc-
       kierten den Formierungsprozeß klassenautonomer Positionen zusätz-
       lich, u. a. durch die Personalpolitik, Unvereinbarkeitsbeschlüsse
       und Verhaltensrichtlinien  für Funktionäre sowie durch die inner-
       gewerkschaftliche Aufnahme  der von den Kapitalverbänden lancier-
       ten Vorwürfe "kommunistischer Unterwanderung".
       Trotz der  sozialpartnerschaftlichen Hegemonie  innerhalb der Ar-
       beiterbewegung und  der restaurativen  und  konservativen  Brüche
       verbleibt eine - im Vergleich zur relativ homogenen restaurativen
       Rechtsentwicklung der Arbeiterbewegung im Klima des Kalten Kriegs
       und der ökonomischen Prosperität - widersprüchliche, offene, meh-
       rere Entwicklungsvarianten  ermöglichende  Situation.  Die  skiz-
       zierte Substanz  der gewerkschaftspolitisch   a k t i v e n  Mit-
       gliedschaft, gerade  in den  jüngeren Generationen  der Arbeiter-
       klasse und  unter ihren  neuen Sektoren, wie die Resonanz gewerk-
       schaftlicher und  demokratischer Wertorientierungen  unter  allen
       Lohnabhängigen konnten  sich bislang  nur unzureichend entfalten.
       Es fehlte  an gewerkschaftlicher Führungstätigkeit im Sinne einer
       verallgemeinernden und  politischen Zusammenfassung und Orientie-
       rung durch  die   O r g a n i s a t i o n.   Dies wurde nur gele-
       gentlich und  in Teilsektoren  ausgeglichen durch die mehr infor-
       melle politische  Führungstätigkeit von betrieblichen, regionalen
       oder einzelgewerkschaftlichen  Zentren, die  exemplarisch in  be-
       stimmten Problembereichen  gewerkschaftliches Gegenmachtpotential
       aktivierten und  ausschöpften. Hier  liegt im  übrigen die Quelle
       zahlreicher in  der Öffentlichkeit personalisierend als Machtkon-
       flikte abgetaner  Auseinandersetzungen um  die  gewerkschaftliche
       Führungsarbeit.
       Entwürfe für  klassenautonome Strategien  in nahezu allen gewerk-
       schaftlichen Handlungskomplexen  und für eine entsprechende poli-
       tische Führungsarbeit  liegen in  vielfältiger Form  im  DGB  und
       zahlreichen Einzelgewerkschaften vor und sind z.T. programmatisch
       verankert. Sie  würden auf eine in den siebziger Jahren ausgewei-
       tete   betriebliche    Basis   (Vertrauenskörper,   Betriebsräte,
       -gruppen) treffen,  die reale Arbeitskampferfahrungen akkumuliert
       hat, den begrenzten Stellenwert nur betrieblicher und lokaler Ge-
       genmachtentfaltung angesichts  der gesamtgesellschaftlichen Kräf-
       teverhältnisse kennt  und deshalb  solidarische, kollektive,  ge-
       sellschaftliche Gegenmacht bildende Politikstrategien von den ge-
       werkschaftlichen Entscheidungsorganen erwartet.
       Sie treffen auf mindestens vier Problemkomplexe, die Kristallisa-
       tionspunkte unterschiedlicher Strategien in einem nächsten Kampf-
       zyklus sein  werden und die als Anforderungen gleichzeitig reali-
       siert  werden  müssen,  wenn  gewerkschaftliche  Glaubwürdigkeit,
       Loyalität, Führungsfähigkeit und Gegenmacht erhalten bleiben sol-
       len.
       1. In zahlreichen  gesellschaftlichen  Widerspruchskomplexen  des
       SMK-Systems  (Lohn/Verteilung;  Arbeitslosigkeit;  Mitbestimmung;
       Wirtschaftspolitik; soziale Sicherung; Rüstung; Ökologie; gesell-
       schaftliche Reproduktion) haben sich auf die antagonistischen In-
       teressen zwischen  Kapital und  Arbeit in deutlicheren Konflikten
       und sozialen  Kämpfen ausgedrückt.  Die zentralisierte politische
       Durchsetzung  der  finanzkapitalistischen  Strategien  durch  den
       Staatsapparat, die  politischen Parteien, Unternehmerverbände und
       Großkonzerne, die  in vielen Gesellschaftsfaktoren erfahrbar wur-
       den, stellt  tendenziell  auch  relative  Erfolge  sozialpartner-
       schaftlicher Politik  der  Gewerkschaften  in  Frage.  Neben  ihr
       wächst deshalb  - trotz zahlloser Blockierungs- und Verdrängungs-
       versuche -  die Offenheit  für eine klassenautonome, koordinierte
       Führungsarbeit, die  auf solidarische,  kollektive Massenaktionen
       orientiert.
