Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       GIBT ES EINEN NEUEN TYP BETRIEBLICHER KADER
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       Johannes Henrich von Heiseler
       
       1. Entwicklung  der Fragestellung - 2. Zur Instrumentalismus-Dis-
       kussion -  3. Die Prägung betrieblicher Kader: Macht- und Autori-
       tätskonflikte -  4. Das  Verhältnis zur  Gewerkschaft. Politische
       Erwartungen - 5. Gesellschaftsbild und Utopie.
       
       Die These,  daß die Arbeit ihre zentrale Rolle in unserer Gesell-
       schaft objektiv  verloren habe  und daß sie nun auch für die sub-
       jektive Lebenserfahrung, für die Bildung von Bedürfnissen und Mo-
       tiven endgültig  ihren prägenden  Einfluß eingebüßt habe, ist aus
       sehr unterschiedlicher  Sicht in  der letzten Zeit vertreten wor-
       den.
       Elisabeth Noelle-Neumann hat aus konservativer Sicht mehrfach und
       beharrlich behauptet,  1) die  Arbeit erhalte nur noch eine Rand-
       stellung im  Bewußtsein des  allergrößten Teiles der Bevölkerung,
       noch am  ehesten sei  eine gewisse  Gegenbewegung bei  den Frauen
       wahrnehmbar, aber  insgesamt müsse man nun von einem auch subjek-
       tiven Bedeutungsverlust  von Arbeit und Beruf sprechen. Von einer
       völlig anderen  Position her, von einer Position, die sich selbst
       in einer gewissen Kontinuität mit der "Kritischen Theorie" sieht,
       hat Claus  Offe sehr  ähnliche Gedanken  geäußert. 2) Auch seiner
       Meinung nach  rutschen die  Arbeit und  der Beruf objektiv an den
       Rand der  gesellschaftlichen Tatbestände, und dem entspräche, daß
       die subjektive Bedeutung nun auch verlorengehe. Im Unterschied zu
       Noelle-Neumann, die  damit eine  Welt untergehen  sieht,  scheint
       Offe allerdings eine lichte Zukunft zu ahnen.
       Nun ist  es für  die marxistische Gesellschaftstheorie nicht son-
       derlich schwer  zu zeigen,  daß ebenso,  wie Arbeit überhaupt für
       menschliche Gesellschaften aller Formationen ein zentraler Tatbe-
       stand sein muß, für die kapitalistische Gesellschaft kapitalisti-
       sche Lohnarbeit  den Kern  der Struktur  bildet: Die Struktur von
       Gesellschaften der kapitalistischen Formation in ihrer Gänze wird
       im Kern  bestimmt durch die Beziehung von Lohnarbeit und Kapital,
       Ausbeutung des  Lohnarbeiters, Aneignung unbezahlter Arbeit durch
       das Kapital, Kommando des Kapitals über fremde Arbeit, politische
       Herrschaft der  Kapitalinteressen, systematisch  und  in  Gestalt
       seiner konkurrierenden  Repräsentanten. An  diesem Kern, und dies
       ist kein  neues Argument, weil es kein neuer Sachverhalt ist, än-
       dert die  Höhe der  Zahlung für  den Lohnarbeiter ebensowenig wie
       die Größe  des Anteils  der Anbieter  von Arbeitskraft, die diese
       nicht effektiv verkaufen können. 3)
       Unbestreitbar ist  aber eine  Reihe von  Veränderungen, die diese
       Grundtatsachen nicht berühren, es jedoch problematisch erscheinen
       lassen, die  Beziehung zwischen  den objektiven Grundtatbeständen
       und der  subjektiven Verarbeitung  durch die Lohnarbeiter als ein
       für allemal in einer stabilen Weise gegeben anzunehmen.
       
       1. Entwicklung der Fragestellung
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       Unser konkretes  Interesse zielt nun auf die Frage, welche Erfah-
       rungen es  sind, die bei betrieblichen und gewerkschaftlichen Ak-
       tivisten den  Anstoß für die Herausbildung einer aktiven Rolle in
       Betrieb und  Gewerkschaft gebildet  haben, wie  diese Erfahrungen
       typischerweise verarbeitet  wurden, wie  sich die  Ausbildung von
       gewerkschaftlichem und politischem Engagement vollzog.
       Wir haben,  um konkrete Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser
       Frage zu  gewinnen, eine kleine Anzahl mit einem Leitfaden struk-
       turierter Befragungen unter solchen betrieblichen Kadern gemacht.
       Insgesamt liegen 22 Protokolle vor, eine Zahl, die eine quantita-
       tive Auswertung  noch nicht ermöglicht. Eine quantitative Auswer-
       tung verbietet sich auch, da es sich weder um eine kleine Voller-
       hebung noch  um eine Auswahl, die in den Bereichen einer Zufalls-
       auswahl gleichkäme,  handelt. Befragt  wurden Mitglieder  des Be-
       triebsrats und  der Vertrauensleuteleitung  in zwei westdeutschen
       Großbetrieben. Im  einen Fall  handelt es  sich um  ein zentrales
       Werk eines  bekannten Automobilkonzerns,  im anderen  Fall um die
       Lufthansabelegschaft eines  der größten  westdeutschen Flughäfen.
       Wie gesagt ist die Auswahl keine kontrollierte Zufallsauswahl. Um
       brauchbare Daten  zu gewinnen,  wurde darauf  geachtet, möglichst
       von allen im Betriebsrat und im Vertrauenskörper zahlenmäßig häu-
       fig vorhandenen  politischen bzw.  gewerkschaftspolitischen Strö-
       mungen sowie  möglichst von  allen verschiedenen Arbeitsbereichen
       (bei Lufthansa  etwa: von  der Flugbegleitung bis zur Werft) Ver-
       treter in der Auswahl zu haben.
       Versuchen wir,  den Typus  des betrieblichen Kaders zu kennzeich-
       nen, wie  er für  die Großbetriebe  der Bundesrepublik bis in die
       sechziger und  siebziger Jahre  bestimmend war: Die betrieblichen
       Kader entstammten  meist Familien,  die schon  in der elterlichen
       Generation zur  Arbeiterklasse gehörten.  Innerhalb der Arbeiter-
       klasse gehörten  sie meist  zu Familien  qualifizierter Arbeiter.
       Die Erfahrung  des Konflikts  mit dem  Kapital auf  betrieblicher
       Ebene, vor  allem um  die Höhe des Arbeitslohns, ist die Grunder-
       fahrung, die  den ersten  Anstoß für die betriebliche und gewerk-
       schaftliche Aktivität  bildet. Auf  der Grundlage von Erfahrungen
       des Konflikts  mit dem  Kapital auf der Ebene des Betriebs werden
       dann Erkenntnisse  und Haltungen  in einem von mit Interessenver-
       tretung verbundenen  Lagebewußtsein zusammengefaßt,  das durchaus
       schon ein  bestimmtes Bild  der Gesellschaft enthält, durchaus in
       einem solchen  Sinn schon politisch ist, das aber, vergleicht man
       es mit  sozialistischem Bewußtsein als politischem Klassenbewußt-
       sein der  Arbeiterklasse, noch  die Vorstufe darstellt, die Lenin
       mit "trade-unionistischem" Bewußtsein gekennzeichnet hat.
