Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


       zurück

       
       ZUR ARBEITERKLASSE DER 80ER JAHRE
       =================================
       
       Struktur - Kern - betriebliche Basis
       
       Heinz Jung
       
       1. Starker  Arm oder  revolutionäres Subjekt? - 1.1 Die Arbeiter-
       klasse als  revolutionäres Subjekt der Epoche - 1.2 Die politöko-
       nomische Begründung  der Arbeiterklasse  - 1.3 Die abstrakte Welt
       der "weiten"  Arbeiterklasse -  2. Veränderungen  bis zu den 80er
       Jahren -  2.1 Strukturaspekte  - 2.2 Mobilitätsprozesse - 2.3 Zum
       sozialökonomischen Kern  der Arbeiterklasse  - 3. Der Betrieb als
       Formierungsbasis der Klasse
       
       1. Starker Arm oder revolutionäres Subjekt?
       -------------------------------------------
       
       Der vorliegende  Beitrag soll im Kontext des Schwerpunktes dieses
       Jahrbuches einige  Fragen der  Arbeiterklasse in der BRD der 80er
       Jahre erörtern.  Was die sozialstrukturellen Probleme und Bestim-
       mungen betrifft,  so halten  wir die  früheren Arbeiten  des IMSF
       nach wie  vor für  tragfähig und  knüpfen deshalb an ihnen an. 1)
       Das kann  nicht bedeuten, daß in diesen Arbeiten schon alle heute
       interessierenden Gesichtspunkte  hinreichend und befriedigend un-
       tersucht worden wären, aber sie stellen in der Kontinuität marxi-
       stisch-leninistischer Diskussion  eine solide  Ausgangsbasis dar.
       Wir wollen  in Fortschreibung  der damaligen Ansätze die Entwick-
       lungen bis heute und besonders die aktuelle Situation in den sta-
       tistischen Grunddaten  erfassen. Dies  ist wichtig, da man gerade
       heute ein  realistisches Bild über die objektive Struktur der Ar-
       beiterklasse der BRD gewinnen muß, wenn man die aktuellen Tenden-
       zen und die Perspektiven beurteilen will.
       
       1.1 Die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt der Epoche 2)
       ---------------------------------------------------------------
       
       Daß ohne  die Masse  der Arbeiter und Angestellten nichts bewirkt
       werden kann,  steht für  die Akteure aller politischen Positionen
       außer Frage. Sie und ihre Angehörigen stellen in den entwickelten
       kapitalistischen Ländern  einen solch überwiegenden Bevölkerungs-
       block, daß  allein schon  ihre Masse  die Schwerkraft der gesell-
       schaftlichen Entwicklung  ausmacht. Ohne  das  zumindest  passive
       Einverständnis ihrer Mehrheit könnte kein sozialökonomisches oder
       politisches Regime  auf längere  Dauer bestehen. Selbst konserva-
       tive und faschistische Regimes müssen bestimmte Interessenartiku-
       lationen und Organisationsformen, betriebliche Vertretungsgremien
       o. ä. dulden bzw. installieren, um ihre Kontrolle ausüben zu kön-
       nen.
       Es gibt  heute in entwickelten kapitalistischen Ländern keine re-
       levanten Massenbewegungen,  in denen  nicht  Arbeiter  und  Ange-
       stellte einen  beachtlichen Block oder gar die Mehrheit stellten.
       Das Volk  ist heute in erster Linie und überwiegend die Arbeiter-
       klasse. Daß  vor allem  die Arbeiter  der Großbetriebe der starke
       Arm der Gesellschaft sind, wird heute selbst durch den Klerus ak-
       zeptiert und  zum Ausgangspunkt  gesellschaftspolitischer Strate-
       gien erhoben  (siehe Polen). Wahlstrategen konservativer Parteien
       tragen dem  ebenso Rechnung  wie die Diversionsapparate der impe-
       rialistischen Mächte.  All das verweist auf die Realität und fak-
       tische Macht  der Arbeiterklasse - und sei es nur als starker Arm
       anderer Interessen.
       Natürlich ist  für den  Marxismus  die  Arbeiterklasse  auch  der
       starke Arm,  ohne den  die alte Gesellschaft nicht zu stürzen und
       eine neue  nicht zu  errichten ist.  Aber in dieser Sicht muß sie
       starker Arm  für sich  selbst sein.  Natürlich ist  die Arbeiter-
       klasse auch  Subjekt der  gesellschaftlichen Entwicklung in ihrer
       Existenz "an  sich". Sie ist die wichtigste produzierende und den
       materiellen Reichtum  der  Gesellschaft  schaffende  Klasse,  und
       schon insofern  gestaltet sie  in der Sicht der materialistischen
       Geschichtsauffassung die  Fundamente gesellschaftlicher  Entwick-
       lung. Sie  wirkt aber nicht nur mit der gesellschaftlichen Arbeit
       und Produktionstätigkeit  als entscheidenden Formen gesellschaft-
       licher Praxis  - also Äußerungen des Subjekts -, sondern auch mit
       ihren sozialen  Aktivitäten, die  in Klassengesellschaften Formen
       des Klassenkampfes  sind. Es  wäre völlig unzutreffend, hierunter
       nur Streiks  oder Demonstrationen zu verstehen. Das Wirksamwerden
       sozialen Drucks  zur Realisierung  von Klasseninteressen hat eine
       wesentlich breitere Skala und realisiert sich auf der Basis fort-
       schreitender Vergesellschaftungsprozesse.  Dies  zeigt  etwa  der
       Vergleich der  Verhältnisse entwickelter kapitalistischer Länder,
       die trotz  unterschiedlicher Kampftraditionen,  Organisation  und
       Bewußtheit der  Arbeiterklasse hinsichtlich  der ökonomischen und
       sozialen Existenzbedingungen der Arbeiterklasse ähnliche Struktu-
       ren aufweisen.  Freilich bleibt  der Klassenkampf ohne politische
       und ideologische Bewußtheit - trotz beachtlicher Arbeitermilitanz
       und scharfer  Auseinandersetzungen, wie etwa periodenweise in den
       USA, -  auf einer niederen Ebene und führt nicht zur Infragestel-
       lung der  Macht des  kapitalistischen Systems.  Erst in dem Maße,
       wie sie  diese höheren Formen entwickelt, wird die Arbeiterklasse
       starker Arm  für die  eigenen Interessen, autonom handelndes Sub-
       jekt der Geschichte.
       In der Sicht von Marx, Engels und Lenin ist die Grundlage der hi-
       storischen Rolle  oder geschichtlichen  Aufgabe oder  Mission der
       Arbeiterklasse ihre  Stellung im System der kapitalistischen Pro-
       duktionsverhältnisse und  in der  bürgerlichen Gesellschaft. Erst
       hieraus kann  unter Beachtung  der realen  Geschichte das jeweils
       empirische Bewußtsein  "abgeleitet" oder  die Aufgabe seiner Ent-
       wicklung im Sinne der Klassenmission gestellt werden. Die Formie-
       rung des  revolutionären Subjekts  der  kapitalistischen  Gesell-
       schaft, dessen entwickeltste Form eine marxistische Klassenpartei
       ist, kann  nur auf  der Grundlage dieser Interessen erfolgen. Was
       diese Frage  betrifft, so  ist ein  übertriebener Ouvrierismus 3)
       allerdings völlig fehl am Platze. Ja, man muß unter Beachtung der
       geschichtlichen Erfahrungen sogar davon ausgehen, daß die Formie-
       rung der entwickeltsten Formen des revolutionären Subjektes durch
       Zuzug aus  unterschiedlichen sozialen Schichten und Gruppen, über
       unterschiedliche Zugänge,  aus unterschiedlichen  Konflikten  er-
       folgt. Entscheidend  bleibt die  Formierung auf der Grundlage des
       Marxismus als  theoretisch-wissenschaftlicher Ausdruck der Inter-
       essen der  Arbeiterklasse. Dies  ist aber nur die eine Seite. Die
       andere besteht darin, daß diese Formationen nur in dem Maße reale
       Arbeiterinteressen und  sozialistische  Orientierungen  verbinden
       und in  politischen Einfluß, in reale politische und ideologische
       Hegemonie in  der Klasse  umsetzen können, wie sie in der empiri-
       schen Arbeiterklasse  verankert sind, d. h. Angehörige der Arbei-
       terklasse selbst  revolutionäres Bewußtsein  und  Organisiertheit
       entwickeln.
       Wenn wir  von der  Arbeiterklasse als  dem revolutionären Subjekt
       der kapitalistischen  Gesellschaft auch unter den Bedingungen der
       BRD sprechen,  dann bezieht sich dies nicht auf die heute gegebe-
       nen Haltungen und Vorstellungen. Das konnte auch früher bei stär-
       ker entwickeltem  Klassendenken und  -verhalten  nicht  der  Fall
       sein, da  dem die Existenzbedingungen einer ausgebeuteten und un-
       terdrückten Klasse  entgegenstehen. Es  bezieht sich  auf die Po-
       tenz, die  im Maße  der umfassenden Formierung der Klasse wirksam
       werden kann.  Revolutionen sind  immer auch  gesteigerte und ver-
       dichtete  Massenaktivitäten.   Sozialistische  Revolutionen,  die
       nicht nur politische, sondern auch soziale Revolutionen sind, wä-
       ren undenkbar  ohne diese Massenaktivitäten, aus denen allein die
       Kraft zur Aufhebung alter und zur Schaffung neuer Strukturen her-
       vorgehen kann.  Ihre Dynamik besteht gerade in der fortschreiten-
       den Einbeziehung  der Massen der Arbeiterklasse in den revolutio-
       nären Prozeß:  "In der  revolutionären Tätigkeit  fällt das Sich-
       Verändern mit dem Verändern der Umstände zusammen." 4)
       
       Wie auch  immer  die  sozialökonomische  Abgrenzung  von  anderen
       Schichten vorgenommen wird, so bewahrt der Blick auf die interna-
       tionale Arbeiterklasse der heutigen Übergangsepoche zum Sozialis-
       mus vor  einer bornierten  oder resignativen Bewertung von Situa-
       tionen in  entwickelten kapitalistischen  Ländern. Es  zeigt sich
       nicht nur  ein gewaltiges  zahlenmäßiges Wachstum von den 10 Mil-
       lionen Proletariern  z.Z. des Erscheinens des Kommunistischen Ma-
       nifestes Mitte  des letzten  Jahrhunderts auf  heute drei Viertel
       Milliarden -  nimmt man nur die aktiven, also erwerbstätigen Per-
       sonen. Von  ihnen leben  jeweils etwa ein Drittel in den soziali-
       stischen, den entwickelten kapitalistischen und den Entwicklungs-
       ländern. Die  Arbeiterklasse der BRD stellt weniger als 3 Prozent
       der internationalen  Arbeiterklasse. Im  Weltdurchschnitt  machte
       die Arbeiterklasse  Anfang der 80er Jahre 42 Prozent der Erwerbs-
       bevölkerung aus:  in sozialistischen  Ländern 40 Prozent, in ent-
       wickelten kapitalistischen  Ländern 75  Prozent und  in  Entwick-
       lungsländern 30 Prozent. 5) Die Verschiebungen der nächsten Jahr-
       zehnte sind völlig eindeutig.
       Die Arbeiterklasse  dieser Sektoren bzw. der einzelnen Länder und
       wiederum innerhalb  einzelner Länder  steht auf unterschiedlichen
       Entwicklungsstufen, in  denen sich der Charakter der Übergangspe-
       riode verkörpert.  Gleichwohl besteht  ein internationalistischer
       Zusammenhang, der  sich sowohl aus den aktuellen als auch den hi-
       storischen Klasseninteressen  ergibt. Die  Arbeiterklasse ist die
       Klammer der Welt in unserer Epoche.
       Auch für die Existenz der Arbeiterklasse der BRD gibt es nur noch
       sehr wenige  Bereiche, die  nicht von  dem stürmisch verlaufenden
       Internationalisierungsprozeß unserer Zeit berührt wären. Das gilt
       auch für Strukturveränderungen. Wir verweisen nur auf die Gruppen
       ausländischer Arbeiter  und Angestellter,  auf die Arbeiterklasse
       in Betrieben  des Auslandskapitals  und der  internationalen Kon-
       zerne, auf  die Annäherungstendenzen  in regionalen Integrations-
       räumen (EG) usw.
       Es erscheint  gegenwärtig in der BRD nicht überflüssig, bei jeder
       Gelegenheit die  historische Rolle  und internationale  Dimension
       der Arbeiterklasse  im Kontext  der marxistischen Theorie und der
       Realitäten unserer Epoche deutlich zu machen. Der wissenschaftli-
       che Sozialismus  konzentriert sich in der Lehre von der Rolle und
       historischen Aufgabe  der Arbeiterklasse.  6) Die  geschichtliche
       Erfahrung unterstreicht außerdem: Ohne die Arbeiterklasse als re-
       volutionäres Subjekt-  kein Sozialismus, ja, auch kein demokrati-
       scher und sozialer Fortschritt im Kapitalismus. Deshalb faßt sich
       heute der  Angriff bürgerlicher  und kleinbürgerlicher  Ideologie
       auf den  Marxismus auch in der Leugnung der realen und potentiel-
       len Rolle der Arbeiterklasse
       zusammen. 7)
       
       1.2 Die politökonomische Begründung der Arbeiterklasse 8)
       ---------------------------------------------------------
       