       2. Eine  klassenautonome  Politik  kann  gegenwärtig    n i c h t
       a l l e i n  im Rückgriff auf klassische Forderungen der soziali-
       stischen Arbeiterbewegung  (Recht auf  Arbeit, Arbeitszeitverkür-
       zung, Lohnpolitik,  Mitbestimmung,  Nationalisierung)  entwickelt
       werden. Sie  muß die heterogene Vielfalt der Problembereiche auf-
       nehmen, gleichwohl  Schwerpunkte setzen  und die  Prioritäten wie
       die Struktur der Forderungen so gestalten, daß auch die neuen so-
       zialen Bedürfnisse  in ihnen  zur Geltung  kommen. Die Diskussion
       darüber steht  in den  Gewerkschaften wie  in der sozialistischen
       Arbeiterbewegung noch am Anfang.
       3. Die neuen sozialen Bedürfnisse müssen auch in der Organisation
       der gewerkschaftspolitischen Alltagspraxis zum Tragen kommen. Die
       gleichberechtigte Integration von Frauen und Ausländern, transpa-
       rente und  kommunikative Strukturen,  die eine aktive Beteiligung
       erlauben, die  Entfaltung kultureller  Aktivitäten erfordern eine
       bewußte Organisation der Alltagspraxis, in der sich die individu-
       ellen und kollektiven Bedürfnisse nach Persönlichkeitsentfaltung,
       Formung solidarischer  Beziehungen, Selbstbetätigung  im Kontrast
       zu den  unterdrückenden, entfremdenden und ausbeutenden kapitali-
       stischen Alltagsstrukturen  entwickeln können.  Dies schließt in-
       nergewerkschaftliche Demokratie ein sowie die Kritik an Tendenzen
       zu selektiver  Interessenvertretung, zur Unterrepräsentation ein-
       zelner Gruppen,  an der  Bürokratisierung, Formalisierung und Ri-
       tualisierung gewerkschaftlicher Alltagsarbeit.
       4. Gewerkschaftliche Führungsarbeit  muß dem  Niveau der Anforde-
       rungen gerecht  werden, das  ein neuer sozialpychologischer Typus
       von Lohnabhängigen  in den  70er Jahren in die Gewerkschaftsbewe-
       gung eingebracht hat. Mit einer höheren Allgemeinbildung und Qua-
       lifikation versehen  und durch  Verhaltensweisen  aus  vorwiegend
       nichtindustriellen Arbeitsbereichen geprägt, ist er in überdurch-
       schnittlichem Maße Träger neuer sozialer Bedürfnisse. Seine mino-
       ritäre Position  als Gewerkschaftsmitglied  in seinem  Arbeitsbe-
       reich (wie  auch in  den meisten Einzelgewerkschaften) wird durch
       überdurchschnittliche Aktivität  und gewerkschaftspolitische Kon-
       sequenz und Radikalität ausgeglichen. So bilden jüngere Teile der
       Lohnabhängigen, Frauen  und Angestellte nicht allein das wichtig-
       ste organisationspolitische  Zuwachspotential für die DGB-Gewerk-
       schaften, sondern  sie können  über ihre  gleichzeitig überdurch-
       schnittliche Repräsentanz in Bürgerinitiativen, Elterninitiativen
       und vielen  anderen sozialen  Bewegungen eine wichtige Scharnier-
       funktion zwischen  den Gewerkschaften  und anderen sozialen Bewe-
       gungen erfüllen.  Das setzt die Durchsetzung einer gewerkschafts-
       politischen Linie voraus, die diese Gruppen innerhalb der Organi-
       sation nicht  aufgrund ihrer  kritischeren Haltung zu vielen Pro-
       blemen blockiert  oder ausgrenzt  (z. B. bei innergewerkschaftli-
       chen Konflikten  oder Betriebsratswahlen) und darüber hinaus - wo
       möglich und  sinnvoll -  eine offene und solidarische Zusammenar-
       beit mit  anderen sozialen  Bewegungen und Initiativen, die lokal
       und regional  häufig eine  mobilisierende Rolle spielen, fördert.
