Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 06/1983


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       IMSF-ARBEITSGESPRÄCH ZU NEUEN TECHNOLOGIEN
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       Stephan Voets
       
       Etwa 40  Teilnehmer kamen  am 12.  Mai 1983 in Frankfurt zu einem
       Arbeitsgespräch des  IMSF über  Folgen und Probleme des Einsatzes
       neuer Technologien  zusammen: Gewerkschafter,  Informatiker, wei-
       tere am  Thema Interessierte.  Sie rechneten  sich  verschiedenen
       Standorten im  linken Spektrum zu. Der intensiven und engagierten
       Diskussion lagen  zwei  Referate  zugrunde:  ein  Überblick  über
       Grundtendenzen der  Technologieentwicklung,  ihre  polit-ökonomi-
       schen Zusammenhänge  und Motive,  über soziale Folgen und Ansätze
       von Widerstand, und eine kritische Bestandsaufnahme marxistischer
       und/oder gewerkschaftlicher Debatten um das Verständnis der neuen
       Technologien, um Alternativen und Möglichkeiten der Gegenwehr.
       
       I.
       
       Das erste,  für das  IMSF gehaltene  Referat ging  davon aus, daß
       sich die  ökonomischen Rahmenbedingungen für das Großkapital ver-
       schlechtert haben  und dementsprechend  - vor  allem seit Antritt
       der Regierung  Kohl - die Bemühungen der herrschenden Klasse sich
       intensivieren, die Verwertungs- und Akkumulationsmöglichkeiten zu
       verbessern. Das führt zur Verbindung staatlicher Austeritäts- und
       Umverteilungspolitik mit verschärfter Rationalisierung und Inten-
       sivierung der Arbeit.
       In der  Kapitalstrategie hat  die Nutzung  des  wissenschaftlich-
       technischen Fortschritts  als Mittel zur Erhöhung der Arbeitspro-
       duktivität, zur Rationalisierung und zum Ersatz lebendiger Arbeit
       zentrale Bedeutung gewonnen. Die Technologieentwicklung vollzieht
       sich nicht  nach eigenen  Gesetzen, sondern  ist von ökonomischen
       Triebkräften bestimmt,  die entsprechend  dem Primat  des Profits
       sowohl fördernd als auch hemmend wirken können.
       Die gegenwärtige Mechanisierungs-, Automatisierungs- und Informa-
       tisierungswelle wird  dadurch verstärkt, daß andere Maßnahmen der
       Produktivitätssteigerung oft schon ausgeschöpft sind und anderer-
       seits die technologischen Rationalisierungsmittel immer billiger,
       vielseitiger und wirksamer werden. Ihr umfassender Einsatz bedeu-
       tet aber  in der  Regel noch  einen hohen Investitionsaufwand bei
       gleichzeitigem hohen  moralischen Verschleiß  der vorhandenen Ma-
       schinerie, was  die Konkurrenz und das Bemühen um größere Akkumu-
       lationsfonds verstärkt; der Staat springt allerdings mit Verkabe-
       lung, Kommunikationsnetzen usw. in die Bresche.
       In der  Technologieentwicklung erweist  sich die Einführung neuer
       Systeme der Informationsverarbeitung auf der Grundlage der Mikro-
       elektronik als  entscheidender und  übergreifender Aspekt.  Diese
       Informatisierung ermöglicht es, Begrenzungen des Mensch-Maschine-
       systems auf  die körperlichen, geistigen und nervlichen Fähigkei-
       ten eines einzelnen Lohnabhängigen zu überwinden und gespeicherte
       Arbeitserfahrungen und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen.