       Es soll  hier in  sehr kursorischer Form die politökonomische Be-
       gründung des  Proletariats der  kapitalistischen  Gesellschaft  -
       heute der  Gesellschaften des staatsmonopolistischen Kapitalismus
       (SMK) - widergegeben werden, wie sie im Rahmen des IMSF vertreten
       und entwickelt  worden waren. Dabei, und das muß besonders betont
       werden, war versucht worden, alle - auch die auf den ersten Blick
       widersprüchlichen - relevanten Aussagen, von Marx, Engels und Le-
       nin zum  Thema aufzunehmen  und zu interpretieren. Dies soll hier
       nicht wiederholt werden.
       Ergeben sich die Rolle und der Charakter des Proletariats aus der
       Stellung in  den Produktionsverhältnissen  des Kapitalismus, d.h.
       dem Prozeß der Gewinnung des materiellen Lebens und Reichtums der
       Gesellschaft, dann  muß nach  dem theoretischen politökonomischen
       Ausdruck dieser  Stellung gefragt werden. Er faßt sich im entfal-
       teten Warencharakter der Arbeitskraft des Proletariats zusammen.
       Das Proletariat  ist eigentumslose  Klasse, es verfügt nicht über
       die Produktionsbedingungen,  unter denen es angewendet wird, son-
       dern es wird angewendet. Es ist die Klasse doppelt freier Lohnar-
       beiter. Die  Arbeitskraft seiner Angehörigen ist mobil und dispo-
       nibel, sie wird per Kontrakt - was juristisches Selbstverfügungs-
       recht einschließt - auf Zeit gekauft. Sie ist Ware und unterliegt
       der Wert- und Preisbildung der Warenproduktion und -zirkulation -
       mit den Modifikationen durch die Wirksamkeit des historisch-mora-
       lischen Faktors.  Natürlich ist  jedes Produkt,  das gekauft  und
       verkauft wird,  eine Ware. Aber nicht jede Ware ist unter kapita-
       listischen Bedingungen  produziert. So  treten auch  Unterschiede
       zwischen der  Arbeitskraft der Arbeiterklasse und anderer Lohnar-
       beit leistender  Kategorien auf.  Soweit in  die Reproduktion der
       Arbeitskraft Privilegien eingeschlossen sind, die wiederum in der
       Regel mit  der Ausübung spezifischer Funktionen im Reproduktions-
       prozeß bzw. einer spezifischen Stellung im System der Arbeitstei-
       lung und Kooperation korrespondieren bzw. sich über einen höheren
       Wert und Preis der Arbeitskraft dieser Kategorien realisieren und
       damit ein  weit überdurchschnittliches bzw. vom Proletariat abge-
       hobenes Reproduktionsniveau ermöglichen, fallen diese Gruppen aus
       dem sozialökonomischen  Umfang der Arbeiterklasse heraus und bil-
       den die  modernen lohnabhängigen  Mittelschichten, zu  denen auch
       die lohnabhängige  Intelligenz gehört.  Denn höhere  Bildung  ist
       auch unter  den Bedingungen des SMK ein derartiger privilegieren-
       der Faktor  mit sozialökonomischem Gewicht. Dieser Faktor ist al-
       lerdings nicht  starr und  statisch. Er  bestimmt sich empirisch-
       operational immer  in bezug  zum in der modernen Produktion agie-
       renden Kern  der Arbeiterklasse. So galten zu Marx' Zeiten andere
       empirische Abgrenzungen als heute. Zu seiner Zeit waren etwa kom-
       merzielle Lohnarbeiter noch eine solche Kategorie. Heute gilt das
       nur noch  für die  Obergruppen dieser Kategorie, während sich für
       die große  Masse -empirisch  meist Frauen  von Arbeitern oder aus
       Arbeiterfamilien - ihr Reproduktionsniveau dem der traditionellen
       Arbeiterklasse völlig angenähert hat und gleichen Gesetzen folgt.
       Andererseits erlangen vor allem unter Bedingungen des SMK die Sy-
       stemfunktionen,  für  deren  Realisierung  Lohnarbeit  angewendet
       wird, ein starkes Gewicht für die Klassensituation. Dies gilt für
       die Gruppen mit dem Reproduktionsniveau der Arbeiterklasse in den
       unmittelbaren, vor allem den staatlichen Macht-und Herrschaftsap-
       paraten des Systems.
       Die Ware  Arbeitskraft, durch  den Kapitalisten  gekauft, ist die
       stoffliche Seite  seines variablen  Kapitals, jenes Kapitalteils,
       aus dessen  Funktion der Mehrwert entspringt bzw. die zur Produk-
       tion und  Realisierung des  Mehrwertes  erforderliche  Mehrarbeit
       freigesetzt wird. Dies ist der Verwertungsprozeß des Kapitals per
       Ausbeutung der  Lohnarbeitskraft. Der  Arbeitsprozeß selbst  bzw.
       die stoffliche  Seite des  Produktionsprozesses ist für diese Be-
       stimmung gleichgültig.  Aber  seine  innere  Struktur  ist  nicht
       gleichgültig für  die konkrete  Form der Ausbeutung. Erst die Un-
       terwerfung der  Arbeitsprozesse durch  das Industriekapital, d.h.
       die reelle Unterwerfung oder Subsumtion der Arbeitsprozesse durch
       das Fabrik-  und Maschinensystem des Kapitals, also die kapitali-
       stische Industrialisierung,  unterwirft auch  den Lohnarbeiter in
       vollem Sinne  dem Kapital.  Vorher, in  der Manufaktur, hängt die
       Produktion noch  an der Spezialität der Arbeitskraft - das betraf
       auch die  Ausdehnungsmöglichkeit der  Produktion im  Rhythmus des
       Industriezyklus; jetzt  dagegen wird der Arbeiter "Anhängsel" der
       Maschinerie, im  reellen Sinne  Verwertungsmaterial des Kapitals.
       Es vollzieht sich der Übergang von der formellen zur reellen Sub-
       sumtion der Lohnarbeit unter das Kapital und in diesem Prozeß die
       Entfaltung des Warencharakters der Arbeitskraft des Proletariats.
       Wissenschaft und  Leitung werden  Potenzen des  Kapitals, aus dem
       unmittelbaren Produktionsprozeß herausgelöst und gegen den Arbei-
       ter gestellt. (Mit dem Fortschritt der Vergesellschaftung erfolgt
       jedoch die Ausdifferenzierung dieser Funktionen. Sie werden nicht
       nur spezialisierte  Anlagefelder von Kapital, sondern sie bringen
       in diesem  Prozeß mit  einem differenzierten  Arbeitskörper  auch
       neue Schichten  von Lohnarbeitern  hervor.) Erst auf dieser Stufe
       ist der  Arbeiter der  Bewegung des Kapitals in vollem Umfang un-
       terworfen -  auf dem Markt und in der Produktion - und wird davon
       in seiner ganzen Existenz geprägt.
       Wir hatten  angedeutet, daß mit der kapitalistischen Industriali-
       sierung das  Fabrikproletariat sich  als  sozialökonomischer  und
       später auch  politisch-ideologischer Kern der Arbeiterklasse kon-
       stituiert. Die Lohnarbeit erhält damit gewissermaßen ihr Gravita-
       tionszentrum, ihren  Pol, in  dessen Kraftfelder sich die übrigen
       Gruppen der  Arbeiterklasse eingliedern.  Erst dies wird bekannt-
       lich der  Geburtsakt der  modernen Arbeiterklasse, der Vorausset-
       zung, des  Momentes und des Resultates der Reproduktion des Kapi-
       tals. Die Entwicklung der Produktivkräfte, deren wichtigstes Ele-
       ment immer  der Arbeiter und die Arbeiterklasse sind, bedingt die
       jeweilige konkrete  und stoffliche  Struktur des Arbeitsprozesses
       und der  Arbeitsverausgabung. Der charakteristische Typ wechselt:
       manuelle  einfache  Arbeit  von  Frauen  und  Kindern,  physische
       Schwerarbeit von  Männern, vorwiegend  manuelle und qualifizierte
       Männerarbeit, vorwiegend  geistig-psychische Arbeitsverausgabung.
       Es sind  dies historische  Erscheinungsformen  der  industriellen
       Produktionsarbeit. An  ihnen kann  nur der jeweils historisch be-
       stimmende Typ  von Lohnarbeit  und einfacher  Arbeit  festgemacht
       werden, nicht  aber Lohnarbeit  schlechthin. Schon gar nicht sind
       arbeits- und versicherungsrechtliche Kategorien Kriterien zur Be-
       stimmung unterschiedlicher  Stufen der  Lohnarbeit. Auch  sie re-
       flektieren bestenfalls  bestimmte historische Erscheinungsformen.
       Ungeeignet ist auch der Versuch der Begründung der Arbeiterklasse
       durch den  Begriff bzw.  das Verhältnis  der produktiven  Arbeit.
       Eine derartige  Begründung  trägt  der  historischen  Entwicklung
       nicht Rechnung.  Nur in  Frühphasen fallen  Kapitalproduktion und
       Arbeiterklasse zusammen.  Gerade dann, wenn wir die Einzelbestim-
       mungen der Arbeiterklasse im entwickelten oder entfalteten Waren-
       charakter ihrer  Arbeitskraft zusammenfassen, tragen wir auch dem
       gesamtgesellschaftlichen Charakter  der  Klassenverhältnisse  und
       der prinzipiellen  Einheit des  Reproduktionsprozesses  Rechnung.
       Die Reproduktionssphäre  ist somit durch Klassenverhältnisse kon-
       ditioniert, und  zwar nicht  nur in  jenem Sinne,  daß ihr Rahmen
       durch die  Distributionsverhältnisse und  den Umfang der Revenuen
       abgesteckt ist,  sondern in  dem Sinn, daß ihre gesellschaftliche
       Funktion aus  der Rolle und Stellung des Arbeiters in der Produk-
       tion hervorgeht  und nicht  umgekehrt. Diese  Bestimmung betrifft
       auch die Rolle der Nichtarbeitszeit usw. Sie verweist schließlich
       auf die  Einheit der  aktiven und  passiven, der fungierenden und
       brachgelegten Teile der Arbeiterklasse. Angehöriger der Arbeiter-
       klasse zu  sein, reduziert  sich also  nicht auf eine zeitweilige
       Rolle im Arbeitsprozeß. Eben weil sie die Reproduktionssphäre mit
       erfaßt, kann die hier vertretene Konzeption das Klassenindividuum
       in allen Lebenssphären ausmachen.
       Im kapitalistischen Akkumulationsgesetz wird ausgedrückt, daß der
       Lohnarbeiter wieder als Lohnarbeiter aus dem Prozeß herauskommt -
       entledigt eines Quantums in der Produktion vernutzter Lebenskraft
       - und zur Existenzerhaltung immer aufs Neue in diesen Prozeß ein-
       treten muß.  Das kapitalistische Lohngesetz erfaßt dies als Reak-
       tionen des Systems zur Erhaltung seiner Bedingungen. Hierzu gehö-
       ren Arbeitslosigkeit,  Reservearmee, relative  Überbevölkerung in
       ihren verschiedenen  Erscheinungsformen; hierzu gehören aber auch
       die Methoden  der extensiven und intensiven Ausbeutung. Natürlich
       gilt auch  hier: Was  als Gesetz gilt, trifft nicht in jedem Fall
       und für  jedes Individuum  zu. Ohne dies wären Mobilitätsprozesse
       kaum möglich.
       Man muß darauf verweisen, daß die politökonomische Bestimmung der
       Arbeiterklasse durch den entwickelten Warencharakter der Arbeits-
       kraft auch  völlig die  soziologischen Kriterien  erfaßt oder ab-
       deckt, die  die Klassendefinition  von W.I.  Lenin ausmachen,  9)
       wenn man  sie auf  die Arbeiterklasse anwendet (Stellung in einem
       historischen System  gesellschaftlicher Produktion; Antagonismus;
       Stellung  zum   juristisch  fixierten  Produktionsmitteleigentum;
       Stellung im  System der  Arbeitsteilung und Kooperation, und zwar
       vor allem  in vertikalem  Sinne; Einkommensquellen; Anteil am ge-
       sellschaftlichen Reichtum).  Diese Bestimmung erfaßt auch die hi-
       storische Stellung der Arbeiterklasse, die ihre Existenz als aus-
       gebeutete, unterdrückte,  kommandierte und beherrschte Klasse nur
       mit der  Aufhebung des  Kapitalverhältnisses aufheben  kann. Dies
       bedeutet die  Befreiung der Arbeit aus der Fessel der Lohnarbeit,
       die Aufhebung  des Warencharakters  ihrer Arbeitskraft. Reproduk-
       tion, Verteilung  und Anwendung  der Arbeitskraft  der  Arbeiter-
       klasse folgen  danach anderen  Gesetzen, erfolgen unter Bedingun-
       gen, unter  denen Marktkonkurrenz,  Existenzunsicherheit,  Reser-
       vearmee usw.  der Vergangenheit angehören und keine Regulierungs-
       funktion ausüben können. Die philosophische Bestimmung der Arbei-
       terklasse ist somit in der politökonomischen aufgehoben.
       Die Struktur der Arbeiterklasse war zu jedem Zeitpunkt vielfältig
       und multidimensional. Dies betrifft zum einen die Übergangsformen
       und Zwischentypen zu anderen Schichten und Klassen, bei denen die
       Klassenkriterien nicht in eindeutiger Form auftreten bzw. anwend-
       bar sind:  so das Produktionsmitteleigentum bei den selbständigen
       Mittelschichten und die spezifische, gegenüber der Arbeiterklasse
       privilegierte Stellung  und Funktion  bei den lohnabhängigen Mit-
       telschichten. Dies  gilt auch  für die  prägende Rolle  von Herr-
       schaftsapparaten. Zum  anderen betrifft  dies Kriterien außerhalb
       oder unterhalb  der Klassenkriterien  mit in einzelnen Phasen un-
       terschiedlicher Bedeutung:
       - die Stellung  im Wirtschaftsprozeß  nach  volkswirtschaftlichen
       und betrieblichen Gesichtspunkten (Landwirtschaft, Bergbau, Indu-
       strie, Handel  usw., Werkstatt, Büro usw., produktive oder unpro-
       duktive Funktionen u.a.);
       - die Stellung in sozialökonomischen Sektoren;
       - die Stellung  in der kapitalistischen Arbeitsorganisation unter
       Gesichtspunkten der  Berufsstruktur, der Arbeitsverausgabung, der
       Qualifikation usw.;
       - die Schichtung  nach Lebenslagen  im  Reproduktionsbereich  wie
       Wohnverhältnisse, Stadt-Land-Dimension,  Vermögen, Familienstruk-
       tur, Familieneinkommen  einschließlich der "Sozialeinkommen", Er-
       werbstätigkeit.
       Schließlich sind auch vordergründig demographische Merkmale wich-
       tige Strukturierungsgesichtspunkte: Alter, Geschlecht, Nationali-
       tät usw.
       Es liegt  somit auf  der Hand,  daß schon von den objektiven Exi-
       stenzbedingungen her die Arbeiterklasse kein monolithischer Block
       sein kann. Das galt in der Vergangenheit und gilt auch heute.
       
       1.3 Die abstrakte Welt der "weiten" Arbeiterklasse
       --------------------------------------------------
       
       Nach einer längeren Pause in der innermarxistischen Diskussion um
       die Klassenstruktur im SMK ist nun vor kurzem in der DDR eine auf
       die Struktur  der internationalen  Arbeiterklasse unserer  Epoche
       angelegte Schrift  erschienen, in  der u.a.  Fragen der Arbeiter-
       klasse im SMK behandelt werden. 10) Der Autor nimmt auch zu ande-
       ren marxistischen  Positionen, darunter auch jenen des IMSF, kri-
       tisch Stellung.
       Der Autor  steht unmittelbar im Arbeitszusammenhang einer Gruppe,
       die das Konzept einer weiten Arbeiterklasse schon vorher in einer
       Reihe von  Veröffentlichungen entwickelt  und propagiert hat. Wir
       halten diese Konzeption in vieler Hinsicht für nicht den Realitä-
       ten des  SMK angemessen  und deshalb  auch nicht für eine hinrei-
       chende Basis  zur Analyse  politischer und ideologischer Prozesse
       im SMK,  insbesondere auch jener Prozesse, die die Formierungsbe-
       dingungen der  revolutionären Arbeiterbewegung  heute in  der BRD
       betreffen.
       Um es vorwegzunehmen und den faktischen Kern der Differenz zu be-
       nennen, es  handelt sich darum, daß in der theoretischen Vorstel-
       lungswelt des  Verfassers lohnabhängige  Mittelschichten und  die
       Intelligenz als  sozialökonomisch bestimmte (Mittel-)Schicht kei-
       nen Platz  haben. So  entsteht jene große Arbeitnehmerklasse, die
       faktisch mit  der Summe  der statistischen  Gruppen der Arbeiter,
       Angestellten und  Beamten identisch ist. Ausgegliedert werden nur
       die relativ kleine Gruppe der oberen Manager sowie Offizierskorps
       und Hausdienerschaft,  letztere allerdings mit nicht ganz schlüs-
       sigen Argumenten.  Die lohnabhängige  Intelligenz  figuriert  als
       Gruppe der  "intellektuellen Lohnarbeiter", in der Sicht des Ver-
       fassers eine Gruppe der Arbeiterklasse.
       Hier können  auch gut die Konsequenzen dieser Position aufgezeigt
       werden. Sie  bestehen unter  anderem darin, daß gegenwärtig Bewe-
       gungen wie  die Grünen und Alternativen als Bewegungen der Arbei-
       terklasse oder  zumindest von Gruppen der Arbeiterklasse erschei-
       nen müßten,  ihre nichtproletarische  Ideologie könnte auf keinen
       Fall mit  der eigenen  sozialen Lage dieser Gruppen in Verbindung
       gebracht werden.  Es sei denn, Produktion und Reproduktion würden
       "dual" gesehen, was allerdings kaum mit dem historischen Materia-
       lismus in  Übereinstimmung gebracht werden könnte. Die Bewegungen
       der Studentenschaft erschienen als im Prinzip proletarische Bewe-
       gungen usw.  usf. Sozialökonomische Bündnispolitik gegenüber die-
       sen Sektoren wäre von vornherein gegenstandslos.
       Möglicherweise stellt  sich der  Verfasser nicht  hinreichend der
       Aufgabe, daß  auch unter  den Bedingungen des SMK Klassenbewegung
       und ökonomische  Bewegung über  die Klassen-  und  Sozialstruktur
       vermittelt werden müssen, daß wir also auch politische, ideologi-
       sche und  kulturelle Erscheinungen auf ihre Klassenbasis bzw. die
       unterschiedliche Klassenbasis zurückführen müssen, wenn wir über-
       haupt eine materialistische Analyse anstreben.
       Möglicherweise glaubt  der Verfasser  auch, er komme bürgerlichen
       Positionen der  Technostruktur bzw.  des Verschwindens der Arbei-
       terklasse entgegen,  wenn er  nicht von vornherein den Zirkulati-
       onsakt der  Lohnarbeit der Bestimmung der Arbeiterklasse zugrunde
       legt und  die Verallgemeinerung  der Lohnarbeit  mit dem Wachstum
       der Arbeiterklasse  identifiziert. Wir  halten seine  Befürchtung
       für unbegründet, daß mit der Berücksichtigung lohnabhängiger Mit-
       telschichten und  der Intelligenz  in der Konsequenz das Proleta-
       riat an  den Rand  gedrängt werde.  Natürlich ist dies der Wunsch
       bürgerlicher Ideologen, den die Realität aber nicht erfüllt. Aber
       man muß  auch berücksichtigen,  daß es  Perioden gibt,  in  denen
       diese Mittelschichten  schneller wachsen können als die Arbeiter-
       klasse. Alle  Anzeichen deuten  darauf hin, daß die 70er Jahre in
       der BRD  eine solche Periode waren. Dies muß klar gesehen werden,
       weil ohne dies die Erklärung vieler aktueller Prozesse nicht mög-
       lich ist.  Nur eine äußerst schematische Interpretation des Akku-
       mulationsgesetzes kann  zu derartigen  Realitätsblockaden führen.
       Zu beachten  ist außerdem, daß dieses Gesetz heute auf dem Niveau
       des SMK seine Wirksamkeit entfaltet, wodurch Mobilitäts- und Dif-
       ferenzierungsprozesse auf  gesamtgesellschaftlicher Ebene  ausge-
       löst bzw. beeinflußt werden.
       Was die theoretischen Begründungen betrifft, so nimmt der Verfas-
       ser u.E. nicht alle relevanten Klassikeräußerungen ernst bzw. be-
       achtet zu  wenig den Entwicklungsprozeß ihrer Konzeption. Hieraus
       folgt, daß er Argumentationen zum Warencharakter der Arbeitskraft
       oder zu  bestimmten Kategorien  bei Marx und heute (etwa zum kom-
       merziellen Lohnarbeiter)  nicht aufnehmen  kann. 11) Er bleibt im
       Prinzip bei  einer Fixierung auf die Trennung vom Produktionsmit-
       teleigentum, das  er allerdings eher in seiner juristischen Seite
       erfaßt, jedoch  weniger in  seiner soziologischen Bedeutung. Des-
       halb kann  er mit den Kriterien der Arbeitsteilung als einer Kon-
       stitutionsbedingung der Klassenverhältnisse im Prinzip nichts an-
       fangen. 12)  Das trifft  auch auf die sozialökonomische Bedeutung
       und Rolle der Bildung zu.
       Der Verfasser  bevorzugt eine schematische und starre Sichtweise,
       etwa wenn er nicht aufnimmt, daß der Begriff der einfachen Arbeit
       eine Kategorie  mit historisch  wechselndem konkreten Inhalt ist;
       wenn er ablehnt, die Tendenz zur Polarisierung der lohnabhängigen
       Mittelschichten -  der sie  ja in der Realität im Maße der Durch-
       setzung der "Industrialisierung" ihrer Bereiche unterliegen - und
       zur Annäherung  an die  Arbeiterklasse als  Prozeß, d.h. als sich
       reproduzierendes Verhältnis  (vom Verfasser als Prozeß verabsolu-
       tierung kritisiert)  zu verstehen;  13) wenn  er den Zusammenhang
       von objektiver  Situation und  Bewußtsein  und  Verhalten  seiner
       Gruppen der  "intellektuellen Lohnarbeiter" nur als Zurückbleiben
       des Bewußtseins  hinter der Realität interpretieren kann usw. All
       dies verweist u.E. darauf, daß die schematisierten Klassenkatego-
       rien zur  Erfassung der realen Prozesse und als Basis der Strate-
       gie- und  Taktikentwicklung der  Arbeiterbewegung in  einem Lande
       wie der BRD ungenügend sind.
       Nützlich war  es zweifellos,  daß der Verfasser seine eigene Mei-
       nung und  auch seine Kritik an anderen Positionen mit hinreichen-
       der Deutlichkeit  vorgetragen hat.  Denn es geht ja nicht um eine
       unterschiedliche Bewertung  von Fakten, sondern um unterschiedli-
       che theoretische  Ansätze in  der Bewertung von Fakten. Damit ist
       auch das  Diskussionsfeld abgesteckt.  Allerdings wäre es für den
       Diskussionsfortschritt notwendig und nützlich, wenn die schon ein
       Jahrzehnt vorliegenden  theoretischen Ansätze einer ernsthafteren
       argumentativen Kritik unterzogen würden.
       
       2. Veränderungen bis zu den 80er Jahren
       ---------------------------------------
       
       2.1 Strukturaspekte
       -------------------
       
       Wir untersuchen  nachfolgend Strukturen der Arbeiterklasse zu Be-
       ginn der  80er Jahre  und ihre  Entwicklung seit 1960. Diese zwei
       Jahrzehnte umfassen  unterschiedliche Perioden und drei bzw. vier
       abgeschlossene Zyklen  der Wirtschaftsentwicklüng. Dabei sind die
       Krisen von  1966/67 und  1974/75 besonders  einschneidende Ereig-
       nisse im  Leben der  Arbeiterklasse. 14) Schon in den 60er Jahren
       haben wir  es eindeutig mit einem gesamtwirtschaftlichen Typ vor-
       wiegend intensiv  erweiterter Reproduktion  zu tun. Dies schließt
       wesentliche Änderungen  der Struktur  der Volkswirtschaft und der
       Gesamtarbeiter der  Betriebe bzw. Unternehmen ein. Diese Prozesse
       haben sich  in den 70er Jahren verstärkt. Nimmt man 1960 als Aus-
       gangspunkt der  statistischen Reihen und Trendangaben, so beginnt
       man mit  Zahlen, die  schon einen vollentwickelten SMK in der BRD
       reflektieren. Die BRD (in der Statistik sind die Zahlen für West-
       berlin i.d.R.  mit enthalten) verfügt damals über das Territorium
       von heute.  Die Wohnbevölkerung wächst in den 60er Jahren noch um
       rund 5  Millionen, in  den 70er Jahren nur noch um etwa 1 Million
       auf knapp  62 Millionen  Einwohner zu  Beginn der 80er Jahre, vor
       allem Resultat  der Zuwanderung  ausländischer Arbeiter und ihrer
       Angehörigen.
       Nach den  sozialstatistischen Kategorien  gehören  zur  Arbeiter-
       klasse der  BRD im  oben erfaßten  Sinne (vgl. Abschnitt 1.2) die
       Arbeiter, die  unteren und größere Teile der mittleren Angestell-
       ten und  Beamten sowie  die Arbeitslosen  (abgesehen von  den ar-
       beitslosen Angehörigen der lohnabhängigen Mittelschichten und In-
       telligenz und  des kapitalistischen Managements) und ihre Angehö-
       rigen sowie  die Rentner  (entsprechend ihrem früheren Status und
       ihren Einkommensquellen).
       Wir wollen  nachfolgend einige  Angaben für  den aktiven Teil der
       Arbeiterklasse der BRD vermitteln, der als Teil der Erwerbsbevöl-
       kerung (Erwerbspersonen)  erscheint. Diese  Größe wird  durch die
       Zu- und  Abgänge und die Anzahl der Erwerbslosen beeinflußt. Ent-
       sprechend den  nachfolgenden Tabellenangaben  erhöht sich die Er-
       werbspersonenzahl in  den betrachteten  zwei Jahrzehnten  nur  um
       0,75 Millionen  Personen. Die  Zahl der  Erwerbstätigen  schwankt
       zwischen 1970 und 1983 zwischen 25,1 Millionen (1983 = Tiefpunkt)
       und 26,8  Millionen (1973  = Höhepunkt)  und wird stark durch die
       zyklische Entwicklung bzw. die Arbeitslosenzahlen beeinflußt. Das
       Potential erhöht sich 1983 um 0,15 Millionen, was sich allerdings
       nicht in  dieser Größenordnung  als Wachstum  der Erwerbspersonen
       niederschlagen wird. 15)
       Tabelle 1  enthält die Angaben für die Entwicklung der erwerbstä-
       tigen Arbeiter, Angestellten und Beamten der BRD.
       Die Tabelle  gibt den bekannten Sachverhalt der Umschichtung zwi-
       schen den Kategorien der Lohnarbeit wider - mit dem absoluten und
       relativen Rückgang  der Arbeiter.  Es handelt sich bei den Zahlen
       jeweils um  die Ergebnisse  des Mikrozensus. Allerdings sind hier
       nicht die Erwerbslosenzahlen 16) mit ihrem überproportionalen Ar-
       beiteranteil enthalten;  der Arbeiterrückgang  ist insofern über-
       höht. Nach  der Tabelle gibt es heute mehr Angestellte und Beamte
       als Arbeiter,  der formelle Lohnabhängigenstatus hat sich weit in
       die Gesellschaft  verallgemeinert. Die  Anteilverschiebung ist in
       beiden Jahrzehnten mit 5 bzw. 5,2 Prozent-Anteilen fast ausgegli-
       chen, wobei  allerdings das  höhere Niveau für die 70er Jahre und
       die höheren Erwerbslosenzahlen zu beachten sind. Nach der Tabelle
       gibt es in den 60er Jahren einen Zuwachs aller formell Lohnabhän-
       gigen von etwa 1,5 Millionen und in den 70er Jahren von 2 Millio-
       nen -  inklusive Erwerbslose  (vgl. Tabelle 2) ein Zuwachs um 1,6
       bzw. 2,9 Millionen Personen. Anders ausgedrückt: Der Rückgang des
       Selbständi-genbereiches hat sich noch beschleunigt.
       