       Dies um  so mehr,  als sich langsam auch das sozialpsychologische
       Profil der  aktiven gewerkschaftlichen  Kerne in den Sektoren der
       industriellen Arbeiterklasse  in dieser  Richtung entwickelt, wie
       eine sorgfältige  Auswertung z.B.  der Betriebsratswahlen  zeigen
       würde.
       
       _____
       1) Vgl. Wolfgang Streeck, Gewerkschaftliche Organisationsprobleme
       in der sozialstaatlichen Demokratie, Königstein/Ts. 1981; W. Mül-
       ler-Jentsch, Vom  gewerkschaftlichen Doppelcharakter  und  seiner
       theoretischen Auflösung  im Neokorporatismus, in: Leviathan. Son-
       derheft 4/1981,  S. 222 ff.; Literaturübersicht und Kritik bei G.
       Kautsch, Integrationismus  und "Korporatismus".  Überlegungen zur
       Einbindung von  Gewerkschaften in das staatsmonopolistische Herr-
       schaftssystem, in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch des  IMSF  4,
       Frankfurt/M. 1981,  S. 222  ff.; Müller-J.  verweist zu Recht auf
       die Affinität  des Trendwechsels in den wissenschaftlichen Frage-
       stellungen (Revolutionäres  Potential  der  Gewerkschaften/Stabi-
       litätsfunktionen) zu  den politischen  Zyklen. Vgl. dazu auch die
       Beiträge von  M. Groser/B.  Keller, W.  Streeck  und  W.  Müller-
       Jentsch auf  dem 19.  Soziologentag 1979  (in: J.  Matthes (Hg.),
       Sozialer Wandel in Westeuropa, Frankfurt/M. 1979), die die verän-
       derte Perspektive deutlich dokumentieren.
       2) Lenin, Werke Bd. 7, S. 32.
       3) Ronald Inglehart, Wertwandel in den westlichen Gesellschaften.
       Politische Konsequenzen  von materialistischen und postmateriali-
       stischen Prioritäten, in: H. Klages/P. Kmieciak (Hg.), Wertwandel
       und gesellschaftlicher  Wandel, Frankfurt/M.,  New York  1979, S.
       279 ff.; vgl. K. O. Hondrich, Menschliche Bedürfnisse und soziale
       Steuerung, Reinbek  1975, S. 27 ff; zur Kritik der sich auf A. H.
       Maslow stützenden  Bedürfnishierarchisierung vgl.  A.N. Leontjew,
       Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin (West) 1979.
       4) Samuel H. Barnes, Max Kaase et al, Political Action. Mass Par-
       ticipation in  Five  Western  Democracies,  London/Beverly  Hills
       1979.
       5) Vgl. dazu  G.G. Diligenski,  Sozialpsychologie und  Klassenbe-
       wußtsein  der  Arbeiterklasse  im  heutigen  Kapitalismus,  Reihe
       "Theorie und  Methode", hgg.  v. IMSF,  Frankfurt/M. 1978,  S. 45
       ff.; U.  Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Moti-
       vationsforschung 2:  Die Besonderheit  menschlicher  Bedürfnisse,
       Frankfurt/M. 1976.
       6) K. Holzkamp,  Gesellschaftlichkeit des Individuums, Köln 1978,
       S. 212;  G. Stiehler,  Über den Wert der Individualität im Sozia-
       lismus, Berlin  (DDR) 1978,  S. 122/23; G. G. Diligenski, Die Be-
       dürfnisse der Persönlichkeit und die Gesellschaft, in: Sowjetwis-
       senschaft 10/1975, S. 1015 ff.
       7) Vgl. zur marxistischen Wertediskussion: E. Hahn, Aktuelle phi-
       losophische Probleme  der marxistisch-leninistischen  Wertauffas-
       sung, in:  Wertauffassungen im Sozialismus, Berlin (DDR) 1980, S.
