Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       BETRIEBE OHNE HINTERLAND?
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       Zu einigen Bedingungen der Klassenbildung
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       im Reproduktionsbereich 1)
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       Kaspar Maase
       
       1. Klassenbildung  und Klassensubjektivität - 2. Historische Ten-
       denz: Individualisierung  - 3.  Individualisierung  und  sozialer
       Klassenzusammenhang heute - 4. Zwei Linien im Klassenbildungspro-
       zeß?
       
       Die Kämpfe vom Frühjahr und Sommer 1984 in der Metall- und Druck-
       industrie haben  die Handlungsfähigkeit der Gewerkschaftsbewegung
       von ihrer  betrieblichen Basis  her gezeigt. Der folgende Beitrag
       will vor  diesem Hintergrund  einige Fragen  ansprechen, die  mit
       tiefgreifenden historischen  Wandlungen in der Formierung der Ar-
       beiterklasse zusammenhängen; er konzentriert sich auf die Tendenz
       zu stärker individualisierten Formen der Klassenbildung im Repro-
       duktionsbereich.
       
       1. Klassenbildung und Klassensubjektivität
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       Stets haben  Marxisten die  Arbeiterklasse auch  unter der Frage-
       stellung untersucht, wie sie sich konkret historisch zum bewußten
       und handlungsfähigen  Subjekt entwickelt, sich als Klasse und zur
       "Klasse für  sich" bildet.  Von ihren ersten Arbeiten an beschäf-
       tigten sich die Klassiker des Marxismus mit dem "Entwicklungsgang
       des Proletariats",  mit dem Prozeß der "Organisation der Proleta-
       rier zur  Klasse", der  "jeden Augenblick wieder gesprengt (wird)
       durch die Konkurrenz unter den Arbeitern" - um wieder fortgeführt
       zu werden. 2)
       Im "18.  Brumaire des Louis Bonaparte" hat Marx dieses Moment der
       "Klassensubjektivität" am  Negativbeispiel der französischen Par-
       zellenbauern entwickelt.  Ihre Masse lebt unter gleichen objekti-
       ven "ökonomischen  Existenzbedingungen", in "gleicher Situation";
       nicht allein  ihre Interessen  stimmen  überein,  sondern  ebenso
       "ihre Lebensweise  ... und  ihre Bildung", deren Besonderheit sie
       von anderen  Klassen abgrenzt. Spezifik der ökonomischen Stellung
       w i e   d e r   d a r a u f   g e g r ü n d e t e n  L e b e n s-
       w e i s e   sind für  Marx Argumente,  die Parzellenbauern "inso-
       fern" als  Klasse zu  bezeichnen. Doch  fehlt ihrer  Arbeits- und
       Lebensweise das  Moment von  Kommunikation, von  sozialem Verkehr
       und Öffentlichkeit  über den  lokalen Rahmen hinaus; Produktions-
       weise  und   Lebensbedingungen  stehen  der  Herausbildung  einer
       "nationalen Verbindung und ... politischen Organisation" entgegen
       - insofern  "bilden sie keine Klasse. (...) Sie können sich nicht
       vertreten,  sie  müssen  vertreten  werden."  3)  Dem  steht  als
       Besonderheit der  Arbeiterklasse die  durch das  Kapital vorange-
       triebene Vereinigung  auf betrieblicher, örtlicher und nationaler
       Ebene gegenüber; "ihre ganzen Arbeits- und Lebensverhältnisse or-
       ganisieren diese  Klasse, zwingen  sie zum Denken, bieten ihr die
       Möglichkeit, die Arena des politischen Kampfes zu betreten". 4)
       Das Eingehen  auf Lebensweise  und Klassenöffentlichkeit als Ver-
       mittlungsglieder des Klassenbildungsprozesses erweist Interpreta-
       tionen als zu eng, Marx habe nur "Kollektiverfahrung der Verelen-
       dung" und "Klassenkampfdynamik" als Momente der Klassenformierung
       erfaßt; der Verweis auf die solidaritätssprengende Kraft der Kon-
       kurrenz widerlegt  die Behauptung, für Marx sei "die Bildung sta-
       biler Solidaritätsbindungen" überhaupt kein theoretisches Problem
       gewesen. 5)  Vielmehr ist die Klassenbildung ein nach der Konsti-
       tuierung des Proletariats als Klasse 6) auf neuer Stufe anhalten-
       der, notwendig  widersprüchlicher Prozeß; er ist jedoch nicht der
       spontanen und  vereinzelten Verarbeitung von Erfahrungen überlas-
       sen - seit der Vereinigung von wissenschaftlichem Sozialismus und
       Arbeiterbewegung wirken  in der  Klasse organisierte  und bewußte
       Kräfte auf  den Inhalt  wie auf  die Verarbeitung von Erfahrungen
       ein und  suchen sie  mit einer wissenschaftlichen Theorie der Ge-
       sellschaft, der Klasseninteressen und der notwendigen Klassenpra-
       xis zu  vermitteln. Dies  kann in einzelnen Nationen auch langan-
       haltende Phasen einschließen, in denen die auseinanderstrebenden,
       entpolitisierenden Tendenzen  überwiegen und die Arbeiterbewegung
       allenfalls als eine unter anderen sozialen Bewegungen erscheint.
       Die Proletarier  machen auf  unterschiedlichen Lebens- und Tätig-
       keitsfeldern Erfahrungs- und Lernprozesse durch; diese beinhalten
       unterschiedliche, oft  einander widersprechende  und auseinander-
       strebende Handlungsaufforderungen  - bis  hin zu praktisch unver-
       einbaren Handlungsnotwendigkeiten.  Die Lohnarbeiter  verarbeiten
       diese widersprüchlichen  Tendenzen psychisch und kommen notwendig
       zu einer praktischen wie geistig-emotionalen Bestimmung ihrer ei-
       genen Position gegenüber dem Klassenzusammenhang. 7) Das ist kein
       einmal abgeschlossener,  sondern ein lebenslanger Vorgang; er ist
       in sich  strukturiert und weist biographische Phasen von besonde-
       rer Prägekraft  bzw. Offenheit für Umorientierung auf (etwa: Pri-
       märsozialisation, betriebliche  Sozialisation beim  Eintritt  ins
       Arbeitsleben, Arbeitsplatzverlust,  Aktionserfahrung). Dies  sind
       Voraussetzungen für das Wirken von Klassenorganisationen als sub-
       jektiver Faktor mit dem Ziel, in Praxis und psychischen Verarbei-
       tungsprozessen der  Proletarier jene  Tendenzen herauszuarbeiten,
       zu klären, zu festigen, die die Klassenlage richtig widerspiegeln
       und die  subjektive Einordnung  in  den  Klassenzusammenhang  und
       seine Handlungsnotwendigkeiten  - Klassenbildung - fördern. Unter
       diesem Gesichtspunkt entscheidet über Gelingen oder Scheitern von
       Klassenbildung konkret-historisch die Praxis des subjektiven Fak-
       tors. 8)
       
       2. Historische Tendenz: Individualisierung
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       Mit den Veränderungen in Arbeits- und Lebensbedingungen, sozialer
       Zusammensetzung und  Bildungsniveau,  räumlicher  Verteilung  und
       verfügbarem  Einkommen,  Wohnverhältnissen  und  Familienstruktur
       usw. wandelt  sich sowohl die objektive Binnenstruktur der Klasse
       wie - und u.E. noch stärker - die Art und Weise ihrer subjektiven
       Erfahrung, Aneignung  und alltäglichen  Praxis als gelebter Klas-
       senzusammenhang durch die Klassenindividuen. Jedem einzelnen Pro-
       letarier bietet  die Binnenstruktur  der Klasse eine Vielzahl von
       Möglichkeiten zu  sozialen Beziehungen und Betätigungen mit ande-
       ren Klassenangehörigen: von betrieblicher Kommunikation, Nachbar-
       schaft und  Freundschaften bis  zum Verhalten gegenüber den Klas-
       senorganisationen und  den  Klassenbewegungen  als  dem  höchsten
       praktischen Ausdruck  der Klassengemeinsamkeit.  Ein Teil  dieser
       sozialen Beziehungen  ist unausweichlich,  wie die Beziehungen in
       Belegschaft und Nachbarschaft; er kann auf unterschiedliche Weise
       praktiziert werden: individualistisch oder solidarisch. Einen an-
       deren Teil  dieser möglichen Beziehungen kann der einzelne einge-
       hen oder  nicht: Freundschaft  und Ehe,  Vereins- und  Parteimit-
       gliedschaft etc.  Selbstverständlich handelt  es sich dabei nicht
       um völlig "freie Entscheidungen" - die individuelle Einordnung in
       die Klasse  ist Teil der subjektiven Aneignung einer ganzen klas-
       sen-, schicht-  und gruppenspezifischen  Lebensweise. Die Art und
       Weise, wie  sich diese Beziehungen auf der Basis der Binnenstruk-
       tur der  Klasse praktisch  entwickeln,  sei  hier  vorläufig  als
       s o z i a l e r   K l a s s e n z u s a m m e n h a n g  bezeich-
       net; er ist abzugrenzen gegen ökonomische und ideologisch-politi-
       sche Strukturierungen. Die Ausrichtung des sozialen Klassenzusam-
       menhangs an  den Klasseninteressen  gibt das  Maß der Entwicklung
       zur "Klasse für sich", der Klassenbildung, an.
       