       Dabei lassen  sich schon hier deutlich zwei Stufen unterscheiden:
       Die Ebene der Erkenntnis der Konfliktzone zwischen Lohnarbeit und
       Kapital im  Betrieb und in den entgegengesetzten ökonomischen In-
       teressen einerseits  und als zweite Ebene diejenige, die sich auf
       die politischen  Fronten, die  Sphäre von  Staat und  Politik be-
       zieht. Die  Erkenntnisse und Vorstellungen der zweiten Ebene wer-
       den in  der Regel  erst aufgebaut,  wenn die erste Ebene erreicht
       ist. Man  kann meist  deutlich abgegrenzte Phasen der Entwicklung
       unterscheiden. Eine der allerersten Grunderfahrungen ist die, daß
       die Konkurrenz  der Lohnarbeiter  untereinander überwunden werden
       muß durch  gemeinsames interessenorientiertes, solidarisches Han-
       deln. Die  Gewerkschaft als die organisatorische Form, in der die
       Tendenz zur  Solidarität und die Überwindung der Konkurrenz ihren
       Ausdruck findet,  wird zum unbezweifelbaren und selbstverständli-
       chen Bezugsrahmen des eigenen Handelns. Auf der Ebene parteipoli-
       tischer Zuneigungen  und Anstöße  kann man bemerken, daß meist in
       der Elterngeneration, im Elternhaus oder unter den Verwandten und
       Bekannten mindestens  ein organisierter  Sozialdemokrat vorhanden
       ist; in  einer wesentlich  geringeren Anzahl  von Fällen  ist ein
       Kommunist da, der Anstöße vermittelt.
       Es stellt  sich die Frage, ob dieser historische Typ des betrieb-
       lichen Kaders nach wie vor der entscheidende und bedeutsame Typus
       ist, auf  den sich  vor allem auch eine an den Interessen der Ar-
       beiterklasse orientierte gewerkschaftspolitische und allgemeinpo-
       litische Praxis  zu beziehen  hat, oder  ob die Veränderungen der
       Arbeit im  Großbetrieb auch diesen Typus modifizieren oder erset-
       zen.
       So haben  Joachim Bergmann  und Walther  Müller-Jentsch innerhalb
       der konfliktorientierten  Kader einen Typus des "Klassenkämpfers"
       von dem  Typus des  "Lohnkämpfers" unterschieden, ohne allerdings
       etwas über  die Entwicklungsrichtung  zu sagen. 4) Witich Roßmann
       hat darauf  hingewiesen, daß  seit Ende  der sechziger  Jahre ein
       neuer Typ von Gewerkschaftern feststellbar sei, der langsam domi-
       nierend werde,  und legt  in diesem  Zusammenhang Gewicht auf die
       Einflüsse des  Bildungswesens, der  Massenmedien und der Verände-
       rung der  Lage am  Arbeitsplatz. 5)  In den Thesen des IMSF "Karl
       Marx und  das revolutionäre  Subjekt in  der Welt  von heute" vom
       März 1983  heißt es:  "Insgesamt kann  man feststellen,  daß neue
       Strukturen, Bedürfnisse  und Konflikte auch einen veränderten Ty-
       pus des  gewerkschaftlichen Aktivisten  geprägt haben,  der unter
       anderem durch  ein hohes  Maß an  selbständigem Handeln und große
       Ansprüche an  innergewerkschaftliche  Demokratie  charakterisiert
       ist und  der oft  ein Scharnier  zu den neuen sozialen Bewegungen
       bildet." 6)
       
       2. Zur Instrumentalismus-Diskussion
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       Eine wichtige  Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch die Dis-
       kussion um  die These des "instrumentellen" Verhältnisses zur Ar-
       beit. Sie  wurde Ende  der sechziger  Jahre in  die soziologische
       Diskussion durch  John H. Goldthorpe und andere eingeführt. 7) In
       ihrem Kern besagt sie, daß die Angehörigen der Arbeiterklasse ihr
       Verhältnis zu  Arbeit und  Beruf nicht mehr durch die Inhalte der
       Arbeitstätigkeit bestimmen,  sondern indem  sie sie lediglich als
       Mittel bewerten, die ihnen erlauben, außerhalb von Arbeit und Be-
       ruf liegende  Ziele zu  verfolgen. Es seien dementsprechend nicht
       die konkreten  Gegebenheiten der  Arbeitssituation, die  das Ver-
       hältnis des Arbeiters zu seiner Arbeit bestimmten; vielmehr komme
       seine allgemeine  gesellschaftliche Stellung  in der  Haltung zum
       Ausdruck, die die eigene Arbeit als Mittel der Reproduktion fasse
       und der die Arbeitsinhalte daher äußerlich bleiben.
       Die Instrumentalismus-These  hat einen  richtigen Kern.  Für  den
       Lohnarbeiter ist  in der Tat der Verkauf der eigenen Arbeitskraft
       notwendiges Mittel,  um zu  leben und  die eigene Reproduktion zu
       sichern. Auf  dieser Ebene ist die Gleichgültigkeit gegen den Ar-
       beitsinhalt, das  instrumentelle Verhältnis  zur Arbeit durch das
       Kapitalverhältnis selbst gegeben.
       Nimmt man  diesen Kern  der  Instrumentalismus-These,  so  steckt
       darin gleichwohl eine Vereinseitigung. Im Kapitalismus bilden Ar-
       beitsprozeß und  Verwertungs- (bzw. Wertbildungs-)Prozeß eine wi-
       dersprüchliche  Einheit.  Ein  widersprüchliches  Verhältnis  des
       Lohnarbeiters zu seiner Arbeit ist daher objektiv vorgegeben. Ei-
       nerseits hat  der Lohnarbeiter aufgrund seiner gesellschaftlichen
       Lage, bevor er noch die Stätte seiner Tätigkeit betritt, ein not-
       wendig instrumentelles  Verhältnis zu seiner Arbeit. Andererseits
       wird die  konkrete Bewertung  der eigenen  Arbeit um so mehr auch
       von dem Charakter der Arbeit selbst bestimmt, je komplexer dieser
       Arbeitsprozeß selbst ist.
       In ihrer  gegen den  Goldthorpe-Lockwoodschen Ansatz  gerichteten
       Studie "Industriearbeit  und Arbeiterbewußtsein" gelingt es Horst
       Kern und  Michael Schumann, die Einseitigkeit der englischen Stu-
       die durch eine theoretisch ebenbürtige Einseitigkeit zu ersetzen:
       Nicht die  soziale Situation  insgesamt, sondern die spezifischen
       Gegebenheiten der Arbeit seien es, die das soziale Bewußtsein und
       Verhalten prägen.  8) Die  akribische empirische  Arbeit, die  in
       dieser Untersuchung  geleistet wurde,  soll damit  nicht  abgetan
       werden. Der  Ansatz zwingt  ja geradezu, sehr sorgfältige empiri-
       sche Arbeit  zu leisten,  bei der selbstverständlich viele Belege
       für eine  Beziehung zwischen den Arbeitsgegebenheiten und dem Be-
       wußtsein und  Verhalten der Arbeiter gefunden werden. Theoretisch
       avancierter ist  zweifellos der  Ansatz von Werner Kudera, Werner
       Mangold, Konrad  Ruff, Rudi  Schmidt, Theodor  Wentzke. 9) Kudera
       u.a. sprechen  von einem  "gebrochenen Instrumentalismus",  womit
       das widersprüchliche  Verhältnis von Arbeits- und Verwertungspro-
       zeß, von  konkreter und abstrakter Arbeit in der kapitalistischen
       Produktion zumindest  deutlich als  widersprüchliches  Verhältnis
       genannt wird. 10)
       Von Christiane  Bierbaum u.a. ist die These vertreten worden, daß
       die Beziehung auf den Arbeitsinhalt für den Lohnarbeiter im Kapi-
       talismus typischerweise  illusionäre Vorstellungen transportiere,
       während es  die Gleichgültigkeit  gegen den  konkreten Inhalt der
       Arbeit sei,  die die Grundlage für die Wahrnehmung des Charakters
       des Verwertungsprozesses  ausmache, der auch den eigenen Arbeits-
       prozeß präge. 11) Interessant ist die Fragestellung: Welche Seite
       des Widerspruchs  - die eigene Tätigkeit als an sich gleichgülti-
       ges Mittel der Reproduktion oder die eigene Tätigkeit als inhalt-
       lich bestimmte  Arbeit -  ist es, die den Ansatzpunkt für die Er-
       kenntnis der Grundzüge der kapitalistischen Gesellschaft bietet?