       12/13: "Wertung  ist der Prozeß, in welchem ein Subjekt einen be-
       stimmten Sachverhalt  in Beziehung zu seinen Interessen setzt und
       eine Entscheidung  über  sein  Verhalten  zu  diesem  Sachverhalt
       trifft. ...  Die Funktion von Wertungen ... besteht primär darin,
       auf spezifische Weise menschliches Handeln zu motivieren, in eine
       bestimmte Richtung  zu lenken, seine Orientierung zu verallgemei-
       nern, zu verstärken oder zu verhindern. Nicht zuletzt besteht sie
       darin, historisch-gesellschaftlich  bereits gewonnene Erfahrungen
       und Erkenntnisse  in verallgemeinerter,  verkürzter, konzentrier-
       ter, verdichteter  und den  Menschen nicht  nur rational, sondern
       allseitig ansprechender,  bewegender Form  als Handlungsorientie-
       rung aufzubereiten."
       8) D. Klein,  Ökonomische Widersprüche  im  Kapitalismus,  Frank-
       furt/M. 1976, S. 220 ff.
       9) Vgl. IMSF  (Hg.), Klassen-  und Sozialstruktur  der BRD  1950-
       1970, Teil I-III, Frankfurt/M. 1972/73.
       10) F. Stooß, Tendenzen des Wandels beruflicher Strukturen in den
       siebziger Jahren.  Ein Vergleich  zwischen  prognostizierter  und
       tatsächlicher Entwicklung, in: Mitteilungen des Instituts für Ar-
       beitsmarkt- und Berufsforschung 3/1980, S. 364/65; E. Hönekopp/H.
       Ullmann, Auf  dem Weg  zur Dienstleistungsökonomie,  in:  ebenda,
       2/1980, S. 255 ff.; H. Hofbauer, Statusmobilität in den siebziger
       Jahren, in:  ebenda, 4/1980, S. 521 ff. ders., Berufswege von Er-
       werbstätigen mit  Facharbeiterausbildung, in:  ebenda, 2/1981, S.
       127 ff.;  Bundesminister f.  Forschung u.  Technik (Hg.), Techni-
       scher Fortschritt.  Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt.
       Untersuchung der Prognos AG Basel, Düsseldorf 1980, S. 141 ff.
       11) Fred Karl,  Die  Bürgerinitiativen.  Soziale  und  politische
       Aspekte einer neuen sozialen Bewegung, Frankfurt/M. 1981, S. 88.
       12) R. Bech/R.  Faust, Die sogenannten Gastarbeiter. Ausländische
       Beschäftigte in der BRD, Frankfurt/M. 1981, S. 25 ff.
       13) Nach neuesten  Vorausberechnungen der  Kultusminsterkonferenz
       wird der Anteil der Abiturienten von 14,6 Prozent (1980) auf 23,1
       Prozent (1990)  ansteigen, der  der Fachhochschulberechtigten zu-
       sätzlich von 5 auf 6,5 Prozent; vgl. IWD 24/1982, S. 1.
       14) Vgl. D.  Klein, Ökonomische  Widersprüche..., a.a.O.: P. Heß,
       Kapitalistisches Wachstum  zwischen Gleichgewicht und Ungleichge-
       wicht, in: Sozialistische Politik 3/1969, S. 35 ff.; ders.: Theo-
       retische und methodologische Probleme der Imperialismusforschung,
       in: Wirtschaftswissenschaft 2/1974, S. 187.
       15) K. Ottomeyer, Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen.
       Soziales Verhalten im Kapitalismus, Reinbek 1977.
       16) Insofern wurde  1974/75 zu Unrecht und mit der Konsequenz po-
       litischer Fehler  von einer "Normalisierung" des Kapitalismus der
       Bundesrepublik gesprochen.
       17) Diesen  Aspekt  hat  neuerdings  wieder  hervorgehoben:  H.J.
       Krysmanski, Gesellschaftsstruktur  der Bundesrepublik. Soziologi-
       sche Skizzen  zum Zusammenhang  von Produktionsweisen, Produktiv-
       kräften und  Produktionsverhältnissen, Köln  1982, S.  14 ff., S.
       148 ff.
       18) Vgl. K.  Dörre/P. Schäfer,  In den Straßen steigt das Fieber.
       Jugend in der BRD, Köln 1982, S. 9 ff.