       2.1 Auflösung von Klassen?
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       Seit etwa  100 Jahren ist mit der Durchsetzung der großen kapita-
       listischen Industrie und ihrer Qualifikations- und Reproduktions-
       anforderungen, mit Arbeitszeitverkürzungen, Ausdehnung des Schul-
       besuchs und  Urbanisierung, mit  steigenden Reallöhnen  für  eine
       ausreichende Wiederherstellung  der Arbeitskraft  in  Deutschland
       (wie im  Prinzip in allen kapitalistischen Industrieländern) eine
       Grundtendenz zu  beobachten: Der  Reproduktionsbereich gewinnt im
       Arbeiterleben und im Arbeiterbewußtsein an Gewicht - ohne daß bis
       heute objektiv  wie subjektiv  die vorrangige  Bedeutung der  be-
       trieblichen Lohnarbeit für die Qualität des Arbeiterlebens aufge-
       hoben wäre. 9)
       Mit der  Veränderung elementarer  Lebensbedingungen ist eine wei-
       tere Grundtendenz  verbunden: Es sinkt der Anteil der unausweich-
       lich vorgegebenen Beziehungen der Proletarier zu ihren Klassenge-
       nossen (in  Zeitumfang und Stellenwert), damit das Maß des gegen-
       seitigen Aufeinanderangewiesenseins,  damit auch  die Möglichkeit
       zu sozialer  Kontrolle und zu Sanktionen des Kollektivs gegenüber
       dem einzelnen,  um seine praktische Eingliederung in den Klassen-
       zusammenhang zu festigen. So verlieren das räumliche Beieinander-
       sein und  auch gemeinsame  Tätigkeiten im Reproduktionsbereich an
       integrierender, zusammenschließender Kraft - es gibt Ausweichmög-
       lichkeiten. Anteil und Bedeutung relativ frei wählbarer Beziehun-
       gen  und  Lebenstätigkeiten  außerhalb  des  Klassenzusammenhangs
       wachsen.
       Hier setzen  Gedanken von Ulrich Beck über "gesellschaftliche In-
       dividualisierungsprozesse und  die Entstehung neuer sozialer For-
       mationen und  Identitäten" an. Seine Hauptthese ist, daß Klassen-
       lagen, Klassengemeinsamkeiten  und  damit  verbundene  kollektive
       Orientierungen für  die abhängig  Beschäftigten bei  der  Führung
       ihres Lebens  und der  Entwicklung ihrer  sozialen Identität, bei
       ihrer gesellschaftlichen Ortsbestimmung entscheidend an Bedeutung
       verloren hätten.  -   "O h n e   den ...    F o r t b e s t a n d
       ständisch subkultureller  Identitäten oder wenigstens Reminiszen-
       zen verblaßt  die Realität  von Klassen  zu letztlich nominellen,
       statistischen  Gruppierungen   und  Kategorisierungen     o h n e
       a l l t a g s w e l t l i c h e    E v i d e n z    (oder  marxi-
       stisch, zu  einer bloßen im Kapitalismus immer bestehenden aprio-
       rischen Möglichkeit)."  Beck kommt zum Ergebnis, daß "die lebens-
       weltliche Identität  sozialer Klassen wegschmilzt", die "existen-
       ziell  subkulturelle   Wirklichkeits-  und   Erfahrungsbasis  von
       Klassen zerrinnt". 10)
       Der sozialgeschichtlich  umwälzende Wandel  der Lebensbedingungen
       seit 1950  habe "Prozesse einer Diversifizierung und Individuali-
       sierung von  Lebenswegen und  Lebenslagen ausgelöst"  11) mit dem
       Ergebnis eines  "Individualisierungsschubs", durch  den "die Men-
       schen in  einem historischen Kontinuitätsbruch aus traditionellen
       Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und auf sich selbst
       und ihr  individuelles '(Arbeitsmarkt-)Schicksal' mit allen Risi-
       ken, Chancen  und Widersprüchen verwiesen wurden". 12) Hauptursa-
       chen seien  die Hebung des Konsum- und Bildungsstandards, geogra-
       phische und  soziale Mobilität  mit der Folge des Verlusts tradi-
       tioneller sozialer Beziehungen, der Abbau von Lebensrisiken durch
       den Sozialstaat, neue klassen- und gruppeninterne Differenzierun-
       gen, eine  stärker und  früher (im Bildungsbereich schon) einset-
       zende Konkurrenz,  die Bildung sozial gemischter Wohnviertel, mit
       zunehmender Freizeit  wachsende Entfaltungschancen sowie die Auf-
       lösung selbstverständlicher Klassenkultur. 13)
       Beck analysiert "Individualisierung" als widersprüchlichen Verge-
       sellschaftungsprozeß, der  "in eine   k o l l e k t i v  i n d i-
       v i d u a l i s i e r t e  E x i s t e n z w e i s e"  führe. Die
       soziale Ausdehnung  von Lohnarbeit  bewirke durchaus eine Anglei-
       chung von  Lebenslagen und Erfahrungen eines Kollektivschicksals;
       deren konkrete  Erscheinungsformen  verhinderten  aber,  daß  ihr
       Klasseninhalt  ohne   weiteres  bewußt   werde.  Doch  sei  unter
       bestimmten Bedingungen  möglich, daß  mit der Zuspitzung sozialer
       Widersprüche "die  Isolation der  gegeneinander verselbständigten
       Privathaushalte überwunden  wird und neue,  n i c h t traditiona-
       le, sehr  unterschiedliche Einkommens-  und  Qualifikationsstufen
       übergreifende 'Klassenlagen'  sichtbar gemacht  und entsprechende
       Solidaritäten gezielt hergestellt werden." 14) Ob und wie es dazu
       komme,  sei  offen;  auf  jeden  Fall  gehöre  zu  einem  solchen
       Evolutionsprozeß, "daß  gerade dort,  wo er offen politisch wird,
       der Bezug  zum Privaten, zum eigentlichen Leben und Erleben immer
       treibend und bindend bleibt." 15) Damit stünden wir vielleicht am
       "Anfang einer  neuen  Form  der  'Klassenbildung'",  16)  gekenn-
       zeichnet durch  weitgehend bewußt  und organisiert herzustellende
       "'Klassensolidaritäten'"
       Beck trifft  etwas Richtiges,  wenn er  Marx als  "einen der ent-
       schiedensten  'Individualisierungstheoretiker'"  charakterisiert;
       er geht fehl mit seiner Behauptung, Marx habe diesen Gedankengang
       frühzeitig abgebrochen. 17) Die genannten Entwicklungen sind Aus-
       druck des großen zivilisierenden Einflusses des Kapitalismus, 18)
       der den  doppelt freien  Lohnarbeiter als auf sich selbst verwie-
       senes Individuum setzt und mit der notwendigen Vergesellschaftung
       seiner Reproduktion  auch den Horizont der individuell erreichba-
       ren Güter, Tätigkeiten, Genüsse und Entfaltungsmöglichkeiten kon-
       tinuierlich ausdehnt;  so verbindet  sich das  Einschmelzen neuer
       Gruppen in proletarische Abhängigkeit mit neuen Differenzierungen
       der für  den  einzelnen  erreichbaren  Ziele  und  Formen  seines
       "privaten" Lebens.  Mit der  kapitalistischen Entwicklung  bilden
       und erweitern  sich die  Elemente reicher Individualität im Leben
       der Lohnarbeiter,  in Produktion  wie Reproduktion.  Dazu  gehört
       auch die Entfaltung von persönlichen Lebensansprüchen und indivi-
       duellem Selbstbewußtsein.
       Diese Grundtendenz  der Entwicklung von Persönlichkeit in der Ar-
       beiterklasse  stellt  noch    k e i n e    I n d i v i d u a l i-
       s i e r u n g s t e n d e n z   i m   Sinne Becks  dar:  Mit  ihr
       tritt nicht  notwendig "für  das Handeln  der Menschen,  für ihre
       Lebensführung die  Bindung an eine soziale Klasse ... in den Hin-
       tergrund." 19)  Zur Beleuchtung  dieser Fragen wollen wir einigen
       Beziehungen  zwischen  Lebensweise  im  Reproduktionsbereich  und
       historischen Phasen der Klassenbildung nachgehen.
       
       2.2 Entwicklungsphasen der Beziehungen zwischen sozialem
       --------------------------------------------------------
       Klassenzusammenhang, Klassenorganisation und Klassenbildung
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       Sozialhistorische Untersuchungen  stimmen überein  darin, daß die
       innere Struktur der deutschen Arbeiterklasse vor dem ersten Welt-
       krieg, also  zur Hoch-Zeit der Sozialdemokratie, weitgehend durch
       Inhomogenität geprägt  war. Nur  in einem Kernbereich der Klasse,
       unter der  städtischen industriellen Arbeiterschaft und ihren Fa-
       milien, hat  sich bis  dahin ein Typ des Arbeiterlebens herausge-
       bildet, der politisches Klassenbewußtsein als Sozialdemokrat ver-
       band mit  gewerkschaftlicher Organisierung, mit Bindung an prole-
       tarische Freizeitorganisationen  und mit der Verankerung in einem
       alltäglichen Sozialmilieu,  das durch übereinstimmende Definition
       der Lage der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft, durch
       intensive und solidarisch orientierte Sozialkontakte gekennzeich-
       net war. 20)
       Die entscheidende Frage ist nun, wie diese ausgesprochene Minder-
       heit hegemonial  für die gesamte Klasse wirken konnte. In unserem
       Zusammenhang ist  dabei auf folgende Züge von Klassenlage und Er-
       fahrung außerhalb  des Betriebs hinzuweisen, die übereinstimmende
       Selbstdefinition und  Solidarität förderten: gemeinsame Erfahrun-
       gen von  Unsicherheit, Armut,  Elend im  Kontrast zur  Lage herr-
       schender Klassen;  weitgehende soziale  Ausgrenzung  seitens  der
       herrschenden Klassen und ihnen aggregierter Gruppen - im Feld von
       Bekanntschaft, Heirat,  Vereinswesen wie  durch  die  sozial-kul-
       turelle Distanzierung vom "Pöbel"; Gemeinsamkeit der körperlichen
       Arbeit, um deren Werte und Symbole Selbstbehauptung und Selbstde-
       finition kristallisierten;  vielfältige Bindungen an vorindustri-
       elle, vorkapitalistische Lebensformen und Werte als Nährboden für
       Opposition zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und ihren
       Normen und fortschreitend für antikapitalistisch bestimmte Kultur
       der Arbeiterbewegung; unterschiedliche Formen der räumlichen Kon-
       zentration (und  Abgrenzung) in  Arbeiterdörfern,  Werkskolonien,
       Arbeitervierteln, geprägt  durch Aufeinanderangewiesensein, Hilfe
       und eine  Kommunikation, die  gemeinsame Welt-  und Selbstbilder,
       Normen und Werte stabilisierte und durchsetzte.
       Durch diese  Grundgemeinsamkeiten von  Lebensweise und sozialkul-
       tureller Ortsbestimmung  zogen sich  tiefgehende Fragmentierungen
       und divergierende  Hegemoniebindungen: regionale Abgrenzungen und
       Konfliktlinien (Polen  - Deutsche; Preußen - Nichtpreußen); reli-
       giöse Trennungslinien,  die sich  im Kulturkampf auf komplizierte
       Weise mit  politischen verflochten;  Differenzen in  Herkunft und
       Traditionsbezügen, etwa  zwischen bäuerlichem  und kleinbürgerli-
       chem Milieu  und der  "erblichen Arbeiterschaft".  Die Aufzählung
       ließe sich  fortsetzen. In und durch alle diese Gruppierungen do-
       minierte aber  ein gemeinsamer  Bestand an proletarischer Lebens-
       weise und  Selbstdefinition, und  die konkreten  Bedingungen  des
       Aufeinanderangewiesenseins lieferten die Möglichkeiten, diese Do-
       minanz gegen unvermeidliche Gegentendenzen aufrechtzuerhalten.
       Die Erfahrungen  der unmittelbaren  Konfrontation mit Kapital und
       Staatsmacht im  betrieblichen Alltag  und Konflikt konnten in die
       Interpretation der  Erfahrungen des Reproduktionsbereichs hinein-
       verlängert werden; Kämpfe fanden hier ein Hinterland, und die So-
       zialdemokratie konnte  sich auf  ein vorgegebenes, naturwüchsiges
       Arbeiterselbstbewußtsein beziehen in ihrem erfolgreichen Bemühen,
       Segmentierungen und  dem Klasseninteresse  widersprechende  poli-
       tisch-soziale Bindungen  abzubauen. In  diesem Milieu  konnte sie
       sich verankern  und ausdehnen,  hegemonial werden  und abgestufte
       Bindungen an  die Partei  oder zumindest an Klassenbewegungen zum
       selbstverständlichen Moment  der sozialen Reproduktion der Arbei-
       terklasse 21)  machen. Eine  besondere Rolle  spielten dabei  die
       Facharbeiter, bei  denen sich  politische Kompetenz  mit der Aus-
       strahlung einer  relativ vielfältigen,  selbstbewußten und  daher
       erstrebenswerten Lebensweise  verband;  ihre  Vorhutfunktion  ist
       ohne diese  sozial-kulturelle  Attraktivität  und  Vorbildwirkung
       nicht zu erklären.
       Wichtig ist,  daß die  skizzierte Konstellation  nicht allein aus
       inneren Strukturen  des Klassenzusammenhangs  hervorging, sondern
       daß alle Formen der Ausgrenzung und Unterdrückung durch die herr-
       schende Klasse und ihren Staat zu ihrer Konstituierung beitrugen.
       Noch wichtiger  ist das  Einsetzen von Anpassungs- und Wandlungs-
       prozessen, mit  denen die  Klassenhegemonie unter veränderten Be-
       dingungen aufrechterhalten  werden konnte.  Als ein  wesentliches
       Mittel erwiesen  sich dabei  die proletarischen  Kultur- und Vor-
       feldorganisationen. Neben  der materiell-sozialen  Selbsthilfe im
       Genossenschaftswesen schufen sie die Möglichkeit, gewachsenen Be-
       dürfnissen und Möglichkeiten individueller Persönlichkeitsentfal-
       tung   i m   s o z i a l e n  u n d  p o l i t i s c h - i d e o-
       l o g i s c h e n  K l a s s e n z u s a m m e n h a n g  nachzu-
       gehen -  und zwar zunächst spontan, gegen Absichten und Erklärun-
       gen von SPD und Gewerkschaften.
       Dieses Organisationsnetz,  begonnen schon mit den Tarnvereinigun-
       gen unter  dem Sozialistengesetz,  entfaltete  sich  zur  größten
       Blüte in  der Weimarer Republik. Auch hier blieb es - bezogen auf
       die Gesamtheit  der Klasse  - minoritär, wirkte aber doch als we-
       sentliches Moment  der Reproduktion  der Hegemonie der beiden Ar-
       beiterparteien in der Klasse.
       Das Selbstverständnis  der Arbeiter  blieb fundiert in Alltagser-
       fahrungen des  Ausgegrenztseins aus der bürgerlichen Gesellschaft
       in Wohnen, Kleidung, Konsum, Sprache, sozialem Kontakt; begrenzte
       Bereiche partieller  Integration wie  das Vereinswesen  oder  die
       Chance, im Sonntagsstaat und bei Sonntagsvergnügungen den eigenen
       sozialen Status  in den  Hintergrund treten  zu lassen, bewirkten
       kaum Bindungen an die bestehende Ordnung.
       Bis zur  Machtübertragung an  den Faschismus lag die Hegemonie in
       der Arbeiterklasse bei den gewerkschaftlichen und politischen Or-
       ganisationen der Arbeiterbewegung; ein einheitliches Vorgehen von
       SPD und  KPD hätte  dem noch  außerordentliche Impulse verliehen.
       Demgegenüber ist  es eine so verbreitete wie fragwürdige Herange-
       hensweise, aus der Sicht der Ergebnisse der Nachkriegsentwicklung
       zu behaupten, mit den Bindungen zwischen Arbeiterbewegung und ih-
       rem sozialkulturellen  Hinterland sei es ohnehin unrettbar bergab
       gegangen. Der  Faschismus vollstreckt  dann nur  auf gewalttätige
       Weise ein Urteil der Geschichte. Damit wird übersehen oder unter-
       schlagen, daß  das Verhältnis  von Lebensweise und Klassenbildung
       eben nicht  nur naturwüchsig  sich in einer Richtung (von "unten"
       nach "oben")  entwickelt; das anhaltende Bemühen der Organisatio-
       nen um Aufbau und Erhaltung ihrer Hegemonie unter sich wandelnden
       Bedingungen der  Klassenbildung ist  untrennbares und  historisch
       entscheidendes Element in dieser Wechselbeziehung.
       Die Zerschlagung  der Arbeiterorganisationen, die Vernichtung von
       Klassenöffentlichkeit, die teilweise administrativ vollzogene Er-
       richtung bürgerlicher  Führung durch  Zusammenlegung von Vereinen
       etc. nahmen  dem subjektiven  Faktor praktisch  jede Gelegenheit,
       auf Wandlungen  der Bedingungen  zur Klassenbildung aktiv zu rea-
       gieren. Vielleicht  kann man  die These  aufstellen, daß  der Fa-
       schismus die  Bindungslinien zwischen  proletarischem Milieu  und
       Klassenorientierungen jeder  formellen Stütze beraubte, ihre kol-
       lektive Artikulation  und Erfahrbarkeit  allenfalls auf bestimmte
       Momente   des    Protests   und   nicht   vollzogener   Anpassung
       (Verweigerung des Hitler-Grußes, Arbeitszurückhaltung) reduzierte
       und als  einzigen institutionellen Rückhalt und Mechanismus ihrer
       Reproduktion die  Arbeiterfamilie übrigließ.  Zugleich wurde auch
       diese Bastion  des Klassenzusammenhangs  vom Faschismus  systema-
       tisch unter Druck gesetzt und geschwächt.
       Im Anschluß  an Kuczynskis  Überlegungen zur Rolle der "erblichen
       Proletarierfamilie" hat  vor allem Zwahr die Bedeutung proletari-
       scher Familienbeziehungen  für die  soziale Konstituierung  eines
       stabilen, konsistenten  Proletariats herausgearbeitet.  22)  Weit
       über die  Entstehung der  Klasse hinaus weist seine Feststellung:
       Die Arbeiterfamilien  "bewahrten proletarische Traditionen, Klas-
       senbewußtsein und  Klassenkampferfahrungen selbst über Reaktions-
       perioden hinweg." 23) Dies war sicher einer der Gründe, warum die
       Faschisten solchen  Wert auf die Ablösung von Kindern und Jugend-
       lichen von  ihrem Elternhaus  legten -  organisatorisch durch HJ,
       BDM, Arbeitsdienst und Pflichtjahr für Mädchen, ideologisch durch
       eine spezifische  Aufwertung der  "Jugend" gegenüber dem "Alter".
       Dies hat  zweifellos mit dazu beigetragen, daß nach dem Krieg die
       Rolle der Familie für die Reproduktion von Bindungen zwischen so-
       zialkulturellem Milieu und Klassenbewegung deutlich und anhaltend
       gesunken ist. 24)
       Die Individualisierungstendenzen  in der Lebensweise verdichteten
       sich in  den fünfziger und sechziger Jahren zu einem qualitativen
       Schub; 25)  dies schuf  gute Voraussetzungen  für die  gegen alle
       Entwicklungen zur  Klassenformierung gerichtete soziale Strategie
       des Kapitals. Wer der Verbindung von Individualisierung und Inte-
       gration 26)  unaufhaltsame soziale  Naturgewalt zuschreibt, über-
       sieht ein  entscheidendes Moment:  In der  Bundesrepublik konnten
       Dämme ehemals  selbstverständlicher  Klassenidentität  weggespült
       werden, weil  r e a l e  s o z i a l e  E n t w i c k l u n g e n
       i d e o l o g i s c h     v e r d o p p e l t     u n d    v e r-
       s t ä r k t  wurden. Die bürgerlichen ideologischen Apparate ver-
       breiteten entsprechend ihrem Interesse überall die "Auflösung der
       Klassengesellschaft";  die   dominierende  Strömung  der  Sozial-
       demokratie und  der integrationistische Gewerkschaftsflügel mach-
       ten ebenfalls den Mythos von der Naturgewalt der Erosionsprozesse
       zur  Grundlage   ihrer  Politik   und  verbreiteten  systematisch
       sozialpartnerschaftliche und  volksparteiliche "Arbeitnehmer"ori-
       entierungen. Diese  in der  Arbeiterklasse verankerten Kräfte un-
       ternahmen keine  Analyse der Veränderungen im Klassenzusammenhang
       mit dem  Ziel einer  Strategie, die  einen neuen Typ von Klassen-
       bildung und  Klassenpolitik ermöglicht  hätte -  sie wurden aktiv
       zur Beseitigung von Klassenorientierungen und ersetzten sie durch
       das Selbstbild  vom arbeitnehmenden  Staatsbürger in der plurali-
       stischen Demokratie. 27)
       Das aktive Eingreifen auf Integration zielender Kräfte in den so-
       zialen Klassenzusammenhang  (Eigenheimförderung) wie vor allem in
       die ideologisch-politischen Klassenbildungsprozesse hat also ganz
       entscheidend beigetragen zum heutigen Zustand weitgehenden Verlu-
       stes sozialer Klassenidentität und politischen Klassenbewußtseins
       in der  Arbeiterklasse der  Bundesrepublik, zum  bewußten Sichab-
       grenzen vieler  Lohnarbeiter von  der Arbeiterbewegung  und ihrer
       historischen Rolle.  Diese Überlegungen  sollen nicht  die umwäl-
       zende Veränderung  des Klassenzusammenhangs wegreden, die sich in
       der Bundesrepublik  vollzogen hat;  wir plädieren  damit für eine
       Betrachtung ohne  kurzschließende Automatismen und unter systema-
       tischer Einbeziehung der subjektiven Faktoren.
       