       Tabelle 1:
       Arbeiter, Angestellte, Beamte in Tausend und Prozent
       
                                       1960     1970     1981
                                             in Tausend
       
       Arbeiter a)                   13 201   12 474   11 361
       Angestellte b)                 5 856    7 802   10 157
       Beamte c)1)                    1 230    1 447    2 272
                                     20 287   21 723   23 790
       
                                             in Prozent
       
       Arbeiter                        65,1     57,4     47,8
       Angestellte                     28,9     35,9     42,7
       Beamte                           6,0      6,7      9,5
                                      100,0    100,0    100,0
       in Prozent der Erwerbstätigen   77,4     82,5     88,1
       _____
       1) ohne Soldaten
       a) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 29,7-27,9-27,7
       b) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 50,0-48,5-52,8
       c) Frauenquoten 1960-1970-1981 = 12,1-15,8-18,0
       Quelle: IMSF-Beiträge 3,  Klassen-  und  Sozialstruktur  der  BRD
       1950-1970, Teil  II; Sozialstatistische  Analyse,  Frankfurt/Main
       1973 (1974), Tabellen 3.0/1,3.1/1,3.2/1;
       Statistisches Bundesamt  (StatBA), Fachserie  (FS) 1,  Reihe  (R)
       4.1.1., 1981 (Ergebnisse des Mikrozensus 1981).
       
       Wichtig ist  die Beachtung  der Frauenquoten,  die relativ stabil
       bleiben. Es erhöht sich lediglich die Frauenquote bei den Beamten
       um 6  Prozent-Anteile - allerdings bei sehr niedrigem Niveau. Von
       den Angestellten  sind heute mehr als die Hälfte Frauen - zum be-
       achtlichen Teil Frauen und Töchter aus Arbeiterfamilien.
       Was diese  Prozesse für  die Arbeiterklasse  bedeuten, zeigen die
       Angaben der Tabelle 2, die die Arbeiterklassengruppen der einzel-
       nen sozialstatistischen  Kategorien erfaßt.  Wir übernehmen dabei
       für 1960  und 1970  die Ziffern  aus  früheren  IMSF-Studien  und
       schätzen unter  Beachtung der inneren Veränderungen und des star-
       ken absoluten  Wachstums die Gesamtdifferenzierungsrelationen bei
       Angestellten und  Beamten für 1981 etwas höher. Bei Vorliegen von
       Ergebnissen einer neuen Volkszählung wären hier korrektere Neube-
       stimmungen möglich und notwendig.
       
       Tabelle 2:
       Die aktiven Teile der Arbeiterklasse der BRD 1960, 1970, 1981
       
       Gruppen                               1960     1970     1981
       
       1. Arbeiter             - Tausend   13 201   12 474   11 361
                               - Prozent     50,4     47,4     42,1
       2. Angestellte          - Tausend    4 526    6 475    7 618
                               - Prozent     17,3     24,6     28,2
       3. Beamte               - Tausend      782      854    1 146
                               - Prozent      3,0      3,2      4,3
       4. Erwerbslose          - Tausend      152      167    1 045
                               - Prozent      0,6      0,6      3,9
       5. Gruppen in der ökonomischen
          Lage der Arbeiterklasse im
          Macht- und   Repressions-
          apparat              - Tausend      370      543      710
                               - Prozent      1,4      2,1      2,6
       Arbeiterklasse zusammen - Tausend   18 291   19 427   20 460
       (1, 2, 3 und 4 ./. 5)   - Prozent     69,8     73,7     75,9
       Erwerbspersonen         - Tausend   26 194   26 343   26 949
                               - Prozent    100,0    100,0    100,0
       _____
       Quelle: Beiträge  des IMSF  3/II, a.a.O.,  Tabellen 2/38,  3.0/1,
       3.1/1, 3.1/21, 3.2/9; Beiträge des IMSF 6, Der Staat im staatsmo-
       nopolistischen Kapitalismus  der Bundesrepublik, Teil II: Empiri-
       sche Analyse  und Fakten,  Frankfurt/Main 1982, Tabelle III.2/14;
       Stat. Jb. 82 (Mikrozensusergebnisse 1981). Differenzen durch Run-
       dung. Für  1960 und 1970 wurden die Schätzungen früherer IMSF-Ar-
       beiten übernommen.  Die Relationen für 1970 wurden für 1981 fort-
       geschrieben mit  der Modifikation,  daß der Arbeiterklassenanteil
       der Angestellten  auf 75  Prozent, der  Beamten von Bahn und Post
       auf 90 Prozent und der sonstigen Beamten auf 40 Prozent geschätzt
       wurde (einschließlich der Gruppen im Repressionsapparat).
       Wir machen  nun aufgrund  der Tabelleninformationen eine wichtige
       Feststellung: Die Arbeiterklasse wächst in beiden Jahrzehnten je-
       weils um 1,1 bzw. l Million Personen, und entsprechend steigt der
       Prozent-Anteil  an  den  Erwerbspersonen  auf  76  Prozent.  Aber
       gleichfalls wächst  der Block  von lohnabhängigen Mittelschichten
       und Intelligenz,  Gruppen im  Repressionsapparat und  bourgeoisen
       Gruppen im  Angestellten- und  Beamtenstatus von  7,6 Prozent der
       Erwerbstätigen über  9,0 Prozent auf 12,4 Prozent. Dies bedeutete
       in absoluten  Zahlen eine Entwicklung von 2 über 2,4 auf 3,3 Mil-
       lionen. Das  Wachstum dieser  Schichten machte  also in  den 70er
       Jahren 0,9  Millionen Personen aus. Ursache sind die Umschichtun-
       gen der  volkswirtschaftlichen Strukturen, wodurch sich mit einem
       Breitenwachstum der Dienstleistungen, der höheren Spezialistenbe-
       rufe und der Repressionsapparate gerade diese Gruppen vergrößern.
       Dies verweist  insgesamt zwar  auf die Haupttendenz der Akkumula-
       tion. Sie  setzt sich  aber unter  einer absoluten  Polarisierung
       entgegenwirkenden Faktoren  durch und  führte gerade  in den 70er
       Jahren zu einem wesentlich schnelleren Wachstum der Mittelschich-
       ten. Unseres Erachtens liegt mit diesen Prozessen auch eine wich-
       tige Grundlage für das Verständnis bestimmter politischer Verwer-
       fungen vor,  weil in  Betracht gezogen werden muß, daß sich diese
       Umschichtungen ja  vor allem über Generationenwechsel realisieren
       und somit  bei den  jüngeren Generationen  weit  breiter  als  im
       Durchschnitt ausfallen.
       Eine wichtige  Gruppe der Arbeiterklasse der BRD sind die auslän-
       dischen Arbeiter  und ihre  Angehörigen.  Die  ausländischen  Er-
       werbstätigen sind zu 95-98 Prozent Arbeiter und Angestellte, 1981
       zusammen 1,9  Millionen Personen  bzw. 9,3  Prozent der Arbeiter-
       klasse. Ihre  Arbeitslosenquoten sind  überdurchschnittlich  hoch
       (1983 lag  die Quote z.B. bei 13 Prozent), 17) obwohl die staats-
       monopolistische Arbeitsmarktregulierung  längst mittels  direktem
       und indirektem Druck die Rückwanderung zu erzwingen bestrebt ist.
       Wir untersuchen  nachfolgend die Prozesse, die den genannten Ver-
       änderungen zugrunde  liegen. Zuerst  werden in  Tabelle 3 Angaben
       zur Struktur  der Wirtschaftsbereiche und deren Verschiebung vor-
       gelegt. Da  die entsprechende  Verteilung der  Arbeiterklasse für
       1981 nicht  nachweisbar ist,  muß der Vergleichbarkeit halber auf
       die Beschäftigtenziffern zurückgegriffen werden.
       
       Tabelle 3:
       Beschäftigte nach Wirtschaftsabteilungen 1960, 1970, 1981
       in Prozent
       
                                             1960     1970     1981
       
       1. Land- und Forstwirtschaft usw.     13,4      9,0      5,2
       2. Energie, Wasser, Bergbau            3,3      2,0      2,1
       3. Verarbeitendes Gewerbe (ohne Bau)  37,0     38,7     35,6
       4. Baugewerbe                          7,8      7,7      7,2
       5. Verkehr und Nachrichten             5,7      5,4      5,7
       6. Handel                             11,8     11,8     11,6
       7. Banken und Versicherungen           1,6      2,4      3,3
       8. Dienstleistungen                    9,7     13,2     17,2
       9. Organis. o. Erw., Haushalte         2,5      1,5      2,0
       10. Gebietskörpersch. u. Sozialv.      7,2      8,3     10,1
       -
       >Produzierendes Gewerbe (2-4)         48,0     48,4     44,9
       -
       -
       > Produktion (2-5)                    53,7     53,8     50,6
       -
       -
       > Dienste (6-10)                      32,9     37,2     44,2
       -
       Insgesamt in Prozent                 100,0    100,0    100,0
       Insgesamt in Tausend                26 501   26 452   26 947
       _____
       Quelle: 1960 und  1970: Beiträge  des IMSF  3/II,  Tabelle  2/12;
       1981: Stat. BA, Fachserie 1, Reihe 4.1.1, 1981, S. 63 (Ergebnisse
       der Mikrozensuserhebungen); Beschäftigte = Erwerbstätige.
       
       Beachtet werden muß der rapide Rückgang der Anteile der Landwirt-
       schaft. 1981  gibt es  hier nur noch 1,4 Millionen Erwerbstätige.
       Sie war  jedoch schon  Anfang der  70er Jahre für Lohnarbeiterbe-
       schäftigung bedeutungslos. Von einem Agrarproletariat kann in der
       BRD faktisch nicht mehr gesprochen werden. Wichtig für die Arbei-
       terentwicklung bzw.  die Entwicklung  der Arbeiterklasse  ist das
       verarbeitende Gewerbe (verarbeitende Industrie und verarbeitendes
       Handwerk). In  den 70er  Jahren ergibt  sich ein  Rückgang um 3,1
       Prozent-Anteile (=0,6 Millionen Personen).
       Eine ähnliche  Abnahme gibt es für das produzierende Gewerbe ins-
       gesamt. Demgegenüber  verzeichnen die Dienstleistungen den stärk-
       sten Zuwachs:  in den 70er Jahren 5 Prozent-Anteile oder 1,1 Mil-
       lionen Beschäftigte.  Nimmt man  die Nicht-Produktionsbereiche im
       Sinne der Tabellenzusammenstellung, dann gewinnen sie in den zwei
       Jahrzehnten 11  Prozent-Anteile (=  3,2 Millionen  Personen). Der
       Zuwachs hat  sich in  den 70er Jahren beschleunigt (2,1 Millionen
       gegenüber 1,1  Millionen in  den 60er Jahren), womit auch die Un-
       terschiede, wie  wir sie  schon bei  Tabelle 2 aufgedeckt hatten,
       weiter bestätigt und geklärt werden.
       Diese Umschichtungsprozesse reflektieren sich auch in der Berufs-
       struktur, die wir in Tabelle 4 wiedergeben.
       
       Tabelle 4:
       Berufsstruktur nach Aufgabenfeldern 1961, 1970, 1980 in Prozent
       
                                              Erwerbstätige insgesamt
                                              1961     1970     1980 1)
       Berufsbereich                         (VBZ)    (VBZ)
       I Gewinner von Naturprodukten,
         Mineralien                           15,2      8,5      6,1
       II Hersteller von Grundstoffen und
       Produktionsgütern                       7,0      6,8      5,0
       III Hersteller von Konsumgütern         8,4      7,3      5,2
       IV a Montage-, Wartungsberufe Bau,
            Ausbau                             8,4      7,6      5,9
       IV b Montage-, Wartungsberufe Metall,
            Elektro                            9,7     11,0     10,3
       V a Sachbezogene Dienstleistungen      11,1      9,9      9,5
       V b Personenbezogene Dienstleistungen   5,9      9,6     13,3
       VI a Dienstleistungskaufleute           8,9     10,2     10,5
       VI b Planungs-, Verwaltungsberufe      16,2     21,0     24,6
       VII Sektorunabhängige Berufe            9,2      8,1      9,6
       Summe                                 100,0    100,0    100,0
       _____
       1) Fortschreibung der Mikrozensus-Ergebnisse von 1978
       Quelle: MittAB, 3/1980, S. 364.
       
       Die Gruppen  I-IVb sind  mehr oder weniger auf die Produktion un-
       mittelbar bezogene  Berufe. Sie  verzeichnen (von  48,7 über 41,2
       auf 32,5 Prozent) unterschiedliche Anteilverluste - die stärksten
       die Gruppe  I. Nur leichte Verluste hat die Gruppe Va (1970-1980:
       minus 1,6  Prozent-Anteile), während  die übrigen  Büro-, Verwal-
       tungs- und Dienstleistungsberufe beachtliche Zuwächse haben. Wäh-
       rend es  sich beim  Block I-IVb vorwiegend um Arbeiterberufe han-
       delt, sind  die anderen  vorwiegend Angestellten-  und Beamtenbe-
       rufe.
       Greift man  einzelne Berufsgruppen heraus, 18) so hatten zwischen
       1970 und 1980 eine zunehmende Tendenz: Zahntechniker, Konditoren,
       Köche, Verkäufer, Bankfachleute, Datenverarbeitungsfachleute, Bü-
       rokräfte, Masseure  u.ä., Krankenschwestern, Sprechstundenhelfer,
       Medizinallaboranten, Sozialarbeiter, Sozialpfleger, Sozialpädago-
       gen, Lehrer.  Dies bedeutet  allerdings nicht, daß alle diese Be-
       rufsgruppen von  Arbeitslosigkeit verschont wären; sie ist aller-
       dings in  der Tendenz  bei ihnen geringer als bei anderen Berufs-
       gruppen. Zu  jenen Berufsgruppen  mit abnehmender  Tendenz in den
       70er Jahren gehörten: Landarbeitskräfte, Bergleute, Gummiherstel-
       ler, Kunststoffverarbeiter, Dreher, Stahlschmiede, Weber, Schnei-
       der, Schuhmacher,  Backwarenhersteller, Kalkulatoren, Buchhalter,
       Bürohilfskräfte, Hauswirtschaftskräfte, Wäscher.
       Von Interesse  ist hierbei, daß auch ausgesprochene Angestellten-
       berufe in diese Kategorie fallen (z.B. Abnahme der Buchhalter von
       1970 =  356 000 auf 1980 = 261 000), 19) ein Indiz für die Inten-
       sität der Bürorationalisierung. 20)
       Lokalisiert man den Block der Büroberufe, 21) so ergibt sich zwi-
       schen 1961  und 1980  eine Bestandsvergrößerung  von 5,3  auf 7,3
       Millionen, darunter  der weiblichen Arbeitskräfte von 2,1 auf 3,5
       Millionen, was  auf die  stärkere "Feminisierung" dieses Bereichs
       verweist. Gleichzeitig haben wir in den 70er Jahren einen starken
       "Qualifizierungsschub". Im  Vergleich von  nur 8 Jahren, also von
       1970-1978, ergibt  sich in diesem Gesamtblock der Büroberufe fol-
       gende Veränderung  der Prozent-Anteile:  22) ohne  Ausbildungsab-
       schluß -  von 29  auf 17 Prozent; Lehre/Berufsfachschule - von 67
       auf 71  Prozent; Fachhochschul-/Hochschulabschluß  - von 4 auf 12
       Prozent (Männer  von 7  auf 20  Prozent; Frauen  von l auf 3 Pro-
       zent). Auch  diese Angaben verweisen darauf, daß die Sozialstruk-
       tur dieser  Bereiche stark  in Bewegung gekommen ist und z.B. die
       Intelligenzquote (Anteil  der Hoch- und Fachhochschulabsolventen)
       wesentlich über  dem  volkswirtschaftlichen  Durchschnitt  liegt.
       (Die Quote erhöhte sich von 1970 bis 1978 von 3 auf 8 Prozent der
       Erwerbstätigen.)
       Ein wichtiger  Zugang zur funktionellen Struktur und der Arbeits-
       teilung des  Arbeitskörpers der  BRD -  und damit vermittelt auch
       der Arbeiterklasse  - sind die Ergebnisse der Erhebungen über die
       Tätigkeitsschwerpunkte (vgl. Tabelle 5).
       Diese Angaben bestätigen nochmals, daß die Hauptprozesse der 70er
       Jahre in  der Effektivierung  des unmittelbaren  Produktionsappa-
       rates, der  wachsenden Bedeutung  der vor- und nachgelagerten Be-
       reiche und  Funktionen, einer relativen Stabilität des Zirkulati-
       ons-, Distributions-  und Administrationsapparates  ("wobei immer
       die verstärkte Technisierung und Industrialisierung vieler dieser
       Bereiche zu  beachten ist), dem immensen Bedeutungsgewinn der aus
       der Produktion  herausgelösten  Technikentwicklung  (Projektieren
       etc.) und  vor allem der Dienstleistungen (erfaßt in erster Linie
       als personenbezogene  Arbeit) bestanden.  Letzteres ist eindeutig
       der quantitative  Hauptprozeß. Dieser  Prozeß kann  jedoch nicht,
       sobald er  näher aufgeschlüsselt  wird, umstandslos  als Weg  zur
       Dienstleistungsgesellschaft  interpretiert  werden,  da  es  sich
       vielfach entweder  um neu  entstehende Industrien  neuen Typs, um
       Bestandteile der Realisierungsphase der materiellen Produkte u.ä.
       handelt.
       
       Tabelle 5:
       Tätigkeitsschwerpunkte der Erwerbstätigen 1969 und 1980
       in Prozent
       
                                    Erwerbstätige         1980
       
       Tätigkeitsschwerpunkt       1969     1980   Arbei- Ange- Beamte
                                                   ter    stellte
       
       I. Herstellen, Fertigen     33,6     27,1    46,1    5,4    0,7
       II. Hilfsfunktionen für
           Produktion und Dienst-
           leistungen              19,0     19,1    30,9    7,2   10,0
           davon:
           - Maschinen einstellen,
             einrichten, überwachen 3,5      3,6     7,2    1,2    0,9
           - Befördern, Transportieren,
             Sortieren              7,5      6,6    11,5    2,5    6,1
           - Reinigen, Bügeln *)    1,8      1,8     -      -      -
           - Prüfen, Kontrollieren,
             Korrigieren            2,3      1,5     2,1    1,4    1,5
           - Instandhalten, Reparieren,
             Ausbessern             3,9      5,6    10,1    2,1    1,5
       III. Distributive, administra-
            tive, koordinierende
            Funktionen             30,6     30,4     4,0   63,3   22,3
            davon:
            - Verteilen: Einkaufen/
              Verkaufen,
              Finanzieren etc.     10,4      9,3     2,4   16,5    0,7
            - Verwalten: Buchhalten,
              Registrieren,
              Fakturieren          12,3     11,7     0,9   27,5    8,2
            - Projektieren, Konstruieren,
              Programmieren etc.    2,7      4,3     0,4    9,7    3,9
            - Koordinieren, Führen/
              Leiten, Anweisen      5,2      5,1     0,3    9,6    9,5
       IV. Dienstleistungen
           erbringen *)            12,2     21,9    17,8   22,8   66,2
       V. Andere Tätigkeiten        4,6      1,5     1,4    1,5    1,0
       Summe (= 100,0 Prozent);
       absolut in Millionen:       25,999   26,874  11,372 10,002  2,261
       _____
       *) für 1980 lineare Fortschreibung und Abzug von Position IV.
       Quelle: MittAB, 3/1980, S. 365; StatBA, FS 1, 4.1.2, 1980, S. 18.
       