       Die elektronischen  Informationstechnologien basieren auf dem Zu-
       sammenwirken von a) der technischen Erhebung, Verarbeitung, Spei-
       cherung und  Übertragung von Daten, b) Kommunikationssystemen und
       -netzen, c) Automatisierungstechnologien, die Teile des Produkti-
       onsprozesses miteinander  verbinden und dabei den Menschen erset-
       zen. Je  umfassender sie zusammenwirken, desto stärkere Produkti-
       vitätsschübe werden  möglich. Zugleich durchdringen sie - vor al-
       lem auf  der Ebene  der Kommunikationssysteme - zunehmend weitere
       Bereiche des  gesellschaftlichen Lebens und können als materielle
       Basis effektiverer Herrschaftssicherung des Kapitals genutzt wer-
       den.
       Als hauptsächliche Einsatzfelder erweisen sich momentan Büroauto-
       matisierung und Personalinformationssysteme sowie (verstärkt wie-
       der) die  industrielle Produktion,  dort vor  allem  CAD-Systeme,
       NC/CNC-Maschinen, Roboter  und Betriebsdatenerfassungssysteme. In
       den Vordergrund  tritt immer  mehr die  Tendenz, in verschiedenen
       Bereichen eingesetzte Teilsysteme, elektronische Informationsver-
       arbeitung und  Kommunikation zu einem Gesamtsystem mit einheitli-
       cher Steuerung des gesamten Betriebsablaufs zu verknüpfen.
       Die wichtigsten  unmittelbaren sozialen Folgen der Einführung ka-
       pitalistisch genutzter  neuer Technologien sind der Abbau von Be-
       schäftigung und  Qualifikation, die  Einschränkung von  Entschei-
       dungsspielräumen, Isolation, Leistungskontrolle und Arbeitsinten-
       sivierung. Eine  effektive gewerkschaftliche  Gegenwehr, die sich
       nicht auf  die sozialpolitische Abfederung der Folgen beschränken
       will, hat sich auf neue Anforderungen einzustellen, so auf
       1. das frühzeitige  Erfassen der  Schlüsselprozesse, die der Ein-
       führung neuer  Technologien vorgelagert  sind, z.B. Datenerhebun-
       gen;
       2. die Formung  technischer Systeme durch herrschende soziale In-
       teressen und  auf die  Notwendigkeit, diese mit dem Klasseninter-
       esse an anderer Technologie zu konfrontieren;
       3. eine genauere  Bestimmung von  Handlungsmöglichkeiten  (Tarif-
       politik, Abkommen,  evtl.  Verweigerungsstrategien)  und  gesamt-
       gesellschaftlichen "Zusammenhängen,  wie sie  vor  allem  in  der
       Diskussion um  Konversion der  Produktion und  um Verstaatlichung
       sichtbar geworden sind.
       Das   z w e i t e   R e f e r a t,   gehalten von  einem  Gewerk-
       schaftsfunktionär, arbeitete  vor allem  heraus, welche neuen An-
       forderungen und  Probleme vor  der Arbeiterbewegung  stehen. (Bei
       der nachfolgenden Zusammenfassung wurde versucht, die Bemerkungen
       eines kurzen Korreferats mit aufzunehmen.)
       Ausgangspunkt war die Frage, ob die theoretische Aufarbeitung und
       die strategische Diskussion mit der Entwicklung der neuen Techno-
       logien Schritt  gehalten haben,  ob nicht ein anderes Technikver-
       ständnis und  eine neue  Radikalität der Gegenwehr geboten seien.
       Werden Kolleginnen und Kollegen in Betrieb und Gewerkschaft nicht
       häufig von Rationalisierungsstrategien und Technologieentwicklung
       überrumpelt, die so tiefgreifende und möglicherweise demoralisie-
       rende Wirkungen  haben können,  daß die  Existenzberechtigung der
       Gewerkschaften in  Frage gestellt scheint, weil umfassende Gegen-
       wehr zunächst ausbleibt? Umfragen zeigen, daß in den Industriebe-
       trieben bereits  heute mehr Systeme zur Personalinformation, CAD-
       Arbeit, Textverarbeitung  und Betriebsdatenerfassung  installiert
       sind als  selbst Sachkenner  der Gewerkschaften  vermutet hätten.