       3. Individualisierung und sozialer Klassenzusammenhang heute
       ------------------------------------------------------------
       
       Immer weniger sind Lohnarbeiter für die Lebenssicherung im Alltag
       aufeinander angewiesen;  es erweitert  sich das Spektrum von Aus-
       wahl-Entscheidungen, die  sie im Lauf ihres Lebens treffen müssen
       und die  ihren weiteren  Werdegang beeinflussen;  mit  wachsenden
       Kenntnissen, Fähigkeiten und sozialen Erfahrungen nimmt auch sub-
       jektiv das Wissen um Alternativen der Lebensgestaltung und um die
       eigene Verantwortung hierfür zu (Schulwahl, Berufswahl, Wahl bzw.
       Wechsel des  Arbeitsplatzes, Weiterbildung,  Wahl von Ehepartnern
       aus unterschiedlichen  sozialen Kreisen,  Wahl von Bekanntschaft,
       Verein, Wohngebiet  etc.). Damit sind noch einmal Momente des In-
       dividualisierungsprozesses benannt,  der  die  gesamte  Arbeiter-
       klasse erfaßt. Räumlich lockern sich die Bindungen zwischen Groß-
       betrieben und  den Wohngebieten der dort Beschäftigten - auch da-
       mit fällt  ein Moment vorgegebener Gemeinsamkeit der (Belegschaft
       als Teil  der) Klasse  weg. Sozialräumlicher  Klassenzusammenhang
       verliert an  Dichte und  an verpflichtender Kraft für die soziale
       Selbstidentifikation. In den alltäglichen Perioden zwischen zuge-
       spitzten, breit mobilisierenden Abschnitten der Klassenkämpfe und
       der Klassenbewegung wächst für die einzelnen Lohnarbeiter die Be-
       deutung bewußt  zu schaffender und aufzusuchender Sozialbeziehun-
       gen und  Öffentlichkeiten, die  als Orte  der Selbstverständigung
       und des Rückhalts, als Kristallisationskerne zur Umsetzung kriti-
       scher Impulse in den Klassenbildungsprozeß eingehen.
       Wir wollen  im nächsten  Schritt einige  allgemeine  Aspekte  des
       Klassenzusammenhangs ansprechen,  um im  abschließenden Kapitel 4
       dann zentral die Frage der Klassenbildung im Reproduktionsbereich
       zu diskutieren.  Von den  vielen Seiten  des Gegenstands wird die
       Frage nach  Öffentlichkeiten und  Kristallisationskernen  in  den
       Vordergrund gestellt.
       
       3.1 Nachbarschaft, Familie, Bekanntschaft
       -----------------------------------------
       
       Entgegen vielen Vermutungen 28) ist als Ausgangspunkt festzustel-
       len: In  der Bevölkerung  überwiegen nicht  Tendenzen zunehmender
       Isolation, des  Gegen-einanderabschottens von Familie und Indivi-
       duen -  vielmehr artikuliert  und realisiert  sich ein wachsendes
       Bedürfnis nach  Kommunikation, Geselligkeit, Kontakt über Famili-
       engrenzen hinaus.  29) Die  folgende Tabelle  deutet dies im Ver-
       gleich über 26 Jahre an.
       
       Tabelle: Nachbarschaftsbeziehungen 1953/1979
       
                                                         1953   1979
                                                           %      %
       
       Unterhalte mich mit ihnen                           51     74
       Annahme von Nachrichten für Nachbarn, wenn sie
       gerade nicht zu Hause sind                          42     60
       Gratulationen bei Geburtstag, Namenstag, Kommu-
       nion, Konfirmation in Nachbarsfamilien              44     55
       Teilnahme an Begräbnissen von Nachbarn              55     55
       Nachbarn zu sich einladen                           14     35
       Ausleihen oder Borgen von irgendwelchen Gegenstän-
       den                                                 22     29
       Einkäufe für Nachbarn mit erledigen                 22     25
       Auf die Kinder von Nachbarn aufpassen               13     19
       Tun uns zusammen, um etwas gemeinsam durchzusetzen  10     14
       Gemeinsamer Kirchgang                               12      8
       Nichts davon, andere und keine Antwort              24     10
                                                         -----------
                                                          309    384
       _____
       Quelle: Aus  Institut für  Demoskopie Allensbach, Eine Generation
       später, Allensbach 1981, Tab. 34.
       