       Die Strukturangaben  für 1980 zeigen, daß zwischen den sozialsta-
       tistischen  Kategorien   unterschiedliche  Schwerpunkte  bestehen
       bleiben. Nach wie vor wird die unmittelbare Produktion, sieht man
       von Bauern  und Handwerkern  ab, von den Arbeitern bewerkstelligt
       (unmittelbar und direkt produktiv sind demnach 1980 etwa 7,3 Mil-
       lionen Erwerbstätige,  davon sind  5,2 Millionen  Arbeiter). Dies
       ist natürlich  ein zu eingeengter Begriff von produktiver Arbeit.
       Zur produktiven  Arbeit müssen  faktisch ebenfalls  die Gruppe II
       und Teile  der Gruppe IV gerechnet werden. Die Angestellten blei-
       ben mit  Schwerpunkt die  "kommerziellen Lohnarbeiter"  (Zirkula-
       tion,  Distribution,   Verwaltung),  während  die  Beamten  ihren
       Schwerpunkt im  "Dienstleistungen  Erbringen"  haben.  Allerdings
       stehen den  1,3 Millionen Beamten mit derartigem Schwerpunkt noch
       2,3 Millionen Angestellte und 2 Millionen Arbeiter sowie 0,4 Mil-
       lionen Selbständige gegenüber bzw. zur Seite. Zu beachten ist da-
       bei auch,  daß unter diese Sammelkategorie auch die "Dienste" von
       Polizei, Militär, Justiz etc. subsumiert sind.
       Wir hatten in unserer Argumentation schon verschiedentlich unsere
       Ansicht zum  Faktor Bildung  dargelegt, der nicht nur "technisch"
       beurteilt werden  kann, sondern sowohl hinsichtlich der Reproduk-
       tion der  Arbeitskraft als Ware als auch hinsichtlich ihrer Funk-
       tion bzw.  der Stellung  der entsprechenden Gruppen im System der
       gesellschaftlichen Arbeit  zu analysieren  ist. Es ist völlig un-
       sinnig, etwa  die Ansicht  zu vertreten,  daß ein Junge aus einem
       Arbeiterhaushalt, der  nach einer  Hochschulausbildung z.B. Kran-
       kenhausarzt oder  als Diplomingenieur  Produktionsleiter in einer
       Fabrik wird, sozial und ökonomisch Bestandteil der Arbeiterklasse
       bleiben könnte.  So richtig  und notwendig  es ist, gegenüber den
       Vertretern des  bürgerlichen Konzepts  der postindustriellen  Ge-
       sellschaft 23)  darauf zu  bestehen, daß  die Gesellschaft  nicht
       durch Bildung  und Funktion  konstituiert wird, sondern durch die
       Eigentumsverhältnisse, so  muß doch  gleichfalls beachtet werden,
       daß unter  den heutigen Bedingungen der Faktor höhere Bildung und
       Spezialistenqualifikation -  die konkrete  Definition und Abgren-
       zung wandelt sich und muß immer wieder in bezug auf die Arbeiter-
       klasse erfolgen,  was lineare Extrapolationen unsinnig macht - im
       Rahmen des  G e s a m t s y s t e m s  der Produktions- und Klas-
       senverhältnisse ein  Moment der Bestimmung lohnabhängiger Mittel-
       schichten und Intelligenz 24) wird.
       Auch 1980  hatten über  70 Prozent aller Erwerbstätigen nur einen
       Volksschulabschluß. Dieser  Anteil verringert sich jedoch bei den
       jüngeren Jahrgängen,  er beträgt  bei den  im Jahre  1980 25- bis
       30jährigen 64  Prozent. Umgekehrt wächst der Anteil mit Fachhoch-
       schul- und  Hochschulreife. Faktisch sind alle Qualifikationsquo-
       ten bei  den jüngeren Jahrgängen höher. Erwerbstätige Absolventen
       von Fachhochschulen und Hochschulen gibt es insgesamt 8,5 Prozent
       (Frauen 6,4 Prozent), bei den 25- bis 30jährigen jedoch 12,2 Pro-
       zent. Ruft man sich nochmals die Vergleichszahlen für 1970 in Er-
       innerung - insgesamt 3 Prozent, Frauen 2 Prozent -, dann ist dies
       in der  Tat ein  beachtlicher Prozeß. Man muß immer wieder darauf
       verweisen, daß  gerade die  Teilnehmer der  höheren Bildungsgänge
       auch aus der spontanen sozialen und politischen Sozialisation des
       Herkunftsmilieus herausgetragen werden und die Hochschulsituation
       eine in  hohem Maße  prägende bzw.  neu differenzierende Funktion
       erhält.
       
       Tabelle 6:
       Bildungsstruktur der Erwerbstätigen im April 1980 in Prozent
       
                                               Erwerbstätige
       
                                        Insgesamt weibliche 25-30jährige
       
       1. Allgemeinbildender Abschluß      99,8      99,8      99,9
          darunter:
          - Volks/Hauptschulabschluß       71,0      68,3      63,7
          - Realschulabschluß              17,4      22,1      19,9
          - Fachhoch/Hochschulreife        11,4       9,4      16,3
       2. Beruflicher Abschluß             72,9      62,6      84,4
          darunter:
          - Fachschulabschluß 1)            6,9       3,9       6,9
          - Fachhochschulabschluß 2)        2,9       1,3       3,9
          - Hochschulabschluß 3)            6,6       5,1       8,3
       3. 100 Prozent = Tausend          26 874    10 092     2 937
       _____
       1) Einschließlich Meister- und Technikerausbildung
       2) Einschließlich Ingenieurschulabschluß
       3) Einschließlich Lehrerausbildung
       Quelle: Stat. BA, FS 1, Reihe 4.1.2, 1980, S. 30.
       
       Bekanntlich sind es gerade die so bestimmten Gruppen der jüngeren
       Generation, die  auch aus  den gegebenen  politischen  Strukturen
       ausbrechen müssen,  da ihre gesellschaftliche Existenz und Rolle,
       ihre Orientierungen  und Lebensstile unsicher und variierend sind
       - und  das um so mehr, je mehr Krise und Sozialrestriktion gerade
       sie treffen.  Das macht sie schon heute zu einem sozialen und po-
       litischen Unruheherd des SMK. Hieraus werden jedoch auch die Dif-
       ferenz und  der Abstand  zur Arbeiterklasse  und ihren (traditio-
       nellen) Organisationen erklärbar. 25)
       Wenn man  von der Analyse der Sozialstruktur zur Untersuchung der
       politischen und ideologischen Prozesse übergeht, so muß immer die
       historische Aktivität, der historische Prozeß als Zusammenfassung
       und Vermittlung  beachtet werden.  Unter diesem Gesichtspunkt muß
       auch der  klassenspezifisch dimensionierte Generationsbegriff als
       Zwischenglied angewendet  werden, da  sich neue  Verhältnisse und
       Widersprüche vor allem über die jüngeren Generationen vermitteln.
       Einschneidende historische  Ereignisse  haben  auf  die  jüngeren
       Jahrgänge eine  prägendere Rolle, weshalb man etwa die jeweils 15
       bis 20/25jährigen  unter politischen und sozialen Gesichtspunkten
       als Generationsgruppe  erfassen kann.  Gliedert man unter solchen
       Gesichtspunkten die Wohnbevölkerung der BRD ab 15 Jahren von 1980
       26) (50,4  Millionen Personen, hier als 100 Prozent gesetzt), er-
       gibt sich folgende Struktur:
       - "Weimarer  Generation" (1933  15 Jahre und älter; 1980 62 Jahre
       und älter) = 21,4 Prozent (10,8 Millionen);
       - "Kriegs-/Nazizeitgeneration" (1945  15 bis 27 Jahre, 1980 50-62
       Jahre) = 16,8 Prozent (8,5 Millionen).
       Diese Generationen  machen also  1980 in  der Bevölkerung noch 38
       Prozent aus;  es sind  die 1980 über 50jährigen, die durch Krieg,
       Nazidiktatur, Weimarer  Republik noch  geprägt  wurden.  Für  die
       überwiegende Mehrheit der Bevölkerung existiert diese Zeit jedoch
       nur noch über vermittelte Erfahrung.
       - "Nachkriegsgeneration" (1953  15-23 Jahre,  1980 42-50 Jahre) =
       13,2 Prozent (6,6 Millionen);
       - "Kalte-Kriegsgeneration"  (1961 15  bis 23  Jahre,  1980  34-42
       Jahre) = 14,0 Prozent (7 Millionen).
       Diese    Generationen     sind    durch    kalten    Krieg    und
       "Wirtschaftswunder" in  ihrer Masse  geprägt; jedoch  spielen für
       die Nachkriegszeit  auch Erfahrungen der Massenbewegungen und des
       Kampfes um  eine demokratische  Neuordnung sowie um die Erhaltung
       der Einheit Deutschlands eine Rolle.
       - "APO-Generation"  (1968 15-22  Jahre, 1980  27 bis  34 Jahre) =
       11,6 Prozent (5,9 Millionen);
       - "Reform-Generation" (1975 15-22 Jahre, 1980 20-27 Jahre) = 12,7
       Prozent (6,4 Millionen);
       - "Krisengeneration"  (1980 15-20 Jahre) = 10,4 Prozent (5,2 Mil-
       lionen).
       Die Generationsgruppen  der 1980  15- bis 34jährigen machten über
       ein Drittel (34,7 Prozent) der Bevölkerung über 15 Jahre aus. Wie
       alle Umfrageergebnisse  ausweisen, liegt  in diesen  Generations-
       gruppen das wichtigste - und quantitativ größte - Linkspotential.
       Das gilt  auch für die entsprechenden Gruppen der Arbeiterklasse.
       Die mit  der Generationsprägung verbundenen Ereignisse, Erfahrun-
       gen usw.  sind als Anknüpfungspunkte der Propaganda jeder Art be-
       deutsam. Die  Wirtschaftswunderlegende bzw.  die Aufbaurolle  der
       westdeutschen Arbeiterklasse  ist für diese Generationen tatsäch-
       lich nur  noch Legende.  Aber auch  wichtige sozialpsychologische
       Orientierungen, etwa die Bedeutung des sogenannten Statuskonsums,
       sind in  diesen Gruppen  wesentlich anders als in den Nachkriegs-
       gruppen. Anderseits  erleben sie  den SMK  als  gegebene  Gesell-
       schaft, ebenso die BRD.
       Was die "Krisengeneration" betrifft, also die Generation der Men-
       schen, die  in der  Situation praktisch erfahrbarer Krisenauswir-
       kungen und  ihrer  Folgen  (Konkurrenz-und  Solidaritätsverhalten
       usw.) herangewachsen  sind, so dürfte sie bis 1983 einen Bevölke-
       rungsanteil von  ungefähr 16 Prozent erreicht haben. Es ist klar,
       daß alternative  Gesellschaftsvorstellungen in diesen Gruppen An-
       knüpfungspunkte finden.
       Zum Abschluß  sollen einige Angaben wiedergegeben werden, die die
       S c h i c h t u n g  n a c h  L e b e n s l a g e n  bzw. die Re-
       produktionsverhältnisse betreffen.  Wir werden uns auf die Arbei-
       terschaft als  Gruppe der Arbeiterklasse beschränken. Diese Anga-
       ben machen vor allem deutlich, daß für die mittleren Generationen
       das wachsende  Konsumtionsniveau und die, wenn auch sehr beschei-
       dene, Teilhabe  an der  "Vermögensbildung" prägende Momente ihrer
       Orientierung und  ihres Verhaltens  werden mußten.  Es wäre  ver-
       fehlt, mit  den Krisenauswirkungen  bei ihnen  eine radikale  und
       durchgreifende Umorientierung  anzunehmen. Zum  einen bleibt  das
       Niveau nach  wie vor im internationalen Vergleich hoch, zum ande-
       ren trifft  die volle  Wucht der  Krise nicht die ganze Arbeiter-
       klasse gleichermaßen,  sondern "nur" einzelne Schichten. Außerdem
       verstärken sich  in dieser  Situation  die  sozialpsychologischen
       Verdrängungs- und  Ableitungsmechanismen, ebenso die daran anset-
       zenden Spaltungsund  Segmentierungsmanöver des  SMK. Demgegenüber
       ist es  jedoch offenkundig,  daß für  die Generationen, die unter
       Bedingungen hohen Konsumniveaus heranwachsen, diese Art materiel-
       len Konsums  für die Zielorientierung an relativer Bedeutung ver-
       liert. Nachfolgend einige Angaben:
       - Von 1962  bis 1978  nahm der  Anteil der Arbeiterhaushalte, die
       ein Sparbuch hatten, von 57 auf 95 Prozent zu, jener, die Wertpa-
       piere besaßen, von 3 auf 20 Prozent. 27)
       - 1978 hatten 47 Prozent aller Arbeiterhaushalte Haus- und Grund-
       besitz, 28) wenn auch mit wesentlich bescheidenerem Zuschnitt als
       andere Schichten. Solches Eigentum konzentriert sich zwangsläufig
       auf die  auf dem  Land lebenden  Gruppen der  Arbeiterklasse, die
       darüber vielfach  am dörflichen  Geltungskonsum beteiligt  werden
       und entsprechende Interessen ausbilden.
       - Der Anteil der Arbeiter, für die Urlaubsreisen zu einem zeitge-
       mäßen Konsumstandard  gehörten, stieg  zwischen 1962 und 1979 von
       24 auf  47 Prozent. 29) Ihre Reisen hatten den niedrigsten Anteil
       von allen  ausgewiesenen Gruppen  und waren sicher auch am wenig-
       sten aufwendig  usw. Was  jedoch für unseren Zusammenhang wichtig
       ist, das ist die gewaltige Steigerungsrate.
       - Das gilt  auch für PKW-Besitz. 1960 hatten etwa 8 Prozent aller
       Arbeiter einen PKW, 1980 etwa 61 Prozent. 30)
       Die hier  zusammengestellten selektiven Angaben sollen und können
       keine Analyse  der Lebenslage  der Arbeiterklasse darstellen. Sie
       können jedoch  durchaus vermitteln, weshalb die Massen der Arbei-
       terklasse der  BRD sich  in der Vergangenheit und Gegenwart nicht
       an Systemalternativen  orientieren. Es  bedarf offensichtlich der
       erneuten Erfahrungen  bzw. der  Bestätigungen durch die Wirklich-
       keit, daß  die Erhöhung des Konsumniveaus am dominierenden Faktor
       der Klassenlage  nichts ändert.  Dieser Sachverhalt  muß und wird
       vor allem  über die  jüngeren Generationen  auch infolge der oben
       geschilderten Zusammenhänge  in das  Bewußtsein und Verhalten der
       Arbeiterklasse zurückgeholt werden.
       Ein wichtiger Faktor zur Erklärung von Verhalten und Orientierung
       der einzelnen Gruppen der Arbeiterklasse, aber auch der Zusammen-
       setzung der einzelnen Gruppen, ist die berufliche und soziale Mo-
       bilität. Sie soll im folgenden Abschnitt angesprochen werden.
       
       2.2 Mobilitätsprozesse
       ----------------------
       
       Aufgrund vorliegender  Untersuchungen des  Instituts für Arbeits-
       markt- und  Berufsforschung (IAB) 31) ist es möglich, Angaben für
       die Periode  1970-1979 darüber  vorzulegen, woher  die Zugänge zu
       den sozialstatistischen  Gruppen kamen,  wohin die Abgänge gingen
       und welche  Umschichtungen sich  innerhalb der Gruppen vollzogen.
       Mit solchen  Mobilitätsprozessen  erfolgt  ein  Wechsel  zwischen
       Klassen und  Schichten oder  innerhalb der Klassen und Schichten,
       es vollziehen  sich also  Statusveränderungen nach  "unten"  oder
       "oben", soweit im gesellschaftlichen Bewußtsein oder im Selbstbe-
       wußtsein eine  hierarchische Gliederung der Gesellschaft angenom-
       men wird.
       Wir werden  nachfolgend für  die genannte Periode vorwiegend jene
       Daten referieren,  die die  Gruppe der  Arbeiter und Angestellten
       betreffen (vgl. Tabelle 7).
       Wir stellen folgendes fest:
       - Von jenen,  die 1970 Arbeiter waren, waren es 1979 ebenfalls 73
       Prozent in der gleichen Position. Über ein Viertel haben ihre Po-
       sition gewechselt.
       - Als Hauptprozeß wechselten 10 Prozent der Arbeiter zu den Ange-
       stellten, 3 Prozent zu den Selbständigen und 1 Prozent zu den Be-
       amten.
       - Innerhalb der Arbeiterschaft wechselten 13 Prozent (diesen Pro-
       zeß werden wir unten noch näher betrachten).
       - Von den  Angestellten wechselten nur 10 Prozent aus der Gruppe,
       aber 21  Prozent innerhalb  der Gruppe  - und  zwar ist  hier die
       Hauptrichtung die  Höhergruppierung (18  Prozent; bei  weiblichen
       Angestellten 14 Prozent).
       Man kann  also schlußfolgern,  daß "Aufstiegsprozesse", was immer
       sie auch  real bedeuten  mögen, für größere Gruppen innerhalb der
       Arbeiterklasse relevant  sind. Ebenfalls  ist der Übergang in die
       selbständigen Mittelschichten  immer noch nicht bedeutungslos. Es
       gab diesen  Weg in  den 70er Jahren immerhin für 637 000 Arbeiter
       und Angestellte. Nun wissen wir aus den vorn referierten Angaben,
       daß die Gruppe der Selbständigen per Saldo durch Abnahme und Aus-
       zehrung gekennzeichnet  ist, weshalb für diese Mobilität eher der
       "Versuch auf  Zeit" als  ein dauerhafter Wechsel charakteristisch
       sein dürfte. Gleichwohl ist dieser Prozeß die Basis für den nicht
       versiegenden Traum, sein eigener Chef werden zu können.
       
       Tabelle 7:
       Mobilität bei den Gruppen der Arbeiter und Angestellten zwischen
       1970 und 1979
       
                                                Absolut   In Prozent der
                                                          Gesamtsumme
       A. Ausgangsstatus: Arbeiter
       I. Verbleib in der Gruppe der Arbeiter 7 436 000        83
          1. Verbleib in der entsprechenden
             Statusgruppe                     6 538 000        73
          2. Übergang in eine niedrigere
             Statusgruppe                       344 000         4
          a) vom Fach-, Vorarbeiter oder
             Meister zum Hilfs- bzw.
             angelernten Arbeiter               319 000         4
          b) vom Vorarbeiter oder Meister
             zum Facharbeiter                    25 000         -
          3. Übergang in eine höhere
             Statusgruppe                       554 000         6
          a) vom Hilfs-, angelernten Arbeiter zum
             Fach-, Vorarbeiter oder Meister    232 000         2
          b) vom Facharbeiter zum Vorarbeiter
             oder Meister                       322 000         4
       II. Abgang aus der Gruppe der
           Arbeiter                           1 306 000        14
          1. in die Gruppe der Angestellten     879 000        10
          2. in die Gruppe der Beamten          114 000         1
          3. in die Gruppe der Selbständigen    313 000         3
       III. Nicht bekannt                       283 000         3
       IV. Insgesamt                          9 025 000       100
       B. Ausgangsstatus: Angestellter
       I. Verbleib in der Gruppe der
          Angestellten                        6 302 000        90
          1. Verbleib in der entsprechenden
             Statusgruppe                     4 826 000        69
          2. Übergang in eine niedrigere
             Statusgruppe                       227 000         3
          3. Übergang in eine höhere
             Statusgruppe                     1 249 000        18
       II. Abgang aus der Gruppe der
           Angestellten                         678 000        10
          1. in die Gruppe der Arbeiter         196 000         3
          2. in die Gruppe der Beamten          143 000         2
          3. in die Gruppe der Selbständigen    324 000         5
       III. Nicht bekannt                        75 000         -
       IV. Insgesamt                          7 040 000       100
       _____
       Quelle: MittAB, Nr. 4/1980, S. 523.
       