       Gleichzeitig fühlen  sich viele  Betriebsräte bei der Beurteilung
       der neuen  Technologien überfordert. Diese und andere Warnsignale
       machen darauf aufmerksam, daß bislang die Auseinandersetzungen um
       neue Technologien  in der  Regel zugunsten  der Kapitalseite ent-
       schieden werden.
       Die Frage,  warum z.B. die gewerkschaftliche Gegenwehr unterlegen
       sei oder  sogar in  einer Sackgasse zu stecken scheine, wurde mit
       folgenden Hinweisen  beantwortet: Früher,  vor der  Krise und dem
       massenhaften Einsatz  neuer Technologien, waren nachträgliche so-
       ziale Ausgestaltungen  bzw. das  "Ausbügeln" negativer Folgen von
       Neuerungen im  Betriebsablauf möglich. Viele Kolleginnen und Kol-
       legen bauten - auch in den ersten Runden der Automatisierungsdis-
       kussion - auf eine Art "kooperativen Innovationspakt" mit den Un-
       ternehmern, bestenfalls auf eine Verbindung von "kritischem Tech-
       nikverständnis" und  defensiver  Technologiepolitik.  Ausmaß  und
       Entwicklungstempo der  neuen Technologien  setzen  dem  deutliche
       Grenzen und  ermöglichen eine  rasche Verschiebung des Kräftever-
       hältnisses zugunsten der Kapitalseite. Hinzu kommt - so die Posi-
       tion des  Referats -  daß in  die heutige Art von Technik die so-
       ziale Herrschaftssicherung  des Kapitals immanent eingeplant ist.
       Als Voraussetzungen für eine wirksamere Technologiepolitik wurden
       benannt:
       - eine neue Technikanalyse;
       - der Abbau sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen;
       - das Heranführen  der Arbeiter und Angestellten an die Frage der
       Macht, an die Logik der Arbeit statt an die Logik des Kapitals.
       Als drängende  nächste Aufgaben  und Elemente  einer alternativen
       Technologiepolitik wurden benannt:
       1. eigene, den  Interessen der Arbeiter und Angestellten Rechnung
       tragende Anforderungen  an die  neuen Technologien  offensiv  und
       konkret zu formulieren und z.B. Investitionen und Neueinführungen
       nur bei einer bestimmten Auslegung zuzustimmen;
       2. bestimmte Technologien grundsätzlich zu verhindern;
       3. den Kampf  um die  große Entwicklungslinie  der Technologie zu
       führen und  dabei den  engen  Schulterschluß  mit  den  "Technik-
       machern" (Ingenieuren, Informatikern usw.) zu suchen;
       4. sich dafür  zu engagieren, daß die herrschende Technologieent-
       wicklung nicht  als einzig mögliche erscheint, sondern Alternati-
       ven in  den Blick  kommen und diskutiert werden, etwa in der Kon-
       versionsdiskussion;
       5. Arglosigkeit aufzugeben, überall Technikskepsis und -kritik zu
       fördern;
       6. die Ansätze  von Gegenwehr  wie z.  B. den Kampf um das Verbot
       von Personalinformationssystemen weiter zu entwickeln - insbeson-
       dere in der Tarifpolitik -, sich nicht auf die betriebliche Ebene
       zu beschränken, sondern die Veränderungen des Kräfteverhältnisses
       und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ins Auge zu fassen.
       
       II.
       
       Deutlich im  Vordergrund des  Interesses der  Diskussion  standen
       drei Problemkreise,  mit denen wohl die dringendsten Aufgaben ei-
       ner wirksamen  praktischen und  langfristigen Einstellung der Ar-
       beiterbewegung auf die neuen Herausforderungen umrissen sind:
       1. Aus welchen  Motiven, mit  welchen Methoden  und Zielen führen
       Unternehmer neue  Technologien ein?  Was wissen  und erfahren die
       Belegschaften? Wo liegen die Hauptfelder der Auseinandersetzung?