       Die Antwort  muß allerdings  komplexer sein  als die von Bierbaum
       u.a. Die  Frage, inwieweit der konkrete Inhalt der Arbeit Bezugs-
       punkt für  das Denken  der Arbeiter  und Angestellten  ist, hängt
       sowohl ab von dem Maße, in dem bestimmte Grundbedürfnisse befrie-
       digt sind,  wie von  dem konkreten  Inhalt  der  Arbeitstätigkeit
       selbst. Die Dispositionsmöglichkeiten, der Grad an Repetitivität,
       das Maß,  in dem  das Arbeitstempo  vorgegeben ist,  der Grad  an
       selbständiger  Informationsverarbeitung  durch  den  Lohnarbeiter
       usw. bestimmen  das Maß, in dem sich eine - stets relative, stets
       instrumentell gebrochene  - Identifikation  mit dem Arbeitsinhalt
       entwickeln kann.
       Die Entwicklung  der Arbeit,  wie sie  gegenwärtig vor sich geht,
       bringt auch  solche Sektoren hervor, in denen größere Anforderun-
       gen an Kenntnissen und Bildung, selbständigere Dispositionen, au-
       tonomere Verarbeitung  von Informationen  verlangt wird. So haben
       etwa Aufgaben  wie Herstellung,  Verarbeitung und  Weitergabe von
       Informationen -  Aufgaben, die  traditionell von  herrschaftsaus-
       übenden Teilen des Gesamtarbeiters, also Vertretern der Betriebs-
       hierarchie, besetzt waren - auch an vielen anderen Arbeitsplätzen
       zugenommen. Zugleich  entsteht auf  dieser Grundlage immer wieder
       die  Gegentendenz,  erweiterte  Dispositionsmöglichkeiten  ebenso
       wieder einzuschränken  und aufzuheben,  wie die noch traditionell
       bestehenden Dispositionsmöglichkeiten  klassischer  Facharbeiter-
       gruppen durch  moderne Rationalisierungsund Arbeitszerlegungsmaß-
       nahmen eingeschränkt und beseitigt werden. Aus der Erfahrung die-
       ser Gegentendenz  ergibt sich  die skeptische  Haltung gerade der
       traditionellen Facharbeitergruppen  gegenüber technischen und or-
       ganisatorischen  Veränderungen   ihrer  Arbeitstätigkeit,  hinter
       denen sie,  auch wenn  sie als  Humanisierungskonzepte  angeboten
       werden, sehr  wohl den  Rationalisierungszugriff des Kapitals er-
       kennen. 12)
       In unterschiedlichen Sektoren entstehen in bezug auf das Verhält-
       nis zur  eigenen Tätigkeit  verschiedene Lohnarbeitertypen unter-
       schiedlicher Prägung.  Die Problematik  dieser Polarisierung  ist
       nicht völlig neu. Der Gegensatz zwischen handwerklich ausgebilde-
       ten Facharbeitern und angelernten Handlangern tritt ins Leben mit
       der im  großen Maßstab eingesetzten kapitalistischen Maschinerie.
       Dieser Gegensatz  schließt verschiedene  Bezugsmöglichkeiten  zur
       eigenen Arbeitstätigkeit  ein. Das  Problem tritt also nicht erst
       zu dem Zeitpunkt auf, zu dem große Teile der Angestellten und Be-
       amten bedeutende  und wachsende  Teile der  Arbeiterklasse ausma-
       chen. Aber es erhält eine neue Prägung durch die neuen Arbeitsty-
       pen moderner Produktion, die neuartigen und gestiegenen Bildungs-
       voraussetzungen, die  (erneut) breitere  Rekrutierung von Lohnar-
       beitern aus anderen Klassen und Schichten.
       In der Geschichte der Arbeiterbewegung hat sich gezeigt, daß sich
       die Entwicklung  von kritischem,  konsistentem,  antikapitalisti-
       schem Bewußtsein  sowohl auf  der Grundlage einer stärker instru-
       mentellen Orientierung  wie auf  der Grundlage  eines stärker die
       Produzentenrolle betonenden Bewußtseins entfalten kann. Die revo-
       lutionäre Sozialdemokratie gewann in den Jahrzehnten ihres histo-
       rischen Aufstiegs ihre Kraft in besonderer Weise aus den Gruppen,
       die infolge  ihrer Tätigkeit und ihrer Qualifikation eine inhalt-
       liche Beziehung  zu ihrer eigenen Arbeit auch als konkrete Arbeit
       entwickeln konnten.  Aus dieser Beziehung konnte ein spezifisches
       Selbstbewußtsein erwachsen,  dem ein  starkes Prestige  innerhalb
       der anderen  proletarischen Gruppen  und Schichten entsprang: Die
       anderen proletarischen  Sektoren orientierten  sich in besonderem
       Maße gerade  an jenen  Schichten, die  auf der Grundlage der Ver-
       mittlung von  Arbeitsidentifikation, Selbstbewußtsein  und daraus
       erwachsenden sozialen  Ansprüchen besonders  empfänglich für  die
       Aufnahme der  Ideen der revolutionären Sozialdemokratie waren. In
       einer anderen historischen Etappe gewann dagegen die junge kommu-
       nistische Bewegung ihre Kraft vornehmlich aus solchen Gruppen der
       Arbeiterklasse, denen die Gleichgültigkeit ihrer konkreten Arbeit
       im Kapitalismus  für das  Profitsystem besonders  deutlich werden
       mußte.
       
       3. Die Prägung betrieblicher Kader:
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       Macht- und Autoritätskonflikte
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       Als Untersuchung der Schnittstelle von Massenbewußtsein und Orga-
       nisationsentwicklung ist  die Betrachtung  der  Entwicklungstypen
       betrieblicher Funktionäre  auch von  Bedeutung für die politische
       Praxis der Arbeiterbewegung. 13) Denn ein neuer Typ betrieblicher
       Kader, was Motivation, Entwicklungsweg, Bewußtsein und Handlungs-
       formen angeht,  schließt auch  einen neuen  Typ der konkreten Ge-
       setze der  Klassenbewegung mit ein. Auf der Grundlage allgemeiner
       Gesetzmäßigkeiten des  Klassenkampfes entwickelt  jede Epoche  im
       gegebenen nationalen  Milieu ihre  Eigengesetzlichkeit,  was  der
       Vergleich mit  den Entwicklungsjahrzehnten der revolutionären So-
       zialdemokratie und  den Formierungsjahren  der jungen kommunisti-
       schen Bewegung  verdeutlicht. Es stellt sich die Frage, inwieweit
       sich nicht nur bestimmte äußere Bedingungen in der Bundesrepublik
       seit den  sechziger Jahren  verändert haben; dabei wollen wir uns
       auf die  Frage des dominierenden Typs betrieblicher Kader konzen-
       trieren, ohne zu vergessen, daß allgemeinere Veränderungen sowohl
       bei den Voraussetzungen wie bei den Wirkungen und Ergebnissen der
       untersuchten Veränderungen beteiligt sind.
       Bei unserer Befragung wurde unter anderem danach gefragt, welches
       die Themen waren, die den Anstoß für die betriebliche und gewerk-
       schaftliche Arbeit  des Befragten bildeten. Auch wenn man voraus-
       setzt, daß  sich möglicherweise  durch die  Retrospektive einiges
       verschiebt, geben die Antworten wichtige Hinweise. Aus einer lan-
       gen Liste  von 15 vorgegebenen Themen, die der Befragte erweitern
       konnte (und  häufig auch  erweiterte), hoben  sich einige  Themen
       heraus, die  besonders häufig genannt wurden. Es waren dies Lohn-
       und Einkommensfragen (12 Nennungen), kritische Auseinandersetzung
       mit gewerkschaftlicher oder Betriebsratsarbeit (13 Nennungen) Ar-
       beitsbedingungen und  Pausenregelungen (15  Nennungen) sowie  Ar-
       beitszeitprobleme (ebenfalls  15 Nennungen)  und schließlich,  am
       häufigsten, Fragen  der Macht- und Autoritätsverhältnisse (Mitbe-
       stimmung u. a.) (16 Nennungen).