       Die weiteren  Angaben zeigen,  daß der  Schwerpunkt der Mobilität
       nach der  Ausbildung und in den ersten Berufsjahren liegt und bei
       Männern stärker  ausgeprägt ist  als bei Frauen. Was kennzeichnet
       die Gruppe  der Wechsler  von Arbeitern  zu den Angestellten? Von
       den 880 000  Wechslern wechselten 310 000 auch die Wirtschaftsab-
       teilung;  sie   wurden  vor   allem  tätig   als  Bürofach-   und
       -hilfskräfte, Techniker, Pförtner, Verkäufer, Verkaufsfahrer, La-
       gerverwalter.
       Eine Kerngruppe  der Arbeiterklasse  waren und sind die  F a c h-
       a r b e i t e r.   Bei ihnen  besteht eine  große Diskrepanz zwi-
       schen Ausbildung  und Tätigkeit.  So gab  es 1979  8,4  Millionen
       Personen mit einer Facharbeiterausbildung, aber nur 3,8 Millionen
       (= 45 Prozent) waren auch als Facharbeiter tätig.
       Was machten die anderen?
       - 16 Prozent  (= 1,3 Millionen) absolvierten eine zusätzliche Be-
       rufsausbildung und  wechselten in  andere Gruppen;  39 Prozent (=
       3,3 Millionen)  wanderten ohne zusätzliche Ausbildung in eine an-
       dere Gruppe.
       In welche Gruppen wanderten sie?
       - Von den 1,3 Millionen Absolventen hatten l Million eine Techni-
       ker- und Meisterausbildung und verblieben in diesen Anwendungsbe-
       reichen; 62000  absolvierten eine  Hochschule  und  260 000  eine
       Fachhochschule.
       - 16 Prozent  der früheren  Facharbeiter wurden ohne weitere for-
       male Ausbildung  Angestellte, 4  Prozent Beamte,  7 Prozent Selb-
       ständige oder Mithelfende und 11 Prozent (= 0,9 Millionen) Hilfs-
       oder angelernte Arbeiter.
       Diese Ströme  erlangen also alle Massencharakter. Wichtig ist die
       letztere Gruppe.  Ihre Angehörigen sind die Opfer von Fehlausbil-
       dung und  Krisen. Bei Branchenwechsel muß in diesen Wechsel keine
       Verschlechterung der  materiellen Situation  eingeschlossen sein.
       Die genannte  Fehlausbildung zeigt sich darin, daß nur 20 Prozent
       in Betrieben mit über 100 Beschäftigten ausgebildet worden waren,
       aber 56  Prozent dort arbeiteten. Oder: 64 Prozent waren im Hand-
       werk ausgebildet  worden, nur  14 Prozent arbeiteten dann auch im
       Handwerk. Die  Zahlen für  die Industrie:  Ausbildung 25 Prozent,
       Beschäftigung 48 Prozent!
       Die Umschichtung  zeigt sich  auch an  den entsprechenden Angaben
       für Facharbeiterberufe:  32) von den ausgebildeten Bergleuten ar-
       beiteten nur  noch 45  Prozent in  ihrem Beruf,  von Schmieden 44
       Prozent, von  Schlossern 62 Prozent, von Kfz-Mechanikern 5 5 Pro-
       zent, von  Werkzeugmachern 52 Prozent, von Schneidern 33 Prozent,
       von Bäckern  34 Prozent, von Fleischern 34 Prozent, von Friseuren
       34 Prozent.
       Während generell  bei Herkunftsgruppen  außerhalb  der  Arbeiter-
       schaft der  Wechsel größer  ist, liegt der Anteil der "erblichen"
       Arbeiterschaft nur  bei 55  Prozent (55 Prozent der Facharbeiter,
       deren Väter  schon Arbeiter  waren, bleiben  Facharbeiter). Diese
       Kerngruppe der Arbeiterklasse nach Sozialisation und Herkunft um-
       faßt 1979 etwa 2,4 Millionen Personen.
       Bei der  Beurteilung der  Entwicklung der  Arbeiterklasse in  den
       70er Jahren muß also beachtet werden, daß massenhafte Mobilitäts-
       prozesse stattfinden.  Auch hierbei zeigt der Massencharakter des
       Wechsels von  Arbeitern zu  Angestellten die  Durchgängigkeit der
       Grenzlinien und  den  horizontalen  Charakter  dieses  Prozesses.
       Gleichwohl sind  diese Prozesse  gerade dann, wenn sie sich nicht
       intragenerativ, d-  h. über  die Generationenfolge  und das  Bil-
       dungswesen, vollziehen,  die Grundlage für Aufstiegsmentalitäten,
       politische Umorientierung  - meist  von links  nach rechts - usw.
       Wie gerade  die jüngste  Entwicklung zeigt - und nicht nur in der
       BRD -  lockert sich  die sozialdemokratische  und  sozialistische
       Kontrolle gegenüber  Facharbeitergruppen u. a. Sie entwickeln als
       Krisenreaktion Neigungen  zu konservativen  und nationalistischen
       Kräften. Mobilitätsprozesse  mit horizontalem Charakter überwoge-
       gen bei  weitem Abstiegs-  und Abstufungsprozesse  innerhalb  der
       Gruppen, z.B. vom Fach- zum Hilfsarbeiter.
       
       2.3 Zum sozialökonomischen Kern der Arbeiterklasse
       --------------------------------------------------
       
       Unter dem Gesichtspunkt der Ausprägung verschiedener Merkmale und
       Kriterien der  Arbeiterklasse oder einzelner ihrer Schichten kann
       vom Kern  und von der Peripherie, von Kern-, Normal-, Rand-, Zwi-
       schen- und Übergangsgruppen der Arbeiterklasse gesprochen werden.
       33) Wir  hatten in  den vorhergehenden Erörterungen verschiedent-
       lich auf diese Zusammenhänge verwiesen.
       Vom Standpunkt  der objektiven  sozialökonomischen Kriterien  muß
       vom Kern  der Arbeiterklasse bei jenen Gruppen gesprochen werden,
       für die  der Warencharakter  ihrer Arbeitskraft  voll  entwickelt
       ist, d.h.  die dem  Kapital in  der Produktion real untergeordnet
       sind (reelle  Subsumtion), die  das materiell-personelle Substrat
       des variablen  Kapitals in  der Produktion sind. Das waren histo-
       risch die Fabrikarbeiterschaft, das Industrieproletariat, die In-
       dustriearbeiter, die auch heute noch Kerngruppen des Proletariats
       sind. Dies  galt und  gilt vom Standpunkt des Warencharakters der
       Arbeitskraft, der  Entwicklungsstufe des Kapitalverhältnisse, dem
       Vergesellschaftungsgrad der  Arbeit bzw. dem Entwicklungsgrad der
       Produktivkräfte und korrespondiert unmittelbar mit der Polarisie-
       rung der  Klassenverhältnisse im  Bereich der  Anwendung der  Ar-
       beitskraft (in  der Großindustrie  ist die  soziale Trennung  und
       Entgegensetzung am  ausgeprägtesten, die Mittelschichten als Puf-
       fer sind  für die  Arbeiterschaft bzw. das Produktionspersonal am
       schwächsten,  paternalistische   und  traditionalistische   Herr-
       schaftsformen sind  durch objektiviert-technokratische  ersetzt).
       Dieser Zusammenhang  korrespondiert weiter mit einem hohen objek-
       tiven und  auch subjektiven Organisationsgrad der "Belegschaften"
       als Glieder  der Arbeiterklasse  (tief  gestaffelte  betriebliche
       Vertretungsorganisation, hoher Grad an gewerkschaftlicher Organi-
       siertheit, Präsenz  der politischen  und ideologischen Strömungen
       der Arbeiterbewegung usw.).
       Unter Beachtung  dieser Gesichtspunkte  kann heute gesagt werden,
       daß die  Arbeiterklasse in den Großbetrieben der materiellen Pro-
       duktion (Energie, Bergbau, Industrie, Bau, Verkehrs- und Kommuni-
       kationswesen), die in den sozialökonomischen Sektor des Groß- und
       Monopolkapitals und  des Staates eingebunden und dem Monopolkapi-
       tal und  seinen staatlichen  Repräsentanten unmittelbar  konfron-
       tiert ist,  den Kern  der Arbeiterklasse  der BRD  darstellt. Die
       oben umrissenen  Charakteristika sind für die Arbeiterschaft, die
       Angestellten- und Beamtengruppen (letztere etwa bei Großbetrieben
       von Bahn und Post) unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Um diesen
       Kern gruppiert sich heute die Arbeiterklasse in Großbetrieben des
       Handels, des  Bankwesens und  der Dienstleistungen,  obwohl diese
       Gruppen mehr Ähnlichkeiten mit den Angestelltengruppen in der In-
       dustrie besitzen, der Industrialisierungsgrad der Arbeitsbereiche
       noch in  der Entwicklung ist, vielfach deshalb auch noch Entwick-
       lungsphasen der  formellen Subsumtion bestehen, die Mittelschich-
       tenpuffer noch stark sind usw. Zweifellos vollziehen diese Berei-
       che eine  schnelle objektive  Entwicklung zum  Kern der Arbeiter-
       klasse, weshalb  für die  gewerkschaftliche und politische Arbei-
       terbewegung auch  gerade hier  ein wichtiges Entwicklungsfeld be-
       steht. Gleichwohl können die entgegenwirkenden Faktoren nicht nur
       aus zurückgebliebenem  Bewußtsein und  Verhalten erklärt  werden,
       sondern es müssen die objektiven soziologischen Faktoren beachtet
       werden.
       Nachfolgend sollen  für die  jüngere Zeit einige Angaben zum Kern
       der Arbeiterklasse vorgestellt werden.
       
       Umrisse
       -------
       
       Für 1961  und 1970  konnten die  sozialökonomischen Sektoren  der
       Wirtschaft, und  darunter auch  jener des  Groß- und Monopolkapi-
       tals, und die jeweils dort ausgebeuteten Teile der Arbeiterklasse
       auf der  Basis der Arbeitsstättenzählungen relativ exakt bestimmt
       werden. 34)  Dies ist für die nachfolgende Periode nicht bzw. nur
       für einige Bereiche der Wirtschaft möglich.
       1970 umfaßte  der sozialökonomische Sektor des Groß- und Monopol-
       kapitals (Betriebe über 1000 Beschäftigte) 5 195 000 Beschäftigte
       (1961 =  5 921 000) oder 24,7 Prozent aller Beschäftigten (1961 =
       26,6 Prozent) und beutete 5 182 000 Angehörige der Arbeiterklasse
       (1961 =  4 619 000) oder  24,4 Prozent  (1961 = 23,3 Prozent) der
       gesamten Arbeiterklasse  unmittelbar aus.  Zwar ist  in den  70er
       Jahren der Anteil der Großbetriebe insgesamt vermutlich zurückge-
       gangen, der groß- und monopolkapitalistische Sektor dürfte jedoch
       angesichts der Konzentration und Monopolisierung weiter gewachsen
       sein, obwohl  sich hier auch die faktische Produktionsverlagerung
       ins Ausland  niedergeschlagen hat. Angesichts des Kapitalumfangs,
       der organischen  Zusammensetzung usw.  muß u.E. für Ende der 70er
       Jahre generell  die Grenze  nach unten,  in den Betriebsgrößenbe-
       reich 500-999 Beschäftigte verlagert werden.
       Die folgende Tabelle 8 enthält Angaben zu den industriellen Groß-
       betrieben. 36)
       
       Tabelle 8:
       Beschäftigte der Großindustrie *) 1960-1981
       
                     Beschäftigte in Betrieben
                mit . . . bis . . . Beschäftigten in Tausend
                   500-999               1 000 und mehr
       
       1960         1 038                   3 227
       1970         1 172                   3 570
       1981         1 001  1)               2 933  2)
       _____
       *) im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe
       1) Anzahl der Betriebe = 1 433 (1970 = 1 688)
       2) Anzahl der Betriebe = 1 053 (1970 = 1 290)
       Quelle: Beiträge  des IMSF  3/II, a.a.O., Tabelle 2/76; Stat. BA,
       FS 4, 4.1.2 (Tabelle I.2).
       
       Beide erfaßten  Größenklassen weisen  für die 70er Jahre Abnahmen
       auf. Rückläufig  ist auch  die Anzahl der Betriebe in beiden Grö-
       ßenklassen. Zu beachten ist, daß in den Zahlen für 1981 schon die
       Wirkungen der  zyklischen Krise  durchschlagen, somit die Abnahme
       möglicherweise etwas  überhöht zum Ausdruck kommt. Der Umfang des
       großindustriellen Kerns der Arbeiterklasse ist damit geschrumpft.
       
       Tabelle 9:
       Beschäftigte in den Großbetrieben der materiellen Produktion 1980
       
                                         Beschäftigte in Betrieben
       Bereich                       von . . . bis . . . Beschäftigten
                                  in Tausend         in Prozent
                                                  aller Beschäftigten *)
                            500-999  1000 u. mehr  400-599  1000 u. mehr
       
       1. Bergbau              26        184         11,1       78,6
       2. Grundstoff-
          und Produktions-
          gütergewerbe        181        821         11,6       52,8
       3. Investitions-
          gütergewerbe        519      1 790         13,5       46,7
       4. Verbrauchs-
          gütergewerbe        215        259         13,5       10,0
       5. Nahrungs/Genuß-
          mittelgewerbe        76         70         15,2       14,2
          1.-5.             1 016      3 024         13,2       39,2
       6. Bauhauptgewerbe      53        151          5,6       15,9
       7. Energie- und
          Wasserversorgung     28        176         10,0       62,6
       _____
       *) Beschäftigte insgesamt: 7 718 000
       Quelle: Stat.BA, Statistisches  Jahrbuch 1982,  S. 176  ff., 195,
       206.
       
       Die Angaben für 1980 werden in Tabelle 9 auf die Wirtschaftsgrup-
       pen der  materiellen Produktion  aufgeschlüsselt.  Sie  enthalten
       auch das  Handwerk der jeweiligen Bereiche. Deshalb sind die Kon-
       zentrationsziffern nicht  vergleichbar mit jenen der früheren In-
       dustriestatistik. Immerhin  zeigt sich  auch hier für Bergbau und
       verarbeitendes Gewerbe  insgesamt eine Quote für die Großbetriebe
       von 39  Prozent, unter Einschluß der Betriebe von 500 bis 999 Be-
       schäftigte von 52 Prozent.
       Die  quantitativen   Schwerpunkte  liegen   im  Grundstoffbereich
       (Stahlindustrie) und  im  Investitionsgüterbereich  (Fahrzeugbau,
       Elektroindustrie, chemische Industrie). Die höchste Konzentration
       haben der Bergbau und die Energieversorgung (Kraftwerke).
       Die innere  Struktur dieser  Bereiche der  Großindustrie ist sehr
       unterschiedlich. Greift  man etwa  die Angestelltenquote  37) als
       ein Kennzeichen heraus, so ergibt sich bei einem Durchschnitt für
       das verarbeitende Gewerbe im September 1982 von 30,8 Prozent eine
       Streuung von  19,2 Prozent  für den  Bergbau und 23,9 Prozent für
       das Kfz-Produktions-  und Reparaturgewerbe  über 35,9  Prozent im
       Maschinenbau und  38,1 Prozent im Elektrogewerbe bis zu 46,3 Pro-
       zent in  der chemischen Industrie, 52,7 Prozent in der Luftfahrt-
       industrie und  67,9 Prozent  in der EDV-Industrie. Wie man sieht,
       stellen die Angestellten in einem Teil jener modernen Industrien,
       in denen  die unmittelbare  Fertigung einen hohen Technisierungs-
       und Automationsgrad  aufweist, schon über die Hälfte der Beschäf-
       tigten, auch in Konzernen wie IBM u.a. Angesichts dieser Entwick-
       lung ist  der alte Mythos vom Industriearbeiter eine Barriere ge-
       gen die realistische Erkenntnis der Arbeiterklasse von heute.
       Der sozialökonomische  Sektor des  Großkapitals  erschließt  sich
       auch aus Angaben zur Unternehmensform der Einzelkapitale. Aktien-
       gesellschaften sind  in der Regel die Organisationsform kollekti-
       ven Kapitals  und damit  dem monopolistischen  Einzelkapital  ad-
       äquat. 38)  Hierzu gehören bekanntlich auch einige GmbHs und Per-
       sonalgesellschaften. Am  31. Dezember 1980 gab es in der BRD 2141
       AGs und  255 940 GmbHs. 39) 700 der AGs (einschließlich KG A) be-
       standen im  verarbeitenden Gewerbe,  420 im  Bank- und  Versiche-
       rungssektor, 570 im Dienstleistungsbereich. In diesen Unternehmen
       tritt auch  ein kollektiver  Kapitalist, der  sich nicht in einem
       personellen Eigentümer  ausdrückt, der Arbeiterklasse unmittelbar
       entgegen. Der  ökonomische Prozeß  weist bestimmte  Grade von Öf-
       fentlichkeit auf,  und das  institutionelle Vertretungssystem der
       Belegschaften ist  in den  entsprechenden  Großunternehmen  durch
       Aufsichtsratsvertreter ergänzt.  Auch die  ganze  kapitalistische
       Ideologie muß  hier schon  die durch  den Vergesellschaftungsgrad
       bedingte Modifikation erfahren.
       
       Metallindustrie
       ---------------
       
       Nachfolgend fassen  wir einige Angaben zur Metallindustrie, einem
       traditionellen und auch heute wichtigen Kernbereich der Arbeiter-
       klasse der  BRD zusammen, und zwar vor allem hinsichtlich der Or-
       ganisation und  organisatorisch-politischen Potenz  der Arbeiter-
       klasse.
       Dieser Bereich ist das Organisationsfeld der IG Metall, der größ-
       ten Einzelgewerkschaft  im DGB. Tabelle 10 enthält Angaben im Zu-
       sammenhang mit den Betriebsratswahlen.
       
       Tabelle 10: Betriebsräte in der Metallwirtschaft
       
                                           1961      1968      1978
       
       1. Zahl der Betriebe, in denen
          Betriebsratswahlen stattfanden  7 049     7 744    10 528
       2. Beschäftigte in 1. in Tausend   3 332     3 524     3 769
       3. Angestelltenquote von 2.         20,9      26,4      30,9
       4. Anzahl der gewählten
          Betriebsratsmitglieder         47 469    52 472    67 285
       5. Mitglieder der IGM von 4.
          in Prozent                       82,2      82,6      84,5
       _____
       Quelle: Vorstand der IG Metall (Hrg.), Geschäftsbericht 1977-1979
       des Vorstandes  der IGM  für die  BRD, Frankfurt/Main,  o. J., S.
       256.
       Unter dem  Begriff Metallwirtschaft werden Industrie und Handwerk
       zusammengefaßt (in  der Statistik  = Gewerbe).  Die Tabelle macht
       nur Angaben  über die  Beschäftigten in Betrieben mit Betriebsrä-
       ten; 1978 waren das etwa 70-75 Prozent aller Betriebe der Metall-
       wirtschaft, die  auch die Kleinbetriebe ohne Betriebsräte umfaßt.
       In der dargestellten Periode sind der erfaßte Bereich, die Anzahl
       der Betriebsräte  und die  Zugehörigkeitsquote zur IGM gewachsen.
       1978 waren 54 Prozent der wahlberechtigten "Arbeitnehmer" in die-
       sem Bereich  Mitglieder der  IGM. Die Organisationsquote der aus-
       ländischen Beschäftigten  liegt ebenfalls bei 54 Prozent. 40) Für
       1968 hatte die IGM Organisationsquoten für einzelne Bereiche ver-
       öffentlicht: Stahlindustrie  67,7 Prozent,  Fahrzeugbau 51,0 Pro-
       zent, Maschinenbau  47,1 Prozent,  Elektroindustrie 28,2 Prozent.
       41) Es treten also beachtliche Unterschiede auf, die sowohl sozi-
       alstrukturelle als auch historische Gründe haben.
       Die wichtigste  Gewerkschaftsstruktur an  der betrieblichen  Mit-
       gliederbasis bilden  die gewerkschaftlichen Vertrauensleute. Nach
       den Ergebnissen  von 1979  gab es 112 144 Vertrauensleute in 4893
       Metallbetrieben mit 2914000 Beschäftigten, von denen 58,8 Prozent
       Mitglieder der IGM waren. 42) Als Vertrauensleute werden auch die
       IGM-Mitglieder der  Betriebsräte erfaßt. Von den Vertrauensleuten
       waren etwa  20 Prozent Angestellte, von denen 61 Prozent in Groß-
       betrieben (1970) ernannt oder gewählt worden waren.
       Ausländische IGM-Mitglieder  stellten 1979  7,5 Prozent  der Ver-
       trauensleute. Dieser Anteil lag zwar unter ihrem Mitgliederanteil
       (1978 =  11,7 Prozent oder 315 000), 43) war aber doch wesentlich
       höher als  die Ausländerquote an den Betriebsräten (1978 = 4 Pro-
       zent, bei  einem Ausländerbeschäftigtenanteil  in diesem  Bereich
       von 14,8 Prozent oder 557 000). 44)
       Der Umfang der "Kernbetriebe" unter den Gesichtspunkten der Orga-
       nisation der  Arbeiterklasse zeigt  sich auch an der Existenz von
       Jugendvertretungen: 1978 wurden in 2992 Betrieben der Metallwirt-
       schaft 6065  Jugendvertreter gewählt,  darunter 89,6 Prozent IGM-
       Mitglieder. 45) Einen weiteren Hinweis auf die "Kernbetriebe" ge-
       ben auch die Unternehmen, in denen Belegschaften und Gewerkschaf-
       ten Auf-sichtsratsmitglieder  nach dem  Mitbestimmungsgesetz  von
       1976 wählen.  Es sind  dies i.d.R. Kapitalgesellschaften mit über
       2000 Beschäftigten.  1979 gab  es in der Metallindustrie 185 sol-
       cher Unternehmen,  darunter 28  im Montanbereich.  Sogenannte Ar-
       beitnehmervertreter für  die Aufsichtsräte  wurden 1068  gewählt;
       von ihnen waren 92,9 Prozent IGM-Mitglieder. 46)
       Zum Abschluß  referieren wir  Angaben zur  Mitgliederstruktur der
       IGM für  1970 und 1979. 47) Hier zeigen sich gut die Probleme der
       gewerkschaftlichen Formierung der Arbeiterklasse (vgl. Tab. 11).
       