       19) Historisch exemplarisch  wurde dies  untersucht  von  Hartmut
       Zwahr, Zur  Konstituierung des Proletariats als Klasse. Struktur-
       untersuchung über das Leipziger Proletariat während der industri-
       ellen Revolution,  Berlin (DDR)  1978; vgl. F. Deppe, Einheit und
       Spaltung der Arbeiterklasse, Marburg/L. 1981, S. 39 ff.
       20) Vgl. zur historischen Entwicklung ökonomisch-politischer Zen-
       tren: Atlas  zur Geschichte, Bd. l, Gotha/Leipzig 1973, Karten 91
       ff.; Bd. 2, Gotha/Leipzig 1975, Karten 16"23; zur Bundesrepublik:
       Der Fischer  Informationsatlas Bundesrepublik Deutschland, Frank-
       furt/M. 1982,  Kap. III,  IV, VIII;  H. W. Schmollinger/R. Stöss,
       Bundestagswahlen und  soziale Basis  politischer Parteien  in der
       Bundesrepublik, in: Prokla 25 und 26 (1976/1977).
       21) Wie den  einzelnen Phasen der ökonomischen Zyklen spezifische
       Strategien von Kapital und Arbeit zu eigen sind, entsprechen auch
       den politischen  Zyklen (Revolutions-/Restaurationsperioden)  be-
       stimmte Strategien  der Klassenkräfte,  Klassenkräfteverhältnisse
       und sozialpsychologische Tendenzen.
       22) Insbesondere m  amerikanischen soziologischen  Untersuchungen
       revolutionärer Bewegungen,  aber auch  der  Genesis  der  Gewerk-
       schaftsbewegung als  sozialer Bewegung  wurde schon  in den  50er
       Jahren von  einem "Lebenszyklus" sozialer Bewegungen bis zu ihrer
       Institutionalisierung gesprochen.
       23) Vgl. C.W.  Witjes, Gewerkschaftliche  Führungsgruppen, Berlin
       (West) 1976;  G. Bosch, Wie demokratisch sind die Gewerkschaften?
       Berlin (West)  1974; R.  Kalbitz, Gewerkschaftsausschlüsse in den
       50er Jahren,  in: O. Jacobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschafts-
       jahrbuch 1977/78, Berlin (West) 1978, S. 159 ff.; R. Erd, Gewerk-
       schaftsausschlüsse in den 70er Jahren, in: ebenda, S. 166 ff.; S.
       M. Lipset,  Der politische  Prozeß in  den Gewerkschaften, in: B.
       Külp/W. Schreiber  (Hg.), Arbeitsökonomik,  Köln 1972, S. 141 ff.
       betont die Notwendigkeit, nach Abschluß des Aufbaus neuer Gewerk-
       schaften den  Zeitpunkt nicht  zu verpassen, zu dem die hochmoti-
       vierten radikaleren Aufbaukräfte mindestens an den Rand der Orga-
       nisation oder  herausgedrängt werden müßten; E. Ginzburg, Der Ar-
       beiterführer, Köln  1952, S. 110, hat die finanziellen Kosten der
       Liquidierung kommunistischen Einflusses in amerikanischen Gewerk-
       schaften zusammengestellt,  und G.  Leber, Vom Frieden, Stuttgart
       1977, S. 26 ff., wollte autobiographisch nicht darauf verzichten,
       sich auch  diesbezüglich als  amerikanischer Musterschüler zu er-
       weisen.
       24) Zu ihren Grundelementen und ihrer Verankerung in der Program-
       matik des  DGB vgl. F. Deppe, Grundsatzprogramm und gewerkschaft-
       liche Autonomie, in: G. Arndt u.a., DGB-Programm 81, Frankfurt/M.
       1982, S. 36 ff.
       25) Dagegen argumentieren  vehement S. Barnes/M. Kaase, Political
       action..., a.a.O.,  S. 524 f. Vgl. auch: Die Arbeiterbewegung und
       der Wandel  gesellschaftlichen Bewußtseins  und  Verhaltens.  Ein
       Diskussionspapier der  Kommission Grundwerte  beim SPD-Parteivor-
       stand, Bad  Godesberg 1982; das Diskussionspapier ist vom deutli-
       chen Bemühen  gekennzeichnet, die  sozialen Bedürfnisse  in  eine
       durchgängig reformistische Gesamtkonzeption zu integrieren. Den -
       durchaus erfolgreichen  - Versuch,  Elemente sozialer Bedürfnisse
       zu individualisieren  und Ansprüche auf Persönlichkeitsentfaltung
       in den  Freizeitsektor bzw. in berufliche Konkurrenzstrategien zu
       transformieren, unternehmen neokonservative Vordenker.