       Wie funktioniert  heute Nachbarschaft?  Ohne Zweifel hat sich mit
       der Verbesserung  von Lebensbedingungen  und sozialer  Sicherheit
       ihre Substanz  gewandelt; an  die Stelle  der für  alle  Arbeiter
       gleichen existentiellen Probleme und des daraus folgenden Aufein-
       anderangewiesenseins, der Offenheit (was gab es zu verbergen; was
       konnte, was  wollte man  verbergen?) und der selbstverständlichen
       Solidarität, aus der man nicht hätte ausscheren können, ist heute
       in großem  Maße die individuelle Wahl von Partnern und Intensität
       sozialer Beziehungen getreten.
       Die sichtbar  werdende Neigung  zu Kontakten und Geselligkeit ist
       einzuordnen ins gesamte Netz der Kommunikationsbeziehungen im Re-
       produktionsbereich. Beziehungen zu Bekannten und Freunden sind in
       der Arbeiterklasse  die Regel,  nur eine Minderheit (v.a. aus dem
       Kreis der  Älteren und Pensionierten) ist isoliert. Für gegensei-
       tigen Besuch  und die damit verbundenen Gespräche, für gemeinsame
       Unternehmungen außerhalb  der Wohnung  spielen die Verwandten bei
       den Arbeitern  eine relativ  größere Rolle  als bei  den  anderen
       Gruppen der  Arbeiterklasse, allerdings mit der Tendenz sinkender
       Enge und  Verbindlichkeit. Die Arbeiterklassenfamilie hat als In-
       stitution sozialer  und ideologischer Kontrolle mit der materiel-
       len Sicherung  und Verselbständigung  ihrer Mitglieder (vom Schü-
       ler-Stipendium bis  zur Altersrente)  weiter an  Kraft  verloren;
       trotz Gegentendenzen,  die aus dem Sozialabbau resultieren, setzt
       sich dieser  Prozeß etwa  mit der  Frauenemanzipation bis  in den
       Kern der Gattenfamilie hinein fort.
       Dies ist eine reale Individualisierungstendenz. Die Auflösung von
       Abhängigkeits- und  Kontrollmomenten des Familienzusammenhangs in
       der Arbeiterklasse  30) kann  heute nicht ernsthafterweise primär
       unter dem Gesichtspunkt der Erosion des Klassenzusammenhangs dis-
       kutiert werden.  In der  überwiegenden Mehrzahl der Familien fun-
       gierten im letzten Vierteljahrhundert die Eltern als verlängerter
       Arm der  herrschenden ideologischen  Apparate. Schließlich ist zu
       berücksichtigen, daß  die Tendenz  zu stärker  individualisierter
       Gestaltung familiärer Beziehungen insgesamt den Wünschen der Men-
       schen entspricht.
       Die Bekannten,  mit denen  man sich wechselseitig Besuche abstat-
       tet, gehören  zum größeren  Teil der eigenen sozialen Schicht an:
       Arbeiter verkehren überwiegend mit Arbeitern, Angestellte mit An-
       gestellten (bei  einer Tendenz  zur Bekanntschaft  mit  "höheren"
       Schichten) usw.  Die historische Tendenz ist jedoch eindeutig die
       zu einer  Ausweitung des sozialen Spektrums der Bekanntschaftsbe-
       ziehungen in  der Richtung,  daß sie stärker die ganze Breite und
       Vielfalt der  modernen Arbeiterklasse  widerspiegeln; Mobilitäts-
       prozesse und Ausweitung der Heiratsbeziehungen tragen dazu bei.
       Allgemein herrscht im Reproduktionsbereich eine starke Neigung zu
       Distanzierung und Flucht vom Arbeitsalltag; sie erfaßt auch die -
       durchaus verbreiteten  - Kontakte zu Kollegen. 1973 gaben bei ei-
       ner Repräsentativbefragung in Bremen 41 Prozent der gehobenen An-
       gestellten und  Beamten, 45  Prozent der übrigen Angestellten und
       Beamten, 46  Prozent der  Facharbeiter und 50 Prozent der un- und
       angelernten Arbeiter  an, sie hätten privaten Kontakt zu Arbeits-
       kollegen. 31)  Solche Kollegenbeziehungen können eine Möglichkeit
       bilden, Klassenerfahrungen  und Solidaritätsansprüche aus dem Be-
       trieb in  den Reproduktionsbereich zu tragen; sie können betrieb-
       lichen Zusammenhalt gerade in Kampfsituationen durch Netze außer-
       betrieblicher Freundschaften  stärken. In diesem Zusammenhang ist
       die Verallgemeinerung  der Lohnarbeit unter den Frauen der Arbei-
       terklasse eine  bedeutsame Veränderung. Bekanntschaft kommt stär-
       ker aus  dem Kreis der Arbeitskolleginnen, und auch unter Nachba-
       rinnen wird Lohnarbeit zu einem gemeinsamen Bezugspunkt. Das Auf-
       brechen von  Kommunikationskreisen der Hausfrauen, die um Hausar-
       beit, Kinder  und Konsum  zentriert sind, kann der Klassenbildung
       förderlich sein.
       Heute dürften jedoch auch Kollegenbeziehungen im Reproduktionsbe-
       reich - direkt oder über Vereine vermittelt 32) - weitgehend bür-
       gerlicher Hegemonie  unterliegen: durch eine Kombination von Ent-
       politisierung (Heraushalten  kontroverser Themen)  und darauf ge-
       gründeter konservativer Fixierung des Status quo. 33)
       In Nachbarschaft  und Wohnbeziehungen  der Lohnarbeiter  hat  ein
       tiefer und nicht mehr rückgängig zu machender Bruch stattgefunden
       gegenüber den Mustern proletarischer Nachbarschaft aus der Weima-
       rer Zeit.  Zu Hochburgen der Arbeiterbewegung wurden solche Quar-
       tiere auch  damals nicht  aus sich heraus,  a l s  F o l g e  be-
       sonderer Nachbarschaftsqualitäten;  vielmehr konnte  sich die na-
       tional konstituierte und einflußreiche Arbeiterbewegung in diesen
       Lebenszusammenhängen fest  verankern, ihre Verstärkungs- und Sta-
       bilisierungsfunktion nutzen  und zugleich - sozusagen von außen -
       die politischen  Orientierungen interessenbewußten  Handelns hin-
       einvermitteln.
       Damals wie  heute ist  Nachbarschaft letztlich  ein zweitrangiger
       Faktor für die  H e r a u s b i l d u n g  von Klassenöffentlich-
       keit. Wo  Erfahrungen und Handlungsnotwendigkeiten die Lohnarbei-
       ter als Belegschaft, Mieter, Anwohner oder Umweltnutzer zu Kommu-
       nikation drängen,  da wird  sie auch  im Rahmen und in den Formen
       der heute  vorherrschenden Nachbarschaftsbeziehungen sich entfal-
       ten. Mieterproteste  und Quartiersinitiativen  geben dafür  immer
       wieder Anschauungsunterricht.
       Als eine  Art relativ  bewußt gehandhabter Schleuse zwischen per-
       sönlich-familiärer  Privatheit  und  gesellschaftlich-politischer
       Öffentlichkeit scheinen Nachbarschaftsbeziehungen in erster Linie
       von außen  kommende Tendenzen  der Meinungsbildung  zu vermitteln
       und zu  verstärken; erzeugt  und verändert  werden sie primär an-
       dernorts. Immerhin  ist festzuhalten:  Die Entwicklung  zu unver-
       bindlicheren, weniger  konkurrenzbelasteten und gleichzeitig aus-
       gedehnteren, kontinuierlichen  Nachbarschaftsbeziehungen wird von
       der großen Mehrheit der Lohnarbeiter getragen; das Netz ihres au-
       ßerbetrieblichen Zusammenhangs  ist keineswegs gerissen. Der ent-
       scheidende historische  Bruch liegt darin, daß mobilisierende und
       vereinheitlichende Impulse, das Aufgreifen von Interessen und die
       Solidarisierung zu  ihrer Vertretung  bis 1933 im Arbeiterviertel
       einen positiven  Widerhall in  der vorherrschenden proletarischen
       Selbstidentifikation und  den Normen gegenseitiger Hilfe fanden -
       heute jedoch  müssen schon Konfliktbereitschaft und selbsttätiges
       Handeln, gar  nicht zu  reden von klassenmäßigen Interpretationen
       und Orientierungen   g e g e n   die  vorherrschenden Normen  und
       Werte der Nachbarschafts-Öffentlichkeit durchgesetzt werden.
       Das schließt  nicht aus, daß bei lokalen bzw. in besonderer Weise
       als lokal  erfahrenen Konflikten sich hier ein aktives Hinterland
       der Solidarität herausbildet, deutet aber schon auf einige Wider-
       sprüche hin. An derartigen Bewegungen (wie z.B. in Speyer 1976/77
       gegen die  Schließung des  VFW/Fokker-Werks, 34)  in  der  Region
       Frankfurt im  Protest gegen  die neue Startbahn West, 35) für die
       Sicherung von  Arbeitsplätzen durch Bau eines neuen Stahlwerks in
       Dortmund, 36)  anläßlich der  HDW-Besetzung in  Hamburg)  scheint
       zweierlei hervorzuheben:  Es bildeten  sich jeweils  über die ge-
       werkschaftlichen und parteipolitischen Aktivitäten hinaus Initia-
       tiven, die  die Probleme aufgriffen, betrieblich entstandene For-
       derungen weit  über den  Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus
       in  einem   begrenzten  lokalen   Milieu  mehrheitsfähig  machten
       (interessanterweise spielten  in Speyer,  in Dortmund und Hamburg
       Aktivitäten von  Frauengruppen eine  vorantreibende Rolle) und so
       die Voraussetzungen für ein Engagement auch lokaler Vereine, Kul-
       turgruppen, Nachbarschafts- und Bekanntschaftszirkel schufen.
       Ein weiteres  Merkmal ist die schichten- und klassenübergreifende
       Breite des  Protests mit  der darin  inbegriffenen Tendenz,  auch
       hier eine  bürgerlich-sozialpartnerschaftliche Hegemonie  zu  er-
       richten, Klassen-  und Systemfragen nach dem bewährten Muster der
       entpolitisierten Öffentlichkeiten  herauszuhalten. Die  Einbezie-
       hung solcher  Milieus in soziale Bewegungen ist also gerade unter
       dem Gesichtspunkt der Klassenbildung ein höchst widersprüchlicher
       Prozeß: Gemeinsamkeiten  in Lage  und Interessen  werden zunächst
       als klassenübergreifende  Betroffenheit erfahren  oder  verallge-
       meinert - und solche hemmenden Interpretationsmuster scheinen ge-
       rade durch die sozialen Abhängigkeits- und Kontrollmechanismen in
       Nachbarschaft, Verein,  Kirchengemeinde etc. verfestigt und gesi-
       chert.
       
       3.2 Oppositionelle Kristallisationskerne
       ----------------------------------------
       
       Mit der Auflösung der relativ naturwüchsigen Klassen-Orientierung
       der Arbeiterwohngebiete  gewannen für die Verarbeitung von sozia-
       len und  politischen Erfahrungen  aus allen Lebensbereichen, auch
       aus dem Betrieb, für die soziale Selbstverortung und Verankerung,
       Abstützung der  eigenen Praxis zwei Bezüge an Bedeutung: die Mas-
       senmedien und  großen ideologischen Apparate - und selbstgewählte
       Partner, Gruppen, Öffentlichkeiten und Kristallisationskerne, die
       nicht mit  der vorgefundenen  sozialen Umgebung  von Familie  und
       Nachbarn zusammenfallen.
       Die letztgenannte Tendenz verflicht sich auf komplizierte und wi-
       dersprüchliche Weise  mit der  Integration in  die soziale Umwelt
       und der Anpassung an herrschende Normen und Verhaltensmuster. 37)
       Empirisch schlägt  sich das  in verschiedenen  Formen nieder. Der
       Ort intensiver  Diskussion, in  der Erfahrungen  und Erkenntnisse
       sozialer Konflikte  und Bewegungen  verallgemeinert werden,  sind
       vor allem  unter dem Gesichtspunkt der Homogenität von Anschauun-
       gen und  Lebensstil gesuchte  Kreise von  Freunden, die  aus  den
       Nachbarn, Bekannten  und Arbeitskollegen  ausgewählt werden, z.T.
       auch  Wohngemeinschaften,  "Cliquen"  u.a.  Solche  Gruppen  sind
       selbstverständlich nicht  "ideologisch autonom",  sondern  lehnen
       sich in  der oder jener Weise an größere Öffentlichkeiten, lokale
       Kristallisationskerne oder formelle Organisationen an. Ihre wach-
       sende Bedeutung  ergibt sich  aus den großen Konsequenzen für das
       persönliche Leben,  die jede  Wendung zu  oppositioneller Haltung
       und Praxis  heute verlangt; und sie folgt aus dem zunehmenden An-
       spruch auf Persönlichkeitsentfaltung, der biographische Entschei-
       dungen und  politisches Engagement  auch  von  Lohnarbeitern  be-
       stimmt.
       Solche Gruppen  bilden offenbar   k e i n e n   E r s a t z   für
       formelle Organisationen  der Arbeiterbewegung  wie  Gewerkschaft,
       Partei, Jugendverband,  Freizeitverein etc.  Sie  e r g ä n z e n
       s i e   in ihrer Wirkung und lokalen Verankerung auf unterschied-
       liche Weise  und verbinden  sie wieder mit anderen Kristallisati-
       onskernen höchst  verschiedenen Charakters.  Zu ihnen gehören die
       Öffentlichkeiten von  Jugend-, Kommunikations- und Kulturzentren,
       Läden, Buchhandlungen, Klubs, Bildungszirkeln, Kneipen und Cafés,
       die mit  oppositionellen Bewegungen verbunden sind, Kulturinitia-
       tiven und  das ganze Spektrum jener lokal verankerten Initiativen
       und Aktivgruppen aus der Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung.
       Hier ist  ein ganzes Netz von Beziehungen entstanden, dessen ein-
       zelne Elemente in sozialer Basis und Interessenlage höchst unter-
       schiedlich sind.  Sein Zusammenhalt speist sich nicht aus Gemein-
       samkeiten der  sozialen Lage  und ihrer Interpretation als Arbei-
       terschicksal, sondern eher aus sozial-kulturellen Bindungen einer
       oppositionellen Lebenshaltung und Lebensweise.
       Solche Räume  zur Herausbildung  kritischer Öffentlichkeit stehen
       meist in Distanz zum herrschenden Klima - ideologisch wie sozial-
       kulturell -  der Nachbarschafts- und Vereinsbeziehungen. Sie wer-
       den allerdings zum Teil der lokalen oder Quartiersöffentlichkeit,
       ziehen Interessierte  an und  strahlen mit ihren Aktivitäten auch
       auf Nachbarschaft  und Wohngebiet aus - meist mit polarisierendem
       Effekt. Viele  Konflikte um  Jugendzentren belegen, daß vor allem
       die politischen  Rechtskräfte sehr besorgt und oft mit harten ad-
       ministrativen Maßnahmen  hiergegen  vorgehen.  Auch  Zweigstellen
       städtischer Bibliotheken und Gesamtschulen in Vierteln mit Arbei-
       terklassenbewohnern haben  z. T. eine solche Rolle gespielt - vor
       allem, wo  sie als  Ausgangspunkt für Initiativen und Aktivitäten
       genommen wurden und so kritische Kräfte aus der Vereinzelung her-
       aus in unterstützende und orientierende Öffentlichkeit hereinzie-
       hen konnten.
       Umbrüche in  der Klassenorientierung eher diffuser Öffentlichkei-
       ten wie  der Nachbarschaft  oder formeller Organisationen wie der
       Vereine müssen  offenbar gegen fest verankerte und institutionell
       abgesicherte bürgerliche  Hegemonie durchgesetzt  werden; Anstöße
       aus betrieblichen  und sozialen  Bewegungen sind dafür notwendig,
       setzen sich aber nur insoweit durch, wie sie von engagierten Ker-
       nen aufgegriffen  werden. Die Beendigung des antipolitischen Har-
       moniekults, offene  Konflikte und  Polarisierungen scheinen  hier
       unverzichtbar. Interessant  ist in  diesem Zusammenhang  die Ten-
       denz,   n e u e   Kristallisationspunkte und  Neigungsgruppen  zu
       schaffen und  nicht auf eine Umorientierung in den äußerst trägen
       bestehenden Strukturen zu drängen. Die Gründung von Sportvereinen
       oder  Chören,  die  sich  auf  Traditionen  der  Arbeiterbewegung
       und/oder auf  die Ziele  gegenwärtiger sozialer Bewegungen bezie-
       hen, dem  Leistungsprinzip im Vereinswesen kritisch gegenüberste-
       hen, sich  grundlegend  als  kulturell-politische  Gemeinschaften
       verstehen, ist eher Ausdruck der Schwäche, mit der solche Tenden-
       zen nach  Autonomie und  Selbsttätigkeit  drängen.  Sie  verweist
       zugleich auf die Möglichkeit, daß die Schaffung selbständiger Al-
       ternativen als Konkurrenz etwa im Vereinswesen ein Hebel für Umo-
       rientierungen im traditionellen Bereich werden kann. 38)
       
       4. Zwei Linien der Klassenbildung?
       ----------------------------------
       
       Im folgenden  Abschnitt soll  die Frage nach dem "Hinterland" der
       betrieblich verankerten  Arbeiterbewegung weiter verfolgt werden:
       Welche Konstellationen im Reproduktionsbereich bilden einen Reso-
       nanzraum für  eine Verarbeitung betrieblicher und außerbetriebli-
       cher Erfahrungen in Richtung klassenbewußter Selbstidentifikation
       und Praxis?  Dabei kommt es uns nicht so sehr auf die Inhalte der
       Bewußtseins- und  Lernprozesse und  auch nicht  auf die  zentrale
       Rolle der  politischen Organisationen der Arbeiterklasse an, son-
       dern auf  jene Momente alltäglichen Lebens- und Kommunikationszu-
       sammenhangs, die dafür unterschiedliche Voraussetzungen bilden.
       Auch wenn unsere Frage sich auf die "Normalperioden" ohne polari-
       sierende soziale  Auseinandersetzungen bezieht,  so haben wir uns
       doch Klassenbildungsprozesse nicht "flächendeckend" vorzustellen.
       Sie sind  vielmehr am  intensivsten und  werden  bewußt  vorange-
       trieben in   Z e n t r e n,  in denen objektive Widerspruchs- und
       Konfliktkonstellationen  zusammentreffen  mit  günstigen  Formie-
       rungsbedingungen und  subjektiven Faktoren (sozialen Gruppen, po-
       litischen Kräften),  die Bewegungen  initiieren und  orientieren.
       Damit verbunden ist, daß in den unterschiedlichen Kampfzyklen der
       Arbeiterbewegung die  Konstellation  zwischen  den  verschiedenen
       Gruppen der  Klasse sich ändert, teils neue Schichten in den Vor-
       dergrund treten und die Dynamik der Klassenbewegung beeinflussen.
       39) Für  heute heißt  das, vor  allem die Träger klassenautonomer
       Orientierungen in  den alten  wie den neuen Gruppen der Arbeiter-
       klasse 40) genauer auf ihr "Hinterland" hin zu betrachten.
       Überlegungen zur  Klassenbildung in  unserem Sinn sind mit großen
       Unsicherheiten behaftet, da sie sich praktisch nicht auf systema-
       tisch empirisch  abgesicherte Forschung stützen können; so ist im
       folgenden vieles eher als Frage zu verstehen.
       