       Tabelle 11:
       IGM-Mitglieder 1970 und 1979
       
                                  1970                     1979
       IGM-Mitglieder    in Tausend  in Prozent   in Tausend  in Prozent
       
       Frauen               227         11,2         380         14,2
       bis 21 Jahre         296         13,3         395         14,7
       Arbeiter            1985         89,3        2286         85,1
       Angestellte          238         10,7         400         14,9
       insgesamt           2223        100,0        2685        100,0
       
       Der schwache Punkt bleibt die Organisierung der Angestellten. Der
       Zuwachs beruht  bei dieser  Gruppe weniger  auf Neugewinn als auf
       Wechsel von  Arbeiter- in  Angestelltentätigkeiten bzw.  auf  der
       einfachen Übernahme von Arbeitern in das Angestelltenverhältnis.
       Natürlich ist  die Erhöhung  der Mitgliederzahlen auch ein Moment
       der Stärkung  der Kampfkraft der Arbeiterklasse. Man würde jedoch
       die Augen  vor der  Wirklichkeit schließen,  wollte man nicht die
       heute schon vorhandene beachtliche potentielle Kraft zur Kenntnis
       nehmen: Es  genügt, einen  Blick auf die Mitgliederzahlen der Ge-
       werkschaften, die  Organisationsgrade in Kernbereichen der Arbei-
       terklasse, Tiefe  und Umfang  der betrieblichen  Vertretungen und
       der gewerkschaftlichen  Basisorganisation zu  werfen.  48)  Ange-
       sichts der  Anzahl der  gewerkschaftlichen Aktivisten nehmen sich
       selbst die Zahlen der Aktivisten aus Bürgerinitiativen bescheiden
       aus. Dieses  sehr große Potential der Arbeiterklasse, das den we-
       sentlichen Bereich  ihrer Gegenorganisation  im Kapitalismus dar-
       stellt, ist  jedoch, wie  bekannt, in institutionalisierte Formen
       der Klassenbeziehungen  und in den Kleinkrieg zwischen Lohnarbeit
       und Kapital  eingebunden. Die weithin noch ungebrochene Hegemonie
       sozialdemokratischen Einflusses  in diesem Bereich, d. h. im Kern
       der Arbeiterklasse der BRD, ist die eigentliche Basis des gesell-
       schaftlichen Einflusses der Sozialdemokratie. Auch linker Einfluß
       wird nur dann gesellschaftlichen Bestand haben, wenn er sich hier
       verankern kann.  Das zeigt auch die Nachkriegsgeschichte der kom-
       munistischen Strömung positiv wie negativ.
       Bekanntlich wurde  die gesamte  Geschichte der BRD u.a. davon ge-
       prägt, welcher  Einfluß von  diesem Kern  der Arbeiterklasse aus-
       ging. Solange  rechtssozialdemokratische und generell integratio-
       nistische Anpassungstendenzen  Raum  gewannen,  verminderte  sich
       dieser Einfluß.  49) Sobald kämpferische Interessenvertretung und
       Reformforderungen in  den Belegschaften Resonanz fanden, erlangte
       der Kern  Ausstrahlungskraft auf  die gesamte  Arbeiterklasse und
       Gesellschaft. Solange  er sich  nur im Kleinkrieg verschleißt, so
       wichtig und  unverzichtbar dieser  Einsatz war,  ist und  bleiben
       wird, kann  der Kern der Arbeiterklasse nicht zum dynamischen und
       vorwärtstreibenden Faktor der Entwicklung werden. Dies zeigt sich
       zu Beginn  der 80er  Jahre, angesichts verschärften Krisendrucks,
       der neuen  Bewegungen, der  Bedeutung der Friedensfrage usw. sehr
       klar. 50)
       