       Bei den  Macht- und  Autoritätskonflikten handelt es sich um Kon-
       flikte unterschiedlicher  Formen und Ebenen: Es kann um die Frage
       der Einführung betrieblicher Informationssysteme ebenso gehen wie
       um Fragen  einer nicht  als menschenwürdig empfundenen Behandlung
       der Arbeiter am Band ("wie eine Nummer"); häufig kommen gesamtge-
       sellschaftliche Machtverhältnisse  mit in  den  Blick.  Allgemein
       sind es  Bedürfnisse der  sozialen Existenz, deren Nichterfüllung
       von diesen Befragten auch bei monetärer "Kompensation" nicht mehr
       widerspruchslos geschluckt wird.
       Nun weicht dies ab von dem Bild der traditionellen Motivation be-
       trieblicher Kader  in der Bundesrepublik. Die bewegende Kraft er-
       gab sich  bei dem  wichtigsten Typus  vor allem aus der Erfahrung
       des Konflikts um den Arbeitslohn, wogegen andere Motivationen und
       Anstöße eine  untergeordnete Rolle  spielten. Wir  hatten gesagt,
       daß im  typischen Fall  die Entwicklung  des Bewußtseins  der be-
       trieblichen Kader deutlich stufenförmig verlief: Eine erste Ebene
       war die  betriebliche Ebene,  auf der sich zunächst der Gegensatz
       von Lohnarbeit  und Kapital  darstellte. In  einer zweiten  Stufe
       wurden dann die schon vorhandenen Erkenntnisse oder Vorstellungen
       auf die  Ebene von  Politik und  Staat übertragen. Nun müssen wir
       bemerken, daß  nicht nur eine bemerkenswerte Anzahl eindeutig von
       keinem stufenförmigen  Prozeß in dieser Weise sprach, sondern daß
       sich darüber  hinaus diejenigen, deren Entwicklungsweg sich nicht
       in dieser  Weise stufenförmig  vollzogen hatte,  hinsichtlich der
       Erstmotivation von den anderen zum Teil unterschieden.
       Eine Frage  lautete: "Der Weg zur betrieblichen und gewerkschaft-
       lichen Arbeit  und die Entwicklung allgemeinen politischen Inter-
       esses sind  ja nicht dasselbe. Was lag in deinem Fall vorher, die
       allgemeine Politisierung  oder die betriebliche und gewerkschaft-
       liche Arbeit?" Zehn der Befragten antworteten, die Hinwendung zur
       betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit sei in ihrem Fall vor
       der allgemeinen  Politisierung erfolgt.  Alle zehn  erklärten auf
       Nachfrage, daß  es sich  um deutlich abgegrenzte Phasen gehandelt
       habe. Zwölf  erklärten, bei  ihnen habe die gewerkschaftliche und
       betriebliche Arbeit nicht am Anfang gestanden: Sechs sprachen da-
       von, daß  bei ihnen die allgemeine Politisierung zuerst erfolgte,
       die sechs  übrigen sprachen von einem zeitlich und inhaltlich zu-
       sammenhängenden Gesamtprozeß.  Wir können  davon ausgehen, daß es
       neben dem  bisherigen Typ  der Entwicklung gewerkschaftlichen Be-
       wußtseins auch  einen weiteren  Entwicklungstyp gibt, dessen Ent-
       wicklung durch  die primäre  oder gleichzeitige  Verarbeitung von
       Vorstellungen und  Erkenntnissen aus der Sphäre von Staat und Po-
       litik gekennzeichnet wird.
       Für diesen  anderen Typ  ist wahrscheinlich  die Motivation durch
       Lohn- und  Einkommensfragen von relativ nicht so großer Bedeutung
       wie für  den klassischen Typus (vier von zwölf gegenüber acht von
       zehn Nennungen).  Man kann  weiter auf dieser Grundlage vorläufig
       annehmen, daß  für diesen neuen Typus die Motivation durch Fragen
       der Macht-  und Autoritätsverhältnisse häufiger den Initialanstoß
       ausmacht als bei dem traditionellen Typ. Diese Annahme wird durch
       die vorhergehenden allgemeinen Überlegungen gestützt. Die Motiva-
       tion zur  eigenen gewerkschaftlichen und betrieblichen Arbeit da-
       durch erhalten zu haben, daß man sich mit der vorhandenen gewerk-
       schaftlichen oder  Betriebsratspraxis kritisch auseinandersetzte,
       gaben beide Gruppen gleich häufig an.
       Fragt man  nun nach den Motiven für die allgemeine Politisierung,
       so erhält man andere Antworten. Zunächst: Beide Typen, derjenige,
       dessen Entwicklung  phasenweise von der betrieblichen Arbeit aus-
       gehend und  in einer  zweiten Phase  sich allgemein politisierend
       verläuft, und  der andere  Typus, für den eine solche phasenweise
       Entwicklung nicht  zutrifft, unterscheiden  sich nicht in merkli-
       cher Weise,  was die  angegebenen Anstöße der allgemeinen Politi-
       sierung betrifft.  Am häufigsten  genannt wird die kritische Aus-
       einandersetzung mit  der gewerkschaftlichen oder Betriebsratspra-
       xis (fünfzehn  Nennungen), es  folgen Fragen des Gesellschaftssy-
       stems (vierzehn  Nennungen), der Macht-und Autoritätsverhältnisse
       (ebenfalls vierzehn  Nennungen),  Probleme  im  Zusammenhang  mit
       Krieg und Frieden und mit Rüstungsproduktion (dreizehn Nennungen)
       und Probleme  der Arbeitszeit (elf Nennungen). (Es ist vielleicht
       anzumerken, daß  in den  Vorgaben auch  Umweltfragen, das Problem
       der Arbeitslosigkeit  und Fragen  im Zusammenhang mit der Technik
       auftauchten, daß  aber eine Reihe von Befragten gerade zu den ge-
       nannten Problemen sagte, "damals", also zum Zeitpunkt, in dem sie
       gewerkschaftlich und betrieblich aktiv geworden seien bzw. zu dem
       sie sich  allgemein politisiert  hätten, habe  das für  sie  noch
       keine Rolle gespielt.)
       Wenn wir  von der Annahme ausgehen, daß Fragen der Macht- und Au-
       toritätsverhältnisse am  ehesten aufgeworfen  werden, wenn einer-
       seits aus  dem konkreten  Inhalt des  Arbeitsprozesses selbst An-
       sprüche auf  ein höheres Maß an Autonomie und Kontrolle auch über
       den Arbeitsprozeß hinaus im gesamten Produktionsprozeß erwachsen,
       andererseits der  kapitalistische Verwertungsprozeß hier Struktu-
       ren vorgibt, die immer wieder zur Kollision mit diesen Ansprüchen
       führen, dann  kann man  daraus eine wichtige Schlußfolgerung zie-
       hen: In  der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit kommt es
       heute darauf an, den Zusammenhang zwischen diesem Typ von erfahr-
       baren Widersprüchen  und  dem  Grundwiderspruch  unseres  Gesell-
       schaftssystems deutlich zu machen.
       Diese Aufgabe  der Vermittlung  stellte  sich  selbstverständlich
       auch schon  bei dem früher vorherrschenden Typus, der vornehmlich
       von dem  Widerspruch im Bereich des Konflikts um den Arbeitslohn,
       um die Höhe der Zahlung ausging. Aber bei dem neu hinzugekommenen
       zweiten Typus stellt sich diese Aufgabe in anderer und verschärf-
       ter Weise.  Denn wenn hier die Beziehung auf die Sphäre von Staat
       und Politik  spontan nicht  erst in  einer zweiten Phase erfolgt,
       nachdem sich  schon bestimmte Erfahrungen der betrieblich-gewerk-
       schaftlichen Ebene  konsolidiert haben,  heißt das,  daß schon in
       bezug auf  die Verarbeitung  von Grunderfahrungen, wie der Erfah-
       rung von  Macht- und Autoritätskonflikten, ideologische Einflüsse
       im Sinne  des systematischen  Hineintragens  von  Ideologie  (und
       nicht nur im Sinne ihrer spontanen Reproduktion) früher und stär-
       ker eine Rolle spielen.