       2. Ist unter  unseren Verhältnissen und bei dieser Form technolo-
       gischer Entwicklung eine positive Nutzung dieses Teils der moder-
       nen Produktivkräfte  überhaupt möglich? Was ist der Charakter der
       neuen Technologien und wie kann man sich auf ihn einstellen?
       3. Wie kann sich Gegenwehr gegen den Rationalisierungsangriff der
       Konzerne entwickeln  und welche  kurz-, mittel- und langfristigen
       Alternativen der Technologieentwicklung bestehen?
       Zu 1. Die  in  vielen  Beiträgen  zusammengetragenen  Erfahrungen
       zeigten etwa folgendes Bild: Die Einführung neuer Technologien im
       kapitalistischen Betrieb  vollzieht sich  oft widersprüchlich und
       in verschiedenen Erscheinungsformen. Häufig, so stellte sich her-
       aus, bleibt  nach der Einführung die Steigerung der Produktivität
       deutlich hinter  dem technologisch  Möglichen zurück.  Hard-  und
       Software erweisen sich als schlecht angepaßt, alte Betriebsstruk-
       turen begrenzen  die Wirksamkeit. Umstrukturierungen der Arbeits-
       organisation werden  erforderlich; gelegentlich  stellt sich auch
       heraus, daß sie allein bereits den gewünschten Rationalisierungs-
       effekt erzielen.  Die Einführung  wird oft zum komplizierten, von
       organisatorischer Trägheit  belasteten Prozeß,  der in hohem Maße
       angewiesen ist auf Ruhe und Ordnung, auf Loyalität, Mitdenken und
       Zustimmung der Belegschaft.
       Andererseits weisen  die Erfahrungen  auch darauf  hin,  daß  die
       Schwierigkeiten nicht  zu einer  Unterschätzung der  Gefahren und
       Probleme führen dürfen. In vielen Fällen z.B. werden neue Techno-
       logien zunächst in einzelnen Elementen und an verschiedenen Punk-
       ten des Betriebs, sozusagen schleichend, eingeführt; die Arbeiter
       und Angestellten  nehmen in der Regel diesen Prozeß in seiner Ge-
       samtheit nicht  wahr. Kommt  es aber zur Vernetzung der einzelnen
       Teilsysteme, etwa  zur Verbindung  von CAD  und CAM, von elektro-
       nisch gestützten  Auftragsabwicklungszentren,  Personalinformati-
       onssystemen und  Fertigungsautomatisierung, so treten schlagartig
       starke Rationalisierungs-  und  Umorganisationseffekte  auf,  die
       meist die  Belegschaft völlig überrumpeln. Hinzu kommt, daß dabei
       positive Effekte  auftreten wie das Verschwinden bisheriger bela-
       stender Tätigkeiten  oder  die  Neueinstellung  einiger  Arbeits-
       kräfte, die  die Anpassung der Technologie an den Betrieb leisten
       sollen. Negative Auswirkungen wie z.B. Intensivierung der Arbeit,
       neue Arbeitsbelastungen  und der Einsatz zur Arbeitsplatzvernich-
       tung setzen sich nicht selten erst nach einigen Jahren durch. Zu-
       sätzliche Gefahren  entstehen dadurch,  daß nach  der  Einführung
       neuer Technologien auch traditionelle Rationalisierungsstrategien
       und betriebswirtschaftliche  Systeme (REFA,  Netzplan, Qualitäts-
       zirkel usw.) an Bedeutung und Wirksamkeit gewinnen können.