       3. Der Betrieb als Formierungsbasis der Klasse
       ----------------------------------------------
       
       Die Bestimmung  des Betriebes als Basis der Entwicklung von Klas-
       sendenken und  Klassenverhalten folgt  aus der   R o l l e  d e r
       P r o d u k t i o n     im  gesellschaftlichen   Prozeß  und  der
       V e r w e r t u n g s p h a s e   im  Gesamtprozeß  der  Arbeits-
       kraft. Wie  immer auch  die Wechselwirkung  der einzelnen  Phasen
       oder Sphären zueinander und ihre jeweilige relative Eigenentwick-
       lung und  Autonomie zu  bestimmen sind,  so ändert dies nichts an
       der Basisfunktion  des Betriebes  und seiner  gestaltenden Rolle.
       Vom Standpunkt  des Lebenszyklus der Individuen ist der Abschnitt
       der Berufs- oder Erwerbstätigkeit der entscheidende; alle übrigen
       sind darauf  bezogen. Und im Rahmen dieses Lebensabschnitts kommt
       der Erwerbsarbeit  die determinierende  Rolle zu. Die übrigen Re-
       produktions- und  Lebensphasen sind  darauf bezogen  - unabhängig
       von den  Vorstellungen einzelner  Individuen. Dieses gilt in ver-
       mitteltem Sinne auch für jene Gruppen der Arbeiterklasse, für die
       der Zugang zur Erwerbsarbeit blockiert ist, also für die Arbeits-
       losen in  der weitesten Definition, oder deren Reproduktionsfunk-
       tion die Beteiligung hinfällig macht (Hausfrauen).
       Dies ist  der allgemeine  theoretische Kontext,  in dem die Rolle
       des Betriebes  bestimmt werden muß. Wenn man auch auf dem gesamt-
       gesellschaftlichen Charakter der Arbeiterklasse und ihrer Formie-
       rung bestehen muß und deshalb syndikalistische "Basiskonzepte" zu
       verwerfen sind,  so bleibt  doch der Betrieb, die Fabrik ein zen-
       trales Glied  der Konstitution und der Reproduktion der Arbeiter-
       klasse als Klasse. Wenn man die heutigen Bedingungen der Entwick-
       lung der  Arbeiterklasse und der Bildung sozialistischen Bewußts-
       eins verstehen will, muß man - das galt natürlich eh und je - die
       sozialen Verhältnisse im Betrieb betrachten. Produktionsund Klas-
       senpraxis der  Arbeiterklasse sind eng miteinander verbunden. Die
       Veränderung der  Produktionspraxis verändert auch die Klassenpra-
       xis usw.  Die folgenden  Überlegungen und  Anmerkungen können und
       sollen nicht  den Anspruch  einer systematischen "Ableitung" oder
       Darstellung erheben.  Sie sollen  auf einige  Grundstrukturen und
       einige neue Prozesse aufmerksam machen.
       Wäre die  kapitalistische Fabrik oder der kapitalistische Betrieb
       ein abgeschlossener  Raum für  sich, dann wäre die politische und
       ideologische Verallgemeinerung der hier gemachten Lohnarbeiterer-
       fahrungen Klassenbewußtsein und sogar sozialistisches Bewußtsein.
       Aber weder  ist der  Betrieb ein  geschlossener Raum noch ist die
       Bildung sozialistischen  Bewußtseins ein  unvermittelter  Prozeß.
       Denn zum einen tritt der empirische Arbeiter oder Angestellte als
       Träger von  Haltungen und  Vorstellungen in den Betrieb, in denen
       die gesamtgesellschaftliche,  geschichtliche Entwicklung  und die
       entsprechende der Klasse, die seiner engeren Gruppe und seine ei-
       gene zum  Tragen kommen.  Und da die Arbeiterklasse geschichtlich
       entstanden ist  und eine  Geschichte hinter sich hat, finden sich
       die für die Gesellschaft bzw. die Arbeiterklasse jeweils relevan-
       ten ideologischen  und politischen  Strömungen auch  im  Betrieb.
       Diese Vorstellungen und Haltungen überlagern somit und vermitteln
       bis zu  einem gewissen Grad die unmittelbaren betrieblichen Lohn-
       arbeitererfahrungen, die - unbeeinflußt von "außen" - zu Klassen-
       denken und -verhalten tendieren müßten.
       Gemeinhin               sieht                man               im
       b e t r i e b l i c h - g e w e r k s c h a f t l i c h e n
       K a m p f   die Ebene  des relativ  spontanen und  naturwüchsigen
       ö k o n o m i s c h e n   K l a s s e n k a m p f e s,  der gegen
       die jeweiligen  Unternehmer geführt  wird. Abgesehen  davon,  daß
       sich dieser  Kampf in  Tarifbewegungen gegen  Teile der Kapitali-
       stenklasse und  heute, allerdings  mehr indirekt  (z.B. bei Lohn-
       leitlinien), auch  gegen den  SMK als  System richtet, somit also
       immer auch  auf die  gesellschaftlichen und  staatlichen Verhält-
       nisse bezogene  Züge annehmen  muß, darf  nicht übersehen werden,
       daß auf  dieser Ebene auch Bewußtseins- und Verhaltensmuster, Or-
       ganisationsformen und  Kampfmethoden  herausgebildet  werden.  In
       Großbetrieben ist das Netz der betrieblich-gewerkschaftlichen Ge-
       genorganisation der  Arbeiterklasse engmaschig  und tief  gestaf-
       felt. Hier zeigt sich eine wichtige Ebene der Klassenorganisation
       der Arbeiterklasse,  die nicht  ignoriert werden  kann, wenn  von
       Klassenorganisation heute  die Rede ist. Jede tiefgreifende Bewe-
       gung der  Arbeiterklasse mit  politischem Charakter, die also auf
       die politischstaatlichen  Machtverhältnisse bezogen  ist,  nimmt,
       wie die  Geschichte zeigt,  hier ihren  Ausgangspunkt oder durch-
       dringt diesen  Bereich der  Klassenorganisation. Klassenautonomie
       umgreift und  bedarf der  Aktionsfähigkeit auf  allen Ebenen; sie
       kann sich nicht nur auf der ökonomischen, der betrieblichen Ebene
       verwirklichen und Politik und Ideologie außer acht lassen.
       Diese Beziehung gilt auch für die Wirksamkeit der politisch-ideo-
       logischen Strömungen  der Arbeiterbewegung  - aber  auch für jene
       der Bourgeoisie  und der  Mittelschichten, die in und auf die Ar-
       beiterklasse einwirken  - auf  der ökonomischen  Ebene und im be-
       trieblich-gewerkschaftlichen Bereich.  Zum einen sind diese Strö-
       mungen durch  mehr oder  weniger organisierte  personelle  Träger
       präsent, zum  anderen wirken sie von "außen" auf die betrieblich-
       gewerkschaftlichen Verhältnisse ein. Diese Wechselwirkung muß be-
       achtet werden,  wenn wir die Dynamik betrieblicher Bewegungen und
       die Möglichkeiten  der Formierung  der Arbeiterklasse  auf dieser
       Ebene beurteilen wollen.
       In   das    Zentrum   der   Aufmerksamkeit   rücken   dabei   die
       K l a s s e n o r g a n i s a t i o n   i m   B e t r i e b   und
       die  sie    b e e i n f l u s s e n d e n    K r ä f t e    u n d
       F a k t o r e n.   Im Rahmen gesellschaftlich und politisch gege-
       bener Verhältnisse sind dies Struktur, Geschichte, Kampferfahrun-
       gen der  Belegschaften, die  Gewerkschaften, die politischen Par-
       teien und  Gruppierungen usw. Indizien dieser Kräfte und Faktoren
       sind die  Wahlen und  die Zusammensetzung  der Vertretungskörper-
       schaften, die  Kampfbereitschaft und -praxis auf ökonomischem Ge-
       biet, die  Beteiligung an  fortschrittlichen politischen Bewegun-
       gen. Diese  Formierung vollzieht sich, was keinen Augenblick ver-
       gessen werden  kann, unter den Bedingungen der Herrschaft des Ka-
       pitals und  der kapitalistischen Betriebsorganisation. Sie findet
       hierin ihren  Gegenpol und ist somit in den Prozeß des Antagonis-
       mus von Lohnarbeit und Kapital eingebunden. Ja, es geht vor allem
       darum, wie die ökonomischen und sozialen Bedürfnisse der Arbeiter
       und Angestellten  gegenüber dem  Kapital durchgesetzt  werden und
       welcher Modus, welche Methoden, Verfahren usw. dabei wirksam wer-
       den.
       Weder die  betriebliche noch  die gewerkschaftliche  Struktur ist
       eine reine  Widerspiegelung der politisch-parlamentarischen Kräf-
       teverhältnisse bzw.  deren Strömungen und Gruppierungen. Sie sind
       auch keine  einfache Widerspiegelung  der politischen  Kräftever-
       hältnisse in der Arbeiterklasse; vielmehr erhalten diese eine Um-
       formung. Deshalb  waren und sind die Versuche der Übertragung der
       Proporzdemokratie auf den betrieblich-gewerkschaftlichen Raum nur
       kaum verschleierte  Unterdrückungsmethoden der Bonner Kartellpar-
       teien früher  und der Rechtskoalition heute, die allerdings immer
       dann fallen  gelassen werden,  wenn "Außenseiter"  berücksichtigt
       werden müßten  oder sie  nicht mehr  zugunsten der Bourgeoisherr-
       schaft ausschlagen.  Dann schlägt die Stunde, wo die bürgerlichen
       Ideologen die  Unregierbarkeit beklagen,  den  vorher  gefeierten
       Wählerwillen in Zweifel ziehen und neue Herrschaftsformen anprei-
       sen.
       Daß die  betrieblich-gewerkschaftliche Ebene nur in modifizierter
       Form und  in anderen  Kräfteverhältnissen die allgemeinen politi-
       schen Strömungen reproduziert, mußte auch die CDU bei ihrem zeit-
       weise favorisierten  Experiment der  christlichen  Spaltergewerk-
       schaften realisieren,  die bei  weitem nicht den CDU-Anhang unter
       den Arbeitern und Angestellten für sich mobilisieren konnten. Die
       Strukturen der  Einheitsgewerkschaft mußten somit von der CDU/CSU
       akzeptiert werden, was sie zur Entwicklung ihres Instrumentes der
       Sozialausschüsse veranlaßte.  Auf diesen  Umstand werden in umge-
       kehrter Hinsicht auch die Kommunisten verwiesen, deren betriebli-
       che Repräsentanten erfolgreich sein können, ohne diese Zustimmung
       bei der  gleichen  Wählerschaft  auf  politisch-parlamentarischer
       Ebene erreichen  zu können. Selbst die weithin vorherrschende so-
       zialdemokratische Hegemonie  in diesem  Bereich stellt  sich  als
       komplizierteres Phänomen  dar:  nämlich  als  Präsenz  und  Kampf
       zweier Strömungen,  einer sozialintegrationistisch-sozialpartner-
       schaftlichen und einer meist kämpferischen reformistischen, wobei
       letztere gegenüber  dem politischparlamentarischen  Bereich  eine
       wesentlich stärkere Position hat.
       Dies verweist  darauf, daß  erstens die Klasseninteressen auf der
       betrieblichökonomischen Ebene  zur Einheit  der Haltung, des Han-
       delns und  der Vertretung tendieren - anders sind Klasseninteres-
       sen schwer durchzusetzen, daß zweitens Basismilitanz nach wie vor
       in den  betrieblichen Verhältnissen und den entsprechenden Struk-
       turen der  Arbeiterklasse ihre  Grundlage hat,  daß aber drittens
       ihre politische  und ideologische  Verallgemeinerung, die Dynamik
       ihrer Ausstrahlung  in den politischen Raum unter den derzeitigen
       Bedingungen eingeschränkt  ist. Der  Klassenantagonismus auf  der
       ökonomischen Ebene  reproduziert somit nach wie vor Klassendenken
       und Klassenverhalten in den Belegschaften. Aber es bleibt auf die
       ökonomische Ebene beschränkt. Dies mag oder mochte noch mehr oder
       weniger spontane  "Verlängerungen" zur  Stimmabgabe für  die  SPD
       einschließen, aber  auch das  gilt, wie  die jüngere  Entwicklung
       oder wie  bestimmte  Regionen  (z.B.  Baden-Württemberg)  zeigen,
       nicht mehr ungebrochen. Und es gilt nicht mehr für die Herausbil-
       dung sozialistischen Bewußtseins.
       Dieser  Zusammenhang  verweist  uns  auf  den  Umstand,  daß  die
       i d e o l o g i s c h e  H e g e m o n i e  der klassenorientier-
       ten Kräfte  i m  B e t r i e b  in der Regel die Ebene des ökono-
       mischen Klassenkampfes  umfaßt, aber diese Ebene unter den heuti-
       gen Bedingungen  nur schwer durchstoßen kann, selbst wenn die mit
       der ökonomischideologischen Hegemonie verbundene soziale und, po-
       litische Kontrolle  über die  Klassenorganisation stabil ist. Die
       Wahlempfehlung des  Betriebsrates  oder  Gewerkschaftsfunktionärs
       hat somit geringe Verbindlichkeit, während seine Empfehlungen zum
       Verhalten gegenüber dem Unternehmer befolgt werden.
       Gegenüber der  geschichtlichen Periode  der Formierung der Arbei-
       terbewegung und  Arbeiterklasse in  ihrer  Frühphase  zeigt  sich
       hierin ein  wichtiger Unterschied.  Es ist auch kaum zu erwarten,
       daß sich  die früheren  Verhältnisse wieder einstellen, was nicht
       ausschließt, daß  unter bestimmten Bedingungen gerade von den Be-
       trieben - oder besser: von der betrieblich-gewerkschaftlichen Ba-
       sis -  Tendenzen sozialistischer  Politisierung ausgehen  können.
       Was die  Wirkung in  die Gewerkschaften betrifft, so gibt es auch
       gegenwärtig viele  Impulse mit  dieser Tendenz, wobei aber insge-
       samt festgestellt werden muß, daß hier schon die Vermittlungsebe-
       nen ein  größeres aktives Gewicht besitzen, freilich nicht losge-
       löst von den Tendenzen an der Basis.
       Fragt man nach den Gründen, so haben soziologische Untersuchungen
       viele   V e r ä n d e r u n g e n  markiert, die die Arbeits- und
       Reproduktionssituation, die sogenannten Sozialisationsbedingungen
       usw. betreffen.  Dazu gehören  u. a.:  die Auflösung  der subkul-
       turellen Arbeitermilieus  und relativ geschlossenen Arbeiterwohn-
       gebiete; 51)  das größere  Gewicht der Angestellten und ihrer ob-
       jektiv bedingten Mentalität in den Belegschaften; 52) die größere
       Rolle des  Bildungswesens für  die Sozialisation  des Nachwuchses
       der Arbeiterklasse;  der Verlust der Kontrolle der Arbeitsgruppen
       über die  mit der Ausbildung verbundene Sozialisation mit der Er-
       weiterung des Gewichts der allgemeinen und der außerbetrieblichen
       Bildung und  Ausbildung; 53)  die Abwanderung potentieller Führer
       und Meinungsbildner der Arbeiterklasse durch die Demokratisierung
       der höheren  Bildung (2.  Bildungsweg usw.); 54) die Änderung der
       Lebensperspektive der  mittleren Jahrgänge  mit der  Senkung  des
       Rentenalters bei  gegenüber früher hohen Renten; die Verringerung
       der Wochen-  und Jahresarbeitszeiten  und damit  die Vergrößerung
       der Nichtarbeits-  und der  Urlaubszeiten; 55)  das rasch gestei-
       gerte Konsumtionsniveau  und die  Ausweitung des Umfanges befrie-
       digter Bedürfnisse  - bisher ohne längere Blockaden für die Mehr-
       heit der Klasse; die größere Bedeutung bestimmter Formen des Kon-
       sums (Auto,  Urlaubsreisen, Eigenheim)  für Zielorientierung  und
       Lebensrhythmus und als sozialpsychologische Ventile; die im mate-
       riellen Versorgungsstand und bei Sozialleistungen gegebene inter-
       nationale   Spitzenstellung;    die   gesteigerte    Rolle    von
       "Soziallohn"; 56) die immense Bedeutung der Massenmedien, vor al-
       lem TV,  Radio und Boulevardpresse für die Meinungsbildung außer-
       halb des unmittelbaren Erfahrungsbereiches, 57) damit eine starke
       Minderung der  ideologischen Kontrolle  der Arbeiterbewegung, die
       sich früher  mit der sozialen Kontrolle der betrieblichen und au-
       ßerbetrieblichen Milieus ergab. Diese und andere Momente 58) sind
       anzuführen, wenn  ein kursorischer Überblick über wichtige Verän-
       derungen in  den Existenz-  und Formierungsbedingungen der Arbei-
       terklasse gegeben  werden soll, die die Entwicklung ihrer politi-
       schen und  ideologischen Organisationen  und Ausdrucksformen  be-
       treffen. Damit  wird die entscheidende Rolle betrieblicher Erfah-
       rungen und  Situationen nicht  aufgehoben, ihre  prägende Wirkung
       für die Herausbildung sozialistischen Bewußtseins wird jedoch ab-
       geschwächt. Wo früher die Übernahme der sozialistischen oder kom-
       munistischen Orientierung  des älteren  Kollegen für den Lehrling
       eine den  Normen der Klassenorganisation entsprechende Selbstver-
       ständlichkeit war  - und es dann nur darum ging, welcher Strömung
       der Arbeiterbewegung  man sich  anschloß -,  so  ist  dies  heute
       selbst hinsichtlich der außerbetrieblichen gewerkschaftlichen Ak-
       tivitäten kaum noch der Fall.
       Dabei muß  zweifellos auch  die bundesrepublikanische  Geschichte
       nach 1945  mit ihren Ergebnissen für die Arbeiterklasse Beachtung
       finden. Bekanntlich  ist es  ein Ergebnis  der Kämpfe  der  Nach-
       kriegszeit und  der Niederlagen  der Arbeiterklasse, daß kommuni-
       stischer und  klassenkämpferischer Einfluß  und seine Verankerung
       in den  Gewerkschaftsapparaten  marginalisiert  wurden.  59) Dies
       stand auch im Zusammenhang mit dem kalten Krieg, den Ost-West-Be-
       ziehungen, der  relativ geringen Attraktivität des Sozialismus in
       ökonomisch zurückgebliebenen Ländern für die Arbeiterklasse eines
       industriell hochentwickelten Landes usw. Unter diesen Bedingungen
       realisierte sich in den meisten Betrieben die Vorherrschaft sozi-
       aldemokratischen Einflusses,  mit  der  schon  genannten  äußerst
       wichtigen Differenzierung,  die in der Besetzung der Vertretungs-
       gremien  und  der  Kontrolle  der  betrieblich-gewerkschaftlichen
       Klassenorganisation ihren  Niederschlag fand. Somit besteht heute
       weithin eine   S i t u a t i o n    o r g a n i s a t o r i s c h
       u n d  p o l i t i s c h  b e s e t z t e r  F e l d e r.  60)
       Eine solche  Struktur kann  sich aber  nur insoweit reproduzieren
       und Stabilität  behalten, wie  sie auf der Ebene des ökonomischen
       Kampfes die  wesentlichen aktuellen Interessen der Arbeiterklasse
       durchsetzen kann,  sei es durch Mobilisierung der Belegschaft und
       durch Kampf,  sei es  durch Vermittlung.  Diese Strategien hängen
       von der  Ausprägung des  Antagonismus ab, also nicht zuletzt auch
       vom Verhalten  des Kapitals.  Entfällt der materielle Spielraum -
       wie vielfach  gegenwärtig in der Krise-, wird die Gangart härter.
       Es reifen  Bedingungen des  politisch-personellen Wechsels in der
       Führungsstruktur  der  betrieblichen  Klassenorganisation  heran.
       Träger des Alternativangebotes können jetzt die klassenorientier-
       ten Kräfte  werden, für die nun die Chance besteht, auf der Ebene
       des ökonomischen  Kampfes die  Hegemonie zu  erlangen und hierbei
       auch für die Belegschaften neue Zugänge zur politischen und ideo-
       logischen Verallgemeinerung  zu eröffnen.  Realistischerweise muß
       jedoch in  Rechnung gestellt  werden, daß  die Durchsetzung neuer
       linker Strömungen  auf besetzten  Feldern, im Rahmen schon beste-
       hender Strukturen  auf wesentliche Schwierigkeiten stößt und sich
       nicht als "Durchmarsch" des neuen Basistrends verwirklichen kann.
       Davon zeugen  etwa die  jüngeren Entwicklungen  im Bereich der IG
       Chemie, Papier,  Keramik. Von  Interesse ist auch die Unterschei-
       dung zwischen  alten und  neuen Betrieben und Bereichen, zwischen
       schrumpfenden und  expansiven. Alte  Betriebe und  Bereiche geben
       die Basis  der genannten Entwicklungen ab. Auffällig ist nun, daß
       dann, wenn  es gleichzeitig auch ökonomisch schrumpfende Bereiche
       sind, die  alten Führungsgruppen  mit ihren alten Strategien ihre
       Position und Kontrolle festigen und sogar noch verstärken können.
       Dies gilt  im Extremfall  für den  Kohlenbergbau des Ruhrgebietes
       und die IG Bergbau.
       Im Unterschied  dazu bringen  die Arbeiter und Angestellten neuer
       Betriebe und  Branchen die  Außenfaktoren in  die betrieblich-ge-
       werkschaftliche Klassenorganisation,  die sich  in der Regel erst
       im Kampf mit dem Kapital formiert. Wir haben damit relativ offene
       Felder, in denen die politischen und sozialen Strömungen der jün-
       geren Generation  stärker zum  Tragen kommen  und Einfluß auf die
       Führungsstruktur erlangen  können. Dies gilt gegenwärtig etwa für
       den Bereich  der HBV,  der ÖTV  u. a. Die allgemeine Virulenz der
       jüngeren Generationen  der lohnabhängigen  Mittelschichten  kommt
       auch in  diesen Bereichen  zur Geltung.  Ihr soziales  Gewicht in
       diesen Betrieben und Branchen macht jedoch auch deutlich, weshalb
       es für  die  Durchsetzung  einer  Arbeiterklassenpolitik  Grenzen
       gibt,  die   gerade  in   den  Privilegieninteressen  dieser  als
       "Vorkämpfer" aktiven  Schichten bestehen. Die in diesen Betrieben
       und Bereichen sich entwickelnden Belegschaftsstrukturen nehmen in
       stärkerem Maße als bei den alten Industriegewerkschaften die Ten-
       denzen der  neuen sozialen  Bewegungen, der  Friedensbewegung und
       generell linksorientierte  Forderungen und Bestrebungen auf. Dies
       widerspiegelt sich  unmittelbar in  den  Strömungen  der  aktiven
       Kräfte, nicht aber unbedingt im Durchschnitt der dort zumeist be-
       schäftigten Angestellten.
       Notwendigerweise bestehen  auch wesentliche Unterschiede zwischen
       G r o ß-   u n d   a n d e r e n   B e t r i e b e n.  Wir hatten
       einige Fragen im Zusammenhang mit dem sozialökonomischen Kern der
       Arbeiterklasse schon  angesprochen. Zu den objektiven Bedingungen
       des Großbetriebes  gehört die  Polarisierung der  Klassenverhält-
       nisse, die größere Dimension der Klassenorganisation, die größere
       potentielle Kampfkraft.  All dies begründet jedoch keinen automa-
       tischen Trend.  Gerade Konzernunternehmen  mit besonders stabilen
       Monopolen hatten  es in  der Vergangenheit verstanden, ausgespro-
       chen sozialpartnerschaftliche  Haltungen zu verstärken und zu fe-
       stigen, so  z.B. Bayer oder Höchst. Objektiv gleich strukturierte
       Betriebe wie  die BASF weisen demgegenüber eine stärkere Klassen-
       tendenz in den Belegschaftsstrukturen auf, was zeigt, daß weitere
       historische, sozialstrukturelle  und politische Faktoren beachtet
       werden müssen. Im Vergleich gibt es Klein- und Mittelbetriebe mit
       langen Kampftraditionen  und progressiven Belegschaftsstrukturen.
       Dies verweist  darauf, daß  keine mechanischen Übertragungen mög-
       lich sind.  Jedoch ist  es klar, daß in Großbetrieben - schon in-
       folge der  größeren Zahlen  - auch die politischen Strömungen und
       Strukturen weiter ausgeprägt sind (so sind l Prozent von 2000 Be-
       legschaftsangehörigen 20  Personen, also eine Gruppe, die bei or-
       ganisiertem und  zielstrebigem Vorgehen  beachtliche  Einflußmög-
       lichkeiten besitzt;  bei 200 sind l Prozent nur 2 Personen). Mas-
       seneffekte bergen also immer auch qualitative Momente in sich. Zu
       beachten ist  auch, daß  dies vor  allem für die Vertretungs- und
       Funktionärsgremien gilt.  Ein Vertrauensleutekörper  mit 100 Mit-
       gliedern stellt  nicht nur ein Kraftpotential dar, sondern in ihm
       kann auch eine andere auf Belegschaftsmassen zurückwirkende Dyna-
       mik zustande kommen als bei einer entsprechenden Gruppe von viel-
       leicht 3  Personen in  einem Kleinbetrieb.  Hinzu kommen Merkmale
       wie: Leitfunktion 61) für die Arbeiterschaft der Branche oder Re-
       gion; "freiere" Organisationsund Entfaltungsmöglichkeiten der Ar-
       beiter und  Angestellten, weil widerwärtiger personaler Abhängig-
       keit ledig,  was allerdings durch die Etablierung der staatlichen
       und betrieblichen  Schnüffel- und  Überwachungsdienste wieder zu-
       rückgenommen wird;  außerdem: höhere  Löhne, bessere und formali-
       sierte Aufstiegsmöglichkeiten,  größere Beschäftigungssicherheit,
       betriebliche Renten,  Beteiligungen und  Sozialleistungen  u.  a.
       Diese Faktoren  gelten besonders  für Staatsunternehmen.  Sie be-
       gründen bei  weitem keine idyllischen Zustände, sondern markieren
       nur Unterschiede  zu anderen Wirtschaftssektoren. Was die BRD be-
       trifft, so sind diese Unterschiede allerdings nicht so ausgeprägt
       wie in Japan oder den USA. 62)
       Vor allem im Bereich der Großbetriebe besteht eine Beziehung, die
       als Betriebsöffentlichkeit  bezeichnet werden  kann. Dies ist ein
       wichtiger Raum  des ökonomischen Kampfes. Er fällt i.d.R. aus der
       "Betreuung" durch  die bürgerlichen Medien heraus - abgesehen von
       spektakulären Vorgängen. Mündliche Übermittlung, Schwarzes Brett,
       aber auch  Zeitungen der  Firma und der Unternehmer sind hier die
       "normalen" Medien.   B e t r i e b s z e i t u n g e n   p o l i-
       t i s c h e r   G r u p p e n,   in der  Regel der  DKP 63)  oder
       anderer linker  Gruppen, können  in diesem  Rahmen und  Raum eine
       beachtliche Rolle  spielen. Ihre  Wirkung  ist  natürlich  schwer
       meßbar, es sei denn, die Aufmerksamkeit und Gegenaktionen der Un-
       ternehmensleitungen können als Indiz gewertet werden. Man muß je-
       doch deutlich erkennen, daß auch ihnen im Prozeß der Verallgemei-
       nerung auf  die politische und ideologische Ebene gegenwärtig re-
       lativ enge  Grenzen gezogen  sind. Immerhin  haben  sie  sich  in
       vielen Betrieben  als unverzichtbare Instrumente der Klassenorga-
       nisation etabliert.
       Wenn man  die politischen  Bemühungen der Parteien betrachtet, so
       unternimmt nur  die DKP zielstrebige Aktivitäten zum Ausbau ihrer
       B e t r i e b s g r u p p e n    und  Betriebsgruppenarbeit.  64)
       Ihre Ausgangspunkte  und Positionen  sind wie folgt umrissen: "Es
       liegt in der Natur der Arbeit in den Betrieben, daß hier mehr als
       irgendwo anders  die Gemeinsamkeit  der Klasseninteressen der Ar-
       beiter und  Angestellten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit
       zum Ausdruck  kommt, ja, daß Aktionseinheit geradezu herausgefor-
       dert wird."  "Kommunistische Betriebsarbeit ist immer auch Ringen
       um Aktionseinheit." 65)
       Wie wir ausgeführt hatten, ist die Betriebsarbeit für eine marxi-
       stische Klassenpartei  auch heute  unverzichtbar. Man darf aller-
       dings nicht  von einer  stärkeren Verankerung  im Betrieb  allein
       schon eine  Stärkung auf politisch-parlamentarischen Ebene erwar-
       ten. Die  große Chance der DKP-Orientierung besteht vielmehr mit-
       tel- und langfristig darin, die kommunistische Strömung als einen
       relevanten Faktor im Rahmen und in der betrieblichen Klassenorga-
       nisation zu  etablieren und gemeinsam mit den klassenorientierten
       Kräften anderer  parteipolitischer Präferenz  (vor allem linksso-
       zialistischer bzw.  linkssozialdemokratischer  Position)  Einfluß
       nicht nur  bei der Durchsetzung der Hegemonie klassenorientierter
       Haltungen im  ökonomisch-betrieblichen Kampf  auszuüben,  sondern
       auch bei  der jeweils  möglichen und zweifellos mit der Verschär-
       fung von Krisenprozessen wieder zunehmenden politischen und ideo-
       logischen Verallgemeinerung  der "spontanen"  betrieblichen Klas-
       senerfahrungen.
       Wenn wir  die aktuelle Situation in den Belegschaften und Gewerk-
       schaften zur  Kenntnis nehmen,  wie dies  im einzelnen in anderen
       Beiträgen dieses Bandes der Fall ist, dann kann nicht einfach ein
       Linkstrend oder gar ein Aufbruch zu neuen Ufern festgestellt wer-
       den. 66)  Die Diskrepanz zu anderen sozialen und politischen Sek-
       toren der BRD ist in dieser Hinsicht offenkundig. Ja, es kann ge-
       genwärtig im  gewerkschaftlichen Bereich  durchgängig noch  nicht
       einmal von einer kämpferischen Bewahrung der Errungenschaften der
       sozialliberalen Ära  und der  dem entsprechenden  Verhältnisse in
       der Arbeiterklasse  gesprochen werden.  Vielmehr  entwickelt  ein
       rechtssozialdemokratischer Flügel  der Gewerkschaften  unter  dem
       Druck der Krise, der Unternehmer und der Rechtskräfte die Neigung
       zur Zusammenarbeit mit dem CDU/CSU-FDP-Block.
       Für diese  Öffnung nach  rechts wird die Legitimation in Umorien-
       tierungen im  Wahlverhalten von  Angestellten- und bestimmten Ar-
       beiterschichten gesehen, die für konservative Stimmungen empfäng-
       lich sind.  Demgegenüber ist  die Wahl  der Grün-Alternativen der
       Versuch eines  Ausbruchs aus dem festgefügten Parteienkartell der
       FDGO-Parteien, die  Tendenz nach  links. Es ist somit angebracht,
       einer dialektischen  Sichtweise zum Recht zu verhelfen. Die durch
       die Krise bewirkte bzw. verschärfte sozialökonomische und gesell-
       schaftliche Polarisierung findet ihre Entsprechung in der Gewerk-
       schaftsbewegung, an  der betrieblich-gewerkschaftlichen Basis und
       - vermittelt  und abgeschwächt  - auch im politisch-parlamentari-
       schen Raum.  In den  Aufbau polarer Kraftfelder ist jedoch unver-
       meidlich Bewegung  und Veränderung  einprogrammiert. Die relative
       Stabilität wird  durch Labilität  ersetzt. Gegenüber den 60er und
       70er Jahren  scheint sicher: Offene Situationen bringen auch neue
       Chancen für die Linken.
       