       Die gewachsene  Bedeutung von Macht- und Autoritätskonflikten für
       einen bedeutsamen  Teil neuer  betrieblicher Kader  ist letztlich
       nicht einfach auf Veränderungen in den Anforderungen des Arbeits-
       prozesses zurückzuführen,  auch wenn  diese und  der  Widerspruch
       zwischen den Anforderungen des Arbeitsprozesses und den Bedingun-
       gen des Verwertungsprozesses die Grundlage abgeben, auf der diese
       Widersprüche wahrgenommen  werden. Zurückzuführen  sind  vielmehr
       diese Tendenzen  letztlich auf  den Vergesellschaftungsprozeß als
       objektiven Prozeß  unter kapitalistischen Bedingungen. Seine Fol-
       gen sind die Ausdehnung und Entwicklung des Systems bürokratisch-
       kapitalistischer Kontrolle, die dadurch produzierte Gegenströmung
       ist die  Forderung nach  Einfluß, Mitbestimmung,  Kontrolle durch
       die Lohnarbeiter. 14)
       Dieser Konflikt  wird im staatsmonopolistischen Kapitalismus ste-
       tig reproduziert, ebenso wie der Lohnkonflikt stetig reproduziert
       wird. Die Tatsache, daß der Konflikt um Fragen der Macht- und Au-
       toritätsverhältnisse offenbar  sofort den  Bezug zur  Sphäre  von
       Staat und Politik einschließt, darf aber nicht dazu verführen an-
       zunehmen, daß die Ansprüche auf Autonomie oder Mitsprache prinzi-
       piell durch  das Kapital  nicht integrativ  zu nutzen  seien. Die
       Möglichkeit, auch  diese Ansprüche  ebenso wie viele andere inte-
       grativ nutzen zu können, ergibt sich für das Kapital aus der Tat-
       sache, daß  sie in  der Form, in der sie sich spontan entwickeln,
       noch nicht die Beziehung auf den Grundwiderspruch unserer Gesell-
       schaft einschließen.
       Aus der  Bedeutung der Konflikte um Macht- und Autoritätsverhält-
       nisse für  die Motivation  betrieblicher Kader,  aber genauso aus
       ihrer gewachsenen Bedeutung in der Breite bei Angehörigen der Ar-
       beiterklasse, besonders  der jüngeren,  insgesamt, aber  auch und
       sogar noch  stärker  bei  Angehörigen  der  Intelligenz  und  der
       lohnabhängigen Mittelschichten,  15) ergibt sich für die soziali-
       stische Arbeiterbewegung der Bundesrepublik, den Kern dieser Kon-
       flikte zu erfassen und mit den historischen Interessen der Arbei-
       terklasse zu  vermitteln. Die  Tatsache, daß  im Zusammenhang mit
       diesen Konflikten  sofort der  Bezug zur  Sphäre von  Politik und
       Staat hergestellt  wird, wirft  die Frage  nach der ideologischen
       Hegemonie gleichsam eine Stufe früher auf.
       Kehren wir  noch einmal zurück zur Diskussion um die Instrumenta-
       lismusthese. Allgemein  wird im  Kapitalismus das  Verhältnis der
       Lohnarbeiter zur  Produktion durch  die widersprüchliche  Einheit
       von Arbeits-  und Wertbildungsprozeß geprägt. Dem entspricht, daß
       sowohl die  Erfahrung der  Gleichgültigkeit der  konkreten Arbeit
       für das  Kapital und  die daraus entspringende Betonung der Lohn-
       frage als  Konfliktzone wie  die Erfahrung der aus dem Inhalt der
       Arbeitstätigkeit erwachsenden  Ansprüche und der daraus entsprin-
       genden Betonung  der Macht-  und Autoritätsverhältnisse  als Kon-
       fliktzone prinzipiell gleichermaßen Ansatzpunkte für die Entwick-
       lung antikapitalistischen  Bewußtseins bilden  können. Vergleicht
       man aber verschiedene konkrete Zeitabschnitte, so zeigt sich, daß
       sich hier  innerhalb der  prinzipiell gegebenen Möglichkeiten die
       Akzente verschieben  können. Für  die Motivation  zu aktiver  be-
       trieblicher und  gewerkschaftlicher Tätigkeit,  bei der  sich be-
       triebliche Kader  herausbildeten, war  in der  Bundesrepublik für
       lange Zeit  die Zone  des Konflikts  um die Lohnhöhe dominierend.
       Dies scheint sich in der letzten Zeit insoweit geändert zu haben,
       als nun  daneben ein  Typus betrieblicher  Kader an Bedeutung ge-
       winnt, für den Konflikte im Bereich von Fragen der Macht- und Au-
       toritätsverhältnisse den Ausgangspunkt der Motivation bilden. 16)
       
       4. Das Verhältnis zur Gewerkschaft. Politische Erwartungen
       ----------------------------------------------------------
       
       Nun ist  der Begriff "Instrumentalismus" auch verwandt worden, um
       die These auszudrücken, daß die Lohnarbeiter heute eine Beziehung
       zur gewerkschaftlichen  Organisation haben,  die sich  durch  ein
       kalkuliertes Verhältnis  von Aufwand und Ertrag auszeichnet. Dazu
       ist zunächst zu sagen, daß die Wahrnehmung der gewerkschaftlichen
       Organisation als  Werkzeug für  die Interessen  der Lohnarbeiter,
       nimmt man  dies wörtlich,  einen sehr  hohen Grad  von Bewußtheit
       voraussetzen würde.  Gemeint ist  wohl etwas Einfacheres: Ist die
       Bindung an  die und die Beziehung auf die gewerkschaftliche Orga-
       nisation emotional  tief verankert,  oder kann  sie leicht  durch
       vorübergehende Erwägungen in Frage gestellt werden?
       Nun bedeuten  Bindung an  die gewerkschaftliche  Organisation und
       Beziehung auf die gewerkschaftliche Organisation ja nicht Kritik-
       losigkeit. Im Gegenteil, schon 1975 ist daraufhingewiesen worden,
       daß gerade bei den engagiertesten jungen Gewerkschaftsmitgliedern
       die Kritik  an dem konkreten Verhalten der Gewerkschaft besonders
       deutlich hervortrat. 17) Das schließt die Gefahr einer wachsenden
       Distanz ein. Die Bedeutung der Vorgabe "kritische Auseinanderset-
       zung mit  der gewerkschaftlichen  und Betriebsratspraxis" für die
       Motivation späterer betrieblicher Kader zeigt, daß der Befund von
       damals keineswegs  eine vorübergehende  oder beschränkte Erschei-
       nung darstellte. Sie zeigt andererseits, daß in dieser kritischen
       Haltung die  starke emotionale  Beziehung zur  Gewerkschaft,  die
       sich auf  der tiefen  Erfahrung begründet, daß die Konkurrenz der
       Lohnarbeiter untereinander  durch organisiert  solidarisches Ver-
       halten überwunden werden muß, nicht verlorengegangen ist.
       Dies zeigen  noch eindrücklicher  die Antworten  auf  die  offene
       Frage: "Es  geschieht ja  immer wieder,  daß es innerhalb der Ge-
       werkschaften Konflikte  gibt... Wie weit sollte man dabei gehen?"