       In den  Beiträgen zeigte  sich,  daß  offensichtlich  noch  keine
       großen Erfahrungen  damit bestehen, wie die Überrumpelung der Ar-
       beiter und Angestellten verhindert werden kann. Ein Ansatz könnte
       wohl darin  liegen, die  Aufmerksamkeit für Warnsignale zu schär-
       fen, etwa  für die Erhebung neuer Daten. Zu beachten bleibt dabei
       aber, wie  eingewandt wurde, daß viele Daten bereits erhoben sind
       bzw. ohne  Befragung von  Menschen aus dem bloßen Betrieb der Ma-
       schinen, Terminals  usw. gewonnen  werden können. Ein anderer An-
       satz besteht möglicherweise in der gründlicheren Analyse und Aus-
       wertung betrieblicher  Entwicklungs- und  Einführungspläne; viele
       heutige Entwicklungen sind vor acht bis zehn Jahren so konzipiert
       worden, und ihre Zielrichtung hätte bereits damals erkannt werden
       können. Helfen  könnte auch eine stärkere Hinwendung zu einer ei-
       genständigen Wissenschafts- und Forschungspolitik der Arbeiterbe-
       wegung.
       Warum und  wie das  Kapital neue  Technologien einsetzt, wie sich
       hier die immer vorhandenen Momente von Planmäßigkeit und Anarchie
       zueinander verhalten, ließ sich nicht zureichend beantworten. Als
       gesichert wurde  aber angesehen,  daß  eine  durchgeplante  Kapi-
       talstrategie der  Arbeitsplatzvernichtung und  der Herrschaftssi-
       cherung besteht  und daß  die hochwirksamen neuen Technologien in
       diesem Sinne  als Instrument  der Rationalisierung, Kontrolle und
       Hierarchisierung eingesetzt  werden. Eine  wahrscheinliche Konse-
       quenz dieser  Entwicklung ist  eine neue  Welle der Konzentration
       und Monopolisierung.
       Zu 2. Die vom  zweiten Referat  deutlich akzentuierte  Forderung,
       die heutige Art der Technologieentwicklung unter unseren Verhält-
       nissen abzulehnen  und zumindest  in Teilen  mit einer  Verweige-
       rungsstrategie zu  beantworten, wurde  in der  Diskussion  häufig
       aufgegriffen und immer wieder dahin gewendet, von welchem Techno-
       logieverständnis man  eigentlich ausgehen  müsse. Es  waren nicht
       wenige, die  meinten, nicht  jede Technologie lasse sich beliebig
       "so oder so" verwenden, sondern z.T. sei "die Kapitallogik in die
       Systeme hineinverlagert".  Hätte man nicht auf manche technologi-
       sche Entwicklung  besser verzichten,  manche  "Übertechnisierung"
       vermeiden sollen?  Einige gingen  noch weiter: Kann man noch "auf
       traditionelle marxistische  Weise" von  einer "neutralen  Techni-
       kentwicklung an  sich", vom "bloßen Mißbrauch" ausgehen, darf man
       sich noch  "an die Vorstellung vom einfachen 'Entfalten' und ein-
       fachen 'Einsammeln'  der Produktivkräfte  klammern"?  Nur  einmal
       klang dabei kurz auch die Frage an, ob man sich nicht von antiin-
       dustriälistischer oder  antimarxistischer Technologiekritik  (man
       denke z.B.  an E.P.  Thompson oder  R. Bahro;  St. V.)  abgrenzen
       müsse; weiter vertieft wurde der Gedanke nicht.
       Demgegenüber wurde  darauf aufmerksam  gemacht, daß eine genauere
       Verarbeitung der  Analyse und  Theorie von Marx manche "Defizite"
       beseitigen könne. Faßt man - mit Marx - Technik nicht eng als An-
       wendung naturgesetzlicher, unveränderlicher Prozesse, sondern als
       Teil des  Produktivkraftsystems, so  wird deutlich,  daß sie sich
       nur in  Verbindung mit  lebendiger Arbeit  und nur in den von den
       Produktionsverhältnissen bestimmten  Formen, also als Technologie
       entwickeln kann;  diese Anpassung  an die Produktionsverhältnisse
       macht sie  gleichzeitig zum Transporteur dieser Verhältnisse. Je-
       der Versuch  der Einflußnahme auf Technologien in unserer Gesell-
       schaft führt  nicht zur  Konfrontation mit Naturgesetzen, sondern
       mit Klassen-  und Machtfragen. Auch praktische Erfahrungen wurden
       gegen eine,  wie formuliert  wurde, "undifferenzierte Technikkri-
       tik" ins  Feld geführt,  z.B., daß technikinterne Überwachungssy-
       steme keineswegs  zwangsläufig zur  Überwachung der Beschäftigten
       führen.