       26) Die besondere   h i s t o r i s c h e  Verkettung von gesell-
       schaftlichen Widerspruchskomplexen  und ihrer diffusen handlungs-
       relevanten Thematisierung  in den 70er Jahren wird von J. Hirsch,
       Der Sicherheitsstaat, Frankfurt/M. 1980, S. 147 ff., nicht syste-
       matisch aufgelöst.  Das strukturalistische Moment der Analyse und
       das sozialpsychologische  Milieu der Jahre 1977-79 in der Bundes-
       republik haben hier gleichermaßen analytische Grenzen gesetzt und
       den Rekurs auf H. Marcuses "Eindimensionalität" gefördert.
       27) Zur Kritik  der Einstellungsforschung Th. Leithäuser, Politi-
       sche Einstellung oder politisches Bewußtsein, in: H. Moser (Hg.),
       Politische Psychologie. Politik im Spiegel der Sozialwissenschaf-
       ten, Weinheim/Basel  1979, S.  136 ff.;  F. Deppe, Das Bewußtsein
       der Arbeiter, Köln 1971, S. 197.
       28) Die folgende Skizze beruht auf der Auswertung der empirischen
       Studien, die vor allem vom IMSF, der Sozialforschungsstelle Dort-
       mund, dem  Institut für Sozialforschung Frankfurt/M. und am Fach-
       bereich Gesellschaftswissenschaften  der Universität  Marburg  zu
       einzelnen sozialen  Kämpfen oder  Gewerkschaftsentwicklungen  er-
       stellt wurden,  sowie auf den laufenden Untersuchungen in der vom
       IMSF herausgegebenen  Reihe "Soziale Bewegungen", den "Kritischen
       Gewerkschaftsjahrbüchern" sowie zahlreichen bezirklichen und ört-
       lichen Dokumentationen  der Gewerkschaften,  politischer  Gruppen
       und Parteien,  die im  folgenden nicht immer ausdrücklich zitiert
       werden.
       29) Einen Überblick gibt K. Steinhaus, Streiks in der Bundesrepu-
       blik 1966"1974, Frankfurt/M. 1975.
       30) Vgl. G.  Bauß, Die  Studentenbewegung  der  sechziger  Jahre.
       Handbuch, Köln  1977; Haug/Maessen,  Was wollen  die  Lehrlinge?,
       Frankfurt/M. 1971;  P. Katzer,  Zur Gewerkschaftsjugendbewegung -
       Probleme und  Entwicklungen seit Ende der sechziger Jahre, Frank-
       furt/M. 1977.
       31) Gudrun Küsel  (Hg.), APO und Gewerkschaften. Von der Koopera-
       tion zum  Bruch, Berlin  (West) 1978; G. Bauß, Die Studentenbewe-
       gung..., a.a.O., S. 108 ff.
       32) I. Schöll-Schwinghammer,  Frauen im Betrieb. Arbeitsbedingun-
       gen und Arbeitsbewußtsein, Frankfurt/M. 1979.
       33) Vgl. das  in Form  und  Inhalt  bemerkenswerte  Dokument  des
       Kampfes der  Heinze-Frauen, IG Druck und Papier (Hg.), Wir wollen
       gleiche Löhne  - Keiner  schiebt uns weg!, Buch mit Schallplatte,
       Stuttgart (1982).
       34) Vgl. M.  Abendroth, N. Beckenbach, R. Dombois, Hafenarbeiter-
       streik 78. Zum Konfliktpotential der Hafenarbeiter, in: Leviathan
       2/1978, S.  286 ff.; K. Pickshaus/W. Roßmann, Arbeitskämpfe 1978:
       Ursachen - Probleme - Perspektiven, in: Sozialistische Politik H.
       46 (4/1978), S. 24, 26.
       35) IG-Metall-Vorstand (Hg.),  Werktage werden  besser. Der Kampf
       um den  Lohnrahmentarifvertrag II  in  Nordwürttemberg/Nordbaden,
       Frankfurt/M. 1979;  H. Kern,  Kampf um Arbeitsbedingungen, Frank-
       furt/M. 1979, S. 121 ff.