       4.1 Individualisierungstendenzen und Klassenbildungsprozesse
       ------------------------------------------------------------
       
       Ohne Zweifel  gibt es  in der  alltäglichen Lebensweise  der ver-
       schiedenen Gruppen  und Schichten  der Arbeiterklasse  heute noch
       eine Vielzahl  von Gemeinsamkeiten  (in Sprache, Haltung, Werten,
       Ausdrucksformen), die spontan Orientierung ermöglichen, wer dazu-
       gehört und  wer nicht. Trennlinien zwischen ungelernten und Fach-
       arbeitern, Arbeitern und Angestellten sind deutlich, aber weniger
       einschneidend als  die Abgrenzungen  zwischen Arbeiterklasse  auf
       der einen,  Bourgeoisie und selbständigen Mittelschichten auf der
       anderen Seite. 41) Das historisch Neue ist, daß die Erfahrung des
       Ausgegrenzt-und Ausgeschlossenseins  abgemildert ist zur Normali-
       tät der großen Masse der "kleinen Leute", die sich dabei durchaus
       besser als je zuvor einrichten können und deren Zugehörigkeit zur
       anständigen Gesellschaft  der Sozialpartner  ihnen nicht mehr be-
       stritten wird.
       Zum Verlust  der Klassenhegemonie im alltäglichen Lebenszusammen-
       hang der Lohnarbeiter ist eine außerordentliche Dynamisierung der
       Lebensverhältnisse im Reproduktionsbereich hinzugetreten. Sie be-
       inhaltet all  das, was oben als Individualisierungstendenz darge-
       stellt wurde,  weiter seit  der Mitte  der  sechziger  Jahre  den
       schnellen Umbruch  von generationsprägenden Erfahrungen, Perspek-
       tivbildungen und  Bewegungsangeboten. 42)  Nimmt man  noch hinzu,
       daß eine  um regelmäßige  betriebliche Lohnarbeit  zentrierte Le-
       bensperspektive in der Arbeiterklasse weniger häufig wird und daß
       gerade in  den hierdurch  getroffenen und  verunsicherten Gruppen
       große Orientierungsbedürfnisse  bestehen, so  kann man zuspitzen:
       War früher das Hineinwachsen in die Arbeiterbewegung, die subjek-
       tive Aneignung  des Klassenzusammenhangs,   f ü r   d e n  e i n-
       z e l n e n   e i n   v o r w i e g e n d  n a t u r w ü c h s i-
       g e r   P r o z e ß,   der auf  weitgehend geteilten  Normen  und
       Werten der  alltäglichen Lebensweise  aufbaute, meist  durch  die
       familiäre  und   betriebliche  Sozialisation  dann  in  eine  der
       politischen Strömungen  der Arbeiterbewegung hineinführte 43) und
       sehr stabile,  durch soziale  Förderung wie Kontrolle abgestützte
       Bindungen ausbildete  -  so  sind  Klassenbildungsprozesse  heute
       gekennzeichnet durch  die  N o t w e n d i g k e i t  b e w u ß t
       v o m     e i n z e l n e n     i m m e r     w i e d e r     z u
       l e i s t e n d e r   E i n o r d n u n g  in Klassenzusammenhang
       und Klassenstrategien.
       Drei Momente scheinen besonders hervorzuheben. Zum einen die - im
       historischen Vergleich  - neue Qualität kontinuierlicher Informa-
       tionsbeurteilung und Parteinahme; dafür können die Klassenorgani-
       sationen Argumente  und Hilfe liefern, die individuelle Verarbei-
       tung wird  aber nicht  durch einmal vollzogene Orientierungen und
       Bindungen überflüssig.  Das macht  nicht zuletzt die Allgegenwart
       der Massenmedien  notwendig. Es  hängt -  zweitens - eng zusammen
       mit der  Aufsplitterung der  Erfahrungszugänge zu  Konflikten mit
       Klasseninhalt und der so wachsenden Notwendigkeit zu aktiver gei-
       stiger Auseinandersetzung,  Erkenntnis von Zusammenhängen, bewuß-
       ter Vereinheitlichung  und Zusammenführung von oberflächlich dis-
       parat erscheinenden  Bewegungen und Interessen. Drittens bedeutet
       Individualisierung auch:  subjektives Bestreben, Einmaligkeit und
       Besonderheit der  eigenen Persönlichkeit  zu entfalten, durch Re-
       zeption und  Selbsttätigkeit im  Freizeit- und  Kulturbereich  an
       Substanz zu  erweitern und in allen sozialen Beziehungen auch als
       besonderes und wertvolles Individuum geachtet zu werden.
       Die Wirklichkeit in den aktiveren und bewußteren Sektoren der Ar-
       beiterbewegung zeigt,  daß Individualisierung  im Sinn  dieses in
       sich widersprüchlichen  Gesamtprozesses nicht notwendig zu priva-
       tisierender Isolierung  oder pluralistischer, unverbindlicher und
       folgenloser Beteiligung  an gerade  aktuellen sozialen Bewegungen
       führen muß.  44) Individualisierung  ist nicht zu trennen von zu-
       nehmender Vergesellschaftung der Lebensbedingungen und der in ih-
       nen liegenden  Handlungsnotwendigkeiten. Jeder  Lohnarbeiter weiß
       heute, daß  die  Voraussetzungen  alltäglicher  Reproduktion  wie
       Freizeit, verfügbare  Geldmittel, Gesundheit oder das Fernsehpro-
       gramm von  gesellschaftlichen Entscheidungen  und Auseinanderset-
       zungen bestimmt  werden. Er weiß, daß Bildungs- und Kulturchancen
       seiner Kinder  ebenso von Politik abhängen wie der Zustand seiner
       Erholungsgebiete, daß seine beruflichen Fähigkeiten nur im Rahmen
       weltwirtschaftlicher Kooperation wirksam werden, daß die Qualität
       seiner Nahrung und seiner Gesundheitsbetreuung von den Interessen
       multinationaler Konzerne beeinflußt wird. Seine individuelle Kom-
       petenz ist  wesentlich bestimmt  dadurch, daß  er  diese  gesell-
       schaftliche Qualität  seines Daseins  nicht nur  erkennt, sondern
       auch Fähigkeiten  und Bedürfnisse  entwickelt, um  sein Leben  in
       diesen Dimensionen  zu beherrschen,  auf  die  gesellschaftlichen
       Voraussetzungen seiner  Entwicklung in seinem Interesse einzuwir-
       ken.
       Damit eröffnen sich Zugangsmöglichkeiten zu einer sozialistischen
       Arbeiterbewegung, wenn  diese die  "Eigentumsfrage  ...  als  die
       Grundfrage" 45) überzeugend herauszuarbeiten vermag. Individuali-
       sierung bedeutet  steigendes Bildungsniveau  und wachsende  Hand-
       lungsfähigkeit, steigende  Bedürfnisse nach  Selbsttätigkeit  und
       Persönlichkeitsentfaltung; diese  Ansprüche stoßen im Reprodukti-
       onsbereich auf  die vom  SMK gezogenen  Grenzen -  sie können zur
       persönlichen Entscheidung  für Engagement  im Klassenzusammenhang
       führen, zur  Erfahrung und  zur bewußten und stabilen Erkenntnis,
       daß erfülltes individuelles Leben und vernünftige gesellschaftli-
       che Entwicklung  in der sozialistischen Perspektive der Arbeiter-
       bewegung und im aktuellen Einsatz für sie zu vereinen sind.
       Die immer  wieder persönlich  zu bedenkende  Wahl von Engagement,
       von Gruppen und Bewegungen, mit denen die Individuen sich identi-
       fizieren und  in denen sie ihre Orientierungen abstützen; die zu-
       nehmende Ausbildung  von Bedürfnissen  und Ansprüchen der Lohnar-
       beiter nicht  "in einem  reinen Arbeiterklassenmilieu, sondern in
       einem nichtmonopolistischen  sozialstrukturellen Spektrum"  46) -
       das Bedeutungswachstum derart individuell reflektierender Züge in
       der eigenen Ortsbestimmung im Klassenzusammenhang geht als Grund-
       strom der  Veränderung durch  alle Gruppen und Teile der heutigen
       Arbeiterklasse. Wie  es sich äußert, hängt ab von historisch ent-
       wickeltem Sozialcharakter  und Lebensweise  der unterschiedlichen
       Gruppen, von  Alter und Geschlecht, lokalen und regionalen Tradi-
       tionen, Milieus  und Bindungen etc. In erster Annäherung kann man
       feststellen, daß  Individualisierungstendenzen in  den Angestell-
       ten- und  Beamtensektoren der  Arbeiterklasse, unter  den Gruppen
       mit der  höchsten formalen Bildung und unter den jüngeren Lohnar-
       beitern am  deutlichsten ausgeprägt  sind; sie  verändern  jedoch
       ebenfalls Lebensweise, soziale Zusammenhänge und damit Vorausset-
       zungen und  Wege der Klassenbildung in den übrigen Teilen der Ar-
       beiterklasse, so  auch in  der deutschen  47)  Industriearbeiter-
       schaft.
       Vieles spricht dafür, daß unter den gewerkschaftlichen Kadern und
       in aktiven  betrieblichen Oppositionskernen  Annäherungen und Ge-
       meinsamkeiten in  der persönlichen  Auffassung und Behandlung des
       Klassenengagements und in seiner sozialen Verankerung weiter ent-
       wickelt sind  als im  Durchschnitt der Klasse. Doch schlagen auch
       hier die  Unterschiede in Herkunft und beruflich-politischer Bio-
       graphie derart  durch, daß eine allgemeine Feststellung von Indi-
       vidualisierungstendenzen völlig  ungenügend wäre.  Um gegenwärtig
       deutliche Unterschiede  zu markieren  und einige damit verbundene
       Probleme herauszuarbeiten,  fragen wir im folgenden, ob man nicht
       (unter Ausklammerung  realer Übergänge  und Zwischenformen)  zwei
       Linien heutiger  Klassenbildungsprozesse im  Reproduktionsbereich
       mit jeweils  spezifischen Widersprüchen und Barrieren unterschei-
       den muß.
       