       Trotz dieser deutlichen Unterschiede bestand Konsens, daß die Ge-
       samtheit der Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte betrach-
       tet werden  müsse. Ebenso  einig war man sich, daß viele neue Er-
       scheinungen, viele  praktische und theoretische Probleme weiterer
       Diskussion und Klärung bedürfen. Was z. B. folgt aus der sich mit
       den neuen  Technologien jetzt  abzeichnenden Veränderung das Cha-
       rakters der Arbeit, aus der fortschreitenden Abstraktion des Pro-
       duzenten von Produkt und Produktion einerseits, der tendenziellen
       Annäherung von  körperlicher und  geistiger Arbeit  andererseits?
       Oder wie  verhält es  sich mit  der "Enteignung" der Arbeiter und
       Angestellten, die  ihre Kenntnisse,  Arbeitserfahrungen und  spe-
       ziellen Fähigkeiten  an elektronische  Informationssysteme ablie-
       fern? Wie  wirkt sich  dieser  Prozeß  auf  Selbstbewußtsein  und
       Kampfkraft aus?
       Zu 3. Die Möglichkeiten der Gegenwehr und die Entwicklung von Al-
       ternativen fanden mit Abstand die größte Aufmerksamkeit. Eine Sy-
       stematisierung der verschiedenen Erfahrungen, Ansätze und Aspekte
       war dabei in der Regel noch nicht möglich.
       Ansetzen läßt sich bereits bei der konkreten Gestaltung der Tech-
       nologie, bei  den damit zusammenhängenden Fragen der Arbeitsorga-
       nisation und  der Qualifikation.  Wie die  bisherigen Erfahrungen
       zeigen, muß eine menschengerechte Gestaltung der Systeme, Maschi-
       nen, Terminals usw. in Angriff genommen und dabei in ihrer ganzen
       Tragweite verstanden  werden. Isolierte  Einzelforderungen -  wie
       z.B. die  nach Mischarbeitsplätzen bei Bildschirmarbeit - greifen
       oft zu  kurz. Wirksame Gegenwehr muß Zusammenhängendes und Vorge-
       lagertes mit erfassen, z.B.
       - die Arbeitsorganisation, also etwa die Vermeidung von Isolation
       und die Stärkung von Zusammenarbeit und Entscheidungsbefugnis auf
       Abteilungsebene;
       - Kenntnisse über  die Investitionspolitik,  über Planungen, For-
       schung und Entwicklung;
       - Förderung von  arbeitsspezifischer Qualifikation, die befähigt,
       den ganzen Produktionsprozeß zu überschauen.
       Aber auch das reicht mit Sicherheit nicht aus. Wer antritt, einen
       Großangriff auf  Arbeitsplätze und  -bedingungen abzuwehren, darf
       nicht der  Illusion erliegen, durch Abmilderung der Folgen mitge-
       stalten zu  können. Immer wieder kehrten die Teilnehmer zu der im
       Referat aufgeworfenen Frage zurück, ob man die neuen Technologien
       nicht begrenzen  oder ihre Einführung ganz verhindern müsse. Z.B.
       sei Software, die zu wissensbasierten Systemen führt, abzulehnen,
       weil mit ihr Arbeiter und Angestellte ihrer Kenntnisse und Fähig-
       keiten enteignet  und für das Kapital überflüssig gemacht würden.
       Dringend geboten und von zentraler Bedeutung sei die Verhinderung
       von  Totalsystemen  elektronischer  Informationsverarbeitung  und
       Kommunikation, weil  solche vernetzten und hierarchischen Systeme
       alle negativen Folgen vervielfachten.