       36) H. Kern,  Kampf um Arbeitsbedingungen, a.a.O., S. 143 ff.; K.
       Pickshaus/W. Roßmann,  Streik und  Aussperrung  78,  Frankfurt/M.
       1978; W.  Dzielak, W.  Hindrichs, H. Martens, Den Besitzstand si-
       chern! Der  Tarifkonflikt 1978 in der Metallindustrie Baden-Würt-
       tembergs, Frankfurt/New York 1979.
       37) H. Funke, E. Hildebrandt, Ch. Watkinson, Ein neues tarifpoli-
       tisches Konzept - Interessen der Metaller am Absicherungsvertrag,
       Ms. Manuskript, 19. Soziologentag, West-Berlin 1979.
       38) Vgl. W.  Bartels, Energiepolitik  und  Umweltschutz,  in:  G.
       Arndt u.a., a.a.O., S. 158 ff.; K.H. Tjaden, Umweltpolitik in der
       Sicht der  Arbeiterwegung. Schwerpunkte  und Perspektiven  in den
       achtziger Jahren,  in: Das  Argument 133  (Mai/Juni 1982), S. 334
       ff.
       39) Vgl. die  gewerkschaftlichen Kontroversen  um  die  Startbahn
       West; dazu:  "Keine Startbahn  West!" -  Protestbewegung in einem
       überlasteten Ballungsraum, Frankfurt/M. 1981, S. 73 ff.
       40) J. Huffschmid  (Hg.), Für den Frieden produzieren. Alternati-
       ven zur Kriegsproduktion in der Bundesrepublik, Köln 1981.
       41) Triebkräfte und  soziale Träger der Mitbestimmungsforderungen
       am Anfang  der 70er  Jahre wurden analysiert in: IMSF, Mitbestim-
       mung als Kampfaufgabe, Köln 1971.
       42) Vgl. die Übersicht in: IG-Metall-Vorstand (Hg.), Der Kampf um
       den Erhalt der Montanmitbestimmung, Düsseldorf o. J., S. 52/53.
       43) Infas Report.  Informationsbedürfnisse  von  Mitgliedern  und
       Funktionären der  IG Metall,  Bonn-Bad Godesberg  Dez.  1977/Jan.
       1978, Übersicht 13.01 (Vergleich alle Befragten/gewerkschaftliche
       Funktionäre); Dokumentation.  Gewerkschaftsbarometer '81, in: IWD
       16/1982, S. 7.
       44) Einer neuen  Herangehensweise  an  die  Mitbestimmungspolitik
       entspricht konzeptionell  ein neues DGB-Handbuch: WSI (Hg.), Mit-
       bestimmung in Unternehmen und Betrieben, Köln 1981.
       45) Dies entgegen  W. Streeck,  Gewerkschaften als Mitgliederver-
       bände. Probleme gewerkschaftlicher Mitgliederrekrutierung, in: J.
       Bergmann  (Hg.),  Beiträge  zur  Soziologie  der  Gewerkschaften,
       Frankfurt/M. 1979, S. 72 ff.
       46) IG Metall  (Hg.), Ergebnisse  der Vertrauensleutewahlen  1970
       und 1979, Frankfurt/M., jeweils o.J.
       47) Redaktionskollektiv "Gewerkschaftstage  '80", Zwischen Anpas-
       sung und  Arbeitskampf. Gewerkschaften  am Scheideweg, in: O. Ja-
       cobi u.a. (Hg.), Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1981/82, Berlin
       (West) 1981,  S. 90  ff.; G.  Weiß, Die  ÖTV. Politik und gesell-
       schaftspolitische Konzeptionen  der Gewerkschaft ÖTV von 1966 bis
       1976, Marburg/L.  1978, S. 38 ff., insb. 43 ff.: K. Koopmann, Ge-
       werkschaftliche Vertrauensleute, München 1981.
       48) Vgl. F. Karl, Bürgerinitiativen..., a.a.O., S. 38 ff.
       49) IG Metall  (Hg.), Ergebnis  der  Vertrauensleutewahlen  1979,
       Frankfurt/M., o.J.