       4.2 Die Spange Betrieb - Wohngebiet - Verein - Arbeiterpartei
       -------------------------------------------------------------
       
       Eine Linie  ist noch  am ehesten  in der Nachfolge traditioneller
       Arbeiterviertel zu  verstehen und  lokal/regional auch heute noch
       teilweise klar  an SPD und manchmal (z.B. Bottrop, Mörfelden) DKP
       gebunden. Sie  ist am deutlichsten ausgeprägt in älteren Quartie-
       ren mit  hohem Arbeiteranteil  und längerer Arbeitertradition, in
       nicht selten genossenschaftlich oder nach dem Krieg über die NEUE
       HEIMAT gebauten  Wohnanlagen, wie  sie idealtypisch im Ruhrgebiet
       und in  Arbeiterwohngebieten um  Industriezentren herum zu finden
       sind. Unter  diesen Typ  fallen gleichfalls  jene Arbeiterdörfer,
       von denen Lehmann eines detailliert untersucht hat. 48)
       Wir finden  hier ein dichtes Netz sozialer Beziehungen und gegen-
       seitiger Hilfe (bei Hausbau, Reparaturen und Verschönerungsarbei-
       ten etc.),  getragen von  Familie, Kollegen,  Nachbarn, Bekannten
       aus der  gleichen sozialen  Schicht. Es gibt einen relativ großen
       Fundus unbefragt geteilten Selbstverständnisses - von der Lebens-
       weise  und   dem  Geschmack   bis  zur  Selbstidentifikation  als
       (Fach-)Arbeiter  und   der  damit  verbundenen  SPD-Bindung.  Die
       Gemeinsamkeiten bleiben  auch bestehen,  wo berufliche  Mobilität
       ins Angestellten- oder Beamtenverhältnis führt.
       Kommunikationsdichte, eine  relative Überschaubarkeit der Lebens-
       verhältnisse und  soziale Kontrolle sind eng verbunden. Persönli-
       che Bekanntschaft und über Generationen gewachsene Familienbezie-
       hungen, Vereine,  Stammtisch- und  Kneipenkontakte gehen  beinahe
       bruchlos in  den Bereich  politisch-sozialer Interessenvertretung
       (Elternvertretung in Kindergarten und Schule; Knappschaftsvertre-
       tung im  Ruhrgebiet etc.;  Betriebs- und Personalräte lokaler Ar-
       beitsstätten) hinüber,  und aus  ihm erwächst  wiederum organisch
       die politische Vertretung durch die Sozialdemokratie. 49)
       Die Homogenität  dieses Milieus  ist Basis für relativ hohe Hand-
       lungsfähigkeit und  Selbstbewußtsein der Arbeiter; die offene und
       enge Beziehung zum Betrieb, seinen Erfahrungen und Klassenwerten,
       die Sozialisation ins Arbeiter-Wir hinein sowie der (über die So-
       zialdemokratie vermittelte)  prinzipielle Bezug  zur  politischen
       Vertretung von Interessen machen Stärken für den Klassenbildungs-
       prozeß aus.  Dem stehen gewichtige Tendenzen entgegen. Sie liegen
       in Verhaltensweisen,  die tief  durch den "Wirtschaftswunder-Kom-
       plex" der  fünfziger und  sechziger Jahre  und die in dieser Zeit
       mit Erfolg  angewandten Formen  der Interessenvertretung  geprägt
       sind. Sie  ergänzen sich  mit der  gesamten Lebensweise  zu einer
       eher traditionsbezogen-konservativen Mentalität, die der Aufnahme
       neuer Entwicklungen,  Kampfformen oder gar neuer politischer Ori-
       entierungen Hemmnisse  entgegensetzt. Interessen werden unter dem
       Druck der  Krise in  erster Linie als Verteidigung von Erreichtem
       vertreten. Dies  eröffnet Möglichkeiten,  Bewegungen in  Gang  zu
       setzen, deren  Dynamik anfängliche Grenzen überwindet - hier lie-
       gen aber  auch Ansatzpunkte  für Spaltungsstrategien von CDU/CSU,
       die Stammbelegschaften,  Arbeits-platz"besitzer" und Hauseigentü-
       mer von Sonderinteressen her ansprechen und durch Appelle an kon-
       servatives Eigentumsdenken  an sich  ziehen. Von dieser Seite ist
       das Milieu  qualifizierter und  traditionsgebundener Arbeiter der
       Erosion ausgesetzt  - ebenso im Übergang zu den jüngeren Jahrgän-
       gen.
       Klassenbewegungen wie der Kampf gegen das Ausbaden der Stahl- und
       Werftenkrise verweisen  auf das  Verteidigungspotential,  das  in
       diesen Zusammenhängen  von Betrieb und Reproduktionssphäre steckt
       - die  Mühen bei  der Durchsetzung  der Verstaatlichungsforderung
       50) zeigen  Trägheit und  Widersprüche von Fortschritten zu Klas-
       senpositionen. Die Wende der Ruhrgebiets-SPD in der Friedens- und
       Raketenfrage läßt  die Möglichkeit  zu Umbrüchen  erkennen -  als
       Folge von  Umorientierung und  Druck aus anderen Sektoren von Ar-
       beiterklasse und Arbeiterbewegung.
       
       4.3 Exkurs: Fragen zur Zukunft von Betrieb und Lohnarbeit
       ---------------------------------------------------------
       im Leben der Arbeiterklasse
       ---------------------------
       
       Zur Verankerung im angedeuteten Typ von Klassenzusammenhang gehö-
       ren eine um qualifizierte Lohnarbeit zentrierte Lebensperspektive
       und daraus  gezogenes individuelles und kollektives Selbstbewußt-
       sein mit Traditionsbezug zur industriellen Arbeiterbewegung. Den-
       ken wir  an die  Strukturveränderungen in  der Arbeiterklasse mit
       der Abnahme  des Industriesektors und den Krisen davon bestimmter
       Regionen, an  die Tendenz zu kürzeren und flexibleren Arbeitszei-
       ten, so  kann man  die Bedeutung  einer derartigen Verbindung von
       Großbetrieben und  "Hinterland" nicht einfach in die Zukunft ver-
       längern. Es drängen sich Fragen auf. Wieweit stimmen etwa Progno-
       sen folgender  Tendenz :  Der Anteil des fest beschäftigten Teils
       der Arbeiterklasse wird mit kapitalistischer Rationalisierung des
       Arbeitskörpers sinken; schrumpfende Stammbelegschaften stehen ei-
       nem weitaus  größeren Heer  aus wachsenden  Gruppen in Ausbildung
       und (Früh-)Rente, in Arbeitslosigkeit und Umschulung sowie in un-
       sicheren, eher  kurzfristigen Arbeitsverhältnissen  aller Art ge-
       genüber. Was  sind die  Folgen für Lebensperspektive, Lebensziele
       und Werte?  Verliert die  Behauptung materieller und sozialer An-
       sprüche (bis  hin zur  Respektierung der  individuellen Menschen-
       würde) im  Betrieb für  den einzelnen  an Realisierbarkeit und an
       Bedeutung in dem Maß, wie es sich dabei nur um Episoden in seinem
       Leben handelt  und Ansprüche  auf befriedigende,  für den eigenen
       Selbstwert förderliche Arbeitstätigkeiten als gänzlich unerreich-
       bar betrachtet  werden? Für  welchen Teil der Arbeiterklasse gibt
       es noch  die Perspektive  eines wirklichen  (Arbeits-)Lebens  als
       Lohnarbeiter des Kapitals?
       Werden Arbeitsbedingungen weiter als grundlegende Lebensbedingun-
       gen erfahren,  wo nicht  mehr regelmäßige kapitalistische Lohnar-
       beit die  zeitliche Basis  für Alltag und Freizeit darstellt? Ar-
       beitsbelastungen und  ihre Folgen  wie Ermüdung, Schlafbedürfnis,
       Inaktivität in  der Freizeit  spielen dann absolut eine geringere
       Rolle und  können eher aus der scheinbar gewachsenen Fülle an ar-
       beitsfreier Zeit kompensiert werden. Bedeutet dies subjektive Ab-
       wertung von Betrieb und betrieblicher Interessenvertretung?
       Wie entwickeln  sich die  Voraussetzungen für  betrieblich veran-
       kerte Gewerkschaftsarbeit?  In den  Betrieben ist nur ein kleine-
       rer, stärker fluktuierender Teil der Klasse erfaßt; die Betriebs-
       größen werden  im Schnitt  geringer;  Kommunikationsmöglichkeiten
       und Betriebsöffentlichkeit  werden mit  der weiteren  Verdichtung
       der Arbeitstätigkeiten und der Ausweitung betrieblicher Kontroll-
       systeme auf elektronischer Grundlage weiter eingeschränkt.
       Die Rolle  des Arbeitslohnes  aus festen betrieblichen Beschäfti-
       gungsverhältnissen für  den  Lebensunterhalt  sinkt.  Stipendien,
       Renten, Kinder- und Wohngeld, Arbeitslosenunterstützung und Sozi-
       alhilfe, aber  auch fluktuierende  Einkünfte aus  der  "Schatten-
       wirtschaft"  gewinnen  für  wachsende  Teile  der  Arbeiterklasse
       wachsende  Bedeutung.  Werden  damit  weitere  Zusammenhänge  ge-
       schwächt, die  bisher noch  - auch  bei subjektiv vorherrschender
       Freizeitorientierung - den Vorrang der betrieblichen Lebenssiche-
       rung aufrechterhalten? Das betrifft nicht nur die materielle Kom-
       ponente, nach  der vom  betrieblichen Einkommen  abhängt, was man
       sich in  der Freizeit leisten kann. Verstärkt die wachsende Unsi-
       cherheit der Arbeitseinkommen die Aufnahmebereitschaft für die in
       der Gesellschaft  - aus  unterschiedlichen Interessen und mit un-
       terschiedlichen Inhalten  - vertretene  Tendenz  zum  Wertwandel:
       Wendet man  sich stärker Freizeitaktivitäten zu, die mit geringe-
       rem materiellem  Aufwand bei  höherem Anteil  von Selbsttätigkeit
       verbunden sind und neigt dazu, ihnen (zunächst notgedrungen) mehr
       Befriedigung abzugewinnen,  hingegen Tätigkeiten mit höherem Auf-
       wand und  entsprechender Aufladung  aus Konkurrenz  um Konsumpre-
       stige subjektiv  abzuwerten? Wie berühren solche Veränderungen in
       Bedürfnissen und  Lebensweise die  Schlüsselstellung des Betriebs
       für die Qualität des Arbeiterlebens?
       Theoretisch sind durchaus gewerkschaftliche Gegenstrategien denk-
       bar und  z.T. auch  schon in der Diskussion. Ihre Grundvorausset-
       zung ist  eine gleichmäßige Verteilung von Arbeitsplätzen und Ar-
       beitszeit auf  die erwerbsfähige Arbeiterklasse. Dies würde nicht
       nur Spaltungstendenzen  in der  Klasse vermindern und dem Betrieb
       einen festen  (wenn auch im Zeitbudget schwindenden) Platz im Le-
       bensentwurf durchschnittlicher Lohnarbeiter sichern. So wäre auch
       gewerkschaftliche Kraft  zu sammeln,  um Veränderungen im Betrieb
       selbst durchzusetzen,  die seine  Rolle im  Klassenbildungsprozeß
       stärken könnten.  Zu denken ist vor allem an eine Umkehr der Ten-
       denz zur Arbeitsverdichtung, indem Produktivitätsfortschritte für
       eine Auflockerung  und inhaltliche Bereicherung ("Humanisierung")
       der Arbeit  verwendet werden. Diskutiert wird weiter, wie im Rah-
       men eines solchen Konzepts über längere Pausen hinaus weitere Tä-
       tigkeiten in den Zusammenhang von Betrieb und Belegschaft hinein-
       genommen werden  können: z. B. Weiterbildung, sportliche und kul-
       turelle Aktivitäten. Wenn man aber an die bisherige Freizeitpoli-
       tik des  Kapitals denkt,  ist klar, daß derartige Pläne zur Klas-
       senbildung nur  in dem  Maß beitragen, in dem sie auch in der Ei-
       genverantwortung der  gewerkschaftlichen Interessenvertretung ab-
       laufen.
       
       4.4 Individualisierte Klassenbildungsprozesse
       ---------------------------------------------
       in Beziehung zum oppositionellen Milieu
       ---------------------------------------
       