       Niemand stellte in Frage, daß solche Schritte notwendig und sinn-
       voll sein  könnten. Unklar  blieb aber,  was das  genaue Ziel von
       Verweigerungen sein  soll: die prinzipielle Begrenzung bestimmter
       Technologien oder  die Verzögerung ihrer Einführung, bis ein bes-
       seres Kräfteverhältnis  eine andere,  den Interessen  der  Beleg-
       schaften Rechnung  tragende Auslegung erlaubt? Keine Antwort fand
       auch die  Frage, ob  es mindestens  kurzfristig notwendig  werden
       kann, "Tabuzonen" zu fordern, in die neue Technologien nicht ein-
       dringen sollen, z. B. in die Erziehung.
       Die Verweigerung geriet aber nirgends zum Dogma. So fand z.B. das
       Argument Zustimmung, wie bei der Friedensbewegung komme es darauf
       an, Maßnahmen  und Aktionsformen  nicht isoliert  zu  betrachten,
       sondern zu  bedenken, welches  Verständnis sie  finden und ob sie
       geeignet sind,  bewußtseinsbildend und  mobilisierend zu  wirken.
       Wie die  Auseinandersetzungen um die "Volkszählung" und um Perso-
       nalinformationssysteme gezeigt  haben, kann  die Verweigerung von
       Datenerfassung mobilisierend wirken und zu Erfolgen führen. Viel-
       leicht, so  wurde überlegt,  entsteht in  solchen Bewegungen auch
       mehr "italienische Mentalität", also höhere Kampfbereitschaft in-
       folge von  weniger Identifikation der Arbeiter mit "ihrem" Unter-
       nehmen und  mehr mit ihren Klasseninteressen. Dem könnte auch der
       Verzicht auf  falschen Perfektionismus  zugute kommen,  z. B. auf
       den Ehrgeiz,  selbst überall  fertige Alternativen auszuarbeiten,
       statt gegebenenfalls auch Unternehmer und Staat dazu zu zwingen.
       Bevor allerdings  diese weitergehenden Fragen in der Breite ange-
       gangen werden  können, geht  es - so die Meinung wohl aller Teil-
       nehmer -  für die  Masse der  abhängig Beschäftigten momentan vor
       allem darum, überhaupt Informationen zu bekommen und mit der Aus-
       einandersetzung  zu  beginnen.  Dabei  haben  auch  schon  kleine
       Schritte oft  große Wirkung.  Bereits die  Entwicklung systemati-
       scher Unruhe  im Betrieb  kann effektive Gegenwehr bedeuten, weil
       die komplizierten  elektronischen Systeme  auf Mitarbeit, Loyali-
       tät, Ruhe und geregelte Abläufe angewiesen sind. Diese Störanfäl-
       ligkeit läßt  manchen auch überlegen, ob nicht kleine Gruppen und
       punktuelle Aktionen heute ähnliche Wirkungen erzielen könnten wie
       Flächenstreiks. Die  Entwicklung  der  modernen  Automatisierung,
       wurde dem entgegengehalten, geht allerdings dahin, in sich gepuf-
       ferte Teilsysteme  zu schaffen,  deren Störung noch nicht die Ge-
       samtproduktion gefährdet.
       Wenn aktive Gewerkschafter beisammensitzen, braucht ihnen niemand
       zu erzählen,  daß sich betriebliche Aktivitäten mit gewerkschaft-
       licher Organisation  verbinden müssen.  Zustand und aktuelle Mög-
       lichkeiten dieser  Organisation wurden  durchgängig als nicht zu-
       friedenstellend beurteilt,  gelegentlich entstand  sogar der Ein-
       druck von  Wut oder Resignation. Trotzdem blieb eines gemeinsamer
       Nenner: Die kurz-und mittelfristig wirksamste Antwort auf die Ar-
       beitsplatzvernichtung liegt  im Kampf  um die  Verkürzung der Wo-
       chenarbeitszeit, aktuell um die 35-Stunden-Woche.