       Die Antworten enthielten durchgehend den Bezug auf die Notwendig-
       keit solidarischen  Verhaltens,  auf  die  Notwendigkeit  gewerk-
       schaftlicher Einheit.  Von vielen  wurde das geradezu beschwörend
       vorgetragen. Die  emotional verankerte  Beziehung ist  auch fest-
       stellbar in  den Protokollen  von Interviews mit Betriebsratsmit-
       gliedern, die  auf anderen als der offiziellen gewerkschaftlichen
       Liste in  den Betriebsrat  gewählt wurden.  Andererseits wird  in
       vielen Protokollen ausdrücklich betont, daß das nicht die Annahme
       jedweder Wendung  der Politik des Gewerkschaftsvorstands bedeuten
       kann.
       Michael Schumann hatte 1979 daraufhingewiesen, daß Entscheidungen
       der Gewerkschaftsgremien von den neuen betrieblichen Kadern nicht
       mehr in  gewohnter Selbstverständlichkeit  bejaht werden. 18) Wi-
       tich Roßmann  hatte daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß durch
       Verlagerung der  Formierung des Bewußtseins und der Handlungsdis-
       positionen aus dem Betrieb heraus das Verhältnis zur Gewerkschaft
       weniger emotionsbeladen sei. 19)
       Demgegenüber lassen  die Interviews die Annahme zu, daß auch die-
       jenigen, die  sich durch  ihr betriebliches Verhalten so stark in
       Gegensatz zu  den offiziellen  Beschlüssen der gewerkschaftlichen
       Gremien setzen,  daß sie den Ausschluß kalkuliert in Kauf nehmen,
       kein emotionsfreies  Verhältnis zur Gewerkschaft haben. Eine emo-
       tionale innere  Bindung wird  vielmehr gerade  an einer  gewissen
       Bitterkeit deutlich,  mit der  über  solche  Konflikte  berichtet
       wird. Klaus Pickshaus ist zuzustimmen, wenn er davon spricht, daß
       diese Beziehung  nicht mehr  als emotionaler Kitt verwandt werden
       kann, um  strategische und gewerkschaftspolitische Divergenzen zu
       überdecken. 20)  Die zweifellos  weiter vorhandene emotionale Be-
       ziehung ist  jedoch, auch wenn solche Abweichungen im praktischen
       Handeln nicht  mehr tabuisiert sind, eine wichtige Bedingung, die
       in Rechnung  zu stellen  ist, wenn man Überlegungen anstellt, wie
       die gewerkschaftliche Einheit in solchen Fällen wiederhergestellt
       werden kann.
       Eine ähnliche Lage zeigt sich auf der Ebene von parteipolitischen
       Erwartungen und  Neigungen. Was  die Personen betrifft, durch die
       man Anstöße  bekommen hat,  so sind  es nach  wie vor vornehmlich
       Personen, die  aus der  sozialdemokratischen oder  in  geringerem
       Maße aus der kommunistischen Bewegung stammen, die den Initialan-
       stoß gegeben  haben. Aber daneben zeigen sich inzwischen auch ei-
       nige neue  Erscheinungen. So  gibt es  eine kleinere Gruppe unter
       den Befragten, die von sich sagt, daß sie Anstöße aus der Studen-
       tenbewegung erhalten  hat. Überhaupt  ist die  Beziehung zu Hoch-
       schulen auch  noch bei  anderen Gelegenheiten der Befragung spür-
       bar. Es  gibt unter  den Befragten einige Personen mit Hochschul-
       bildung bzw.  solche, die  ein Fernstudium  absolvieren. Der Bil-
       dungsgrad ist  unter den Befragten insgesamt gegenüber dem Durch-
       schnitt der  Arbeiter und Angestellten weit überhöht. Hauptschul-
       bildung, Mittelschulbildung  und mindestens Abitur sind unter den
       Befragten etwa  gleich häufig  vertreten. Es  ist anzunehmen, daß
       Einflüsse politischer  Strömungen, die  im  akademischen  Bereich
       eine Rolle  spielen, auch infolge des relativ hohen durchschnitt-
       lichen Bildungsgrades der Befragten unter diesen häufiger spürbar
       sind.
       Alle wichtigen  linken Strömungen,  die in  der Studentenbewegung
       eine Rolle  spielen oder spielten, finden Fortsetzungen oder Ent-
       sprechungen oder  verwandelte Fortwirkungen  in den betrieblichen
       Kadern. Das gilt für die antiautoritäre Strömung, den MSB Sparta-
       kus ebenso  wie für frühere maoistische, linkssozialdemokratische
       und linkssozialistische Gruppen.
       Dem überdurchschnittlichen  Bildungsgrad der Befragten entspricht
       eine ungewöhnliche  Zusammensetzung und ein ungewöhnliches Ausmaß
       der Freizeitaktivitäten.  Freizeitaktivitäten  nehmen  bei  allen
       einen wichtigen Platz ein - selbstverständlich klagen einige dar-
       über, infolge  ihrer Funktionen  keine oder zuwenig Zeit für ihre
       Freizeitinteressen zu  haben. Die  Aktivitäten sind höchst unter-
       schiedlich; viele  sportliche Aktivitäten  fallen darunter ebenso
       wie Kunstbetrachtung,  Theaterbesuche, Musik  und alle  Arten von
       Lektüre. Was die Literatur betrifft, so fehlt Hölderlin ebensowe-
       nig wie  Science-fiction oder wissenschaftliche industriesoziolo-
       gische Literatur.  Hier wird  sehr deutlich,  wie  Einflüsse  aus
       Hochschulen und  Universitäten in  viel unvermittelterem Maße auf
       die betrieblichen Kader einwirken.
       Dies ist  nichts völlig Neues: Vor allem über die gewerkschaftli-
       che Bildungsarbeit  und die politische Bildungsarbeit anderer Or-
       ganisationen wurden solche Einflüsse vermittelt. Das Neue ist die
       gewachsene Stärke und die Unvermitteltheit der Beziehung zwischen
       Universitäten und  betrieblichen Kadern.  Das läßt  sich bis  zur
       Bildung betrieblicher  Gruppen beobachten,  die aus universitären
       Gruppierungen entstehen. Bezeichnend ist auch, daß auf die Frage,
       welche Aktionen  man schon  mitgemacht habe, gerade als erste An-
       stöße häufig  Demonstrationen  und  Auseinandersetzungen  in  der
       Oberschule oder der Universität genannt werden.
       Was die Erwartungen an politische Kräfte angeht, so sind auch bei
       solchen Befragten, die vor allem entweder an die Sozialdemokraten
       oder an  die Kommunisten  Erwartungen haben,  viele, die sich von
       einer Stärkung  der Grünen  oder der Alternativbewegung etwas für
       die positive  Veränderung erhoffen.  Das heißt: Selbst bei denen,
       die ihrer  Herkunft nach  durchaus ähnlich durch Sozialdemokraten
       beeinflußt wurden,  zeigt sich,  daß diese  ursprüngliche Prägung
       heute anders  verarbeitet wird als in der früheren Generation be-
       trieblicher Kader.  Die Selbstverständlichkeit des Bezugs auf die
       Sozialdemokratie als  die wichtigste  politische Organisation, in
       der Arbeiter  und Angestellte  vertreten sind,  scheint bei einer
       wichtigen Gruppe betrieblicher Kader heute nicht mehr gegeben. Im
       Verhältnis zur  Sozialdemokratie ist tatsächlich bei einer Gruppe
       innerhalb der  betrieblichen Kader  das eingetreten, was in bezug
       auf die  Gewerkschaften nicht  ganz glücklich  als  "Instrumenta-
       lismus" bezeichnet worden ist.