       50) Vgl. J.  Bergmann/W. Müller-Jentsch,  Gewerkschaften  in  der
       Bundesrepublik, Bd.  2: Gewerkschaftliche  Lohnpolitik im Bewußt-
       sein der Funktionäre, Frankfurt/M. 1977; Infas Report. Informati-
       onsbedürfnisse..., a.a.O.
       51) So die  Ergebnisse von  Studien des  Bundeskanzleramtes, vgl.
       konkret 4/1982: "Im Kanzleramt liegt ein vertrauliches Papier mit
       Ergebnissen aus Umfragen zu Reformplänen und politisch kontrover-
       sen Themen  vor, das  belegt, daß Gewerkschafter und Wähler unter
       25 Jahren  weitgehend übereinstimmende Meinungen teilen" (S. 11).
       Interessant in  diesem Zusammenhang auch das Ergebnis des Gewerk-
       schaftsbarometers 1981.  Während die Gesamtbevölkerung zu 63 Pro-
       zent die Gewerkschaften für notwendig hielt, waren es bei Jugend-
       lichen bis 24 Jahren 71 Prozent. Auch bei der Verteilung der Sym-
       pathiewerte für  die Gewerkschaften  rangierte die Gruppe der Ju-
       gendlichen gleich  hinter den Gewerkschaftsmitgliedern selbst auf
       Platz 2; in: IWD 16/1982, S. 6.
       52) Vgl. Der Gewerkschafter 11/1981, S. 28.
       53) Vgl. IMSF,  Die Septemberstreiks  1969, Frankfurt/M. 1969; K.
       Steinhaus, Streiks...,  a.a.O., S.  119 ff.; W. Dzielak u.a., Ar-
       beitskampf um  Arbeitsplätze. Der  Tarifkonflikt 1978/79  in  der
       Stahlindustrie, Frankfurt/M. 1981, S. 149 ff.
       54) Vgl. W. Roßmann, Gewerkschaftliche Streikbewegungen und Hand-
       lungsbereitschaft 1978/79,  in: K.H.  Braun u.a. (Hg.), Kapitali-
       stische  Krise.  Arbeiterbewußtsein.  Persönlichkeitsentwicklung,
       Köln 1980, S. 150.
       55) Vgl. exemplarisch die Initiative "Stahlwerk jett" in Dortmund
       im Hoesch-Konflikt;  dazu: H.  Börner u.a.,  Neue Beweglichkeit -
       Neue Impulse. Betriebs- und Tarifkämpfe 1980/81: Hoesch/Dortmund,
       Post, Metall,  Reihe "Soziale  Bewegungen", hgg.  v. IMSF, Frank-
       furt/M. 1982, S. 32 ff.
       56) Von 223  DGB-Kreisen füllten 179 den Fragebogen aus. 127 DGB-
       Kreise meldeten  kulturelle Aktivitäten.  Insgesamt gibt  es z.Z.
       117 gewerkschaftliche Kulturgruppen im DGB (Die Neue, 12.8.1980).
       57) M. Schumann,  Entwicklungen des  Arbeiterbewußtseins, in: Ge-
       werkschaftliche Monatshefte 3/1979, S. 157.
       58) Vgl. dazu  die zahlreichen  Beiträge zur "Korporatismus"-Dis-
       kussion, zur Problematik der Interessenfraktionierung und der Ar-
       beitsmarktsegmentierung 1980/81  in  den  Zeitschriften  "Soziale
       Welt", "Gewerkschaftliche  Monatshefte", "Prokla" und "Leviathan"
       u.a. von  C. Offe, J. Hoffmann, J. Esser, W. Streeck, W. Dzielak,
       Ch. Deutschmann, J. Bischoff.
       59) Vgl.  F.  Deppe/W.  Roßmann,  "Gewerkschaftspluralismus"  und
       "repressive Integration",  in: F.  Deppe u.a., Strauß und die Ge-
       werkschaften, Köln 1980, S. 32-86.
       60) Vgl. Revier-Redaktion,  Streikwinter. Der Stahlarbeiterstreik
       NRW 1978/79.  Eine Dokumentation,  Duisburg 1979;  Betriebsarbeit
       und/oder anders  leben. Ein  Gespräch zwischen  Kollegen aus fünf
       Betrieben, in:  O. Jacobi  u.a. (Hg.),  Kritisches Gewerkschafts-
       jahrbuch 1981/82, a.a.O., S. 109 ff.
       

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