       _____
       1) Beiträge des IMSF 3, Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950-
       1970, Teil  I: Klassenstruktur und Klassentheorie; Teil II: Sozi-
       alstatistische Analyse;  Teil III:  Die Intelligenz der BRD 1950-
       1970 (Verf.  Ch. Kievenheim, D. Pollmann), Frankfurt/Main 1972-74
       (wegen verschiedener  Ausgaben zitieren wir nur unter Verweis auf
       die Abschnitte);  A. Leisewitz,  Klassen  in  der  Bundesrepublik
       Deutschland heute,  Frankfurt/Main 1977;  Arbeitsmaterialien  des
       IMSF 11, Arbeiterklasse und Intelligenz in Ungarn und in der Bun-
       desrepublik Deutschland,  Frankfurt/Main 1980; Arbeitsmaterialien
       des IMSF  12, Der  staatsmonopolistische Kapitalismus  der BRD in
       Daten und Fakten (hier: Kapitel 3: Die Produktivkräfte in unserer
       Zeit, Kapitel 5: Klassenstruktur und sozialökonomische Klassenge-
       gensätze im  SMK, Kapitel  10: Klassenkräfte und Klassenkämpfe im
       und gegen den SMK der BRD), Frankfurt/Main 1981.
       Eine sachliche,  knappe und informative Darstellung der Diskussi-
       onspositionen bei: B. Kirchhoff-Hund, Theorien sozialer Ungleich-
       heit, Westberlin 1981.
       2) In diesem Abschnitt sind einige Gedanken zusammengefaßt aus H.
       Jung, Das  revolutionäre Subjekt  in der  Marx'schen Theorie  und
       heute, in: IMSF (Hrsg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/Main 1983;
       Thesen des  IMSF, Karl  Marx und das revolutionäre Subjekt in der
       Welt von heute, Frankfurt/Main, März 1983.
       3) Dies ist  eine im  Prinzip syndikalistische und meist intelli-
       genzfeindliche Haltung,  die mitunter vor allem in durch manuelle
       Arbeiter  geprägten   Klassenorganisationen  entstanden  ist.  Es
       herrscht die unbegründete Ansicht vor, daß nur "Blaumänner" echte
       Revolutionäre sein könnten. Derartige Haltungen sind immer wieder
       auch als Reaktionen auf die politische und ideologische Gängelung
       entstanden. Zu diesem Komplex beim frühen Arbeiterkommunismus: H.
       J. Sandkühler,  Proletariat  und  Wissenschaft,  in:  "...  einen
       großen Hebel  der Geschichte", Marxistische Studien. Jahrbuch des
       IMSF, SI (1982), S. 305ff.
       4) Karl Marx/Friedrich  Engels, Die deutsche Ideologie (1845/46),
       in: MEW, Bd. 3, S. 195.
       5) Nach den  Angaben bei:  L. Winter, Das Proletariat in der Welt
       von heute. Wesen, Umfang, Strukturveränderungen, Berlin/DDR 1982.
       6) Deshalb schrieb  W.I. Lenin:  "Das Wichtigste in der Marxschen
       Lehre ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Pro-
       letariats als  des Schöpfers  der sozialistischen  Gesellschaft."
       W.I. Lenin,  Die historischen  Schicksale der Lehre von Karl Marx
       (1913), LW, Bd. 18, S. 576.
       7) Das zeigt  auch sehr  gut die  Hauptrichtung der antimarxisti-
       schen Angriffe  im Karl-Marx-Jahr  1983. Vgl.  den Beitrag von W.
       Schwarz in  diesem Band, sowie: H. Jung, W. Schwarz, Zur Marx-Be-
       schäftigung in  der BRD  im Jahr 1983, in: IMSF (Hrsg.), Marx ist
       Gegenwart, a.a.O.
       8) Dieser Abschnitt gibt in gersffter Form die Grundzüge der Dar-
       legungen wieder  in: Beiträge  des IMSF  3/I, a.a.O.,  Kap 4: Zur
       Anatomie der Klassen und Schichten.
       9) Vgl. Beiträge  des IMSF  3/1, a.a.O., Abschn. 2.3: Die Defini-
       tion der antagonistischen Grundklassen durch W.I. Lenin.
       10) L. Winter, Das Proletariat, a.a.O.; wir beziehen uns nachfol-
       gend auf den Text der S. 27-39.
       11) Ebenda, S.  33; hier  zitiert der  Verf. auch eine Stelle aus
       der IMSF-Studie (IMSF-Beiträge 3/1, a.a.O., Ausgabe Verlag Marxi-
       stische Blätter,  S. 159/60), aber in völlig entstellendem Sinne.
       Wir schilderten hier die historische Ausgangsbasis der lohnabhän-
       gigen Mittelschichten und nannten solche Kategorien, die zu Marx'
       Zeiten und gerade auch von Marx selbst zu den Mittelschichten und
       nicht zum Proletariat gerechnet wurden. Wir fuhren dann fort, wie
       die kapitalistische  Entwicklung zur Differenzierung dieser Grup-
       pen führte  und wir heute große Teile von ihnen als Teile der Ar-
       beiterklasse anzusehen  haben. In seinem Eifer ignoriert dies der
       Verf. und unterstellt uns die Übernahme der historisch frühen Si-
       tuation in die Gegenwart.
       12) Ebenda, S. 51 ff.; anstatt den Zusammenhang der Lenin-Defini-
       tion herauszuarbeiten,  konstruiert der Verfasser eine Hierarchie
       der Kriterien.
       13) Ebenda, S. 33.
       14) Zu den aktuellen Prozessen vgl. u.a. P. Delitz, Tiefgreifende
       Verschlechterung der  Existenzbedingungen der  Arbeiterklasse  in
       der gegenwärtigen  Krise, in:  IPW-Berichte H. 4/1983, S. 26 ff.,
       sowie ferner: P. Delitz, J. Groß, Auswirkungen der Intensivierung
       des kapitalistischen  Reproduktionsprozesses  auf  die  Arbeiter-
       klasse der BRD, in: IPW-Berichte H. 9/1980, S. 1 ff.
       15) Nach: Mitteilungen  aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
       (MittAB), Nr. 1/1983, S. 9.
       16) Unter den  unzähligen neueren Studien zur Arbeitslosigkeit in
       der BRD  ist besonders hervorzuheben: Institut für internationale
       Politik und  Wirtschaft (IPW),  IPW-Forschungshefte, 3/1982, Ber-
       lin/DDR (Ursachen und Folgen chronischer Massenarbeitslosigkeit).
       17) Ebenda, S. 9.
       18) Nach: Statistisches  Bundesamt (StatBA),  Fachserie  (FS)  1,
       Reihe (R) 4.1.2, 1980, S. 14.
       19) Ebenda, S. 15.
       20) Vgl. L.  Troll, Arbeitsplatz  Büro, in:  MittAB,  4/1982,  S.
       480ff.
       21) Ebenda, S. 486.
       22) Ebenda, S. 492.
       23) Im Rahmen eines ideologischen US-Standardproduktes sind diese
       Konzeptionen vertreten  und dargestellt von: D. Bell, Die nachin-
       dustrielle Gesellschaft, Frankfurt/Main, New York 1975.
       24) Zur theoretischen  Diskussion und  Bestimmung vgl.:  Beiträge
       des IMSF 3/III: Die Intelligenz der BRD 1950-1970 (Verf. Ch. Kie-
       venheim, D.  Pollmann), Frankfurt/Main  1974.  Interessante  Ein-
       blicke vermittelt  auch: E.J.  Hobsbawm, Die Intellektuellen, die
       Arbeiterbewegung und  die Linke,  in: Sozialismus, Nr. 5/1982, S.
       49 ff.  (Nachdruck aus dem Englischen). Den an das Wachsen dieser
       Schichten geknüpften Wünschen des freischwebenden Intellektuellen
       freien Lauf  gibt: M.  Vester, Thesen zur Klassen- und Schichten-
       struktur und  zu den  Entwicklungsperspektiven,  in:  Frankfurter
       Rundschau vom 5. April 1983.
       25) Vgl. hierzu die Beiträge von K. Maase, W. Roßmann, H. Werner,
       L. Bading  in: Marxistische  Studien, 5 (1982), a.a.O., sowie von
       F. Karl in: Marxistische Studien, 4 (1981), a.a.O.
       26) Berechnet nach:  StatBA, Statistisches Jahrbuch (StatJb) 1982
       der BRD, S. 59. Möglicherweise ist es bei der Generationsgruppen-
       bildung günstiger, dem zentralen Ereignis die mittlere Jahrgangs-
       gruppe zuzuordnen.
       27) Zit. nach: Bundespresse- und Informationsamt der Bundesregie-
       rung (Hrsg.),  Gesellschaftliche Daten  1982, Bonn  1982, S.  176
       (vgl. zum Gesamtkomplex auch die Daten in: Arbeitsmaterialien des
       IMSF 12,  Der staatsmonopolistische  Kapitalismus,  a.a.O.,  Kap.
       5.2: Ökonomische und soziale Ungleichheit).
       28) Ebenda, S. 177.
       29) Ebenda, S. 197.
       30) Ebenda, S. 195, 253.
       31) Alle in diesem Abschnitt angeführten Angaben entstammen - so-
       fern nicht anders vermerkt - aus: H. Hofbauer, Statusmobilität in
       den 70er  Jahren, MittAB,  4/1980, S.  521 ff.; ders., Berufswege
       von Erwerbstätigen mit Facharbeiterausbildung, MittAB, 2/1981, S.
       127 ff.
       32) Die Berufsgruppen enthalten auch die Selbständigen.
       33) Vgl. hierzu:  Beiträge des  IMSF 3/I, a.a.O., Teil I, Abschn.
       5.1.2.4: Die  Arbeiterschaft der Großindustrie - der Kern der Ar-
       beiterklasse; sowie: Beiträge des IMSF 3/II, a.a.O., Abschn. 6.2:
       Die Arbeiterklasse.
       34) Vgl. ebenda, 3/II, Abschn. 6.2, Tab. 6/9.
       35) Ebenda, Tab.  3.4/39. Die  Angaben zu  den sozialökonomischen
       Sektoren sind  auch wiedergegeben in: Marxistische Studien. Jahr-
       buch des  IMSF, 2  (1979), S.  80 ff., hier sind auch die Angaben
       zum Sektor des Auslandskapitals in der BRD vorgelegt. Dieser Sek-
       tor erfaßte 1976 9,9 Prozent der Beschäftigten des produzierenden
       Gewerbes und  des Handels,  darunter in der Mineralölverarbeitung
       eine Quote  von 86  Prozent, in  der Chemischen  Industrie von 23
       Prozent, im Kraftfahrzeugbau von 25 Prozent (ebenda, S. 83).
       36) Leider ist  mit der Umstellung der Statistik auf die Gewerbe-
       konzeption ein  Vergleich mit  den Ergebnissen der früheren Indu-
       striestatistik nicht  mehr möglich.  Eine Umrechnung  wurde durch
       das StatBA  für die  zurückliegende Periode nicht vorgenommen. Es
       kann jedoch  davon ausgegangen werden, daß die Großbetriebe Indu-
       striebetriebe sind. Dies ermöglicht den Vergleich dieser Angaben.
       37) Nach: StatBA, FS 4, R. 4.1.1., 1982 (zit. nach Bundesarbeits-
       blatt, 2/1983,  S. 112).  Die Angestelltenziffern  enthalten hier
       auch die tätigen Inhaber und Mitinhaber.
       38) Es geht  hier nicht  um die  Konzernstruktur, in deren Rahmen
       die Monopolbourgeoisie  bekanntlich über unscheinbare Firmen häu-
       fig die Kontrolle ausübt, sondern um die Einheiten des fungieren-
       den Kapitals, das Lohnarbeitermassen unmittelbar ausbeutet.
       39) StatBA, Statjb 1982, S. 112, 170.
       40) Vorstand der  IG Metall  (Hrsg.), Geschäftsbericht  1977-1979
       des Vorstandes  der IG  Metall für  die BRD, Frankfurt/Main, o.J.
       (nachfolgend als: IGMI), S. 255, 475.
       Hierzu ist  zu vermerken, daß es trotz umfassender Stäbe und wis-
       senschaftlicher Abteilungen  offensichtlich  nicht  möglich  war,
       einen einheitlichen  statistischen Überblick über den Organisati-
       onsbereich der IGM zu geben oder gar eine durchgängige Vergleich-
       barkeit der  Angaben mit vorhergehenden Jahren und Jahrzehnten zu
       ermöglichen. So  gibt es  in dem voluminösen Werk je nach Zustän-
       digkeitsbereich unterschiedliche  Angaben  zur  Metallwirtschaft.
       Dies beruht natürlich auch z. T. auf den Ungereimtheiten der amt-
       lichen Statistik  - vor allem mit der Umstellung der Bereichskon-
       zepte.
       Es fehlen gleichermaßen in dem gesamten Band differenzierte Anga-
       ben zu  den Organisationsquoten - eine Schlüsselzahl für die Ver-
       ankerung der  Gewerkschaft. (Vgl. Arbeitsmaterialien des IMSF 12,
       Der staatsmonopolistische  Kapitalismus, a.a.O.,  S. 379 ff. Hier
       werden für die IGM folgende Organisationsquoten angegeben: 1960 =
       36,9 Prozent, 1968 = 33,7 Prozent, 1977 = 45,4 Prozent; allgemein
       ist auch  die Organisationsquote in Großbetrieben höher. Nach ei-
       ner zitierten Infas-Studie betrug sie für Facharbeiter 1977/78 in
       Betrieben mit  über 2000  Beschäftigten 75  Prozent, in Betrieben
       zwischen 11  und 100 Beschäftigten 39 Prozent und im Durchschnitt
       52 Prozent.  Dies ist  in der  Tendenz ähnlich  für alle erfaßten
       Gruppen.)
       41) Vorstand der  IG Metall  (Hrsg.), Geschäftsbericht  1968-1970
       der IGM  für die BRD, Frankfurt/Main, o.J. (Zit. als: IGM II), S.
       188 ff.
       42) IGM I, S. 436.
       43) Ebenda, S. 475 ff.
       44) Ebenda.
       45) Ebenda, S. 275.
       46) Ebenda, S. 256 ff.
       47) Ebenda, S. 174, IGM II, Anhang.
       48) Vgl. zu  weiteren stat. Angaben zur betrieblich-gewerkschaft-
       lichen Struktur  der Arbeiterklasse:  Arbeitsmaterialien des IMSF
       12, Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., Abschn. 10.2:
       Die Organisationen  der Arbeiterklasse in der BRD; ebenso die An-
       gaben und  Argumentationen von:  W. Roßmann,  Arbeiterklasse, so-
       ziale Bedürfnisse und gewerkschaftliche Politik, in: Marxistische
       Studien, Jahrbuch des IMSF 5/1982, S. 42 ff.
       49) Dies wird  gut deutlich  bei: Ch.  Kiessmann, Betriebspartei-
       gruppen und  Einheitsgewerkschaft (1945-1952), in: Vierteljahres-
       hefte für  Zeitgeschichte, 31.  Jg. 1983,  2. H. (April 1983), S.
       272 ff.
       Der Beitrag  zeigt in  den vorgeführten Fakten, daß in der unter-
       suchten Periode die rechtssozialdemokratische Parteiführung - mit
       Unterstützung  der  Besatzungsmächte,  der  Unternehmer  und  der
       Staatsorgane -  unter Mißachtung  der Gebote  der Einheitsgewerk-
       schaft einen rigorosen Kampf gegen die Kommunisten und ihren Ein-
       fluß in  den Betrieben  führte. U.  a. auch  als Ergebnis  dieses
       Kampfes wurde  der Einfluß  der Kommunisten  stark zurückgedrängt
       und die Achse der betrieblich-gewerkschaftlichen Klassenorganisa-
       tion nach rechts verschoben. Dies zeigte sich daran, daß dann die
       CDU in  den Betrieben  Versuche starten konnte, Einfluß zu gewin-
       nen. Insgesamt  zog sich jedoch die SPD in der Folgezeit als Par-
       tei stärker  aus den Betrieben zurück und installierte ihre Orga-
       nisationsstrukturen eher  oberhalb der Betriebe. Mit der Afa wur-
       den in  den 70er Jahren erneute Versuche unternommen, vorhandenen
       Einfluß auch organisatorisch zu stabilisieren und politisch umzu-
       setzen.
       50) Vgl. F.  Deppe, Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse, Mar-
       burg 1981.
       51) Vgl. auch:  K. Maase,  Neue Bewegungen: Gesellschaftliche Al-
       ternative oder  kultureller  Bruch?,  in:  Marxistische  Studien.
       Jahrbuch des IMSF 5 (1982), S. 10 ff.
       52) Vgl. hierzu die Ergebnisse einer neueren Untersuchung zur Si-
       tuation und  den Bewußtseinsstrukturen  von Arbeitern  und  Ange-
       stellten in  Großbetrieben: W.  Kudera, K. Ruff, R. Schmidt, Blue
       collar -  white collar: grey collar? Zum sozialen Habitus von Ar-
       beitern und  Angestellten in der Industrie, in: Soziale Welt, Nr.
       2/1983, S. 221 ff.
       Die Verfasser  stellen in  diesen Betrieben deutliche Verhaltens-
       und Einstellungsunterschiede  der Arbeiter und Angestellten fest,
       die nicht  nur in  der unterschiedlichen  Tradition und  außerbe-
       trieblichen Sozialisation begründet sind, sondern eine eindeutige
       Reproduktionsbasis in den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen im
       Betrieb haben.  All dies führt bei den Arbeitern zu einem antago-
       nistisch und  durch kollektive  Solidarität  geprägten  Weltbild,
       während für  die Angestellten  eine funktionalistische  und durch
       die Konkurrenz  geprägte Sichtweise vorherrscht. Diese Sichtweise
       ist stärker  bei kaufmännischen,  weniger bei  technischen  Ange-
       stellten ausgeprägt. Somit kann also selbst bei unteren und mitt-
       leren Angestellten nicht erwartet werden, daß sie ein kollektives
       Verhalten ausprägen  und  internalisieren,  obwohl  sie  dazu  in
       Kampfsituationen auch  gezwungen sind.  Die Verschiebung zwischen
       Arbeitern und Angestellten bedeutet also tatsächlich auch Schwer-
       punktverlagerungen im Habitus der Arbeiterklasse und notwendiger-
       weise die  Eröffnung anderer Zugänge zur Entwicklung von Klassen-
       bewußtsein. Dies ist in unserer Sicht eben Ausdruck der erst for-
       mellen Subsumtion  in den  Arbeitsbereichen,  einer  nur  geringe
       Trennung von  der Gegenklasse und den Mittelschichten und des un-
       mittelbaren Einflusses  der Mittelschichtnormen  bzw. der  Normen
       der bürgerlichen Gesellschaft.
       53) Vgl. I. Drexel, Die Krise der Anlernung im Arbeitsprozeß, in:
       Soziale Welt, Nr. 3/1980, S. 368 ff.
       54) In den  70er Jahren  betrug die Anzahl von Facharbeitern, die
       nach der  Ausbildung bzw.  nach Abbruch der Facharbeitertätigkeit
       eine Hochschule  absolvierten, 62  000 (Fachhochschulen  262 000)
       (H. Hofbauer, Berufswege, a.a.O., MittAB, 2/1981, S. 128).
       55) Zahlen für die 60er und 70er Jahre bei: K. Maase, Arbeitszeit
       - Freizeit  - Freizeitpolitik,  Informationsbericht des  IMSF 27,
       Frankfurt/Main 1976.  Nach Gesellschaftliche  Daten 1982 (a.a.O.,
       S. 157)  wuchs die Freizeit je Erwachsenem in der BRD von täglich
       5:41 Stunden 1964 auf 7:29 Stunden 1980.
       56) So unterliegt  heute ein  Viertel des  Gesamtverbrauches  der
       Privathaushalte der  öffentlichen Vermittlung  (vgl. J.  Bischoff
       u.a., Jenseits der Klassen?, a.a.O., S. 133ff.).
       57) So machte  der Medienkonsum  eines durchschnittlichen Bundes-
       bürgers 1977  in der  Woche 30:10  Stunden aus,  darunter für  TV
       11:31 und für Radio 7:26 Stunden (Arbeitsmaterialien des IMSF 12,
       Der staatsmonopolistische Kapitalismus, a.a.O., S. 308).
       58) Diese Veränderungen  betreffen die  Arbeitsvollzüge  und  Ar-
       beitsanforderungen, die Kooperationsverhältnisse am Arbeitsplatz,
       die Entlohnungsformen usw.
       59) Vgl. Ch. Kiessmann, Betriebsgruppen, a.a.O.
       60) Vgl. Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED
       (Hrsg)., Proletariat  der BRD.  Reproduktion - Organisation - Ak-
       tion, Berlin/DDR 1974.
       61) Woraus etwa  für die DKP folgt: "Die Verankerung unserer Par-
       tei, die  Stärkung und  Aktivität unserer  Betriebsgruppen in den
       Groß- und Konzernbetrieben ist das Kernstück unserer Orientierung
       auf die  Arbeiterklasse." (H.  Mies, Die Rolle der Arbeiterklasse
       in unserer  Zeit - die Aufgaben der Betriebsgruppen der DKP, Rede
       auf der 6. Parteivorstandstagung der DKP am 13.714. November 1982
       in Düsseldorf, Manu. Vgl. zum Gesamtkomplex ebenfalls: ders., Die
       Aktualität der  Marxschen Lehre  von der Rolle der Arbeiterklasse
       und ihrer  Partei, in:  Marxistische Studien,  SI, a.a.O.,  S. 49
       ff., bes. Abschn. VII.).
       Von Interesse  für die entsprechenden Änderungen in der Arbeiter-
       klasse generell:  R. Urbany, Was geht in der Arbeiterklasse vor?,
       in: Probleme  des Friedens  und des Sozialismus, Prag, H. 9/1982,
       S. 1175 ff.
       62) Vgl. für  die Verhältnisse  in den  USA: V. Bornschier, Duale
       Wirtschaft, Statuszuweisung  und Belegschaftsintegration, in: So-
       ziale Welt, H. 2/1983.
       63) Das Deutsche  Institut der  Wirtschaft gibt  die Zahl von 412
       regelmäßig erscheinenden  DKP-Betriebszeitungen an. Dieser Angabe
       wird von  der DKP  nicht widersprochen  (vgl. H. Mies, Die Rolle,
       a.a.O.).
       64) Betriebsgruppen besitzt  die DKP  in einem  großen Teil, aber
       nicht in allen Groß- und Konzernbetrieben (ebenda).
       65) H. Mies, Die Rolle, a.a.O.
       66) Zur aktuellen  Entwicklung vgl.:  Soziale Bewegungen. Analyse
       und Dokumentation  des IMSF,  H. 12,  Nicht wehrlos - doch wohin?
       Gewerkschaften und  neue soziale  Bewegungen unter  der CDU-Herr-
       schaft, Frankfurt/Main 1983.
       

       zurück