       
       5. Gesellschaftsbild und Utopie
       -------------------------------
       
       Mit Hilfe  einer Reihe  von Feststellungen,  denen man  zustimmen
       oder die  man ablehnen  konnte, wurde versucht, die Vorstellungen
       der Befragten  über die  Gesellschaft sowohl in drei Ausprägungen
       auf einer  Skala zu erfassen, die von linken bis zu rechten Posi-
       tionen reichte,  wie auf einer Skala, die das Maß messen soll, in
       dem die  Vorstellungen über die Gesellschaft zusammenhängend oder
       widersprüchlich sind. 21)
       Das Ergebnis,  daß das  Gesellschaftsbild  der  Befragten  durch-
       schnittlich weit  links von  dem Gesellschaftsbild von Lohnarbei-
       tern überhaupt,  auch Kerngruppen der Arbeiterklasse, liegt, kann
       nicht sehr  überraschen; die Tatsache weit überdurchschnittlicher
       Aktivität und die Erfahrungen, die mit dieser Aktivität verbunden
       sind, wirken  hier in  der gleichen Richtung. Schon aufschlußrei-
       cher ist  die Feststellung,  das unter  den Befragten  sich über-
       durchschnittlich viele  mit einem  eher zusammenhängenden Gesell-
       schaftsbild befanden. Dies kann als Beleg für die These angesehen
       werden, daß  Konflikterfahrungen - bei den Befragten in ungewöhn-
       lich starkem Maße vorhanden - dazu beitragen, daß Widersprüche im
       Gesellschaftsbild überwunden werden.
       Bedeutsam erscheint insbesondere, daß es wahrscheinlich inhaltli-
       che Zusammenhänge  zwischen bestimmten  Ausgangsmotivationen  und
       der Herausbildung  eines  eher  konsistenten  Gesellschaftsbildes
       gibt. Von den Befragten, die angaben, Fragen der Macht- und Auto-
       ritätsverhältnisse hätten als Anstoß für die betriebliche und ge-
       werkschaftliche Tätigkeit  eine Rolle  gespielt, wiesen zwölf ein
       eher zusammenhängendes  Gesellschaftsbild auf, gegenüber vier mit
       einem mittleren  oder eher  widersprüchlichen  Gesellschaftsbild.
       Von denjenigen,  die Fragen der Macht- und Autoritätsverhältnisse
       nicht nannten, wiesen dagegen zwei ein eher zusammenhängendes auf
       gegenüber vier  mit einem  mittleren oder  eher widersprüchlichen
       Gesellschaftsbild.
       Von den  Befragten, die  die kritische Auseinandersetzung mit ge-
       werkschaftlicher und  Betriebsratsarbeit als  einen Anstoß  ihrer
       eigenen betrieblichen  und gewerkschaftlichen  Aktivität nannten,
       wiesen zehn  ein eher  zusammenhängendes gegenüber nur dreien mit
       einem mittleren  oder  eher  widersprüchlichen  Gesellschaftsbild
       auf; von  denjenigen, die  diesen  Ausgangspunkt  nicht  nannten,
       besaßen  entsprechend  der  erwähnten  Zuordnung  vier  ein  eher
       zusammenhängendes und  fünf ein  mittleres oder eher widersprüch-
       liches Gesellschaftsbild.  Wenn oben  davor  gewarnt  wurde,  die
       neuen Zugänge  unkritisch überzubewerten,  so muß  man angesichts
       dieser Verteilungen, die selbstverständlich der Überprüfung durch
       eine größere  Zufallsauswahl bedürfen, doch darauf hinweisen, daß
       die neuen  Zugänge mehr  Ansatzpunkte  für  die  Entwicklung  von
       zusammenhängendem  antikapitalistischen   Bewußtsein   enthalten;
       zugleich muß  man betonen, daß man weniger denn je davon ausgehen
       kann, daß sich ein solches Bewußtsein von selbst entwickelt.
       Einen wichtigen  Hinweis enthalten  schließlich die Antworten auf
       die offene  Frage "Wie  sieht eine bessere Gesellschaft aus?" Die
       über den  Tag hinausweisenden  Vorstellungen, die  hier  geäußert
       wurden, lassen  sich in  zwei große  Gruppen zusammenfassen,  die
       einander überschneiden  und ergänzen.  Da sind  einmal Betonungen
       von Gleichheit und Gerechtigkeit, einem offenbar tiefverwurzelten
       egalitären Anspruch; da sind zum anderen Betonungen des Anspruchs
       auf Mitsprache  und Kontrolle.  (Eine zahlenmäßig kleine Ausnahme
       bilden personalisierende  Formulierungen wie "weniger Neid" u.ä.)
       An diesen beiden Erwartungen werden auch die sozialistischen Län-
       der gemessen,  wobei tatsächlich  bei vielen  Befragten nicht die
       Realität des  Sozialismus, sondern  das, was  in der hiesigen Öf-
       fentlichkeit als  sozialistische Realität  ausgegeben  wird,  mit
       diesem Anspruch verglichen wird. 22)
       Solche Bedürfnisse  "utopischer" Art  sind ernst  zu nehmen, weil
       sie sich aus den Erfahrungen mit den Widersprüchen des Kapitalis-
       mus, aus den Erfahrungen des eigenen Lebens heraus entwickeln und
       weil sie  grundlegende Zielrichtungen  angeben. Die  Richtung der
       Träume und die Richtung des Handelns hängen miteinander zusammen.
       Dabei ist es selbstverständlich oft so, daß das, was den Handeln-
       den hier am realen Sozialismus richtig erscheint (oder erscheinen
       könnte, würden  sie es kennen), nicht unbedingt mit dem identisch
       ist, was unter der Perspektive der dort Agierenden Hauptpunkt der
       gegenwärtigen Sozialismusentwicklung ist. 23)
       Solcherlei Widersprüche zu nutzen ist selbstverständlich das Ziel
       antikommunistischer Strategie.  Aber solcherlei Widersprüche sind
       nicht in  sich schon  gegen den  Sozialismus gerichtet; im Gegen-
       teil, gerade  sie als  Widersprüche, die sich aus der veränderten
       historischen Perspektive  ergeben,  darzustellen,  leistet  einen
       Beitrag zur  Orientierung auf  die sozialistischen Länder als Be-
       zugspunkt eigener  Möglichkeiten. Denn  die Ansprüche auf Gleich-
       heit und  Kontrolle sind, und das ist zu zeigen, zu verwirklichen
       unter den  Bedingungen einer  sozialistischen Gesellschaft in der
       Bundesrepublik, aber auch nur unter diesen Bedingungen.
       
       _____
       1) Elisabeth Noelle-Neumann:  Werden wir alle Proletarier? Zürich
       1978/Osnabrück 1979;  Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.):
       Eine Generation  später, Allensbach  1981; Elisabeth  Noelle-Neu-
       mann: Selbstbeherrschung  - kein Thema, in: Elisabeth Noelle-Neu-
       mann und Edgar Fiel (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie
       1978-1983, Band VIII, München 1983, S. XV.
       2) Claus Offe  in: Jochen Matthes: Krise der Arbeitsgesellschaft?
       Frankfurt am Main. New York 1983.
       3) Vgl. Karl Marx: Das Kapital, I. Band, MEW Bd. 23, S. 646.
       4) Joachim Bergmann,  Walther Müller-Jentsch:  Gewerkschaften  in
       der Bundesrepublik, Band 2, Frankfurt 1977, S. 194.
       5) Witich Roßmann:  Arbeiterklasse, soziale  Bedürfnisse und  ge-
       werkschaftliche Politik,  in: Marxistische  Studien. Jahrbuch des
       IMSF 5,  Frankfurt/M. 1982, S. 67. Schon 1978 hat Frank Deppe auf
       das Hervortreten einer "neuen Generation" von Gewerkschaftskadern
       verwiesen. S.  Frank Deppe:  Zu einigen  Problemen der Bestimmung
       des gegenwärtigen  gewerkschaftlichen und politischen Bewußtseins
       der Arbeiterklasse der BRD, in: ebd., Bd. 1, S. 292 ff.
       6) Sonderdruck der Marxistischen Blätter 2/1983, S. 27.
       7) John H.  Goldthorpe u.a.: The Affluent Worker, Cambridge 1968.