       Wir haben  mehrfach den  durchgängigen Charakter von Individuali-
       sierungstendenzen betont, der auch im unter 4.2 charakterisierten
       Klassenzusammenhang wirkt. Es ist nicht leicht, in jenen Sektoren
       der Arbeiterklasse, die mit dieser Charakterisierung nicht erfaßt
       sind, nun die Zusammenhänge, Bindungen und Orientierungen heraus-
       zuarbeiten, die Impulse zu Klassenbildung aufnehmen und abstützen
       können -  sind sie  doch gerade nicht ausreichend an großen, for-
       mellen Organisationen festzumachen, sondern eher informell, punk-
       tuell, wechselnd.
       Versucht man,  die hier  sich abzeichnende  Linie in entwickelter
       Form zu  erfassen, so  schälen sich  folgende Kennzeichen heraus.
       Ihre Zusammenhänge  wachsen nicht  bruchlos aus  dem alltäglichen
       Lebensumfeld, aus  der familiären  Sozialisation und  fraglos ge-
       teilten Gruppennormen heraus; sie sind vielmehr gerade in Distan-
       zierung zum umgebenden Milieu gesucht. Daraus ergibt sich der Be-
       zug zu  den unter 3.2 skizzierten Kristallisationskernen, im wei-
       teren Sinn  zu einem oppositionellen Milieu, das durch offene und
       vielfältige Kommunikationsbeziehungen  wie durch  die große Rolle
       ausgezeichnet ist, die in ihm Selbsttätigkeit und ästhetisch-kul-
       turelle Ausdrucks- und Verständigungsformen spielen.
       Hier artikuliert  sich - in Rückbesinnung auf Traditionen der Ar-
       beiterbewegung und in Wechselwirkung mit Impulsen der Alternativ-
       bewegung - eine Suche nach Lebensformen, die die enge Verknüpfung
       von Arbeiten, Wohnen, vor allem aber Engagement, Sich-Austauschen
       und Sich-Entfalten  (schlagwortartig:  von  Arbeiten,  Leben  und
       Kämpfen) ermöglichen sollen. Gewerkschaftliche und politische Ak-
       tivisten haben  solche Ansprüche an bestehende Organisationen der
       Arbeiterbewegung herangetragen;  sie haben ihren Niederschlag ge-
       funden in  gewerkschaftlicher und  politischer  Kulturarbeit,  in
       neuen Sportvereinen  und Kulturinitiativen mit gewerkschaftlichem
       Hintergrund, in Initiativen, Arbeitsgruppen, Gesprächskreisen von
       Gewerkschaftern beiderlei Geschlechts, die in der formellen Orga-
       nisationsstruktur nicht  vorgesehen sind.  Wahrscheinlich muß man
       die  Renaissance  des  Genossenschaftsgedankens  auch  unter  dem
       Aspekt der Suche nach Arbeits- und Lebenszusammenhängen außerhalb
       kapitalistischer Lohnarbeit betrachten, die sich mehr oder minder
       bewußt auf  die sozialistische  Arbeiterbewegung beziehen und als
       Teil ihres  Hinterlandes jenseits  kapitalistischer Betriebe fun-
       gieren. 51)
       Am Wirken  von gewerkschaftlichen,  betrieblichen und politischen
       Aktivgruppen in oppositionellen Kristallisationskernen wird deut-
       licher, was "Klassenbildung" und "Hinterland" hier meinen. In Er-
       gänzung zu den bestehenden Klassenorganisationen suchen diese Ka-
       der ein  persönliches Hinterland,  Öffentlichkeiten und Lebenszu-
       sammenhänge, die  ihr betrieblich orientiertes Engagement abstüt-
       zen, erweitern,  bei der Bewältigung neuer Fragen und individuel-
       ler Entwicklungsprozesse  helfen. Wo solche Kristallisationskerne
       nach außen orientiert sind - und das ist meist der Fall -, versu-
       chen sie  auszustrahlen, Anliegen der betrieblich verankerten Ar-
       beiterbewegung gegen den herrschenden Meinungsdruck in den Repro-
       duktionsbereich zu  tragen bzw. dort brisante Fragen vom Klassen-
       interesse her  aufzugreifen und damit auch kritischen Potentialen
       im Wohn- und Freizeitbereich Kristallisations- und Orientierungs-
       angebote für eigenes Engagement zu bieten.
       Ein aktuelles  Beispiel hierfür  sind die  örtlichen Initiativen,
       die in  einigen Städten  zur Unterstützung des 35-Stunden-Kampfes
       entstanden. Sie  wurden meist von linken Gewerkschaftskadern, An-
       gehörigen sozialistisch orientierter Gruppen und Parteien, an ei-
       nigen Orten  auch von  Frauengruppen, die  den gewerkschaftlichen
       Kampf ihrer  Männer unterstützen  wollten, ins  Leben gerufen. In
       Hamburg und  Frankfurt spielten dabei Kreise eine Rolle, die sich
       zur außerbetrieblichen Solidarität für Betriebsbesetzer zusammen-
       gefunden hatten  (HDW; Demag-Pokorny). Diese Initiativen scheinen
       in erster  Linie erfolgreich gewesen zu sein dabei, einzelnen Ge-
       werkschaftern Formen praktischer Solidarität und Hilfe zu bieten,
       die diese  sonst nicht fanden (weil ihre Gewerkschaft wenig Akti-
       onsmöglichkeiten in dieser Richtung bot oder weil Klein- und Mit-
       telbetriebe v.a.  im Metallbereich ungenügend in den Kampf einbe-
       zogen wurden).  Nur in  wenigen Fällen scheinen sie eine nennens-
       werte Ausstrahlung  in nicht  schon gewerkschaftlich  orientierte
       Sektoren des oppositionellen Milieus (Friedens- und Kulturinitia-
       tiven z.B.) gehabt zu haben.
       Hier werden  die Barrieren deutlich, die aus der Tatsache folgen,
       daß heute  im oppositionellen  Milieu insgesamt  Gruppen und  An-
       schauungen dominieren, die den lohnabhängigen Mittelschichten und
       der lohnabhängigen  Intelligenz zuzuordnen  sind. 52)  Sie beein-
       flussen Teile  der Arbeiterklasse,  die sich  auf der  Suche nach
       Antworten auf  die Krise  sozial-kulturellen Oppositionshaltungen
       öffnen und  wirken so über "Scharniergruppen" in Klassenbildungs-
       prozesse hinein  53) - sie sind bisher jedoch nur wenig offen für
       Impulse aus der Arbeiterbewegung.
       Ein weiterer  Grundzug von  Klassenformierungsprozessen in Bezie-
       hung zum oppositionellen Milieu sollte allerdings nicht nur unter
       dem Aspekt  der Barrieren  gesehen werden:  die mehr  oder minder
       ausgeprägte  gegenkulturelle   Orientierung,  die   Tendenz   zum
       "kulturellen Bruch"  mit der herrschenden Lebensweise. 54) Vieles
       darin verweist  auf geistige  Traditionen bürgerlicher und klein-
       bürgerlicher Protestbewegungen gegen den kapitalistischen Zivili-
       sationsprozeß, in  denen Krisenreaktionen  dieser  Schichten  zum
       Ausdruck kommen.  Nicht zu  leugnen ist aber, daß die entstehende
       Arbeiterbewegung einen  Teil ihres  antikapitalistischen Impulses
       aus einer  gegenkulturellen Grundströmung  gezogen hat. Vor allem
       ist zu  fragen, ob  nicht angesichts  der heutigen  globalen Pro-
       bleme, die  nur bei  grundlegenden sozialen Umgestaltungen zu be-
       wältigen sein  werden, 55)  der Widerstand  gegen die konkurrenz-
       und konsumgeprägte, naturzerstörerische und individualitätsfeind-
       liche imperialistische  Lebensweise historische  Sprengkraft  wie
       zukunftsorientierte Substanz gewinnt.
       Von Klassenbildung  ist in bezug auf oppositionelle Milieus inso-
       weit zu sprechen, als Lohnarbeiter sich hier Lebensansprüche, Be-
       dürfnisse, Handlungsfähigkeiten  und gesellschaftliche  Orientie-
       rungen aneignen  und stabilisieren, die  i n  V e r b i n d u n g
       m i t   d e r  E r f a h r u n g  d e s  K l a s s e n g e g e n-
       s a t z e s   zum Moment  der subjektiven Einbindung in (betrieb-
       liches, gewerkschaftliches,  politisches) Klassenengagement  wer-
       den. Ob  es zu solcher Vereinigung kommt, hängt ab von der Fähig-
       keit des  subjektiven Faktors,  der organisierten  Klassenkräfte,
       i n  B e t r i e b  w i e  R e p r od u k t i o n s b e r e i c h
       an Konflikterfahrungen,  Lebensansprüchen und  Entfaltungsbedürf-
       nissen anzuknüpfen  und sie  - im  fortgeschrittensten Teil - mit
       der wissenschaftlichen marxistischen Gesellschaftsanalyse und der
       sozialistischen Strategie der Arbeiterbewegung zu verbinden.
       
       4.5 Offene Fragen in einer Umbruchperiode der Arbeiterbewegung
       --------------------------------------------------------------
       
       Mit welcher  Berechtigung kann  man nun von zwei Linien der Klas-
       senbildung sprechen?  Der zuletzt  skizzierte Typ  ist in  seiner
       ausgeprägten Form  gegenwärtig von Bedeutung für Teile betriebli-
       cher, gewerkschaftlicher  und politischer  Aktivkerne  sowie  für
       Orientierung suchende  kritische Gruppen aus den neuen und jünge-
       ren Sektoren  der Arbeiterklasse. Er entfaltet bisher keine große
       Wirkung  als  solidarisches  Hinterland  betrieblich  zentrierter
       Klassenkämpfe -  das wurde  in der Auseinandersetzung um Arbeits-
       zeitverkürzung sichtbar.  Hier kam  die Massenbasis  der  gewerk-
       schaftlichen Aktionen  ganz eindeutig aus Bereichen, die zum tra-
       ditionellen Arbeitermilieu gehören.
       Einschätzungen über  zukünftige Bedeutung dürfen weder allein aus
       aktuellen Befunden noch aus allgemeinen Überlegungen über Indivi-
       dualisierungstendenzen hergeleitet  werden. Vieles spricht dafür,
       daß wir hier nicht zwei Linien haben, die sich zukünftig stabili-
       sieren und  gegeneinander verfestigen werden; vielmehr müssen wir
       beider Entwicklung,  Wechselwirkung und besonders den Stellenwert
       oppositioneller Milieus  im Zusammenhang  der  gegenwärtigen  Um-
       bruchperiode der Arbeiterbewegung sehen.
       Die historisch  entstandene Einheit  betrieblicher  und  außerbe-
       trieblicher Klassenbildung,  die Verankerung der Arbeiterbewegung
       in einem  sozial-kulturellen Hinterland alltäglicher Lebensbezie-
       hungen und Werthorizonte ist unwiderruflich aufgebrochen; Tenden-
       zen der  Individualisierung prägen Lebensweise und Klassenbildung
       zunehmend. Vor  dem Hintergrund  solcher Veränderungen  finden in
       den verschiedenen  Abteilungen der  Arbeiterbewegung die Umbrüche
       und Verarbeitungsprozesse statt, die imperialistische Krise, glo-
       bale Probleme  und wissenschaftlich-technischer  Fortschritt  mit
       ihren einschneidenden  Folgen verlangen.  In diesem Prozeß bilden
       sich neue  Linien und Konstellationen der Klassenbildung im Kräf-
       tefeld von  Betrieb, Gewerkschaft, Parteien und politischen Orga-
       nisationen der  Arbeiterbewegung sowie Kommunikationszusammenhän-
       gen und  oppositionellen Kristallisationskernen im Reproduktions-
       bereich heraus.
       