       Eine Gesamtstrategie  der Gewerkschaften,  eine ausreichende Ant-
       wort auf  den Großangriff der Konzerne vermochte darin allerdings
       noch niemand  zu sehen. Ist es nicht so, daß sozialpartnerschaft-
       lich orientierte  Kräfte weder bereit noch in der Lage sind, eine
       solche Antwort  zu geben?  Bestehen nicht  tiefgreifende  gesell-
       schaftspolitische Differenzen  innerhalb von  Gewerkschaften  und
       zwischen ihnen, z. B. über die Notwendigkeit von Gegenmacht? Müs-
       sen nicht weite Teile der Gewerkschaften umdenken, Wachstumshoff-
       nungen aufgeben,  das Ausmaß der Misere erkennen, sich regenerie-
       ren?
       Mehrfach kehrte  auch die These wieder, die aktuelle Herausforde-
       rung sei  "mit traditionellen  gewerkschaftlichen  Mitteln  nicht
       mehr in  den Griff zu bekommen" und das Aufrechterhalten der tra-
       ditionellen Schutzfunktion  sei so  nicht mehr möglich. Das stieß
       allerdings  auf   den  Einwand,  daß  man  über  die  Wirksamkeit
       "traditioneller" Mittel (bis hin zum Streik) erst urteilen könne,
       wenn man sie auch voll ausgeschöpft habe.
       Als durchgängige  Mindestanforderungen an eine Intensivierung und
       Verbesserung gewerkschaftlicher Gegenwehr schälten sich vor allem
       heraus:
       - eine bessere  Zusammenfassung der  bislang noch  zersplitterten
       Aktionen und  Initiativen, u.  a. durch  Entwicklung  gemeinsamer
       Ziele und Forderungen;
       - gleichzeitige betriebliche  und überbetriebliche Mobilisierung,
       Notwendigkeit des Kampfes auf allen Ebenen;
       - Abkehr von  "Stellvertreterpolitik" und  Geheimniskrämerei, um-
       fassende ständige Aufklärung der Belegschaften;
       - mehr praktische Gegenwehr; keine Überbetonung formeller Verein-
       barungen, die  u.U. eine  Mobilisierung verzögern oder verhindern
       können.
       Die Diskussion  um Alternativen der Technologie- und Wirtschafts-
       politik wurde eher in Hinweisen als systematisch geführt. Sie be-
       rührte vor allem folgende Aspekte:
       - kurzfristig scheint  der Kampf  um die  Verbindung von Arbeits-
       zeitverkürzung und direktem Eingriff in die Technikgestaltung ge-
       boten (Förderung bzw. Verhinderung bestimmter Auslegungen von Sy-
       stemen);
       - spätestens mittel-  und langfristig wird die Auseinandersetzung
       um gesellschaftspolitische  Grundorientierungen zunehmen  müssen.
       Die -  vor allem in Rüstungsbetrieben - begonnene Konversionsdis-
       kussion z.  B. führt  in der Konsequenz an die Eigentumsfrage und
       damit an  die Vergesellschaftungsforderung heran (dazu gab es ta-
       stende Überlegungen).
       - Zunehmend drängt sich dabei auch die Frage auf, was unter unse-
       ren Verhältnissen überhaupt verhandelbar und regelbar ist. So kam
       die Sprache auch vereinzelt darauf, ob es nicht einen "objektiven
       Revolutionsbedarf" gebe  und ob  man nicht genauere Vorstellungen
       davon entwickeln  und propagieren  müsse, was Technologieentwick-
       lung unter der Herrschaft der Arbeiterklasse bedeutet.
       
                                    ***
       
       Im Resultat zeigte sich, daß die Vorauseinschätzung richtig gewe-
       sen war,  das Arbeitsgespräch  als eine  erste Annäherung an eine
       Vielzahl neuer  Fragen zu verstehen. Weitere Analysen, Auswertun-
       gen von  Erfahrungen, Diskussionen  und Ausarbeitungen werden ge-
       braucht. Das  IMSF plant,  diese Arbeitsrichtung verstärkt weiter
       zu verfolgen.
       

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