       Die marxistische  Kritik der Instrumentalismus-These, wie sie von
       Lothar Peter  (vgl. im  vorliegenden Band) entwickelt wird, halte
       ich für  richtig. Sie bedarf aber als marxistische Kritik der Er-
       gänzung durch  zwei Aspekte.  Einmal muß  der rationelle Kern der
       Instrumentalismus-These herausgearbeitet  werden: Die Wirkung der
       gesellschaftlichen Stellung  der Lohnarbeiter  auf ihr Verhältnis
       zu ihrer Arbeit. Zum anderen ist es notwendig, auf zeitliche Ver-
       schiebungen im mehr oder weniger stark ausgeprägten instrumentel-
       len Verhältnis zur Arbeit einzugehen.
       8) So insbesondere  auf S.  33 und 34 mit ihrer expliziten Ableh-
       nung der  Positionen von  Goldthorpe u.a., von A. Andrieux und J.
       Lignon (L'ouvrier d'aujourdhui, Paris 1960) und überhaupt dessen,
       was Schumann und Kern "dogmatische Anlehnung an Marx" nennen: den
       Verweis darauf,  daß bei aller Differenziertheit im einzelnen die
       gemeinsame Klassenlage bei den Angehörigen der Arbeiterklasse ge-
       wisse gemeinsame  Erfahrungen konstituiert und damit auch gewisse
       Grundzüge der Bewußtseinsentwicklung fundiert. "Falsch scheint es
       uns aber,  sich ...  bei der Analyse des Arbeiterbewußtseins aus-
       schließlich auf  die Produktionsverhältnisse  zu beziehen und die
       Einheitlichkeit der  durch  die  ökonomische  Struktur  geprägten
       Klassenlage undifferenziert  zu postulieren." (Horst Kern und Mi-
       chael Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein, Frankfurt
       1970, ebenda.)  Gegenüber den  damals gängigen Thesen, gemeinsame
       Züge eines  Bewußtseins der Lohnarbeiter gebe es ebensowenig mehr
       wie gemeinsame  Elemente ihrer  Lage, bedeuteten  aber die Thesen
       von Andrieux  und Lignon  sowie von  Goldthorpe u.a. einen großen
       Fortschritt.
       9) Werner Kudera,  Werner Mangold,  Konrad  Ruff,  Rudi  Schmidt,
       Theodor Wentzke:  Gesellschaftliches und  politisches  Bewußtsein
       von Arbeitern, Frankfurt am Main 1979.
       10) Allerdings ist  die Erlanger  Gruppe nur in der Lage, die Wi-
       dersprüche anzugeben, in deren Rahmen im weitesten Sinne sich die
       Entwicklung bewegen kann: Aktuelle Entwicklungstendenzen sind da-
       mit nicht  anzugeben. Die neuere Studie von Michael Schumann, Ed-
       gar Einemann,  Christa Siebel-Rebell,  Klaus-Peter Wittemann: Ra-
       tionalisierung, Krise  und Arbeiter, Bremen 1981, führt, wenn sie
       auch in  der Einzelanalyse  ihren gewohnten  Standard aufrechter-
       hält, auf  der theoretischen  Ebene nicht über den Ansatz von Ku-
       dera u.a.  hinaus. Immerhin kommen hier durch die Empirie gewisse
       zeitliche Verschiebungen in den Blick.
       11) Christiane Bierbaum,  Joachim Bischoff, David Eppenstein, Se-
       bastian Herkommer,  Karlheinz Maldaner,  Arnhild Martin: Ende der
       Illusionen? Frankfurt  - Köln  1977. Umgekehrt  Michael  Schumann
       u.a., a.a.O.,  S. 421:  "... dann  läßt sich  kaum die These auf-
       rechterhalten, daß  die Orientierung an Arbeitsinhalten ein Indiz
       illusionärer partikularistischer  Versöhnung mit  den Bedingungen
       kapitalistisch organisierter betrieblicher Arbeit sei. Ein diffe-
       renziertes Interesse  an den  Inhalten der  Arbeit .  . . scheint
       vielmehr den  Blick gerade zu öffnen auf jene Interessen, die der
       Arbeiter als  Besitzer der Ware Arbeitskraft im Produktionsprozeß
       hat."
       12) Vgl. hierzu insbesondere Schumann u.a., a.a.O.
       13) Untersuchungen von  betrieblichen Funktionären  sind  in  der
       Bundesrepublik selten  durchgeführt worden.  Erinnert sei hier an
       den Band 2 der Beiträge des IMSF: Mitbestimmung als Kampfaufgabe,
       Köln 1971,  S. 139  bis 302  (Studienausgabe Köln 1972, S. 99 bis
       262), der  die Vorstellungen  betrieblicher Kader in drei Großbe-
       trieben auch  in Beziehung zu den Vorstellungen der Belegschaften
       zu erfassen  sucht. Weiter  sind hier  der schon zitierte 2. Band
       der Untersuchung  von Bergmann  und Müller- Jentsch sowie die er-
       wähnte Arbeit von Witich Roßmann zu nennen.
       14) Hierzu: Mitbestimmung  als Kampfaufgabe, Beiträge des IMSF 2,
       Köln 1971, S. 17-48.
       15) Vgl. hierzu  meinen Aufsatz  "Wandel des  Wertsystems?",  in:
       Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 5, Frankfurt/M. 1982.
       16) Es bleibt  zu untersuchen,  und es ist eine dringende politi-
       sche Frage,  wie dies bei den Angehörigen der Arbeiterklasse aus-
       sieht, die  direkt oder  indirekt von  Arbeitslosigkeit betroffen
       oder bedroht sind. Es ist anzunehmen, daß hier - um in der akade-
       mischen Sprache  zu bleiben  - die "instrumentelle" Beziehung zur
       Produktion gegenüber  der  "intrinsischen"  absolut  vorherrscht.
       Wenn man  diese Sphäre nicht einbezieht, kann man insgesamt gese-
       hen daher zu falschen Gewichtsverteilungen kommen. Die Verteilung
       der entscheidenden  Motivation für  die betrieblichen Kader deckt
       sich nicht mit der für die Arbeiterklasse insgesamt.
       17) Harald Wiedenhofer:  Untersuchungen der Einstellungen Harbur-
       ger Mitglieder  der IG  Chemie zur gewerkschaftlichen Interessen-
       vertretung, Diplomarbeit Hamburg 1975, S. 175 f.
       18) Michael Schumann:  Entwicklungen des Arbeiterbewußtseins, in:
       Gewerkschaftliche Monatshefte 3/1979, S. 157.
       19) Witich Roßmann, a.a.O., S. 67.
       20) Klaus Pickshaus: Politische Differenzierungen im Großbetrieb:
       Zur Herausbildung  linksoppositioneller  Betriebsratslisten,  in:
       Marxistische Studien.  Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/M. 1983, S.
       220 f.
       21) Vgl. meinen  Aufsatz in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch des
       IMSF 2, Frankfurt/M. 1979, S. 341 ff.
       22) Es wurde schon 1978 darauf aufmerksam gemacht, welche prakti-
       schen Konsequenzen  der ideologischen Arbeit sich daraus ergeben.
       (Jugendliche im Großbetrieb, Frankfurt 1978, S. 183 ff., hier be-
       sonders 220 f.)
       23) So ist  z.B. für  die hier  Handelnden einer  der Hauptanzie-
       hungspunkte des  Sozialismus die  ungeheuere Angleichung von Ein-
       künften und  Lebensstandard bei  den unterschiedlichsten sozialen
       Gruppen - vom Arbeiter in der Landwirtschaft bis zum Mitglied des
       Ministerrats. Daß  für die  politisch bewußt Handelnden im Sozia-
       lismus heute ein Hauptproblem darin besteht, auf dieser fundamen-
       tal egalitären  Basis durch  eine relative Differenzierung sowohl
       die ökonomische  wie die  soziale Entwicklung  zu  beschleunigen,
       darf nicht bedeuten, daß man diese wichtige Nebenfrage der Diffe-
       renzierung zum Hauptproblem macht, wenn es um die Darstellung des
       Sozialismus geht. Es ist weder objektiv die Hauptseite, noch kann
       es das für die hier tätigen Subjekte sein.
       

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