       _____
       1) Dieser Text  versucht, einige Problemstellungen zu entwickeln.
       Er ist  empirisch noch  ungenügend abgesichert  und versteht sich
       als Beitrag  zur Erarbeitung  eines theoretischen  Zugangs. Schon
       die   Begrifflichkeit    wirft   Fragen    auf.   Der    Terminus
       "Klassenbildung" läßt das objektive Moment von Klasse in den Hin-
       tergrund treten,  das mit der Stellung im System der Produktions-
       und Reproduktionsverhältnisse gesetzt ist - bis hin zu dem mögli-
       chen Mißverständnis,  von Klasse könne man nur bei entsprechendem
       Selbstbewußtsein sprechen. "Klassenformierung" drückt die Einheit
       objektiver und  subjektiver Momente  besser  aus:  Der  objektive
       Klassenzusammenhang gewinnt festere Form, die von den Klassensub-
       jekten gestaltet wird. Allerdings schwingt die negative Bedeutung
       von "Formierung" - von außen gewaltsam in eine Form pressen - mit
       und mag  antimarxistische Vorurteile  nähren, die der Begriff der
       Bildung als aktive Selbsterziehung, Selbstentwicklung vermeidet.
       2) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Par-
       tei, MEW 4, S. 471; umfassender ebd., S. 470-474. Intensiver Ein-
       stieg in das Thema "Klassenbildung" ist Engels' Analyse der "Lage
       der arbeitenden Klasse in England", MEW 2.
       3) Karl Marx,  Der 18.  Brumaire des  Louis Bonaparte,  MEW 8, S.
       198.
       4) W.I. Lenin,  Was sind  die "Volksfreunde"  und wie kämpfen sie
       gegen die Sozialdemokraten?, LW I, S. 186.
       5) So Ulrich  Beck in seinem ansonsten sehr differenziert und an-
       regend argumentierenden Aufsatz "Jenseits von Klasse und Stand?",
       in: Reinhard  Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt
       - Sonderband 2, Göttingen 1983, S. 47 f.
       6) Vgl. dazu  Hartmut Zwahr, Zur Konstitutierung des Proletariats
       als Klasse, Berlin (DDR) 1978.
       7) Was hier  vereinfacht  als  individueller  Prozeß  dargestellt
       wird, ist  real eingebunden in die individuelle Aneignung der hi-
       storisch gewordenen und verfestigten klassen- und schichtspezifi-
       schen Lebensweise;  vgl. dazu ausführlicher Kaspar Maase, Lebens-
       weise der  Lohnarbeiter in der Freizeit, IMSF-Informationsbericht
       38, Frankfurt/M. 1984.
       8) Vgl. Heinz Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre, in: Marxi-
       stische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, S. 75ff.; Thesen "Der
       Betrieb als Formierungsbasis der Arbeiterklasse in der BRD heute"
       in diesem Band.
       9) Das folgt  im wesentlichen  daraus, daß  Einkommen und Gesund-
       heitszustand grundlegende Voraussetzungen für Freizeitaktivitäten
       sind, und  beinhaltet zugleich  einen großen Spielraum für Unter-
       schiede und Wandlungen in der subjektiven Auffassung des Verhält-
       nisses von Arbeit und Freizeit.
       10) Beck, a.a.O.,  S. 53.  Beck geht  hier von  einem  statischen
       Klassenbegriff aus  und berücksichtigt nicht, daß mit Klassen In-
       teressen und damit notwendige Handlungsorientierungen, Handlungs-
       anforderungen gesetzt sind. Sie vermitteln die Klassenlage unver-
       meidlich ins  Handeln und so auch ins Bewußtsein der Klassenindi-
       viduen hinein  - in  dem oder jenem Maße, gegen notwendige Wider-
       stände, aber doch in solcher Weise, daß die marxistische Klassen-
       auffassung nicht  nur eine  denkbare, abstrakte  Potenz,  sondern
       stets auch real-empirisch Wirkendes widerspiegelt.
       11) Ebd., S. 36.
       12) Ebd., S. 41.
       13) Ebd., S.  38-40; vgl.  auch Daten  und  Argumente  bei  Josef
       Mooser, Auflösung  der proletarischen  Milieus, in:  Soziale Welt
       3/1983.
       14) Beck, a.a.O., S. 42.
       15) Ebd., S. 42 f.
       16) Ebd., S. 63.
       17) Ebd., S. 47. Vor allem in der marxistischen Kulturtheorie und
       Kulturgeschichtsschreibung der  Arbeiterklasse ist  dieser Ansatz
       entfaltet worden;  vgl. Renate Karolewski, Gesellschaftlicher Re-
       produktionsprozeß und  Kultur, in:  "Kultur der  Arbeiterklasse",
       Marxismus Digest 31, hrg. v. IMSF, Frankfurt/M. 1977; Autorenkol-
       lektiv der  Arbeitsgruppe Kulturtheorie  (Leitung: Dietrich Mühl-
       berg), Der  Beitrag von  Marx und  Engels zur  wissenschaftlichen
       Kulturauffassung der Arbeiterklasse, Manuskriptdruck Berlin (DDR)
       1980; Kaspar  Maase, "Entwickeln  von power". Zur wissenschaftli-
       chen Kulturauffassung  der Arbeiterklasse  im Werk von Karl Marx,
       in: "...  einen großen  Hebel der  Geschichte", Marxistische Stu-
       dien. Jahrbuch  des IMSF, Sonderband I, Frankfurt/M. 1982; Thomas
       Metscher, Kunst-Kultur-Humanität, Bd. I, Fischerhude 1982.
       18) Vgl. Karl  Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökono-
       mie, Berlin (DDR) 1953, S. 313.
       19) Beck, a.a.O., S. 42.
       20) Vgl. die  idealtypische Rekonstruktion  in: Arbeiterleben  um
       1900, Berlin (DDR) 1983.
       21) Zur näheren  Begründung dieses Begriffs vgl. Josef Ehmer, Fa-
       milie und  Klasse, in: Michael Mitterauer, Reinhard Sieder (Hg.),
       Historische Familienforschung, Frankfurt/M. 1982, S. 302.
       22) Zwahr, a.a.O.,  S. 116 ff.; vgl. auch die eindrucksvolle Stu-
       die von Ehmer (Anm. 21).
       23) Zwahr, a.a.O., S. 120.
       24) Selbstverständlich sind  hier auch Entwicklungen wie die Ver-
       änderung der  Heirats- und  Sozialbeziehungen  in  der  Arbeiter-
       schaft, ihre Öffnung zu anderen sozialen Gruppen hin, in Rechnung
       zu stellen. Die Bedeutung der Familie etwa für die Entstehung ge-
       werkschaftlicher Orientierungen  ist jedoch auch heute noch deut-
       lich; vgl.  die Angaben in: Jugendliche in der DKP, IMSF-Informa-
       tionsbericht 34, Frankfurt/M. 1982, S. 23 ff.
       25) Vgl. Kaspar  Maase, Freizeit,  in: Wolfgang  Benz (Hrg.), Die
       Bundesrepublik Deutschland  - Geschichte  in drei  Bänden, Bd. 2:
       Gesellschaft, Frankfurt/M. 1983.
       26) Vgl. Beck,  a.a.O., S. 52; hier wird eine in der Begriffswahl
       liegende Problematik  deutlich: die  Gefahr oder Verlockung, Ten-
       denzen in Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung bruchlos auf
       die Ebene  zu verlängern, auf der über kollektives (letztlich po-
       litisches) Engagement  und die  individuelle  Beteiligung  hieran
       entschieden wird. Beck hält diese Momente streckenweise auseinan-
       der, reflektiert jedoch nie die systematische Qualität einer sol-
       chen Unterscheidung; er kann damit soziale Bewegungen nur als Re-
       flex und  Ausdruck von  Basisprozessen, aber  nicht als selbstän-
       dige, aktive historische Subjekte erfassen, die genau auf den von
       ihm nivellierten Übergang einwirken.
       27) Vgl. Wadim  P. Jerasalimskij,  Proletarische Psyche,  Theorie
       und Methode VII, hrsg. vom IMSF, Frankfurt/M. 1984.
       28) Vgl. etwa Beck, a.a.O., S. 42, 54.
       29) Die Grundlage  der folgenden,  notwendig knappen Ausführungen
       bilden Daten  und Argumentationen  der  Studie  "Lebensweise  der
       Lohnarbeiter..." (Anm. 7).
       30) Hier kommt  nun wirklich der schon von Engels entwickelte Ge-
       sichtspunkt zum  Tragen, daß  die Weitergabe  von Besitz  für die
       proletarische Familie ungleich weniger bedeutsam und strukturbil-
       dend ist  als für die bürgerliche; vgl. Friedrich Engels, Der Ur-
       sprung der  Familie, des  Privateigentums und des Staats, MEW 21,
       S. 73 ff.
       31) G. Christiansen,  K.D. Lehmann,  Chancenungleichheit  in  der
       Freizeit, Stuttgart, Berlin (West), Köln, Mainz 1976, S. 61.
       32) In Freizeitvereinen  organisiert sind  ein gutes  Viertel der
       an- und  ungelernten Arbeiter,  über 40 Prozent der Facharbeiter,
       ein leicht  geringerer Anteil  der einfachen  und mittleren Ange-
       stellten und  Beamten sowie  über 50  Prozent der gehobenen Ange-
       stellten und  Beamten (nach Christiansen/Lehmann, a.a.O., S. 99).
       Für die Lohnarbeiter beiderlei Geschlechts haben Sportvereine bei
       weitem die  größte Bedeutung.  Was deren  soziale Zusammensetzung
       betrifft, so  finden wir ein weites Spektrum in allen Abschattie-
       rungen zwischen  dem reinen Arbeiterverein und dem Reservat bour-
       geoiser lokaler Oberschichten.
       33) Zur bürgerlichen  Hegemonie mit  Hilfe harmonisierender  Ver-
       einsideologie vgl.  Friedhelm Kroll,  Stefan Bartjes,  Rudi Wien-
       garn, Vereine, IMSF-Informationsbericht 36, Frankfurt/M. 1982, S.
       58 ff.
       34) Vgl. Das  hat der  Dom noch  nicht gesehen! Ganz Speyer wehrt
       sich gegen  den VFW-Konzern,  hrsg. vom DKP-Kreisvorstand Speyer,
       o.O., o.J.
       35) Vgl. Keine  Startbahn West!  Protestbewegung in einem überla-
       steten Ballungsraum.  Eine Untersuchung  des  IMSF,  Frankfurt/M.
       1981, v.a. S. 176ff.
       36) Vgl. Hermann  Bömer, Berthold  Goergens, Gert  Hautsch, Bernd
       Semmler, Neue  Beweglichkeit - neue Impulse? Soziale Bewegungen -
       Analyse und Dokumentation des IMSF, Bd. 11, Frankfurt/M. 1982, S.
       32 ff.
       37) Als Beispiel für die Einheit von Individualisierungs- und so-
       zialen Abstützungsprozessen ist in diesem Zusammenhang aufschluß-
       reich, was Thomas Schardt über Bildungsentscheidungen in gemisch-
       ten Arbeiterklassenquartieren  herausgefunden hat.  Arbeiter, die
       ihre Kinder auf weiterführende Schulen schicken - entgegen den in
       ihrer Schicht  dominierenden Haltungen - weisen Momente einer von
       den anderen  Arbeitern unterschiedlichen  Lebensweise auf,  haben
       neben entwickelten Beziehungen zu Verwandten überdurchschnittlich
       starke Bekanntenkontakte  - und zwar mit deutlicher Tendenz "nach
       oben", zu  Angestellten,  Beamten,  Selbständigen  hin.  Offenbar
       sucht man  sich hier  bewußt und aktiv sozialen Rückhalt für Züge
       der eigenen Lebensplanung und Lebensweise, die im nächstliegenden
       Sozialmilieu nicht  geteilt werden (in: Ulfert Herlyn, Großstadt-
       strukturen und ungleiche Lebensbedingungen in der Bundesrepublik,
       Frankfurt/M., New York 1980, S. 208 ff.).
       38) Vgl. Kroll u.a., a.a.O., S. 25, 33, passim.
       39) Vgl. Frank  Deppe, Einheit  und Spaltung  der Arbeiterklasse,
       Marburg 1981; Der Betrieb..., a.a.O., These 12.
       40) Vgl. Witich  Roßmann, Arbeiterklasse, soziale Bedürfnisse und
       gewerkschaftliche Politik, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des
       IMSF 5,  1982; Arbeiterklasse  - revolutionäres  Subjekt histori-
       scher Veränderung  in der  Bundesrepublik, in:  Marxistische Stu-
       dien. Jahrbuch des IMSF 6, 1983, v. a. Thesen 4-6.
       41) Vgl. Maase, Lebensweise..., a.a.O.
       42) Vgl. Jung, a.a.O., S. 62 ff.
       43) Daß Maß an Selbstverständlichkeit kommt in den Äußerungen von
       Sozialdemokraten über  ihre politische  Sozialisation  im  ersten
       Drittel des  Jahrhunderts zum  Ausdruck. So heißt es über die Re-
       flexion politischen  Engagements in  der Familie:  "Über  Politik
       wurde nur  manchmal diskutiert, 'aber das war an und für sich be-
       langlos. Man  wußte ja, wohin man gehörte'." "Viel gesprochen hat
       mein Vater  von Bebel.  (...) Ich  habe mich da nicht weiter drum
       gekümmert - ehrlich gesagt. Ich wußte, wozu ich gehörte, aber daß
       ich mich  da nun extra drum gekümmert hätte? - Das habe ich nicht
       gemacht." (Stefan  Bajohr, "Vater  war immer  ein linker Kumpel".
       Braunschweiger Familien  und Arbeiterbewegung  im ersten  Drittel
       des 20.  Jahrhunderts, in: Heiko Haumann (Hg.), Arbeiteralltag in
       Stadt und  Land, Argument-Sonderband  94, Berlin  (West) 1982, S.
       124, 135.)
       44) Vgl. Roßmann, a.a.O.
       45) Karl Marx, Friedrich Engels, a.a.O., S. 493.
       46) IMSF (Hg.),  Der Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus
       der Bundesrepublik, Teil I, Frankfurt/M. 1981, S. 247.
       47) Der Arbeitskampf  um die  35-Stunden-Woche hat  gezeigt,  daß
       ausländische Kolleginnen und Kollegen eine tragende Säule im Kern
       der Arbeiterklasse  und ihrem  gewerkschaftlichen Handlungspoten-
       tial bilden.  Ihre alltäglichen Lebenszusammenhänge sind überwie-
       gend durch  national-kulturelle Besonderheiten  bestimmt,  sozial
       und oft  auch räumlich  von der  deutschen  Arbeiterklasse  abge-
       grenzt. Es  ist eine  wichtige, hier  nicht zu leistende Aufgabe,
       die besondere  Linie der Klassenbildungsprozesse hier zu untersu-
       chen.
       48) Albrecht Lehmann,  Leben  in  einem  Arbeiterdorf,  Stuttgart
       1976; vgl. auch Janne Günter, Leben in Eisenheim, Weinheim, Basel
       1980.
       49) Vgl. anschaulich  Hochlarmarker Lesebuch. Kohle war nicht al-
       les -  100 Jahre  Ruhrgebietsgeschichte, Oberhausen  1981, S. 225
       ff., v.a. S. 257-276; Lutz Niethammer (Hg.) "Hinterher merkt man,
       daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist" - Nachkriegserfah-
       rungen im  Ruhrgebiet, Bonn  1983, v. a. das Vorwort von Nietham-
       mer, die  Beiträge von Michael Zimmermann und Alexander v. Plato;
       zur sozialdemokratischen  Verankerung in "Organisationen und Ver-
       einen des  vorpolitischen Raumes" vgl. Horst Becker, Bodo Hombach
       u.a., Die SPD von innen, Bonn 1983, S. 67 ff., passim.
       50) Vgl. Bömer u.a., a.a.O.; Heinz Thüer, "Vergesellschaftung der
       Stahlindustrie", in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch des IMSF 6,
       1983.
       51) Vgl. die  Beiträge von Beate Nilsson, in: IMSF (Hg.), Die Al-
       ternativen der  Alternativbewegung, Frankfurt/M. 1984, S. 149 ff,
       186 f, 195 f.
       52) Vgl. die Analysen in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
       5, 1982.
       53) Vgl. Klaus  Pickshaus, Zur  Bedeutung der  "Scharniergruppen"
       zwischen neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbewegung, in: IMSF
       (Hg.), Marx ist Gegenwart, Frankfurt/M. 1983, S. 165 ff.
       54) Vgl. ausführlicher  Kaspar Maase,  Neue  Bewegungen:  Gesell-
       schaftliche Alternative oder kultureller Bruch?, in: Marxistische
       Studien. Jahrbuch des IMSF 5, 1982.
       55) Vgl. Igor  Bestushew-Lada, Die  Welt im  Jahr 2000,  Freiburg
       1984; Globale  Probleme -  Politische,  ökonomische  und  soziale
       Aspekte, IPW-Forschungshefte 1/1984; Hellmuth Lange, Globale Pro-
       bleme der Gegenwart und Arbeiterklasse, in: Marxistische Studien.
       Jahrbuch des  IMSF 6,  1983; W. Sagladin, I. Frolow, Globale Pro-
       bleme der Gegenwart, Berlin (DDR) 1982.
       

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